Kitabı oku: «Mit Gottvertrauen im Gepäck»

Yazı tipi:


Mit Gottvertrauen im Gepäck

Der Verlag Hier und Jetzt wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016-2020 unterstützt.

Mit weiteren Beiträgen haben das Buchprojekt unterstützt:

Kloster Baldegg

Einwohnergemeinde Waltenschwil

Ortsbürgergemeinde Waltenschwil

Katholische Kirchgemeinde Waltenschwil

Stadt Dietikon

Koch Berner Stiftung, Villmergen

Josef Müller Stiftung, Muri

Fondation Emmy Ineichen, Muri


José und Annamarie Meier-Haller, Waltenschwil

Beatrice Meier-Keusch, Waltenschwil

Elisabeth und Ueli Meier-Meier, Othmarsingen

Ruedi und Cilli Meier-Villiger, Arlesheim

Annemarie Schmid-Meier, Dottikon

Gabriela und Guido Arnet-Meier, Waltenschwil

Dominik Meier, Aarau

Thomas Meier, Waltenschwil

Beatrice Roos-Meier, Ennetbaden

Alleviamed AG, Meisterschwanden, Marcus Roos

Daniela und Robin Rothenbühler-Meier, Wettingen

Jürg Meier und Andrea Bittermann, Weiningen

Heinz Amgwerd, Wohlen

Josef Brem, Jonen

Alfons Meier, Waltenschwil

Dieses Buch ist nach den aktuellen Rechtschreibregeln verfasst. Quellenzitate werden jedoch in originaler Schreibweise wiedergegeben. Hinzufügungen sind in [eckigen Klammern] eingeschlossen, Auslassungen mit […] gekennzeichnet.

Umschlagbilder: Sr. Gaudentia im Gespräch mit Einheimischen auf dem Dorfplatz in Det, um 1980; die Krankenstation in Det, um 1977.

Lektorat: Rachel Camina,

Hier und Jetzt

Gestaltung: Naima Schalcher, Zürich

Satz und Bildbearbeitung: Benjamin Roffler, Hier und Jetzt

ISBN Druckausgabe 978-3-03919-515-2

ISBN E-Book 978-3-03919-971-6

E-Book-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

© 2020 Hier und Jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte GmbH, Zürich, Schweiz

www.hierundjetzt.ch

Inhaltsverzeichnis

Die grosse Reise

August 2013 Kennenlernen

Zwei Welten

Goldene Profess

Das erste Gespräch

13. Oktober 1969 Ankunft in der Steinzeit

Wesen wie von einem anderen Stern

INTERMEZZO 1: Papua-Neuguinea

1939 bis 1961 Kindheit, Jugend, Familie

Geschwistertreffen in Hertenstein

Von früher

«Ich werde Krankenschwester»

1961 bis 1969 Im Kloster

Krankenschwester oder Ordensschwester?

Profess, Hebamme und ein Schicksalsschlag

INTERMEZZO 2: Das Kloster Baldegg

1969 bis 1998 Det

Geburtshilfe unter erschwerten Bedingungen

Leben im tropischen Regenwald

Det macht Schule

Zwischen den Fronten

Der Kampf gegen Aids beginnt

INTERMEZZO 3: Missionieren – darf man das?

1998 bis 2018 Mendi

Lernen, mit dem Virus zu leben

HIV-positive Mutter, gesundes Kind

Leben in der Provinzhauptstadt

Hexenwahn

2018 Heimkehr

Noch immer irgendwie dort

Anhang

Die grosse Reise

Am 7. Oktober 1969, einem Dienstag, begibt sich Sr. Gaudentia mit vier Mitschwestern auf die grosse Reise. Zuvor hat man für sie in der Kirche Waltenschwil einen Gottesdienst zur sogenannten Aussendung abgehalten. Ihre Nichte Gabriela, damals neunjährig, erinnert sich, wie sie mit ihrer Cousine Blumen streute. Und daran, wie eigentümlich die Stimmung war, zwischen Feierlichkeit, Aufregung und Sorge, welche die ganze Familie ergriffen hatte. Weiter weg und fremder als Papua-Neuguinea, das ging fast nicht! Noch 1998 stellte Prinz Philip, der Mann von Königin Elisabeth II., einem britischen Studenten gegenüber, der von dort nach Hause kam, nur halb im Scherz fest: «Sie haben es also geschafft, nicht verspeist zu werden.»

Sr. Gaudentia hat das Bild vor Augen, wie die Zurückbleibenden beim Abschied an der Klosterpforte versammelt sind und winken, als sie und ihre vier Begleiterinnen ins Auto steigen, das sie zum Flughafen bringt. Die Aufregung ist grösser als bei früheren Aussendungen, da die Frauen in ein neues Gebiet ziehen. In Kloten werden sie von den Angehörigen empfangen und verabschiedet. Alle stehen auf der Zuschauerterrasse und winken dem Swissair-Flugzeug nach.

Sr. Martine Rosenberg, damals stellvertretende Leiterin der Klostergemeinschaft, erinnert sich, als wäre es gestern gewesen, wie sie die kleine Gruppe zum Flughafen begleitete. Eine der ausreisenden Missionarinnen ist die vormalige und bereits 64-jährige Frau Mutter Sixta Popp. Sie hat sich in ihrer Funktion als Vorsteherin des Klosters stark für die Mission eingesetzt und wäre als junge Schwester selbst gerne ins Ausland gegangen. Nun erfüllt sie sich diesen Lebenswunsch. Sr. Sixta ist schliesslich bis 1978 Regionaloberin in Papua-Neuguinea und vor allem für Küche und Haushalt in der Missionsstation zuständig. «Sie war sozusagen die Hausmutter», sagt Sr. Martine. «Das tat allen gut, auch den jungen amerikanischen Kapuzinern, die dort stationiert waren. Sie gab uns einen mütterlichen Halt.» Mit dabei sind ausserdem die beiden Lehrerinnen Sr. Lukas Süess und Sr. Sibille Meier sowie die Krankenschwester Sr. Kiliana Fries.

Sr. Martine erzählt: «Das war unsere erste Gruppe in Papua. Die fünf sind mit grosser Begeisterung aufgebrochen. Es war aber auch ein Abschied ins Ungewisse. Uns allen war klar, dass sie, waren sie einmal abgereist, wirklich weg waren. Denn die Kommunikationsmöglichkeiten waren fundamental anders als heute. Der Briefverkehr war unsäglich langsam, Telefonieren praktisch unmöglich. Als Sr. Lukas’ Vater starb, dauerte es länger als einen Monat, bis der Brief mit dieser traurigen Nachricht sie erreichte. Doch sie gingen mit Gottvertrauen.»

Der Flug führt zuerst nach Genf, dann über Dubai und Indien nach Manila. Von dort aus reisen sie mit der australischen Fluggesellschaft weiter nach Port Moresby. «Ich freute mich sehr, als es endlich losging», sagt Sr. Gaudentia. Waren da keine bangen Gefühle? «Nein, keine, höchstens, ob wir das Richtige eingepackt hatten.»

August 2013
Kennenlernen
Zwei Welten

Bestimmt zwanzig Jahre ist es her, dass ich das erste Mal von Schwester Gaudentia Meier hörte. Meine Schwägerin erzählte damals von einer Tante, einer Ordensfrau des Klosters Baldegg, die als Missionarin in Papua-Neuguinea stationiert war. Heute ist es eine Besonderheit, eine Klosterfrau in der Familie zu haben. Und eine Missionarin erst! Das ist aussergewöhnlich. Gibt es das denn tatsächlich noch? Und wo genau liegt Papua-Neuguinea? Liest man in der Zeitung gelegentlich über den Inselstaat, geht es meist um Bürgerkriege, um Korruption oder Putschversuche. Unvorstellbar, dass mittendrin eine Baldegger Schwester, Sr. Gaudentia Meier aus dem Aargauer Freiamt, lebte und wirkte.

Diese Frau interessierte mich, das Thema Mission irritierte mich. Die Faszination für Missionare, welche unsere Elterngeneration vielleicht noch verspürte, ist heute meist Misstrauen oder gar Ablehnung gewichen. Man verbindet damit Begriffe wie Zwangschristianisierung und westliche Überheblichkeit. Nur passte das so gar nicht zu dem, was meine Schwägerin von ihrer Tante erzählte.

Dann erschien weltweit in verschiedenen Magazinen und Zeitungen eine Reportage der australischen Journalistin Jo Chandler über die grausamen Verfolgungen von Menschen in Papua-Neuguinea, die der Hexerei beschuldigt wurden. Darin erwähnte sie eine mutige Frau, die sich dagegenstellte: Sr. Gaudentia Meier.

Am 25. August 2013 reiste Sr. Gaudentia für einige Wochen in die Schweiz, um hier ihre Goldene Profess, die fünfzigjährige Treue zum Ordensgelübde, zu feiern. Ich besuchte den Gottesdienst und vereinbarte in der folgenden Woche ein Treffen mit ihr.

Die Gespräche verliefen anders, als ich sie mir vorgestellt hatte. Sr. Gaudentia ist eine gute Erzählerin, aber keine, die gerne von sich spricht. Und ihr ist das Leben in Papua-Neuguinea mittlerweile so vertraut, dass ihr nicht bewusst ist, wie exotisch das, was sie dort tagtäglich erlebt, für uns ist. Es wurde klar, dass meine ursprüngliche Idee, ihre Erzählungen einfach im Wortlaut niederzuschreiben, nicht funktionieren würde.

Wir trafen uns zwischen August und Oktober 2015 zu drei längeren Gesprächen. Dann reiste sie wieder ab. Im Mai 2016 traf ich mich mit Sr. Martine Rosenberg, welche mit Sr. Gaudentia die Profess abgelegt, von 1981 bis 1999 der Klostergemeinschaft als Frau Mutter vorgestanden hatte und nun in Baldegg das Missionssekretariat betreute. Sie hatte die Schwestern in Papua-Neuguinea mehrmals besucht.

Ich hoffte erst, die Geschichte mittels Mailkontakt weiterschreiben zu können. Das ging nicht. So geduldig, ja manchmal unermüdlich und bildhaft Sr. Gaudentia mündlich erzählte, so knapp und sachlich schrieb sie. Bald stand dann jeweils: «Em tasol.» Meine Frage, was das denn heisse, beantwortete sie mit: «Das wird in Pidgin-Englisch am Ende eines Berichts geschrieben. Es heisst ungefähr: Das wars. Oder einfach: Ende.»

Mitte 2018 erreichte mich die Nachricht, dass Sr. Gaudentia ernsthaft erkrankt sei und in die Schweiz zurückkehren würde. Wahrscheinlich für immer. Glücklicherweise erwies sich die Krankheit als weniger schlimm als ursprünglich angenommen. Doch war der Entscheid gefallen. Nach fast fünfzig Jahren Tätigkeit in Papua-Neuguinea kehrte sie, in ihrem achtzigsten Lebensjahr, in die Schweiz zurück. Nicht nur auf Urlaub, sondern endgültig.

Es ist nun Anfang Mai 2020. Gestern wären Sr. Gaudentia und ihre Mitschwester, Sr. Lukas, wohl ein letztes Mal nach Papua-Neuguinea geflogen, um das fünfzigjährige Jubiläum der Baldegger Mission zu feiern. Alles war vorbereitet. Es wäre eine schöne, aber auch anstrengende Zeit für die beiden Ordensfrauen geworden, denn viele wollten sie wiedersehen. Die überstürzte Abreise vor eineinhalb Jahren hatte einen gebührenden Abschied verhindert.

Nun durchkreuzte die Coronakrise die Reisepläne. «Es sollte vielleicht einfach nicht sein», sagte Sr. Gaudentia. Endgültig klang das nicht.

Sr. Gaudentia Meier kann auf eine aussergewöhnliche Lebensgeschichte zurückschauen. Sie handelt von einer Frau, die 24-jährig in ein Kloster eintrat, weil sie Missionarin werden wollte. Die fast fünfzig Jahre in Papua-Neuguinea lebte und wirkte, dort erst in der Geburtshilfe tätig war, dann Pflegerinnenschulen und ein international anerkanntes Aidsspital aufbaute. Und sie handelt von einer Missionarin, die sich furchtlos einer pöbelnden Menge entgegenstellte, als diese eine Frau brutal misshandelte, als Hexe beschimpfte und zum Scheiterhaufen führen wollte.

Goldene Profess

In der örtlichen Presse war im Vorfeld von einem Jahrhundertereignis die Rede. Und das will sich offensichtlich niemand entgehen lassen, denn die Menschen strömen an diesem sonnigen Sonntagmorgen, lange vor Beginn des Gottesdienstes, in die Kirche des Klosters Baldegg. Es ist der 25. August 2013, und heute feiern zwanzig Baldegger Schwestern ihre Goldene Profess. Unter ihnen ist auch Sr. Gaudentia Meier aus Waltenschwil. Sie werden die nach ihrem Klostereintritt abgelegten Gelübde erneuern: Armut, Gehorsam, Keuschheit.

Es ist die Zahl der jubilierenden Schwestern, welche diese Goldene Profess zum Jahrhundertereignis macht. 24 junge Frauen traten vor fünfzig Jahren in das Kloster Baldegg ein. Damals gehörten über 1000 Ordensfrauen der Gemeinschaft an, es war die grosse Zeit des Klosters Baldegg. Heute sind es noch 225 Schwestern, und vor bald zwanzig Jahren legte die letzte Novizin ihre Profess ab.

Die Kirchenglocken sind im Luzerner Seetal weitherum zu hören, doch wer sich erst jetzt auf den Weg macht, wird kaum mehr Platz in der saalartigen Institutskirche des Klosters finden. Die ungefähr 500 Sitzplätze sind schon beinahe besetzt. Eine energische Ordensschwester, deren Füsse trotz hochsommerlicher Temperaturen in robusten schwarzen Schnürschuhen stecken, weist die Besucherinnen und Besucher ein. Der Raum ist festlich erleuchtet und mit Blumen geschmückt. Die Sonnenblumen lockern mit ihren sattgrünen Blättern und dem fröhlichen Gelb die ansonsten ernste, feierliche Stimmung auf.

Nun werden zusätzliche Stühle herbeigeschafft. Noch immer treten Menschen vor den Altar, verneigen sich und folgen dann der allmählich etwas mitgenommen wirkenden Schwester, die Ausschau nach Bankreihen hält, in denen die Menschen nicht ganz so dicht sitzen. Nett lächelnd bittet sie dann, noch etwas enger zusammenzurücken. Zwei Schweizer Gardisten stehen in ihren bunten Uniformen stramm und schauen mit unbewegten Mienen dem Treiben zu. Sie sind zu Ehren einer Schwester angereist, die ihnen im Vatikan Italienischunterricht erteilte.

Dann stimmt der Schwesternchor ein Lied an, die Orgel steigt ein. Es beginnt der Einzug. Ministranten gehen voran, Kerzen haltend, es folgt eine Gruppe Ordensschwestern, eine trägt hoch über ihrer Brust eine Bibel, dann folgt die Schar der Jubilarinnen. Sie sind in ihre dunkelblaue Schwesterntracht mit weissem Kragen und schwarzem Schleier gekleidet; in ihren Händen halten sie eine Kerze mit rot-goldenem Kreuz. Eine weisse Spitzenrose als Brosche und ein gleichschenkliges Kreuz, das sie an einer einfachen schwarzen Schnur um den Hals tragen, sind ihr einziger Schmuck. Die Besucherinnen und Besucher haben sich von ihren Sitzen erhoben. Einige Schwestern blicken ernst, viele aber schauen sich neugierig in den Sitzreihen um und lächeln, sobald sie bekannte Gesichter sehen. Eine winkt sogar. Inzwischen sind auch sechs in weisse und goldene Messgewänder und prächtige Stolen gekleidete Priester vorbeigezogen. Einer trägt eine Bischofsmitra. Es ist Kurienkardinal Kurt Koch, einer der höchsten Geistlichen der Schweiz, hier, gleich um die Ecke, in Emmenbrücke, aufgewachsen. 1996 wurde er von Papst Johannes Paul II. zum Bischof von Basel geweiht und 2010 von Papst Benedikt XVI. nach Rom berufen. Er präsidiert dort den Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen.

Weihrauchschwaden ziehen durch die Kirche, der Chor singt «Nun jauchzt dem Herren, alle Welt». Einer der Priester begrüsst in leicht näselndem Ton die Schwestern an ihrem «Ehrentag». Dann beginnt der Kardinal mit seiner Ansprache. Er spricht von einer Glaubenskrise, die er in der heutigen Gesellschaft beobachtet: «Gott wird nicht mehr als gegenwärtig wahrgenommen.» Es fehle vielen Menschen an einem persönlichen Gott, «es fehlt die Leidenschaft für Gott». Und: «Wir sollen unseren Glauben mit dem Leben bezeugen.» Dann zitiert er jenen Papst, der vor fünfzig Jahren – im Jahr, als die heute feiernden Schwestern ihre Profess ablegten – sein Amt antrat: «Paul VI. nannte Ordensmenschen einmal Spezialisten für Gott», erzählt Kardinal Koch. «Denn sie leben vor, dass die Kirche es mit Gott zu tun hat und Gott in der Kirche lebendig ist.» Er dankt den Baldegger Klosterfrauen, dass sie durch ihr Tun die Gegenwart Gottes bezeugen. Und auch, er lächelt in die Runde, dass sie über all die Jahre seinen bischöflichen Haushalt in Solothurn führten.

Dann gehen die zwanzig Schwestern, eine nach der anderen, zur grossen Kerze am Altar, um daran ihre eigene Kerze zu entzünden. Sie stellen sich im Halbkreis auf und wiederholen ihr Gelübde, mit dem sie sich vor fünfzig Jahren dem Ordensleben verpflichteten: «Wir antworten Dir heute von Neuem und bitten, hilf uns jungfräulich, arm und gehorsam Jesus Christus nachfolgen, zu Deinem Lob und zum Heil der Menschen. Amen.» Manche Stimmen sind laut und deutlich im Kirchenraum zu hören, manche klingen etwas heiser. Nach eineinhalb Stunden stimmt die Orgel das Lied «Grosser Gott, wir loben Dich» an.

Nach der Messe wird im Hof des alten Klostertrakts ein Gruppenbild für die Presse aufgenommen. Sr. Gaudentia Meier steht in der hintersten Reihe in der Mitte. Sie wirkt etwas schmaler im Gesicht als die meisten Mitschwestern, die Gläser ihrer Brille haben sich im Sonnenlicht dunkel verfärbt, sie lächelt zurückhaltend in die Kamera, der Schleier ist nach hinten gerutscht, sodass er den Ansatz ihrer weissen Haare freigibt. Die energische Bewegung, mit der sie den stets nach hinten rutschenden Schleier richtet, wird während unseren Gesprächen schon bald zum vertrauten Bild.

Das erste Gespräch

Vier Tage sind vergangen, seit Sr. Gaudentia in Baldegg ihre Goldene Profess feierte. Jetzt begrüsst sie mich im Garten ihrer Nichte Gabriela in Waltenschwil, der Tochter ihres ältesten Bruders. Viele Bilder und Gedanken seien ihr während des Gottesdienstes durch den Kopf gegangen. «Ich habe fest zurückgedacht, was ich in den fünfzig Jahren alles erlebt habe. Es war ein dankbares Zurückdenken, und ich sagte mir, dass ich ein reiches und erfülltes Leben habe, obwohl ich Klosterfrau bin. Oder eigentlich, weil ich Klosterfrau bin: Wäre ich nicht ins Kloster eingetreten, hätte ich das alles nie machen können.»

Ordensschwester, Missionsstation, Papua-Neuguinea: Was Sr. Gaudentia gemacht hat, ist nicht nur einzigartig, sondern auch exemplarisch für eine Lebensweise, die es in dieser Form wahrscheinlich bald nicht mehr geben wird. Weil sie ungewöhnlich, ja aussergewöhnlich, exotisch und gleichzeitig verblüffend bodenständig ist.

Das alles scheint so weit entfernt von meiner Realität. Mein Gegenüber schnürt ihren Rucksack auf und packt Bücher, Magazine und einige Fotokopien aus. Zum Schluss zieht sie ein schwarzrotes Fähnchen aus einer Seitentasche, die Flagge von Papua-Neuguinea. Sie zeigt, auf rotem Grund, einen goldenen Paradiesvogel im Flug, auf Schwarz das silberne Sternbild Kreuz des Südens.

«Ich kann besser erzählen, wenn ich Bilder vor mir habe», sagt Sr. Gaudentia. Das letzte Mal, als sie in Heimurlaub ging, schenkten ihr ihre Mitarbeiterinnen zum Abschied ein Kleid in den Nationalfarben. Das hat sie ihrer Nichte weitergegeben – «ich kann das ja schlecht anziehen», sagt sie. Lacht, trinkt einen Schluck Kaffee und schaut mich dann erwartungsvoll an. Das Fähnchen wird sie mir nach diesem Nachmittag zum Abschied schenken. «Ich sehe die Flagge ja bald wieder, jeden Tag», sagt sie. Es steht seither auf meinem Arbeitstisch und ist mir mittlerweile ganz vertraut.

«Als Ordensschwester kann ich mich wirklich voll und ganz für eine Sache einsetzen, ohne mich darum kümmern zu müssen, ob sich das in irgendeiner Weise auszahlt», erzählt Sr. Gaudentia. «Wir haben zwischendurch auch Laienhelferinnen und Laienhelfer bei uns in Papua, doch müssen diese immer wieder heim und dort arbeiten, damit sie Geld zurücklegen können fürs Alter. Das muss ich nicht. Ich muss mich nicht sorgen.»

Sie spricht langsam, und manchmal rutschen englische Wörter dazwischen. «Mein Deutsch ist nicht mehr so gut», sagt sie dann. Am Satzende folgt hie und da ein eigentümliches, leicht näselndes «He», das dem Sinn nach wie ein in den Schweizer Dialekt übertragenes «Well» oder «You see» wirkt. Sr. Gaudentia ist erst vor Kurzem aus Mendi, der Hauptstadt der Provinz Südliches Hochland in Papua-Neuguinea, für einen dreimonatigen Urlaub ins Mutterkloster zurückgekehrt. Ihr Deutsch wird im Laufe der Gespräche wieder fliessender; geblieben ist der Freiämter Dialekt aus ihrer Heimat Waltenschwil bei Wohlen, der etwas altertümlich anmutet.

13. Oktober 1969
Ankunft in der Steinzeit
Wesen wie von einem anderen Stern

Am Donnerstag, dem 9. Oktober 1969, landeten die fünf Schwestern aus Baldegg in Port Moresby, der Hauptstadt von Papua-Neuguinea. Von dort flog meist zweimal pro Woche ein einmotoriges Flugzeug nach Mendi, der Hauptstadt des Südlichen Hochlands. Ein Fünfplätzer. Im ersten Flieger fanden nur zwei Schwestern Platz. Die anderen drei, darunter Sr. Gaudentia, kamen bei australischen Ordensschwestern unter. «Die legten für uns drei Matratzen in die Kapelle, dort konnten wir schlafen.» Am Sonntag ging dann ihr Flug nach Mendi. Von dort wurden die fünf Baldegger Schwestern, wiederum mit einem kleinen Flugzeug, nach Det, ihrem Einsatzort, gebracht. «Wir landeten in der Steinzeit», erzählt Sr. Gaudentia.

Papua-Neuguinea, im südwestlichen Pazifik gelegen, wurde damals noch von Australien verwaltet. Det war – und ist auch heute – keine Stadt, kein Dorf, sondern eine kleine Missionsstation mitten im dichten Regenwald, welche noch nicht einmal mit einer Strasse erschlossen war. Doch es gab eine Flugpiste. Die Station war drei Jahre zuvor von einem Kapuziner bezogen worden. Die Einheimischen wohnten in der Umgebung in einfachen Häusern. Organisiert waren und sind sie bis heute in Sippenverbänden. Kurz bevor die Schwestern eintrafen, war es in der Gegend verschiedentlich zu Stammeskämpfen gekommen.

Hunderte von Einheimischen versammelten sich, als sie hörten, dass die Missionarinnen bald eintreffen würden. Ein Foto zeigt die fünf Schwestern kurz nach der Landung vor dem kleinen Flugzeug, in ihren langen, schweren Ordenskleidern mit schwarzem Schleier. Sie sind umringt von einem guten Dutzend nackter Kinder, teilweise mit geblähten Bäuchen. Die Kinder zeigen keine Scheu, blicken aber ernst in die Kamera. Die Ordensfrauen überragen auch die erwachsenen Papuas, die sich etwas im Hintergrund halten. Sie selbst wirken unbeschwert, neugierig, tatkräftig. Sr. Gaudentia erinnert sich: «Die Männer trugen nur einen Lendenschurz und hinten Blätter, sie hatten Pfeil und Bogen dabei. Die Frauen trugen Röcke aus Schilf und eine Art Tuch. Der Kopf war bedeckt, die Brüste frei.»

Die Frage, wie denn ihr erster Eindruck gewesen sei, beantwortet Sr. Gaudentia so: «Wenn ich zurückdenke, frage ich mich eher, wie das wohl für die Einheimischen war, als wir in Det eintrafen. Wir waren die ersten weissen Frauen, die sie zu sehen bekamen. Ein Pater war vorher hin und wieder dort gewesen, aber sonst hatten sie keinen Kontakt zum Rest der Welt. Sie kannten nur die nähere Umgebung, und Frauen in so viel Stoff hatten sie sowieso noch nie gesehen. Immerhin trugen wir eine Kopfbedeckung wie die Frauen. Was die Papuas aber vor allem faszinierte, waren unsere schwarzen Strümpfe, die wir damals vorschriftsmässig trugen. Sie zupften daran und wunderten sich, was das sein sollte. Menschen, die oben weiss und unten schwarz sind.» Die Strümpfe habe man dann übrigens bald sein lassen. «Das war unerträglich in diesem Klima.» Mit den Läusen aber musste man sich abfinden. «Eine echte Plage», sagt sie.

Sie seien den Menschen dort wohl wie Wesen von einem anderen Stern vorgekommen, fährt Sr. Gaudentia fort. Für die Schwestern bedeutete es einen Zeitsprung. Es folgt eine Beschreibung, die typisch ist für Sr. Gaudentias anschauliche Art zu erzählen: «Wir wussten schon, dass die Menschen in Papua, insbesondere im Hochland, noch nicht oft in Berührung mit der sogenannten Zivilisation gekommen waren. Aber dass sie noch so urtümlich lebten, war uns nicht klar gewesen. Sie hatten keine Gegenstände aus Metall, verwendeten keine Wagen mit Rädern, das war im Busch unpraktisch. Sie kannten die kleinen Flugzeuge, nicht aber Autos. Als dann später das erste Auto bei uns in Det ankam und auf der Flugpiste fuhr, konnten sie es nicht fassen, dass dieses Vehikel am Ende der Piste nicht abhob und wegflog, sondern einfach weiterfuhr. Sie kannten auch keine Streichhölzer. Sie machten Feuer, indem sie Späne spleissten und dann eine Schnur um einen Holzstab rieben, damit Funken in die Späne stieben. Wenn es dann zu rauchen begann, bliesen sie ganz sachte, bis die Flammen hochschossen. Die kleinen Kinder waren meist ganz nackt, sie trugen höchstens mal Windeln aus Blättern und hatten nie ein wundes ‹Fudi›. Die Mütter trugen sie meist auf der Schulter. Das ist eigentlich heute noch so. Auch leben Männer und Frauen in der Gegend bis heute in getrennten Häusern. Die Buben ziehen zu den Männern, wenn sie der Brust entwöhnt sind, die Mädchen bleiben bei den Frauen.»

Wenn Sr. Gaudentia von den Sitten und Traditionen der Einheimischen erzählt, wechselt sie unvermittelt von der Gegenwart in die Vergangenheit und wieder zurück. Das hat durchaus seine Berechtigung, denn sie hat ganz nah erlebt, wie der Einfluss der Aussenwelt das Leben und das soziale Gefüge der Menschen im ländlich geprägten Südlichen Hochland verändert hat. Als sie ankam, war alles noch ursprünglich, was sie keineswegs idealisiert. In den 1980er-Jahren wurde der Einfluss von aussen allmählich spürbar und auf den Fotos, die sie gerne mit mir anschaut, auch sichtbar. Statt der grossen Blätter, welche die Papuas als Regenschutz über sich oder ihre Kinder breiteten, tauchen erstmals Plastikblachen auf. Männer tragen T-Shirts mit Werbeaufdrucken, doch unten herum immer noch die Blätter, die sie jeweils direkt vor dem Haus pflücken.

«Sonntags», so erzählt Sr. Gaudentia, «haben sie jeweils frische Blätter umgelegt und sich mit Öl eingerieben, bevor sie in die Kirche kamen.» Und sie fährt fort: «In den Grundzügen bis heute geblieben ist das Zusammenleben in der Sippe. Die Männer wohnen in niedrigen Männerhäusern, in die man nicht aufrecht hineingehen kann. Es macht Sinn, dass die Häuser niedrig und klein sind, denn dann braucht es weniger Holz, um den Raum aufzuwärmen. Nachts kann es sehr kalt werden. Das Feuer, um das man draussen und drinnen sitzt, ist bis heute sehr wichtig.»

Dann nimmt sie ein Blatt Papier und zeichnet mit schnellen Strichen ein langes Haus mit verschiedenen Eingängen. Sie erzählt dazu: «Die Frauen leben in Langhäusern, die aber unterteilt sind. Jede Frau hat ihren eigenen Eingang, ihr eigenes Feuer und kocht für ihren Mann und ihre Kinder. Der Mann wohnt zusammen mit den grösseren Buben im Männerhaus. Wenn die Frau mit ihrem Mann zusammen sein will, sagt sie zu ihm, wenn sie ihm die Süsskartoffeln bringt: ‹Komm heute Nacht.› Dann gehen sie zusammen irgendwo in den Garten oder in den Busch.» Bei den Papuas ist es bis heute möglich, dass ein Mann mehrere Frauen hat. Sofern er sich das leisten kann. Es kann also sein, dass ein Häuptling eines Stamms zehn oder noch mehr Frauen hat. Was Sr. Gaudentia an diesem Umstand besonders interessiert, ist die Rolle der Frauen: «Oft ist es eine Frau, die ihrem Mann sagt, er solle eine weitere Frau nehmen. Dann etwa, wenn sie mit den vielen Kindern und dem Garten, den sie besorgt, überfordert ist. Sie sucht dem Mann eine Frau aus, die ihr passt. Schliesslich lebt sie im Frauenhaus sehr nahe mit ihr zusammen. Und wenn der Mann sich nicht danach richtet, wehrt sich die Frau. Das kann so weit gehen, dass sie eine Frau, die der Mann gegen ihren Willen gewählt hat, umbringt. Ein mächtiges Mittel sind auch die Kinder. Sie haben bei den Papuas einen hohen Stellenwert und werden in der Regel von den Frauen liebevoll behandelt. Es sei denn, der Vater benimmt sich nicht gut. Dann kommt es vor, dass die Frauen die Kinder dieses Mannes vernachlässigen. Das ist ihre Waffe.»

Die offizielle Währung in Papua-Neuguinea ist der Kina. Doch war bei der Ankunft der Schwestern Geld nicht gebräuchlich. «In erster Linie waren die Papuas in unserer Region Selbstversorger. Das blieb noch lange so. Wenn sie etwas von ausserhalb brauchten, tauschten sie es. Es gab eine Art Wochenmarkt, auf dem Waren getauscht wurden. Für gewisse Geschäfte bezahlte man auch mit Kina-Muscheln.» Der Name der Geldwährung leitet sich von dieser Muschel ab. Das Brautgeld wird in vielen Stämmen auch heute noch in Form von Muscheln bezahlt. Sr. Gaudentia fährt fort: «Wenn ein Kind stirbt, muss der Mann der Sippe der Frau eine Entschädigung bezahlen. Das tut er oft mit Kina-Muscheln oder mit Schweinen. Reichtum zeigt sich in ländlichen Regionen bis heute an der Anzahl Schweine, die man besitzt. Gegessen werden meist nur Süsskartoffeln, Bananen und Bohnen. Die Süsskartoffeln sind mir mit der Zeit furchtbar verleidet. Proteine nehmen sie in Form von Heuschrecken, Käfern und Würmern zu sich. Wer es sich leisten kann, hält ein paar Schweine, die in den Frauenhäusern leben und auch von den Frauen gewirtet werden. Zum Weiden werden die Tiere in den Busch getrieben.»

Nun blättert Sr. Gaudentia wieder in einem Fotoalbum und zeigt ein Bild, auf dem ein an den Füssen gefesseltes Schweinchen zu sehen ist. Die Frau sei daran, diesem die Hauer zu stutzen, damit es nicht so stark wühlen könne, sollte es versehentlich in die Gärten gelangen. Auch sie habe manchmal einem Schwein die Hauer gestutzt. Für die Tiere sei das eine Tortur, aber es sei einfach nicht anders gegangen, sagt sie entschuldigend, denn die Schweine, die sie auf der Missionsstation hielten, hätten jeweils alles umgeackert. Sie habe es sich nur bei den kleinen getraut. Den Hunden hätten die Einheimischen manchmal die Zähne gezogen, damit sie die Kinder nicht bissen. «Schön ist das nicht, aber ein Hundebiss bedeutete, bevor wir kamen und gegen Tetanus impfen konnten, nicht selten den Tod.»

Wie hatte sie sich denn mit den Einheimischen verständigt? Die Sprachenvielfalt in Papua-Neuguinea ist geradezu legendär, und die vielen Stammessprachen sind nicht zuletzt darauf ausgelegt, dass Aussenstehende sie nicht verstehen. «Zu Beginn sprachen die wenigsten Pidgin-Englisch, mit dem wir uns mit ihnen zu verständigen versuchten. Also taten wir es in der ersten Zeit mit Händen und Füssen oder hatten, wenn immer möglich, einen Dolmetscher zur Seite. Ich lernte auch, ihre Sippenzugehörigkeit anhand des Kopfschmucks oder der Bemalung zu erkennen. Das war sehr nützlich.»

Wenn Sr. Gaudentia von uns seltsam anmutenden Ritualen der Papuas erzählt, psychologisiert oder wertet sie nicht. Sie habe immer versuchen wollen, zu beobachten und zu verstehen. Entsprechend gut kennt sie die Sitten der verschiedenen Stämme. Sie kann vieles bis ins kleinste Detail beschreiben, und wenn sie von den traditionellen Tänzen erzählt, steht sie auf und – ja, wackelt mit dem Hintern.

Die Totenrituale etwa sind sehr unterschiedlich. Sie erzählt vom Stamm der Kutubu, dessen Mitglieder an der Küste leben und die Leichname der Verstorbenen auf eine eigentliche Toteninsel bringen. «Die Papuas in unserer Region kannten dagegen nicht einmal den Einbaum, weil es dort keine Seen und grösseren Flüsse gibt. Wenn bei uns jemand starb, hängten sie ihn an einen Baum und betrauerten ihn, das hiess ‹mornen›. War es ein höher gestellter Mann, blieb er tagelang dort hängen, Frauen wurden schneller heruntergenommen. Dann begruben sie den Leichnam und bauten über dem Grab aus Buschmaterial eine kleine Hütte für seinen oder ihren Geist. Der muss sich ja auch irgendwo aufhalten können. Mit der Zeit waren diese Hüttchen aus Zement und bekamen ein Wellblechdach. Frauen, die in Trauer sind, malen sich ihr Gesicht weiss an und schmücken sich mit weissen Ketten. Später haben die Sippen sogar ihre Autos mit Lehm bestrichen, wenn jemand gestorben war. Ich erinnere mich, dass Sr. Lukas einmal mit dem Auto im Busch unterwegs war, als ein hoher Angehöriger einer in der Nähe lebenden Sippe tödlich verunglückte. Solche Ereignisse führen meist unweigerlich zu blutigen Auseinandersetzungen, und Sr. Lukas war in Gefahr, zwischen die Fronten zu geraten. Da sagten Einheimische zu ihr: ‹Komm, wir malen dein Auto weiss an, dann glauben sie, du seist eine von ihnen.› Sie sind schlau, weisst du, denn es ist ein ständiger Kampf, um zu überleben. Das hat geklappt, Sr. Lukas kam sicher nach Hause.»

Sr. Martine erinnert sich an ihren ersten Besuch in Det. Das war 1972 anlässlich einer Kirchenweihe. «Es war eine mühevolle Reise, zumal ich vorher schon in Tansania zu Besuch war. Von dort flog man über Bombay nach Hongkong oder Manila, dann nach Port Moresby und anschliessend mit einem kleinen Flieger nach Mendi. Von dort aus gings auf holperigen Pisten nach Det. Die Schwestern wohnten in Buschhäusern aus Naturmaterial. Sie waren sehr schön gebaut. In Erinnerungen sind mir aber vor allem die Flöhe; das war fast ein Martyrium. Kaum war man dort, war man voller Flöhe. Ich musste mich zusammennehmen, dass ich nicht andauernd darüber sprach und jammerte, denn es hat mich derart gejuckt. Die Menschen waren freundlich, manchmal richtig anhänglich, und die Frauen arbeiteten schwer. Die Männer dagegen taten nicht viel. Das Leben dort war anstrengend und fordernd, auch für unsere Schwestern. Ich kann verstehen, dass einige von ihnen das nicht allzu lange aushielten und darum baten, zurückkehren zu dürfen. Als ich damals, nach meinem ersten Besuch, in Singapur ins Flugzeug zurück in die Schweiz stieg, dachte ich, dass es das letzte Mal sei, dass ich so etwas tue. Ich hatte genug. Und ging dann doch wieder zurück.»

Nicht nur die Einheimischen waren in den ersten Jahren in Det noch nahezu unberührt von äusseren Einflüssen, auch die Natur war es. Sr. Gaudentia erzählt, wie die Paradiesvögel während der Balz direkt hinter dem Schwesternhaus einen solchen Lärm veranstalteten, dass man unmöglich schlafen konnte. «Es war schön anzuschauen, wie sich das Männchen wie ein Pfau aufplusterte und sich den Weibchen präsentierte. Manchmal waren fünf oder sechs gleichzeitig auf einem Baum. Ich habe sogar einmal einen auf dem Arm gehabt. Heute sieht man sie kaum noch.»

Eines muss ich noch klären. Sr. Gaudentia spricht von Buschhäusern, Buschmännern, Buschspital … Ist das nicht abwertend? Sie schaut mich verständnislos an. «Abwertend? Weshalb? Die Menschen leben mitten im Busch. Wir lebten mitten im Busch. Sie sprechen selbst von Busch. Abgeleitet vom Englischen. Ein anderes, adäquates Wort kenne ich nicht. Es ist völlig wertneutral.» Wir werden es in diesem Sinne verwenden.

INTERMEZZO 1 Papua-Neuguinea

Die Insel Neuguinea ist nach Grönland die zweitgrösste Insel der Erde; Papua-Neuguinea wiederum ist nach Indonesien und Madagaskar der drittgrösste Inselstaat der Welt. Er gehört zum Kontinent Australien und ist Teil des pazifischen Grossraums Melanesien. Klimatisch sind die Unterschiede gross: An der Küste ist es stetig um die dreissig Grad Celsius warm, auch nachts. Im Hochland kann es nachts Frost geben. Die Luftfeuchtigkeit ist hoch, und es regnet oft.

In Europa war Neuguineas Existenz bis ins 16. Jahrhundert unbekannt. Auch danach gab es lange Zeit keine intensiven Kontakte zwischen den Inselbewohnerinnen und -bewohnern und dem Rest der Welt. Lediglich die Küstenregionen wurden regelmässig von Europäern heimgesucht. Der negative Beiklang dieses Verbs ist berechtigt.

Noch um 1960 lebten im Landesinneren Einheimische, die keine Berührung mit der Aussenwelt hatten. Dazu gehörten die Stämme der Region um Det im Südlichen Hochland. Bis 1969 die Baldegger Schwestern dort ankamen, hatten sie vereinzelte weisse Missionare gesehen, weisse Frauen noch nie.

Die Insel ist seit der Kolonialzeit zweigeteilt. Da diese Epoche bis heute Auswirkungen hat, lohnt sich ein kurzer Rückblick: Der Westen der Insel wurde 1828 von den Niederlanden besetzt und zusammen mit den indonesischen Inseln als Niederländisch-Indien bezeichnet. 1963 wurde dieser Teil von Indonesien annektiert. Seither gehört Westneuguinea zu Indonesien, wobei die Verhältnisse bis heute verworren sind. Laut verschiedenen Berichten wurden schätzungsweise mehr als 100 000 Einheimische ermordet und zahlreiche andere verschleppt. Unabhängigkeitsbestrebungen wurden blutig niedergeschlagen.

Der Osten der Insel geriet erst etwas später in den Fokus der europäischen Mächte. Ab den 1860er-Jahren versuchten das Deutsche Reich und Grossbritannien, dieses Gebiet für sich zu gewinnen. 1884 einigten sie sich auf eine Aufteilung: Der Norden wurde unter dem Namen «Kaiser-Wilhelms-Land» deutsches Schutzgebiet, der Süden wurde erst britisches Protektorat, vier Jahre später vom Vereinigten Königreich Grossbritannien und Irland annektiert und als «Britisch-Neuguinea» bezeichnet. Im Osten begann die Mission durch die katholische und die evangelische Kirche, im Süden wurde die anglikanische Kirche verbreitet. Als 1902 Australien unabhängig wurde, ging Britisch-Neuguinea an Australien über.

Gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs besetzten australische Truppen das deutsche Gebiet; nach Kriegsende überliess der Völkerbund die einstige deutsche Kolonie Australien als Mandat. Im Dezember 1941 eroberten japanische Truppen den Nordteil der Insel, und Port Moresby im Süden wurde zeitweise zum Hauptquartier des amerikanischen Generals Douglas MacArthur. Es kam zu heftigen Kämpfen zu See, in der Luft, aber auch im Dschungel. Nach der japanischen Kapitulation nahmen die alliierten Truppen am 13. September 1945 den gesamten Ostteil der Insel Neuguinea ein. Danach wurde Papua-Neuguinea von Australien verwaltet.

Insbesondere in ländlichen Gebieten und im Regenwald wurde die australische Regierung nur am Rande wahrgenommen. Sr. Gaudentia erzählt, wie wenig Ansehen die australischen Regierungsbeamten genossen und auch, wie wenig Einfluss sie nehmen konnten. Es seien vor allem junge Leute, frisch nach Abschluss des Studiums, nach Papua-Neuguinea gekommen, die sich kaum mit den Gegebenheiten dort auskannten und auch nicht bereit waren, sich darauf einzulassen. «Sie waren nicht auf ihre Aufgaben vorbereitet, konnten sich mit den Einheimischen nicht verständigen, liessen sich nicht auf die fremde Kultur ein.» Die Australier versuchten zwar, eine staatliche Administration auf dieses Gebiet zu übertragen, doch scheiterte das auf dem Land schon weitgehend beim Erstellen eines Einwohnerregisters. Sr. Gaudentia erinnert sich: «Bereits das Auftreten dieser Beamten mit ihren Rucksäcken und dem autoritären Gehabe hat die Einheimischen mehr belustigt als eingeschüchtert. Sie haben sich vielleicht vordergründig gefügt, die Besucher aber schlichtweg nicht ernst genommen. Die Einheimischen haben uns manchmal in Theateraufführungen vorgespielt, wie eine solche Visitation durch einen Regierungsbeamten ablief. Dann haben sie sich Kissen unter die Shirts gestopft, um so richtig dick daherzukommen, und sind schwankend herumgelaufen, um zu zeigen, dass die Beamten zu viel getrunken haben. Sie schrien herum und zeigten unter Gelächter, wie sie selbst sich jeweils scheinbar folgsam in Reih und Glied aufstellten.» Andererseits, so betont Sr. Gaudentia, benahmen sich die australischen Beamten durchaus korrekt. Sie waren guten Willens, versuchten auch, die Sippenkämpfe zu stoppen und ein Rechtssystem einzuführen. Doch blieb vieles wirkungslos, weil sich das australische System und die Denkweise nicht einfach auf Papua-Neuguinea übertragen liessen.

1972 wurden erstmals Wahlen abgehalten, und die Bevölkerung stimmte über die Unabhängigkeit ab. Sr. Gaudentia erzählt von der kuriosen Situation, dass die Einheimischen sich gar nicht recht erklären konnten, was denn diese Unabhängigkeit sein sollte, da sie sich ja zuvor gar nicht vom australischen Staat abhängig gefühlt hatten. «Sie kannten nicht einmal ein Wort für Unabhängigkeit», erzählt sie. «Sie sagten statt ‹independent› ‹underpant›, also Unterhose.» Die Kirche habe damals zwar Programme entwickelt, um die Leute aufzuklären, doch stiessen diese auf wenig Interesse. In den ersten Wahlen seien denn auch oft Europäer ins Parlament gewählt worden, nicht etwa aus Hochachtung, sondern aus Gewohnheit: «Die sollten dort für uns reden. Und als die neu gewählten Beamten die Einheimischen aufforderten, den Tag der Unabhängigkeit zu feiern, haben sie zwar ein paar Schweine geschlachtet, doch sie wussten nicht wirklich, weshalb. Es ging ihnen danach ohnehin eher schlechter als besser.»

Im Dezember 1973 wurde Papua-Neuguinea autonom, das Nationalitätszeichen PNG ist seither die gebräuchliche Abkürzung des Landes. Ich werde sie in der Folge auch verwenden. Die Flagge erinnert an die beiden Kolonialmächte: Im oberen, roten Dreieck zeigt sie einen Paradiesvogel, zu Ehren des deutschen Ornithologen Otto Finsch, der als einer der ersten Erforscher der Insel gilt. Das untere Feld zeigt auf schwarzem Grund das Sternbild Kreuz des Südens, wie es auf der australischen Flagge abgebildet ist. Ein weiteres Überbleibsel der australischen Herrschaftszeit ist bis heute geblieben: Das offizielle Staatsoberhaupt ist Königin Elisabeth II. von England, die auch den Titel «Königin von Papua-Neuguinea» trägt. Vertreten wird sie vor Ort durch einen Generalgouverneur. Die Staatsform ist daher eine parlamentarische Monarchie, das Regierungssystem eine parlamentarische Demokratie. Laut dem von der Zeitschrift The Economist seit 2006 in der Regel jährlich errechneten Demokratieindex gilt PNG als «unvollständige Demokratie», vergleichbar etwa mit Mexiko, Singapur oder Tunesien. Allerdings zeigt der Trend in den letzten Jahren abwärts, und PNG liegt nur gerade zwei Plätze vor Albanien, das als Hybridregime eingestuft wird. Als unterste Stufe folgen dann die autoritären Regime. Besonders schlecht schneidet PNG im Bereich politische Teilhabe ab, schlecht bei der politischen Kultur, etwas besser bei den Bürgerrechten.

Das Nationalparlament mit 111 Mitgliedern befindet sich in der Hauptstadt Port Moresby und wird alle fünf Jahre neu gewählt. Parlamentswahlen führen bis heute vor allem in ländlichen Gebieten regelmässig zu schweren Unruhen oder gar Sippenkriegen, wenn etwa ein Stamm die Wahl eines Abgeordneten aus einem anderen Stamm nicht anerkennt. 1989 kam es auf der Insel Bougainville zu einem blutigen Bürgerkrieg, der erst 1997 beigelegt werden konnte. Seither gilt Bougainville als autonome Region. Ende 2019 wurde eine – allerdings nicht bindende – Abstimmung über die vollständige Unabhängigkeit von PNG durchgeführt: 97 Prozent der jenigen, die daran teilnahmen, sprachen sich dafür aus.

Amnesty International berichtet regelmässig über schwere Verletzungen der Menschenrechte, und beim Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International lag PNG 2017 ebenfalls recht weit hinten, auf Platz 137 von 180 Ländern, in der Nachbarschaft von Liberia, Paraguay und Russland. Immerhin zeichnet sich gemäss diesem Rating seit zwei Jahren eine geringfügige Besserung ab.

Die Mehrheit der Bevölkerung sind Papuas, die zu etwa neunzig Prozent im unwegsamen Hochland leben. Weil die einzelnen Stämme so isoliert lebten, entwickelten sich unzählige Sprachen: Nach dem letztmals 2002 aktualisierten «Sprachenalmanach» werden 839 verschiedene Sprachen und Dialekte gesprochen. Es gab ursprünglich auch ähnlich viele Religionen. PNG gehört damit zu den kulturell heterogensten Nationen der Welt.

Amtssprache ist Hiri Motu, das allerdings nur von einem verschwindend kleinen Teil der Bevölkerung beherrscht wird, sowie die Pidgin-Sprache Tok Pisin, auch «Pidgin-Englisch» genannt, und Englisch. Wer, wie die Baldegger Schwestern, ausserhalb der Ämter mit Einheimischen in Kontakt kommt, verständigt sich in der Regel in Pidgin-Englisch.

2018 lebten 8,6 Millionen Menschen in PNG, also etwa gleich viele wie in der Schweiz. Allerdings ist das Land flächenmässig elfmal grösser. Die mit Abstand grösste Stadt, die Hauptstadt Port Moresby, hat nicht einmal so viele Einwohner wie Zürich. Das Land ist fruchtbar, mehr als drei Viertel der Bewohner leben von der Landwirtschaft, allerdings mehr schlecht als recht. PNG zählt nach Ruanda, Bhutan, Nepal und Uganda zu den ländlichsten Staaten der Erde.

Daneben gibt es Arbeit im Bergbau und auf Plantagen, wo vor allem Kaffee, Kopra und Kakao angebaut und Palmöl gewonnen wird. Auch die Holzindustrie ist ein gewichtiger Faktor, allerdings existieren weite Flächen unerschlossenen Buschwalds. Dies weckt Begehrlichkeiten im In- und Ausland, weshalb es immer wieder zu illegalen Abholzungen kommt.

Der Bergbau ist der wichtigste Wirtschaftsfaktor des Landes. Es gibt reiche Gold-, Kupfer- und Chromvorkommen sowie Erdöl und Erdgas. Obwohl das Wirtschaftswachstum mit fast neun Prozent äusserst hoch ist, stagniert der Wohlstand im Land seit den 1990er-Jahren. Konkret heisst das: Die Mehrheit der Bevölkerung ist arm, vierzig Prozent leben unter dem Existenzminimum, damit gehört PNG zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt. Die Weltbank hatte bereits 2012 von dem Paradox «Reichtum ohne Entwicklung» gesprochen. Beobachter rügen eben diese Weltbank, sie fördere mit ihrem Verhalten die Ausbeutung von Ressourcen durch internationale Investoren. Dies sei in einem Land, in dem die Verwaltung schlecht funktioniere und die Elite, mit der diese Investoren zusammenarbeiten, in erster Linie auf Selbstbereicherung aus ist, verheerend. Dabei laufe das Land Gefahr, zum Spielball anderer Mächte zu werden. Tatsächlich butterte China in den letzten Jahren Millionen Dollar in die Infrastruktur und erhofft sich, oder erwartet vielmehr, erleichterten Zugang zu den reichen, noch nicht erschlossenen Rohstoffvorkommen. 2014 lösten sich staatliche Einnahmen aus dem Bergbau in der Höhe von 3,3 Milliarden Kina, was über 800 Millionen Euro entspricht, in Luft auf. Laut Beobachtern geht etwa die Hälfte des jährlichen Haushalts dem Gemeinwohl verloren. Trotzdem fliessen immer noch Hunderte Millionen Franken Entwicklungsgelder aus Australien nach PNG.

Der Politikwissenschaftler Roland Seib, der sich seit Jahrzehnten intensiv mit dem pazifischen Raum beschäftigt, bezeichnet das Missmanagement bei den öffentlichen Finanzen, Diebstahl, Korruption und Klientelismus als die zentralen Charakteristiken des schwachen Staates. Die staatlichen Institutionen seien weitgehend in den Händen von Clanchefs und damit beherrscht von Partikularinteressen. Die Unterschlagung öffentlicher Gelder sei die Regel. So wurde vor einigen Jahren bekannt, dass im Südlichen Hochland die Einnahmen des Future Generations Fund, der von den Ölfördergesellschaften gespeist wird, geplündert und für Hotelübernachtungen, Automieten, das Chartern von Flugzeugen sowie Zahlungen an Politiker und Verwandte verwendet worden waren. Hinzu kommen massive Umweltschäden durch den Bergbau; so werden vielerorts die giftigen Rückstände des Abbaus ungeklärt in die Flüsse oder ins Meer geleitet. In der Goldmine Porgera etwa, die auf einem Hochplateau mitten im Regenwald liegt, werden täglich 22 000 Tonnen Rückstände in die umliegenden Flüsse gekippt. Sie wird vom grössten Goldbergbau-Unternehmen der Welt betrieben, der Barrick Gold Corporation mit Sitz in Toronto. Eine Umweltaufsicht der Minen existiert nicht.

Der Tourismus ist trotz abwechslungsreicher Landschaft und guten klimatischen Bedingungen schwach entwickelt, was mit der unsicheren Lage und der schlechten Infrastruktur zu tun hat. Das Auswärtige Amt der Schweiz, das EDA, leitet seine Einschätzung über PNG mit folgenden Hinweisen ein: «Bei Reisen nach Papua-Neuguinea ist der persönlichen Sicherheit grosse Aufmerksamkeit zu schenken. Viele Stammesgruppen lebten bis vor Kurzem isoliert und waren teilweise verfeindet. Ihr Zusammentreffen in einem modernen Staat ist mit sozialen und politischen Schwierigkeiten verbunden. Die Kriminalitätsrate ist sehr hoch.» Seit den Parlamentswahlen 2017 ist die politische und die soziale Lage zunehmend angespannt. Besondere Vorsicht gilt in den Hochlandprovinzen, also dort, wo die Baldegger Schwestern tätig sind.

Sr. Gaudentia verfasste 2010 im Auftrag des «Church Partnership Program» einen Bericht über die Zusammenarbeit der kirchlichen und staatlichen Institutionen im Bereich der Gesundheitsversorgung. Dieser enthält einen Katalog von Forderungen, welcher mit dem Aufruf endet: «We need good governance.» Wir brauchen eine gute Regierung.


Zweigeteiltes Papua-Neuguinea, indonesischer und unabhängiger Teil


Provinz Südliches Hochland (inklusive Provinz Hela)

1939 bis 1961
Kindheit, Jugend, Familie
Geschwistertreffen in Hertenstein

Hertenstein gehört zu Weggis und ragt als Halbinsel in den Vierwaldstättersee. Auf dem Schiff, das mich von Luzern in vierzig Minuten nach Hertenstein bringt, reisen an diesem Dienstagnachmittag im Mai 2018 vor allem asiatische Reisegruppen und ein paar Rentnerinnen und Rentner. Es ist sonnig und warm, doch über dem Pilatus türmen sich Quellwolken auf. Von der Schifflände in Hertenstein führt ein Wanderweg über grüne Wiesen zum Jugendstilgebäude, das als Höheres Töchterinstitut gebaut und 1916 von den Baldegger Schwestern übernommen wurde. Seit 1995 betreibt das Kloster dort das Bildungshaus Stella Matutina mit Hotelbetrieb.

Die Halbinsel ist paradiesisch schön, was einst auch dem bayrischen König Ludwig II. nicht entgangen war. Um 1870 plante er in dieser Gegend den Bau eines Lustschlosses in einem Park mit Pagoden, künstlichen Grotten und halb zerfallenen Tempeln. Die Pläne zerschlugen sich. Zum Glück, denkt man an die Touristenmassen, welche andere Anlagen wie Neuschwanstein oder Herrenchiemsee des als Märchenkönig verklärten Monarchen fluten. Auf dem gut viertelstündigen Spaziergang von der Schifflände zum Bildungshaus begegnen mir nur ein männlicher Pfau, der mich gehässig anzischt, dann eine quirlige Kinderschar auf Schulreise. Kuhglocken und das Zirpen von Grillen begleiten mich, und über mir kreisen zwei Milane.

Sr. Gaudentia erwartet mich und ihre Geschwister Annemarie, Alfons und José, die mit dem Auto anreisen, schon auf dem Weg zum etwas höher gelegenen Gebäude. Die Begrüssung unter den Geschwistern fällt herzlich, aber nur mit Händedruck aus. Dann organisiert Sr. Gaudentia in Windeseile Kaffee und Dessert, ihre Schwester Annemarie hat Linzertörtchen und Bretzeli mitgebracht, José nennt das eine «typische Meier’sche Versorgung mit Süssigkeiten». Dann erzählen sie von früher.

Von früher

Dass ihre fünf Jahre jüngere Schwester einmal Klosterfrau würde, hätte Annemarie Schmid-Meier nie gedacht. «Ich war eindeutig frommer», sagt die zierliche Frau. Margrith, wie Sr. Gaudentia vor dem Eintritt in den Orden hiess, sei auch nicht im Kirchenchor gewesen, wie das damals für Frauen im Dorf doch ziemlich üblich war. Die Angesprochene nickt und sagt dann: «Ich kann nicht gut singen, nur laut.» Der jüngere Bruder José fügt hinzu: «Dass Margrith eine Schwester wird, konnte ich mir schon vorstellen, eine Krankenschwester, aber doch nicht eine Ordensschwester!» Ich sitze mit den vier der insgesamt acht Geschwister in Hertenstein. Wir haben uns verabredet, weil ich wissen wollte, wie es dazu kam, dass die gar nicht so fromme Margrith zu Sr. Gaudentia wurde, wie sie als Kind war, wie die Familie sie prägte.

Margrith ist das vierte von acht Kindern, die auf einem Bauernhof im kleinen Freiämter Dorf Waltenschwil aufgewachsen sind: Der älteste, Albert, von den Geschwistern früher «Bärtu» genannt, ist 1933 geboren, es folgten Annemarie und dann Alfons, der mit acht Monaten an Kinderlähmung erkrankte, die nie vollständig ausheilte. 1939 kam Margrith zur Welt, drei Jahre später Hans, der 2012 gestorben ist. Dann kamen «die drei Kleinen», wie sie Annemarie und Sr. Gaudentia heute noch nennen: Josef, der heute «José» genannt wird, Ruedi und schliesslich, 1951, Lisbeth.

Waltenschwil hatte bis in die 1960er-Jahre rund 700 Einwohnerinnen und Einwohner und erlebte dann einen Wachstumsschub. Heute leben viermal mehr Menschen dort. Aus dem ehemaligen Bauerndorf ist ein immer noch ländlich geprägter Vorort von Wohlen geworden, und das Meier’sche Elternhaus, mitten im Dorf gelegen, ist vor rund zwanzig Jahren einem Restaurant gewichen. Über die Ortschaft hinaus bekannt ist die Kartbahn direkt an der Bahnlinie, ein kleiner Tierpark am Waldrand, der von Mythen umrankte Erdmannlistein und die Schokoladenfirma Dubler.

Der Bauernhof der Meiers war mit seinem Dutzend Kühe, einigen Schweinen und Hühnern ein mittelgrosser Betrieb, zumal recht viel Land dazugehörte. «Damals betrieben die meisten Landwirte in erster Linie Ackerbau, nicht Viehzucht», sagt José Meier. Auf dem Hof wohnten allerdings nicht nur Albert und Anna Meier-Sennrich mit ihren acht Kindern, sondern auch der Grossvater und ein lediger Onkel, der älteste Bruder des Vaters. Der Grossvater konnte sich lange nicht entscheiden, den Hof definitiv seinem Sohn Albert zu übergeben, der diesen faktisch schon bewirtschaftete, was die Beziehung zwischen ihnen nicht einfacher machte.

Meiers waren weitgehend Selbstversorger. Anfang Frühling und im November wurde jeweils ein Schwein geschlachtet, dann gab es eine Weile genügend Fleisch. Jeweils kurz vor Weihnachten kam ein Paket eines Onkels aus Bern, Margriths Götti. Er betrieb ein Import/Export-Geschäft mit Kolonialwaren. «Damals hatten wir die ersten Mandarinen», erinnert sich Alfons Meier. «Und Erdnüsse, die spanischen Nüssli», ergänzt Sr. Gaudentia. «Und Bananen», sagt José. Allerdings habe es nie für alle gereicht.

Der Hof sei immer voller Kinder gewesen, erzählen sie weiter. Da die Liegenschaft direkt neben der Schule lag, wurde sie quasi zum Pausenplatz des ganzen Dorfs. Sr. Gaudentia erzählt, dass sie sich jeweils in der Pause kurz den Eltern zeigen mussten, um zu beweisen, dass sie sich im Unterricht anständig benommen hatten und nicht zum Nachsitzen verdonnert wurden. «Nachhocke», sagt sie. Da sich also alle Dorfkinder auf dem Meier’schen Hof gut auskannten, waren sie auch in der Freizeit oft dort.

Nur jeweils am Samstagabend suchten alle das Weite, denn dann war Waschtag. Annemarie erzählt, wie sie die Kleinen in der Küche badete und ihnen die Haare wusch. «Ruedi und Hans schrien bereits Zetermordio, bevor auch nur ein Tropfen Wasser in ihre Nähe kam.» Eine Nachbarin fragte einmal beunruhigt, was sie denn am Samstagabend Schreckliches treiben würden … «Das Wasser war nie unser Element», bestätigt Sr. Gaudentia. «Wir plumpsten höchstens mal in die Bünz und waren dann aber schnell wieder draussen.» So lernten die Geschwister Meier, wenn überhaupt, erst spät schwimmen.

Das Gespräch der vier Geschwister in Hertenstein zeugt von einer tiefen Vertrautheit und Verbundenheit untereinander. Aber auch davon, dass man es in der Familie nicht gewohnt ist, viele Worte zu verlieren. Schon gar nicht über Emotionen. Auch nostalgisch sind Meiers nicht veranlagt, was sich etwa darin zeigt, dass nur wenige Fotos die Zeit überdauert haben.

Eines zeigt die etwa zweijährige Margrith mit weisser Masche im Haar, in weissem Kleidchen und wollenen Strumpfhosen mit übereinandergeschlagenen Beinchen auf einem gemusterten Kissen sitzend. Es wurde wohl in einem Fotostudio aufgenommen. Margrith schaut eher missmutig drein, sie mochte es offensichtlich nicht, so herausgeputzt still zu sitzen. Fröhlicher sieht sie auf einem anderen Bild aus, auf dem sie, etwa fünfjährig, einen kleinen Buben, Hans oder ein Ferienkind, im Arm hält. Ein weiteres Bild zeigt sie als Neunjährige am Jugendfest in der Freiämter Festtagstracht. «Ich war ein relativ dickes Kleinkind und ein kräftiges Mädchen», erzählt sie vollkommen uneitel. Und sie sei sehr froh gewesen, habe Annemarie der Mutter im Haushalt geholfen, so habe sie dem Vater auf dem Feld zur Hand gehen können. «Das mochte ich sehr viel lieber.» Da durfte sie den Traktor steuern, während der Vater Gras oder Heu auf den Wagen lud. Sie durfte die Mähmaschine führen, half beim Garbenbinden und Kartoffelnauflesen, der mühsamsten Arbeit, wie sie sagt. Und sie konnte zuschauen, wie die Brüder stockende Motoren wieder zum Laufen brachten.

Die Kriegszeit verlief bei Meiers in geordneteren Bahnen als anderswo, da der Vater keinen Militärdienst leisten musste. Er hatte als Bub, beim Flobertschiessen mit anderen Knaben, versehentlich einen Beinschuss abbekommen. Die Kugel blieb im Knochen stecken und wurde erst bei der militärischen Tauglichkeitsprüfung wieder entdeckt. Deshalb erklärte man ihn als dienstuntauglich. So konnte er während des Zweiten Weltkriegs auf dem Hof bleiben und mit seiner Frau und den Kindern den Betrieb weiterführen. «Der Vater war allerdings nicht der geborene Bauer», sagt Annemarie. «Wohl auch deshalb, weil er sich vor Pferden fürchtete.» Sie lächelt. Er habe auch vor Kühen einen Heidenrespekt gehabt. Vater Meier war im Herzen eigentlich eher Automechaniker oder Motorenbauer als Landwirt. So waren die Meiers weitherum die erste Bauernfamilie, die einen Traktor hatte. «Einen Neuhaus-Autotraktor», erklärt Alfons. «Die ersten Traktoren waren eigentlich umgebaute Autos.» Dieses Interesse für Motoren, ja eigentlich war es eine Leidenschaft, übertrug sich auf die Kinder. Alfons und Hans bastelten als Jugendliche in ihrer Freizeit unentwegt an Motorrädern und Töffli herum. «An Vespas», wie Alfons präzisiert. «Fünf Vespas hatten wir.»

Es ist daher nicht verwunderlich, dass schliesslich niemand den Bauernhof übernahm. Alle Jungen waren sehr interessiert an Motoren. Und verspürten auch eine gewisse Abenteuerlust. Alfons wurde Baggerführer und fuhr riesige Baumaschinen. Hans, der zwar die landwirtschaftliche Schule besucht hatte, führte ein Carunternehmen in Wohlen, Ruedi Meier gründete 1970 in Arlesheim BL eine Transportfirma, später kamen Carreisen dazu. Und der Älteste, Albert, ging schon als 19-Jähriger als Maschinenschlosser für Montagearbeiten nach Südafrika. Danach besuchte er das Technikum, wurde Maschineningenieur und lebte mit seiner Familie eine Zeit lang in Brasilien, wo er in São Paulo eine Tochterfirma der BBC leitete. Als die älteste Tochter in die Schule kam, kehrten sie in die Schweiz zurück. Zwei der «Kleinen» schlugen in der Beziehung etwas aus der Art: José studierte und wurde Bezirkslehrer, Lisbeth wurde Modistin, führt aber heute mit ihrem Mann ein Karosserieunternehmen.

Auch Margrith kam diese Affinität für Motoren und Autos in ihrem späteren Leben als Sr. Gaudentia öfters zugute. Zum Beispiel beim Betrieb eines kleinen Elektrizitätswerks in der ersten Missionsstation: Wusste sie nicht mehr weiter, rief sie ihren Bruder Albert an, und dieser gab ihr einen Rat oder organisierte die fehlenden Teile. Oder ein Lastwagen gab im sumpfigen Gelände irgendwo weitab der Zivilisation im Busch von Papua-Neuguinea den Geist auf: Sie erinnert sich an einen australischen Regierungsbeamten, der seinen Wagen abbremste, als er die Schwester sah, die am Pistenrand versuchte, ihren streikenden Wagen zu reparieren. Er gab ihr einige Tipps. «Habe ich alles schon gemacht», antwortet Sr. Gaudentia. Worauf er achselzuckend wieder in seinen Wagen stieg und weiterfuhr. «Ich habe dann das Auto schon wieder zum Laufen gebracht.»

Ein traumatischer Einschnitt in der Familiengeschichte war die schwere Erkrankung des Vaters im Jahr 1948. Er war noch nicht vierzig Jahre alt, als bei ihm eine Hirnhautentzündung ausbrach. Man hatte ihn schon aufgegeben, da erinnerte sich ein Arzt in Wohlen, dass man in «Zürich unten» ein Medikament gegen Meningitis einsetzte, das erst seit Kurzem erlaubt war: Penicillin. Der Vater wurde damit behandelt und genas, doch ganz der Alte war er danach nicht mehr. «Früher hatte er ein fröhliches Naturell, danach war er stiller und grübelte mehr», sagt Sr. Gaudentia.

Die Krankheit des Vaters brachte es mit sich, dass die Kinder noch mehr im Betrieb eingespannt wurden. Der älteste Sohn, Albert, erst 15-jährig, musste die Schule unterbrechen und zusammen mit der Mutter die Verantwortung für den Hof übernehmen. Die 14-jährige Annemarie half noch mehr im Haushalt. Sr. Gaudentia, die damals neun Jahre alt war, fügt an: «Wir haben uns als Kinder oft selbst organisiert.»

José sagt in Richtung seiner beiden älteren Schwestern: «Heute tut es mir leid, dass ihr so viel für uns Kleinen arbeiten musstet.» Sr. Gaudentia sagt: «Vor allem Annemarie, ich weniger. Sie ersetzte euch manchmal richtiggehend die Mutter.» Dafür habe er ihr jeweils das Bett aufwärmen müssen, erzählt José. «Ich schlüpfte in ihr kaltes Bett, schlief ein und wärmte es auf. Später kam sie und trug mich in mein eigenes Bett.» Annemarie lacht und sagt nur: «Es sind ja alle gut herausgekommen.» Das Einzige, was sie bis heute bedauere, sie zuweilen auch plage, sei, dass sie die Bezirksschule nicht habe besuchen dürfen – obwohl der Lehrer dreimal die Eltern besucht habe, um sie zu überreden, die älteste Tochter in die höhere Schule zu schicken. «Das nützte nichts, ich wurde zu Hause im Haushalt gebraucht.» Sie arbeitete nach der Sekundarschule, wie ihr Bruder Alfons, von morgens um 5 bis 13 Uhr in der Strohfabrik in Wohlen, und danach ging sie der Mutter daheim beim Haushalt zur Hand. «Wenn ich waschen musste, war ich froh, wenn der Vater den Ofen bereits eingeheizt hatte.»

Bitter wirkt Annemarie nicht, wenn sie das erzählt. Auch habe sie keinerlei Groll verspürt, als dann die Jüngere, Margrith, die Sekundarschule habe besuchen dürfen. «Die Umstände liessen es bei ihr einfach zu.» Abends sei dann aber auch noch Zeit gewesen, «uf d’Gass z’gha», wie sie, zu ihrem Bruder Alfons schauend, erzählt. Sie sei oft mit Alfons unterwegs gewesen, im Ausgang in Bremgarten. Und wenn sie zu spät nach Hause kamen, liess der Onkel sie bei sich in die Kammer schlüpfen, damit es die Eltern nicht bemerkten. Manchmal sei sie auch mit einer Freundin am Samstag die fast dreissig Kilometer mit dem Fahrrad nach Zürich gefahren, um im Kleiderladen Feldpausch einzukaufen. 1960 heiratete Annemarie, zog nach Luzern und bekam vier Kinder. Später führte sie zusammen mit ihrem Mann ein Elektrogeschäft in Dottikon.

Ich frage: «Nach wem kommt denn Sr. Gaudentia?» Wie aus der Pistole geschossen, antworten alle: «Nach der Mutter.» Beide hätten gerne bestimmt, wo es langging, sagt Annemarie, die von sich selbst sagt, sie sei eher der Vater. «Die Mutter mochte es gar nicht, wenn man ihr widersprach. Und Margrith hatte schon immer ihren eigenen Kopf.» Deshalb war ihre Beziehung zur Mutter früher nicht unbedingt eng. «Wir sind uns aber später, als ich im Spital arbeitete, sehr nahegekommen», sagt Sr. Gaudentia. «Sie hat sich stark für meine Erlebnisse in Papua-Neuguinea interessiert. Einmal, als ich ihr erzählte, wie bescheiden, oft ärmlich, die Menschen dort leben, hat sie nachdenklich gesagt, das sei bei ihr früher gar nicht so anders gewesen.» Anna Sennrich hatte ihre Mutter früh verloren und wurde danach in verschiedenen Familien untergebracht. Nicht überall war man gut zu ihr.

Man könne die acht Geschwister leicht in zwei Gruppen einteilen, sagt José: in Vater-Kinder und in Mutter-Kinder. «Die Mutter-Kinder kamen besser mit dem Vater aus, die Vater-Kinder mit der Mutter.» Annemarie nickt.

Im Laufe dieses Gesprächs in Hertenstein entsteht das Bild einer Kindheit und Jugend, in der es in erster Linie darum ging, dass die Gemeinschaft, eben die Familie, über die Runden kam. Individuelle Bedürfnisse fanden nur dann Platz, wenn sie dieses Gefüge nicht störten. So war das Leben damals wohl in vielen Bauernfamilien. «Wir haben viel voneinander gelernt», sagt Sr. Gaudentia zum Schluss. Alfons fügt hinzu: «Aber wir mussten uns immer nach oben orientieren, um mit den anderen mithalten zu können.»

«Ich werde Krankenschwester»

Sr. Gaudentia erzählt: «Als ich 14- oder 15-jährig war, dachte ich immerfort darüber nach, was ich nach der Schule machen sollte. Das plagte mich, ich wusste einfach nicht, was aus mir werden sollte. Dann, im letzten Schuljahr, hatte ich eine Blinddarmentzündung und musste ins Spital. Da besuchte mich meine Handarbeitslehrerin, und als sie so bei mir am Bett sass, sagte sie plötzlich: ‹Du würdest eigentlich eine gute Krankenschwester abgeben.› Von da an war für mich absolut klar, dass ich Krankenschwester werden wollte. Ich arbeitete danach noch in einer Bäckerei im Nachbardorf, was mir durchaus zusagte. Ich backe heute noch gern. Und dort interessierte sich auch ein junger Mann für mich, der sympathisch war. Aber das alles war für mich zweitrangig. Ich wich keinen Augenblick von meinem Ziel ab: Ich will Krankenschwester werden.»

Allerdings musste man damals 19 Jahre alt sein, um die Ausbildung zur Krankenpflegerin beginnen zu können. Deshalb ging sie, wie das damals häufig der Fall war, für ein Jahr ins Welschland, um Französisch zu lernen. Sie fand eine Anstellung in einem Kinderheim, etwas ausserhalb von Genf. Gut Französisch habe sie aber nicht gelernt, weil sie sich mit einem Mädchen aus Zürich angefreundet habe. «Es hat mir trotzdem sehr gut gefallen», sagt sie. Nach einem Jahr hätte sie eigentlich heimkehren sollen, damit ihre ältere Schwester ihr Welschlandjahr hätte antreten können. Weil diese nicht wollte, beschloss sie auf eigene Faust, noch ein Jahr anzuhängen. Annemarie war ihr dabei behilflich, eine neue Stelle zu suchen. Sie wurden schnell fündig: In einem Inserat in der Glückspost suchte eine «Madame» mit zwei erwachsenen Kindern eine junge Frau, die ihr im Haushalt helfen würde.

«Als ich am neuen Ort ankam, sagte sie mir kurz, was ich zu tun hatte, und verschwand dann. Ich war den lieben, langen Tag allein, wusch, bügelte Wäsche und putzte. Ich sah keine Menschenseele. Abends musste ich auch alleine zu Abend essen. Mir war sofort klar, dass ich das nicht wollte. Als die Madame mich nach meinem Heimatschein fragte, um mich anzumelden, gab ich ihr eine ausweichende Antwort. Bereits am nächsten Tag sah ich eine offene Stelle in einer Bäckerei in der Nähe des Bahnhofs Genf. Ich ging hin, die Bäckersfrau war einverstanden, und ich sagte, ich würde gleich morgen beginnen. Dann rief ich Annemarie an und fragte, wie ich mich verhalten solle. Sie riet mir, einen Zettel mit dem Hinweis, ich sei verreist und man solle mich nicht suchen, zu hinterlassen, wenn die Madame aus dem Haus sei. Genau so machte ich es, ich warf den Schlüssel in den Briefkasten und ging. Der neuen Madame in der Bäckerei erzählte ich, dass ich am alten Ort weggelaufen sei. Sie störte das nicht. Und von der ersten Madame hörte ich nichts mehr.»

Die Arbeit in der Bäckerei gefiel ihr, hier hatte sie Kontakt mit Menschen, und die «Herrschaft» war nett und grosszügig. Wenn jeweils am Sonntagnachmittag etwas übrig blieb, durfte sie es mitnehmen. «Ich habe das dann gut verpackt am Sonntagabend mit der Bahnpost heimgeschickt.» Diese Pakete aus Genf waren in Waltenschwil sehr willkommen – auch später, als sie schon im Spital arbeitete, seien vor allem auf der Nachtwache oft Lebensmittel übrig gewesen. «Ich machte, wenn immer möglich, Fresspäckli für José, der damals im Internat in Nuolen war.»

1958 war es dann so weit. Sie konnte mit der Lehre als Krankenpflegerin beginnen. Sie entschied sich für die Pflegerinnenschule in Sursee. Dort unterrichteten Baldegger Schwestern.

1961 bis 1969
Im Kloster
Krankenschwester oder Ordensschwester?

Die Ausbildung zur Krankenpflegerin in Sursee ging unaufgeregt vonstatten. Margrith war eine gute und verlässliche Schwesternschülerin, absolvierte Praktika in Aarau, Olten und Basel und kam an den Wochenenden, wann immer es möglich war, nach Hause, um auf dem Hof zu helfen; am liebsten tat sie das beim Vater, draussen auf dem Feld. Das lag ihr mehr als das Haushalten oder Stricken. Wenn sie zusammen mit Schwester Annemarie für die kleinen Geschwister Pullover, Strumpfhosen oder Socken stricken musste, bekam sie immer die einfachen Arbeiten zugeteilt. «Weil sie so wütend wurde, wenn sie wegen eines Fehlers etwas wieder auftrennen musste», erzählt Annemarie.

Margrith schloss die Lehre ab und arbeitete dann eine Weile im Spital Sursee, um Geld zu verdienen. «Damit ich den Eltern etwas abgeben konnte. Sie hatten ja auch immer gut für mich gesorgt.» Doch mit der Zeit schien ihr dieser Alltag etwas öde. «Ich war jetzt zwar Krankenschwester, aber ich dachte, dass ich mehr aus meinem Leben machen sollte.» Als sie solche Gedanken wälzte, waren Ordensschwestern der Missionsstation in Tansania in Sursee. Sie erzählten von ihrem Leben dort. «Da wusste ich: So etwas möchte ich machen.» Doch dafür müsste sie ins Kloster eintreten.

Sie ging also nicht aus religiösen Gründen ins Kloster? Sr. Gaudentia scheint diese Frage nicht im Geringsten zu irritieren. Sie lacht und sagt: «Ich glaube, ich bin nicht besonders fromm gewesen.» Aber sie habe schon als kleines Mädchen liebend gern in den Missionsheftchen geblättert und gelesen. «Ich habe dann etwas gespürt, das ich heute als Fernweh bezeichnen würde. Ich wusste einfach, dass ich einmal weit weg wollte. Sehr weit weg.» Schon während des Postulats, des Zeitraums, in dem man das Leben in der Ordensgemeinschaft kennenlernt, bevor man sich fest verpflichtet, bewarb sie sich schriftlich für die Mission. Den Geschwistern zu Hause, die bei der Eröffnung, dass sie in einen Orden eintreten werde, zuerst etwas erstaunt waren, sagte sie: «Ich werde keine Betschwester, auch wenn ich im Kloster bin. Ich gehe in die Mission.» Und als der kleine Bruder José nachfragte, wie denn das gehe, in ein Kloster einzutreten und doch keine Betschwester zu sein, antwortete sie: «Ich bete schon gern, aber indem ich etwas tue.»

Die Mutter habe zu ihrem Vorhaben nicht viel gesagt. «Der Vater aber war schon nachdenklich, doch sagte er, ich müsse selbst wissen, was für mich gut sei. Ich habe aber gemerkt, dass es ihn beschäftigte. Und als ich das erste Mal aus dem Kloster heimkam, stellte er mir einen schönen Blumenstrauss ins Zimmer.»

Sie bete schon gern, aber indem sie etwas tue, erklärte Sr. Gaudentia ihrem kleinen Bruder. Besser lässt sich eigentlich kaum für ein Kind übertragen, wozu Kardinal Kurt Koch fünfzig Jahre später in seiner Predigt zur Goldenen Profess in der Institutskirche aufforderte: «Wir sollen unseren Glauben mit dem Leben bezeugen.»

Profess, Hebamme und ein Schicksalsschlag

Sr. Martine Rosenberg war eine der Ordensschwestern, welche mit Sr. Gaudentia Goldene Profess feierte. Die beiden leben also seit über fünfzig Jahren in derselben Gemeinschaft, doch ihre Aufgaben sind grundverschieden. Das begann bereits beim Entscheid, Ordensfrau zu werden. Sr. Gaudentias hauptsächlicher Beweggrund war zweifellos der Wunsch, in die Mission zu gehen. Sr. Martine wurde Klosterfrau, weil sie sich mit grosser innerer Gewissheit dazu berufen fühlte. «Aus Liebe zu Gott und zu den Menschen.» Sie war in einem religiösen, aber auch sehr politischen Umfeld aufgewachsen. Ihr Vater war Generalsekretär der Konservativ-Christlichsozialen Volkspartei (KCV), die sich seit 1970 «Christlichdemokratische Volkspartei» (CVP) nennt. Und er war Bundesstadtredaktor bei der katholischen Luzerner Tageszeitung Vaterland. Sie hatte in Baldegg die Handelsschule besucht und arbeitete danach vier Jahre auf dem Generalsekretariat der KCV in Bern.

Sr. Martine wirkt sehr agil, geradezu jugendlich. Sie schaukelt auf ihrem Stuhl, und ihre Hände sind selten ruhig, wenn sie spricht. Sie rückt die fein gefasste Brille zurecht, schiebt sich eine Haarsträhne unter den Schleier oder spielt unbewusst mit dem kleinen Aufnahmegerät, das ich vor sie auf den Tisch gelegt habe, was mich etwas nervös macht. Das registriert sie sofort. Sie schaut mich mit ihren hellen, blauen Augen an, realisiert dann, weshalb ich unruhig geworden bin, und legt das Gerät mit einem entschuldigenden Lächeln hin. Sie habe lange hin und her überlegt, wie sie ihren Eltern am schonendsten beibringen könnte, dass sie ins Kloster eintreten wolle, erzählt sie mit einem fröhlichen Lachen. Schliesslich habe sie gesagt, sie wolle in die Mission. «Das klang für sie weniger verrückt, als wenn ich gesagt hätte, ich wolle ins Kloster.»

Sie trat im November 1961 in Baldegg die Vorbereitung auf das Klosterleben an und traf dort unter anderen auf Sr. Gaudentia. Diese hatte einige Monate zuvor das Postulat begonnen.

Sr. Martine erinnert sich: «Wir waren eine grosse Gruppe von Neulingen, zwei Dutzend von Herkunft, Werdegang und Temperament sehr unterschiedliche junge Frauen. Sr. Gaudentia war darin ein ruhender Pol. Sie wirkte reifer als viele von uns, war immer sachlich, drängte sich nicht in den Vordergrund. Sie redete nicht viel, man hatte nie das Gefühl, sie habe Probleme oder tue sich schwer mit etwas. Sie machte auch nie fromme Sprüche. Gar nicht.»

Am 3. September 1963 legten Sr. Martine und Sr. Gaudentia zusammen mit weiteren 22 jungen Frauen die Profess ab. Damit verbunden ist das Ablegen der Gelübde Armut, Keuschheit und Gehorsam. Sie habe sich gut überlegt, ob sie dem nachkommen könne, sagt Sr. Gaudentia. «Halbe Sachen gibt es da nicht. Armut hat mich nie gestört, solange es für das Nötigste reichte. Nach dem Krieg hatten wir auf unserem Bauernbetrieb nicht viel. Die anderen Leute im Dorf auch nicht. Keuschheit? Da war mir mein Wunsch, in die Mission zu gehen, wichtiger. Kinder mag ich sehr gerne, aber es müssen nicht eigene sein. Am ehesten Mühe hatte ich mit dem Gehorsam. Ich war doch immerhin schon 22 Jahre alt, hatte selbstständig in einem Beruf gearbeitet, und jetzt musste ich mich einem anderen System unterordnen.»

Das Kloster pflegte jeweils mit seinen Schwestern eine Standort- und Berufsplanung zu machen, in der neben deren Begabungen und Wünschen auch die Bedürfnisse der Gemeinschaft ein wichtiger Faktor waren. Sr. Gaudentia entschied sich damals, in Absprache mit der Klosterleitung, sich für eine Zusatzausbildung als Hebamme anzumelden. Sr. Martine holte erst die Handelsmatura nach, danach schloss sie in Freiburg i. Ü. das Studium in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften ab. Sie hätte zwar lieber Geschichte und Sprache studiert, erzählt sie. Doch war sie als Lehrerin für die Handelsschule in der klostereigenen Internatsschule Salve Regina in Bourguillon vorgesehen, die sie dann ab 1968 auch leitete. Ein Jahr später wählte man sie zur Assistentin der Vorsteherin der Baldegger Schwestern, im August 1981 wurde sie selbst Generaloberin, «Frau Mutter» genannt. In dieser Funktion hatte sie viel mit den Missionarinnen zu tun. So besuchte sie ihre Mitschwester Gaudentia achtmal in Papua-Neuguinea. Seit dem Ende ihrer Amtszeit 1999 betreut Sr. Martine das Missionssekretariat in Baldegg.

Es sei damals der Wunsch vieler Schwestern gewesen, in die Mission zu gehen, erzählt Sr. Martine. Sie hätte sich das auch für sich vorstellen können. «Doch war es für mich ganz klar nicht der Grund, weshalb ich Baldegger Schwester wurde. Ich dachte mir: Wenn sie mich schicken, gehe ich gerne, wenn nicht, ist es auch gut.» In den 1960er-Jahren konnten nicht alle Schwestern in die Mission gehen, die dies wollten. Die Vorsteherschaft des Klosters habe sich gut überlegt, wer sich eigne und wer eher nicht. Und manche brauchte man einfach auch unbedingt zu Hause. Sr. Gaudentia erhielt die Zusage aber schnell.

«Für sie war der Wunsch, Missionarin zu werden, ein starker Beweggrund für den Klostereintritt gewesen», erinnert sich Sr. Martine. «Nicht der einzige natürlich, sonst wäre sie gar nicht aufgenommen worden.» Sie sei von ihrem Naturell her auch ausgezeichnet für diese Aufgabe geeignet. «Sie ist beruflich äusserst tüchtig, besonnen und sachlich. Sie ist geistig sehr wach, ist wirklich intelligent, hat ein ausgezeichnetes Gedächtnis, und sie ist begierig, immer wieder Neues zu lernen. Auch gelingt es ihr, komplizierte Dinge einfach zu erklären.» All das habe sich aber erst im Laufe der Zeit gezeigt, obwohl sie sich sehr nahe waren.

1964, ein Jahr nach ihrer Profess, ereilte Sr. Gaudentia ein Schicksalsschlag, der ihre ganze Familie erschütterte: Ihr Vater nahm sich das Leben. Er war 54 Jahre alt und stand kurz vor einer Operation wegen eines Hirntumors, der wahrscheinlich eine Spätfolge der Hirnhautentzündung war. José Meier ist heute überzeugt, dass es die Angst vor den Folgen der schweren Operation war, welche den Vater zu diesem schrecklichen Schritt bewog. Annemarie Meier spricht von Existenzängsten, die auch mit der unklaren Situation auf dem Hof zu tun hatte. Sr. Gaudentia geht davon aus, dass mehreres mitspielte. Sie sagt: «Er war schon länger nicht mehr der fröhliche Mensch, der er früher sein konnte.»

In diese Zeit fielen aber auch schöne Erlebnisse mit der Familie. Als Sr. Gaudentia im Spital Sursee als Hebamme arbeitete, wurden dort gleich mehrere ihrer Nichten und Neffen geboren, was sie bis heute sichtlich freut. Stolz erzählt sie weiter, dass sie bei der Geburt der jüngsten Tochter ihres ältesten Bruders als Hebamme gerufen wurde. «Das Mädchen wurde dann auf den Namen Beatrice-Gaudentia getauft.»

Sie selbst hatte sich damals allerdings noch nicht ganz an ihren Klosternamen gewöhnt. Ordensfrauen erhalten als Novizinnen in der Regel einen neuen Namen, um zu unterstreichen, dass sie ein neues Leben beginnen. «Wir konnten ihn selbst wählen, das Kloster gab uns aber eine Liste geeigneter Namen, und zwei Schwestern durften nicht denselben Namen tragen.» Dies schränkte die Auswahl erheblich ein, lebten doch damals rund 1000 Ordensfrauen in Baldegg. Sr. Lukas Süess, die wie Sr. Gaudentia 1961 ins Kloster eintrat, entschied sich deshalb, wie andere auch, für einen männlichen Namen. «Immerhin ein Evangelist, dachte ich mir», erzählt die quirlige, kleine Frau später. Und: «Damals gab es eben noch nicht so neumodische Mädchennamen wie Noemi oder Mila.»

Der Name Gaudentia stand auf der Liste und habe ihr sofort gefallen, erzählt Sr. Gaudentia. Das lateinische Wort «gaudere» bedeutet «sich freuen». War ihr das damals bewusst? «Ich wusste, dass der Name mit Freude zu tun hat, und das schien mir sehr passend. Ich verstand ihn auch in gewisser Weise als einen Vorsatz für mein Leben. Als ich dann nach Papua-Neuguinea kam, befürchtete ich allerdings zuerst, er sei schwierig auszusprechen für die Menschen dort. Das war aber nicht der Fall. Und die meisten nannten mich sowieso Sister Gaudi.»

Sr. Gaudentia wusste also bereits früh, dass sich ihr Wunsch, in die Mission zu gehen, erfüllen würde. Allerdings war auch klar, dass sie sich noch gedulden musste. Das Kloster wartete jeweils fünf Jahre ab, bevor es frisch eingetretene Schwestern in die Mission sandte. Während dieser Zeitspanne sind Ordensfrauen nämlich noch nicht gänzlich ans Kloster gebunden. Sie haben fünf Jahre Bedenkzeit, bis sie sich für ewig verpflichten. Zudem war die Baldegger Mission damals im Umbruch. Das Kloster war in Zusammenarbeit mit Kapuzinern vor allem in Afrika, in Tansania, aktiv. Anfang der 1960er-Jahre wurde die Situation dort aus politischen und gesundheitlichen Gründen schwierig; die Malaria hatte sich stark verbreitet. Und so war das Kloster auf der Suche nach einem neuen Einsatzort.

Sr. Gaudentia erzählt: «Ich bin ursprünglich davon ausgegangen, dass wir nach Tansania geschickt werden, wo es bereits eine seit längerer Zeit bestehende Missionsstation gab. Dann fragte mich die Frau Mutter eines Tages, ob ich mir auch einen Einsatz in Papua-Neuguinea vorstellen könnte. Dort gebe es allerdings noch keine anderen Schwestern, man müsse die Station also neu aufbauen. Ich sagte sofort Ja, obwohl ich keine Ahnung hatte, wo Papua-Neuguinea liegt. Ich musste danach erst in einem Atlas in der Bibliothek nachschauen. Das war wirklich etwas total Neues, das hat mich noch mehr angezogen.» Die künftigen Missionarinnen wurden aber nicht einfach unvorbereitet losgeschickt. Sie nahmen drei Monate lang an einem Vorbereitungskurs teil, an dem sie von verschiedenen Missionaren und auch einem Ethnologen unterrichtet wurden. Dabei ging es neben der Katechese, also der Vermittlung der christlichen Botschaft, vor allem um Völkerkunde. «Das war sehr wertvoll, sehr hilfreich. Viele Ratschläge, die ich dort erhielt, begleiteten mich danach durchs ganze Leben.» Zum Beispiel? «Wir sollten nicht ankommen und sofort versuchen, etwas zu ändern. Sie rieten uns: ‹Studiert zuerst, und fragt, fragt so viel wie möglich. Und schaut zuerst, was vorhanden ist, und baut darauf auf. Oder auch in Bezug auf den Glauben: Man kann dem Menschen nicht einfach etwas wegnehmen und stattdessen etwas anderes geben.› Unsere Aufgabe war es ohnehin nicht, diese Menschen in irgendeiner Weise zu bekehren. Früher war die Einstellung verbreitet, die Einheimischen als minderwertig zu betrachten. Und man glaubte, man müsse sie zivilisieren. Das war bei uns nicht mehr so. Es ging allem voran darum, medizinisch zu helfen.»

Sr. Gaudentia verinnerlichte die Ratschläge. Es fiel ihr bestimmt nicht schwer, entsprachen sie doch ihrem Naturell. In all den Gesprächen über ihr Wirken und ihr Leben in Papua-Neuguinea kam es nicht ein einziges Mal vor, dass sie sich von oben herab oder despektierlich über die Menschen und ihre Traditionen und Rituale geäussert hätte. Und wenn sie von «wir» spricht, heisst das sehr häufig «wir Papuas». Zuweilen war es gar irritierend, wie neutral sie selbst dann blieb, wenn sie von Sippenkriegen oder Misshandlungen berichtete. Mir ist noch nie ein Mensch begegnet, der so vorurteilslos auf Fremdes zugeht. Typisch dafür ist vielleicht eine kurze Begebenheit am Rande, die sich bei einem Besuch bei ihr in Hertenstein ereignete. Sie wartete an der Schifflände auf mich, und mit mir stiegen noch vier weitere Passagiere aus: ein Mann mit drei Frauen, die einen schwarzen Ganzkörperschleier trugen. Die voll verschleierten Frauen, die nur gerade durch einen Schlitz im Tuch sehen konnten, hatten schon auf dem Schiff für Aufsehen gesorgt, denn es fiel einem schwer, sie nicht anzustarren. Auch Sr. Gaudentia stutzte kurz, als sie die drei Frauen erblickte. Dann sagte sie: «Wenn man nur wüsste, ob sie sich wohlfühlen so.»

Die Ausreise der neuen Missionarinnen, im Kloster «Aussendung» genannt, wurde auf das Jahr 1969 festgelegt. Und bis dann? Sr. Gaudentia arbeitete nach ihrer einjährigen Weiterbildung zur Hebamme ein Jahr auf der Geburtenabteilung im Spital, um sich praktisches Wissen anzueignen. Auch bat sie darum, Englischunterricht nehmen zu dürfen. Sie durfte. Sie wurde mit vier Mitschwestern für ein halbes Jahr nach England versetzt, um eine Sprachschule zu besuchen. Dort blieb sie noch einige Monate länger und arbeitete in einem Spital als Hebamme, um auch die Fachbegriffe in Englisch zu beherrschen. Dann kam sie heim und musste packen. «Das war nicht ganz einfach, denn wir hatten keine Ahnung, was uns erwartete. Die Unsicherheit betraf natürlich nicht die Kleidung, unsere graue Tracht mit dem Schleier war gesetzt, aber das medizinische Material. Der Kapuziner, der unsere Ansprechperson in Papua war, hatte nur gesagt, dass es dort noch gar nichts gebe.»

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