Kitabı oku: «Richtig leben, länger leben»

Univ. Prof. Dr. Heinz Ludwig:
Richtig leben, länger leben
Alle Rechte vorbehalten
© 2017 edition a, Wien
www.edition-a.at
Lektorat: Andreas Görg
Cover: JaeHee Lee
Gestaltung: Lucas Reisigl
ISBN 978-3-99001-247-5
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
INHALT
DER FALL MARIA ALWARA
DER FALL ROBERT THUCH
EIN PLAN FÜR DAS LEBEN
LIEBEN
LACHEN
LERNEN
LAUFEN
LEICHTER ESSEN
ES LIEGT AN UNS
DER FALL MARIA ALWARA
Sie wirkte agil und ungeduldig wie schon bei ihrem ersten Besuch bei mir, eine zierliche, vierzig Jahre alte Frau. »Also«, sagte sie, während ich mit ihren Befunden in der Hand auf die Sitzgruppe meiner nahe der Wiener Votivkirche gelegenen Praxis wies. »Was hat die Biopsie ergeben?«
Ich hätte Maria Alwara nicht jünger geschätzt. Sie gehörte allerdings zu den Menschen, die sich mit vierzig ihre jugendliche Energie erhalten haben.
Sie hatte sich in einer Tür der U-Bahn eingeklemmt und die Schmerzen waren danach nicht vergangen. Ihr war eingefallen, dass sie auch davor schon Schmerzen gehabt hatte, die sie ignoriert hatte. Eine ungewöhnlich hartnäckige Grippe war da auch gewesen. Probleme hatten sie zuletzt stärker emotional belastet als sonst und sie war insgesamt labiler gewesen.
Maria Alwara litt an einem Mammakarzinom mit Knochenmetastasen, das stand mit den neuen Befunden fest. Dass ich in meinem Leben schon viele derartige Diagnosen überbracht habe, bedeutet nicht, dass es für mich zur Routine geworden ist.
Manche Patienten haben große Schwierigkeiten mit der Verarbeitung aller Eventualitäten einer gravierenden Diagnose und bevorzugen ein schrittweises Heranführen.
Daher fragte ich sie, wie genau sie ihre Situation besprechen wolle. Ich bot ihr auch an, manche Fragen im Laufe unserer nächsten Termine zu besprechen, um ihr Zeit zur Verarbeitung zu geben. Doch Maria Alwara hielt davon nichts, auch nicht von Umschreibungen. »Ich will es wissen«, sagte sie. »Wie steht es um mich?«
»Ich fürchte, ich habe keine gute Nachricht für Sie«, sagte ich. Sie hatte offenbar schon damit gerechnet. Jedenfalls zeigte sie bis auf ein kurzes Flackern in ihren Augen keine unkontrollierte Regung.
Ich reichte ihr die Befunde und berichtete ihr das Ergebnis der Untersuchungen.
Sie betrachtete die Befunde, offenbar ohne sie zu lesen. Dabei wirkte sie nicht paralysiert, sie schien vielmehr einen konkreten Gedanken zu verfolgen. Schließlich hob sie den Kopf. »Wie lange habe ich noch?«, fragte sie.
Manche Patienten wollen das nicht wissen. Andere denken eine ganze Weile darüber nach, ob sie es wissen wollen oder nicht. Verständlich, denn wer zum Beispiel mit der Information umgehen muss, dass ihm nur noch geschätzte dreißig Monate zu leben bleiben, verliert leicht den Boden unter den Füßen.
Europäische Patienten können in dieser Situation immerhin noch mit mehr Rücksicht rechnen als amerikanische. In den USA bespricht der Arzt die Situation meist mit den Patienten und seinen engsten Angehörigen, indem er ein Tonband einschaltet und juristisch unanfechtbar formuliert. »Ihre mittlere Lebenserwartung beträgt dreißig Monate«, sagt er dann, dokumentiert es mit vorher sortierten Unterlagen und listet trocken die zur Verfügung stehenden Therapien, ihre Vorteile sowie die damit verbundenen Risiken auf. Mit gutem Grund, denn jedes falsch interpretierbare Wort kann ihm bei einem allfälligen Prozess zum Verhängnis werden.
Ich halte bei Krebsdiagnosen nicht viel von konkreten Angaben über die zu erwartende Überlebenszeit. Es sind Durchschnittswerte, die wenig über eine individuelle Situation aussagen. Patienten und Krankheitsverläufe sind immer unterschiedlich. Ich kann aufgrund der Befundkonstellation und der Situation des Patienten einigermaßen abschätzen, ob ein Krankheitsverlauf eher günstig oder eher ungünstig sein wird, aber das ist auch schon alles.
Ich betreue und begleite mehrere Patienten, die aufgrund des statistischen Mittelwerts längst nicht mehr am Leben sein dürften. Selbst Patienten mit schwer zu heilenden Krebsarten wie Bauchspeicheldrüsenkrebs haben noch jahrelang gelebt oder leben noch, obwohl deren geschätzte Lebenserwartung acht bis zwölf Monate beträgt.
Ungewöhnliche Krankheitsverläufe sind niemals auszuschließen, zumal die Medizin rasante Fortschritte macht. Wenn Patienten nicht fragen, nenne ich zum Thema Überlebenszeit deshalb auch keine konkreten Zahlen. Ich erzähle ihnen dann von Fällen, bei denen Menschen besonders gut mit ihrer Erkrankung umgegangen sind. Das macht Hoffnung, und die ist ein starker Antrieb. Wenn sie doch insistieren und eine Antwort auf die Frage haben wollen, zeichne ich eine Überlebenskurve, die zeigt, wie unterschiedlich der Verlauf sein kann. Sie zeigt, dass es einen Durchschnittswert gibt, dass aber manche Patienten sehr früh sterben und andere unerwartet lange überleben.
Doch Maria Alwara wollte nichts von einer Kurve wissen. Sie wollte unbedingt eine Zahl hören. Ich fragte zur Sicherheit noch einmal nach. »Sind Sie sicher? Überlegen Sie bitte noch einmal. Schlafen Sie vielleicht darüber.«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich muss es wissen«, sagte sie. »Meine Tochter geht noch zur Schule und ich bin Alleinerzieherin. Ich muss wissen, was auf sie zukommt.«
Ihre Wangen waren jetzt gerötet. Das war das einzige Anzeichen dafür, dass sie sich gerade in einer Situation befand, die sich bestimmt kein Mensch wünscht. Sie war eine Kämpferin, so viel war klar, und wenn ein Patient oder eine Patientin Klarheit wollen, dann ist es meine Aufgabe als Arzt, sie zu schaffen.
»Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt bei Ihrer Erkrankung in diesem Stadium drei bis vier Jahre«, sagte ich. »Das ist wie gesagt nur ein Durchschnittswert. Es kann weniger sein, aber auch mehr. Durchschnittswerte sind eben nur Durchschnittswerte.«
Wir besprachen die zur Verfügung stehenden Therapien, ihre Vorteile und Nachteile und auch mögliche Nebenwirkungen. Laut histologischer Untersuchung war der Tumor hormonempfindlich, was bedeutete, dass Hormontherapie zum Einsatz kommen und auf eine mit stärkeren Nebenwirkungen verknüpfte Chemotherapie vorerst verzichtet werden konnte.
Maria Alwara hatte sich schon verabschiedet, als sie sich in der Tür meiner Praxis noch einmal umdrehte. »Meine Tochter ist jetzt zwölf«, sagte sie. »Sie hat noch sechs Jahre bis zum Schulabschluss. So lange muss ich durchhalten. Danach schafft sie es auch ohne mich.«
Ich nickte.
Sie sprach gut auf die Therapie an. Immer wieder betonte sie dabei, dass sie unter allen Umständen bis zum Schulabschluss ihrer Tochter durchhalten müsse. Ich wünschte es ihr und ihrer Tochter, und ich hielt es aus medizinischer Sicht für möglich. Sechs Jahre, das waren zwei bis drei Jahre mehr, als der statistische Durchschnittswert in ihrer Situation.
Die Zeit verging. Maria Alwaras Tochter, von der ich inzwischen wusste, dass sie Sophie hieß, war eine leidlich gute Schülerin. Ohne größere Probleme stieg sie in die Oberstufe des Gymnasiums auf, bestand beim Wechsel von der sechsten in die siebte Klasse eine Nachprüfung in Latein und erreichte schließlich die achte.
Etwa zu diesem Zeitpunkt hörte Maria Alwara auf, ihr Lebensziel zu postulieren. Ich bekam mit, dass Sophie den Abschluss auf Anhieb schaffte und danach mit ihrer Klasse nach Gran Canaria fuhr. Ich fragte mich, was dieses Ereignis in Maria Alwara auslöste, doch sie kam zunächst nicht darauf zu sprechen und ich fragte nicht nach.
Erst im Herbst des betreffenden Jahres redeten wir wieder darüber. Maria Alwara erzählte mir, dass Sophie an der Universität Wien Biologie und Umweltkunde sowie Philosophie als Unterrichtsfach studieren wolle. »Ich will noch ihre Sponsion erleben«, sagte sie. »Danach kann ich in Ruhe abtreten.«
Ich lächelte.
»Keine Sorge«, sagte sie. »Sophie wird keine Bummelstudentin sein. Sie ist in den vergangenen beiden Jahren sehr zielstrebig geworden.«
Das hat sie vielleicht von ihrer Mutter, dachte ich.
»Acht Semester«, sagte Maria Alwara. »Das wären dann noch einmal vier Jahre.«
Sie sagte das in scherzhaftem Ton, aber ich konnte in ihren Augen sehen, wie ernst es ihr damit war. Sie fragte mich erst gar nicht, ob ich das für möglich hielt. »Wie war das noch einmal mit den Durchschnittswerten?« Mit einem leisen Schmunzeln beantwortete sie sich diese Frage gleich selbst. »Durchschnittswerte sind nur Durchschnittswerte, richtig?«
Ich weiß nicht, ob Maria Alwara die Jahre zählte, ich tat es nicht. Eines Tages fand ich eine Einladung zu einer Sponsionsfeier in der Post. Sophie Alwara hatte ihr Studium in der Mindeststudienzeit abgeschlossen.
Ich ging zu der Feier und sah Sophie dort zum ersten Mal. Sie war eine junge, den Umständen entsprechend elegant gekleidete Frau, groß gewachsen, und an ihrer Seite hielt sich meist ein noch größer gewachsener junger Mann auf.
Maria Alwara trat neben mich, als ich die beiden gerade beobachtete. »Ein hübsches Paar, nicht wahr?«, sagte sie.
»Ja sehr, sieht nach einer ernsten Sache aus«, sagte ich.
Wir wechselten einen Blick. Ich ahnte, dass Maria Alwara ein neues Lebensziel gefunden hatte. Vermutlich wollte sie durchhalten, bis ihre Tochter verheiratet war. Wir lachten, weil uns klar war, dass wir beide gerade das Gleiche dachten.
»Es kann weniger sein als der Durchschnittswert, aber auch mehr«, sagte sie. »Das haben Sie mir damals bei der Diagnose gesagt. Was genau bedeutet das eigentlich?«
»Dass es viel weniger sein kann«, sagte ich, »aber auch viel mehr.«
Sie lächelte dankbar. Sie war gealtert seit damals, und ihre Krankheit und die Behandlungen hatten wohl einiges dazu beigetragen. Doch etwas von dieser Energie strahlte sie noch immer aus. »Nun, viel weniger geht ja inzwischen nicht mehr«, sagte sie. »Es kann nur noch viel mehr werden.«
Vor einigen Tagen fand ich eine Einladung zur Hochzeit von Sophie Alwara und Klaus Epstein in der Post. Ich werde auch diesmal dabei sein und hoffe, dass das junge Paar bald Nachwuchs haben wird. Dann wird sich Maria Alwara eine Menge neuer Lebensziele setzen können, geprägt von ihrer Liebe und dem starken Gefühl, gebraucht zu werden.
DER FALL ROBERT THUCH
Als ich Robert Thuch zum ersten Mal sah, war er braun gebrannt und elegant gekleidet. Erst auf den zweiten Blick bemerkte ich, dass er seine noch dichten Haare färbte. Thuch war 18 Jahre davor, mit 49, in die USA ausgewandert und hatte sich in Florida beruflich mit Immobilien beschäftigt, nachdem er dort schon zuvor von Wien aus Geschäfte gemacht hatte. Er schien dabei recht geschickt gewesen zu sein, machte auf mich allerdings den Eindruck, dass er immer eher in einen aufwendigen Lebenswandel als in die Altersvorsorge investiert hatte.
Thuch hatte ein gutes Leben geführt, so viel war sicher, ein beneidenswert freies und an vielen Tagen aufregendes, mit Freunden, die es machten wie er. So erzählte er es mir. Unversehens waren die Jahre vergangen, war seine Jugend vergangen, war der größte Teil seines Lebens vergangen. Wie das eben so ist. Jetzt hatte er ein Dickdarm-Karzinom mit Metastasen in der Leber.
Robert Thuch bereute nichts. Er hatte sein Leben so geführt, wie er es führen wollte, unabhängig, im Bewusstsein dessen, was er tat, und auch, worauf er verzichtete. Er war immer bereit gewesen, seine Entscheidungen klar, nüchtern und ohne Illusionen zu treffen. Das hatte er auch getan, nachdem ihn amerikanische Ärzte über seine Erkrankung informiert hatten. Er war aus den USA zurück in seine alte Heimat Wien gekommen, was viele Patienten, die diese Möglichkeit haben, in seiner Situation tun.
Dies aus pragmatischen Überlegungen. Thuchs amerikanische Krankenversicherung kostete rund 10.000 Dollar im Jahr. Zusätzlich musste er bei allen Behandlungen einen Selbstbehalt von zwanzig Prozent bezahlen. Die für eine Chemo-Immuntherapie nötigen Medikamente kosten etwa 100.000 Dollar im Jahr, womit er alleine damit auf 30.000 Dollar kam, die Kosten für den Aufenthalt im Krankenhaus, die notwendigen Untersuchungen und die Durchführung der Behandlungen noch gar nicht mitgerechnet. Für einen Selbständigen ohne große Rücklagen ist das eine unbehagliche Situation. Ich verstand jedenfalls Thuchs Entscheidung, vor dem amerikanischen Gesundheitssystem nach Wien zu flüchten, wo er nach wie vor sozialversichert war und sich wenigstens des Geldes wegen keine Sorgen machen musste.
Ich vermutete, dass ihn die amerikanischen Ärzte auf ihre nüchterne Art bereits über seine Überlebenschancen und seine Lebenserwartung informiert hatten. Beides war zwischen uns jedenfalls kein Thema und wir begannen umgehend mit der Behandlung. Dazu gehörte eine Chemo-Immuntherapie, die er in dreiwöchigen Intervallen erhielt, damit er zwischenzeitlich in die USA fliegen konnte. Doch die Behandlungen verloren relativ rasch ihre Wirksamkeit. Irgendwann entschied er sich, in Wien zu bleiben, da ihn langsam die Kräfte verließen und er eine Metastase in der Wirbelsäule entwickelt hatte, die nach anfänglich erfolgreicher Strahlenbehandlung wieder zu wachsen und zu schmerzen begann. Wir legten einen Katheter ins Rückenmark, um eine kontinuierliche Opioid-Therapie einzuleiten.
Nach einigen Wochen bat er mich um ein Wort unter vier Augen. »Ganz ehrlich«, sagte er. »Ich würde es gerne beenden.« Für ihn sei jeder weitere Tag nur eine weitere Belastung und es fehle ihm die Perspektive.
Thuch hatte sonst niemanden, mit dem er über diese Dinge sprechen und seine Ängste und Sorgen teilen konnte. Seine amerikanischen Freunde, so sie denn eng genug gewesen wären, kamen nicht zu ihm nach Europa, und wenn sie doch gekommen wären, hätten sie ihm nicht auf Dauer als treue Begleiter zur Seite stehen können. Ab und zu besuchten ihn alte österreichische Freunde, doch sein Kontakt zu ihnen war, soweit ich das mitbekam, abgekühlt.
Ich sagte ihm, das Stationsteam würde ihn aufgrund seiner charmanten Persönlichkeit besonders schätzen, und dass wir uns entsprechend unserem Credo wie bei allen anderen Patienten um das bestmögliche Ergebnis für ihn bemühen würden. Beides stimmte natürlich, doch als Motivation zum Weiterkämpfen war das dünn, das war auch mir klar. Er ließ es dabei bewenden, wohl eher aus Rücksicht auf mich als aus neuem Lebensmut.
Wenige Wochen später sprach er mich noch einmal darauf an. »Die Situation ist für mich extrem belastend, aber ich habe mich damit abgefunden«, sagte er, »ich will die Dinge bloß realistisch betrachten, das habe ich im Leben immer getan.« Trotz all der Schmerzmedikamente habe er dauernd Schmerzen. Außerdem leide er unter den Nebenwirkungen der Schmerztherapie, habe einen trockenen Mund, seine Verdauung funktioniere nur mehr mit einem starken Abführmittel, zudem habe er den Eindruck, dass die Morphintherapie sein Denkvermögen beeinträchtige. »Ich bin nicht mehr der, der ich war. Ich bin allein. Vor mir liegt nichts mehr, auf das ich mich freuen könnte, weder auf einen Besuch morgen, noch auf etwas in fernerer Zukunft, weil ich, so wie sich die Dinge entwickeln, keine fernere Zukunft mehr habe. Weiter zu leben macht für mich objektiv betrachtet keinen Sinn mehr, im Gegenteil. Es ist für mich zu einer schweren Bürde geworden.«
Es wäre Unfug gewesen, ihm neuerlich gut zuzureden. Meine einzige Hoffnung war, ihm mögen trotz aller Beschwerden noch Stunden bleiben, die für ihn wertvoll waren. Das sagte ich ihm. Allerdings war das nicht überzeugend genug, um seine Einstellung noch zu ändern. Doch ich hätte Robert Thuchs Wunsch nach einem vorzeitigen Ende nicht erfüllen können, selbst wenn ich es gewollt hätte. Die Gesetzgebung verhindert es.
Was das betrifft, leben wir in einer paradoxen Welt. Wir töten Ungeborene, die keine Möglichkeit haben, darüber mitzuentscheiden, und wir zwingen Menschen ohne Chance auf Besserung und ohne jede andere Perspektive, die bei klarem Verstand eine rationale Entscheidung für einen Abgang in Würde treffen wollen, weiter zu leiden.
Das Euthanasieverbot haben in Österreich wahrscheinlich Menschen, die nie die Verzweiflung und Aussichtslosigkeit solcher Patienten gesehen haben, als Gesetz festgeschrieben. In den Niederlanden und der Schweiz gehen die Menschen ehrlicher mit diesem Thema um. Sie lügen sich nicht selbst an. Sie erkennen an, dass es Leid gibt, das sich nicht lindern lässt, und Lebenssituationen, in denen es keine Zukunft gibt.
Alles, was wir für Robert Thuch tun konnten, war die sogenannte palliative Sedierung. Das führte dazu, dass er in seinen letzten Tagen keine Schmerzen mehr ertragen musste.
Zuvor regelte er noch seinen Nachlass. Ein Notar besuchte ihn am Krankenbett. Ich weiß es nicht genau, aber ich vermute, dass er das Geld, das ihm geblieben war, einer karitativen Organisation hinterließ. Seinen Leichnam vermachte er der medizinischen Universität, damit Studenten daran für ihre Zukunft lernen konnten. Zuvor hatte er sich darüber informiert, dass alles, was danach noch von ihm bleiben würde, in ein von der Stadt Wien zu diesem Zweck gestiftetes Grab kommen würde.
Ich bewunderte ihn dafür, mit welcher Nüchternheit er dabei vorging. Das sagte ich ihm bei unserem letzten Gespräch.
Wir redeten auch über den Tod. Ich erzählte ihm von den zahlreichen gleichlautenden Berichten von Personen, die ein Nahtoderlebnis hatten. Dabei handelt es sich um Menschen, die zum Beispiel nach einem Kreislaufstillstand wiederbelebt werden konnten. Während die Betroffenen reanimiert werden, löst sich ihr Ich aus dem Körper und schwebt zum Beispiel über dem Herzalarmteam, das sich um den Körper kümmert. Die Personen erinnern sich an viele Details der Rettungsversuche und berichten fast unisono von einem nie zuvor erlebten Hochgefühl. Zwar kann kein Mensch beweisen, dass dies auch beim tatsächlichen Tod der Fall ist. Aber diese Personen haben den Eindruck, von einem strahlenden Licht durch einen Tunnel in eine Welt des Heils und der Glückseligkeit gezogen zu werden. »Sollte dies der Realität entsprechen«, sagte ich, »dann sollten wir keinen weiteren Tag auf dieser Erde verschwenden, sondern dem gleißenden Licht ins Glück folgen.«
»Das klingt zwar phantastisch. Allein mir fehlt der Glaube«, antwortete er. »Es ist okay für mich, zu gehen. Hilfreich wäre allerdings, wenn es ein paar mehr Menschen gäbe, von denen ich mich jetzt verabschieden könnte. Aber dann wäre das hier vielleicht ohnedies alles anders gelaufen.«
EIN PLAN FÜR DAS LEBEN
Wenn mich Menschen als Onkologen, Krebsforscher und Hämatologen fragen, was sie tun können, um erst gar nicht krank zu werden, um gesund zu bleiben, fallen mir manchmal Maria Alwara und Robert Thuch ein. Ich weiß nicht, ob Maria Alwara ihre Erlebensziele auch ohne die Liebe und die Fürsorge für ihre Tochter erreicht hätte. Ob die Sache mit dem Krebs für Robert Thuch tatsächlich anders gelaufen wäre, hätte es in seinem Leben Freunde und Familienmitglieder gegeben, die zu ihm gestanden wären, ihn unterstützt und liebevoll umsorgt hätten, von denen er sich am Ende verabschieden hätte können, kann ich ebenfalls nicht mit Sicherheit behaupten. Dennoch stehen diese beiden Schicksale für eines der fünf Dinge, die ich allen nenne, die den Fortbestand ihrer Gesundheit selbst in die Hand nehmen und nach Kräften dazu beitragen wollen. Alwara und Thuch sind Beispiele für die Bedeutung unserer Integration in ein soziales Netzwerk, für den Wert enger menschlicher Beziehungen, für die Tragweite des Liebens ebenso wie des Wahrgenommen- und Geliebtwerdens. Unsere diesbezüglichen Erfahrungen können sich nicht nur heilsam auf unseren Geist und unsere Seele auswirken, sondern auch enormen Einfluss auf unseren Körper nehmen.
Gewöhnlich konsultieren mich Patienten erst dann, wenn sie erkrankt sind, und nicht zu einem Zeitpunkt, zu dem sie gesund sind und sie die Frage beschäftigen sollte, wie sie es bleiben können. Es liegt in der menschlichen Natur, dass wir uns wenig Gedanken über unsere Gesundheit machen, solange wir gesund sind. Die Gedanken an Krankheit schieben wir zur Seite und gehen erst zum Arzt, wenn wir Beschwerden haben. Was negative Konsequenzen haben kann, denn mit der richtigen Prävention ließen sich viele Erkrankungen verhindern, die, einmal ausgebrochen, schwer wieder rückgängig zu machen sind.
Dank der Thematisierung der Möglichkeiten der Vorsorgemedizin in Schulen, Medien, durch die nationalen Gesundheitsbehörden und die Ärzteschaft stellen sich immer mehr Menschen die Frage, wie sie gesund bleiben können. Das Verantwortungsbewusstsein für die eigene Gesundheit steigt langsam, aber doch. Dies ist erfreulich, hat allerdings einen problematischen Aspekt. Es steigt auch die Zahl der sich zum Teil widersprechenden und wissenschaftlich nicht abgesicherten Informationen, die vor allem von den Medien und via Internet in Umlauf gebracht und von der Bevölkerung bereitwillig aufgenommen werden. Wahrscheinlich wird das auch in absehbarer Zukunft so sein. Medien können entweder bewusst oder unbewusst Falsches propagieren, um ihre Auflagen, Zugriffszahlen und Einschaltquoten zu erhöhen. Aber wo steht geschrieben, dass dies so bleiben muss. Die Einforderung eines größeren Verantwortungsbewusstseins und die Verpflichtung zur sorgfältigen Recherche samt entsprechenden Konsequenzen bei Verfehlungen scheint mir kein überzogener Wunsch zu sein.
Gerade an mich als Onkologen wenden sich Menschen auch deshalb, weil sie aus den Angst machenden und oft kontroversen Informationen über Krebs eine steigende Bedrohung heraushören, daran zu erkranken.
Was so nicht stimmt. Das Risiko, an Krebs zu erkranken, ist innerhalb der einzelnen Altersgruppen relativ konstant geblieben. Allerdings steigt die Gesamtzahl an Krebserkrankungen wegen der steigenden Lebenserwartung, da Krebs eine Erkrankung des höheren Lebensalters ist und die Bevölkerung in unserer Gesellschaft insgesamt älter wird1.
Manche Krebserkrankungen, wie Magenkrebs, werden in letzter Zeit viel seltener, während andere, wie Lungenkrebs, häufiger auftreten. Vermutlich hat die Abnahme der Häufigkeit von Magenkrebs mit der verbesserten Qualität der Lebensmittel zu tun. In der Nachkriegszeit war der Luxus, den sich unsere Wegwerfgesellschaft heute leistet, noch kaum denkbar. Viele Menschen aßen damals auch angeschimmeltes oder andersartig verdorbenes Brot, wenn es sein musste. Es war eben sonst nichts da. Auch andere Lebensmittel aßen sie verdorben, schon weil es noch keine Kühlschränke gab. Der Eismann brachte das Eis zum Kühlen in Blöcken und es gab noch längst kein Ablaufdatum auf den Verpackungen. Zum Glück hat sich seit damals viel verändert. Denn der Verzehr von schimmelnden und verdorbenen Lebensmitteln erhöht das Risiko, an Magenkrebs zu erkranken, enorm. Ebenso wie der damals übliche häufige Konsum gepökelten Fleisches.
Lungenkrebs dagegen ist häufiger geworden. Was daran liegt, dass Rauchen bei Frauen erst seit wenigen Jahrzehnten sozial ebenso akzeptiert ist wie bei Männern. Ich verstehe es, wenn zum Beispiel Menschen, die beträchtlichem Stress ausgesetzt sind, sich durch Rauchen Entlastung verschaffen. Denn neben den unzähligen negativen Effekten des Rauchens auf den Körper hat es auch positive. Es reduziert Stressempfinden, verstärkt die Herz-Kreislauf-Aktivität, macht munterer, hebt die Stimmung und fördert die Kommunikation. Wir müssten etwas erfinden, das dieselben positiven Effekte wie das Rauchen hat, ohne den Körper zu schädigen, denn der Zusammenhang zwischen Rauchen und erhöhtem Risiko für Lungenkrebs, aber auch für andere Krebsarten, ist durch die Krebsforschung der vergangenen Jahrzehnte ohne jeden Zweifel bewiesen.
Dennoch sterben viel weniger Menschen an Krebs als an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, was auf das besonders häufige Auftreten von hohem Blutdruck, hohen Blutfetten und Übergewicht zurückzuführen ist. Ein weiterer Grund liegt in den Fortschritten in der Krebsbehandlung. Bei mehreren Krebsformen ist es gelungen, Krebs zu heilen oder von einer tödlichen in eine chronische Erkrankung umzuwandeln. Für die Zukunft sind weitere rasante Fortschritte zu erwarten, zu denen die Korrektur von Defekten in der Steuerzentrale von Krebszellen sowie Immuntherapie und Zelltherapie beitragen werden. Rasante Fortschritte wird auch die neue Qualität der Datenverarbeitung bringen, die unter dem Begriff Big-Data-Mining zusammengefasst werden kann.
Die Frage, was jeder Einzelne von uns tun kann, um sich gesund zu halten, bleibt trotzdem von überragender Bedeutung. Zwar gibt es bei allen Erkrankungen Faktoren, auf die wir keinen oder nur wenig Einfluss haben, wie etwa unsere genetische Ausstattung oder Umwelteinflüsse, auf die ich später noch eingehen werde. Doch es gibt auch Faktoren, die wir beeinflussen können. Wir haben einen Handlungsspielraum und wir tun gut daran, ihn zu nutzen. Es bedrückt mich manchmal, wie Menschen mangels besseren Wissens oder trotz besserem Wissen leichtfertig darauf verzichten.
Über diesen Spielraum nachzudenken, fing ich wegen der häufig von Patienten gestellten Frage an, was sie zusätzlich zum vorgeschlagenen Behandlungskonzept tun können. Dabei wurde mir klar, dass es tatsächlich verschiedene Dinge gibt, die sie tun können, um die medizinische Therapie zu unterstützen und damit ihre Prognose und ihre Lebensqualität zu verbessern. Damals fing ich an, mich für die wissenschaftlichen Grundlagen der verschiedenen im Raum stehenden Aktivitäten zu interessieren.
Ganz oben auf die Liste der sinnvollen Dinge schrieb ich schon damals das Wort »Lieben«. Inspiriert von Fällen wie jenen von Maria Alwara und Robert Thuch meine ich damit nicht nur die Liebe zwischen zwei Menschen, sondern den gesamten Bereich unserer zwischenmenschlichen Beziehungen und unserer sozialen Integration sowie unsere Liebe und Hingabe zu einer Aufgabe, einer beruflichen Tätigkeit oder einem Hobby.
Im Laufe der Zeit ist meine Liste der sinnvollen Aktivitäten gewachsen, ohne jedoch auszuufern. Denn im Grunde lässt sie sich auf fünf Elemente reduzieren, die ich sowohl meinen Patienten besonders ans Herz lege, jedoch auch gesunden Menschen als Lebensmaxime empfehle. Die Dinge, die Patienten tun können, um gesund zu werden oder zumindest ihre Prognose zu verbessern, sind die gleichen, die Gesunde tun können, um gesund zu bleiben.
Diese insgesamt fünf Dinge lassen sich aus vielen teils umfangreichen wissenschaftlichen Studien ableiten, die Ärzte auf der ganzen Welt durchgeführt haben. Deren Ergebnisse decken sich auch mit meinen Beobachtungen und Erkenntnissen. In diesen fünf Dingen spiegeln sich also sowohl der aktuelle Stand der Wissenschaft als auch meine persönlichen Erfahrungen bei der Behandlung von Patienten wider, aus denen ich seit Langem konsequent und kontinuierlich meine Schlüsse ziehe.
Ich habe mir schon immer die Frage gestellt, was uns zu dem macht, was wir sind. Wie groß ist die Bedeutung unseres genetischen Gerüstes, unserer Lebenserfahrungen und unseres Umfeldes?
Als ich studierte, galt die Immunologie als zukunftsträchtiges ärztliches Forschungsgebiet, heute vergleichbar mit der Molekularbiologie oder der modernen Genetik. Damals wollte ich mehr über die biologischen und biochemischen Grundlagen unserer körpereigenen Abwehr von Krankheitserregern wie Bakterien, Viren und Pilzen wissen. Ebenso galt mein besonderes Interesse den sogenannten Autoimmunerkrankungen, bei denen sich unser körpereigenes Abwehrsystem gegen Komponenten unseres Organismus´ wendet. Wie funktioniert dieses System, dessen zentrale Aufgabe es ist, uns gesund zu halten, was stärkt es und was schwächt es?
Damals waren diese Grundlagen noch ein weites und kaum erforschtes Feld. Das kam meinen Ambitionen und meiner Neugier entgegen. Daher bewarb ich mich um eine Ausbildungsstelle am Wiener Institut für Immunologie, das Carl Steffen, ein brillanter Mediziner und Wissenschaftler, erst kurz zuvor als erstes deutschsprachiges Institut dieser Art gegründet hatte.
Ich wurde aufgenommen. Nach Einarbeitung in die wissenschaftliche Methodik konnte ich sehr bald eigene Projekte bearbeiten. Drei Jahre später wollte ich meine klinische Ausbildung im Fach der inneren Medizin beginnen. Damals gab es zwei Universitätskliniken für innere Medizin, die miteinander konkurrierten, was durchaus sinnvoll sein kann, weil Wettbewerb stimulierend wirkt.
Zu dieser Zeit stellte sich die Frage, ob der Typ I Diabetes, also jene Form, die von Anfang an insulinabhängig ist, die Folge einer Virus-Infektion mit nachfolgender Autoimmunreaktion ist. Nachdem ich am Institut für Immunologie verschiedene, damals moderne Forschungstechniken erlernt hatte, war ich für beide Kliniken interessant, weshalb ich mir als damals erst 27-Jähriger aussuchen konnte, auf welche der beiden Kliniken ich gehen wollte.
Eine der beiden Kliniken befand sich im sogenannten neuen Teil des Wiener Allgemeinen Krankenhauses, dessen alter Teil unter Maria Theresias Sohn, Kaiser Josef II, erbaut worden war. »Wie viel Zeit brauchen Sie?«, fragte mich die Sekretärin von dessen Leiter Prof. Erwin Deutsch vor meinem Bewerbungsgespräch. »Fünf Minuten oder zehn?«
Was mich ziemlich irritierte. Bei dem Gespräch selbst gewann ich den Eindruck, dass die gesamte Klinik sehr effizient und professionell arbeitete. Das beeindruckte mich. Doch um einen Vergleich zu haben, bewarb ich mich auch in der zweiten medizinischen Klinik, die Prof. Karl Fellinger leitete. Der dortige Personalverantwortliche Prof. Rudolf Höfer empfing mich mit freundlichen Worten.
Er erklärte mir sein Forschungsgebiet und kurz auch die Organisation der Klinik. Letztendlich widmete er mir eine halbe Stunde seiner Zeit.
Beide Kliniken waren vielversprechend. Meine Wahl traf ich bemerkenswerterweise nicht aufgrund der wissenschaftlichen Aktivitäten und klinischen Leistungen der jeweiligen Klinik, die ich gar nicht im Detail in Erfahrung brachte. Vielmehr, und ohne dieses Thema in jenen Tagen bis zu Ende durchgedacht zu haben, erschien mir das Zwischenmenschliche, um das es in diesem Buch noch ausführlich gehen wird, schon damals von großer Bedeutung zu sein. Deutsch mag der bessere Wissenschaftler gewesen sein, doch das Gespräch mit Höfer, das ich als freundlich, interessiert und angenehm empfunden habe, veranlasste mich, meine klinische Ausbildung an der Klinik Fellinger zu beginnen.
Das war der eigentliche Anfang meiner klinischen Laufbahn, in deren weiterer Folge ich mich auf die Onkologie und Hämatologie sowie Krebsforschung spezialisierte. Seitdem habe ich viele Patienten wie Maria Alwara und Robert Thuch mit Krebs und anderen schweren Erkrankungen begleiten, behandeln und unterstützen können. Ich habe erfahren, wie unterschiedlich Patienten mit der Diagnose Krebs und den damit verbundenen Belastungen umgehen, wie sie um die Wiedererlangung ihrer Gesundheit kämpfen und wie sie daraus geheilt hervorgehen, mit der Erkrankung als chronischer Begleiterin leben, oder den Kampf verlieren und an ihrer Krankheit versterben.
Auf meiner Empfehlungsliste für Patienten standen anfangs vier Dinge, bei denen ich dafür sorgte, dass sie der besseren Merkbarkeit wegen alle wie »Lieben« mit einem »L« anfingen. Dass sie alle auch noch genau gleich viele Buchstaben hatten, war indes Zufall.
Lieben
Lachen
Lernen
Laufen
Die Liste kam schon aufgrund ihres Sprachrhythmus gut an, verkürzte aber die dahinter stehenden Empfehlungen deutlich. Mit »Lieben« meine ich wie gesagt das gesamte Thema der sozialen Integration und die Leidenschaft für eine Aufgabe. Mit »Lachen« meine ich das Feld des Humors, der positiven Lebenseinstellung und der Zufriedenheit. Mit »Lernen« meine ich das bewusste Benutzen und Trainieren unserer kognitiven Fähigkeiten. Und mit »Laufen« körperliche Aktivität insgesamt.
Schließlich kam zu meinen vier L-Begriffen noch ein fünfter hinzu, von dem ich lange angenommen hatte, dass er ohnedies bereits ausreichend in den Köpfen der meisten Menschen verankert ist. Bis ich feststellte, dass es dabei besonders viele Missverständnisse gibt. Es geht um unsere Ernährungsgewohnheiten, und ich musste mich diesmal schon ein wenig anstrengen, um auch diesen Punkt in einen L-Begriff zu kleiden. Er heißt jetzt
Leichter essen.
Lieben, lachen, lernen, laufen und leichter essen also. Das sind die fünf Dinge, die wir tun können, um gesund zu bleiben. Sie sind fundamental menschlich, sie durchdringen unser gesamtes Leben und betreffen sowohl unsere körperliche als auch unsere geistige Gesundheit, wie ich in den folgenden Kapiteln zeigen werde.
Ich schreibe diese Kapitel dabei nicht etwa in der Absicht, einen Ratgeber zu schaffen, der jedem, der ihm blind folgt, ein gesundes Leben garantiert. Das geht schon deshalb nicht, weil unser Handlungsspielraum beim Versuch, gesund zu bleiben, wie gesagt begrenzt ist. Außerdem glaube ich, dass der Erfolg solcher Ratgeber ganz wesentlich von ihren Lesern abhängt, von deren Fähigkeit, die jeweiligen Empfehlungen tatsächlich in ihr tägliches Leben zu integrieren.
Ich habe mir selbst einmal einen solchen Ratgeber gekauft. »Don’t say yes, if you want to say no« hieß er. (Sag nicht Ja, wenn du Nein sagen willst). Er war für Menschen wie mich gedacht, die Probleme damit haben, anderen einen Gefallen abzuschlagen. Zum Beispiel fällt es mir sehr schwer, eine Einladung zu einem Vortrag, die ich einmal angenommen habe, wieder abzusagen, selbst wenn etwas Wichtiges dazwischen gekommen ist.
Ich musste mit der Zeit lernen, meinen Eigennutz in Entscheidungen miteinzubeziehen, anstatt nur die Wünsche anderer zu erfüllen. Ich weiß nicht so recht, ob mir das inzwischen wirklich gelingt, und wenn ja, welche Rolle dieser Ratgeber dabei gespielt hat. Ich würde sagen, dass er mir immerhin die Probleme und entsprechende Lösungsmöglichkeiten bewusster gemacht hat.
Sollte es mir mit diesem Buch ebenso gelingen, die Probleme und Lösungsmöglichkeiten in Sachen Gesundheit bewusster zu machen, bin ich für den Anfang schon zufrieden. Denn im Grunde stellen die fünf Dinge, die wir tun können, um gesund zu bleiben, einen Plan für ein erfülltes Leben dar. Einen Plan, den wir zum Teil vielleicht schon im Hinterkopf haben, und von dessen Umsetzung uns allzu oft unsere Gewohnheiten, unser gedankenloses Mitschwimmen mit dem Mainstream gesellschaftlicher Entwicklungen oder schlicht die uns inhärente Trägheit abhalten. Ein Plan aber auch, dem nur ein kleines Stückchen zu folgen, jedem von uns nur gut tun kann.
LIEBEN
Wer das kleine Dorf Roseto im US-Bundesstaat Pennsylvania ohne Kenntnis von dessen Geschichte besuchen würde, könnte vermutlich nicht verstehen, wie es, zumindest in den USA, jemals so bekannt werden konnte. Es erstreckt sich über gerade einmal 140 Hektar, hat rund 1.600 Einwohner, eine Polizeistation sowie eine kleine Kirche und besteht ansonsten vorwiegend aus bescheidenen Einfamilienhäusern.
Auch die Geschichte des Dorfes offenbart auf den ersten Blick noch nichts für amerikanische Verhältnisse Ungewöhnliches. Die Vorfahren der jetzigen Dorfbewohner flüchteten 1882 vor der Armut im süditalienischen Apulien in die USA. Eine ganze Dorfgemeinschaft trat gemeinsam die weite Reise an und fand, was sie gesucht hatte. In ihrer neuen, rund 120 Kilometer westlich von New York City gelegenen Heimat gab es mehr Möglichkeiten, den eigenen Unterhalt zu verdienen. Die Bewohner von Roseto konnten in den nahegelegenen Schieferbrüchen arbeiten und sich so Stück für Stück gemeinsam eine neue Zukunft aufbauen.
Bekannt wurden die Rosetaner unter anderem aus kulinarischen Gründen. Aus ihrer alten Heimat am Absatz des italienischen Stiefels hatten sie ihr traditionelles Lieblingsgericht mitgebracht. Es heißt »Scarpetti« und ist ausgesprochen deftig. Scarpetti sind in Schweineschmalz gebratene grüne Paprikaschoten, gereicht mit Brot und einer üppigen Schweineschmalzsauce. Ein Rezept, das in der von Armut geprägten Vergangenheit der Italiener ernährungswissenschaftlich betrachtet einer gewissen Logik folgte. Die Zutaten waren billig und lieferten viele Kalorien.
In den USA, wo sie sich jede Menge davon leisten konnten, fielen die Rosetaner mit ihren regelmäßigen üppigen Schlemmermahlzeiten auf, bei denen die Scarpetti weiterhin eine Hauptrolle spielten. Ich habe das Gericht selbst nie probiert, aber es erscheint mir nachvollziehbar, dass sie dabei weniger in den Fokus von Gourmets gerieten, als vielmehr in den der Sozialmedizin in Person des Wissenschaftlers John G. Bruhn.
Schon im Jahr 1961, als gesunde Ernährung noch längst kein so großes Thema wie heute war, stellten die Rosetaner den Mann vor ein Rätsel. Wie konnte es sein, dass sie dermaßen fettig aßen, dabei täglich eine alarmierend hohe Dosis Cholesterin zu sich nahmen und sich trotzdem bester Gesundheit erfreuten?
Die Anzahl an arteriosklerotischen Herzerkrankungen lag in der Gemeinde nur bei einem Drittel des amerikanischen Durchschnittes. Noch nie hatte ein Rosetaner unter 47 Jahren einen Herzinfarkt erlitten. Was unterschied die Rosetaner von den Bewohnern der umliegenden Dörfer?
Bruhn ging dieser Frage mit einem Forscherteam der Universität von Texas nach und entdeckte – nichts. Roseto unterschied sich tatsächlich in gar nichts wesentlich von den anderen Dörfern der Region. Sie lagen alle in der gleichen Landschaft, ihre Bewohner tranken alle das gleiche Wasser, verfügten über ein ähnliches Einkommensniveau und nutzten die gleiche Infrastruktur.
Die amerikanischen Gesundheitsbehörden wollten es dabei aber nicht bewenden lassen. Sie verlangten vom Untersuchungsteam eine tiefergehende Analyse. Immerhin war die Frage, warum ausgerechnet die Bewohner dieses Dorfes gesünder waren und länger lebten als Menschen, die im Umkreis zuhause waren, von beträchtlicher gesundheitspolitischer Relevanz.
Nach zahllosen Vergleichen, Untersuchungen und Befragungen konnten die Forscher schließlich ein Ergebnis vorlegen, das einigermaßen überraschend war. Die Rosetaner verdankten ihre Gesundheit ihrem engen sozialen Netz2.
Niemand war in Roseto je alleine. Wenn jemand im Dorf ein Problem hatte, lösten es die Bewohner gemeinsam. Die Rosetaner lebten einfach ihre traditionelle Familienkultur aus Süditalien in den USA weiter. Sie sorgten für die Alten, bauten gemeinsam Häuser für die Jungen und schlichteten jeden Streit nach Möglichkeit im Sinne der Gemeinschaft.
Einen sozialen Konkurrenzkampf, wie er für uns selbstverständlich geworden ist, gab es in Roseto kaum. Wenn ein Rosetaner mehr verdiente als die anderen, musste er das nicht zur Schau stellen, um sich besser zu fühlen. Eher half er der Dorfgemeinschaft aus, wo er konnte.
Die 1600-Seelen Gemeinde war also nicht gesünder als ihre Nachbarn, weil sie über einen gegen Cholesterin wirkenden Zaubertrank verfügte, sondern weil dort alle zusammenhielten. Die gesamte Familie hat unter einem Dach gewohnt. Alle hatten einen festen Platz in der Gemeinschaft. Sie waren geborgen, aufgefangen in der Familie. Sie haben gemeinsam gescherzt und gelacht. Das ist ein hoher Wert, der in unserer modernen Gesellschaft weitgehend verloren gegangen ist. Das Besondere an Roseto war tatsächlich diese besondere Gesellschaftsstruktur, die nur in diesem Ort in dieser Form existierte.
So lautete der Befund der Forscher in den 1960er-Jahren. Laut damaliger wissenschaftlicher Erkenntnislage war das die Ursache des sogenannten »Roseto-Effektes«.
Rund dreißig Jahre später bestätigte sich diese Einschätzung, wenn auch auf eher traurige Weise. 1992 veröffentlichte das American Journal of Public Health einen neuen Bericht über diesen Effekt3. Die Rosetaner hatten sich zu diesem Zeitpunkt angepasst. Sie hatten sich amerikanisiert. Ihre traditionelle süditalienische Familien- und Dorfkultur war zerfallen.
»Bei meinen ersten Besuchen habe ich nie ein Essen gesehen, bei dem nicht alle gewartet hätten, bis auch das letzte Familienmitglied am Tisch saß«, sagte der Sozialmediziner Bruhn. »Es war damals, als hätten die Leute jeden Tag etwas zu feiern. Davon ist nichts mehr zu sehen.«
Der Unterschied zwischen arm und reich war nun auch hier klar sichtbar. Roseto war eine typisch amerikanische Community geworden. Die Rosetaner achteten mehr auf sich und kümmerten sich weniger um ihre Familienmitglieder, Freunde und Nachbarn. Nur eine Generation lag zwischen der ersten und der zweiten Studie. Laut letzterer erreichte die Häufigkeit der Herzerkrankungen in Roseto das nationale Durchschnittsniveau.
Der Fall Roseto belegt eindrucksvoll, dass es einen Zusammenhang zwischen der sozialen Integration eines Individuums, sei es nun auf familiärer, freundschaftlicher oder kommunaler Ebene, und seiner Gesundheit und Lebenserwartung gibt. Das mag nach geheimnisvoller Esoterik klingen, doch dahinter verbirgt sich eine einfache und wissenschaftlich beweisbare Logik: Liebe im Sinne gesellschaftlicher Geborgenheit fördert die Gesundheit.
Bei allen Dingen, die ich hier unter dem L-Begriff »Lieben« zusammenfasse, geht es im Wesentlichen um etwas, für das die deutsche Sprache kein einzelnes Wort hat, das alle Aspekte abdeckt: Einerseits ist da der Aspekt der tiefen Ruhe, des Urvertrauens, der emotionalen Erdung, Zufriedenheit, Wohlbefinden, Stabilität und Harmonie gleichsam als Basis.
Andererseits umfasst die Liebe aber auch den Aspekt der Bewegung, Schwung ins Leben bringen, Faszination, Begeisterung, etwas, das uns emotional mitreißt, uns gefangen nimmt, in den Flow bringt.
Dann gibt es jenen Aspekt der Liebe, welcher mit den Begriffen Erfüllung und Sinnfindung beschrieben werden kann, der uns auf eine andere Bewusstseinsebene hebt, gleichsam schweben lässt.
Und zu guter Letzt gibt es auch jenen Aspekt des Liebens, der in einer Verbindung zu einem Gegenüber besteht, sei es ein anderer Mensch, ein Tier oder auch nur ein Hobby. Dieses Gegenüber lässt uns strahlen, unser Bestes geben, erfüllt uns mit Stolz, vermittelt Selbstbestätigung, ein Bild von dem, wer wir im Verhältnis zur Welt sind und sein möchten, weil wir in unserer Bestform in einen Austausch treten, nicht nur nehmen, sondern auch geben können, was uns Respekt und Anerkennung einbringt.
Dieser Aspekt von Liebe umfasst auch die innigste zwischenmenschliche Affektion, Leidenschaft für und Neugier auf einander, sich hingezogen fühlen zu einer Person, deren Nähe beinahe automatisch eine Stimmungsaufhellung und ein Aufblühen bewirkt, vom Miteinander-Pferde-stehlen-können bis hin zur sexuellen Stimulation, ein Gefühl von Zugehörigkeit, getragen von besonderer Wertschätzung, Geborgenheit und tiefem Verständnis. Dieser Aspekt gehört zu den schönsten Lebenserfahrungen, umso wertvoller, als solche Liebe nicht allen Menschen zuteil wird.
All diese Aspekte spielen zusammen wie die Saiten eines Instruments, versetzen unsere Emotionen in positive Schwingungen, womit wir heraustreten aus einer emotionalen Neutralität und Liebe ausstrahlen können.
Je mehr uns von diesen Aspekten im Leben fehlt, desto anfälliger sind wir für Stress und für ungesunde Verhaltensweisen, mit denen wir die fehlende Liebe kompensieren. Insbesondere übermäßige Nahrungsaufnahme wird hier leicht zum Problem, denn wir sind es von klein auf gewohnt, uns mit Essen ein kurzfristiges Wohlbefinden zu erkaufen. Statt von Luft und Liebe zu leben, greifen wir zu Schokolade und Kuchen. Wenn dann noch Stress dazukommt, ist die gesundheitlich negative Entwicklung vorprogrammiert. Stresshormone erhöhen die Ausschüttung von Insulin. Insulin transportiert Zucker in die Zellen, wo er entweder in Energie umgewandelt oder gespeichert wird. Wenn wir die Energie nicht für etwas brauchen, wofür wir lichterloh brennen, drohen Übergewicht, wodurch wir uns tendenziell noch weniger liebenswert fühlen, noch mehr Kuchen, Durchblutungsstörungen und in weiterer Folge Diabetes.
Die Liebe in all ihren Facetten kann hingegen eine gesundheitlich positive Entwicklung antreiben, indem sie Stress reduziert, unseren Blutdruck senkt und mehr Energie verbraucht, ohne dass wir gleichzeitig dazu getrieben werden, mit Nahrung mehr als nur unseren Hunger zu stillen. Darin besteht die Macht der Liebe über unseren Körper.
Wir haben einigermaßen verstanden, dass das Rauchen, unser Essverhalten sowie das Ausmaß unserer körperlichen Aktivität Einfluss auf unsere Gesundheit haben. Doch trotz der eben beschriebenen leicht verständlichen Zusammenhänge denken wir viel zu wenig daran, dass auch die Qualität unserer Liebesbeziehungen, unserer familiären Verhältnisse, unserer Freundschaften und unseres Gefühls von Sicherheit und Geborgenheit in unserer Gesellschaft auf unsere Gesundheit wirkt.
Dabei wird das Bild, das sich den Forschern in diesem Bereich zeigt, von Jahr zu Jahr deutlicher. Dem Zusammenhang zwischen sozialer Isolation und kardiovaskulären, also das Herz und das Gefäßsystem betreffenden Erkrankungen, gingen Forscher unter anderem in der Studie »Social Isolation and Stress-related Cardiovascular, Lipid, and Cortisol Responses« nach4.
Sie stellten fest, dass sozial isolierte Männer und Frauen auf eine Therapie zur Senkung des Blutdruckes schlechter ansprechen. Gleichzeitig belegten sie, dass sich soziale Isolation bei Männern ungünstig auf ihren Cholesterin-Spiegel auswirkt und zu höheren Werten führt.
Ein australisch-amerikanisches Wissenschaftlerteam zeigte mit Hirnscannern, dass wir bei der Abweisung durch andere sozialen Schmerz fühlen5. Bei dieser Art von Schmerz reagiert genau die gleiche Region der Großhirnrinde wie bei körperlichem Schmerz. Zudem zeigte das Team, dass soziale Isolation die kognitive Leistungsfähigkeit schwächen kann. Wenn wir uns einsam fühlen, können wir uns nicht so gut konzentrieren und suchen weniger ambitioniert und erfolgreich nach Lösungen für unsere Probleme.
Die Forscher Julianne Holt-Lunstad, Timothy B. Baker, Tyler Harris und David Stephenson wiederum belegten den Roseto-Effekt mit ihrer Studie »Loneliness and Social Isolation as Risk Factors for Mortality«6. Sie zeigten darin unter anderem, dass die Gesundheit sozial isolierter Menschen bereits gefährdet ist, bevor es zu einer erkennbaren Beeinträchtigung ihres Herz-Kreislauf- und Immunsystems gekommen ist. Laut dieser Studie sind solche Menschen schlicht anfälliger für den Konsum von Nikotin und Alkohol, sowie für Bewegungsmangel und schlechten Schlaf. Die Autoren schlussfolgerten plakativ, dass Einsamkeit genauso schädlich ist, wie 15 Zigaretten am Tag.
Die Folgen des Gefühls, ungeliebt oder gar ausgeschlossen zu sein, können weit über die mögliche Schwächung unseres Herz-Kreislauf- und unseres Immunsystems hinausgehen. Denn in dieser Situation kann unser Körper eine Art organischen Blitzableiter einrichten. Er tut das einfach deshalb, weil körperlicher Schmerz leichter zu ertragen ist als seelischer. Dann leiden wir an einer körperlichen Krankheit, die seelische Ursachen hat.
Eine tiefgreifende Kränkung zum Beispiel kann zu einer sogenannten Konversionsneurose führen, bei der ohne physische Ursachen körperliche Krankheitssymptome auftreten. Das können dann Magenbeschwerden, Herz- oder Halsschmerzen sein. Die Kränkung anzusprechen, zu sagen: »Ich bin gekränkt«, kann Luft machen und ein wenig Erleichterung verschaffen. Das kann schon helfen. Doch ist es in unserer modernen Erfolgsgesellschaft nicht immer einfach, zuzugeben, dass wir getroffen sind. Wenn uns zum Beispiel ein böswilliger Arbeitskollege kränkt, geben wir das dann so einfach zu? Eher nicht. Eher lassen wir uns nichts anmerken, denn alles andere würden wir, und wohl auch der betreffende Kollege, als Eingeständnis von Schwäche und Anerkennung von dessen Überlegenheit deuten.
Ein wohlwollender und zur Empathie fähiger Partner, Verwandter oder Freund, mit dem wir offen über eine solche Kränkung sprechen und dem wir unsere Gefühle zeigen können, würde da Abhilfe schaffen. Nur ist leider ein so verständnisvoller Partner schwerer zu finden als ein Arzt, der uns ein Medikament gegen unsere Magenbeschwerden, Herz- oder Halsschmerzen verschreibt.
Die Auswirkungen unseres emotionalen Wohlbefindens sind von größter Relevanz und stellen einen wichtigen Bereich der medizinischen Forschung dar. Die Übersetzung von psychischen in körperliche Symptome erfolgt oft deshalb, weil es wie schon gesagt leichter ist, einen körperlichen Schmerz zu ertragen als einen psychischen. Reflexion über das eigene Leben und Verhalten kann weit unangenehmere Wirkungen haben als körperliches Unwohlsein. Daher sind die Effekte der Psyche auf unseren Körper ernst zu nehmen und stellen ein wichtiges Gebiet für die medizinische Forschung dar.
Psychische Befindlichkeitsstörungen formelhaft zur Erklärung jeglicher körperlicher Erkrankung heranzuziehen, ist jedoch verfehlt. Viele Krankheiten ließen sich nur allzu leicht, jedoch fälschlich auf psychosomatische Effekte zurückführen. So müssen selbst die Magenschmerzen einer berufstätigen und alleinerziehenden Mutter nicht zwangsläufig von dem Stress herrühren, unter dem sie steht.
Wie schwierig hier die Ursachenforschung ist, mögen folgende Beispiele zeigen:
Helicobacter pylori, ein Bakterium, das eine chronische Entzündung des Magens verursacht, wurde erst 1983 von zwei Australiern, die später den Nobelpreis bekommen haben, entdeckt7. Helicobacter pylori kann ausschließlich für Magenbeschwerden verantwortlich sein oder im Zusammenspiel mit psychischen Irritationen. Magenbeschwerden können aber auch allein durch psychische Auslöser bedingt sein.
Wenn ein geliebtes Haustier stirbt, kann das schmerzlich sein. Dennoch ist nicht ein Jahr später jeder Herzschmerz auf diesen Verlust zurückführbar. Denn Herzschmerz kann, und das weit häufiger, auch Folge einer krankheitsbedingten Gefäßverengung sein.
Bei manchen Menschen kommt es zu einem Krampf der Herzkranzgefäße, der zu einer vorübergehenden Minderdurchblutung und Sauerstoffarmut des Herzmuskels führen kann. Bei Auftreten eines solchen Gefäßkrampfes, der meist nur wenige Minuten andauert, kommt es zu massiven Herzschmerzen, die nach Beendigung der Gefäßverengung wieder abklingen. Wenn solche Patienten außerhalb einer solchen Episode untersucht werden, erscheinen ihre Herzkranzgefäße normal. Dies erweckt den Eindruck, als sei hier auf der organischen Seite alles in Ordnung, woraus dann der Schluss gezogen wird, die Patienten leiden unter psychischen Beschwerden, nämlich einer sogenannten Herzneurose.
Ein solches Reaktionsmuster entspricht einem Stereotyp mancher ärztlicher Diagnosen. Wenn ich als Arzt mit meinen bescheidenen Mitteln und Kenntnissen nicht sofort eine körperliche Ursache festmachen kann, dann muss die Erkrankung wohl psychisch bedingt sein. Gott sei Dank kann sich solche Ignoranz in unserer wissensbasierten Welt zunehmend schlechter behaupten. Dennoch werden mit derartig blinden Stigmatisierungen nach wie vor Patienten zu Unrecht als psychisch krank abgeschrieben und ihnen verfügbare Behandlungen vorenthalten. Für solche Situationen gibt es kein Geheimrezept. Allerdings helfen hier ein möglichst umfassendes medizinisches Wissen einerseits und andererseits die Offenheit und der Wille, Dinge zu hinterfragen, statt sich mittels vorschneller Lösungen in falscher Sicherheit zu wiegen.
Mitmenschlichkeit im Gesundheitswesen
Der Zusammenhang zwischen sozialer Integration und Umweltfaktoren sowie den von ihnen ausgehenden Effekten für unsere Gesundheit lässt sich anhand eines Beispiels aus der Pflanzenwelt plastisch darstellen: Eine Rose, die an einem sonnigen Platz steht und die ein Gärtner fürsorglich pflegt, wird immer wieder aufblühen. Wo nur Schatten herrscht und der Rose nur Wind und Regen entgegenschlagen, wird sie verwelken. Das ist ein einfaches, aber allgemeingültiges Naturgesetz, das für Pflanzen genauso gilt wie für Tiere oder Menschen. Wir Menschen sind weit komplexere Organismen als eine Rose, aber deswegen sind wir nicht weniger abhängig von Fürsorge und wärmender Sonne, im wörtlichen ebenso wie im übertragenen Sinn.
Schließlich ist die wohltuende Wirkung von sozialen Kontakten auf uns auch von der Evolution bestimmt. Denn die Evolution belohnt Fähigkeiten und Verhaltensweisen, die uns und damit dem Fortbestand unserer Spezies dienlich sind. Dies trifft auch auf die sozialen Bindungen zwischen den einzelnen Mitgliedern der Spezies Homo Sapiens zu. Deren Überleben war hunderttausende Jahre lang nur innerhalb einer funktionierenden Gemeinschaft möglich. In der Wildnis hat die Gruppe extreme Vorteile gegenüber dem Einzelnen. Ohne Unterstützung durch seine Artgenossen hat es der Mensch wesentlich schwerer, sich genügend Nahrung durch Jagd oder später auch durch Ackerbau zu verschaffen. Gleiches gilt bezüglich der Verteidigung und Durchsetzung gegen natürliche Feinde. Deswegen reagiert unser Organismus auf Einsamkeit nach wie vor mit Stress und leichtem Schlaf, auf soziale Integration hingegen mit dem Ruhe- und Sicherheitsmodus und allen seinen positiven Folgen.
In meiner früheren Funktion als Leiter einer klinischen Abteilung war mir wichtig, es Patienten zu ermöglichen, mit ihren Partnern, Familienangehörigen und Freunden zusammenzutreffen. Deshalb habe ich die meines Erachtens überholte strikte Besuchszeitenregelung abgeschafft. Ich war schon davor der Meinung gewesen, dass Menschen, die das Gesundheitssystem mitfinanzieren, jederzeit die Möglichkeit haben sollten, einen Angehörigen im Krankenhaus zu besuchen. Nur selten gibt es Situationen, in denen Besuche wirklich nicht möglich sind. Selbst wenn gerade Ärzte auf Visite durch die Abteilung gehen, ist das kein Hindernis, denn so eine Visite ist nach einiger Zeit wieder vorbei. Außerdem kann es hilfreich sein, von den Angehörigen der Patienten noch zusätzliche Informationen einzuholen.
Unser gesamtes Gesundheitssystem sollte die Bedürfnisse der Patienten und nicht jene der Organisation in den Vordergrund stellen. Demgemäß sollte den sozialen Bedürfnissen, insbesondere jenen nach Kontakt zu Partnern und Angehörigen, Rechnung getragen werden, zumal dies einen unterstützenden Faktor bei jeder Therapie darstellt. Dies wird immer mehr Menschen bewusst. Eine lückenlose Umsetzung dieser sinnvollen und leicht machbaren Neuerung wird allerdings aufgrund der Trägheit des Systems wohl noch auf sich warten lassen.
Zufriedene Einzelgänger
Das Bedürfnis nach sozialer Integration und damit nach Vernetzung mit anderen ist individuell stark unterschiedlich ausgeprägt. Auch das sei an dieser Stelle gesagt. Manche Menschen können besser mit dem Alleinsein umgehen. Sie haben, oft unbewusst, eine wirksame Bewältigungsstrategie für einsame Zeiten. Die Mehrzahl der Menschen jedoch hat ein starkes Bedürfnis nach engeren kontinuierlichen Bindungen.
Doch selbst diejenigen, die vergleichsweise gut alleine zurechtkommen, benötigen soziale Anbindung in ihrem Leben. Auch für sie kann in schwierigen Zeiten ein hilfreiches und wertschätzendes Netzwerk eine wichtige Unterstützung darstellen. Natürlich mag es Ausnahmen geben. Normalerweise jedoch bleibt langandauernde soziale Isolation nicht ohne psychische und schließlich auch physische Folgen.
Außerdem gibt es so manchen augenscheinlichen Einzelgänger, der die Bequemlichkeit des Alleinbleibens gegenüber der Herausforderung der Beschäftigung mit einem Partner vorzieht. Alleinbleiben stellt auch einen Schutz gegen Verletzungen dar, die im Kontakt mit anderen Menschen unweigerlich auch entstehen. Solchen Menschen hilft der Hinweis auf die oben beschriebenen Zusammenhänge wenig. Vielmehr benötigen sie empathische Unterstützung und Stärkung ihres Selbstvertrauens, um ihnen emotionale Nähe zu anderen Menschen zu erleichtern. Ich spreche mit solchen Menschen gerne ausführlich darüber, weil es meines Erachtens für sie besonders wichtig ist. Vielleicht wären sie von ihrer Anlage her sogar sehr gesellig, würden in Gemeinschaft richtig aufblühen, schaffen es jedoch nicht, ihre selbsterrichteten Barrieren zu überwinden.
Im Zusammenhang mit diesen Überlegungen erscheinen mir die folgenden vier Punkte hilfreich.
ERSTENS. Es ist leichter, als Sie denken. Es ist schon viel damit gewonnen, wenn wir anderen Menschen manchmal kleine Freuden bereiten und ihren Leistungen mit Wertschätzung begegnen. Denn die positive Stimmung, die wir ausstrahlen, kommt in der Regel als positive Reaktion zu uns zurück.
Allerdings fällt es in unserer Gesellschaft vielen Menschen schwer, andere zu loben oder zu stärken, weil sie dadurch andere erhöhen und Sorge haben, dass sie selbst zu kurz kommen. Je gefestigter ein Mensch ist, desto leichter fällt es ihm normalerweise, anderen Wertschätzung entgegenzubringen. Menschen, die sich im Grunde schwach fühlen, neigen hingegen nicht selten dazu, ihr eigenes Selbstwertgefühl zu erhöhen, indem sie andere durch Kritik hinunterziehen. Ist dieses Verhaltensmuster einmal erkannt, dieser Mechanismus bewusst geworden, so kann eine Änderung stattfinden. Der freizügige Ausdruck von ehrlicher Wertschätzung im eigenen Lebensumfeld kann jedenfalls zu einer deutlichen Steigerung der eigenen Lebenszufriedenheit führen. Eine freundliche Bemerkung pro Tag ist ein Anfang. Das lässt sich üben.
ZWEITENS. Es gibt eine Möglichkeit, bei der Sie sich nicht allzu weit aus der Deckung wagen müssen. Diese Möglichkeit bietet uns die Unterstützung von Bedürftigen. Wenn wir Hilfestellungen für andere organisieren oder uns daran beteiligen, entsteht ein Nutzen auf beiden Seiten, sowohl bei denen, die Unterstützung brauchen, als auch bei den Unterstützern. Sofern also Unterstützungsbereitschaft auf ein echtes Bedürfnis trifft, wird durch den Akt der Unterstützung das Lebensgefühl auf beiden Seiten verbessert. Geben und Nehmen ergänzen sich und erzeugen ein Gefühl der sozialen Verbundenheit. Wohlgemerkt muss die Unterstützung willkommen sein. Wer Hilfe aufdrängt, erzeugt womöglich eine Abwehrreaktion oder ein Gefühl von Ohnmacht und Demütigung bei denen, die gar nicht bedürftig erscheinen wollten. Daher erfordert echte Nächstenliebe auch sehr viel Sensitivität beim Einsatz der eigenen Stärken insbesondere gegenüber jenen, die wir als weniger stark einschätzen.
DRITTENS. Soziale Integration können Sie auch über Teilnahme generieren. Bei diesem Punkt denke ich an eine liebe Bekannte, die in einem Kirchenchor singt. Die große Bedeutung, die sie dem Chor beimisst, ist nicht für jedermann unmittelbar einsichtig. Es geht ihr dabei nicht so sehr um Spiritualität, sondern um das gemeinsame Singen, das auf intensive Weise einen Teil ihrer Bedürfnisse nach sozialer Integration befriedigt. Als Teil des Chors schafft sie einen Wert, der über die musikalische Gestaltung und die Umrahmung der Messe hinausgeht. Für sie ist das ein so wichtiger Bestandteil ihres Lebens geworden, dass sie die Teilnahme am Chor über andere soziale Angelegenheiten, selbst über ihren Urlaub stellt. Ihr Mann jammert jedes Mal, weil er lieber noch am Meer bleiben möchte, aber ihr ist die Teilnahme so wichtig, dass sie unbedingt zurück zu ihrem Chor fliegen muss, um bei den jährlichen Osterkonzerten dabei sein zu können. In diesem Punkt kennt sie keine Kompromisse.
VIERTENS. Bemühen Sie sich um die Beziehungen, die Ihnen gut tun. Sie sind nicht selbstverständlich. Wenn wir Beziehungen schlecht führen oder verkommen lassen, dann kann das negative Rückwirkungen auf unser geistiges und körperliches Wohlbefinden haben. Besonders evident wird dies dann, wenn unser Leben zu Ende geht. Die Charakterisierung als arm, einsam und alt suggeriert, dass der betreffende alte Mensch unverschuldet in diese Situation geraten ist. Das stimmt aber nicht zwangsläufig. Zwar steigt das Risiko der unverschuldeten Vereinsamung im Alter durch das Wegsterben von Freunden und Verwandten sowie deshalb, weil es uns im Alter immer schwerer fällt, neue Kontakte zu schließen. Doch oft genug habe ich erlebt, dass es einen Grund hatte, wenn Kinder ihre Eltern am Sterbebett alleine gelassen haben. Zum Beispiel, wenn die Eltern ihre Kinder in jungen Jahren ihrerseits im Stich gelassen, psychisch oder sogar physisch misshandelt haben.
Dazu fällt mir ein Patient an unserer Klinik ein. Sein Gesundheitszustand hätte es eigentlich zugelassen, jeden Tag zur Therapie in die Tagesklinik zu kommen. Allerdings mussten wir ihn stationär aufnehmen. Denn bei ihm gab es außer dem Klinikteam niemanden, der für ihn da gewesen wäre. Er bat mich, seinen Sohn zu kontaktieren, woraus ich schloss, dass das Verhältnis zwischen den Beiden zerrüttet war.
Die Antwort des Sohnes fiel aus, wie erwartet. »Ich fahre morgen in den Urlaub«, sagte er. »Tut mir leid, dass ich nicht helfen kann.« Als ich meinem Patienten die Nachricht überbrachte und mit ihm darüber sprach, stellte sich heraus, dass der Sohn nur zurückgab, was er von seinem Vater bekommen hatte. Auch der war nie für ihn da gewesen. Und sein Bedauern darüber kam zu spät.
Solche Menschen haben dann manchmal nicht nur einen schwierigen Lebensabend, sie können am Ende auch noch besondere Schwierigkeiten dabei haben, loszulassen, bevor Unaufgearbeitetes und Belastendes ausgesprochen oder geregelt wurde. Das ist übrigens das Positive an einer längeren Sterbephase. Sie ermöglicht und legt es uns nahe, Versäumtes nachzuholen und aufzuarbeiten, was noch ansteht. Es ist schon schwer genug, allein zu sein, wenn wir gehen. Aber es ist noch schwerer, wenn wir dabei emotionale Baustellen hinterlassen müssen.
Manchmal ist uns gar nicht bewusst, dass es diese emotionalen Baustellen gibt. Mir fällt dazu ein Patient ein, der an Dickdarmkrebs in fortgeschrittenem Stadium litt, als ich ihn kennenlernte. Er musste immer wieder für ein paar Tage zu uns ins Spital und bei jedem seiner Aufenthalte besuchte ihn seine Frau. Stets kam sie pünktlich um 14 Uhr und setzte sich an sein Bett, um ihm angesichts seines nahenden Todes beizustehen.
Bei einer meiner Visiten war ich noch da, als seine Frau hereinkam. Ich wollte mich zurückziehen, damit die Beiden ungestört waren. Deshalb beendete ich die Visite mit der abschließenden Frage, ob es noch etwas gäbe, das er mit mir besprechen wolle.
Da schweifte sein Blick ab. Die geballte Faust presste er sich auf den Mund. Sein Gesicht verzerrte sich und er konnte die Tränen kaum noch unterdrücken. Es brach so richtig aus ihm heraus. »Es geht mir so schlecht, Herr Doktor«, sagte er. »Das Einzige, das ich in meinem Leben noch habe, ist mein Hund.«
Ich sah zu seiner Frau und versuchte, mir meine Erschütterung nicht anmerken zu lassen. Sie schwieg und wandte ihren Blick ab. Ich wusste im ersten Moment nicht, wie ich reagieren sollte. Nachdem mir dieses Erlebnis keine Ruhe ließ, habe ich den Patienten bei einer Gelegenheit auf das Verhältnis zu seiner Frau angesprochen und auch anklingen lassen, dass sie seine Aussage bezüglich des Hundes möglicherweise als Herabsetzung empfunden hat und ob er das wirklich so sagen wollte. Worauf der Mann antwortete, das sei ihm gar nicht bewusst gewesen, weil seine Frau den Hund doch auch liebe. Dennoch bedankte er sich dafür, dass ich ihn darauf hingewiesen hatte.
Bei seinem nächsten Spitalsaufenthalt drei Wochen später hat mich der Patient darauf angesprochen. Er hatte unser Gespräch zum Anlass genommen, seine Frau zu fragen, wie sie seine Aussage verstanden habe. Er war überrascht zu hören, dass sie tatsächlich gekränkt war, und noch mehr erschrocken, als er im Zuge dieses Gespräches von ihr darauf hingewiesen wurde, wie oft er sie schon mit solch unbedachten Äußerungen zutiefst getroffen hatte. So als wäre sie nichts in seinem Leben. Er erzählte mir, dass sie an diesem Abend lange zusammengesessen waren und viel gelacht und geweint hatten, weil sie über die schönen Seiten ihres gemeinsamen Lebens gesprochen und einander zum ersten Mal in all den Jahren ihrer Beziehung erklärt hatten, was sie sich bedeuten. An einem einzigen Abend hat er viel vom Schaden wieder gutgemacht, den er über die Jahre angerichtet hat. Ich habe seine Frau noch ein paarmal an seinem Bett sitzen gesehen. Und jedes Mal war es dieselbe Szene. Mit leuchtenden Augen saßen die Beiden da und sie zeigte ihm die neuesten Fotos, die sie von ihrem Hund gemacht hatte.
Der ungesunde Egoismus
Manche gesellschaftlichen Entwicklungen stehen unserem natürlichen Bedürfnis nach gesund erhaltenden, stärkenden und heilenden Sozialkontakten im Weg. So betraf der Zerfall traditioneller familiärer und kommunaler Strukturen nicht nur die Bewohner des Dorfes Roseto. Schon seit Beginn der Industrialisierung vor rund 150 Jahren kommen uns durch die zunehmende Individualisierung Regeln des Zusammenlebens abhanden, die in früheren Zeiten natürlich gewachsen und unseren sozialen Bedürfnissen entgegengekommen sind.
Eine bedeutende Rolle spielt dabei die Urbanisierung des Lebens. Die Flucht vom Land, wo solche Regeln eher Bestand haben können, in die anonymeren Städte ist so groß wie nie. In der Stadt versprechen wir uns Chancen, die wir auf dem Land nicht haben. Das eng aneinandergedrängte Leben in den Städten fördert aber paradoxerweise nicht den Zusammenhalt innerhalb der Familie oder zwischen den Städtern. Vielmehr steigen mit der großen Zahl an Menschen tendenziell Entfremdung, Abgrenzung und Vereinsamung. Die große Zahl von Menschen, denen Städter auf engem Raum begegnen, scheint gegen das Interesse an ihnen zu immunisieren und eher Abwehrreflexe als Gemeinschaftsdenken auszulösen.
Die Kinder bewegen sich in Städten weniger und bleiben kürzer im elterlichen Umfeld. Sie besuchen früher Kindergärten und ziehen, wenn sie können, früher aus. Geschwister verlieren einander im Streben nach beruflichem Erfolg leichter aus den Augen. Die Pflege verwandtschaftlicher Kontakte wird, wenn überhaupt, auf ein mehr oder weniger attraktives Ereignis an Feiertagen reduziert, das während der Osterfeiertage mit Städte- und während der Weihnachtsfeiertage mit Fernreisen konkurriert.
Auch außerfamiliäre Beziehungen verlieren an Bedeutung. Wohin das führt, zeigt Japan mit einer Entwicklung, die auch in Europa und den USA zunehmend Platz greifen wird. In Japan hat die traditionelle Partnerschaft und die Gründung einer Familie als Grundkonzept der Gesellschaft weitgehend ausgedient8. Gleichzeitig hat das Dasein als Single an Status gewonnen, worauf sich zum Beispiel die japanische Gastronomie mit Einzeltischen und die japanische Dienstleistungsindustrie mit Kuschelangeboten für Fremde mit Fremden einstellen. Menschen leben alleine, schlafen alleine, essen alleine und finden alleine Ersatz für körperliche Nähe. Das Riesenrad in Tokio hat, singlegerecht, Gondeln mit nur einem Sitzplatz.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war es in Europa noch eine Selbstverständlichkeit, auf engem Raum mit anderen zu leben. Eine andere Möglichkeit gab es nur für wenige Privilegierte. Für die Meisten ging es vor allem darum, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben. Die Frage, wie viele Familienangehörige oder auch Fremde sonst noch darunter lebten, war zweitrangig.
Als der Wirtschaftsaufschwung kam, regte sich in vielen Menschen umso mehr das Bedürfnis nach Freiraum. Dies aus gutem Grund. Wenn zu viele Menschen auf zu engem Raum leben müssen, führt dies unweigerlich zu Stress. Mehr Freiraum dagegen hat viele Vorteile. Er erlaubt uns, unsere Individualität und unseren Egoismus ungehemmter auszuleben. Platz für sich zu haben, gehörte fortan zu den neuen Statussymbolen. Besonders für junge Menschen ist das attraktiv. Was ihnen dabei entgeht, der Halt und die Sicherheit eines aufmerksamen sozialen Umfelds, vergessen sie leicht, und was das für ein gesundes Leben bedeutet, wissen viele gar nicht.
Ich habe viele Patienten kennengelernt, die ihr Leben lang ihre Sozialkontakte vernachlässigt haben. Die wenigsten von ihnen haben das mit dem gleichen Realismus getan wie Robert Thuch. Die meisten haben es wie der eben beschriebene Patient bereut, als sie in eine Notlage gerieten. Manchmal lassen sich die Dinge noch einigermaßen reparieren. Einer Patientin von mir, Francesca Deledda, einer gebildeten und charmanten Italienerin, scheint dies im Alter von 66 Jahren gelungen zu sein. Eines ihrer Gene, das die Entstehung von Tumorzellen verhindern sollte, ist erblich bedingt defekt. In einem solchen Fall übernimmt zunächst das korrespondierende Gen die Aufgabe des defekten. Da Gene im Rahmen dieses natürlichen Sicherungssystems doppelt angelegt sind, kann das für den Rest des Lebens gut gehen. Wird jedoch auch das verbleibende Gen defekt, führt das zum Ausbrechen der Katastrophe, zum Entstehen einer Krebserkrankung. Mit steigendem Alter kommt es vermehrt dazu, dass das verbleibende Gen schwächelt und schließlich versagt.
So war es auch bei Francesca Deledda. Sie erkrankte an Eierstockkrebs. Nach wie vor sind die Möglichkeiten der Frühdiagnose für diese Art von Krebs beschränkt, weshalb auch bei ihr die Erkrankung erst im fortgeschrittenen Stadium erkannt wurde.
Als Francesca Deledda mit der Diagnose konfrontiert wurde, erkannte sie, dass ihr in ihrem Leben einiges abhanden gekommen war, ohne dass sie es richtig bemerkt hatte. Sie hatte sich mit ihren beiden Brüdern zerstritten und pflegte selbst mit ihrer einzigen Tochter seit mehr als 18 Jahren keinen Kontakt mehr.
Ich weiß nicht genau, was vorgefallen war. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass sie einmal ausgesprochen hübsch war, was sich meiner Erfahrung nach für ein gelungenes Leben häufig als hinderlich erweist. Denn fällt uns im Leben – etwa aufgrund unserer Attraktivität – zu viel in den Schoß, so kann es leicht passieren, dass wir uns zu wenig – in diesem Fall um unsere Mitmenschen – bemühen. Wir verlernen nicht nur, um etwas zu kämpfen, sondern auch, es zu schätzen. Und wir verlernen, die in uns schlummernden Talente zur vollen Entfaltung zu bringen. Hier kann eine schwere Erkrankung paradoxerweise auch heilsame Wirkungen entfalten, weil sie den Rahmen zwischenmenschlicher Beziehungen verändern kann.
In dieser Phase reflektieren viele Betroffene ihren bisherigen Lebensweg und eruieren, was ihnen wirklich wichtig ist in ihrem Leben. Dieser Verarbeitungsprozess erlaubt ihnen, ihre verbleibende Lebenszeit bewusster und erfüllender zu gestalten. Sie gehen mit ihrer Zeit selektiver um, trennen Wichtiges von Unwichtigem und widmen sich, wo immer möglich, Dingen, die ihnen Sinn und Erfüllung geben. Die Erkrankten spüren die Bedeutung der anderen stärker und die anderen bekommen angesichts der Erkrankung ein Gefühl für die Endlichkeit des eigenen Lebens. Beides lädt eine zwischenmenschliche Situation emotional neu auf und schärft den Blick für das Wesentliche.
Manchmal kommt es deshalb zwischen meinen Patienten und ihren im Streit gegangenen Angehörigen zu Aussprachen. Dies war auch bei Francesca Deledda der Fall. Sie hat ihre Tochter und ihre beiden Brüdern kontaktiert in dem Willen, die Verbindung wieder herzustellen. Tatsächlich bekam sie in der Klinik einen Anruf von ihrer Tochter, und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch ihre Brüder sich melden. Solch späte positive Entwicklungen sind jedoch keineswegs garantiert, und so, wie die Dinge hätten sein können, werden sie wohl auch nie wieder. Denn es lässt sich nun einmal nicht in wenigen Monaten nachholen, was wir in Jahrzehnten versäumt haben.
Der Trend geht weiter in Richtung Egoismus. Warnende Stimmen sprechen bereits von zunehmendem Narzissmus, der als Fehlentwicklung einer Persönlichkeit schwere pathologische Züge aufweist. Menschen mit narzisstischer Persönlichkeit können der Gesellschaft schweren Schaden zufügen. Sie sind nicht willens und auch nicht in der Lage, sich in eine Gemeinschaft einzuordnen, was eine wesentliche Voraussetzung für ein gedeihliches Miteinander darstellt.
Die Werbung, der wir täglich ausgesetzt sind, scheint narzisstische Persönlichkeitsmodelle zu unterstützen. Sie suggeriert uns eine Welt, in der wir uns hemmungslos immer und überall nehmen können, was wir wollen, ohne etwas dafür geben zu müssen. Diesen Trend unterstützt eine fragwürdige Politik, die Bürger mit Leistungen für sich einzunehmen versucht, ohne darauf zu verweisen, dass andere Bürger dafür bezahlen müssen. Breite Bevölkerungsschichten vergessen auf diese Weise, dass eine Gesellschaft nur funktionieren kann, wenn alle entsprechend ihren Möglichkeiten etwas zu ihr beitragen.
Diesem gesellschaftlichen Trend entspricht auch die besondere Stellung, die Kinder heute in einer Familie einnehmen. Früher waren Kinder ein Teil der Familie, der sich eher an das Leben der Erwachsenen anpassen musste als umgekehrt. Heute dreht sich alles um die Kinder. Ich kann in meinem eigenen Freundeskreis immer wieder beobachten, wie Kinder jeden Wunsch erfüllt bekommen. Das gesamte Leben ihrer Familien richtet sich nach ihnen aus. Wir ziehen auf diese Weise Generationen von Menschen heran, die es gewohnt sind, alles zu bekommen und die mit dem Bewusstsein durchs Leben gehen, darauf einen selbstverständlichen Anspruch zu haben. Zu der Erkenntnis, dass jedes gedeihliche Zusammenleben wesentlich darauf beruht, nicht nur nehmen, sondern auch geben zu können, gelangen diese Kinder oft nicht, geschweige denn wird dies automatisch ein integraler Teil ihrer Persönlichkeit.
Aus sozialer und damit letztlich auch aus gesundheitspolitischer Sicht kann solchen Generationen wohl nur eine schwierige Zukunft vorausgesagt werden. Entweder schaffen es die Menschen in Zukunft tatsächlich, sich jeder für sich durchs Leben zu schlagen. Wenn dies wie in Japan mit gesellschaftlicher Infrastruktur und entsprechenden Angeboten gefördert wird, dann ist in zwanzig Jahren endgültig jeder auf sich gestellt. Oder die Kinder aus diesen Generationen stoßen irgendwann an ihre Grenzen, was zu dramatischen persönlichen Erfahrungen führen wird. Denn wer in den prägenden Kindheits- und Jugendjahren so im Mittelpunkt stand, wird es schwer haben, sich an die Realitäten des Gemeinschaftslebens einer 7,5 Milliarden zählenden Bevölkerung anzupassen.
Im Extremfall löst sich eine egoistische Gesellschaft dann von selbst auf. Denn Egoismus lässt sich schwer mit Fortpflanzung vereinbaren. Dass sich zwei verheiratete Menschen überlegen, ob sie überhaupt Kinder wollen, war vor gar nicht allzu langer Zeit noch völlig undenkbar. Aus den Großfamilien von einst sind Paare mit durchschnittlich 1,5 Kindern geworden, was bedeutet, dass die Bevölkerung in Europa ohne Zuwanderung rasant schrumpfen würde. Um die Bevölkerungszahlen konstant zu halten, benötigt es mehr als eine Million Zuwanderer pro Jahr9.
Wobei der in der Familienplanung so hemmungslos ausgelebte Egoismus inzwischen auch verständliche ökonomische Aspekte hat.
In einer Welt, in der jedes Kind mangels Großfamilie einen Kindergartenplatz braucht, Windeln nicht mehr gewaschen und wiederverwendet, sondern weggeworfen werden und ein Kind in den abgelegten Sachen eines Bruders oder einer Schwester in der Schule ausgegrenzt würde, sind die Folgen der Fortpflanzung teuer. Laut verschiedenen Berechnungen kostet ein Kind bis zum 18. Lebensjahr zwischen 110.000 und 130.000 Euro. Diese Summe erhöht sich je nach sozialem Status der Familie. Besonders teuer ist der Wettbewerb zwischen den Kindern bezüglich ihrer Kleidung, ihrer Ausrüstung und Technik.
Während Fortpflanzung für die Menschen einst gleichbedeutend war mit ökonomischer Absicherung im Alter, ist Fortpflanzung heute zu etwas geworden, das sich viele Menschen nicht mehr leisten wollen. Die wachsende Kinderarmut wiederum verstärkt umso mehr den Trend zu einer egoistischen Gesellschaft, die der allgemeinen Gesundheit abträglich ist.
Gesundheitliche Auswirkungen der digitalen Revolution
Auch die digitale Revolution steht der Entwicklung unserer sozialen Kontakte eher im Wege, mit einer Ausnahme, auf die ich noch eingehen werde.
Zwar hat die Digitalisierung unserer Beziehungen den Vorteil, dass wir leichter Gruppenzugehörigkeit empfinden und uns mit anderen Menschen solidarisieren können, selbst dann, wenn sie am anderen Ende der Welt leben. Das Internet hat die Zahl der uns zur Verfügung stehenden Kontaktmöglichkeiten dramatisch erhöht, während sich gleichzeitig die durchschnittliche Intensität unserer sozialen Kontakte deutlich reduziert hat.
Eine Rechnung, die zu unseren Ungunsten ausgeht, denn durch die physische Distanz kann eine digitale Begegnung niemals so intim und vielschichtig sein wie eine persönliche. Wenn wir einander gegenüber sitzen und uns das Lachen eines Freundes ansteckt, ist das etwas Besonderes, und diese Unmittelbarkeit fällt bei der digitalen Kommunikation weg.
Hände schütteln, Wangen küssen, Umarmungen, all diese Gesten können selbst die kreativsten Emojis nicht ersetzen. Soziale Interaktionen, die über die technisch-effiziente Verkürzung der Kommunikation hinausgehen, machen uns erst zu richtigen Menschen. Diese Interaktionen fehlen uns, je mehr wir selbst digitalisieren und zu Kommunikationsrobotern werden.
Dass das auch im Hinblick auf die Gesundheit zu unseren Ungunsten ausgeht, liegt auf der Hand. Eine Mutter würde ihrem Baby schließlich auch keine SMS mit dem Inhalt »Mama ist bei dir und hat dich lieb« schicken, und dazu ein Baby-, ein Blumen- und ein Sonnen-Emoji, statt es in die Arme zu nehmen und es damit in einer alle Sinne erfassenden Geborgenheit zu wiegen, die durch nichts auf der Welt zu ersetzen ist.
Die vielen digitalen Bekanntschaften, die wir heute statt intensiver, inniger Kontakte pflegen, haben neben ihrer Oberflächlichkeit noch einen zweiten Nachteil. Obwohl ihre Qualität tendenziell immer weiter abnimmt, brauchen wir für ihre Pflege immer mehr Zeit. Die Stunden, die wir dafür aufwenden, könnten wir auf viel bessere und unserer seelischen, geistigen und körperlichen Gesundheit viel dienlichere Weise nutzen. Zum Beispiel, indem wir uns mit guten Freunden auf ein Bier oder auf einen Kaffee treffen.
Die gesunde Liebe zwischen zwei Menschen
Es gibt viele Möglichkeiten, das Thema Liebe, so wie es in diesem Kapitel gemeint ist, ins Leben zu integrieren. Die meisten Menschen denken dabei zuallererst an den einen Partner oder die eine Partnerin, den oder die es zu finden gilt. Zum L-Begriff »Liebe« fällt ihnen jene wunderbare Euphorie ein, die frisch Verliebte spüren.
Diese hält kurzfristig unglaubliche Beglückungen bereit. Der Reiz des Unbekannten spielt dabei eine Rolle. Dennoch, wenn überhaupt, ist diese Phase der Euphorie nicht mehr als der erste Schritt. Erst, wenn das Neue zum Alltag geworden ist, zeigt sich, ob aus dem Nukleus einer schönen Begegnung eine erfüllende Beziehung werden kann, der die Partner über die Euphorie hinaus Wert und Bedeutung geben.
Vieles weist darauf hin, dass vor allem die von Hollywood und seinen Märchen, Illusionen und Träumen geprägten Kulturkreise diese Euphorie im Hinblick auf eine glückliche und erfüllte Beziehung überbewerten. Etwa das im asiatischen Raum oder in einigen jüdischen Gemeinden übliche Arrangieren von Ehen. Dabei vereinbaren Familien untereinander, wer gut zu wem passt. Auch wenn diese Tradition, in ihrer ursprünglichen Form zu Unrecht, einen Beigeschmack von Zwangsehe hat, sind so entstandene Ehen überraschenderweise oft erfüllter als jene, die auf spontanem Kennenlernen und einer ersten Euphorie gründen. So verwunderlich ist das gar nicht. Die auf diese Weise zusammengeführten Menschen kommen meist aus dem gleichen sozialen Umfeld, haben eine ähnliche Erziehung genossen und ihre Erwartungen an das Leben ähneln einander ebenfalls.
Die Gabe, die vor allem ältere Menschen haben, zusammenpassende Paare zu erkennen, ist nicht zu unterschätzen. Auch meine eigene Ehe ist auf gewisse Weise eine arrangierte.
Ich lernte meine Frau kennen, als ich gerade als Oberarzt am Wiener Allgemeinen Krankenhaus arbeitete. In der Krankenstation, die ich dort leitete, wurden vorwiegend Patienten mit Krebs- und Bluterkrankungen betreut.
In einem der Zimmer lag eine Patientin, die an einer schwer zu diagnostizierenden Form von Knochenkrebs litt. Sie ist nur anhand von Blut- und Knochenmarkproben zu erkennen, und auch dann nur für Ärzte, die wissen, wonach sie suchen müssen. Deshalb erfolgt die Diagnose dieser Krebsart oft erst in einem Stadium, in dem die Erkrankung schon weit fortgeschritten ist.
Auch bei dieser Patientin war die richtige Diagnose erst spät erfolgt. Doch sie hatte gegenüber anderen Patienten einen Vorteil. Ihre Tochter engagierte sich enorm für sie, auf eine Art, die mich beeindruckte.
So etwa führte der Krebs bei dieser Patientin zu Blutarmut, wodurch sie regelmäßig Bluttransfusionen brauchte. Dazu musste sie ins Spital kommen und zumindest für eine Nacht bleiben. Doch ihre Tochter ersparte ihr diese Strapazen und organisierte Blutlieferungen zu ihrem Elternhaus in Baden bei Wien. Sie ließ das Spender-Blut im Badner Spital auf seine Verträglichkeit mit dem ihrer Mutter überprüfen und trieb danach einen Arzt auf, der die Transfusionen in ihrem Elternhaus vornahm, was bestimmt nicht einfach war. Ich zumindest kenne bis heute keinen anderen, der das gemacht hätte.
Zuletzt hatte sich der Zustand dieser Patientin so weit verschlechtert, dass ihr nichts mehr anderes als eine stationäre Aufnahme und Betreuung im Krankenhaus übrig blieb. Mit den damals zur Verfügung stehenden Medikamenten gelang es mir nur in bescheidenem Maß, ihre Situation zu verbessern, sodass ich mir gelegentlich Gedanken darüber machte, wie lange wir diesen Zustand noch würden aufrechterhalten können.
Ich ertappte mich dabei, dass ich mir über das Berufliche hinausgehende Sorgen um sie machte. Ihre Tochter hatte mich offenbar mit ihrer Fürsorge angesteckt.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir angewöhnt, zusätzlich zur im größeren Kreis von Ärzten und Pflegepersonen stattfindenden Vormittagsvisite am späteren Nachmittag nochmal alleine durch die Station zu gehen. Allein deshalb, weil es für Patienten naturgemäß schwierig ist, sich bei der Visite gegenüber einer ganzen Gruppe von Menschen in weißen Mänteln zu öffnen und sehr Persönliches mitzuteilen. Die gleichsam private Kontaktaufnahme mit den Patienten ermöglichte es mir, mehr über Gefühle, Hintergründe, Erwartungen, Befürchtungen und Ängste der Patienten zu erfahren.
Die besagte Patientin lag in einem Einzelzimmer. Ich setzte mich auf einen Stuhl an ihrem Bett, um auf gleicher Augenhöhe mit ihr sprechen zu können. Nachdem wir einige Worte über ihre körperlichen Beschwerden ausgetauscht hatten, ergriff sie, für mich unvermittelt und überraschend, meine rechte Hand und sagte: »Ich habe so ein starkes Gefühl, dass Sie und meine Tochter gut zusammenpassen würden. Ich muss Ihnen das einfach sagen.«
Ich war sprachlos. Ich fand ihre Tochter überaus attraktiv und fühlte mich zu ihr hingezogen, aber dass es andersherum auch so sein könnte, war mir noch nicht in den Sinn gekommen. Nun, die Frau, die wenig später verstarb, behielt recht und die Ehe zwischen ihrer Tochter und mir wuchs von Anfang an auf liebevollem Grund.
Was das Zustandekommen glücklicher Ehen betrifft, entfaltet die digitale Revolution auch positive Wirkungen. Ihretwegen haben wir jetzt bessere Möglichkeiten denn je, einen Partner zu finden, der wirklich zu uns passt. Dies einfach deshalb, weil die Auswahl größer geworden ist.
Früher haben wir in unserem sozialen Umfeld, etwa an unserem Arbeitsplatz, vielleicht fünf Menschen vorgefunden, die als Partner infrage kamen. Deswegen war es sinnvoll, Vereinen, Organisationen und anderen Netzwerken beizutreten, egal, ob das nun die Pfadfinder, die freiwillige Feuerwehr, ein Bücherklub, die Katholische Jungschar oder die Parteijugend waren. Damit erhöhte sich die Zahl der für uns als Partner infrage kommenden Menschen vielleicht von fünf auf zehn bis zwanzig.
Heute haben wir Zugang zu webbasierten Partnervermittlungsagenturen, die über eine große Anzahl an Profilen potentieller Partner aus Nah und Fern verfügen, was das Auffinden eines idealen Partners beträchtlich vereinfachen kann. Gleichzeitig sind wir mit den oben beschriebenen gesellschaftlichen Tendenzen konfrontiert. Der zunehmende Egoismus widerspricht dem Konzept Beziehung und Partnerschaft. Mit diesem Widerspruch müssen wir heute umgehen.
Je besser zwei Menschen zueinander passen, sei es nun dank der Einschätzung erfahrener Verwandter oder dank des Abgleiches detaillierter digitaler Persönlichkeitsprofile, desto weniger Reibungsflächen gibt es innerhalb einer Beziehung, desto beständiger ist sie, desto weniger kontinuierlichen Stress produziert sie für beide Beteiligten und desto besser wirkt sich das nicht zuletzt auf deren Gesundheit aus.
Denn auch wenn eine gute Beziehung uns seelisch, geistig und körperlich stärkt, bedeutet das nicht, dass das jede Beziehung tut. Nicht jede Beziehungen hat zwangsläufig eine harmonisierende und heilsame Wirkung auf uns. Schlechte Beziehungen können selbst zu Stressfaktoren werden und uns damit in letzter Konsequenz nicht nur sprichwörtlich, sondern auch ganz real krank machen.
Traurige Geschichten von Paaren, die sich gegenseitig im wahrsten Sinne des Wortes das Leben zur Hölle machen, weil sie sich in unerfüllbare Erwartungen verstrickt haben und nicht voneinander lassen können, kennen wir alle. Oft jedoch merken wir nicht, dass auch in an sich guten Beziehungen immer wieder dieser Fehler passiert. Enttäuschungen wegen falscher Erwartungen können uns auf die Dauer krank machen. Jeder von uns sollte sich deshalb regelmäßig fragen, ob die eigenen Erwartungen und die des Partners realitätsnah oder unrealistisch sind. Außerdem braucht es eine Kompromissfähigkeit von beiden Seiten, eine gegenseitige Wertschätzung und wünschenswerterweise auch gemeinsame Interessen. Eine Beziehung sollte uns wirklich rundherum gut tun. Tut sie das nicht, sollten wir überlegen, was daran verbessert werden kann.
Wertschätzung in Bezugsgruppen
Liebe spielt sich nicht nur in privaten Zweierbeziehungen ab. Auch die gesellschaftlichen Kreise, in denen wir alle tagtäglich verkehren, sind sehr wichtig für unsere Gesundheit. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich mit großem Unbehagen an die Schilderungen eines jungen Sarkom-Patienten aus der Steiermark, dem man den linken Unterschenkel amputiert hatte und der sich anschließend bei uns einer aggressiven Chemotherapie unterziehen musste. Dabei verlor er naturgemäß seine Haare. Dieser junge Mann war Mitglied eines Fußballklubs. Nach dem Training haben sich die Burschen regelmäßig zusammengesetzt, gescherzt und getrunken. Er hat diese Gruppe nach Beendigung seiner Chemotherapie aufgesucht und sich schon auf das Wiedersehen mit seinen Freunden gefreut. Nachdem am Stammtisch die ersten Worte gewechselt wurden, erdreistet sich einer der sogenannten Freunde, ein emotionaler Schwerverbrecher, zu dem Ausruf: »Hearst Franz, wenn ich so ausschauen würde wie du, würd ich mich umbringen!«
Es macht mich zutiefst betroffen, miterleben zu müssen, was Menschen anderen Menschen antun, häufig bewusst, manchmal unbewusst. Welche Schuld sie damit auf ihre Schultern laden, registrieren sie oft gar nicht und verspüren auch nicht den Wunsch, es wieder gut zu machen.
Die Chance, die die Freunde gehabt hätten, haben sie vertan, nämlich ihn zu stärken und zu stützen und ihre Freude darüber zum Ausdruck zu bringen, dass er überlebt hat. Sie hätten ihn als Unterstützer haben können, auch wenn er nie wieder mitspielen kann. Damit hätten sie auch sich selbst geholfen. Aber nein! Dieses Unverständnis überrascht mich immer wieder, bleibt mir unverständlich und betrübt mich zutiefst.
Anpassungsfähigkeit in der Partnerschaft
Wie lassen sich Beziehungen erfolgreich führen? Ich habe einmal folgende Geschichte gehört: Im Central Park in New York spielten querschnittgelähmte Kinder im Rollstuhl mit einem Ball neben einem Basketballplatz, wo nicht-behinderte Kinder spielten. Ein Mann, der des Weges kam, sah diese Situation und wandte sich an den erwachsenen Betreuer der behinderten Kinder mit der Frage, warum er diese ausgerechnet hier spielen lasse, wo doch der Anblick der herumlaufenden für die querschnittgelähmten Kinder sehr belastend sein müsse.
Daraufhin meinte der Betreuer, der Mann solle einmal genauer hinschauen.
Die Kinder im Rollstuhl strahlten einander beim Spielen an, während die übrigen Kinder verbissen konkurrierten.
Als der Mann angesichts dieser Beobachtung stutzig geworden war, erklärte ihm der Betreuer das, was so augenfällig war: Die Kinder im Rollstuhl seien zufriedener als die anderen, die da herumliefen, weil sie aufgrund ihrer besonderen Situation bereits lernen mussten, nichts anzustreben, was sie nicht erreichen konnten. Sie haben die Fähigkeit entwickelt, loszulassen und sich nicht an eine fixe Vorstellung zu klammern.
Aus dieser Geschichte ist folgender Schluss abzuleiten: Menschen, die etwas, das nicht erreichbar ist, nicht loslassen können, sind lebenslang Gefangene ihrer Situation. Wer hingegen fähig ist, sich den Umständen anzupassen, macht sich frei und kann Zufriedenheit finden.
Diese Weisheit gilt auch für Beziehungen. In Beziehungen binden wir uns. Entweder an eine geliebte Person oder an unsere Vorstellung, wie die geliebte Person sein sollte. Letzteres führt unter Garantie in ein selbstverschuldetes Unglück. Ersteres, die Bindung an eine geliebte Person, ist auch kein einfaches Unterfangen. Damit diese Bindung die Zeit und diverse Krisen, die beinahe unausweichlich sind, überdauern kann, bedarf es einer Fähigkeit, die wohl wie keine andere das Überleben des Homo sapiens in den mindestens 300.000 Jahren seiner Existenz geprägt hat. Unsere Spezies hat von der Natur eine ganz ungewöhnlich ausgeprägte Anpassungsfähigkeit mitbekommen, mit der wir unerwartete, herausfordernde oder unseren bisherigen Lebensgewohnheiten widersprechende Situationen meistern können.
In einer Beziehung ist unsere Anpassungsfähigkeit in hohem Maß gefragt. Wir müssen lernen, einen anderen Menschen mit seinen Bedürfnissen, Wünschen, persönlichen Eigenschaften, Gewohnheiten und täglichen Verhaltensweisen achtsam und offen wahrzunehmen und uns mit ihm zu arrangieren, um das Leben mit ihm teilen zu können, in dem bis dahin wir selbst die zentrale Rolle eingenommen haben.
Wie schwierig sich diese wechselseitigen Anpassungsprozesse gestalten, belegen unsere Scheidungsraten, ganz zu schweigen von den vielen Beziehungen, die es gar nicht bis in den Ehestand (oder ein weniger formelles Äquivalent) schaffen. Viele Menschen fristen ihr Dasein in Beziehungen, die nicht gut für sie sind. Entweder weil die Voraussetzungen für eine gute Partnerschaft von Haus aus nicht gegeben sind oder weil ihre Anpassungsfähigkeit nicht ausreicht, um sich mit ihrem Partner zu arrangieren. Dann führen sie ein Leben in fortgesetztem ungesundem Stress. Das ist eine Verschwendung von Lebenszeit und mit einem Risiko für unerwünschte gesundheitliche Folgen verbunden.
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