Kitabı oku: «Metamorphose auf dem Mars», sayfa 4

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„Das wird nicht so einfach sein“, gab der Russe zu bedenken. „Was?“ „Na die Sache mit den Giftkapseln. Ich denke, der Überlebenswille jedes Einzelnen von uns ist so übermächtig, dass wir die Kapseln nicht schlucken würden, wenn auch nur noch ein kleines Fünkchen Hoffnung bestünde.“ „Hoffnung?“, fragte Erik mit diabolischer Miene, „wo siehst du da Hoffnung, 30 Millionen Kilometer von der Erde entfernt? Wir hätten nur die Wahl zwischen Ersticken oder Erfrieren, denn wenn der Reaktor ausfiele, hätten wir im Mannschaftsmodul auch keine Energie mehr für die Lebenserhaltung.“ „Falsch“, behauptete Gregori, „wir hätten immer noch die Sonnenpaddel und wer sagt denn, dass bei einem Ausfall des Plasmatriebwerkes gleichzeitig auch der ganze Reaktor ausfallen müsste.“ „Aber wir hätten keinen Antrieb mehr und eine derartige Havarie im Weltraum hat noch keiner überlebt. Doch ich sehe schon, du hast auch darauf eine Antwort.“ „Ganz recht, ich habe mir Gedanken über eine derartige Situation gemacht und du wirst zugeben, dass permanente Albträume ein starker Anreiz dafür sind, nach Lösungen für solche Probleme zu suchen. Also hör dir an, was mir dazu eingefallen ist, und unterbrich mich, wenn ich deiner Meinung nach anfange, Blödsinn zu verzapfen.

Sagen wir, auf der Hälfte der Strecke zum Mars fiele unser Antrieb aus, dann hätten wir in etwa unsere Maximalgeschwindigkeit erreicht, stimmt es?“ „Ja, stimmt“, räumte Erik ein. „Und da wir nicht abbremsen können“, fuhr Gregori fort, „würden wir den Mars früher als geplant erreichen. Das heißt doch, wir könnten noch innerhalb des Startfensters zurückfliegen. Und, was noch toller ist, wir könnten sogar durch ein Swingby-Manöver um den Mars herum noch mehr Geschwindigkeit für den Heimflug aufnehmen. Wir wären dann, sagen wir mal, in 2 Monaten wieder in Erdnähe.“ „Ah, ich verstehe“, staunte Erik. „Du spielst das Apollo 13 Szenario nach. Aber bedenke, wir hätten immer noch keine Energie für die Lebenserhaltung und wir kämen mit einer affenartigen Geschwindigkeit bei der Erde an.“

„Bei dieser kurzen Flugdauer könnten die Plutonium-Batterien im Mars-Lander und die Energie aus den Sonnenpaddeln durchaus reichen“, behauptete Gregori. „Die PROMETHEUS könnten wir ohne Antrieb natürlich nicht abbremsen. Sie würde in der Atmosphäre verglühen. Doch wir könnten zuvor in den Mars-Lander umsteigen und diesen durch mehrmaliges Umkreisen der Erde in der oberen Stratosphäre langsam abbremsen. Vielleicht könnten uns die ISS oder die Bodenstation auch ein Shuttle entgegenschicken, dann müssten wir das nur für den Mars konstruierte Gerät nicht einmal landen. Du siehst, wir hätten eine Chance.“ „Ja, eine Chance hätten wir, wenn auch eine sehr geringe“, gab Erik zu.

Gregori deutete auf den Bildschirm über ihren Köpfen, der die im Sonnenlicht strahlende Erde zeigte und sagte: „Um sie noch einmal aus der Nähe zu sehen, um zu ihr zurückzukehren, dafür würde ich alles Menschenmögliche tun, du etwa nicht?“ „Natürlich“, seufzte Erik. „hoffen wir, dass wir es irgendwie schaffen!“

Eine Weile herrschte Schweigen im Cockpit und die beiden Piloten hingen ihren Gedanken nach. Erik unterbrach schließlich die Stille und meinte: „Da ich nun deinen Albtraum kenne, ist es nur recht und billig, dass du auch meine diesbezüglichen Träume kennenlernen solltest. Das Ganze fing schon während unseres Trainings auf der Erde an. So durchschlug z. B. in einem meiner Träume ein Meteor das Mannschaftsmodul und die Luft entwich – wie aus einem Gummiballon. Danach träumte ich, die zum Mars vorausgeschickten Ausrüstungsgegenstände seien defekt und wir säßen für immer auf diesem verrosteten Planeten fest. Soll ich fortfahren?“ „Um Himmels willen, nein, du bist ja ein heilloser Pessimist, mit so jemandem zu fliegen, ist ja geradezu eine Strafe! Wenn unsere Mission schon so brandgefährlich ist, sollten wir dann nicht zum Rückzug blasen? So könnten wir beispielsweise bei unserem Probeflug den Reaktor absprengen und behaupten, er sei defekt gewesen. Das würde die Mission um Monate verzögern. Wir würden das Startfenster verpassen und andere lebensmüde Astronauten müssten den Flug zum Mars antreten.“

„Was?“, rief Erik entsetzt, „du willst ein 500 Milliarden-Dollar-Projekt an die Wand fahren? Bist du noch bei Trost? Doch was wundere ich mich, ihr Russen wart ja schon immer die geborenen Saboteure!“

Gregori schüttelte in gespieltem Bedauern den Kopf: „Wie gesagt, du bist ein heilloser Pessimist, ohne einen Funken Humor. Erik, du würdest einen Scherz nicht einmal erkennen, selbst wenn er dir vor der Nase baumelte. Hältst du mich wirklich für so feige, dass ich zu so einer Tat fähig wäre?“ „Für einen Moment … , du hast so ernst und überzeugt geklungen“, meinte Erik kopfschüttelnd. „Das ist ja der Witz beim Scherz, der Erzähler muss überzeugend klingen, ansonsten kann man es gleich bleiben lassen“, erklärte der Russe lächelnd. „Du mäkelst also an meiner pessimistischen Einstellung herum?“ Erik klang immer noch etwas beleidigt. „Hast du dir schon einmal überlegt, welch schwere Verantwortung als Kommandant dieses Unternehmens auf mir lastet? Das Ganze ist doch absolutes Neuland und es ist nur natürlich, dass ich mir auch Katastrophen ausmale, auf die ich eine richtige und schnelle Antwort finden muss. Da wird man zwangsläufig zum Pessimisten und findet nur noch wenige Dinge witzig.“ „Willst du jetzt als armer geplagter Kommandant Mitleid bei mir schinden?“, fragte Gregori. „Aber du hast wohl recht, um nichts in der Welt möchte ich mit dir tauschen! Mir reicht vollauf mein Ingenieursjob. Wie du gesehen hast, führt schon die Verantwortung, all die Technik am Laufen zu halten, bei mir zu Albträumen.“ „Vergessen wir die blöden Albträume und testen wir lieber das Plasmatriebwerk“, schlug Erik vor.

„Reicht der Abstand zur ISS inzwischen?“ „Ja, der Abstand ist o. k., fangen wir also an“, stimmte Gregori zu. Er drückte auf den Knopf, der den Reaktor hochfahren würde. Während sie beide auf die Temperaturanzeige der Reaktorkammer starrten, knurrte der Russe: „Eines solltest du allerdings wissen, Erik, wenn der atomare Antrieb nur ein einziges Mal ins Stottern gerät, setze ich keinen Fuß mehr in diese Blechkiste, denn meine Großmutter hat gesagt, man soll auf seine Träume hören.“ „Wollen wir wetten, du Angsthase, dass nichts dergleichen passieren wird?“, bot Erik seinem Ingenieur an. Doch der Russe zeigte ihm nur den Vogel und schwieg.

Erik lag mit seiner Vermutung völlig richtig, die Initialisierung des Plasma-Triebwerkes verlief völlig reibungslos. Erik teilte die gute Nachricht sowohl Bob Miller als auch der Bodenstation mit. Pullok geriet vor Begeisterung ganz aus dem Häuschen. „Hab ich es euch nicht gesagt, ihr habt das beste Raumschiff, das ihr kriegen könnt. Also testet es jetzt 48 Stunden auf Herz und Nieren – wie ausgemacht!“ Der Schub, den dieser neuartige Antrieb erzeugte, war zwar minimal, doch das Ergebnis summierte sich im Laufe der Zeit und die PROMETHEUS wurde in immer höhere Umlaufbahnen gehoben. Nach 24 Stunden befanden sich die beiden Astronauten weiter von der Erde entfernt als jeder Erdsatellit und jeder Mensch. Pünktlich nach 24 Stunden schaltete Erik auf Umkehrschub.

Die PROMETHEUS näherte sich in Spiralen wieder der Erde und erreichte schließlich erneut die Umlaufbahn der ISS. Mit den von flüssigem Wasserstoff betriebenen Steuertriebwerken näherte sie sich wieder der Raumstation und dockte an.

Die beiden Männer waren hundemüde, obwohl sie sich bei der Steuerung des Raumschiffes abgelöst hatten. Dennoch konnten sie mit Ablauf der letzten beiden Tage zufrieden sein, denn die PROMETHEUS hatte sich als raumtüchtig erwiesen. Als das Raumschiff wieder sicher mit der ISS verbunden war, vertrieb die Euphorie über den gelungenen Testflug Eriks Müdigkeit. Er knuffte Gregori in die Seite und sagte aufgekratzt: „Na, was sagst du nun, ist das Schiff jetzt startbereit oder nicht? Endlich hat die elende Warterei ein Ende.“ Der Russe ließ sich Zeit mit der Antwort. Schließlich meinte er nüchtern: „Sieht so aus, als ob die alte Blechkiste o. k. ist. Du solltest aber bedenken, wenn wir damit zum Mars und zurück fliegen wollen, muss das Schiff zwei Jahre lang einwandfrei funktionieren. Die lächerlichen zwei Tage unseres Testflugs sagen da noch herzlich wenig aus.“ „He, wer ist nun eigentlich der Pessimist von uns beiden?!“, rief Erik verwundert aus, „oder hat dir am Ende die Müdigkeit das Hirn vernebelt. Komm, lass uns aussteigen, sonst schläfst du mir hier am Ende noch ein.“

Das Schnarren seiner Armbanduhr weckte Erik am anderen Tag aus einem unruhigen Schlaf voller bizarrer Träume. Für einen Moment glaubte er, sich noch auf der PROMETHEUS zu befinden, bis er seine eigene Kabine auf der ISS erkannte.

Es war schon seltsam, wie Bilder aus der Vergangenheit den Geist gefangen zu halten vermochten. Das Gespinst von Erinnerungen zeigte doch mehr Verknüpfungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, als dem Menschen je bewusst werden konnte. Erik schüttelte benommen den Kopf, um seine Schlaftrunkenheit loszuwerden, denn die Zeit drängte. Morgen würde er mit der PROMETHEUS zu einem nie gekannten Abenteuer aufbrechen und heute … ja heute würde er zu spät zur Pressekonferenz kommen. Er befreite sich vorsichtig aus seinem fixierten Schlafsack, stieß sich leicht von seinem Bettgestell ab und segelte hinüber zu einem Spiegel, der an der Schmalseite des Raumes angebracht war. Was ihm da entgegenblickte, quittierte er mit einer Verwünschung. Der Spiegel zeigte ein müdes Gesicht mit verquollenen Augen und Haare, die in allen Richtungen vom Kopf abstanden. So konnte er unmöglich vor eine Fernsehkamera treten! Wie gern hätte er jetzt eine heiße Dusche genommen, doch in der Schwerelosigkeit war das so gut wie unmöglich. Er griff deshalb zu einer Tube, die unterhalb des Spiegels befestigt war, quetschte aus ihr etwas Haargel heraus und verteilte es vorsichtig auf seinem Kopf. Danach griff er zu einem Kamm und versuchte, sein Haar zu bändigen. Er zerrte ein Taschentuch aus seiner Hose, befeuchtete es an einer aufgehängten Wasserflasche, fuhr sich damit über das Gesicht und rieb sich den Schlaf aus den Augen.

Das Ergebnis seiner Bemühungen war zwar dürftig, doch es war alles, was er im Moment tun konnte. Toilette zu machen und ein Minimum an Ordnung in seiner Kabine aufrechtzuerhalten, war auf der ISS, verglichen mit der gleichen Tätigkeit auf der Erde, eine wahre Sisyphusarbeit. Buchstäblich alles, was man vergaß festzuzurren, schwebte irgendwo im Zimmer herum oder war unauffindbar. Erik schnitt seinem Ebenbild im Spiegel eine Grimasse, stieß sich von der Wand ab und hechtete zur Tür. Er hatte es wirklich eilig.

Draußen auf dem Bogengang vor seiner Koje angekommen, hangelte er sich mit affenartiger Geschwindigkeit an einem Geländer entlang. Er wurde immer schneller, bis er sich wie ein Habicht im Sturzflug fühlte und prallte prompt an der nächsten Gangkreuzung mit einem Crewmitglied der Station zusammen. Beide verloren den Halt an ihrer jeweiligen Führungsstange und schlugen Purzelbäume. Der Mann starrte Erik grimmig an, denn er gab ihm die Schuld an dem Zusammenstoß, da er von links gekommen war. Trotz ihrer misslichen Lage musste Erik unwillkürlich grinsen. Wie bescheuert waren doch die Menschen, dass sie selbst auf einer Raumstation die Regel rechts vor links beibehalten hatten. „Haben Sie sich verletzt?“, erkundigte sich Erik bei dem Mann, nachdem sich das Menschenknäuel entwirrt hatte. Der Mann winkte ab und wurde sogar eine Spur freundlicher, als er in Erik den Kommandanten der PROMETHEUS erkannte. Erik hastete weiter und landete kurze Zeit später im Konferenzraum der ISS.

Dort war schon seine ganze Crew versammelt und selbst Bob Miller hatte sich mit einigen seiner Männer eingefunden, um an der Pressekonferenz teilzunehmen. Doch ehe die Konferenz begann, hatte man es so eingerichtet, dass zuerst die Astronauten sich von ihren Familien verabschieden konnten. Da Erik von niemandem Abschied nehmen konnte (seine Eltern waren bereits tot und Geschwister hatte er keine), nahm er in der zweiten Reihe neben Miller Platz. Der flüsterte ihm zu: „Na, gerade noch geschafft, gleich geht das Heulkonzert los. Sie fangen mit Südamerika an.“ Eriks Crew saß angeschnallt in der ersten Reihe und starrte auf den großen Bildschirm vor ihnen, als hinge ihr Leben davon ab. Plötzlich erglühte der Bildschirm, eine Art Schneegestöber wanderte über sie hinweg und dann stand die Leitung zur Erde. Man sah ein Studio in Rio und darin saß Maria Vargas. Sie hatte ein süßes, etwa 8-jähriges kaffeebraunes Mädchen auf dem Schoß, das eine rote Schleife im Haar trug. Ihre rechte Hand umklammerte die Hand eines etwa 10-jährigen Jungen, der erschrocken in die Kamera blickte. Durch den Körper von Louis ging ein Ruck, er zwang ein Lächeln auf sein zuvor ernst blickendes Gesicht und er begann sofort, seine Familie mit einem Schwall portugiesischer Worte zu überschütten. Erik erkannte die rassige, fröhliche und bildschöne Frau von Louis nicht wieder, wie sie mit großen, traurigen Augen an den Lippen ihres Mannes hing, damit ihr nur ja keines seiner Worte entging.

Auch ihr Sohn schien den Ernst der Lage erfasst zu haben, denn er blickte genau so traurig wie seine Mutter. Nur das kleine Töchterchen lachte und klatschte in die Hände, als sie ihren Vater erkannte. Der Brasilianer wollte offenbar die Stimmung seiner Familie etwas auflockern, denn er schnallte sich los und zeigte, wie man in der Schwerelosigkeit schweben konnte. Da verzog sich auch das Gesicht seines Jungen zu einem schwachen Lächeln. Doch seine Frau konnte er damit nicht aufheitern. Sie rief ihm mit trauriger Stimme einige Abschiedsworte zu, denn ihre Sendezeit ging dem Ende zu. Augenblicke später wurde die Verbindung unterbrochen. Das gezwungene Lächeln schien auf dem Gesicht des Brasilianers zu gefrieren. Er blickte zu Boden und schlug die Hände vors Gesicht.

„Es ist eine Schande“, brummte Bob neben Erik, „die Sender opfern gerade einmal fünf Minuten für die Verabschiedung jeder Familie, obwohl das ein Abschied für immer sein könnte.“ „Ja“, knurrte Erik, „und dann nehmen sie sich zwei Stunden dafür Zeit, dass uns Klatschreporter mit ihren dämlichen Fragen löchern können.“

Er wollte sich noch weiter über die unbegreiflichen Gepflogenheiten von Fernsehsendern auslassen, kam aber nicht dazu, weil schon ein neues Bild über den Monitor flimmerte. Es wurde von St. Petersburg aus gesendet und zeigte Nastassia Danilowa mit ihren drei Söhnen. Erik kannte die Frau von Gregori nur aus dessen Erzählungen, aber genauso hatte er sie sich vorgestellt. Konnte man die Frau des Brasilianers mit einem rassigen Rennpferd vergleichen, so hatte man es hier offenbar mit einem biederen Ackergaul zu tun. Frau Danilowa war ebenso athletisch gebaut wie ihr Mann und hatte ein breitflächiges Gesicht mit hohen Wangenknochen. Dass etwas mongolisches Blut in ihren Adern floss, war offensichtlich. Gregori redete in gutturalem Russisch auf sie ein und sie antwortete ihm mit tiefer Altstimme und unbewegtem Gesicht. Nur in der Art, wie sie ihren jüngsten Sohn auf ihrem Schoß umklammerte, konnte man ihre Erregung erraten. Wie Wachsoldaten standen die beiden älteren Söhne von Gregori, in strammer militärischer Haltung, rechts und links von ihrer Mutter. Ein Vaterschaftstest erübrigte sich beim Anblick dieses Nachwuchses, dachte Erik amüsiert. Die Buben waren dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten.

Nachdem Gregori einige Worte mit seiner Frau gewechselt hatte, wandte er sich seinen Kindern zu. Mit strenger Miene und erhobenem Zeigefinger schien er sie zu ermahnen. Mein Gott, dachte Erik, selbst in so einer Situation liest er ihnen noch die Leviten, das darf doch nicht wahr sein! Doch offenbar geschah genau dies, denn Bob, der perfekt russisch sprach, lachte plötzlich laut auf und gluckste: „Das ist Gregori, wie er leibt und lebt! Er macht seine Söhne zur Schnecke und droht ihnen gar Prügel an, wenn sie der Mutter nicht aufs Wort folgen.“ Zum Glück wurde Gregoris Gardinenpredigt unterbrochen, als die 5 Minuten Sendezeit vorüber waren und seine Frau samt Kinder vom Bildschirm verschwanden.

An ihrer Stelle erschien nun Hans Gattin mit ihrer Tochter, die von einem Studio in Hongkong zugeschaltet waren. Genau genommen, sah man nur die Frau von Han, denn seine Tochter hatte sich hinter dem Rücken der Mutter versteckt und lugte nur mit einem ihrer mandelförmigen Augen dahinter hervor. Han gelang es, mit beruhigenden Worten das Mädchen hinter ihrer Mutter hervorzulocken. Jetzt sah man, dass die Kleine einen Wimpel der Volksrepublik China in der Hand hielt, während sie sich mit der anderen Hand ängstlich an ihre Mutter klammerte. Ihre Mutter schaffte es, ihren eh schon kleinwüchsigen Gatten noch um 10 Zentimeter an Größe zu unterbieten.

Sie war eine zierliche Kindfrau mit hochgestecktem schwarzem Haar und einem Gesicht wie aus Meißener Porzellan. Sie antwortete ihrem Gatten mit glockenheller Stimme, was in Eriks Ohren wie Vogelgezwitscher klang. Ihr Gesicht wirkte dabei maskenhaft, war jedoch von unnatürlicher Blässe, was auf ihre innere Erregung hindeutete. Als sie sich schließlich am Schluss der Sendung, mit gefalteten Händen, vor ihrem Gatten verbeugte, war es mit Hans mühsam aufrechterhaltener Beherrschung vorbei. Seine sonst so undurchdringlichen Gesichtszüge verzerrten sich wie im Krampf und eine einsame Träne rollte über seine rechte Wange.

Hans Familie verschwand vom Monitor und an ihrer Stelle erschien ein würdiger alter Herr mit schlohweißem Haar und einem Oberlippen-Bärtchen. Es war der Vater von Julia Winter, der sich in einem Hamburger Studio eingefunden hatte, um Abschied von seiner Tochter zu nehmen. Die Ärztin versteifte sich etwas beim Anblick ihres Vaters, hatte sich jedoch gleich wieder gefasst und versuchte, ihm freudige Begrüßungsworte zuzurufen.

Das Gleiche hatte offenbar auch ihr alter Herr vor, sodass sie am Anfang ihres Gespräches etwas aneinander vorbeiredeten. Die Spannung zwischen den beiden war mit Händen zu greifen, obwohl sie sie tunlichst unter den Teppich zu kehren versuchten. Erik konnte sich gut vorstellen, wie der Vater lange Zeit versucht hatte, die Tochter von diesem „irrsinnigen Schritt“ in den Weltraum abzuhalten. Doch die Tochter hatte letztendlich ihren Kopf durchgesetzt. Ihre Querelen wollte allerdings keiner der beiden beim Abschied wieder hochkochen lassen. So verschwand der Medizinprofessor nach letzten aufmunternden Worten an seine einzige Tochter vom Bildschirm.

„Geschafft“, seufzte Bob neben Erik, „wenigstens den ersten Teil der Tortur, denn das Schlimmste steht uns ja noch bevor! Gleich wird Pullok eine ganze Meute von Reportern auf euch hetzen.“ „Ah, Pullok leitet die Pressekonferenz, das hätte ich mir denken können. Unser Missionsleiter lässt doch keine Gelegenheit aus, wenn es um Publicity geht.“ „Ich glaube, da tust du ihm unrecht“, wandte Bob ein. „Er wirbt ja nicht für sich selbst, sondern für die ewig klamme NASA.

Ich sitze doch ebenfalls nur hier, um die Belange der ISS ins rechte Licht zu rücken, damit der Kelch der nächsten Kürzung unseres Budgets an uns vorübergehen möge. Und dabei würde ich noch lieber als Straßenbahn-Schaffner arbeiten, als mich hier von bescheuerten Reportern löchern zu lassen.“ „Wann fängt der Zirkus an?“, wollte Erik wissen. „In fünf Minuten“, brummte Bob. „Man lässt uns, oder besser gesagt deiner Crew noch etwas Zeit, damit sie den Abschied von ihren Familien verdauen kann.“

Die 5 Minuten mussten längst verstrichen sein, als der Bildschirm vor ihnen wieder zum Leben erwachte. Er zeigte einen großen Saal, der bis auf den letzten Platz besetzt war, und selbst entlang der Wände standen die Leute. Die Menschen im Saal waren erregt, diskutierten, gestikulierten – der Lärmpegel war beachtlich. An der Stirnseite des Raumes hatte man ein Podium errichtet, dort thronte Pullok, von zwei seiner Assistenten flankiert. Er hatte seinen mächtigen Oberkörper, durch seine nicht minder gewaltigen Arme abgestützt, nach vorne gebeugt und maß mit dem Blick eines Raubtierdompteurs die Meute der Reporter. Nachdem ihm durch ein Zeichen mitgeteilt worden war, dass man bereits auf Sendung war, straffte sich sein Oberkörper und er griff zum Mikrophon. In kurzen Worten erklärte er, wie die Pressekonferenz ablaufen würde. Zunächst kämen die Reporter zu Wort, die ihre Fragen schriftlich eingereicht hätten, danach diejenigen, die sich spontan zu Wort meldeten. „Würde mich nicht wundern, wenn der alte Gauner die Fragen, die der NASA unangenehm werden könnten, gleich in den Papierkorb geworfen hätte“, meinte Bob lachend. „Darauf kannst du wetten, dass der Schlaumeier alle Fragen zensiert hat“, brummte Erik. „Apropos Wette: wetten, dass die erste Frage, wie auch die meisten anderen, an unsere hübsche Astronautin gehen werden?“ Bob lachte, „das könnte dir so passen, mein Lieber, aber gegen aussichtslose Wetten bin ich immun.“

Erik sollte recht behalten. Ein Reporter der „Herold Tribune“ hatte die Ehre, die erste Frage zu stellen. Aus der Masse der Reporter erhob sich ein Herr mit graumeliertem Haar und griff zum Mikrofon. Sich der weltweiten Aufmerksamkeit bewusst, legte er zunächst eine kleine Kunstpause ein, ehe er mit sonorer Stimme verkündete: „Meine erste Frage geht an Dr. Winter. Miss Winter, wie fühlen Sie sich als einzige Frau unter lauter Männern, sozusagen als Henne im Korb?“

Über das Gesicht der Ärztin lief ein unheilverkündendes Zucken, doch sie beherrschte sich und antwortete kühl: „Jeder im Team der Mars-Astronauten hat seine speziellen Aufgaben und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob es sich dabei um einen Mann oder eine Frau handelt.“ Der Mann wollte eine weitere Frage stellen, doch Pullok schnitt ihm einfach das Wort ab und erteilte es stattdessen einem kleinen agilen Mann, der den größten Fernsehsender Brasiliens vertrat.

Der Mann kam ohne Umschweife zur Sache und seine Frage richtete sich – wie könnte es auch anders sein – dachte Erik ergeben, an Julia Winter. „Frau Dr. Winter, Sie sind meines Wissens die einzige Ärztin an Bord der PROMETHEUS“, begann er, „wie steht es mit der medizinischen Ausrüstung an Bord ihres Schiffes? Sind Sie damit in der Lage, Notoperationen durchzuführen? Sagen wir: Knochenbrüche oder Blindarmentzündungen zu behandeln?“ „Die medizinische Ausrüstung an Bord ist exzellent“, antwortete die Ärztin lebhaft. „Wir sind damit durchaus in der Lage, leichte bis mittelschwere Operationen durchzuführen. Im Übrigen bin ich nicht der einzige Arzt an Bord. Professor Han Li hat neben Biologie auch noch Medizin studiert und könnte mir daher im Notfall, der hoffentlich nicht eintreten wird, assistieren.“

Offenbar hatten sich die Reporter auf Julia Winter eingeschossen, denn auch die nächste Frage ging an sie. Ein junger Mann mit modischer Brille und einem sorgfältig gestutzten Oberlippenbärtchen fragte sie, wie das Mannschaftsmodul der PROMETHEUS vor den harten Gammastrahlen aus dem Weltraum geschützt sei. Doch die schöne Ärztin leitete die Frage geschickt an Gregori weiter, indem sie behauptete, nicht so viel von Technik zu verstehen wie der Ingenieur der Crew.

Gregori antwortete auf seine unnachahmliche brummige Art: „Natürlich ist unser Mannschaftsmodul gegen Strahlen geschützt, und zwar durch eine 5 cm dicke Schicht aus Nano-Kohlenstoffröhren. Trotzdem kriegen wir noch jede Menge an Sekundärstrahlen ab. Die einzige Möglichkeit gegen größere gesundheitliche Schäden besteht darin, unseren Aufenthalt im Weltraum so kurz wie möglich zu halten. Daher wurde eine direkte Route zum Mars gewählt, während er in Opposition zu uns steht, was wiederum nur durch das neu entwickelte Plasma-Triebwerk möglich wurde.“

Endlich wurde auch eine Frage an den Kommandanten der Mission gestellt. Erik hatte sich schon gefreut und gemeint, man habe ihn vergessen. Eine junge Reporterin, die ihn anstrahlte, wollte wissen, wie er sich verhalten würde, wenn das zum Planeten vorausgeschickte Material Mängel aufweisen sollte. „Würden Sie dann sofort wieder die Heimreise antreten oder würden Sie improvisieren, um die Mission doch noch zu einem Erfolg zu führen?“ Erik wunderte sich, dass Reporter immer wieder Fragen stellten, bei denen die Antwort bereits auf der Hand lag. „Ich würde selbstverständlich noch innerhalb des Startfensters umkehren“, antwortete er mit fester Stimme. „Sie machen mir vielleicht Spaß, junge Frau, improvisieren auf einem fremden Planeten mit unbekannten Gefahren, das wäre das reinste Vabanque-Spiel. Außerdem bin ich nicht der Meinung, dass damit die Mission komplett gescheitert wäre. Die Menschheit hätte zum ersten Mal einen fremden Planeten erreicht und allein die gesammelten Bodenproben hätten einen unschätzbaren wissenschaftlichen Wert.“

Die junge Reporterin, der langsam klar wurde, dass sie eine überflüssige, wenn nicht gar dumme Frage gestellt hatte, setzte sich errötend. An ihrer Stelle erhob sich eine grauhaarige Dame mit modischem Pagenschnitt und griff gelassen zum Mikrophon. „Professor Li“, scholl ihre klare Altstimme durch den Saal, „erwarten Sie, auf dem Mars extraterrestrisches Leben vorzufinden?“ Oh je, Volltreffer, dachte Erik bekümmert. Die Reporterin hatte das Lieblingsthema von Han getroffen. Jetzt würde der Professor niemanden mehr zu Wort kommen lassen und den Rest der Pressekonferenz alleine bestreiten! Han legte auch sogleich los: „Hochverehrte Reporterin, der Mars war nicht immer der knochentrockene, verrostete Wüstenplanet, der nun kaum noch eine Atmosphäre besitzt. Vor circa 4 Milliarden Jahren ähnelte der Mars vielmehr der Erde in ihrer Frühphase. Das heißt, es gab flache Meere, Vulkanismus, die Atmosphäre war dichter und selbst die Temperaturen lagen höher als heute. Etwa zu dieser Zeit, also schon vor 4 Milliarden Jahren, begannen sich in den irdischen Weltmeeren Vorstufen des Lebens zu bilden. Diese haben sich schon eine Milliarde Jahre später zu kompletten Einzellern entwickelt, die man heute als Fossilien in 3 Milliarden altem Felsgestein nachweisen kann. Diese schon erstaunlich hochentwickelten Blaualgen, sogenannte Eukaryonten, besaßen bereits Zellkerne und Mitochondrien und … “

Hier wagte die Reporterin, den Professor zu unterbrechen. „Hochverehrter Herr Professor, mich interessiert weniger die irdische Evolution, ich wollte lediglich wissen, ob sich auch auf dem Mars Leben entwickelt haben könnte.“ „Aber diese Frage bin ich ja im Begriff zu beantworten“, polterte Han ungehalten über die Unterbrechung seiner Ausführungen, „denn so die glasklare Schlussfolgerung: Warum sollte auf dem Mars denn nicht auch eine biologische Evolution in Gang gekommen sein, wenn die Ausgangsbedingungen auf dem Mars mit denen der Erde fast identisch waren?“ „Aber die Marssonden aus dem vorigen Jahrhundert“, warf die Reporterin schüchtern ein – doch weiter kam sie nicht. Han Li gebot ihr mit einer herrischen Geste zu schweigen und rief erzürnt: „Die früheren Marssonden, diese uralten Marssonden, haben doch nur an der Oberfläche des Planeten gekratzt. Dort konnten sie ja gar kein außerirdisches Leben finden! Es befindet sich nämlich meiner Meinung nach exakt dort, wo auch das Wasser des Planeten verschwunden ist, nämlich in der unterirdischen Permafrostschicht.“ „Im Eis?“, fragte die Reporterin zweifelnd. „Selbstverständlich!“, behauptete der Professor kühn, „natürlich in partiell geschmolzenem Eis, denn Wasser benötigt das Leben in jedem Fall. Und wenn Sie nun meinen, das sei unmöglich, so will ich Ihnen gern vor Augen führen, unter welch lebensfeindlichen Bedingungen Einzeller auf der Erde zu überleben vermögen.“ Doch dazu kam der Professor nicht mehr. Pullok dankte ihm für seine interessanten Ausführungen und entzog ihm schlicht das Wort. Er rief einfach den nächsten Reporter auf.

Der Aufgerufene, ein kleiner schlanker Mann mit Hakennase und stechenden Augen, wandte sich an Louis. „Dr. Vargas, weshalb schickt man ausgerechnet einen Astronomen auf die gefährliche Reise zum Mars?“ Louis zeigte sein schönstes Kameralächeln, seine weißen Zähne blitzten auf, doch seine Augen lächelten nicht mit. In ihnen glitzerte eher so etwas wie Mordlust. Schließlich siegte jedoch seine gute Erziehung über sein brasilianisches Temperament und er erklärte gelassen: „Wie Sie vielleicht wissen, obwohl ich da wegen Ihrer Frage so meine Zweifel habe, bin ich Spezialist im Fach Planetologie und schließlich fliegen wir ja zu einem Planeten und wollen ihn erforschen. Dies ist für alle Planetologen ein äußerst spannendes Unterfangen, denn wir können dabei zwei Himmelskörper, die sich vor Jahrmilliarden aus der protoplanetaren Scheibe unserer Sonne gebildet haben, miteinander vergleichen. Wir Wissenschaftler erwarten uns davon insbesondere neue Erkenntnisse über die Entstehung unseres Sonnensystems.“ Der Reporter blickte etwas verwirrt drein, setzte sich dann und begann, sich eifrig Notizen zu machen.

Auch an Bob Miller hatte man Fragen. So wollte eine Reporterin wissen, welchen Beitrag die ISS zur Durchführung der Marsmission geleistet habe. Hier war Bob in seinem Element, denn er konnte für seine Station kräftig die Werbetrommel rühren.

Er antwortete, dass es ohne die ISS die PROMETHEUS gar nicht gäbe, denn schließlich sei sie von der Station aus zusammengebaut worden. Er wies darauf hin, wie wichtig die ISS für die Wissenschaft und die Raumfahrt sei, und nannte sie gar das „Sprungbrett zu den Sternen“.

Je länger sich das Karussell der Fragen und Antworten drehte, desto klarer erkannte Erik den Tenor dieser ganzen Veranstaltung. Hier ging es weniger um wissenschaftlichen Fortschritt oder um ein epochales Ereignis in der Menschheitsgeschichte, sondern um eine Werbeveranstaltung und um pure Sensationsgier. Die Reporter wetteiferten darin, ihrem Publikum Sensationen zu liefern. Die Zuschauer indes hatten sich sicher längst ihre Meinung gebildet. Für sie waren die fünf Astronauten lediglich Opfertiere, die man auf dem Altar der Wissenschaft zu opfern gedachte. Interessant war dabei nur, auf welche Weise die fünf Leute umkommen würden.

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