Kitabı oku: «Mit Kommissarin Minou ist jederzeit zu rechnen»
Helene Kneip
Mit Kommissarin Minou
ist jederzeit zu rechnen
Ein Katzenkrimi

Helene Kneip
Mit Kommissarin Minou ist jederzeit zu rechnen
Ein Katzenkrimi
Coverfoto: Unter Verwendung des Bildes von Eduard Bardorf / Alamy Stock Foto 2B0X8PN
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E-Book-ISBN 978-3-96136-125-0
Print-ISBN ISBN 978-3-96136-124-3
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Inhalt
Prolog
Erster Teil oder die Welt ist fast noch in Ordnung
Urlaubszeit, der Schrecken aller Katzen
Sophia kehrt heim
Johann wird beraubt und Minou erhält ein Geschenk
Ein unbekanntes Gepäckstück im Rucksack
Zweiter Teil oder die Welt wird unruhig
Es wird laut in der Nacht
Profil der Diebe und Autotypologie
Es wird laut am Tage
Sophias Eltern sind wieder da
Dritter Teil oder die Dinge überschlagen sich
Johann wird entführt
Sophia gesteht alles
Die Polizei ist im Haus
Sophia sucht verzweifelt nach Johann
Vierter Teil oder Minou übernimmt
Minou macht eine Entdeckung
Minou entdeckt den Stoff
Die Polizei ist ein weiteres Mal im Haus
Sophia fällt in die Hände der Rucksackdiebe
Fünfter Teil oder Minou in voller Aktion
Minou entdeckt Sophia
Minou wird von den Entführern entdeckt
Minou lernt Johanns Eltern kennen
Minou sucht nach Hilfe
Sechster Teil oder Minou ist kurz vor der Aufklärung des Falls
Minou im Keller mit den Entführern
Ein katzlicher Plan – der erste
Ein katzlicher Plan – der zweite
Ein katzlicher Plan – der dritte
Siebter Teil oder alles wird gut
Die Nachbarin erkennt die Zeichen der Zeit
Sophias Vater wächst über sich hinaus
Sophia und Johann werden gerettet
Ende gut, alles gut
| Was katze nicht weiß, aber wissen sollte | |
| auf Katze | auf Mensch |
| die Hinterpfoten in die | die Beine in die Hand |
| Vorderpfoten nehmen | nehmen |
| Großkatze | Gott (Katzengott) |
| Katze der Lage | Herr der Lage |
| katze | man |
| Katzereien | lustiger Zeitvertreib |
| katzlich | herrlich, phantastisch |
| Kommunikatzionszentrum | Kommunikationszentrum |
| Kommunikatzion | Kommunikation |
| kurzerpfote | kurzerhand |
| pfotenfest | handfest |
| Überpfote/Oberpfote | Oberhand |
| überkatzen | übermannen |
| wie Milben von den Augen | wie Schuppen von den |
| fallen | Augen fallen |
Prolog
Ich bin eine Katze, eine grauschwarz-getigerte, kurz: eine Hauskatze, wie man meine Art im Volksmund nennt. Besonders stolz bin ich auf meinen tollen schwarzen Schwanz mit den vier grauen Ringen eine Handbreit unterhalb der Schwanzspitze und meine beiden Vorderbeine. Die sind hellgrau und haben je zwei schwarze Streifen knapp über meinen Pfoten, so dass man denken könnte, ich trüge Ringelsocken. Apropos Hauskatze: Das suggeriert, dass ich in einem Haus lebe, also zu einer bestimmten Familie gehöre. Aber das stimmt nicht. Ich gehöre nur mir. Ich bin eher eine Straßenkatze und suche mir meine Menschenfreunde selbst aus. Dabei mag ich natürlich den einen Menschen lieber als den anderen. Das gleiche gilt auch für deren Zusammenschlüsse. Die eine Familie ist mir durchaus lieber als die andere, was sich stimmungsbedingt ändern kann.
Die Kriterien, die mich maßgeblich leiten, insbesondere was die Wahl meiner Menschenfreunde angeht, sind Futter und Streicheleinheiten und Futter. Ansonsten lebe ich mein Leben nach meiner Fasson: Ich streife durch die Gärten meiner Straßen, lege mich geruhsam an die diversen Gartenteiche, beobachte die Goldfische der Menschen, genieße den Anblick von Seerosen und Wasserlilien und genieße meine Sonnenplätze ebenso wie meine schattigen Terrassen. Besondere Freude bereitet es mir, sämtliche Hunde in meinem Revier geradezu auf die Palme zu bringen, indem ich in sicherer Entfernung, vorzugsweise geschützt durch einen Maschenzaun, durch den katze gut hindurchsehen kann, hocherhobenen Hauptes und Schwanzes vor ihnen auf und ab stolziere. Die dummen Vierbeiner irren dann kläffend entlang der Zäune ihrer engen Gärten, springen immer wieder wie verrückt an den Zäunen hoch und erhalten als Belohnung von ihren Frauchen, Herrchen oder den Nachbarn, die gerade ihr Schläfchen halten wollen, wüste Beschimpfungen. Ab und zu gibt es auch schon einmal eine Ladung Wasser. Jaulend und mit eingezogenem Schwanz ziehen die Hunde dann von dannen. Ein klägliches Bild, das sie in diesem Moment bieten. Igitt, ist das einfach katzlich. Ich liebe mein Katzenleben. Es ist sooo gut, eine Katze zu sein. Nie fiele mir auch nur im Traum ein, mit irgendeiner Kreatur zu tauschen.
Wir Straßenkatzen geben uns untereinander keine großartigen, wohlklingenden Namen. Katze oder Kater, das sind unsere gegenseitigen Bezeichnungen, klar und prägnant, mitunter ergänzt durch das jeweilige Revier, natürlich nur falls bekannt. So z.B. Kater aus dem Park oder Katze vom Häuserblock an der großen Straße. Durchaus üblich ist auch die Präzisierung aufgrund des Aussehens, wie dicke Katze, prächtiger Kater, rote oder magere Katze.
Wir Katzen und Kater mögen uns untereinander nicht besonders. Nur ab und zu. Und dann heftig. Aber in der Regel bekämpfen wir uns eher. Da gibt es sozusagen eine Erbfeindschaft. Wir mögen es nämlich nicht, mit anderen Katzen das Revier zu teilen. Das wird mit aller in uns wohnender Kraft verteidigt, sozusagen bis zum Tod. Selbst wenn es melodramatisch klingen sollte: Es ist so. Wenigstens aus meiner Sicht der Dinge. Ich markiere meinen Lebensraum darüber hinaus ausgiebig, sehr zum Leidwesen meiner Menschenfreunde, wie ich immer wieder feststellen muss, wenn sie versuchen, meine Markierung mühsam zu beseitigen und dabei auf die Katzen im Allgemeinen schimpfen.
Ich bin gut genährt und stark. Daher trauen sich kaum eine Katze oder ein Kater in mein Revier. Ansonsten gibt es ein paar hinter die Ohren – klatsch, klatsch – und weg sind die lästigen Genossen.
Ich schweife ab. Ich war bei Namen. Diese bekommen wir von den Menschen. Das ist schon interessant. Warum nur muss katze Namen haben? Was bezwecken die Menschen damit? Vielleicht, um uns besser unterscheiden zu können? Vielleicht aber auch, weil sie selbst alle Namen haben und denken, das müsste so sein? Ich glaube allerdings, dass sie ihren Goldfischen in ihren Gartenteichen keine Namen geben. Ich habe auf jeden Fall noch nicht bewusst gehört, dass die Menschen in ihre Teiche etwas in der Art von Namen rufen.
Ich habe im Übrigen nicht nur einen Namen, sondern gleich drei Bezeichnungen. Eine Familie, zumeist meine Lieblingsfamilie, nennt mich Minou. Der Name gefällt mir. Er klingt nach Frankreich oder besser gesagt: französisch. Jetzt fragt sich sicher jeder Leser, was ich als Straßenkatze mit Französisch verbinde. Ganz einfach: Liberté, Egalité, Fraternité, mit besonderer Betonung von Liberté. Das bedeutet Freiheit und liegt mir geradezu im Katzenblut. Ich habe der Tochter meiner Lieblingsfamilie, Sophia, nämlich zugehört, als sie über die Französische Revolution gesprochen hat. Das hat mir imponiert. Weg mit den alten Zöpfen, weg mit der Monarchie. Weg mit der Herrschaft der Menschen über die Tiere, vorrangig über die Katzen. Das war eine der wichtigen Botschaften der Revolution, wenn ich mich richtig erinnere.
Außerdem lernte Sophia, als sie noch zur Schule ging, Französisch. Wenn sie im Sommer auf der Terrasse saß und laut Vokabeln lernte, war ich hin- und hergerissen. Ich hätte ihr stundenlang zuhören können. Der Klang dieser Sprache: elegant, mondän. Wie der stolze Gang einer Katze. Einfach katzlich. Heute lernt sie weniger Vokabeln, sondern spricht sehr viel Französisch, einfach so wie andere Deutsch sprechen. Sie studiert nämlich mittlerweile, und zwar Französisch und Mathematik. Sie will Lehrerin werden. Könnte ich doch später, wenn sie mit ihrem Studium fertig ist, an ihrem Unterricht teilnehmen! Natürlich nur am Französischunterricht. Mathematik interessiert mich nicht so sehr. Die hat Sophia in ihrer Schulzeit auch nie so sehr interessiert, wenn ich mich richtig erinnere. Vielleicht vertue ich mich aber. Würde sie sonst heute Mathematik studieren? Wohl kaum.
Sophia wohnt mit ihren Eltern in einer sehr ruhigen Straße, wo man als Katze sorglos die Straße überqueren kann. Ihr Haus ist ein wenig nach hinten versetzt, so dass Platz für einen bunten, blumenreichen Vorgarten ist. Problemlos kann ich auch von der Straße aus am Haus vorbei in den Garten gelangen, in dem ich mich sehr wohl fühle. Er hat nämlich vieles von dem, was ein Katzenherz begehrt: sonnige und schattige Plätze, einen kleinen Teich mit namenlosen Goldfischen, große Bäume und einen Maschendrahtzaun zum Nachbargarten samt Hund.
Eine andere Familie nennt mich Laila. Oh Großkatze, kann ich da nur sagen. Das passt gar nicht zu mir. Wenn ich schon einem Tier einen Namen verpassen und dieses Laila vergeben müsste, dann an eine Schlange. Schlangen mag ich nicht. Ich habe zwar noch nie eine Schlange in meinem Revier gesehen, aber Sophia hat ihrem Vetter Max vor ein paar Jahren von Schlangen erzählt. Sophia ist nämlich älter als Max und sie hatte damals im Biologieunterricht Schlangen durchgenommen. Alles, was sie lernte, gab sie an ihren Vetter weiter, wenn sie im Garten Schule spielten. Schlangen, so erinnere ich mich nur zu genau, sind große dicke Würmer, die fauchen und einen Giftzahn haben. Sie beißen dich und dann bist du vergiftet und stirbst, wenn du Pech hast. Es kann auch sein, dass sie dich mit Haut und Haar verschlingen und du jämmerlich erstickst. Furchtbar, diese Vorstellung. Ich vermute, dass sie in den Kellern der Häuser leben, weil Sophia sich fürchtet, in den Keller zu gehen. Das hat sie auch mal Max erzählt, nämlich dass im Keller Schlangen lauern und sie aus diesem Grund nicht in den Keller geht. Max hat sie mit großen Augen angesehen. Dann hat er gesagt, er hätte in ihrem Keller auch schon welche gesehen. Daher bin ich froh, eine Straßen- und keine Hauskatze zu sein. Sonst müsste ich ja in einem Haus leben und wäre der Schlangengefahr permanent ausgesetzt. Ich glaube, ich habe eine so genannte Schlangenphobie, was mir in gewisser Weise menschliche Züge verleiht. Sophia hat auch eine Schlangenphobie. Sie hat es Max gestanden. Und Max leidet ebenfalls unter einer solchen Phobie, wie er Sophia gegenüber preisgegeben hat, als sie ihm dies feierlich eröffnete.
Lange Rede, kurzer Sinn, ich heiße auch Laila. Die Menschen, die mich so nennen, sind bereits älter. Sie haben keine Kinder und wohnen schräg gegenüber von Sophias Familie. Sie wohnen ganz alleine in einem großen Haus mit riesigem Garten.
Dann gibt es eine weitere Familie, die mich schlicht Katze nennt. Das ist aus meiner Sicht ok, weil ich Namen ja irgendwie für unnötig halte. Außerdem entspricht dies der Bezeichnung, die Katzen untereinander wählen. Aber da die Menschen das eigentlich nicht so sehen, denke ich, dass diese Familie nicht sonderlich kreativ ist.
Diese Familie wohnt nahe der Laila-Familie in einem hübschen schmalen Haus mit kleinem Vorgarten. Dort gibt es keine Blumen, nur Platten. Das ist pflegeleicht, heißt es. Diese Menschen haben auch Kinder. Die wohnen aber nicht zu Hause, weil sie schon erwachsen sind.
Mit diesen drei Namen sind meine Futterquellen verbunden. Alle drei Familien sehen mich nämlich als ihre Katze an und fühlen sich für meine Nahrung verantwortlich. Das Tolle ist, dass zwar jede Familie weiß, dass ich noch zwei weitere Quellen habe, aber jede denkt, dass sie die Hauptfamilie für mich sei und füttert mich mehr als großzügig. Das macht mich glücklich, satt und zufrieden und, wie die Menschen sagen, kugelrund bzw. stattlich, wie ich mich aus Katzensicht bezeichne.
Mein Speise- und diesbezüglicher Zeitplan ist sehr ausgeklügelt:
Erster Termin: Morgens in aller Frühe miaue ich vor Sophias Schlafzimmerfenster, also da, wo ich Minou genannt werde. Dann geht über dem Schlafzimmer auf der ersten Etage das Küchenfenster auf und Sophias Mutter wirft mir den tollsten Käse runter. Sie ist eine echte Käsekennerin und teilt mit mir. Wenn Sophias Vater da ist und rausschaut, gibt es Speckwürfelchen. Sophia hat mir erzählt, dass er diese für sein Rührei braucht. Die Sucherei nach den kleinen Speckwürfeln ist mühsam, die Würfel aber sind lecker. Wenn Sophia noch in der Küche ist, gibt es Fleischwurst. Das ist ihre Lieblingswurst. Meine im Übrigen auch. Da sie aber schon sehr früh am Morgen zur Universität geht, ist das eher selten der Fall. Sie ist meistens schon unterwegs, wenn ich erscheine.
Zweiter Termin: Danach laufe ich schnell zu der Familie, die mich Katze nennt, und kratze ein wenig an der Haustür. Ich mache das sehr vorsichtig, damit keine Kratzer in das Holz kommen. So etwas mögen die Menschen nämlich nicht. Ich unterstreiche mein Kratzen in der Regel durch mein kräftiges Miauen. Meine Stimme ist imposant und tragend. Ich gebe zu, dass mich meine Stimme mit Stolz erfüllt.
Ich muss mich stets beeilen, da diese Familie zur gleichen Zeit aus dem Haus geht wie Sophias Familie, das heißt Sophias Eltern. Meistens kommt die Frau raus und stellt mir ein Aluschälchen mit Katzenfutter vor meine Pfoten. Sie lacht mich dabei immer an und sagt: „Na, Katze, wieder Hunger?“ Die Marke des Katzenfutters will ich wegen Schleichwerbung an dieser Stelle nicht nennen. Wenn der Mann mir mein Schälchen bringt, streichelt er mich immer kurz, sagt aber selten ein Wort zu mir. Hier wird also entweder mit mir geredet oder ich werde gestreichelt, wenn ich mein Futter erhalte.
Sophia und der Mann sind die Menschen, die mich am häufigsten streicheln. Alle anderen denken, ich hätte Flöhe. Sie sind daher mehr als zurückhaltend mit Berührungen. Sie fürchten sich vor Flohbissen. Sophias Vater nennt mich sogar manchmal Flohtaxi. Aber das ist kein Name, sondern eher eine Berufsbezeichnung.
Nach diesem zweiten Frühstück lege ich mich an einen ruhigen Ort und erhole mich erst einmal. Besonders liebe ich am Morgen den Garten der Laila-Familie. Er ist groß und am hinteren Ende etwas verwildert. Da sieht mich niemand und ich habe meine Ruhe. Die Familie hat wie Sophia bzw. deren Eltern auch einen kleinen Teich, an dem ich mich häufig entspanne und die Fische mal kurz aufmische. Außerdem liegt der Garten günstig zum nächsten Termin.
Dritter Termin: Gegen Mittag suche ich die Familie auf, die mich Laila nennt. Ich gehe in deren Garten – meistens bin ich, wie bereits angemerkt, schon drin – und miaue vor dem Küchenfenster. Mein Miauen ist etwas lauter als normal, da diese Familie älter ist und nicht mehr so gut hört. Hier arbeitet keiner mehr und mittags wird richtig gut gekocht. Ich bekomme stets leckere Reste. Besonders gut sind die Überbleibsel vom Schweinebraten. Einfach katzlich! Die beiden Menschen reden immer viel mit mir. Sie erzählen mir von ihrem Morgen, vom Kochen oder vom Einkaufen. Streicheln ist allerdings nicht ihre Stärke. Ob sie Angst vor Flöhen haben oder ob sie sich nicht mehr so gut bücken können, weiß ich nicht so genau. Es wird wohl etwas von beidem sein.
Vierter und letzter Termin: Am Abend liege ich dann auf der Lauer und warte, dass Sophia von der Universität zurückkommt. Das Klacken ihrer Schuhe höre ich bereits von weitem. Ich setze mich vor ihre Haustür und warte. Sie geht nie ohne innige Begrüßung ins Haus. Vielmehr kniet sie sich hin und streichelt mich dann so, wie ich es besonders mag. Langsam über den Rücken bis zum Schwanz. Das geht durch und durch. Es ist geradezu katzlich. Dann küsst sie mich auf die Nase. Aber ganz vorsichtig mit Blickkontakt zur Haustür. Ihr Vater mag das nicht. Er hat nämlich gelesen, dass Katzen den Fuchswurm oder so was in der Art übertragen. Wie das funktionieren soll, ist mir schleierhaft. Ich pflege mich sehr gut und lege größten Wert auf Sauberkeit. Einen Fuchswurm habe ich noch nie an mir entdeckt. Aber sei es drum.
Anschließend laufe ich hinter das Haus zur Terrasse. Dort ist mein Speisezimmer. Es ist ebenfalls mein Kommunikatzionszentrum, weil katze hier im Sommer die meisten Gespräche der Familie mithören kann. Im Sommer findet das Leben der Familie fast ausschließlich auf der Terrasse statt. Ich warte, bis Sophia die Kellertür öffnet, die zum Garten führt, und mir mein Futter ins Speisezimmer bringt. Sie kommt wie die Familie, die mich Katze nennt, mit einem Aluschälchen. Jedoch füllt sie es in meinen eigenen Fressnapf um. Das ist natürlich niveauvoller und schmeckt auch besser. Das Auge frisst eben mit. Das gilt für Katzen ebenso wie für Menschen. Es ist den meisten Menschen nur leider nicht bewusst.
Danach streune ich durch die Gärten, damit ich nicht zu viel Fett ansetze. Dabei mache ich immer wieder Sprungübungen: rauf auf die Bäume und Dächer der Gartenhäuser und runter, hinauf auf Gartentische, Stühle sowie Bänke und wieder ab in die Beete. Das ist wichtig, weil ich manchmal vor den Hunden fliehen muss, wenn diese abends von ihren Herrchen einfach in den Garten geschickt werden, um ihr Geschäft zu verrichten, anstatt mit ihnen Gassi zu gehen, wie es sich gehört. Fit sein ist einfach überlebenswichtig für jede Katze, die sich nicht nur in den Wohnungen der Menschen aufhält. Vor Menschen muss ich ebenfalls ab und an flüchten. Sie wollen nämlich verhindern, dass ich mein großes Geschäft in ihren Gärten verrichte. Genauso mögen sie es nicht, wenn ich mein Revier markiere. Aber letzteres bemerkte ich bereits. Sie können dann regelrecht furienhafte Züge annehmen. Ein lautes „Schsch“ und verscheuchendes Klatschen mit den Händen ist noch total harmlos in diesem Zusammenhang. Es ist zwar furchtbar unangenehm, wer lässt sich wohl gerne bei der Verrichtung seines Geschäfts stören. Einfach würdelos. Schlimmer ist es jedoch, wenn die Menschen dann mit Gegenständen nach mir werfen. Einmal hätte mich fast ein Gartenschuh erwischt. Aber Großkatze sei Dank habe ich flink das Weite gesucht, bevor mich der Schuh erwischen konnte. Fitness ist folglich, wie bereits gesagt, für Straßenkatzen geradezu überlebenswichtig.
Wie man sieht bzw. liest, bin ich körperlich sowie intellektuell auf der Höhe, insbesondere was meinen Terminplan einschließlich der Aktiv- und Ruhephasen angeht.
Aber auch ansonsten stehe ich meine Katze, wie katze so schön sagt. Letzteres konnte ich letztens mit Bravour als Kommissarin Minou unter Beweis stellen. Diesen Ehrentitel hat mir Sophia verliehen, weil ich sie und ihren Freund gerettet habe. Und das kam so, wie ich nachfolgend berichte.
Erster Teil oder die Welt ist fast noch in Ordnung
Urlaubszeit, der Schrecken aller Katzen
Der Sommer ist für mich mitunter eine karge Zeit. Dann ist nämlich Urlaubszeit. Das bedeutet, dass meine Verpflegung nicht im gewünschten Umfang sichergestellt ist. So auch im Juli des letzten Jahres. Da ereignete sich der Fall, von dem ich erzählen werde. Noch heute sträuben sich meine Katzenhaare, wenn ich daran zurückdenke.
Die Familie, die mich Katze nennt, war für zwei Wochen auf und davon. Das Haus wurde in ihrer Abwesenheit ab und zu von deren Kindern gehütet, die schon lange in anderen Regionen Deutschlands wohnten. Aber wie in den Jahren zuvor, vergaßen sie meistens, mir das Aluschälchen morgens vor die Tür zu stellen. Das lag sicher daran, dass sie morgens lange schliefen und dann für die mitgebrachten Freunde sorgen mussten. Da dachten sie nicht an die Verpflegung der Katze. Das hat nichts mit mir persönlich zu tun. Sie waren einfach nicht so pflichtbewusst wie ihre Eltern. Ich war mir sicher, dass sich das wohl auch nicht ändern würde. Sie waren einfach von ihren Eltern immer zu sehr verwöhnt worden und drehten sich immer nur um sich selbst, wie katze so sagt.
Fast zeitgleich war auch Sophias Familie nicht daheim, sondern machte Urlaub in den Bergen. Sie lieben das Bergwandern. Sophia selbst war mit Johann ebenfalls im Urlaub, und zwar für zwei Wochen. Urlaub dauert anscheinend in der Regel zwei Wochen.
Sophia liebt warme Länder und das Wasser. In den Bergen sei es ihr oft zu kalt, hat sie einmal zu einer Freundin gesagt. Und schwimmen könne sie da auch nicht. Aber das ist schon sehr lange her.
Während sich Sophia mit viel Streicheln, so, wie es sich meiner Meinung nach gehört, von mir verabschiedet hatte, waren die anderen einfach ohne ein Wort des Bedauerns und ohne Verabschiedung verschwunden. Daran ist katze als Katze jedoch gewöhnt.
Sophia hatte mir sogar erzählt, wohin sie mit Johann verreist, nämlich in die Türkei nach Istanbul. Ferner war ein Badeurlaub im Süden der Türkei vorgesehen. Den Namen des Ortes habe ich vergessen. In der Nähe sollten alte bzw. antike Städte liegen, die Johann besonders liebt. Teilweise sogar unter Wasser, also versunkene Städte. Das wäre absolut nichts für mich. Ich bin einfach kein Stadtmensch. Und dann noch Städte unter Wasser, nein, nichts für mich.
Johann ist ziemlich neu in der Familie. Er gefällt mir, weil er mich auch oft streichelt. Sophia hat ihn anscheinend an der Universität kennen gelernt. Wie ich darauf komme? Seit sie studiert, geht Johann bei ihrer Familie ein und aus. Er studiert auch Mathematik, aber kein Französisch. Stattdessen ist er offenbar sehr sportlich und studiert noch Sport. Er will wie Sophia Lehrer werden, d.h. Sophia will natürlich Lehrerin werden. Männer werden Lehrer, Frauen Lehrerin. So ist das bei den Menschen. Was katze nicht alles hört, wenn katze durch das Revier streicht oder sich in seinem Kommunikatzionszentrum ausruht. Ja, ich kann mit Verlaub sagen, dass ich die meisten Eckdaten der Menschen meines Reviers kenne.
Sophias Mutter mag Johann. Als ich unter dem Küchenfenster saß, habe ich gehört, wie sie das zu Sophia sagte. Ob ihr Vater ihn auch mag, weiß ich nicht so richtig. „Der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht umgekehrt“, sagte der nämlich, als seine Frau fragte: „Na, wie gefällt dir denn dein Schwiegersohn in spe?“ Ich kann die Antwort schlecht deuten. Die Menschen reden manchmal einfach in Rätseln; kryptisch, nennt man das auf Mensch.
Sophia war wegen der Türkeireise ein wenig traurig, wie sie mir versicherte. Sie machte sich Sorgen um meine Verpflegung. Kein anderer machte sich solche Gedanken. Alle dachten sicher, ich sei versorgt, weil ja die Familie, für die ich Laila bin, zu Hause war. Die verreisen immer erst im Herbst. Da müssen sie nämlich nicht die Pflanzen in ihrem schönen Garten gießen. Außerdem sei es dann in den Ferienorten ruhiger, hörte ich die alte Frau zu ihren Nachbarn sagen.
Was ich als besonders kränkend empfand, war ein Gespräch zwischen der Familie von Sophia und der Familie, die mich Katze nennt, besser gesagt, zwischen den Frauen der Familien. Sophias Mutter und die Frau wünschten sich gegenseitig einen schönen Urlaub und gute Erholung und meinten zum Schluss doch tatsächlich, es sei gut, dass ich jetzt mal weniger zu essen bekäme. Ich sei in der letzten Zeit richtig dick und fett geworden. Wie kann man so was nur sagen, wenn die Betroffene gerade vorbeistolziert. Einfach herzlos und – ich benutze das Wort nur selten und schon gar nicht für eine meiner Familien, hier war es jedoch das einzig richtige Wort?– a s o z i a l. Im Übrigen ist das Unsinn. Ich bin nicht dick und fett, sondern einfach nur eine stattliche Katze.
Nicht so Sophia. Sie hatte ausreichend Aluschälchen bei einer Nachbarin deponiert und diese instruiert, mir jeden Abend ein Schälchen in mein Speisezimmer – klar, dass das die Terrasse meiner Lieblingsfamilie ist? – zu stellen. Letzteres war insofern wichtig, als ich auf der Terrasse der Nachbarin nicht in Ruhe essen kann. Diese hat nämlich einen Hund, der es auf mich abgesehen hat. Daran bin ich nicht ganz unschuldig, wie ich bereits dargelegt habe. Ich muss jedoch gestehen, dass es mir immer wieder ein großes Vergnügen bereitet, diesen Hund bis aufs Blut zu reizen. Natürlich die anderen Hunde in der Nachbarschaft ebenfalls. Dieser hat es mir aber vor allen anderen angetan, weil er besonders laut und wütend bellen kann. Außerdem ist er leichter erregbar als jeder andere Hund im Revier. Katze kann auch sagen, dass der Hund immens schnell ausrastet. Und dann die Reaktion der Nachbarn! Einfach katzlich. Er bekommt immer sein Fett ab.
Die besagte Nachbarin passte in der Abwesenheit von Sophias Eltern auch auf das Haus auf. Sie goss die Blumen, kümmerte sich um die Post und lüftete ab und zu die Wohnung. Es war also für sie kaum ein Mehraufwand, wenn sie mir mein Futter in mein Esszimmer stellte. Diese Nachbarin machte das in diesem Urlaub auch nur, weil Sophias Tante, die ansonsten immer das Haus hütet, selbst im Urlaub war. Sie wohnt im Übrigen mit ihrer Familie neben der Nachbarin mit dem besagten Hund. Sie hat auch einen Hund, aber der gerät nicht so schnell außer Kontrolle, was mir gar nicht so gefällt. Katze muss schon sämtliche Register ziehen, um ihn aus der Reserve zu locken.
So war die Urlaubszeit nicht ganz so karg, aber das Streicheln fehlte einfach. Die Aushilfe dachte nicht im Traum daran, mich ab und an zu streicheln. Sie hatte nur ihren Hund im Kopf. Den kraulte sie oft hinter den Ohren, wenn sie in ihrem Liegestuhl lag und sich sonnte, mich nie. Ich war aber in der Regel auch gar nicht auf der Terrasse, wenn sie das Futter brachte, so dass sie mich nicht wirklich streicheln konnte, wenn ich ehrlich bin. Sie kam offensichtlich dann, wenn es ihr gerade einfiel, mal früh, mal spät, mal morgens, mal mittags, mal abends. Da steckte kein Zeitplan hinter, keine Struktur. Schrecklich. Ich musste stets aufpassen und mich in der Nähe meines Speisezimmers aufhalten, denn leicht hätte eine andere Katze, die zufällig mein Revier kreuzte, den gedeckten Tisch als Einladung auffassen können. Das Ende der Geschichte hätte durchaus ein Revierkampf sein können, worauf ich absolut keine Lust hatte.
Allerdings hatte ich das Gefühl, dass die beiden alten Leutchen mir bewusst mehr Essensreste zuschusterten als sonst. Einmal hatte der alte Mann sogar versucht, mich zu streicheln. Er hatte sich mühsam zu mir runtergebeugt und mir plötzlich in Augenhöhe in meine Augen geschaut. Ich war total perplex, als er mir unerwartet so nah kam, dass mir vor Schreck die Krallen kamen. Das geschah ganz unbeabsichtigt. Er hatte aber auch einen derart starren Blick, ein wenig zum Fürchten. Meine, ich betone nochmals, unbeabsichtigte Reaktion war peinlich und total dumm und überflüssig gewesen. Der alte Mann war augenblicklich zurückgezuckt. Das war dann auch leider schon das Ende einer aufkeimenden, näheren Beziehung. Ich bedaure meine Reaktion heute immer noch.
„Pass auf, sie ist etwas eigen“, hatte seine Frau noch gerufen, obschon ihr Mann sich schon vor mir in Sicherheit gebracht hatte, was natürlich nicht notwendig war. Wer beißt schon seinem Wirt in die Hand oder tut ihm Ähnliches an? Seine Antwort „Blödes Katzenvieh“ war allerdings gewöhnungsbedürftig. So ging es weiß Großkatze gar nicht. So bösartig redend hatte ich ihn bisher nicht erlebt. Ich hatte aber meistens auch nichts mit ihm zu tun, weil meine Versorgung in den Aufgabenbereich der Frau fiel. Menschen sprechen in diesem Zusammenhang von tradierten Rollen.
Nichtsdestotrotz erhielt ich weiterhin meine Mahlzeit und, wie bereits angedeutet, auch etwas mehr als außerhalb der Urlaubszeit meiner anderen Versorger. Es fehlte jedoch etwas und ich war nicht vollen Katzenherzens glücklich. Ich sehnte mich nach Sophia und ihrem Freund und auch ein wenig nach dem Mann, der mich einfach nur Katze nennt, weil mir deren Streicheleinheiten fehlten.
Großkatze sei Dank ist es meistens so, dass etwas, was ich mir so richtig von ganzem Katzenherzen her wünsche, auch in Erfüllung geht. Es dauert manchmal nur seine Zeit. Außerdem hatte Sophia mir bei der Verabschiedung zugeflüstert, sie sei bald wieder da und würde sich auf mich freuen. Auf Sophia war stets Verlass.
Sophia kehrt heim
Etwa zwei Wochen nach Sophias liebevoller Verabschiedung hörte ich am späten Nachmittag einen mir sehr bekannten Schritt. Es war zwar nicht das vertraute Klappern von Absätzen zu hören, aber der Rhythmus war mir sehr wohl bekannt und führte dazu, dass mein Herz einen Purzelbaum schlug, wie die Menschen so bei dem Gefühl sagen, das mich überkam.
Ich raste mit fliegenden Pfoten von der Terrasse, meinem Esszimmer, in dem ich mich gerade zu einem Imbiss aufhielt, zur Haustür des Hauses, in dem Sophia mit ihren Eltern wohnt. Zu meiner größten Katzenfreude entdeckte ich tatsächlich Sophia, die im gleichen Moment auch „Minou, da bist du ja!“ frohlockte. An dem Ausruf konnte ich klar erkennen, dass sie mich ebenfalls sehr vermisst hatte. Sie hockte sich augenblicklich nieder und streichelte mich so, wie ich es liebte. Zuvor stellte sie einen riesigen Rucksack, den sie auf dem Rücken getragen hatte, vor der Haustür ab, wobei sie stöhnte: „Puh, ist das Ding schwer.“
Glücklich legte ich mich auf den Rücken, reckte meine wunderschön gestreiften Pfoten in die Luft und ließ mich richtig durchkraulen. Dann drehte ich mich auf meine rechte Hälfte, weil die linke zu kurz gekommen war, und schließlich wieder auf die linke Seite. Katzenhaft! Ich hätte so bis an mein Katzenende liegen und genießen können.
Aus der rechten Seitenlage heraus hatte ich sofort festgestellt, warum ich kein Klappern gehört hatte. Sophia trug neue Sportschuhe. Sicherlich hatte sie die in der Türkei erstanden. Ich habe einmal auf einem meiner Spaziergänge gehört, dass man dort alles preiswerter kaufen kann. Die Türken sind nämlich in der Lage, alles viel billiger zu produzieren als die Deutschen oder Italiener oder Franzosen. Selbst, so hörte ich damals unter dem Fenster einer türkischen Familie, Taschen von einem bekannten französischen Designer, dessen Namen ich vergessen habe, machen Türken genauso gut, aber billiger. Und den Unterschied soll katze nicht sehen. Nur Chinesen wären noch besser, hieß es. Ich kann mir darüber jedoch kein Urteil erlauben. Für mich sieht alles gleich gut oder schlecht aus. Ich bin in solchen Sachen, wie die Menschen zu sagen pflegen, völlig unbeleckt.
Sicher war Sophia unter anderem in die Türkei gereist, um sich einmal solche tollen Sachen zu kaufen. Als Studentin hat sie nämlich nicht viel Geld, weil sie ja nur lernt und nicht arbeitet. Die Sportschuhe rochen allerdings nicht besonders gut, wenn man sich ihnen näherte. Mir war das ganz egal. Ich war einfach nur glücklich und überließ mich Sophias Streicheln.
Mit einem kurzen weiteren Seitenblick stellte ich schließlich fest, dass auch Johann da war. Vor lauter Freude hatte ich mich nur auf Sophia konzentriert und nichts anderes auf der Welt wahrgenommen. Johann, der lächelnd auf Sophia und mich schaute, stellte gerade seinen Rucksack ab, als ich auf ihn aufmerksam wurde. Siehe da, er hatte die gleichen Sportschuhe wie Sophia. Partnerlook nennen das die Menschen. Vor allem ältere Männer und Frauen lieben Partnerlook. Sie tragen weniger die gleichen Schuhe als die gleichen Anoraks. Für uns Katzen käme so etwas nie in Frage, glaube ich. Aber wir tragen ja auch keine Anoraks. Wir haben unser Fell und das ist jeweils ein Unikat.
Johann platzierte den Rucksack ohne Rücksicht auf etwaige Fußgänger mitten auf dem Trottoir, beugte sich über mich und schmeichelte: „Bist du eine süße Katze. Viel besser genährt als die Katzen in der Türkei.“ Er sagte „besser genährt“. Das empfand ich nicht so anrüchig, wie die Aussagen meiner diversen Futterstellenausstatter. Von „dick und fett“ war da die Rede gewesen. Ich bin ja nicht nachtragend, aber vergessen kann ich diese Unverschämtheit so schnell nicht. Da bin ich ähnlich wie Sophias Mutter. Die mag es auch nicht, wenn über ihre Figur geredet wird. Ihr Mann hat einmal gesagt: „Komm, iss noch ein kleines Pralinchen. Ich mag jedes Pfund an dir.“ Da hat sie doch glatt mit einem Schuh nach ihm geworfen. Ich konnte das sehr gut verstehen.
Sophias Mutter verniedlicht im Übrigen alle süßen Sachen. Sie sagt nie: „Ich esse ein Stück Schokolade.“ Bei ihr heißt es: „Ich esse ein Stückelchen Schokolädchen.“ Sie isst auch keine Pralinen, wie ihr Mann erkannt hat, sondern Pralinchen, genauso wie sie kein Stück Kuchen, sondern ein Stückelchen Kuchen isst. Aber ich schweife ab.
Sophia antwortete ihm mit trauriger Stimme, während sie mich weiterhin streichelte. „Ich muss immer an die armen Katzen denken, die in der Hotelanlage umherliefen. Die waren so mager! Erinnerst du dich noch an die kleine Katze, die links nur ein halbes Ohr hatte? Das arme kleine Kätzchen!“
„Ja, aber wir konnten wirklich nicht alle Katzen mit nach Deutschland nehmen. Erstens hätten wir sie gar nicht ohne Impfungen durch den Zoll bekommen und zweitens hätten wir uns in Deutschland nicht um sie kümmern können. Hier wären sie dann auch wieder herrenlos gewesen und kaum einer hätte sich um sie gekümmert.“ Johann war pragmatisch. „Na ja, und in deinem Rucksack konnten wir sie ja nicht unterbringen, weil der Herr den voller antiker Scherben hatte, so dass sein Gepäck in letzter Sekunde in meinem Rucksack verstaut werden musste, weil er sonst für das Übergepäck hätte zahlen müssen“, schimpfte Sophia mit einem Lachen auf den Lippen.
Ich schaute Johann voller Dankbarkeit an. Mit zusätzlichen Katzen aus der Türkei wollte ich mein Revier und meine Futterquellen nicht teilen, zumal sie sicher die volle Sympathie meiner Familien, insbesondere die von Sophia, gehabt hätten, weil sie so mager waren und geradezu abgerissen aussahen, wie ich der Schilderung der beiden entnommen hatte. Menschen haben mit solchen Tieren stets Mitleid. Man selbst gerät dann einfach in Vergessenheit.
„Ich denke mit Schrecken an die Umpackaktion am Istanbuler Flughafen, vor allen an den Typen, der sich vorher an deinem Rucksack zu schaffen machte. Gott sei Dank hatten wir alle Wertsachen am Körper“, fuhr Sophia ein wenig streitbar, aber trotzdem lachend, fort.
„Das war wirklich stressig“, gab Johann bereitwillig zu. „Endlich sind wir wieder da.“ Er wollte sichtlich das Thema beenden. Ich schmunzelte in mich hinein. Er kannte Sophia noch nicht so lange. Sie würde bestimmen, wann Ende mit dem Thema war.
„Du hattest im Übrigen großes Glück, dass du am Zoll nicht erwischt worden bist. Du wärst für eine lange Zeit in einem türkischen Knast verschwunden. Und das mit Recht. Stell Dir vor, jeder würde so viele Andenken aus Ephesos mit nach Hause nehmen. Dann hätten die Türken bald keine Ruinen mehr“, fuhr Sophia, die sich geradezu in Rage redete, fort.
Ich hatte es gewusst. Sie war noch nicht fertig mit der Thematik.
Johann stand da, den Kopf wie ein reuiger Sünder nach unten geneigt. Aus meiner Lage erkannt ich jedoch deutlich, dass er frech grinste. Offenbar nahm er Sophia nicht so ernst, wie es sich nach meiner Sicht der Dinge gehörte. Sophia ist meiner Meinung nach nämlich eine sehr kluge Frau, die weiß, was sie redet. Johanns augenblickliches Verhalten gefiel mir nicht besonders gut, nein, es missfiel mir. Sophia nahm jedoch keinen Anstoß an seinem Verhalten, sicher nicht zuletzt, weil sie sein Grinsen nicht sehen konnte. Wir hatten ja unterschiedliche Perspektiven.
Johann wird beraubt und Minou erhält ein Geschenk
Während die beiden sich noch rumzankten, d.h. Sophia eine Tirade auf Johann losließ, in der sie das türkische Gefängnisleben in allen Facetten beschrieb, hatte ich mit einem Mal das Gefühl, mein Katzenherz würde stehen bleiben. Gleichzeitig klopfte es so laut, dass ich es in den Ohren spürte. Der Grund hierfür war nicht, dass ich an die armen Katzen in der Türkei dachte und mir deren Schicksal nun doch zu schaffen gemacht hätte. Nein, das war es nicht. In meinem Revier trieb sich auch eine Katze rum, die nur eineinhalb Ohren hatte. Sie war mir vor kurzem zu nahe gekommen und ich hatte einmal kurz Klartext geredet bzw. ihr gezeigt, wer die Katze ist, die hier das Sagen hat. Unter uns Straßenkatzen gilt mehr oder weniger das Gesetz des Stärkeren. Natürlich taten mir die Katzen in der Türkei irgendwie leid, aber das war es nicht, was mir Herzklopfen verursachte. Ich hatte das beklemmende Gefühl auch nicht, weil ich mir Johann in einem türkischen Gefängnis vorstellte. Ich sah vielmehr zwei Männer auf Rädern auf uns zukommen. Die beiden ließen uns drei nicht aus den Augen. Das sah nicht gut aus. Ich spürte es bis in meine Krallenspitzen: Die Männer waren gefährlich. Sie näherten sich uns nicht nur, sie hatten es auf uns oder irgendetwas in unserer Nähe abgesehen.
Abrupt drehte ich mich um, stellte mich auf meine vier Pfoten und schaute auf Johanns Rucksack, der immer noch mitten auf dem Bürgersteig stand. Ihm drohte offensichtlich Gefahr, nicht uns, wie ich zunächst angenommen hatte. Wie hypnotisiert starrten die Männer auf ihn. Automatisch stellten sich meine Rückenhaare auf. Klarer Fall. Ich erkannte mit einem Blick, dass sich die Situation zuspitzte, während Sophia und Johann sich noch den Knast in all seiner Grausamkeit ausmalten, allen voran Sophia. Manchmal hat sie etwas Katzenhaftes an sich.
In dem Moment, in dem ich fauchte und meinen Rücken zu einem Bogen wölbte, sprungbereit, um alles in meiner Nähe zu verteidigen, schauten die beiden Urlauber endlich auf das Trottoir. Doch es war zu spät. Einer der beiden Männer hatte schon den Rucksack gepackt, auf die Lenkstange gezogen und floh jetzt, heftig in die Pedale tretend, die Straße runter.
„Streichelt das Katzenvieh mal schön weiter“, brüllte der andere noch. Dabei bog er sich auf dem Rad vor Lachen. Frechheit hoch drei! Frechheit eins: der dreiste Diebstahl. Frechheit zwei: meine Titulierung mit Katzenvieh. Frechheit drei: Er zeigte den Stinkefinger, und das geht schon gar nicht.
Sophia und Johann standen wie versteinert und sprachlos da. Sogar Sophia brachte kein Wort hervor. Nach circa fünf gefühlten Schrecksekunden spurtete Johann endlich los und verfolgte die Diebe. Und ich, ich tat es ihm gleich. Aber schon nach kurzer Zeit musste Johann die Verfolgung aufgeben. Wir waren den Dieben erst die Straße, auf der Sophia wohnte, runter hinterhergelaufen und hatten sie durch den Park am Ende der Straße weiterverfolgt, als Johann die Luft ausging. So viel zum Thema: Sportstudium. Vielleicht hatte er zu viel Mathematik studiert. Auf jeden Fall war Fitness etwas anderes als das, was er gerade zum Besten gab.
Ich selbst verfolgte die Rucksackdiebe noch durch die Fußgängerzone bis zu riesigen Wohnblöcken am anderen Ende der Stadt. Das war nicht so schwierig, denn die Diebe hatten ihr Tempo deutlich verringert, nachdem sie festgestellt hatten, dass kein Mensch sie mehr verfolgte. Mit mir als Verfolger hatten sie wohl nicht gerechnet und mich folglich auch nicht registriert. Sie sollten später noch sehen und spüren, dass man mit mir immer zu rechnen hat. Das war mir zu diesem Zeitpunkt jedoch selbst nicht klar. Dabei ist Bescheidenheit nicht meine größte Tugend.
Vor den riesigen Wohnblöcken verlor ich sie aus meinen Katzenaugen. Trotz umsichtiger Suche fand ich keine Spur mehr von den Dieben, ihren Fahrrädern und dem Rucksack, so dass ich schweren Katzenherzens die Verfolgung aufgab. Außerdem gab es sicher viel Schlimmeres als einen gestohlenen Rucksack.
Mit viel Mühe fand ich den Weg zurück in mein Revier. Ich brauchte eine längere Zeit, bis ich meine mir vertrauten Gärten und Straßen wiederfand. Noch nie in meinem bisherigen Katzenleben hatte ich mich so weit von meinem Zuhause, meinem Quartier, entfernt. Ich war überglücklich, als ich das erste mir bekannte Hundegebell vernahm: Der Hund der Nachbarin, die mich während Sophias Urlaub vom täglichen Zeitablauf her so unregelmäßig gefüttert hatte, hatte mich wohl schon von weitem gerochen. Ich stellte mir sogleich die Frage, ob ich ihn noch ein wenig anspornen sollte, indem ich das geschlossene Eingangstor, das die Einfahrt seiner Eigentümer von der Straße abtrennte, hoheitlich abschritt. Hunde reagieren nämlich total auf solche Anreize. Gnädig entschied ich mich dann aber dagegen. Ich wollte lieber zu Sophia und Johann, um zu sehen, wie es ihnen nach diesem unverschämten Überfall ging.
Vor der Haustür stand niemand mehr. Schade. Sie hätten ja wohl auf meine Rückkehr warten können. Ich war irgendwie enttäuscht, fast beleidigt, obschon mir bewusst war, dass ich eine längere Zeit unterwegs gewesen war. Vielleicht bin ich manchmal wirklich ein wenig eigen, wie die Laila-Frau letztens zu ihrem Mann sagte. Sollte ich einmal Zeit haben, würde ich eventuell darüber nachdenken, reflektieren, wie die Menschen zu sagen pflegen.
Ich lief um das Haus herum in Richtung Terrasse und vernahm auch schon die Stimme Sophias. Meine Enttäuschung war augenblicklich wie weggeblasen. Sophia und Johann waren in meinem Esszimmer. Hätte ich mir denken können und nicht direkt beleidigte Leberwurst mimen müssen. Großkatze sei Dank hatte dies niemand mitbekommen.
Sophias Familie packt nach dem Sommerurlaub die Koffer stets auf der Terrasse aus. Entsprechend natürlich auch Sophia. „So bleibt die Wohnung aufgeräumt“, hörte ich Sophias Mutter in Gedanken sagen. Natürlich nur in meinen Gedanken. Die Eltern waren ja noch unterwegs.
„Die werden sich schwarz ärgern, wenn sie nur Steine in deinem Rucksack finden“, lachte Sophia gerade aus vollem Herzen. Ich liebe dieses Lachen.
„Lach nicht, der Rucksack war ganz schön teuer und die Steine hatten sicher auch ihren Wert“, jammerte Johann. Ob es gespieltes oder echtes Jammern war, konnte ich nicht heraushören. Ganz gleichgültig war ihm die Sache aber bestimmt nicht. Sonst hätte er die Diebe sicherlich nicht verfolgt.
„So teuer war der Rucksack ja auch wieder nicht. Den hattest du doch für nur 15 Euro im Internet ersteigert“, tröstete Sophia Johann. „Und die Steine sind eh nur Staubfänger. Ich wollte die auf keinen Fall bei mir rumstehen haben.“
„Du nicht, aber ich. Du bist leider ja auch nicht an Geschichte interessiert.“
„Bin ich wohl, aber nicht an geklauten Scherben.“
Mittlerweile hatte ich mein Esszimmer erreicht.
„Da bist du ja, Minou“, strahlte mich Sophia an, als ich auf die Terrasse sprang. Und zu Johann gewandt: „Wir sollten die Polizei anrufen und den Diebstahl melden, auch wenn es sich nicht um großartige Werte handelt. Dass ich jetzt erst daran denke, wo bereits so viel Zeit verstrichen ist, ist ärgerlich.“
„Sonst ist aber alles ok?“ Johann war leicht verstimmt.
Sophia schaute ihn fragend an. „Häh? Wer beklagt denn die ganze Zeit den riesigen Verlust? Du oder ich?“, stellte Sophia leicht gereizt klar.
„Was soll ich denn sagen, was sich in meinem Rucksack befand? Gestohlene Steine? Und glaubst du vielleicht, die Polizei hätte nichts anderes zu tun, als sich direkt hinter Rucksackdiebe zu klemmen?“
„Meinst du, dass es unsere Polizei interessiert, ob es sich um gestohlene Steine handelt? Meinst du, die würde dich hier in Deutschland dafür bestrafen?“ Meine Sophia war zunehmend nachdenklich geworden. Ich hörte es deutlich an ihrer Stimme. „Ich schaue gleich mal im Internet, ob ich was dazu finde.“
Mit diesen Worten zog sie am Reißverschluss einer Außentasche ihres Rucksackes. Großkatze sei Dank hatte sie den nicht wie Johann mitten auf dem Bürgersteig abgestellt, sondern neben sich an der Haustür, so dass er nicht leichte Beute für Diebe hatte werden können. Und überhaupt, Sophia ist ja so viel klüger als ihr Johann. Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Wie kann katze nur einen Rucksack unbeobachtet auf das Trottoir stellen, selbst wenn die Haustür nur fünf Meter entfernt ist? Es weiß doch schließlich jeder, dass die Welt immer schlechter wird. Das sagt auf alle Fälle der Nachbar von gegenüber, und zwar der, der neben der Familie wohnt, die mich Laila nennt. Er hat eine Frau, die ebenfalls dieser Meinung ist. Die beiden sagen das bei jeder Gelegenheit und nicken unterstützend mit ihren weiß gelockten Köpfen. Vor allem dann, wenn die Schulkinder – am Ende der Straße ist eine riesige Schule – ihre leeren Zigarettenschachteln oder die Zigarettenkippen, zerquetschte Coladosen und zusammengeknüllte Chipstüten sowie Schokoladenpapier in ihren Vorgarten schmeißen. Manchmal werfen sie auch die Schulbrote, die sie nicht gegessen haben, einfach auf die Straße oder in besagten Vorgarten. Wenn es sich um Käse- oder Wurstbrote handelt, nehme ich mich mitunter gerne des Belags an. Bei Schokoladenaufstrich oder, noch schlimmer, Gurken und Tomaten eher nicht. Ja, es gibt tatsächlich Mütter, die die Brote ihrer Kinder mit irgendwelchem Grünzeug anreichern. Das sind in der Regel die besonders bemühten Mütter, die etwas für die Gesundheit ihrer Kinder tun wollen. Allerdings findet katze solche Brote, Großkatze sei Dank, relativ selten auf der Straße oder in den Vorgärten. Diese Mütter holen ihre Kinder nämlich in der Regel mit ihrem Auto von der Schule ab, so dass sie wenig Gelegenheit haben, sich auf dem Nachhauseweg ihrer nicht gegessenen Brote zu entledigen. Schokolade ist im Übrigen Gift für Katzen. Aber ich schweife wieder ab.
Und was zog Sophia aus der besagten Seitentasche? Ein Halsband, ein grellrotes Halsband. Igitt, igitt!! So etwas Hässliches hatte ich lange nicht gesehen.
„Schau dir dieses schöne Halsband einmal an, das habe ich dir aus der Türkei mitgebracht, kleine Minou.“
Kleine Minou! Dass ich nicht miaue! Ich bin eine große, kräftige, aber auf keinen Fall dicke und fette Katze. Stattlich bin ich, um es auf einen Nenner zu bringen. Und so ein hässliches rotes Band für mich. Was sollte das nur? Und wie um alles in der Welt konnte katze so etwas Geschmackloses als schön bezeichnen?
„In das Halsband ist ein Sensor eingelassen, so dass ich dich immer überall finden kann. Ganz egal, wo du auch bist.“ Stolz hielt sie das Band in die Höhe und hielt es dann vor ihren Hals.
„Oh Söphchen, dich kleidet das Band auch sehr gut. Hätte ich das gewusst, hätte ich auch eins für dich erstanden. Bei zwei Bändern hätte man richtig gut den Preis runterhandeln können. Ach, was sage ich? Mir wäre jeder Preis recht gewesen. Hauptsache, ich weiß jederzeit, wo du dich aufhältst“, alberte Johann rum. Dabei verdrehte er die Augen. Sein Blick sagte alles. In diesem Fall bewies er eindeutig mehr Geschmack als seine Freundin.
Toll, einfach toll, das hätten sie mal besser in Johanns Rucksack gelegt. Kleiner Katzenscherz am Rande.
Nur zögernd näherte ich mich Sophia. Ein solches Geschenk hätte es wirklich nicht gebraucht. So etwas tangiert meine Katzenfreiheit. Was heißt: tangiert? Schränkt meine Freiheit voll ein. Nichts mehr mit Liberté, Captivité war anscheinend angesagt. Sollte das etwa der Niedergang zur Hauskatze bedeuten? Mir wurde ganz schummerig. Offensichtlich war die Digitalisierung nicht mehr aufzuhalten und machte auch vor Katzen nicht Halt.
„Nun komm schon, Minou. Das Band wird dir ganz toll stehen.“ So versuchte Sophia, mich zu einer schnelleren Gangart zu motivieren. Ich war hin- und hergerissen. Ich wollte Sophia auf keinen Fall beleidigen, aber es gibt schließlich auch bei Katzen so etwas wie Stolz. Oder erst recht bei Katzen, wenn ich richtig nachdenke.
„Nun komm schon, Minou, lass dich ein wenig aufhübschen. Es wird dir sehr gut stehen, es passt so herrlich zu deinen Augen“, gab Johann einen mehr als verzichtbaren Kommentar von sich. Er war auf dem Wege, es sich mit mir total zu verscherzen.
Seit wann hatte ich rote Augen? Johann war wohl nicht nur sehr schnell außer Puste, sondern auch noch farbenblind. Arme Sophia. Sie hatte etwas Besseres verdient. Auf keinen Fall einen solchen untrainierten Spinner.
Und von wegen: sehr gut stehen. Das einzige, was nun stand, waren meine Rückenhaare. Dennoch näherte ich mich Sophia, wenn auch nur widerwillig. Und schon hatte sie das grellrote Band um meinen Hals geschlungen. Ich zwang mich zur äußersten Ruhe. Sophia war gerade erst heimgekommen und ich wollte sie nicht enttäuschen.
Disziplin, Disziplin oder Contenance, wie katze so sagt. Das war nun angesagt. Mir würde es schon gelingen, das Band bei der nächstbesten Gelegenheit abzustreifen. Ich konnte mich ja nicht zur Lachnummer im Revier machen lassen. Und dann noch mit Sensor. Das ging gar nicht.
Ich war mir sicher, dass ich das schaffen würde, zumal ich mich auch von den drei Flohbändern, die mir das alte Ehepaar, das mich Laila nennt, aufgebürdet hatte, erfolgreich befreit hatte. Nicht zu vergessen das gelbe Band, das, wie die Familie, die mich Katze nennt, fand, so gut zu meinen Augen passt und mit einem kleinen Herztäschchen mit 50 Cent und der Telefonnummer der Familie versehen war.
„Damit man uns Bescheid gibt, wenn dir etwas passiert“, hatte die Frau gesagt, als sie es mir von ihrem Mann um den Hals legen ließ.
Nett gemeint, vor allem das mit den Augen. Sie haben wirklich einen katzlichen Gelbton. Etwas völlig anderes war der Vergleich meiner Augen mit dem roten Band. Das war eine Unverschämtheit von Johann gewesen, wenn man es genau nimmt.
Bei dem gelben Halsband hatte ich insgeheim das unangenehme Gefühl gehabt, dass im Vordergrund dieser Bemühungen stand, nicht unbedingt dann noch Aluschälchen auf Vorrat zu kaufen, wenn ich schon im Katzenhimmel bei der Großkatze weilte. Kurzum, ich hatte alle Bänder innerhalb kürzester Zeit verabschiedet. Und das würde mir auch jetzt sicherlich wieder gelingen.
Gute Miene zum bösen Spiel machend, stolzierte ich zweimal auf der Terrasse auf und ab und miaute dabei herzergreifend. Es sollte stolz klingen, mein Miauen. Es sollte Sophia meine Freude über das Band demonstrieren. Das gelang mir leider nicht so richtig. Ich bin eben eine ehrliche Katzenhaut. Lügen fällt mir sehr schwer.
„Du bist hungrig, nicht wahr?“, interpretierte Sophia mein misslungenes Miauen.
So hatte ich es zwar ausnahmsweise einmal nicht gemeint, aber Sophia hatte trotzdem Recht. Ich war hungrig, hatte ich doch die Diebe durch die halbe Stadt verfolgt. Anders als der Sportstudent, wie ich noch einmal betonen möchte.
Fix rannte Sophia die Kellertreppe runter und kam mit meinem Abendessen zurück. War das eine Freude. Rasch füllte sie meinen Napf und stellte ihn unter die Terrassenbank. Ich musste mich total zurückhalten, um ihr nicht das Essen schon aus den Händen zu schlingen, denn ich wollte auf keinen Fall verfressen erscheinen. Außerdem wollte ich keinen entsprechenden Kommentar von Johann hören. Ich haderte noch ein wenig mit ihm.
Während ich mein Essen verschlang, allerdings, aus bekanntem Grund, mit einer gewissen vornehmen Zurückhaltung, packten die beiden den übrig gebliebenen Rucksack auf der Terrasse weiter aus. Es entstanden drei Haufen: Schmutzwäsche, Schuhe, Geschenke. Wie sich jeder vorstellen kann, hatten die Haufen unterschiedliche Größen. Welcher Haufen war wohl am kleinsten? Na ja, diese Frage erübrigt sich. Ich für meinen Teil hätte gerne auf das Geschenk verzichtet. Ich glaube, Johann hatte dies bemerkt. Geradezu hinterhältig schaute er ab und zu auf mich. Wenn sich unsere Blicke dann trafen, griff er mit der Hand an seinen Hals, als müsse er ersticken. So ein Blödmann. Wäre er nicht so gut im Streicheln, würde ich ihn sicher in Zukunft keines Blickes mehr würdigen.
„Hast du Halsschmerzen, Johann?“, fragte Sophia Johann besorgt, als er zum vierten Mal diese unqualifizierte Handbewegung machte.
„Nein, nein, alles gut, Sophia“, antwortete er knapp mit schrägem Seitenblick auf mich. Bösartigkeit funkelte in seinen sonst so treuen braunen Augen. Sollte ich mich so in ihm getäuscht haben? Auf jeden Fall unterließ er nun die dumme Bewegung. Ich sprang auf die Terrassenbank, legte meinen Kopf auf meine Vorderpfoten und beobachtete die beiden beim Auspacken.
„Seid Ihr wieder da?“ Das war die Nachbarin, die das Haus gehütet hatte.
„Hallo. Wir sind eben angekommen, das heißt: Johann und ich. Meine Eltern sind noch nicht da“, entgegnete Sophia.
„Dann muss ich die Katze ja nicht mehr füttern.“ Ich hörte eine gewisse Dankbarkeit aus ihrer Stimme.
„Ja, und vielen Dank für Ihre Mühe“, antwortete Sophia. „Minou sieht wohlgenährt aus.“ Sie erwähnte mit keinem Wort, dass Johann eben bestohlen worden waren. Das erstaunte mich.
„Wann kommt denn Deine Tante zurück“, wollte die Nachbarin wissen.
„Das weiß ich nicht so genau“, gab Sophia zurück. „Lange sind sie aber nicht mehr unterwegs. Die Schule beginnt doch bald wieder. Mein Vetter muss dann wieder ran.“
„Ich bin froh, wenn alle wieder da sind. Die Ferienzeit lockt immer Einbrecher an. Letzte Woche noch wurde am Ende unserer Straße in das neue Haus am Tage eingebrochen. Den ganzen Schmuck der Frau haben die Diebe gestohlen“, beendete die Nachbarin schließlich das Gespräch. Wenn sie gewusst hätte, dass soeben schon wieder ein Diebstahl stattgefunden hatte, hätte sich die Nachbarin sicherlich sehr aufgeregt. Sophia und Johann reagierten auf die Aussage allerdings überhaupt nicht. Es war gerade so, als hätten sie den Rucksackdiebstahl vergessen.
Ein unbekanntes Gepäckstück im Rucksack
Abseits der drei Haufen lag eine kleine weiße Plastiktüte, die zu einem handgroßen Päckchen verschnürt war. Sophia schaute sich fragend um. Sie suchte wohl nach Johann, um in Erfahrung zu bringen, zu welchem Haufen sie das Päckchen legen sollte.
„Das ist ja das Päckchen, das mir am Flughafen in Istanbul beim Umpacken schon aufgefallen ist. Ob Johann ein Geschenk für mich gekauft hat?“ Manchmal spricht Sophia mit sich selbst. Ob das daran liegt, dass sie ein Einzelkind ist, weiß ich nicht. Ich vermute es aber. Sie hat schon als Schulkind mit sich alleine Mutter und Kind gespielt. Sie war dann Vater, Mutter und Kind in einer Person. Für jede Person hatte sie eine eigene Stimme. Ich fand das immer sehr schön, wenn ihre Mutter das später wiederholt ihren Freundinnen erzählte. „Und nie hat sie sich mit den Stimmen vertan“, beendete sie stets die Geschichte voller Mutterstolz. Faszinierend, einfach katzlich.
Johann war nicht mehr in der Nähe, sondern mal dahin gegangen, wo ich auch unbedingt hingehen musste. Also sprang ich runter von der Bank und meinem Beobachtungsposten, streckte mich und machte mich auf den Weg zu einem nicht einsehbaren Flecken. Noch mit einem Auge sah ich, dass Sophia das Päckchen aufhob und auf die Bank in meinem Esszimmer, auf der ich gerne raste, legte. Dann packte sie die Wäsche unter den Arm, sicher, um sie in die Waschmaschine zu stecken.
Wir verloren uns vorerst aus den Augen. Ich musste nämlich unbedingt noch einmal mein Revier markieren, hatte ich morgens doch eine magere Katze herumstreunen sehen. Nicht, dass Sophia sich nach ihrem Türkeiurlaub nun bevorzugt um solche Katzen kümmern wollte. Fremde Katzen, insbesondere bemitleidenswerte Geschöpfe, halb verhungerte und magere Katzen, mussten ferngehalten werden. Ich wollte keine Nebenbuhlerinnen oder Nebenbuhler in meinem Revier. Es sollte alles so bleiben wie es war. Ich muss dringend an meinem Egoismus arbeiten. Ich werde das auch wirklich machen, großes Katzenehrenwort.
Erst am späten Abend kam ich nach meiner Markierungsrunde zurück. Sophia und Johann lagen wohl im Bett. Wie gut, dass das Sophias Vater nicht sah. Ich habe gehört, dass er es nicht liebt, wenn Johann in Sophias Zimmer übernachtet. Ich saß unter dem Küchenfenster, als er dies zu seiner Frau sagte. Die hatte dafür aber nur ein müdes „Ach, die Zeiten haben sich geändert!“ übrig.
Sophias Mutter, die Judith heißt, ist viel offener für Veränderungen, wie ich schon wiederholt festgestellt habe. Ein Beispiel hierfür fällt mir gerade nicht ein. Würde ich jedoch nachdenken, fielen mir sicher viele ein.
Die Eltern wollten erst in zwei Tagen zurückkommen, wie ich Gesprächsfetzen entnommen hatte. Somit hatten die beiden noch sturmfreie Bude, wie es die Menschen nennen.
Ich schlich über die Terrasse und sprang dann auf die Bank, um mich in Sophias Nähe ein wenig auszuruhen. Auch wenn dicke Mauern dazwischen waren, spürte ich sie deutlich.
Weil mich ein weißes Päckchen, das auf der Bank lag, störte, stieß ich es kurzerpfote auf den Boden. Da verschwand es hinter den Gartenschuhen, die Sophias Mutter immer unter die Bank stellte. Ich würde das Päckchen morgen wieder hervorholen, wenn ich es nicht vergessen sollte. Es handelte sich nämlich um das Päckchen, von dem Sophia vermutete, es enthielte ein Geschenk von Johann für sie. Also hatte sie noch nicht darüber mit Johann gesprochen oder aber es war nichts Wichtiges darin und die beiden konnten es auf der Bank liegen lassen. Wie auch immer, mich störte es im Moment.
Ich gab mich meinen liebsten Träumen hin, in denen es sich um Aluschälchen vom Feinsten handelte. In der Folge schneite es mit einem Mal Speckwürfel, abgelöst von handtellergroßen Käsescheibchen. Dann aber trat dieser katzenhafte Traum in den Hintergrund und ich sah mich in einer Auseinandersetzung mit Katzen, die mir mein Revier streitig machen wollten. Sie hatten Riesenglocken um den Hals an einem grellroten Band und versuchten, mich mit dem Lärm einzuschüchtern. Großkatze sei Dank erwachte ich aus dem schrecklichen Traum. Ich tastete nach Sophias Geschenk. Das Halsband war noch an Ort und Stelle. Nicht, dass es mir etwas ausgemacht hätte, wenn es nicht mehr dagewesen wäre. Im Gegenteil. Es war einfach nur ein Reflex aufgrund des Katzentraums. Ich musste mir unbedingt etwas einfallen lassen, wenn mich das Halsband schon im Traum verfolgte.
Der geräuschvolle Traum kam jedoch nicht von ungefähr bzw. aus der innerlichen Ablehnung des Halsbandes. Es war etwas im Busch. Mein Traum war Vorbote einer versuchten Attacke der Rucksackdiebe. Traum und Wirklichkeit wurden miteinander verwoben.
Zweiter Teil oder die Welt wird unruhig
Es wird laut in der Nacht
Leider war es kein richtiger Traum gewesen, sondern ein Halbtraum mit realen Elementen, wie ich präzisieren muss. Bei Sophia klingelte jemand Sturm. Sofort dachte ich an Sophias Vater und die sturmfreie Bude. Dann hörte ich, fast noch im Halbschlaf, vor der Haustür jemanden rufen: „Macht sofort auf oder wir kommen rein!“
Das war nicht die Stimme ihres Vaters. Die kenne ich genau. Außerdem haben die Eltern ja Schlüssel und müssen nicht klingeln. Die Stimme erinnerte mich an etwas. Ich überlegte, war allerdings noch nicht ganz in die Wirklichkeit eingetreten. Ich hatte allerdings das Gefühl, dass mich etwas eher Feindliches, wenn katze es so ausdrücken möchte, einholte. Resultierte dieses Gefühl aus dem Klang der Stimme oder aus der Bedrohlichkeit des Traums? Ich hatte keine Zeit, darüber länger nachzudenken. Meine mir angeborene Neugierde, die gleichsam ein Schutz vor ungewollten Überraschungen ist, trieb mich an bzw. von der Bank.
Ich sprang auf die Fensterbank zu Sophias Zimmer. Die Rollläden waren runtergelassen, aber das Fenster war geöffnet. So hörte ich deutlich, wie Sophia angstvoll flüsterte: „Johann, wach auf, da ist jemand an der Tür, hörst du?“
„Was ist los?“ Johanns Stimme hörte man an, dass er noch im Halbschlaf war. „Sind deine Eltern zurück?“
„Jemand hat geklingelt und gebrüllt, wir sollten rauskommen. Hast du das nicht gehört?“ Ihre Stimme zitterte angstvoll.
„Macht endlich auf“, schallte es wieder von der Eingangstür her, „sonst kommen wir so rein. Und dann könnt ihr etwas erleben.“
Ich kannte die Stimme hundertprozentig irgendwoher. Mir wurde immer klarer, dass ich mit der Stimme etwas Unerfreuliches verband. Es war nicht der Katzentraum mit dem Klingeln der Halsglocken gewesen, der noch an mir nagte und mich verunsicherte. Umgekehrt, es waren die bösartige Stimme und das Klingeln an der Haustüre, die sich in meinen Traum geschlichen hatten. Aber was sagte mir die Stimme nur? Woher kannte ich sie? Ich musste der Sache auf den Grund gehen.
Ich sprang in einem Satz von der Fensterbank runter in den Garten. Vorsichtig schlich ich um das Haus herum Richtung Haustür, um zu sehen, wer in der Nacht die Frechheit besaß, uns aus den Träumen zu reißen. Mein Aluschälchentraum, angereichert um Speckwürfel und Käsescheiben, ist nämlich einer meiner Lieblingsträume.
In exakt dem Moment, in dem ich einen Blick auf die klingelnden Störenfriede werfen konnte – es waren zwei Halunken an der Tür –, öffnete sich ein Fenster in der Nachbarschaft und ein Mann rief lauthals: „Was soll die Brüllerei in der Nacht? Verschwindet augenblicklich oder ich rufe die Polizei!“
„Halt die Klappe, alter Mann“, antwortete einer der beiden Typen an der Tür.
„Die Welt wird immer schlechter“, kam es als Antwort zurück. Das Fenster schloss sich und es trat eine Totenstille ein. Der Nachbar, der neben der Familie wohnt, die mich immer Laila nennt – Achtung: aber nicht der, die mich Katze nennt, denn die wohnt auf der anderen Seite –, hatte sich anscheinend einschüchtern lassen. Das hätte ich nicht vermutet. Er macht immer einen eher resoluten Eindruck. Na ja, man täuscht sich nicht mehr als in Menschen. Woher ich diese Weisheit habe, weiß ich nicht. Sie schien sich aber zu bestätigen. Schien!
„Lass uns abhauen. Der Alte macht sonst noch Ernst und ruft die Polizei“, flüsterte einer der beiden Typen dem anderen zu. Ich konnte es deutlich verstehen.
In dem Moment erkannte ich sie. Das waren die Kerle, die Johanns Rucksack geklaut hatten. Klar, es fiel mir wie Milben von den Augen. „Streichelt das Katzenvieh mal schön weiter.“ Das war die Stimme, nach der ich die ganze Zeit gesucht hatte.
„Quatsch, du Feigling“, meinte der andere großspurig und so laut, dass der Nachbar ihn hören musste, „der hat viel zu viel Angst vor der schlechten Welt.“
Bei den letzten Worten kicherte er bösartig. Die Tatsache, dass der Nachbar das Fenster geschlossen hatte, ließ sich wirklich so deuten. Ich selbst war auch davon überzeugt, dass er sich aus Angst zurückgezogen hatte.
Wieder klingelte einer der Diebe und gleichzeitig rief der andere: „Müssen wir euch Beine machen? Wir lassen uns nicht verarschen. Wir scherzen nicht. Macht endlich auf, sonst passiert was.“
Mir wurde übel vor Angst. Es hörte sich wirklich nach einer Drohung und nicht nach einem Scherz an. Wie konnte ich Johann und Sophia nur helfen. Die durften auf keinen Fall die Türe öffnen. Sie waren den beiden Kerlen körperlich nicht gewachsen. Auch Johann nicht, selbst wenn er Sport studierte, was sicher Krafttraining mitbeinhaltete. Und wenn ich dann noch an seine Verfolgung der Diebe am späten Nachmittag dachte, wurde mir die Chancenlosigkeit der beiden gegenüber den Rucksackdieben zunehmend deutlicher.
Im gleichen Moment hörte ich in der Ferne die Polizeisirenen. Großkatze sei Dank. Beim Klang der Sirenen fiel mir ein Stein von meinem Katzenherzen.
Da öffnete der Nachbar mit einem Ruck das Fenster und rief laut und deutlich in die Nacht hinein: „Der alte Mann hält, was er verspricht. Wir Alten lassen uns von Typen wie euch doch nicht in Angst und Schrecken versetzen. Da müsst ihr früher aufstehen, ihr Schlappschwänze.“
Im Hintergrund des mutigen Nachbarn hörte ich ein kaum vernehmbares „Reiz sie nicht, Egon!“
„Pah, die sollen mich kennen lernen. Und wofür gibt es sonst die Polizei?“, war die unüberhörbare Antwort des Nachbarn. Er lehnte sich breit in das offene Fenster. Nicht das geringste Anzeichen von Angst war erkennbar. Eher Triumph. Er hatte den unverschämten Kerlen gezeigt, dass er das wahr macht, was er sagt. Chapeau. Das ist Französisch und bedeutet so viel wie: Hut ab, ein Zeichen der Ehrerbietung.
Die zwei Kerle spurteten zu ihren Rädern, die an eine defekte Straßenlaterne gelehnt waren, schwangen sich darauf und rasten mit heftigem Treten in die Pedale davon, nicht ohne in Richtung des Nachbarn den Stinkefinger zu zeigen. Das war offensichtlich ihre bevorzugte Kommunikatzion. Ich hörte noch ein wütendes: „Das wirst du noch bereuen, alter Mann.“ Dann waren die Kerle verschwunden.
Während die Polizeisirenen sich näherten, öffnete Sophia die Haustür. Sie ist sehr mutig, muss ich sagen. Hinter ihr steckte Johann den Kopf zur Tür heraus. Sophia erblickte den Nachbarn im Fenster und rief: „Was war das für ein Krach, Herr Schmitz?“ Ja, den Namen hatte ich schon mal gehört, aber wie die meisten Namen gleich wieder vergessen. Jetzt würde ich versuchen ihn mir zu merken. Außerdem hieß er noch Egon. So hatte ihn seine Frau genannt.
Egon Schmitz war ein mutiger Mann. Der ließ sich nicht unterkriegen. Das gefiel mir. In ihm verbarg sich eine wahre unbeugsame Katzennatur.
„Hast du das denn nicht gehört? Bei euch hat jemand immer wieder auf die Tür eingedroschen und gerufen, ihr solltet öffnen. Ich hab mir Sorgen um dich gemacht, weil deine Eltern doch nicht da sind. Bist du allein?“ Er hatte Johann wohl noch nicht gesehen.
„Nein“, meldete sich Johann zaghaft. „Wir sind heute aus dem Urlaub zurückgekommen. Weil es so spät war, bin ich hiergeblieben.“
Nun kam er aus Sophias Schatten heraus und präsentierte sich in der vollen Türesbreite.
Männer können ja so feige sein. Ich weiß schon, warum ich mir keinen Kater anschaffe. Ich brauche meine Liberté und keinen ängstlichen Klotz an meinen wunderschön gestreiften Pfoten. Da spürte ich wieder das grellrote Band an meinem Hals. Aber jetzt hatte ich dafür keine Zeit. Ich musste hören, was die Menschen sagten.
„Das ist gut so“, antwortete der Nachbar. Man höre und staune. Der Zweck heiligt wohl die Mittel, wie die Menschen häufig sagen, wenn sie sich untreu werden.
Ich hätte ja gedacht, dass er die Gegenwart Johanns nicht gutheißen würde. Ich erinnere nur daran: „Die Welt wird immer schlechter.“ Das oder etwas in dieser Richtung hatte er den beiden Typen noch zugerufen, bevor er das Fenster geschlossen hatte. Eigentlich sagt diese Aussage alles. Oder? Na ja, nicht mein Problem. Außerdem hatte er Stärke bewiesen.
Bei den letzten Worten des Nachbarn hielt ein Polizeiwagen mit zwei Polizisten vor Sophias Haus.
„Was ist denn los?“, fragte einer der beiden Polizisten. Beide blieben im Auto sitzen und hatten nur die Wagenfenster runtergelassen.
„Da haben sich zwei Burschen an der Haustür der beiden zu schaffen gemacht“, brüllte Herr Schmitz bzw. Egon den Polizisten zu.
„Was wollten die denn?“ Der Polizist schrie dies laut in die Nacht.
Da öffnete sich ein Fenster bei den Menschen, die mich Laila nennen.
„Ruhe! Bei diesem Lärm kann man nicht schlafen.“ Das war der alte Mann. Als er die Polizei sah, verstummte er sofort und schloss eilig das Fenster.
„Was war das denn?“ Einer der Polizisten schaute fragend auf das nun geschlossene Fenster. Er machte einen etwas verärgerten Eindruck, weil der alte Mann sie alle zur Ruhe aufgefordert hatte.
Eine leichte Bewegung der Gardine verriet mir, dass der alte Mann die Straße und insbesondere das Haus von Sophias Eltern beobachtete. Ob die Polizisten das ebenfalls bemerkten, weiß ich nicht. Dass einer der Polizisten in Richtung des alten Mannes winkte, ließ allerdings darauf schließen.
„Ich komme mal runter“, rief Herr Schmitz in seiner resoluten Art. „Wir müssen ja nicht die ganze Straße aufwecken.“
Geräuschvoll wurde das Fenster geschlossen und noch ehe eine Minute vergangen war, stand er bei den Polizisten, die sich endlich aus ihrem Wagen bequemt hatten. Er hatte sich nicht einmal einen Morgenmantel übergezogen, sondern stand da in seinem Schlafanzug. Die Hosenbeine gingen nur bis zum Knie.
Sophia und Johann waren ebenfalls aus dem Haus getreten und unterhielten sich bereits mit den Polizisten, als Herr Schmitz hinzukam. Ich schlich mich so nahe wie möglich an die fünf Menschen heran, um alles verstehen zu können.
„Es waren zwei Burschen“, erklärte Herr Schmitz, der sofort das Wort übernahm.
„Wie sahen die denn aus? Können Sie die Männer beschreiben?“
„Leider nein“, musste der alte Mann zugeben. „Es war viel zu dunkel. Und die Straßenlaterne …“ – er deutete mit dem Kopf nach oben – „ist mal wieder kaputt. Das kann man so oft melden, wie man will. Die Stadt tut nichts. Aber wenn die was von uns will, ist sie sofort da. Da gibt es kein Pardon. Zum Beispiel die Zigarettenschachteln …“
„Ja, ja“, unterbrach einer der Polizisten Herrn Schmitz. Er wusste sicher aus Erfahrung mit anderen älteren Menschen, was nun noch alles kommen würde, und dass es ewig dauern würde, bis Herr Schmitz zum entscheidenden Punkt kommen würde oder auch nicht. Daher wandte er sich an Sophia und Johann.
„Was haben Sie denn gesehen?“
„Nichts, rein gar nichts“, antwortete Johann.
„Sie waren auf Rädern“, schaltete sich Herr Schmitz wieder ein. Er ließ sich von den Polizisten nicht mundtot machen. „Die Räder lehnten an der defekten Laterne. Und beide Kerle waren groß und kräftig. Mehr kann ich leider nicht sagen“, ergänzte der Nachbar und schüttelte bedauernd seinen Kopf.
„Am Abend bzw. am späten Nachmittag, als wir hier …“, begann nun Sophia und wollte wohl von dem Rucksackklau erzählen. Ein kurzer Stups Johanns in die Seite brachte sie zum Schweigen.
Ich hätte heulen können vor Wut. Dieser Ignorant. Das einzig Richtige in diesem Moment wäre gewesen, von dem Diebstahl zu erzählen. Und was macht der feine Herr? Katze darf überhaupt nicht drüber nachdenken.
„Was war am Abend bzw. am späten Nachmittag?“, fragte einer der Polizisten.
Hurra, er hatte es mitbekommen. Er war hellhörig geworden. Großkatze sei Dank. Mein Katzenherz jubelte.
„Ach, eigentlich nichts. Ich bin ein wenig durch den Wind“, gab meine ansonsten so selbstbewusste Sophia von sich. Ich glaubte es einfach nicht. So viel zum Thema Frauenpower. Ich hätte mir das nicht von einem Kater bieten lassen. So weit käme es noch. Sie musste doch merken, dass sich etwas über uns zusammenbraute.
„Sind Sie sicher?“, hakte einer der Polizisten zweifelnd nach.
„Ja, klar, absolut“, kam eine knappe Antwort von Sophia. Dabei lächelte sie den Polizisten an und nickte bestätigend mit ihrem Kopf. So kann nur Sophia lächeln.
„Dann können wir im Moment nichts machen“, beendeten die Polizisten ihren Kurzbesuch und fuhren von dannen. Herr Schmitz schloss sich an, zumal ihm seine Frau vom Fenster her Zeichen gab, er solle zurückkommen. Vorher schaute er aber noch Sophia eindringlich an.
„Wolltest du eben nicht doch etwas Wichtiges sagen, Sophia? Denkt mal drüber nach.“ Mit diesen Worten warf Egon Schmitz gleichzeitig einen fragenden Blick auf Johann.
„Nein, nein, eigentlich nicht“, schüttelte sie ihren Kopf. „Vielen Dank dafür, dass Sie die Polizei gerufen haben, Herr Schmitz. Gott sei Dank ist nichts passiert.“
„Noch nicht“, grummelte der Nachbar, „noch nicht. Die Welt wird immer schlechter. Gute Nacht, ihr beiden. Wenn etwas sein sollte, ruft mich an. Ich habe nur einen leichten Schlaf.“
Ich merkte deutlich, dass er an Sophias Worten zweifelte. Ich an seiner Stelle hätte noch einmal nachgehakt. Aber ich war nicht an seiner Stelle. Außerdem hatte Herr Schmitz nicht das mitbekommen, was ich am späten Nachmittag erlebt hatte. Er drehte sich um und ging hinüber zu seinem Haus. Dabei hörte ich noch, wie er in seinen Bart brummte: „Eigentlich nicht. So eine blöde Antwort.“
„Gute Nacht, Herr Schmitz“, kam es im Gleichklang von den beiden.
Herr Schmitz hob noch einmal die Hand wie zum Winken, drehte sich aber nicht mehr um und verschwand hinter der Haustür.
Johann nahm Sophia, die ein wenig zitterte, in den Arm, um sie ins Haus zurückzuführen. Das war eine liebevolle Geste, so dass ich meine bösen Gedanken über Männer und deren Feigheit im Allgemeinen und über Johann im Besonderen wieder aus meinem Kopf strich. Vielleicht war ich einfach Johann gegenüber ungerecht in meiner Angst um Sophia.
Ich schlich um das Haus herum zurück zur Terrasse und sprang von dort aus auf das Fenstersims zu Sophias Zimmer. Ich wollte auf jeden Fall heute Nacht Wache schieben. Ich war mir nämlich nicht sicher, ob die beiden Typen nicht noch zurückkommen würden. Die suchten etwas. Das war klar. Aber was nur? Es musste auf jeden Fall etwas mit dem Rucksack zu tun haben. Oder mit der Türkeireise?
Ich legte mich der Länge nach auf das Sims und leckte meine gestreiften Pfoten. Dabei kann ich am besten nachdenken. Und das war wichtig. Ich musste mich genau daran erinnern, wie die beiden Männer aussahen und was mir ansonsten am Nachmittag besonders aufgefallen war. Ich musste ein so genanntes Täterprofil erstellen. So nennt katze das in Fachkreisen, wenn katze jemanden ganz genau beschreibt. Das Profil war wichtig. Ich musste die Diebe nämlich zukünftig frühzeitig entdecken und einschätzen können, denn es braute sich etwas zusammen. Ich spürte das ganz deutlich bis in meine Schwanzspitze. Auf mein Gefühl kann ich mich verlassen. Da Sophia und Johann in meinen Augen zu wenig sensibel für ihre Situation waren, lag es jetzt allein an mir, Unheil abzuwenden.
Vorher belauschte ich die beiden noch. Es ging um den Rucksackklau. Ich musste aufpassen, dass ich mich nicht zu stark bewegte, da das Sims nicht sehr breit war und ich schnell abrutschen konnte.
„Warum hast du nicht gewollt, dass ich den Polizisten von dem Diebstahl erzähle?“, hakte Sophia gerade fast ärgerlich nach. Diese Frage hätte ich auch gestellt, wäre ich an ihrer Stelle gewesen. Besser gesagt: Ich hätte diese Frage nie stellen müssen, da ich mir nicht den Mund hätte verbieten lassen. Aber sei´s drum. Das brachte mich jetzt nicht weiter.
„Du weißt doch, wegen des nicht ganz sauberen Inhalts. Ich muss noch recherchieren, ob mich die deutsche Polizei hierfür belangen kann.“
Ganz Unrecht hatte er ja nicht. Aber hätte er nicht schon lange, wie er so schön sagte, recherchieren können?
Dieser Meinung war auch Sophia. Laut und deutlich verstand ich ihre Worte: „Das hättest du schon lange machen können.“ Recht hatte sie. Aber wenn ich mich recht erinnere, hatte sie sich ebenfalls im Internet klug machen wollen. Hier hatten beide tüchtig geschlampt.
Ich musste mich nun konzentrieren und hörte nicht mehr auf das weitere Gespräch der beiden. Im Unterbewusstsein nahm ich noch etwas wie „Morgen sehen wir weiter, schlaf gut“ wahr. Ich war mit meinen Gedanken aber bereits ganz woanders.
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