Kitabı oku: «Hilfskreuzer „Chamäleon“ auf Kaperfahrt in ferne Meere»
Hilfskreuzer „Chamäleon“
auf Kaperfahrt in ferne Meere
Heinz-Dietmar Lütje
Hilfskreuzer „Chamäleon“ auf Kaperfahrt in ferne Meere
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2013
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Copyright (2013) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Coverzeichnung: Nach einer Postkarte von Fritz W. Schulz:
Deutscher Hilfskreuzer im Kampf
ISBN 9783954888023
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Cover
Titelseite
Impressum
Vorwort
1. Der Kommandant
2. Ein Frachter wird zum Kriegsschiff
3. Erprobung in der Ostsee
4. Auslaufen zur Feindfahrt
5. Der Durchbruch
6. Die erste Beute
7. Täuschungsmanöver
8. Kriegsrat
9. Äquatortaufe
10. Umtarnung und Erprobung
11. Schlag auf Schlag
12. Zwischen Pflicht und Gefühl
13. Gegenmaßnahmen
14. Anerkennungen und Weisungen
15. Totalverluste
16. Leergefegte See
17. Ein Admiral irrt
18. Freunde und Kameraden
19. Bordflugzeug in Not
20. Erste Mine – Wirf!
21. Da waren es nur noch zwei
22. Gesucht: Eine Oase in der Wüste
23. Gute und weniger gute Nachrichten, aber klare Worte
24. Ein harter Hund, dieser Aussie
25. Dr. Susan Mager übernimmt
26. Auch das Schlechte hat sein Gutes
27. Die Liebe der Matrosen
28. Kirk-Island
29. Auf zu neuen Taten
30. Berlin, Oberkommando der Marine – Seekriegsleitung
31. „Chamäleon wird gejagt“
32. Hurrikan
33. Vater werden ist doch schwer
34. Nauru
35. Aufkeimender Verdacht und noch eine Hiobsbotschaft
36. Teufelskerl oder mit dem Teufel im Bunde
37. Der Wunsch des Führers sei Euch Befehl
38. Scheiden tut weh
39. Abschied im Feuerhagel
40. Schwimmende Werft und großer Bruder
41. Gefecht im Mittelatlantik
42. Die Hunde bellen, aber die Karawane zieht weiter
43. Luftkampf
44. Im Geleitzug
45. Das Glück ist verbraucht
46. Gefangen
47. Überraschung
Vorwort
Nachdem die Fesseln des Versailler Vertrages gefallen waren und die schwunghafte Aufrüstung der deutschen Wehrmacht begann, war auch Großbritannien als die Seemacht Nummer 1 bestrebt durch multinationale und bilaterale Verträge allgemein zu einer Begrenzung der Seerüstung zu gelangen. Obwohl das Deutsche Reich bereits im März 1935 die allgemeine Wehrpflicht einführte kam es dennoch am 18. Juni 1935 zum Abschluss des Deutsch-Britischen Flottenvertrages. Dieser Vertrag begrenzte die deutsche Flottenstärke in allen Schiffsklassen – ausgenommen U-Boote – auf 35% der britischen. Für U-Boote wurde zunächst eine Begrenzung von 45% festgelegt, mit der Maßgabe, dass Deutschland später beim U-Bootsbau bis auf 100% der britischen U-Bootstonnage aufstocken dürfe.
Mit dieser Vereinbarung hatte Großbritannien gegen andere Vereinbarungen – so auch die Beschlüsse von Stresa im April 1935 – eindeutig verstoßen und hiermit auch den Versailler-Vertrag letztendlich selbst ad absurdum geführt und zudem die einseitige Verkündung der deutschen Wehrhoheit hingenommen und damit praktisch anerkannt. Für Hitler bedeutete das, nunmehr den Ausbau der Kriegsmarine zu forcieren und die Verkündung eines Flottenbauprogrammes, das unter anderem noch zwei Schlachtschiffe von über 50.000 Tonnen sowie zwei Schlachtkreuzer und 16 Zerstörer umfasste. 1937 wurde dann eine Zusatzvereinbarung zwischen Deutschland und Großbritannien getroffen, mit dem Zugeständnis der Briten, dass das Deutsche Reich nunmehr im U-Bootsbau im Verhältnis zur britischen Flotte gleichziehen durfte.
Im Gegensatz zu der sehr forcierten Aufrüstung des deutschen Heeres und der Luftwaffe wurde dennoch die Aufrüstung der Kriegsmarine bis Mitte 1938 sträflich vernachlässigt, da Hitler mindestens bis zu diesem Zeitpunkt davon ausging, trotz seiner Expansionspolitik mit Großbritannien zu einem Modus Vivendi zu gelangen. Mitte 1938 ließ Hitler aber dann Großadmiral Raeder als Oberbefehlshaber der Kriegsmarine wissen, dass er eine künftige Gegnerschaft Englands nicht mehr ganz ausschließen könne und drängte daher auf die beschleunigte Fertigstellung der beiden deutschen im Bau befindlichen Schlachtschiffe Bismarck und Tirpitz sowie den Bau weiterer Großkampfschiffe.
Während Hitler meinte eine schlagkräftige Flotte mit stärksten Schiffstypen zur Durchführung seiner weiteren Ziele zu benötigen, die erforderlichenfalls auch die britische Flotte mit Aussicht auf Erfolg bekämpfen könne, vertrat der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine die Auffassung, dass zur Bedrohung und Abschnürung des für England lebenswichtigen Nachschubs insbesondere der U-Bootsbau forciert werden müsse und daneben – statt schwerster Einheiten – Panzerschiffe der Admiral-Spee-Klasse gebaut werden sollten, die aufgrund ihres großen Aktionsradius wohl am geeignetsten erschienen, auch in überseeischen Aktionen die britische Seezufuhr zu bekämpfen und dennoch aufgrund ihrer respektablen Armierung auch britischen Seestreitkräften mit Aussicht auf Erfolg gegenüber treten zu können. Hitler widersprach dieser Auffassung mit dem Hinweis, das er die Flotte vor 1946 für seine weiteren politischen Zwecke nicht benötigen werde, so dass durchaus die Voraussetzung für einen langfristigen Aufbau einer starken, schlagkräftigen Schlachtflotte gegeben seien. Aufgrund dieser Planung Hitlers wurde zunächst ein Flottenbauprogramm beschlossen, das den Gesamtstand der deutschen Kriegsmarine im Jahre 1946 auf 10 Großkampfschiffe, 15 Panzerschiffe, vier Flugzeugträger, fünf schwere Kreuzer, 22 leichte Kreuzer sowie eine entsprechend große Anzahl von Zerstörern, Torpedobooten, U-Booten usw. gebracht hätte. Insgesamt war eine Soll-Stärke von ca. 800 Einheiten mit über 200.000 Mann geplant.
Als aber dann am 01. September 1939 der Zweite Weltkrieg begann und vier Tage darauf die Kriegserklärung Englands und Frankreichs erfolgten war die deutsche Flotte in keinster Weise für den Seekrieg gegen England – und nicht ganz zu vergessen auch den französischen Seestreitkräften – gerüstet. Deutschland verfügte lediglich über die Schlachtschiffe Scharnhorst und Gneisenau sowie die drei Panzerschiffe Deutschland, Admiral Graf Spee und Admiral Scheer sowie die schweren Kreuzer Admiral Hipper und Blücher sowie 6 leichte Kreuzer der Städte Klasse.
Zusätzlich in Ausrüstung befindlich waren die Schlachtschiffe Bismarck und Tirpitz sowie der Flugzeugträger Graf Zeppelin, der nie fertiggestellt wurde, und die schweren Kreuzer Prinz Eugen, Seydlitz und Lützow.
Für überseeische Operationen gegen die englische Seezufuhr waren somit lediglich Scharnhorst und Gneisenau sowie drei Panzerschiffe wirklich geeignet, da die zwei schweren Kreuzer Admiral Hipper und Blücher aufgrund ihres deutlich geringeren Aktionsradius für die ozeanische Kriegsführung nur als bedingt einsatzfähig angesehen werden mussten. Die deutsche U-Bootflotte verfügte zu Beginn des Krieges über lediglich 57 Einheiten, der die gleiche Anzahl britischer U-Boote gegenüberstand. Hiervon war aber für die ozeanische Kriegsführung, insbesondere für den zu erwartenden Hauptkriegsschauplatz Nordatlantik nur etwa ein Drittel geeignet, so dass unter Berücksichtigung des An- und Abmarschweges, sowie nötige Ausrüstungs- und Werftliegezeiten, nicht einmal zehn Boote gleichzeitig im Nordatlantik stehen konnten. Damit allein konnte die Versorgung der britischen Inseln nicht annähernd kriegsentscheidend geschwächt werden. Deshalb wurde aufgrund der äußerst positiven Erfahrungen aus dem ersten Weltkrieg sofort nach Ausbruch der Feindseligkeiten begonnen ein umfangreiches Hilfskreuzerprogramm auf die Beine zu stellen.
Hilfskreuzer – richtig bezeichnet als Handelsstörkreuzer (HSK) – waren Handelsschiffe, die von der Kriegsmarine übernommen und entsprechend ausgerüstet wurden. Diese wurden üblicherweise mit sechs 15 Zentimeter-Geschützen sowie zum Teil einer entsprechenden Torpedobewaffnung und leichten Waffen versehen. Die Hauptaufgabe dieser Einheiten bestand darin, durch Bekämpfung der gegnerischen Handelsschifffahrt – hierzu zählten auch mit kriegswichtigen Gütern (Konterbande) für den Gegner beladene neutrale Schiffe –den Feind zu zwingen, seine Versorgungsrouten zu ändern und durch ein Konvoisystem den Nachschub insgesamt erheblich zu verlangsamen. Hinzu kommt die Bindung eines erheblichen Teils der gegnerischen Flotte durch die Sicherung der Handelsschifffahrt und die Jagd auf diese Störenfriede.
Getarnt als friedliche Handelsschiffe, mit wechselnden Schiffsnamen und Nationalitäten, haben diese Handelsstörkreuzer ausgezeichnete Erfolge bei der Bekämpfung des gegnerischen Nachschubes und der Zersplitterung der feindlichen Seestreitkräfte errungen, auch wenn sie sich am Ende dem übermächtigen Gegner nach tapferer Gegenwehr geschlagen geben mussten.
Die Geschichte der Feindfahrt eines solchen Handelsstörkreuzers ist Gegenstand des nachfolgenden Romans.
Ausdrücklich sei darauf hingewiesen, dass es sich hier um eine fiktive Handlung und auch fiktive Personen, ausgenommen historischer Personen, handelt, so dass jede Übereinstimmung von Handlungen und Namen mit tatsächlich lebenden oder toten Personen rein zufällig und keinesfalls beabsichtigt wäre. Das gleiche gilt auch für zufällige Übereinstimmungen genannter Schiffe mit vielleicht tatsächlich zu jener Zeit die Weltmeere befahrenden Schiffen aller Nationalitäten.
1. Der Kommandant
Berlin, 8. September 1939, 22.30 Uhr, Oberkommando der Kriegsmarine.
Im zweiten Stock im Westflügel des Gebäudes schob Kapitän zur See von Preuss einen größeren Aktenstapel auf die linke Seite seines alten, massiven Schreibtisches und schaute auf die 3 verbliebenen dünnen grauen Aktendeckel vor sich. Er fingerte sich eine neue Zigarette aus der grünen Packung „Eckstein“ vor sich, steckte diese in Brand und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, um die eben getroffene Entscheidung nochmals zu überdenken.
Nach einigen Minuten straffte er sich, drückte mit einer eckigen Bewegung den Stummel der Eckstein im überfüllten Ascher aus und griff zum Telefon. „Preuss, sagen Sie, Hälmer, ist der Admiral noch zu sprechen? Gut, dann melden Sie mich bitte an, ich komme sofort rüber.“
Wenige Minuten später stand von Preuss vor Vize-Admiral Scheidel.
„Ich danke Herrn Admiral, dass Herr Admiral mich noch so spät empfangen“, sagte von Preuss in strammer Haltung vor dem Schreibtisch des etwa gleichaltrigen Admirals stehend, „aber ich glaube, diese drei entsprechen den Vorstellungen des Herrn Admiral.“
„Nun lassen Sie mal, mein lieber Preuss“, entgegnete Admiral Scheidel, „ich fürchte, die Sache eilt wirklich, denn der Krieg lässt sich bekanntlich auch keine Zeit.“ Mit diesen Worten erhob sich der Mitt-Fünfziger hinter seinem Schreibtisch, der mit seinem fast weißen Haar, schmaler, kleinwüchsiger Statur und intelligentem Gesicht, mehr wie ein Gelehrter als ein Seeoffizier wirkte und deutete auf den Besuchersessel vor seinem fast spartanisch einfach wirkenden Schreibtisch.
Der Admiral lächelte, schob von Preuss die geöffnete Zigarettendose zu und meinte: „Wen haben wir denn da“, und blickte vielsagend auf die dünnen Aktendeckel in der rechten Hand des Kapitäns.
Von Preuss dankte nickend und nahm eine der von ihm zwar weniger geschätzten mit Filter und beeilte sich, dem Admiral Feuer zu geben. Als die Zigaretten brannten, rekapitulierte von Preuss aus den Personalakten.
„Tja mein Lieber“, meinte der Admiral, als sein 1. Stabsoffizier seinen Bericht beendet hatte, „gute Arbeit, mein Lieber. Aber von Ihnen ja auch nicht anders zu erwarten.“ Der Admiral streckte die Linke aus und nahm die drei Aktenhefter entgegen, blätterte diese seinerseits noch kurz durch und sagte: „Wirklich mein lieber Preuss, ganz ausgezeichnet, ich kann mich Ihren Vorschlägen nur anschließen, alle drei bestens geeignet als Kommandant eines Hilfskreuzers. Nur werden wir den guten Kapitän Schmid und wohl auch unseren gemeinsamen Crew-Kameraden Leusen wohl kaum ganz auf die Schnelle von ihren jetzigen Kommandos freistellen können. Bleibt also zur sofortigen Verwendung nur der junge Waldau.“
„Jawohl, Herr Admiral“, beeilte sich von Preuss seinem Admiral zuzustimmen. Der Admiral erhob sich. „Gut mein Lieber, veranlassen Sie alles weitere. Ich möchte den Waldau schnellstens hier sehen.“
Dietrich Waldau, 34-jähriger Korvetten-Kapitän der deutschen Kriegsmarine und z.Z. Kommandant des Zerstörers „Arndt Griepen“, hatte gerade sein Frühstück in der Küche des elterlichen Bauernhofes in Reher bei Plön beendet. Seine Mutter war noch im Kindbett verstorben, so dass er diese gar nicht gekannt hatte. Seinen Vater, Karl-Heinz Waldau, aktiver Seeoffizier des 1. Weltkrieges, schwer verwundet in der Skagerak-Schlacht auf dem Kreuzer „Frauenlob“, hatte es in den Wirren nach Beendigung des ersten Weltkrieges von der alten Heimat Bremerhaven, nach Schleswig-Holstein verschlagen, wo er seine zweite Frau Magda kennenlernte und 1920 heiratete. Kurz nach der Hochzeit starb der zu dieser Zeit bereits vom Tode gezeichnete Schwiegervater, so dass Karl-Heinz Waldau sich plötzlich gezwungen sah, den Bauernhof der Schwiegereltern zu übernehmen und selbst Bauer zu werden. Durch die Heirat mit Magda sah er sich glücklicherweise auch in die Lage versetzt, seinem Sohn endlich ein Zuhause zu bieten, der bisher die ersten Jahre seines Lebens bei den Großeltern in der Nähe von Emden aufwuchs und bis zur Hochzeit seines Vaters bei dessen Bruder Oskar und seiner Frau, einem Lehrerehepaar, in Bremen wohnte.
Dietrich Waldau, vom Vater, Großeltern und jetzt auch Stiefmutter Magda, die ihm eigentlich eine wirklich herzensgute Mutter geworden war, seit jeher „Didi“ genannt, war eigentlich ganz froh, trotz des Kriegsausbruches einige Tage unerwarteten Urlaub zu haben. Aber sein Schiff, der Zerstörer „Arndt Griepen“, war durch dringend erforderliche Überholung der Maschinen und Einbau zusätzlicher Flakbewaffnung in der Kriegsmarine-Werft Kiel für mindestens 10 Tage ausgefallen. Da er von Plön aus im Bedarfsfall jederzeit in weniger als zwei Stunden zu seinem Schiff zurückkehren konnte, bestand also keine Veranlassung, diese Möglichkeit nicht zum Besuch der Eltern zu nutzen, zumal sich hierbei auch die Gelegenheit ergab, der vom Vater wohl ererbten Jagdleidenschaft im elterlichen Revier zu frönen.
Dietrich Waldau war eigentlich mit Leib und Seele Seeoffizier. An der Küste aufgewachsen, hatte er sich bereits von frühester Jugend an für alles, was mit der Seefahrt zu tun hatte, sehr interessiert und natürlich auch mit größtem Eifer den Seekrieg 1914 bis 1918 verfolgt und im jugendlichen Unverständnis manchmal bedauert, hieran nicht aktiv teilnehmen zu können. Nach mittelprächtigem Abitur hatte er dann das große Glück, als Offiziersanwärter, trotz der großen Bewerberzahl, auf die wenigen freien Plätze, in die Reichsmarine aufgenommen zu werden.
Sein unbedingter Wille, Seeoffizier zu werden, ließ ihn auch alle Schleifereien und Ungerechtigkeiten auf dem Weg dorthin in Kauf nehmen, ohne „allzu dumm aufzufallen“, was damals manche angestrebte Offizierslaufbahn beendet hat, bevor die ersehnten Leutnantsstreifen in Empfang genommen werden konnten.
Da ihm in frühester Jugend bei den Großeltern und später auch bei Onkel und Tante, dem Lehrerehepaar in Bremen, eigentlich nie Ungerechtigkeiten widerfahren waren, geschweige denn, von Seiten seines Vaters, der ebenso wie sein Lehrerbruder, stets bemüht war, auch Dietrich zu einem ehrlichen, aufrechten aber auch nachdenklichen Menschen zu erziehen, der alle Ungerechtigkeiten verachtete und durchaus nicht bereit war, diese widerspruchslos hinzunehmen, fiel es ihm besonders schwer, insbesondere auch die zum Teil recht niederträchtigen und mit voller Absicht ungerechten Schleifereien der Unteroffiziere während der Grundausbildung – und zum Teil auch noch während der Kadettenausbildung auf einem Segelschulschiff, ohne Aufbegehren zu schlucken.
Mag sich der Leser selbst ein Urteil darüber bilden, ob grobe Ungerechtigkeit und bewusste Schikane der Unteroffiziere den Kadetten gegenüber, die immerhin künftige Seeoffiziere und damit Vorgesetze ihrer Ausbilder werden würden, der richtige Weg zum angestrebten Ziel gewesen sei? Hierbei mag jedoch berücksichtigt werden, dass es gerade in der – später als Großdeutschen Wehrmacht bezeichneten – Reichswehr allgemein und nicht desto weniger auch in der deutschen Kriegsmarine vorherrschend im Unteroffizierskorps die Auffassung gab, dass – Offiziere eine Art des Homo Sapiens seien, die ohnehin nur aufgrund der Fähigkeiten ihrer Unteroffiziere und Feldwebel überhaupt in die Lage versetzt seien, „lebensfähige Wesen“ zu sein.
Hier sei eine Episode aus der Schulschiffzeit des jungen Waldau geschildert:
Der Großsegler der deutschen Kriegsmarine lief – unter Segel, nachdem das Schiff – völlig ohne Benutzung der Hilfsmaschine – von Kiel auslaufend bis in den Pazifik und an die japanische Küste gelangt war in die Bucht von Yokohama ein. Das Segelschulschiff hatte nur noch Bramsegel und Klüver stehen und machte trotzdem aufgrund der günstigen Windverhältnisse immer noch eine Fahrt von etwa sieben Knoten. Dieses letzte Stück der langen Reise, unmittelbar vor dem Ankern, forderte Offizieren und Besatzung des Großseglers noch einmal alles seemännische Können ab, denn in diesem relativ schmalen und schwierigen Fahrwasser herrschte starker Verkehr von Schiffen aller Größen. Dazwischen wimmelten geradezu kleine Wasserfahrzeuge aller Art, wie Fischerboote und Dschunken, die sich einen Teufel um internationale Seerichtlinien wie Wasserstraßen- oder Schifffahrtsordnung scherten.
Am Abend des 24. Juni 1924 hatten Schiff und Besatzung dann endlich das Endziel der Ausbildungsreise erreicht. Das Schiff lag gegen den Strom vor Anker und es wurde „Klarschiff“ befohlen. Müde und erschöpft fielen Stammbesatzung und Seekadetten nach dem spätabendlichen „Backen und Banken“ in den wohlverdienten Schlaf.
Nachdem am Morgen des darauffolgenden Tages der offizielle Teil des Besuches – zumindest teilweise – durch Besuch des Hafenkapitäns, des deutschen Konsuls und anderer Honoratioren, abgewickelt war, bekam die erste Kadettendivision Gelegenheit zum Landgang in Gruppen á 12 Mann, jeweils begleitet von einem Unteroffizier.
Unter der letzten 12er Gruppe befand sich – alphabetisch verständlich – auch der Seekadett Waldau. Die gesamte Gruppe nahm in mustergültiger Haltung Aufstellung vor dem diensthabenden Obermaat Sonnenberg. Dieser musterte mit grimmigem Gesicht und dem ihm eigenen überheblichen Getue die Angetretenen: „Na, wollen mal sehen, ob man Euch überhaupt von Bord lassen kann, ohne die ganze Marine unsterblich zu blamieren.“ An Uniform und blankgewichsten Schuhen sowie peinlichst sauberer Rasur, fand Sonnenberg offensichtlich nichts auszusetzen und wandte sich nun, stets bemüht, doch noch das eine oder andere festzustellen, das ihm Gelegenheit gegeben hätte, einen Kadetten vom Landgang auszuschließen, den Feinheiten zu.
„Taschentücher“, brüllte Sonnenberg im besten Kommisston und nahm die Parade der ihm entgegengehaltenen grauen Marinetaschentücher ab. „Na, die Rotzlappen scheinen ja in Ordnung. Aber irgendetwas werden wir schon noch finden“, bei diesen Worten verzog sich sein Nussknackergesicht und er grinste impertinent, von seiner eigenen Wichtigkeit überzeugt. „Fingernägel“ Erneut schritt Sonnenberg das Häuflein der 12 Aufrechten ab. Auf seine Gesichtszüge malte sich bereits die Enttäuschung, da er nun beim besten Willen nichts auszusetzen fand. Aber da war ja noch der linke Flügelmann, Seekadett Waldau. Sonnenberg musterte dessen ihm entgegengestreckten Hände hingebungsvoll und ganz langsam überzog ein leichtes Grinsen seine Züge. War er doch noch fündig geworden. „Ja, was haben wir denn da? Haben Sie mit diesen Flossen etwa gerade Ihre Großmutter beerdigt? Sie haben ja Flossen wie ein Totengräber, dem die Schaufel geklaut wurde.“
Waldau straffte sich. „Bitte Herrn Obermaat melden zu dürfen …“, setzte Waldau an, wurde aber sofort in gebührender Lautstärke von Sonnenberg unterbrochen. „Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass das unter Ihrem rechten Daumennagel keine Schuhwichse ist? Die Portion reicht ja aus, um eine ganze Korporalschaft als Neger zu tarnen. Ist ja glatte Verschwendung von Ausrüstungsgütern.“
Waldau wusste, es war gelaufen. Dennoch unternahm er einen neuen Versuch. „Bitte Herrn Obermaat melden zu dürfen, es handelt sich um schwarze Farbe.“ „Hähähähä“, meckerte Obermaat Sonnenberg wie ein prämierter Ziegenbock, „nun sagen Sie bloß noch, Sie Anstreicher, man hat Ihnen befohlen, die Fingernägel schwarz zu malen.“ Waldau versuchte vergeblich, dem gefürchteten Ausbilder darzulegen, dass es zu dieser erheblichen Verunreinigung unter seinem rechtem Daumennagel von immerhin fast der Größe eines Stecknadelkopfes beim Pönen der Ankerkette gekommen war, wusste aber selbst genau, dass er sagen konnte, was er wolle. Sonnenberg hatte halt sein Opfer gefunden. So kam es, wie es kommen musste. „Wenn Sie Saulappen schon die kostbare Farbe auf Ihren Dreckspfoten, statt auf der Kette, verteilen und dann noch zu faul sind, sich die Flossen richtig zu waschen, dann müssen Sie eben warten, bis der Nagel ausgewachsen ist. So kommen Sie jedenfalls nicht von Bord. Und in der Zwischenzeit werden Sie sich mal sinnvoll betätigen und mal lernen, was Reinigen heißt, Sie Drecksau“, schnarrte der Obermaat. „Sie melden sich in genau sechs Minuten beim Maat Kleensang zwecks Reinigung der Mannschaftslatrine – aber mit der Zahnbürste – Sie Schnarchlappen.“
Was blieb Didi also anderes übrig, als ein ergebenes „Jawohl, Herr Obermaat“, zu schmettern und dem Befehl nachzukommen?
Kleensang stand seinem Vorbild und Vorgesetzten Sonnenberg schließlich in nichts nach und sorgte dafür, dass Waldau inbrünstig mit seiner Zahnbürste fast sechs Stunden lang in der Mannschaftslatrine sich als Saubermann betätigen durfte.
Es soll nicht verschwiegen werden, dass Waldaus Rache fürchterlich war. Bekanntlich gleichen sich bei der Marine die Zahnbürsten wie ein Ei dem anderen. So besteht auch kein Unterschied zwischen der Zahnbürste eines allgewaltigen Ausbilders und der eines Seekadetten. Nach getaner Arbeit und durchaus nicht allzu intensiver Reinigung des Arbeitsgerätes vertauschte er, mit satanischer Schadensfreude, seinen Gebissreiniger mit dem des verehrten Obermaats. Es ist nie bekannt geworden, ob dieser sich von da an mit noch mehr Inbrunst der Pflege seines Gebisses gewidmet hat, weil vielleicht die Zahnpasta plötzlich einen angenehmen Beigeschmack hatte?
Didi Waldau schulterte also – nach vollendetem Frühstück – die Doppelflinte, nachdem er sich noch einige 16er Schrotpatronen in die rechte Seitentasche seiner Lodenjacke gesteckt hatte, pfiff seinem Jagdhund Jockl, einem Deutschdrahthaarrüden, und wollte die elterlichen 3 Fischteiche visitieren, um evtl. die eine oder andere Ente zur Bereicherung des Abendessens zu erbeuten. Voller Jagdpassion sprang Jockl freudig an ihm hoch. Herr und Hund wollten gerade den elterlichen Hof verlassen, da sah Waldau den Landbriefträger, Herrn Ploog, auf seinem Dienstfahrrad herannahen und in die Hofeinfahrt einbiegen. Er verhielt erwartungsvoll, sehr zum Unmut seines auf ganz andere Aktivitäten hoffenden Hundes.
„Na, Herr Ploog, nun sagen Sie bloß nicht, Sie haben etwas für mich“, grinste Waldau den ihm seit Jahren bekannten Landbriefträger an. „Jawohl Herr Korvettenkaptän“, entgegnete Landbriefträger Ploog und nahm unwillkürlich Haltung an, „sogar ein Telegram.“ Er übereichte Waldau dieses mit wichtiger Geste. „Sogar vom OKM.“
Waldau bedankte sich, bot dem örtlichen Postgewaltigen noch eine Zigarette an und pfiff seinem vierbeinigen Jagdgefährten, der sich bereits Richtung Wald etwas über Gebühr weit entfernt hatte. Der Hund kam – zwar etwas widerwillig – aber immerhin, er kam und Waldau öffnete das Telegramm. Der Text lautete: „Sofort in Marsch setzen. Stopp. OKM, Kaptän z.S. von Preuss melden. Stopp. OKM Abt. A III..” Waldau faltete nachdenklich das Telegramm und schob es in die Brusttasche seines Jagdhemdes, streichelte seinen Hund und meinte,
„Jockl, tut mir leid, Alter, wird nichts mit der Entenjagd. Nimm’s nicht so schwer, Kamerad.“
Herr und Hund gingen in Haus zurück, wo sie bereits von den Eltern, die das Zwischenspiel auf dem Hofplatz durch das Fenster verfolgt hatten, erwartet wurden. „Was ist, Junge“, fragte der Vater. „Schlechte Nachricht“? „Wie man’s nimmt“, meinte Waldau jr. und reichte seinem Vater das Telegramm. „Zumindest wird es Jockl bedauern, da aus der Jagd wohl nichts mehr wird. Ich muss wohl sofort nach Berlin. Ich ziehe mich um. Seid bitte so nett, und stellt mir die schnellste Verbindung nach Kiel fest.“
Am späten Vormittag des darauffolgenden Tages lief der D 312 in Berlin ein. Korvetten-Kapitän Waldau prüfte noch kurz im spiegelnden Glas den korrekten Sitz der Uniformmütze und bestieg eines der vor dem Bahnhof wartenden Taxis. Da die Züge noch fast friedensmäßig verkehrten, nur unter den Fahrgästen waren mehr Uniformierte festzustellen, hatte Waldau die Reise schnell und eigentlich recht erholsam hinter sich gebracht, nachdem er zuvor in Kiel noch sein Köfferchen gepackt und erforderliche Formalitäten erledigt hatte. Natürlich hatte ihn während der ganzen Zeit vornehmlich die Frage beschäftigt, was ihn beim Oberkommando der Marine erwarten würde? Da er sich nicht bewusst war, irgendwelche „Bolzen“ gedreht zu haben und diese auch allgemein auf weit unterer Ebene abgehandelt wurden, konnte es sich also nur um eine Sache von wirklich herausragender Bedeutung handeln. Vielleicht auch ein neues Kommando, aber welches? Schließlich befasste sich hiermit auch üblicherweise nicht die oberste Marineführung. Nun, wie dem auch sei, er würde es ja bald wissen.
Kurz vor 12.00 Uhr hielt der schwarze Opel und Waldau entlohnte den Fahrer, griff sich seinen Koffer und strebte gemessenen Schrittes auf den Eingang zu. An den salutierenden Posten vorbei betrat der Korvettenkapitän das Gebäude und gelangte schließlich – mit Hilfe eines beflissenen Oberleutnants zur See, der ihm auch sein Köfferchen abnahm, bis zum Vorzimmer der Abteilung A III. Dort wurde er zunächst in eine Art Vorzimmer, in dem ein jüngerer Kapitänleutnant sowie zwei Schreibkräfte geschäftigt wirkten, geführt. Nach einigen Minuten, die sich für Waldau wie Ewigkeiten dehnten, öffnete sich die große Doppeltür und mehrere Offiziere verließen den dahinterliegenden Raum. Der Kapitänleutnant erhob sich und verkündete Waldau, ihn jetzt beim Herrn Kapitän anzumelden. Wenige Augenblicke später erschien der Vorzimmerkrieger und bedeutete dem Korvettenkapitän ihm zu folgen. „Korvettenkapitän Waldau, Herr Kaptän“, meldete der Kaleu und Waldau beeilte sich zu melden, „Korvettenkapitän Waldau wie befohlen zur Stelle, Herr Kaptän.“
Kapitän zur See von Preuss hatte sich bereits erhoben, dankte für die Meldung und wies zu einer kleinen ledernen Sitzgruppe linker Hand seines Schreibtisches. Die Offiziere setzten sich, wobei Waldau genau auf eine Karte des Nordatlantiks blickte, die einen Großteil der ihm gegenüberliegenden Wand einnahm. Erwartungsvoll blickte er den vorgesetzten Offizier an, der ihn seinerseits noch einmal kritisch musterte.
„Ganz ehrlich, Herr Waldau, eigentlich hatte ich Sie frühestens morgen erwartet“, meinte der Kapitän jovial und bedeutete dem Jüngeren, sich der auf dem Tisch befindlichen Rauchwaren zu bedienen. Waldau griff zur Zigarette, ließ das massive Tischfeuerzeug aufschnappen und entzündete sein Stäbchen.
„Ja, nun sagen Sie einmal, Herr Waldau, konnten Sie denn die Dienstgeschäfte so zügig abwickeln?“ Waldau beeilte sich, die Frage des Kapitäns zu beantworten, „Jawohl; Herr Kaptän, ich bin sofort nach Erhalt des Telegramms auf die „Griepen“ zurückgekehrt, die – wie Herrn Kaptän sicherlich bekannt – ja leider für eine Reparaturdauer von noch mindestens einer Woche ausfallen wird und habe daran anschließend sofort die erforderlichen Gespräche mit dem Inspektor der Werft geführt und alle weiteren Arbeiten meinem IO sowie dem LI übertragen.“ Auf den etwas skeptischen Blick seines gegenüber beeilte sich Waldau hinzuzufügen. „ich bin sicher Herr Kaptän, da ich mich voll und ganz darauf verlassen kann, dass diese beiden alles Erdenkliche tun werden, das Schiff schnellstens wieder einsatzfähig melden zu können. Auch der Wertinspektor hat dieses ausdrücklich zugesichert.“
„Sehr schön“, entgegnete der Ältere, „nach allem, was sich aus Ihrem bisherigen Werdegang bei der grauen Dampferkompanie gemäß Ihrer Personalakte herauslesen lässt, besteht für mich auch kein Zweifel, dass Sie Schiff und Besatzung voll im Griff haben – was wohl bei dem Boot und seiner anfälligen Turbinenanlage – gar nicht immer einfach für Sie und Ihren LI gewesen sein wird.“
„Aber das wird ja jetzt für Sie bald Vergangenheit sein, denn wir …“, hier brach von Preuss ab, um fortzufahren, „aber sagen Sie, lieber Waldau, Sie müssen ja Stunden unterwegs sein; haben Sie überhaupt Gelegenheit gehabt, noch zu essen?“ „Nein, Herr Kaptän, aber darauf wird es sicherl…“ Hier wurde er von seinem Gegenüber unterbrochen: „Nee, nee, lassen Sie mal, mit knurrendem Magen redet es sich schlecht.“ Der Kapitän erhob sich, wandte sich Richtung des auf dem Schreibtisch befindlichen Telefons, überlegte es sich dann aber offensichtlich anders und verließ kurz den Raum. Durch die schalldichte Tür konnte Waldau nicht vernehmen, was im Vorzimmer gesprochen wurde, aber wenige Augenblicke später kehrte Kapitän zur See von Preuss zurück und nahm wieder Platz.
„Ich habe uns erst einmal einen kleine Imbiss geordert. Aber wollen wir zur Sache kommen.“ Gespannt sah Waldau auf.
„Tja, mein lieber Korvettenkapitän, Sie sollen an beste deutsche Marinetradition aus dem Weltkrieg anknüpfen“, verkündete ihm der Kapitän, machte eine kleine Kunstpause, die Waldaus Spannung fast ins Unerträgliche steigerte, „Sie sollen einen Hilfskreuzer übernehmen.“
Ob dieser – in kühnsten Träumen nicht erwarteten – Eröffnung konnte es der junge Seeoffizier nicht verhindern, dass sein, ihn ob seiner Reaktion genau musternder Gegenüber sich veranlasst sah, leise zu schmunzeln.
„Doch, doch, mein lieber Herr Waldau, der Planungsstab – und auch der Admiral – ist sich sicher, Sie sind der richtige Mann, für diese schwere Aufgabe; aber irgendwie wohl doch das schönste Kommando, das ein aktiver Seeoffizier und bewährter Kommandant – zumindest meiner Meinung nach – sich in der jetzigen Situation nur wünschen kann“, beendete der Stabsoffizier seine Eröffnung und blickte Waldau erwartungsvoll an.
Dieser fasste sich mühsam. Zu überwältigend war für ihn das in Aussicht gestellte Kommando. Hatte er doch in der Vergangenheit träumerisch immer wieder sich bis ins Einzelne ausgemalt, welche Möglichkeiten ein derartiges Kommando – weitgehend auf sich selbst gestellt und nur seinen eigenen Entscheidungen unterworfen – sich einem guten Taktiker hier eröffneten. Unwillkürlich musste er an den Grafen Luckner denken, der im Weltkrieg als Kommandant eines zum Hilfskreuzer umfunktionierten Großseglers, Seekriegsgeschichte geschrieben hatte.
Aus diesem Gedanken riss ihn ein Klopfen an der Tür in die Wirklichkeit zurück. Der Imbiss wurde von einer der ihm im Vorzimmer bereits aufgefallenen Schreibkräfte serviert. Während die Offiziere aßen und sich die belegten Brote und den starken, schwarzen Kaffe schmecken ließen, kam der Kapitän auf weitere Einzelheiten zu sprechen. Waldau erfuhr, dass das Motorfrachtschiff „Katarina Horn“ der Hamburger Reederei Gebrüder Horn bereits am 02. September 1939, gerade zurückgekehrt von seiner weiten Reise an die Westküste der Vereinigten Staaten von Amerika, von der Kriegsmarine übernommen worden war, um als Hilfskreuzer ausgerüstet zu werden. Es handelte sich hierbei um ein erst im Frühjahr 1939 in Dienst gestelltes Motorfrachtschiff von 8806 brt (Bruttoregistertonnen) mit folgenden technischen Daten: Länge 164,2 Meter, Breite 20,2 Meter, Tiefgang 8,5 Meter, Maschinenleistung 17000 PS, Geschwindigkeit 19 kn (Knoten).Für das Schiff war eine Bewaffnung von 6 x 15-Zentimeter-Geschützen, 4 x 3,7-Zentimeter-Flak in zwei Doppellafetten, 8 x 2-Zentimeter-Flak in Doppellafetten sowie 6 x 53,3-Zentimeter Torpedorohre in Dreiersätzen und 2 x 53,3-Zentimeter-Unterwassertorpedorohre vorgesehen. Zusätzlich sollte das Schiff ca. 100 Minen übernehmen und mit 2 Bordflugzeugen Arado 196 A-I sowie einem leichten Minenschnellboot ausgerüstet werden. Der neue Hilfskreuzer versprach also von der Bewaffnung her eine durchaus kampfkräftige Einheit zu werden, natürlich mit dem unabdingbaren Handicap aller Hilfskreuzer behaftet, eben über keinerlei Panzerung zu verfügen, sondern für gegnerische Granaten genauso anfällig zu bleiben, wie jedes normale Handelsschiff.
Die Besatzung sollte nach der Planung der SKL 402 Mann betragen. Zusätzlich sollten 8 Prisen-Offiziere, hierbei handelte es sich im Regelfalle um Handelsschiffskapitäne und –Offiziere, die mit dem Patent eines Kapitäns auf großer Fahrt ausgestattet waren, die als Leutnant (S), von der Kriegsmarine übernommen worden waren. Aufgabe dieser Prisenoffiziere sollte es sein, relativ unbeschädigt aufgebrachte Handelsschiffe des Gegners zu führen, die vom Zustand des Schiffes her, seinem Treibstoffvorrat und insbesondere auch des Wertes der Ladung, geeignet erschienen, mit deutscher Besatzung versehen, den Durchbruch in einen deutschen Hafen wagen zu können.
Zwischenzeitlich hatten die Seeoffiziere ihren Imbiss beendet und – nach einem Blick auf seine Armbanduhr – meinte Kapitän zur See von Preuss, „so mein Lieber, jetzt wissen Sie, was Sie erwartet.“ Der kleine untersetzte Kapitän zur See warf einen erneuten Blick auf seine Armbanduhr und verkündete Waldau, es sei jetzt an der Zeit, ihn dem Admiral vorzustellen, wo sie beide um 14.00 Uhr sich einzufinden hätten. Die Offiziere erhoben sich, wobei deutlich wurde, dass der kräftige, großgewachsene Waldau mit seinem Gardemaß von 1,84 Metern seinen Vorgesetzten um mehr als Kopflänge überragte.
Nachdem Kapitän zur See von Preuss und Korvettenkapitän Waldau sich beim Admiral, der etwa gleichgroß wie sein Stabschef war, aber noch wesentlich graziler, fast feminin wirkte, gemeldet hatten, lud auch dieser seine Untergebenen ein, Platz zu nehmen und deutete auf die bereits gefüllten Weinbrandgläser sowie die griffbereit liegenden Tabakwaren. Ohne einleitende Floskeln kam Admiral Scheidel zur Sache. „Nachdem Herr Kapitän von Preuss Sie, Herr Korvettenkapitän Waldau, in groben Zügen informiert hat, möchte ich Ihnen noch einige weitere Einzelheiten bekannt geben.“
Waldau erfuhr, dass – der Admiral erwähnte, er habe erst in den frühen Morgenstunden dieses Tages die entsprechende Zusicherung erhalten – das der Hilfskreuzer mit einem Funkmessortungsgerät – einem sogenannten Dete-Gerät – ausgerüstet werden würde, das der Schiffsführung auch bei Nacht und Nebel die Möglichkeit gab, andere Schiffe außer Sichtweite zu orten. Bei dem Dete-Gerät handelte es sich um den Vorläufer der Radargeräte. Dete-Gerät bedeutete Deutsches Technisches Gerät und bestand äußerlich sichtbar aus der am Mast befindlichen Dete-Haube, einer matratzenähnlichen Antennenanlage. Es handelte sich hierbei um ein Gerät, das damals noch strengsten Geheimhaltungsvorschriften unterlag. Das Mess-System beruhte auf dem Grundgedanken, ausgestrahlte Funkwellen, ähnlich wie beim Echolot, wieder aufzufangen, wenn sie auf ein Ziel stoßen und von diesem zurückgeworfen werden. Nach anfänglichen Versuchen auf 50 Zentimeter-Wellen, die jedoch schlechte Ergebnisse brachten, erzielte dieses Gerät im Dezimalbereich beachtliche Erfolge. Die zunächst ausschließlich auf den schweren Einheiten der Kriegsmarine installierten Funkmessgeräte arbeiteten zwischen 80 und 150 Zentimeter. Das Gerät lieferte hervorragende Entfernungsmessungen, nur die Genauigkeit nach beiden Seiten reichte bisher noch nicht aus, um dieses Gerät beispielsweise auch als Zielgerät für die Artillerie effektiv zu nutzen.
„Herr Korvettenkaptän Waldau“, eröffnete der Admiral dem zukünftigen Hilfskreuzer-Kommandanten, „Sie sind nun ziemlich genau darüber informiert, welches Schiff Sie künftig – hoffentlich mit dem gewünschten Erfolg – führen sollen. Es war Ihnen bereits anzumerken, dass Ihnen – einfach ausgedrückt – einiges nicht schmeckt.“
„Jawohl, Herr Admiral, mich stören die Minen“, antwortete Waldau und nahm, soweit möglich, auch im Sitzen korrekte Haltung an. „Tja, Korvettenkapitän Waldau, hierüber ist nicht zu verhandeln. Die SKL verspricht sich gerade von dem Mineneinsatz des ersten Hilfskreuzers sehr viel. Näheres, werden Sie den Ihnen bei Ausfahrt zu übergebenden schriftlichen Befehlen entnehmen können. Hierüber zu reden ist noch zu früh“, beschloss Admiral Scheidel diesen Punkt. „Aber“, fuhr der Admiral fort, „um Ihnen entgegen zu kommen, und wohl auch, da bekanntermaßen Kommandant, Offiziere und Besatzung eine wirkliche Einheit bilden müssen, gibt Ihnen die SKL Gelegenheit, Ihre Besatzung weitgehend selbst zusammenzustellen. Dieserhalb werden Sie nähere Anweisungen vom Admiral der Marinedienststelle Hamburg empfangen. Weitere Fragen?“ Waldau entgegnete, „Jawohl, Herr Admiral, besteht die Möglichkeit, die Bordflugzeuge per Katapult zu starten“?
„Herr Korvettenkapitän Waldau, antwortete der Admiral Scheidel, „Sie werden zunächst ohnehin das Schiff genauer anschauen und dann Gelegenheit haben, ausrüstungsmäßige Vorschläge – genau wie im Hinblick auf Offiziere und Besatzung – noch näher vorzutragen. Ihre Marschbefehle sind ausgefertigt.“
Damit war Waldaus erster Besuch bei der SKL in Berlin beendet.
2. Ein Frachter wird zum Kriegsschiff
Wenige Tage später, Montag, den 11. September 1939, stand der Korvettenkapitän auf Oberdeck des von ihm künftig zu führenden Schiffes. Die Umbauarbeiten in Dock 3 der Hamburger Kriegsmarinewerft waren in vollem Gange. Die Laderäume 4 und 6 waren bereits zu Mannschaftsquartieren umgerüstet und auch die Laderäume 9, 10 und 12 zur Aufnahme erwarteter künftiger Kriegsgefangener bzw. Internierten bestens vorbereitet. Unter anderem war dafür Sorge getragen, dass diese Räume über ausreichende sanitäre Anlagen verfügten und auch Männlein und Weiblein – für letztere waren selbstverständlich wesentlich kleinere Räumlichkeiten vorgesehen – getrennt werden konnten. Die schwere Artillerie – 6 x 15-Zentimeter Kanonen, die von einem alten Linienschiff stammten, waren bereits installiert und zwar die Geschütze 1 und 2 in versenkbaren Luken im Bereich der vorderen Laderäume, die Geschütze 3 und 4 seitlich vor den Brückenaufgängen, die sich am Ende des ersten Schiffs-Drittels erhob, so wie das 5. Geschütz in einem der hinteren Laderäume, ebenfalls versenkbar, eingebaut. Geschütz 6 befand sich auf dem Achterdeck. Das letzte Geschütz stand noch frei und sollte später im Bedarfsfalle durch eine imitierte Decksladung getarnt werden. Ebenso waren bereits die beiden Unterwassertorpedorohre im Bug des Schiffes, nach vorn gerichtet, installiert. Die beiden Drillingstorpedosätze sollten kurz hinter der Brücke mittschiffs, durch imitierte Decksladung getarnt, aufgestellt werden. Zurzeit war die Werft damit beschäftigt, die Minenräume auf dem Achterschiff herzurichten. Dem Gewimmel der emsig wirkenden mehr als 200 Werftarbeiter und Ingenieure entging der Kommandant dadurch, dass er sich zunächst mit der Aufstellung seiner künftigen Besatzung beschäftigte. Die SKL und auch der Admiral der Marinedienststelle Hamburg hatten ihm – anlässlich eines persönlichen Gesprächs am Vortrag alle Unterstützung und weitgehende eigene Auswahl bei der Zusammenstellung seiner künftigen Besatzung zugesagt. Besonders glücklich war Waldau, dass ihm sein ehemaliger Crew-Kamerad, Bodo Graf v. Terra, als 1. Offizier genehmigt wurde. Ebenso gelang es ihm, Oberleutnant z. S. Carstens, seinen ehemaligen Torpedooffizier des Zerstörers „Griepen“ für das neue Kommando überstellt zu erhalten. Bezüglich des leitenden Ingenieurs gelang es Waldau nach zähem Ringen mit der SKL schließlich durchzusetzen, dass der ehemalige Leitende des Frachters in der Kriegsmarine mit dem Reservistendienstgrad eines Oberleutnant (Ing.), übernommen wurde. Waldau ließ sich hierbei von dem Gedanken leiten, dass dieser von der Ausrüstung des Schiffes an – über Werftprobefahrten bis zur Ablieferung des Schiffes an die Reederei – die Maschinen betreut hatte, mit Sicherheit am besten über alle „Nucken“ informiert sei und somit auch für den künftigen Hilfskreuzer von unabschätzbarem Wert wäre. In Anbetracht der durch Kriegsausbruch ohnehin abgekürzten Bürokratie wurde auch dieses schließlich möglich gemacht.
Außerdem machte sich Waldau, nachdem er über die gesamte künftige Situation tagelang gebrütet hatte, verständlicherweise auch erhebliche Sorgen über die künftige ärztliche Versorgung an Bord. Hierbei musste er berücksichtigen, dass ja weder er, noch die SKL auch nur annähernd vorhersagen konnten, wie lang die bevorstehende Feindfahrt dauern würde? Von wenigen Wochen bis zu ca. einem Jahr mussten schließlich alle Eventualitäten einkalkuliert werden. So gelang es ihm schließlich als leitenden Arzt einen Oberstabsarzt der Kriegsmarine (KM), einen erprobten Internisten, der bereits mehrere längere Ausbildungsfahrten auf Schulschiffen der Reichsmarine und späteren Kriegsmarine absolviert hatte, so wie einen jüngeren gerade erst zum Marineassistenzarzt, beförderten Chirurgen, zu erhalten. Besonderes Augenmerk legte der, an der übernommenen Aufgabe sichtlich auch menschlich wachsende künftige Hilfskreuzerkommandant, auch darauf, einen hervorragenden „Schiffskoch“, Smutje genannt, zu bekommen. Nur mit dankenswerter Weise selbstlos gewährter Unterstützung der Marinedienststelle Hamburg gelang es ihm, den Kochobermaat des dortigen Offizierskasino „abzuwerben.“ Hierbei berücksichtige Waldau vorausschauend, dass Hein Seemann’s Liebe bekanntlich auch durch den Magen geht und gerade auf übermäßig langer zu erwartender Feindfahrt, der künftige Koch sehr viel dazu beitragen könnte, durch abwechslungsreichen Speisefahrplan zwangsläufig zu erwartende Missstimmung zu dämpfen.
Abgesehen von der Auswahl seiner Offiziere, sowohl des seemännischen, wie auch des technischen und medizinischen Bereiches, verwandte Waldau auch sehr viel Zeit darauf, Unteroffiziere und Mannschaftsdienstgrade nach bestimmten Kriterien auszuwählen. Schließlich mussten diese geeignet sein, sehr lange der Heimat fern zu bleiben und evtl. lediglich das Schiff unter den Füssen zu haben und ansonsten vielleicht nur Wasser zu sehen. Besondere Anforderungen war also außer einer soldatischen und fachlichen Qualifikation auch im Hinblick auf die menschliche und vor allem auch psychische und physische Leistungsfähigkeit zu richten. Hierbei musste Waldau bedenken, dass das Zusammenleben in größeren Gruppen auf engstem Raum, ohne weitere Abwechslung, Zerstreuung, familiäre Bindung, nicht zuletzt auch der Möglichkeit des Kontaktes zum anderen Geschlecht, erfahrungsgemäß Zündstoff für Streitigkeiten bieten würde- und das selbstverständlich auch bei an und für sich im Grunde eher friedlichen und ausgeglichenen Menschen. Auch hieran mag man ermessen, wie viele Einzelheiten über das rein seemännische und soldatische hinaus der Kommandant eines Kriegsschiffes insbesondere eines für den Langzeiteinsatz vorgesehenen Hilfskreuzers, bei der Auswahl seiner Besatzung zu bedenken hatte.
Hier sei nur eine Episode genannt:
Von der ursprünglich vorgesehen Besatzung des Schiffes ist nach Waldaus Auswahl nicht viel übrig geblieben. Die Personalstelle war anscheinend der Meinung, auf den Hilfskreuzer ihre missliebigen Leute abschieben zu können – „in der Vergangenheit unliebsam Aufgefallene, Faulsäcke und sonstige Schnarchlappen“, mit einem Wort, alles, was in der Vergangenheit den Vorgesetzen Ärger bereitet hatte. Diese machte der Kommandant aber nicht mit.
Es ist ein kühler, wenn auch gleich, sonniger, Spätseptembertag, Donnerstag, der 28.09.1939, als der Kommandant die für seine künftige Besatzung vorgesehen Seeleute musterte. Der Korvettenkapitän geht die Front der angetretenen Seesoldaten ab und spricht mit jedem einzelnen Mann: Name, Zivilberuf, Familienverhältnisse und Herkommen, aktiv oder Reservist, welche bisherigen Kommandos, verheiratet, Geschwister, Stand der Eltern und dergleichen? Hierbei nimmt er wenig Rücksicht auf die ihm unter den Nägeln brennende Zeit. Dafür ist hier nicht der richtige Zeitpunkt. Mit seiner Besatzung soll er schließlich, evtl. ein Jahr, vielleicht sogar noch wesentlich länger, zusammen auf Feindfahrt gehen. Wenn er jetzt nicht ziemlich genau die Spreu vom Weizen sondert, würde er später, evtl. durch die Unzulänglichkeiten eines Einzelnen, sogar das Leben und die Gesundheit seiner Leute oder etwa gar das ganze Schiff aufs Spiel setzen.
Und genau dieses berücksichtigt er in seiner Fragestellung: „Name?“
„Matrosengefreiter Scholz, Herr Kaptän.“
„Wie lange dabei?“
„Knapp fünf Jahre, Herr Kaptän.“
„Wieso dann immer noch Matrosengefreiter?“
„Kommandant und Offiziere mochten mich nicht, Herr Kaptän.“
„Abtreten!“
Nur so konnte Waldau reagieren. Soldaten, die sich mit ihren Vorgesetzen nicht verstanden, waren bestimmt das Gegenteil von dem, was er sich für seine Besatzung wünschte.
Von 286 angetretenen Seesoldaten übernimmt er gerade 192 für sein Kommando. Nach der Musterung lässt er gegenüber dem vergeblich protestierenden Personalreferenten durchblicken, dass er entsetzt sei, dass man ihm hier lauter „unliebsame Elemente“ unterschieben möchte.
In diesem Sinne wendet sich der Kommandant sowohl an SKL als auch die Marinedienststelle Hamburg, der er für die Dauer der Personalauslese und Ausrüstung seines Schiffes unterstellt ist, und lässt anklingen, dass er auf diese Weise unmöglich binnen zwei Monaten seine Besatzung zusammen haben könne. Der Kommandant stellt weiter fest, dass er besonderen Wert auf Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaft lege, die bereits Auslandsfahrten auf Auslandskreuzern, Segelschulschiffen oder auch während des spanischen Bürgerkrieges auf den dort eingesetzten Panzerschiffen und Kreuzern hinter sich haben. Bei dieser Gelegenheit bemerkt Waldau gegenüber dem Personalgewaltigen der Marine, dass er selbst, seinerzeit als II.AO auf einem Panzerschiff am Spanien-Intermezzo der Marine teilgenommen habe und sich auch noch sehr gut daran erinnere, wie viele Tote das Panzerschiff „Deutschland“, als dieses von rotspanischen Flugzeugen in Folge einer Verwechslung mit einem nationalspanischen Kreuzer schwere Bombentreffer hatte hinnehmen müssen.
„Solche Leute, die bereits etwas mitgemacht haben, benötige ich“, verschafft sich der Kommandant dem Verwaltungsbeamten für Personalangelegenheiten der Marine gegenüber Geltung, „und nicht die schrägen Typen, die Sie mir hier zum Teil unterschieben wollen.“
Seine letzten fehlenden, noch über 100 Männer der Besatzung, musste der Kommandant schließlich aus der Schiff-Stammabteilung in Gotenhafen rekrutieren.
Endlich steht zumindest die vorläufige Besatzung ihrer gedachten Sollstärke nach. Zwischenzeitlich ist auch der Umbau des Schiffes – vom Frachter zum Hilfskreuzer – beendet. Alle Waffen sowie Feuerleitanlagen, Munitionskammern und –aufzüge und dergleichen sind eingebaut. Laderäume wurden zu Mannschaftswohnräumen, Gefangenräume und Messen ausgebaut. Zwei leistungsstarke zusätzliche Kraftwerke wurden installiert, da die bisherigen Anlagen zwar für ein Frachtschiff voll und ganz ausreichten, für ein Kriegsschiff aber bei weitem nicht genug „Saft“ lieferten, um den erheblichen Energiebedarf für die komplizierten Waffensysteme zu erzeugen. Zusätzlich war eine Generalüberholung der Maschinenanlage vorgenommen und sämtliche Navigationsmittel kriegsmäßig ergänzt worden. Außerdem verfügte das Schiff nunmehr über ein leistungsfähiges eigenes Lazarett mit vorgesehenen 18 Betten, einem Operationsraum sowie einem Zahnbehandlungsstuhl und alle hierfür vorgesehene Ausrüstung.
Leider war es Waldau nicht gelungen, der SKL praktikable und machbare Vorschläge zum Einbau einer Katapultanlage zum Start des Bordflugzeuges zu unterbreiten. Die Bordflugzeuge würden also künftig per Kran ausgesetzt und auf dem Wasser starten müssen. Die Landung der Bordflugzeuge musste ohnehin auf dem Wasser erfolgen. Schließlich war ein Hilfskreuzer kein Flugzeugträger. In der Rekordzeit von weniger als zwei Monaten konnte Waldau am 03.November 1939, dem Tag des deutsch-sowjetischen Abkommens über die Umsiedlung der Volksdeutschen aus der Westukraine in den Wartegau, der SKL sein Schiff seeklar melden.
3. Erprobung in der Ostsee
– Probleme über Probleme –
Das nunmehr kriegsmäßig ausgerüstete Schiff, getarnt als Marinehilfsschiff „Großenbrode“, läuft nunmehr durch den Kaiser-Wilhelm-Kanal in die Ostsee. Nachdem das Schiff die Kanaldurchfahrt mit Lotsenhilfe durchführen musste, verlässt der Lotse in Kiel-Holtenau das Schiff. Waffen und sonstige Ausrüstungen waren hervorragend getarnt, so dass der Zivil-Lotse diese gar nicht zur Kenntnis genommen hat. Er mag sich zwar über die hervorragende nautische Ausrüstung des Schiffes auf der Brücke etwas gewundert haben, ließ sich dieses aber nicht anmerken. Vielleicht nahm er diese auch für ein Hilfskriegsschiff als selbstverständlich an. Die Mannschaft blieb zum größten Teil unter Deck, so dass er sich auch über eine unverhältnismäßige Mannschaftsstärke nicht wundern brauchte. Nach Absetzen des Lotsen ging es weiter durch die Kieler Förde in die freie Ostsee. Hier war im sogenannten „Schießgebiet“ alles für die Erprobung der Waffen vorgesehen.
Am Mittwoch, dem 08. November 1939, stand der Hilfskreuzer, weit außer Landsicht, in der Mitte der westlichen Ostsee und es stand zunächst die Erprobung der Flakwaffen auf dem Programm. Geschossen wurde mit den 3,7 bzw. 2-Zentimeter Flakwaffen auf, von Heinkel-Flugzeugen geschleppte, Ballone, die an einer Schlepptrosse von ca. 500 Metern von den Flugzeugen nachgezogen wurden. Während dieser zwei Tage dauernden Übungen wurde – nach zunächst mehr als mangelhaften Ergebnissen – schließlich ein durchaus brauchbares Resultat erzielt und der Kommandant zeigte sich mit der unter dem Kommando des II. AO stehenden Flakpersonals zufrieden. Am Abend des 9. November 1939 – nach Eintritt der Dunkelheit – wurde mittels Hilfe der relativ starken Scheinwerferanlage des Schiffes, die die Zielkörper anleuchtete, geschossen, war die Erprobung der Flakwaffen beendet. Am Abend in den 20.00 Uhr Nachrichten des Großdeutschen Rundfunks erfolgte, von der Besatzung größtenteils mit Bestürzung aufgenommen, die Meldung dass ein Attentat auf den Führer des Großdeutschen Reiches, Adolf Hitler, nach seiner Rede im Münchener Bürgerbräukeller mittels Sprengstoffes fehlgeschlagen sei. Der Kommandant nahm dieses zum Anlass, am darauffolgenden Tage, dem 10.11.1939, vor Beginn des vorgesehen Gefechtsschießens der schweren Batterie, der auf dem Achterdeck versammelten Mannschaft folgendes zu verkünden:
„Soldaten der Deutschen Kriegsmarine! Wie Ihnen zwischenzeitlich sicherlich auch bekannt, haben irregeleitete Elemente am Abend des 8. November 1939 versucht, den Führer des Großdeutschen Reiches und Oberbefehlshaber der Deutschen Wehrmacht, Adolf Hitler, durch ein hinterhältiges Sprengstoffattentat zu ermorden. Glücklicherweise ist dieser feige Anschlag fehlgeschlagen und der Führer und Oberbefehlshaber der Wehrmacht unverletzt geblieben. Diese Tat ist umso verabscheuungswürdiger, als sich das Großdeutsche Reich seit dem 01. September1939, insbesondere seit dem Kriegseintritt Großbritanniens und Frankreichs, in einem heldenmütigen Kampf gegen weit überlegene Streitkräfte der Gegner befindet. Dieses betrifft, in Anbetracht der nicht wegzuleugnenden Überlegenheit – insbesondere der englischen Flotte – besonders die deutsche Kriegsmarine. Es mag in jedem Staat der Erde Andersdenkende geben. Es mag auch durchaus ehrenvoll sein, wenn sich Menschen aus Überzeugung gegen eine ungerechte Staatsführung, gemeint sein können hier zu allererst eigentlich nur kommunistische Diktaturen, auflehnen. Für unser deutsches Vaterland kann dieses hingegen auf keinen Fall zutreffen. Bedenkt, Soldaten, dass unser deutsches Vaterland dem Führer soviel verdankt. Genannt seien hier nur die Abschüttelung der Fesseln des Versailler Vertrages, die Einigung unseres geliebten deutschen Vaterlandes, der Schutz unserer deutschen Volksgenossen im Osten, insbesondere auch im so genannten Korridor sowie allgemein die Sozialgerechtigkeit im Reich. Bedenkt, Kameraden der deutschen Kriegsmarine, noch vor wenigen Jahren war Deutschland ein zerrissenes, von inneren Unruhen gebeuteltes und von sogenannten Siegermächten des Weltkrieges ausgebeutetes Land. Alle diese Missstände, die jeder aufrechte Deutsche als Schande empfunden haben muss, hat die neue deutsche Staatsführung, in erster Linie der Führer selbst, bereinigt. Wenn jetzt nach Kriegsausbruch – und dieser Krieg kann nur durch Zusammenhalt der gesamten deutschen Volksgemeinschaft, an der Front und in der Heimat, siegreich beendet werden, einige irregeleitete und verabscheuungswürdige Elemente sich dazu hinreißen lassen, oder auch von außen gesteuert sein mögen, wer weiß das heute, ein Attentat auf den Reichskanzler und Führer des deutschen Volkes und Oberbefehlshaber der deutschen Wehrmacht, zu verüben, so kann dieses nur die Empörung des ganzen aufrechten deutschen Volkes zur Folge haben. Mögen diese feigen Attentäter ihrer gerechten Strafe nicht entgehen.“
Später sollte Waldau sich dieser, seiner damals ehrlich gemeinten Ansprache, noch zweifelnd erinnern.
Mannschaft und Offiziere traten ab und gingen auf ihre Gefechtsstation.
Das Gefechtsschießen der schweren Batterie, der 6 x 15-Zentimeter Kanonen, durchgeführt zunächst auf Scheiben, dann auf ein mit Korkladung unversenkbar gemachtes Zielschiff, sollten anschließend sowohl dem ersten Artillerieoffizier, als insbesondere auch den Kommandanten und der gesamten Schiffsführung noch erhebliche Probleme bereiten. Über insgesamt vier volle Tage wurden diese Schießübungen durchgeführt, bis die Schiffsführung endlich mit den Ergebnissen zufrieden war. Hierbei musste der Kommandant feststellen, dass insbesondere an der Schnelligkeit des Fallens der Tarnung bis zur Gefechtsfähigkeit aller Waffen noch einige Änderungen erforderlich wurden. Vor allem musste bei der abschließenden Werftliegezeit dafür Sorge getragen werden, dass die in den Laderäumen versenkbar eingebauten Geschütze schneller hochgefahren und gefechtsklar gemacht werden konnten. Bei dem Rollenexerzieren stellten sich selbstverständlich auch Unzulänglichkeiten bei Teilen der Besatzung heraus. Auch hier bemerkten Offiziere und Kommandant, der stets, trotz seines Vertrauens, vor allem zum ersten Offizier, seinem Crewkameraden, Graf Terra, sich kaum Ruhepausen gönnte, erhebliche Schwachpunkte.
Das abschließende Torpedoschießen wurde zum Debakel schlechthin. Obwohl die Torpedo-Zielanlage ausgezeichnet arbeitete und der für die Torpedowaffe zuständige Oberleutnant zur See Carstens seine Leute, wie sowohl der Kommandant, als auch der I.O feststellten, durch stetige Übungen bestens in Schwung hatte, verlief bereits das erste Torpedoschießen am Donnerstag, dem 16. November 1939, mehr als unbefriedigend. Als Ziel war ein altes, nicht mehr seefähiges Torpedoboot des Weltkrieges, vorgesehen. Aus knapp 2.000 Meter Entfernung kommandierte Oberleutnant zur See Carstens: „Torpedos los.“ Gespannt blickten Torpedooffizier, Torpedogasten, wie auch Kommandant und gesamte Schiffsführung und Besatzung auf das gut zu erkennende Ziel. Auch nachdem die Laufzeit der scharfen Torpedos zum Ziel längst überschritten war, schwamm das alte Torpedoboot, zwar in der seitlichen See schlingernd, aber ansonsten ungerührt.
„Mann Gottes, Carstens, auf so ein Ziel haben Sie doch noch nie vorbeigeschossen“, polterte der Kommandant seinen TO an.
„Herr Kaptän“, äußerte dieser, völlig konsterniert, „das ist mir absolut rätselhaft. Die Torpedos können das Ziel gar nicht verfehlt haben. Wir haben doch die Blasenbahnen ganz genau verfolgen können. Beide Torpedos müssten Vorderkante Brücke und mittschiffs getroffen haben“, versuchte sich der Torpedooffizier zu rechtfertigen.
„Ja und Carstens,“ fauchte der ungehaltene Kommandant, „ich habe nicht das leiseste Tönchen vernommen und schließlich schwimmt das alte Boot ja immer noch völlig ungerührt. Sie können also nur vorbeigeschossen haben.“ Der Kommandant riss sich die Mütze vom Kopf, fuhr sich durch das volle Haar, stülpte die weiße Kommandantenmütze schließlich wieder auf und ordnete an, „Einzelschuss, Oberdecksrohrsatz. Und wehe Ihnen, mein Lieber, das geht wieder in den Bach.“
Der Oberleutnant bemühte sich den Oberdecksrohrsatz zu richten und schnellstens bereit zu zeigen, für den geforderten Einzelschuss. „Torpedowaffe klar für Einzelschuss aus Oberdecksrohrsatz“, meldete der TO.
Der Kommandant blickte in die Runde. Deutlich war von den beiden begleitenden Torpedobooten, die in etwa einer halben Meile an backbord des Hilfskreuzers sich treiben ließen, zu erkennen, dass Kommandanten und Offiziere die Gläser auf Zielschiff und Hilfskreuzer richteten. Der Kommandant schaute seinen ihm ja bereits vom Zerstörer „Arndt Griepen“ bekannten und hochgelobten, weshalb sonst hätte er ihn für das neue Kommando angefordert, Torpedooffizier an und meinte mit starren Gesichtszügen, „Torpedowaffe Feuererlaubnis!“
„Torpedo los“, kam das Kommando des Torpedooffiziers. Der Torpedomaat schlug zur Sicherheit, falls die elektronische Abfeuerung versagen sollte, noch auf die Handfeuertaste und der mehrere Meter lange, schlanke Torpedo schoss, von Pressluft getrieben, aus dem Rohr, klatschte auf die Wasseroberfläche und begab sich, nach Einsteuerung auf die eingestellte Tiefe von 2,5 Metern mit einer Geschwindigkeit von 40 Knoten geradewegs auf den Weg zum unbeweglich in der Ostseedünung schaukelnden Ziel. Kommandant, Offiziere, insbesondere Torpedooffizier und Torpedogasten, verfolgten gebannt die Blasenbahn des Torpedos. Schnurgerade lief dieser auf das Ziel zu. Bei Abfeuern des Torpedos hatte der Torpedooffizier, als auch der verantwortliche Torpedomaat, die in der Hand befindliche Stoppuhr gedrückt, um die Laufzeit des Torpedos bis zum Ziel exakt nach verfolgen zu können.
„Jetzt“, sagte TO Carstens, der die Stoppuhr gebannt im Auge behielt und schaute gebannt auf das Ziel. Allein, es tat sich nichts. Rein gar nichts. Die Laufzeit des Torpedos war längst abgelaufen, das Zielschiff schwamm ungerührt. Keine Detonation, kein nichts. Mit verstörtem Blick wandte sich der Torpedooffizier, Oberleutnant zur See Carstens, zum Kommandanten, der ihm bereits seit Sekunden zornig musterte. „Herr Kaptän, der Torpedo muss einfach getroffen haben.“ Korvettenkapitän Waldau schnaubte, „und, ich habe davon nichts gemerkt.“ Der neben ihm stehende IO, Graf von Terra bemerkte, mit dem ihm eigenen Humor, „na, das kann ja heiter werden.“ Der Kommandant schaute ihn kurz an, blickte unwirsch in die Runde und riss in einer eckigen Bewegung das Marineglas an die Augen und musterte die in der Nähe liegenden Torpedoboote. Er setzte das Glas ab und meinte verdrießlich, „die da drüben können sich ja kaum noch einklinken vor Lachen. Jetzt bin ich’s leid.“ Er wandte sich zu seinem IO, „Terra, Boot aussetzen und Sie sowie der II.O gehen an Bord des Zielschiffes. Wir werden jetzt mit Übungstorpedos schießen und Sie werden mir signalisieren, ob Treffer oder nicht. Sie nehmen die Barkasse, das geht schneller.“ Wie vom Kommandant angeordnet, veranlasste die seemännische Nr. 1, Oberbootsmaat Richter, das Aussetzen der Kommandantenbarkasse. Dieses Manöver zumindest klappte hervorragend. In 10 Minuten konnte die Barkasse, mit den an Bord befindlichen Offizieren, sowie der Bootsmannschaft von vier Mann unter dem Kommando des Bootsmaaten Schröter, ablegen und hielt auf das Zielschiff, das nach wie vor unbeschädigt in der Dünung gemächlich vor Backbord nach Steuerbord schlingerte zu. 40 Minuten später war der Torpedorohrsatz steuerbord mit zwei Übungstorpedos geladen. Das Torpedoboot 12, eines der Begleitboote, hatte zwischenzeitlich Anweisung erhalten, die schwimmfähigen Übungstorpedos anschließend aufzufischen. Der Kommandant raufte sich sowieso schon die Haare, das drei scharfe Gefechtstorpedos, die pro Stück ca. 40.000,00 Reichsmark kosteten, seiner Meinung nach absolut sinnlos verfeuert worden waren. Nach erneutem Befehl und Klarmeldung durch den mitgefahrenen Signalmaaten, der zwischenzeitlich mit dem gesamten Bootskommando, bis auf Bootsführer und 1 Mann, die sich sicherheitshalber 200 Meter ab vom Zielschiff hielten, an Bord des alten Torpedobootes gegangen waren, erfolgte der erneute Torpedoschuss. Gebannt schauten Kommandant und IO, sowie alle Besatzungsmitglieder, denen dieses möglich war, auf die Torpedolaufbahnen und das Zielschiff.
„Meine Fresse“, berlinerte Matrosenhauptgefreiter Schrupp, seines Zeichens Torpedomechaniker, und selbstverständlich auch interessiert am Geschehen. Det muss doch jans enfach jetroffen haben.“ Dieses meinten auch Kommandant und TO. Das anschießende Flaggensignal vom Zielschiff bestätigte ihnen, das beide Torpedos Vorschiff und Vorderkante Brücke aufgeschlagen haben.
Zwei weitere Torpedoeinzelschüsse brachten das gleiche Ergebnis. Beide Übungstorpedos trafen.
„Verdammt und zugenäht“, verkündete der Kommandant auf der Brücke des Hilfskreuzers zu den ihn erwartungsvoll anstarrenden Offizieren, „das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen.“ Er winkte seinem Läufer und befahl, „Winkspruch an Zielschiff und Barkasse, sofort Rückkehr an Bord. FT-Spruch an Begleitschiffe: Übung abbrechen, einlaufen Kiel!“
Im Kriegshafen Kiel angelangt, machte der Hilfskreuzer an einem abgesperrten Kai fest. Die SKL, die zwischenzeitlich durch verschlüsselten Funkspruch vom Torpedodebakel unterrichtet worden war, hatte bereits veranlasst, dass sämtliche Torpedos sofort von Bord zu geben und von der Torpedoversuchsanstalt in Flensburg geprüft werden würden. Wie sich bereits zwei Tage später herausstellte, waren die meisten an Bord befindlichen Torpedos Blindgänger, zurückzuführen auf einen Fehler in der Aufschlagzündung. Sabotage nicht auszuschließen, hieß es lapidar. Der Kommandant wurde zur Berichterstattung nach Berlin befohlen.
Bei der SKL wurde dem Kommandanten bedeutet, dass, noch während die Besprechung mit ihm in Berlin stattfände, sein Schiff für die künftige Unternehmung ausgerüstet werde. Es sei sichergestellt, dass nur einwandfreie Torpedos an Bord kämen. Auch die Marschbefehle für die noch fehlenden Besatzungsmitglieder seien ausgefertigt und diese – einschließlich der vorgesehenen acht Prisen-Offiziere, Handelsschiffskapitäne und Offiziere der Handelsmarine mit Kapitänspatent, alle im Range eines Leutnants zur See (S), werden sich ebenfalls bereits bei Rückkehr des Kommandanten an Bord befinden. Es sei leider, bedingt durch die Kriegslage, keine Zeit mehr, Kommandant und Besatzung Möglichkeit zu weiteren Übungsfahrten zu gewähren.
„Herr Korvettenkapitän Waldau“, verkündete Admiral Scheidel persönlich dem Kommandanten, „leider gebietet die Kriegslage, dass Sie mit Ihrem Schiff schnellstens auslaufen müssen, um gegnerische Seestreitkräfte zu binden und der Versorgung des Gegners durch Versenkung, Aufbringung und evtl. auch Zurückbehaltung gegnerischer Handelsschifftonnage in den Häfen, einen Schlag zu versetzen.“ Der Admiral führte weiter aus: „Wie Ihnen bekannt ist, steht insbesondere die U-Bootswaffe bereits am Feind und hat auch das Panzerschiff Graf Spee erste Erfolge erzielt. Durch das Auftreten weiterer Überwasserseestreitkräfte, also als nächstes auch Ihrem Hilfskreuzer, verspricht sich die SKL über die zu erwartenden Versenkungen hinaus durch die beim Gegner zu stiftende Verwirrung erhebliche negative Auswirkungen hinsichtlich der Versorgungslage der britischen Inseln.“
4. Auslaufen zur Feindfahrt
Am 20. November 1939, dem Tag der Einführung einer sogenannten Reichskleiderkarte für den Bezug von Textilien im Deutschen Reich, macht der Handelsstörkreuzer seeklar. Die Ausrüstung des Schiffes war zwischenzeitlich beendet. Als Bordflugzeuge wurden zwei Arado 196 A 1 an Bord genommen, deren Aus- und Einsetzen nicht ein einziges Mal auf dem Schiff selbst überhaupt manövermäßig geübt werden konnte. Eine Maschine befand sich einsatzklar, unter Persenningen getarnt, an Oberdeck, die zweite in Einzelteilen verpackt in einem der Laderäume. Im Bedarfsfall würde diese später von den Bordmechanikern nach mitgelieferten Bauplänen zusammenzusetzen sein. Als Fliegeroffizier war Leutnant Spaß und als Flugzeugführer der Feldwebel Schütze an Bord kommandiert. Die Werft hatte zwischenzeitlich ebenfalls wahrhaft erstaunliches geleistet. Ein Tarnschornstein, der im Bedarfsfalle aufgebaut und entfernt werden konnte, sowie ein Originalschornstein, der sich durch Ein- und Ausfahren beliebig verlängern oder verkürzen ließ, war installiert. Ebenso zu Tarnzwecken befanden sich an Bord Masten, Lüfter, Pfosten, Decksaufbauten und Ladegeschirr, die heute aufgebaut, morgen wieder beseitigt werden konnten. Unvorstellbare Mengen an Verpflegung und Material aller nur denkbaren Art waren an Bord genommen und verstaut. Eisenbahnwagenweise Proviant, insgesamt fürs erste rund 350 t Verpflegung, hektoliterweise Bier, zentnerweise Kaffee, Tee, Fruchtsäfte, Fette aller Art, Bekleidung für Tropen und Nordpol. Ebenso waren sämtliche Munitionskammern des Schiffes gefüllt, ein Sollbestand von 32 Torpedos und 100 Minen an Bord genommen worden, Die Ausrüstung des Schiffslazaretts war ebenso wie die Ausrüstung aller anderen Abteilungen vervollständigt. Alle Ölbunker waren zum Bersten gefüllt. Insgesamt wurden 5.320 t Heizöl übernommen und auf die verschiedenen, im ganzen Schiff untergebrachten, Bunker verteilt. Die Ölvorräte gaben dem Schiff die Möglichkeit, bei der sparsamsten Fahrt von ca. 10 bis 11 Seemeilen in der Stunde über ein Jahr, ohne Ergänzung, von der Heimat fern zu bleiben. Dieses bedeutete einen Fahrbereich von annähernd 70.000 Seemeilen, ein gewaltiger Aktionsradius. Bemerkt werden darf noch, dass selbstverständlich außer Proviant, Getränken, Wasser, Schmiermitteln sämtlicher Art, Flugzeugbenzin und Munition auch Damen- und Kinderbekleidung in größeren Mengen übernommen wurde. Diese selbstverständlich in Kisten verpackt und nur dem zuständigen VO (Schiffsverwaltungsoffizier), sowie Kommandant und Offizieren bekannt. Schließlich musste ja damit gerechnet werden, dass von gegnerischen Schiffen außer der männlichen Besatzung und Passagieren auch Frauen und Kinder zu übernehmen sein werden, ohne dass es immer möglich wäre, deren persönliche Habe an Bord zu nehmen.
Gegen 16.00 Uhr hieß es „Leinen los.“ Der Kommandant fuhr das Ablegemanöver selbst und im Geleit von zwei Torpedobooten ging es fördeaufwärts. Das Schiff war als normaler Sperrbrecher getarnt und die Besatzung nahm an, es stehen lediglich ein weiteres gefechtsmäßiges Übungsschießen o.ä. Rollenübungen auf dem Programm. Dass es sich um den Beginn der tatsächlichen, von vielen ersehnten, von manchen auch mit Bangen erwarteten, Feindfahrt handelte, war außer dem Kommandanten niemandem wirklich bekannt, obwohl aufgrund der übereilten Ausrüstung und der diversen an Bord gekommenen Proviantmenge sowie der kriegsmarschmäßigen Ausrüstung an Munition und Treibstoff sich zumindest die Offiziere darüber im klaren waren, dass die endgültige Ausfahrt unmittelbar bevorstand.
Langsam wurde die Förde breiter und das Land wich weiter zurück. Der Kommandant befahl, „Umdrehungen für 10 sm!“ Plötzlich schnarrte das Brückentelefon, der IO, Graf Terra, hob ab und meldete, „Funkraum meldet, dass Einflug feindlichen Bomberverbandes auf Kiel gemeldet worden ist.“
„Verdammt noch mal“, versetzte der Kommandant, „ und das ausgerechnet jetzt. Fliegeralarm.“ Die Alarmsirenen gellten durch das Schiff. „Schotten dicht, Flakwaffen enttarnen!“ Die weiteren Kommandos des Kommandanten erfolgten sofort. „Feuererlaubnis nur auf mein Kommando!“ Kommandant und Offiziere auf der Brücke sowie die Ausgucks auf Oberdeck hoben die schweren Marinegläser und suchten gewissenhaft ihre Sektoren ab. Gleichzeitig mit dem eingehenden FT-Spruch des vorausfahrenden Torpedobootes entdeckte auch Oberleutnant zur See Graf von Terra die von Steuerbord voraus anfliegenden Feindflugzeuge. Die britischen Bomber vom Typ Lancaster hatten offenbar Befehl, die Werftanlagen und im Hafen befindliche Einheiten der Kriegsmarine anzugreifen. In einer Höhe von lediglich 2.000 bis 2.500 Metern näherten sich die Bomber, bereits aufgefasst vom vorderen E.-Messgerät. „Höhe 2500 Meter, Entfernung sechzig Hundert“, meldete das E.-Messgerät. Der Kommandant griff zum Hörer und befahl dem für die Flakwaffen zuständigen zweiten AO, „Ziel auffassen, sowie in Reichweite, Feuererlaubnis!“ Die Sekunden währten ewig. „Entfernung 30 hm (30 Hektometer = 3.000 Meter), Höhe 2.000“, meldete das E.-Messgerät. Gleichzeitig eröffnete das vorauslaufende Torpedoboot, das seine Geschwindigkeit, deutlich sichtbar am silbern aufquirlenden Kielwasser, erhöht hatte und auf volle Fahrt gegangen war, das Feuer und die Flakgranaten zischen dem Feind entgegen. Deutlich ließ sich die Leuchtspur verfolgen. Sekundenbruchteile später fielen auch die 3,7 Zentimeter Flakwaffen des Hilfskreuzers ein. Die gegnerischen Bomber versuchten ihrerseits durch Ausweichmanöver dem gezielten Feuer der Schiffsflak zu entkommen. Acht Flugzeuge waren nunmehr von allen Mann an Bord deutlich zu erkennen und näherten sich von Sekunde zu Sekunde dem Verband. Die ersten beiden Maschinen entschlossen sich, den vermeintlichen Frachter als Ziel anzunehmen. „Maschine dreimal AK, Ruder hart Backbord“, befahl der Kommandant. Währenddessen öffneten sich bei den beiden, das Schiff von Steuerbord voraus anfliegenden, Bombern bereits die Klappen der Bombenschächte, mit dem bloßen Auge schon gut zu verfolgen. Zwischenzeitlich hatten die beiden Torpedoboote ebenfalls erkannt, dass ihr Schützling das Opfer der feindlichen Flieger werden sollte und konzentrierten ihr Abwehrfeuer ebenfalls auf die beiden, den Hilfskreuzer angreifenden, Maschinen. Von der vorausgestaffelten Maschine lösten sich die ersten Bomben. Im gleichen Moment hatte die Steuerbord vordere 3,7 sowie eine der 2 Zentimeter-Doppellafetten das Flugzeug aufgefasst und deutlich war zu sehen, wie die Leuchtspurgeschosse im Flugzeugrumpf verschwanden. Plötzlich sprangen Funken aus der linken Tragfläche des Feindbombers und Sekundenbruchteile später zerbarst dieser in einem aufwallenden Feuerball. „Ruder hart Backbord“, folgte das nächste Kommando des Kommandanten – hinein in das Zerbersten der Feindmaschine. Mit Hartruderlage drehte das Schiff aus der zu erwartenden Flugbahn des abstürzenden Bombers. Der zweite Feindbomber, auf den sich nunmehr das Feuer der drei Kriegsschiffe vereinigte, drehte, ohne zum Bombenwurf gekommen zu sein ab. Gleichzeitig klatschten etwa hundert Meter hinter dem Schiff die Bomben des abgeschossenen Feindflugzeuges in die Förde und warfen hohe Wasserfontänen auf. Etwa 60 Meter an Steuerbord des Hilfskreuzers, stiebte die abgeschossene Feindmaschine in die hell aufspritzende See. Nur 20 Meter von der Bordwand hieb wie eine Bombe die abmontierte Fläche nebst Steuerbordmotor in die See. Zwei, drei kleinere Metallteile klirrten auf das Oberdeck des Schiffes, ohne jedoch Schäden zu verursachen.
Die Feindflugzeuge kamen aus dem Wirkungsbereich der Waffen und flogen im direkten Kurs weiter auf Kiel. „Feuer einstellen, Maschine Umdrehung für 10 sm“, kam das Kommando des Kommandanten und der Verband setzte seine Fahrt fort. Das führende Torpedoboot meldete sich, „ K an K, aussprechende Anerkennung zum ersten Abschuss. Von mir bestätigt“, ließ sich der Kommandant des Führertorpedobootes vernehmen. Korvettenkapitän Waldau fuhr sich mit dem Ärmel seines Bordjacketts über die vor Anspannung klatschnasse Stirn, „geben Sie zurück: K an K, vielen Dank, auch für Ihre segensreiche Unterstützung.“ Der Kommandant nahm noch einmal das Doppelglas vor das Gesicht, aber die Feindmaschinen waren nur noch als kleine Punkte in der Ferne auszumachen. Deutlich hörte man nunmehr auch, wie die Flakbatterien an Land sowie die Schiffsflak der im Hafen liegenden Marineeinheiten die Feindflugzeuge nunmehr unter Feuer nahmen. Kurz darauf dröhnten dumpf die Detonationen der Feindbomber über die Förde. Trefferwirkungen waren jedoch vom Schiff her nicht auszumachen.
„Na also“, meinte der IO und setzte das Glas ab, „haben die Tommys also nur die armen Fische erschreckt.“
„Nun lassen Sie mal, IO“, versetzte Waldau, „mir langt dieses Zwischenspiel als Ouvertüre zu unserer Unternehmung durchaus.
Der IO grinste den Kommandanten an, „habe ich’s mir nicht gedacht.“ „Was belieben zu denken, IO?“ Der Kommandant musterte seinen alten Freund und jetzigen ersten Offizier. Zwischenzeitlich spitzten auch die anderen Seeoffiziere sowie das sonstige Brückenpersonal gespannt die Ohren, um sich ja nichts vom Gespräch der beiden wichtigsten Männer an Bord, denn das waren Kommandant und IO im Hinblick auf die Schiffsführung allemal, entgehen zu lassen. Dem Kommandanten blieb die gebannte Aufmerksamkeit seiner Untergebenen selbstverständlich nicht verborgen und nach einem Blick in die Runde meinte er, „ na gut, Herrschaften, eigentlich solltet Ihr es ja erst in einigen Stunden erfahren, aber was soll’s. Die Unternehmung hat begonnen.“ Ob dieser Eröffnung des Kommandanten war es auf der Brücke so still, dass man die bekannte Stecknadel hätte zu Boden fallen hören können. Der IO, Graf Terra, wer sollte es auch anders sein, brach das andauernde Schweigen als erster und meinte, unbekümmert in die Runde blickend, „wenn das kein gutes Omen ist, kaum die Leinen gelöst und schon die Feuertaufe erfolgreich bestanden.“ Der Kommandant, der dieses Gespräch zumindest zu diesem Zeitpunkt nicht vertiefen wollte – insgeheim ärgerte er sich, dass ihm nun doch zu früh herausgerutscht war, dass die Feindfahrt bereits begonnen hatte – versetzte knapp, „nun verfallen Sie mal nicht in grenzenlosen Optimismus, IO, hierzu besteht wahrhaftig derzeit keinerlei Anlass. Die wirklichen Probleme stehen uns weiß Gott noch bevor.“ Allen auf der Brücke war klar, dass hiermit zunächst der Durchbruch in den freien Atlantik gemeint war.
Der Kommandant befahl den II AO sowie die Bedienungen der erfolgreichen Flakwaffen auf die Brücke und beglückwünschte ihn und die gesamte Geschützbedienung zu ihrem Erfolg. Bevor die gehobene Stimmung auf der Brücke ausufern konnte, versetzte der Kommandant knapp, „IO, weisen Sie die Ausgucks noch einmal an, ihre Sektoren genau im Auge zu behalten, vielleicht war das ja nicht die einzige Überraschung. Befehl an II AO: Flakwaffen besetzt halten, volle Kriegswache bleibt bestehen!“
Zwei Stunden später saßen Kommandant und wachfreie Offiziere in der Offiziersmesse beim Abendessen. Die Dunkelheit war hereingebrochen und das Schiff kriegsmäßig abgeblendet. Auf der Brücke stand der II O. Während das Schiff, nach wie vor im Geleit der beiden Torpedoboote, weiterhin mit kontinuierlicher Marschfahrt von 10 sm sich seinen Weg durch die leicht bewegliche Ostsee bahnte, beendeten die Offiziere ihr Abendessen. Nach und nach verstummte das Klappern der Bestecke und die als Ordonanz eingeteilten Seeleute räumten ab. Augenblicklich unterbrachen die Offiziere ihre in Gang gekommenen Einzelgespräche und es trat absolute Stille ein.
„Meine Herren“, begann der Korvettenkapitän Waldau seine Ansprache, „wie ja mittlerweile vom IO bis zum letzten Mann als bekannt vorausgesetzt werden darf, hat die Unternehmung begonnen. Wie Sie wissen, trägt das Schiff bisher keinen Namen, sondern lediglich – wie im Übrigen alle Hilfsschiffe – eine taktische Nummer, in unserem Falle Schiff 66. Die SKL hat, an die Tradition des Weltkrieges anknüpfend, mir gestattet, den internen Schiffsnamen selbst zu wählen.“ Bei diesen Worten des Kommandanten steigerte sich das Interesse seiner Zuhörer nochmals, schließlich wollten sie sich alle mit ihrem Schiff identifizieren und hierzu gehört selbstverständlich nicht nur eine taktische Nummer, sondern das Schiff musste einfach einen Namen haben, nach Möglichkeit einen solchen, der auch der Aufgabenstellung ihrer Einheit gerecht werden würde. „Ich habe mich daher entschlossen, unser Schiff 66, den Hilfskreuzer A der deutschen Kriegsmarine, also den ersten Hilfskreuzer in diesem Kriege auf deutscher Seite, „Chamäleon“ zu taufen.“
Der Kommandant schaute in die Runde und bemerkte sehr wohl, dass diese Namenswahl nicht überall sichtbare Zustimmung hervorrief. „ Ich sehe Ihnen an, meine Herren“, fuhr der Kommandant fort, „dass einigen von Ihnen dieser Name für unser Schiff zu missfallen scheint. Vielleicht haben Sie sich einen kriegerischen oder aber auch einen traditionsreichen Schiffsnamen gewünscht. Ich darf Ihnen aber versichern, dass ich diesen Namen mit Bedacht gewählt habe.“ Der Kommandant machte eine Pause und nahm einen Schluck aus dem vor ihm stehenden Glas mit Fruchtsaft, in der Marinesprache Kujambel genannt. Alkohol war bekanntlich während einer Kriegsfahrt an Bord deutscher Kriegsschiffe, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht gestattet.
„Aber meine Herren“, fuhr der Kommandant fort, „ich will Ihnen begründen, was mich zu dieser Namenswahl veranlasst hat und ich hoffe und wünsche mir sehr, dass Sie mir dann beipflichten werden.“ Der Kommandant erteilte Raucherlaubnis, steckte sich selbst einen Glimmstängel an und fuhr fort, „ Aufgabe eines Hilfskreuzers ist es bekanntlich, feindliche Handelsschiffe aufzubringen bzw. zu versenken und allein durch seine bloße Anwesenheit den Gegner zu zwingen, zum Schutz seiner Versorgungslinien und zur Jagd auf einen Handelsstörer Seestreitkräfte von anderen Aufgaben abzuziehen, die somit zwangsläufig an anderen Brennpunkten fehlen und somit insgesamt die Schlagkraft der gegnerischen Flotte schwächen.“ Der Kommandant führte weiter aus, dass Hauptaufgabe eines Hilfskreuzers nicht unbedingt nur die Versenkung oder Aufbringung einer großen Zahl feindlicher Handelsschiffe sei, sondern insbesondere darin liege, sich dem Zugriff des übermächtigen Gegners solange irgend möglich zu entziehen, um den Gegner insoweit nicht zur Ruhe kommen zu lassen, in dem Bewusstsein, der Handelsstörkreuzer könne heute hier oder morgen dort zuschlagen, so dass der Gegner gezwungen war, seine Kräfte zu zersplittern, um seinen Nachschublinien den erforderlichen Schutz angedeihen zu lassen.
„Dieses Ziel, meine Herren“, setzte der Kommandant seine Ausführungen fort, „können wir nur erreichen, indem wir durch bestmögliche Tarnung und heimliches Verhalten sowenig Argwohn wie möglich wecken. Zuschlagen, aufbringen oder versenken und baldmöglichst wieder in der Weite der See zu verschwinden, ist die Devise. Unsere stärksten Waffen werden also beileibe nicht die 15-Zentimeter Kanonen oder die Torpedos sein. Vielmehr wird es weitgehend von unserer Tarnung abhängen, ob wir überleben oder nicht bzw. wie lange wir in See bleiben können? Und da Tarnung die Hauptwaffe eines Handelskreuzers ist, habe ich den Namen „Chamäleon“ gewählt.“
5. Der Durchbruch
Tage später, längst hatte der Hilfskreuzer „Chamäleon“ seinen Geleitschutz entlassen und nachdem problemlos durch Skagerrak und Kattegat in die Nordsee eingelaufen wurde, befand sich der Hilfskreuzer nunmehr auf Durchbruchkurs in den Atlantik. Der eingeschiffte Bordmeteorologe hatte Sturm und Regen, evtl. auch Hagel und Schnee für die nächsten Tage vorausgesagt. Ideales Durchbruchwetter. Vertrauend auf die Voraussagen des Meteorologen ging „Chamäleon“ auf Durchbruchkurs. Der Kommandant befahl nordwestlichen Kurs und später westlichen Kurs Richtung Grönland, um den Durchbruch in der folgenden Nacht zu versuchen. Fast auf die Stunde genau, wie vom hervorragenden Bordmeteorologen, Dr. Steinhusen, vorausgesagt, begann es in den Nachmittagsstunden aus Nordwest zu wehen. Mit Hagel durchsetzter Schneeregen prasselte aus grauen, sehr tief hängenden Wolken, auf die See herab. In den frühen Abendstunden brauste der Sturm über Deck des Schiffes. Schwer arbeitete „Chamäleon“ in der See. Der Kommandant stand in der rechten Steuerbordbrückennock, das schwere Marineglas vor der Brust hängend, und grinste den neben ihm stehenden IO an. „Na, Terra, unser Laubfrosch (Spitzname für den Bordmeteorologen) behält wohl Recht.”
„Jawohl, Herr Kaptän, hoffen wir das Beste“, versetzte der Freund und rechte Hand an Bord. Selbstverständlich wurde auch unter Freunden, die Kommandant und IO seit Jahren waren, an Bord, zumindest in Gegenwart Untergebener, die Disziplin durch förmliche Anrede gewahrt.
Der Sturm nahm zu und in der kochenden und brodelnden See rollte und stampfte das Schiff schwer. Es braute sich ein Polarorkan zusammen. Unter Deck im vorderen Mannschaftslogis meinte ein von der Handelsschifffahrt zur grauen Dampferkompanie, wie die Kriegsmarine im Jargon genannt wurde, eingezogener Seemann zu seinen Kameraden: „Ihr werdet Euch noch wundern, Jungs, ich als alter Kap-Horn Fahrer kann dazu nur sagen, dass dieses gegen die brüllenden Vierziger noch gar nichts ist. Aber die wird von Euch in diesem Kriege wohl kaum jemand zu sehen bekommen.“
Ein junger Matrosengefreiter entgegnete, „weiß man’s? Vielleicht doch.“ Ein Dritter mischte sich in das Gespräch ein, „Reiz mich doch nicht zum Lachen, du Süßwasserseemann. Mit diesem Dampfer in den Südatlantik, in Englands ureigenes Meer? Das kann ich mir beim Teufel nicht vorstellen.“ Ähnlich sprachen sich die meisten der Besatzungsmitglieder aus, die eigentlich alle zu diesem Zeitpunkt davon ausgingen, dass die Reise allenfalls in den Nordatlantik ging.
Der Hilfskreuzer lief weiter mit Marschfahrt von 10 Meilen durch die hochgehende Quersee. Immer wieder überspülten gewaltige Wogen das geräumige Oberdeck, dessen Betreten nur angeseilt, das heißt mit einem Palstek um den Bauch, gestattet war.
Das Unwetter hatte seinen Höhepunkt noch nicht erreicht. In Anbetracht der gewaltigen Elemente, die immer stärker wüteten, gab der Kommandant seine Absicht, das Nord-Kap vor Island schon gegen Morgen zu runden, auf. Die derzeitige Marschfahrt von 10 Meilen konnte nicht beibehalten werden und so gab Waldau Anweisung, auf Umdrehungen für 7 Meilen zurückzugehen. Die Sicht wurde immer schlechter und auch nach dem Hellwerden würde die Sicht nur wenige 100 Meter betragen. Ideales Durchbruchwetter. Gegen 2.00 Uhr morgens war aus dem Sturm ein wilder alles verschlingender Orkan geworden, der langsam auf Nordost zu drehen begann. Alles an Bord war gezurrt. Die Besatzungsmitglieder, denen noch keine Seebeine gewachsen waren, erhielten nun einen Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte. Die ersten Verletzten, meistens Platzwunden durch Stürze – auch ein Unterschenkelbruch –, wurden im Bordlazarett versorgt. Freistehend vermochte sich niemand mehr an Deck zu halten. Das ganze Schiff war mit einer glatten Eisschicht überzogen.
Immer wieder wälzten sich schwere, schräg von vorn anlaufende Brecher über Bord.
Gegen Vormittag des folgenden Tages steuerte „Chamäleon“ auf die Enge der Dänemark-Straße zu. In den Sommermonaten ist die Dänemark-Straße zwar eisfrei und in dieser Zeit auch ca. 300 Kilometer breit, in dieser Zeit der Stürme allerdings sind Wellenhöhen von bis zu 15 Metern nicht selten. Hinzu kommt, dass der natürliche Stau in der engen Dänemark-Straße, die sich auf Land zu wälzenden Wassermassen aufstaut, wodurch – wie auch jetzt zum Durchbruch der „Chamäleon“ Kreuzseen mit wirr durcheinanderlaufenden systemlosen Wellen erzeugt wurden, in denen das mehr als seetüchtige zum Kriegsschiff umgebaute Frachtschiff wie ein Spielball in den Wellen hin und her geworfen wurde. Das Schiff arbeitete einfach fürchterlich, torkelte hin und her, wie ein weit unterlegener Boxer unter den Hieben eines Schwergewichtsmeisters wie Max Schmeling. Die Besatzung wurde über Gebühr beansprucht. Dieses galt selbstverständlich auch für die Schiffsführung, die, ob Kommandant oder erster Offizier, keine Minute die Brücke verließ. Die Freiwache verkeilte sich mit Knien, Füßen und Ellenbogen in den Kojen bzw. Hängematten, wobei nur altgediente Seeleute auch noch etwas Schlaf fanden.
Angestrengt spähten Ausgucks und Offiziere auf der Brücke durch die schweren Marinegläser in die Dunkelheit. Besorgt schaute der Kommandant auf das Wüten der Elemente. Mit leichtem Grinsen sah er den 2. Offizier an und meinte aufmunternd, „ Na, Semmler, noch nicht ganz seefest?“
„Nein, Herr Kaptän“, versetzte der II.O, dessen Gesicht mit leicht grünlicher Farbe überzogen war, „wer dieses Wetter erlebt, kann sich über den Feind nur noch freuen.“ Der Kommandant grinste, „na, na, mein Lieber, seien Sie froh, dass Sie dieses Wetter nicht auf einem Kreuzer abreiten müssen.“ „Nein, Herr Kaptän“, entgegnete der II O, dem man ansah, wie schlecht es ihm ging, mit Galgenhumor, „aber auf einem getauchten U-Boot auf 40 bis 50 Meter Wassertiefe, wäre mir bestimmt wohler.“ Der Kommandant freute sich, die Stimmung an Bord war nach wie vor gut und das schlechte Wetter geradezu ein Himmelsgeschenk, bestand schließlich kaum Gefahr, von einem der Überwachungskreuzer des Feindes gesichtet zu werden.
Ständig drehte sich die Haube des Dete-Gerätes im Vormars, Der Kommandant ließ bis zur äußersten Sicherheitsgrenze auf den Eisrand zudrehen und das Schiff setzte seinen Durchbruchkurs fort. Gegen Mittag hatte die Sicht noch weiter abgenommen, der Orkan schwächte sich aber ab. Das Schiff lag jetzt bei genau achterlichem Wind etwas ruhiger in der See. Im Schiffsinneren wurde aufgeklart und Ordnung geschafft.
In den Nachmittagsstunden war die See jetzt unwirklich langgestreckt. Der Intervall zwischen Wellental und Wellenberg betrug über 200 Meter. Die schweren, das Schiff überflutenden Brecher, hatten abgenommen, dennoch bestand weiter Lebensgefahr die mit einer spiegelglatten tückischen Eisschicht überzogenen Decks zu betreten.
Unablässig arbeitete das Echolot, um die Wassertiefen zu kontrollieren. Der Navigationsoffizier verglich die angezeigten Tiefen mit den in den Seekarten eingetragenen Angaben. Nach wie vor war es unmöglich eine warme Mahlzeit in der Kombüse zu bereiten. Der Kommandant wanderte ruhelos in seiner Brückennock auf und ab und befahl schließlich: „Smutje auf die Brücke!“ Kurz darauf erschien der für das leibliche Wohl der Besatzung wichtigste Mann, der Kochobermaat Sven Pagelsdorf und baute sein Männchen. „Mein lieber Pagelsdorf“, versetzte der Kommandant, „ich habe volles Verständnis für Ihre Probleme, aber ich erwarte einfach, dass die Männer etwas warmes in den Magen bekommen. Das haben wir alle verdient.“
„Jawohl, Herr Kaptän“, versetzte Kochobermaat Pagelsdorf, „eventuell ließe sich ja eine heiße Erbsensuppe, natürlich nur aus Dosen, mit Wursteinlage, bereiten.“
„Gut, mein Lieber“, zeigte sich der Kommandant befriedigt, „dann mal los, ich verlasse mich auf Sie.“ Mit einem Grinsen und den Worten: „Mir knurrt nämlich auch der Magen“ verabschiedete der Kommandant den von ihm sehr geschätzten Küchenmeister.
Und tatsächlich, 2 Stunden später, war es Wirklichkeit geworden und alle Mann an Bord löffelten mit Behagen die hervorragend bereitete kräftige Eintopfmahlzeit.
Gegen Abend betrug die Sicht knapp 200 Meter. Die engste Stelle der Dänemark-Straße war bereits passiert, als das Dete-Gerät aus 5.000 Meter Steuerbord querab ein Ziel ortete. Der Hilfskreuzer wich aus, vergrößerte damit den Abstand und bald wanderte das Ziel aus. Wahrscheinlich ein britischer Kontrollkreuzer, der zur Bewachungskette des Gegners für die Dänemark-Straße gehörte. Glücklicherweise verfügte der Gegner noch über kein gleichartiges Funkmessgerät, so dass eine Meldung, die die ganze englische Flotte alarmiert hätte, nicht zu befürchten war.
„Ein Glück, Herr Kaptän“, versetzte der IO, Graf Terra, der ebenso wie der Kommandant seit mehr als 24 Stunden auf den Beinen war, „dass der Gegner nicht über unsere technischen Möglichkeiten verfügt.“
Getarnt als norwegischer Frachter Olav V stand der Hilfskreuzer „Chamäleon“, Schiff 66 der deutschen Kriegsmarine, gegen 6.00 Uhr am Morgen des darauffolgenden Tages bereits hinter der engsten Stelle der Dänemark-Straße mit Marschfahrt von 15 Seemeilen. Man sah an Bord den Durchbruch schon fast als erfolgreich abgeschlossen. Der Kommandant, Korvettenkapitän Waldau, hatte sich im an die Brücke angrenzenden Kartenraum in voller Montur zur Ruhe begeben.
„Meldung von Dete-Gerät“, meldete der Befehlsübermittler, Matrosengefreiter Müller II. Der wachhabende IO, Graf Terra, zuckte zusammen und griff den ihm entgegengereichten Hörer der Bordsprechanlage. „IO, was liegt an?“
„Dete-Gerät fasst Ziel rechtweisend 30 °, Entfernung 55 hm (Hektometer) auf“, folgte sofort die Meldung des wachhabenden Funkmess-Gasten.
„Verstanden, Schiff dreht Backbord zwanzig, alle Veränderungen sofort melden!“, Terra legte auf und wies den Rudergänger an, 20 ° nach Backbord abzudrehen. „Backbord 20 liegt an, Herr Kaleu“! Die Bestätigung erfolgte postwendend. „BÜ, Kommandant wecken!“, befahl der IO. Knapp zwei Minuten später war der Kommandant auf der Brücke.
„Dete-Gerät hat Ziel an Steuerbord, Entfernung 5500 aufgefasst, Herr Kaptän. Ich habe 20 ° nach Backbord abdrehen lassen“, meldete der IO seinem Freund und Kommandanten.
„Danke, Terra“, versetzte dieser. In diesem Moment schrillte erneut das Bordtelefon. Der Kommandant nahm selbst ab.
„Zweites großes Ziel Backbord 30 °, Entfernung 60 hm“, meldete der diensthabende Funkmess-Gast.
„Verstanden.“ Der Kommandant legte auf und befahl, „klar Schiff zum Gefecht!“ Sekunden später gellten die Alarmglocken durch das Schiff und ein jeder Mann an Bord hastete auf seine Gefechtsstation.
„Vermutlich britischer Kontrollkreuzer“, versetzte der Kommandant, Ausgucks verdoppeln!“ Nach wie vor umfing glücklicherweise fast absolute Dunkelheit das Schiff. Lediglich das Kielwasser sowie der Schnauzbart am Bug des Schiffes leuchteten silbern auf. Waldau überlegte fieberhaft, was zu tun sei? Sollte er die Geschwindigkeit erhöhen und versuchen, zwischen beiden Zielen durchzustoßen, trotz der Gefahr, dass das dann heller aufwirbelnde Kielwasser evtl. bei noch weiterer Annäherung der Gegner zum Verräter werden würde oder sollte er die Fahrt aus dem Schiff nehmen in der Hoffnung, dass der Gegner an ihm vorbeistoßen möge? Das erneute Summen des Bordtelefons unterbrach seine Überlegungen. „Ziel an Steuerbord wandert aus“, kam die Meldung vom Dete-Gerät. „Ziel an Backbord aufkommend, Entfernung jetzt 4000.“
„Steuerbord 20, Maschinen Umdrehen 14 Meilen! Feuererlaubnis nur auf mein ausdrückliches Kommando!“, kamen die nächsten Befehle der Kommandanten. Alle Ausgucks einschließlich der Offiziere auf der Brücke starrten angestrengt durch die schweren Marinenachtgläser in Richtung der Gegnerpeilung. In Anbetracht der Unsichtigkeit allerdings noch ein vergebliches Unterfangen.
„Ziel an Steuerbord ist ausgewandert, keine Peilung mehr – Ziel Backbord weiter aufkommend, Entfernung 3000, Gegner-Peilung nunmehr Backbord 90 °.“
Alle Augen auf der Brücke richteten sich auf den Kommandanten. Dieser reagierte sofort, „Maschine Umdrehungen auf sieben Meilen reduzieren, Steuerbord 20 °!“ Der Kommandant verringerte die Fahrt weiter, um sich dem nunmehr auf gleicher Höhe befindlichen Gegner nicht durch das aufwirbelnde Kielwasser zu verraten. Die Sekunden strichen dahin, endlich kam die befreiende Meldung des Dete-Gerätes „Gegner wandert aus, Entfernung jetzt 4000.“ Kurz darauf „Entfernung 5000.“ Wieder einige Minuten später: „Keine Peilung mehr.“
Der Kommandant ließ den Kurs noch 30 Minuten beibehalten, um dann auf den ursprünglichen Auslaufkurs zurückzugehen. „Chamäleon“ strebte dem Nord-Atlantik zu. Der Durchbruch war gelungen.
6. Die erste Beute
Am Sonntagmorgen, der Kalender zeigte den 3. Dezember 1939, wurde die gesamte Besatzung – soweit auf ihren jeweiligen Stationen entbehrlich – zur Kommandantenmusterung gepfiffen. Von Tag zu Tag war es wärmer geworden und Mäntel, Schals, Südwester und ähnliche Ausrüstungs- und Kleidungsstücke waren längst aus dem Bordbild verschwunden. Die Besatzung trat im „Sommeranzug“ an und auch die Offiziere erschienen in weißen Hosen.
„Besatzung angetreten, Herr Kaptän“, meldete der IO, Graf Terra, dem Kommandanten. Korvettenkapitän Waldau dankte und musterte die angetretene Besatzung und betrat die für ihn aufgebaute Palaverkiste, ein vom Schiffszimmermann und seien Gehilfen gefertigtes Podest, das dem Kommandanten erlaubte, seine Besatzung insgesamt überschauen zu können.
„Offiziere und Besatzung – Kameraden! In der letzten Nacht haben wir die Linie des 40. Breitengrades überschritten – also etwa die Linie Madrid/New York – und damit unser erstes Operationsgebiet erreicht. Ab jetzt beginnt unsere eigentliche Aufgabe, nämlich die Führung des Handelskrieges. Unsere Aufgabe ist es in erster Linie, einzeln fahrende gegnerische Handelsschiffe anzugreifen, nach Möglichkeit zu stoppen, die Besatzung zu übernehmen und die Schiffe dann, wenn Wert des Schiffes und der Ladung dieses rechtfertigen, mit einem Prisenkommando zu bemannen und nach einem eigenen Hafen in Marsch zu setzten. Sollte dieses nicht in Betracht kommen – und das wird leider häufig der Fall sein – so ist es unsere Aufgabe, nach Übernahme der Besatzung des Gegnerdampfers, diesen zu versenken. Um Munition und vor allem auch Torpedos zu sparen, werden aufgebrachte Gegnerschiffe, die als Prisen nicht geeignet erscheinen, durch Anbringen von Sprengpatronen versenkt.“
„Es ist nicht unsere Aufgabe, gesicherte Geleitzüge anzugreifen. Hierzu ist das Schiff auch – wie Ihnen allen bekannt sein sollte – weder artilleristisch, noch von seiner Geschwindigkeit her in der Lage. Schon gar nicht dürften wir uns auf irgendwelche zweifelhaften Aktionen, bei denen wir selbst Treffer erhalten könnten, einlassen, da auch die „Chamäleon“ – wenn sie auch als Hilfskreuzer aufgrund ihrer durchaus respektablen Bewaffnung eine kampfkräftige Einheit darstellt – sie durch die nicht vorhandene Panzerung außerordentlich verwundbar bleibt. Ein unglücklicher Treffer allein kann die ganze weitere Unternehmung gefährden oder unmöglich machen. Ich sage dieses, damit Sie von vornherein verstehen, weshalb auf Geleitzüge oder auch durch Kriegsschiffe des Gegners gesicherte Frachter nicht operiert wird, sondern diesen auszuweichen ist. Das gleiche gilt übrigens auch für reine Passagierschiffe, auch wenn diese mutmaßlich als Truppentransporter angesehen werden können. Die Begründung hierfür liegt auf der Hand. Wie sollen wir schließlich evtl. tausend oder gar zwei- oder dreitausend Mann Besatzung und eingeschiffte Truppen an Bord nehmen?“
Waldau führte weiter aus, dass er soweit möglich sich seiner zusätzlichen Augen, nämlich des Bordflugzeuges, bedienen wolle und setzte abschließend für die erste Sichtung eine Kiste Becks Bier als Prämie für den erfolgreichen und aufmerksamen Ausguck aus. Für alle übrigen Sichtungen lobte er jeweils sechs Flaschen Becks Bier aus mit dem Hinweis, dass diese Prämie jedes Besatzungsmitglied erhalte, egal ob Ausguck oder nicht, was auch als zusätzlicher Ansporn für Freiwächter und sonstige nicht als Ausgucks eingeteilte Seeleute gedacht war. Eine Maßnahme, die mit lautem Beifall begrüßt wurde.
Am nächsten Morgen hatte es aufgebriest, die See ging etwa mit Stärke 6 und das Schiff arbeitete merklich in der bewegten See. Aus diesem Grunde hatte sich Waldau entschlossen, auf den Start des Bordflugzeuges zu verzichten, um Beschädigungen der verwundbaren Maschine zu vermeiden. In weiten Suchschlägen kämmte der Hilfskreuzer die See ab. Alle Ausgucks – acht an der Zahl – beobachteten unablässig die ihnen zugewiesenen Sektoren. Kommandant und IO hatten sich zusammen mit dem Navigationsoffizier, dem ehemaligen Kapitän der deutschen Handelsmarine und jetzigen Leutnant zur See (S) Wilhelm Kleinhausen, einem 48jährigen Bremer, in das Kartenhaus zurückgezogen, um die nächsten Kurse festzulegen.
Der Artillerieoffizier, Oberleutnant zur See Fritz Bolte, exerzierte derweil mit den Bedienungen der 15-Zentimeter Kanonen. Immer wieder wurde das Enttarnen der Geschütze, das Laden und Richten der Rohre auf einen imaginären Gegner geübt. Wenn der Besatzung auch durchaus klar war, dass nur stetige Übung letztendlich im Ernstfall auch die dann erforderliche Routine vermittelte, so wurde doch – zumindest unterdrückt – über das immer wiederkehrende Rollenexerzieren geflucht. Ähnlich betroffen waren auch die Mannschaften auf allen anderen Stationen des Schiffes. Eine Rollenübung löste die andere ab. Mal hieß es „Feuer im Schiff“, dann wieder „Mann über Bord.“
Auf steuerbordvorderen Ausguckposten stand der Matrosenobergefreite Jochen Dunker, ein 20jähriger Ostpreuße, der als Fischer durchaus mit der See vertraut war. Unablässig hielt er das schwere Marineglas an die Augen und suchte den ihm zugewiesenen Sektor ab. Plötzlich stutze er, nahm das Glas von den Augen, rieb dieses und hob das Glas erneut. „Doch“, er hatte sich nicht geirrt. Ein nadelfeiner dunkler Streifen stand über der Kimm.
„Rauchfahne Steuerbord 30°“, meldete er. Der wachhabende zweite Offizier, Oberleutnant zur See Uwe Semmler, stürzte an die Brückennock und hob ebenfalls das Glas. Nichts. Er verließ die Brücke und hastete zum Ausguck. „Wo denn, Mann, ich sehe nichts?“ „Doch Herr Oberleutnant“, entgegnete der Matrosenobergefreite Dunker in der ihm eigenen bedächtigen Art und wies dem Offizier die genaue Richtung. Jetzt sah es auch Semmler. „Gut gemacht, die Kiste Becks ist Ihnen sicher.“ Der Oberleutnant klopfte dem Ausguck auf die Schulter und strebte eilig wieder auf die Brücke.
Sekunden später waren Kommandant und IO auf der Brücke und schauten ebenfalls auf die nadelfein über der Kimm nur im schweren Marineglas sichtbare Rauchfahne. Auch der NO, Wilhelm Kleinhausen, den es bei der Sichtmeldung ebenfalls nicht mehr im Kartenraum hielt, hatte sich angeschlossen.
„Na also, brummte der Kommandant befriedigt, jetzt hoffen wir nur noch, dass es kein Neutraler ist.“
„Oder ein Tommi-Kreuzer“, brummte leise der IIO.
„Mann Gottes, lassen Sie die Unkerei“, mischte sich Graf von Terra in das Gespräch und schaute immer noch angestrengt in Richtung der Sichtung. Ohne Glas war absolut nichts wahrzunehmen.
„Wie weit schätzen Sie die Entfernung, meine Herren“, wandte sich der Kommandant an die Offiziere auf der Brücke. Graf von Terra antwortete als erster, „schwer zu sagen, aber ich glaube schon, dass es mindestens 30 Meilen sind. Vielleicht sollten wir unsere Herren Sonderführer auf die Brücke bitten, da die Handelsschiffskapitäne sicherlich auch ihren Senf dazugeben können“, fuhr Terra in der ihm eigenen etwas burschikosen Art fort. „Gut, mein Lieber“, stimmte ihm der Kommandant zu, „veranlassen Sie das.“ Wenige Minuten später bevölkerten nunmehr auch die erfahrenen ehemaligen Handelsschiffer die Brücke. Bei diesen bestand durchweg Einigkeit darüber, dass aufgrund der Sichtigkeit die Entfernung wohl kaum mehr als ca. 30, 32 Meilen betragen würde. „In Ordnung, den versuchen wir zu kriegen“, versetzte der Kommandant und gab Befehl, auf die Sichtung zuzudrehen. Mit Höchstgeschwindigkeit von 19 Knoten strebte der Hilfskreuzer auf den vermuteten Gegner zu.
Zwei Stunden später war die Rauchfahne des anderen Schiffes auch bereits mit bloßem Auge zu erkennen. Durch die schweren Marinegläser wurden mittlerweile auch die Konturen der Masten sichtbar, so dass einwandfrei feststand, es handelte sich um ein Handelsschiff.
Nachdem der Generalkurs des Gegnerfrachters klar war, ließ der Kommandant leicht vom Kurs abfallen, um nicht allzu verdächtig zu erscheinen. Langsam aber stetig holte der Hilfskreuzer, von achtern aufkommend, auf. Bemühte sich aber, den seitlichen Abstand von etwa 7 Meilen nicht zu unterschreiten – noch nicht.
Kommandant und IO erörterten die Lage, wie man sich am unverfänglichsten dem Gegner nähern könne.
„Wir sind als schwedischer Schwergutfrachter getarnt“, versetzte Graf Terra., „warum sollte er Verdacht schöpfen?“ „Ich vermute, dass die britische Admiralität, ähnlich wie im Weltkrieg, sicherlich ihren Schiffen wiederum Anweisung erteilt hat, bei Aufkommen von verdächtigten Schiffen sofort abzudrehen und entsprechende Funkmeldung abzusetzen“, entgegnete Waldau. Terra widersprach; „wenn wir ein Kriegsschiff …“, er unterbrach sich und grinste. „Wollte sagen wenn wir als Kriegsschiff erkennbar wären, würde ich das verstehen. Aber Hilfskreuzer können ja noch gar nicht gemeldet sein. Warum sollte der Kapitän drüben übervorsichtig reagieren? Und wenn doch, wie sollen wir es verhindern?“ „Gut“, versetzte Waldau. „Lassen wir es darauf ankommen.“
Langsam aber stetig wurde nicht nur die Entfernung zum Gegner, sondern auch der seitliche Abstand verkürzt. 45 Minuten später dröhnten die Alarmglocken durch das Schiff. Alle Mann hasteten auf ihre Gefechtstationen. Der Kommandant ließ auf Lautsprecheranlage schalten und befahl: „Schiff klar zum Gefecht. Wir greifen an.“ Umgehend folgten die Klarmeldungen des 1. Artillerieoffiziers für die schwere Artillerie, des II AO für die Flakbewaffnung sowie des TO für die Torpedowaffe, des Funkraums, der sich erforderlichenfalls zum Störfunken bereithielt und aller anderen Stationen. Der Hilfskreuzer hatte sich zwischenzeitlich auf etwa eine Seemeile genähert. Noch immer zog das Gegnerschiff völlig ungerührt seinen Kurs und war zwischenzeitlich ausgemacht worden als der englische Frachtdampfer „Jolante“, Heimathafen Liverpool, nach Lloyds Register ein Schiff von 6368 BRT (Bruttoregistertonnen).
Dann folgte zum ersten Mal der Befehl:“ Heisst Flagge und Wimpel, fallen Tarnung.“ Die schwedische Flagge wurde eingeholt und rauschend entfaltete sich die deutsche Kriegsflagge am Mast. Die Tarnungen vor den Geschützen fielen und drohend streckten sich die Rohre zum nah beistehenden Gegnerfrachter. Gleichzeitig wehte auf dem deutschen Hilfskreuzer das internationale Flaggensignal „Stoppen Sie sofort, nicht funken“, aus. Gebannt schauten Offiziere und Besatzung, soweit sie freien Zublick auf den Gegner hatten, hinüber. Deutlich erkennbar führte der englische Frachter noch kein Heckgeschütz, wie es später für alle englischen Schiffe eine Selbstverständlichkeit war. „Frage Funkraum“, ließ sich der Kommandant vernehmen. Postwendend erfolgte die Antwort „Gegner funkt nicht.“ Gut erkennbar am endlich zusammenfallenden Kielwasser nahm der Gegner die Fahrt aus dem Schiff. 10 Minuten später dümpelten beide Schiffe in einer Entfernung von ca. einer Meile im bewegten Nordatlantik. „Prisenkommando fertig machten! Flaggensignal, ich schicke ein Boot, halten Sie die Schiffspapiere bereit!“ Die nächsten Befehle des Kommandanten folgten sofort. 3 Minuten später stieß das Motorboot mit dem Prisenkommando von 12 Mann, bewaffnet mit Maschinenpistolen, geführt vom 1. Offizier, Graf Terra, vom Hilfskreuzer ab. Mit an Bord befanden sich zwei Feuerwerker mit den nötigen Sprengmitteln versehen, um ggf. das Gegnerschiff durch Sprengpatronen zu versenken.
Deutlich sichtbar legte das Motorboot des Hilfskreuzers wenig später am gestoppten Frachter an und – allen voran Graf von Terra– enterten über die herabgelassene Jakobsleiter den Gegner.
Äußerlich völlig ruhig, das Glas auf das gegnerische Schiff richtend, innerlich aber außerordentlich gespannt, erwartete der Kommandant den Bericht seines IO. Die Minuten dehnten sich endlos. Mit Anzeichen erster Nervosität fuhr sich Waldau mit gespreizten Fingern durch die Haare, was in der allgemeinen Anspannung aber kaum vom Brückenpersonal bemerkt wurde. Dann endlich ließ der IO durch Funkspruch mitteilen: „Schiffspapiere sichergestellt. Keine Gegenwehr. Ladung besteht aus Stückgut und landwirtschaftlichen Maschinen. Funkanlage defekt. Als Prise ungeeignet.“
Der Kommandant winkte seinem Läufer. „Winkspruch an IO, lassen Sie die Besatzung ihre persönlichen Sachen bergen und das Schiff verlassen. Frist 30 Minuten. Durch Sprenggranaten versenken. Schiffspapiere sicherstellen.“
Schon vor der gesetzten Frist legten die Boote des Gegners an der Bordwand des Hilfskreuzers an. Der Kommandant ließ die gegnerischen Offiziere und Matrosen – bis auf den Kapitän – sofort unter Deck in die für sie zur Aufnahme vorbereiteten Gefangenenräume führen.
„Herr Kapitän,“ wandte sich der deutsche Kommandant an den sichtlich erregten neben ihm stehenden Kapitän seines ersten Opfers, „es tut mir leid, aber ich werde Ihr Schiff versenken müssen.“ Bei diesem einleitenden Satz musterte Korvettenkapitän Waldau sein Gegenüber. Er sah einen stämmigen, untersetzten alten Fahrensmann mit durch Sonne und Wind gekerbten Zügen von ca. 50 Jahren. Dieser schaute ihn offen aus dunkelbraunen Augen, umkränzt von buschigen Augenbrauen, die über der Nase zusammengewachsen waren, an. „Hornsby, Master William Hornsby“, stellte sich der englische Handelskapitän vor. „Tun Sie, was Sie glauben tun zu müssen.“ sprach dieser den deutschen Kommandanten zu dessen nicht gelinder Überraschung an, der seine vorherigen Worte ohne weiter nachzudenken auch in Deutsch an den Master des britischen Schiffes gerichtet hatte. „Oh, execuse me, Kapitän, ich freue mich, dass Sie offenbar nicht nur Deutsch verstehen, sondern auch hervorragend sprechen“, entgegnete der sichtlich überraschte Waldau. „Wenn Sie es wünschen, dürfen Sie gern an Deck bleiben und zuschauen, wie Ihr Schiff in“ – Waldau schaute auf die Uhr – „etwa 10 Minuten durch die von meinen Feuerwerkern angebrachten Sprengladungen auf Grund gehen wird.“ Waldau bemerkte, wie sich die Gesichtszüge seines Gegenübers in offensichtlicher Verbitterung verzogen und fuhr schnell fort, „selbstverständlich habe ich aber dafür auch allergrößtes Verständnis, Herr Kapitän, wenn Sie sich diesen Anblick ersparen möchten. Wenn Sie es wünschen, lasse ich Sie selbstverständlich auch sofort unter Deck geleiten – selbstverständlich zu Ihrer Mannschaft.“ „Ich bitte darum“, versetze der Kapitän der aufgebrachten „Jolante“ und wandte sich ab. „Führen Sie den Herrn Kapitän zu seinen Leuten, IO“, brummte Waldau zu seinem Freund Terra gewandt und richtete seine Augen wieder auf den gegnerischen Frachter.
Wenige Minuten später detonierten die angebrachten Sprengkapseln auf der ersten Beute des „Chamäleons“ und langsam sackte das Schiff auf ebenem Kiel tiefer, um nach ca. 10 Minuten von der Wasseroberfläche verschwunden zu sein. „Chamäleon“ hatte hiermit seine erste Beute versenkt, „unter Deck geschoben“, wie es in der Kriegsmarine hieß.
7. Täuschungsmanöver
Mit südlichem Kurs durchpflügte „Chamäleon“ den Nordatlantik Richtung Äquator. Seit der ersten Versenkung war kein weiterer Gegner mehr in Sicht gekommen. Unablässig beobachteten Brücke und Ausguckposten die ihnen zugewiesenen Sektoren. Trotz des relativ guten Wetters, verbunden mit weiter Sicht, wollte keinerlei über der Kimm aufsteigende Rauchfahne eine weitere Beute ankündigen.
Tage später, gegen 10.00 Uhr vormittags – der Kommandant hatte gerade sein zweites Frühstück eingenommen – ließ sich bei diesem der zweite Offizier, Oberleutnant Uwe Semmler, melden und wurde von Waldau sofort empfangen. Nach dessen militärischer Meldung bot Waldau seinem IIO Platz vor seinem Schreibtisch, der am Boden fest verankert war, um auch bei schwerer See nicht Gefahr zu laufen, sich selbständig zu machen, an und schaute sein Gegenüber erwartungsvoll an. „Na, Semmler, was gibt’s?“ „Ich habe auftragsgemäß die persönlichen Habseligkeiten der Gefangenen überprüft“, berichtete der IIO, „Herr Kaptän.“ Der Kommandant merkte seinem Untergebenen sofort an, dass dieser kaum abwarten konnte, ihm offenbar außerordentlich interessante Feststellungen zu melden. Waldau grinste ob des kaum verhohlenen Eifers des jungen Offiziers und ermunterte ihn, „na, was interessantes dabei?“
„Das kann man wohl sagen, Herr Kaptän“, meldete der junge Oberleutnant und zog einen Briefumschlag aus der Innentasche seines Bordjacketts. „Dieses stammt aus der Jacke des Funkers.“ Der Kommandant nahm den Umschlag entgegen und betrachtete ihn zunächst von beiden Seiten. Gerichtet war der Brief an einen Edward Simmons, Funkoffizier, MS Jolante, Liverpool.
„Der Absender“, platzte Semmler heraus, um sich sofort zu entschuldigen, „Verzeihung Herr Kaptän, der Absender erscheint mir sehr interessant.“ Waldau wendete den Brief und staunte ehrlich.
„Sir Walter Hawkens, Rear-Admiral, London“, las er zu seiner Überraschung und widmete sich nunmehr mit größtem Interesse dem Brief selbst.
Dieser trug ebenfalls den Kopf des Rear-Admirals, der neben vielen persönlichen Floskeln in diesem Schreiben seinen Neffen, um diesen handelte es sich nämlich bei dem Funkoffizier der aufgebrachten Jolante, wissen ließ, dass er ein Kreuzergeschwader im Südatlantik übernehmen werde und seinen geliebten Neffen aufforderte, sich unmittelbar nach Beendigung der Fahrt als Reserveoffizier der Royal-Navy zur Verfügung zu stellen und ihn sofort über die Admiralität in London zu informieren, damit er ihn, seinen Neffen, für eines seiner Schiffe anfordern könne.
„Das ist ja wirklich interessant“, versetzte Waldau, „leider hilft es uns wenig weiter, wir werden aber entsprechende Mitteilung über die zu erwartenden Operationen eines Kreuzergeschwaders im Südatlantik per FT an die SLK senden. Gibt es sonst noch irgendetwas von Bedeutung unter den Habseligkeiten der Männer?“
„Nein, Herr Kaptän“, antwortete der IIO. „In Ordnung, Semmler“, versetzte Waldau, „dann veranlassen Sie, dass den Leuten ihre persönlichen Sachen zurückgegeben werden. Im Übrigen möchte ich Sie dann bitten, sich neben Ihren Aufgaben als II WO auch als „Gefangenenoffizier“ zu betrachten und sich um Sorgen und Probleme der Gefangenen zu kümmern. Sprechen Sie mit den Leuten, kümmern Sie sich auch um persönliche Wünsche und Bedürfnisse und sorgen Sie vor allem dafür, dass alle nur denkbaren Erleichterungen gewährt werden können. Versuchen Sie hierbei auch weitere für uns interessante Einzelheiten in Erfahrung zu bringen. Kurzum, versuchen Sie, für die Gefangenen nicht der böse Hunne zu sein, sondern bemühen Sie sich – soweit möglich selbstverständlich – auch um einen kameradschaftlichen Ton.“
Damit entließ der Kommandant seinen IIO.
Am folgenden Morgen – Waldau saß gerade mit seinen Offizieren – mit Ausnahme des IIO, der als diensthabender Offizier zur Zeit den Hilfskreuzer fuhr – in der Offiziersmesse nach dem zweiten Frühstück zusammen und erörterte die Lage – als eine erneute Sichtmeldung erfolgte. Waldau und Terra stürzten auf die Brücke.
„Rauchfahne Backbord querab, Herr Kaptän“, meldete Oberleutnant Semmler als wachhabender Offizier. Waldau und Terra hoben die schweren Marinegläser an die Augen und starrten angestrengt in die angegebene Richtung. Endlich, nach dem Nachjustieren der Gläser, erkannte der IO, Graf Terra, den feinen verwischten Strich an der Kimm und bedeutete dem Kommandanten die genaue Richtung. Jetzt sah es dieser auch. „Verdammt gute Sicht, also verdammt weit weg“, brummte Waldau. „Was meinen Sie, IO, wollen wir das Flugzeug erstmals aussetzen?“ „Wäre sicherlich empfehlenswert, Herr Kaptän.“ „Gut, veranlassen Sie das IO.“
Kurz darauf meldete sich der Fliegeroffizier, Leutnant Elmar Spaß mit dem Flugzeugführer, Feldwebel Gottfried Schütze, bei dem Kommandanten. Beide erklärten, es bestehen keine Bedenken gegen den Einsatz des Bordflugzeuges, das kurz darauf gestartet wurde.
Kommandant und IO, sowie alle Mann, soweit es ihnen möglich war, blickten dem startenden Bordflugzeug nach, dass sich ohne Schwierigkeiten von der glatten See erhob, noch eine Ehrenrunde über den Hilfskreuzer drehte und dann Kurs auf die gesichtete Rauchfahne nahm.
„Na, nun heißt es abwarten“, brummte der IO und grinste den Kommandanten an.
Die Arado stieg schnell auf etwa 600 Meter Höhe und nahm Kurs auf das gesichtete Schiff. Nach wenigen Minuten bereits war von Leutnant Spaß klar auszumachen, dass es sich bei der erhofften zweiten Beute des „Chamäleons“ um einen tief im Wasser liegenden, also bis zur Halskrause vollgelutschten, Tanker von etwa 7.000 BRT handelte.
Das Schiff war eindeutig anhand der britischen Handelsflagge als Gegner zu identifizieren.
„Lohnenswerte Beute“, bedeutete der Fliegeroffizier seinem Flugzeugführer. Feldwebel Schütze, der gerade die Maschine in eine leichte Linkskurve legte, um das Ziel in etwa 500 Meter Höhe zu umrunden, nickte, „hoffentlich funkt er nicht gleich.“
„Wollen wir unser Glück versuchen“, bedeutete der Leutnant und griff zum zwischen seinen Füßen befindlichen Leinenbeutel, in dem sich eine vorbereitete Mitteilung befand, die – selbstverständlich durch das nötige Gewicht beschwert – auf Deck eines gegnerischen Schiffes abgeworfen werden sollte. Diese Meldung besagte, dass ein britisches Kriegsschiff – in diesem Fall der britische Kreuzer Dorsetshire – in der Nähe stand und aufgrund des Kriegsausbruches wichtige Befehle für den eigenen Frachter habe. Dieser möge nicht funken, um den Standort britischer Einheiten dem deutschen Gegner nicht zu verraten. Das Kriegsschiff werde näher kommen und ein Boot aussenden, um weitere Befehle zu übermitteln.
Zwischenzeitlich hatten die britischen Seeleute auf dem Tanker selbstverständlich das Flugzeug bemerkt und hielten dieses erkennbar für das Bordflugzeug eines eigenen Kriegsschiffes. Wie anders wäre das Winken der auf Oberdeck gekommenen Seeleute sonst zu erklären?
„Scheint zu klappen“, meinte der Flugzeugführer und legte die Maschine in eine neue Kurve, um erheblich tiefer den Tanker erneut zu überfliegen. Leutnant Spaß bereitete sich vor, den Beutel so abzuwerfen, dass dieser wirklich auf dem Vordeck des Handelsschiffes auftreffen möge.
Die Maschine verringerte deutlich Ihre Flughöhe. In ca. 40 Metern Höhe flog die Arado 196 von hinten an. Von achtern aufkommend hielt Leutnant Spaß – die Windrichtung wohlberechnend – den Beutel vor sich und warf diesen ab, als das Flugzeug etwa die achtere Heckreling des Tankers in etwa 40 bis 50 Meter Höhe überflog.
Erwartungsgemäß schlug der Leinenbeutel auf dem Vordeck des Schiffes – zwischen den verschiedenen Tanks- auf.
„Wollen sehen, was jetzt passiert“, schrie Spaß seinem Flugkollegen, Feldwebel Schütze, zu. Dieser nickte lediglich, obwohl er aufgrund des erheblichen Fluglärms, verbunden mit den starken Windgeräuschen, wohl kaum genau verstanden haben dürfte.
Die Maschine ging auf ca. 100 Meter Höhe und umkreiste den Tanker.
Bei der dritten oder vierten Runde bemerkten sowohl Spaß als auch Schütze, dass ihre Nachricht ohne Argwohn aufgenommen wurde. Der Leinenbeutel war auf die Brücke gebracht und einer der Schiffsoffiziere, an der Kopfbedeckung erkennbar, winkte dem Flugzeug zu.
Gleichzeitig ging das Flaggengensignal für „verstanden“ hoch und das Gegnerschiff verlangsamte deutlich erkennbar seine Fahrt.
Die Arado umkreiste noch mehrere Male den gegnerischen Tanker, bei der letzten Runde wurde mit leichtem Wackeln der Tragflächen angedeutet, dass das Aufnehmen und Befolgen der Nachricht verstanden war und nahm dann wieder Kurs auf den Hilfskreuzer.
Währenddessen auf „Chamäleon.“
Auf der Brücke standen die Offiziere zusammen und diskutierten, ob wohl der Einsatz des Flugzeuges den gewünschten Erfolg bringen möge? „Wird schon klappen“, äußerte sich Graf von Terra und verbreitete wohltuenden Optimismus. Anders der Kommandant, der – nach außen hin vollkommen ruhig und beherrscht, innerlich aber völlig aufgewühlt – an einen derartigen leichten Erfolg noch nicht glauben wollte. „Glaube ich kaum, wir haben wohl einen klassischen Fehler begangen.“ Alle schauten den Kommandanten bestürzt an. „Wieso, Herr Kaptän“, fasste sich Graf von Terra als erster.
Waldau musterte seinen ersten Offizier und meinte, „will Ihnen ja nicht die Hoffnung verderben – und mir bestimmt auch nicht – IO“, um nach einer längeren Pause fortzufahren, „aber in dem vorbereiteten Abwurfbeutel geben wir uns als britischer schwerer Kreuzer aus.“ Betretenes Schweigen bereitete sich auf der Brücke aus. Allen Offizieren und den sonstigen Besatzungsmitgliedern,die diese Äußerung aufnahmen, war klar, dass auf dem gegnerischen Tanker jeder bei Annäherung sofort erkennen würde, dass hier kein britischer schwerer Kreuzer herangebraust kam, sondern sich ein Handelsdampfer näherte.
Terra fasste sich wieder als erster und entgegnete, „dann, Herr Kaptän, dürfen wir uns eben erst bei Dunkelheit nähern.“
„Ha, Sie Spaßvogel, belieben einmal mehr zu scherzen, obwohl dieser Zeitpunkt absolut unangebracht ist“, versuchte der Kommandant seinen ersten Offizier zurechtzuweisen, um fortzufahren, „meinen Sie etwa, der Gegner wundert sich nicht, wenn nicht innerhalb der nächsten ein, zwei Stunden der erwartete Kreuzer in Sicht kommt?“
Graf von Terra äußerlich absolut ungerührt, „doch, muss das Flugzeug eben erneut mit ergänzenden Befehlen zum Tanker fliegen.“
„Hmmhmmhm“, überlege Korvettenkapitän Waldau, „Sie Teufelskerl, haben ja vollkommen Recht, wir könnten ja wesentlich weiter abstehen. Wollen wir sofort eine weitere Order schriftlich entwerfen.“
„Herr Kaptän“, meldete der Steuerbordausguck, „unser Bordflugzeug nähert sich.“ Alle rissen die Gläser an die Augen und sahen auch prompt – vom Ausguck die Richtung angedeutet – die Maschine sich nähern.
Näher gekommen, meldete Fliegeroffizier Spaß per Signallampe, dass es sich bei dem Gegner um einen Tanker handelt und dieser offenbar keinen Verdacht geschöpft hat, und gestoppt liegen bleibe, um die Ankunft des Kreuzers zu erwarten.
„Signalmaat auf die Brücke“, befahl der Kommandant. Sekunden später bedeutete er dem auf die Brücke kommenden Signalmaaten, Flaggensignal für Kmdt. des Flugzeuges: Neben dem Hilfskreuzer wassern!“
Im Flugzeug wurde dieses Signal mit gemischten Gefühlen aufgenommen. „Sollen wir etwa hier rumschwabbeln und nachher vom Schiff wieder aufgenommen werden, Herr Leutnant?“ Diese Frage stellte der Flugzeugführer seinem Fliegeroffizier. „Ich weiß auch nicht, Schütze, aber Befehl ist Befehl.“ Das Flugzeug flog eine ausgedehnte Kurve und wasserte dann in der Nähe des Kreuzers. Mit Verwunderung nahm die Flugzeugbesatzung davon Kenntnis, dass der Hilfskreuzer ein Boot aussetzte, das sich dem Flugzeug näherte. Das Bootskommando, geführt von Maat Lange, übergab Leutnant Spaß einen neuen Leinenbeutel mit dem Bemerken, „Herr Leutnant, Befehl des Kommandanten, erneut Kurs auf Gegner und erneutes Abwerfen neuerer Befehle.“ Spaß nahm den Beutel entgegen und sofort legte der Kutter wieder ab und strebte „Chamäleon“ zu.
„Na denn, Sie haben es gehört“, versetzte der Leutnant und Feldwebel Schütze drehte die Arado 196 in den Wind, um vom – glücklicherweise relativ ruhigen Wasser – zu starten.
Nach wenigen Minuten verlor sich die Silhouette des Flugzeuges in den Gläsern des Hilfskreuzers als kleiner schwarzer Punkt mit Kurs auf den Engländer.
An Bord des Flugzeuges hatte Leutnant Spaß zwischenzeitlich die neue Order für den Tankerkapitän gelesen und erläuterte den Inhalt seinem Kameraden und Flugzeugführer. „Wird schon klargehen“, entgegnete dieser lakonisch. Gut 50 Minuten später kam der Tanker erneut in Sicht. Schütze umkurvte – unter entsprechendem Wackeln mit den Tragflächen – erneut den Tanker, der ohne Fahrt in der langen Dünung des Atlantiks dümpelte.
Nach mehreren Kurven – jeweils unter erneutem Wackeln der Tragflächen und Anblinken mit der Morselampe – dass erneuter Befehl abgeworfen werden würde – flog Schütze erneut das Schiff von achtern an und der Flugzeugführer, Leutnant Spaß, platzierte ähnlich geschickt, wie beim ersten Anflug – obwohl bei jetzt ohne Fahrt dümpelndem Schiff etwas einfacher – erneut den Meldebeutel auf dem langen Vordeck des Tankers.
Wie beim ersten Mal wurde die Meldung schnellstens aufgenommen und der Schiffsführung überbracht. Es dauerte ca. 2 Minuten, bis erneut das Signal „verstanden“ an den Signalleinen am Mast des Tankers auswehte. Das Flugzeug kreiste noch einige Male über dem Tanker, bis schließlich erkennbar war, dass dieser Fahrt aufnahm und seinen bisherigen Kurs fortsetzte.
Nachdem der Abwurfsack auf dem Deck des britischen Tankers aufgenommen war und dem Kapitän, Master Stanley Meesen, vorgelegt war, äußerte sich dieser, „hmm, gar nicht gewusst, dass die Bordflugzeuge unserer Kreuzer einen derartigen Aktionsradius haben und derart hohe Geschwindigkeit fliegen können. Aber meine Herren, was soll’s, werden wir also unsere Fahrt entsprechend mit verminderter Geschwindigkeit fortsetzen und dann eben in den frühen Morgenstunden den Kreuzer erwarten.“
„Entschuldigen Sie, Sir“, ließ sich der erste Offizier, Walter Jackson, vernehmen, „das erscheint mir doch alles sehr merkwürdig. Sollten wir nicht vielleicht lieber per Funk Bestätigung einholen, dass wirklich der britische schwere Kreuzer Dorsetshire sich in diesem Seegebiet befindet?“
„Auf keinen Fall“, ließ sich der Tankerkapitän vernehmen, „schließlich könnte der Spruch von einem deutschen U-Boot aufgenommen werden. Wir müssen schließlich alle damit rechnen, dass die Jerrys ihre Boote bereits in See haben.“
„Entschuldigen Sie, Sir“, meldete der erste Offizier des Tankers erneut seine Bedenken an, „ich halte es nach wie vor bei dieser merkwürdigen Order für angebracht, Funkmeldung abzusetzen. Außerdem ist mir das Flugzeugmuster als Bordflugzeug unserer Kreuzer nicht geläufig.“
„Ach, was wollen Sie denn“, versetzte der Captain, „wir sind doch durch die Admiralität darauf hingewiesen, dass von den Jerrys lediglich eines ihrer Taschenschlachtschiffe vor Kriegserklärung ausgelaufen ist. Welche Überwassereinheit sollte hier wohl rumschwabbeln? Oder meinen Sie etwa, die Jerrys verfügen als Geheimwaffe bereits auf ihren U-Booten über Bordflugzeuge?“ Das weitere Brückenpersonal belachte den als Witz verstandenen letzen Satz ihres Masters entsprechend und der besorgte erste Offizier verzichtete auf weitere Einwendungen. Wortlos wandte er sich ab, ihm war aber durchaus anzumerken, dass er nach wie vor seine Zweifel nicht verbergen konnte.
„Und“, setzte der Captain noch einen drauf, „Number One, dieses Westentaschen-schlachtschiff, die Graf Spee, ist bekanntlich nach dem Gefecht mit unseren Kreuzern Ajax, Achilles und Exeter in den Hafen von Montevideo, Uruguay geflüchtet und wird dort von unserer Royal Navy blockiert und wird da kaum wieder rauskommen. Das haben wir doch erst gestern von der Admiralität bestätigt bekommen.“
Auch auf der „Chamäleon“, auf der ebenfalls auch die britischen Radiostationen abgehört wurden, war das Gefecht des Panzerschiffs Graf Spee mit dem britischen schweren Kreuzer Exeter und den beiden leichten Kreuzern Ajax und Achilles aus Nachrichten der BBC bekannt. Selbstverständlich wurden auch auf dem Hilfskreuzer die feindlichen Radiostationen, insbesondere die BBC abgehört und die wesentlichen Nachrichten dem Kommandanten bekannt gegeben, der sie nach eigenem Dafürhalten ggf. seinen Offizieren und meistens auch der Besatzung über Bordlautsprecher bekannt gab, wenn er dies für erforderlich oder sinnvoll erachtete. Am Bord beider Schiffe wusste man am frühen Morgen des 17.Dezember 1939 noch nicht, dass am gleichem Tage Kapitän zur See Langsdorff im Interesse der Rettung seiner Besatzung und im Hinblick auf die nur noch geringen Munitionsvorräte die Graf Spee außerhalb der Dreimeilenzone vor Montevideo in den Fluten des Rio de la Plata selbst versenken würde.
Auf dem deutschen Kriegsschiff war man in der Zwischenzeit nicht untätig, die von der Flugzeugbesatzung als „Kate Winslow“ ausgemachte zweite Sichtung näher zu überprüfen. Laut Lloyds Register handelte es sich hierbei um den 7952 BRT (Bruttoregistertonnen) vermessenen, 1931 vom Stapel gelaufenen,Tanker der Reederei Winslow Brothers mit Sitz in London. Noch bei vollständiger Dunkelheit näherte sich die „Chamäleon“ bis auf knapp 1000 Meter von achtern aufdampfend dem Briten. Auf der Brücke des deutschen Kriegsschiffes waren – wie fast immer bei der Annäherung an einen Gegner – auch die wachfreien und nicht durch ihre Funktionen anderweitig gebundenen Offiziere in gebannter Erwartung.
„Artillerie klar“, fragte der Kommandant beim 1. Artillerieoffizier, Oberleutnant z. S. Fritz Bolte, nach. Sofort kam die Antwort des AO: „Artillerie klar und Ziel aufgefasst.“
„Flawaffen ebenfalls klar und Ziel aufgefasst“, kam der 2. AO Leutnant z. S. Fischer der Nachfrage des Kommandanten zuvor, was dieser mit einem leichten Schmunzeln zur Kenntnis nahm. Für die Torpedowaffe meldete der TO Curt Carstens: „Torpedowaffe ebenfalls klar, Herr Kaptän, TO am Zielgerät.“
Der Korvettenkapitän hob nochmals das schwere Marineglas an die Augen, überzeugte sich davon, dass nach wie vor offenbar die Annäherung des Hilfskreuzers vom gegnerischen Schiff nicht bemerkt war, sowie ob die Kriegsflagge gehisst war und befahl: „Blinkspruch vorbereiten, Stop advance, or I shall fire (stoppen Sie sofort, sonst werde ich schießen), don’t wireless (benutzen Sie nicht Ihre FT-Anlage)!“
„Ausführung jetzt!“ Sofort nach dem Befehl trat der Signalscheinwerfer in Tätigkeit und übermittelte der diensthabende Signalgast die Aufforderung.
Auf der „Kate Winslow“ zuckten Captain und 1. Offizier, sowie Rudergänger und Wachmatrose zusammen, als plötzlich an Ihrer Backbordseite der helle Scheinwerferstrahl das Dunkel der Nacht durchschnitt. Der 1. Offizier des Tankers überwand seine Überraschung zuerst. Fragend schaute er seinen Captain an und schrie diesen in der Erregung fast an: „Und das soll ein britischer Kontrollkreuzer sein? Das glaube ich nie und nimmer.“ „Das sind die verfluchten Germans“, setzte er noch hinzu und maß seinen Captain mit einem bösen Blick, „aber auf mich wollte ja keiner hören!“ Der Captain wollte seinem Ersten wütend das Wort verbieten, als plötzlich das ganze Schiff in helles Licht getaucht wurde, verursacht von der starken Scheinwerferanlage des zwischenzeitlich auf wenige hundert Meter angenäherten Fremden. Den 1. Offizier riss es förmlich auf den Absätzen herum und schon war er am Sprachrohr, das die Brücke mit dem Funkraum verband und schrie hinein: „Wir werden angegriffen, geben Sie sofort QQQ (britischer Code für: verdächtiges Schiff) und unsere Position.“
„Belege das“, schrie der Captain dazwischen, stieß seinen Ersten vom Sprachrohr weg, „geben Sie RRR (britischer Code für Raider – Angriff durch Überwasserkriegsschiff) mit Schiffsnamen und Position.“ Lange Sekunden vergingen. Rudergänger und Wachmatrose schauten sich an, wandten dann Ihren Blick auf Captain und Ersten, um zu sehen, welche weiteren Anordnungen die Schiffsführung geben würde. Die Hände des Rudergängers umkrampften das Ruderrad. Wieder fasste sich der Erste am schnellsten und fragte seinen Schiffsführer: „Sollen wir stoppen?“ Die Lippen im zornrotem Gesicht des Captains sprangen auf: „Damn …“, weiter kam er nicht. In diesem Moment flog ein Teil der Brückenaufbauten, wie von der Hand eines Riesen zerfetzt, vor seinen Augen davon. Dort wo der Wachmatrose eben noch mit schreckverzerrtem Gesicht gestanden hatte, klaffte ein großes Loch. Er selbst war verschwunden. Das fremde Schiff hatte das Feuer eröffnet. Rudergänger und Erster warfen sich zu Boden. Der Erste lief zum Sprachrohr und wollte mit der Rechten den Stöpsel abziehen. Unverständnis und Verwirrtheit breiteten sich auf seinem Gesicht aus. Er griff dann mit dem rechtem Arm zum Sprachrohr. Allein die rechte Hand und der halbe Unterarm fehlten. Er starrte auf den verkürzten Unterarm, aus dem das Blut in breitem Strahl aus einer verletzten Arterie spritzte und sackte langsam auf die Knie. Jetzt endlich hatte auch der Captain seinen Schock überwunden. Glücklicherweise funktionierte die Sprachverbindung zur Maschine noch und er gab Befehl zu stoppen. Eine Verbindung zum Funker kam hingegen nicht zustande. Mehrmals schrie er nach dem Funkoffizier, erhielt jedoch keine Antwort. Erst jetzt registrierte er, dass das Schießen bereits wieder aufgehört hatte.
Zu dieser Zeit auf dem deutschen Hilfskreuzer.
„Gegner funkt“, meldete der 1. Funkoffizier Oberleutnant z.S. Fritz Borchard. „Sofort stören“, befahl der Kommandant, „1 AO, eine Salve auf die Brücke! 2 AO, Flawaffen Oberkante Schiffsbrücke bestreichen, Antenne zerschießen!“
Ruumms donnerten alle 15 Zentimeter Geschütze, die den Gegner auffassen konnten, los. „Treffer, Treffer“, jubelten die mittlerweile vollständig auf der Brücke erschienenen Offiziere, soweit sie nicht dienstlich wie die beiden Artillerieoffiziere, Funker und Torpedooffizier auf ihren Gefechtsstationen gebraucht wurden. Graf von Terra fuhr dazwischen: „Ruhe! Wir sind doch hier nicht zum Ringreiten.“
„Gegner hat aufgehört zu funken“, kam die Meldung des FO (Funkoffizier). „Gegner stoppt“, bemerkte der Kommandant, „Blinkspruch rübermachen: Haben Sie Verletzte? Benötigen Sie ärztliche Hilfe?“ Der Kommandant wollte die Anfrage gerade wiederholen lassen, als nach langen Minuten per Blinkspruch erwidert wurde: „Ich ergebe mich. Ein Toter, ein Schwerverwundeter, drei leicht Verletzte.“
Noch in der Dunkelheit setzte das Prisenkommando unter Leitung des 2. Offiziers, Oberleutnant z. S. Uwe Semmler, mit dem 2. Schiffsarzt und 2 Sanitätsgasten über. Alle Bemühungen des Schiffsarztes waren vergebens, kurz nach Eintreffen war der tapfere 1. Offizier des Engländers seinem Blutverlust erlegen. Die Überprüfung durch den LI und seine Mannschaft ergab, dass die Brücke stark beschädigt war, zudem eine der 15 Zentimeter Granaten den Maschinenraum getroffen hatte, sodass auch dieser Tanker als Prise nicht in die Heimat geschickt werden konnte und somit nach Übernahme der Besatzung, die selbstverständlich Kleidung und persönliche Habe mitnehmen durfte, durch öffnen der Seeventile versenkt wurde. Drei Stunden dauerte es, bis das Schiff endlich auf ebenem Kiel letztlich ganz in seinem Element versunken war. In die britische Flagge gehüllt wurde kurz darauf die Leiche des 1. Offiziers im Beisein seiner gesamten Besatzung und seines Captains sowie eines angetretenen deutschen Ehrenkommandos der See übergeben. Die Leiche des zweiten Briten wurde nicht gefunden. Der Funker hingegen hatte Glück, er wurde vom Einschlag lediglich gegen die Wand seiner Kammer geschleudert und hatte kurzfristig das Bewusstsein verloren und konnte daher seinem Captain nicht antworten.
8. Kriegsrat
Drei Tage später, am 20. Dezember 1939, hielt der Kommandant mit seinen Offizieren Kriegsrat. Der Tod der beiden Engländer ließ ihn nicht unberührt.
„Meine Herren, was können wir tun um auch die Verluste beim Gegner möglichst gering zu halten und wenn es irgend geht, auch im eigenen Interesse, nicht nur um Munition zu sparen, sondern darüber hinaus auch möglichst unbeschädigte Gegnerschiffe aufzubringen, damit wir uns nicht evtl. eine wertvolle Prise selbst in Klump schießen“, fragte Waldau, nachdem er Raucherlaubnis erteilt hatte und bis auf die zwei Nichtraucher alle ihre Zigaretten bzw. drei der älteren Sonderführer, die an der Besprechung teilnahmen, ihre Zigarren und Graf von Terra seine unvermeidliche Pfeife in Brand gesetzt hatten. Der von der Luftwaffe abkommandierte Fliegeroffizier, Leutnant Elmar Spaß, hob die Hand: „Feldwebel Schütze hat möglicherweise eine Idee.“
„Und die wäre“, fragte Graf von Terra und stieß eine gewaltige Rauchwolke aus. Der neben ihm sitzende Oberleutnant z.S. Carstens wedelte diese mühsam beiseite und deutete einen Erstickungsanfall an. Alle lachten. Der Kommandant wurde wieder ernst: „Na dann mal her mit unserem Feldwebel, mal sehen was er zu sagen hat! Welche Idee hat er denn? Nun mal raus damit“, der Kommandant schaute den Luftwaffenleutnant fragend an. Dieser versuchte im Sitzen leicht Haltung anzunehmen, wurde aber sofort vom Kommandanten unterbrochen: „Hören Sie auf mit dem Spaß, Spaß, wir sind hier nicht auf dem Kasernenhof, sondern auf Feindfahrt!“
„Das sollte auch dieser Schlipssoldat langsam gemerkt haben“, gab Graf von Terra seinen unvermeidlichen Senf dazu und spielte mit der Bezeichnung Schlipssoldat darauf an, dass bei den Luftwaffenuniformen Hemd und Schlips üblich waren, was beim Heer gar nicht und bei der Marine nur bei Offizieren und höheren Feldwebeldienstgraden zur Ausgehuniform der Fall war. Der Backschafter (Bursche) des Kommandanten, Matrosenobergefreiter Karl „Kalle“ Kerst öffnete nach kurzem Klopfen die Tür und Feldwebel Gottfried Schütze trat ein und nahm Haltung an: „Herr Kaptän haben mich rufen lassen.“
„Ja, mein lieber Schütze“, versetzte der Kommandant, „Leutnant Spaß berichtet, Sie hätten eine Idee, wie wir vielleicht auch ohne den Gebrauch unserer Kanonen zukünftig die Gegner am Funken hindern können. Nun schießen Sie mal los!“ In strammer Haltung wollte Feldwebel Schütze seine Ausführung beginnen, als er nochmals von seinem Kommandanten unterbrochen wurde: „Nicht so steif, mein lieber Schütze, nehmen Sie Platz – am Besten neben Ihrem Flugzeugführer“, deutete Waldau mit einer kurzen Handbewegung auf die Längsbank an der Backbordseite der von ihm bewohnten ehemaligen Kapitänskabine, die im Gegensatz zu entsprechenden Unterkünften auf regulären Kriegsschiffen geradezu luxuriös und geräumig wirkte. Etwas unsicher nahm der Flugzeugführer Platz und kam dann schnell zur Sache: „Ich wollte vorschlagen, Herr Kaptän, dass wir vielleicht an den Kufen des Bordflugzeuges eine Stahlschlinge befestigen, die dann im Flug zwischen den Schwimmern herabhängt, also mehr oder weniger ein großes U oder auch unter Berücksichtigung der Arado ein großes O bildet. Damit könnten wir evtl. den Frachtern die Antenne kappen.“
Einige Offiziere guckten etwas ungläubig den Feldwebel an.
„Mann Gottes, wie soll das denn gehen“, drang aus einer Wolke von Pfeifenrauch Graf Terras Stimme, „dabei können Sie doch höchstens Bruch machen und unseren schönen Flieger verschrotten.“
„Verzeihung“, mischte sich der LI Oberleutnant (Ing.) Wessels ein, „Herr Kaleu, dass könnte schon klappen, wenn die Schlinge oder wohl besser der Sliphaken richtig konstruiert ist. Die Antenne leistet schließlich keinen großen Widerstand. Und sollte der Haken sich in den Aufbauten verfangen, oder gar am Mast, muss dieser so konstruiert sein, dass er dann ohne das die Maschine durch einen zu starken Ruck abstürzt, vom Schwimmer gleitet bzw. die Verbindung reißt. Das sollte vielleicht tatsächlich klappen. Zumindest halte ich dieses technisch für durchaus nicht ausgeschlossen.“
„Durchaus nicht ausgeschlossen, welch eine Rede“, grinste Terra aus seiner Qualmwolke.
„Nun mal ruhig Kameraden“, ergriff der Kommandant das Wort. „Sie, Wessels setzen sich mit Schütze und Spaß zusammen, diskutieren die Sache aus, bauen so’n Haken und überlegen wie wir das vielleicht zunächst einmal am eigenen Schiff testen können. Da hat doch unsere Zusammenkunft evtl. schon etwas gebracht. Sonstige Wortmeldungen oder Vorschläge?“ Der Kommandant schaute in die Runde, aber niemand meldete sich. „Ich bin ja etwas enttäuscht, dass von unserem Ersten kein konstruktiver Vorschlag kommt“, wollte der Kommandant seinen Freund und IO, Graf von Terra, gerade anfrotzeln, als es klopfte. Einer der zwei Funk-Obermaaten, die neben dem 2. Funkoffizier das Funkpersonal des Kreuzers vervollständigten, trat ein und reichte dem Kommandant ein FT. Dieser warf einen Blick darauf. Alle Anwesenden bemerkten, wie die Gesichtszüge des Kommandanten erstarrten. Dieser warf noch einen Blick auf das erhaltene FT (Funkspruch), erhob sich und sprach: „Unser Panzerschiff Admiral Graf Spee hat sich vor der Hafeneinfahrt von Montevideo selbst versenkt, der Kommandant, Kapitän zur See Langsdorff, meldet zumindest Uruguay-Radio, soll sich erschossen haben!“
Das eben gehörte drückte die Stimmung erheblich. Betreten verließen die Offiziere und der Flugzeugführer, Feldwebel Schütze, das Reich des Kommandanten. Nur Graf von Terra blieb zurück und meinte: „So’n Schiet, da haben wir unser erstes Dickschiff verloren.“
„Ja, und außerdem haben wir einen unserer wohl fähigsten Kommandanten verloren, auch das wiegt schwer – vielleicht sogar genauso schwer.“
Didi Waldau stellte die Gläser auf den Tisch und holte aus dem in der Kapitänskajüte vorhandenen Kühlschrank – auch das gab es schon bei neuesten Frachtschiffen in der Kapitänskajüte zu dieser Zeit – zwei gut gekühlte Flaschen Becksbier heraus. Terra stopfte erneut seine Pfeife während Waldau eine neue Zigarette anzündete.
„Didi, was hältst Du eigentlich von der Idee unseres wackeren Fliegers“, versuchte Bodo Graf von Terra das Gespräch wieder auf die aktuellen Probleme zu lenken.
„Tja, wenn auch der LI meint, dass das durchaus funktionieren kann, wollen wir das zumindest probieren. Meine viel größere Sorge sind aber im Moment noch unsere Teufelseier an Bord. Wenn der Tommy – wie im ersten Krieg – seine Frachter wieder bewaffnet, kann möglicherweise ein Schuss in die Minenlast reichen und von unserem Pott ist nichts mehr übrig.“
Terra hob sein beschlagendes Glas. Die beiden Offiziere stießen an und leerten ihre Gläser jeweils zur Hälfte. „Aaah, das tut gut“, ließ sich Waldau vernehmen und drückte die Zigarette aus.
„Mal was ganz anderes“, wechselte der Graf erneut das Thema und nahm den letzten Schluck aus seinem Bierglas. „Wir laufen ja stetigen Südkurs. Gibt es eigentlich eine Äquatortaufe oder fällt so was in Kriegszeiten aus?“
„Schau’n wir mal, ne’ kleine Abwechslung tut sicherlich allen gut. Du kannst ja schon mal etwas planen. Guck nicht so, ein zweites Bier gibt’s nicht.“ Der Kommandant knuffte seinem Freund in die Seite und dieser trollte sich in seine eigene Kammer.
9. Äquatortaufe
Heiligabend und die Weihnachtstage lagen hinter der Besatzung der „Chamäleon.“ Ein neues Opfer fand sich nicht. Die Schraube drehte sich unermüdlich und trieb das Schiff Richtung Süden. Die dicken Wollsachen und Wachmäntel verschwanden nach und nach. Der Rollenschwof hatte Einzug gehalten. Eine Übung jagte die nächste. „Feuer im Schiff! Klar Schiff zum Gefecht! Gefangenenmeuterei, Kollisionsalarm“ usw. usw.
Am 15. Januar ist es endlich so weit, die „Chamäleon“ näherte sich dem Äquator und vor dem Eintritt von der nördlichen in die südliche Hälfte des Erdtrabanten müssen die Mitglieder der Besatzung vom Dreck der nördlichen Hemisphäre befreit und getauft werden, um die südliche Halbkugel der Erde betreten oder besser befahren zu dürfen. Traditionell ist bereits am Vorabend Triton in Begleitung seiner diversen Trabanten an Bord gekommen um den Besuch seiner Majestät, des Herrschers aller Meere, Seen, Ströme, Flüsse, Teiche und Tümpel, des allmächtigen Neptun, anzukündigen. Seine hochherrliche Majestät, mit kunstvoll geschnitztem Dreizack, kommt in Begleitung seiner holden Gattin Thetis und Gefolge aus Barbieren, Negern, Astronomen und Polizisten an Bord um die Linientaufe vorzunehmen.
Da von den an der über 400 Mann zählenden Besatzung nur die Sonderführer sowie einige Offiziere und wenige ältere Unteroffiziere überhaupt schon einmal den Äquator gekreuzt hatten, waren also an die 370 Mann zu taufen. Diese Taufakte konnten selbstverständlich nicht einzeln vollzogen werden, sodass eine Reihentaufe erforderlich wurde. Als Taufbecken hatte der LI mit seinen Leuten eine Stahlkonstruktion mit Segeltuch gefertigt, das dann unter Zuhilfenahme der Feuerlöschschläuche so gefüllt wurde, dass ein Wasserpegel von etwa 1,40 m erreicht wurde.
Den Täuflingen wurde schon etwas mulmig zumute, als sie nach der entsprechenden Ansprache Neptuns und seines in Phantasieuniform gekleideten Admirals Triton in Gruppen herangeführt wurden. Zunächst einmal traten die Barbiere in Tätigkeit mit einer Mischung aus Seife und Schmieröl wurden die mit Marinebadehosen bekleideten Aspiranten ordentlich eingeseift. Durchaus gewollt war dabei, dass auch einiges in Augen und Nasenlöcher drang, sodass bald ein wüstes Reiben und Schnäuzen einsetzte. Nachdem die Mixtur genügend einwirken konnte, nahmen die Barbiere ihre riesigen, hölzernen Messer, die fast an Entersäbel erinnerten und traten mit diesen Rasierwerkzeugen in Tätigkeit, wobei auch durchaus mal etwas Haut mit flöten ging und auch für manch andere Blessur und blaue Flecken sorgte diese Zeremonie. Nach der Rasur griffen dann die Polizisten unter wohlwollenden Blicken der Majestäten und des Admirals sich die Täuflinge und beförderten diese mit lautem Platschen in das übergroße Taufbecken, in dem bereits die anderen Trabanten des Meeresgottes warteten, um diese jeweils gehörig unterzutauchen. Wer ob der rüden Behandlung zu früh versuchte über den Beckenrand zu klimmen, machte mit den kurzen Tauenden der Polizisten Bekanntschaft, sodass einige Sitzflächen mit leichten Striemen verziert wurden. Aber schließlich hatten alle Täuflinge, nach gut 3 Stunden, die Zeremonie zur Gaudi aller – insbesondere der bereits Getauften – hinter sich und es gab dann die vom Kommandanten bewilligten 2 Flaschen Bier pro Nase. Dazu hatte der Schiffskoch mit seinen Gehilfen ein erlesenes Mahl aus den noch vorhandenen frischen Vorräten, Kartoffeln, Gemüse und Braten nebst Dosenfrüchten als Nachtisch, gezaubert, sodass, bis auf wenige Spaßverderber, ihre Taufe fast Allen in guter und lustiger Erinnerung bleiben sollte.
Nach dem Gelage, soweit man bei 2 Flaschen Bier pro Nase hiervon sprechen darf, verabschiedete der Kommandant Neptun nebst seiner liebreizenden Gatten Thetis, und Admiral Triton, die dann unter Pfiffen von Bord geleitet wurden. Selbstverständlich stiegen sie nicht in das wieder leicht bewegte Meer, sondern kletterten über die Reling, nahmen die Strickleiter und stiegen 2 Decks tiefer durch eine der Vorratsladeluken wieder ein.
10. Umtarnung und Erprobung
Am 24. Januar war endlich mit ca. 12 Grad südlicher Breite das eigentliche Operationsgebiet erreicht, nämlich der etwa 300 Meilen breite Freetown-Kapstadt Track. Nun befuhren zwar Norweger die Weltmeere überall, trotzdem hielt es der Kommandant in Absprache mit seinem Freund und IO, Graf Terra, für angesagt, dass Schiff umzutarnen. Aus dem reichen Fundus der nach Lloyds Register in Betracht kommenden Schiffe und unter Berücksichtigung kriegsbedingter Umstände wurde entschieden, das Schiff in einen ähnlich aussehenden, annähernd gleich großen Holländer, nämlich die „Ohm Hendrik“ zu verwandeln. Die See war ruhig, unter Anleitung des 2. Offiziers wurden die Bootsmannsstühle über die Bordwände gefiert und entsprechend der Vorlage der Rumpf schwarz angepönt, die Aufbauten ockerfarben abgesetzt, sowie der Schornstein durch Segeltuchstellage verlängert und das Deckshaus vergrößert. Nach zwei Tagen angestrengter Arbeit, an der fast die ganze Besatzung, die nicht durch anderweitige Tätigkeiten unabkömmlich war, eingebunden wurde, sollte das Werk gelungen sein. Kommandant, IO und LI sowie zwei der Sonderführer bestiegen die Kommandantenpinasse und umrundeten zunächst aus der Nähe, dann in einem Kreis von gut einer halben Meile, das Schiff.
„Das haut hin“, ließ sich der LI vernehmen. „Mit dem verlängerten Schornstein und dem vergrößerten Deckshaus gehen wir glatt als die „Ohm Hendrik“ durch.“
„Das sehe ich auch so“, stimmte der Graf zu, „da haben die Jungs eigentlich heute wieder ne’ Pulle Gerstensaft verdient.“
Der Kommandant bestätigte: „Auch 2 pro Nase. Das war harte Arbeit, aber sauber gelungen, meine Herren. Allerdings machen mir die Minen Sorgen. So als Holländer getarnt komme ich beinahe in Versuchung die Bucht von Kapstadt zu verminen. Dieses wird aber nur gelingen, wenn wir vorher angetroffene Gegner nicht funken lassen.“
„Der Sliphaken ist gefertigt, die Aufhängung am Flieger auch, eine Ersatzantenne habe ich auch bereits anbringen lassen“, ließ sich der LI vernehmen. „Wenn es Herrn Kaptän recht ist und die Dünung morgen nicht höher geht, schlage ich vor, die praktische Erprobung in Angriff zu nehmen.“
Während der Bootsteuerer nach einer weiteren Runde um den umgetarnten Hilfskreuzer, der jetzt seinem Namen „Chamäleon“ alle Ehre machte, wieder Kurs auf das Schiff nahm, bestätigte Graf Terra: „Auch Spaß und Schütze haben sich das Werk unseres wackeren LI bereits angeschaut und sind fest davon überzeugt, dass das Kappen der Antennen nach einigen Übungsläufen problemlos gehen sollte. Sie haben auch zugesichert, dass Aufhängung und insbesondere die Stahlschlinge vom LI so präpariert ist, das Gefahr für Flugzeug und Besatzung nicht besteht.“
„Scheun, scheun, (schön) dann mokt we dat“, bestätigte der Kommandant auf platt.
Der nächste Morgen war wie geschaffen für das Unterfangen. Der Bordkran setzte die Arado aus, die Slipeinrichtung war an den Schwimmerkufen mit entsprechenden Sollbruchstücken befestigt um Maschine und Besatzung keiner übergroßen Gefahr auszusetzen, andererseits auch nicht das Risiko einzugehen, dass nicht die Antenne abriss, sondern schon bei geringem Widerstand eher das Slipseil brach und der Start konnte beginnen. Spaß und Schütze hoben den Daumen, der Flugzeugführer gab Gas und die Maschine nahm, gegen den Wind, Fahrt auf. Immer schneller hüpfte die Arado über die kleinen Wellen der fast glatten See und hob schließlich nach etwa 250 m ab. Steil zog der Flugzeugführer die Maschine nach oben, flog eine große Runde um das Schiff und näherte sich dann, wie abgesprochen, vom Heck her. Bis auf Brückenbesatzung und die Ausgucks, die ihre jeweiligen Sektoren im Auge behalten mussten, sowie natürlich die Besatzungsmitglieder, die im Schiff selbst, vor allem in der Maschine zu tun hatten, versammelten sich alle, denen es möglich war, vornehmlich auf dem Achterdeck um sich ja nichts entgehen zu lassen. Neben dem Kommandanten und dem IO hatte sich der leitende Ingenieur mit denjenigen seiner technischen Dienstgrade eingefunden, die nicht auf ihren Stationen unabkömmlich waren. Offiziere und einige Besatzungsmitglieder, die mit den guten Marinegläsern ausgestattet waren, schauten gebannt in die Richtung, aus der sich die Arado annähern sollte.
„Aah, da kommt unsere bordeigene Luftwaffe“, ließ sich der IO vernehmen.
„Hoffentlich geht alles gut … macht bloß keinen Bruch“, meinte der LI.
Die Gläser wurden abgesetzt, nachdem das Flugzeug, schnell größer werdend, an Höhe verlor. Das Motorengeräusch schwoll an und alle Augen hingen gebannt am Flugzeug. Zwischenzeitlich war unter der Plexiglashaube der kleinen Kanzel auch bereits deutlich der Flugzeugführer, Feldwebel Schütze, zu erkennen. Fast sah es so aus, als wollte sich das kleine Flugzeug wie ein Raubvogel auf seine Beute stürzen. „ Rrrrrrrrh “ dröhnte das Motorengeräusch, immer größer und näher und wie es schien, immer schneller, schoss die Arado förmlich heran. Unwillkürlich zogen fast alle die Köpfe ein. Ein, zwei jüngere Seelords warfen sich sogar auf das frisch gereinigte Achterdeck.
„Klack.“ Ein kurzer, trockener metallischer Ton und die abgerissene Antenne wirbelte durch die Luft, das Flugzeug zog steil hoch.
„Uff… Donnerkeil –super gemacht-“ und ähnlich schwirrten die Kommentare. Auch der Kommandant, dem die Anspannung jetzt aus dem Gesicht wich, kommentierte: „Alle Achtung, das hat hingehauen.“
„Allerdings“, bestätigte der LI ob der Erleichterung, dass die unter seiner Anweisung gefertigte Konstruktion gehalten hatte, was er und insbesondere Flugzeugführer und Beobachter sich davon versprochen hatten. Selbst Graf von Terra war beeindruckt: „Meine Herren, LI, das sollten Sie sich patentieren lassen. Oder vielleicht eher der gute Schütze, der ja wohl die Idee gehabt hat.“
„Nun, nun, aber die Ausführung dieser technischen Meisterleistung, die ist ja weitgehend auf meinem Mist gewachsen“, beeilte sich der LI zu bemerken, „was sagen Sie, Herr Kaptän?“
Waldau steckte sich ein Stäbchen an, nahm einen tiefen Zug und meinte, genüsslich den Rauch ausblasend: „Nun mal bloß keine unarische Hast, sich den größten Teil der Lorbeeren zu sichern, Kameraden. Alle Beteiligten haben ihr Bestes gegeben und das soll auch so sein. Alles was Schiff und Besatzung leisten, vollbringen wir auch gemeinsam und das meine ich auch so. Vom jüngsten Seelord bis rauf zum Kommandanten. IO, merken Sie vor, dass Schütze ob dieser Leistung fürs EK vorgeschlagen wird und der LI und seine Mannen bekommen pro Nase ebenfalls ein extra Bierchen.“
11. Schlag auf Schlag
Einige Tage später, Ende Januar 1940, kurz vor Dämmerungsbeginn.
„Funkraum an Brücke, Dete-Gerät meldet Kontakt Steuerbord voraus.“ Die Meldung elektrisierte Bodo Graf Terra, den zurzeit wachhabenden IO. „Frage Entfernung?“
Die Antwort kam sofort. „Am Rande der Ortungsgrenze, geschätzt mindestens 10 Meilen.“
Terra nahm die Mütze ab, fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, setzte die Pfeife erneut in Brand und murrte: „Wieso ist der Kommandant noch nicht da? Kurz vor Dämmerung ist er doch jeden Morgen auf der Brücke.“ In diesem Moment betrat der Korvettenkapitän die Brücke. „Was liegt an?“
„Kontakt, Steuerbord voraus, Entfernung vermutlich an die 10 Seemeilen, Herr Kaptän“, meldete der IO seinem Kommandanten. „Soll ich Klarschiff zum Gefecht geben?“
Der Kommandant nickte und sah zum Läufer Brücke. „Ordern Sie mal ne’ Kanne Kaffee und ne’ Dose Milch, Senftleben.“ In diesem Moment gellte auch das Klarschiff-Signal durch die Lautsprecher aller Räume und nach wenigen Augenblicken meldeten alle Stationen Gefechtsbereitschaft. Langsam wich die Dämmerung dem nächsten Tag und angestrengt starrten die Ausgucks, insbesondere die für den Steuerbordvorausabschnitt eingeteilten Mariner und die Brückenbesatzung durch die schweren Gläser. Der Kommandant hob den rechten Daumen und stieß diesen dreimal in die Höhe, worauf Bodo Graf von Terra das Brückentelefon abnahm: „ Krähennest, hier Brücke, Ortung Steuerbord voraus. Sofort Meldung, wenn Sie etwas ausmachen können.“ Die Minuten dehnten sich endlos. Waldau wollte gerade selbst zum Hörer greifen, als das Telefon summte. „Ausguck Krähennest an Brücke“, meldete sich der im obersten Mastkorb, dem sogenannten Krähennest sitzende Ausguck, „Sichtkontakt, hohe Aufbauten, offenbar großer Kasten, möglicherweise Passagierschiff.“ Der Kommandant nahm einen Schluck aus seiner zwischenzeitlich mit belebendem Kaffee, mit einem Schuss Dosenmilch, gefüllten Muck und meinte bedächtig, mit der linken Hand nach Glimmstängel und Feuer in der Tiefe der Hosentasche suchend: „Wecken Sie Spaß und Schütze, alles bereit machen zum Flugzeugstart. Hoheitszeichen überkleben und britische Kokarden anbringen. Wir tarnen als Bordflugzeug eines britischen Kreuzers. Slipeinrichtung vorerst nicht anbringen. Meldung, wenn Start erfolgen kann. Bis dahin folgen an äußerster Sichtgrenze. Der soll uns nicht zu früh mitkriegen!“
Zwei Stunden später war es endlich so weit. Der Start des kleinen Bordflugzeuges gegen den leichten Südostwind klappte wie am Schnürchen. Die Maschine kreiste einmal über dem Schiff und bekam durch Winkspruch bestätigt, dass die deutschen Hoheitszeichen nicht, dafür die britischen Kokarden unter den Flächen umso besser, zu erkennen waren.
„Achtung, da ist er.“ Schütze hatte vor seinem Vorgesetzten und Beobachter, Leutnant Spaß, das unter ihm dahinziehende Schiff bemerkt. Der Leutnant schaute in die angegebene Richtung und sah jetzt auch den immer deutlicher erkennbaren Dampfer. Auf dem Schiff hatte man offenbar von dem Flugzeug noch nichts bemerkt. Der Feldwebel legte die Maschine in eine leichte Kurve um sich dem Schiff nicht zu sehr zu nähern, in der Hoffnung, dass das Motorengeräusch zunächst noch nicht vernommen werden würde um erst einmal Klarheit über Schiffstyp und Nationalität zu erlangen.
„Das ist Gottlob kein Passagierschiff, sondern ein großer Frachter mit Passagiereinrichtung“, meldete sich der Beobachter zu Wort. „Können Sie die Nationalität ausmachen, Schütze? Ahh, jetzt habe ich’s, ein Franzose, ja, da steht es auch, „ Yvonne La Porte.“
„Der hat uns noch gar nicht mitbekommen“, ließ sich der Flugzeugführer vernehmen. „Schlage vor, wir drehen ab und machen Meldung.“
„Ja, zurück zum Schiff.“
Die „Chamäleon“ umkreisend gab Spaß kurz darauf mit der Signallampe die dort mit Spannung erwartete Nachricht durch. Kommandant und IO sowie der NO und der auf der Brücke anwesende Signalmeister lasen den Spruch gleichzeitig. Noch bevor der Signalmeister dem Kommandanten den Spruch mitteilen konnte, signalisierte dieser bereits durch Handbewegung, dass er verstanden habe.
„Geben Sie zurück: Wassern!“ – zum IO gewandt: „LI wahrschauen, Flieger einsetzen, Slipanlage einbauen und Flugzeug enttarnen.“
Eine knappe Stunde später, das Flugzeug war vom Bordkran aufgenommen, die Slipanlage installiert und Kommandant und IO instruierten nochmals die Flugzeugbesatzung: „Also, passt auf, der hat möglicherweise mehr als eine Funkantenne. Genau beobachten, ggf. auch die zweite Antenne möglichst kappen und vorbereitete Nachricht abwerfen. Nehmen Sie vorsorglich zwei kleine Sprengbomben mit.“
Der LI machte sich auf den Weg um zwei kleine 50 kg Bomben unter den Flächen, in die dort vorhandene Bombenabwurfvorrichtung, einzuklinken.
„Passen Sie auf, Spaß und Sie selbstverständlich auch, Schütze. Nach Lloyds Register handelt es sich um die immerhin 20.800 Bruttoregistertonnen große „ Yvonne La Porte.“ Dieser Riesenpott ist uns möglicherweise an Geschwindigkeit überlegen oder zumindest gleichschnell. Sie bleiben aus der Sichtweite des Schiffes, bis wir mit äußerster Kraft herangestaffelt sind. Wenn die Gegnerfahrt wie gemessen bei 12 Seemeilen liegt, sollten wir in drei Stunden auf Schussentfernung heran sein, um nötigenfalls auch Wirkungsfeuer schießen zu können. Wenn Sie uns in entsprechender Entfernung ausmachen können, treten Sie in Aktion – aber erst dann, verstanden! Nachdem Sie die Antennen hoffentlich so gut wie bei der Generalprobe geslipt haben, sorgen Sie dafür, dass der Abwurfbeutel auf Deck trifft. Sollte spätestens 5 Minuten danach die Fahrt nicht wesentlich verlangsamt werden, werfen Sie die erste Sprengbombe unmittelbar vor den Bug des Gegners. Nützt dieses noch nichts, platzieren Sie die zweite mitten vor die Brücke, aber dann im Anflug von vorn.“
„Jawohl, Herr Kaptän“, meldeten sich Spaß und Schütze ab. Das deutsche Kriegsschiff hatte zwischenzeitlich gestoppt. Das neu vollgetankte, mit Bomben versehene und auch hinsichtlich der eingebauten 7,9 mm Maschinengewehre aufmunitionierte, Bordflugzeug startete und die Maschinen des Hilfskreuzers gingen auf volle Fahrt.
Weiter nach Backbord ausholend staffelte „Chamäleon“ an den Franzosen heran.
Auf dem erst 1936 in Dienst gestellten kombinierten Fracht- und Passagierschiff „ Yvonne La Porte“ wurde im Speisesaal für die wachfreien Offiziere, einschließlich Kapitän und die an Bord befindlichen immerhin 56 Passagiere das Essen aufgetragen. Der Kapitän, ein kleiner aber dafür umso agiler wirkender, schwarzhaariger Südfranzose mit Menjoubärtchen, Captaine Jacques Chirace, hatte sich gerade erhoben, um mit einem Glas Rotwein in der Hand allen, vornehmlich aber den bevorzugt an den Kapitänstisch gebetenen mitreisenden jüngeren Damen, einen guten Appetit zu wünschen, als der weiß gekleidete Obersteward auf ihn zu eilte. Dieser beugte sich zum Kapitän hinab und flüsterte ihm etwas ins Ohr, worauf der kleine Franzose mit einem bedauernden Lächeln bat ihn zu entschuldigen, aber er werde auf der Brücke benötigt. Wie es kleine Männer so an sich haben, stolzierte er, im Versuch größer zu wirken, mit wichtigem Gesichtsausdruck aus dem Speisesaal, um über die Innentreppe die 3 Decks höher gelegene Schiffsbrücke zu erreichen. Suzanne Maigret, eine lebhafte, schlanke, dunkelhaarige Südfranzösin stieß ihre Freundin Judith leicht mit dem Ellenbogen an: „Hörst Du das auch? Hört sich fast wie ein Flugzeug an.“
„Dita“, wie Judith Silbermann von Eltern, Geschwistern und auch ihren in Frankreich neu gewonnenen Freunden meist genannt wurde, hatte noch amüsiert dem kleinen Kapitän hinterher geblickt, weil sie es immer wieder schreiend komisch fand, wie dieser sich alle Mühe gab, einige Zentimeter größer zu wirken.
„Was meinst Du … oh ja, jetzt höre ich es auch. Wo soll denn hier mitten auf dem Ozean ein Flugzeug herkommen?“ Mittlerweile waren auch die anderen Gäste aufmerksam geworden, hatten sie doch alle das Motorengeräusch des Flugzeugs vernommen, das nun deutlich die Eigengeräusche des in Fahrt befindlichen Schiffes übertönte.
„Mademoiselle, sehen Sie dort“, deutete ein älterer Mitreisender auf die großen Bullaugen des Speisesaals an der Backbordseite, „da ist auch ein Schiff. Da, sehen Sie!“
Jetzt hielt es die Leute nicht mehr an ihren Tischen, hatten sie doch seit Tagen nur Wasser und sonst nichts mehr in Anblick bekommen – und jetzt erst ein Flugzeug und nun gleichzeitig auch noch ein anderes Schiff. Die Stimmen schwirrten durcheinander. Auch Dita und ihre Freundin Suzanne hatten sich den Platz an einer der großen runden Scheiben gesichert und blickten interessiert auf das, fast auf gleicher Höhe aufkommende, fremde Schiff.
Während die Passagiere der „ Yvonne La Porte“ noch, eigentlich ganz erfreut, ob der Abwechslung im Tagesablauf durch das gleichzeitig aufgetauchte Flugzeug und des Schiffes, rätselten, was dieses zu bedeuten hatte – an ein deutsches Schiff und ein deutsches Flugzeug glaubte trotz des Kriegsausbruchs hier selbstverständlich niemand – sah Kapitän Chirace schon klarer. Nachdem das deutsche Bordflugzeug die einzige Funkantenne locker wie bei der Probe aus ihrer Befestigung gerissen hatte, hatte der Flugzeugführer bereits die Arado eine enge Kurve fliegen lassen und auch den Leinenbeutel mit der Botschaft mitten auf dem Vordeck platziert, der jetzt gerade von einem Besatzungsmitglied dem kleinen Kapitän gereicht wurde. Er riss die Verschnürung des Beutels auf und hielt den, um ein als Beschwerung dienendes Lotblei, gewickelten Papierbogen in der Hand.
„Merde, die Boches“, warf der Kapitän das Lotblei wütend auf den Boden seiner sauberen Brücke und stampfte mit dem Fuß auf. Auch das sich ihm nähernde deutlich als modernes Frachtschiff erkennbare Schiff war ihm selbstverständlich nicht nur selbst aufgefallen, sondern gleich bei Betreten der Brücke gemeldet worden. Hitzig diskutierte der Kapitän mit seinen Offizieren, was zu tun sei. Noch bevor diese zu einer Entscheidung gekommen waren, sahen sie bereits direkt von vorn in etwa 100 Metern Höhe das Flugzeug im Anflug. Ein dunkler Gegenstand löste sich von dem Schwimmerflugzeug, das die französischen Seeleute selbstverständlich auch sofort als Bordflugzeug eines mutmaßlichen deutschen Kriegsschiffes erkannt hatten. Gut abgezirkelt, etwa eine Schiffslänge vor der „Yvonne La Porte“ hob sich eine mehrere Meter hohe wasserdurchsetzte Sprengwolke aus der ansonsten relativ unbewegten See. Zwischenzeitlich hatte der Kapitän eine Entscheidung getroffen.
„Geben Sie Notruf“, wies er seinen ersten Offizier an. Auf der Brücke des Franzosen hatte man bisher noch gar nicht gemerkt, dass die Funkantenne zwischenzeitlich nicht mehr an ihrem Platz, sondern über Bord gewirbelt und im Meer versunken war. Eine enge Kurve fliegend wurde erneut das Bordflugzeug, dicht über die Brücke des Schiffes fliegend, sichtbar, stieg und drehte einige hundert Meter vor dem Schiff, um erneut anzufliegen. Wieder – diesmal etwas näher am Schiff – löste sich erneut ein dunkler Fleck von der kleinen Maschine und flog genau auf die Brücke zu. Kapitän, Offiziere und Brückenbesatzung ahnten was auf sie zukam und nahmen volle Deckung. Wuumm. Mit schmetterndem Schlag schlug der kleine
50 kg Sprengkörper unmittelbar vor der Brücke auf dem Vordeck auf.
Sich gerade wieder erhebend bemerkte Kapitän Chirace, dass das fremde Schiff zwischenzeitlich sehr nah gekommen war und Flaggensignale gesetzt hatte. Zu seinem Entsetzen sah er jetzt auch auf diesem die deutsche Kriegsflagge auswehen.
„Monsieur le Capitaine, er fordert uns auf zu stoppen“, meldete sich der neben dem Rudergänger stehende Wachmatrose zu Wort. In diesem Moment blitzte es auf dem bis auf eine gute Meile herangekommenen deutschen Schiff auf und fast gleichzeitig stieg unmittelbar vor dem Bug des Franzosen eine jetzt deutlich höhere Wasserfontäne, aufgeworfen von der Granate des vorderen 15-Zentimeter Geschützes des deutschen Schiffs, auf und das Spritzwasser benetzte deutlich erkennbar das Vorschiff. Dieses reichte dem französischen Kapitän. Die Hecksee der „Yvonne La Porte“ erstarb mit dem Stoppen der Maschine.
„Madames et Messieurs“, hörten daraufhin Dita, Suzanne und die anderen Passagiere und genauso die Besatzungsmitglieder, die kaum mehr wiederzuerkennende Stimme ihres Kapitäns, „wir werden von den Deutschen gekapert. Halten Sie bitte alle Ihre Papiere bereit, denken Sie an Medikamente und legen Sie vorsorglich bequeme und warme Kleidung bereit und begeben Sie sich vorsorglich zu Ihren Rettungsstationen.“
Im Speisesaal des Franzosen war die zunächst überwiegende Freude der Passagiere, ob des Zusammentreffens mit Flugzeug und Schiff in der Weite des Ozeans, dem blanken Entsetzen gewichen, insbesondere nach dem laut vernehmlichen Krachen der kleinen Sprengbombe auf dem Vordeck des Schiffes und dem anschließenden Schuss des vorderen 15-Zentimeter Geschützes des Hilfskreuzers. Alles schrie wild gestikulierend durcheinander. Bleich geworden klammerte sich Dita an ihre Freundin Suzanne: „Mein Gott, und dafür hat Vater mich jetzt auf die weite Reise zu Tante Louisa geschickt, damit die Nazis mich jetzt hier erwischen.“ Dita merkte gar nicht, wie sie in ihrer Verzweiflung ihre Nägel in Suzannes Oberarme krallte.
„Au, du tust mir weh!“
„Oh, pardon, ich hab’ Angst. Die stecken mich ins Lager … oder sie schmeißen mich gleich hier über Bord … Du weißt doch, ich bin Jüdin“, brachte die nunmehr leicht zitternde Dita hervor und ihre schönen Augen füllten sich mit Tränen.
„Komm, wir laufen erst mal schnell in unsere Kabine, ziehen uns etwas anderes an und packen unsere Sachen, Schmuck, Geld und Papiere,“ Suzanne umschlang jetzt ihre in Tränen aufgelöste Freundin Dita mit beiden Armen und drückte sie an sich, obwohl ihr selbst zum Heulen war. Erwartete doch auch sie von dem Zusammentreffen mit den Deutschen nichts Gutes. Dafür hatte schon die französische Propaganda in Presse und Rundfunk gesorgt, die allen, die in die Hände der blutrünstigen Nazis und selbsternannten Herrenmenschen fielen, wenig Gutes verhieß, sondern Tod, Versklavung und noch schlimmeres. Aus eben diesem Grunde hatte auch der jüdische Juwelier Silbermann, der im ersten Weltkrieg dem deutschen Kaiser noch als Hauptmann der Infanterie diente, vorgesorgt und noch vor der Machtergreifung der Nazis – wenn auch mit viel Verlust – seine Immobilien in Frankfurt verkauft und mit Ehefrau Esther und den beiden Töchtern Ruth und Judith bereits Mitte Januar 1933 – also gerade noch rechtzeitig – seine angestammte Heimat Deutschland verlassen und sich in einem Pariser Vorort eine neue Existenz geschaffen. Wie richtig dies war, sollten die nächsten Jahre erweisen, als nach und nach der Kontakt zu vielen in Deutschland gebliebenen Angehörigen plötzlich einfach abriss, da Briefe nicht mehr beantwortet wurden und Nachfragen erfolglos blieben. Aufgrund seiner guten Verbindungen, auch zu alten Offizierskameraden, erfuhr er einiges mehr, als der durchschnittliche deutsche Volksgenosse und insbesondere die meisten emigrierten Juden. Aufgrund verwandtschaftlicher Bindungen, sowohl nach Frankreich als auch nach Südamerika, Intelligenz, Tüchtigkeit und exzellente Handwerkskunst, sowie eines ansehnlichen geretteten Vermögens, lebte die Familie in sehr guten wirtschaftlichen Verhältnissen. Die älteste Tochter Ruth studierte in Amerika Medizin und auch Dita hatte, nach glänzendem Abitur in Frankreich, ein Medizinstudium an der Pariser Sorbonne begonnen und befand sich mittlerweile im 6. Semester, als sie dann nach Kriegsausbruch auf sehr eindringliches Drängen ihrer Eltern, dem sie sich schließlich nach hartnäckigem Widerstand beugte, veranlasst wurde, dieses in Argentinien, bei ihrer dort lebenden Tante Louisa Stockhausen, fortzusetzen.
Widerstrebend ließ sich Dita schließlich von Suzanne in die von beiden bewohnte Kabine bugsieren, wo diese der immer noch fassungslosen Dita half, sich trotz der warmen Witterung in etwas wärmere Hosen und leichten Pullover, sowie festes Schuhwerk zu werfen, Papiere und Wertsachen in der sicher verschlossenen Handtasche zu verwahren und auch mit warmer Kleidung und Schwimmweste versehen schließlich mit ihr das Kommende abzuwarten.
Zur gleichen Zeit auf dem deutschen Hilfskreuzer.
Dieser hatte sich dem Gegner, nachdem die Fahrt aus dem französischen Schiff gekommen war und dieses in der Dünung sanft rollte, bis auf wenige hundert Meter genähert, wobei die Kanonen und auch die Flawaffen schussbereit auf den Gegner gerichtet waren und gab durch Blinkspruch zu erkennen, dass ein Prisenkommando übersetzen werde und die Schiffsführung aufgefordert wird, keinerlei Widerstand zu leisten, die Schiffspapiere bereitzuhalten und das Prisenkommando ungehindert an Bord kommen zu lassen.
„IO, es dürfte das Beste sein, wenn bei diesem großen Schiff Sie selbst das Prisenkommando führen. Nehmen Sie zwei Offiziere und auch den Sonderführer Manger, der ja fließend französisch spricht, mit sowie den 2. FTO Kurt Pries. Der soll sich mal die Funkanlage anschauen, ob wir da etwas gebrauchen können, insbesondere auch etwaige Funkschlüssel usw. Alsdann Meldung Passagierzahl, Ladung, na ja und Sie wissen schon.“
Die große Motorpinasse wurde ausgesetzt und das Prisenkommando, alle mit Pistole und MP bewaffnet, legte ab. Schon dreißig Minuten später ließ der IO dem Kommandanten durch Blinkzeichen mitteilen, dass das Schiff vollständig in der Hand des Prisenkommandos sei, die Passagiere in ihren Kabinen und die Besatzung auf dem Vordeck versammelt sei und er zur Berichterstattung zurückkommen wolle.
Kurz darauf saß Bodo Graf von Terra seinem Freund Didi Waldau in dessen Kabine gegenüber und öffnete den mitgebrachten vollgestopften Seesack. Nachdem die Schiffspapiere mit Ladelisten sowie die Seemannsbücher der Besatzung und Personalpapiere der Passagiere ausgepackt waren, kramte er breit grinsend noch eine Flasche Schampus sowie eine Stange Camel hervor und machte sich daran die Flasche zu öffnen. Didi guckte erstaunt.
„Willst Du jetzt etwa saufen? Das kann ja wohl nicht wahr sein.“
Terra grinste von einem Ohr zum anderen: „Nicht saufen, aber wohl auf diesen super Fang ein Gläschen edlen französischen Prickelwassers genießen und dazu eine gute amerikanische Camel rauchen. Auch so etwas gibt es auf französischen Schiffen.“ Mit diesen Worten erhob sich Bodo, entnahm dem Schrank seines Kommandanten zwei Gläser und bedeutete diesem, selbst die Flasche zu öffnen und einzuschenken.
„Nun mach schon. Wir haben drüben 55 Passagiere und etwa die gleiche Anzahl Besatzungsmitglieder, also ne’ ganze Menge Leute. Auch die Ladung ist vom Feinsten. Massenweise französischer Champagner, Cognac, Weine, Textilien, Maschinen und und und.“
Während dieses aus Terra nur so hervorsprudelte, brachte er es auch noch fertig, die Flasche schließlich selbst zu öffnen, einzuschenken, die Zigarettenstange aufzureißen, ein Päckchen zu öffnen, seinem Kommandanten eine Zigarette zuzuschnippen und Feuer zu reichen. Nun ging es Waldau völlig gegen den Strich, während der laufenden Operation Champagner zu trinken, wusste er aber auch, dass der Freund um nichts in der Welt hiervon abzubringen sein würde, es sei denn, er würde dienstlich. Dies allerdings schied aus naheliegenden Gründen wohl aus, wenn beste Freunde unter sich sind, was Terra genau wusste.
„Einen nehmen wir noch“, schenkte dieser sogleich nach.
„Und, was sagt unser Handelsschiffer, Sonderführer Manger“, wollte Didi wissen, „können wir das Schiff als Prise ausrüsten und hat es eine Chance in die Heimat durchzubrechen? Dann könnten wir ja auch gleich alle bisherigen Gefangenen abgeben. Schließlich ist der Dampfer ja mit seiner umfangreichen Passagiereinrichtung bestens geeignet.“
„Ja“, versicherte Terra seinem Kommandanten, „aber ein Problem haben wir schon, wir können nicht alle Passagiere an Bord lassen.“
Erstaunt sah Didi Waldau seinen Freund an: „Wieso, sag nur, wir haben einen französischen General oder Wissenschaftler oder so was erwischt?“
„Ne, ne, dass nicht, viel schlimmer!“
„Was denn, nun mal raus damit“, wurde Didi Waldau ungeduldig.
Der Graf öffnete den Mund, besann sich dann aber anders, zeichnete dafür aber mit dem Zeigefinger der rechten Hand einen Stern in die Luft.
„Scheiße“, entfuhr es Waldau, „das muss ja nun nicht sein. Und, was sollen wir deiner Meinung nach tun, die vielleicht hier an Bord holen? Das geht nicht, das gibt Ärger.“
Terra sprang auf: „Was denen in Deutschland blüht, bei Deinem geliebten Führer und seiner kackbraunen Mischpoke, ist Dir wohl klar. Das, mein Freund und Kommandant, vergiss mal lieber gleich!“
Bevor der Kreuzerkommandant antworten konnte, klopfte es an der Kabinentür.
„Gläser weg und die Flasche natürlich auch“, raunzte der nunmehr missgestimmte Kommandant seinen IO an. Dieser sprang auf und tat wie ihm befohlen. Danach ertönte das „Herein“, des Kommandanten und der 2. Offizier, Oberleutnant z. S Uwe Semmler, trat ein und meldete: „Rauchfahne Backbord aufkommend in Sicht, Herr Kaptän!“
„Danke, Herr Semmler, sofort Meldung, wenn Näheres auszumachen ist. Wahrschauen Sie Herrn Schmidt. Dieser soll ein verstärktes, weiteres Prisenkommando mit 20 Mann zusammenstellen, dafür sorgen, dass die Leute alle persönlichen Dinge mitnehmen und sich zum Franzmann drüben auf den Weg machen. Ich will sicher sein, dass uns von dort keine unangenehme Überraschung droht. Ausführung in spätestens 20 Minuten!“
Nachdem der IIO die Tür von außen wieder geschlossen hatte, blickte Waldau seinen Freund, immer noch etwas grantig, jetzt aber voller Erwartung, was sich hinter der Rauchfahne verbarg, an.
„So und jetzt mal Tacheles! Um wen oder was geht es drüben?“
„Zwei jüdische Medizinstudentinnen und den Schiffsarzt. Letzterer und die jüngere der beiden Studentinnen sind emigrierte Deutsche, sowie eine Französin.“
„Okay, Du fährst jetzt sofort mit dem Motorboot rüber, nimmst die Papiere von den Dreien wieder mit und gibst ihnen diese und lässt sie wissen, dass wir tun, was möglich ist. Der Schiffsarzt soll sich eine Krankheit für die beiden ausdenken, irgendetwas ansteckendes. Ach ne, ist ja blöd.“ Der Kommandant für sich durch die Haare und suchte verzweifelt auf die Schnelle nach einer passenden Lösung. Schließlich musste er diese sowohl seinem Offizierskorps an Bord, als auch der Besatzung ggf. einleuchtend darlegen können und evtl. auch später gegenüber seinen Vorgesetzten seine Entscheidung begründen können.
„Pass auf“, hatte er schließlich den, wie er meinte, zunächst jedenfalls rettenden Gedanken,
„Du sagt der Arzt und die beiden sind Medizinstudentinnen und die eine ist fast fertig?“
„Stimmt“, bestätigte Bodo Graf von Terra seinem Freund und Kommandanten.
„Aber ich glaube, ich habe schon die passende Lösung. Was hältst Du davon?“ Er legte eine kurze Kunstpause ein, wohl wissend, dass sein Freund Didi in solchen Momenten dieses gar nicht schätzte, steckte sich eine neue Camel an und brachte schließlich in überzeugendem Tonfall hervor: „ Die beiden Mädels sind Amerikanerinnen. Die Jüngere hat irgendeine merkwürdige Erkrankung, die dort drüben geheim gehalten wurde. Die Ältere ist ihre Begleitärztin. Die beiden sprechen fließend Englisch, das geht also glatt durch. Die passende Krankheit soll sich der Schiffsarzt des Franzosen ausdenken. Die Kleine ist in Frankreich krank geworden, im Pasteur-Institut in Paris behandelt worden und weil die nicht weiter wissen, jetzt auf dem Weg nach Amerika um dort weiter behandelt zu werden und ihre Begleitärztin benötigt dringend den dortigen Schiffsarzt, weil der mittlerweile mit dem Krankheitsbild vertraut ist. Darüber sollte der sich gefälligst Gedanken machen, was da in Frage kommt.“
Zweifelnd schaute Waldau seinen Freund an, meinte aber: „Na, ob das klappt, aber im Moment fällt mir auch erstmals nichts besseres ein. Versuch also den Dreien drüben dieses klar zu machen und jetzt sieh zu, dass Du auf die Läufe kommst und schnellstens nach hier zurück eilst. Wir wissen ja noch nicht, was sich hinter der neuen Rauchfahne verbirgt.“
So geschah es.
Die gesichtete Rauchfahne entpuppte sich schließlich als Handelsdampfer. Vorsorglich ließ Korvettenkapitän Waldau den Hilfskreuzer auf die Steuerbordseite der „Yvonne La Porte“ verholen und gab gleichzeitig Blinkzeichen zum Franzosen hinüber, die dortige Funkanlage wieder einsatzbereit zu machen, um auf einen etwaigen Funkruf des näher kommenden Dampfers reagieren zu können. Schnurstracks auf die beiden nebeneinander liegenden Schiffe zukommend, entpuppte sich die Rauchsäule als schottischer Frachtdampfer „Howard Castle“ mit Heimathafen Glasgow. Sowie er die „Yvonne La Porte“ näher ausmachen konnte, gab er sich als die „Howard Castle“ zu erkennen und fragte an, ob er Hilfe leisten könne? Auf Geheiß des deutschen Prisenkommandos, unter genauer Überwachung des deutschen Funkoffiziers, bestätige der französische Funker einen Maschinenschaden und bat um Unterstützung. Groß war die Überraschung auf dem Schotten, als – nachdem er nahe genug herangekommen war – hinter dem Franzosen plötzlich der deutsche Hilfskreuzer zum Vorschein kam und ihm per Scheinwerfersignal die übliche Aufforderung: „Stop advance, or I shall fire, don’t wireless“, rübermorsen ließ und dieses durch die gesetzte deutsche Kriegsflagge und die enttarnten Geschütze deutlich unterstrich. Der Schotte leistete keinen Widerstand und die übliche Routine lief ab. Ein weiteres Prisenkommando setzte über. Da es sich um ein altes Schiff handelte, mit wenig wertvoller Ladung, kam dieses als Prise nicht in Betracht. Noch während die Schiffspapiere des Schotten auf dem deutschen Hilfskreuzer geprüft und dieser durch Sprengpatronen zur Versenkung vorbereitet sowie die Besatzung, Karten, Funkschlüssel und einige frische Nahrungsmittel sowie einige Kisten schottischen Whiskys abgeborgen hatte, kam aus gleicher Richtung eine weitere Rauchfahne in Sicht. Wieder ein Brite. Auch dieser wurde ohne Probleme aufgebracht und schließlich lagen drei aufgebrachte Gegner neben dem deutschen Hilfskreuzer. Auch der weitere Brite, die „Annie Simson“ war als Prise nicht zu gebrauchen. Am nächsten Tag wurde die „Yvonne La Porte“ als Prise zur Abreise in einen deutschen Hafen vorbereitet, die drei „Amerikaner“ auf den Hilfskreuzer verfrachtet und zunächst im Lazarett untergebracht, sowie die Gefangenen des Hilfskreuzers und die Besatzungsmitglieder der beiden aufgebrachten Briten auf die „Yvonne La Porte“ verbracht und alsdann die beiden Briten durch Öffnen der Seeventile und Unterstützung von Sprengpatronen auf den Meeresgrund entlassen. Die „Yvonne La Porte“ hingegen wurde vom Kommandanten, Offizieren und Besatzung des Hilfskreuzers mit den besten Wünschen für eine glückliche Heimkehr mit einem starken Prisenkommando von 28 Mann unter Führung des Leutnant zur See (S) Albert Klammer in die Heimat entlassen. Nachdem die „Yvonne La Porte“ auf Nordkurs außer Sicht gekommen war, nahm „Chamäleon“ wieder Fahrt auf und der Kommandant verständigte zunächst durch FT-Kurzsignal die SKL, welche Prise auf welchem Kurs zu erwarten sei, damit diese nicht durch deutsche U-Boote oder gar ausgelaufene Überwasserseestreitkräfte als vermeintlicher Gegner versenkt würde und meldete bei dieser Gelegenheit auch gleich das bisherige Gesamtergebnis an Tonnage. Nach Abgabe des FT lief „Chamäleon“ zunächst mit Höchstfahrt und südlichen Kursen ab.
12. Zwischen Pflicht und Gefühl
Auf „Chamäleon“ herrschte Hochstimmung. Aus den Gegnerschiffen, insbesondere der als Prise in die Heimat gesandten „Yvonne La Porte“, waren neben den edlen Getränken, die das Herz eines Seemanns immer höher schlagen lassen, auch wenn auf Kriegsmarsch vom Kommandanten selbstverständlich jeweils nur geringe Mengen pro Nase bewilligt werden konnten, auch allerlei andere wichtige Güter übernommen worden. So Frischproviant, vor allem Kartoffeln, Obst und Gemüse sowie aus der französischen Chamarque stammendes schmackhaftes Rindfleisch, vor allem als Kampfstiere nicht geeigneter Jungbullen, größere Mengen von Weiß- und Buntmetall sowie Schmieröle und Fette. Daneben wurden die Bunker der „Chamäleon“ wieder bis an die Halskrause gefüllt, nachdem der LI festgestellt hatte, dass der Betriebsstoff des Franzosen auch für die deutschen Motoren bestens geeignet war. Bis auf die abgegebene Prisenbesatzung – und davon verfügte die „Chamäleon“ ja noch über einige mehr, nebst erfahrener Handelsschiffsoffiziere, die jetzt im unverhältnismäßig niedrigen Kriegsmarinedienstgrad des Leutnant z. S. als Sonderführer (S) Dienst in der Großdeutschen Kriegsmarine taten. Neben der kriegsmäßig dringlichen Frage, wo er denn nun endlich sich der ungeliebten Minenlast entledigen könnte, umso eine erhebliche Gefahr für das Schiff bei einem etwaigen Artilleriegefecht deutlich zu verringern, aber trotzdem dem Gegner großmöglichen Schaden zuzufügen, stand der Kommandant auch persönlich vor schwierigen Überlegungen bzgl. der übernommenen „Amerikaner.“ Und dies, wie er sich eingestehen musste, nicht mehr aus rein menschlichen Anwandlungen, sondern weil ihm etwas widerfahren war, mit dem er eigentlich nie mehr – und ganz bestimmt nicht auf Kaperfahrt – gerechnet hätte. Aber es war geschehen. Nachdem sich „Chamäleon“ und die als Prise ausgestattete „Yvonne La Porte“ getrennt hatten, hatte Didi Waldau sich gleich am nächsten Morgen, nachdem er wie üblich bei Hellwerden auf der Brücke anwesend war, anschließend nach einem guten Frühstück noch ein kleines Nickerchen gegönnt und die nunmehr doch umfangreichen Eintragungen in das KTB (Kriegstagebuch) getätigt. Danach begab er sich schließlich in das Lazarett, um die dort zunächst untergebrachten zwei „Amerikanerinnen“ aufzusuchen. Begleitet wurde er durch seinen Freund und IO, Graf Terra, der bereits einen ersten Besuch noch am Vorabend vorgenommen hatte, weil ihm die kleine, zierliche, schwarzhaarige Südfranzösin die Ruhe raubte.
„Nun, dann wollen wir mal“, der Kommandant trat in das Lazarett ein und sah, etwas überrascht, seine beiden Bordärzte, gemeinsam mit ihrem Kollegen von der „Yvonne La Porte“ und die beiden jungen Damen in fröhlicher Runde um den Schreibtisch Dr. Hallers versammelt. Die zierliche Schwarzhaarige und die drei Heilkundigen qualmten genussvoll die von Terra am Vorabend gestifteten amerikanischen Beutezigaretten und ließen sich offenbar ein Fläschchen des guten französischen Roten munden. Nur die etwas größere, wohlproportionierte Brünette, begnügte sich mit einem schlichten Glas deutschen Selterswassers. Beim Eintreten des Kommandanten sprangen die beiden deutschen Ärzte auf und nahmen, wie in der deutschen Kriegsmarine üblich, Haltung an und grüßten: „Guten Morgen, Herr Kaptän, guten Morgen IO.“
Waldau öffnete den Mund um sein Missfallen ob des hier Erblickten zum Ausdruck zu bringen, als sich nunmehr auch die ihm bis dahin den Rücken zugewandte Dita umdrehte. Didi sah zunächst nur einen langen brünetten Vorhang aus Haaren fliegen, die sich dann schnell teilten und in sanften Wellen links und rechts eines schönen ebenmäßigen Gesichtes, über glatte Schultern, geraden Rücken und auf den ersten Blick erkennbaren stattlichen, hochangesetzten Brüsten, ausliefen. Auch der französische Arzt und die zierliche Schwarzhaarige sahen den Kommandanten erwartungsvoll an. Für den hingegen schien für einen ewig währenden Augenblick nur die junge Frau mit den schönen, glänzenden, brünetten Haaren zu existieren, als ob ihn der Blick aus ihren smaragdgrün schimmernden Augen in Trance versetzt hätte.
„Ähmm, ich sehe, Doktor, Sie lassen es sich gut gehen …“
Graf von Terra griff rettend ein: „Kleine Spende für unsere wackeren Weißkittel von mir, Herr Kaptän, aber nur eine Flasche von dem guten Roten zum Abbau etwaiger Hemmschwellen. Schließlich gilt es gemeinsam ein medizinisches Problem zu lösen.“
„Äh, ja … na gut, IO, führen Sie bitte die Damen und den französischen Doktor in meine Räume, damit wir einige Formalitäten klären können. Ich komme nach dem Gespräch mit Dr. Haller und Dr. Voß in Kürze nach“, versetzte der Kommandant, sichtlich bemüht, wieder das innere Gleichgewicht zurückzugewinnen.
„Ladys, Monsieur le Docteur “, Bodo von Terra öffnete die Tür und ließ mit weltmännischer Verbeugung die Amerikanerinnen sowie den französischen Arzt zuerst das Lazarett verlassen und schloss dann hinter sich die Tür, nicht ohne vorher dem Rücken seines Kommandanten noch ein vergnügliches Grinsen zu widmen, was natürlich auch die beiden deutschen Ärzte registrierten. Insbesondere das amüsierte Zucken um die Mundwinkel des 1. Schiffsarztes entging hingegen auch Waldau nicht. Dieser beschloss sofort klar zu stellen, dass seine Medizinmänner, wie er sie im Stillen bezeichnete, hier nicht etwa einen Moment menschlicher Schwäche ihres Kommandanten erlebt hatten, sondern dieser lediglich einige Sekunden durch spontane kriegswichtige Gedanken abgelenkt war.
„Meine Herren, auch wenn der IO – mit dem ich im Übrigen auch noch ein Wörtchen dieserhalb zu reden haben werde – Sie mit einer Flasche Rotwein beglückt und wohl auch eine Stange Zigaretten dazu spendiert hat, gilt auch“, hier hob sich die Stimme des Kommandanten etwas an, „und gerade für Sie, dass alkoholische Getränke nur mit ausdrücklicher Genehmigung meinerseits und entsprechender Mengenbegrenzung freigegeben werden. Wo sind wir denn hier“, schloss Waldau seine Rede, als er selbst merkte, dass er aufpassen musste, nicht über das Ziel hinauszuschießen.
„Also, meine Herren, zur Sache. Was fehlt der jungen Dame und wie gehen wir damit um?“
Die beiden Ärzte wechselten einen Blick und der ältere und verantwortliche Schiffsarzt, Marineoberstabsarzt (Internist) Dr. Helmut Haller holte tief Luft und wollte gerade seine Ausführungen beginnen, als er durch eine Handbewegung des Kommandanten unterbrochen wurde. „Lieber Doktor, wie ich den IO kenne, hat er Ihnen nicht nur die eine zugegebene Flasche Roten hergetragen – oder vielmehr hertragen lassen – sondern vermutlich einen ganzen Karton. Jetzt wo wir unter uns sind“, hierbei streifte sein Blick die leere Rotweinflasche, „lassen Sie Doktor Voß noch mal eine Flasche öffnen, mir gefälligst auch ein Glas anbieten, dann stecken wir uns eine der auch mir schmeckenden Camel ins Gesicht und Sie fangen an. Aber so, dass auch ich es verstehe und nicht ewig nachfragen muss“, schloss er zunächst mit einem warnenden Blick. Schließlich kannte er die Mediziner und insbesondere die der Großdeutschen Kriegsmarine, die immer wieder die Gelegenheit nutzten ihr, wie sie meinten, überlegenes Wissen des Mediziners gegenüber einem schlichten Nautiker, auch wenn er Kommandant war, gebührlich glänzen zu lassen. Sichtlich erfreut ob des schnellen Stimmungswechsels ihres Kommandanten hatte Dr. Voß zwischenzeitlich eine weitere Rotweinflasche und ein sauberes Glas für Waldau herbeigezaubert und schenkte ein, währenddessen der Oberstabsarzt dem Kommandanten und seinem Kollegen eine Camel anbot sodann dem Kommandanten Feuer reichte und sich der Chirurg und auch als Zahnarzt ausgebildete Dr. Voß selbst sein Stäbchen anzündete.
„Tja, also, Herr Kaptän, soweit wir bisher, insbesondere von unserem Kollegen, der wohl auch eigentlich Deutscher ist, wie ich meine, und der jungen Kollegin, die ja wohl noch am Anfang ihrer ärztlichen Ausbildung steht, hören konnten, dürfte es sich um eine Blutkrankheit handeln.“ Waldau konnte sein kurzes Erschrecken nicht ganz verbergen, bis ihm erleichtert einfiel, dass es sich ja hier um eine „erfundene“ Krankheit handelte und schalt sich in Gedanken selbst. Die beiden Ärzte hingegen werteten das Erschrecken ihres Vorgesetzten ganz anders und Dr. Voß erlaubte sich zu bemerken: „Ja, Herr Kaptän, auch der Herr Oberstabsarzt und ich waren sehr erschrocken, als wir dieses hören mussten.“
„Eben, eben“, fuhr Dr. Haller fort“, schließlich handelt es sich bei der Erkrankten ja um eine Amerikanerin. Nicht auszudenken, wenn sich die Krankheit verschlimmert. Nach allem was wir gehört haben und zu vermuten steht, könnte es sich um eine Form der Leukämie handeln, also einer Blutkrankheit mit sehr unterschiedlichem Verlauf.“
„Durchaus lebensbedrohend, auch in jungen Jahren“, beeilte sich Dr. Voß hinzuzufügen, bemüht nachzuweisen, dass auch er, als Chirurg und Zahnarzt, natürlich umfassend medizinisch gebildet sei.
Aha dachte der Kommandant bei sich, die Story scheinen meine Äskulapjünger ja gefressen zu haben und erwiderte, seine Ärzte nacheinander mit einem prüfenden Blick messend: „Ja, stellen Sie sich vor, die Krankheit verschlechtert sich und – was nun wirklich niemand hoffen will – die junge Dame sollte hier an Bord versterben, ja das würde mutmaßlich gar diplomatische Verwicklungen auslösen. Wie wir aus dem Weltkrieg (gemeint ist hier der 1.Weltkrieg von 1914 – 1918) wissen, ist mit den Amerikanern nicht gut Kirschen essen, wenn durch Kriegshandlungen Amerikaner auch nur beeinträchtigt werden. Das muss auf alle Fälle verhindert werden. Insoweit, Herrschaften, sind Sie hier nun echt gefordert. Welche Vorschläge können Sie machen?“
Mit den Vorschlägen hingegen war es nicht weit her. Die Ärzte bedauerten, dass Blutkrankheiten nicht ihre Spezialgebiete seien, dass eines Chirurgen schon mal gar nicht, wie Dr. Voß deutlich machte. Auch Dr. Haller als Internist erklärte, schon über, selbstverständlich mehr als nur ein Grundwissen, auch über die Arten der Leukämie, die allerdings bei weitem noch nicht richtig erforscht sein, zu verfügen, aber leider keine genauen Aussagen machen könne, weil es diese bei diesem Krankheitsbild einfach nicht gäbe. Klar sei nur, es gäbe Leukämiefälle die über Jahre den Patienten nur wenig beeinträchtigen, andererseits aber auch einen Verlauf dieser Krankheit, der sehr schnell, gerade zu galoppierend, wie er sich ausdrückte, zum Tode führe. Wichtig sei in jedem Fall alles zu tun um das Wohlbefinden, auch das sogenannte geistig seelische, der Patientin sicherzustellen. Sehr zu empfehlen sei, der Patientin und ihrer Ärztin, zu der sie ja offenbar ein geradezu freundschaftliches Verhältnis hätte, eine für beide geeignete Kabine mit entsprechendem Raum, Waschgelegenheiten und zumindest Dusche zu Verfügung stellen. Die Medikamente, die vom Pasteur-Institut verordnet seien und in hinreichender Menge mitgeführt werden, sollten entsprechend der dortigen Medikation genommen werden. Leider seien die Inhaltsstoffe insoweit nicht bekannt, wie auch das Medikament selbst. Dieses soll angeblich aus den USA stammen.
„Schön, meine Herren, ich werde mit dem IO besprechen, welche der Kabinen wir den Damen zur Verfügung stellen können und Sie, Dr. Haller“, wandte sich der Kommandant, den letzten Schluck aus seinem Weinglas nehmend, zum Abschluss des Gespräches an seinen Marineoberstabsarzt, „machen Sie sich nochmals Gedanken, was wir tun können, um dem Fräulein sein Dasein auf diesem Schiff zu erleichtern. Wenn Ihnen etwas einfällt, ich bin jederzeit für Sie zu sprechen.“ Damit verabschiedete sich Waldau von seinen Ärzten und beeilte sich seine Räume aufzusuchen, wo ja Terra mit den beiden jungen Damen und dem offenbar vertrauenswürdigen Schiffsarzt der „Yvonne La Porte“, der gute Vorarbeit bei seinen deutschen Kollegen geleistet hatte, auf ihn wartete. Unwillkürlich beschleunigte der Kommandant seine Schritte und stellte – über sich selbst etwas verwundert den Kopf schüttelnd – fest, dass er es kaum erwarten konnte wieder in die bläulichgrün strahlenden Augen sehen zu dürfen.
In den Kapitänsräumen hatte Graf von Terra zwischenzeitlich die Gelegenheit genutzt, seine eigene Persönlichkeit gebührend in den Vordergrund zu schieben, um besonders die zierliche Suzanne zu beeindrucken. Nicht nur, dass ihr apartes Äußeres seine Phantasie beflügelte, bewunderte er auch, wie diese, ohne im Geringsten ängstlich zu wirken, sich in der neuen Situation zurechtfand. In der Tat spielte sie ihre Rolle als Begleitärztin auch gegenüber den deutschen Schiffsärzten perfekt, wie er sich gerade überzeugen konnte. Er nutzte die Gelegenheit, nochmals eindringlich darauf hinzuweisen, dass gegenüber sowohl den deutschen Schiffsärzten als auch allen Besatzungsmitgliedern, äußerste Vorsicht angebracht sei und unbedingt die jungen Damen darauf achten sollten, ausschließlich und zwar auch untereinander sowie mit ihm, den Ärzten und selbstverständlich auch dem Kommandanten, sich auf englisch zu unterhalten und dieses auch mit dem französischen Arzt, der ja ebenfalls insoweit keine Sprachbarrieren hatte. Schließlich erschien Didi Waldau, nachdem er sich zunächst noch mal auf der Brücke vergewissert hatte, dass seine Anwesenheit dort nicht erforderlich, sondern der Horizont frei von Sichtungen war, und bedeutete den Anwesenden, die sich bei seinem Eintreten erheben wollten, doch Platz zu behalten.
„So, Ladys, Monsieur le Docteur, dann wollen wir mal sehen, dass wir was zu trinken bekommen.“ Nachdem sein Backschafter „Kalle“ Kerst, eine Kanne Kaffee, Kondensmilch und Zucker sowie die entsprechenden Tassen und Löffel verteilt hatte, bedeutete ihm Waldau, dass er bis auf weiteres nicht gebraucht werde und dafür zu sorgen hätte, dass man ungestört blieb. Auf Kerst, das wusste sein Kommandant, konnte er sich verlassen.
„Ladys, Doktor, zunächst einmal bin ich froh, dass unsere Ärzte hier an Bord offenbar keine Zweifel an der Geschichte, die wir ihnen erzählt haben, hegen. Dennoch sollten wir sehr vorsichtig sein, in unser aller Interesse, denn auch mein IO und ich würden natürlich Probleme bekommen und das nicht zu knapp, wenn unsere Scharade hier auffliegt. Wir werden alles daran setzen, dass sie unbeschadet bei nächster Gelegenheit auf ein neutrales Schiff umsteigen können. Ich muss sie allerdings bitten … nein“, unterbrach sich Waldau und schaute alle mit Ausnahme von Terra eindringlich und prüfend an, „verlangen, auf keinen Fall anzugeben, dass sie von einem deutschen Kriegsschiff kommen. Wir werden uns insoweit eine schlüssige Geschichte ausdenken müssen, wieso sie bei uns an Bord sind und jetzt an ein anderes Schiff übergeben werden. Aber dazu später.“ Dankbar schauten die Drei ihn an und diesmal verweilte auch Judiths Blick etwas länger auf dem Gesicht des deutschen Kapitäns. Schon das Gespräch im Bordlazarett der „Chamäleon“ hatte sie hoffen lassen, dass sich doch noch alles zum Guten wenden möge. Auch wenn die Angst immer noch in ihr wütete und sie manchmal nicht so klar denken konnte, wie es sonst eine ihrer geschätzten Eigenschaften war, keimte doch immer mehr die Hoffnung in ihr, dass sie den Worten des deutschen Kommandanten trauen konnte. Zumindest überführte ihn der ruhige Blick seiner Augen keiner Lüge.
Plötzlich bemerkte Dita, dass sie den hochgewachsenen deutschen Marineoffizier immer noch anstarrte und offenbar auch dessen Blick ausschließlich auf ihr ruhte. Schnell und etwas verschämt senkte sie den Blick und leichte Röte überzog ihre Wangen.
„Oh, oh“, folgte auf dem Fuße der unvermeidliche Kommentar des Grafen, der dabei unverhohlen Suzanne Maigret angrinste, die nunmehr auch ihm zulächelte und ihrerseits ihre Freundin Dita anstieß: „Siehst Du, nicht alle Deutschen fressen kleine Mädchen“, richtete sie dann ihren Blick auf Kapitän und ersten Offizier, „Dita, der Doktor und ich danken Ihnen beiden wirklich sehr für alles, was Sie bisher unternommen haben, um uns zu helfen und glauben Sie mir, ich weiß, welche Probleme sich für Sie beide ergeben könnten und das, auch wenn längst nicht alle Deutschen das, was geschieht, gutheißen, kaum jemand den Mut aufbringen würde, das zu tun, was wir jetzt gerade erleben dürfen.“
Schließlich wurde noch vereinbart, dass die beiden Amerikanerinnen, die bisher nicht genutzte, ursprünglich für etwaige Schiffsreisen des Reeders geplante, großzügige, unter der Schiffsbrücke gelegene, Kabine mit separatem Bad beziehen und der französische Arzt in der freigewordenen Kabine untergebracht wurde, die von Leutnant zur See (S) Albert Klammer bisher bewohnt wurde, der ja jetzt als Prisenkapitän die auf Kurs Deutschland befindliche „Yvonne La Porte“ kommandierte.
13. Gegenmaßnahmen
Am 08. Februar 1940 herrschte in der Admiralität in London geschäftiges Treiben. In einem geräumigen Zimmer, im Westflügel des Gebäudes, stellte gerade eine junge Wren (Marinehelferin) eine Kanne Tee auf den Tisch, der von einem Ledersofa und drei wuchtigen Ledersesseln umrahmt wurde. In den ledernen Sitzmöbeln, die den Verschleißspuren nach wohl mindestens seit dem Weltkrieg diversen Offiziershinterteilen als behagliche Sitzflächen gedient haben dürften, saßen drei sehr unterschiedlich wirkende Offiziere, zwei im Kapitänsrang sowie ein großer, rotgesichtiger Admiral, dessen Ärmelstreifen ihn als Rear-Admiral auswiesen. Hierbei handelte es sich um Sir Walter Hawkens, einen großen, massigen, vornehmlich um die Körpermitte sehr zur Fülle neigenden Mann, dessen rotes, von Besenreißern (geplatzte Äderchen) durchzogenes Gesicht erkennen ließ, dass er – wie wohl die meisten Marineoffiziere der damaligen und noch länger zurückliegender Zeit – auch alkoholischen Getränken durchaus zugeneigt war. Rechts neben ihm saß im Range eines Vollkapitäns (vergleichbar mit dem deutschen Kapitän zur See) ein etwa 50jähriger, zwar fast gleich großer, aber deutlich schlankerer, dunkelhaariger Offizier, der Kommandant des schweren Kreuzers „Bristol“, der als Flaggschiff des Rear-Admiral Sir Walter Hawkens vorgesehen war. Bei der „Bristol“ handelte es sich um einen 1928 in Dienst gestellten schweren Kreuzer mit
Acht x 20,3-Zentimeter Geschützen in vier Zwillingstürmen, sechs Torpedorohren und acht x 10,2-Zentimeter Geschützen als Mittelartillerie/schwere Flak sowie vier x 4,7-Zentimeter und acht x 4-Zentimeter an leichten Flakgeschützen nebst sechs schweren Maschinengewehren im Kaliber 12,8 Millimeter. Auf der anderen Seite des Admirals saß der – an seinem roten Schnurrbart und den langen Koteletten sowie den ebenfalls roten, borstigen, Haaren unschwer als Schotte erkennbare, Kommandant des leichten Kreuzers „Watford“, der mit 7.130 Tons kaum kleiner war als die „Bristol“ und mit acht x 15,2-Zentimeter Kanonen sowie acht x 10,2-Zentimeter und vier x 4,7-Zentimeter Geschützen sowie 12 MG und acht Torpedorohren über eine mehr als respektable Bewaffnung verfügte. Diese beiden Schiffe sollten zusammen mit dem neuseeländischen leichten Kreuzer „Wellington“, der im Südatlantik zu ihnen stoßen sollte, dass von Sir Walter Hawkens befehligte Kreuzergeschwader bilden. Die „Wellington“, ähnlich bewaffnet und nur unwesentlich kleiner als die „Watford“ war ein neues Schiff, erst 1937 in Dienst gestellt, das 33 Knoten laufen konnte und damit gut 1,5 bis 2 Knoten schneller war als die beiden älteren Kreuzer. Von der Wren, die in ihrer Uniform mit dem deutlich über die Knie reichenden Rock wie eine graue Maus wirkte, wurde die Tür geöffnet und einer der Stellvertreter des ersten Seelords, Sir Lester Ferry, schob seine, Rear-Admiral Hawkens noch deutlich an Masse überbietende, Statur in den Raum, die ewig dampfende Zigarre in der Hand und ließ sich aufstöhnend in das für ihn freigehaltene Sitzmöbel fallen, das unter dieser Beanspruchung unwillig ächzte. Der massige Admiral legte die Zigarre in den, aus einer 15,2 Zentimeter Kartusche gefertigten, Aschenbecher und verschränkte die goldbetressten Arme über dem mächtigen Bauch und kam gleich zur Sache.
„Sie, Sir Walter, werden beschleunigt auslaufen und sich in der Nähe der Falklands (Falklandinseln im Südatlantik) mit dem neuseeländischen Kreuzer „Wellington“ vereinigen. Hauptaufgabe ist, den von uns in diesem Bereich vermuteten deutschen Kreuzer aufzuspüren. In den letzten zwei Wochen melden sich einige unserer Handelsschiffe nicht mehr und die letzten Standorte lassen vermuten, dass es einem Deutschen gelungen ist unsere Blockade zu überwinden und in den freien Atlantik durchzubrechen, der im Nordatlantik sein Unwesen begonnen hat und jetzt offenbar auf stetigem Südkurs befindlich ist. Leider sind ja die „Exeter“, die von der „Graf Spree“ ziemlich in Klump geschossen worden ist, wie wir natürlich nicht offiziell zugeben werden, auf lange Sicht nicht einsatzfähig und auch „Ajax“ und „Achilles“ werden erst in frühestens zwei Monaten wieder vollkommen gefechtsklar sein.“
Sir Walter Hawkens schaute die beiden, ihm unterstellten, Kommandanten mit einem prüfenden Blick an und wandte sich dann an den stellvertretenden ersten Seelord: „Sir, mit welchem Gegner habe ich voraussichtlich zu rechnen? Mit einem weiteren dieser verdammten Pocket Battle Ships?“
„Das glaube ich weniger, obwohl auch die „Admiral Scheer“ nach Auskunft unseres Nachrichtendienstes derzeit nicht im Kieler Hafen an ihrem üblichen Liegeplatz liegt. Ich vermute aber eher, dass die verdammten Nazis uns wieder Probleme mit Hilfskreuzern bereiten und bereits jetzt ein entsprechendes Schiff ausgerüstet und ausgesandt haben. Denken Sie nur an „Wolf“ und „Möwe“ im Weltkrieg. Also, ich erwarte das Sie in 48 Stunden auslaufklar sind und auf dem schnellsten Weg Port Stanley (Hafen der Falklandinsel) anlaufen, dort nachbunkern und sich mit „Wellington“ vereinigen.“ Damit wollte – nach einem Blick auf die Uhr – der stellvertretende erste Seelord das Gespräch beenden und sich einem reichhaltigen Mittagsmahl widmen, wurde aber nochmals von Rear-Admiral Hawkens aufgehalten, der durch Heben des rechten Armes zu erkennen gab, dass er noch etwas fragen wollte.
„Was ist denn noch, Sir Walter“, grunzte etwas unwillig der in Gedanken schon beim Essen befindliche 2. Mann der Admiralität. Sir Walter hingegen ließ sich hiervon nicht beeindrucken, kannte er doch seit langem den von Kommandanten wenig geschätzten 2. Seelord als meist im Dienst übellaunigen Menschen, der weit mehr weltlichen Genüssen als seinen dienstlichen Obliegenheiten zugeneigt war.
„Sir, ich wollte nur noch fragen, wie viel Schiffe denn überfällig sind? Auf dieser Route ist nämlich auch mein Neffe unterwegs, der eigentlich in den nächsten Tagen hier eintreffen sollte und den ich gern nach Übernahme in die Royal-Navy unter meinem Kommando hätte.“
„Na, das wird ja, zumindest für diese Reise, ohnehin nichts mehr, wenn er noch nicht hier ist.“
„Die bisher offenbar dem Gegner zum Opfer gefallenen Schiffe sind,“ hier unterbrach sich seine Lordschaft, schrie nach der Wren, die sofort herbeieilte, und ihm einen mit Maschine beschriebenen Bogen reichte. Nach einem unwilligen Blick hierauf, erfuhr Sir Walter Hawkens dann, dass sich unter den verschollenen und mutmaßlich versenkten Frachtern auch die „Jolante“ befand, auf der sein Neffe auf der Heimreise nach England als Funkoffizier Dienst tat. Ein Grund mehr für den Rear-Admiral beschleunigt in See zu gehen.
14. Anerkennungen und Weisungen
Die „Chamäleon“ wartete auf neue Beute. Seit 10 Tagen war keine Rauchfahne, geschweige denn Mastspitzen in Sicht gekommen und auch des Nachts erschienen keine Zacken auf dem Schirm des Dete-Gerätes. In großen Suchschlägen zackte „Chamäleon“ auf dem bekannten Dampfer-Track, oder ließ sich auch ganz einfach in der Strömung treiben. Die deutlich stärkeren Schiffsbewegungen während des Treibenlassens störte zwischenzeitlich das Wohlbefinden der Besatzung kaum mehr, waren doch nunmehr fast allen Seebeine gewachsen. Der LI mit seinem technischen Personal nutzte die Ruhepausen zur Pflege der Maschinen und Apparaturen an Bord und der IO sowie die zuständigen Ressortoffiziere sorgten mit allerlei Übungen dafür, dass es Hein Seemann nicht übermäßig langweilig wurde. Das vom Smutje und seinen Mannen gezauberte gute und reichhaltige Essen trug im Übrigen zum Wohlbefinden bei. Auch die drei „Gäste“ hatten sich mittlerweile gut eingelebt und auch Dita hatte ihre Ängste nunmehr weitgehend abgelegt. Auch wenn die beiden „Young Ladys“ wie sie auch von der Besatzung schnell getauft worden waren, da sie fast immer im Doppelpack auftraten, ihre Mahlzeiten häufig in den geräumigen, vormals für den Reeder des Frachtdampfers entworfenen, Räumen gemeinsam mit Dr. Willi Weißer, dem französischen Schiffsarzt, einnahmen, waren sie doch auch häufig Gäste in der Offiziersmesse. Bei diesen Gelegenheiten erschien fast unmittelbar, nachdem die Damen die Messe betreten hatten und selbstverständlich von anderen Offizieren gern an ihren Tisch gebeten worden wären, mit nachtwandlerischer Sicherheit Graf von Terra, um neben Suzanne Platz zu nehmen. Das auch der Kommandant es fast immer einrichten konnte, die Mahlzeiten dann am Tisch mit den Amerikanerinnen einzunehmen und hierbei immer wie selbstverständlich links neben Dita saß, wurde natürlich von allen Offizieren – manchmal auch etwas neidvoll – zur Kenntnis genommen. Doch zum einen war er der Kommandant und zum anderen hatte sich ja ohnehin in allen Decks sofort herumgesprochen, dass die größere, wohlproportionierte Amerikanerin an einer seltsamen Krankheit litt und deshalb mit ihren Ärzten, insbesondere wegen der besseren medizinischen Möglichkeiten, an Bord des Hilfskreuzers verblieben war, wie vom Kommandanten selbst durch Lautsprecherdurchsage klargestellt worden war, um gar nicht erst die ohnehin an Bord eines Kriegsschiffes nie verstummende Gerüchteküche ausufern zu lassen. Im Übrigen wurden Kommandant und auch IO, auch wenn sie Offiziere und Besatzung manchmal hart herannahmen, doch letztlich von allen Besatzungsmitgliedern aufgrund ihrer korrekten, fairen und schließlich auch erfolgreichen Führung geschätzt.
Am 18. Februar 1940 gegen 11.00 Uhr Schiffszeit erschien der 1. Funkoffizier, Oberleutnant z.S. Fritz Borchard, aufgeregt auf der Brücke, mit einem FT-Formular wedelnd und meldete dem Kommandanten: „FT (Funkspruch) von der SKL (Seekriegsleitung), Herr Kaptän.“
„Geben Sie her, Herr Borchard, Sie sind ja ganz aus dem Häuschen. Außerdem haben Sie doch, wenn ich nicht irre, derzeit wachfrei.“
„Ja, ja, Herr Kaptän, aber als mir Obermaat Selmann das aufgenommene FT der SKL gemeldet hat, hielt ich es doch für angebracht, Ihnen dieses selbst zu reichen“, strahlte der Oberleutnant Didi Waldau an. Dieser warf einen Blick auf den relativ langen Funkspruch und auch seine in letzter Zeit meist nachdenklichen Gesichtszüge überzog ein Lächeln und er las den, selbstverständlich verschlüsselt gesendeten, an Bord entschlüsselt und in Klartext geschriebenen, Spruch:
SKL an Schiff 66 (amtliche Bezeichnung des HSK „Chamäleon“) in Anerkennung der bisherigen Leistungen befördert der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine – jeweils mit Wirkung zum 01. Februar 1940 – den Kommandanten zum Fregattenkapitän, den IO zum Korvettenkapitän und den NO zum Oberleutnant zur See (S) und verleiht zudem Kommandant und IO das Eiserne Kreuz erster Klasse. Zudem erhält Schiff 66 zwanzig EK2 zugesprochen, die nach Weisung des Kommandanten zu verleihen sind.
xxx Prisenführung erfolgt unter Einschätzung Lage B.-Dienst (Beobachtungsdienst) direkt durch SKL.
xxx Weisung: Schnellstmöglich Planquadrat PT 2658 ansteuern zur Unterstützung/Reparatur U-131 mutmaßliches Eintreffen per FT melden. Feindberührung bis Beendigung Unterstützungsleistung unbedingt vermeiden.
Beim letzten Absatz schwand das Lächeln im Gesicht des Kommandanten und machte einem nachdenklichen Ausdruck Platz.
„Danke, Borchard“, wandte sich Waldau dem bereit stehenden BÜ (Befehlsübermittler) zu, „wahrschauen Sie IO, NO und LI. Ich erwarte die Herren in 15 Minuten in meiner Kabine.“
Didi Waldau faltete nachdenklich den Funkspruch, öffnete automatisch den Knopf der linken Brusttasche seines kurzärmlichen weißen Uniformhemdes und schob das gefaltete FT-Formular hinein und verschloss die Brusttasche wieder. Alsdann verließ er die Brücke, enterte den außen liegenden Niedergang an Steuerbordseite ab, um möglichst auf der großen Weltkarte der Ozeane noch vor Eintreffen der Anderen festzustellen, wo sich das aufzusuchende Planquadrat befand?
Gleich nach Ankunft in seiner Kabine schenkte der frisch beförderte Fregattenkapitän sich zunächst einmal einen großen Schluck Selterswasser ein und stellte die Flasche in den Kühlschrank zurück, leerte das große Glas auf einen Zug und entnahm dann dem kleinen Panzerschrank das Spezialbüchlein, das die in Quadrate unterteilte Weltkarte der Ozeane enthielt. Kurz danach traten, angeführt von seinem Freund Bodo, auch der LI sowie der ebenfalls frisch beförderte Navigationsoffizier ein. Waldau reichte den Funkspruch seinem Freund Bodo Graf Terra, der diesen dann an LI und NO weitergab.
„Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch den Beförderten“, gratulierte der Kommandant und schüttelte Terra sowie Kleinhausen die Hand, „tut mir leid für Sie, LI, aber vor Ende der Reise werden sicherlich alle Herren und wohl auch die Unteroffiziere und Mannschaften mindestens einen Dienstgrad heraufgestuft werden.“ Alsdann wehrte Waldau die Glückwünsche zur eigenen Beförderung und Ordensverleihung ab und meinte: „Dazu kommen wir später, meine Herren, zunächst wollen wir uns einmal mit der Hilfeleistung befassen. So, wie ich das sehe, werden wir 800 Meilen zurückdampfen müssen, bei 15 Knoten, denn Vollspeed werden wir kaum gehen wollen, nicht war LI!“ Dieser nickte zustimmend: „Jawohl, Herr Kaptän, wir sollten alles vermeiden, die Maschinen ohne große Not zu überlasten, wer weiß wie viele Millionen Umdrehungen unsere Diesel noch leisten müssen!“
„Ja, ja, LI, besorgt um seine Motoren wie ein Vater um die Lieblingstochter“, blieb der unvermeidliche Kommentar Graf Terras nicht aus, der zur Abwechslung mal wieder auf seiner Pfeife herumkaute. Währenddessen guckte der Kommandant den NO fragend an, der den Blick sofort aufnahm und bestätigte: „Jawohl Herr Kaptän, ich werde sofort den Kurs absetzen und meine auch, dass wir in 2 ½ Tagen die Position erreichen müssten. Nur schade, dass wir auf Gegenkurs gehen müssen.“
Die SKL wurde durch Kurzsignal informiert und gab alsdann durch längeren Funkspruch bekannt, dass das Problem von U-131, das dieses mit Bordmitteln nicht beheben konnte, daran lag, dass durch einen Wasserbombenangriff beide Diesel aus den Fundamenten gerissen waren und das Boot aufgegeben werden müsste, wenn trotz des LI des Hilfskreuzers und seiner Mechanikergasten und technischen Spezialisten diese nicht wieder eingerichtet werden könnten.
Bloß das nicht, dachte der Kommandant als ihm dieses gemeldet wurde.
15. Totalverluste
60 Stunden später näherte sich „Chamäleon“ mit Umdrehungen für 15,5 sm dem zuletzt gemeldeten Standort des U-Bootes. Eben wollte die Nacht dem neuen Tage weichen, wie üblich um diese Tageszeit, der gefährlichsten für ein allein, in von fremden Mächten beherrschten Meeren, operierendes Kriegsschiff. Es wurde also verstärkte Kriegswache gegangen und nicht nur die Offiziere auf der Brücke, sondern auch die zusätzlichen Ausgucks beobachteten durch die schweren Marine-Nachtgläser ihre Sektoren.
„Funkraum an Brücke“, quäkten die beiden Brückenlautsprecher los. „Dete-Gerät meldet Signal Backbord 20 Grad, Entfernung mindestens 10 Seemeilen.“
Mit einem Satz war Didi Waldau am Hörer der Bordsprechanlage: „Hier Kommandant, laufend melden.“ Gleichzeitig drückte er den Alarmknopf und die Boschhörner dröhnten ihr Klar Schiff zum Gefecht durch alle Räume. Überall sprangen die, so unsanft aus dem Schlaf gerissenen, Besatzungsmitglieder aus ihren Kojen oder Hängematten, jumpten (Marineausdruck für springen) in die Klamotten und eilten an Geschütze, Torpedorohrsätze und ihre sonstigen Gefechtsstationen, sei es an den lichtstarken Scheinwerfern, im Maschinenraum, oder auch das Sanitätspersonal und die Bordärzte im Lazarett.
„IO“, ließ sich der Kommandant vernehmen, „wahrschauen Sie die Ausgucks, dass alle ihre Sektoren schärfstens im Auge behalten und nicht etwa alles nach 20 Grad Backbord schaut.“
„Funkraum an Brücke“, plärrten die Lautsprecher erneut los. „U-131 funkt offen und unverschlüsselt. Werde von feindlichem Zerstörer angegriffen.“ Im gleichen Moment zuckten feurige Blitze Backbord voraus des Hilfskreuzers durch das schwindende Dunkel und grollte unmittelbar darauf der Donner der Abschüsse über die See.
„Zerstörerkanonen“, riefen Kommandant und IO gleichzeitig aus. In schneller Salvenfolge blitzten die Abschüsse der Zerstörergeschütze auf, unmittelbar gefolgt vom rollenden Dröhnen des Geschützdonners. Jetzt blitzte es auch genau vor dem Bug des Hilfskreuzers. Das U-Boot antwortet mit seiner 8,8-Zentimeter Bordkanone, deren helleres Krachen sich deutlich zwischen den dumpferen Salven des Zerstörers, der jetzt auch von Bord des Hilfskreuzers aus in ersten Konturen im schwindenden Dunkel auszumachen war, unterschied.
„Enttarnen, heisst Flagge und Wimpel, AO, Feuer frei auf gegnerischen Zerstörer. IIAO sämtliche Flawaffen Feuererlaubnis, sowie in Schussweite. Torpedowaffe Ziel auffassen und Feuererlaubnis nach eigenem Ermessen, TO“, kamen die Kommandos des Kommandanten schnell hintereinander. Zwischenzeitlich hatte sich „Chamäleon“ bis auf etwa 5 Seemeilen genähert und sah auch das flach auf der See liegende U-Boot, das, nur mit der Kraft der E-Maschinen, deren Batterien kaum noch Leistung hatten, so gut wie keine Chance hatte, den jetzt deckend liegenden Salven des Zerstörers zu entgehen. Der Zerstörer hatte offenbar den sich nähernden deutschen Hilfskreuzer noch nicht als Gegner ausgemacht, sondern richtete die dortige Schiffsführung – zum Glück für „Chamäleon“ – die ganze Aufmerksamkeit auf die Vernichtung des U-Bootes. Rrrumms donnerten die vier 15 Zentimeter Geschütze des Hilfskreuzers, die den Gegner auffassen konnten, los. Gleich die erste Salve „Chamäleons“ lag deckend um den Zerstörer, der, durch die jetzt hoch aus der See springenden Aufschlagfontänen, die sich nun auch ihm nähernde Gefahr zur Kenntnis nahm. Noch schossen alle Geschütze des Zerstörers auf das U-Boot, das von Einschlägen eingedeckt war und zeitweise unter den aus der See springenden Wasserkaskaden fast verschwand. Während die zweite Salve die 15-Zentimeter Geschütze der „Chamäleon“ verließ, schlug plötzlich ein heller Explosionsblitz aus dem U-Boot und formte sich zu einer wasser- und rauchdurchsetzten über 100 Meter hohen Sprengsäule. Entsetzt starrten Offiziere und Besatzung auf die See. Dort, wo eben noch das deutsche U-Boot gelegen hatte und sich nach wie vor mit seiner einen Bordkanone tapfer aber erfolglos zur Wehr gesetzt und gerade auch begonnen hatte seine Flawaffen mit einzusetzen, kochte das Wasser. Das immerhin knapp 70 Meter lange und gut 6 Meter breite U-Boot hingegen war nicht mehr zu sehen. Dort wo dieses eben noch gelegen hatte, fielen jetzt die mit der Detonationswolke empor gerissenen Einzelteile in die aufspritzende See.
„Dreimal AK, hart Steuerbord“, kommandierte Fregattenkapitän Waldau und unter der Wirkung des Ruders drehte „Chamäleon“ hart auf die ersten Aufschläge, die jetzt auch um den Hilfskreuzer herum aus der See sprangen, zu in der Hoffnung dadurch den nächsten Salven des Zerstörers zu entgehen. Der Torpedooffizier der „Chamäleon“ hatte nunmehr, am Zielgeber stehend, den gegnerischen Zerstörer im Visier und Eigenfahrt, Entfernung, vermutete Gegnerfahrt in den Torpedorechner eingegeben. Dieser meldete schließlich „Hartlage“ und Oberleutnant z. S. Carstens kommandierte: „Backbordrohrsatz Dreierfächer – Rohr I – looos, Rohr II looos, Rohr III loos.“ Nacheinander sprangen die mehrere Meter langen Aale, wie die Torpedos in der deutschen Kriegsmarine genannt wurden, in die See und nahmen, Pressluft getrieben, Kurs auf den Gegner. Anhand der aufsteigenden Luftbläschen der Pressluft war der Lauf der Torpedos gut zu verfolgen. Unablässig schoss währenddessen die Artillerie des Hilfskreuzers auf den Zerstörer. „Treffer!“, schrie der neben dem Kommandanten stehende Rudergänger und alle auf der Brücke fielen freudig ein, als in Höhe des vorderen Geschützes des zwischenzeitlich als britischen Zerstörer ausgemachten Gegners, eine hohe Sprengwolke aufstieg. Gleichzeitig hieb es allerdings auch auf dem Achterdeck des Hilfskreuzers ein, was auf der Brücke aber kaum bemerkt wurde. Mittlerweise hatten auch die Flawaffen des Hilfskreuzers in das Gefecht eingegriffen und bestrichen die Brücke und das Oberdeck des Gegners mit ihren kleinkalibrigen Granaten. Auch die Maschinenwaffen des britischen Schiffs hämmerten los. Trotz des durch eigene Abschüsse, einschlagende Treffer hüben und drüben durch das Schnellfeuer der kleinkalibrigen Maschinenwaffen, sowie das Krachen der Artillerie herrschenden Infernos tat jeder seine Pflicht. Der harte Drill zahlte sich hier aus. Pjämg schlug eine 12,7-Zentimeter Granate des Gegners in der Backbordbrückennock der „Chamäleon“ ein und verließ, Gott sei Dank ohne zu detonieren, auf der anderen Seite die Brücke, genau durch eine der dortigen Fensteröffnungen, wieder. Durch den Sog der Granate von den Beinen gerissen, rappelten sich Kommandant, IO, die beiden Gefechtsrudergänger sowie Befehlsübermittler gerade wieder auf, als an dem mittlerweile auf 3 ½ Meilen angenäherten Zerstörer eine hohe Sprengwolke in Höhe der Brücke empor sprang. Der erste Torpedo aus dem Dreierfächer des Hilfskreuzers hatte getroffen. Sofort kam die Fahrt aus dem Gegnerschiff und gleichzeitig hieben zwei 15-Zentimeter Granaten, aus den beiden vorderen Geschützen der „Chamäleon“ abgefeuert, in den Bug des Zerstörers.
Hohe Flammen schlugen jetzt aus dem vorderen Bereich des Bugs und der Brücke des Gegners.
„Feuer einstellen, Rettungsmannschaften klar machen“, kommandierte Waldau.
„Da, Herr Kaptän“, ließ sich der Gefechtsrudergänger Karl-Heinz Tedsen vernehmen, „der Zerstörer bricht in der Mitte durch.“
Sowohl Didi Waldau, als auch Bodo Graf von Terra sahen ebenfalls, wie der stark in Schlagseite gekommene und deutlich im Sinken begriffene Zerstörer in Höhe des Torpedotreffers V-förmig einknickte und kurz darauf auseinander brach. Währenddessen sprangen, vom deutschen Schiff aus deutlich zu sehen, einige britische Seeleute vom Bord ihres sinkenden Untersatzes in die nur leicht bewegte See. Gebannt verfolgten Offiziere und Soldaten auf der Brücke des deutschen Hilfskreuzers den Untergang des Gegners, der längst keiner mehr war.
„Die armen Teufel werden vom Sog mit in die Tiefe gerissen“, ließ sich Graf von Terra sichtlich erschüttert vernehmen und warf einen Blick auf seinen Freund Waldau, der ebenso betroffen auf das schreckliche Geschehen starrte.
„Wohl, wohl“, ließ sich da eine tiefe Stimme hinter Kommandant und IO vernehmen. „Wir sollten aber auch nicht vergessen, dass die Tommys vorher unser U-Boot mit der gesamten Besatzung in die Luft geblasen haben.“ Der Leutnant (S) Rolf Wilms, ein 52jähriger Kapitän der Handelsmarine, der jetzt als vorgesehener Prisenoffizier im Range eines Leutnants (S) einberufen war, hatte die Brücke betreten und machte keinen Hehl daraus, dass seiner Meinung nach die Briten ihr gerechtes Schicksal erfahren hatten.
„Ich bin selbst im Weltkrieg als Steuermannsmaat U-Boot Fahrer gewesen, Herr Kaptän“, bemühte sich Leutnant Wilms hinzuzufügen, als er die Blicke vom Kommandant und IO gleichermaßen auf sich gerichtet sah. Den Freunden blieb eine Antwort erspart, da in diesem Moment der 2. Offizier, Oberleutnant zur See Uwe Semmler, die Brücke betrat, einen erstaunten Blick auf die, durch die Granate des Zerstörers hervorgerufenen, Beschädigungen warf und meldete: „Rettungsmannschaften klar mit zwei Booten zum Ablegen, Herr Kaptän.“
„Gut, Semmler, hoffen wir, dass wir noch Überlebende finden.“ Der Kommandant nahm Verbindung mit dem Maschinenraum auf. „Maschine, kleine Fahrt!“ Waldau wandte sich dann dem Rudergänger zu. „Kurs Steuerbord 20.“ Währenddessen ließ der IO Rettungsnetze an Steuerbord- und Backbordreling ausbringen, um evtl. auch direkt vom Hilfskreuzer aus den einen oder anderen Überlebenden bergen zu können.
Die Hoffnung des Kommandanten erfüllte sich indes nicht. Vom deutschen U-Boot konnte niemand gerettet werden. Es wurden lediglich einige Trümmerstücke aufgefischt. Hingegen gelang es 8 Seeleute des gesunkenen Gegners, darunter den 1. Offizier, Lieutenant (Oberleutnant) John Watson an Bord zu nehmen. Zwei schwer verletzte Matrosen sowie ein leichtverwundeter Unteroffizier kamen in die Obhut der Bordärzte der „Chamäleon“, die sich bereits um drei, Gottlob nur leichtverwundete deutsche Seeleute gekümmert hatten. Die anderen Briten wurden, nachdem sie frische Wäsche, Zigaretten und einen starken Kaffee, versetzt mit einem Schluck Whisky aus den Beständen der „Yvonne La Porte“, bekommen hatten, getrennt von ihrem Offizier, in den entsprechend hergerichteten Laderäumen des Hilfskreuzers untergebracht und vorsorglich weggeschlossen sowie unter Bewachung gestellt. Alsdann verließ „Chamäleon“ mit Höchstfahrt den Ort des Gefechtes mit Kurs Süd. Höchstfahrt deshalb, weil der Funkraum bereits regen Funkverkehr britischer Seestreitkräfte meldete, die offenbar nicht weit entfernt waren und laufend nach dem Zerstörer „Bramble“ riefen, ohne indes eine Antwort zu erhalten.
Kommandant und IO inspizierten die erfreulicherweise nur geringen Gefechtsschäden, die zudem den Gefechtswert des Hilfskreuzers nicht beeinträchtigten und, wie der LI mit seinen Technikern versicherte, innerhalb weniger Tage zu beheben waren. Nur auf der Brücke, so ließ der LI Kommandant und IO wissen, würde es für ein, zwei Tage etwas ungemütlicher werden, weil hier die Folgen des Granattreffers durch das Einschweißen neuer Stahlplatten und auswechseln des Fensters eine Menge Lärm mit sich bringen würden.
„Kaum zu glauben“, wandte sich Graf von Terra an seinen Freund Didi, „dass seit Gefechtsbeginn erst 3 Stunden und 20 Minuten vergangen sind. Ich glaube, wir sind der erste Hilfskreuzer, der einen aktiven Zerstörer versenkt hat. Ob das Jupp Klump eine Sondermeldung mit Fanfaren im Großdeutschen Rundfunk wert ist?“ Dietrich Waldau, dem die Erleichterung über das erfolgreich bestandene Gefecht anzumerken war, erwiderte mit schmalem Grinsen, das allerdings seine Augen nicht ganz erreichte: „Schämen Sie sich, Korvettenkapitän, wie reden Sie von unserem Propagandaminister, Herrn Dr. Joseph Goebbels? Nicht, dass es mich nicht auch irgendwie stolz macht und insbesondere bin ich froh, dass wir keine eigenen Verluste an Bord zu beklagen haben. Aber, und da hat Wilms schon recht, wenn ich an die armen Eltern und natürlich die Frauen des einen oder anderen schon verheirateten Kameraden auf dem U-Boot denke, weiß ich wirklich nicht, ob ich mich freuen soll.“ Bodo von Terra nickte: „Stimmt, aber auch die Tommys sollten wir nicht ganz vergessen. Ich glaube nicht, dass die den Krieg gewollt haben, den unser genialer Führer uns eingebrockt hat. Im Übrigen dürfte der eine Zerstörer nicht allein gewesen sein, wie ja auch die Funkrufe beweisen. Fritze Borchard sagte gerade noch zu mir, er habe mindestens drei verschiedene Stationen unterscheiden können, die nach der Lautstärke seiner Meinung nach nur eben unter der Kimm (Kimm = Sichtgrenze, wo für das menschliche Auge Himmel und Wasserfläche zusammentreffen) stehen.“
„Ja“, versetzte Waldau, „Du solltest Dich jetzt sofort mit der Kombüse in Verbindung setzen, damit alle ein ordentliches Essen bekommen. Zwei Flaschen Bier pro Nase sind bewilligt!“
Als er den Blick seines Freundes und IO sah, setzte Waldau noch hinzu: „Nee, nee, mein Lieber, mehr gibt’s nicht. Es müssen alle 100 % auf Draht sein, falls wir auf die anderen Gegner treffen. Darum gib auch gleich bekannt, Offiziersbesprechung in einer Stunde in der Offiziersmesse.“
„Aye, aye“, bestätigte der schon wieder zu Scherzen aufgelegte Graf, „aber haben wir vorher nicht noch etwas Wichtiges zu tun?“
Überrascht sah Waldau den Freund an: „Was denn, auch wenn die SKL noch so dringend Lagebericht anfordert. Ich werde mir den Teufel tun, die Tommys jetzt durch ein FT auf unsere Spur zu locken.“
Der Graf grinste noch breiter: „Ich dachte eigentlich mehr daran, dass unsere Ladys wohl noch in ihrer Kabine sitzen, in die wir sie beim Klar Schiff zum Gefecht verbannt haben!“
Waldau, der sich bereits wieder in Bewegung gesetzt hatte, fuhr herum: „Oh, verflucht, wie konnte ich die beiden vergessen. Um den Doktor und die Französin mache ich mir ja nicht die großen Sorgen, aber wie hat die Judith das überstanden? Sie hatte sich doch gerade gefangen“, setzte Didi Waldau noch hinzu und nahm mit so langen Schritten Kurs auf die Kabine der „Amerikanerinnen“, dass Graf von Terra kaum folgen konnte, ohne ins Laufen zu geraten, was ihn allerdings nicht daran hinderte, das Grinsen auf seinem Gesicht noch breiter werden zu lassen.
Die vor den, von den Amerikanerinnen und dem französischen Arzt nunmehr bewohnten Kabinen, auf Befehl des IO, aufgezogenen Wachposten staunten nicht schlecht, als sie ihren Kommandanten im Geschwindschritt den Niedergang herabrauschen und alsdann um die Ecke biegen sahen, unmittelbar gefolgt vom fast ins Laufen gekommenen 1. Offizier. Kaum hatte der, mit Pistole bewaffnete, vor der Tür des Dr. Weißer postierte, Matrosenobergefreite Werner Richter Haltung angenommen, passierten ihn die beiden Offiziere bereits: „Abtreten, Auftrag beendet“, vernahm er die Worte seines IO, als dieser bereits drei Schritte weiter war. Vor der ehemaligen Reederkabine angekommen, wandte sich Fregattenkapitän Waldau an den dort, ebenfalls Haltung annehmenden, 28jährigen Bootsmannsmaaten Jan Wanner: „Danke, Wanner, tut mir leid, dass Sie hier noch stehen, aber im Eifer des Gefechts und der Rettungsaktion haben der IO und ich ganz vergessen Euch Bescheid zu geben, dass Ihr abtreten könnt. Finde ich aber gut vom IO, dass er trotz aller Hektik daran gedacht hat, für die Damen einen so erfahrenen und gewissenhaften Mann wie Sie abzustellen.“
„Jawohl, Herr Kaptän, danke gehorsamst“, nahm hocherfreut der so gelobte Bootsmannsmaat die Worte seines Kommandanten zur Kenntnis und entfernte sich stolz erhobenen Hauptes. Dietrich hob die Rechte um zu klopfen, hielt dann aber inne und sah fragend seinen Freund Bodo an: „Was meinst Du, ob sie große Angst gehabt haben? Wie viel haben Sie wohl mitgekriegt? Schnell und abgehackt kamen die Worte von Waldaus Lippen, dessen eben noch so forscher Gesichtsausdruck jetzt doch etwas Unsicherheit erkennen ließ.
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