Kitabı oku: «Jahrgang 1928 - Erinnerungen»
Heinz Müller
JAHRGANG 1928
ERINNERUNGEN
Von damals bis heute
Kinder- und Jugendjahre
Vom Fronthelfer zur Antifa-Jugend
Ein Menschenschicksal / Alois
Eine Trilogie
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2017
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
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Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Geschichten werden zur Geschichte
Für die, die nach mir kommen.
Für meine Enkel und Urenkel
Geschichte ist nicht nur Vergangenheit und darin ruhende Ereignisse, Sachverhalte und Schicksale von Menschen. Sie ist vor allem die Interpretation dieser Ereignisse und wird geprägt vom Standpunkt des Betrachters, von seinen Zielen und seinem Wollen
Heinz Müller – Jahrgang 1928 – im Dezember 2016
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Kinder- und Jugendjahre
Der Vater
Die Geschichten von Hans
Weihnachten
Hans der Geschichtenerzähler
Mit der Mutter kehrt die Sonne ins Haus zurück
Das Kleeblatt und die Spatzenbrühe
Ein Beschwerdebrief an die Regierung
Das Taschengeld und der Trick, frische Eier zu erkennen
Eine traurige Jagd und der erste Hund
Putz – der Findling
Felix – der Hauskater
Der Krieg kommt näher
Vom Fronthelfer zur Antifa-Jugend
Die Beerdigung des Freundes
Wassili
Gründung der Antifa-Jugend
Ein Menschenschicksal – Alois
Der geheimnisvolle Brief
Geheimdienstarbeit
Tote Briefkästen, ein Mittel zur Nachrichtenübermittlung
Das Geheimnis der alten Waldkapelle
Ein neuer Treff in West Berlin, neue Aufträge und die Vorbereitung in eine Dienststelle des Geheimdienstes einzudringen
Die „Flucht“ in die BRD
Die Heimkehr
Die Rache des Mister Smith
Epilog
Zitat
Über den Autor
Kinder- und Jugendjahre
eine Lebensetappe und Zeit, in der jeder Mensch emotional und rational für sein ganzes weiteres Leben geprägt wird
Der Vater
Robert zog es raus aus seinem Dorf in Schlesien hinaus in die Welt, um Neues kennenzulernen. Er war sehr wissbegierig und in der Schule, in der alle Kinder des Dorfes und alle Altersstufen in einer Klasse vom Kriegsinvaliden Lehrer Hempel unterrichtet wurden, war er oft dessen Vertreter.
Lehrer Hempel war gleichzeitig Imker und besonders im Sommer oft mit den Bienen beschäftigt. Robert musste dann für Ruhe und Ordnung in der Klasse sorgen und den Kleineren helfen, schreiben und rechnen zu lernen.
Der Vater von Robert, seine Mutter und alle 6 Geschwister waren bei dem „Herrn Hauptmann“ beschäftigt. Das war der Gutsbesitzer, der sich nur mit Herr Hauptmann ansprechen ließ. Während der Ernte oder zu anderen Arbeitsspitzenzeiten in der Landwirtschaft gab der Herr Hauptmann Order, dann musste der Kriegsinvalide Lehrer Hempel den Schulkindern freigeben, damit sie in der Landwirtschaft mithelfen konnten.
Robert wollte den Beruf eines Schmiedes erlernen, von dem war er fasziniert. Das ging aber nicht, denn bereits mit 13 Jahren wurde er per Handschlag zwischen seinem Vater und dem Herrn Hauptmann letzterem versprochen. Das hieß, nach Abschluss der Schule mit 14 Jahren, im Gut als Kutscher zu arbeiten. Ein Kutscher war schon eine herausragende Stelle.
Als ersten Jahreslohn bekam er vom Herrn Hauptmann ein Hemd, einen Kutscheranzug und ein paar Schaftstiefel. Auf den Feldern brauchte er nicht zu arbeiten, dafür musste er sich um die Pferde und den Kutschwagen kümmern. Alles musste stets geputzt und einsatzbereit sein. Auch nachts, denn oft ging es noch am späten Abend zu Gelagen in die Nachbarschaft. Im Morgengrauen musste dann der Herr Hauptmann wieder nach Hause kutschiert werden. Eine oft mühselige Fahrt mit vielen Unterbrechungen, weil der Herr stark angetrunken war. Die anschließend erforderliche Reinigung des Wagens war nicht die angenehmste Arbeit, aber die Kutsche musste blank geputzt sofort wieder zur Verfügung stehen. Robert war also ein besserer Lakai.
Das alles gefiel ihm aber nicht und er beschloss, sich nach Ablauf des durch seinen Vater gegebenen Versprechens – also zu seinem 18. Geburtsgag – eine andere Arbeitsstelle zu suchen.
Zu MARIÄ LICHTMESS – am 2. Februar – war es dann soweit. Das war der Tag, an dem sich die Dienstboten in der Landwirtschaft eine neue Arbeitsstelle suchen konnten. Im Februar gab es in der Landwirtschaft nicht mehr soviel zu tun und die Knechte und Mägde konnten gehen.
In der Zeitung hatte er gemeinsam mit einem Freund gelesen, dass in Oberschlesien im Bergbau Arbeitskräfte gesucht wurden. Gemeinsam beschlossen sie, dorthin zu ziehen, um zu arbeiten. Im Steinkohlebergwerk in Kattowitz wurde er zunächst unter Tage zum Schlepper und später zum Hauer ausgebildet.
Als Schlepper musste er die Kohlebrocken, die der Hauer zuvor abgeschlagen hatte, in Loren schaufeln und auf Gleisen zu einem Aufzug fahren. Von hier wurden die Kohleloren nach oben gezogen. Geleert kamen sie zurück in den Schacht.
In den 20er Jahren bekam er von polnischen Bergarbeitern, mit denen er sich gut verstand, die Empfehlung, Oberschlesien zu verlassen, da es zu Aufständen kommen würde, bei denen sein Leben als Deutscher nicht mehr sicher wäre. Er folgte dem Rat und zog nach Ziebingen in Brandenburg, um hier in einem Braunkohlebergwerk als Hauer zu arbeiten. Hier lernte er seine spätere Frau Dorothea – die Dorchen gerufen wurde – kennen. Sie war auch Landarbeiterin, aber nicht beim Herrn Hauptmann sondern bei „Herrschafts“, wie es im Brandenburgischen hieß, angestellt. Bald heirateten beide und ihr erster Sohn Hans wurde geboren.
Die Geschichten von Hans
Und hier beginnt die eigentliche Geschichte.
Kurz nach seiner Geburt zog die junge Familie aus Ziebingen nach Zschornegosda in der Niederlausitz. Ein Ort mit sorbischem Ursprung – wie der Name schon verrät – der später in Schwarzheide eingedeutscht wurde. Hier lebten sie vorerst im Wandelhof. Das war ein Ortsteil mit langgestreckten Reihenhäusern, in denen die ankommenden Bergarbeiter mit ihren Familien eine erste Unterkunft fanden. Es war ein Kommen und Gehen, eben ein ständiger Wandel und Wechsel in diesen Häusern. Fast alle, die hierher zogen, arbeiteten bei der BUBIAG (Braunkohlen und Brikett Industrie Aktiengesellschaft), die versuchte, tüchtige Arbeiter in ihren Betrieben zu halten.
Sie ließ kostengünstig einfache Häuser für ihre Arbeiter bauen. So entstanden in der Umgebung Siedlungen, deren Häuser die Arbeiter erwerben konnten. Jeder Arbeiter musste dazu nach seiner eigentlichen Arbeit eine bestimmte Stundenzahl auf dem Bau als Hilfsarbeiter und Handlanger für die Maurer leisten. Der Geldwert der Häuser wurde in kleinen Raten vom Lohn abgezogen. Die eigene Arbeit am zukünftigen Haus und das System der Abzahlung schufen natürlich Bindungen zu Grund und Boden. Die Arbeiter wurden dadurch bodenständig und die Fluktuation der Fachkräfte hörte auf. Ein kluger Schachzug der BUBIAG.
Hans feierte seinen vierten Geburtstag im neuen, aber noch nicht abgeputzten Siedlungshaus. Richtigerweise muss man aber sagen, er erlebte seinen Geburtstag, denn zum Feiern waren weder Zeit noch Geld da. Es war trotzdem feierlich, als zum Frühstück eine Kerze angezündet wurde und Hans sie schließlich ausblasen durfte. Die Mutter hatte einen Napfkuchen im neuen, frisch gemauerten Küchenherd in der neuen Küche gebacken. Da sie den Ofen und seine Tücken aber noch nicht kannte, wurde der gute Kuchen schliff. Trotzdem war er der Höhepunkt des Geburtstagsfrühstücks und wurde mit großem Appetit gegessen. Für den Geburtstag hatte Hans Mutter extra Feldblumen gepflückt und damit den Tisch geschmückt.
Sein Vater ging zur zweiten Schicht um 14:00 Uhr zur Arbeit, vorher hatten er und seine Frau tüchtig auf dem Bau geholfen, denn bis zum Einbruch des Winters sollte der Außenputz endlich fertig sein. Der Putz musste bis dahin abgestorben, also ausgetrocknet sein, damit er durch den Frost nicht abfrieren konnte und von den Wänden wieder abfiel. Eile war also geboten, darum arbeitete die Mutter am Nachmittag allein als Hilfsarbeiter für die Maurer auf dem Bau weiter.
Kies musste gesiebt werden, die Mörtelmischung für die Maurer zum Putzen auf die Baugerüste geschleppt werden, Wasser bereitgestellt werden und vieles mehr. Eine körperlich schwere Arbeit für eine Frau. So vergingen der September und Oktober, das Haus war nun abgeputzt und sogar eine Hofmauer schon gemauert. Aber die körperlich schwere und anstrengende Arbeit hatte Spuren hinterlassen.
Dorchen kam ins Bergarbeiter-Krankenhaus Klettwitz. Durch die Schlepperei auf dem Bau hatte sie sich eine Unterleibserkrankung zugezogen und musste operiert werden.
Für Hans begann eine schwere Zeit. Nun war er den ganzen Tag allein im zwar neuen aber noch fremden Haus. Beziehungen oder Freundschaften zu den Nachbarn oder ihren Kindern hatte er in der Kürze der Zeit, in der seine Familie hier wohnte, noch nicht knüpfen können. Das direkte Nachbargrundstück sollte sogar erst zu Weihnachten bezogen werden.
Sein Vater Robert versuchte, mit seinen Arbeitskollegen die Tagesin Nachtschichten zu tauschen. So konnte er tagsüber bei seinem Sohn sein. Aber das klappte auch nicht immer.
Für Robert wurde es immer schwerer, scheinbare Banalitäten nahmen zu. Hans und auch er selbst hatten keine Wäsche mehr zum Wechseln und was noch viel schlimmer war, Hans wurde krank. Er hatte Fieber und lag schwitzend im Bett. In der größten Not kam die ehemalige Nachbarin aus dem Wandelhof zu Hilfe.
Arbeitskollegen von Robert, die noch in Zschornegosda wohnten, hatten ihr von Roberts schwieriger Situation erzählt. Sie kam mit ihrem Mann aus Oberschlesien und hatte noch keine Kinder. Aus eigenem Erleben wusste sie wie es ist, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht. Hans, den sie als ein liebes Nachbarkind kennen gelernt und auch gern hatte, gab den Ausschlag. Sie kam und half.
Zuerst sorgte sie wieder für saubere Wäsche, dabei kümmerte sie sich liebevoll um den kleinen Hans, dem es von Tag zu Tag auch wieder besser ging.
„Die Mutter fehlt“, war ihr Kommentar. „Sie muss schnellstens wieder gesund werden.“
In den ersten Dezembertagen war es wieder wärmer geworden und Robert beschloss, seine Frau im Krankenhaus zu besuchen. Hans bettelte, er wollte unbedingt mit zur Mutter.
Robert gab dem Drängen nach. Er besorgte sich über einen Arbeitskollegen einen Kindersattel für sein Fahrrad, der noch am Freitagabend auf den Querrahmen des Fahrrades montiert wurde. Für Sonnabend hatte er sich eine Freistellung von der Arbeit beim Steiger besorgt, musste dafür allerdings am Sonntag zur Nachmittagsschicht antreten. Deshalb ging es am Sonnabend gleich nach dem Frühstück per Fahrrad los ins 18 Kilometer entfernte Bergmannskrankenhaus in Klettwitz.
Die aufgehende Sonne meinte es zwar gut, aber das Wetter täuschte die beiden Radfahrer. Es war doch noch empfindlich kalt und insbesondere Hans fror an den Händen und Füßen. Um halb zehn kamen sie steif und durchfroren im Krankenhaus an. Die Visite war gerade beendet, als sie das Zimmer betraten.
Ein „besseres“ Zimmer mit nur acht Betten, einem großen Tisch mit Stühlen und an jedem Bett ein Nachtschränkchen mit Unterfach und Schublade. Alles weiß lackiert und blitzblank sauber. Hans war beeindruckt und flog der Mutter, die sich im Bett aufgerichtet hatte, entgegen.
Robert war in diesem Augenblick abgemeldet und blieb lächelnd an der Tür stehen, bevor er seine Frau auch in die Arme nehmen konnte.
Nun fing ein Erzählen an, das nur durch das zwischenzeitlich servierte Mittagsmahl unterbrochen wurde. Robert wollte genau wissen, wie es seiner Frau nach der Operation ging und welche Schmerzen sie noch hatte. Hans aber konnte gar nicht aufhören, von den Neuigkeiten im und am Haus zu erzählen.
Er berichtete auch von der Tante Huworeck aus Wandelhof, die sich um ihn und auch um die schmutzige Wäsche gekümmert hatte. Er berichtete lang und ausführlich, sehr zum Leidwesen seines Vaters, der wusste, wie eifersüchtig seine Frau werden konnte und der er doch jede Aufregung ersparen wollte.
Robert war froh als er sah, wie seine Frau lächelnd den Redefluss ihres Sohnes unterbrach und dafür aus der Schublade des Nachtschränkchens eine mit Schnittkäse belegte Weißbrotstulle hervor zauberte. Robert hatte ja den Besuch angekündigt und sie konnte deshalb für ihren Sohn diese Stulle extra vom Frühstück aufheben, um ihm damit eine Freude zu bereiten.
Das war voll gelungen. So etwas Feines hatte Hans bisher noch nicht gegessen. Er kam zu dem Schluss, wenn es so feine Sachen zum Essen gab, konnte es im Krankenhaus nicht so schlimm sein, wie ihm das die Tante Huworeck erzählt hatte.
Robert erkundigte sich bei einem Arzt nach dem Gesundheitszustand seiner Frau und musste betrübt zur Kenntnis nehmen, dass sie eventuell erst Anfang des neuen Jahres aus dem Krankenhaus entlassen werden könnte. Nach der Operation waren Komplikationen aufgetreten die erst noch abgeklärt werden müssten. So vergingen drei oder vier Stunden, viel zu viel für einen Krankenbesuch, aber viel zu wenig für die Besucher.
Die Kranke durfte aber nicht überlastet werden und Robert musste an die Heimfahrt denken, denn er wollte ja noch bei Tageslicht zu Hause ankommen. Der Abschied fiel allen schwer, aber Robert versprach seiner Frau, dass sie Weihnachten nicht allein im Krankenhaus ist und er sie zusammen mit Hans wieder besuchen wird.
Dorchen hatte beim Eintreffen ihres Besuches besorgt und erschrocken zugleich die froststarren kleinen Hände ihres Sohnes in ihre Hände und unter die Bettdecke genommen, um sie zu erwärmen.
In Erinnerung daran beschloss sie, sofort für Hans ein Paar Handschuhe und auch eine Mütze als Weihnachtsgeschenk zu stricken.
Die Krankenschwestern halfen bei der Besorgung von Stricknadeln und Wolle. Sie waren beeindruckt von der Willensstärke dieser Frau, die sie Schmerzen vergessen ließen und sogar im Bett liegend strickend für ihren Sohn zu sorgen.
Dorchen wollte unbedingt Weihnachten zu Hause bei der Familie sein und nicht bis zum nächsten Jahr im Krankenhaus bleiben. Bei jeder Visite sprach sie deswegen die Ärzte an, die schließlich einwilligten, sie am 23. Dezember nach Hause zu entlassen. Sie wollte damit die Familie überraschen und Weihnachtsgeschenke brachte sie auch mit. Die Handschuhe und eine Mütze für Hans und einen Leibwärmer für Robert waren gestrickt. Die Schwestern, die sich mit ihr auf die Überraschung freuten halfen, die Geschenke in fein bedrucktes Weihnachtspapier einzupacken.
Weihnachten
Der mit Ungeduld erwartete 23. Dezember kam. Die Entlassungspapiere und eine Überweisung an den weiter behandelnden Hausarzt waren geschrieben. Nach dem Mittagessen stand der Krankenwagen bereit zur Abfahrt. Schnell noch von den Ärzten und Schwestern verabschiedet, die ihr die Daumen drückten und frohe Weihnachten mit ihrer kleinen Familie wünschten. Sie freuten sich mit ihr auf die Überraschung, die sie ihrem Sohn und Ehemann bereiten würde.
Doch es kam alles ganz anders. Das Wetter war umgeschlagen, es war weihnachtlich weiß geworden. Doch nicht nur die Pracht des Schnees war beeindruckend, auch die Glätte der Straßen. Sie brachte dem Krankenhaus neue Patienten.
So kam es, dass der Krankenwagen auf eisglatter Straße vor einem Bahnübergang nicht zum Halten kam und mit dem in diesem Augenblick vorbeifahrendem Triebwagen der Deutschen Reichsbahn zusammenstieß. Im Krankenwagen waren neben dem Kraftfahrer drei Patienten, die aus dem Krankenhaus entlassen wurden und sich darauf freuten, Weihnachten mit ihren Familien zu verleben. Der Kraftfahrer verstarb am Unfallort, stand am nächsten Tag in der Zeitung, und die drei Patienten kamen schwer verletzt sofort wieder zurück ins Klettwitzer Krankenhaus.
Keine freudige, sondern eine böse und traurige Überraschung für die Familien. So auch für Hans und Robert, denen die Schwester Marianne aus dem Krankenhaus noch am gleichen Abend die traurige Nachricht überbrachte. Sie brachte auch die gestrickten Weihnachtsgeschenke von Dorchen mit, die man aus dem zertrümmerten Auto gerettet hatte. Der Schwester, welche die Vorfreude von Dorchen, aber auch ihre Mühe und Fleiß bei der Anfertigung der Weihnachtsgeschenke miterlebt hatte, standen bei der Übergabe Tränen in den Augen. Hans schlief schon und Robert, der so schnell nicht aus der Fassung zu bringen war, schluckte und kämpfte auch mit feuchten Augen.
Das waren keine frohen Weihnachten. Robert holte am Nachmittag des 24. schnell noch eine kleine Kiefer aus der nahen Schonung und schmückte sie unbeholfen und notdürftig. Darin hatte er keine Übung, denn in den Jahren zuvor hatte das immer seine Frau gemacht. Hans sollte aber doch eine kleine Freude haben.
Die Handschuhe und die Mütze legte er neben den gekauften Pfefferkuchen und einen kleinen Schokoladenweihnachtsmann unter den Baum.
Es wurde ein kalter Winter. So oft es an den Wochenenden ging, besuchte Robert seine Frau im Krankenhaus. Hans musste das Haus hüten, für ihn war bei diesem Wetter die Fahrradtour zu kalt. Roberts Arbeitskollegen halfen ihm beim Wechseln der Schichten, damit er Sonnabend frei hatte, um seine Frau besuchen zu können und die Weihnachten eingezogenen Nachbarn passten auf Hans auf.
Dorchen hatte Glück, dass sie bei dem Unfall im Krankenwagen nicht zerquetscht worden war. Ein Schädelbruch, Rippenbrüche und die Lädierung des Beckens waren aber schwere Verletzungen, die abermals Zeit zur Heilung brauchten.
Das Beste für Robert und Hans waren die Nachtschichten, die um 22:00 Uhr begannen und früh um 6:00 Uhr beendet waren. Da konnten beide gemeinsam Frühstücken, Mittagbrot und zu Abend essen. Nach dem Frühstück holte Robert bis zum Mittag seinen Nachtschlaf nach und danach war Hausarbeit angesagt. Jetzt erst merkte er, was seine Frau alles geleistet hatte, um den Haushalt in Ordnung zu halten. Sie fehlte den beiden Männern sehr.
Hans der Geschichtenerzähler
So vergingen der Januar und Februar. Der ungewöhnlich warme März ließ den Schnee tauen und die ersten Schneeglöckchen ihre Blüten entfalten. Das war die Zeit, in der Hans den ganzen Tag allein im Hause war, denn immer klappte es mit den Nachtschichten seines Vaters auch nicht. Die Nachbarkinder kamen und spielten auf dem Sandhaufen vor dem Küchenfenster. Ihr Lachen und Toben weckte Hans aus seiner Traurigkeit, aber er konnte nicht mit ihnen spielen, denn die Wohnung war verschlossen.
Er kletterte auf den Küchentisch, der direkt vor dem Fenster stand und öffnete das Fenster. So konnte er sich mit den Kindern unterhalten. Aber nach einer Stunde wurde den Nachbarskindern kalt und sie verschwanden wieder. Wieder war er allein und tief traurig. Am nächsten Tag war es wieder so, diesmal hatte sich Hans aber etwas ausgedacht. Er erzählte Helmut, Gerda, Elli und dem kleinen Manfred – alle vom Nachbargrundstück – eine Geschichte, so wie er sie oft von seiner Mutter gehört hatte.
Damit sie recht gruslig und spannend wurde, dichtete er noch einiges dazu. Den Kindern gefiel das. Fernsehen gab es noch nicht und ein Rundfunkempfänger war zu teuer, den gab es auch nicht. Für die Kinder war das eine willkommene Abwechslung und sie freuten sich auf den nächsten Tag, an dem Hans eine neue Geschichte erzählen wollte.
So ging es die ganze Woche weiter und die Phantasie von Hans im Erfinden neuer Geschichten fand vorerst kein Ende. So wurde er frühzeitig zum Erzähler und diese Gabe setzte sich fort bis zur Schulzeit und auch später danach.
Die Tage wurden wieder kälter und es regnete Tag und Nacht. Die Kinder kamen nicht mehr zum Sandhaufen, um zu spielen und sich Geschichten anzuhören. Schon nach 16:00 Uhr wurde es dunkler und der Regen prasselte an das nun geschlossene Küchenfenster.
Da klopfte es energisch an die Haustür. Eine fremde, furchteinflößende tiefe Stimme forderte Einlass. Man konnte deutliche hören, dass die Stimme verstellt war. Hans pochte das Herz bis zum Hals. Er nahm allen Mut zusammen und sagte mit fester Stimme: „Fremde Leute lassen wir hier nicht rein, kommen Sie später wieder!“
Nach dieser Antwort blieb alles still, doch dann ertönte ein Lachen, so wie nur seine Mutti lachen konnte. „Aber Hans, erkennst du deine Mutti nicht? Lass mich schnell rein, denn ich bin vom Regen nass wie eine Katze und will mich nicht erkälten.“
Mit zitternden Fingern versuchte Hans, den Schlüssel in das Schloss zu stecken, das gelang aber erst nach mehreren Versuchen. Endlich war die Tür geöffnet und Mutter und Sohn lagen sich in den Armen.
Die Mutter zog schnell die nassen Sachen aus und dann ging ein Erzählen los, das kein Ende nahm und die Abendbrotzeit vergessen ließ. Wie jeden Tag hatte der Vater die Stullen für Hans als Abendbrot fertig gemacht. Hans erinnerte sich daran, stellte alles für die Mutter einladend auf den Tisch und seit langer, langer Zeit konnten beide wieder gemeinsam Abendbrot essen. Danach konnte sich Hans – zum Erstaunen der Mutter – allein waschen und ermattet von der Aufregung gingen beide zum Schlafen ins Bett.
Eng aneinander gekuschelt schliefen beide ein. So fand sie Robert, als er nach 22:00 Uhr von der Arbeit kam und erstaunt war, dass das Abendbrotgeschirr schon abgewaschen und zurück im Küchenschrank abgestellt war.
Mit der Mutter kehrt die Sonne ins Haus zurück
Mit der Mutter kehrte die Sonne zurück. Nicht nur in der Natur, auch im Haus strahlte alles wieder im alten Glanz. Es wurde ein sonniges Frühjahr und mit der täglichen Arbeit kam auch wieder Normalität in das Familienleben.
Im Garten wurden Beete angelegt, Obstbäume und Beerensträucher gepflanzt. Neben der Arbeit im Garten waren Dorchen und Hans zuständig für die Hühner und Kaninchenhaltung, für die Ziege, zwei Schafe und zeitweilig für ein Schwein. Das wurde im späten Herbst geschlachtet und versorgte die Familie während des ganzen Jahres mit schmackhafter Wurst, Schinken und Fleisch.
Aus der Milch der Ziege wurde Quark und Käse und die Hühnerschar bereicherte durch täglich frische Eier den Frühstückstisch. So wuchs Hans mit festen Aufgaben und in frischer Luft gesund und froh auf.
Der Arbeitsablauf änderte sich erst, als er eingeschult wurde und täglich mehr als 4 Km zur Schule laufen musste. Früh um 07:00 Uhr ging es los und nachmittags ging es die vier Kilometer wieder zurück. Hier fand er seinen ersten Freund. Es war im Klassenzimmer sein Banknachbar Fritz, den er auch täglich auf dem Schulweg abholte. Zwei Jahre später kamen zu dieser Freundschaft der ein Jahr ältere Alois und Paul dazu.
Das Kleeblatt und die Spatzenbrühe
Die vier Jungen waren während der Schulzeit und auch im späteren Leben unzertrennliche Freunde. Sie halfen sich gegenseitig auch gegenüber älteren und stärkeren Jungen. Das Kleeblatt wurden sie genannt.
Vater Robert sollte sich in dieser Zeit dank seiner schnellen Auffassungsgabe auch weiterbilden. Vom Bergmann entwickelte er sich zum Stellwerkswärter und zum E-Lokfahrer. Als immer mehr Förderbänder – die zu dieser Zeit aus einer Art Gummileinwandschicht bestanden – beim täglichen Transport der abgebaggerten Erdschichten und Rohbraunkohle brüchig wurden, bekam er noch einen weiteren Beruf. Er wurde Vulkaniseur zur Ausbesserung dieser Bänder.
Vater und Sohn lernten nach der Schule und nach der Schicht um die Wette und Mutter freute sich über ihre beiden tüchtigen Männer. Zur Belohnung gab es abends Kartoffelpuffer, die beide gern aßen.
Hans, der nach wie vor für das Füttern der Hühner verantwortlich war, ärgerte sich über einen großen Schwarm Spatzen, der regelmäßig die Hälfte des Hühnerfutters aufpickte.
Nach einer Beratung mit seinen Freunden beschlossen sie, Spatzen mit einem Maurersieb zu fangen. Das Sieb wurde wie zum Sand sieben aufgestellt, also mit einer untergestellten Latte schräg gestellt. Am oberen Teil der Stützlatte wurde eine Schnur angebunden und zu einem Versteck in der Nähe geführt.
Unter das Sieb wurden etwas Hühnerfutter gestreut und dann braucht man nur noch zu warten, bis die Spatzen in Scharen angeflogen kommen und gierig das Futter pickten. In diesem Augenblick wurde die Stützlatte weggezogen und die sich darunter befindenden Spatzen waren gefangen oder vom Sieb erschlagen worden.
Gedacht, beraten und getan war eins. Die Spatzen kamen tatsächlich und als die Latte weggezogen wurde, befand sich lediglich ein Spatz unter dem Sieb. Die Jungen hatten die Schnur nicht straff genug gespannt.
Es dauerte zu lange, bis das Sieb umfiel, dadurch konnten die Spatzen rechtzeitig das Weite suchen. Aus einem Fehler lernt man. Also wurde beim nächsten Mal die Schnur richtig straff gespannt und sieben Spatzen waren die Jagdbeute.
Fritz – der immer Hunger hatte – kam auf den Gedanken: „Wir fangen noch mehr und kochen eine kräftige Geflügelbrühe. Wir brauchen dazu einen Kocher und einen Topf Salz, Zwiebeln, ein paar Mohrrüben und vielleicht ein bis zwei Lorbeerblätter.“
Die Zwiebeln und Mohrrüben holte Hans aus dem Garten und alles andere besorgten die Jungs aus den elterlichen Wohnungen. Das Sieb wurde wieder aufgestellt und vier Spatzen gefangen. Dann kamen keine Spatzen mehr, die Jungs hatten sie erschreckt und vertrieben.
„12 Spatzen, das heißt für jeden drei“, verkündete Fritz, der von den Jungen der Klasse der schnellste Rechner war.
Paul war der Biologe, Alois der Erdkundler und Hans perfekt in Deutsch und hier besonders im mündlichen und schriftlichen Ausdruck. Seine Aufsätze waren berühmt und Fritz, der in der Schule neben ihm saß, hat während der gesamten Schulzeit nicht einen einzigen Aufsatz selbständig geschrieben. Hans half ihm und umgekehrt half Fritz ihm bei allen Mathematikaufgaben.
Doch jetzt mussten erst einmal alle Spatzen gerupft, ausgenommen und unter fließendem Wasser gesäubert werden. Unter der Federführung von Fritz – der ab und zu der Mutter zu Hause beim Kochen half – wurde diese Aufgabe in kürzester Zeit erledigt. Der Spirituskocher wurde in Betrieb gesetzt und der Topf mit Wasser, den Mohrrüben und den geschälten Zwiebeln aufgesetzt. Nach dem ersten Aufkochen wurden auch die von ihren Köpfen und Beinen befreiten, ausgenommenen Vögel in das kochende Wasser getan. Paul der den Kocher besorgt hatte und dafür jetzt verantwortlich war, hatte zu wenig gesalzen. Fritz unser „Meisterkoch“ schmeckte ab und salzte nach. Einmal, zweimal und später noch ein drittes Mal.
Um es kurz zu machen, die Suppe wurde versalzen. Durch die Würze mit Zwiebeln, Petersilie und Mohrrüben roch sie verführerisch gut. Der Appetit anregende Duft machte die Sache in den Augen von Alois und Paul, die sich auf die Suppe freuten, nur noch schlimmer. Flapsige Bemerkungen von Fritz brachten die Stimmung zum Überlaufen. Ein Wort gab das andere, die Stimmung wurde immer gereizter bis Alois Fritz anschrie: „Dann friss auch deine Suppe selber!“
Mit diesen Worten wurde er festgehalten und gewaltsam der Mund geöffnet. Danach wurde ihm die Flüssigkeit Löffel für Löffel eingeflößt.
Fritz wehrte sich, die drei Jungs waren aber stärker und wütend und hörten nicht auf, bis der Topf geleert war und Fritz sich erbrechen musste. Anschließend verschwand er ohne ein weiteres Wort.
Betretene Stille trat ein, alle drei spürten, sie hatten aus Wut übertrieben und etwas Unrechtes getan und ihre Freundschaft aufs Spiel gesetzt. Das würde nicht wieder vorkommen und sie würden sich auch bei Fritz entschuldigen. Nach 14 Tagen war der Haussegen wieder gerade gerückt und die alte Freundschaft hergestellt.
Ein Beschwerdebrief an die Regierung
Der nächste Sonntag kam. Alle vier Jungen hatten sich zum Bolzen (Fußballspielen) verabredet. Es war schon seit Jahren so, dass die Jungen aus der Siedlung am Sonntag gegen die aus der „Kantine“ und den „weißen Häusern“ Fußball spielten. Die „Kantine“ war ein langgestreckter Barackenbau, aus Stein gemauert, aber mit einem geteerten Pappdach. Es gab zehn Eingänge, rechts und links im Eingang wohnte später je eine Familie mit mehreren Kindern.
Die Kantine war ursprünglich die erste Unterkunft für ankommende Arbeiter, die in den Betrieben der Braunkohle Arbeit gefunden hatten. Ähnlich wie der Wandelhof in Schwarzheide. Die Arbeiter wurden hier auch mit Essen versorgt, weiter es gab einen Laden mit Gebrauchsgütern, die diese Arbeiter brauchten.
Daher stammte der Name Kantine.
Nach und nach kamen die Ehefrauen mit den Kindern und richteten in den Baracken Wohnungen mit mehreren Zimmern ein. Die Versorgung wurde nun von den Ehefrauen übernommen, um Geld zu sparen. Die betriebliche Versorgung war nicht mehr nötig und auch der Gebrauchtwarenladen wurde aufgelöst. Der Name „Kantine“ blieb aber bis zur jüngsten Zeit erhalten.
Ähnlich war es mit den „Weißen Häusern“. Hier handelte es sich aber nicht um ein Barackengebäude, sondern um große Betonklötze in denen jeweils in drei Etagen sechs Familien wohnten. Im Unterschied zur Kantine bekam hier sofort die ganze Familie eine Wohnung.
Die Bergbaudirektion war bemüht, qualifizierte Arbeiter im Betrieb zu halten, ihre Familien nachkommen zu lassen, um ihre Arbeiter so bodenständig und sesshaft zu machen. Aus diesem Grunde gehörten auch zu jeder Wohnung ein kleiner Garten und ein Stallgebäude, in denen Schweine, Ziegen, Kaninchen und auch Hühner gehalten werden konnten.
Arbeit suchende Männer kamen aus aller Herren Länder in das Braunkohlegebiet. Nicht nur an der Sprache, auch an den Namen konnte das festgestellt werden.
Da wohnten neben Müllers, Lisiekis, neben Mütze Kowalschik und Katschmarek, Sklorz und Huworeck vervollständigten das Völkergemisch in enger Nachbarschaft mit Weber, Hartmann oder Sander. Die Männer arbeiteten zusammen in der Grube, in der Brikettfabrik oder in der Werkstatt und die Frauen lernten sich während der Gartenarbeit, beim Einkaufen im Ort oder bei der Betreuung der Kinder kennen. Eine gute Nachbarschaft mit gegenseitiger Hilfe und Unterstützung entwickelte sich und über die Kinder wuchsen sogar Freundschaften.
Die Mutter von Hans rief ihn ins Haus. Kartoffeln mussten aus dem Keller geholt werden. Das war gar nicht so einfach, denn der Keller stand unter Wasser. Schon Wochen vorher war Grundwasser in den Keller eingedrungen und hatte alles unter Wasser gesetzt. Der Vater hatte ein Gestell für 60 Zentner Kartoffeln bauen müssen. Auch Einweckgläser mit Obst aus dem Garten und mit Wurst und Fleisch vom letzten Schlachtfest mussten gerettet und höher gestellt werden. Einige Gläser standen schon unter Wasser, hoffentlich blieben sie zu, war eine Sorge der Mutter. Das Wasser war zwischenzeitlich so hoch gestiegen, das es in die Gummistiefel schwappte. Also wurde aus alten Eisenbahnschwellen, die eigentlich als Feuerholz gedacht waren, ein Floß gebaut, um damit die benötigten Lebensmittel ans Tageslicht zu bringen. Hans schwang sich also – der Not gehorchend und nicht dem eigenen Triebe – auf das Floß, um die Kartoffeln heran zu schaffen.
Seine Freunde murrten. Eigentlich waren sie ja zum Fußball spielen gekommen und wie schon die Sonntage vorher musste Hans noch Dinge für den Haushalt erledigen.
Das mit dem Wasser in den Kellern der Siedlung war eine Schweinerei, stellten die Freunde fest. Nicht nur, das Hans zusätzlich Aufgaben in der Familie übernehmen musste und darum immer weniger Zeit zum Spielen blieb und Lebensmittel umkamen, litten auch die erst kürzlich fertig gestellten Häuser in der Bausubstanz. Die Nässe zog an den Wänden hoch, Putz und Farbe begannen abzubröckeln.
Das Grundwasser musste abgesenkt werden, aber wie? Ohne Hilfe schafften das die Siedler nicht mehr.
Fritz schlug vor, als Hans seine Kartoffeln abgeliefert hatte, einen Brief an die Regierung zu schreiben mit der Bitte um Hilfe.
Aber vorher wollten sie auf dem Hof der Kantine bolzen gehen, denn der Rest der Mannschaft war schon vor Minuten mit Gejohle in Richtung Kantine an ihnen vorbei gezogen.
An der Kantine angekommen war alles still, kein Fußballspieler war zu sehen. Dafür flatterte Wäsche an im Hof aufgespannten Leinen lustig im Wind. Ein kleines Mädchen klärte sie auf, die Wäschefrauen hätten die Jungs vom Hof gejagt und die wollten zur Kullerwiese gehen, um dort zu spielen.
An der Kullerwiese angekommen, waren nur zwei Jungen dabei, Heuschrecken als Hühnerfutter zu fangen. Kein Fußballspieler war zu sehen. Ein richtig verkorkster Sonntag und alles wegen der Kahnfahrt im Keller von Hans.
Sie setzten sich in den Schatten der Bäume an der Kullerwiese, die vor Jahren eine Sandgrube mit abgeschrägten Rändern war, um zu überlegen, wie der heutige Tag weiter gehen könne. Sie beschlossen, als Freunde Hans zu helfen und gemeinsam den Brief an die Regierung zu schreiben.
Ein paar herausgerissene Seiten aus einem Schulheft und auch Bleistifte fanden sich schnell in den Hosentaschen und dann sollte es losgehen. Aber das Dilemma begann schon bei der Adresse.
Was hatte die Regierung für eine Adresse, wo war ihr Sitz? Alois fand den Ausweg, wir schreiben einfach an die Regierung von Deutschland in Berlin. Das kommt auf jeden Fall an, war er überzeugt, denn es gibt ja nur eine Regierung und die Post in Berlin wird auch wissen wo die zu finden ist.
Das wurde akzeptiert, aber wie reden wir die Leute dort an. Wenn wir einen Brief aus den Ferien nach Hause schrieben, hieß es einfach „liebe Mama und Papa“ , aber so konnte doch die Regierung nicht angesprochen werden.
Hans wollte schon aufgeben, was soll denn dabei herauskommen? Also, so einfach, wie wir uns das vorgestellt hatten, einen Brief an die Regierung zu schreiben, war es gar nicht. Die lachen sich höchstens über die Dämlacks in der Niederlausitz tot.
„Nein, nein“, protestierten Fritz, Alois und Paul. „Gemeinsam werden wir es doch schaffen, die Regierung auf Missstände aufmerksam zu machen. Und was viel wichtiger ist, um Abhilfe zu bitten. Unsere Eltern schaffen das allein nicht mehr.“
„Wer schreibt denn den Brief?“, wagte Hans noch zögerlich einen Einwand.
„Natürlich du“, antworteten sofort alle drei Freunde wie im Chor. „Du bist der Leidtragende. Wir helfen dir, weil wir nicht mit ansehen können, wie ihr euch geschunden habt und nun alles kaputtgeht.“
„Na gut, ich schreibe“, versprach Hans, „aber wie fangen wir an?“
Alois wusste Rat, er hatte zu Hause Geschäftsbriefe von seinen Eltern gesehen. Wir oder du schreiben einfach:
„Werte Herren der Regierung!“
Das wurde für gut befunden und flott diktierte Alois weiter.
„In großer Sorge wende ich mich an Sie, um die Häuser unserer Siedlung in Lauchhammer Richthofenstrasse zu retten. Seit zwei Jahren stehen hier die Keller voll Wasser, auch wenn es nicht geregnet hat. An den Wänden kriecht die Nässe hoch, so dass der Putz schon abfällt und die Wände brüchig werden, obwohl die Häuser der Siedlung erst vor drei Jahren gebaut wurden. Es ist das Grundwasser, das nun schon die ganze Zeit steigt und steigt. Gummistiefel reichen schon nicht mehr aus, weil das Wasser zu hoch ist. Die geernteten Kartoffeln und das Gemüse schwimmen im Wasser, wenn sie nicht höher gelagert werden und auch die Einweckgläser vom Schlachten mussten in Sicherheit gebracht werden, damit sie nicht verderben.
Um das Land zu entwässern reicht die Kraft der Siedler aber nicht aus. Ich bitte Sie, helfen sie uns, denn was wir nicht können das kann doch die Regierung machen oder wenigstens veranlassen.
Mit herzlichen Grüßen“
Hans
Nach vielem Hin und Her wurde der Text von allen vier Jungs gebilligt. Jeder hatte mit überlegt, gestritten und formuliert.
Den letzten Satz von Fritz vorgeschlagen fanden alle besonders gut. Da haben wir denen aber Honig ums Maul geschmiert, die müssten sich doch jetzt auf die Brust schlagen und sagen: „Na, da wollen wir mal helfen.“
Hans war nicht ganz so optimistisch, aber als Paul vorschlug, eine Briefmarke zu besorgen und Alois einen Briefumschlag am Mittwoch vorbeibringen wollte, erklärte er sich bereit, bis Mittwoch diesen Text säuberlich auf ordentliches Papier zu bringen.
Es war Abend geworden, der Sonntag war ohne Fußballspiel vorbei. Alle waren aber doch befriedigt. Sie hatten etwas Gutes ganz spontan geschaffen, um einem Freund in dessen Not zu helfen. Irgendwie waren sie stolz auf sich, auf ihr vierblättriges Kleeblatt.
Der Mittwoch kam und wie versprochen trudelten gegen Abend Paul mit der Briefmarke und Alois mit dem Briefumschlag ein. Die Adresse und der Absender von Hans waren schnell auf das Briefkuvert geschrieben. Nun zog Paul die Briefmarke aus seiner Geldbörse, um sie seinerseits auf den Umschlag zu kleben.
Alois sah das, streckte ruckartig beide Hände in Abwehrhaltung aus und schrie Paul an: „Bist du verrückt? Doch nicht diese Marke! Sie ist eine Sondermarke, die ich schon lange für meine Sammlung suche. Wo hast du die überhaupt her?“


Paul war erschrocken über diese Reaktion von Alois. Dass er Briefmarkensammler war, das wussten die Freunde schon, dass er aber beim Anblick einer alten, schäbigen Briefmarke so reagierte und fast in Ohnmacht fiel, kannten sie bis dahin noch nicht.
„Die Briefmarke lag im obersten Fach unseres Küchenschrankes, von keinem beachtet oder gebraucht. Die wird keiner vermissen, dachte ich mir und hab sie halt deswegen hergebracht.“
Alois bat darum, ihm die Marke zu geben, er wollte zu Hause eine Sechser mit Hindenburg draufkleben und dann den Brief auch in den Postkasten werfen. Alle waren damit zufrieden, die Hauptsache war doch, dass der Brief in den Kasten kam und nach Berlin auf die Reise geschickt wurde. Nun schlug das Herz von Hans doch etwas schneller, denn er war gespannt, wie sich die Sache weiterentwickeln würde und was aus diesem Brief an die Regierung noch alles werden könnte. Es war ihm auch recht, dass Alois den Brief in den Kasten stecken wollte, so konnte er sich einen Weg ersparen.
***
Es vergingen drei Wochen als es an der Haustür klingelte. Die Mutter öffnete die Tür. Zwei gut angezogene Herren verlangten, Hans zu sprechen.
Die Mutter bekam einen Schreck. „Hat er was ausgefressen?“, war ihre erste Reaktion.
„Wieso ausgefressen?“, wurde geantwortet. „Können wir uns mit ihm unterhalten?“
„Natürlich“, beeilte sich die Mutter zu sagen, „ich hole ihn gleich her.“
Die Herren wunderten sich, dass kurz darauf ein Knabe vor ihnen stand.
„Du hast also einen Brief an die Regierung des großdeutschen Reiches geschrieben?“
Die Mutter, die das hörte, schlug die Hände über den Kopf zusammen. „Um Himmels Willen, was hast du da schon wieder ausgefressen?“, schluchzte sie.
„Beruhigen sie sich! Und du zeige uns doch mal euren Keller.“
Die Mutter verstand nun gar nichts mehr. Hans führte die Herren in den Keller, der wie immer unter Wasser stand und am Treppenabgang das am Geländer angebundene Floß.
„Ist das bei den Nachbarn auch so?“, wurde er gefragt.
„Natürlich“, antwortete Hans, „und nicht nur bei den Nachbarn. In allen Häusern auf der linken Straßenseite stehen die Keller im Wasser.“
„Na, da wollen wir uns das doch auch mal ansehen.“
Mit diesen Worten verabschiedeten sich die Herren, um die Nachbarhäuser aufzusuchen.
Nach 14 Tagen rückten Bagger an, um hinter den Gärten der Grundstücke einen tiefen Graben zu ziehen, in dem sich sofort Wasser sammelte. Damit wurden endlich die Keller wieder wasserfrei. Die Menschen wunderten sich, dass hier ohne viel Aufhebens Abhilfe geschaffen worden war.
Das Taschengeld und der Trick, frische Eier zu erkennen
Jeden zweiten Mittwoch brachte Hans frische Eier zu einer Rentnerfamilie in die Hauptstraße. Das waren mindestens 10 Minuten Fußweg in denen die Freunde warten mussten.
Frau Liepelt, das war die Rentnerin, holte sich schon seit zwei Jahren frische Eier von seiner Mutter. So langsam wurde sie aber älter und der Weg in die Siedlung wurde für sie immer beschwerlicher. Sie fragte, ob Hans nicht jeden zweiten Mittwoch ihr die Eier bringen könnte, so wie sie bisher auch immer mittwochs die Eier geholt hatte.
Natürlich konnte Hans und das war nicht sein Schade. Das frische Ei kostete 9 Reichspfennige, er brachte jedes Mal 10 Eier und bekam dafür 1 Reichsmark. Er hatte also 10 Pfennige Verdienst als regelmäßige Einnahme, die er sparte. In einem Jahr hatte er so 2 Reichsmark und 40 Pfennige gespart, worauf er recht Stolz war.
Die Eier mussten aber frisch sein und waren auch höchstens zwei Tage alt.
„Woher konntet ihr das denn wissen, wie alt die Eier sind?“, konnte sich Paul nicht verkneifen zu fragen. „Meine Mutter hatte im Konsum eine ganze Stiege Eier gekauft und als sie zum Frühstück gekocht werden sollten, rochen alle schon und waren schlecht.“
„Das kann dir Paul erklären“, antwortete Hans mit einem verschmitzten Lächeln. „Als unser Erfinder hat er ein Klappnest konstruiert, in das die Hühner ihre Eier legen.“
Paul erklärte nun: „Die Hühner legen die Eier in Klappnester, die ich gebaut habe. Das Klappnest ist eine Kiste vorn mit nur einem Eingang. Als Eingang dient eine Klappe, die mit einem Stöckchen hoch – also offen – gehalten wird. Wenn ein Huhn zum Legen das Nest betritt, drückt es mit seinem Körper die Klappe hoch und das Stöckchen fällt um, sobald es im Nest sitzt. Die Klappe fällt von Innen gegen eine Leiste, die als Schwelle angebracht ist. Damit ist das Nest geschlossen, die Klappe kann von der Henne nicht nach außen aufgeschoben werden – die Schwelle verhindert das – und es kann das Nest nicht verlassen. Zweimal am Tage (mittags und abends) wurden die Nester kontrolliert. Bei allen geschlossenen Nestern wurde die Klappe nach innen gedrückt und das Huhn so freigelassen. Jedes Huhn hatte am Fuß einen Ring mit einer Nummer. Bei der Räumung des Nestes wird diese Nummer notiert und auf die entnommenen Eier mit Bleistift das jeweilige Datum geschrieben. Damit war immer ersichtlich, welches Huhn wie viel und wann Eier gelegt hatte.“
Das war die Garantie dafür, dass der Kunde nur frische Eier bekam und nur legefreudige Hühner im Stall waren. Legefaule wurden aussortiert und kamen in den Kochtopf oder wurden ein schmackhafter Sonntagsbraten.
Fritz war zufrieden. „Paul der Erfinder“, murmelte er und alle mussten lachen.
In der Folgezeit waren die Vier entweder gemeinsam unterwegs, oder Hans war allein im Wald. Er hatte einen Fuchsbau entdeckt und wartete nun darauf, die jungen Füchse, deren Pfotenabdrücke er vor dem Bau schon gesehen hatte, einmal zu Gesicht zu bekommen. So verging ein weiteres Jahr ohne allzu große Aufregungen und der 14. Geburtstag von Hans nahte.
Der Vater hatte ihm zum 14. Geburtstag eine Luftbüchse versprochen.
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