Kitabı oku: «Braun & Hammer ...im Wahn»

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Braun & Hammer… im Wahn

ist nach „… Narzissmus brutal“ ein weiterer Psychothriller der Autoren H-G Witte und Holger Schmidt. Während es in „Narzissmus brutal“ noch der versierte und selbstbewusste Psychotherapeut Tilmann Braun war, der von einem überaus persönlichkeitsgestörten Patienten an die Grenzen seiner Professionalität und seines Verstandes getrieben wurde, trifft es dieses Mal seinen Freund und Kollegen Peer Hammer. Der sehr sensible und manchmal etwas behäbige Peer folgt im Verlauf, von diagnostischen Irrungen und Wirrungen gebeutelt, seinem Patienten Karl Häusler immer tiefer in das verminte Gelände zwischen religiösem Wahn und bizarrer Zwangsstörung hinein. Was als scheinbar normale Therapie beginnt, mündet erneut in eine einzige Katastrophe, wobei auch seine Beziehung zu Sven nicht unberührt bleibt. Gibt es zum Schluss Rettung für das Leben und Lieben Peers oder ist dieses Mal endgültig alles zu spät?

Die Autoren, H-G Witte und Holger Schmidt, sind auch im wahren norddeutschen Leben Psychotherapeuten in ihren ambulanten Praxen. Sowohl die fiktiven Protagonisten ihrer Geschichten als auch die Inhalte der beschriebenen Fälle inklusive der jeweiligen Störungsbilder sind zwar absolut spektakulär und überzeichnet, aber natürlich könnte es diese in ähnlicher Form prinzipiell geben.

Dennoch sind Ähnlichkeiten zu realen Personen und Begebenheiten rein zufälliger Natur: Die Schweigepflicht und der Schutz der Intimsphäre ihrer Patientinnen und Patienten sind den Autoren heilig!

Lassen Sie sich also, in dieser Hinsicht ganz beruhigt, von einem weiteren „Braun & Hammer“ im besten Sinne beunruhigen. Lassen Sie sich erneut auf die Folter spannen und in die fiktionale Welt des gefährlich Irrationalen, Verrückten und Wahnsinnigen entführen!

neobooks
Impressum

Texte: Copyright by H-G Witte und H.Schmidt

Umschlag: Copyright by P.Voigt 22quadrat

Verlag: Psycho-Artists-Verlag

Druck: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Printed in Germany

Braun und Hammer...im Wahn

von H-G Witte & Holger Schmidt

gewidmet

Tanja, Burkard, Gabriele, Petra, Claudia, Katja und Marlene, die uns jederzeit freundschaftlich, intensiv und konstruktiv kritisiert und beraten haben.

Vielen Dank für Eure Hilfe und Unterstützung!

Besonderer Dank unserer Lektorin Sigrid Lehmann-Wacker für ihre unschätzbare Mitarbeit und Kompetenz! ( Kontakt: www.schreibwerkstatt-osnabrueck.de )

Prolog

Tilmann Braun hat in den letzten Monaten eine schwere Zeit durchlebt. Ein Patient aus seiner psychotherapeutischen Praxis, Theodor Konrad Wolf, hatte ihn an den Rand seiner Belastbarkeit gebracht, ja, fast schon ins Grenzland zur Paranoia befördert.

Denn Herr Wolf hatte sich als Prototyp einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, gepaart mit ungeahnten Abgründen an Bösartigkeit, erwiesen. Dazu war er in tragischer Weise frühkindlich schwer traumatisiert worden, was die Sache nicht einfacher gemacht hatte. Zugleich hatte er auch in Tilmann qualvolle Gefühle sowie lange vergessene und schmerzhafte Erinnerungen wachgerüttelt und so entglitt die ohnehin schwierige Behandlung dem erfolgsverwöhnten Tilmann zusehends.

Am Ende wäre er fast psychisch zerrüttet und seine heile Welt zerstört gewesen. Nur durch ein letztes verzweifeltes Aufbäumen sowie pure Willenskraft und auch ein bisschen Glück konnte er eine noch größere Katastrophe abwenden. Hätte er allerdings nicht seine Frau Hanna und seine Tochter Charlotte gehabt, wäre er dann nicht vielleicht doch zu Grunde gegangen, fragt er sich manchmal heute. Und ja, so besessen Tilmann von seiner Arbeit auch sein mochte – er sei ein richtiges Arbeitstier, pflegte Hanna zu sagen – so wichtig war ihm gleichzeitig seine Familie. Umso schlimmer, dass sein Augapfel Charlotte in den Fall Wolf drohte, mit hineingezogen zu werden.

Und dann war da in dieser schweren Zeit auch noch sein Freund seit Studienzeiten und Kollege Peer Hammer gewesen. Zwar wirkte dieser dabei eher als graue Eminenz unterstützend im Hintergrund. Doch Tilmann wusste ihn, fest verwurzelt wie die deutsche Eiche, loyal an seiner Seite. Das war allerdings auch das Einzige, was Peer mit einer deutschen Eiche verband. Ansonsten war er der schwule und gerne querdenkende Gegenentwurf zum überaus rationalen Tilmann. Beim Hardcore-Narzissten Theodor Konrad Wolf kam aber auch Peer, obwohl nur in beratender Funktion, an die Grenzen seiner Kreativität. Wenn Tilmann und Peer also ehrlich sein wollten, mussten sie sich eingestehen, dass sie beide in diesem Fall gehörig hatten einstecken müssen.

Ihnen war schon immer bewusst gewesen, dass sie einen interessanten, manchmal auch sehr aufwühlenden Beruf als Therapeuten hatten. Dass sie aber jemals in einen Kriminalfall verwickelt werden würden, hätten sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht ausmalen können. Denn als der rücksichtslose, zutiefst wütende und Frauen verachtende sowie misshandelnde Theodor Konrad Wolf zusammen mit zwei willfährigen Helfern als Trio infernale auch noch die Kinder seines Chefs entführte, sprengte das alle Grenzen des bis dahin Vorstellbaren. Am Ende konnte durch einen entscheidenden Hinweis von Tilmann an die Polizei die Entführung spektakulär, aber unblutig beendet werden. Herr Wolf hingegen brach, entgegen seiner sonstigen Kaltschnäuzigkeit, noch am Tatort nervlich zusammen, wurde in eine geschlossene Abteilung eingeliefert und seitdem, auf unabsehbare Zeit, psychiatrisch behandelt. Seine ebenso vom Großeinsatz der Polizei überrumpelten Freunde, Andre und Lukas, mussten sich später ebenfalls vor Gericht verantworten. Bei der Verurteilung zu Bewährungsstrafen kam ihnen allerdings ihre offenkundig verminderte Intelligenz zugute.

Neben Herrn Wolf hatte Tilmann natürlich noch zahlreiche weitere Patienten, die von jeglicher krimineller Energie zum Glück weit entfernt waren. Zu denen gehörte eine wohlhabende, sehr bemerkenswerte Dame mit einer bewegenden Lebensgeschichte, die er direkt in sein Herz geschlossen hatte. Trotzdem war es dem manchmal so ungeduldigen Tilmann noch nicht gelungen, Frau Krögerschmidt aus ihren Depressionen zu befreien.

Gerade in solchen Momenten, wenn ihn wieder die Ungeduld quält und er zu wenig Erfolg bei seiner Arbeit zu sehen meint, setzt er sich bevorzugt auf sein Rennrad, um sich die Last von der Psyche zu radeln.

1

Es ist dieses ewige Spiel, das ihn reizt. Und dieses Spiel entspricht voll und ganz Tilmanns Lebensphilosophie: Herausforderungen zu suchen und sich hohe Ziele zu setzen, begleitet von der kribbelnden Ungewissheit über den Ausgang seiner jeweiligen Anstrengungen. Und auch bei nur teilweisem Erreichen von Erfolgen nach hartem Kampf verspürt er eine tiefe Zufriedenheit, die er schon fast als Glückszustand definieren möchte. Hanna, seine Frau und ihres Zeichens Lehrerin, kommentiert das gerne süffisant, er sei ihr Held und letzter verbliebener Jäger und Sammler überhaupt.

Sich Herausforderungen zu stellen bedeutet für ihn aber auch, über den Tellerrand zu schauen, neue Dinge zu lernen und noch spannendere zu entdecken. Das ist etwas, das er speziell seinen depressiven Patienten in der Behandlung versucht, wieder nahe zu bringen: Die Neugier. Manchmal fehlt diesen nur der zündende Funke oder ein emotional inspirierender Plan von dem, was sie langfristig erreichen wollen. Arbeitet er dann konsequent mit ihnen in Richtung dieser persönlichen Herausforderungen, löst das nicht selten diese leicht euphorische Stimmung aus, die er versucht, als Wasser auf die Mühlen auch langfristiger Veränderungen zu leiten.

Jetzt, vor dem Start, als alle Fahrer im Startblock stehen und nur noch auf den Startschuss warten, herrscht eine fast schon unheimliche Ruhe. In diesen letzten Momenten, die Fahrer stehen mit den Händen auf dem Lenker gestützt und jeweils ein Fuß ist schon in ein Pedal geklickt, ist die Furcht groß, den Startschuss zu verpassen.

Es hat etwas von der Ruhe vor dem großen Sturm, schießt es Tilmann durch den Kopf.

Er geht noch einmal die Strecke im Kopf durch, verdeutlicht sich vor seinem inneren Auge deren markante Punkte. Gleich im ersten Drittel gilt es, den anspruchsvollsten Anstieg zu bewältigen. An diesem Punkt könnten, bei zu viel Engagement und Übermut, die Muskeln ausbrennen. Damit würde der Rest des Rennens zu einer einzigen Qual werden.

Nach diesem Anstieg kommt wiederum eine lange Abfahrt. Auch wenn die keine hohen Geschwindigkeiten zulässt, führt sie aber durch kleine Orte mit engen Straßen und Kurven. Dort ist das Unfallrisiko besonders hoch, denn alle Fahrer werden nach der letzten Kurve wie von der Tarantel gestochen wieder lossprinten, um den Windschatten des Feldes nicht zu verlieren. Das bedeutet, sich sofort aus dem Sattel heben und Vollgas geben zu müssen. Verhaken sich hier auch nur beispielsweise das Schaltwerk eines Rades mit dem Pedal eines anderen, und sind ausgerechnet zwei Fahrer an der Spitze eines Pulkes betroffen, ist der dramatische Dominoeffekt fast schon vorprogrammiert. Unwillkürlich tauchen Bilder einer besonders üblen Massenkarambolage vor einigen Jahren in Tilmanns Erinnerung auf. Er selber hatte den Unfall zwar gerade noch um Haaresbreite umfahren können, sieht aber wieder das Knäuel teils verbogener Räder vor sich. Zwischen und vor allem unter denen lagen die hilflosen Fahrer. Niemand war, Helm sei Dank, schwer oder gar tödlich verletzt, aber es hatte hässliche und schmerzhafte Abschürfungen und Prellungen gegeben. Gerade an den ungeschützten Knien und Ellbogen mischte sich heraussickerndes Blut mit Rollsplit, Staub, Erde oder Resten von Gras. Tilmann hatte, wo er konnte, den gestürzten, vor Schmerz stöhnenden Männern geholfen. Manche waren einfach starr vor Schock, andere fluchten lautstark. Einige weinten still, fast verschämt, vor sich hin.

Nicht weniger gefährlich ist allerdings wiederum das Ende des Rennens, wenn die Fahrer wieder in die Stadt einfahren und viele Kilometer in den Muskeln haben. Dann ist erfahrungsgemäß die Kondition im roten Bereich und die Konzentrationsfähigkeit ein Schatten ihrer selbst. Gleichzeitig wird der Körper von Adrenalin und Endorphinen förmlich durchströmt. Alle Fahrer sind also mehr oder weniger aufgeputscht, während sie durch die Stresshormone ihr Leistungsvermögen überschätzen. Die Gefahr, in diesem Zustand fatale Fehler zu begehen und ausgerechnet noch auf der Zielgerade zu stürzen, ist nicht unbedingt eine der geringsten.

Tilmann schaut seinem Kumpel, seit Jahren sind sie ein eingespieltes Team, in die Augen. Viel und ambitioniert hatten sie für dieses Rennen trainiert: bei gemeinsamen Ausfahrten am Wochenende, dem Training alleine zu Hause auf der Rolle oder beim ausgleichenden „Kacheln zählen“ im Schwimmbad.

Jetzt wird sich zeigen, wie viel all dieses Rackern und Trainieren bringt, denkt Tilmann. Mal wieder zählt für den Erfolg heute nicht, wie viel sie in den Jahren davor schon zusammen gefahren sind, die zurückgelegten Kilometer nicht mehr zählen können. Heute zählt für den Erfolg nur, wie fit und konzentriert sie jetzt sind.

Das intensive Training führt nicht nur zu körperlicher Fitness. Es hilft Tilmann auch, den notwendigen, professionellen Abstand zu den belastenderen Patientengeschichten zu bekommen. Wenn er einen anstrengenden Tag hatte, setzt er sich gerne, wenn es Zeit und Familie erlauben, auf sein Velo und strampelt los.

Tilmann erkennt im Blick seines Partners die gleiche Anspannung, die er bei sich spürt, aber auch den Kampfgeist, das Feuer für den Wettstreit und den Drang, sich endlich der Herausforderung zu stellen.

Sie klopfen sich gegenseitig auf die Schulter und wünschen sich viel Glück.

Dann ist der Sprecher der Veranstaltung zu hören: Er ruft alle Sportler zu einem fairen Wettkampf auf und zählt die letzten Sekunden rückwärts bis zum Startschuss runter. Das beeindruckende Feld setzt sich in Bewegung, zunächst noch langsam: Die Fahrer treten anfangs mit weniger Widerstand in die Pedale, um ihre Muskeln allmählich warm zu fahren und keine Verletzungen zu riskieren.

Die ersten Kilometer führen aus der Großstadt heraus und es gilt, einige Kreisverkehre hinter sich zu lassen. Dann bildet sich ein größeres Fahrerfeld, in dem sich auch Tilmann und sein Kumpel Michael befinden.

»Tilmann, lass uns jetzt einfach die Strecke und die Landschaft genießen, später ist es leider nicht mehr so schön …« Michael hatte bis zum Beginn seines Studiums hier gelebt und kennt sich aus.

Auch bei Tilmann hat sich die erste Anspannung gelegt. Ihm ist ebenfalls nach Plaudern zumute, aber zugleich beginnt sein Ehrgeiz aufzukommen.

»Ja, die Landschaft ist total ansprechend, aber sag mir lieber, wie für dich die Geschwindigkeit ist.«

»Die ist nahezu ideal und wir sollten die nächsten Kilometer so weiterfahren. Dann kommt allerdings bei Kilometer zweiundzwanzig der Anstieg mit fünfzehn Prozent!«

»Aber bis dahin sind unsere Muskeln schön warm gefahren, um es am Berg so richtig krachen zu lassen!«, erwidert Tilmann in Vorfreude grinsend.

»Hey hey … ganz ruhig Brauner!« Michael lacht, weil er Tilmanns Hang zum Übermut kennt. »Pass lieber auf, dass nicht wieder dein Meniskus kracht! Ich hab keine Lust, dich zu den Paralympics zu begleiten, okay?«

Dank viel Windschattens und immer noch ebener Strecke gleiten die beiden relativ locker dahin. Sie kommen zu ernsteren Themen. Michael hatte sich gestern Abend in eine Dokumentation über Entführungen vertieft. Jetzt will er von Tilmann wissen, was bei einem Menschen passieren muss, damit er zum Straftäter wird. Prompt muss Tilmann an seinen unsäglichen Narzissten Theodor Konrad Wolf denken. Der begleitet ihn also sogar bei einem Radrennen, das doch reines Vergnügen bedeuten soll. Er schweigt aber zu dieser unangenehmen Assoziation. Stattdessen versucht er, Michael mit möglichst wenigen Worten zu erklären, wie Menschen unter Umständen kriminell werden können. Mit Erschrecken stellt er dabei fest, wie er das übliche Potpourri bio-psycho-sozialer Erklärungsmodelle herunterleiert: genetischer Einfluss, Lernerfahrungen in der Kindheit, Bildungsaspekte, mangelnde Lebensperspektiven und so weiter. Er war auch schon begeisterter bei der Sache, muss sich Tilmann eingestehen.

Er sträubt sich, das Thema weiter ausführen: Dann wäre er noch im Ziel am Dozieren. Er möchte sich jetzt ganz auf das Radeln konzentrieren und ist gespannt auf den angepriesenen Anstieg, der jetzt unmittelbar bevorsteht.

Dafür sind sie schließlich hier.

Doch dann sind es nur enttäuschende neun Prozent! Am höchsten Punkt der Strecke angekommen, schauen sich Michael und Tilmann nur kurz und wortlos an. Nach all den Jahren wissen sie, was der jeweils andere denkt: Wo soll hier ein Berg gewesen sein?

Jetzt aber steht eine lange Abfahrt mit engen Straßen und Kurven bevor. So bleibt keine Zeit, sich darüber auszutauschen. Stattdessen stürzen sich die beiden ins Getümmel, müssen aber höllisch aufpassen, genügend Abstand zum jeweils vorausfahrenden Fahrer zu halten. Sie sind bis in die letzte Muskelzelle hinein angespannt. Eine Abfahrt mit Höchstgeschwindigkeiten von bis zu siebzig Kilometern in der Stunde hat es mehr als in sich.

Bei Kilometer fünfzig sucht Tilmann erneut Kontakt zu Michael, um festzustellen, wie es ihm geht. Auch wenn der Anstieg weniger Kraft gekostet hat, als sie es sich ausgerechnet hatten, waren die letzten zwanzig Kilometer insgesamt sehr anstrengend gewesen. Immer wieder hatte das Feld die Geschwindigkeit erhöht und sie mussten ihre Zähne zusammenbeißen, um nicht den Windschatten zu verlieren.

»Ich frag mich, wer sich da heute so beweisen muss …«, keucht Tilmann.

»Weißt du doch … irgendein bescheuerter Superalpha ist immer dabei …«

Michael versucht, spaßig zu klingen, aber sein Gesicht wirkt verkrampft. Und offenbar hat er Sitzprobleme: Immer wieder verändert er seine Position.

Bei Tilmann kommen Zweifel auf. Sind sie zu schnell gefahren? Haben sie sich überschätzt? Vielleicht sind sie doch nur noch zwei lahme alte Herren, die das eigene Alter nicht akzeptieren wollen? Er fühlt sich deutlich weniger euphorisch als noch am Anfang. Er hasst diesen berüchtigten toten Punkt eines Rennens von ganzem Herzen. Jedes Mal gibt er sich wieder der Illusion hin, er könne da drum herum kommen. Aber das wird wohl niemals geschehen, konstatiert er innerlich resigniert.

Genau in diesem Moment liest Michael förmlich die Zweifel aus Tilmanns Mimik, grinst ihn an und zeigt nach vorne. »Gleich kommt die Stadt und dann haben wir es geschafft, alter Junge! Und dann haben wir auch keinen beschissenen Seitenwind mehr.«

»Alter Junge? Pass bloß auf!«, blafft Tilmann zurück. »Sag lieber, was machen deine Beine? Ist bestimmt ungewohnt, so ohne Stützstrümpfe …« Er will nicht alleine im Jammertal der ausgelaugten Radfahrer sein.

»Bis zum Ziel wird es bei mir jedenfalls wohl noch reichen«, erwidert Michael mit einem leicht spöttischen Lächeln.

»Tu nicht so, als wäre das Ganze für dich eine Spazierfahrt! Das bringt mich auf die Palme!«

»Tut mir furchtbar leid, Tilmann, nach all den Jahren weiß ich aber, dass dir der Ärger auf mich mehr Energie gibt als dein gepflegtes Selbstmitleid«

Michael hebt sich direkt aus dem Sattel und zieht das Tempo ein letztes Mal an.

Fluchend zieht Tilmann nach.

»Na warte, wer danach schreit, bekommt es auch!«

Im Zielbereich stehen sie mit auf die Lenker gestützten Unterarmen und versuchen, ihre Lungen mit Luft vollzupumpen. Aber es fühlt sich so an, als wenn es nicht genug davon in der katholischen Nachbarstadt gibt. Sie haben definitiv das Maximum aus ihren Körpern herausgeholt und stehen mit zittrigen Beinen vor dem Schloss der Universität. In ihren Köpfen rauscht es momentan. Das Gefühl des Triumphes wird sich erst zeitversetzt einstellen, wenn sie ihre Gedanken wieder sortiert haben werden. Das Hochgefühl wird kommen, wenn sie festgestellt haben werden, dass sie deutlich schneller gefahren sind, als sie sich hätten erträumen lassen.

An der körperlichen Grenze gewesen zu sein und dabei die eigene Leistungsfähigkeit richtig eingeschätzt zu haben, wird für tiefe Zufriedenheit sorgen. Und die wird Tilmann als Puffer im Alltag brauchen. Denn schon bald soll er am eigenen Leib erfahren, dass er nicht weniger als Nerven aus Stahlseilen benötigen wird.

2

Peer schlürft wie in Zeitlupe seinen Kaffee. Die vielschichtig angetrockneten Reste innen und außen um den Rand der Tasse herum verraten, dass er diese mal wieder den zweiten oder gar dritten Tag in Benutzung hat.

Mehr hängt er als dass er in seinem Behandlungssessel sitzt. Der weiße Reisewecker auf dem Beistelltischchen zeigt zehn nach zehn. Einerseits ist er froh, dass er aufgrund einer krankheitsbedingten Patientenabsage eine etwas üppigere Pause bis zur nächsten Sitzung um elf hat. So ein unerwarteter Zeitgewinn hat doch was, zumal er gestern zusammen mit seinem Liebsten Sven und dessen Freunden des Gesangs etwas zu lange dem Baileys gefrönt hat. So verspürt er das Bedürfnis, sich für einige Minuten nur der Müdigkeit und dem Kaffee hinzugeben. Andererseits könnte er aber auch endlich die drei aufgeschobenen Berichte für die Rentenversicherung bearbeiten. Die haben ihn auch heute Morgen wieder vorwurfsvoll aus der Büroablage angestarrt. Aber Peer hasst alle Arten von Papierkram inständig. Er bekommt davon diese spezifische Art von Rückenschmerz, die sich komischerweise nur bei derartigen Erledigungen einstellt. Und will ihn dieser Schmerz nicht eigentlich vor Überanstrengung, vor einem drohenden Tages-Burn-Out schützen? Peer solle, sagt Sven dann gerne, einfach zu seiner „Memmenhaftigkeit, gepaart mit Faulheit und beginnender Demenz" stehen und sich bitte nicht mit Überanstrengung herausreden.

Neben der Wirkung des Kaffees setzt jetzt auch der wachmachende Effekt dieser erinnerten Lästerei seines Partners ein. Peers Körper strafft sich daraufhin, als ob er für einen nahenden Disput mit Sven mobil machen will. Der hat gut reden, ereifert sich Peer. Zum einen ist Sven mit fünfunddreißig immerhin zehn Jahre jünger als er. Zum anderen kann er als freischaffender Architekt im ausgebauten Dachgeschoss der gemeinsam bewohnten Villa seine Arbeitszeiten frei gestalten. Manchmal geht er sogar in einem seiner Seidenpyjamas und ungekämmt rauf ins Büro. Also soll der mal schön den Ball flach halten! Jetzt, wo Peer allerdings an Sven im Pyjama denkt, und wie selbiger dessen geschmeidigen Körper einhüllt, umspielt ein zärtliches Lächeln seinen Mund. Seine vormals müden Augen beginnen wieder zu strahlen.

Er entschließt sich zu einem Kompromiss: Weder bearbeitet er die lästigen Berichtsanfragen, noch bleibt er behäbig und vollkommen untätig im Sessel sitzen. Nein, er erhebt sich mit einem Seufzer und wendet sich einer Notiz auf dem Schreibtisch zu. In der kündigt seine Mitarbeiterin Susanne in Stichworten den neuen Patienten an, der um elf zum Erstgespräch kommen soll.

In der Psychotherapie, egal ob verhaltenstherapeutischer oder tiefenpsychologischer oder sonstiger Prägung, ist ein gelungenes Erstgespräch von hoher Bedeutung. Also, dann schauen wir mal, wen mir der Zufallsgenerator aus Branchenverzeichnis, Internet oder Hausarztempfehlung heute zuführt. Herr Karl Häusler ist sechsundfünfzig, derzeit arbeitssuchender Elektriker, verheiratet mit einer sechs Jahre jüngeren Frau sowie mit zwei zehn und acht Jahre alten Kindern gesegnet, also sind die Häuslers relativ spät Eltern geworden.

Herr Häusler wird also in zwanzig Minuten vor der Tür stehen. Im entsprechenden Feld der Telefonnotiz steht nichts von therapeutischer Vorerfahrung, weder ambulant, noch stationär. Also könnte es sein, dass sein neuer Patient nervös sein wird.

Umso wichtiger, denkt Peer, dass er konzentriert und auf Betriebstemperatur ist. Die erste Sitzung soll mindestens einen guten Eindruck hinterlassen. Jedem Anfang wohnt doch ein Zauber inne: Heißt es nicht so?

Als Grund des Therapiewunsches steht dort lediglich, es gebe seit längerem eheliche Konflikte aufgrund „derzeit unüberwindlicher Glaubensfragen“. Herr Häusler sei „zunehmend verzweifelt, seelisch zermürbt“, zeige „erste depressive Symptome“.

Peer dreht sich rhythmisch auf dem Bürostuhl hin und her und zum ernsten Gesichtsausdruck gesellt sich nun auch noch eine skeptisch hochgezogene rechte Augenbraue hinzu. Hoffentlich ist Häuslers Frau die glaubensfestere von beiden und nicht der Patient selber. Weil damit wäre Herr Häusler wahrscheinlich auch stockkonservativ.

Peer definiert sich, wie viele Homosexuelle beiderlei Geschlechts, eher als politisch liberal denkender, freigeistiger Mensch. Er kann zwar auch mit sehr konservativen Menschen, die als Patienten zu ihm kommen, arbeiten und umgehen. Dabei muss er sich jedoch noch bewusster auf seine Therapeutenrolle konzentrieren. Er unterlässt dann in der Regel Anspielungen auf seine weltanschaulichen Ansichten, und seien sie noch so impliziter Natur. Das geht immer etwas auf Kosten der lockeren Atmosphäre, die Peer gerne in seinen Therapien pflegt. Für die muss aber eben die Wellenlänge in besonderer Weise stimmen. Ausnahmen macht er allerdings bei Patienten, die rechtsextreme, rassistische und Minderheiten feindliche Ansichten verkünden. In diesen Fällen gab es in der Vergangenheit schon spektakuläre Therapieabbrüche von beiden Seiten aus. Aber mindestens kam es dann zu heftigen Disputen. In Ausnahmefällen ging es nach denen, wenn der Zorn verraucht war, sogar weiter mit der Behandlung. Sein Motto lautet in dieser Hinsicht: Bei aller Liebe zur Professionalität darf die Authentizität des Therapeuten nicht vollends unter die Räder kommen und im Radkasten der Beliebigkeit mitgeschliffen werden.

Insofern ist er jetzt sehr gespannt, wer ihm da gleich, auch in dieser Hinsicht, begegnen wird. In den verbleibenden Minuten bis zum Termin gießt er den inzwischen zum Dschungel verdichteten Wust an Grünpflanzen auf der Fensterbank. Auch das eine oder andere vertrocknete Blatt knüllt er in seiner rechten Hand zusammen.

Punkt elf klingelt es dreimal in exakt gleich lang klingenden Intervallen. Sind wir eventuell etwas zwanghaft veranlagt, denkt Peer, während er die Tür mit den etwas altertümlich anmutenden Tiffany-Einsätzen öffnet. Sie stellt den Eingang vom Treppenhaus zum Praxisflur dar. Vorsichtigen Schrittes und mit etwas gequält wirkendem Lächeln kommt Herr Häusler im Treppenhaus um die Ecke. Er streckt Peer schon zwei Meter vor einem möglichen Körperkontakt einen starren rechten Arm entgegen. Der ergreift eine kühle, leicht schwitzige Hand und die beiden Männer begrüßen sich förmlich, aber freundlich. Nachdem er Herrn Häusler ins Behandlungszimmer geleitet, die Versicherungskarte eingelesen und ihm seinen Platz angeboten hat, sitzen die beiden nun einen Moment schweigend voreinander.

Falls Herr Häusler das Gespräch eröffnen möchte, wäre dies Peer lieber, um dem Patienten das Gefühl der Selbstbestimmung zu ermöglichen. Aber der wartet offensichtlich auf die Eröffnung durch Peer.

In Ordnung, denkt dieser, kann ja alles noch kommen.

»Herr Häusler, ich habe hier einige Stichworte meiner Mitarbeiterin zu ihren Beschwerden und Problemen …«

»Die ist sehr nett … übrigens …«, poltert es unvermittelt aus seinem Patienten heraus, »aber das nur am Rande …« Er zuckt zusammen wie ein vorlautes Kind in der Erwartung einer Zurechtweisung.

»Da haben Sie aber vollkommen Recht und ohne meine Frau Vogelsang wäre ich hier gänzlich auf verlorenem Posten!«, versucht Peer, die Atmosphäre etwas aufzulockern.

Herr Häusler reagiert mit einem schüchternen Lächeln.

»Was führt Sie denn eigentlich zu mir, außer der Empfehlung Ihres Hausarztes?«

Letzteres hatte Peer ebenfalls noch der Anmeldung entnommen. »Ach, wissen Sie, Herr Hammer«, beginnt Herr Häusler zögerlich, »der Grund dafür, mich behandeln zu lassen, liegt nicht direkt in mir …«

»Also nicht direkt in Ihnen … Aber dennoch gibt es einen Grund, nehme ich zumindest an?«

»Ja … doch … natürlich … Sonst wäre ich ja nicht hier!«

»Dann bin ich immerhin beruhigt, dass Sie nicht aus purer

Langeweile zu mir gekommen sind«, gibt Peer augenzwinkernd zurück.

»Nein … langweilig wird es bei uns zuhause beileibe nicht … Und genau das ist das Problem! Ich würde mir sogar etwas mehr Langeweile wünschen und weniger Streit.«

»Dem entnehme ich, dass Sie Harmonie durchaus zu schätzen wissen und auf zu viel Streit verzichten können?«

»Um Himmels Willen, Herr Hammer, ich und streiten, Gott bewahre! Ganz im Gegenteil, meine Frau nennt mich eigentlich immer ein Harmonieschwein und hat sich seit jeher aufgeregt, dass ich mich nicht aus der Ruhe bringen lasse … Aber in letzter Zeit ist es verflucht … oh nein, was sag ich denn da …«

Herr Häusler erstarrt und wirkt augenblicklich wie komplett in sich gekehrt.

Peer traut seinen Ohren nicht: Er meint, seinen Patienten etwas wispern zu hören, wobei dieser kaum wahrnehmbar vorund zurückschaukelt. Die Knöchel seiner gefalteten Hände sind dabei weiß vor Anspannung, die Augen mit entrücktem Blick zur Raumdecke gerichtet.

Oh nein, bitte nichts Psychiatrisches, fleht Peer innerlich und bekommt spontan eine Gänsehaut. Dabei hat er selten einen durchschnittlicheren Mann als diesen hier gesehen. Man könnte Herrn Häusler ohne Übertreibung als fleischgewordene Unscheinbarkeit bezeichnen: schütteres, seitengescheiteltes, aber nicht zu graues Haar, blassgrüne, von einer Hornbrille umrahmte Augen, ein nicht sonderlich faltiges Gesicht, symmetrisch und oval, mit länglicher und spitzer Nase sowie leicht fliehendem Kinn. Er trägt eine dunkelblaue Strickjacke mit Zopfmuster über einem karierten Hemd, eine ockerfarbene Cordhose und schwarze Gesundheitsschuhe. Das einzig Auffällige ist höchstens, dass die Hose vor den Knien ungewöhnlich abgewetzt ist. Alles andere an Herrn Häusler ist überaus ordentlich, sauber und korrekt. Allerdings wirkt er, wie viele heterosexuelle Männer seiner Generation in dieser Stadt, eher so, als ob seine Frau ihm die Kleidung aussucht und kauft. Dabei geht es wohl nach dem Motto: Praktisch muss es sein, aber das gewisse Etwas darüber hinaus ist dann leider der reine Glücksfall.

Also, abgesehen davon, dass Peer seinen neuen Patienten für einen Fall für die Modepolizei hält, hat dieser eigentlich nichts an sich, was zwingend auf Verrücktheit hindeutet.

Auch wenn Peer es inzwischen natürlich besser wissen sollte, muss er bei psychiatrischen Fällen nämlich immer noch an Anthony Hopkins in der Rolle des Hannibal Lecter oder Anthony Perkins als Norman Bates in Psycho denken.

»Herr Häusler? Ist alles in Ordnung? Muss ich da irgendetwas wissen?«

Peer spricht bewusst unaufgeregt, will aber dennoch andeuten, dass er das ungewöhnliche Verhalten mitbekommen hat.

Herrn Häuslers Augenlider flattern und er läuft etwas rot an, räuspert sich: »Ja … ach herrje … ist mir das unangenehm. Aber ich glaube, damit sind wir schon beim eigentlichen Thema.«

Und wieder verstummt er, zu Peers Erleichterung jedoch dieses Mal ohne Anzeichen ausgeprägter Entrückung.

»Ich bin ganz Ohr und denke, je früher wir die heiklen Punkte ansprechen, umso besser, oder was meinen Sie?«

Aber will er eigentlich so genau wissen, was „der Punkt“ wirklich ist?

Tief im Inneren spürt Peer, dass hier und jetzt eine Nummer startet, aus der er so einfach nicht wieder herauskommen wird. Und es gruselt ihn, selbst wenn der Mann vor ihm kein psychopathischer Kannibale sein oder unbedarfte, singende, weibliche Motelgäste unter der Dusche abstechen sollte.

»Ja, Herr Hammer, Ehrlichkeit währt ja bekanntlich am längsten, nicht wahr?«

Peer nickt kommentarlos.

»Wie soll ich sagen … Also der Streit mit meiner Frau dreht sich um das, was Sie gerade vielleicht gesehen haben mögen … also … Sie kann mir nicht in die höheren Sphären folgen.«

Bitte keine höheren Sphären, denkt Peer, dessen Magen sich zusammenzieht.

»Ich vermute, mit höheren Sphären meinen Sie keine Gebirgswanderungen, auf denen Ihre Frau Sie nicht begleiten will?«, versucht Peer, einen inneren Wall des Humors gegen sein aufkommendes Entsetzen zu errichten.

»Natürlich nicht, nein, ich meine natürlich die höheren Sphären!«, flüstert Herr Häusler, während er sich vorbeugt und Peer verschwörerisch in die Augen blickt.

»Ach so, die … !«, versucht Peer Zeit zum Durchatmen zu gewinnen und ringt um Fassung.

»Genau … Aber eigentlich denke ich, dass Marianne darum weiß, nur sperrt sie sich noch dagegen. Sie meidet so sehr die Konsequenzen, wie der Teufel das Weihwasser! Was in diesem Zusammenhang komisch klingt, ich weiß.«

Herr Häusler schaut bei seinen letzten Worten äußerst erwartungsvoll auf Peer.

Dieser spürt eine enorme Versuchung, den letzten Notausgang aus dieser Behandlung zu nehmen. Er müsste nur sagen Was halten Sie von Medikamenten gegen Wahnvorstellungen? oder Ich kann Ihnen da einen guten Psychiater empfehlen! und auf der Stelle wäre er seinen Neuzugang wieder los. Das gedämpfte Klappen der Haustür wäre das Letzte, was er von Herrn Häusler hören würde.

So einfach könnte es sein, denkt Peer. Aber einfach kann jeder!

Und so hört er sich sagen: »Sie machen mich neugierig! Was hat es denn mit den Konsequenzen so auf sich, die ihre Frau so meidet, wie der Teufel das Weihwasser?«

Sein Patient schaut ihn lange und ausdruckslos an.

»Nun ja«, rafft der sich dann auf. »Zum einen müsste sie sich schon für Einiges entschuldigen, was sie mir in diesem Zusammenhang an den Kopf geworfen hat!«

»Also kann sie Ihnen nicht nur nicht folgen, sondern Ihre Frau hat ganz ausgesprochen und entschieden etwas gegen Ihren Kontakt mit höheren Sphären? Und wenn sie jetzt ein Einsehen hätte, müsste sie ganz enorm zurückrudern? Vielleicht scheut sie die Anstrengung?«

»Ja, so ähnlich«, antwortet sein Patient hastig. »Und wissen Sie, Marianne konnte sich sowieso noch nie entschuldigen, selbst wenn sie etwas einsieht … Und in dieser Sache natürlich erst recht nicht!«

Die Versuchung, seinem Patienten vor den Kopf zu stoßen und ihn damit loszuwerden, ist immer noch da, wenn sie auch gerade etwas schwindet.

Zunehmend reizt Peer etwas an dieser Geschichte, fordert ihn heraus, ohne dass er schon wüsste, warum. Vielleicht ist es sein Hang zu skurrilen Themen, den er hat, solange er denken kann? Vielleicht sucht er in gewisser Weise auch die Auseinandersetzung mit dem Glaubensthema doch mehr, als er sich eingestehen will? Eigentlich meinte er bis jetzt, mit allem „religiösen Kram“ abgeschlossen zu haben und dagegen immun zu sein.

Sven ärgert ihn nur zu gerne mit der Aussage, Peer sei ja so dermaßen atheistisch, dass es schon fast wieder Züge religiöser Hingabe habe.

»Sie meinen, Ihre Frau fürchtet womöglich inzwischen den Gesichtsverlust, wenn sie nach all dem, was Sie Ihnen vorgeworfen und angetan hat, zugeben würde, dass Sie Recht haben und, schlimmer noch: die ganze Zeit hatten?«

Herr Häusler nickt heftig, sicher erleichtert, dass er bei seinem Therapeuten offene Türen einrennt.

»Und dann ist sie natürlich auch, sicher unbewusst, darüber wissen Sie aber mehr, Herr Hammer, innerlich von Neid auf meinen direkten Draht nach oben wie zerfressen!«, ereifert sich Peers Patient weiter, jetzt mit geröteten Wangen.

»Wer wäre das nicht, Herr Häusler? Ich kenne verschiedene Menschen, und gar nicht mal nur Patienten, falls Sie das denken, die neidisch wären und denen, ganz unter uns gesprochen, eine direkte Verbindung nach oben nicht mal schaden würde! Aber wie heißt es: Wer es am meisten braucht, bekommt es am wenigsten!«

Peer weiß, dass er sich damit ein bisschen weit aus dem sprichwörtlichen Fenster lehnt, aber er möchte vorsichtig testen, ob Herr Häusler noch einen gewissen Abstand zu seinen Gedanken hat oder schon überzeugt ist im Sinne von Verbissenheit. Er möchte dabei natürlich auf keinen Fall, bei aller Liebe zum Job, aus diesem Fenster herausfallen. Gespannt wartet er auf die Reaktion seines Patienten. Und die kommt prompt. Und sie gefällt ihm gar nicht.

»Herr Hammer, Ihre gute Laune sei Ihnen gegönnt, Ihr Charme und Ihr … wie soll ich sagen … Mutterwitz trifft es vielleicht … ja, der auch … aber Sie haben wohl den Ernst der Lage nicht ganz begriffen!«

Karl Häuslers Augen funkeln wütend und unvermittelt ist jede Schüchternheit von Peers Gegenüber abgefallen.

Ganz im Gegenteil, denkt Peer, verleiht dieser schon fast „heilig“ anmutende Anflug von Zorn Herrn Häusler plötzlich eine Aura von Überlegenheit. Er ahnt, dass sich sein Patient nicht nur zufällig im Gestrüpp irgendwelcher fixer Ideen verheddert hat und mal eben im Vorbeigehen aus selbigem befreit werden kann, wie ein armes Lamm aus einer achtlos liegengelassenen Rolle rostigen Stacheldrahts. Nein, diese Ideen sind auch emotional hochgradig aufgeladen! Und Peer meint fast auch schon, das Dopamin in Herrn Häuslers Gehirn, einem munteren Zimmerspringbrunnen gleich, üppig sprudeln zu hören. Und wie sagen die Vertreter der kognitiven Therapie immer so schön? Die sogenannten heißen Kognitionen, die stark mit unseren Gefühlen verbunden sind, lassen sich viel schwerer verändern, als die eher rational getönten sogenannten kalten Kognitionen. Und Herrn Häuslers Kognitionen sind äußerst heiß, soviel steht fest!

Deshalb beschließt Peer, doch lieber einen Gang zurück zu schalten.

»Nun ja, vielleicht hat meine etwas flapsige Ausdrucksweise tatsächlich dazu geführt, dass Sie denken, ich nähme Sie nicht ernst, aber dem ist absolut nicht so!«

»Hmmm …«, ist die einzige Reaktion von seinem Gegenüber, sehr abwartend, skeptisch, nein, misstrauisch trifft es besser.

»Ganz im Gegenteil, Herr Häusler, würde mich zunächst interessieren, was der eigentliche Ernst der Lage, von dem Sie sprachen, im Wesentlichen ist!? Denn ich möchte mal so sagen … ja doch … Ich nehme Sie vollkommen ernst, aber ich habe Sie noch nicht annähernd verstanden, also wirklich verstanden, muss ich zugeben. Aber ich möchte Sie verstehen!«

Peer und Karl Häusler sitzen sich nun gespannt konzentriert gegenüber. Peer ist dabei äußerst froh, dass er sich mit seinem Klemmbrett und seinem Kugelschreiber beschäftigen und so tun kann, als mache er wichtige Notizen.

»Neben dem Umstand, dass Marianne also von Scham überwältigt wäre, wenn sie endlich ein Einsehen hätte, wäre das Übelste für sie, dass sie vor allem praktische Konsequenzen ziehen müsste, wenn sie die Wahrheit zuließe«, hebt Herr Häusler zu Peers Erleichterung wieder an.

»Praktische Konsequenzen?«

»Ja, nachdem sie sich ausreichend geschämt hätte, müsste sie sich nämlich meinen anstrengenden Ritualen unterwerfen!«

»Ach so!«, bringt Peer seine ehrliche Überraschung zum Ausdruck, »Und wie sehen die genau aus, ihre anstrengenden Rituale?«

Peer hofft inständig, dass sie beide nun mehr in den alltäglichen Ablauf des symptomatischen Verhaltens einsteigen können. Damit kämen sie, wenn alles gut liefe, mehr auf die konkrete Ebene und weg vom furchtbar unwegsamen Gelände der Diskussionen über Richtig und Falsch der Wahrnehmung seines Patienten.

Dass dieser nämlich extrem empfindlich auf jegliche Bewertungen seiner „sphärischen Aktivitäten“ reagiert und jederzeit bereit ist, in den Kampfmodus umzuschalten, hat er Peer ja nun schon deutlich genug signalisiert.

Und schließlich hatte er nicht vor fast dreißig Jahren den Kriegsdienst verweigert, um dann letztlich doch noch auf dem Truppenübungsplatz der Hardcore-Umerziehungs-Verhaltenstherapie zu landen, macht er sich klar.

Er kann und will Herrn Häusler nicht zu seinem Glück zwingen, worin auch immer das am Ende bestehen mag, aber er wird versuchen, dessen Aufmerksamkeit, seine Wahrnehmung, sein Denken allmählich in eine konstruktivere Richtung zu lenken.

Auch Herr Häusler war gerade, auf der Suche nach einer Antwort, in seinen eigenen Gedanken versunken. Er wirkt zwar immer noch äußerst ernst, auch vorsichtig abwägend, aber schon weniger angespannt.

»Herr Hammer, von nichts kommt natürlich nichts! Der Herr, der alles lenkt, gibt so viel in seiner unendlichen Gnade, aber ein bisschen was müssen wir natürlich auch dafür tun, muss jeder Gläubige dafür tun …«

Das Wort „jeder" hat er unüberhörbar und besonders betont. Prüfend schaut Herr Häusler Peer bei diesen Worten an. Sein konzentrierter Blick scheint die Mimik seines Therapeuten in kleine Planquadrate einzuteilen und dessen Gesicht nach auch nur leisesten Spuren von Spott und Ablehnung abzuscannen.

Wie macht er seinem Patienten klar, dass er selber maximal semi-gläubig ist, aber dennoch ein geeigneter Therapeut in dieser Frage sein kann, denkt Peer angestrengt. Welch eine Gradwanderung, wenn man berücksichtigt, dass die eine oder andere Synapse in seiner Großhirnrinde noch im Post-Baileys-Standby dahindämmert!

»Herr Häusler«, lässt dieser daher eher beiläufig einfließen, »ich bin vielleicht nicht die vergoldete Gallionsfigur am stolzen Viermaster des Christentums, denn das wäre wirklich vermessen, zu behaupten! Aber ich denke, ich kann Ihnen thematisch grundsätzlich folgen. Und ich vermute, wir reden auch nicht von Ritualen durchschnittlicher Glaubensausübung?«

Peer hofft, dass Herr Häusler darauf anspringt.

Dieser nickt bedächtig wie in Zeitlupe, lässt Peer aber nicht aus den Augen, legt den Kopf schräg und schweigt weiter.

»Es lässt mich nicht los, dass Sie von anstrengend sprachen … Was meinen Sie damit?«, setzt Peer nach, da nur noch zehn Minuten in dieser Sitzung bleiben, bis er endlich in seine Mittagspause starten darf.

Ein bisschen überziehen wäre ja nicht schlimm, aber er weiß, bei ein bisschen würde es mit diesem Patienten nicht bleiben.

»Nun ja«, ringt sich Herr Häusler schwer atmend endlich zu einer Antwort durch, »von Durchschnitt kann wahrhaftig nicht die Rede sein, wenn Sie das Gefühl haben, der Herr wende sich direkt an Sie. Verstehen Sie?«

Peer muss einsehen, dass sein Patient nicht in der Verfassung für eine „normale“ Frage-Antwort-Interaktion ist und innerlich arbeitet es in ihm an einem vorläufigen diagnostischen Schluss. Der stellt aber maximal einen ersten klinischen Eindruck dar, eine äußerst wackelige Hypothese, die fast mehr Fragen aufwirft, als dass sie Antworten enthält, denkt er angestrengt. Um vielleicht ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen – er befürchtet allerdings, dass es die Wirkung eines Teelichts in einer Tropfsteinhöhle nicht übertreffen wird – muss er gleich noch so unauffällig wie möglich die eine Frage stellen, vor deren Antwort er sich am meisten fürchtet.

»Herr Häusler, ich möchte mir ehrlich gesagt noch nicht anmaßen, jetzt schon wirklich verstehen zu können, wie all die Aspekte zusammenhängen und wo dann letztlich das Problem in seiner Komplexität liegt und was das dann wiederum für unsere Behandlung und deren Ziele bedeutet. Aber ich nehme auf jeden Fall das Außergewöhnliche, das Besondere an dem wahr, was Sie berichten! Ich möchte ehrlich gesagt auch noch gar keine Bewertung abgeben, denn die wäre zum jetzigen Zeitpunkt zwangsläufig verkürzt und würde Ihnen keinesfalls gerecht werden!«

Peer muss aufpassen, nicht in den salbungsvollen Singsang einer Bibel-TV-Sendung zu verfallen, hat allerdings im selben Moment den Eindruck, dass genau das Herrn Häusler gefällt. Dieser strahlt über sein ganzes Gesicht und wendet einen verklärten Blick aus leuchtenden Augen erneut gen Raumdecke. Wieder meint Peer ein Wispern zu vernehmen und in der Tat ist da eine leichte Bewegung der Lippen.

Peer versteht aber trotz angestrengten Hinhörens nur Wortfetzen.

» … und du mich hier hingeführt hast … ich dir nur danken … schulde ich dir … extralanges Gebet …«

Dabei schaukelt Herr Häusler wieder fast unmerklich, aber rhythmisch vor und zurück. Die Bewegung wirkt nicht spontan motiviert, sondern eher wie eine einstudierte Choreographie.

Komm Peer, du kommst eh nicht drum herum und eigentlich kennst du ja schon fast die Antwort bei all dem, was sich hier abspielt, auch wenn du dir nicht hättest träumen lassen, dass sich dein berufliches Profil mal in Richtung „Eventmanager für Erweckungsveranstaltungen“ entwickeln würde, denkt Peer selbstironisch.

Sein Patient wirkt derweil so entspannt, wie während der ganzen 50 Minuten zuvor nicht. Er ist mit seiner Aufmerksamkeit wieder ganz bei Peer.

»Herr Hammer, so stellen Sie doch bitte diese Frage! Ich weiß doch auch, dass die Sitzung rum ist und Sie Ihre Pause brauchen und sich fragen, was es mit mir auf sich hat.«

Peer ist wie vom Donner gerührt. Kann Herr Häusler Gedanken lesen? Wieder so eine Wendung, die ihm nicht gefällt, weil sie ihn verwirrt. Und Peer mag keine Verwirrung, jedenfalls nicht im beruflichen Bereich.

»Nun gut, Herr Häusler, Sie sehen mich gelinde gesagt sehr überrascht … angesichts Ihrer offensichtlichen Fähigkeiten«, versucht Peer die Gradwanderung, »aber nicht hoffnungslos, was unsere gemeinsame Arbeit anbetrifft … und … wie es manchmal eben so ist …«

»Ihre Frage bitte, Herr Hammer! … Eben die, ob ich verrückt bin oder wahnsinnig gar oder ob es wirkliche Fähigkeiten sind mit einer echten, nicht eingebildeten Verbindung zu Gott, woraus sich wiederum ableitet, ob ich gefährlich bin und am Ende etwas Gefährliches tun könnte … Ach, was sag ich … etwas Verheerendes! Finden Sie nicht auch, dass bei dem Zustand, in dem sich unsere Welt befindet und den der Herr so nicht gewollt hat, ein Ende mit Schrecken besser wäre als ein Schrecken ohne Ende?«

Heilige Scheiße, schießt es Peer durch den Kopf. Etwas Gefährliches, Verheerendes, das Ende der Welt? Alles Bestimmung? Und er soll am Ende mit drin hängen, mit Stempel und Unterschrift? Peer Hammer, einst nicht der schlechteste Psychotherapeut in den Weiten der norddeutschen Tiefebene wird zum trojanischen Pferd der Apokalypse? Von Gott beschlossen und genehmigt und von Herrn Häusler ausgeführt, dieser Ausgeburt an Mittelmäßigkeit?

»Herr Häusler, ich frage Sie absolut in Ihrem Sinne, denn Sie verwenden die Frageform und Sie sagen `könnte´, aber ganz ehrlich, sind das noch Ihre Gedanken und Vorstellungen? Oder ist das für Sie schon die reine, unmittelbare Wahrheit und nichts als die Wahrheit?«

Peer ist dabei, seine Unsicherheit von eben zu überwinden, findet zu so etwas ähnlichem wie Souveränität zurück. Entweder, feuert er sich an, geht er hier und jetzt geistig, emotional und moralisch unter und kann zudem gleich seine Approbation1 an den Nagel hängen, oder er kriegt nochmal die Kurve zu kraftvoller Professionalität.

»Herr Hammer, ich weiß es doch selbst auch nicht ganz so genau«, rudert Herr Häusler jetzt strategisch zurück, da ihm Peers erhöhte Grundspannung nicht entgangen ist. »Aber dafür sind Sie ja da, mir zu helfen, diese Verwirrung aufzulösen … und ich glaube, ich muss jetzt auch los … Sahra und David abholen … Kinder soll man ja nicht zu lange warten lassen, aber wem sag ich das …«

Das hast du dir so gedacht, mein Freund! Erst den armen Peer mit solch bizarren Gedanken zu piesacken, an den Rand des Wahnsinns und des Herzinfarktes zugleich zu bugsieren und dann noch zu meinen, unter erpresserischem Einsatz der Kinder das Weite suchen zu können? So haben wir aber nicht gewettet!

In Augenblicken des Ärgers fühlt Peer sich manchmal in seine Kindheit zurückversetzt und sieht vor seinem inneren Auge einen kleinen, äußerst pummeligen, sensiblen Jungen, der schnell zu weinen begann. Heute, im reifen Erwachsenenalter, sieht er bis auf ein paar Fettpölsterchen ganz passabel aus. Jedenfalls ist Sven immer wieder von seiner einigermaßen sportlich-rustikalen Figur angetan. Auch psychisch ist er immerhin etwas robuster als in Kindertagen.

»Herr Häusler, das finde ich wunderbar, dass Sie Ihre Kinder nicht warten lassen wollen. Das zeigt mir ganz eindeutig, dass es noch einige Ressourcen und eine Menge an funktionierender Normalität in Ihrem Leben gibt. Bevor wir aber so holterdipolter auseinanderlaufen, möchte ich zwei Dinge klarstellen.«

Peer legt eine Kunstpause ein, die eines Altkanzlers Helmut Schmidt würdig gewesen wäre, nur dass er keine Zigarette raucht oder Schnupftabak zu sich nimmt.

Sein Patient schaut mit großen Augen und angehaltenem Atem zu ihm herüber.

»Erstens …«

»Ja?«, erwidert Peers Gegenüber mit zögerlicher Stimme.

»Erstens sehe ich Sie kommende Woche zur gleichen Zeit an diesem Ort wieder, in Ordnung?«, klingt Peer freundlich aber bestimmt.

»Ja … natürlich … Das lässt sich einrichten … und zweitens?«

»Und zweitens, etwas ganz Grundsätzliches zu unserer Behandlung und deren Grenzen. Ich möchte sehr gerne mit Ihnen arbeiten, auch wenn das mit Ihnen eine echte Herausforderung werden wird und selbst wenn das an die Grenzen unser beider Belastbarkeit gehen sollte …«

»Oh …«

»Und wissen Sie, warum ich das auf mich nehmen würde?«, setzt Peer jetzt alles auf eine Karte.

»Nein … aber Sie werden es mir sicher gleich sagen?«

»Das werde ich und das muss ich vor allem auch, selbst wenn es zunächst sehr unangenehm klingen sollte …«

»Bringen wir es doch hinter uns …«

»Weil ich nicht möchte, dass ein guter Mensch, Ehemann, Vater von zwei Kindern und potenziell tüchtiger, wenn auch derzeit arbeitssuchender Mitbürger, so ohne Not in der geschlossenen Abteilung der örtlichen Psychiatrie landet …«

Herr Häusler wird ganz blass.

»Psychiatrie? Sie meinen …«

»Genau das meine ich«, betont Peer. »Denn bei allem Respekt vor Ihrem Glauben, Ihrer Religiosität, glaube ich, dass Sie sich irgendwo in der gefährlichen Grauzone zwischen bewundernswerter Hingabe an Gott und einer mindestens fixen Idee befinden. Und falls wir letzteres nicht in den Griff oder zumindest gebremst bekommen, wird sich das langfristig nicht günstig auf Ihr Leben auswirken. Dafür habe ich schon zu viele Menschen diesen Weg gehen sehen, denen vielleicht anders hätte geholfen werden können, wenn sie sich hätten helfen lassen! Denn wenn Sie hier nicht freiwillig die Kurve bekommen, kann ich Ihnen am Ende auch nicht mehr helfen und dann übernehmen das Andere …«

»Andere?«

»Ja, Andere … Die Ärzte zum Beispiel, und die reden dann nicht mehr oder fragen, was Sie möchten, die handeln dann einfach!«

Herr Häusler bekreuzigt sich hektisch dreimal. »Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, dein Stecken und Stab …«

Peer legt unbeirrt alles in seinen letzten Satz, denn er will an das Ende der Behandlung unbedingt etwas Positives, Konstruktives stellen, sonst kommt dieser Patient nie wieder. »Und damit wir uns richtig verstehen, Gott darf dabei sogar gerne eine zentrale Rolle spielen, aber ich werde mich nicht darauf einlassen, wenn Sie sich bei Bedarf oder wenn es unangenehm wird, hinter Gott verstecken oder ihn gar gegen mich instrumentalisieren. Da hört der Spaß dann definitiv auf!«

»Das klingt aber insgesamt sehr hart!«, beschwert sich Herr Häusler abschließend. »Und ob das dem Herrn gefällt, weiß ich auch noch nicht!«

»Ja, ich weiß, das klingt hart, aber eben deshalb, weil es hart ist und weil die Alternative noch härter wäre. Und ich sage das so unverblümt, weil mir trotz der Kürze der Zeit schon etwas an Ihnen liegt und weil ich möchte, dass unsere Zusammenarbeit hier funktioniert und zwar auf einer ehrlichen Grundlage! Das müsste dem Herrn doch eigentlich gefallen?«

Sein Patient ist für Momente bewegungsunfähig und Peer weiß nicht, was als nächstes passieren wird. Vom spontanen Schlaganfall aufgrund eines geplatzten Aneurysmas2 durch Blutdruckkrise bis hin zu wütendem Rauslaufen hält er alles für möglich. Ehrlich gesagt würde es ihn nicht mal mehr wundern, wenn sich die Decke des Raumes öffnen würde, im gleißenden Licht die Hand Gottes erschiene, Herrn Häusler greifen und eine Stimme ertönen würde: »Karl, ich bin gekommen, dich zu erretten vor diesem stümperhaften und ketzerischen Therapeuten.«

Aber etwas ganz anderes passiert und Peer hätte mit allem gerechnet, aber nicht damit. Herr Häusler schaut ihn nun unverwandt mit einem Ausdruck verletzlicher Offenheit und tränenverschleiertem Blick an und sagt mit brüchiger Stimme: »Das jemandem etwas an mir liegt, das hat noch niemand im ganzen Leben zu mir gesagt …«

Jetzt weicht er Peers Blick verschämt aus und bricht in lautes Schluchzen aus.

Ehe Peer, selber ganz überwältigt, reagieren kann, ist Herr Häusler schon aufgesprungen, greift seine Jacke von der Ecke der Sessellehne, stürzt zur Zimmertür, reißt sie auf, durchquert mit wenigen Schritten den Flur zur Eingangstür und passiert auch diese, ohne sie wieder zu schließen.

Peer, der noch nicht mal bis in den Flur gefolgt ist, hört noch den Widerhall eines letzten Schluchzers aus dem Treppenhaus, bevor auch die Haustür ins Schloss fällt. Benommen steht er einen Moment auf der Schwelle des Praxiseingangs, wendet sich wieder nach drinnen, schließt die Tür und lehnt sich dagegen. Er spürt das kühlende Glas angenehm durch die Kleidung und murmelt: »Genau, Kühlung ist das, was ich jetzt brauche!«

3

»Lieber Peer, was hältst du von diesem wunderbaren Rotwein?«

Tilmann schaut seinen Freund und Kollegen erwartungsvoll an und zeigt ihm das Etikett der geöffneten Flasche. Er hat sie vor einer Stunde entkorkt, damit der Wein atmen und sein kräftiges Aroma in ganzer Fülle entfalten kann.

»Ach Tilmann, als wenn es dir ernsthaft darum ginge, was ich davon halte! Hauptsache, du hältst ihn nicht mehr zu lange, sonst verwandelt sich mein Lieblings-Corbière noch in eine lauwarme Sangria«, frotzelt Peer.

»Oh, man höre und staune!«

»Wieso?«

»Na ja, dass selbst jemand mit Abitur auf dem zweiten Bildungsweg und Extrarunde einen Corbière von Sangria unterscheiden kann? Ich komme aus dem Staunen ja gar nicht mehr raus!« Tilman befindet sich in lustvoller Erwartung der nächsten Retourkutsche.

»Ich, mein lieber Tilmann, habe mit meiner Unterscheidungsfähigkeit in der Tat keine Schwierigkeiten. Ich erinnere mich aber gerade an jemanden, der im Vollrausch Rotwein und Weißwein nicht mehr auseinanderhalten konnte«, gibt Peer mit hochgezogenen Augenbrauen und spitzem Mund zurück.

»Och, nö, nicht schon wieder diese olle Kamelle!«, stöhnt Tilmann auf. »Die hat doch wirklich einen Bart von hier bis China und ...«

»...ist aber trotzdem wahaaar!«, fällt ihm Peer triumphierend ins Wort. »Und wenn’s wahr ist, darf man es sagen, sagst du doch selber immer!«

Wenn es partout ums Rechthaben geht, weiß Tilmann, wird Peer zum Marder im Hühnerstall, der im Blutrausch trotz Sättigung nach dem Verzehr eines Federviehs noch längst nicht Halt macht. Er steht auf, um beiden ein Glas Wasser zum Wein zu stellen, aber auch, um die Gemüter zu kühlen.

»Manchmal frage ich mich, warum du eigentlich immer selektiv in alten Wunden herumstochern musst?« Tilmann zieht die rechte Augenbraue hoch und lässt seine Worte wirken. »Schließlich waren wir damals jung, hatten volles Haar, sogar du, und weder war ein Bursche vor dir sicher, noch konnte ich mich der Mädels erwehren, die mir scharenweise hinterherliefen ... Also das Positive überwog doch die Fauxpas bei weitem!«

Tilmann ist guter Dinge, Peer allmählich runterdimmen zu können.

»Du musst jetzt gar nicht vom Thema ablenken, Tilmann, denn du weißt selbst, dass alte Wunden nur durch die manchmal grausame Wahrheit geheilt werden können, vor allem die eitrigen«, doziert Peer jedoch weiter. »Also, olle Kamellen hin oder her, meine ich in der Tat unsere Feier nach dem Vordiplom, als deine Beine dir am Ende den Dienst versagten und du niveaulosester Mensch unter Gottes weitem Himmel schon aus der Flasche trinken musstest. Quelle blamage!«

Peers Wangen beginnen zu glühen. Sichtlich genießt er es, seiner sonstigen privaten Behäbigkeit zum Trotz, jetzt so richtig auf Touren zu kommen. Er fühlt sich wie ein etwas in die Jahre gekommener Dreißig-Tonner-Diesel, der mit abnehmender Bereitschaft zum Bremsen eine lange Gefällestrecke hinunter rast. Die Lust hingegen, dabei irgendwas oder irgendwen kommunikativ platt zu walzen, nimmt bedenklich zu.

Da kommt ihm Tilmann mit seinen Provokationen jetzt gerade recht.

Oh mein Gott, denkt dieser genervt. Peer dreht vollkommen durch, nur weil er ausnahmsweise mal Oberwasser hat! Seit vielen Jahren sind sie miteinander befreundet, kennen sich gegenseitig, inklusive ihrer Abgründe, seit ihrem gemeinsamen Psychologiestudium.

Tilmann versucht nun, unauffällig das Tempo rauszunehmen, in dem Peer ihm gerade auf die Pelle rückt: »Hey, gönne mir und meinen grauen Zellen bitte eine kleine Pause, damit ich in deinen lange verjährten Erzählungen aus grauer Vorzeit wenigstens nach einem Fünkchen Wahrheit suchen kann, in Ordnung?«

Er unterstreicht sein Ansinnen, indem er sein halb volles Glas erhebt, und so kann Peer nicht anders, als auch einen Moment innezuhalten und anzustoßen.

Diese Strategie eines Entlastungsangriffs scheint aufzugehen, denn Peer schwenkt den Wein und genießt mit entrücktem Blick das kräftige Bukett. Die dem ersten Schluck unmittelbar folgende Geschmacksexplosion befriedet für den Moment jede Angriffslust: ein samtiger, runder Geschmack, der an pralle Traubenfrüchte aus Italien erinnert.

Als Tilmann sich endgültig nur noch diesem himmlischen Genuss hingeben möchte und sich fast schon in Sicherheit wähnt, hebt Peer unvermittelt wieder an. Und wie an so vielen solcher Abende zuvor, bleibt das Thema Arbeit auch heute nicht aus. Wie oft hatten sie sich vorgenommen, nach Feierabend nicht über Patiententhemen zu räsonieren? Aber inzwischen hatten sie es aufgegeben, sich an ihren Vorsatz zu halten. Einer von beiden fing früher oder später immer davon an und heute fällt das Los auf Peer.

»Tilmann, wo wir hier gerade so schön sitzen, sag mal … ähm … ja also … also hast du … oder besser gesagt, weißt du … beziehungsweise was denkst du … also über … um nicht zu sagen …«

»Peer, spuck‘s einfach aus und eier nicht so rum, du machst einen ja ganz kirre!«

»Okay, tut mir leid … schwieriges Thema … oder vielleicht doch nicht …?“

»Peer!!!«

»Nun gut, hast du oder hattest du schon Erfahrungen in der Behandlung von Patienten mit religiösem Wahn?«, platzt es nun aus Peer heraus.

»Oh je, und ich dachte schon, du fragst mich, ob ich dich therapeutisch bei einer Geschlechtsumwandlung begleiten würde … und jetzt ist es doch nur religiöser Wahn, wie erstaunlich!«

»Nein, nein, das ist zwar lieb gemeint … aber nur das Wahnthema treibt mich aktuell sehr um«, ist Peer plötzlich gar nicht mehr so zu Späßen aufgelegt.

Tilmann wundert sich über den plötzlichen Ernst.

»Ja gut ... also ... und wem sag ich das, denn du weißt es eigentlich selbst«, beginnt Tilmann in mehr sachlichem Tonfall. »Wahnstörungen beziehungsweise wahnhafte Störungen, wie es ja eigentlich heißen müsste, sind generell schon recht speziell …«

»Wie jetzt, speziell …?«

»Nun warte doch ab! Ich habe mit Wahnstörungen ganz vereinzelt Erfahrungen gesammelt, aber ehrlich gesagt als ziemliche Randerscheinung. Und der religiöse Wahn wiederum ist ja etwas noch Selteneres ...«

»Ja ja ...«, erwidert Peer in abwesendem Tonfall.

Na toll, denkt Tilmann, kaum wird es ernst und geht es nicht länger darum, über mich zu lästern, hört Peer nicht mehr im Geringsten zu!

»Sag schon, warum fragst du eigentlich?«

Peer schaut betreten auf seine Finger, knibbelt an den Nägeln.

»Also gut … Ich habe vor einigen Tagen einen Artikel im Ärzteblatt über religiösen Extremismus und religiösen Wahn gelesen,« spricht Peer, aber immer noch zögerlich.

»Okay, sicher interessant, vor allem, wenn man bedenkt, was alles los ist in der Welt. Aber was ist denn jetzt dein Problem bei der Sache?«

»Ich habe mich am Ende, das mag dir jetzt überängstlich vorkommen, einfach nur gefragt, ob wir als Therapeuten in die Verantwortung genommen werden können …«

»Verantwortung wofür?«

»Na ja, falls ein Patient im Wahn eine Gewalttat verübt und sich dabei auf seinen direkten Auftrag durch Gott beruft und dann auch noch bei seiner Festnahme angibt, in psychotherapeutischer Behandlung zu sein?!«

» So überängstlich finde ich es jetzt gar nicht mal, aber vielleicht kann ich dich beruhigen. Solange dir doch nicht nachgewiesen werden kann, dass du von einer Fremdgefährdung hättest wissen müssen, kann man dich auch nicht belangen.«

»Ach so … hmmm …«, scheint Peer in sich zu gehen. »Als hätte ich das nicht irgendwann schon mal selber gewusst … vor Äonen von Jahren … also vielleicht werde ich einfach etwas tüddelig«, gibt Peer selbstironisch zurück.

»Tüddelig halte ich für übertrieben, aber etwas wunderlich trifft es schon eher.«

»Na hör mal!«

»Okay, Spaß beiseite. Wenn du dir bei einem konkreten Patienten wirklich unsicher bist, ob er im Rahmen eines ausgeprägten Wahns mit vollständigem Realitätsverlust Gewalt ausüben könnte, schließ dich doch erst mal mit dem überweisenden Arzt kurz!«

»Falls es einen überweisenden Arzt gibt!«, wendet Peer mit zweifelnder Mine ein.

»Selbst wenn nicht, haben wir doch immer noch die obligatorische Untersuchung im Rahmen des Konsiliarberichtes … Und spätestens dann gibt es doch garantiert den von dir so ersehnten Arztkontakt vor Therapiebeginn.«

»Ja aber …«, will Peer aufgeregt fortfahren.

»Nichts aber, jetzt komm mal wieder runter!«, setzt Tilmann nach.

Aber Peers Gedankenkarussell dreht sich unbeirrt weiter. »Wenn der Patient den ausstellenden Arzt kennt, es ist ja meistens der langjährige Hausarzt, dann bearbeitet der den Bericht doch auch, ohne den Patienten nochmal gesehen zu haben. Du weißt doch genau, was in den Praxen los ist, vor allem am Ende eines Quartals!«

»Aber du lieferst doch gerade selber die Lösung deines selbstkonstruierten Scheinproblems!«

»Scheinproblem? Ich habe ein selbstkonstruiertes Scheinproblem?! Du willst dich doch einfach nur nicht mit der Realität auseinandersetzen … und ...« Peer schnauft ungehalten. »Mann, was haben sie dir denn heute in den Kaffee getan? Ich meine doch nur, dass, wenn der Arzt den Patienten nicht nochmal spricht oder untersucht, weil er ihn schon lange kennt, dann weiß er doch erst recht, ob der unter einem Wahn leidet!«

»Und ich meine, du blendest all die schrecklichen Dinge aus, die da draußen passieren … in die wir, ruckzuck, auch mit reingezogen werden können … jederzeit, mein Lieber … jederzeit!« Peer erhebt dabei mahnend die rechte Hand mit in Richtung Tilmann ausgestrecktem Zeigefinger. »Weil, was ist denn, wenn der ach so langjährig bekannte Patient den Wahn erst in den letzten Monaten oder sogar Wochen entwickelt hat ... und der Arzt hat davon nichts mitbekommen?!« Peers Stimme hat nun schon einen schrillen Unterton.

Ich frag mich gerade, wer hier einen Wahn hat, denkt Tilmann, hütet sich aber, diesen Gedanken zu äußern. Er bemüht sich, ruhig zu antworten, kann aber nur schwer an sich halten. »Natürlich finde ich all das Schreckliche in der Welt gerade genauso grausam wie du. Bedenke aber, bevor du mir Realitätsverleugnung unterstellst, dass ich ein verantwortungsvoller Vater bin und mir erst recht Sorgen über die Zukunft mache!«

»Ihr Heteros mit dem ewigen Totschlagargument, mit Kindern sähe man die Welt ganz anders … Ich kann es langsam nicht mehr hören!« Peer stöhnt genervt und verdreht demonstrativ die Augen.

»Ja ja … weil du nämlich der bist, der die Wahrheit nicht hören will!«

»Du sagst also, ich habe ein gestörtes Verhältnis zur Wahrheit?«

»Sage ich ja gerade nicht! Aber mal ehrlich, wenn nämlich die Welt tatsächlich untergeht, stehst du doch mit Sven Arm in Arm in eurem malerischen Wintergarten und wirst noch begeistert ausrufen: Schau nur Sven, welch schönes Feuerwerk! Also komm mir nicht so!«

»Jetzt tu nicht so, als könnte ich einen Atompilz nicht vom Jahrmarktsfeuerwerk unterscheiden! Außerdem würden bei uns nicht nur wir, sondern auch die frisch umgetopften Orchideen, unsere aufwendigen Frisuren, meine Seidensticker-Hemden und Svens Madonna-T-Shirts im Feuersturm verglühen. So viel zum Thema, wir hätten nicht mehr zu verlieren, als unsere eigenen Leben!«

Tilmann und Peer halten inne und schauen sich angesichts eines weiteren ihrer manchmal sehr bizarren Dialoge fassungslos an. Bei dieser Art von Schlagabtäuschen wäre für Außenstehende nie ganz klar, was noch Witz oder was schon Ernst ist. Und manchmal wissen sie es selber im Eifer des Gefechts nicht mehr. Jetzt müssen sie jedenfalls unvermittelt hysterisch loslachen.

Und so löst sich wenigstens ein Teil der fast schon mit Händen zu greifenden Anspannung, die mit diesem schwierigen Thema verbunden ist.

Das ist für Peer aber noch lange nicht erledigt: »Apropos Weltuntergang, nochmal zurück bitte zu unserem hypothetisch wahnhaften Patienten.«

»Ach so, ja dann mal los ...«, ruft sich auch Tilmann wieder zur Räson.

»Stell dir vor, es ist dann auch noch jemand, der so gar nichts klischeehaft Verrücktes an sich hat, das einem direkt ins Auge springen würde. Sondern es ist ein Patient, der erst mal bieder, harmlos und sogar ausgesprochen nett rüberkommt ...«

»Ja okay, jetzt machst du mich ehrlich neugierig ...«

»Immerhin …«

»Also sprechen wir vom sprichwörtlichen Wolf im Schafspelz?«, hakt Tilmann nach.

»Genau«, legt Peer eifrig nickend nach, »der Wolf im Schafspelz, der zu allem Überfluss auch noch davon überzeugt ist, mit Gott in Verbindung zu stehen, eine Mission zu haben, und diese Mission sei, die Welt vor dem Untergang zu bewahren!«

Peer schiebt die Hände nun von außen zwischen Sitzfläche und Oberschenkel und schaukelt leicht vor und zurück. Das bedeutet immer „Alarmstufe Gelb“ bezüglich seiner inneren Anspannung.

»Da hätte sich aber jemand allerhand vorgenommen!«, witzelt Tilmann, nun aber selber auch beunruhigt. »Okay, lass uns direkt vom schlimmsten Fall ausgehen. Falls es im Endeffekt dann doch weniger heftig ausfällt, können wir uns ja immer noch freuen, oder was meinst du?«

Peer nickt zögernd, aber zustimmend und hängt wie gebannt an Tilmanns Lippen.

»Nehmen wir also an, du als Behandler stellst fest, dein Patient ist tatsächlich außerordentlich stark vom Wahn befallen. Und dazu ist er noch sehr aggressiv, wenn auch nur verbal. Und er kann seine aggressiven Impulse, was Handlungen anbetrifft, gerade noch so kontrollieren. Soweit klar?«

Tilmann fixiert Peers Blick und dessen Schaukelambitionen lassen tatsächlich etwas nach.

»So weit so gut, aber das klingt dennoch alles nach tickender Zeitbombe und nahender Katastrophe«, beginnt Peer erneut, sich hochzuschrauben.

»Hey, alter Knabe, kein Grund zur Panik! Ganz ehrlich, solange er ansprechbar ist, nicht unter totalem Realitätsverlust leidet und ich in der Therapie Erfolge sehe, bleibe ich relativ entspannt.«

»Ja schön, freut mich, dass wenigstens einer von uns entspannt bleibt!«, erwidert Peer sarkastisch. »Was ist aber, wenn der Patient immer wieder Gewaltfantasien äußert?«

Peer wirkt bei den letzten Worten fast schon verzweifelt.

»In dem Fall wird die Luft tatsächlich etwas dünner. Dann nimm doch erst recht Kontakt mit dem überweisenden Arzt auf! Der kennt doch den Patienten in der Regel schon viel länger und ein Wahn oder eine Psychose fällt ja meistens nicht von heute auf morgen einfach so vom Himmel.«

Tilmann hat argumentativ alles gegeben und fragt sich, wie seine Worte wohl wirken. Er lehnt sich zurück, schaut Peer ruhig an und kann nur vermuten, wie es hinter dessen unruhigen Augen auf Hochtouren arbeitet.

Nach Sekunden des Abwartens schaut dieser endlich auf, befreit seine etwas plattgesessenen Hände und spricht wieder mit festerer Stimme: »Ja, im Grunde hast du Recht, aber wenn ich ehrlich bin«, Peer schaut ernst und seufzt tief, »habe ich manchmal das Gefühl, unter der Last dieser Verantwortung zusammenzubrechen, selbst wenn ich weiß, was richtig ist und zu tun.«

Peer treibt also ein komplexeres und persönlicheres Problem um, welcher konkrete Fall auch immer dahinter stecken mag, denkt Tilmann für sich. Er beschließt aber, ihn heute in dieser Hinsicht nicht weiter zu bedrängen. Peer ist wirklich nicht der Typ, der sich mit noch so viel Geschick etwas aus der Nase ziehen lässt, für das er noch nicht bereit ist.

Stattdessen bleibt Tilmann auf der sachlichen Ebene: »Als Plan B, also falls du irgendwann wirklich Fremdgefährdung vermuten solltest, kannst du natürlich auch die Feuerwehr oder den sozialpsychiatrischen Dienst einschalten. Dann sollen die nämlich eine Zwangseinweisung überprüfen und du wärst diesen Teil der Verantwortung schon mal los.«

Peer bläst erleichtert die Backen auf und atmet geräuschvoll aus: »Ach ja, danke, dass du mir das wieder ins Bewusstsein gehievt hast. Jetzt geht's schon etwas besser.«

»Aber letztendlich hast du natürlich recht. Trotz allem sind und bleiben Patienten mit Wahnstörungen, ob nun religiöser Natur oder nicht, schwierig zu behandeln. Das Aufreibende daran ist, du kannst erst wirklich an der Symptomatik arbeiten, wenn der Patient erkannt hat, dass er unter einem Wahn leidet«, denkt Tilmann laut weiter. »Und das kann dauern oder passiert vielleicht nie, wenn man Pech hat. Und die Angst, was bis dahin alles passieren kann, lässt einen irgendwie nicht los.«

4

»Ich halte es nicht mehr aus mit dir!«, schreit Marianne, mit hochrotem Kopf und sichtbar stark pulsierender Halsschlagader, ihren Mann an.

»Weil du einfach überhaupt keine Ahnung von dem hast, was sich da draußen abspielt!«, brüllt Karl zurück. Hektisch wischt er sich einige wirre Haarsträhnen aus dem verschwitzten Gesicht.

Seit mehr als einer Stunde streiten sie jetzt heftig und lautstark nach einem Tag, der auch so schon voller Spannungen war. Immer wieder hatten sie sich wegen Kleinigkeiten angeblafft, konnten aber die endgültige Eskalation noch abwenden. Sie hatten sich geschworen, nie vor ihren Kindern zu streiten, um die nicht unnötig in ihre Eheprobleme hineinzuziehen. Ihre Kinder sollten niemals das erleben, was sie selbst in ihrer Kindheit und Jugend hatten durchmachen müssen.

Marianne kommt ursprünglich vom Land. Ihre Eltern hatten damals einen kleinen Bauernhof mit Viehzucht und Ackerbau. Der Erwerb aus der Landwirtschaft konnte die vierköpfige Familie gerade so ernähren, von Wohlstand konnte allerdings keine Rede sein. Zu allem Überfluss trug ihr Vater den schwer verdienten, kargen Gewinn in die Dorfkneipe. Zusätzlich zu dessen Alkoholismus, der regelmäßig Auslöser für Streit war, unterstellte Mariannes Mutter ihrem Mann, er hätte ein Verhältnis mit der Kneipenwirtin. Besonders laut wurde es aber, wenn die Mutter versuchte, mit dem Vater über die Zukunft des Betriebes zu diskutieren. Sie befand sich nämlich im Zustand andauernder Verzweiflung, da sie die Herrin der Zahlen, also der Buchführung, war und sah, dass es so nicht weitergehen konnte.

»Mach doch endlich die Augen auf, sonst gehen wir direkt in die Pleite!« und »Rede endlich mit mir!« sowie »Dann denk doch wenigstens an die Kinder!« waren ihre häufigsten und eindringlichsten Sätze.

Mariannes Vater hingegen, Typ verschrobener Bauer, wie sie rückblickend abfällig bemerkte, ließ in seiner Starrköpfigkeit nicht mit sich reden. Er ging seinen gewohnten Gang in nervtötender, stoischer Ruhe weiter. Seine entsprechenden, gebetsmühlenartigen Antworten lauteten »Ich weiß gar nicht, was du hast?« und »Diskutier nicht mit mir!« sowie »Du bist doch einfach nur hysterisch!« So ließ er Mariannes Mutter in schöner Regelmäßigkeit auflaufen. Aber an einem ganz speziellen seiner sogenannten blauen Tage ging ihr Vater weiter als sonst, viel weiter. In seinem Suff tönte er, breitbeinig auf den speckigen Polstern der Eckbank sitzend, höhnisch zurück: »Ich hab's doch wie immer voll im Griff, aber du kapierst es nicht, weil du ja sogar zum Scheißen zu doof bist! Kannst dich direkt zu unseren durchgeknallten Kühen in die Reihe stellen, passt schon mit deinen fetten Euterhängetitten!«

Das saß. Mariannes Mutter lief rot an, stand, bebend vor Zorn, da, konnte aber zur diebischen Freude des Vaters zunächst nichts erwidern. Heute konnte er endlich gewinnen, hoffte er und holte zum vermeintlich entscheidenden Schlag aus. Mit glasigem Blick und mehr lallspuckend als geordnet sprechend rief er mit heiserer Stimme: »Und deine feine Tochter kannst du direkt mitnehmen, die ist nämlich auch nichts besser als du!«

In diesem Moment konnte Mariannes Mutter nicht mehr an sich halten und rastete aus. Für sich selbst konnte sie vielleicht nicht so gut einstehen, aber wenn es um ihre Kinder ging, wurde sie zum Raubtier. Sie schrie, nein, sie brüllte ihren Mann so laut an, dass die Katzen auf der Diele ängstlich auseinanderstoben und der räudige Hund sich verstört hinter einem Stapel Heuballen verkroch. Sogar die Hühner draußen flogen erschrocken auf und suchten Schutz im Gestrüpp an der alten Umgrenzungsmauer aus Sandstein.

Die Kinder, Marianne, damals neun Jahre alt, und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Thomas, flüchteten sich in den Schutz des Dämmerlichtes im großen Flur. Sie kauerten in der Nische zwischen großem Eichenschrank und kalter Wand. Die beiden hielten sich, eng umschlungen, aneinander fest. Ihr kleiner Bruder sagte mit brüchiger Stimme und Tränen in den Augen: »Der Sturm bricht los. Rette sich wer kann.«

Es war beileibe nicht der erste Sturm dieser Art, wenn auch einer der heftigeren, und es sollte nicht der letzte gewesen sein. Marianne war im Laufe ihrer Jugend innerlich immer mehr zerrissen und zermürbt angesichts der ewigen Anfeindungen zwischen ihren Eltern, aber auch der Demütigungen von Seiten des Vaters.

Sie wollte raus aus allem, aber sie konnte einfach nicht und sie wollte ihren jüngeren Bruder nicht alleine und diesem andauernden Albtraum ausgesetzt zurücklassen.

Aber schließlich kam eine Zeit, über die sie später nur ungerne sprach, in der es auf dem Hof besonders schlimm zuging. Die Alkoholexzesse ihres Vaters erreichten ihren Höhepunkt und Ihre Mutter traf, nicht zuletzt auf Druck des Jugendamtes, die schmerzhafteste Entscheidung ihres Lebens. Sie gab Marianne, als diese dreizehn war, für letztlich drei Jahre in ein Kinderheim. Und dieser Aufenthalt hatte tiefe und beileibe nicht nur positive Spuren bei ihr hinterlassen, sondern zusätzlich und, paradoxerweise, ein quälend schlechtes Gewissen dem Bruder gegenüber.

Obwohl Thomas bei der Mutter blieb, die sich hatte scheiden lassen, vom Hof weggegangen war und ihren Sohn mehr schlecht als recht alleine erzog, war bei Marianne ein schlechtes Gewissen zurückgeblieben, so als habe sie ihn alleine gelassen.

Was sie die Zeit im Heim allerdings ertragen ließ, war, dass sie ihre erste und große Liebe Markus kennenlernte. Diese Beziehung dauerte zwei Jahre und endete tragisch, prägte sie aber bis heute in vielerlei Hinsicht. Manches davon ließ sie ihr näheres Umfeld, wie auch später Karl, wissen, manches hingegen behielt sie eisern für sich.

Mit sechzehn jedenfalls stellte sie sich auf die eigenen Beine, machte nach ihrem Hauptschulabschluss eine Lehre zur Schneiderin und damit im wahrsten Sinne des Wortes auch einen Schnitt zu ihrer Vergangenheit.

Zwei eiserne Vorsätze, die Marianne die Zeit bis dahin moralisch und emotional überleben ließen, hatte sie gefasst. Niemals würde sie sich, so wie ihre Mutter, von einem Mann abhängig machen. Und nie würde sie, in einer ganz sicher besseren Zukunft, vor den eigenen Kindern streiten, komme, was da wolle. Sie schwor sich mehr als einmal, später das pure Kontrastprogramm zu ihrer Vergangenheit zu leben. Dieses würde sie mit Selbstschussanlagen und Nato-Draht zu sichern wissen und dann wie auf einem weißen Blatt Papier ein neues Leben anfangen.

Am heutigen späten Sonntagvormittag, Sarah und David haben sich zum Spielen zurückgezogen und vorsichtshalber schon auf Durchzug gestellt, droht also Sturm im Familienparadies.

Nachdem sie bereits morgens um sechs Uhr mit Mann, Kindern und knirschenden Zähnen in die Frühmesse musste, will Karl jetzt, um elf, schon wieder zur Kirche. Und, wie könnte es anders sein, insistiert er, alle müssten nochmal mit.

Sie ist schon so weit, Sarah zu motivieren, mitzugehen, damit Ruhe einkehrt. Denn Marianne beobachtet, zunehmend skeptisch, dass Sarah dem ganzen Brimborium sogar etwas abzugewinnen scheint. Dieser Glanz in den Augen ihrer Tochter, wenn sie zum Heiligen Abendmahl schreiten, gefällt ihr gar nicht. Marianne beobachtet das scharf aus den Augenwinkeln. In ihrer Jugend trug sie, nicht ohne Stolz, den Spitznamen Adlerauge. Aber schaut sie ihre Tochter heute in diesen Situationen direkt an, blickt Sarah augenblicklich mürrisch drein. Dieses kleine, falsche Biest, denkt Marianne dann für sich. Falls Sarah sich einbilden sollte, die eigene Mutter merke das nicht, dann hat die sich aber geschnitten!

Aber jetzt wäre es ihr sogar recht, Sarah ginge mit ihrem Vater. Von einem Mal mehr wird sie schon nicht, wie Karl, zu einer verlorenen Seele werden, beruhigt Marianne ihre aufwallenden Ambivalenzen.

Aber sie hat die Rechnung ohne Karl gemacht.

»Marianne«, erwidert er eindringlich, fast flehentlich, »so kannst du doch den Herrn nicht abspeisen!«

»Abspeisen? Sag mal, wer hat dir denn ins Gehirn gesch …«, will sie gerade Fahrt aufnehmen.

»Marianne, du lässt dich schon wieder gehen!«, fällt Karl ihr ins Wort und setzt nach: »Und wie oft habe ich dir zu erklären versucht, dass von der Konstellation her asymmetrisch besuchte Messen innerhalb eines Tages schon der verheerende Anfang vom Ende sein können. Also alle oder keiner!« Karl reckt Marianne herausfordernd sein Kinn entgegen.

»Ja dann eben jetzt keiner! Du machst dich doch eh nur wichtig!« »Ich halt's nicht aus. Herr, gib mir die Geduld mit diesem im Geiste unverständigen, aber nicht eigentlich bösartigen Weib, auf das auch sie auf den rechten Weg …«

»Karl«, braust Marianne, erstmals heftiger, auf, »rede nicht wieder so, als ob ich geistig minderbemittelt bin und du der Retter der Welt wärst!« Ein letztes Mal versucht sie, sich zusammenzureißen und an die Vernunft ihres Mannes zu appellieren: »Also, wenn die Welt tatsächlich untergehen würde, weil irgendwelche streng gläubigen Menschen irgendwo auf der Welt, du bist ja nicht der Einzige, asymmetrisch die Messen besuchen, wäre der beschissene Erdball schon Millionen Male explodiert oder implodiert oder was auch immer!«

Karl hält einen Moment inne und fast wirkt es, als gebe es einen mutigen Aufstand der Rationalität in seinem Frontalhirn, bis seine Pupillen sich wieder schlagartig weiten. Mit verklärtselbstgewissem Blick schaut er ins Nirgendwo, an Marianne vorbei.

»Karl, du treibst nicht nur mich in den Wahnsinn, du bist es doch selbst! Du machst mir Angst!«

Zeternd steht sie vor Karl, der wiederum so ruhig bleibt, wie das dicke Zopfmuster auf der dunkelgrauen Strickjacke, die er nur zu den Messen anzieht.

»Aber ganz im Gegenteil, du musstest dir noch nie so wenig Sorgen um mich oder dich oder die Kinder machen wie heute! Ich möchte dir aus deiner Verblendung heraushelfen, damit auch du das Licht des Herrn schauen kannst! Denn siehe, wie man sogar in der Chaostheorie nachlesen kann, und so die Wissenschaft sich am Ende auch dem Glauben unterwirft, auch wenn sie es nie zugeben würde, kann der Flügelschlag eines Schmetterlings auf der einen Seite des überhaupt nicht beschissenen Erdballs, gepriesen sei die Schöpfung, einen vernichtenden Sturm auf der anderen Seite entfesseln! Und wenn das so ist, kann erst recht die sündige Verfehlung eines asymmetrischen Besuchs von Messen den Untergang der Welt herbeiführen, vor allem, wenn es um einen Ausgewählten geht! Das wirkt dann, wie soll ich es dir erklären, einem Verstärker gleich. Und mit Verstärkern kenne ich mich aus, wie du weißt. Und wenn der Auserwählte, von denen es sicher mehrere und ganz verschiedene gibt, nicht nur einem kleinen Transformatorhäuschen auf dem Land entspricht, sondern einem großen und zentralen Umspannwerk, und das habe ich mir ja nicht ausgesucht, dann hat ein Fehler bei ihm natürlich viel größere Auswirkungen und dann kann das ganze Netz zusammenbrechen, und am Ende die Ordnung der gesamten Zivilisation, nicht nur die materielle, auch die geistige! Jetzt leuchtet dir sicher ein, warum wir nochmal zur Messe müssen und es in Zukunft bitte nicht mehr jedes Mal zu diskutieren brauchen!«

Marianne wird jetzt nicht nur vom Inhalt der Gedanken ihres Mannes übel, es ist besonders diese singsangartige Melodie, die arrogante Betonung und die altmodische Sprachwahl, mit der Karl sich unnahbar macht, sich ihr entzieht und sie in Ohnmacht stürzen lässt. Da tun sich mit Macht die Abgründe ihrer Vergangenheit auf und auch sie hört die Stimme des Herrn, aber nicht die eines Gottes, sondern die ihres alten Herrn, ihres Vaters. Augenblicklich gerät ihr ganzer Körper in Aufruhr, rast der Puls, muss sie sich fast übergeben, schwitzt und bebt sie, während sie fassungslos ihren Mann anstarrt, der weiterhin milde vor sich hinlächelt.

Mit Macht kommt ein Impuls über sie, mehr einem Instinkt als einem vernünftigen Plan gleich, wie sie noch zu ihm durchdringen und ihren eigenen, unerträglichen Zustand beenden kann. Sie muss zur Brechstange puren, ungezügelten Zorns greifen!

»Du und dein beschissener Glaube machen mich noch völlig verrückt!«, platzt es aus ihr heraus.

»Aber Marianne, du weißt doch, wer laut wird hat Unrecht …«, beschwichtigt Karl vordergründig, weiß aber in der Tiefe seines passiv-aggressiven Herzens, dass er seine Frau so garantiert noch mehr in Rage bringt.

Was natürlich, wie sollte es anders sein, auch prompt passiert.

»Ich hasse es sowieso, wenn du so widerlich salbungsvoll daher quatschst! Überhaupt die ganze Zeit dieser total verlogene Scheiß mit Kirche und heiliger Messe! Und jetzt bist du zu allem Überfluss nicht nur ein Auserwählter, sondern eines der zentralen, spirituellen Umspannwerke im Universum? Was bist du als nächstes? Die rechte Hand Gottes? Gott selber?«

Aus „Sturm Marianne“ droht „Orkan Marianne“ zu werden. Und wenn der losbräche, das weiß auch Karl, würde alles, was sich ihm in den Weg stellte, auf die eine oder andere Art platt gemacht werden.

Dennoch verspürt er eine seltsame Versuchung, diese Naturgewalt auf der anderen Seite endgültig loszutreten.

»Du willst es einfach nicht verstehen, nein, du kannst es dir mit deinem Spatzenhirn auch nicht im Entferntesten vorstellen, welche Bedeutung das alles hat, welchen Einfluss meine Gebete haben! Im Gegenteil, anstatt froh und dankbar zu sein, an der Seite des Mannes leben zu dürfen, der maßgeblich alles mit im Lot hält, machst du mir Vorwürfe und willst nicht mal deinen geringen Anteil leisten, mit dem du mich unterstützen könntest.«

Karl hält dem jetzt laserstrahlartigen Blick seiner vor Zorn bebenden Frau gefasst und herausfordernd lächelnd stand.

Und wieder ist es diese kühle Arroganz ihres Mannes, die jetzt auch die letzte Fessel ihrer guten Vorsätze sprengt. Lautstark bricht aus ihr heraus, was sie um der Kinder Willen bis vor zehn Sekunden noch zurückzuhalten versucht hatte: »Du willst mir, die ich wahrlich viel im Leben durchgemacht habe an Verlogenheit, erzählen, ich soll auf das hören und das glauben, was diese Schmierlappen im Namen Gottes von ihren goldenen Kanzeln verkünden? Im Namen eines Gottes, der mir noch nie geholfen hat und der noch nie irgendwem geholfen hat? Und falls er jemals, jemals, versucht haben sollte zu helfen, hatte er eine sehr merkwürdige Art, das zu zeigen, dein toller Gott. Nee Karl, es tut mir furchtbar leid, aber die Kirche ist in meinen Augen kein Stück besser als alle anderen Sekten auch und ihre größte Stärke ist es, Menschen wie dich nach Strich und Faden zu verarschen! Mit Erfolg, das muss man ihnen lassen, aber vor allem, weil Menschen wie du verarscht werden wollen. Ihr seid wie treudoofe Junkies, die jeden Sonntag in die Kirche rennen, um sich den nächsten Schuss von ihrem Dealer zu erbetteln. Mehr nicht!«

Marianne presst ihre letzten Worte laut und verachtend mit heiserer Stimme und sichtlich geschwollenem Hals mehr heraus, als dass sie noch geordnet spräche. Körperlich ist sie auf Hochspannung, wippt in ihren Hausschuhen unmerklich auf den Fußballen, wie ein erregter Olympiasprinter, der den Startschuss nicht abwarten kann.

Mit tiefer Genugtuung nimmt sie wahr, dass es jetzt die Gesichtszüge des vor ihr sitzenden Karls sind, die für einen entscheidenden Moment entgleisen. Sie weiß, dass sie ihn ins Mark getroffen hat, wie selten zuvor. Vor ihrem geistigen Auge, in ihrer überbordenden Fantasiewelt, die sie mit niemandem je geteilt hat, bläst ein Reiter das Jagdhorn und verkündet nach blutiger und schweißtreibender Hetzjagd, der äußerst wehrhafte Keiler sei erlegt.

Als sie jedoch die erhobene Lanze auf das sterbende, schlammverkrustete und am Boden liegende Tier richtet, bäumt sich dieses blitzschnell vor den entsetzten Augen der umstehenden Jägerschaft auf. Es rast wütend direkt auf Reiterin Marianne los, hat nichts mehr zu verlieren. Ihre geworfene Lanze streift aber noch schmerzhaft schlitzend seinen Hinterschinken.

»Karl, du hältst dich für so toll und überlegen, dabei bist du das ärmste Würstchen, das ich …«, aber der Keiler hakt im Sprung einen unteren Stoßzahn, der besonders gekrümmt aus seinem geifernden Maul ragt, hinter ihre ungeschützte Achillessehne. Diese dehnt sich zwar gefährlich und das umliegende Gewebe reißt in alle Richtungen, hält aber, so dass die fassungslose und vor Schmerz besinnungslos zu werden drohende Reiterin, den Gesetzen der Masse gehorchend, vom Pferd gerissen wird und hart aufschlägt.

»Marianne, du bist und bleibst die gnadenlos und unbeschreiblich dumme Bäuerin, die du immer warst und jeder weiß es, außer dir bornierter Kuh, da du sogar zu dumm bist, um deine himmelschreiende Dummheit zu erkennen!«

Doch die Hand der Reiterin krallt sich entschlossen im Wegschleifen um eine Baumwurzel und ihre Achillessehne reißt mit einem knallartigen Geräusch. Der zur Lichtung strebende Keiler, dort will er seine Todfeindin lustvoll zerfetzen, überschlägt sich und bleibt schreckstarr einen Moment liegen.

»Karl, ich mag ja durchaus eine Spätzünderin sein, dafür bin ich aber im Gegensatz zu dir nicht dem Wahnsinn verfallen und erkenne die billigen Lügen deiner dämlichen Pfaffen, hinter deren Rockschößen du verblendet herrennst, weil du ansonsten kein Rückgrat hast, du charakterloser…«

Der Keiler berappelt sich ein letztes Mal und rast in einem Wirbel aus Tannennadeln und Erdbrocken auf die scheinbar hilflos auf dem Rücken liegende Reiterin zu, will sie gleich hier und jetzt erledigen, ist schon bei und fast über ihr.

»Hätte dich dein ansonsten nutzloser, saufender Vater doch einfach im Tümpel hinter dem Hof ertränkt, als du noch nicht zu fett und maschinenartig warst, das hätte mir und der Welt einiges an Leid …«

Doch die Reiterin reißt ein gezacktes Jagdmesser aus seiner Scheide und rammt es dem sich mit Wucht auf sie wälzenden Keiler bis zum Schaft in die ungeschützte Flanke.

»Und hätte dich doch der ach so heilige Weihbischof direkt erwürgt, nachdem er dem unschuldigen süßen Ministranten Karl eh gerade das Maul gestopft hatte …«

»Marianne, wie verzweifelt musst du dämlichstes Wesen unter der Sonne eigentlich sein, um jetzt auch noch mit perfiden, gotteslästerlichen Behauptungen um die Ecke zu kommen?«, ringt Karl um Fassung, während ihm der kalte Schweiß ausbricht und sich plötzlich sein Hals zuschnürt.

»Lügen? Oder einfach nur die grausame Wahrheit, die der arme geschundene Karl immer wieder in seinen lebhaften Träumen rausposaunt, wenn er mal seine geschätzte Kontrolle so gänzlich verliert! Ich bin vielleicht nicht hochbegabt, aber hören kann ich immer noch ganz gut …!«

Während der Keiler versucht, seine Feindin mit seiner puren Körpermasse zu ersticken, hoffnungsfroh hört er ein erstes Krachen einer ihrer Rippen, dreht sie mit letzter Kraft das Messer in seiner Flanke. Wenn sie hier und jetzt sterben müsste, würde sie nicht alleine sterben.

Karl holt zum letzten Verzweiflungsschlag aus und ihm ist klar, dass selbiger sitzen muss, will er jetzt nicht endgültig untergehen: »Natürlich lügst du!«, schleudert er seiner Frau entgegen, erhebt sich aus dem Sessel und kommt der ihrerseits verdutzten Marianne ungewöhnlich nahe. Ehe sie sich versieht, greift er mit Daumen und Zeigefinger seiner zitternden rechten Hand nach einem Röllchen ihres Doppelkinns, kneift hinein und zieht daran. »Aber wie soll aus einem derart hässlichen Mund auch etwas so Reines und Schönes wie die Wahrheit kommen?«

»Du Arschloch!«, vergisst sich Marianne endgültig, holt mit ihrer Rechten aus.

Instinktiv kann Karl den Schlag noch abwehren, packt den Unterarm seiner Frau fest.

Die wird noch wütender und schlägt ihm stattdessen die geballte, aber schwächere Linke ins Gesicht. Die trifft irgendwo, schwungvoll genug, zwischen Jochbein und Oberkiefer. Karls Brille wirbelt durch die Luft.

Regungslosigkeit.

Das hätte er seiner Frau nicht zugetraut. Fassungslos streicht Karl, den Kopf hängen lassend, mit der Hand über die vor Schmerz brennende, rechte Gesichtshälfte.

»Aber Jesus sagt: `Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dann halte auch die linke hin´ …!« Mit herausforderndem Blick wendet er sich wieder seiner Frau zu und reckt ihr die linke Gesichtshälfte entgegen.

Stille.

»Also – schlag zu!«

Marianne steht wie zur Salzsäule erstarrt da. Hat sie gerade wirklich ihren eigenen Mann geschlagen? Sie, die zuvor noch keinem Menschen Gewalt angetan hat? Zugleich ist es, nach dieser unglaublichen Beleidigung, eine richtige Befreiung und Genugtuung für sie.

Keiler und Reiterin, beide schwerstens verwundet, liegen knäuelartig ineinander verschränkt und niemand aus der hilflosen, nun hinzu geeilten Reiterschaft könnte beurteilen, ob da irgendwo unter Schlamm und Blut noch Leben ist.

Was Karl und Marianne, die sich jetzt schweigend und benommen voneinander abwenden, nicht mitbekommen haben: Ihre Kinder, Sarah und David, stehen still weinend im Flur. Durch den Spalt der nur angelehnten Tür zum Wohnzimmer haben sie, starr vor Schock, dieses Drama gesehen und gehört. Sie haben vielleicht nicht alles verstanden, aber in diesem Moment sind zwei kleine Welten untergegangen.

5

»Ach, meine verehrte Frau Krögerschmidt, wie lange sind Sie jetzt bei mir in Behandlung?«, fragt Tilmann seine, in Lebensjahren gesehen, älteste und ihm sehr am Herzen liegende Patientin. Er konnte schon immer gut mit älteren Damen umgehen. Und meistens beruhte diese unausgesprochene Sympathie, ohne dass er es sich hätte erklären können, auf Gegenseitigkeit.

»Ich kann es Ihnen gar nicht genau sagen, aber es sind schon einige Monate, so circa ein halbes Jahr«, sinniert sie etwas in sich gekehrt, »wovon wir allerdings die Urlaubswochen abziehen müssen«, setzt sie in wesentlich bestimmterem Tonfall fort.

Tilmann ist erleichtert, Frau Krögerschmidt wach und innerlich aufgeräumt wirkend zu erleben. Das war nicht immer selbstverständlich.

»Ach ja, Ihre wundervollen Wochen auf Mallorca in dieser, das soll nicht neidisch klingen, herrlichen Finca. Dort ging es Ihnen bestimmt wieder durchweg gut, will ich doch hoffen?« Tilmann weiß, Frau Krögerschmidt mag seine leicht spitzbübische Art und er muss sich dafür auch nicht verstellen. Tilmann ist spitzbübisch durch und durch.

»Ja und nein«, windet sie sich wieder nachdenklicher. »Ja, weil dort geht es mir deutlich besser als in Deutschland, keine Frage, vor allem meine Gemütslage ist dort viel stabiler, auch richtig. Und nein, weil mir aber meine Freundin auf Mallorca immer wieder ganz enorm fehlt, denn gerade da konnten wir ganz unbeschwert leben.«

Ihr Blick ist von Trauer umflort und geht durch Tilmann hindurch.

Er schweigt.

»Dort fühlten wir uns nicht kontrolliert, mussten keinen gesellschaftlichen Zwängen, Vorstellungen und Klischees entsprechen, konnten einfach unsere Liebe ausleben, verstehen Sie?«, ist sie jetzt wieder aufgewühlter. Die Augen seiner Patientin fixieren die seinen fragend.

»Insbesondere ich …«, drängt es sie, direkt fortzusetzen, bricht dann aber in resignierendem Tonfall ab.

Tilmann ist berührt, wie immer, wenn Frau Krögerschmidt von ihren Schicksalsschlägen erzählt und für Momente ihre sonst gewohnte Fassung verliert. Dennoch möchte er sie sich nicht ganz in ihren Emotionen verlieren lassen.

»Frau Krögerschmidt, ich nehme in diesem Moment einerseits sehr viel Trauer und Schmerz wahr …«

Frau Krögerschmidt nickt verhalten, aber zustimmend, während sich ihr für Millisekunden Bilder der verstorbenen Freundin aufdrängen.

»Aber etwas anderes fällt mir noch auf, und vielleicht gibt es einen Zusammenhang zu Aspekten, die wir schon besprochen haben«, fährt Tilmann fort.

»Was denn, Herr Braun?«, ist sie ihrerseits nun ehrlich neugierig und schüttelt die Bilder durch kaum sichtbare Kopfbewegungen weg.

»Also, ich denke gerade, vielleicht gilt für Ihr Lebensgefühl heute etwas Ähnliches wie damals?«

»Ich bin nicht sicher, ob ich Sie vollkommen verstehe?«

»Ich denke über den gesellschaftlichen Druck nach im Zusammenhang mit der Sehnsucht nach Ihrer Freundin.«

»Aha?«

»Je mehr Sie sich auch heute noch den gesellschaftlichen Verpflichtungen verschrieben fühlen, selbst wenn eine Liberalisierung stattgefunden hat, desto stärker empfinden Sie die Depression und umso größer ist die Sehnsucht nach Ihrer Freundin. Was denken Sie über meine halsbrecherische Hypothese?«

Durch Verhaltensanalysen3 hatte Tilmann in den letzten Monaten mit seiner Patientin herausgearbeitet, was ihre Depression in der Gegenwart aufrechterhielt oder gar verstärkte, aber auch, was ihre Symptome linderte. Beiden war aufgefallen, dass alleine der Aspekt des Lebensumfeldes einen entscheidenden Einfluss auf Frau Krögerschmidts Stimmungslage hatte. Deshalb liebt Tilmann seine Verhaltensanalysen auch so sehr, selbst wenn die Bezeichnung eher den Charme von Begriffen wie Kurbelwelle, schnellbindender Zement oder Versorgungsausgleichgesetz versprüht. Mit ihrer Hilfe kann er sogenannte Mikrosituationen auf allen Erlebensebenen einer Patientin in ihrer Symptomatik erfassen. Tilmanns Motto lautet: Ein Therapeut ohne Verhaltensanalyse ist so exakt wie ein Biologe ohne Mikroskop.

»Dann wäre also nicht nur die Sonne Spaniens und die gute Luft auf der Finca gut für mich, sondern unbewusst auch das gesellschaftliche Umfeld, auch wenn Sie lieber von Konditionierung sprechen, Herr Braun?«

Jetzt ist es Frau Krögerschmidt mit ihrem hintergründig- trockenen Humor, die Tilmann zuzwinkert.

»Sie haben doch, wie Sie wissen, Narrenfreiheit bei mir und dürfen auch unbewusst sagen. Aber im Ernst, es war doch erklärungsbedürftig, dass der Depressionstest zwar bestätigte, dass Ihr Leidensdruck erheblich nachgelassen hatte, aber immer noch eine nicht unerhebliche Restsymptomatik bestand und besteht?«

Frau Krögerschmidt windet sich förmlich in ihrem Sessel, wippt nervös mit dem Fuß des rechten Beines, welches sie über das linke geschlagen hat, seufzt.

»Ach, Herr Braun, wenn bei einer alten Frau wie mir Reste von Depressionen bleiben, geht davon sicher die Welt nicht unter. Wen interessiert das schon?«

»Jetzt bin ich aber ehrlich schockiert!«, empört sich Tilmann ernsthaft. »Trotz all ihrer Fortschritte in der Therapie haben Sie immer wieder schlechte Phasen. Ihre Depression meldet sich zurück, klopft bei Ihnen an und freundlich wie Sie sind, bitten Sie sie auch noch herein!«

Zu Frau Krögerschmidt hatte Tilmann von Anfang an eine besondere Beziehung. Er „darf“, trotz ihres erheblichen Leidensdrucks, eigentlich immer wieder auch humorvoll mit ihr umgehen, ohne dass sich Frau Krögerschmidt gekränkt fühlt.

Nur heute geht die gewohnte Leichtigkeit zwischen ihnen irgendwie verloren, denkt Tilmann beunruhigt. Oder besser, irgendetwas Dunkles grätscht subtil dazwischen.

Er wird umgehend in seiner Sorge bestätigt.

Herausfordernd schaut sie Tilmann an. »Aber Herr Braun, jetzt bin ich doch etwas pikiert! Das klingt ja direkt vorwurfsvoll?«

Der wiederum hält dem Blick stand, ist aber verunsichert. Alles ist anders als sonst, und zwar in einer Weise, die er nicht greifen kann. Und Tilmann mag keine Situationen, die er nicht greifen kann.

»Das soll um Gottes Willen kein Vorwurf sein! Im Gegenteil werde ich den Verdacht nicht los, Sie fühlen sich vor allem machtlos gegenüber dem gesellschaftlichen Druck hier in Deutschland. Dann wäre eher das Gefühl der Hilflosigkeit dieser Situation gegenüber der Motor Ihrer Depression, oder?«

Seine Patientin im Sessel gegenüber entspannt sich zu Tilmanns Erleichterung wieder etwas. »So kann ich das schon eher annehmen«, entgegnet sie in versöhnlicherem Ton. »Nur der Vorwurf, der dann wohl kein Vorwurf war, hatte mich doch etwas geärgert!«

Tilmann setzt jetzt alles auf eine Karte. Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist, sagt er sich: »Der einzige Vorwurf wäre, wenn Sie es überhaupt so nennen wollen, der, dass Sie dem gesellschaftlichen Druck gegenüber vorzeitig … wie soll ich sagen … aufgeben und resignieren?«

Ein langer und ernster, aus zu Schlitzen verengten Augen trifft ihn von der anderen Seite. Frau Krögerschmidt hält den Atem an und Tilmann kann nichts tun, außer zu warten.

Eine gefühlte Ewigkeit später regt sie sich.

»Herr Braun, ja, vielleicht haben Sie recht, wenn Sie anmerken, dass es mir schwer fällt, mit dem Druck und den an mich gestellten Erwartungen umzugehen. Und vielleicht tue mich nach wie vor schwer damit, meine ureigenen Bedürfnisse auszuleben, mein Leben noch aktiver zu gestalten.«

»Ja, ein bisschen kommt es mir bei Ihnen noch so vor. Aber vielleicht nehmen wir das eher als Herausforderung und nicht als Grund zum Resignieren?«

Tilmann wartet ab und hofft, dass seine Worte auf fruchtbaren Boden fallen.

»Danke, dass Sie mich nicht für einen hoffnungslosen Fall halten, aber wie stellen Sie sich das unter den hiesigen Bedingungen vor?«

Tilmann ahnt, dass jetzt vielleicht seine Chance gekommen ist.

»Frau Krögerschmidt, auch in Deutschland, hier zu Hause, könnten Sie bedürfnisgerechte Dinge unternehmen ohne andere zu enttäuschen. Sie können auch hier wirklich nette Menschen treffen! Und Sie müssen dabei ja nicht mal jeder Einladung folgen!«

»Na ja, wenn Sie das so sagen mit dem müssen, muss ich wahrscheinlich mal wieder nichts. Sie wollen mich mal wieder dazu bringen, mehr nein zu sagen, nicht wahr?« Mit einer amüsiert hochgezogenen Augenbraue blickt sie herüber.

»Ich? Wer wäre ich, mir das anzumaßen?«

Willkommen beim edlen Wettstreit der Ritter der Ironie, denkt Tilmann, nun selber angenehm belustigt, aber vor allem erleichtert. Er möchte aber den Ernst der Sache wieder mehr in den Fokus nehmen.

»Und hatten wir nicht noch eine vielleicht etwas banal anmutende Liste mit angenehmen Dingen als Abwehrschild gegen die hinterhältige Depression erstellt?«

Tilmann greift nach seinem Notebook und tut so, als wenn er sich gegen Angreifer zur Wehr setzen muss. »Darf ich überhaupt so respektlos über Ihre Depression reden?«

»Ja schon …«, entgegnet Frau Krögerschmidt zögerlich. Sie versucht tapfer zu lächeln, wendet aber ihren Blick ab und schaut zu Boden.

Eine längere Pause tritt ein. Und es bestätigt sich, dass doch nicht alles Gold ist, was hier heute zwischendurch mal glänzt, denkt Tilmann bedrückt.

»Die Stille sagt mir, dass Sie mit sich selbst im Gespräch sind?«

Langsam hebt Frau Krögerschmidt wieder ihren Blick. Erschreckend glasig sind ihre Augen geworden, denkt Tilmann.

»Herr Braun, Sie wissen, ich komme sehr gerne zu Ihnen. Und Ich sehe auch die Fortschritte in unserer Behandlung, keine Frage. Aber ich muss Ihnen auch sagen, dass mir durch unsere Gespräche immer klarer wird, wie sehr mir meine geliebte Freundin fehlt.«

Pause.

Tilmann weiß, setzt er jetzt zu schnell nach, wird er wieder einen scheinbar paradoxen Abwehrreflex provozieren. Denn bei aller Liebenswürdigkeit dieser Patientin, hat diese zugleich ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Autonomie. Das hatte er zu Beginn der Behandlung etwas unterschätzt, aber bald herausgefunden: Es gab eine klare Grenze bei Frau Krögerschmidt bezüglich der Annahme von noch so gut gemeinten Ratschlägen. Einige Male hatte sie ihm bis dahin vor den Bug schießen müssen.

Zugleich eindringlich und tief traurig schaut sie ihn weiter unvermittelt an.

»Ich kann und will sie nicht ersetzen. Doch manche Erkenntnisse im Leben kommen einem einfach zu spät. Damit muss ich heute leben, so schwer es mir fällt.«

Tilmann beschleicht ein bedrückendes Gefühl nach der Sitzung mit Frau Krögerschmidt. Sie ist gegangen und er hat das Gefühl, etwas Bedeutendes nicht angesprochen zu haben. Eine nagende Ungewissheit bemächtigt sich seiner.

Jetzt, vor seiner Espressomaschine stehend, fällt es ihm wie Schuppen von den Augen. Er befürchtet schlicht und ergreifend, seine Patientin könnte suizidgefährdet sein! Aber warum? Diese diffuse Unsicherheit hat zwar jetzt einen Namen bekommen, erscheint dadurch aber nicht viel lösbarer geworden zu sein.

Hatte Peer nicht beim letzten Treffen gesagt, er habe das Gefühl, die Last der Verantwortung nicht mehr tragen zu können? Sollte dieser Virus jetzt etwa auch auf ihn übergesprungen sein? Selbstzweifel helfen jetzt aber nicht, denkt er und konzentriert sich lieber auf das Problem.

So folgt er wieder dem Gedanken der Suizidgefährdung und sucht nach Anhaltspunkten, die konkrete Hinweise geben könnten. So sehr er sich aber bemüht, es bleibt einfach nur diese schreckliche Ungewissheit. Und bevor diese noch in Verzweiflung umschlägt, beschließt er, seine Patientin zwischen den Sitzungen anzurufen, um sie etwas mehr „kontrollieren“ zu können. Irgendwelche kleinen Anlässe lassen sich dafür schon finden, sagt Tilmann zu sich selbst.

Auch wenn es allen therapeutischen Konventionen widerspricht.

6

Karl hat morgens, noch bevor die Anderen aufgestanden sind, schon eine Stunde hingebungsvoll gebetet. Dann ist er, als alle aus der Wohnung waren, zur Sicherheit auch noch zur Frühmesse gegangen.

Schließlich hat nicht er, Karl, es so entschieden! Und nicht er hat Gott, sondern Gott hat ihn auserwählt, schießt ihm auf dem Weg zur Messe wieder durch den Kopf. Und dieser Gedanke ist nicht nur wahr, weiß er, selbiger fühlt sich auch unmittelbar wahr an. Nie zuvor im Leben hat er so eine tiefe und unumstößliche Gewissheit empfunden. Ganz im Gegenteil war er früher immer der grüblerische, unentschlossene und hadernde Typ gewesen. Ja, einerseits birgt diese Wahrheit, dieser Auftrag, auch eine erhebliche Last in sich, die Last einer enormen Verantwortung. Und manchmal befürchtet er, darunter zusammenzubrechen, regelrecht davon zerquetscht zu werden. Auf der anderen Seite fühlt sich all das absolut erhebend an, dieses plötzliche Empfinden des ganz großen Sinns in seinem Dasein, als sei sein ganzes Leben zwangsläufig auf diesen Punkt zugelaufen.

Umso mehr richtet Karl sich unwillkürlich beim Gehen auf, strebt zielgerichtet, mit schwungvollem Schritt, auf das Kirchenportal zu. Wie viel Energie er in letzter Zeit hat, seitdem er seine wahre Bestimmung gefunden hat!

Lass mich ein gutes Werkzeug in deiner Hand sein, oh Herr, und wirke du durch mich hindurch! Dein Wille ist auch mein Wille. Lange hast du der Menschheit ihre Chance gegeben, ihren eigenen Weg zu finden. Mit Grausen musstest du mit ansehen, wie die Menschen für ihre selbstsüchtigen Ziele deine Schöpfung schändeten. Jetzt zeigst du Gnade und bringst kurz vor der drohenden Apokalypse alles wieder in Ordnung. Und da du dich selber nicht materialisieren, nicht körperlich sichtbar werden kannst, bewirkst du alles über deine Auserwählten. Durch dich erfahre ich diese nicht für möglich gehaltene Erfüllung! Das ist wahres Glück und reinste Liebe, die Liebe zu dir, in Einem.

Karl ist alles so klar, aber er muss noch eine Lösung für seine Therapie finden, in der er nun mal ist. Wie kann er selbige zusätzlich in den Dienst der großen Sache stellen, ohne Gefahr zu laufen, in einer geschlossenen Abteilung zu landen? Mit nichts Geringerem hatte Herr Hammer schließlich gedroht! Da wird ihm schon noch was einfallen, beruhigt er sich.

Denn Herr Hammer ist mit Sicherheit nicht sein größtes Problem.

Und so macht er sich nach dem Gottesdienst noch auf einen anderen Weg. Auch wenn seine Frau von seinen Kontrollgängen nichts wissen darf, muss er sich einfach vergewissern, dass es seinen Kindern jetzt wirklich gut geht. Man kann sich doch nie ganz sicher sein. Bestimmt ziehen die guten Kräfte und Menschen auf der Welt automatisch die bösen an, wie eine draußen in tiefer Dunkelheit stehende Kerze die Motten. Darüber macht er sich in den letzten Wochen mehr und mehr Gedanken. Sicher hält der Herr seine Hand schützend über Karl, aber tut er es mit letzter Gewissheit auch bei seinen Kindern?

»Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!«, murmelt Karl vor sich hin, während er sich dem Gelände der Heilig-Geist-Schule nähert, welches nicht weit von der Kirche entfernt liegt.

Mit seiner Größe von unter einem Meter achtzig fällt Karl zwischen den anderen Fußgängern nicht auf. „Unauffälligkeit“ könnte in der Tat auch heute wieder sein zweiter Vorname lauten, was einmal mehr durch seine schlichte Kleidung bestätigt wird. Das ist kein Zufall: Farbenfrohe und erst recht schrille Kleidung, aber auch Markenklamotten sind in seinen Augen pure Sünde, Mittel zum Zweck des Antichristen.

Der Antichrist will uns alle beherrschen, und dafür ist ihm jedes Mittel recht!

Schon während der Messe hatte Karl angestrengt darüber nachgedacht, in welcher Gestalt sich der Antichrist Sarah und David gegenüber zeigen würde: vielleicht als neuer, besonders charmanter Referendar, der sie missbrauchen und damit ihre Unschuld rauben will? Ja, das Böse setzt viele Masken auf, aber Karl wird es herausfinden.

»Feigling!«, entfährt es ihm. »Aber nicht mit mir, du Elender!«

Karl ist selten so entschieden gewesen wie jetzt und ballt im Gehen die Fäuste. Die letzte gewonnene Schlacht gegenüber Marianne hat ihm weiteren Auftrieb gegeben. Unglaublich, wie fassungslos sie über seine Reaktion auf ihren Faustschlag war! Zugegeben, er war ja selber überrascht gewesen über sein eigenes Handeln, ihr einfach die andere Wange hinzuhalten! Nun, da war er eben einer wahrhaft göttlichen Eingebung gefolgt, weiß er jetzt.

Aber er muss auf seiner Mission heute zugleich vorsichtig sein, ermahnt er sich. Bei aller Liebe zu göttlicher Führung will er einen weiteren schlimmen Streit mit seiner Frau möglichst vermeiden. Wüsste sie, dass er, statt auf Jobsuche zu sein, diese Art von Kontrollgängen durchführt, würde sie ihm mit steigender Heftigkeit vorwerfen, er sei nun endgültig verrückt geworden, ein Versager sowieso, ein Nichtsnutz, ein Schlappschwanz und so weiter. So klingt ihre Stimme gerade sehr aufdringlich in seiner Vorstellung.

Unvermittelt flucht er ins Nirgendwo: »Halt doch einmal deine dämliche Fresse!«

Ein junger Skinhead, mit im Mundwinkel hängender Zigarette und zwei vollen Einkaufstüten beladen, kreuzt in diesem Moment Karls Weg. An der letzten Straßenecke vor der Schule bleibt er fassungslos stehen, seine kalten Augen zu Schlitzen verengt: »Was war das? Du kriegst gleich was auf die Fresse, aber so richtig!«

Noch irritierter ist er jedoch über die spontane Antwort des murmelnden Mannes in der Zopfmusterstrickjacke, der sich ihm nicht einmal eingeschüchtert zuwendet: »Der Herr segne dich und sei mit dir«, sagt dieser gedankenverloren und wirkt vollkommen in sich versunken.

Dem verwirrten Skinhead fällt die glimmende Zigarette aus dem Mundwinkel, ausgerechnet knöchelseits in das Innere seines zu locker geschnürten linken Ledertreters. »Aua! Verdammte Scheiße … Du dämliches Arschloch, na warte!«

Und dann lässt er, ein Unglück kommt selten allein, die Tüte mit den fünfzehn Herforder-Flaschen los, dass es nur so scheppert und knirscht. Aber wenigstens löscht die schäumende Bierfontäne die Zigarette in seinem Schnürstiefel. In einer wilden Mischung aus ebenso schäumender Wut und Konfusion schaut er die Straße hinunter, aber nichts mehr zu sehen von dem seltsamen Typen mit der spitzen Nase. Die mutete ihn schon verdächtig jüdisch an.

Soll er noch hinterher rennen und dem mit seinen arischen Fäusten mal zeigen, wo der Hammer hängt? Er beginnt, sich innerlich aufzupumpen, hält dann aber inne. Nein, beschließt er, wahre germanische Überlegenheit zeigt sich, indem man auch mal einen Untermenschen laufen lässt! Aber verdient hätte der es schon. Unschlüssig steht er noch einen Moment da, in dem Arrangement aus Plastiktüte, Scherben und sich ausbreitender Bierlache.

»Heil Hitler!«, ruft er dann urplötzlich, weil er nicht einfach gar nichts machen kann. Automatisch will er dazu den rechten Arm hochreißen, was grotesk wirkt, da er hier die andere Einkaufstüte in der Hand hat.

Nie wieder will er einkaufen gehen, schwört er sich, das sei eh Frauensache und unter seiner Würde, ab heute sowieso. Fluchend trollt er sich.

Karl, der diese Begegnung nur am Rande wahrgenommen hat, sitzt fünf Minuten später unmittelbar gegenüber des Pausenhofs der Heilig-Geist-Schule und ist derweil in ganz andere gedankliche Dramen vertieft. Gerade treibt es ihn um, alles zwischen Marianne und ihm könnte soweit eskalieren, dass sie sich am Ende womöglich von ihm scheiden ließe und die Kinder mitnähme. Um diese schreckliche Vorstellung nicht weiter bohren zu lassen, bekreuzigt er sich, faltet dann die Hände zu einem kurzen, aber intensiven Gebet. Danach ist er sich sicher, wenn Marianne ihn heute Abend nicht mitsamt der Kinder verließe, so hätten seine Gebete Wirkung gezeigt.

Mit der beruhigenden Wirkung des Gebets fällt ihm auch wieder ein, warum er hier eigentlich sitzt. Von einer gut durch Büsche und Bäume getarnten Ecke des Schulhofs beobachtet er nun von außen, es herrscht reges Pausengetümmel, seine Kinder beim Spielen. Sie spielen zusammen ganz nahe dem Klettergerüst und vor allem der Schaukel. Sarah und David scheinen schweigend mit ihren Füßen Sand von A nach B zu verschieben, genau kann er es nicht erkennen.

Aber da, Karl reißt schockiert die Augen auf, sein Herz rast, nimmt sich ein kleiner Junge mit dunklem Teint und schwarzen Haaren die Schaukel, zieht sie hoch und grinst hämisch zu seinen Kindern rüber.

Diese Ausgeburt der Hölle, denkt Karl, denn „kleiner Satansbraten“ trifft es in seinen Augen nicht mehr, haut doch gleich seinen Kindern mit voller Absicht die Schaukel in den Rücken, um sie in die Querschnittslähmung und den Rollstuhl zu befördern! Er muss sie retten!!!

Karl ist versucht zu schreien, weiß aber, dass er gegen die Lautstärke der Kinder nicht ankommt. Panisch stürzt er los und will das Unmögliche möglich machen. Doch um auf den Schulhof zu kommen, müsste er zunächst um den hohen Zaun herumlaufen, dann durch das Tor und die Menge der vielen Kinder hindurch. Wird er es noch rechtzeitig schaffen?

Mit Gottes Hilfe!

Ganz außer sich rennt er weiter, ungeachtet dessen, dass er andere Passanten und dann die Kinder auf dem Schulhof anrempeln würde. Egal, er muss dem Antichristen Einhalt gebieten!

In diesem Moment erschallt ein schrilles Klingeln aus den Lautsprechern und das Ende der Pause ist gekommen. Die Kinder hören, mehr oder weniger enttäuscht, auf zu spielen und schlendern in Richtung ihrer Klassenräume zurück. Auch Sarah und David gehen schweigend nebeneinander zurück in ihre Klassenräume. Der dunkelhäutige Junge mit den schwarzen Haaren hingegen bleibt noch bei den Spielgeräten und ergreift seine Chance. Endlich stören ihn die anderen nicht mehr und er hat die Schaukel für sich alleine. Mit Schwung schmeißt er sich bäuchlings auf die Schaukel, pendelt lachend hin und her und träumt mit wehendem Afrolook vom Fliegen.

Karl bleibt unvermittelt stehen, ist außer Atem, hustet und fühlt sich nur noch verwirrt. Endlich war sein Einsatz gefordert, wollte er seine Fähigkeiten zeigen und dann löst sich die Situation so banal auf? Er ist tief enttäuscht, schnauft, steht erschöpft an das Eingangstor zum Schulhof gelehnt.

Dann kommt ihm der erlösende Gedanke! Ja, ganz klar – manchmal sieht er ja den Wald vor lauter Bäumen nicht: Nur weil er in der Kirche war und eben noch gebetet hat, klingelte es rechtzeitig und seinen Kindern ist nichts passiert!

Selten war er so erleichtert. Er will sich gerade auf den Heimweg machen, als der Junge mit dem Afrolook, unmelodisch pfeifend, in seinem Gesichtsfeld auftaucht, um sich verspätet zu seinem Klassenraum zu begeben.

Karl kann nicht an sich halten und raunt: »Aber mit dir elender Teufelsbrut bin ich noch lange nicht fertig, falls du das denken solltest! Wir fangen nämlich gerade erst an!« Tief schaut er dem Jungen, der erschrocken stehen bleibt und aufhört zu pfeifen, in die großen braunen Augen.

»Und ich erkenne das Böse, wenn es mir begegnet, also nimm dich in Acht!«

Dann erst wendet Karl sich zum Gehen und ist zufrieden. Endlich hat er dem Bösen die Stirn geboten!

Der Junge bleibt reglos stehen, angewurzelt, wie es ihm seine Mutter im Kongo beigebracht hat, wenn sie die Stimmen der Männer von der anderen Seite des Flusses hörten. Ich bin unsichtbar … bin unsichtbar … unsichtbar, denkt er mit klopfendem Herzen.

8

20:14 Uhr Der Wetterbericht beendet die Nachrichten und läutet den nächsten Streit der Häuslers ein.

»Ich will heute Abend einfach nur meine Lieblingsserie schauen und mir ist vollkommen egal, was du tun wirst«, zischt Marianne ihrem Mann in einem Tonfall zu, der keine Widerworte duldet.

»Bitte, lass uns nur einmal zusammen beten«, fleht Karl eindringlich.

»Und nach dem ersten Gebet willst du ein zweites und dann noch eins und noch eins. Das kenne ich schon. Gib jetzt Ruhe!«

Karls Pegel der Verzweiflung steigt und zeternd beginnt er, seine Stimme zu erheben. »Wenn wir heute Abend nicht zusammen beten, wird etwas Schreckliches passieren, glaub es mir!«

»Nein!«, schmettert Marianne zunehmend ungehalten.

»Ganz bestimmt! Wie kann dir diese profane Sendung nur wichtiger sein, als sich mit deinem Mann zusammen dem drohenden Unheil in der Welt entgegen zu stemmen?«

Warum konnte es mit Marianne nicht so einfach wie früher zuhause sein? Wobei es nicht nur einfach war, aber vieles war einfacher.

Karls Eltern waren sehr religiös. Sie gingen am Wochenende zur Messe und bei jeder Mahlzeit wurde gebetet. Ihre religiöse Überzeugung ging so weit, dass in jedem Raum ihrer Wohnung, bis auf Keller und Abstellkammer, jeweils ein aufwendig handgeschnitztes Kreuz aufgehängt war.

Für Karl war das alles nicht nur ganz selbstverständlich, sondern er ging auch gerne zur Kirche, weil er sich Gott dort näher fühlte. Für ihn war es in etwa so, als ob er dort einen Freund träfe. Und man kann nicht behaupten, dass der eher schüchterne und etwas sonderbare Karl im echten Leben viele Freunde gehabt hätte. Mit der Grundschulzeit begann sich Karls zunehmende Religiosität auch seines Umgangs mit dem neuen und ungewohnten Leistungsdruck zu bemächtigen. Fühlte er sich anfangs durch die schnöden weltlichen Anforderungen des Einmaleins und der Deutschdiktate noch vollkommen überfordert und ihnen hilflos ausgeliefert, lernte er bald auch hier, seinen direkten Draht zu höheren Mächten zu nutzen. Hatte er anfangs mehr zufällig entdeckt, dass das Rezitieren von Psalmen und inbrünstiger Christe-du-Lamm-Gottes-Gesang vor Klassenarbeiten gegen mit Schweißausbrüchen gepaarter Versagensangst half, so bekam das systematische Beten vor wichtigen Klassenarbeiten im Laufe der Zeit einen immer höheren Stellenwert.

Seine an sich ja selber sehr religiösen Eltern standen den einen oder anderen Abend schweigend und auch ratlos vor Karls Zimmertür. Waren sie anfangs noch ganz verzückt gewesen angesichts der freiwilligen Hingabe ihres Filius an Gott, fragten sie sich doch zunehmend, ob alles in Ordnung mit ihm sei. Mit großen Augen schauten sie sich sorgenvoll an, während unablässig die Gebete aus Karls Zimmer schallten. An dem sich verändernden Lichtschein im Spalt unter der Tür konnten sie erkennen, dass Karl im Rhythmus der Verse in seinem Zimmer auf und ab lief. Um eine Beratungsstelle aufzusuchen waren sowohl die Scham als auch die Angst vor der Antwort, ihr Sohn könne verrückt sein, zu groß. Zudem beruhigte Karls Großmutter, die Mutter seines Vaters, die Eltern, es sei ganz sicher nur eine Phase, die sich von selber wieder lege. So eine Phase habe sie selbst auch gehabt und schließlich sei mit ihr doch auch alles wieder in Ordnung gekommen. Karls Eltern schauten betreten zu Boden und ganz wohl war ihnen immer noch nicht, aber immerhin beschlossen sie, für ihn zu beten und jede Woche mindestens eine Kerze im Dom anzuzünden, auf dass sie von Schlimmerem verschont würden.

Derweil bestätigte sich Karls kindlich-magisches Denken über die Zusammenhänge von hingebungsvollem Gebet und Erfolg in der Schule immer mehr, ohne also durch lästige Fragen von außen gestört zu werden. Und selbst negative Erfahrungen konnten die schlagende innere Logik des Ganzen nicht mehr bremsen. Gab es eine Arbeit zurück und hatte er eine gute Note, führte er es natürlich auf das Gebet zurück. Bei einer schlechten Note, da war er sich ebenso sicher, hatte er einfach nur noch nicht intensiv genug mit Gott gesprochen. Im Gewühl sich stürmisch aufbauender Synapsen in seinem Gehirn wurden auf diese Weise aus anfänglichen Trampelpfaden allmählich neuronale Land- und dann Bundesstraßen und schließlich dreispurige Autobahnen.

Wäre es nach Karl gegangen, hätte er nach dem Abitur sogar Katholische Theologie studiert. Zu seinem großen Leidwesen reichte für den damaligen Numerus Clausus sein Notenschnitt landesweit ganz knapp nicht aus. Bei Verlosungen von Studienplätzen im Rahmen von Sonderkontingenten an Universitäten hatte er kein Glück, Härtefallregelungen zogen nicht und für Stipendien jeglicher Art wurde ihm seine ewige Introvertiertheit zum Fluch. Karl konnte weder gesellschaftliche noch politische Aktivitäten vorweisen, die ihn hätten würdig erscheinen lassen. Und Katholische Theologie war auch nicht das Studienfach, das Parteien oder Gewerkschaften als in ihrem Sinne förderungswürdig erschien. Nicht einmal die Konrad- Adenauer-Stiftung ließ sich von ihm überzeugen.

Obwohl Karl diverse andere Fächer in anderen Städten hätte studieren können, war er doch so entmutigt und frustriert, dass er beschloss, gar nicht zu studieren.

Rückblickend sagt er heute, bei Familienfeiern auf dieses Thema angesprochen, Gott habe es dann wohl nicht so gewollt und er, der junge Karl, habe sich damals demütig diesem Willen Gottes unterworfen. Mit seiner Berufswahl des Elektrikers sei er ja jetzt auch sehr glücklich und auch so könne man Gott dienen, jeder eben an dem Platze, wo ihn der Herr hinstelle. Dennoch sind ihm diese Gespräche bis heute unangenehm und er bekommt jedes Mal Sodbrennen davon, was er sich kaum erklären kann.

Im ersten Lehrjahr als Elektriker freundete er sich mit Barbara an, die er noch aus der Schulzeit kannte. Die ersten Küsse, die sie austauschten, hatten ihm den Kopf verdreht und das Gefühl von Schmetterlingen im Bauch war unvergleichlich.

Ladehemmungen bekam Karl, als sie Sex einforderte. Beim ersten Mal war er noch so überrascht, dass er nicht wusste, was passierte und ließ alles geschehen. Woher sollte er auch Näheres wissen, schließlich war er von seinen Eltern nicht aufgeklärt worden.

Im Verlaufe ihrer Freundschaft wurde der Sex zu einem immer größeren Problem. Karl kam mit seiner religiösen Überzeugung in Konflikt. Zuletzt hatte er sich auferlegt, keinen Sex vor der Ehe zu haben. So hatte er zumindest die Bibel verstanden.

Barbara trennte sich nach zehn Monaten von ihm und erzählte im Freundes- und Bekanntenkreis, er hätte eine Macke, einen Tick und könnte nicht poppen. Das war der Zeitpunkt in Karls Leben, als er für sich feststellte, nur wenigen Menschen vertrauen zu können. Er war auch nicht bereit, seinen Glauben aufzugeben.

Jetzt erst recht nicht!

»Aber ich muss doch unsere Familie schützen! Wir müssen zusammen beten!«

Karl ist aufgebracht und steht wild gestikulierend vor Marianne. Die sitzt mit verschränkten Armen nur da und blickt stur und scheinbar konzentriert an ihm vorbei auf den flimmernden Bildschirm. Erschöpft und hilflos lässt er sich dann in einen der Fernsehsessel fallen, krallt sich mit den Händen in den Armlehnen fest. Die Finger bohren sich tief in das Polster.

Karl weiß, dass seine Frau nicht wirklich in ihre Sendung vertieft ist. Ihr Kiefer bewegt sich mahlend. Vor allem aber ihre Augen irritieren ihn. Sie scheinen einer imaginären und von außen gesteuerten Auf-und-Ab-Kurve mit einer gewissen Amplitude zu folgen, die ihn an etwas erinnert. Er grübelt angestrengt. Dann fällt es ihm ein: Es ist der sinusartige Verlauf einer Kurve, wie er sie aus den Darstellungen über Wechselstrom kennt! Also geht etwas Neuartiges in ihr vor? Etwas beginnt, sie auf merkwürdige Art zu steuern? Es läuft ihm eiskalt über den Rücken. Eine grauenhafte Vorahnung macht sich in ihm breit, ohne dass er sie schon genau benennen könnte.

Jedenfalls muss er gegensteuern, jetzt und sofort, ob sie nun mitzieht oder nicht!

»Vater unser, der du bist im Himmel … geheiligt werde dein Name …«, beginnt er zu intonieren.

Und es funktioniert: Marianne zeigt eine Reaktion, auch wenn sie nicht, wie erhofft, in sein Vaterunser mit einsteigt.

»Halt endlich die Klappe mit deinem Schwachsinn, du … du! Ich halte es nicht mehr aus! Wenn die Kinder nicht wären, dann …«

»Ja, sag es nur. Dir traue ich sogar zu, die Kinder im Stich zu lassen. Wem Fernsehen wichtiger ist als die Sicherheit der Familie, der lässt auch seine Kinder im Stich!«

Karl will sie einfach im Gespräch halten, damit sie nicht wieder in diesen furchtbaren Zustand verfällt.

»Wenn es einer weiß, dann bist du es«, sagt Marianne süffisant und unvermittelt viel ruhiger. Mit zusammengekniffenen Augen und in die Hüfte gestemmten Armen fixiert sie ihn.

Der versteht den letzten Satz seiner Frau nicht mehr. Er hat ihn nicht einmal richtig wahrgenommen. Sein eigener Satz, wem Fernsehen wichtiger sei als die Sicherheit der Familie, der ließe auch seine Kinder im Stich, schlägt dennoch wie eine Bombe ein. Denn in diesem Moment wird ihm die Tragweite seiner eigenen Aussage bewusst und reißt einen tiefen emotionalen Krater. Plötzlich ist er überzeugt, Marianne wird die Kinder allein lassen. Karl ist schockiert. Was würde dann aus den Kindern werden? Würde er alleine die tiefen Verletzungen bei ihnen, das erlebte Trauma, auffangen können? Ist das die Frau, die er einmal aus tiefer Liebe heraus geheiratet hatte?

Langsam reift die grauenhafte Vorahnung zu einer erschütternden Erkenntnis in ihm. Er versucht zwar, sich dagegen zu wehren, aber seine Gedanken rasen wie wild und kennen nur eine Richtung. Egal, wie er es betrachtet oder hin und her dreht, es kann nur eine Erklärung geben: Der Antichrist hat sie schon in seinen Fängen!

9

Karl ist wie paralysiert. Der Schock vom gestrigen Abend sitzt noch tief.

Er war zur üblichen Zeit zu Bett gegangen, konnte aber nicht schlafen. Als sich dann Marianne auch ins Bett legte, lief bei ihm ein Nerven zerfetzendes Kopfkino ab und er hätte gerne tausend Fragen gestellt. Ihm war aber klar, dass jedes Wort zwischen ihnen sofort wieder zu Streit geführt hätte, also stellte er sich schlafend.

Er fühlt sich auch deshalb jetzt entsetzlich hilflos und einsam. Wem, außer Gott, kann er sich jetzt noch anvertrauen? Wer kann ihm helfen? Kann er seinem Therapeuten, Herrn Hammer, wirklich alles erzählen?

Als sich Barbara von ihm getrennt und sich wortreich über ihn lustig gemacht hatte, hatte er sich geschworen, nur noch ganz wenigen Menschen zu vertrauen. Er hatte sich damals von seinen Freunden zurückgezogen und sich der Kirchengemeinde angeschlossen. Auch wenn es da nur wenige Menschen in seinem Alter gab, so hatten sie doch alle ihren Glauben als gemeinsame Basis.

In der Gemeinde lernte er schließlich auch Marianne kennen. Am Anfang halfen sie zwar nur gemeinsam bei Kirchfesten, stellten aber schon Gemeinsamkeiten fest.

Nach zwei Jahren trafen sie sich, zum ersten Mal alleine und nicht im Rahmen einer Veranstaltung, zum Tee. Danach ging alles sehr schnell. Sie wurden ein Paar und Karl machte ihr nach sechs Monaten einen Heiratsantrag. Ab diesem Zeitpunkt konnte er mit Marianne auch unbeschwert Sex haben, schließlich wollten sie schnell heiraten und Kinder bekommen. Karl war inzwischen achtundzwanzig und Marianne zweiundzwanzig.

Zu Beginn, als sie völlig verliebt ineinander waren, hatten sie das für beide absolut neue Gefühl, unangreifbar zu sein. Sie verschmolzen förmlich miteinander und es fühlte sich an wie eine unverbrüchliche Einheit. Wenn sie zusammen waren, waren allen schlechten Erinnerungen aus der Vergangenheit wie ausgelöscht, so als ob es diesen Teil ihres Lebens nie gegeben hätte. Und sie empfanden eine enorme Zuversicht für ihre Zukunft, alle Hürden und Herausforderungen des Lebens spielend meistern zu können.

Es hatten sich zwei Menschen gefunden, die ihre Wunden, die das Leben ihnen verpasst hatte, bis dahin in innerer Einsamkeit geleckt hatten. Doch jetzt blühten sie zusammen auf.

Es hätte einfach ein gutes Leben werden können.

Karl wusste die ganze Zeit, wem sie ihr Glück zu verdanken hatten. Deshalb war der Beginn ihrer Beziehung spätestens auch die Zeit, in der er schon dreimal täglich dreißig Minuten lang beten musste. Am Wochenende ging er, mindestens einmal zur Messe, betete nur kniend auf dem Steinfußboden und empfing das heilige Abendmahl direkt in den Mund. Für ihn war das ganz natürlich, selbst wenn sogar die Vertrauten und Freunde in der Gemeinde nicht wussten, ob sie seine sehr „ursprüngliche Glaubensausübung“ eher sonderbar oder eher bewundernswert finden sollten.

Marianne hingegen zog in den ersten Jahren ihrer Ehe in der Ausübung des Glaubens noch mit, wenn auch, verglichen mit Karl, in geringerer Intensität. Er solle unbedingt für sie mitbeten, war damals noch ihr geflügeltes Wort. Aber wenn sie selber betete, dann wegen ihres intensiver werdenden Kinderwunsches. Nicht, dass sie nicht zufrieden mit ihrem Leben gewesen wäre: Neben Haushalt und Garten hatte sie einen Job in ihrem Beruf als Schneiderin. Den mochte sie, weil sie in der mittelgroßen Schneiderei kreativ sein durfte, die familiäre Atmosphäre genoss und mit zwei ihrer Kolleginnen enger befreundet war. Als ausgerechnet die schwanger wurden und nicht mehr arbeiteten, nahm ihr eigener Drang, Mutter zu werden, ein ungeahntes Ausmaß an.

Karl reagierte auf ihre häufiger geäußerten Ideen, sie sollten ihrer beider Fruchtbarkeit untersuchen lassen und eventuell weitere Maßnahmen einleiten, sehr abwehrend.

»Das ist höhere Bestimmung, mein Schatz!«, pflegte er lakonisch zu antworten, oder: »Ich werde ein Extra-Gebet für dich sprechen.«

Marianne fühlte sich zum ersten Mal alleine in ihrer Ehe, übte sich aber in Geduld.

Von ihrem Glauben entfernte sie sich innerlich schleichend, während der aus dem Leben ihres Mannes nicht mehr wegzudenken war.

Mit Anfang dreißig, sie hatte schon jede Hoffnung aufgegeben, wurde sie ohne weitere Hilfe überraschend schwanger und war überglücklich. Karl reagierte auch erfreut, jedoch verhalten erfreut: »Du weißt, wem wir dankbar sein müssen? Der Herr hatte am Ende eben doch noch ein Einsehen.«

Und dann kam die Katastrophe. Als Marianne in der fünfzehnten Woche schwanger war und sich auf der sicheren Seite wähnte, kam sie eines Morgens, sich unter Bauchkrämpfen krümmend, aus dem Bad. Es sei Blut in der Toilette gewesen „und noch etwas anderes“ und Karl müsse sie sofort ins Krankenhaus fahren.

»Ich bete nur schnell zu Ende, dann können wir!«, war seine Reaktion gewesen und Marianne war wie vom Schlag getroffen.

Als ihnen der Arzt eine dreiviertel Stunde später mitteilte, die Ultraschalluntersuchung habe leider die klinischen Zeichen eines kompletten Aborts bestätigt, war Marianne innerlich versteinert. Sie reagierte gleichgültig, als der Arzt sagte, es wäre wahrscheinlich auch nichts zu machen gewesen, wenn sie in der Sekunde des Beginns der Beschwerden im Krankenhaus gewesen wäre.

Auf der Rückfahrt hatte sie einfach nur schweigend aus dem Fenster gestarrt. Karl fühlte sich hilflos und verstieg sich zu der Aussage, der Herr habe es gegeben und der Herr habe es genommen.

»Dann ist er eben endgültig nicht mehr mein Herr«, hatte sie kalt erwidert.

Es folgten Jahre, in denen sie nebeneinander her lebten und Marianne beschlossen hatte, den Kinderwunsch abzuschreiben. Auch von allem anderen zog sie sich zurück, insbesondere von Freundinnen mit Kindern.

Als sie nach mehreren Jahren, gegen alle Wahrscheinlichkeiten und trotz ihres ermüdeten Sexuallebens, mit vierzig und zweiundvierzig doch noch zweimal schwanger wurde, schlugen die Ärzte jeweils Alarm. Sowieso und mit ihrer Vorgeschichte erstrecht seien es Hochrisiko-Schwangerschaften. Auch Karl war mindestens unschlüssig, wie stark er mit Mitte beziehungsweise Ende vierzig sich noch auf das Dasein als Vater freuen sollte, trug aber die Entscheidung seiner Frau mit. Er wusste, wenn er es nicht getan hätte, wäre die Ehe am Ende gewesen.

Marianne hatte sämtliche dieser zunächst teils heftigen Reaktionen fast schon genossen. Sie hatte genossen, dass endlich mal wieder sie entschied und auch das Ende ihrer gefühlten Bedeutungslosigkeit.

Dennoch: Trotz zweier gesunder Kinder, die sie von Anfang an aufrichtig liebte, hinterließ der für sie grauenhafte Verlust ihrer ersten Schwangerschaft eine tiefe Spur, wie einen Riss im Fundament oder einen inneren Hohlraum. Instinktiv verspürte sie vom ersten Tag an, als sie abends heimlich weinend in die Toilette starrte, durch die der Fötus entschwunden war, eine unbestimmte Angst, dass sich irgendwann etwas anderes an die Stelle setzen würde, wo ihr erstes Kind hätte heranwachsen sollen.

»Hast du heute wieder einen Termin bei deinem tollen Herrn Hammer?«, fragt Marianne, übellaunig am Frühstückstisch sitzend. Sie hatte sich nach dem Aufstehen lediglich ihren abgewetzten, alten Bademantel übergeworfen und auch ihre Haare nicht einmal grob gebürstet. Ihr war heute offensichtlich überhaupt nicht danach, sich für den Tag fertig zu machen, auch nicht für ihren Mann.

»Ja sicher habe ich heute einen Termin bei ihm! Und das weißt du übrigens auch ganz genau … Und ja, ich werde ihn fragen, ob du auch einmal für eine Sitzung dabei sein kannst, weil, das ist es doch, was du eigentlich wissen möchtest?!«

Karl reagiert genervter und in schärferem Tonfall, als er es von sich kennt. Er weiß selber nicht, wie er das finden soll. Irgendetwas passiert in ihm.

Marianne hatte schon wiederholt darauf gedrängt, mindestens einmal mit zur Therapie zu kommen. Karl ahnt, seine Frau möchte unbedingt mit Herrn Hammer reden, weil sie misstrauisch ist. Sie denkt bestimmt, dass er seinem Therapeuten zwar Vieles, aber bestimmt nicht alles über seinen Glaubenstick, seinen Wahn und noch weniger über die dramatische Situation in der Ehe erzählt.

Das Gleiche gilt für ihre ewige Kritik an ihm, dass er engere Kontakte partout meide. Sie argumentierte dann jedes Mal mit den Nachbarn, mit denen sie seit Jahren in einer Straße lebten. Die grüße er zwar, wenn auch sehr gequält, treffe sie auch zu Geburtstagsfesten, aber mehr eben nicht. Hinsichtlich Smalltalk, zum Beispiel über den Zaun hinweg, sei er ebenfalls der totale Rohrkrepierer. Und hätte sie nicht wenigstens die Bekanntschaften in der Nachbarschaft etwas gepflegt, hätte er neben den wenigen Verwandten überhaupt keine Sozialkontakte mehr.

Wenn seine Frau aber erstmal auf Touren ist, muss natürlich alles gesagt werden, bevor sie aus Versehen ein gutes Haar an ihm lässt. So regt sie sich als Nächstes wie immer darüber auf, dass der feine Herr sich zu schade sei, sogar in kleinen Runden etwas Relevantes von sich zu geben. Stattdessen hülle er sich bedeutungsvoll in Schweigen.

Umso mehr freue es sie, dass er sich endlich für eine Psychotherapie entschieden habe. Schließlich sterbe die Hoffnung als Letztes, selbst in seinem Fall, und der sei ja nun bekanntermaßen ein besonders schwieriger.

Doch bis heute könne sie beim besten Willen keine positiven Entwicklungen sehen, sagte sie neulich kurz vor dem Einschlafen. Als er erwiderte, wie wichtig ihm die Therapie und wie sympathisch ihm Herr Hammer sei, schüttelte sie mitleidig den Kopf. Oh Gott, wie er ihren arroganten Blick hasst, der mit diesem Kopfschütteln verbunden ist! Aber wieder konnte er nichts entgegnen, auch wenn er doch eigentlich der Schlauere von ihnen ist.

Stattdessen setzte Marianne ungerührt noch einen drauf. Er müsse doch einsehen, dass es nicht nur nicht besser werde mit ihm, sondern sich sein Wahn von Monat zu Monat sogar noch steigere. Und das habe sie niemals für möglich gehalten.

Was denn im Übrigen seine Sympathie für einen Therapeuten nütze, von der sie sich schließlich auch nichts kaufen könne. Aber gut, dann könne er ja gleich den Herrn Hammer heiraten, falls aus Sympathie vielleicht noch Liebe werde. Das würde dann auch einiges erklären, was untenrum nicht mehr zwischen ihnen laufe und jeder solle eben auf seine Art glücklich werden. Aber dann werde er natürlich die Kinder nicht mehr sehen, das sei ihm hoffentlich klar!

Jetzt hat er wieder ihren überlegenen, nein, triumphierenden Gesichtsausdruck im Dämmerlicht ihrer Leselampe vor Augen und wie er wieder nur umständlich und hilflos reagieren konnte. Schließlich sei er ja noch gar nicht so lange bei seinem Therapeuten. Sowas brauche natürlich Zeit und Herr Hammer habe schon gesagt, Marianne könne gerne mitkommen, aber erst, wenn er, Karl, bereit dazu sei und vielleicht schon erste Veränderungen eingetreten seien.

Und dass er unter einem Wahn leide, wäre ja ihre persönliche Meinung und er werde ihr schon noch beweisen, dass es nicht an dem sei. Aber in Wirklichkeit sei sie ja nur von Neid auf seinen Draht nach oben innerlich ganz zerfressen. Und in diesem Moment, als er gerade dabei war, innerlich auf Augenhöhe mit seiner Frau zu kommen, hatte sie sich mit einem tiefen Seufzer weggedreht und war fast schon eingeschlafen. In sein ohnmächtig wütendes Schweigen hinein murmelte sie nur noch, für Karls Ohren kaum vernehmlich »Euch beiden muss mal jemand ordentlich Feuer unterm Hintern machen, sonst wird das doch alles nichts …«

Und jetzt, wo sie hier Kaffee schlürfend am Küchentisch sitzen und sich mit ihren Blicken belauern, derweil die Kinder lustlos auf ihren Käsebroten herumkauen, würde Marianne all diese unterschwelligen Bösartigkeiten natürlich nicht offen wiederholen. Das weiß Karl, aber ihm reicht auch schon der verächtliche Blick seiner Frau, in dem all diese sarkastischen Vorwürfe zu liegen scheinen.

Dennoch ist er froh, dass heute wenigstens nicht weiter scharf geschossen wird.

Stattdessen passiert etwas viel Schlimmeres und vor allem vollkommen Unerwartetes.

»Papa«, fragt David, »warum gehst du denn jetzt eigentlich zu einem Seelenklempner?«

Karl zuckt zusammen. Sein kleiner Sohn ist ein Meister darin, unbeteiligt und desinteressiert zu tun, aber natürlich ist ihm das Wortgefecht um den Therapietermin nicht entgangen. Wie immer hat es hinter Davids kindlicher Stirn sehr gearbeitet und wie immer haben seine Eltern dessen direkte Art vollkommen unterschätzt.

Marianne scheint positiv überrascht, denn ihre Miene hellt sich augenblicklich auf und mit Zufriedenheit schaut sie auf David, dann herausfordernd und mit selbstgefälligem Lächeln zu ihrem Mann hinüber.

»Tja, mein Lieber, vielleicht kannst du deinem Sohn irgendetwas dazu sagen, was wenigstens einen minimalen Gehalt hat? Aber bitte dosiere die grausame Wahrheit so, dass noch ein Rest von Respekt eines Sohnes für seinen Vater übrig bleibt. Schaffst du das?«

Karl läuft rot an und ihm wird heiß, während David an seinem heißen Kakao nippt und seinen Vater mit unschuldigem Interesse anblickt. Karl hätte nicht wenig Lust, Davids Kakao zu greifen und ihn seiner Frau in den Ausschnitt ihres schäbigen Bademantels zu kippen. Er verbietet es sich aber, diese Fantasie weiter auszuschmücken, ringt stattdessen um seine Fassung und kindgerechte Worte.

Marianne genießt offensichtlich den beschämten Zustand ihres Mannes. Natürlich weiß sie, dass er sich in einer Zwickmühle befindet und möchte gleich noch mehr Salz in seine Wunden streuen.

»Hmmm? Wird es heute noch was? Oder betest du noch für inspirierende Worte? Aber Gott hat gerade mal wieder keine Zeit oder keine Lust, dir zu helfen? Ooooooh, wie schade!«

»Marianne, halt endlich dein schändliches M … und überlass das gefälligst mir«, presst Karl hervor, während er seine Frau eindringlich anstarrt.

Diese kostet das Schauspiel aus und lehnt sich mit hinter ihrem Kopf verschränkten Händen auf ihrem Küchenstuhl zurück, dessen Lehne bedenklich knarzt.

»Na, dann mal los, ich bin gespannt«, kann sie sich nicht verkneifen, hinterher zu schieben.

Karl versucht, die Wut auf seine Frau im Zaum zu halten. Herr, gib mir die Kraft, dem Bösen und dem Zorn, der auch mir innewohnt, standzuhalten, fleht er, und versucht, sich ganz auf David zu konzentrieren. Hilf mir, meinem Sohn, diesem unschuldigen Kind, seine berechtigten Fragen zu beantworten, auf dass er verstehe, betet er weiter. Dann wird es plötzlich ganz ruhig in ihm, als wenn er sich im Auge eines Sturms befände. Gott hat mich erhört, weiß er, aber ich muss die Gunst der Stunde jetzt auch nutzen!

»Also manchmal stellt man leider Dinge an sich fest, die sich nicht gut anfühlen. Und so, wie jemand Magenschmerzen oder ein gebrochenes Bein haben kann, kann ein anderer seelische Schmerzen oder ein gebrochenes Herz haben.«

»Hast du denn ein gebrochenes Herz?«, fragt David und wartet mit großen Augen, angehaltenem Atem und offenstehendem Mund auf Antwort. Dabei vergisst er, seinen Kakao weiter zu trinken.

»Nein, ganz und gar nicht«, beeilt sich Karl, seinen Sohn zu beruhigen, »mein Herz ist nicht gebrochen, auch wenn Mama und ich in letzter Zeit viel streiten.«

Ihm wird klar, wie sehr David unter den häuslichen Auseinandersetzungen und der dauerangespannten Atmosphäre leidet. Er könnte direkt weinen, wenn er seinen Sohn so sieht, der etwas sehr Verletzliches in seinem Blick hat.

»Wie soll ich sagen … Es ist eher etwas in mir, das weder mit deiner Mutter und erst recht nicht mit dir oder deiner Schwester zu tun hat. Und dafür ist ein Psychologe zuständig. Also habe ich einen Termin mit Herrn Hammer ausgemacht.«

»Und das ist wirklich in dir? Tut dir das weh? Ist es das, worüber du immer mit Mama streitest?«

»Schön wäre es …«, kommentiert Marianne mit sarkastischem Tonfall.

»Also … David … wie soll ich sagen …«

Giftig schaut Karl seine Frau an und wünscht sich, dass Blicke töten könnten. Aber erschrocken über seine erneute Anwandlung von Zorn hält er postwendend Zwiesprache mit Gott. Oh bitte, denkt er, bremse doch dieses Satansweib … Oder willst du mich heute besonders hart prüfen? Denn es ist fürwahr eine schreckliche Prüfung!

Seine Wut legt sich wie der Sturm über dem See Genezareth, als Jesus mit den Jüngern unterwegs ist. Und Marianne betrachtet enttäuscht und misstrauisch den plötzlich wieder entspannten Gesichtsausdruck ihres Mannes, den sie doch gerade so schön bis aufs Blut gereizt hatte. Sie nimmt die Hände runter und greift, verlegen wirkend, nach ihrer Kaffeetasse und nimmt einen kräftigen Schluck.

Karl beachtet seine Frau nicht mehr, hat nur noch David im Blick.

»Du kannst mir glauben, dass es nicht wirklich weh tut. Und was ich habe, ist auch nicht gefährlich. Mehr musst du jetzt gar nicht wissen. Ich verspreche dir aber hiermit hoch und heilig, dass ich dir irgendwann alles erzählen werde. Ist das erst mal genug für deine kleinen neugierigen Ohren?«

Verschmitzt grinst Karl seinen Sohn an und hofft, dass dieser sich für heute zufrieden gibt. Endlich atmet David tief durch, seufzt, fixiert seinen Vater noch einige Momente sehr ernst und nachdenklich. Dann scheint er zu einer Entscheidung gefunden zu haben.

»Papa … das soll ganz schnell weggehen … auch wenn es nicht richtig doll wehtut. Und dann spielst du ja vielleicht sogar mal wieder mit mir …«

Bei den letzten Worten lässt David den Kopf hängen und schaut tief in seinen Kakaobecher, den er in seinen kleinen Händen vor sich hält. Dann stellt er ihn wortlos auf den Tisch, schaut nacheinander seine Eltern an und verlässt mit hängenden Schultern die Küche.

Karl ist erschüttert, ja, wie vom Donner gerührt.

Aber dann weiß er es. Wie eine in Stein gemeißelte Gewissheit kommt der Gedanke über ihn: Dass David diese Frage stellt, obwohl er ansonsten an nichts interessiert zu sein scheint, was eigentlich nur seine Eltern untereinander etwas angeht, kann nur einen Grund haben. Marianne will David auf ihre Seite und auf die Seite des Antichristen ziehen! Die Schlinge zieht sich zu!

10

»Herr Meyer zu Westring, schön, dass es Ihnen in der letzten Woche gelungen ist, wieder vermehrt soziale Kontakte aufzunehmen. Wie es klingt, hat Ihnen das etwas geholfen und die Depression, wenn auch nur für kurze Zeit, wenigstens etwas auf Abstand gehalten«, fasst Tilmann die Schilderungen seines Patienten zusammen.

»Leider kamen die schlechten Gefühle aber nach den Treffen sofort wieder zurück. Ich hatte gehofft, es würde mir dann dauerhaft besser gehen.«

»Ich kann Ihre Enttäuschung verstehen, glaube aber, dass sich Ihre Depression abbauen wird, wenn …«

»Wenn?«, hakt Tilmanns Gegenüber aufgeregt nach.

»Wenn Sie dabei bleiben, weiterhin Ihre sozialen Kontakte zu pflegen und wenn Sie Ihre Freizeitaktivitäten, wie besprochen, ausdehnen.«

»Können Sie mir das hundertprozentig versprechen, Herr Braun?«

»Natürlich kann ich Ihnen nichts absolut garantieren. Das kann niemand. Aber der Aktivitätenaufbau ist auf jeden Fall ein extrem wichtiger Bestandteil unserer Therapie. Denn den können Sie zwischen unseren Sitzungen eigenständig umsetzen.«

»Hmmm … klingt anstrengend. Und ein bisschen mager, so nach dem Motto: `Mach was Schönes und es geht dir wieder gut!´«

Einerseits schätzt Tilmann Herrn Meyer zu Westring, andererseits nervt der manchmal mit seiner Art, sich bedienen lassen zu wollen.

»Ist auch anstrengend, lieber Herr Meyer zu Westring, aber das ist eben Ihr Anteil an einer erfolgreichen Therapie …«

»Ja … sicher … ich bin auf jeden Fall dabei! Motivation ist ja mein zweiter Vorname …« Tilmanns Patient rutscht unruhig hin und her.

Tilmann kann sich ein ironisches Lächeln nicht ganz verkneifen.

»Aber es bleibt ja langfristig nicht nur beim Thema Aktivitäten. Bei den folgenden Treffen könnten wir uns damit beschäftigen, welche gedanklichen Schemata bei Ihnen aktiv sein könnten, durch die Sie depressiv reagieren.«

»Schemata waren nochmal …?«

»Kurz gesagt, breit definierte, alles beeinflussende Lebensthemen. Die können Ihnen bewusst sein, aber auch nicht. Und an dieser Stelle wird es für den Therapeuten immer sehr spannend …«

»Aha …«

»Ja … denn nicht selten kommen hier ungeahnte Dinge zum Vorschein!« Tilmann zwinkert seinem Patienten verschwörerisch zu und unterstreicht das Gesagte mit einem Lächeln.

Er versucht seinem Patienten zu erklären, was dieser zwischen den Sitzungen noch für sich machen kann und welche weiteren Ansätze in den eigentlichen Sitzungen hilfreich sein könnten. Mit seiner etwas ausschweifenden, aber begeisterten Darstellung der Behandlung versucht Tilmann, seinem Patienten Mut zu machen und letztlich zu vermitteln: Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, etwas an der misslichen Ausgangssituation und der Symptomatik zu verändern, und viele Wege führen dabei nach Rom.

Herr Meyer zu Westring hört äußerst interessiert zu, dennoch spürt Tilmann, dass ihn noch etwas quält.

Er hält einen Moment inne.

»Sie denken noch an etwas anderes …«

Herr Meyer zu Westring schaut verlegen weg, errötet ein wenig.

»Neben den depressiven Gefühlen … plagt mich auch ein schlechtes Gewissen.«

»Sie müssen nicht, aber Sie können es hier natürlich äußern … das wissen Sie ja … was immer es ist. Aber bislang hatten Sie mir noch nichts in der Richtung erzählt, oder irre ich mich da?«

»Sie irren sich nicht.« Herr Meyer zu Westring rutscht sehr tief in den Sessel, so als wolle er in diesem am liebsten jetzt direkt versinken. »Es fällt mir nicht leicht, darüber zu sprechen, aber ich glaube, es gehört zu meiner Krankheit dazu. Sie müssen wissen, Herr Braun, es gab bereits einmal eine schwierige Zeit in meinem Leben, in der ich auf psychiatrische und psychotherapeutische Hilfe angewiesen war.«

Tilmann nickt seinem Patienten aufmunternd zu.

»In dieser Zeit war ich von dem Gedanken besessen, im Namen von Gott Gutes tun zu müssen. Ich habe beispielsweise Brötchen gekauft und diese den Menschen auf der Straße geschenkt. Allerdings waren es keine Bettler oder so, sondern irgendwelche, mir unbekannte Menschen, die dann sehr verwirrt waren.«

»Das kann ich mir vorstellen. Es war sicher eher ungewöhnlich für diese Menschen, plötzlich Brötchen geschenkt zu bekommen …«

»Und dann habe ich den Personen mit sehr viel Nachdruck versucht klar zu machen, dass es ihnen schlecht geht, obwohl ich nichts von ihnen wusste.«

»Sie sagten, Sie seien in der Zeit sowohl psychiatrisch als auch psychotherapeutisch versorgt worden. Gab es eine Diagnose? Bekamen Sie auch Medikamente?«

»Mein Arzt sprach von religiösem Wahn und verschrieb mir Medikamente. Mit Hilfe der Pillen und der Psychotherapie konnte ich den Wahn überwinden …«

Herr Meyer zu Westring sieht sehr traurig aus, was Tilmann nicht entgeht: »Da scheint aber noch mehr hinter zu stecken, oder?«

»Ja … doch … es gab reichlich skurrile Situationen, für die ich mich heute sehr schäme. Es sind die Erinnerungen an diese Situationen, die mich noch heute davon abhalten, auf Menschen zuzugehen. Ich habe einfach Angst, dass ich mich wieder peinlichst daneben benehmen könnte.«

»Vielleicht machen wir es einfach so, wenn es Ihnen recht ist, dass Sie mir die für Sie schlimmste Situation erzählen. Dazu könnten wir dann eine bestimmte Übung machen und am Ende werden Sie feststellen, dass Ihr Schamgefühl mindestens deutlich reduziert oder sogar quasi weg ist.«

Herr Meyer zu Westring schaut Tilmann nachdenklich an und lässt seinen Kopf dabei leicht von links nach rechts und wieder zurück pendeln. Seine Ambivalenz ist in diesem Augenblick mehr als sichtbar. Er zweifelt nicht an der Verschwiegenheit seines Therapeuten. Er hat auch viel Vertrauen in dessen Professionalität, aber es fällt ihm einfach unglaublich schwer, sein Schamgefühl zu überwinden.

»Ach, es nützt ja nichts … Wenn mir die Behandlung helfen soll, muss ich Ihnen auch alles sagen.«

»Herr Meyer zu Westring, zusammen schaffen wir das schon.«

Im Blick seines Patienten mischen sich Scham und Verzweiflung, aber auch ein kleiner Funke Hoffnung. Er atmet hörbar tief ein und aus, zuckt mit den Schultern und gibt sich der Situation hin.

»Das schlimmste Erlebnis, die schlimmste Erinnerung, die mich manchmal auch nachts in meinen Träumen einholt, und zwar so, dass ich aufschrecke und Herzrasen habe, ist mein Auftritt im Kloster.«

»Im Kloster? Ein Auftritt?« Tilmann ist überrascht, etwas verwirrt, ist aber auch ehrlich neugierig auf eine ungewöhnliche Geschichte. Patienten berichten ihm immer mal wieder Begebenheiten, von denen er manches Mal denkt, das hätte Alfred Hitchcock bestimmt nicht besser kreieren können. Noch mehr ist er dann von seiner Profession begeistert, wenn seine Patienten, im optimalen Fall, sogar selbst über Erlebtes lachen können.

»Ich war damals, wie gesagt, davon überzeugt, Gott hätte mich auserwählt, Menschen glücklich zu machen. Gott gab mir, das mag sich sicherlich für Sie total verrückt anhören, aber es war so - Gott gab mir den Auftrag, die Nonnen im Kloster glücklich zu machen.

Also fuhr ich zum nächsten Kloster, parkte mein Auto und betrat das Haupthaus. In der Empfangshalle kamen drei Nonnen auf mich zu und begrüßten mich. Ich grüßte zurück und holte meine kunterbunten Kondome aus der Tasche. Ich war davon überzeugt, dass die Nonnen mehr Spaß an ihrem Leben haben würden, wenn ich ihnen Kondome gebe und ihnen zeige, was sie damit anstellen können.

Wie Sie sich vorstellen können, waren die Nonnen mehr als überrascht. Geschockt waren sie aber erst, als ich meine Hose öffnete, meinen besten Freund auspackte und ihnen zeigte, wie ein Kondom anzuwenden sei. Ich stand also mit erigiertem Glied vor den Gottesfrauen.

Vor Entsetzen schrien die Damen auf, als ich eine von ihnen aufforderte, ein Kondom auszupacken und es mir überzustreifen. Heute bin ich froh, dass in diesem Moment ein Geistlicher kam, sich vor die hoch erröteten Nonnen stellte und mir meine Kondome abnahm. Mit seiner ruhigen, beschwichtigenden Stimme konnte er mich auch überzeugen, meinen besten Freund wieder einzupacken und das Kloster zu verlassen. Ich glaube, wenn der Prior in dem Moment nicht anwesend gewesen wäre, hätte ich eine der Nonnen auch noch zum Sex überreden wollen.«

Tilmann hört seinem Patienten aufmerksam zu und stellt sich, vor seinem inneren Auge, die Szenerie vor und muss sich sehr beherrschen, nicht laut zu lachen. Doch dafür ist er Profi genug, Herrn Meyer zu Westring nichts von seiner Amüsiertheit merken zu lassen. Ferner ist ihm sehr bewusst, dass sein Patient gerade jetzt seine Hilfe benötigt, da die Situation für ihn mit viel Scham besetzt ist.

11

Theodor Konrad Wolf sitzt am Mittagstisch in der AMEOS-Klinik, geschlossene Abteilung. Er stochert in seinem Essen herum: lauwarme, vor Fett triefende, labbrige Bratkartoffeln mit zwei Matjesfilets. Verschlagen schaut er seine drei Tischnachbarn an. Seit seiner Festnahme nach der gescheiterten Entführung und einem Nervenzusammenbruch, denkt er darüber nach, wie alles nur so kläglich scheitern konnte. Schließlich hatte er doch alles perfekt geplant!

»Was ist los? Du schaust uns so … so … provozierend an? Ist dir das Essen auf den Magen geschlagen?«

»Ach was …«, gibt Theodor Konrad mürrisch zurück.

»Oder war es doch die Gruppentherapie vorhin, als dich die Therapeutin noch einmal auf deine Mutter angesprochen hat?«, fragt Friederich, ein fünfunddreißigjähriger Patient der gleichen Abteilung.

Sofort steigt Wut in Theodor Konrad auf: immer wieder seine Scheiß-Mutter! Mit der Wut drängen sich zeitgleich auch Bilder aus seiner Kindheit auf, unkontrollierbare Erinnerungen, die für Millisekunden aufblitzen und die dazugehörende Übelkeit lässt auch nicht auf sich warten. Theodor Konrad weiß aber genau, dass er hier seine Wut kontrollieren muss. Je angepasster er sich präsentiert, umso besser wird seine Beurteilung ausfallen und umso geringer wird seine Strafe letztlich sein.

»Das Essen hier ist unausstehlich! Normalerweise bin ich da ganz Anderes gewohnt!«

»Ach so! Jetzt verstehe ich auch, warum du eine Entführung durchziehen musstest. Dir ist schlicht und ergreifend das Geld ausgegangen, weil du jeden Tag bei einem Sternekoch zu Mittag gegessen hast!«

Alle, bis auf Theodor Konrad, müssen lachen und schauen vorsichtig ihren Mitpatienten an. Sie wissen um seine Vorgeschichte. Sie wissen auch, dass er sehr impulsiv ist und mit Kritik sowie Ironie kaum umzugehen weiß. In diesem Moment ist höchste Vorsicht angesagt, denn der Vulkan brodelt, spuckt Asche und Gestein aus und steht kurz vor dem Lavaausbruch.

»Du hast doch keine Ahnung, Friederich.«

»Wovon soll ich keine Ahnung haben?«

»Du bist hier, in der Meisenburg, weil du es nicht verkraftet hast, dass dich deine Alte verlassen hat. Bei mir ist das schon eine ganz andere Geschichte. Ich wurde mein ganzes Leben lang nur verarscht und ausgenutzt. Erst war es meine scheiß Mutter, dann hat sich mein feiger Vater verpisst und heimlich vom Acker gemacht. Bei der Arbeit wurde ich nur ausgenutzt und mit einem Hungerlohn abgespeist. Ich kann dir sagen, dann will man auch mal Genugtuung. Dann will man endlich auch auf der Sonnenseite des Lebens stehen.«

»Ja, das klingt alles schrecklich, aber musste es deshalb gleich eine Entführung sein?«

»Wie kam es eigentlich dazu, dass die Entführung gescheitert ist?«, schaltet sich Norbert in das Gespräch ein, wohl wissend, dass Theodor Konrad gerne im Mittelpunkt steht und sich selbst noch lieber reden hört.

»Ich weiß es noch nicht genau. Ich warte noch auf weitere Informationen.« Theodor Konrad macht eine kleine, aber umso bedeutungsschwangere Pause, lässt das Gesagte wirken und schaut in die Runde am Tisch

»Ich habe einen starken Verdacht und kann euch nur sagen, ich werde mich rächen und meine Rache wird gnadenlos sein! Danach gibt es nur noch verbrannte Erde!«

Theodor Konrad denkt an seinen Therapeuten Tilmann Braun. Natürlich kann er den Tischnachbarn nichts von einer ambulanten Psychotherapie erzählen, die er vor der Entführung gemacht hat. Noch weniger kann er ihnen von seinem Verdacht erzählen, dass er Tilmann Braun für das Scheitern der Entführung verantwortlich macht.

12

15:04 Uhr und Frau Krögerschmidt ist noch immer nicht zu ihrem Termin erschienen. Tilmann steht vor der Fensterfront seiner Praxis und schaut immer wieder auf seine Uhr. Bislang war sie immer einige Minuten vor ihrem Termin da.

Tilmann geht noch einmal gedanklich die letzte Sitzung mit seiner Patientin durch. Wieder macht sich diese nagende Unsicherheit in seinem Magen breit. Wieder packt ihn die Sorge, dass Frau Krögerschmidt Selbstmord gefährdet ist. Selbstmord! Was für ein dämliches Wort. Zum Mord gehört immer Hinterhalt oder Heimtücke: Wie soll ein Mensch sich selbst gegenüber hinterhältig sein, denkt Tilmann kopfschüttelnd.

Es klingelt und Tilmann schreckt zusammen. Belastet von seinen Phantasien geht er schleppenden Schrittes zum Türöffner.

Es ist Frau Krögerschmidt.

»Guten Tag, Herr Braun. Es tut mir leid, ich habe mich verspätet, weil ich zeitlich zu knapp losgefahren bin und vor ihrer Praxis einfach keinen Parkplatz gefunden habe.«

»Junge Frau, ich freue mich ehrlich, Sie zu sehen.«

Ich freue mich nicht nur, ich bin vor allem sehr erleichtert, denkt er und atmet tief durch.

»Kommen Sie erst einmal herein, legen ab und nehmen gerne schon Platz.«

Frau Krögerschmidt, heute sehr elegant mit einem schlichten Kostüm und einem dazu passenden Hut gekleidet, berichtet von ihrer Woche. Wie gewohnt schildert sie ihre Tage, gibt an, ihre Übungen gemacht zu haben und versucht dabei, gelöst zu wirken.

»Das klingt für mich so, als wenn die Woche recht angenehm war und sich der Leidensdruck weiter abgebaut hat?«

»Ja, Herr Braun …«

Tilmann lässt seine Patientin nicht weiterreden, wohl wissend, dass sie wieder versuchen würde, das vermutete innere Elend zu vertuschen: »Frau Krögerschmidt, in Zahlen ausgedrückt, oder wenn es Ihnen leichter fällt, in Schulnoten, wie ging es Ihnen in der letzten Woche?«

Er will auf einen bestimmten Punkt hinaus, zieht die Zügel an und lässt seiner Patientin weniger Spielraum.

»In Schulnoten ausgedrückt … war es dann doch nur eine Drei Minus.«

Sich ertappt fühlend kann sie dem Blickkontakt zu Tilmann nicht standhalten und schaut beschämt zu Boden.

»Na, das ist dann doch etwas mau, Frau Krögerschmidt. Ich hatte gehofft, den befriedigenden Bereich verlassen zu haben, mit Tendenz zum guten Bereich. Dabei hatten wir in der letzten Woche wiederholt telefonischen Kontakt ...«

»Das war sehr nett von Ihnen. Dadurch habe ich mehr an meine Hausaufgaben von Ihnen gedacht und es hat mir wirklich geholfen.«

»Das ist schön, aber leider nicht schön genug. Es freut mich, dass Ihnen die Anrufe geholfen haben. Ich mache mir ehrlich gesagt weiter große Sorgen um Sie!«

»Warum denn das?«

Tilmann spitzt seine Lippen, reibt an seinen Fingern und fragt sich, wie er seine Vermutung möglichst wenig schockierend formulieren kann.

»Sie sind immer sehr freundlich und aufmerksam, wenn Sie hier sind. Ich habe auch den Eindruck, dass zwischen uns ein gutes, tragfähiges Vertrauensverhältnis besteht. Dennoch drängt sich mir immer wieder der Verdacht auf, Sie könnten womöglich … lebensmüde sein. Ist dem so?«

Frau Krögerschmidt schaut auf und blickt Tilmann tief in die Augen. Wieder entsteht eine lange Pause, aber sie hält jetzt dem Blick stand.

Tilmann beobachtet, wie sie ihren Daumen und Mittelfinger aneinander reibt. Er vermutet, dass sie jetzt genau überlegt, was sie ihm alles sagen kann.

»Es hat schon Tage gegeben, da haben Sie recht, die waren für mich sehr schwierig. Es waren sehr … finstere Tage! Da hat mich nur noch sehr wenig am Leben gehalten.«

»Was hat Sie denn am Leben gehalten?«

»Natürlich sind es erst einmal meine Kinder …«

Pause

»Nur Ihre Kinder?«

Frau Krögerschmidt merkt, dass Tilmann nicht locker lässt und sie weiterhin anschaut ohne den Blick abzuwenden. Sie verspürt den Druck und reibt wieder den Daumen am Mittelfinger.

»Nicht nur … Meine Kriegserlebnisse haben mich gelehrt, nicht aufzugeben. Denn irgendwie und irgendwann wurde es immer wieder besser, frei nach dem Motto: nach dem Regen kommt auch wieder Sonne. Doch heute, an schwierigen Tagen, fehlt mir manchmal diese Hoffnung.«

»Könnte es sein, dass Sie an diesen schwierigen Tagen in gewisser Weise den inneren gefühlsmäßigen Kontakt zur positiven Seite und des Lebens verlieren?«

»Das kann schon sein … denn vom Verstand her weiß ich ja absolut, dass es diese positiven Seiten gibt, aber tatsächlich fühle ich das dann nicht … und stattdessen ist dann nur Leere und Hoffnungslosigkeit in mir!«

Zum ersten Mal seit langer Zeit sagt Frau Krögerschmidt so offen, wie es ihr in diesen schlechten Phasen geht. Sie meint gerade nicht mehr, alles mit sich allein ausmachen zu müssen. Ihr Blick ist zwar Tränen verschleiert, aber Tilmann spürt, dass es gerade echtes Mitgefühl ist, das sie für sich empfindet, und dass sie beide zusammen an einem entscheidenden Punkt der Therapie sind.

Er lächelt ihr, selber dankbar, zu und hat spontan noch eine Idee.

»Das mag Ihnen jetzt etwas Überfall artig vorkommen, aber ich würde gerne noch etwas mit Ihnen ausprobieren, womit sich dieser innere Gefühlskontakt vielleicht wieder verbessern lässt …«

»Es gibt solche und solche Überfälle, Herr Braun, aber ich bin ehrlich gespannt, ob wir in meine über siebzigjährige Großhirnrinde noch etwas neuen Schwung bringen können!«

Beide müssen lachen.

»Also gut, bitte versetzen Sie sich gleich zuerst in eine belastende Situation, die für Sie mit Hoffnungslosigkeit und Leere verbunden ist. Das kann eine vergangene oder eine gegenwärtige Situation sein, und wir müssen am Anfang nicht gleich die schlimmste nehmen. Und danach pendeln Sie gewissermaßen innerlich auf die positive Seite, zum Beispiel das schöne Leben auf Mallorca.«

Die Erfahrung zeigt, dass bei passender Auswahl der jeweiligen Situationen und einer guten Anleitung zur sehr bewussten Ausführung, am Ende sich das negative Empfinden erheblich abschwächt, während die positive Emotionalität der „guten Situation“ erhalten bleibt oder sogar noch verstärkt wird. Der Hauptlerneffekt scheint zu sein, dass Patienten sich negativen Erinnerungen und denen mit ihnen verbundenen Emotionen nicht mehr so ausgeliefert fühlen. Und eben dieses sich ausgeliefert oder hilflos Fühlen ist ein Kernaspekt depressiver Störungen.

Tilmann ist froh, dass Frau Krögerschmidt heute sehr experimentierfreudig ist. Es fallen ihr mühelos Situationen beider Ausprägung ein. Am meisten, und darüber staunen sie beide, profitiert Frau Krögerschmidt am Ende vor allem von der Fokussierung des jeweils zugehörigen körperlichen Empfindens. Am Schluss der Sitzung nennt sie die Technik die „Licht-und-Schatten-Übung“ und verspricht Tilmann beim Abschied, dass sie die bis zum nächsten Termin selber ausprobieren möchte.

»Und, Herr Braun, Sie müssen mich in den nächsten Tagen nicht mehr unter komischen Vorwänden anrufen!«

»Ach wo, Frau Krögerschmidt, ich …«

»Nein, nein, auch Sie müssen mal an Ihre positiven Aktivitäten und Sozialkontakte denken!«

Ohne noch eine Antwort abzuwarten, lässt sie Tilmann perplex im Türrahmen stehen, nimmt mit erstaunlicher Leichtigkeit die paar Stufen zur Haustür und entschwindet durch selbige.

Wo sie recht hat, hat sie recht, denkt Tilmann belustigt. Er muss nachher unbedingt mit Peer sprechen!

Abends sitzt Peer in der Tat bei Tilmann und der sprudelt los.

»Peer, wann haben wir Erfolg in unseren Behandlungen? Woran machst du Behandlungserfolg fest?«

»Was quält dich denn schon wieder?« Peer verdreht seine Augen, weil er diese Situationen mit seinem Freund nur zu gut kennt. Er hat das Gefühl, dass Tilmann wieder an seinen eigentlich unbestrittenen Fähigkeiten zweifelt und Zuspruch benötigt.

»Ach, es gibt eine Therapie, in der ich heute zwar weitergekommen bin, aber noch nicht den richtigen Erfolg sehe. Und ich frage mich …«

»Lass mich raten: … was du falsch machst?«

»Ich weiß, dass meine Diagnose stimmt …«

»Denn du hast sie vorbildlicher Weise mit einem Fragebogen abgesichert?«

»Genau … und darüber hinaus habe ich eingehend die einschlägige Fachliteratur gewälzt und festgestellt, dass ich auch die richtigen Inhalte angesprochen habe. Aber alles, ohne den gewünschten Erfolg zu erzielen.«

»Ich korrigiere: Du hast noch nicht den gewünschten Erfolg erzielt, und es ist der von dir gewünschte Erfolg. Du kriegst also wie immer den Hals nicht voll! Vermutlich bist du in der zehnten Sitzung und bist drauf und dran, die Kassenzulassung abzugeben, oder?«

»Ach, Peer, mach dich doch nicht sofort wieder lustig über mich! Gib mir zumindest einen winzigen Augenblick lang das Gefühl, ernstgenommen zu werden.«

»Jetzt verlangst du aber fast Unmenschliches von mir …«

»Oder ich mache dir erst einmal einen Espresso. Du siehst so aus, als wenn du einen starken Kaffee gebrauchen könntest. Ich bin gespannt, was du von der neuen Sorte hältst. Vielleicht wird danach dein Spott über mich nicht völlig vernichtend ausfallen.«

Als leidenschaftlicher Kaffeetrinker wechselt Tilmann gerne seine Kaffeesorten. Mit der Suche nach neuen Bohnen im Internet kann er seine Gedanken zwischenzeitlich gut zerstreuen und denkt dabei auch gerne an den nächsten Urlaub.

»Nein, Peer, mich quält nicht die Anzahl der Sitzungen. Ich denke auch nicht darüber nach, ob ich in der Behandlung zu langsam bin. Ich frage mich, was nimmt ein Patient mit? Warum kann der eine Hausaufgaben umsetzen und es geht ihm besser und bei einem vergleichbaren Fall klappt es einfach nicht?«

»Wer weiß, wer weiß. Vielleicht braucht dein Fall einfach nur Zeit? Manchmal können Patienten unsere Empfehlungen erst zeitversetzt umsetzen und merken erst allmählich die Wirkung. Es kann aber auch sein, dass beispielsweise hinter einer vordergründigen Depression eine Persönlichkeitsstörung steckt. In diesem Fall hilft auch kein noch so ausgefeiltes und erprobtes Behandlungsprogramm gegen die Depression.«

»Auch daran habe ich gedacht und habe deshalb einen Persönlichkeitstest durchgeführt, der aber auch unauffällig gewesen ist.«

»Wenn du möchtest, kannst du mir, weil mich dein köstlicher Espresso wieder wachgerüttelt hat, deinen Fall vorstellen und wir überlegen zusammen, welches Problem dahinterstecken könnte.«

Peer und Tilmann gehen ins Wohnzimmer und setzen sich auf das große Sofa, bevor Tilmann die Behandlung mit seiner Patientin darstellt. Er beschreibt Frau Krögerschmidt als agile Dame, die sich nie getraut hat, ihre Homosexualität öffentlich zu machen und sehr unter dem Tod der Partnerin leidet. Beim Thema Coming Out ist sein schwuler Freund natürlich ein verständnisvoller Ansprechpartner.

»Vielleicht sollten wir in Richtung irrationaler Überzeugungssysteme denken, also in Richtung Schemata. Seid ihr bei den wenigen Sitzungen schon so weit gekommen?«, fragt Peer hoch konzentriert.

»Das war in einer Sitzung Thema. Es ging um Minderwertigkeit beziehungsweise sogar die Überzeugung, nichts wert zu sein. Aber wir fanden keine damit verbundenen richtigen Bilder, Erinnerungen oder Gefühle, die wir hätten vertiefen oder mit denen wir hätten arbeiten können.«

»Ja du … ich denke gerade auch weniger an Wertlosigkeit, sondern mehr daran, dass sie vielleicht nicht mehr glücklich sein darf oder, noch schlimmer, meint, auch tot sein zu müssen. Ich kann auch vollkommen falsch liegen …«

»Du denkst, es könnte sich um eine versteckte Selbstbestrafung handeln, zu der sie noch keinen Bezug hat?«

Tilmann spitzt die Lippen und ist von Peers Überlegungen ganz angetan.

»Vielleicht! Mir fiel eben nämlich ein Patient ein, den ich vor langen Jahren behandelt habe. Der war chronisch suizidal, trotz dem sehr motiviert … und wir haben echt das ganze Depressionsprogramm abgearbeitet. Nichts half, bis er mehr zufällig mal das Wort Todessehnsucht verwendete. Erst dann bin ich auf den Trichter gekommen, nach der Funktionalität zu fragen! Und dann stellte sich raus, dass er sich nicht erlaubte, wirklich zu leben, weil er sich damit von seiner Mutter entfernt hätte, die verstorben war, als er vier Jahre alt war. Er hatte das Gefühl, sie alleine im Dunkeln und in der Kälte zu lassen, denn so hatte ihm damals jemand den Tod erklärt, als er klein war. Und mit dieser Phantasie, mit diesen Bildern und Vorstellungen konnten wir dann arbeiten. Erst dann hat die Suizidalität ganz allmählich nachgelassen.«

Peers Überlegung, Frau Krögerschmidt verbiete es sich aus einer Art Loyalität heraus vielleicht, wieder glücklich zu sein, ohne dass es ihr bewusst sein müsste, fasziniert Tilmann. Auf diesen Gedanken war er bislang noch nicht gekommen, er machte aber eindeutig Sinn.

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