Kitabı oku: «Vier Pfoten und drei Koffer»
Helge Sobik
Vier Pfoten und drei Koffer
Ein Hunderoman von unterwegs

Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Von Uwe, von Hubert und vom schwarzen Schafhoover
Der Unruhebeobachter
Der Ball im Koffer oder: Bloß nicht vergessen werden
Der Morgen des Aufbruchs
Boxenstopp in der Eifel
Hund ohne Handy
Der Mineralwasser-Test
Bett mit Gebühr
Das Hotelzimmer verteidigen
Einer muss den Hund nehmen
Der Blechmann hinterm Rasthof
Terrain markieren – endlich angekommen
Hund am Abgrund
Die erste Nacht in der Fremde
Randale im Bad
Wo sind Deine Sachen?
Frühstück im Freien – und die Gegend beobachten
Ein Land mit wenig Stöckchen
Hundsküsse auf den Mund – iih, ein Mensch
Die Hundsperson grinst
Alleine bleiben
Wildschweine
Brille abnehmen
Freundschaftsbänder flechten
Getränke apportieren
Auf Spanisch brummen und bellen
Besänftigen beim Hämmern
Der Gimpel ist abgetaucht
Zecke am Plüschschwein
Schon wieder: auf zur Sockenernte
Jede Menge Flusen
Der Sofa-Überwurf und das Hundsgesetz
»Meine hat ein hervorragendes Sozialverhalten«
Ein Opfer: der Verband
Jetzt kann ich es ja sagen
Schon wieder das Hundsgesetz
Der Futtersack aus Barcelona
Der Gelbe Mann
Was hat er bloß?
Die Natur als Hausapotheke
Ohrenrauschen
Im Kapuzenpulli versteckt
Der halbe Mensch hinter dem Rollo
Minigolf mit der Nase
Mein Platz, sein Platz
Urlaub bei Luna
Loco
Gewagt durchs Gatter
Das Attentat
Po-li-zei-hund
Die Altpapierkiste
Wo ein Hoover ist, ist auch ein Weg
Die Raupen
Das ganze Meer für sich haben
»Wollen wir nachhause?«
Pullover-Klau von der Gartenliege
Wölfe, Bären und ein Koyote hinterm Fernseher
Schlange in Stöckchentarnung
Das Badehandtuch bringen
Heilsame Wirkung
Schon wieder packen
Tschüss sagen
Auf forsch folgt forsch
Der eigene Garten
Emmy, Black Jack & Co

Von Uwe, von Hubert und vom schwarzen Schafhoover
Es ist immer dasselbe mit seinem Namen. Ihm gefällt er. Mir auch. Aber die anderen verstehen ihn meistens falsch. Wahrscheinlich rechnet keiner damit, dass ein Hund genauso heißt wie ein amerikanischer Staubsauger – weil er alles Mögliche einsaugt, was sichtbar oder unsichtbar auf dem Boden verteilt ist, und fast dieselben Geräusche macht, wenn er eine Spur in der Nase hat und an ihr entlangschnauft. Ob im Wald oder an der Fußleiste im Wohnzimmer. Dass ich wirklich gerade »Hoover, hierher!« gerufen habe oder dass ich das schwarze 33-Kilo-Energiebündel eben als »Der heißt Hoover« vorgestellt habe – das decodieren immer noch die meisten beim ersten Aufeinandertreffen nicht richtig. Als er mit neun Wochen zuhause eingezogen war und das erste Mal durch den Garten sprang, rief meine Nachbarin gleichermaßen erstaunt wie beglückt: »Aber Du kannst Deinen Hund doch nicht ›Uwe‹ nennen!« Und beim Tierarzt in der Praxis haben sie ihn das erste Mal mit »Ach, da ist der kleine Hubert!« begrüßt und zum Glück auch gleich ins Herz geschlossen, ob unter Pseudonym oder unter Klarnamen. In der Hundeschule hat ein und dieselbe Trainerin ihn im Dreieinhalb-Minuten-Abstand hörbar verwirrt mal als »Uwe«, mal als »Hubert« gerufen, jeden meiner korrigierenden Zwischenrufe mit »Ach so, na klar« kommentiert, um gleich darauf dann wieder nach Hubert oder Uwe zu rufen. Ihm ist das egal. Hauptsache, jemand meint ihn. Hauptsache, jemand interessiert sich für ihn. Und Hauptsache, da ist jemand, den er mit einer Schlabber-Attacke begrüßen und über den er sich ausführlich freuen kann. So enthusiastisch zugewandt wie Flat Coated Retriever einfach sind, diese Hunde, die etwas größer und etwas schlanker als Labradore sind und etwas längeres Fell haben, voller unbändiger Aktivität stecken und auf Anhieb fast jeden Menschen lieb haben, der ihnen vor die Augen tritt.
Tatsächlich sind Menschenvornamen in der Hundewelt inzwischen durchaus zahlreich. Insofern liegt der Verhörer nahe. Staubsaugermarken jedenfalls sind deutlich seltener. In den zweieinhalb Jahren, die Hoover jetzt alt ist, haben wir in der Kategorie Menschenvornamen Ben, Bernie, Heinz, Kalle, Max und sogar Günther mit »th« kennengelernt, außerdem Emmy, Amy, Tabea und Gisela. Und Abwandlungen von Vornamen wie Fine oder Fili. Aber auch Hunde mit schönen Fantasienamen wie Chewie oder Milo, mit zeitlosen Klassikern wie Bello oder Bella. Und welche, die nur einen Nachnamen haben. Ich muss immer grinsen, wenn ich das eine Frauchen aus dem Nachbardorf nach ihrem fröhlichen Dobermann-Mix rufen höre: »Schröder, verdammt, kommst Du jetzt her!«
Hoovers bester Freund heißt Black Jack und ist ein Flat Coated Retriever wie er. Es gibt Leute, die sagen »Blacky« zu ihm, für andere ist er »Jacky«, für Frauchen ist er »Schatzi« und nur, wenn er allzu sehr zieht, ist er »Black! Jack! Schluss! Jetzt!«. Er kommt mit allen Varianten wunderbar klar. Wahrscheinlich würde ihn auch Schwarzer Peter nicht stören, immerhin passte es farblich. So wie Hoover sich ohne Problem mit Uwe und Hubert als Anrede abfindet.
Neulich hat ihm sein Name auf Anhieb gleich mehrere Sympathie-Punkte eingebracht. Und der Glanz hat sogar irgendwie auf mich abgestrahlt. Da sind wir das erste Mal auf großer Fahrt gen Süden gewesen, um ein paar Tage Wanderurlaub in Österreich zu verbringen, und haben im Landhotel von Familie Schafhuber gewohnt, wo Hunde erlaubt sind, nur möglichst nicht mit ins Bett sollen. Gleich an der kleinen Rezeption wurde er begeistert geklopft, gestreichelt, immer wieder mit seinem Namen angesprochen. Jedenfalls schien es mir so. Erst von Frau Schafhuber, dann von Herrn Schafhuber, anschließend von der Schafhuber-Tochter. Und ich habe aufgepasst, dass er bloß ja nicht hochspringt und vor Begeisterung über die derart euphorische Begrüßung allen nacheinander am Ohr knabbern will. Als Dankeschön für diese spontan entflammte Liebe.
Und abends im Speiseraum höre ich, wie Schafhubers an den anderen Tischen – noch immer hocherfreut – herumerzählen, dass das ja ein Ding sei. Dass das kurios sei und dass sie so was in fast vierzig Jahren Hotelbetrieb noch nicht erlebt haben. Dass nämlich ein Hund einzieht, dem bloß das Schaf am Anfang fehle und der sonst so heiße wie sie: der liebe schwarze »Huber« von dem Herrn da vorne am Fenstertisch.
Ich schaue erst etwas betreten, nicke dann freundlich herüber. An einem anderen Tisch schüttelt jemand mit dem Kopf, als wollte er »Was für ein saublöder Name für einen Hund« sagen. Ich zucke mit den Schultern. Und lächele. Und wenn diesen Abend noch einer genauer nachfragen sollte: Mein Hund heißt Uwe-Hubert Huber. Mit Bindestrich. Oder wie auch immer. Warum? Gegenfrage: Warum nicht? Hauptsache, er und ich wissen, dass er in Wirklichkeit Hoover ist. Und das seit inzwischen zweieinhalb Jahren.
Ich muss an diesem Abend nichts sagen, nichts aufklären, es fragt keiner. Und es ist ja auch egal. Den netten Schafhubers jedenfalls möchte ich auf keinen Fall die Freude verderben. Manchmal rufe ich ihn seitdem »Hundehoover«. Oder »Schafhoover«. Vor allem, wenn gerade niemand anders in der Nähe ist. Menschen hören offenbar als Erstes immer das, womit sie rechnen und was ihnen vertraut vorkommt. Als gäbe es so eine Art Auto-Korrektur-Modul fürs Unvorhergesehene im Gehirn. Und so wird aus Hoover mal Uwe, mal Hubert. Und mal Huber.
Gibt es Leute, die er nicht mag? Kaum. Welche, denen er abweisend gegenüber tritt und die er vielleicht sogar anknurrt? Fast keinen. Und falls doch, dann hat er bisher stets einen guten Grund gehabt. Die Sache mit dem Hochspringen unterdessen war unproblematisch, so lange er noch ein Welpe war, und ist schwieriger geworden, seit er ausgewachsen ist, den Leuten mit einem Satz die Vorderpfoten auf Brustkorb oder Schulter packen kann und – wenn er sie denn mag – zärtlich am Ohr zu knabbern versucht. Das ist nicht jedermanns Sache. Aber ich bin ja auch noch da und passe auf, dass Hoover das nur dort macht, wo es gern gesehen ist. Zur Sicherheit bei niemandem im Hotel, sowieso bei keinem Fremden.
Ob die Leute wissen, dass sein bester Freund in der Welpenzeit ein Tintenfisch aus Plüsch war, den er überallhin mitgeschleppt hat? Mit dem er gekuschelt hat, bis er eines Tages die Tentakeln abgekaut, sie in einer Hau-ruck-Aktion kurzerhand aufgefressen hat und nur noch ein mit lila Kunstfell beklebter Kautschuk-Kern übrig geblieben war? Eigentlich nicht. Es sei denn, ich erzähle davon. Oder von allem, was seitdem geschehen ist. Von Hoovers Eigenarten, seinen Erfindungen, seinen Erlebnissen, dem Stoff-Schwein aus dem Ikea-Regal, das in seinem Herzen inzwischen die Stellung des Kindheits-Tintenfischs eingenommen hat. Und von seinen Reisen. Denn Hoover ist viel unterwegs, weil ich viel unterwegs bin und ihn nach Möglichkeit mitnehme. Meistens hat er mehr Gepäck als ich. So viele Spielsachen müssen immer mit, dazu das vertraute Futter, die Lieblingskauknochen, seine ganze Sammlung an Apportiertiergut. Es gilt die Faustregel: Zwei von drei Koffern sind seine, einer bleibt für meine Sachen. Jedenfalls über den Daumen.
Jetzt wollen wir sogar bis nach Spanien, möchten auf Zeit vor etwas fliehen, das ich die »norddeutsche Polarnacht« zuhause an der Ostsee nenne – da oben an der Lübecker Bucht, wo die Sonne im tiefsten Winter so gegen kurz vor halb neun Uhr morgens aufgeht und um Viertel vor vier am Nachmittag wieder verschwunden ist. Falls sie sich denn überhaupt zeigt und irgendein kräftiger Sturm die November-, die Dezember-, die Januar- und die Februar-Wolkenberge weggeschoben hat.
Viel weiter im Süden, das jedenfalls ist der Plan, haben wir morgens eine halbe und abends über zwei Stunden mehr Tageslicht. Wie beglückend, wie inspirierend. Und wo ich als Journalist schreibe, ist eigentlich egal. Hauptsache ich habe Telefon, ich habe Internet. Und am allerwichtigsten: Ich habe meinen Hund mit dabei. Aber das ist eine lange Geschichte.
Der Unruhebeobachter
Bis zur Abfahrt sind es noch zwei Tage. An einem Wintersonntag soll es losgehen, gleich früh morgens über leere Autobahnen erst Richtung Eifel, dann durch Luxemburg und weit nach Frankreich hinein bis zum ersten geplanten Boxenstopp über Nacht – und dann weiter an die Costa Blanca, wo uns ein Ferienhaus erwartet. Ich habe Hoover zwar davon erzählt, und interessiert geschaut hat er auch, aber ebenso gut hätte ich ihm wahrscheinlich aus der Autobiografie von Disneys Pluto oder Kater Karlos gesammelten Schriften vorlesen können.
Was ihm an der Story am besten gefiel: dass ich mich mit ihm beschäftigt habe. Dass es irgendwie spannend klang. Dass ich alles mit Gesten untermalt habe, die auch bedeuten könnten, dass wir gleich im Garten Ballwerfen gehen würden. Er hat Worte erkannt, die er perfekt einordnen kann, sogar ganze Sätze, die er versteht. »Aber Du kommst doch mit« ist so einer davon. Dann ist er immer begeistert und hüpft wie ein Flummi durchs Zimmer, tritt sich mit allen Vieren gleichzeitig ab und schafft damit inzwischen mit Leichtigkeit einen halben Meter Flughöhe aus dem Stand. Immer und immer wieder in dichter Folge nacheinander. So springt er erst zur Leine, die meistens auf dem Küchentisch liegt, dann zur Garderobe, wo meine Waldspaziergangs-und-sonstwohin-mit-Hund-wegfahr-Jacke hängt, anschließend zur Haustür. Und von dort aus schaut er mich aus erwartungsfrohen Augen an.
Irgendwie scheint sein Verständnis mancher Aussage nicht nur an einzelnen Vokabeln zu hängen, sondern auch andere Zusammensetzungen erschließt er sich. Für jemanden, der nie gelernt hat, was konjugieren und deklinieren ist, klingen »kommen« und »kommst Du« ganz schön verschieden.
Zugleich ist seine Reaktion auf die Worte »kommen« und »mitkommen« völlig unterschiedlich. »Kommen« ist gehorchen, ist herbeieilen müssen. »Mitkommen« ist eine größere gemeinsame Aktion außerhalb des Hauses, auf die er sich freut.
Insofern: Er mag manches von dem verstanden haben, was ich ihm erzählt habe, ohne aber wirklich zu wissen, um was es geht oder den Zeithorizont zu kennen. Auch nicht, wenn ich »noch zweimal groß schlafen« sagen würde.
Was er übrigens auch versteht und in seinen komplett unterschiedlichen Reaktionen darauf eindeutig unterscheidet: »Wollen wir los?«, »Gleich kommen Leute!«, »Da ist ja auch ein Hund!«, »Wollen wir Futter fertig machen?«, »Wollen wir spielen?«. Besonders niedlich ist es, wenn ich sage: »Einer muss den Hund nehmen«. Dann holt er die Leine und läuft im Schritttempo wie ein Dressurpferd – als ob er stolz darauf ist, Verantwortung übertragen zu bekommen und sich selber am wichtigen Herrschaftsinstrument Leine halten zu dürfen.
Seit Tagen beobachtet er mich ganz genau, ist anhänglicher, neugieriger, reagiert sofort auf Veränderungen. Er merkt ganz genau, dass da etwas im Busch ist. Weil vorgestern einmal kurz der Reiserucksack im Spiel war, in den bei größeren Touren die Vorräte kommen. Weil die schwarze Laptoptasche seit zwei Tagen im Flur an der Wand lehnt. Weil ein Karton mit Arbeitsunterlagen in der Küche steht, die mitreisen sollen. Denn die Winterflucht ist kein Urlaub, sie ist ein Wechsel des Arbeitsortes. Ein wunderbarer Wechsel sogar.
Wahrscheinlich spürt er auch meine gewisse innere Unruhe, denn normalerweise breche ich die Zelte auch nicht mal eben für so lange ab. Es ist ein Versuch. Für uns beide. Mal schauen, wie er gelingen wird.
Der Ball im Koffer oder: Bloß nicht vergessen werden

Das Blödeste an einer großen Reise ist immer die Gefahr im Vorfeld, dass der Mensch beim Packen, spätestens aber bei der Abfahrt seinen Hund vergessen könnte. Einfach so. Und dann wäre es geschehen. Findet Hoover. Fürchtet Hoover! Deshalb hat er sich für den entscheidenden Moment eine Zwei-Stufen-Taktik zurechtgelegt.
Es beginnt damit, dass er sein wichtigstes Spielzeug zusammensucht, dafür das Wohnzimmer durchkämmt, unters Bett im Schlafzimmer schaut und schließlich auch seinen Korb mit dem überhängenden Polsterwulst filzt, als wollte er sich erst einen aktuellen Überblick über sein Hab und Gut verschaffen und dann entscheiden, was davon auf alle Fälle mit muss.
Als Erstes schleppt er diesmal ein verdrehtes Zerr-Tau mit zwei Knoten an, drückt es mir erst ins Gesicht und rempelt es mir schließlich gegen die Schulter, während ich bereits auf dem Fußboden knie und Hemden in den aufgeklappten Koffer stapele: so weit eine übliche Spiel-Aufforderung. Als ich aber nach dem bunten Tau greifen will, dreht er sich weg, macht anderthalb Schritte nach vorne – um es auf die Hemden in den Koffer fallen zu lassen und sofort wieder aus dem Zimmer zu laufen. Was er damit sagen will? Wahrscheinlich dies: »Wenn Du hier heimlich vor Dich hin packst und Deine Sachen irgendwohin mitkommen, müssen meine auch mit. Weil ich auch mitfahren werde! Wohin auch immer!« Das ist Teil eins seiner Strategie.
Ich bin verdutzt und muss grinsen. Und während ich noch da sitze, ist Hoover wieder zurück, um nun auch seinen neongelben Tennisball in den Koffer plumpsen zu lassen. Damit ganz klar ist, was er meint: Ohne Hund zu verreisen, geht nicht. Und auch sonst läuft es vom Volumen her offenbar wieder auf das inzwischen übliche Bild hinaus – zwei Koffer für seine Sachen, einer für meine …
Ganz sicher werde ich ihn nicht vergessen! Er soll mit. Von vornherein war das geplant. Nur ahnt er noch nicht, dass er dafür diesmal ganz schön lange still sitzen muss. Und ich auch: Schließlich wollen wir in Spanien überwintern, mit ein oder zwei Zwischenübernachtungen von Norddeutschland aus gut 2300 Kilometer bis an die Costa Blanca fahren und fast drei Monate bleiben. Hoovers Zuhause während der Fahrt gen Süden wird die Rückbank des Autos sein. Eine U-förmige Abdeckung ist bereits an den Kopfstützen sowohl der Vordersitze wie auch der Rückbank befestigt und wird dafür sorgen, dass er unterwegs nicht in den Fußraum rutschen, sich gleichwohl aber auf der Bank einigermaßen bewegen kann. Und ein Hundesicherheitsgurt mit Brustgeschirr liegt auch bereit. Sogar wie er da am besten hineinsteigt, hat er schon gelernt und hebt, wenn er das Geschütz mit den vielen dicken Schnüren sieht, bereits erst die linke und kurz darauf die rechte Pfote.
Nachdem nun aber erst mal das Spielzeug im Koffer ist, greift Stufe zwei seines Ich-muss-auf-jeden-Fall-mit-Plans: Er liegt im Weg, wo er nur kann. In der Türfüllung. Erst der des Schlafzimmers, dann des Wohnzimmers, später der Küche. Wo auch immer ich gerade bin – er sieht seine Rolle darin, eine lebende Stolperfalle zu sein. Denn, so dürfte die Hunde-Logik sein, wer angemessen häufig über seinen zweieinhalbjährigen schwarzen Flat Coated Retriever stürzt, wird zwar irgendwann womöglich ärgerlich, aber der Vierbeiner kann ihm im entscheidenden Moment unmöglich aus dem Sinn geraten.
Neben Hoover lagert derweil immer sein Lieblingsspielzeug aus der Welpenzeit, das von Stolperposition zu Stolperposition mitgeschleppt und stets aufs Neue zwischen den Pfoten drapiert wird. Mit Sicherheit soll es morgen ins Hundshandgepäck: der violette Plüsch-Tintenfisch mit vier Tentakel-Armen. Genau genommen ist es bereits das Nachfolgemodell des ursprünglichen Plüschkraken. Der war um zwei Drittel kleiner, auf dem Etikett als Welpenspielzeug ausgewiesen und bekam nach und nach alle vier Tentakeln sehr freundschaftlich abgekaut oder ausgerissen. Heimlich verschwand der verbliebene Kautschuk-Leib irgendwann in der Kiste der Reliquien aus der Hundekindheit, die vor lauter anhaftender Erinnerungen zu schade für den Mülleimer sind, und wurde durch das zwei Nummern größere Modell ersetzt. Das sieht genauso aus, roch nur ungewohnt neu, sodass es anfangs gewisse Akzeptanzprobleme gab. Es hat sogar heute noch alle vom Hersteller vorgesehenen Tentakeln. Für immer? Dafür kann keiner seine Pfote ins Feuer legen.
Warum Hoover überhaupt mitbekommt, dass es ums Verreisen geht? Beim ersten Mal, da war er drei Monate alt, ließ es ihn kalt, dass ich Koffer packte. Er wusste nicht, warum man das tut – und was das für kleine Hunde bedeuten kann. Ich ging auf Dienstreise, er für vier Tage ins Ausweichquartier zu einer älteren Dame, die Hunde liebt. Die beiden sind seitdem ein Herz und eine Seele und trotzdem begrüßte er mich zum Glück bei der Rückkehr stürmisch. Beim nächsten Mal Kofferpacken registrierte er bereits genau, dass da etwas geschah, was nicht zum normalen Tagesablauf gehörte. Anschließend ging es für ein paar Tage auf Dänemark-Urlaub – mit Hund. Das wurde ihm spätestens klar, nachdem neben all meinen Sachen auch sein Korb mit im Kofferraum verschwunden war. Er schaute höchst irritiert und war begeistert, als ich das erste Mal fragte: »Kommst Du auch mit?« Fortan hat er jede Pack-Aktion aufmerksam begleitet. Aber noch nie sind seine Ich-gehöre-dazu-Signale so deutlich gewesen wie dieses Mal.
Der Morgen des Aufbruchs
Noch so eine irritierende Änderung des Ablaufs: Um Viertel nach vier am Morgen klingelt der Handy-Wecker, vier Stunden eher als sonst. Für Hoover ist es die falsche Zeit. Für mich auch. Er blinzelt irritiert, hebt kurz das Köpfchen, sieht mich aufstehen und im Bad verschwinden – und schießt plötzlich hoch, als wären ihm in der Sekunde all die Koffer, Taschen und Tüten eingefallen, die ich am Vorabend nach und nach im Kofferraum verstaut hatte. Auch den mit Ball und Tau, dazu eine Kiste mit Futter, Leckerlis, Hundedecke, Kamm, Tiermedizin, mit Leucht-Halsband, dem Kauknochen-Vorrat und zwei Hundertschaften Kot-Tütchen aus hauchdünner Folie. Und mit noch mehr Spielzeug.
Er schiebt die Tür auf, drängt resolut mit ins Bad, versucht mich mit Blicken zu hypnotisieren, und entschließt sich wieder zur erfolgversprechenden Im-Weg-liege-Taktik. Auf sein Futter hat der normalerweise durchaus verfressene Kerl mit dem schwarzen Fell um diese Zeit und, mehr noch, unter diesen aufregenden Umständen wenig später gar keine Lust. Er schnüffelt nur kurz daran. Zum Glück findet er Zeit, zwei sehr große Abschieds-Seen in den Garten zu setzen, ehe er den Tintenfisch packt und zur Haustür läuft. Sein Blick fragt: »Wann geht es denn nun los?« Und derselbe Blick sagt: »Natürlich komme ich mit!« Natürlich, denn ohne wäre ja doof.
Er trampelt vor der Autotür unruhig von einem Bein aufs andere, als ich ihm das Korsett anlege, an dessen Halterung wenig später der Hunde-Sicherheitsgurt befestigt wird. Und endlich sind letzte Zweifel zerstreut: Er ist drin, die Tür ist zu. Und der Tintenfisch liegt direkt neben ihm. Hoover schläft sofort. Fünf Stunden lang tief und fest. In Höhe der Eifel wacht er auf, reckt und streckt sich, legt kurz vorm ersten ohnehin notwendigen Tankstellenstopp sein Köpfchen auf meine Schulter und lässt es immer schwerer und schwerer werden. In der Hoover-Sprache bedeutet das: Der nächste Rastplatz ist meiner. Ich muss mal. Kein Problem, ich auch.
Boxenstopp in der Eifel
Was Hoover bereits als Kleiner gelernt hat, nachdem er ein paar Mal zu übermütig war und umgehend wieder ins Auto zurückgekrempelt wurde: Das Signal, herausspringen zu dürfen, ist nicht die geöffnete Wagentür, auch nicht das befreiende Klicken des Hunde-Sicherheitsgurts, sondern erst das Kommando »Jetzt komm!«. Er hält sich dieses Mal bravourös daran, obwohl er enorm aufgeregt ist. »Deswegen also«, scheint sein Blick zu sagen. »Wegen dieses Parkplatzes mit dem Wäldchen links und dem noch kleineren rechts vom Auto! Deshalb sind wir so früh aufgestanden, so viel gefahren! Hier machen wir Urlaub!«
Er scheint nicht sonderlich wählerisch zu sein, springt erst vor Freude an mir hoch, dann ein paar Mal mit allen Vieren gleichzeitig in die Luft – um sich schließlich zu erinnern, was ihm vor einem Moment noch so wichtig war: Er macht erst mal einen See an den erstbesten fast entlaubten Haselnussstrauch und ist gleich danach kaum zu halten. So spannend findet er es hier, so viele neue Gerüche scheint er aufzusaugen, einzusammeln geradezu.
Ob ich mich auch so freuen würde, wenn ich Hund wäre? Wenn ich zweieinhalb Jahre alt wäre? Die Welt entdecken wollte? Und nicht wüsste, dass es schönere Ziele als einen rappeligen und an diesem Dezember-Sonntagmorgen fast geisterhaft leeren Autobahnrastplatz an der A1 gibt? Wenn ich nicht wüsste, dass wir noch 1800 Kilometer vor uns haben und der Sonne und dem Frühling entgegen reisen wollen? In ein Ferienhaus hoch über einem Orangenhain, von der Veranda aus mit Blick aufs drei Kilometer Luftlinie entfernte Meer, auf diesen breiten blauen Streifen da am Horizont direkt unterhalb des Himmels? In ein Häuschen mit Pool in einer Sackgasse am Rande der Wildnis, wo man weit und breit eher eine Schafherde trifft als einen Trucker mit halb offener Hose auf dem Weg zum Rastplatz-Klo? Ich beschließe, mich mit Hoover zu freuen: über ihn, übers Beinevertreten, aufs Frühstück und zwei Becher Tee aus der Thermoskanne. Und auf die Weiterfahrt, auf nach und nach wärmere Temperaturen, auf den Duft der Provence am späten Nachmittag, den Seewind im Süden des Languedoc-Rousillon am Abend. Und auf Spanien!
Er ist immer noch ganz euphorisch, scheint sich mit noch mehr Glückssprüngen und mit sehr herzlich gemeinten Anschlabber-Attacken für die Auswahl dieses tollen Ferien-Rastplatzes bedanken zu wollen und schaut zwischendurch nur kurz etwas irritiert, als ein Motorrad im Vorbeirasen eine Fehlzündung verursacht. »Der Hund ist schussfest«, würde es im immer etwas seltsamen Jäger-Jargon heißen und nicht etwa meinen, dass er kugelabweisend wäre, leider, sondern dass er sich nicht erschrickt, wenn es knallt.
Zwei im Akkord leer getrunkene Wassernäpfe und eine nachgeholte Hundsmahlzeit später kann Hoover sein Schicksal nicht fassen. »Was denn?«, sagt der Blick, als ich ihm das Korsett für den Sicherheitsgurt wieder umlege. »Doch nicht hier Urlaub machen, wo so viele Hunde ihre Nachrichten ins von Raureif überzogene Gras geschrieben haben und es noch so viel zu erschnuppern gibt? Haben wir womöglich ein noch tolleres Ziel?« Kurz überlegt er, dann lässt er sich darauf ein, dass ich das in unser beider Sinne entschieden haben werde, und springt wieder in den Wagen. Wir setzen Kurs Richtung Luxemburg.
Hund ohne Handy
Wie gut, dass es auch in Luxemburg Tankstellen gibt. Und dass Tankstellen Toiletten haben, denn wer zwei Becher Tee trinkt oder zwei Näpfe leer schlabbert, kommt nicht allzu viel weiter. Kaum hundert Kilometer, und dann gibt es keine Wahl. Erst hat Hoover auf einem Grünstreifen Druck abgelassen, dann bin ich auf dem Tankstellenklo dran – und bedauere das erste Mal, dass Hunde keine Handys haben. Sonst hätte ich ihn angerufen und gebeten, im Kassenhäuschen eine eilig hingebellte Nachricht loszuwerden: dass die verdammte Tür des Mini-Waschraums zwar mit Hilfe des mit Draht an einer leeren Öldose befestigten Schlüssels zu öffnen war, aber in Gegenrichtung ziemlich wenig geht. Der Türdrücker klemmt, will nicht mehr nach unten gehen, und mit dem Schlüssel ist dabei auch nichts zu wollen. Ich sitze im Waschraum der Tankstelle fest, mit Tür zur Straße statt zum Kassenbereich mit den Süßigkeits- und Zeitschriftenregalen.
So bleibt mir nur, erst zu rütteln, zu zerren, zu drücken, noch mal in aller Ruhe, dann wieder die etwas gröbere Variante. Nichts geht.
Ich versuche es schließlich mit osteopathischen Techniken: hier ein gewisser Druck mit dem Knie gegen den Rahmen, dann mit der Hand den Drücker erst versuchsweise leicht anheben. Das klappt! Nun herunterdrücken, mit der anderen Hand im selben Moment gegen den Beschlag stemmen. Das gelingt auch – und prompt fällt die Tür auf. Endlich! Zum Glück!
Und auf der Weiterfahrt male ich mir aus, wie Hoover mit einem Mobiltelefon umginge. Wahrscheinlich wäre es eher ein Smartphone in iPad-Größe. Mit ausreichend Fläche eben, um mit der rechten Vorderpfote Tasten zu drücken und zu wischen. Ob er SMS-Mitteilungen oder WhatsApp-Nachrichten an andere Hunde schriebe? Ob man auf Tastendruck vielleicht sogar vorprogrammierte Kläff-Tonfolgen verschicken könnte? Manchmal mache ich mir solche absurden Gedanken, weil ich mich an den slapstickhaften Bildern erfreue, die dann vor meinem inneren Auge entstehen.
Hoover jedenfalls hat weder von meinem Missgeschick noch meiner Aufregung etwas mitbekommen, wartet seelenruhig auf der Rückbank des Autos auf dem Tankstellenparkplatz und begrüßt mich beim Einsteigen so herzlich wie eh und je bei solchen Gelegenheiten. Ohne sein festgeklicktes Sicherheitsgeschirr wäre er inzwischen über die Schutzabhängung nach vorne geklettert und hätte pflichtbewusst auf dem Fahrersitz Platz genommen – weil einer den Chef bei Abwesenheit ja vertreten und Verantwortung übernehmen muss. Und weil so ein Auto so viele Knöpfe und Hebel und dazu noch ein in der Mitte der linken Hälfte angebrachtes Rad zum Festhalten hat, dass man all das nicht einfach sich selbst überlassen kann, sondern auch bei Stillstand überwachen sollte. Und da Hoover in seiner Wahrnehmung die Position nach dem Chef besetzt und jener Chef sich gerade im Tankstellen-Klo eingesperrt hatte, hätte er übernehmen müssen.
Glücklicherweise müssen wir unsere interne Hackordnung nie neu ausfechten. In der Hundspubertät war das anders. Da hat er durchaus versucht sich emporzuarbeiten und die Akzente zumindest ein wenig zu verschieben. Mehr als einmal. Jetzt gilt die Formel: Er darf viel. Er darf sich auch mal etwas herausnehmen. Er darf mich foppen, er darf frech sein und wir sind super Kumpel. Aber er darf nicht alles. Wenn eine klare Ansage kommt, gilt sie. Sofort. Und dann kommt sie von mir, nicht von ihm. Das weiß er und daran hält er sich. Mit einer Ausnahme.
»Bei Fuß« will er sich partout nicht merken. Für diese blödeste aller Anweisungen hat er zu viel Temperament. Ich bleibe inzwischen einfach stehen, wenn die Leine stramm ist, und sage nichts. Weiter geht es erst, wenn er wieder exakt auf meiner Höhe neben mir steht. Er findet das unfassbar nervig und manövriert dann inzwischen meist im Rückwärtsgang in die geforderte Position. Manchmal stöhnt er dabei. Und mehr als einmal hörte ich Passanten sagen: »Huch, guck mal, ein Hund, der rückwärts gehen kann!« Meistens reagiere ich nicht darauf oder lächele kurz. Denn dieser Hund, der rückwärts gehen kann, ist in meiner Wahrnehmung in solchen Momenten eher einer, der noch immer nicht bei Fuß gehen kann. Oder will. Mehrere groß angelegte Feldversuche jedenfalls haben gezeigt: Die Worte versteht er ganz genau und füllt sie auch richtig. Er will nur nicht. Weil ja fünfzehn Meter weiter vorne gerade etwas Spannendes geschehen könnte und er doch besser schon jetzt genau dort aufgehoben wäre.
Was ganz toll ist: Manchmal scheint er zu fragen, ob er etwas darf. Ob das, was er da gerade im Schilde führt, ausnahmsweise okay ist, obwohl es haarscharf an den Bereich des Verbotenen grenzt. Fällt mir beim Essenzubereiten in der Küche etwas Appetitliches herunter, stürzt Hoover herbei und bremst dreißig Zentimeter vor dem Objekt der Begierde abrupt, um mir direkt ins Gesicht zu schauen. Sage ich »Is’ gut«, dann nimmt er sich, was da unten liegt, ob es ein bisschen Hack (irgendwie akzeptabel, etwas fleischig im Geschmack) oder ein Stück Karotte (großartig und mit besonderer Begeisterung aufgesogen) oder eine einzelne Nudel (in der Konsistenz seltsam; wird deshalb zur näheren Untersuchung abtransportiert) ist. Oder wenn er im Übermut einen Gäste-Schuh abtransportieren will, obwohl das illegal ist: Entweder stoppt er mit den Zähnen millimetergenau oberhalb des Schuhs und luschert mich aus den Augenwinkeln an oder er greift ihn und schaut mich wiederum direkt an, um sich unmittelbar vorm Abtransport zu erkundigen, ob das diesmal nicht vielleicht doch klar geht, weil der Besuch das lustig finden könnte. Sage ich »Is’ gut« oder »Dann lauf«, ist die Freude groß und er entschwindet mit lauter dicht hintereinander gereihten kleinen Bocksprüngen. Kommt aus meinem Mund ein lang gezogenes »Neeeiiinnn« oder ist der Blick über den Rand der Lesebrille streng, lässt er ab von seinem Plan. Das klappt zwischen uns ganz wunderbar.
Diesmal gibt es nichts weiter zu regeln. Ich bin zurück, er sitzt auf der Rückbank. Getrunken hatte er gerade, einen kurzen Spaziergang gemacht auch. Also zurück auf die Autobahn und Start frei zur langen Etappe quer durch Frankreich gen Süden. Mit Tempomat und Hörbuch. Und fast niemandem sonst auf der teuren Maut-Piste. Hoover grunzt einmal kräftig, wirft sich der Länge nach auf die Rückbank und schaltet wieder in den Winterschlafmodus. Sein Vorgänger, ebenfalls ein Flat Coated Retriever, brauchte da hinten mehr Auslauf und gewährte ihn sich auch. Von Welpentagen an ließ er sich über die seitliche Stoffbahn der Sitzabhängung fallen und zog es vor, abwechselnd im Fußraum hinter Fahrer- oder Beifahrersitz oder – der allerbeste Platz – auf dem schutzbedürftigen Sitzpolster direkt unter der Abhängung zu campieren, trotz arg in die Länge gezogenen Hunde-Sicherheitsgurts. Er hatte da seine Tricks und Techniken.
Hoovers selbst auferlegte Beschränkung auf die offizielle Liegefläche gab mir die Chance, das Auto für die vielen Wochen umso voller zu laden und auch in den beiden Fußräumen noch Unterlagen, Bücher, originalverpackte Kauknochen und einen Extra-Sack der vertrauten Trockenfuttersorte zu transportieren.
Erst der Geruch meiner Bifi irgendwo knapp südlich von Dijon weckt ihn kurzfristig auf und ein immer schwerer werdender Hundekopf auf meiner Schulter signalisiert, dass davon doch mindestens ein paar Zentimeter schon grundsätzlich vom Hersteller für ihn speziell oder wenigstens für mitreisende Hunde im Allgemeinen vorgesehen sein müssen. Trotzdem esse ich die Mini-Salami alleine auf und reiche ersatzweise einen Kauknochen nach hinten durch. Davon ist jeder Zentimeter bereits ab Werk für Hoover und seinesgleichen gedacht.
Der Mineralwasser-Test
Das Nachbarland zieht in immer gleichem Tempo an uns vorbei und es kommt, wie es kommen sollte: Langsam wird es wärmer, grüner, südlicher. Die Form der Bäume wandelt sich. Auf der Höhe von Lyon und auf vielen Hundert Kilometern danach sind sie plötzlich kleiner und vom Wind geformt, landeinwärts gebogen. Viele sehen aus, als hätte man sie falsch herum eingepflanzt. Mit der Wurzel nach oben. Es sind vom Mistral modellierte Pinien. Neben ihnen wachsen einigermaßen flexible Zypressen, die immer dann kerzengerade dastehen, wenn es mal windstill ist, und sich bei Sturm um sechzig Grad zur Seite biegen können, ohne zu brechen oder irgendwann in dieser Position zu verharren. Die Luft wird milder, es riecht auch schon nach Süden. Und mancherorts reichen die Weinstöcke jetzt bis fast an die Autobahn heran.
Hoover befindet sich weiterhin im Winterschlafmodus, kaum dass der Wagen gleichmäßig rollt. Wann immer eine Autobahngebühr zu bezahlen ist, setzt er sich anfangs kurz auf, weil der Wagen plötzlich steht und die Fensterscheibe an der Maut-Station für einen Moment elektrisch herunterfährt. Beim dritten Mal interessiert ihn das nicht mehr sonderlich. Er hat registriert, dass der Vorgang weder mit Angekommensein noch mit einem tollen Spaziergang zu tun hat. Auch bei den Boxenstopps ist er nicht mehr ganz so euphorisch wie beim ersten Mal, als wollte er lieber erst mal abwarten, ob das nun wirklich das Ziel ist. Dabei ist es genau genommen ja gar nicht schlimm, sich zu früh zu freuen. Eigentlich gilt das grundsätzlich im Leben. Denn das bedeutet nur, dass man sich einmal mehr freut. Jedenfalls so lange die vielen kleinen (Vor-)Freuden nicht mit Enttäuschungen verbunden sind.
Irgendwann sind seine reichlich bemessenen mitgeführten Wasservorräte erschöpft – ausgerechnet auf einem kleinen südfranzösischen Rastplatz ohne Zapfhahn, irgendwann in der Abenddämmerung. Es bleibt nur, Hoover etwas von meinem Mineralwasser in den Trinknapf zu füllen. Mit Kohlensäure. Leider. Und kaum, dass die Zunge mit den ersten Blubberblasen dieses höchst seltsamen und irgendwie angriffslustigen Wassers in Berührung kommt, macht er einen rasanten Satz rückwärts, zur Sicherheit mit allen Vieren gleichzeitig. Und in derselben Sekunde bellt er ein einziges Mal lautstark und tieftönig auf.
Jetzt schaut er aus anderthalb Meter Sicherheitsabstand auf seinen Trinknapf, der aussieht wie immer. Wie das ganze bisherige Hundeleben lang, als das Wasser noch nicht diesen seltsamen Blubb hatte. Er schleicht sich an, duckt sich dabei, schnüffelt hörbar. Und wagt erneut, zum Trinken anzusetzen. Dreimal wiederholt sich das Spiel mit dem Satz rückwärts und dem einzelnen Beller. Im Laufe der Zeit scheint er Spaß an dem Experiment zu finden, steckt die Nase ins Wasser, atmet dabei aus, macht noch mehr Blasen, springt wieder und ruft dabei etwas, das kaum anders klingt als ein menschliches »Huch!« oder »Hach!«. Und am Ende trinkt er doch – zwei große Schlucke, dann macht er wieder diesen Satz und gleich danach noch zwei Sprünge. Und wäre nicht selbst die Laufleine auf acht Meter limitiert, es kämen noch ein paar Sätze hinzu.
Er entscheidet sich für ein Tänzchen, springt auf den Napf zu, bellt, knurrt, schubst das Blech-Behältnis mit der Pfote. Erst einmal, dann immer resoluter. Er haut auf den Rand, springt wieder zurück und mit dem nächsten Satz wirft er die Schale um – um dann versuchsweise aufzulecken, was längst im Sandboden des südfranzösischen Rastplatzes versickert. Was für ein unerwartetes Abenteuer! Aber irgendwie ist es nicht sein Lieblingsgetränk, dieses Blubberblasenwasser. 150 Kilometer müssen wir beide noch ausharren, dann sind wir im Zwischenübernachtungs-Hotel. Mit Wasserhahn, mit Restaurant, mit Garage sogar. Und mit Bett.
Bett mit Gebühr
Hoovers Vorgänger durfte zuhause anfangs nicht ins Bett – und anderswo sowieso nicht. Bis meine damalige Freundin ihn einlud und ich feststellte, dass diese Nähe nicht nur ganz natürlich, sondern auch Ausdruck von Vertrauen ist. Und dass mein Hund kein Hofhund, sondern ein Haushund war. So ein besonderer wie Hoover. Mit ganz besonderer Bindung.
Hoover durfte schon als ganz kleiner Welpe ins Bett, als ans aktive Zusteigen noch nicht zu denken war und er noch hereingehoben werden musste. Das hatte auf Anhieb Vorteile, weil er dort anders als in seinem Körbchen richtig gut schlief und nur noch halb so oft mitten in der Nacht in den Garten musste. Und weil es bei Hunden nicht anders ist als bei Kindern: Je mehr davon nach und nach ins Rennen gehen, desto großzügiger wird man in der Erziehung.
Trotzdem gilt diese Regel: Er steigt als letzter zu und auch dann erst auf das Kommando »Jetzt komm«, nie auf eigenen voreiligen Beschluss. Und erst recht nicht alleine. Ohne Mensch auf der Pritsche ist das Bett tabu für den Hund.
Bei seinem ersten Hotelaufenthalt nach einem langen Fahrtag in der Nähe von Perpignan sieht er das plötzlich ganz anders. Von den zwei Einzelbetten im Hotelzimmer sucht er sich, kaum dass wir den Raum betreten haben, das linke aus, springt drauf, schaut mich ganz kurz an, eher beschließend als fragend. Dann wälzt er sich auf der angejahrten Tagesdecke und strampelt mit allen Vieren in der Luft. Glücklich darüber, dass wir endlich irgendwo angekommen zu sein scheinen, wo wir wenigstens ein bisschen bleiben.
Aus dem Kommando »Runter!« wird in der letzten Millisekunde, bevor ich es ausspreche, ein im Ton ebenso wie inhaltlich wesentlich freundlicher aufgestelltes »Ach, ist ja auch egal«. Und gleich danach: »Schließlich hast Du bezahlt«. Denn tatsächlich hat die Rezeptionistin ein Stockwerk tiefer keine drei Minuten zuvor zehn Euro Aufpreis für den Hund kassiert. Den muss er auch erwohnen dürfen – abwohnen nicht unbedingt, aber erwohnen schon. Selbst in einem derart winzigen Zimmer mit kaum mehr an Ausstattung als diesen zwei Betten und einem Duschbad mit Toilette. Und mit unbegrenzt viel Leitungswasser aus dem Hahn, ganz ohne Blubberblasen.
Das Hotelzimmer verteidigen
Meistens ist es ein Vorteil, wenn das Hotelzimmer nicht direkt ans Treppenhaus oder den Fahrstuhl grenzt. Vor allem dann ist das sinnvoll, wenn diesseits der mit dunkelblauem Kunststoff in mäßigem Schick furnierten Spanplatte mit dem Plastikgriff, die hier als Zimmertür fungiert, nachts ein ausgewachsener Flat Coated Retriever auf dem Bett sitzt und erst tieftönig knurrt, dann sogar ein, zwei sonore Bell-Töne absondert, sobald irgendwer oder irgendetwas draußen auf dem Korridor vorbeischlurft, sich womöglich sogar räuspert, gar spricht oder, ganz fatal, unsere Plastiktür streift!
In diesem Etappenhotel jedenfalls wird der superfriedliche Hoover zum aufmerksamsten Wachhund der Welt, der jedem Hotelflurpassanten sofort und völlig zweifelsfrei signalisiert, dass dies hier für diese Nacht unser Zimmer ist. Dass er hier residiert und nicht gedenkt, eine Sekunde unaufmerksam zu sein oder in wohl verdienten Tiefschlaf zu verfallen. Denn er ist hier, um Herrchen und unser Hab und Gut – insbesondere die Tüte mit den abgepackten Reiseportionen seines Futters – zu bewachen. Und er ist hier, um sicherzustellen, dass wir unsere Weiterreise morgen früh mit sämtlichen Habseligkeiten einschließlich Plüsch-Tintenfisch der zweiten Generation und Stoffente antreten werden. Und natürlich mit meinen paar Sachen. Um den größten Hundsurlaub aller Zeiten anzutreten und ein Ziel anzusteuern, das noch toller sein muss als der beste Autobahnrastplatz in der Eifel. Obwohl ich wohlweislich um ein Zimmer an Ende des Korridors gebeten und auch eines der hintersten Quartiere zugeteilt bekommen hatte, gibt es offenbar noch weiter hinten an der Fluchttreppe Kammern. Jedenfalls ist auf dem Flur im Laufe der Nacht ganz schön was los. Mal sind es bloß Schritte, dann klingt es so, als zöge jemand eine ganze Flottille Rollkoffer hinter sich her und rempele nebenbei mit einem Rucksack immer wieder gegen die Wände.
Hoover springt vom Bett, baut sich direkt hinter der Zimmertür auf und lässt Geräusche erklingen, von denen ich bis dahin nicht wusste, dass er sie irgendwo in der Tiefe seiner Kehle erzeugen kann. Und dass er es will. Irgendwie bin ich gerührt, rolle mich aus dem Bett, schlurfe die zweieinhalb Schritte bis zu ihm, lobe und streichele ihn. Sofort wedelt er wie wild, will mich abschlabbern, um gleich darauf den Kopf schief zu halten, konzentriert zu horchen und noch mal zu knurren.
Später in der Nacht scheint jemand mit Hund ein- oder auszuchecken. Und das Exemplar wefft zwei-, dreimal im Flur. Wieder ist Hoover sofort hellwach und antwortet, halb in einem Tonfall, der nach »Hier ist Verstärkung, sag Bescheid, wenn Du Hilfe brauchst« klingt. Und zur anderen Hälfte schwingt mit: »Meine Tür. Mein Zimmer. Mein Herrchen. Meine Entensammlung. Weitergehen ist sicherer.« Ich muss schmunzeln. Und endlich ist nichts mehr. Wir schlafen für den Rest der Nacht tief und fest. Ich erhole mich von den Strapazen der Fahrt und all der Konzentration hinterm Steuer, Hoover erholt sich vom Kräfte zehrenden Schlafen auf der Rückbank während des langen Fahrttages. Bis von irgendwoher ein Hahn kräht, ich die Gardine aufziehe, draußen ein paar Pinien und Zypressen im Vordergrund und die Ausläufer der Pyrenäen im Hintergrund sehe. Ich öffne das Fenster, rieche den Süden. Und Hoover springt an der Fensterbank hoch, schaut ebenfalls und bläst die Nasenflügel richtig auf. Was er einatmet: Frühlingsluft, während zuhause gerade Schnee fällt.
Einer muss den Hund nehmen
Kaum dass wir angekommen sind und eine Nacht geschlafen haben, geht es schon wieder weiter. Ich greife nach Tüten, Taschen, Rucksack, habe zuvor Futternapf und Wasserschale wieder verstaut, um unser Hab und Gut wieder hinunter zum Auto zu schleppen. Hoover schaut mir direkt ins Gesicht, und seine Pupillen scheinen sich zu zwei großen Fragezeichen zu verformen. Was kann bloß unser Ziel sein? Haben wir überhaupt eines? Wofür all die Winterschlafstunden auf der Rückbank, die Bifis, die Kauknochen und die vielen Kurz-Stopps an den Kassenautomaten der Maut-Autobahn? Er ist irritiert. Und er ist aufgeregt, wedelt, dreht sich im Kreis, fürchtet, schon wieder vergessen werden zu können – zumal ich gar keine Hand mehr frei habe, um auch noch die knallrote Leine zu greifen, die er bei all seinen Drehungen hinter sich her rotieren lässt.
Ich sage »Aber einer muss den Hund nehmen« und leite so unseren neuesten gemeinsamen Spaß ein. Hoover ist sofort voll konzentriert, schaut mich wieder fragend an, ob nun auch der nächste Satz folgt, der zu diesem Spielchen gehört. Und da ist er auch schon: »Nimmst Du den Hund?«, frage ich und sofort fasst er mit den Zähnen in die Schlaufe der Leine und führt sich selber. Sind Zuschauer dabei, ernten wir damit immer einen kleinen Lacherfolg. Noch kurzweiliger ist es geworden, seit Hoover die Nummer erweitert hat und die Leine unaufgefordert noch mal kurz fallen lässt, um sie in erstaunlicher Geschwindigkeit in drei exakt gleich lange Elemente zusammenzulegen, die er dann wiederum mit dem Maul greift. Nichts hängt jetzt mehr durch, nichts schleift über den abgewetzten Teppichboden. Er hat sich selber an der kurzen Leine. Manchmal nimmt er auf dasselbe Kommando hin die Leinen anderer Hunde ins Maul und zerrt die Artgenossen sehr resolut durch Feld und Flur. Es scheint, als ob es sich sehr förderlich auf sein Selbstbewusstsein auswirkt, ihm derlei Verantwortung zu übertragen. Und sei es für einen Moment.
Jetzt brauche ich nur noch einmal kurz zu horchen, ob auf dem Hotelflur gerade freie Bahn ist, sage »Aber schön hier bleiben« und öffne die Zimmertür. So diszipliniert wie niemals, wenn ich die Leine halte, trabt er nun neben mir her, sichtbar stolz, dass er sich um diesen großen schwarzen Hund kümmern darf, um diesen Flat Coated aus dem Norden auf großer Fahrt. Um sich selbst.
Erst knapp diesseits der Tür zu Lobby und Rezeption sortiere ich im Gehen das Gepäck um, hangele dann mit der frei gewordenen Hand nach seiner Leine, sage »Und jetzt nehme ich aber wieder den Hund«, bekomme die Strippe bereitwillig ausgehändigt und checke aus.
Ehe wir weiterfahren, steht nur noch ein kurzer Spaziergang unter Pinien durch den kleinen Park nebenan auf der Tagesordnung, damit aller Ballast aus Hundeblase und Hundegedärm vor der Weiterfahrt noch eben der Natur überantwortet werden kann.
Der Blechmann hinterm Rasthof
Der Hinweis »Da sind ja Leute!« oder auch die Variation »Guck mal, da kommen Leute!« gehört zu Hoovers umfänglichem passiven Wortschatz. Ist eine Tür oder eine Scheibe zwischen jenen Menschen und ihm, bellt er, durchaus wachsam und tieftönig. Trennt jene Fremden und ihn baulich nichts und klingt meine Bemerkung eher erfreut als besorgt, dann begrüßt er sie und gemeindet sie geradezu herzlich in unsere kleine Familie ein. Nicht jeder Betroffene ist darüber glücklich und meistens versuche ich zu verhindern, dass Hoover sein volles Leute-Eingemeindungsprogramm spontan entfaltet.
Es besteht daraus, begeistert und oft mit Anlauf oder mit eindrucksvollem Abtritt an den Personen hochzuspringen, um sie gleich zur Begrüßung seiner dauerhaften Zuneigung zu versichern und als Beweis dafür im Gesicht anzuschlabbern, bei wiederholtem Wiedersehen, positiven Erinnerungen oder ganz besonderer Liebe auch feinmotorisch sehr geschickt am nächst erreichbaren Ohr zu knabbern.
Vorlieben im Detail, ob eher links oder rechts, habe ich dabei bisher nicht beobachten können. Und zugeben muss ich leider, dass selbst im Freundeskreis nicht jeder glücklich oder auch nur ausreichend standfest ist, wenn einem ein 33 Kilo schwerer Retriever in einem Anflug entfesselter Herzlichkeit in die kaum jemals rechtzeitig ausgebreiteten Arme springt. Mit anderen Worten: Es geht alles sehr schnell und fällt meist sehr intensiv aus.
Entsprechend vorsichtig bin ich mit der »Leute!«-Bemerkung geworden und entsprechend hellseherisch versuche ich zu erahnen, wer womöglich gleich um irgendeine Ecke biegen könnte, und ob es nicht doch sinnvoller sein würde, Hoover deshalb kurz zu halten oder gar zusätzlich zur Leine in der linken die rechte Hand mäßigend auf seinen Rücken zu legen oder vor die Brust zu halten und langgezogen, möglichst sonor und irgendwie meditativ »Waaarte« zu sagen. Wir sind da inzwischen ganz gut eingespielt und die meisten Begegnungen laufen im Wesentlichen so ab, wie ich mir das vorstelle.
Falls doch mal etwas schief geht und jemand entsetzt schaut, nachdem Hoover unverhofft an ihm hochgesprungen ist und einen Hundskuss ins Gesicht gedrückt hat, versuche ich die Situation so einzufangen, indem ich mich an Hoover wende und sage: »Na, das ist ja ein Ding, diese Leute hast Du ja auf Anhieb superlieb, das müssen ganz besondere Leute sein!« Zugleich gewinne ich damit seine Aufmerksamkeit und ausreichend Sekunden, um ihn wieder unter Kontrolle zu bringen. Bei den Betroffenen wandelt sich der Gesichtsausdruck meist schnell von blankem Entsetzen zu gewissem Stolz, derart auserwählt zu sein und offenbar eine sehr positive Ausstrahlung auf Hunde zu haben. Jedenfalls auf diesen. Und ein Lächeln stellt sich dann auch recht bald ein. Die Alternative ist, die Leute direkt anzusprechen und die alten Hundebesitzer-Lügen »Der tut nix« und »Das hat er noch nie gemacht« ein wenig abgewandelt zum Einsatz kommen zu lassen: »Der mag Dich auf Anhieb total, hat Dich sofort lieb sogar! Das macht er nur ganz, ganz selten! Wow!« Meistens kommen wir damit durch.
Bei einem Blechdenkmal im Hotelpark aber, denke ich kurz, kann nicht viel schiefgehen. Und so früh am Montagmorgen nicht weit von der französisch-spanischen Grenze mit allerlei Pyrenäengipfeln am Horizont kann auch noch keiner im Garten unterwegs sein, der sich an Schwung und Lebensfreude eines extrovertierten jungen Hundes stört. So weit die kurze, knappe Reflexion. Und so rutscht mir der Hinweis »Guck mal, da sind ja Leute« heraus, als ich ein in irgendwelches Metall gegossenes hageres Männlein mit angedeuteter Latzhose und Helm sehe, das dort erstarrt auf einem Sockel in den Rasen eingelassen ist.
Ich habe nicht geahnt, was das bei Hoover entfesselt. Schneller als ich reagieren kann, bringt er dem schmächtigen Metall-Herren seine Zuneigung entgegen, röppelt die lange Laufleine ab und steht nach einem Fünf-Meter-Spurt aufrecht an der erschreckend realistisch geratenen Skulptur, um ihr ein, zwei herzliche Begrüßungsschlabberer ins kühle Gesicht zu kleben.
Die Silhouette muss er selbst ohne jede Gestik, ohne Mimik und ohne Körperwärme erkannt haben. Und weil er durch Menschen noch nie etwas Übles erlebt hat und wir uns ja im Großen gesehen sowieso alle dieselbe Welt zur selben Zeit teilen und das im Kleinen auch für das Rasenstück neben dem Hotel im Rousillon hier in der südfranzösischen Provinz gilt, fällt jene Begegnung sehr herzlich aus. Wenn auch gänzlich einseitig.
Ich rufe so etwas wie »Hey« und »Halt« und »Hierher, zurück«, um die Lage möglichst ebenso schnell wieder unter Kontrolle zu bekommen, wie sie einen Moment vorher eskaliert ist. Hoover unterdessen lässt seinerseits von dem nicht sonderlich empathischen Herrn ab, bei dem es sich laut gestanzter Blechplakette am keine zehn Zentimeter hohen Sockel um das Ehrenmal für die am Bau der Autobahn beteiligten Arbeiter handeln soll. Ich muss lachen. Nicht über das seltsame Denkmal, das von der Größe her eher wie ein Mahnmal gegen Kinderarbeit wirkt, sondern über meine Arglosigkeit. Über mein Tier. Über die Situation an sich. Und ich bin froh, dass gerade niemand zu sehen ist. Und uns hoffentlich umgekehrt auch niemand gesehen hat. Und ganz besonders darüber, dass sich das Männlein als standfest erwiesen hat, offenbar gut auf seinem Sockel festgedübelt ist.
Wir fahren besser weiter. Noch gut 650 Kilometer sind es bis zum herbeigesehnten Ferienhaus im unmittelbaren Hinterland der Costa Blanca. Mit Hund auf der Rückbank, fürs Erste wieder lang ausgestreckt und im Winterschlafmodus, den er in der Sekunde nach Betreten des Fahrzeugs angeknipst hat.
Terrain markieren – endlich angekommen
Wahrscheinlich strahle ich kurz vorm Ziel plötzlich diese Mischung aus Vorfreude und gewisser Anspannung aus, irgendwelche erweckenden Schwingungen. Jedenfalls sitzt Hoover ungefähr anderthalb Kilometer vorm Ziel plötzlich aufrecht auf der Rückbank und scannt in größter Aufmerksamkeit mit Blicken die gesamte Umgebung. Seine Nasenflügel vibrieren, als würde er filtern und analysieren, was da durchs inzwischen halb offene Fahrerfenster hereinströmt, und irgendein inneres Labor würde binnen Sekunden den Rosmarin-Anteil und das Orangenblüten-Duftvolumen ans Hirn durchgeben und zu dieser Erkenntnis verdichten: Es riecht hier gänzlich anders als zuhause.
Und es sieht auch ganz anders aus: in die eine Richtung Orangenplantagen ohne ein Hügelchen dazwischen bis zum drei Kilometer Luftlinie entfernten Mittelmeer, in die andere Richtung bis zu 800 Meter hohe Berge mit Pinien, mit Kiefern, in den tieferen Lagen mit Mandelbäumchen.
Auch die Temperatur ist im Hinterland der Costa Blanca gut 36 Stunden nach dem Aufbruch im steif gefrorenen Norddeutschland mit angenehmen 22 Grad und Sonnenschein ganz anders. Ein kleiner Sommer mitten im Winter.
Dass die Temperatur hier unter den Gefrierpunkt rutscht, kommt im Grunde nicht vor. Dass sie im Januar und Februar auf über 30 Grad steigt, auch nicht. Aber dazwischen ist alles drin. Es gibt Tage, da wird es kaum wärmer als acht Grad, und es ist nebelig. Und es gibt welche, da ist es 25 Grad warm. Die schöne Begrüßung jedenfalls ist eine nette Geste der Natur.
Irgendwo hier am Berg zwei Straßen und drei Haarnadelkurven weiter klebt das Ferienhaus am Hang, viel tiefer als die ein paar entscheidende Grad kühleren Gipfel, aber hoch über den Orangenbäumchen. Und mit bestem Blick aufs Mittelmeer, das sich als dunkelblaues Band den Horizont unter dem hellblauen Himmel entlangspannt.
Als endlich die Handbremse angezogen und der Motor ausgestellt ist, endlich die hintere Autotür aufgeht und schließlich auch noch das Haltegeschirr vom Hund gepellt und aus der Befestigung des Sicherheitsgurtes losgeklickt ist, gibt es für Hoover kein Halten mehr: Im Zickzack rast er die schmale Sackgasse am Hang entlang, 50 Meter runter, 100 Meter bergauf bis zur nächsten Kurve und dem übernächsten Nachbarhaus, hebt mal an einem Stück Granit, mal an einem Rosmarinstrauch das Bein, gleitet mit der Nase nur Millimeter über dem Boden entlang, um alle Gerüche der neuen Umgebung auf einmal aufzusaugen – und herauszufinden, ob hier wohl auch Hunde sein mögen.
Ich erkundige mich sicherheitshalber bei ihm: »Und sind hier auch Hunde?« Das letzte Wort kennt er. Er dreht sich dann einmal um die eigene Achse und schaut in alle Richtungen, ob er irgendwo einen Artgenossen entdeckt. Zu sehen ist gerade keiner, und nur aus der Ferne bellt der Wachhund des Orangenbauers irgendetwas auf Spanisch aus der Plantage ganz unten im Tal. Die Berge der Umgebung spielen mit dem Geräusch fangen, pritschen es noch ein paar Mal hin und her. Hoover horcht. Er springt an mir hoch. Und versucht am Ohr zu knabbern. Was das diesmal wahrscheinlich heißen soll? Vermutlich so viel wie »Hurra, endlich da« und außerdem »Ist das schön hier! Wir zwei in den Ferien! Das alles werden wir gemeinsam erkunden! Und ganz viele Hunde kennen lernen!« Aber als Erstes schließen wir das schwarze Gitter-Rolltor zur Einfahrt auf, inspizieren das weiß gestrichene Ferienhaus am Hang und räumen bald danach das vollgepackte Auto aus.

Hund am Abgrund
Zuhause wohnen wir zu ebener Erde. Insofern ist Hoover nach kurzer Analyse der hiesigen Wohnsituation mit zwei Schlafzimmern, Abstellkammer, Bad, Küche und großem Wohn- und Essbereich lediglich irritiert darüber, dass er von der Veranda aus zwar den perfekten Überblick über Straße, Einfahrt, Auto und Umgebung hat, aber eben nicht schnurstracks in die Pampa sprinten kann. Er schaut mich verwundert an und nimmt die Treppe offenbar nicht als Ausgang wahr, die auf die eine Etage tiefer am Hang liegende Terrasse mit Pool führt, obwohl er bei Freunden durchaus Treppen steigt. Für ihn ist diese Veranda ein Balkon. Und auch auf meine Freigabe »Na, dann lauf, is’ gut« und den Fingerzeig Richtung Treppe reagiert er nicht.
Ich muss vorgehen. Und selbst dann wartet er noch, bis ich heil unten angekommen bin, ehe er vorsichtig eine Pfote vor die andere setzt und erst auf dem letzten Drittel der Stiege plötzlich beschleunigt. Gleich danach springt er wieder begeistert an mir hoch, als müsse er den kleinen Triumph, es sich getraut und dann auch noch geschafft zu haben, sogleich feiern.
Wie zur Bestätigung rennt er dieselbe Treppe, die eben noch ein Problem war, gleich noch dreimal hintereinander rauf und runter, um sich anschließend ganz auf die Terrasse zu konzentrieren und jeden Winkel abzuschnaufen. Bis er sich anderthalb Meter weit auf die vielleicht vierzig Zentimeter breite und aus so etwas wie schweren, breiten Gehwegplatten gebaute Balustrade des nierenförmigen Schwimmbads verirrt hat. Das an sich ist kein Problem, denn sie ist nicht nur begehbar, sondern durchaus auch als Weg gemeint, auf dem man den kleinen Pool umrunden kann. Ein schwarzes Gitter, das um die Hälfte höher als der Hund ist, sichert den Rand zum Abgrund hin ab. Und da hier einiges an Hang auszugleichen war, geht es vom Rand der Balustrade mehr als zwölf Hundshöhen in die Tiefe – etwa acht Meter –, ehe da unten wieder Macchia-Bewuchs mit Rosmarin, Disteln und einem kleinen Olivenbäumchen folgt.
Dieses Szenario scheint ihm plötzlich gewahr zu werden. So freudig er auf jene Balustrade gesprungen und losgelaufen ist, so unvermittelt bremst er, als er jetzt die mögliche Fallhöhe erkennt. Und nun steht er völlig versteift da und rührt sich nicht mehr. Kann nicht vor, nicht zurück. Er zittert. Aus eigenem Entschluss schafft er es in keine Richtung mehr. Kein Rufen hilft, zu keinem Rangieren kann er sich durchringen. Erst blickt er noch zur Seite durchs Geländer hindurch Richtung Abgrund, bald nur noch senkrecht auf die Platten. Ich muss aus der anderen Richtung um das große Planschbecken herum angelaufen kommen, ihm gut zureden und mit viel Kraft erst das eine Vorderpfötchen vom Boden lösen und zehn Zentimeter weiter hinten wieder abstellen, dann das andere, und ihn so Stück für Stück zurück manövrieren, bis er endlich nicht mehr zittert und sich den letzten halben Meter bis zu Terrasse selber zurückzieht.
Was für einen Schreck muss er bekommen haben. Und wie erleichtert er nun wirkt. Und was für einen Sicherheitsabstand der eigentlich so wasserbegeisterte Hoover nun vom Pool und der Balustrade hält! Fehlt nur noch, er signalisiert mir, dass er den Urlaub von nun an doof finde und jetzt nachhause fahren wolle. Ich beschließe, ihm die Gefahrlosigkeit jener Brüstung zu demonstrieren, und setze mich im Schneidersitz mit dem Rücken zum Geländer und damit zum Abgrund oberhalb der tiefsten Stelle hin. Er schaut geschockt – aus sicherem Abstand. Und überlegt wohl, wie er mich retten könnte, wenn er denn müsste. Ich stehe wieder auf, schlendere zweimal auf der Brüstung um den Pool und jogge ein drittes Mal denselben Weg entlang. Das reicht, um es ihn völlig unaufgefordert doch noch mal ausprobieren zu lassen.
Hoover schleicht sich an, traut sich nun wieder auf die Platten der Poolumrandung, setzt einen Schritt vor den anderen, erst ganz vorsichtig, dann in normalem Tempo. Und bald immer schneller. Seine Rute, die anfangs ängstlich herunterhing, ist nun wieder auf Normalposition. Der Knoten scheint geplatzt, sein Experiment geglückt: Man kommt hier tatsächlich aus eigener Kraft und ohne zusätzliche Sicherung entlang, ohne dass etwas geschieht!
Und er wäre nicht Hoover, würde er nicht gleich wieder vor Begeisterung überschäumen. Und vor Temperament. Deshalb nimmt er die Runde jetzt im Galopp, danach sofort die zweite. Und dann das: Er rutscht in Schräglage in der Kurve aus vollem Lauf aus und platscht mit viel Krach und reichlich Spritzern in den Pool. Ich muss lachen, und gleichzeitig bin ich erschreckt. Denn die Brüstung ist von der Wasserseite aus für einen schwimmenden Hund zu hoch, als dass er sich dort aus eigener Kraft wieder mit den Vorderpfoten heraushebeln könnte. Jetzt laufe ich zu der Stelle, von der aus drei gemauerte Treppenstufen ins Becken hineinführen, knie mich dort hin, rufe ihn. Er kommt mit einer Schleppe aus reichlich Spritzwasser angeschwommen, steigt über die Stufen als einzig möglichen Ausgang wieder aus dem Wasser, um sich gleich darauf unmittelbar neben mir so gewaltig zu schütteln, als könnte er das eigene Fell mehrfach und ganz schnell hinter einander um den eigenen Leib rotieren lassen.
Die Sache hat Wirkung. Er ist fast aus dem Stand wieder trocken. Und ich bin klatschnass. Macht nichts. Bei 22 Grad an einem Frühsommertag im Januar ist das nicht schlimm. Hoover unterdessen findet das alles nun sichtbar lustig, hat die Oberfläche der langen schwarzen Schnauze in Falten gelegt, als würde er grinsen.
Er wird die ganze Reise über nie mehr geordnet in den Pool steigen. Hineinfallen wird er auch nicht. Aber drumherum laufen noch sehr oft, mit größter Selbstverständlichkeit, ohne jede Sorge. Und er wird da sitzen und schauen, wo ich an diesem ersten Aufenthaltstag für einen kurzen Moment im Schneidersitz saß. Als ob genau diese Stelle energetisch ganz besonders aufgeladen sein muss. Und manchmal werde ich das Polster der Gartenliege hinter mir her auf die Brüstung zerren, weil dort am Nachmittag noch länger Sonnenlicht ist als auf der eigentlichen Terrasse, und das Polster alsbald mit einem schwarzen Flat Coated Retriever teilen, dem dieser Platz ebenfalls richtig gut gefällt.
Die erste Nacht in der Fremde
Hoover glaubt offenbar, im Urlaub seien Regeln durch proaktives Tun neu verhandelbar. Als ich am ersten Abend einigermaßen müde in T-Shirt und Boxershorts aus dem Bad ins Ferienhaus-Schlafzimmer schlurfe, sehe ich im matten Schein der Nachttischlampe dies: Da liegt ein großer schwarzer Retriever quer im Bett und vereinnahmt etwas mehr als die untere Hälfte. Ganz kurz hebt er den Kopf ein paar Zentimeter, schaut flüchtig auf und sein schläfriger Blick scheint so etwas wie »Ach, Du bist’s bloß. Komm endlich. Ich schlaf schon« zu sagen. Gleichzeitig kommt mir dieser Augenausdruck, die ganze Inszenierung irgendwie einstudiert vor. Als wüsste er genau, dass da gerade etwas aus dem Ruder läuft und es dennoch nur ein wenig Schauspielkunst und guter Choreografie bedarf, um damit durchzukommen. Schließlich sind irgendwie ja Ferien.

Dabei gilt grundsätzlich die Regel, wonach der Hund durchaus mit ins Bett darf, weil er so schön kuschelig ist, einen sehr ruhigen Schlaf hat, deshalb über Stunden kaum jemals die Position ändert. Und weil wir ein Rudel sind. Seit der Zwischenübernachtung in Frankreich haben sich die Regeln offiziell nicht geändert. Alles, was dort war, war eine Ausnahme: Er darf niemals alleine ins einzige Bett, niemals vor mir. Es bleibt mein Bett. Und er darf auf Signal am Fußende zusteigen, wenn ich drin bin und es mir gemütlich gemacht habe.
Ich bin sicher: Er weiß es noch immer ganz genau. Er probiert es einfach aus. Und mir bleibt nichts anderes, als darauf zu pochen, hier der Hausherr zu sein. Also: aufstehen, raus da, runter muss er. Los jetzt. Runter! Er schaut. Er zögert. Er grunzt. Er verlagert sich, rutscht ein Stück. Ich warte, sage nur noch mit strengstmöglichem Tonfall: »Jetzt!« und zeige erst auf den hochflorigen gelb-roten Läufer neben dem Bett und dann auf das mitgereiste Hundekissen in der Ecke. Er stöhnt noch mal so etwas wie in genervtes »Oh, Mann!«, rückt erst noch ein Stück zur Seite, wartet ab. Und steigt schließlich aus.
Ich kuschele mich in mein Bett und unter meine Bettdecke. Er steht derweil daneben, schaut genau und macht keine Anstalten, eigenmächtig wieder zuzusteigen – bis ich »Is’ gut, jetzt komm« sage und er sich wohlig-warm neben mein rechtes Bein wirft. Ab und zu müssen wir die Hierarchie neu ausfechten. Es klappt recht gut. Und ich bin froh, dass er wieder da ist, denn Winternächte in einem spanischen Ferienhaus ohne richtige Heizung können nicht nur sehr kühl sein, sie sind es auch. Und kaum etwas hilft besser gegen kalte Nächte als ein gut durchbluteter Retriever in unmittelbarer Nähe.
Dreimal wache ich diese erste Nacht davon auf, dass mein Hund kurz »Wuff« im Bett sagt, als wollte er mich möglichst diskret darüber informieren, dass irgendetwas anders als üblich ist. Beim ersten Mal höre ich draußen immer wieder ein Käuzchen rufen und sage zu Hoover »Alles gut, ganz fein«, was ihn stets sogar aus höchstem Alarm in die Normalität zurückholt. Wenn ich Neues so eingeordnet habe, gehört es für ihn fortan zum Alltag. So war es als Welpe bei seinem ersten Gewitter, später beim ersten Spielmannszug, der zuhause am Haus vorbeizog. So war es im Etappenhotel bei den Korridorgeräuschen. Beim zweiten Fall in dieser Nacht sind es dicke, schwere Regentropfen eines kurzen Schauers, die ihn alarmieren, als sie vernehmlich und dann doch in irgendwie meditativem Rhythmus auf die Dachziegel über uns trommeln.
Ein weiteres Mal wache ich auf, weil mein Hund hellwach im Bett sitzt und so tieftönig und bedrohlich knurrt, dass die Matratze in derselben Frequenz mitzuschwingen scheint. Diesmal gehe zum Fenster und schaue nach dem Rechten. Der Bewegungsmelder muss ausgelöst haben, denn die Veranda gleich neben dem Schlafzimmerfenster ist in Flutlicht getaucht – und mitten auf den Fliesen sitzt eine weiß-braune klatschnasse Katze, die ähnlich irritiert schaut wie wir. Ich schalte den Strahler aus, sage »Alles gut« zu Hoover und wir gehen wieder schlafen, bis irgendwann so gegen Viertel nach acht der neuen Morgen »Hallo« sagt und die ebenfalls wiedererweckte Sonne durchs Schlafzimmerfenster aufs Fußende strahlt. Der Regen der Nacht hat sich offenbar längst davon gemacht.
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