Kitabı oku: «Noleens große Reise - Teil 2»

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Heinz Ruch

Noleens große Reise - Teil 2

Abenteuer Australien

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

30. Oktober ‒ 17. November Sydney-Lakes Entrance

18. ‒ 26. November Melbourne

26. November ‒ 10. Dezember Melbourne-Alice Springs

Mittwoch 4.12. San Francisco

Yurala Australien 8 Uhr 24

12. Dezember England ‒ London

21. Januar Frankfurt

29. Januar London ‒ bei Lisa Summer

Hotel Park Suites, Zimmer 106

Bei Lisa Summer

Hotel Park Suites, Zimmer 106

Hotel Park Suites, Rezeption

Bei Lisa Summer

Hotel Park Suites

Impressum neobooks

30. Oktober ‒ 17. November Sydney-Lakes Entrance

»Bist du dir bewusst, dass dies nun ein Abschied von unseren Freunden ist, vielleicht für immer?«, sagte Noleen über die Koffer gebeugt und den Reißverschluss zuziehend.

»Es macht mir gewiss einige Probleme. Ich habe mich an das Leben auf dem Schiff gewöhnt und werde viel vermissen. Es war ein schönes Erlebnis«, sagte Oliver. »Jetzt, wo es unser letztes Frühstück werden wird, ist mir ganz mulmig zu Mute.«

»Mir geht es gleich. Ich könnte weinen. Es war eine herrliche Zeit«, antwortete Noleen.

»Wir müssen uns sputen. Die andern werden sicher schon längst im Restaurant sein und sich wundern, wo wir bleiben.« Oliver nahm sie bei der Hand und zog sie aus der Kabine.

Es gab ein Hallo als sie in das Restaurant traten. Alle Köpfe drehten sich ihnen zu und Rufe des Willkommens wurden laut. Kaum dass sie sich gesetzt hatten, trat Kapitän Wilson in das Restaurant Orion: es war viertel vor acht. Augenblicklich kehrte Stille ein. Alle Gäste schauten verwundert auf ihn. Dies war noch nie geschehen, nicht um diese Zeit. Er steuerte den Tisch von Noleen und Oliver an.

»Ich will mich noch definitiv von euch verabschieden. Gestern war Jubel Trubel Heiterkeit und ihr seid plötzlich nicht mehr anwesend gewesen ‒ ich bin wegen eines Streites zweier Passagiere in die Andromeda-Lounge gerufen worden. Zum Glück treffe ich euch hier. Habe hier meine Karte, die ich euch gerne gebe – für weitere Kontakte. Es würde mich freuen, von dir Noleen zu hören. Und du Oliver bist jederzeit als Bordpolizist willkommen ‒ er lachte ‒ Bei allem Ernst, ich wünsche euch Beiden einen schönen Aufenthalt in Australien. Das wollte ich noch nachholen. Auf Wiedersehen. Und nicht vergessen, den Bericht möchte ich gerne lesen.«

»Ich werde dir ein Exemplar zustellen. Arthur, es hat mich gefreut, als Gast auf deinem Schiff gewesen zu sein. Danke für die Glückwünsche. Ich wünsche dir eine gute Weiterfahrt und danke für alles«, sagte Noleen.

»Wer weiß, dein Angebot könnte ich, falls alle Stricke reißen und ich erneut auf Flucht muss, irgendeinmal annehmen und als Bordpolizist eine ruhige Kugel schieben. Spaß bei Seite: Es war eine schöne Zeit auf deinem Schiff. Ich werde mich erinnern, überall wo ich bin, wird diese Zeit mir in Erinnerung bleiben. Ich wünsche dir alles Gute«, sagte Oliver.

»Ihr werdet von Roger zur Ladeluke geführt. Er wird sich demnächst bei euch auf der Kabine melden. Tschüss.«

»Oh«, sagte Anders, als Wilson gegangen war, »verabschiedet vom Kapitän persönlich. Das kommt nicht jedem zu Gute. Und noch per du.«

»Das ist eine große Anerkennung. Schade, dass wir euch verlieren«, meinte Hanne, ihre Stimme klang traurig. »Das war unser letztes Beisammensein. Dürfen wir euch in London besuchen?«

»Ihr seid jederzeit herzlich willkommen ‒ jedoch, erst müssen wir sesshaft werden. Und das kann dauern«, sagte Noleen. »Wir sollten auf die Kabine gehen. Wenn Roger kommt, müssen wir bereit sein«, wandte sie sich an Oliver.

»Keine Angst. Er hat gesagt um viertel nach. Um halb neun ist der Wagen bereit. Hanne, auf ein Wiedersehen und euch alles Gute«, sagte Oliver, gab ihr Küsschen links, Küsschen rechts und verabschiedete sich von Anders. Noleen verabschiedete sich herzlich. Hanne wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.

Sie winkten den anderen Freunden zu; von ihnen hatten sie sich am Abend zuvor verabschiedet. Für Noleen und Oliver endete die Kreuzfahrt und es begann ein neues Abenteuer.

Der Kastenwagen fuhr vor das Westin Sydney und parkte vor dem Eingang. Es war vor neun Uhr. Die Frau in Uniform, die vor dem Eingang stand, schritt zum Fahrer.

»Sie können hier nicht halten. Bitte, fahren Sie weiter. Der Liefereingang ist auf der Seite«, sagte sie.

»Einen Moment. Ich fahre gleich weiter. Muss eine spezielle Fracht entladen«, antwortete der Fahrer und lachte. Die Frau protestierte.

Er ging nach hinten und öffnete die Hecktür.

»Lady und Gentleman, wir sind beim Hotel.«

Er reichte Noleen, die sich von ihrem unbequemen Sitz auf dem Koffer erhob, die Hand. Oliver nahm ihre zwei Koffer und stellte sie, nachdem Noleen ausgestiegen war, nach vorn und ebenso seinen. Der Fahrer hievte sie auf die Straße. Oliver stieg aus und reckte sich.

»Zum Glück war es nicht weit«, sagte er und überreichte dem Fahrer ein Trinkgeld. »Vielen Dank für das Fahren.«

»Okay und guten Aufenthalt«, sagte dieser und zur Hotelangestellten: »Sie sehen, ich bin weg.«

Ihr war bei der Entladung der Fracht vor Staunen der Mund offen geblieben. Auf diese Art war noch niemand im Westin abgestiegen.

Noleen und Oliver standen auf der Straße und bestaunten das Hotel, das in seinem viktorianischen Baustil vor der modernen Architektur des im angebauten Hochhauses in einem akzeptablen Kontrast stand.

»Nadine hat uns in einen komfortablen Palast einquartiert. Die hat es gut gemeint mit uns«, sagte Noleen.

»Das ist ein prunkvolles Gebäude ‒ aus der alten Zeit noch. Schau dir diesen Kontrast zur Neuzeit. Es gefällt mir. Neu und alt – passt. Zukunft und Vergangenheit ergänzen sich gut«, fand Oliver.

»Es ist gut, dass sie das Alte stehen ließen. Es wäre schade, hätte man es abgerissen«, stimmte sie ihm zu.

Die Hotelangestellte stand nervös neben den Beiden und fragte: »Sie wollen ins Hotel?«

»Wir haben gebucht auf Scott.«

»Gut, einchecken geht erst ab 15 Uhr. Tut mir leid.«

»Oh, das wussten wir nicht. Was jetzt?«

Noleen war konsterniert.

»Können wir unsere Koffer einstellen?«, fragte Oliver.

»Das können Sie. Kommen Sie ‒ ich helfe Ihnen.«

Die Frau ergriff die beiden Koffer von Noleen.

»Warten Sie, ich nehme den einen«, sagte Noleen.

»Es geht. Folgen Sie mir«, sagte die Frau und schritt zum Eingang.

Sie wurden freundlich an der Rezeption begrüßt. Es sei kein Problem. Die Koffer wurden nach hinten gestellt. Sie fertigten die Formalitäten ab und Oliver erkundigte sich nach einer Bank, er wollte sein Geld, das er für die abgebrochene Reise erhalten hatte, los werden, es auf seinem Konto sicherstellen.

»Ich empfehle Ihnen die ANZ Bank. Die ist in Australien überall anzutreffen«, sagte die Frau.

»Was heißt ANZ?«, fragte er.

»Austraila-New Zealand Bank. Es ist eine gute Bank und sie finden die nächste gleich um die Ecke an der George Street, Nummer 388. Es ist nicht weit.« Sie schilderte den Weg.

»Ich habe noch eine andere Frage: Können Sie uns eine gute Autovermietung empfehlen?>«

Die Rezeptionistin sagte: »Eine gute? Moment ... , da kenne ich Rentalcars ‒ warten Sie ...« sie schaute in einem Verzeichnis nach. »... an der College Street. Das ist nicht weit von hier.«

Sie nahm einen Stadtplan, faltete ihn auseinander. »Hier, sehen Sie. Hier sind wir und hier ist die College Street.«

»Danke für Ihre Bemühungen. Ich habe es gecheckt. Wir werden nach 15 Uhr kommen. Ich wünsche einen schönen Tag«, sagte Oliver.

»Das wünsche ich Ihnen.«

»Hast du den Pass für das Hinterlegen des Geldes? Du wirst ihn zeigen müssen«, sagte Noleen.

»Keine Angst, ich habe beide eingepackt. Muss mich versichern, den Richtigen vorzulegen.«

»Welchen?«

»Natürlich Kohlmann. Es geht nicht anders, mein Konto lautet auf meinen Namen.«

Sie schlenderten durch die Straße und gelangten in die George Street und fanden die Bank auf Anhieb. Sie gingen hinein. Zwei Frauen wurden gerade bedient. Der dritte Schalter war frei. Oliver ging hin und erklärte, dass er das Geld, Euro seien es, auf sein Konto auf der Deutschen Bank deponieren möchte. Er zeigte seine Karte und unaufgefordert den Pass. Der Mann, Miller stand auf dem Kärtchen, schaute sich alles eingehend an und erklärte, er müsse wissen, woher das Geld stamme, wegen Schwarzgeld. Die Vorschriften seien streng. Oliver erklärte ihm, dass er die Reise auf der Aldebaran abgebrochen habe und für den Rest der Reise das Geld zurückerstattet erhalten habe. Leider alles in Euro. Er möchte nicht mit diesem vielen Geld in Australien herumreisen, zumal er es nicht benutzen könne. Er legte die Abrechnung von Frau Boese mit dem offiziellen Briefkopf der Aldebaran vor. Miller erledigte den Auftrag, nahm das Geld entgegen und gab Oliver eine Quittung. Er checkte die Richtigkeit und bedankte sich. Das Geld sei in zirka vier Arbeitstagen auf dem Konto.

Sie verließen die Bank und Oliver meinte, dass es ihm ohne dieses Geld wohler sei. Er erklärte, dass sie das Auto mieten und alle Reisevorbereitungen treffen sollten ‒ die Stadt würden sie nachher erkunden. Noleen stimmte ihm zu. Er habe im Moment von Städten genug; es sei eine Überreizung. All die Orte, die sie besichtigt hätten, habe seine Lust gedämpft. Das werde sie in ihrem Bericht anmerken, erklärte Noleen und Oliver fuhr fort: Auf der ganzen Reise brechen viele Eindrücke auf einen herein, dass man es kaum verarbeiten könne. Dieser Herr Ito in Tokio habe recht. Alles habe nicht im Hirn Platz. Sie hätten in mehr als neunzig Tagen siebzehn Städte besichtigt. Diese Erfahrung habe bestätigt, dass dies zu viel sei. Jedenfalls würde er eine solche Reise nicht mehr unternehmen.

»Willst du hier in Australien keine Städte besichtigen?«, fragte Noleen.

»Das habe ich nicht gesagt. Ich würde gerne die Natur erleben. Ich freue mich auf das Outback und das Campieren. Doch, wir werden Städte besichtigen.«

Noleen sagte, sie lebe gerne in London, das mit mehr als acht Millionen Menschen groß sei und knapp hinter Tokio rangiere. Als Stadtmensch, spiele die Größe keine Rolle. Oliver fand Frankfurt sei gerade richtig. Die Größe von 700'000 sei für ihn noch überschaubar.

»London wäre dir als Wohnort nicht vorstellbar?«, fragte sie.

»Mit dir zusammen wird die Stadt auf zwei Personen zusammenschmelzen. Ich kann überall leben wo du bist.«

»Schau, hier ist die College Street. Wie du die gefunden hast?«, staunte sie.

»Das war in meiner Tätigkeit als Polizist Alltag. Ein Blick auf die Karte und ich wusste wo. Das war in einem anderen Leben. Das Einprägen von Einzelheiten ist mir geblieben. Ich kann mich gut orientieren; habe scheinbar ein eidentisches Gedächtnis.«

»Was ist das?«

»Fälschlicherweise sagt man in der Umgangssprache fotografisches Gedächtnis. Das gibt es angeblich nicht. Man sehe kein Foto in Gedanken. Die Gelehrten streiten sich. Spielt mir keine Rolle. Ich kann es mir einfach gut merken.«

»Ich habe in dieser Beziehung Schwierigkeiten. Übrigens da vorne, schau, da ist die Autovermietung Rentalcars.«

»Sehen wir, was für einen fahrbaren Untersatz wir kriegen«, mutmaßte Oliver.

Eine Empfangsdame begrüßte sie freundlich und wies sie an Frau Chambers, die für sie zuständig sei. Es war eine kompetente Frau.

»Vorerst muss ich Sie fragen, ob Sie einen gültigen Führerausweis haben?«, sagte sie.

»Ohje. Ich habe hier den Ausweis aus Deutschland. Leider habe ich den internationalen Ausweis im Koffer im Hotel vergessen«, antwortete Oliver, den Ausweis aus seinem Portemonnaie klaubend.

»Sie benötigen eine englische Übersetzung. Leider kann ich Ihnen kein Auto vermieten. Das ist Vorschrift«, beharrte Frau Chambers.

»Ich habe den internatio...«

»Nehmen Sie das Auto auf meinen Namen. Ich habe den englischen Ausweis«, unterbrach Noleen und kramte ihren Ausweis aus der Handtasche.

»Damit ist es okay. Ich glaube Ihnen, Herr Kohlmann und trage Sie als Co-Fahrer ein. Die Verantwortung tragen Sie. Lassen Sie sich nicht erwischen.«

»Oh, Sie können mir glauben. Ich habe den Ausweis.«

»Gut, dies wäre geklärt. Wie lange wollen Sie mieten?«

»Wir denken bis anfangs Januar. Kann man am Schluss definitiv abrechnen? Wir werden hier in Sydney das Fahrzeug zurückgeben«, sagte Noleen.

»Kein Problem. Wir nehmen als Datum 4. Januar. Sind Sie länger unterwegs, wird das bei Abschluss verrechnet. Ist das in Ordnung?«, fragte Frau Chambers. »Okay, es geht noch darum«, fuhr sie fort, als die Beiden nickten, »was Sie im Sinn haben. Wollen Sie einen Campervan?«

»Nein, nein, wir möchten ein normales Auto mit gutem Kofferraum für unser Gepäck«, sagte Oliver.

»Sie wollen ins Outback, denke ich. Dann benötigen Sie unbedingt einen 4x4. Ich habe ein Modell, das ich Ihnen empfehlen kann, den Mitsubishi ASX. Kommen Sie, ich zeige ihn.«

Oliver fand das Auto gut geeignet und Noleen stimmte zu.

»Sind Sie Raucher?«

Beide verneinten.

»Das ist gut, das erlauben wir bei Mietwagen nicht. Im Übrigen sollten Sie unbedingt angegurtet fahren, die Bussen sind hoch ‒ 200 Dollar. An die Tempolimiten sollten Sie sich halten, die Kontrollen sind häufig und es kommt bei geringen Übertretungen teuer zu stehen.«

Sie gingen zum Vertragsabschluss. Die Miete belief sich für 70 Tage auf 2'800 Dollar ‒ alles inbegriffen.

»Wie ist es mit den Versicherungen?«, erkundigte er sich.

»In unserem Preis ist alles inklusive. Sie sind versichert ‒ bei Unfall, Verletzung Dritter und gegen Diebstahl ‒ nicht Ihre Habseligkeiten. Die müssen Sie separat versichern. Hier haben Sie alle Unterlagen. Ich lege sie in diese Mappe. Das wäre es. Hier müssen Sie noch unterzeichnen; besser Beide. Jetzt müssen wir das mit der Bezahlung regeln.«

Die Miete des Wagens war perfekt. Sie waren im Besitz eines fahrbaren Untersatzes, um damit ein riesiges Land auszukundschaften. Oliver wäre am liebsten sofort los gefahren. Sie bräuchten noch Zeit für die Vorbereitungen, und die wolle er gründlich machen, sagte er.

»Ist mir für den Moment genug. Fahren wir ins Hotel«, meinte sie.

»Nicht bevor ich eine gute Karte von Australien gekauft habe. Und wir müssen überlegen, was wir für das Outdoor-Leben alles brauchen. Zudem sind wir noch viel zu früh für das Hotel. Nützen wir die Zeit.«

Sie brauchten lange, um einen Parkplatz in der Mitte der Stadt zu finden, wo sie mehrere Stunden den Wagen stehen lassen konnten ‒ und teuer würde es kommen. Das Suchen nach einem Geschäft für Camping-Ausrüstung nahm viel Zeit in Anspruch. Es klappte. Sie waren im Besitz eines Zeltes, zwei Schlafsäcken und Kocher mit Zubehör, sowie Taschenlampen und sonstiges, was zum Campieren gebraucht werden konnte. Outdoor-Kleider für schlechtes Wetter besorgten sie sich. Und eines vergaß Oliver nicht: einen Wasser- und einen Benzinkanister. Das sei unentbehrlich im Outback, meinte er. Er fand eine gute Karte Australiens und gute Reiseführer für bestimmte Gebiete. Sie waren ausgerüstet für die Reise; jetzt könne nichts mehr schief gehen ‒ glaubten sie.

Vor 16 Uhr trafen sie im Hotel ein. Das Einchecken verlief schnell und unkompliziert. Sie wurden darauf hingewiesen, dass es ein Nichtraucherhotel sei, was sie begrüßten.

»Keine stinkende Zimmer«, sagte Noleen.

Das WLAN sei ausgestiegen, es funktioniere nicht und tue ihnen leid. Noleen bedauerte es, sie hatte gehofft, mit Lisa Summer endlich zu skypen.

Sie hatten ein Zimmer im 13. Stock. Es war groß und hell ‒ das Bad war enorm groß. Hier hatte man nicht an Platz gespart. Der Blick aus dem Fenster auf den Turm der alten Post, deren Gebäude den vorderen Teil bildete und der Ausblick auf die Stadt war grandios; die vielen Dächer der niedrigeren Häuser, die sich neben den höheren einschachtelten, lösten bei Noleen Gedanken wach. Was wohl unter diesen Dächern geschehe?

»Hier ließe sich länger leben«, sagte Oliver.

»Hast du dich für die Stadt entschieden?«

»Ach wo, nein nicht. Bis zum 2. November halte ich es aus.«

»Wenn es geht, besuchen wir eine Veranstaltung im Opera House. Nicht?«, fragte sie.

»Warum nicht. Das ist eine gute Idee. Wo können wir erfahren, was geboten wird?«, fragte Oliver.

»Ich habe unten in der Rezeption einen Aushang gesehen. Zurzeit werde der Barbier von Sevilla aufgeführt. Das wäre gut, findest du nicht?«

»Das ist eine Oper?«, fragte Oliver.

»Ja, von Rossini.«

»Opern sind nicht gerade mein Ding.«

»Oh, schade. Ich liebe Opern. Wir haben eine Unstimmigkeit.«

»Ich komme gerne mit dir. Es kann sein, dass sie mir gefällt. Ich weiß nicht, habe noch keine gesehen.«

»Und du sagst, du hättest die nicht gern. Du bist mir einer. Ich versuche zwei Karten zu besorgen«, sagte Noleen und verließ das Zimmer.

Oliver suchte die Australienkarte hervor, breitete sie auf dem Tisch aus und begann mit dem Studium der Reiseroute.

Nebenbei studierte er die Unterlagen des Hotels. Das Westin Sydney befinde sich in bester Lage. Von hier aus erreiche man zu Fuß die wichtigsten Attraktionen der Stadt, wie das Opernhaus, die Sydney Harbour Bridge und vieles mehr. Die Art Gallery von New South Wales sei der Inbegriff von Kultiviertheit und Eleganz. Sie befinde sich neben Royal Botanical Gardens und sei vom Hotel in knapp fünfzehn Minuten zu Fuß zu erreichen. Dort werde eine atemberaubende Sammlung australischer, europäischer, moderner Kunst, sowie Kunst der Aborigines ausgestellt. Oliver stellte fest, dass die U-Bahnstation Wynyard einen Häuserblock vom Hotel entfernt sei, und dass man die gesamte Stadt schnell erreichen könne – einschließlich der berühmten Bondi Beach, wo man den Surfern zuschauen könne,

während man am Boulevard entlang spaziere, hieß es in der Hotelbroschüre.

Noleen hatte zwei Karten besorgt und sie waren am Abend im Opera House gewesen. Oliver sagte nach der Rückkehr, dass ihm die Oper gut gefallen habe. Um Opernhäuser habe er einen weiten Bogen gemacht. Er könne sich weitere Besuche vorstellen. Man werde älter – und reifer, hatte Noleen eingeworfen.

In den nächsten zwei Tagen verbrachten sie die meiste Zeit in der Stadt, besuchten Museen, Galerien und die Art Gallery, wo sie von der Kunst der Aborigines begeistert waren, und in Parks verweilten sie. Sie machten am Tag vor der Abreise einen Ausflug in die Blue Mountains und besichtigten die Three Sisters ‒ angeblich ein Muss, wenn man in Sydney sei.

»Weißt du, was ich gelesen habe?« fragte Oliver, der am Tisch sitzend seine Unterlagen studierte, am Abend. »Aborigines leben seit mehr als 14'000 Jahren in den Blue Mountains. Zu jener Zeit war es kälter als heutzutage; im Winter waren die Blue Mountains schneebedeckt. In Höhlen und Felsüberhängen, die guten Schutz boten, findet man Knochen und Steinwerkzeuge als Beweis ihrer Besiedlung. Das ist enorm ‒ und sie würden, wenn nicht die Weißen sie stören würden, ihre Lebensweise heute noch pflegen.«

»Der Verlauf der Aboriginesgeschichte ist tragisch. Zum Glück laufen angeblich heute Bestrebungen, ihnen ein angemessenes Leben in ihrer Kultur zu ermöglichen. Die Europäer haben auf dieser Welt viel zerstört. Überall ‒ in Amerika, Afrika und hier in Australien. In Asien hatten sie eigenartigerweise scheinbar wenig Einfluss. Diese Völker waren trotzallem resistenter und leben heute noch meist in ihren gegebenen alten Kulturen ‒ die natürlich von den Errungenschaften von Wirtschaft und Technik beeinflusst werden.

Früher waren alle, die Siedler und Missionare, die in die neue Welt zogen, überzeugt, dass sie einer höher stehenden Zivilisation angehören, die das gottgegebene Recht hatten, mit den angeblich unterentwickelten Wilden fremder Gebiete nach Belieben verfahren zu dürfen ‒ abschlachten konnten sie sie. Überall wurden den Völkern die Lebensweisen Europas ohne Skrupel aufgezwungen. Viele Schäden an Fauna und Flora wurde angerichtet, wie hier in Australien. Die Einführung von Kaninchen, Katzen, Hunden, Füchsen, Pferden, Kamelen, Schafen und anderen fremden Tierarten und Pflanzen, veränderte viel, zum Nachteil des Kontinenten. Krankheiten wurden eingeschleppt.

Es hat lange gedauert bis die Aborigines halbwegs akzeptiert wurden. Das Kapitel ist noch nicht abgeschlossen. Wird andauern, weil die Weißen Vorurteile haben. Argwohn verhindert ein Näherrücken der Kulturen.

Wir sind ins Philosophieren geraten«, schloss Noleen.

»Das ist nicht schlecht, finde ich. Und mit dir ist es doppelt spannend. Morgen fahren wir los«, sagte Oliver.

»Du magst nicht warten bis du in Canberra bist.«

»Ich muss eine neue Identität haben. Ich will hier in Australien keine Spur legen. Die Mafia ist zu allem fähig. Und reise ich in England als Kohlmann oder Daum ein, könnten sie mich rasch ausfindig machen. Dem will ich vorsorgen.«

»Ist es nicht eine übertriebene Angst? Oliver, wollen wir den letzten Abend hier im Westin genießen? Gehen wir noch an die Bar?«, schlug Noleen vor.

Es wurde ein schöner sinnlicher Abend ‒ und spät schliefen sie eng aneinander geschmiegt ein.

Der Tag brach an, die Reise würde beginnen. Sie erwachten um sieben, machten sich fertig, packten ihre Utensilien, frühstückten und checkten um halb neun aus. Dann fuhren sie mit Noleen am Steuer auf direktem Weg Richtung Süden aus der Stadt. Und siehe da: Das Navi funktionierte nicht.

»Sollen wir zurück?«, fragte sie.

»Nein«, fand Oliver, griff zur Karte und lotste Noleen durch die Straßen. Sie erreichten den South Western Motorway und dieser führte zur Abzweigung auf den Hume Motorway, der sich Richtung Canberra schlängelte. Ungefähr dreihundert Kilometer lagen vor ihnen. Anfangs waren beide still, konzentrierten sich auf die Straßen, auf denen reger Verkehr herrschte und betrachteten die an ihnen vorbei gleitende Landschaft. Tiefliegende graue bis dunkle Wolken drohten Regen an. Je südlicher sie kamen, lockerten sich diese auf und als sie auf der Höhe von Mittagong waren, einer Kleinstadt, keine 10´000 Einwohner, hellte sich der Himmel auf.

»Wollen wir hier einen Halt einlegen?«, fragte Noleen.

»Ich denke noch nicht. Ich habe hier auf dem Routenplaner einen Eintrag, dass bei Marulan eine Raststätte direkt am Highway liege. Es sind noch 50 Kilometer und ist in der Hälfte der Wegstrecke nach Canberra. Hast du Hunger?«

»Oh, hungrig ist übertrieben, Lust hätte ich ‒ speziell wegen einer Tasse Tee würde ich eine Pause nicht verachten.«

»Ich ziehe Kaffee vor. Ich bin halt noch kein Engländer.«

»Zu spät, jetzt sind wir an der Ausfahrt vorbei. Dumm gelaufen.«

Schweigend fuhren sie weiter.

Als sie in die Gegend von Marulan gelangten, meinte Oliver nach einer langen Schweigephase: »Es ist gewaltig, diese Weiten, die Australien hat. Ich habe jetzt das Gefühl von Verlorensein in dieser Einöde. Ich finde mich winzig.«

»Einöde meinst du? Hier hat es massenhaft Bäume ‒ Natur pur; zwischendurch noch Häuser. Wenn man Einsamkeit sucht, dann dürfte es hier der Ort sein. Auf die Dauer nicht mein Ding. Ich bin gespannt auf das Weitere«, sagte Noleen.

»Australien ist flächenmäßig gewaltig. Ich lese da: Rund dreiundzwanzigeinhalb Millionen Einwohner und auf einen Quadratkilometer trifft es drei Einwohner ‒ da fühlst du dich allein im weiten Outback, zumal der größte Teil in den Städten lebt; zweiundneunzig Prozent sollen es sein. Das übrige weite Land ist sozusagen menschenleer. Wenn du dir das vorstellst: acht Prozent leben da draußen.«

»Das sind immerhin noch zwei Millionen.«

»Im Grunde genommen noch eine ansehnliche Anzahl ... Halt, da musst du links raus. Da vorne ist Hungry Jack's. Siehst du die Reklame. Da hat es zudem gleich noch eine Tankstelle.«

»Hungry Jack's, was soll das sein? Willst du auftanken?«, fragte Noleen.

»Nein, den Benzinkanister auffüllen möchte ich hier. Dann wäre dies mal getan. Schau, da vorne kannst du parkieren.«

Noleen parkte neben einem kleinen Laster. Der Fahrer war gerade daran auszusteigen und konnte, weil sie nahe war, seine Tür nicht richtig öffnen, und weil er zudem beleibt war, hatte er zu wenig Platz, um aussteigen zu können.

»Oh, entschuldigen Sie!«, rief sie durch das offene Fenster. »Ich stelle den Wagen zur Seite.«

Sie fuhr rückwärts und schuf damit Distanz.

»Ich bin halt zu dick«, scherzte der Mann.

Er stellte sich hinter seinen Wagen und wartete.

»Sie sind auf dem Weg nach Canberra, oder wollen Sie weiter nach Melbourne?«, fragte er an Noleen gerichtet.

»Wir fahren nach Canberra. Und Sie?«, fragte sie.

»Ich fahre den ganzen Weg runter nach Melbourne.«

»Dann haben Sie noch einen weiten Weg vor«, sagte sie.

»Um sieben am Abend werde ich dort sein. Finden Sie Canberra als lohnendes Urlaubsziel?«, wollte er wissen. »Es gibt weit schönere Orte, zum Beispiel an den Küsten.«

»Die Stadt ist laut Reiseführer ein beliebtes Touristenziel«, erwiderte sie.

»Ach, verstehe einer die Touristen. Sie kommen aus England, nicht wahr?«

»Mein Freund aus Deutschland.«

»Deutschland, von da habe ich einen Freund, mit dem ich surfe. Nicht im Internet, nein, in den Wellen an der Bondi-Beach.«

»Sie leben in Sydney?«

»Jetzt muss ich in das verdammte Melbourne runter. Habe einen Transport hin und zurück. Kommen Sie, wir gehen da mal rein.«

Oliver war der erste, der ins Lokal trat; ihm folgte Noleen und der Australier hinter ihr. Hinter dem Tresen stand ein großer, hagerer Mann, die graue Frisur wirr. Sein Blick verhieß nicht gute Laune. Noleen achtete sich ihm nicht, sondern studierte auf den Plakaten, was es zu konsumieren gab.

Der Australier ging zum Tresen und bestellte einen Meat Pie und eine Coke. Ohne ein Wort ging der Angestellte in den rückwärtigen Raum, holte den Pie, kam hervor und legte ihn in die Mikrowelle. In der Zwischenzeit hatte sich Oliver ebenfalls für einen Meat Pie entschieden. Der Mann überreichte dem Australier, der gleich noch bezahlte, das Gewünschte.

»Ich möchte das Gleiche, keine Coke, sondern ein Mineral«, sagte Oliver.

»Hätten Sie nicht gleich mit bestellen können? Warten und dann das Gleiche«, fauchte der Mann.

Oliver zog die Augenbrauen hoch, die Mundwinkel nach unten und schaute den Lasterfahrer an. Dieser zuckte die Schultern und lächelte.

»Da ist einer mies gelaunt«, sagte er.

Als der Angestellte den Pie Oliver überreichte und einkassieren wollte, sagte dieser, dass er dasjenige dieser Dame begleichen werde.

»Was wünschen Sie?«, fragte der Mann unwirsch.

Oliver schüttelte den Kopf.

»Ich möchte ein Sandwich ‒ sie zeigte auf die Dreiecksandwiches in der Auslage ‒ und dann noch einen Tee. Haben Sie Earl-Grey-Tea?«

»Wünsche haben die Leute. Natürlich haben wir Earl-Grey-Tea. Was meinen Sie wo wir sind?« Er sagte es in einem geharnischten Ton.

»Freundlicher wäre nicht schlecht«, sagte Noleen.

Der Mann warf ihr einen Blick zu, schnaubte und ließ das heiße Wasser in eine Tasse, knallte diese auf den Tresen und gleich verfuhr er mit dem Sandwich. Ihr kam es vor, als ob er das Fressen einem Tier zuwerfen würde. Oliver seufzte tief und bezahlte. Sie wandten sich den Tischen zu. Fünf Personen befanden sich im Raum, der kalt und dürftig wirkte. Der Lasterfahrer saß an einem Vierertisch.

»Ist's erlaubt?«, fragte Oliver.

»Natürlich, setzen Sie sich. Der Kerl da an der Theke ist unmöglich. Den würde ich feuern. Ist nicht gerade ein Werbeträger. Übrigens ich bin Bob, Bob Kensley. Ich habe zwei Laster ‒ einen Großen und den Kleinen draußen. In der Regel habe ich Aufträge rund um Sydney. Jetzt einen nach Melbourne und einen zurück. War ein Glücksfall. Die Geschäfte laufen nicht schlecht. Wenn man nicht zu groß ist, hat man wenig Unkosten. Einige Zeit hatte ich einen Angestellten, das zahlte sich nicht aus. Dafür ist man zu klein.

Sie wollen jetzt Australien bereisen? Ich rate Ihnen: Halten Sie sich an die Tempolimiten. Es kann schnell teuer werden ‒ und angeschnallt sollten sie sein. Die Cops sind scharf und machen dauernd Kontrollen ...«

Der Mann war ein Dauerredner. Noleen wurde er lästig, als er über Frauen am Steuer herfuhr.

»Sie glauben«, unterbrach sie ihn, »Frauen würden schlechter autofahren als Männer?«

»Lady, das ist eine Tatsache ...«

»Dann sind Sie der Ansicht, ich könne nicht gut fahren, nicht wahr?«

Bob wurde verlegen.

»Es gibt Ausnahmen, Sie müssen zugeben, dass Männer den Frauen überlegen sind ...«

»Das finde ich jetzt unverschämt und ich frage mich, ob Sie das Abbild des australischen Mannes sind. Da ist mal dieser unfreundliche Typ an der Theke und jetzt Sie. Ach ich mag nicht mehr weiter diskutieren.« Noleen war in Fahrt gekommen und aufgeregt trank sie die Tasse leer. »Komm Oliver, wir gehen. Ach, du hast den Pie noch nicht fertig gegessen, entschuldige. Ich rege mich auf, wenn Männer abschätzig über uns Frauen reden.«

Bob sah sie komisch an, schien nicht beeindruckt zu sein. Er verzehrte genüsslich seinen Pie.

»Übrigens, Sie haben Ihren Wagen zu nah an meinen geparkt. Ich konnte nicht aussteigen ...«

»Okay Noleen, ich kann im Gehen essen und trinken. Gehen wir. Bob Kensley, Sie müssen dringend ihr Frauenbild überdenken. Ich hoffe, Sie sind eine rare Spezies in Australiens Männerwelt. Frauen sind den Männern überlegen ‒ und dumme Männer von denen gibt es, wie Sie gerade gezeigt haben, halt überall.«

Sie wandten sich ab und verließen das Lokal. Bob saß steif auf seinem Stuhl und starrte ihnen nach.

»Hat mich dieser Typ jetzt aufgeregt!«, sagte Noleen draußen.

»Ich staune ‒ auf diese Art habe ich dich noch nicht erlebt. Der Mann ist was von blöd. Es war gut, dass du ihm entgegen hieltest, anderseits wird es bei ihm nichts nützen. Solche Männer hat es überall und die sind nicht belehrbar.«

»Diese Raststätte ist nicht gerade ein Volltreffer gewesen«, meinte Noleen.

»Der Meat Pie war vortrefflich.«

»Das Sandwich war gut. Fahren wir jetzt weiter, bevor der Typ rauskommt.«

»Soll ich fahren?«, fragte Oliver.

»Findest du jetzt wie der Aussie, ich könne nicht gut fahren?«

»Nein, natürlich nicht. Ich denke, dass du müde bist. Es war eine lange Strecke.«

»Weißt du, ich meinte es lachend. Jedenfalls muss demnächst mir ein Australier beweisen, dass sein Gedankengut nicht frauenfeindlich ist.«

»Wir haben jetzt bislang zwei dieser Sorte getroffen, der hinter der Theke war zu mir unfreundlich gewesen. Wer weiß, schlecht bezahlter Job und wahrscheinlich meiden ihn freundliche Leute. Mit dieser Ausbeute können wir nicht Bilanz ziehen.«

«Übrigens, glaubst du, es gehe mit deinem Arm?«

»Ich denke, fahren kann ich. Er schmerzt mich nicht mehr. Es ist mehr als einen Monat her.«

Mittlerweile waren sie eingestiegen, Oliver am Steuer und der fuhr zur Zapfsäule bei der Tankstelle gegenüber. Rasch hatte er den Kanister gefüllt, den Autotank ganz ergänzt. Er bezahlte und die Fahrt ging los.

Sie passierten Goulburn und gelangten nach zehn Kilometer zur Abzweigung nach Canberra. Sie waren richtig und bereits auf dem Federal Highway und bis zum Ziel waren es noch gut siebzig Kilometer.

»In rund einer Stunde sind wir in Canberra«, sagte Noleen auf die Karte weisend. »Wollen wir auf einen Campingplatz? Ich sehe hier auf dieser Karte gleich drei.«

»Könnten wir. Ich denke eher nein. Wir werden länger in Canberra sein und ich werde bestimmt mehrmals auf die Botschaft müssen. In diesem Fall ist es besser, wenn ich gepflegt dort erscheine. Ein Hotel ...«

»Ich sehe hier in diesem Führer einen Hinweis auf einen Alivio Tourist Park wo man Bungalows mieten könne, mit dem Vermerk: empfehlenswert. Das wäre was für uns. Wo liegt er?«, fragte sie. »Jetzt wäre das Navi gut.«

»Wir müssen einen Stadtplan kaufen. Für die Deutsche Botschaft benötige ich einen.«

Schweigend fuhren sie weiter und gelangten an den Lake George. Ein See von fünfundzwanzig Kilometer Länge und zehn Kilometer Breite, der keinen Abfluss hat. Das Wasser verdunstet; er hat eine mittlere Tiefe von einem Meter und wegen der enormen Schwankungen ist er je nach Jahreszeit und Regenintensität in der Größe unterschiedlich. Die Fauna ist vielfältig; Bäume, Sträucher, Gräser und Blumen, von denen sie die Namen nicht wusste, säumten das Ufer. Für einen Moment hielten sie an, stiegen aus und bestaunten vom Straßenrand aus die Weite, Hügel begrenzten am Horizont den See. Es ging nach einer Pause weiter. Nach kurzer Zeit fuhren sie in die Vororte von Canberra. Es war halb zwei. Bei einem Restaurant, an der Straße gelegen, hielten sie.

»Es nimmt mich wunder, wie hier die Männer ticken«, sagte Noleen aus dem Auto steigend und lachte, sich streckte und tief Luft holte.

Diese Erfahrung konnte sie nicht machen: Die Bedienung war eine freundliche Frau. Weiter die Straße entlang habe es einen Bücherladen, dort könnten sie einen Stadtplan finden. Sie riet ihnen, auf das Canberra and Region Visitors Centre zu gehen, das sei in der Nähe, gleich die Straße runter. Dort hätten sie viele Unterlagen. Den Alivio Tourist Park kannte sie nicht.

Oliver entschied sich für das Visitors Center.

»Ich nenne mich nicht mehr Tourist, nein, von jetzt an bin ich ein Visitor. Das klingt besser, weniger abgedroschen«, sagte er grinsend.

»Das stimmt; wir besuchen das Land. Und sind Gäste, die man dem entsprechend behandeln sollte.«

»Du haderst noch mit Hungry Jack's, nicht wahr?«

»Ich muss endlich ein positives Exemplar von einem Australier treffen. Dann bin ich versöhnt. Ist dir aufgefallen, dass wir bislang kaum mit Männern in Kontakt kamen? Im Westin nicht, bei der Autovermietung nicht, ebenso hier nicht. Es scheint als ob in diesem Land die Frauen an den Schnittstellen arbeiten.«

Noleen wurde gleich mit den Männern ausgesöhnt. Der Kundenberater auf dem Center war, wie sie sagte, ein Goldschatz. Dieser, er stellte sich als John Allister vor und war ungefähr fünfzig Jahre, beriet sie über Canberra hinaus und gab ihnen gute Tipps. Den Alivio Tourist Park empfahl er. Es sei eine gute Wahl, wenn man Unabhängigkeit wünsche. Er zeigte ihnen, wo sich die Deutsche Botschaft befand. Es seien alle Botschaften in diesem Viertel angesiedelt. Er hatte sogar bezüglich der Öffnungszeiten Angaben, die er aus dem Internet entnahm. John Allister wünschte ihnen beim Abschied einen schönen Aufenthalt und eine schöne Reise. Es war eine angenehme Begegnung gewesen und Noleen erklärte, dass es ausgeglichen sei.

Den Alivio Tourist Park fanden sie rasch; vorzüglich hatte Oliver seine gute Orientierung unter Beweis gestellt. Sie waren überrascht von der Größe der Anlage und hatten das Glück, dass noch Bungalows frei waren. Es sei nicht Hauptsaison, meinte der Rezeptionist, ein freundlicher Mann, der ihnen den Bungalow gleich selber zeigte. Nach der Besichtigung musste Noleen zugeben, dass es bestimmt viele nette Männer gebe in Australien. Es hatte große und kleine Bungalows, die in einer großzügigen Gartenanlage mit einem Kinderspielplatz standen.

»Sie können in der Lounge entspannen oder spielen Sie eine Partie Tennis, Basketball, Volleyball oder Tischtennis. Es hat meistens Leute, die gerne mithelfen«, sagte der Mann und verabschiedete sich. Wenn sie Fragen hätten, er sei vorne in der Rezeption.

Die Zimmer waren im Motel-Stil mit modernen Möbeln ausgerüstet. Es hatte eine üppig ausgestattete Küche. WLAN stand kostenfrei zur Verfügung.

»Das finde ich gut. Jetzt werde ich versuchen mit Lisa auf Skype zu telefonieren ‒ gleich heute Abend. Endlich kann ich sie sehen ‒ und sie dich«, sagte Noleen.

»Mich sehen; was soll sie an mir Interessantes sehen? ‒ er lachte ‒ Übrigens, es hat ein Café, das moderne australische Küche einschließlich Pasta, Pizza, Steak und Meeresfrüchte anbietet. Die Bar hat regionale und internationale Biere und Weine. Das ist etwas, das für heute Abend gerade das Richtige ist«, sagte Oliver, der in der Broschüre über die Parkanlage geschmökert hatte.

»Das klingt gut. Ich habe nämlich großen Hunger. Sollten wir jetzt unser Gepäck holen?«, meinte Noleen.

»Wir nehmen die gesamte Camping-Ausrüstung rein. Ich will sie nicht ständig im Auto mitführen.«

Es war neun Uhr als sie vom Essen zurück kamen und Noleen startete den Laptop und lud Skype hoch. Lisa war im Internet, das war Glück; sie antwortete und die Verbindung klappte und war erstaunlich gut. Es war herzlich und tat Noleen gut mit Lisa zu reden. Diese begrüßte Oliver, der unbedingt in den Kamerabereich kommen musste, aufs wärmste und meinte, dass es sie freue, dass Noleen endlich eine gute Freundschaft habe. Sie vereinbarten, dass sie während des Aufenthalts in Canberra regelmäßig skypen wollten; um zehn, schlug Lisa vor oder ob elf besser sei?, und man einigte sich auf elf. Sie könnten dann den Tag länger genießen und Lisa hatte zu dieser Zeit Mittag.

Am Montagmorgen gingen sie nach dem Frühstück, das sie in ihrer Küche eingenommen hatten ‒ Noleen fühlte sich hei-misch ‒ in den Stadtteil Yarralumla, wo die meisten Botschaften angesiedelt waren; es war halb elf. Sie fanden die Deutsche Botschaft auf Anhieb. Das sei überhaupt nicht schwierig gewesen, wehrte Oliver das Rühmen von Noleen ab. Der Empire Circuit sei leicht zu finden gewesen und die Nummer 119 sei nicht zu übersehen. German Embassy, da fahre man direkt daran vorbei.

»Das sieht eher nach einem Schulhaus aus ‒ oder Kaserne. Ist eingezäunt wie eine Anstalt. Ich gehe jetzt rein. Mal sehen wie man empfangen wird«, sagte Oliver nachdem er an der Straße, zwanzig Meter vor dem Eingang, geparkt hatte.

»Ich spaziere in dieser Zeit in der Gegend herum. Ich denke, eine Stunde wird es ungefähr dauern. Was meinst du?«, fragte Noleen.

»Das könnte hinhauen, das denke ich auch.«

Er ging zur Pforte, wo ein Beamter nach dem Grund seines Begehrens fragte.

»Sie haben keinen Termin? Wegen Passangelegenheiten brauchen Sie unbedingt eine Anmeldung«, beharrte der Mann.

»Verstehe, gerade deswegen will ich mit jemandem sprechen«, erklärte Oliver.

»Gut, ich werde Sie jetzt rein lassen. Gehen Sie zur Anmeldung.« Er öffnete die Pforte.

Oliver ging zum Eingang und wurde freundlich von einer Frau empfangen. Er sagte nach dem er sich ausgewiesen hatte: »Ich benötige eine neue Identität. Ich weiß, das klingt absurd. Aber es ist so. Ich stehe in einem deutschen Personenschutzprogramm und jetzt ist meine Identität aufgeflogen. Ich fühle mich bedroht, zumal in Tokio bereits ein Anschlag auf mich verübt wurde. Ich sehe es Ihnen an, dass Sie mich für plemplem halten.«

»Das Ganze ist, Herr Kohlmann, wirklich eigenartig. Ein derartiger Fall ist mir noch nie untergekommen.« Die Frau lachte.

»Kann ich mit dem Botschafter sprechen?«

»Das ist nicht möglich; stellen Sie sich vor, wie oft nach ihm verlangt wird.«

»Es ist eine ernste Angelegenheit. Und ich bin Bürger von Deutschland. Sie müssen sich mir annehmen. Ich habe ein lebensbedrohliches Problem.«

»Ich versuche Sie an Herrn Pfeiffer, dem Botschaftssekretär, zu vermitteln. Er kann dann Ihren Fall entgegennehmen.«

Die Frau griff nach dem Telefon und sprach mit Herrn Pfeiffer.

»Sie haben Glück. Er hat Zeit und wird Sie holen.«

Oliver bedankte sich. Es dauerte nicht lange und Herr Pfeiffer, ein ungefähr 30-jähriger, großer mit blondem Haarschopf, ein sympathischer Mann, trat in den Empfangsraum und bat ihn in sein Büro.

Oliver schilderte seine Situation; die ganze Geschichte und das dauerte. Herr Pfeiffer hörte interessiert zu.

»Ich habe hier alle meine Papiere, mit all den Unterlagen der Personenschutz-Behörde. Darin sind alle Personen mit Namen vermerkt, die für mich zuständig sind ‒ ebenso derjenige von meinem Chef. Und jetzt brauche ich einen neuen Pass mit neuem Namen«, schloss er.

»Ihre Geschichte tönt abenteuerlich, interessant, und ich verstehe Ihre Besorgnis. Ich denke, hier in Australien sind Sie bestimmt keiner Gefahr ausgesetzt«, sagte Pfeiffer.

»Die Mafia wird nichts unterlassen, um mich zu finden. Die werden herauskriegen, dass ich in Australien bin. Und überall, wo ich einchecke oder Geld herauslöse, lege ich Spuren. Und wenn ich in England mit meinem Namen ankomme, werden sie mich finden.«

»Sie müssen ihnen wirklich großen Schaden zugefügt haben.«

»Das ist tatsächlich richtig. In ganz Europa hatte das Auswirkungen auf ein vielschichtiges Netz. Jedoch die Zentrale konnte man anscheinend nicht auslöschen. Darum die Anschläge auf mich. Die sind raffiniert. Und es ist wie mit der Hydra: Schlägst ein Kopf ab, wachsen zwei nach. Die ruhen nicht, bis sie mich haben. Ich bin ihr Feind.«

»Das ist ein echtes Problem, und ich werde mich dem mit besonderer Aufmerksamkeit annehmen«, sagte Pfeiffer in den Unterlagen blätternd. »Gerade jetzt werde ich mit Ihnen zusammen eine Mail an diese Personenschutzstelle senden und bitte um eine telefonische Unterredung. Ich gebe Ihnen bei Erhalt des Zeitpunktes, das wird wegen der Zeitverschiebung hier in der Nacht sein, den Termin bekannt. Ich will, dass Sie beim Gespräch anwesend sind. Sind Sie damit einverstanden?«

»Natürlich. Ich gebe Ihnen meine Handynummer.«

»Das scheint mir ein Risiko zu sein. Wenn Sie sagen, die Mafia ist raffiniert, können sie Ihr Handy angezapft haben. Ein Anruf von hier geht über Deutschland zu Ihnen.«

»Da haben Sie recht. Ich gebe Ihnen die Nummer meiner Freundin. Sie ist Engländerin und von ihr haben sie keine Kenntnis.«

Die Unterredung mit Herrn Pfeiffer dauerte anderthalb Stunden. Noleen hatte sich ins Auto gesetzt und hörte Radio.

»Habe ich einen Hunger«, sagte sie als Oliver ins Auto stieg. »Ist es gut gegangen?«

»Es hat länger gedauert. Wir haben eine Mail an den Personenschutzbeauftragten in Frankfurt geschrieben. Deshalb komme ich erst jetzt. Ich habe dem Beamten deine Handynummer gegeben. Er wird mich auf dieser anrufen. Lass es eingeschaltet.«

»Was ist mit deinem Handy?«

»Das werde ich entsorgen. Ich darf mit diesem nicht mehr telefonieren. Weißt du, das sucht den Weg zu mir über Deutschland.«

»Was ist, wenn wir uns verlieren? Ich könnte dich nicht erreichen«, sagte Noleen.

»Das stimmt. Weißt du was? Ich besorge mir ein Neues, hier in Canberra ‒ ein billiges.«

»Das finde ich gut. Jetzt möchte ich essen gehen«, sagte Noleen.

»Natürlich, das wird das Nächste sein. Ich bin nämlich sehr hungrig. Herr Pfeiffer hat mir das Southern Cross Yacht Club Restaurant empfohlen. Wollen mal sehen.«

Das Restaurant war erster Güte, schön gelegen am See von Yarralumla. Ein See mit vielen Yachten und endlosen Picknick-Plätzen rund herum. Das Essen und der Service waren gut. Und Noleen verbuchte einen weiteren Pluspunkt zu Gunsten der australischen Männer. Der junge Kellner bediente sie vorzüglich und war interessiert über ihr Woher und Wohin. Er habe noch keine solche Reise unternommen, sei bisher in Melbourne und Sydney gewesen. Er spare Geld um auf Reise zu gehen. Er wolle Europa bereisen. Sein Urgroßvater stamme aus Italien.

»Oliver, ich habe auf meinem Spaziergang viele Botschaften gesehen. Ich muss sagen, dass die Deutsche nüchtern aussieht; hat wenig Flair. Da gibt es schöne Botschaften, zum Beispiel die Thailändische oder die von Papa Neuguinea, gerade die, und die Chinesische, nur die Japanische ist ähnlich in der Art von Deutschland.«

»Du meinst Kasernenhaftes. Das ist ernüchternd. Was soll's. Ich will eine neue Identität und dann vergesse ich die Botschaft. Ihr Aussehen ist mir egal«, sagte Oliver. »Man hat da gespart.«

Am andern Morgen, es war Dienstag, klingelte Noleens Handy um neun. Es war Herr Pfeiffer. Oliver soll um elf Uhr in die Botschaft kommen. Er habe eine Mail von Berlin erhalten. Sie würden die Angelegenheiten mit der Amtsstelle Frankfurt besprechen und hätten noch Fragen.

»Gut«, sagte Oliver nach dem Gespräch zu Noleen, »Vorher besorge ich mir ein neues Handy.«

»Was machst du mit dem alten?«

»Das entsorge ich unvorschriftsgemäß; ich werfe es in den See.«

»Das ist Umweltverschmutzung pur«, protestierte sie.

»Weiß ich und trotzdem tu ich es, weil, es darf in keine fremden Hände gelangen ‒ und Fische können nicht telefonieren. Es ist eine kleine Umweltsünde. Im Übrigen Leben bin ich ordentlich. Ich will jetzt alle Daten, die für mich wichtig sind, noch notieren. Sonst sind sie verloren.«

Er suchte alles was bedeutsam war und schrieb es auf ein Blatt Papier. Es waren Telefonnummern und Adressen. Nachher machte er sich auf den Weg. Noleen blieb zurück und wollte die nähere Umgebung auskundschaften. Als er gegangen war kam ihr die Idee, nachzusehen, ob Lisa im Netz tätig sei. Und sie war, die Verbindung klappte und es entspannte sich ein gutes Gespräch.

»Hast du bei Oliver ein gutes Gefühl?«, fragte Lisa.

»Ich weiß, was du meinst. Ja Lisa, ich bin mir sicher, dass er ... dass er der Richtige ist. Ich weiß, dass ich das bei ... Matthew ebenso glaubte ... bei Oliver habe ich ein anderes Gefühl. Er ist ehrlich, was ... Matthew ... im Grunde genommen hätte ich es bei ihm merken müssen. Er war verschiedentlich nicht ehrlich. Ich habe es in meiner Blödheit weggewischt; wollte es nicht wahrhaben. Anders bei Oliver. Er ist natürlich, hat keine Standesdünkel. Ich liebe ihn ‒ nicht stürmisch, aber tief im Herzen. Ich hoffe, du verstehst mich.«

»Natürlich Noleen. Es scheint nicht ein Ferienflirt zu sein.«

»Nein, überhaupt nicht. Sonst wäre ich nicht wegen ihm vom Schiff gegangen.«

Sie erzählte Lisa nichts von Olivers Situation. Das war eine Abmachung, er wollte nicht, dass seine Geschichte im Netz publik wurde.

»Weißt du was, Lisa? Du könntest mir einen Gefallen tun. Kannst du für mich und Oliver in London eine Wohnung finden? Wenn möglich in deinem Quartier, in Herne Hill?«

»Bist du sicher, dass du mit ihm zusammen sein willst?«

»Ja, ich bin mir im Klaren. Es ist ein Glücksfall. Er ist kein Blender, da bin ich mir sicher.«

»Ich mag es dir gönnen, wenn es klappt. Ich wünsche dir alles Gute. Ich werde mich umsehen wegen der Wohnung. Hast du Ansprüche?«

»Möglichst ruhig gelegen. Mindestens vier Zimmer und den üblichen Komfort.«

»Wann seid ihr in London?«

»Voraussichtlich Mitte Januar. Es wäre toll, wenn es klappen würde. Ich danke dir schon jetzt für deine Bemühungen.«

Nach dem Gespräch genoss sie die Parkanlage, kam ins Gespräch mit einer jungen Frau aus Indonesien, die mit ihrem Mann und ihrem Sohn, 5-jährig, auf einer Reise durch Südaustralien war. Sie würden von Adelaide nach Perth fahren.

Nach dem Bereinigen der Fragen der Mail von der Personenschutzzentrale, schickte Oliver eine Mail an seinen Vorgesetzten in Frankfurt, Jens Steinerle. Er bat ihn um ein Telefongespräch und vereinbarte am Mittwoch um 20 Uhr, Ortszeit in Frankfurt 10 Uhr. Herr Pfeiffer versprach, um diese Zeit in der Botschaft zu sein. Sie hätten wegen der Zeitverschiebung hin und wieder Nachttermine, wenn es um wichtige Geschäfte gehe. Und das hier sei dringend, finde er. Oliver bat um diesen Anruf, weil er der Meinung war, über die Botschaft sei die Verbindung sicherer.

»Da bin ich nicht unbedingt sicher. Dennoch, wir machen das gerne für Sie«, sagte Pfeiffer. »Wie wollen Sie neu heißen?«

»Ich wähle Gregor Trummer.«

»Hat das eine Bewandtnis?«

»Ja, Gregor Sabold war ein guter Freund von mir. Er starb mitten in einem Wettkampf; Herzversagen, war ein Spitzenschwimmer und nie bei der Polizei. Und Trummer hieß meine Mutter vor der Hochzeit. Aus diesem Grund kann ich mich gut an die Namen gewöhnen.«

»Wie kommt es, dass Sie das nicht als erste Variante wählten. Horst Daum, hatte das eine Bewandtnis?«

»Ebenfalls, Horst heißt mein bester Freund und Daum wählte ich im Gedenken an einen hochgeschätzten Referenten an der Polizeischule, der mir mein Rüstzeug gab; er war ein kompetenter Berater ‒ und ein Freund.«

»Im Grunde genommen habe ich Bedauern mit Ihnen, Herr Kohlmann. Ständig auf der Hut zu sein, nicht entdeckt zu werden, finde ich belastend. Wie gehen Sie mit dem um?«

»Es ist belastend. Jetzt werde ich dann in London leben. Mit meiner Mutter kann ich Kontakt haben. Ich muss das gut arrangieren. Mit meiner Tante und der Cousine und den Cousins werde ich nicht kommunizieren ‒ bestenfalls dann im Ausland. Ich weiß nicht, wie es sich auf Dauer entwickelt. Meine Vermutung über die Gefahr liegt bei zwei Männern, Buchschach und Serchowitch heißen sie. Trotz der Erkenntnissen können wir ihnen nichts beweisen. Sie sind aalglatt. Ich hoffe, dass sie bald einen Fehler begehen. Dann könnte ich aufatmen. Ich schätze, ihnen habe ich den größten Verlust beigefügt. Es ist: Schlägst du einen Kopf ab, wachsen gleich zwei nach. So ist die Mafia. Ein riesiges Geschwür ist sie und wuchert in ganz Europa.«

»Ich vermute auf der ganzen Welt. Das organisierte Verbrechen kennt keine Grenzen. Es wuchert auch hier in Australien.«

»Ich denke, in der heutigen Zeit mit all den Möglichkeiten, den Computern, dem Internet und der Mobiltelefonie konnte es dieses Ausmaß annehmen, dass ihm nicht mehr beizukommen ist. Die Polizei ist gefordert und muss unbedingt aufrüsten, wird von der Politik gebremst durch Sparmaßnahmen und bleibt deswegen einen Schritt zurück und das Verbrechen wird raffinierter, organisiert sich neu.«

»Wir könnten uns noch lange darüber unterhalten. Aber ich habe Termine und muss mich entschuldigen. Bis morgen um 20 Uhr. Kommen Sie mit Ihrer Freundin. Es würde mich freuen«, verabschiedete Pfeiffer sich.

Als Oliver ins Haus trat, stand Noleen am Küchenherd und war mit Kochen beschäftigt; es roch hungerfördernd. Sie drehte sich ihm zu und strahlte. Sie hatte die Haare offen und diese umrahmten ihr ovales Gesicht und ließen es leuchten.

»Du kochst?«, staunte er.

»Ich fühle mich hier zu Hause. Ich glaube, wir bleiben hier«, sagte sie lachend.

»Das riecht gut. Willst du wirklich hier bleiben?«

»Nein, natürlich nicht. Ich hatte eine Anwandlung, fühle mich als Hausmütterchen. Ich habe Hähnchen gekauft; dachte, mit Reis ist das gut. Hast du Hunger? Wie war's auf der Botschaft?«

»Oh, gut. Es scheint zu klappen, und ich habe einen Gesprächstermin mit meinem Chef in Frankfurt vereinbart. Morgen um 20 Uhr ‒ du sollst mitkommen, hat Pfeiffer gesagt. Jetzt habe ich Hunger. Ich bin auf deine Kochkünste gespannt, es riecht hervorragend gut.«

»Wir könnten wirklich hier bleiben«, sagte Oliver während des Essens. »Dieses Häuschen ist eingerichtet zum Leben. Es hat zwei Schlafzimmer und einen Wohnbereich mit Sitzgruppe mit TV, eine gut eingerichtete Küche mit Kochplatten, Backofen, Mikrowelle, Toaster und mit Tisch für 4 Personen. Ein geräumiges WC/Badzimmer, eine Veranda hat es. Richtig gemütlich, nach dieser Zeit auf dem Schiff ein Highlight, finde ich.«

»Stimmt, jedoch meine Suite war dennoch nicht ohne Charme. Übrigens, du ich habe mit Lisa gesprochen. Sie lässt dich grüßen. Ich habe sie gebeten, in London eine Wohnung für uns zu suchen. Ist dir das recht?«

Oliver schaute sie an. Sein Blick, war es Überraschung, Skepsis oder Ärger, verharrte in ihren Augen. Unsicher geworden sagte Noleen: »Ich dachte heute Morgen nur so ... Ist es dir nicht recht? Ich dachte, wir würden in London zusammenziehen. So wie jetzt leben.«

»Wir haben das bis jetzt noch nicht besprochen«, antwortete er und schwieg.

»Du ... du willst nicht?«

»Hm, doch ... doch ich will«, er lachte plötzlich. »Eigentlich ist das mir klar ‒ schon lange gewesen. Und du hast in Tokio gesagt: Nägel mit Köpfen machen. Hast du es vergessen? Ich war jetzt gerade etwas überrumpelt. Es war noch nie zur Diskussion gestanden. Natürlich will ich mit dir zusammen wohnen. Es gibt nichts schöneres ‒ übrigens, du hast die Prüfung zur Hausfrau bestanden. Die englische Küche ist gar nicht so schlecht.«

»Findest du sie schlecht?«

»Es wird in Deutschland gesagt. Dennoch habe ich bei meinem Urlaub in England keine schlechten Erfahrungen gemacht, das muss ich gestehen.«

»Du, wegen Hausfrau ‒ das müssen wir später noch besprechen. Ich will berufstätig sein und als Journalistin arbeiten.«

»Das habe ich mir jetzt gerade gedacht. Ich werde die erste Zeit Hausmann sein und mich mal orientieren, was ich machen könnte. Ich könnte eine Karate-/Judoschule für Kinder eröffnen.«

»Das finde ich gut. Eine prima Idee. Am besten für benachteiligte Kinder. Ich möchte in meiner journalistischen Tätigkeit mein Augenmerk auf Afrika richten. Ich finde es dringend notwendig, dass für die Entwicklung der Länder Hilfe organisiert wird; Am besten mit UNICEF. Es sind im Moment meine Gedanken. Wie und was muss ich noch erarbeiten. Jetzt will ich das Hier genießen. Was machen wir heute Nachmittag?«

Den Nachmittag verbrachten sie im Australian War Memorial. Ohne überhaupt zu wissen, was sie erwartete, waren sie von der Sammlung und der Darstellung eines sehr schwierigen Themas mehr als beeindruckt. Die detaillierten Dioramen und die originalen Ausstellungsobjekte wurden beeindrucken präsentiert. Den Höhepunkt bildete eine kostenlose Führung, angesetzt war eine Stunde, Thema 2.Weltkrieg. Der Guide lebte für seine Aufgabe. Nach weit mehr als einer Stunde bot er ihnen an, den Rest der Sammlung noch zu zeigen. Alles in allem dauerte die Führung über zwei Stunden. Bemerkenswert war, dass sowohl Besuch und die Führung kostenlos waren. Den Abend verbrachten sie mit schlendern am See und erneut essen im Southern Cross Yacht Club Restaurant. Es wurde ein schöner Abend, den sie, als sie in ihrem Haus angekommen waren, mit einer Flasche Wein genossen. Es wurde elf und Skype mit Lisa war angesagt.

»Ich finde das toll, was heute mit dieser Technik man alles machen kann. Ich habe dich auf dem großen Bildschirm und es ist, als ob du bei mir im Wohnzimmer wärst. Das ist verrückt. Und dich, Oliver, sehe ich sogar in Lebensgröße. Wie geht es euch?«

»Wir haben einen schönen Tag verbracht. Das Wetter ist angenehm. Heute fühlte ich mich wie zu Hause. Ich habe gekocht.«

»Und wie«, sagte Oliver, »Es war der perfekte Lunch.«

»Er hat die englische Küche gelobt«, scherzte Noleen.

»Er hat noch nicht bei mir gegessen«, sagte Lisa mit einem Augenzwinkern.

»Ohja, du bist eine miserable Köchin«, sagte Noleen und kicherte.

»Das ist nicht mein Ding. Wenn ich euch einlade, bestelle ich Catering. Dann ist es bestimmt besser.«

»Oder wir kochen«, schlug Noleen vor.

»Wäre eine hervorragende Möglichkeit. Wegen der Wohnung habe ich mich umgesehen. Es hat zwei, die ich in Betracht ziehe. Ich werde Fotos machen und sie euch senden. Wie lange seid ihr noch in Canberra?«

»Das wissen wir nicht. Sicher noch eine Weile. Oliver muss noch etwas auf der Botschaft erledigen.«

Oliver gab ihr einen Stups. Sie sah ihn an und krauste die Stirn zweimal.

»Ist alles okay?«, fragte Lisa, die das Verhalten der Beiden gesehen hatte.

»Ja, ja. Oliver hat gemeint, dass ich nicht zu viel plappern soll.«

»Könntest du das, zu viel?«

»Ach, es ist etwas über das wir nicht reden wollen. Nicht jetzt.«

Das Gespräch zog sich in die Länge. Die beiden Frauen hatten sich viel zu erzählen. Oliver verabschiedete sich und begab sich auf die Veranda, wo er sich im Lampenschein mit einem Glas Wein und der Zeitung Canberra Times hinsetzte.

Am Mittwoch setzten sie sich nach dem Frühstück ins Auto und fuhren drauf los. Sie erkundeten die Umgebung von Canberra. Dabei gelangten sie auf den Mount Ainslie, wo sie den Überblick über Canberra genossen. Nachher fuhren sie auf die gegenüberliegende Seite, zum Red Hill Nature Park, wo sie eine längere Wanderung machten und sich friedlich hinsetzten und es genossen.

»Warum gehen wir nicht stracks nach London?«, fragte Oliver in die Stille. Sie saßen auf einem Stein. Die Sonne schien und es war angenehm warm.

»Du fragst Sachen. Wir wollen diese Reise machen ‒ Australien erfahren. Bist du das Reisen leid?«

»Nein, nein, eigentlich nicht. Ich frage mich warum man reist? Es wäre kein Grund ersichtlich. Hast du dir noch nie solche Gedanken gemacht? Du bist Reisejournalistin. Ich denke da an Akio Ito.«

»Ja, Akio Ito. Interessanter Gedanke. Warum reist man in aller Welt herum? Wie ist es bei mir? Hhh, auf die Schnelle kommt mir kein klarer Gedanke. Ich hatte eine Menge Spaß und dabei wunderschöne Orte gesehen und in diesen Zeiten unsere Erde schätzen gelernt. Ich glaube, das Reisen hat mich verändert, machte mich zu dem Menschen, der ich heute bin.«

»Eine wunderbare Frau«, Oliver lächelte. »Irgendwie muss zudem etwas anderes noch dazu drängen. Es sind Abermillionen ständig auf Reisen.«

»Stimmt, der Tourismus hat unglaubliche Dimensionen angenommen. In allen Ländern. Für viele ist es das Haupteinkommen. Ich frage mich: Was geschieht, wenn eine weltweite Wirtschaftskrise eintritt? Überall hätte das katastrophale Auswirkungen. Die Frage, warum reisen derart viele Menschen? Warum reisen wir? Du? Ich?« Noleen krauste die Stirn.

»Ich begann diese Reise als Flucht. Ohne diesen Zuständ wäre ich überhaupt nicht gegangen. Wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Ich bin oder war nicht reiselustig. Zwar war ich in Spanien, in England und in Schweden/Norwegen, mit wenig Enthusiasmus. Mir gefällt es zu Hause, habe eine schöne Wohnung ‒ hatte, verdammt noch mal: hatte! Jetzt wird alles neu. ... In meinem Alter«, fügte er noch leise hinzu.

»Weißt du, wenn ich mich der Aussagen der Reisenden, die ich interviewte, entsinne, waren da die unterschiedlichsten Begründungen. Für viele war der Wunsch, die Welt sehen an erster Stelle. Eine Frau sagte mir, sie wolle das Reisen erleben ‒ die Langsamkeit. Sie habe sich lange auf diese Reise vorbereitet, und das sei interessant gewesen. Sie habe sich mit jeder Destination auseinandergesetzt und sich informiert. Dadurch habe sie erfahren, dass der Quastenflosser vor allem auf den Komoren vorkomme.«

»Ich weiß nicht einmal, was ein Quastenflosser ist«, sagte Oliver.

»Das wusste ich auch nicht und wurde von der alten Dame belehrt. Ein Urfisch ist es. Das älteste Lebewesen. Sie hat dann weiter erzählt, was für sie das Reisen sei. Die Reise überhaupt, sei es. Und das geschehe mit einem Schiff noch gemütlich, so, dass man sie erlebt. Heute würde man auf den Flugplatz rasen, durch den Check-In ins Flugzeug steigen, dort sich wo möglich einen Film ansehen, dösen, vielleicht habe man noch einen Umsteigestress, dann aussteigen und man sei in einer fremden Welt. Keine Reise. Sagte sie«, sinnierte Noleen.

»Und da muss ich ihr recht geben. Die Welt ist durch die Technik kleiner geworden. Reisen ist Bewegung und die ursprünglich vertraute Geschwindigkeit des Menschen war das Gehen. Man hatte eine andere Wahrnehmung; das war noch mit den ersten Automobilen und den ersten Eisenbahnen. Die Landschaft glitt gemächlich vorbei. Heute, mit diesen Geschwindigkeiten, beschäftigt man sich meist nicht mit dem Reisen an sich. Das Ziel des Menschen ist Vernichtung von Zeit und Raum durch verschmelzen von Abfahrt und Ankunft. Die Strecke bleibt anonym. Alles kann heute in einem Bruchteil der Zeit bewältigt werden. Der ganze heutige Tourismus ist zu einer gezielt fabrizierten Taumelwelt geworden«, sagte Oliver.

»Einen interessanten Aspekt, finde ich. Aber das Schönste ist: Ein Mann sagte mir, dass er die Reise mache, um seiner Frau einen Tag zu schenken«, berichtete Noleen weiter.

»Einen Tag schenken?«

»Ja, weißt du, das Schiff fährt über die Datumslinie und da kriegst du einen Tag zusätzlich«, antwortete sie.

»Ah wirklich, ein originelles Geschenk. Das haben wir jetzt nicht in unserem Repertoire. Schade«, fand Oliver.

»Wir können's später noch nachholen. Aber warum reist man? Das haben wir noch nicht gelöst.«

Oliver kratzte sich in den Haaren.

»Ich sollte vermehrt eine Mütze aufsetzen. Doch das hasse ich. Die Sonne brennt stark und meine Haare sind nicht dicht.«

»Das wird sie je länger es geht umso stärker. Du hast eine schicke Mütze. Die macht dich sexy.«

»Mich sexy ... findest du?«

»Natürlich, ich würde es nicht sagen.«

»Ich komme mir albern vor.«

»Hör auf und lass uns weiter philosophieren ‒ über das Reisen und das Leben. Wahrscheinlich ist es eine Epidemie, das Reisen, die durch die vielen Berichterstattungen ausgebreitet wird. Und da schüre ich als Reisejournalistin kräftig mit. Ich erkläre mich schuldig. Wäre Reisen nicht Begegnung? Tun wir das, jemandem begegnen? Begegnen würde Zeithaben einschließen. Je schneller die Reise, umso flüchtiger die Orte und umso weniger sind die Begegnungen und Zeit ist nicht vorhanden. Der heutige Tourist will möglichst viele Destinationen und möglichst ferne sollen sie sein.«

»Ich denke, dass viele heute häufig reisen wollen; viel lieber mehrmals im Jahr. Ich finde, jetzt nach dieser langen Reise, dass man eher die Ferien von mehreren Jahren zusammensparen sollte, um dann länger Urlaub zu machen. Ich frage mich, ob wir in diesen vielen Städten, die wir besichtigt haben, Begegnungen hatten?«, überlegte Oliver.

»Hatten wir wenig, stimmt. Wir waren ständig unter den Schiffspassagieren. In Maputo hatte ich eine herzliche Begegnung mit diesem Restaurantbesitzer. Das war etwas Schönes. Und in Tokio mit Akio Ito. Das war ein Highlight. Ich habe in den Städten das Gespräch mit Einheimischen gesucht, als Journalistin. Ich habe versucht, über das Leben in diesen Städten einen Eindruck zu gewinnen. Diese Begegnungen waren interessant, dennoch, es fehlte leider die Zeit und deshalb blieben sie flüchtig«, erwiderte Noleen.

»Trotzdem dürfen wir sagen, die Reise war eine Bereicherung. Wir hatten Zeit und Muße, gute Bekanntschaften, Freundschaften schlossen wir. Das Schiff in sich war die Reise. Und die Orte, die wir besichtigt haben, boten trotz der Kürze einiges«, meinte Oliver.

»Stimmt. Auf dem Schiff gab es eine komische Frau, die am liebsten ihr Zuhause mitgenommen hätte. Sie fand in Kapstadt hätte es zu viele Schwarze. War die frustriert.« Noleen lachte.

»Der Urknall hat eben nicht nur den Quastenflosser hervorgebracht, sondern gewisse Dummköpfe. Ich denke, dass Reisen Neugierde auf Fremdes beinhaltet; seien es Menschen oder die Natur. Mich hat beides angesprochen und viel ausgelöst«, sagte Oliver.

»Es hat mit Freiheit zu tun. Beim Reisen bestimmst du, was du machen willst. Du fühlst dich unabhängig von Sachzwängen.«

»Nicht verpflichtet, niemandem Rechenschaft schuldig ‒ nur deiner Geldbörse. Und zum Glück hat es bei meiner wegen meiner Sparsamkeit noch viel drin. Und bei dir?«

»Ich habe dir gesagt, dass ich ein größeres Vermögen geerbt habe. Ich weiß selber nicht, was damit anzufangen. Ich werde es nach der Rückkehr klären. Ohje, es ist jetzt mittlerweile 5 Uhr geworden.«

»Oh, wir müssen in die Stadt zurück um viertel vor acht muss ich, das heißt wir vor der Botschaft sein. Wollen wir vorher im Southern Cross dinieren?«, fragte Oliver.

»Das tönt, dinieren. Bin einverstanden. Ich glaube, wir müssen uns nicht umziehen«, sagte sie.

»Nein, ich glaube nicht. Herr Pfeiffer ist umgänglich und kein Snob«, antwortete er.

Sie fuhren in die Stadt und aßen ausgiebig, es hatte Hunger gegeben und mittags hatten sie nur ein Sandwich verzehrt. Dann machten sie sich auf zur Botschaft. Herr Pfeiffer erwartete sie vor dem Eingang. Die Pforte sei nach Büroschluss nicht mehr besetzt. Er begrüßte Noleen herzlich. Es sei ihm eine Ehre, sie in der Botschaft willkommen zu heißen. Er führte sie in sein Büro. Und gleich kamen sie zur Sache. Das Telefonat mit Olivers Chef stand an. Die Verbindung kam rasch zustande und man sprach über dies und jenes. Jens Steierle war bas erstaunt, als Oliver vom Anschlag in Tokio erzählte und Oleg Schiropopov erwähnte.

»Schiropopov wurde in Berlin ermordet. Er war querschnittsgelähmt in einem Rollstuhl erwürgt auf einem Parkplatz aufgefunden worden; am 26. war das«, sagte Steierle. »Es wurde festgestellt, dass er in einem speziellen Rollstuhl saß, der einem japanischen Spital gehörte. Man hat mit diesem Spital Kontakt aufgenommen und erfahren, dass ein Boris Lukada querschnittsgelähmt verletzt in einem Seitensträßchen in Tokio gefunden worden war ‒ unter falschem Namen. Nach fünf Tagen habe ein Verwandter und eine Krankenschwester ihn in Tokio abgeholt. Die Ermittlungen ergaben, dass der Verunfallte von den beiden Personen, von denen jede Spur fehlt, nach Berlin überführt wurde. Noch will man mit dem Bordpersonal wegen der Personalien den Profilen der Beiden Kontakt aufnehmen. Es ist die Singapur Airline und das kann dauern.«

»Das ist die Handschrift von Buchschach und Serchowitch«, sagte Oliver.

»Wir haben das gedacht und deren Alibi überprüft ‒ die sind hieb- und stichfest.«

»Wie immer«, sagte Oliver.

»Da haben Sie recht, wir haben nichts gegen sie in der Hand. Übrigens, wir stimmen einer neuen Identität zu. Wir haben mit der Personenschutzzentrale gesprochen. Die Botschaft kann Ihnen einen vorläufigen Reisepass, gültig für ein Jahr, aushändigen. Die Botschaft wird noch heute dazu ermächtigt.«

Nach dem Gespräch, das über die Lautsprecher geführt wurde, damit die beiden Anwesenden mithören konnten, sagte Pfeiffer: »Okay, in diesem Fall können wir handeln. Sie müssen dieses Formular ausfüllen ‒ er nahm es aus einer Mappe ‒ und sich ein Passporträt beschaffen, dann ist der Pass in zwei Tagen abholbereit.«

»Das habe ich mir bereits besorgt«, sagte Oliver.

»Du hast ein Foto?«, fragte Noleen erstaunt.

»Als ich das Handy besorgte, sah ich ein Fotofachgeschäft nebenan und da dachte ich, dass ich eines brauche und habe es gleich erledigt. Hier haben Sie es«, sagte er und griff in seine Handtasche, die er an diesem Tag mitgenommen hatte.

»Ah, das ist gut. Die entspricht unseren Vorschriften«, sagte Pfeiffer, der das Foto prüfte. »Ihrem Antrag steht nichts mehr im Weg.«

Oliver füllte das Antragsformular aus und reichte es Pfeiffer.

»Sie müssen wissen, dass Sie mit dem vorläufigen Reisepass nicht in allen Ländern einreisen können. Da müssen Sie sich vorher orientieren.«

»Ich will in Australien rumreisen und nachher ab nach London. In Deutschland kann ich nicht leben ‒ zu gefährlich.«

»Es ist eine verrückte Geschichte in der Sie stecken. Ich weiß nicht wie ich damit leben könnte. Ich wünsche Ihnen viel Glück. Ich gebe Ihnen Bescheid, wann der Pass bereit liegt.«

Die Zeit am Donnerstag verbrachten sie mit einem Besuch im Zoo, den Noleen als einen schönen und gepflegten fand. Sie sehe sich überall Zoos an und der hier in Canberra sei wirklich gut. Nachher besuchten sie das National Museum of Australia, das abseits der Stadt liegt. Es hat dort einen gut präsentierenden Teil, der die Geschichte Australiens dokumentierte. Sie interessierten sich speziell, und das hatten sie bereits in Sydney getan, für die Kunst der Aborigines und schlossen sich einer geführten Tour an, weil sie auf diese Weise viel mehr über das wirkliche Leben der Ureinwohner erfuhren. Der Weg zum Museum hatte sich auf jeden Fall gelohnt, da es mit vielen Multimediainstallationen die australische Geschichte authentisch darstellte. Das ganze Museum ist eine Art Multimediamuseum. Und das alles kostenlos. Oliver und Noleen waren begeistert und beschlossen, am Nachmittag noch das Parlament House zu besichtigen. Die Architektur des Gebäudes lockte sie für einen Besuch. Der Eintritt war hier frei; die Tour, der sie sich anschlossen, ebenso. Sie fanden es ansprechend, überall engagiertes Personal, tolle Führung und viel Sehenswertes.

Es war Freitag, am frühen Morgen, der 6. November war's. Pfeiffer telefonierte, dass der Pass bereit liege; er müsse ihn vor 14 Uhr abholen, da schließe die Botschaft. Oliver erklärte, dass er ihn sofort abholen werde, am Samstag sei der Tag der Weiterreise. Dann werde endlich die große Reise auf den Straßen Australiens beginnen, erklärte er Noleen. Sie würden wahrscheinlich kaum mehr so lange an einem Ort verweilen.

»Wer weiß?«, sagte sie. »Wie soll ich dich jetzt eigentlich nennen? Oliver bin ich gewohnt.«

»Dann nennst du mich halt weiterhin Oliver. Wie du willst. Bei prekären Situationen solltest du besser Gregor sagen; könnte sonst Verwirrungen heraufbeschwören.«

Sie hatten bereits am Abend bezahlt und ausgecheckt, um am frühen Morgen loszufahren. Es war sieben als sie den Bungalow gut geräumt mit ihrem Gepäck verließen und losfuhren. Die Reise ging auf dem Kings Highway Richtung Küste ‒ nach Batemans Bay. Von dort wollten sie nach Lakes Entrance fahren und auf dem Camping übernachten. Oliver hatte errechnet, dass dies 550 Kilometer waren. Noleen meinte, ob es nicht besser wäre, die Strecke zu halbieren. Er wollte direkt fahren.

»Wir sind zwei, die sich beim Fahren abwechseln können«, sagte er.

»Du willst möglichst rasch rund herum, was? Wir haben Zeit«, reklamierte Noleen.

»Wir wollen noch die Städte Melbourne, Adelaide, Darwin, Crains und das Outback besichtigen. Das braucht Zeit.«

»Städte hast du gesagt, hättest du genug gesehen ‒ im Moment. Irgendwie möchte ich vielmehr die Natur erleben, in ihr meine Ruhe finden. In den Städten ist viel Unruhe und Hetze. Natürlich waren die Besuche in den Museen und Zoo schön. Ich fühlte mich im Alivio Tourist Park richtig wohl«, sagte Noleen.

»Hast du es in Canberra gestresst erlebt?«

»Nein, es war eine gute Mischung von Besichtigungen und Ruhezeit. Es wird sich zeigen wie es weiter geht.«

Sie fuhren still weiter und erreichten Batemans Bay. Dort verpflegten sie sich in Maloney's Beach Cafe und fuhren nach einer stündigen Pause, sie waren spaziert um die Beine zu vertreten, weiter. Noleen fuhr.

»Wollen wir auf dem Princes Highway fahren oder die Beach Road nehmen? In Moruya müssen wir dann auf dem Princes Highway weiter«, sagte Oliver.

»Wir nehmen die Beach Road«, entschied sie.

Oliver war es nicht recht. »Wir brauchen länger«, sagte er.

»Wir haben alle Zeit, Oliver. Ich weiß nicht, was du jetzt hast. Streiten wir uns jetzt wegen des Weges? Vor Kurzem dachte ich, wir hätten noch keine gravierende Meinungsverschiedenheiten gehabt. Jetzt scheint das vorüber zu sein. Bist du sauer, weil ich diese Straße gewählt habe?«

Noleen fuhr langsamer und machte Anstalten zum Anhalten.

»Hhh, nein, nicht sauer. Du hast wie immer recht. Auf dieser Straße sehen wir bestimmt mehr als auf dem Highway. Fahr weiter. Ich habe zu weit vorgeplant.«

»Haben wir nicht kürzlich über den Sinn des Reisens gesprochen.«

»Stimmt. Ich habe die Abfahrt mit der Ankunft verschmolzen. Okay, binde mich zurück in meinem Denken. Es ist schön auf diesem Weg.«

Sie fuhren durch kleine Küstenorte. In Malua Bay hielten sie kurz, fuhren an den Strand, behändigten sich ihrer Provianttasche für ein Picknick und setzten sich in den Sand. Es war herrlich warmes Wetter.

»Ich hätte den Hut aufsetzen sollen«, klagte Oliver. »Wie ich das hasse. Darum vergesse ich es.«

»Ich hätte Lust, ins Wasser zu gehen«, sagte Noleen.

»Du hast kein Badezeug.«

»Und wenn, macht doch nichts.«

Noleen zog die Schuhe aus.

»Du wirst nicht nackt ...?«, entsetzte sich Oliver.

Noleen lachte. »Nein, natürlich nicht. Hast du Angst man könnte mich sehen. Es ist keine Menschenseele am Strand. Will mit den Füssen ins Wasser stehen.«

Sie krempelte die Hosenbeine hoch, stand auf und forderte: »Komm mit. Das ist wohltuend und gesund nach dem ewigen sitzen.«

Er widersprach nicht und tat es ihr gleich. Zusammen gingen sie zum auflaufenden Wasser. Die Wellen waren nicht hoch und die Wassertemperatur angenehm. Oliver bückte sich und spritze Noleen an. Diese kreischte und spritzte ihrerseits. Sie alberten wie Kinder noch eine ganze Weile und waren durchnässt. Lachend fielen sie sich in die Arme und küssten sich im Wasser stehend innig.

»Weißt du was? Am liebsten würde ich hier übernachten«, sagte Noleen.

Eine höhere Welle schwappte an Land und nässte ihnen die Hosen bis über die Knie.

»Au watsch«, kreischte sie.

»Hier dürfen wir nicht campieren, das ist nicht erlaubt und kann teuer zu stehen kommen«, erklärte Oliver.

»Ich weiß, dennoch wäre es schön hier, einfach romantisch. Und das mit dir.« Sie küsste ihn und knabberte an seinem Ohr.

erneut rollte eine hohe Welle an ihnen hoch. Sie wateten an Land und setzten sich bei ihrer Picknicktasche, legten sich hin, um an der Sonne zu trocknen.

Es war vier Uhr als sie Eden erreichten.

»Schau, hier hat es einen Camping. Garden of Eden heißt er sinnigerweise«, sagte Noleen und verringerte die Geschwindigkeit.

»Okay, ich bin einverstanden. Wir halten hier. Es ist jetzt zu spät, um nach Lakes Entrance zu gelangen. Es gefällt mir hier.«

Der Platz war gepflegt, hatte viele Bungalows und für einen Moment waren sie versucht, einen zu mieten. Sie erkundigten sich, ob auf diesem Platz zelten möglich sei. Es war und war eine gute Wahl und das Zelt rasch aufgestellt, sie sahen sich um. Es hatte eine stattliche Anzahl von Campern; alle mit Vans. Warum sie mit Zelt unterwegs seien, wurden sie gefragt.

»Natur pur genießen«, antwortete Noleen. Sie hätten eine lange Zeit Luxus gelebt und jetzt das Bedürfnis zur Einfachheit.

Es wurde ein schöner Abend. Zwei Australier, ein Schotte und zwei Belgierinnen und sie, veranstalteten ein herrliches Barbecue, und es wurde spät. Es gab Verwirrung, weil Noleen Oliver als Gregor vorstellte, ihn zwischendurch Oliver nannte. Er habe zwei Namen, sagte er. Ihr gefalle Oliver besser, redete sich Noleen aus der Affäre. Jetzt sei auch das geklärt, meinte Oliver nachdem sie im Zelt nebeneinander lagen. Sie liebten sich innig und er lächelte, als er sagte: »Das war heute eine absolute Premiere und ich möchte die Fortsetzung nicht missen.«

Sie kniff ihn in den Rücken und küsste ihn zärtlich.

Am andern Morgen schlenderten sie durch Eden um einzukaufen. Es war nicht weit, doch hatten sie die falsche Straße gewählt. Auf Umwegen gelangten sie an ein kleines Einkaufsgeschäft. Sie konnten was sie brauchten kaufen ‒ Proviant für den Tag. Zurück auf dem Camping füllte Oliver frisches Wasser in den Reservekanister. Nach einem kurzen Frühstück fuhren sie los. Oliver fuhr. Er achtete sich, nicht über 110 km/h zu fahren. Die ganze Strecke fuhren sie durch Wald. Beidseits der Straße war großzügig gerodet worden. Überhaupt seien die Straßen überall großzügig ausgeführt. Die Australier hätten Platz, fand Oliver. Auf halbem Weg zeigte vor Cabbage Tree Creek ein Wegweiser nach Cape Conran. Wenig weiter stand plötzlich ein Haus rechter Hand.

»Schau, da hat es mitten im Busch einen General Store. Mal sehen, was hier geboten wird«, sagte Oliver.

Er zweigte in den Seitenstreifen, fuhr langsam am Geschäft vorbei und parkte beim roten Lattenzaun. Weiter vorn stand eine Telefonkabine. Es war halb elf. Sie stiegen aus, streckten sich und Oliver hüpfte, um sich zu lockern. Im Geschäft konnte man Kaffee und Tee konsumieren ‒ Noleen natürlich ihren geliebten Earl-Grey-Tea, daneben wurden allerlei Waren angeboten. Sie besichtigten die Auslage und Oliver wurde fündig. Da waren Messer im Angebot und ein Schweizertaschenmesser tat es ihm an. Er kaufte ein Exemplar.

»Ist es überhaupt erlaubt in Australien?«, fragte Noleen.

»Ich denke, dass dies kein Problem ist. Zwar, das Waffengesetz Australiens habe ich nicht studiert. Ich frage den Verkäufer.«

Das sei kein Problem bei diesem Messer, zumal sie es für das Campieren benötigen würden, sagte dieser. Zwar sei das Waffengesetz wegen der Terrorgefahr verschärft worden, das Besitzen eines solchen Messers sei nicht eingeschränkt. Der Storekeeper war ein freundlicher und neugieriger Mann und Noleen verbuchte erneut einen angenehmen Australier. Ron Sunder hieß er, war großgewachsen, korpulenter Mann mit Glatze, fünfzig Jahre und einer, der gerne lachte. Er wollte wissen woher sie kamen, was sie in Australien sehen möchten.

»Die Natur, die Weite, die Küsten, das Outback und natürlich die Menschen ‒ einfach alles, was Australien zu bieten hat«, sagte Noleen.

»Wenn ich Ihnen einen Rat geben kann, dann fahren Sie jetzt die Straße zurück, bis zur Abzweigung nach Cape Conran und folgen dann auf der Marlo-Conran Road der Küste entlang nach Marlo und von dort dann weiter zum Princes Highway. Es ist ein Umweg von zwanzig Kilometern, jedoch sehr sehenswert«, sagte Sunder.

Sie bedankten sich. Auf dem Weg zum Auto sagte Noleen: »Wir machen den Umweg. Das liegt zeitlich drin. Meinst du nicht?«

»Ich dachte, wir fahren jetzt durch, um dann in Lakes Entrance genügend Zeit zu haben ‒ und es scheint Regen aufzukommen.«

»Ach komm. Es ist erst elf. Wir können an der Küste Picknick halten. Warum bist du jetzt versessen, möglichst rasch nach Lakes Entrance zu kommen? Und wegen des Regens mache ich mir keine Gedanken. Im schlimmsten Fall finden wir einen Bungalow. Warte, ich fahre.«

Sie nahm Oliver die Schlüssel aus der Hand. Dieser war erstaunt, sagte nichts und wechselte auf die Beifahrerseite.

»Haben wir Probleme?«, fragte Noleen einsteigend, steckte den Schlüssel ins Zündschloss. Sie schaute ihn an. »Warum willst du schnell nach Lakes Entrance? Ist da etwas Besonderes?«

»Ich habe gelesen, dass es der Melbourner beliebtester Ausflugsort sei. Man kann Bootstouren machen und Delfine und Seelöwen beobachten. Darauf freue ich mich. Delfine sind meine Lieblingstiere.«

»Lass es, wir haben genügend Zeit. Wir können gut zwei Tage dort bleiben. Wenn du willst mehr.«

Sie startete und fuhr zur Abzweigung nach Cape Conran zurück. Oliver war, als sie dort anlangten, dann einverstanden an den Strand zu gehen. Über einen Holzsteg mit Treppen stiegen sie zum Strand hinunter. Es war steinig, der ganze Strand war übersät von kleinen und großen Steinen, Felsen säumten sich dem Wasser entlang und Wellen brachen sich, was Noleen über alles liebte. Aus lauter kleinen und mittleren Steinen hatten Strandbesucher überall Steinmännchen aufgebaut. Noleen sagte: »Im Englischen nennen wir diese Cairns, wie sagst du diesen auf Deutsch?«

»Wir nennen sie Steinmännchen. Wollen wir eines errichten? Ich hätte Lust.«

»Das nenne ich jetzt aufgestellt, Oliver. Das kenne ich von dir, die Spontanität und schätze dich. Okay, los geht’s. Wo wollen wir eines bauen?«

»Da drüben, auf dem Felsvorsprung.«

»Da müssen wir die Steine hochtragen«, stellte sie fest.

»Klar. Ich trage die großen und du kannst die kleinen.«

Nach einer Weile war eine Frau ebenfalls an den Strand gekommen, schaute ihnen zu. Als sie erkannte, was sie beabsichtigten, kam sie zu ihnen und fragte: »Darf ich euch behilflich sein? Ich hätte nämlich Lust.«

Sie sprach in einem Englisch, das mit deutschem Akzent versetzt war.

»Natürlich. Wir können jede Hilfe gebrauchen. Wir wollen den größten Steinmann hier am Strand«, sagte Oliver auf Deutsch.

»Oh, Sie sind Deutscher und haben mich entlarvt. Meine Freundin wird noch nachkommen. Dann wird nichts schief gehen.«

Diese kam den Steg runter und überschaute die Szenerie. Sie kam lachend zu ihnen.

»Ist hier Arbeit angesagt?«, fragte sie.

»Natürlich, du kannst zupacken, Angela. Es soll der größte Steinmann werden.«

»Woher kommt ihr?«, fragte Oliver, einen großen Stein auf den Felsvorsprung hievend.

»Ich komme aus der Nähe von Wuppertal und meine Freundin aus der Nähe von Düsseldorf. Wir sind Landeier. Jetzt wohnen wir in Düsseldorf. Und ihr?«

»Ich aus Köln«, sagte Oliver.

»Und ich aus London, ich bin Engländerin«, sagte Noleen.

»Sie sprechen gut Deutsch. Wir sind hier gestrandet. Unser Campervan ist oben an der Straße und macht keinen Wank mehr. Wir wissen nicht was los ist und Hilfe rufen ist uns noch nicht gelungen. Aus Wut sind wir jetzt mal an den Strand gelaufen. Übrigens, ich heiße Sabine Singer und das ist Angela Weiß«, sagte die Ältere, mochte 30-jährig sein.

»Ich habe dir gesagt, wären wir auf dem Princes Highway geblieben. Da hat es mehr Verkehr und Hilfe eher möglich«, klagte Angela Weiß.

»Wenn und hätte ... jetzt bauen wir hier einen Steinmann. Der weißt mir den Weg«, versuchte Sabine ihre Freundin zu beruhigen.

Oliver, als Gregor Trummer, und Noleen stellten sich vor.

Im Nu hatten sie große und kleine Steine hochgetragen und Oliver begann aus den großen ein Fundament herzurichten. Zu viert ging es rasch und die Figur wuchs enorm. Oliver erwies sich als gewiefter Konstrukteur und es entstand ein schöner Steinmann, über einen Meter hoch. Zufrieden schauten sie auf ihr Werk.

»Er ist weitherum gut sichtbar, weist Schiffbrüchigen den Weg. Apropos Schiffbruch«, sagte Oliver, »Wegen Ihres Vans: Ich könnte mal einen Blick drauf werfen. Nach getaner Arbeit hier habe ich noch Zeit für Sie. Mal sehen.«

»Das ist nett. Von Autos habe ich keine Ahnung, kann zwar fahren und bin zufrieden, wenn es fährt. Wenn man ein solches Wagnis eingeht, sollte man gewisse Kenntnisse haben. Wir sind beide Grünschnäbel«, sagte Sabine.

»Oliver, meinst du, du könntest ihnen helfen?«, fragte Noleen.

»Ich weiß es noch nicht. Muss mal sehen. Früher habe ich an meinem Auto rum gebastelt. Das ist lange her.«

Sie stiegen den Steg hoch und gelangten auf die Straße. Olivers und Noleens Auto stand am Straßenrand. Der Van war oberhalb der Kurve stehen geblieben.

»Ihr seid mit dem Auto unterwegs? Übernachtet Ihr in Hotels?«, fragte Sabine.

»Nein, wir haben ein Zelt und campieren«, antwortete Noleen.

»Im Freien?«

»Nein, das ist hier verboten. Es hat viele Campingplätze und zwischendurch werden wir in Hotels uns zivilisieren. Je nach Bedarf. Wir sind noch am Anfang unserer Reise. Haben erst Canberra hinter uns«, sagte Noleen.

»Dort waren wir ebenfalls. Wo wollt Ihr hin?«

Sie waren beim Camper angelangt. Oliver öffnete die Motorhaube.

»Starten Sie den Motor.«

Es wurde kurz der Anlasser betätigt. Der Motor reagierte nicht.

»Ich vermute, es sind die Zündkerzen. Ich muss sie ausbauen und reinigen«, erklärte Oliver.

»Können Sie das?«, fragte Angela. Sabine war hinzugetreten.

»Ach lassen wir das Sie. Wir sind Schicksalsgefährten. Mal sehen, ob du Werkzeug hast.« Er durchsuchte alle Fächer im Wagen und wurde fündig. »Es hat einen Schlüssel für die Zündkerzen, welch Wunder.«

Es dauerte eine Weile bis Oliver die Kerzen ausgeschraubt, gereinigt und wieder eingesetzt hatte. Währendem unterhielten sich die drei Frauen. Sabine und Angela waren ein Paar und lebten seit einem Monat in Düsseldorf, kennen taten sie sich zwei Jahre. Diese Australienreise war für sie die Hochzeitsreise. Noleen sagte: »Ich bewundere euch, dass ihr euch eine solche Reise gönnt.«

»Weißt du, wir haben noch mit Vorurteilen zu kämpfen«, sagte Angela.

»Das wird bestimmt ändern, braucht Zeit. Es wird zwar weiterhin Menschen geben, die darin Verwerfliches finden. Homosexualität ist vor allem bei Religiösen eine Sünde, eine Todsünde. Ich wette, dass es noch welche gibt, die gemäß der Bibel den Tod fordern würden«, sagte Noleen.

»Meine Eltern haben mich verstoßen; haben jeglichen Kontakt verboten, sogar unter den Geschwistern«, sagte Sabine. »Darunter leide ich.«

»Wir haben uns«, sagte Angela lächelnd. »Und meine Eltern lieben dich.«

»Das ist mir ein Trost.«

»Jetzt können wir mal starten«, sagte Oliver nach einer Weile, trat zurück und wischte sich die Hände am Tuch ab, das er in der Werkzeugkiste gefunden hatte.

»Gut, ich probiere«, rief Sabine und stieg ein.

Der Wagen sprang beim ersten Versuch sofort an. Sie stellte ab und versuchte es gleich noch. Es klappte.

»Hei, du bist unser Held. Wie sollen wir dich nennen? Du sagst Gregor und Noleen nennt dich Oliver?«

Oliver zog die Augenbrauen hoch. Wie sollte er dies erklären müssen?

»Nennt mich wie ihr wollt. Noleen gefällt der zweite Namen besser«, er lächelte verlegen.

»Jetzt stehen wir in deiner Schuld. Komm, ich muss dich umarmen«, sagte Sabine.

Sie ging zu ihm hin und drückte ihn fest. Irgendwie fand er es komisch, trotzdem angenehm und ehrlich, spontan.

»Dürfen wir euch folgen? Wohin fahrt ihr jetzt?«, fragte Sabine.

»Wir fahren bis Lakes Entrance. Oliver will dort Delfine beobachten.«

»Oh, das ist schön. Wollen wir das, Angela?«

»Ich weiß nicht ... von mir aus«, sagte diese, nachdem sie den Blick von Sabine gedeutet hatte. »Habt ihr nichts dagegen?«, vergewisserte sie sich dennoch.

»Nein, absolut nicht«, meinte Noleen und wandte sich an Oliver. »Nicht, oder?«

»Nein, angenehme Gesellschaft ist bereichernd. Ich denke, wir fahren vor. Bis Lakes Entrance ist es nicht mehr weit; weniger als hundert Kilometer. Und jetzt ist es erst halb eins. Unterwegs, an einem lauschigen Plätzchen würde ich gerne picknicken. Ist das gut?«

»Natürlich. Ich habe vergessen, dass wir noch futtern sollten. Jetzt, wo du es sagst, verspüre ich Hunger«, sagte Sabine.

Sie stiegen ein und Noleen und Oliver liefen zu ihrem Auto.

»Werden die jetzt an uns kleben?«, fragte er, als er losfuhr. Im Rückspiegel sah er den Van.

»Wahrscheinlich eine Zeitlang. Wer weiß, vielleicht entwickeln sie ihre eigenen Interessen. Es ist gut, wenn man Leute kennenlernt.«

»Müssen es Deutsche sein? Australier wären mir lieber. Die beiden gestern Abend waren okay, findest du nicht?«

»Das Konto der freundlichen Australier füllt sich mehr und mehr.« Sie lächelte.

Sie fuhren der Küste entlang und es war nicht eine besonders sehenswerte Strecke, wie der Storekeeper gesagt hatte. Lange säumten Bäume und Büsche die Straße beidseits. Später sah man vermehrt das Meer und Küstenstreifen. Noleen hatte gehofft, entlang wilder Strände zu fahren. Dennoch empfanden sie eine gewisse Abwechslung. Es hatte wenig Verkehr. Endlich gelangten sie an eine Stelle, wo sie parken konnten und siehe da, es stand ein Tisch mit Bänken zur Verfügung. Welcher Luxus. Sie parkten und stiegen aus. Man hatte tolle Meersicht. Die beiden Frauen parkten hinter ihr und stiegen aus.

»Ein Platz wie bestellt. Hast du eine Nase für optimale Plätze?«, sagte Sabine.

»Das hat er, muss ich sagen«, sagte Noleen. »Ich war überrascht einen solch lauschigen Platz zu finden.«

»Hatte einfach Glück«, wehrte sich Oliver. »Richten wir uns für den Lunch ein.«

Er hatte begonnen, die Picknicktasche aus dem Wagen zu nehmen und bereitete auf dem Tisch ihre Sachen aus. Die beiden Frauen kamen mit ihrem Korb und verteilten sich.

»Ich bin gespannt auf Melbourne. Soll eine interessante Stadt sein. Sydney fand ich schön. Habt ihr Lust auf Städte?«, fragte Sabine.

»So la la. Eigentlich habe ich es satt, in Städten herum zu wandern, dies und jenes anzusehen, am Abend einen wirren Kopf zu haben. Im Moment habe ich Lust auf Natur, in ihr leben, sie atmen«, sagte Noleen. »Ich möchte beobachten ‒ Pflanzen und Tiere. Natürlich ‒ sie lachte ‒ auch Menschen, wie sie hier leben. Ich bin nämlich Journalistin. Und ihr, was arbeitet ihr?«

»Ich bin Schneiderin, arbeite zurzeit als Verkäuferin in der Modebranche ‒ noch«, sagte Sabine.

»Wir wollen eine eigene Boutique mit selbstkreierter Mode und Accessoires eröffnen. Ich wäre dann vor allem für das Administrative zuständig. Im Moment bin ich Sekretärin in einer Fabrik. Nichts Aufregendes wie bei dir als Journalistin.« Angela lächelte.

»Oh, es ist nicht aufregend. Es gibt Situationen da ist es todlangweilig und mühsam. Jetzt hatte ich eine Reiseberichterstattung zu machen, eine größere Sache. ‒ sie sah Olivers Blick ‒ In der Regel sind es kleine Angelegenheiten.«

»Ich würde mich nicht eignen als Journalistin, denke ich. Ich bin zu scheu. Direkt auf Leute zugehen und sie auszufragen, nein, das kann ich nicht«, sagte Angela.

»Es ist wirklich ein harter Job«, sagte Noleen. »Du musst ständig auf Draht sein und dich um Aufträge bemühen, besonders als Freischaffende. Angestellt sein, da hast du Druck. Und die Konkurrenz ist enorm. Du musst besser sein und es werden. Es schreiben heute viele.«

»Das stimmt. Es wird heute viel weniger recherchiert und Texte bergen viele Unwahrheiten in sich«, sagte Oliver.

»Die Journalisten haben keine Zeit mehr. Sie müssen heute schreiben und heute muss es ins Netz oder in Druck gehen. Gestern ist veraltet. Die Konsumenten sind erzogen worden, sie sind abgerichtet worden, das Neueste zu lesen und hören und das möglichst im Stundentakt. Mit den neuen Medien ist das möglich«, erklärte Noleen.

»Dieser Stress ist nichts für mich. In letzter Zeit nimmt dieser bei uns zu. Wir können weniger verkaufen, weil heute viel online gekauft wird. Die Kaufhäuser leiden darunter. Einer Bekannten von mir wurde gekündigt, weil man sparen müsse. Schluss mit diesen düsteren Gedanken, jetzt wollen wir es genießen und möglichst keine Probleme wälzen«, sagte Sabine.

»Da hast du recht«, pflichtete ihr Noleen bei. »Probleme kommen von alleine, wenn es Zeit ist, Zeit sie dann zu lösen.«

»Was arbeitest du, Oliver. Ich sage jetzt Oliver, gefällt mir ebenfalls besser«, sagte Sabine.

»Ich arbeite im Import-Export; habe mit Japan zu tun.«

»Dann bist du dort gewesen. Es muss schön sein«, meinte Sabine.

»Vor kurzem war ich dort. Habe nicht gute Erinnerungen. Eines war gut: Ich traf einen alten Mann, der noch nie aus Tokio raus war. Lebte immer in der Stadt. Das hat mir Eindruck hinterlassen. Er lebt genügsam und meint, er habe ein interessantes Leben. Ich glaube ihm. Er war interessant und belesen.«

»Das finde ich eigenartig ‒ nie aus der Stadt. Das könnte ich nicht. Ich reise gerne und musste Angela direkt zu dieser Reise überreden. Du bist eher eine Nesthöckerin«, sagte sie und strahlte Angela an.

»Ich reise nicht gern. Irgendwie kam mir zuerst diese Reise groß vor – riesig. Jetzt gefällt es mir. Man ist frei und Australien ein riesiges Land. Wohin fahrt ihr noch?«

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