Kitabı oku: «Das Erdbeben in Chili von Heinrich von Kleist»
Heinrich von Kleist
Das Erdbeben in Chili
Lektüreschlüssel XL
für Schülerinnen und Schüler
Von Mathias Kieß
Reclam
Dieser Lektüreschlüssel bezieht sich auf folgende Textausgabe:
Heinrich von Kleist: Das Erdbeben in Chili. Hrsg. von Martin C. Wald. Stuttgart: Reclam 2019. (Reclam XL. Text und Kontext, Nr. 19409.)
Diese Ausgabe des Werktextes ist seiten- und zeilengleich mit der in Reclams Universal-Bibliothek Nr. 8002.
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Lektüreschlüssel XL | Nr. 15528
2021 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2021
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961825-8
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-015528-8
www.reclam.de
Inhalt
1. Schnelleinstieg
2. Inhaltsangabe (1) Erster Satz (S. 5, Z. 2 – S. 5, Z. 8) (2) Die Vorgeschichte (S. 5, Z. 8 – S. 6, Z. 31) (3) Wie Jeronimo das Erdbeben erlebt (S. 6, Z. 31 – S. 9, Z. 27) (4) Wie Josephe das Erdbeben erlebt (S. 9, Z. 28 – S. 11, Z. 8) (5) Liebesglück und soziale Utopie (S. 11, Z. 9 – S. 15, Z. 23) (6) Gottesdienst und Lynchjustiz (S. 15, Z. 24 – S. 21, Z. 19) (7) Ende und Ausblick (S. 21, Z. 20 – S. 22, Z. 5)
3. Figuren Jeronimo und die Familie Asteron Familie Ormez Die Peiniger
4. Form und literarische TechnikGattungAufbauSprache und StilErzählform und -verhalten
5. Quellen und Kontexte Die politische Situation in Chile vom 17. bis 19. Jahrhundert Das Erdbeben von 1647 und die Stadt Santiago
6. Interpretationsansätze Das Erdbeben von Lissabon und Theodizee Naturzustand als Utopie Der aufgebrachte Mob und die Lynchjustiz Die Philosophie des Utilitarismus Bezug auf Bibelstellen Zufall und bewusst stilisierte Darstellung Der letzte Satz
7. Autor und ZeitGeschichtlicher KontextKleists LebenKleists Tod
8. Rezeption
9. Prüfungsaufgaben mit LösungshinweisenAufgabe 1: Erörterung eines pragmatischen TextesAufgabe 2: Innerer Monolog Don FernandosAufgabe 3: Interpretation einer SchlüsselstelleAufgabe 4: Literarische Charakteristik Jeronimos
10. Literaturhinweise/MedienempfehlungenText- und WerkausgabenZu Kleists BiografieZum Erdbeben in ChiliMedienempfehlungen
11. Zentrale Begriffe und Definitionen
1. Schnelleinstieg
| Autor | Heinrich von Kleist, geb. 18. Oktober 1777 in Frankfurt (Oder), gest. 21. November 1811 am Kleinen Wannsee, Berlin |
| Entstehungszeit und Veröffentlichung | Entstehung vermutlich 1806 Erstveröffentlichung im Morgenblatt für gebildete Stände, einer Literaturzeitschrift der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung im Jahr 1807 (unter dem Titel: Jeronimo und Josephe. Eine Scene aus dem Erdbeben zu Chili vom Jahr 1647) 1810 Veröffentlichung im Band Erzählungen (unter dem heutigen Titel) |
| Gattung | Erzählung/Novelle |
| Handlung | Eltern eines unehelichen Kindes entgehen dank eines Erdbebens ihrer Strafe und werden im Anschluss von einer wütenden Meute getötet. |
| Handlungszeit | Zwei Tage und eine Nacht, mit zwei Rückblenden |
| Handlungsorte | St. Jago, Hauptstadt des Königreichs Chili (Santiago, Chile), und Hügel vor der Stadt |
Heinrich von Kleist wurde nur 34 Jahre alt. Zu seinen Lebzeiten kommt seine literarische Karriere nur schwer ins Rollen. Zwar schreibt er einige mehr oder weniger bekannte Dramen, aber er schafft es nicht, Förderer für sich zu gewinnen oder Kritiker von sich zu überzeugen. Nachdem er sich 1811 am Kleinen Wannsee das Leben nimmt, dauert es noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, bis seine Werke wiederentdeckt und von der Kritik Kleists literarischer Erfolggelobt werden. Oft erhalten die Dramen den Vorrang vor den Erzählungen und finden schnell den Eingang in den Kanon der Schulliteratur.
Erst viel später ist dies auch den Erzählungen vergönnt. Besonders die kunstvollen und informationsreichen Schachtelsätze machen ihren Charme aus, und dank der relativen Kürze der Prosa eignen sie sich gut für den Deutschunterricht. Auch Kleists Das Erdbeben in ChiliErzählung Das Erdbeben in Chili ist nicht sehr umfangreich und kann in wenigen Unterrichtsstunden behandelt werden. Trotzdem gelingt es Kleist, mehrere philosophische Themen parallel zu behandeln und seine Leserinnen und Leser von Beginn an zu fesseln.
Die Erzählung spielt im Jahre 1647 und wurde 1807 in der Literaturzeitschrift Morgenblatt für gebildete Stände veröffentlicht. Demnach liegen etwa 160 Jahre zwischen der behandelten Zeit und der Gegenwart des Autors. Die Literaturwissenschaft spricht in einem solchen Fall von einer Doppelte Historizitätdoppelten Historizität. Wollen Leserinnen und Leser aus dem 21. Jahrhundert das Werk in Gänze verstehen, so müssen sie sowohl mit den Besonderheiten der Mitte des 17. Jahrhunderts als auch mit den Besonderheiten des beginnenden 19. Jahrhunderts ein wenig vertraut sein.
Tatsächlich gab es im Jahr 1647 in Chile (in der Erzählung: »Chili«) ein Das Erdbeben von LissabonErdbeben, das auch die Hauptstadt Santiago (in der Erzählung: »St. Jago«) getroffen hat. Geistesgeschichtlich bezieht sich Kleist jedoch auf das Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755. Nach dieser Naturkatastrophe gab es zahlreiche Debatten in Philosophie und Theologie, die sich der Frage nach einem gerechten Gott und dem Sinn von Religion im Allgemeinen widmeten. Dieses Erdbeben fand direkten Eingang in die Schriften von Voltaire, Rousseau und Kant und beeinflusste Literaten bis zur Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert.
2. Inhaltsangabe
Kleists Erzählung ist nicht weiter in Kapitel, jedoch in der diesem Lektüreschlüssel zugrunde liegenden Ausgabe in 31 Absätze unterteilt (zur Absatzeinteilung verschiedener Textfassungen siehe Kapitel »Form und literarische Technik«, S. 54). Diese durch den Autor vorgegebene Einteilung hilft bei einer inhaltlichen Annäherung an die Erzählung kaum, da die Absätze zu zahlreich sind. Deshalb soll hier eine Einteilung in sieben Sinnabschnitte erfolgen, die zwar unterschiedlich lang sind, aber jeweils einem neuen Handlungsteil entsprechen.
(1) Erster Satz (S. 5, Z. 2 – S. 5, Z. 8)
»In St. Jago, der Hauptstadt des Königreichs Chili, stand gerade in dem Augenblicke der großen Erderschütterung vom Jahre 1647, bei welcher viele tausend Menschen ihren Untergang fanden, ein junger, auf ein Verbrechen angeklagter Spanier, namens Jeronimo Rugera, an einem Pfeiler des Gefängnisses, in welches man ihn eingesperrt hatte, und wollte sich erhenken.« (S. 5)
In nur einem – wenn auch sehr langen – Satz gelingt es Kleist, Handlungszeit und -ort, eine der Hauptfiguren und die Ausgangssituation zu benennen. Und diese hat es in sich: Ein junger Sträfling will sich selbst töten, als ein Erdbeben einsetzt. Unweigerlich drängen sich den Leserinnen und Lesern Zwei Fragenzwei Fragen auf. Wie kam der Mann in diese Situation? Und wie wird sie sich auflösen? Die erste Frage betrifft die Vergangenheit und Gegenwart des Häftlings. Man will erfahren, welches Verbrechen er begangen hat und warum er sich umbringen will. Die zweite Frage betrifft seine Zukunft. Die Leserinnen und Leser fragen sich, wie es ihm ergehen wird, ob er sich befreien kann, ob er weiterhin an seinem Wunsch zu sterben festhalten wird.
(2) Die Vorgeschichte (S. 5, Z. 8 – S. 6, Z. 31)
Nach diesem komprimierten Beginn erhalten die Leserinnen und Leser zunächst Antworten auf den ersten Fragenkomplex. Um Spannung aufzubauen, erzählt Kleist zunächst die Vorgeschichte des Protagonisten. Jeronimo war Hauslehrer bei einem der reichsten Adligen der Stadt und wird entlassen, weil er eine Affäre mit der Tochter des Hauses, Josephe, hat (S. 5).
Josephe im KlosterJosephe wird von ihrem Vater in ein Kloster geschickt. Doch Jeronimo findet weiterhin Wege, sie zu treffen. Josephe wird schwanger und ihre Wehen setzen während der Feierlichkeiten zu Fronleichnam ein. Hat sie es bisher anscheinend geschafft, ihre Schwangerschaft geheim zu halten, so erregt sie nun »außerordentliches Aufsehn« (S. 5) und wird ohne Rücksicht auf ihren Zustand in ein Gefängnis gesperrt. Eine schwangere Nonne ist ein Skandal zu dieser Zeit, und der Erzbischof macht ihr gleich nach der Entbindung ihres Kindes den Prozess. Weder ihre einflussreiche Familie noch die ihr gut gesinnte Klostervorsteherin schaffen es, die Todesstrafe für Josephe abzuwenden. Lediglich der Feuertod soll ihr erspart bleiben, denn der Vizekönig setzt sich dafür ein, dass Josephe enthauptet werde. So ist der Verurteilten zumindest ein schneller Tod vergönnt (S. 6).
Verglichen mit seiner Geliebten ist es Jeronimo relativ gut ergangen. Er wurde lediglich ins Jeronimo im GefängnisGefängnis gesperrt. Dort erfährt er vom Schicksal Josephes, denn die Hinrichtung ist ein großes Event. Fenster und Dächer, von denen aus man einen guten Blick auf das Geschehen hat, werden vermietet, und die »frommen Töchter der Stadt luden ihre Freundinnen ein« (S. 6). Jeronimo misslingen Ausbruchsversuche und so beschließt er, zeitgleich mit seiner Geliebten durch die eigene Hand zu sterben.
(3) Wie Jeronimo das Erdbeben erlebt (S. 6, Z. 31 – S. 9, Z. 27)
Die Vorgeschichte geht sanft und ohne klaren Schnitt in die Gegenwart der Erzählung über. Nur durch das Textsignal »wie schon gesagt« (S. 6) bemerken die Leserinnen und Leser, dass nun wieder die Situation des ersten Satzes erreicht ist. Dieser erste Satz hätte an dieser Stelle stehen müssen, wenn der Erzähler sich an die chronologische Reihenfolge der Ereignisse gehalten hätte. Da er jedoch am Anfang steht, dient er als Vorausblende.
Zu Beginn des Erdbebens setzt sich der Überlebensinstinkt Jeronimos gegen seinen Todeswunsch durch und er klammert sich an den Pfeiler, an dem er sich eigentlich erhängen wollte (S. 7). Aus dem zerstörten Gefängnis kann der Häftling nach draußen flüchten.
Anschließend beschreibt der Erzähler das Darstellung des ErdbebensErdbeben und wie es Jeronimo glückt, aus der Stadt zu entkommen. Es gelingt dem Autor durch zahlreiche Personifikationen und zwei parallel gestaltete Sätze, die Gleichzeitigkeit und die Grausamkeit zahlreicher Einzelbeobachtungen darzustellen (S. 7); eine genaue Analyse folgt in Kapitel 4 (S. 57–59).
Außerhalb der Stadt sinkt Jeronimo für eine Viertelstunde bewusstlos nieder. Als er aufwacht, stellt er seine Jeronimo kommt mit dem Leben davonUnversehrtheit fest. Glücklich genießt er die blühende Landschaft, die St. Jago umgibt. Einzig die »verstörten Menschenhaufen« (S. 8) stören die Idylle. Er dankt Gott für sein Leben und beginnt vor Glück zu weinen. Als er sich an Josephe und die geplante Hinrichtung erinnert, ändert sich seine Einstellung Gott gegenüber zum Negativen: »fürchterlich schien ihm das Wesen, das über den Wolken waltet« (S. 8). Sofort begibt sich Jeronimo auf die Suche nach seiner Geliebten.
Obwohl eine Passantin auf die Nachfrage, ob die Hinrichtung vollzogen wurde, behauptet, Josephe sei enthauptet worden, Suche nach Josephesucht Jeronimo nach kurzem Wanken unbeirrt weiter (S. 8 f.). Die Wege um die Stadttore sind mittlerweile voller Menschen, die sich aus der Stadt retten. Andere haben sich bereits vor der Stadt niedergelassen. Jeronimo sucht die gesamte Umgebung ab, und als die Sonne schon wieder unterzugehen droht, findet er Josephe, die gerade ihr gemeinsames Kind Philipp in einer Quelle wäscht (S. 9). Sie umarmen sich glücklich.
(4) Wie Josephe das Erdbeben erlebt (S. 9, Z. 28 – S. 11, Z. 8)
Nun durchbricht der Erzähler ein zweites Mal die chronologische Reihenfolge der Ereignisse und springt einige Stunden in die Vergangenheit, indem er berichtet, wie die zweite Hauptfigur das Erdbeben er- und überlebt.
Josephe befindet sich auf dem Weg zum Richtplatz, als das Erdbeben einsetzt. Die Prozession wird durch das Beben auseinandergesprengt, und sie flüchtet Richtung Stadttor, als sie sich an ihren Josephe rettet ihren SohnSohn Philipp erinnert, der noch im Kloster ist. Sie findet das Kloster in Flammen vor, und die Äbtissin schreit um Hilfe, da das Baby noch im Inneren ist. Unerschrocken geht Josephe in das Klostergebäude und rettet das Baby aus Flammen und Rauch.
Anschließend muss sie mit ansehen, wie die Äbtissin und einige Schwestern unter Trümmerteilen begraben werden. Die junge Mutter bleibt kurz zurück, um der Klostervorsteherin die Augen zu schließen. Auf ihrer Flucht aus der Stadt findet sie die Die am Prozess Beteiligten sind totLeiche des Erzbischofs (S. 10) – er hat Josephe zuvor den Prozess gemacht (S. 5). Auch die Gebäude, die ihren Leidensweg verdeutlichen, sind zerstört: das väterliche Haus, das Kloster, die Kathedrale des Erzbischofs, der Palast des Vizekönigs und der Gerichtshof, in dem das Urteil gesprochen wurde (S. 10).
Während die eben erwähnten zerstörten Gebäude in rascher Folge aufgezählt werden, erhält das zerstörte Auch das Gefängnis ist zerstörtGefängnis mehr Raum in der Erzählung: Zunächst sinkt Josephe nieder, da sie davon ausgeht, ihr geliebter Jeronimo liege unter den Trümmern begraben. Doch dann wird sie sich bewusst, dass dieser Schluss nicht notwendigerweise wahr sein muss. An einer Gabelung wartet sie auf Jeronimo. Mit der Zeit gibt sie die Hoffnung jedoch auf und begibt sich in ein »dunkles, […] beschattetes Tal«, in dem sie auf Jeronimo trifft und das für sie so zum »Tal von Eden« (S. 11) wird.
(5) Liebesglück und soziale Utopie (S. 11, Z. 9 – S. 15, Z. 23)
Geschickt leitet Kleist wieder in die Gegenwart der Erzählung über: »Dies alles erzählte sie jetzt voll Rührung dem Jeronimo« (S. 11). Sie verbringen die erste Nacht nahe der Quelle, an der sie sich wiedergefunden haben, und denken darüber nach, »wie viel Elend über die Welt kommen musste, damit sie glücklich würden« (S. 11). Bevor sie im Morgengrauen einschlafen, entscheiden sie sich, schnellstmöglich in die nahegelegene Hafenstadt La Conception zu reisen, um von dort aus nach Spanien einzuschiffen, wo Jeronimos Verwandte wohnen. Das Liebespaar scheint sich also bewusst, dass sein Glück nur so lange anhält, wie die Wirren des Erdbebens die Stadt im Griff haben.
Am nächsten Tag passiert etwas Unerwartetes. Das junge Liebespaar wird in eine Familiengemeinschaft eingeführt: Als Don Fernando Ormez und seine FamilieDon Fernando Ormez, ein angesehener Bürger der Stadt, fragt, ob sein Sohn Juan an Josephes Brust gesäugt werden könne, da seine Frau Donna Elvire schwer verletzt sei, gibt Josephe ihre Zustimmung (S. 12). Schnell lernen sie beim Frühstück auch den Rest der Familie kennen. Das sind Don Pedro, Fernandos Schwiegervater, und dessen drei Töchter; die eben erwähnte Donna Elvire mit ihrem Säugling Juan, sowie Donna Elisabeth und Donna Constanze. Rasch entwickelt sich eine Vertrautheit zwischen dem wiedervereinten Liebespaar und der Familie. (Eine Übersicht über die Familie findet sich auch im Figurenverzeichnis des dritten Kapitels dieses Lektüreschlüssels, S. 26.)
Immer wieder wird betont, mit welcher Freundlichkeit (S. 12) die Stimmung der Überlebenden untereinanderÜberlebenden miteinander umgehen und wie liebreich (S. 13) ihre Blicke sind. Nur Donna Elisabeth schaut bisweilen verträumt auf Josephe. Sie war von einer Freundin zur Hinrichtung von Josephe eingeladen worden, ist dem Spektakel jedoch ferngeblieben.
Aus der Stadt wird von Unfrieden und Gewalt berichtet: So beschwören Geistliche das Ende der Welt, und der Vizekönig hat Galgen errichten lassen, um Plünderern Einhalt zu gebieten. Da für gerichtliche Verfahren und der damit einhergehenden Wahrheitsprüfung der Anschuldigungen keine Zeit ist, sind auch Unschuldige der Anarchie und Lynchjustiz in der StadtLynchjustiz zum Opfer gefallen. So findet ein Mann den Tod, der sich durch ein brennendes Haus zu retten versucht, weil dessen Besitzer ihn für einen Dieb hält (S. 13). Auch anarchische Tendenzen sind zu erkennen: Bewohnerinnen und Bewohner behaupten, »es gäbe keinen Vizekönig von Chili mehr!« (S. 13).
Nicht nur innerhalb der Familie, sondern unter allen Überlebenden, die außerhalb der Stadt verweilen, ist die Stimmung trotz oder gerade wegen des erlebten Unglücks positiv. Was der Erzähler beschreibt, gleicht einer Eine soziale Utopie?sozialen Utopie: Der »menschliche Geist« gehe »wie eine schöne Blume« (S. 14) auf und das Unglück habe alle »zu einer Familie gemacht« (S. 14). Die Ständegesellschaft scheint überwunden, wenn »Fürsten und Bettler, Matronen und Bäuerinnen, Staatsbeamte und Tagelöhner, Klosterherren und Klosterfrauen« (S. 14) nebeneinanderliegen und sich gegenseitig helfen. Die oberflächlichen Gespräche, die man sonst beim Teetrinken führt, weichen nun Erzählungen von echtem Heldentum, und es gibt nicht eine einzige Figur, die nicht Großes erlebt oder geleistet hat (S. 14).
Josephe pflegt währenddessen die Wunden von Donna Elvire (S. 13). Die beiden Frauen kommen dabei ins Gespräch, und Josephe lässt sich vom optimistischen Geist der anderen anstecken und Josephe öffnet sich Elvire?erzählt möglicherweise, dass sie die verurteilte Straftäterin ist und wie ihre kleine Familie wieder zusammengefunden hat. Der Erzähler bleibt hier vage: »Und da Josephe ihr, mit beklemmten Herzen, einige Hauptzüge davon angab« (S. 13), ergriff Donna Elvire »ihre Hand und drückte sie, und winkte ihr, zu schweigen« (S. 14). Auch wenn die Leserinnen und Leser nicht explizit erfahren, wie viel Josephe von sich preisgibt, so wird doch angedeutet, dass Elvire darum weiß, dass es sich bei ihrer Gesprächspartnerin um die zum Tode Verurteilte Josephe handelt.
Jeronimo und Josephe sind von der Stimmung unter den Menschen im Tal vor der Stadt so überwältigt, dass sie ihren Jeronimo gibt Fluchtplan aufFluchtplan noch einmal überdenken. Jeronimo hofft auf eine Begnadigung durch den Vizekönig und im Anschluss auf ein friedvolles Familienleben in Chili. So schnell wie möglich will er den Herrscher sprechen und vor ihm auf die Füße fallen. Josephe ist zuversichtlich, sich mit ihrem Vater versöhnen zu können. Jedoch ist sie etwas vorsichtiger und schlägt vor, ein schriftliches Gnadengesuch von La Conception aus einzureichen, damit man bei einer negativen Antwort schon in Hafennähe sei und nach Europa aufbrechen könne. Jeronimo stimmt zu (S. 15).
(6) Gottesdienst und Lynchjustiz (S. 15, Z. 24 – S. 21, Z. 19)
Als am Nachmittag auch die kleinen Nachbeben aufgehört haben, verbreitet sich die Kunde über einen Gottesdienst, der in der Stadt abgehalten werden soll. Die Messe soll in der Dominikanerkirche stattfinden, die das Erdbeben als einziges Gotteshaus überstanden hat. Der Prälat des Klosters will die Messe selbst halten und Gott anflehen, ein weiteres Unglück zu verhindern (S. 15). Schon machen sich zahlreiche Menschen auf den Weg in die Stadt.
Auch Don Fernandos Familie diskutiert, ob sie die Diskussion, ob man an der Messe teilnimmtMesse besuchen soll. Donna Elisabeth, die vorhin bereits eine Weile scheinbar in Gedanken vertieft auf Josephe gestarrt hat, spricht sich gegen eine Teilnahme aus. Sie führt an, dass solche Feste wiederholt werden würden und dass es, in Anbetracht der Unruhen am Vortag, nicht sicher sei, in die Kirche zu gehen. Sie begründet ihre Sicherheitsbedenken jedoch nicht. Wahrscheinlich will sie nicht schlecht über Josephe und ihre kleine Familie reden. Josephe selbst möchte unbedingt gehen, da sie Gott für ihr neu gewonnenes Glück danken will. Donna Elvire stimmt ihr zu und überredet den Rest ihrer Familie. Elisabeth jedoch zögert immer noch aufgrund eines unguten Vorgefühls, das sie nicht näher beschreibt. Schließlich entscheidet sie sich, bei ihrem kranken Vater und der verletzten Schwester Donna Elvire zurückzubleiben. Josephe will ihr den kleinen Juan geben, doch dieser hat sich bereits an Josephe gewöhnt und beginnt zu weinen, als er von ihr getrennt zu werden droht. Schließlich nimmt Josephe ihn mit (S. 16).
Nun brechen vier Erwachsene und zwei Kinder auf. Sie laufen in folgender Konstellation: Josephe trägt den kleinen Juan und Don Fernando führt sie am Arm. Jeronimo geht derweil mit Donna Constanze und trägt seinen eigenen Sohn Philipp (S. 17). Unbeteiligte würden vermutlich annehmen, es handle sich um zwei Paare, die jeweils einen Säugling dabeihaben.
Als sich die Gruppe gerade fünfzig Schritte entfernt hat, unternimmt Elisabeth äußert erneut BedenkenElisabeth noch einen Versuch, die Gruppe aufzuhalten. Zuvor hat sie sich angeregt mit Elvire unterhalten und diese bestätigt ihr ungutes Gefühl wahrscheinlich, indem sie sie auf Josephes Geheimnis hinweist. Nun flüstert Elisabeth Don Fernando etwas ins Ohr (S. 17). Dieser stellt Rückfragen und entgegnet schließlich, Donna Elvire möge sich beruhigen. Die Gruppe geht wie geplant zum Gottesdienst.
Die Kirche ist brechend voll und auch auf dem Vorplatz haben sich Gläubige versammelt. Der Gottesdienst beginnt mit einer Predigt, die einer der ältesten Chorherren hält. Bei seinen Ausführungen nimmt er Die Predigt peitscht die Menge aufkein Blatt vor den Mund. Er sagt, das Jüngste Gericht könne kaum schlimmer sein als das Erdbeben des Vortages und deutet das Unglück als Strafe Gottes für den Sittenverfall in der Stadt. Es sei nur der unendlichen Geduld Gottes zuzuschreiben, dass St. Jago noch nicht völlig untergegangen sei (S. 18).
Als Beispiel für den sittlichen Verfall führt der Chorherr schließlich das Verhältnis Jeronimos und Josephes und den Vorfall im Klostergarten der Karmeliterinnen an. Er nennt die beiden »Täter« (S. 18) beim Namen und zeigt sich auch entsetzt über das weltliche Gericht, das Josephe einen schnellen Tod zugesprochen hat. Nun wird Donna Constanze klar, mit wem ihre Familie den letzten Tag verbracht hat, und sie ruft entsetzt »Don Fernando!« (S. 18) Dieser reagiert ruhiger, da er dank Elisabeth und Elvire einen Wissensvorsprung hat. Ohne viel Aufsehen will er die Gruppe aus der Kirche evakuieren. Doch dies scheitert, weil jemand Jeronimo und Josephe erkannt zu haben glaubt und ruft, dass die »gottlosen Menschen« (S. 18) mitten unter ihnen seien.
Nun gibt sich Don Fernando als Sohn des Kommandanten der Stadt, also als Angehöriger einer hochrangigen Militärperson, zu erkennen. Doch ein nahestehender Schuster mit Namen Pedrillo Josephe wird entdeckterkennt Josephe und fragt, wer der Vater des Kindes in Josephes Arm sei. Don Fernando zögert, denn tatsächlich hält Josephe ja seinen eigenen Sohn in den Händen. Josephe beteuert, das Baby sei nicht ihr eigenes, und bekräftigt, dass es sich bei ihrem Nachbarn um Don Fernando handelt.
Der Schuster fragt daraufhin, ob jemand der Umstehenden den vor ihm Stehenden kennt, doch ehe jemand antworten kann, wendet sich der kleine Juan von Josephe ab und will zu Don Fernando. Die Leute in der Kirche nehmen nun richtigerweise an, er sei der Vater des Kindes. Don Fernando und Jeronimo werden verwechseltFälschlicherweise denken sie jedoch auch, er müsse darum Jeronimo sein. Sofort wird die Tötung der drei gefordert. Nun erst gibt sich Jeronimo zu erkennen und verlangt, Don Fernando gehen zu lassen (S. 19).
Erst als ein Marineoffizier, Don Alonzo, die Identität Fernandos bestätigt, lässt der Mob von ihm ab. Es herrscht allgemeine Verwirrung. Diese will Don Fernando kämpft für Jeronimo und JosepheDon Fernando nutzen, indem er fordert, Josephe und Jeronimo zu ihrer eigenen Sicherheit zu verhaften. Auch versucht er, Jeronimo zu schützen, indem er Jeronimos Bekenntnis der eigenen Identität als Nothilfe darstellt: Der junge Mann habe sich nur als Jeronimo ausgegeben, um ihn selbst aus seiner Bedrängnis zu befreien. Auch der Schuster Pedrillo, so schlägt Fernando vor, soll abgeführt werden, weil er den Aufruhr ausgelöst habe. Doch die Menge ist von der Identität Josephes überzeugt, nachdem der Marineoffizier Don Alonzo nicht entschieden genug reagiert, als er vom Schuster zu ihr befragt wird. Diese übergibt kurzentschlossen beide Säuglinge an Don Fernando und sagt, er solle seine beiden Kinder retten. Doch Fernando bittet um den Degen des Marineoffiziers und bahnt seiner Gesellschaft den Weg ins Freie.

Abb. 1: Lithografie von Alois Kolb zum Erdbeben in Chili, die Jeronimo im Kampf gegen die Meute zeigt (1921)
Auch der Platz vor der Kirche ist voller aufgebrachter Leute. Einer von ihnen schreit: »dies ist Jeronimo Rugera, ihr Bürger, denn ich bin sein eigner Vater!« (S. 20) Danach streckt er Jeronimo und Constanze werden getötetJeronimo mit einem Keulenschlag nieder. Donna Constanze, die neben ihm stand, wird fälschlicherweise für Josephe gehalten, als »Klostermetze« (S. 20) beschimpft und nur wenige Sekunden später ebenfalls getötet. Direkt im Anschluss wird sie als Donna Constanze identifiziert.
Der Schuster Pedrillo hetzt den Mob sogleich erneut auf und fordert den Tod von Josephe. Eine Zeit lang gelingt es dem wutentbrannten Don Fernando, den Mob von den Kindern fernzuhalten. Mit den Worten »hier mordet mich, ihr blutdürstenden Tiger« (S. 20 f.) Josephe opfert sichwirft sich Josephe schließlich in den Mob und hofft so, den beiden Jungen und Fernando zumindest etwas Zeit zu erkaufen. Es ist Pedrillo persönlich, der sie erschlägt. Anschließend fordert er die Ermordung des Bastards, gemeint ist Josephes Sohn Philipp.
Don Fernando steht im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Rücken zu Wand. In der linken Hand hat er die zwei Neugeborenen, in der rechten führt er den Degen. Es gelingt ihm, sieben Angreifer zu töten, bevor Pedrillo schließlich eines der Kinder – es ist der kleine Juan wird ermordetJuan – am Bein erwischt und es im hohen Bogen gegen einen Kirchenpfeiler wirft. Das Kind ist sofort tot und liegt völlig zerschmettert auf dem Boden, und es kehrt plötzlich Stille ein. Der Tod des unschuldigen Kindes scheint selbst für den aufgebrachten Mob zu viel zu sein, und er zerstreut sich. Insgesamt haben mindestens elf Menschen das Leben verloren.
(7) Ende und Ausblick (S. 21, Z. 20 – S. 22, Z. 5)
Kleist lässt seine Erzählung nicht mit diesem Paukenschlag enden. Er verliert jedoch nur noch wenige Worte, um zu zeigen, was die verbliebenen Figuren im Folgenden machen. Der Marineoffizier Don Alonzo hilft Don Fernando die Leichen wegzuschaffen und gibt ihm zunächst Obdach. Fernando weiß nicht, wie er seiner Frau Donna Elvire den Tod des gemeinsamen Kindes beibringen soll. Einerseits will er sie wegen ihrer Verletzung schonen und andererseits ist er sich nicht sicher, wie sie seine Rolle bei den Vorfällen in und vor der Kirche beurteilen wird.
Donna Elvire erfährt über andere Kanäle vom Tod ihres Sohnes. Nach kurzer Trauer fällt sie ihrem Mann um den Hals. Kleist entlässt seine Leserinnen und Leser mit einem kunstvollen Der letzte SatzSatz und einem halb-offenen Ende: »Don Fernando und Donna Elvire nahmen hierauf den kleinen Fremdling zum Pflegesohn an; und wenn Don Fernando Philippen mit Juan verglich, und wie er beide erworben hatte, so war es ihm fast, als müsst er sich freuen.« (S. 22)
3. Figuren

Abb. 2: Figurenkonstellation
Die Figuren in Das Erdbeben in Chili treten meist als direkt Handelnde auf. Nur selten erfahren wir etwas über ihr Kaum InnenperspektiveInnenleben und dann nur in Form von kurzen Kommentaren des Erzählers. Ausführliche Psychogramme und lange Dialoge der Figuren lässt Kleist aus. Trotzdem wäre es falsch zu behaupten, seine Figuren hätten keine Charaktertiefe, denn aus ihren Handlungen lassen sich Rückschlüsse auf ihren Charakter ziehen.
Um den Text übersichtlicher zu halten, wird in diesem Lektüreschlüssel meist darauf verzichtet, die den Namen vorangestellten Adelsprädikate Don oder Donna zu verwenden. In späteren Zeiten wird die Anrede in Spanien und Süd- und Mittelamerika auch für angesehene Bürgerinnen und Bürger oder Ältere nichtadliger Herkunft verwendet. Zum Handlungszeitpunkt, dem Jahre 1647, zeigt es jedoch stets adlige Abstammung an. Außer Jeronimo tragen alle Hauptfiguren dieses Prädikat.
Wie die Abbildung zeigt, kann man die Figuren in drei Gruppen einteilen. Die ersten beiden Gruppen lassen sich anhand der Familienzugehörigkeit bilden. Zur Familie um die beiden Hauptfiguren Josephe (Asteron) und Jeronimo und die Familie AsteronJeronimo (Rugera) gehören auch ihre beiden Väter und ihr gemeinsamer Sohn Philipp. Die Familie Henricos und seiner Tochter Josephe ist höheren Standes als die Jeronimos und seines Vaters, dessen Vorname nie erwähnt wird.
Zur Familie um Don Fernando Ormez und seine FamilieFernando Ormez und seine Frau Elvire gehört der gemeinsame Sohn Juan, der Vater Elvires, Don Pedro, sowie ihre beiden Schwestern Elisabeth und Constanze. Der Marineoffizier Alonzo Onoreja, der ein Bekannter Fernandos ist, wird der Einfachheit halber ebenfalls zu dieser Figurengruppe gerechnet. Wir erfahren auch den Nachnamen von Constanze: Er lautet Xares (S. 20). Der Nachname der anderen Schwester und des Vaters werden nicht genannt.
Die übrigen Figuren verbindet, dass sie das Schustermeister Pedrillo und die anderen PeinigerLeiden des jungen Liebespaares verursachen, begleiten oder verstärken. Zu ihnen können auch die beiden Väter gerechnet werden, denn Henrico Asteron schickt seine Tochter ins Kloster und der Vater Jeronimos tötet seinen Sohn eigenhändig. Außerdem gehören hierzu einige Figuren, deren Verstrickungen in das Leiden Jeronimos und Josephes in den Rückblenden erwähnt werden, wie zum Beispiel der Vizekönig und der Erzbischof. Am wichtigsten sind sicherlich der Chorherr, der die Predigt hält, die den Mob überhaupt erst zu den Gräueltaten anstachelt, sowie der Wortführer der Meute, Schustermeister Pedrillo. Diese Figurengruppe wird hier unter der Bezeichnung Peiniger zusammengefasst.
Jeronimo und die Familie Asteron
Die männliche HauptfigurJeronimo Rugera wird als »junger […] Spanier« (S. 5) bezeichnet, das heißt, seine Familie ist wahrscheinlich noch nicht lange in Chile (siehe Kapitel 5, S. 64 f.). Die Familie seiner Mutter lebt in Spanien (S. 12). Jeronimo ist gebildet, aber nicht reich, denn er arbeitet als Hauslehrer für die angesehene Familie Asteron. Während der ganzen Kolonialgeschichte (auch anderer europäischer Staaten) ist es für reiche Familien üblich, Lehrer aus dem Mutterland oder mit Verbindungen zu ihm anzustellen, damit die geistige Ausbildung des Nachwuchses europäischen Standards entspricht. Zwischen Jeronimo und der Familie Asteron besteht ein Standesunterschied, der die Liebe zwischen den beiden Hauptfiguren gesellschaftlich inakzeptabel macht.
Jeronimo und Josephe befinden sich in einem »zärtlichen Einverständnis« (S. 5), was von einem Teil der Literaturwissenschaft als heimliche Verlobung der beiden HauptfigurenVerlobung angesehen wird. Andere vermeiden diese Formulierung und sprechen lediglich von einem Liebespaar.1 Für eine Verlobung spricht, dass Jeronimo sich nach dem Schock des Erdbebens aufgrund eines Ringes an seiner Hand an Josephe erinnert (S. 8). Jeronimo scheint aufrichtig in Josephe verliebt zu sein, selbst Klostermauern können ihn nicht davon abhalten, sie zu treffen (S. 5), und als sie zum Tode verurteilt wird, hat auch er vor, sich zu töten (S. 6). Außerdem begibt er sich gleich nach dem Erdbeben auf die Suche nach ihr (S. 8 f.).
Während die Leserinnen und Leser mehr über die Umstände der Verhaftung und die Anklage Josephes erfahren, wird nur nebenbei erwähnt, dass Jeronimo auch im Gefängnis ist (S. 6). Über die Anklagepunkte gegen ihn gibt der Erzähler keine Informationen. Auch über die Dauer der Haft kann nur spekuliert werden. Zwischen der Nacht im Karmeliterkloster und der Geburt von Philipp liegen etwa neun Monate. Daraufhin wird Josephe zum Tode verurteilt. Nach Philipps Geburt und vor dem Urteilsspruch gegen Josephe wurde Jeronimo verhaftet, über ein Urteil gegen ihn wird nicht berichtet. Er beabsichtigt sich selbst umzubringen, da er über die bevorstehende Hinrichtung seiner Geliebten »die Besinnung [zu] verlieren« droht (S. 6).
Der Selbstmord unterbleibt, da das Erdbeben dazwischenkommt. Anfänglich ist es sicher der menschliche ÜberlebensinstinktInstinkt, das eigene Überleben zu sichern, der Jeronimo dem Erdbeben entkommen lässt (S. 6 f.). Nachdem er eine Viertelstunde bewusstlos gewesen ist, beginnt er vor Freude zu weinen, da er noch am Leben ist (S. 8). Erst danach erinnert er sich an Josephe, und man kann von einer bewussten Entscheidung, am Leben zu bleiben, sprechen. Die entstehende Schwermut, nun ein Leben ohne seine Geliebte führen zu müssen, wird bald von der Hoffnung verdrängt, sie wiederfinden zu können (S. 8 f.).
Als dies tatsächlich geschieht, präsentiert sich Jeronimo als vorbildlicher Vater, der sich freut, seinen Sohn das erste Mal zu sehen. In »unsäglicher Vaterfreude« überhäuft er das Baby mit »Liebkosungen ohne Ende« (S. 11). Im Anschluss an die gemeinsam verbrachte Nacht schmiedet die junge Familie Pläne, Chile zu verlassen (S. 12). Jeronimo erweist sich dann als die naivere der beiden Hauptfiguren: Als sie Familie Ormez kennenlernen, verwirft er den Fluchtplan völlig, kann aber von Josephe davon überzeugt werden, die Antwort des Vizekönigs auf ein schriftliches Gnadengesuch in der Hafenstadt La Conception abzuwarten, anstatt einen Fußfall vor diesem zu wagen. So könnten sie bei einer negativen Antwort immer noch fliehen.
In der zweiten Hälfte der Erzählung verblasst Jeronimo immer mehr. Kleist nutzt die Figur, um unmittelbar in die Handlung einzusteigen, und lässt die Leserinnen und Leser das Erdbeben gemeinsam mit Jeronimo erleben. Doch im Anschluss Fernando tritt an Jeronimos Stelletritt Don Fernando als hauptsächlicher Handlungsträger an Jeronimos Stelle. Dies geschieht schon auf dem Weg in die Messe, als Fernando und nicht Jeronimo gemeinsam mit Josephe läuft (S. 16). Während der Messe werden die beiden verwechselt, und es ist Don Fernando und nicht Jeronimo, der Josephe verteidigt (S. 18). Kleist lässt die Erzählung auch mit den Gedanken seiner neuen männlichen Hauptfigur schließen (S. 22).
Während Don Fernando stets mit positiven Attributen (siehe S. 38–40 dieses Lektüreschlüssels) versehen wird, bleibt dies bei Jeronimo aus. Erst nach einigem Zögern löst er die Verwechslung auf und rettet so in letzter Sekunde das Leben Fernandos. Dieser hat ihn zuvor bereits schüchtern angeschaut (S. 19), was als Aufforderung, sich zu erkennen zu geben, gelesen werden kann. Erst die Forderung »steinigt sie!« (S. 19) löst die Handlung in Jeronimo aus. Und auch der Jeronimos TodTod Jeronimos ist wenig ruhmreich. Er wird von seinem eigenen Vater niedergeschlagen. Kein Wort wird über ein letztes Aufbegehren oder den Todeskampf verloren, sein Tod erscheint nebensächlich.
Der Tatsache, dass Jeronimo von seinem eigenen Erschlagen vom eigenen VaterVater getötet wird, kann ein hoher Symbolwert zugerechnet werden. Schließlich hat er ihm einst das Leben geschenkt. Und kein Vater will normalerweise den Tod des eigenen Sohnes erleben oder gar verursachen. Jedoch erfahren wir nichts über einen Vater-Sohn-Konflikt – der Vater bleibt völlig konturlos, ja selbst sein Vorname bleibt unbekannt. Daher erscheint es als viel wahrscheinlicher, dass Kleist den Vater einführt, damit die Identifizierung Jeronimos eindeutig ist. Außerdem kann dadurch die Raserei des aufgebrachten Mobs gut veranschaulicht werden: Selbst ein Vater schreckt nicht mehr davor zurück, den eigenen Sohn zu töten. Ein mögliches Motiv – das bleibt allerdings Spekulation – könnte auch sein, dass die gesellschaftlichen Konventionen höheres Gewicht haben als die Vaterliebe zum eigenen Kind.
Betrachtet man ausgehend von der zweiten Hälfte der Erzählung noch einmal die erste Hälfte, in der Jeronimo mehr Raum einnimmt, so fällt auf, dass man sein Verhalten auch hier als Jeronimo als passive und schwache Figurpassiv oder schwach bezeichnen kann: Er will sich das Leben nehmen (S. 5), er fällt in Ohnmacht (S. 8), erst der Ring lässt ihn nach Josephe suchen (S. 8), und während der Suche ist er niedergeschlagen und geht im Gegensatz zu Josephe ohne System vor (S. 9).
Die weibliche HauptfigurDonna Josephe Asteron ist Tochter einer der angesehensten Familien der Stadt und verliebt sich in ihren Hauslehrer. Ihr Bruder zeigt ein Treffen der beiden beim Vater an, nachdem dieser die nicht standesgemäße Liebe bereits verboten hatte, woraufhin Josephe in ein Karmeliterkloster gebracht wird (S. 5). Doch auch dort trifft sie sich heimlich mit Jeronimo und wird schließlich schwanger. Anscheinend gelingt es ihr, die Schwangerschaft bis zur Geburt ihres Sohnes Philipp geheim zu halten. Sie sinkt an Fronleichnam vor der Kathedrale der Stadt in Wehen nieder, was die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sie lenkt. Ihr wird daraufhin der Prozess gemacht. Weder der Einfluss der Familie Asteron noch der der Äbtissin kann die Verurteilung zum Tode verhindern. Josephe soll enthauptet werden, als das Erdbeben einsetzt.
Während des Erdbebens zeigt sich die weibliche Hauptfigur überaus Mut und Geschickmutig und clever. Es gelingt ihr nicht nur, sich selbst zu retten, sondern sie rettet auch ihren Säugling aus dem brennenden Kloster (S. 10). Die Äbtissin und die übrigen Nonnen brachten zuvor vermutlich nicht den Mut auf, in das brennende Gebäude zu gehen. Trotzdem hegt Josephe keinen Groll gegen die Klostervorsteherin und verschließt ihr nach ihrem Tod die Augen (S. 10). Danach sucht sie das Gefängnis, in dem sie Jeronimo vermutet, und findet es in Trümmern vor. Doch sie lässt sich nicht entmutigen. Im Gegensatz zu Jeronimo irrt sie nach den Beben nicht kopflos umher, sondern bleibt an einer Wegkreuzung stehen, von der sie annimmt, dass sie von Überlebenden, die die Stadt verlassen, passiert wird (S. 10 f.). Erst nach einiger Zeit begibt sie sich in das Tal, wo sie schließlich auf Jeronimo trifft (S. 11).
Als Don Fernando mit der Bitte, sie möge seinem Baby »auf kurze Zeit ihre Brust reichen« (S. 12), an die junge Mutter herantritt, zögert sie kurz, aber nicht aufgrund von egoistischen Motiven oder weil sie nicht helfen will, sondern weil sie in Don Fernando einen Bekanntschaft zu Don FernandoBekannten erkennt, der vermutlich von ihrer Straffälligkeit und dem Todesurteil weiß und sich ihr dennoch ohne Bedenken nähert. Es ist die vorbehaltlose Geste des Stillens, die das Liebespaar in die Familie um Fernando einführt. Ebenso wie ihr Geliebter lässt sie sich von der positiven Stimmung unter den Überlebenden anstecken: Sie ist sich sicher, ihr Vater wird ihr verzeihen, wenn er denn noch am Leben ist.
Dennoch bewahrt sie zunächst kühlen Kopf und überredet Jeronimo dazu, trotz der vermeintlichen Sicherheit in die Hafenstadt La Conception zu reisen, um dort auf die Beantwortung des GnadengesuchGnadengesuchs zu warten.
Als die Gruppe um Don Fernando die Nachricht erreicht, es gebe einen Dankgottesdienst, ist Josephe die Erste, die ihn besuchen will. Sie hört nicht auf die Vorahnungen und Warnungen von Donna Elisabeth, sondern springt voller Reaktion auf die MesseBegeisterung auf und steckt sogleich Donna Elvire mit ihrem Frohmut an (S. 16). Noch immer trägt sie den kleinen Juan, macht nur einen kurzen Versuch, ihn seiner Mutter zurückzugeben. Bereitwillig lässt sie sich von Don Fernando zur Messe führen und verursacht so den blutigen Höhepunkt der Erzählung mit. War sie zuvor noch überlegter als Jeronimo und entschied sich für die sichere Variante ihrer Handlungsmöglichkeiten (baldige Abreise nach La Conception), so ist sie nun geradezu euphorisch und unvorsichtig. Seit dem Erdbeben trifft Josephe stets die richtigen Entscheidungen und scheint deshalb vom Glück gesegnet, so dass sie zu einer neuen Selbstsicherheit gelangt, die sie im entscheidenden Moment leichtsinnig werden lässt.
In der Tumult beim Gottesdiensttumultartigen Schlussszene bleibt Josephe als starke aber unglückliche Frauenfigur erhalten. Sie wird als Erste als vermeintliche Unheilbringerin identifiziert, da der Schuster Pedrillo für ihre Familie gearbeitet hat (S. 18). Gleich im Anschluss sagt sie über Juan: »dies ist nicht mein Kind« (S. 19). Mit dieser Aussage will sie das Leben des kleinen Jungen schützen und sorgt ungewollt für Verwirrung unter den aufgebrachten Kirchgängern. Gemeinsam mit Don Fernando kämpft sie um das Leben der beiden Babys, bis Donna Constanze mit ihr verwechselt und deshalb getötet wird (S. 20). Anders als Jeronimos endet Josephes Leben mit einer selbstlosen und heldenhaften Tat. Um zu verhindern, dass weitere Personen sterben, wirft sie sich mit den Worten »mordet mich, ihr blutdürstenden Tiger!« (S. 20 f.) freiwillig in die Menge, woraufhin sie von Meister Pedrillo erschlagen wird.
Da Fernando und Elvire ihren eigenen Sohn verlieren und sich im Anschluss um Philipp kümmern, kann man sagen, dass auch Josephe durch eine andere Figur Josephe wird durch Elvire ersetztersetzt wird. Der Austausch der weiblichen Hauptfiguren ist allerdings nicht so eindeutig, da Josephe bei der Messe deutlicher in Erscheinung tritt als Jeronimo, während die Figur der Elvire weniger detailreich gestaltet ist als die des Fernando. Erst im kurzen Ausblick des halboffenen Schlusses wird Josephe durch Elvire ersetzt. Diese ist nicht bei der Messe gewesen, sondern ist aufgrund ihrer Verletzungen bei ihrem Vater zurückgeblieben.
Es bleiben noch der kleine Sonstige Familienmitglieder: Philipp …Philipp, Jeronimos Vater und Josephes Vater, Don Henrico Asteron, als weitere Familienmitglieder. Alle treten zu wenig in Erscheinung, als dass man sie charakterisieren könnte. Dennoch einige Anmerkungen: Philipp wird während des Massakers am Ende der Erzählung als »Bastard« (S. 21) bezeichnet, da er aus einer unehelichen Verbindung hervorgegangen ist. Er gilt als eindeutiger Beweis für die unerlaubte Liebesbeziehung der beiden Hauptfiguren und verursacht somit die Verurteilung seiner Mutter (S. 6). Der in etwa gleichaltrige Juan muss an seiner Stelle sterben, und dessen Position innerhalb der Familie Ormez nimmt Philipp im Anschluss ein.
Der … Jeronimos Vater …Vater Jeronimos bleibt ohne Vornamen und tritt nur ein einziges Mal hervor, nämlich als er seinen Sohn identifiziert und tötet (S. 20). Er kann schwerlich als ausgearbeitete literarische Figur bezeichnet werden, aber hat – neben der Identifizierung und Tötung seines Sohnes – eine weitere Funktion: Denn würde er nicht auftreten, könnte man annehmen, dass Jeronimo erst seit kurzer Zeit in Chile verweilt. Dieser wird nämlich als Spanier bezeichnet (S. 5) und seine Familie mütterlicherseits wohnt weiterhin in Spanien (S. 12).
Josephes … und Don Henrico AsteronVater tritt als handelnde Figur nur in den Rückblenden zu Beginn der Erzählung auf. Am Anfang der Erzählung wird sogleich seine gesellschaftliche Position erwähnt, so dass die adlige Herkunft Josephes unmittelbar deutlich wird (S. 5), und er veranlasst das Einsperren seiner Tochter in ein Kloster. Später setzt sich die »Familie Asteron« (S. 5) für eine milde Strafe der Tochter ein, hiermit ist wohl auch das Familienoberhaupt gemeint. Im Verlauf der Handlung wird noch einmal erwähnt, dass man über sein Schicksal während des Erdbebens und in der Folgezeit nichts weiß (S. 15), sein Haus wird jedoch zerstört (S. 10).
Familie Ormez
Wie bereits erwähnt, kann Don Fernando OrmezFernando als männliche Hauptfigur des zweiten Teils der Erzählung betrachtet werden, die Jeronimo ersetzt.
Das erste Mal tritt er in Erscheinung, als er Josephe fragt, ob sie seinem Sohn Juan die Brust reichen kann (S. 12). Dabei wird er als »junger wohlgekleideter Mann« (S. 12) und als BekanntheitBekannter von Josephe bezeichnet. Kleist lässt offen, woher sich die beiden kennen, aber die Bekanntschaft scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen, da Don Fernando Josephe mit ihrem Namen anspricht (S. 12). Da er der Sohn des Kommandanten der Stadt ist (S. 18), ist es sehr wahrscheinlich, dass er den meisten Bürgerinnen und Bürgern St. Jagos bekannt ist.
Er ist der unangefochtene Anführer der GruppeAnführer der Familie Ormez, was schon daran zu erkennen ist, dass die Leserinnen und Leser die weiteren Familienmitglieder als Anhang Fernandos kennenlernen: Donna Elvire wird als »Don Fernandos Gemahlin« eingeführt, Donna Constanze und Donna Elisabeth als »Don Fernandos beide[] Schwägerinnen« (S. 12) und der vom Erdbeben verletzte Don Pedro ist »sein Schwiegervater« (S. 13). Später ist nicht mehr von Don Fernandos Familie, sondern von seiner »Gesellschaft« (S. 15) die Rede, was darauf schließen lässt, dass möglicherweise noch andere Überlebende der Gruppe angehören.
Wenn Jeronimo und Josephe sich im »Tal von Eden« (S. 11) sicher und als Angehörige einer Menschheitsfamilie fühlen, dann ist dieser Umstand auf Don Fernando und seinen Charakter zurückzuführen, denn er hält die Gruppe zusammen. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass er die Gruppe zur verhängnisvollen Messe führt. Josephes Arm ergreift er, da sie noch immer seinen Sohn Juan trägt (S. 16). Auch in der Messe selbst wendet sich Constanze wie selbstverständlich an ihn, als in der Predigt die Namen von Jeronimo und Josephe genannt werden. Seiner Aufforderung zu schweigen folgt sie anstandslos (S. 18).
Als die Stimmung in der Messe zu kippen droht, versucht Fernando zunächst, mit seiner »Gesellschaft« unerkannt die Kirche zu verlassen. Anschließend will er seine Bekanntheit als Sohn des Kommandanten nutzen, um Josephe zu retten und der brenzligen Situation zu entkommen (S. 18). Auch die Bekanntschaft zum ebenfalls anwesenden Marineoffizier Don Alonzo Onoreja und dessen Ehrenwort kann die wütende Menge nur kurzzeitig besänftigen (S. 19). Don Fernando erfüllt demnach alle Kriterien eines klassischen Heldenhaftes Auftreten gegen den MobHelden. Zunächst versucht er mehrmals, den Konflikt gewaltfrei zu lösen; als dies nicht gelingt, wendet er Gewalt an, aber nur, um das Leben Donna Constanzes, Jeronimos und Josephes, das der unschuldigen Kinder und sein eigenes zu retten (S. 21). Mit dem Degen Alonzos tötet er gleich sieben Angreifer, und das, obwohl er zwei Säuglinge auf dem Arm hält (S. 21). Auch wenn es ihm nicht gelingt, sein eigenes Kind zu retten, so wird er doch als »göttliche[r] Held« (S. 21) bezeichnet.
Auch nachdem das Töten ein Ende hat, behält er die Nerven. Er macht Don Alonzo keinerlei Vorwürfe, weil er möglicherweise zu passiv agiert hat. Er schont seine kranke Frau, indem er ihr einige der schlechten Nachrichten vorenthält (fürchtet allerdings auch ihr Urteil über ihn), und er weint nicht lange über den Verlust seines leiblichen Sohnes, sondern freut sich über seinen neuen Sohn Philipp (S. 20 f.).
Bereits bei der Charakterisierung Jeronimos wurde gezeigt, wie Don Fernando ihn als männliche Hauptfigur ablöst. Während Jeronimo stets passiv und schwach ist, gilt für Don Fernando genau das Gegenteil. Das hat Kleists Kritiker dazu veranlasst zu sagen, seine Figuren hätten keine Charaktertiefe, sondern seien nur als Kontrastfiguren angelegt. Doch diese Folgerung ist vorschnell. Kleist will keine ausführlichen Charakterstudien anstellen, dafür ist die Erzählung auch schlichtweg zu kurz. Er möchte stattdessen moralische Fragen an einem Beispiel diskutieren (siehe dazu auch das Kapitel »Interpretationsansätze«, S. 72–92); seine Figuren erfüllen hierzu meist einen konkreten Zweck. Gerade durch die komplementäre Gegenüberstellung von Fernando und Jeronimo kommt die Handlung ins Rollen. Der passive Jeronimo hat zunächst einen Wissensvorsprung vor Don Fernando: Er weiß, dass es gefährlich ist, sich als geflohener Verurteilter in einer Strafsache, die öffentliches Aufsehen erregt hat, ebenjener Öffentlichkeit auszusetzen. Aber er ist zu schwach, um entsprechend zu agieren. Er reagiert nur. Er lässt sich von der Seite seiner Geliebten verdrängen und folgt dem Anführer Don Fernando, der Don Fernando als aktive und starke Figurstark und aktiv, aber unwissend agiert.
Denn man darf annehmen, dass Don Fernando um die Straffälligkeit und das Todesurteil seiner »Bekannten« (S. 12), die er bei ihrem Aufeinandertreffen im Tal namentlich anredet und also sicher wiedererkennt, weiß; zudem wird er von Donna Elisabeth nachdrücklich gewarnt – trotzdem weist er mögliche Konsequenzen ihres Messebesuches mit den Worten »und das Unglück, das daraus entstehen kann?« (S. 17) entschieden zurück. Man kann die Gegenüberstellung der männlichen Hauptfiguren weiter zuspitzen: Jeronimo bringt Josephe durch seine Liebe und die Schwängerung auf das Schafott. Das Erdbeben rettet sie zumindest zeitweilig. Don Fernando könnte die Rettung vollenden, wenn er nur die richtigen Schlüsse aus seinem Wissen ziehen und die Gefahr erkennen würde, die der Kirchgang in sich birgt. Letztendlich aber muss der Weg als Josephes »vom Erdbeben unterbrochene[r] Gang zum Richtplatz«2 angesehen werden. Betrachtet man die beiden Figuren als Komplementärfiguren, so bleibt ihnen, gemeinsam betrachtet, die Charaktertiefe ebenso wenig verwehrt wie der weiblichen Hauptfigur.
Sonstige Familienmitglieder: Don Pedro …Don Pedro, dessen Nachname wir nicht erfahren, ist der Vater von Constanze, Elisabeth und Elvire. Er wird beim Erdbeben an der Schulter verwundet (S. 13) und begleitet deshalb die Gruppe nicht zum Gottesdienst (S. 16). Er tritt nicht als handelnde oder sprechende Figur hervor.
Die Frau Don Fernando Ormez’ und Mutter Juans ist … Donna Elvire …Donna Elvire. Sie wurde beim Erdbeben schwer an den Füßen verwundet (S. 12), so dass sie wahrscheinlich aufgrund ihrer körperlichen Schwäche nicht mehr in der Lage ist, ihren Sohn zu stillen. Sie reagiert »mit vieler Freundlichkeit« (S. 12) auf Josephe, die sich um ihr Baby kümmert. Möglicherweise erfährt Donna Elvire schon früh, dass Josephe ihren Sohn unehelich geboren hat, denn es wird von einem Gespräch berichtet und Josephe erzählt »mit beklemmtem Herzen« (S. 13), was ihr widerfahren ist. Aufgrund ihrer Fußverletzung kann Elvire ebenso wie ihr Vater nicht mit zur Messe (S. 16). Am Ende der Erzählung nimmt sie den kleinen Philipp als Adoptivsohn an (S. 22).
… Donna Elisabeth, …Donna Elisabeth erfüllt, so könnte man in Anlehnung an das antike Drama sagen, die Funktion einer Seherin. Sie sieht das kommende Unheil voraus, es gelingt ihr aber nicht, es zu verhindern. Kleist nutzt die Figur, um eine mystische Determiniertheit der Ereignisse anzudeuten. Elisabeth ist die Schwester Donna Elvires. Sie war zu der Hinrichtungsfeier von Josephe eingeladen, hat aber nicht teilgenommen. Dennoch schaut sie Josephe vorahnungsvoll und träumerisch an (S. 13). Als Einzige der Gruppe möchte sie nicht zur Kirche gehen und führt an, dass dieses Dankfest sicherlich wiederholt wird (S. 14). Nach einem Gespräch mit Donna Elvire, in dem sie wahrscheinlich erfahren hat, wer Josephe ist, unternimmt sie einen letzten Versuch, die Gruppe zum Bleiben zu überreden (S. 17).
… Donna Constanze Xares …Donna Constanze tritt in einer entscheidenden Situation als handelnde Figur in Erscheinung: Sie schreit auf, als der Chorherr in seiner Predigt bei der Dankmesse Jeronimo und Josephe namentlich nennt, was die Aufmerksamkeit der Menge erst auf sie richtet. Sie ist die Schwester von Elisabeth und Elvire, geht neben Jeronimo zur Messe (S. 16) und wird so Teil des tödlichen Verwechslungsspiels. Im Tumult wird sie für Josephe gehalten und mit einem Keulenschlag getötet, und es ist nicht eindeutig klar, wer ihr Mörder ist (S. 20).
Auch das … und JuanBaby Donna Elvires und Don Fernandos, Juan, findet im Tumult des Gottesdienstes den Tod. Es wird von Meister Pedrillo an einen Kirchenpfeiler geworfen, weil es möglicherweise Philipp ist (in seiner Raserei ist Pedrillo die Identität letztlich gleichgültig, S. 21).
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