Kitabı oku: «Ein unsichtbares Band, genannt Familie»

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Ein unsichtbares Band, genannt Familie.

Ein Drei-Generationen-Dialog

1. Auflage, erschienen 8-2021

Umschlaggestaltung: Romeon Verlag

Text: Heli Ihlefeld

Layout: Romeon Verlag

ISBN (E-Book): 978-3-96229-798-5

www.romeon-verlag.de

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EIN UNSICHTBARES BAND, GENANNT FAMILIE

Ein Drei-Generationen-Dialog

INHALT

Vorwort

Mein Großvater Otto Rüter

Der Beginn eines (scheinbar) geradlinigen Lebenswegs

Die Liebe oder die schöne Kunstläuferin

Zum ersten Mal „nicht tauglich“

Aufwärts geht’s

Der Erste Weltkrieg – alles wird anders

Onkel Hans und die Wieselbriefe

Stimmungsbericht aus der „Waffenschmiede“

Drei-Generationen-Dialog

Eine verlorene Kindheit

Ein unsichtbares Band, das man Familie nennt

Ein bewegtes Leben: Heli Ihlefeld

Für...

die fünf Enkel von Onkel Hans, Andreas, Annabelle, Hans-Martin, Franziska und Julia

meine beiden Brüder Andreas und Hermann und deren Kinder Henrik, Dodo und Moritz,

meine Kinder Katharina und Sebastian und meinen Enkel Antek

und für alle Kinder und Kindeskinder

VORWORT

„Die Wieselbriefe von Hans müssen veröffentlicht werden!“ Diese Worte meiner Mutter sind in meinem Gedächtnis haften geblieben. Als ich 60 Jahre später die auf hauchdünnem Durchschlagpapier getippten und nummerierten Briefe im Nachlass meiner Patentante Elli, zusammen mit 40 handgeschriebenen Seiten Lebenserinnerungen meines Großvaters fand, nahm ich den Auftrag an.

Mit diesem Fund wurde mir klar, was drei Generationen innerhalb kürzester Zeit an Schicksalsschlägen und Schrecken zugemutet worden war. Aus der dritten Generation stamme ich, ein Kriegskind, das seine Kindheit verloren hat.

Mein Großvater Otto Rüter, einfacher Handwerkerspross, durfte studieren, baute ein Stahlbauwerk in Hannover auf und Eisenbahnbrücken als Ingenieur in ganz Europa. Sein Lebenswerk ging durch den Ersten Weltkrieg für die Familie verloren. Sein ältester Sohn Hans, der Bruder meiner Mutter und mein Lieblingsonkel, machte den ganzen Russlandfeldzug bis zur Krim mit. Als Leiter einer Instandsetzungskompanie der Division, genannt „das Wiesel“. Seine 23 Briefe sind das Kernstück dieses Buches nummeriert von Onkel Hans wohl in dem Bewusstsein, dass sie durch die Zensur mussten. Er wollte wissen, ob sie alle ankamen. Und von 24 sind tatsächlich alle bis auf einen bei der Schwester meiner Mutter angekommen. Insgesamt hat er 14 Durchschläge verfassen können, die mit ein paar persönlichen handschriftlichen Bemerkungen ergänzt an die engste Familie und sehr gute Freunde geschickt worden sind. Was aus den übrigen geworden ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

Hans Rüter ersparte ihnen nicht den unfassbaren Schrecken und die unfassbaren Grausamkeiten dieses verbrecherischen Krieges. Seine Liebe jedoch zu seiner Familie ist in diesen Briefen auch unübersehbar, wenn man sich in seinen trockenen, ironischen Stil eingelesen hat. Mir ist, als hätte er einen Auftrag verspürt, diesen unvergesslichen Krieg auf seine ganz besondere persönliche Art zu dokumentieren und der Nachwelt nahezubringen. Dass er die Zensur berücksichtigte, geht ebenfalls aus den Briefen hervor. Und er schaffte es. Beamte verstehen wohl keine Ironie.

Als ich ein junges Mädchen war, habe ich ihn wegen dieses trockenen Humors bewundert und geliebt. Und dieser hat auch auf mich abgefärbt ebenso übrigens, wie Opas Bedürfnis, seine Pflicht zu erfüllen. Die ganze Familie liebte auch Hans´ liebevollen Humor.

Onkel Hans war immer eine große Hilfe und Unterstützung für mich. Denn ich war ein einsames Kind und ein orientierungsloser junger Mensch.

Ich, Kind aus der dritten Generation, habe die Schrecken, die ich ebenso wie mein Bruder Andreas erleben musste, durch ein gütiges Trauma weitgehend vergessen dürfen. Nur ganz Weniges ist mir aus dieser Zeit in Erinnerung geblieben. So muss ich heute sagen, dass ich meine Kindheit verloren habe.

Obwohl ich noch zur „Tätergeneration“ gehöre, frage ich mich nach wie vor: Bin ich Täter oder Opfer? Wer kann mir diese Frage beantworten? Ich gebe dem naziverfolgten Willy Brandt recht, wenn er in seinem Buch „Verbrecher und andere Deutsche“ im Vorwort schreibt: „Im Übrigen habe ich versucht, die Beseitigung der Ruinen - jener auf den Straßen und jener in den Hirnen - zu schildern. Nichts davon kann weggepredigt werden. Sie müssen weggeräumt werden, um neuem Leben Platz zu machen.“

Das Buch soll aber auch zeigen, was den Kindern und jungen Menschen von drei Generationen damals zugemutet wurde. Das ist heute auch wichtig angesichts der Tatsache, dass gegenwärtig in den Zeiten der Pandemie vor allem Kinder die Leidtragenden sind.

Mein großer Wunsch ist, dass diejenigen, denen Leid zugefügt wurde oder heute wird, es später besser machen. Aber Menschen sind keine Heiligen. Sie müssen erst verstehen können. Auf das „Bewusstmachen“, folgt die Vergebung und dann die Versöhnung.

Heli Ihlefeld

MEIN GROßVATER OTTO RÜTER

Ich kann mit den Toten sprechen. Sie sind lebendiger als wir. Ich höre ihnen zu. So hat mir mein Großvater auch seinen Lebenslauf übergeben. Eines Tages hielt ich ihn in meinen Händen.

Er erzählte mir darin von einer schlichten und herrlichen Kindheit. Von einer Kindheit, die ich durch den Zweiten Weltkrieg verloren hatte.

Der Krieg war zu Ende und ich ging in Hannover aufs Gymnasium. Wenn ich mittags nach Hause kam, saß Opa an seinem kleinen sechseckigen Marmortisch und legte Patiencen.

Ich erinnere mich an sein lachendes rundes Gesicht mit den klaren hellblauen Augen unter buschigen Augenbrauen. Die Ohrmuscheln standen ab von seinem kahlen Schädel.

Mein Großvater!

Wenn ich kam, blickte er von seiner Patience auf und freute sich. „Wie war’s in der Schule?“

Er legte erwartungsvoll seine rechte Hand ans Ohr und schob die Ohrmuschel etwas nach vorne, denn er war schwerhörig. – Übrigens ein Familienerbe.

Aber ich hatte keine Lust, ihm von der Schule zu erzählen. Ich ging nicht gerne zur Schule. Opa aber dachte als über 80-jähriger Mann nach einem langen arbeitsreichen, anstrengenden und auch schmerzensreichen Leben fast nur noch an seine Kindheit.

Ich lese in den 44 handgeschriebenen Seiten seines Lebenslaufes:

„Ich bin jetzt über 80 Jahre und gesundheitlich so in Form, dass ich spazieren gehen kann, gerne noch Zigarren rauche und abends noch ein Schöppchen Wein trinke.“

Schöppchen ist gut, denke ich. Immer stand eine Flasche halbtrockener Rheingauer Riesling abends vor ihm auf dem Tisch, die am Ende des Abends meistens leer war.

„Aber mein Gehör hat nachgelassen“, lese ich weiter die klare harmonische Handschrift, „und der Hörapparat kann nur wenig nutzen, sodass ich mich in meinem Corps [das waren die Macaro Visurgen in Hannover, bei denen ich als junges Mädchen auch getanzt hatte] oder im Theater und Kino nicht mehr sehen lassen kann. Mein Gedächtnis hat auch sehr nachgelassen, und so lebe ich meistens allein in meinen Lebenserinnerungen ...“

Heute, wo ich selbst am Ende meines Lebens angekommen bin, betrachte ich Großvaters Kindheit und sein Leben. Alles ist mir sehr nahe. Ich kann auch mit ihm darüber sprechen. Ich spüre auch in mir seine Heiterkeit nach einem langen Leben, in dem auch so viel Trauriges geschehen ist. In mir entsteht dadurch eine große Offenheit. Ich sehe so viele Veränderungen auf die Menschen zukommen. Ich erlebe noch ein ganz neues Zeitalter.

Und jetzt spüre ich ihn nahe bei mir. „Was ist mit den Menschen los? Was kommt auf sie zu?“, frage ich ihn.

„Mein Kind, komm setz’ dich zu mir!“ Ich schmiege mich an ihn, als er spricht.

„Alles fiel mir zu. Alles schien damals einfach. Alles war gut. Schau, was daraus geworden ist!“

„Was kann ich tun?“

„Hinschauen. Ganz bewusst. Aber das geht nicht ohne Liebe – vor allem Liebe zu dir selbst. Ich habe nur gelernt. Immer. Von meinen Eltern, wie man ein anständiger Mensch wird. Danach von meinen Lehrern. Ich habe gedacht, das genügt: Ein anständiger Mensch zu sein und seine Pflicht zu tun.

Um Politik habe ich mich nie gekümmert.“

„Ich auch, Opa, nicht nach dem Krieg. Ich bin aufs Gymnasium gegangen – ungern im Gegensatz zu dir, Opa. In die Grundschule konnte ich, bis auf wenige Tage, wegen der Tiefflieger auf meinem Schulweg kaum gehen.

Vielleicht war es auch die Angst vor diesen plötzlichen Überfällen der ‚Ratas‘, wie sie Onkel Hans nannte, die Bilder meiner Kindheit aus meinem Gedächtnis getilgt hat. Ich habe Trotzköpfchen gelesen und mir keine Gedanken gemacht, was mein Vater im ‚Dritten Reich‘ getan hatte oder tun musste, ob er sich vielleicht schuldig gemacht hatte oder machen musste. In meinen Augen war mein Vater unschuldig.“

„Das genügt eben nicht, mein Kind. Schau immer genau hin!“

„Ja, das weiß ich inzwischen. Aber ich war so schutzlos damals, so hilflos. Was für ein langer Weg bis hierher! Halte mich fest, Opa!“

„Das Leben ist wie ein tiefer Atemzug. So habe ich es empfunden.“

„Was sagst du über den Kapitalismus?“

„Wir haben ihn gesät. Ich habe zum Beispiel nicht die Arbeiterpartei gewählt, die ihn verhindern wollten, bis die Nazis unter falschen Vorzeichen dazwischenfunkten. Aber fangen wir vom Anfang an. Nach dem schrecklichen Krieg habe ich vieles eigenhändig aufgeschrieben, meine Erinnerungen, mit 81 Jahren, in Hannover in der Richard-Wagner-Straße 24a. Dort, wo wir alle zusammenwohnten, als du noch auf die Sophien Schule gingst.“

DER BEGINN EINES (SCHEINBAR) GERADLINIGEN LEBENSWEGS

„Mein Lebenslauf!“ steht oben auf der ersten Seite und dann heißt es:

„Am 11. August 1875 wurde ich in Hannover-Linden geboren. Deisterstraße 38, als zweiter Sohn meiner Eltern Hermann und Margarete Rüter.“

Knapp zwei Jahre vor ihm, am 3. November 1873, war sein Bruder Karl auf die Welt gekommen. Bald danach zog die kleine Familie in die Kirchwenderstraße, weil Vater Hermann als Schlosser bei dem Werk Garvens eingestellt worden war.

„Ich war damals noch sehr klein, aber vergnügt, wie man mir später erzählt hat, sehr beliebt in der Gegend.“

Ich muss lachen. So wie später mein jüngster Bruder, nach Opas Vater Hermann getauft und Menne genannt, im Krieg geboren, ein so sonniges Kind war! Alle, die ihn mit seinen blonden Locken und seinen strahlenden blauen Augen sahen, liebten ihn. Sogar die Bauersfrau auf dem Orbachshof in Württemberg – wohin wir während des Krieges evakuiert waren –, die sonst für uns Flüchtlinge nichts übrighatte, schenkte ihm, wenn sie ihn sah, eine Scheibe von ihrem selbst gebackenen Brot, mit Butter und Marmelade bestrichen. – Ach, ich hätte ja auch gerne so ein herrliches Brot geschenkt bekommen!

„Mein Vater machte nun bald darauf seinen Schlossermeister mit großem Erfolg und wurde selbstständig. Und der Schmiedegeselle Ludwig Meyer machte damals auch seine Meisterprüfung. Und die beiden vereinten sich zu der neuen Schlosserei Meyer und Rüter.

Damals waren die Werkstätten der Schlosser, Tischler und Maurermeister in der Altstadt im Bereich Oster-, Markt- und Köbelingerstraße. Und die Firma Meyer und Rüter mietete sich eine kleine Werkstatt in der Köbelingerstraße, wo wir dann auch unsere Wohnung nahmen“, erzählt Opa weiter.

Für die Kinder des Schlossermeisters Hermann Rüter war diese Gegend herrlich zum Spielen – auf dem Friedrichsplatz oder in der Masch. Opa strahlt bei diesen Erinnerungen. Dann fährt er fort:

„Mein Bruderkam 1880 in die Bürgerschule Iinder Köbelingerstraße und ich zwei Jahre später. Als mein Bruder seine Hausarbeiten in Lesen, Schreiben, Rechnen machte, interessierte mich das so sehr, dass ich mich dazusetzte und alles gleich mitlernte. Als ich dann in dieselbe Schule kam, und daran denke ich noch mit viel Freude, brachte mich mein Bruder in meine Klasse und verschwand dann in seine. Es war schon sehr spät, und alle Bänke waren besetzt. In den Seitenräumen standen die Eltern der anderen Schulanfänger. Und ich kleiner Bursche konnte nicht nach vorne durchkommen. Da stand der Klassenlehrer auf und rief, ob hinten noch ein Schüler sei. Ich rief laut: „Hier!“

Nicht gerade freundlich forderte der Klassenlehrer nun die Eltern auf, den kleinen Otto durchzulassen. Er kam auf den letzten vorhandenen Platz, den „Pluck“. Danach machte der Lehrer den Eltern klar, dass er nun mit seinen Schülern allein sein wollte.

„Dies hat mich sehr gefreut!“, erinnert sich Großvater.

Ich beneide Opa. So genau konnte er sich mit 81 Jahren noch erinnern. Ich weiß nichts mehr über meinen ersten Schultag in Paris während des Krieges. Ich weiß nur noch, dass ich meinen ersten Klassenlehrer, Herrn Götte, sehr geliebt habe. Meine Mutter zeigte mir ein Foto, auf dem ich meine runden Ärmchen um ihn geschlungen hatte. – Er ist als einer der Ersten im Krieg gefallen.

Die Klassenplätze in Opas Schule waren nummeriert. Sie wurden je nach dem Können der Schüler besetzt. Großvater hatte eine kleine Skizze über diese Platzverteilung in seiner Erinnerung gezeichnet. Er selbst war nun auf dem „Pluck“ gelandet. Das war der Platz, auf den der Lehrer immer den schlechtesten oder auffälligsten Schüler setzte.

Am anderen Tag begann der Unterricht mit der Fibel. Otto Rüter meldete sich sofort und sagte dem Lehrer, dass er die ganze Fibel schon lesen könnte. Ungläubig sah ihn der Lehrer an.

„Ich las ihm eine kleine Geschichte am Ende der Fibel vor“, erzählt Opa, „und er war platt. Sofort sollte ich vom ‚Pluckplatz‘ auf Platz Nr.1 wechseln und alle Mitschüler mussten eine Nummer tiefer rücken.“

Opa liebte das Zeichnen. Auf dem Gymnasium war der Kunstunterricht auch mein Lieblingsfach. Ab der dritten Klasse wurde die Schule etwas härter – nicht für Opa allerdings:

„In der dritten Klasse hieß unser Lehrer Latwesen. Er war ein sehr strenger Mann, ständig mit dem Rohrstock in der Hand. Als er erkannt hatte, dass ich den anderen weit voraus war, gab er mir eine Nebentätigkeit.

Jeder Schüler brachte am Montagmorgen ein 10-Pfennig-Stück zum Lehrer. Das Geld wurde zur städtischen Sparkasse gebracht und dort verzinst. Wenn der Schüler später die Schule verließ, bekam er aus dem gesamten Betrag mit Zinsen einen Konfirmationsanzug und einen Anzug für die folgende Lehrzeit. Lehrer Latwesen hatte die Verwaltung dieser Maßnahme und ich wurde sein Gehilfe. Am Montag musste ich das Geld zur Sparkasse bringen und dort die vielen Groschen aufzählen und abgeben.“

Für Opa verging die Zeit so schneller, und das gefiel ihm sehr.

Was war das nur damals für eine merkwürdige Zeit! Es ging nicht in erster Linie darum, dass junge Menschen, das aus sich machen konnten, was sie in sich spürten, sondern mehr nach dem alten Sprichwort „Schuster bleib bei deinen Leisten“.

Der strenge Lehrer des kleinen gewitzten Otto Rüter fand, dass dieser auf die höhere Schule gehörte und erklärte dies dem Schlossermeister Hermann Rüter. Der lehnte das aber rigoros ab. Denn er wünsche absolut, dass sein Sohn Handwerker würde. Sohn Karl sollte Schlosser werden – wie es auch später geschah – und der jüngere Sohn Maurer.

Was wohl aus mir geworden wäre, wenn Opa sein Geld als Maurer verdient hätte? Wahrscheinlich hätte er für sich einen zweiten Bildungsweg gefunden. Aber sicher hätte dieser Weg nicht so geradlinig sein können, seine Kindheit und Jugend wären mehr durch Arbeit geprägt worden, er hätte wohl nicht die schöne Elli bei Eislaufen kennengelernt und ganz sicher hätte er die Tochter aus dem Großbürgertum als einfacher Maurer nicht geheiratet.

So gehen gerade meine Gedanken spazieren. Und – die kleine Heli hätte nach dem Krieg nicht in das große Haus ihres Großvaters zurückkehren können, allenfalls in ein sehr viel kleineres. Sie wäre nicht durch eine Nachhilfelehrerin fürs Gymnasium präpariert worden; denn das geschah, da sie ja durch die Evakuierung und den Krieg nur selten eine Volksschule bzw. Grundschule von innen gesehen hatte. Alles Weitere konnte ich mir dann selbst ausmalen.

Mein Urgroßvater war ein beeindruckender Mann. So leicht konnte man sich seinem Willen nicht widersetzen. Und das tat Opa ja auch nicht. Eine einsame Kindheit hatte ihn geprägt. Lehrer Latwesen kam nicht an Hermann Rüter heran. Großvater berichtet über ihn:

„Mein Vater wurde am 24. August 1848 in Bückeburg geboren. Seine Eltern starben sehr bald und er wurde von seinem Großvater erzogen. Als er die Volksschule besuchte, war er ein guter Schüler. Sein Lehrer schätzte ihn sehr und wollte ihn auf die höhere Schule schicken. Aber mein Vater lehnte das ab. Neben der Wohnung, in der er mit seinem Großvater lebte, befand sich eine Schlosserei und die imponierte ihm so, dass er auf jeden Fall Schlosser werden wollte. In seiner freien Zeit arbeitete er schon als Schüler in der Schlosserei und wurde dort nach dem Ende seiner Schulzeit Lehrling und schließlich Geselle. Bald danach musste er eine Militärzeit durchmachen bei den Bückeburger-Jägern. Er war der beste Schütze.“

Das Waisenkind Hermann! Eher eigenständig, vielleicht einsam. Habe ich etwas von diesem Urgroßvater? Nach der Militärzeit ging er erst mal auf Wanderschaft, wie das damals bei den Handwerksgesellen der Brauch war. In der Stadt Hanau am Main kam er an einer guten Schlosserei vorbei und verdingte sich dort.

„Meine Mutter Margarete stammte aus dem Dorf Heubach in der Rhön aus einfacher Familie.“

An dieser Stelle folgt ein merkwürdiger Satz in Opas handgeschriebenen Erinnerungen: „Die Gegend war damals von Juden vollständig verarmt.“ Was meinte Opa damit? Dass es dort keine Juden gab? Oder: Dass die Gegend durch Juden arm geworden war? An keiner anderen Stelle taucht das Judenthema mehr auf, das damals schon unter den Intellektuellen und Meinungsführern ein kontroverses Thema war.

Unter den Mittelständlern erzog man seine Kinder nach dem Motto „Handwerk hat goldenen Boden“ oder wie gesagt „Schuster bleib bei deinen Leisten“, während die Kinder der Juden in einem inzwischen liberaleren Staat nach Höherem strebten. Opa machte sich darüber keine Gedanken und nahm die Dinge, wie sie über ihn kamen; tat das auch später nicht, als er sich an die Zeit mit Hitler und der Naziherrschaft erinnerte. Und nach dem Krieg spielte dieses Thema bei uns zu Hause erst recht keine Rolle.

Hitlers Stellvertreter und Judenmörder Heinrich Himmler erschien immer wieder an der Ostfront, und wenn er wieder weg war, hieß es, das Gebiet sei nun „judenfrei“. Das kann Opa nicht gemeint haben, sage ich mir. Ich wüsste so gerne mehr von ihm zu diesem Thema. Aber nun hüllt Opa sich in Schweigen.

Etwas später berichtet er weiter über seine Mutter:

„Sie war ein kluges Kind, verließ nach der Schulzeit die Heimat und war in Hanau bei ihrer guten Tante ‚God‘ tätig. Da lernten sich Vater und Mutter bei einem Fest kennen und verliebten sich. Mein Vater wollte bald heiraten, aber da brach der große Krieg 1870/71 gegen Frankreich aus, und er musste sofort zu seinem Regiment nach Bückeburg und marschierte bald nach Frankreich aus. In schweren Schlachten hat er mitgekämpft, besonders bei Gravelotte, wo die Hälfte seines Regimentes das Leben verlor. Er hat den Krieg überlebt und kam zurück. Seiner Verlobten erklärte er, dass er nach Hannover ziehen wollte, da er die Stadt aus seiner Jugend kannte.“

1872 wurde er in der Egestorff’schen Fabrik, heute Hanomag, angestellt. Im selben Jahr haben Hermann und Margarete geheiratet. Meine Urgroßmutter hat mich noch als Baby erlebt. Davon gibt es auch ein Foto im Familienalbum. Ich selbst habe keine Erinnerungen mehr an sie. Klug muss sie wirklich gewesen sein, denn ihr gelang es, bei ihrem eher dickschädeligen Hermann den Weg für ihren Sohn Otto zu bahnen, ihr sonniges Kind.

Lehrer Latwesen ließ nämlich nicht locker. Otto Rüter kam in die vierte Klasse und eines Tages besuchte Lehrer Latwesen Ottos Mutter und hatte eine lange Besprechung mit ihr. Opa dazu trocken: „Danach hat sie meinen Vater veranlasst, den Wunsch meines Lehrers zu erfüllen.“

War es nicht vielleicht auch der Wunsch des kleinen Otto Rüter? Wie kann man nur so emotionslos und heiter seine eigene Geschichte erzählen! So heiter, so zufrieden, wie Opa am Ende seines unglaublich spannungsreichen Lebens auf mich wirkt. Hätte er nicht jubeln müssen über den Erfolg seiner Mutter? Wie anders wäre sein Leben verlaufen, hätte es diesen nicht gegeben. Und wie sehr war damals ein Kind vom Willen seiner Eltern abhängig, im Gegensatz zu heute. Er aber ließ es einfach geschehen. So erscheint es jedenfalls.

Ich kann übrigens an meinem eigenen Lebenslauf und den nicht gerade gewöhnlichen Ereignissen, die mein Leben bestimmt haben, etwas Ähnliches beobachten. Ein ähnlich passives Geschehenlassen, verbunden aber mit dem aktiven Aufnehmen dessen, was die Parzen gesponnen haben.

Am Jahresende ging Otto Rüter zur Aufnahmeprüfung in die Leibniz-Schule. Der Klassenlehrer der „Sexta A“, Herr Knoke, ein alter, tüchtiger, aber auch sehr strenger Lehrer, hielt die Prüfung ab. Die Besten der Prüfung kamen je zur Hälfte in die „Sexta A“ und „B“. „In die B-Klasse kam ich“, notiert Opa.

Nun war der Schlossersohn also auf dem Gymnasium. Auf die Leibniz-Schule würden eines Tages auch seine beiden Söhne Hans und Hermann gehen und eine Generation später meine beiden Brüder Andreas und Hermann. Gemischte Schulen gab es auch in unserer Generation noch nicht. Ich besuchte daher das Mädchen-Gymnasium, das nach der Kurfürstin Sophie benannt worden war, deren Büste aus rotem Backstein noch heute über dem Eingang prangt.

Die vier Jahr Bürgerschule waren für Opa ein Klacks gewesen. Unvergesslich war hingegen alles, was sich außerhalb der Schule abspielte. Sein „Leben in der Masch“ beschreibt er als „köstlich“. Die Masch – heute der Maschsee, ein künstlicher See im Zentrum von Hannover, nahe dem Neuen Rathaus aus der pompösen Gründerzeit – war damals eine große Wiese.

„Wenn der Winter begann“, schreibt Opa, „wurde die Masch von der Leine aus – das ist der kleine Fluss, an dem Hannover liegt – voll Wasser gefüllt, und bei Frost ergab sich daraus eine gute Eisbahn, auf der wir das Schlittschuhlaufen erlernten. Im Frühling lief das Wasser wieder in die Leine, das Gras begann zu wachsen.“

Ich lese laut in seinen Erinnerungen an seine Jugendzeit in der Altstadt in der Friedrichstraße und der „wunderbaren Masch“:

„Es gab damals noch keine Fahrräder, Motorräder und Automobile. Pferde zogen die Lastwagen und Karren schoben die Leute. Die Masch war im Sommer eine große Wiese, hatte gutes Gras, das von den Döhrener Bauern zweimal gemäht wurde. Nachher durften die Kinder auf der großen Masch spielen. Unsere Spielgruppe aus der Altstadt hatte aber auch viele heftige Kloppereien mit den Döhrenern, den sogenannten Bütchern. In der Wiese kamen dann auch viele Mäuse hoch, und wir fingen sie gern mit Stockstoß auf den Schwanz. Wir machten uns täglich ein Zelt, saßen im Kreise herum wie Indianer, und eine Pfeife aus einer ausgehöhlten Kastanie an einem Rohrstock mit Tabak aus gedörrten Blättern ging herum. In unserer Mitte waren viele Mäuse mit Bindfäden am Schwanz, die dann am Abend ihr Leben lassen mussten.“

Ich kann keine Geschichten aus meiner Kindheit erzählen. Niemals. Meine Kindheit ist verloren. Das macht mich heute noch manchmal traurig. Von meinem Großvater kamen immer wieder neue Geschichten, die er mir zum Teil auch erzählte, wenn ich aus der Schule kam und er an seinem Marmortischchen saß und Patiencen legte. Zum Beispiel diese:

„Im Herbst des Jahres 1883, als ich acht Jahre alt war, wurde der 400-jährige Geburtstag Martin Luthers in ganz großem Stil gefeiert. Am Morgen des Geburtstages machten alle Schüler eine große Festwanderung durch die Stadt mit Musik und Gesang, die Schülermützen bekränzt mit Eichenlaub.

Unsere Spielgruppe aus der Altstadt besorgte sich am Tage vorher das Eichenlaub von einem großen Eichenbaum auf dem Friedrichsplatz. Ich saß hoch oben auf dem Eichenbaum, als der Platzwächter mit seinem Hund kam und uns fassen wollte. Ich kam nicht herunter. Der Alte, der nicht mehr klettern konnte, blieb aber trotz der Dunkelheit lange unten stehen. Als er schließlich fortging, verschwand ich mit dem Eichenlaub nach Hause. Und da hatten sich meine Eltern schon sehr geängstigt und die Polizei angerufen. Ich bekam von meinem Vater heftige Prügel. Die Schmerzen merkte ich wenig, aber die Schläge hatte ich nicht erwartet für das eingeholte schöne Eichenlaub. – Meine Mutter hatte übrigens am Morgen auf dem Markt schon Eichenlaub für uns gekauft. –

Wenn ich jetzt als alter Mann über den Friedrichsplatz spaziere, betrachte ich den schönen Eichenbaum und erinnere mich, wie ich ihn damals bestiegen habe.“

Wie schön ist es, dass diesem Baum die späteren Bombenteppiche über Hannover nichts anhaben konnten!, denke ich.

Und noch eine andere Geschichte:

„An der Leine bei der Bella-Vista-Brücke war nach der einen Seite ein Garten mit vielen Obstbäumen, der nach der Masch-Seite durch einen kleinen Graben abgetrennt war. Wir machten im Herbst einen Wettlauf um die Masch, und als wir am Obstgarten vorbeikamen und die vielen reifen Äpfel entdeckten, unterbrachen wir den Wettlauf und begannen, Äpfel zu pflücken. Die Jacken wurden ausgezogen, unter dem Baum ausgebreitet und die Äpfel darauf geworfen. Plötzlich erschien der Gartenbesitzer von hinten mit seinem großen Bernhardinerhund. Ich sprang vom Baum herunter, nahm die Jacke mit den Äpfeln hoch, warf sie über den Graben und wollte gerade hinüberspringen, da erfasste mich des Hundes Maul an meiner Hose und hielt mich fest. Das war eine schlimme Situation. Der Gartenbesitzer kam langsam näher und wollte mich fassen. In diesem Augenblick ließ mich der Hund los, und ich sprang über den Graben und war gerettet.“

Nun also war Otto Rüter Sextaner. Sein Vater baute in dieser Zeit mit seinem Kompagnon in der Altusstraße ein Wohnhaus und eine große Schlosserwerkstatt. (Die Altusstraße, die es heute nicht mehr gibt, war damals eine Nebenstraße der Cellerstraße.) Auf diese Weise war der Schulweg zur Leibniz-Schule in der Röntgenstraße nicht mehr weit, denn alles war ja in der List-Stadt.

Seinen Klassenlehrer Dr. Bartels – einen Ostfriesen, der Latein unterrichtete – liebte der Sextaner vom ersten Moment an: „Ich war gleich Primus geworden. In der Leibniz-Schule hatte ich zum ersten Mal Turnunterricht. Auch davon war ich begeistert. Ich habe von da ab fleißig geübt und mein Leben lang viel geturnt.“

Auch die nachfolgenden Generationen waren wie Opa sportlich. Der Bruder meiner Mutter, von dem noch viel die Rede sein wird, war sogar Deutscher Meister im Hochsprung. So jedenfalls wurde es in unserer Familie erzählt. Und mein Bruder Andreas wurde niedersächsischer Sieger im Hürdenlauf. Alle in unserer Familie waren gut in Leichtathletik. Auch ich, obwohl ich mir nichts daraus machte. Wie meine Mutter wollte ich Tänzerin werden. Beim Wollen blieb es dann aber.

Auch bei Opa lief nicht immer alles glatt. Zu Beginn des dritten Schulquartals brach in Hannover eine schwere Scharlach- und Diphtherie-Epidemie aus. Alle Schulen wurden für ein Vierteljahr geschlossen, viele Kinder starben.

Opas Spielgruppe in der Altusstraße wanderte jeden Tag frühmorgens mit Esspaketen zum Benther Berg außerhalb der Stadt, verbrachte dort die Zeit mit Jugendspielen und blieb gesund.

„Dann wurde die Schule wieder geöffnet, aber am zweiten Schultag wurde ich plötzlich krank“, erzählt mir Großvater. „Und der Arzt stellte bei mir Scharlach fest, eine schreckliche Krankheit, die nachher noch durch eine Nierenkrankheit verstärkt und verlängert wurde und mich ein ganzes weiteres Vierteljahr von der Schule fernhielt.“

Ich muss daran denken, wie auch ich als Kind Scharlach bekam. Und das war eine ganz andere Zeit. Es war Krieg. Ich war mit meinem zwei Jahre jüngeren Bruder Andreas vom besetzten Paris aus (wegen seiner guten Französischkenntnisse hatte man meinen Vater in die deutsche Botschaft abkommandiert) in eine „Kinderlandverschickung“ gebracht worden. Wir beide waren zum ersten Mal allein ohne meine Mutter. In einem Zug voller Kinder ging es in den Schwarzwald. Und dort brach dann Scharlach aus. Und auch ich bekam rote Flecken.

„Scharlach!“, meinte der Kinderarzt sofort. Ich kam sechs Wochen auf die Quarantänestation eines katholischen Krankenhauses, weit weg von den anderen Kindern. Auch das war wohl traumatisch für mich. Ich kann mich an niemanden mehr erinnern, an keinen Namen, an kein Gesicht und auch sonst an nichts. Nur etwas ist mir von damals geblieben: Ich konnte den Rosenkranz beten und den habe ich noch lange Jahre weiter getreulich gebetet.

Der kleine Otto Rüter erlebte diese Krankheit ganz anders:

„Als es mir allmählich besser ging, bekam ich richtig Lust meine Grammatik durchzuarbeiten. Am vorletzten Quartalsschultag ging ich wieder in meine Klasse. Auf Wunsch meines Klassenlehrers zeigte ich nun mein Können in Latein. Bei Versetzungen damals kamen nur etwa 50 Prozent der Schüler durch. Aber ich wurde als Primus versetzt. Dr. Bartels erklärte mich zum besten Schüler der Klasse. Das habe ich nie vergessen!“

In der Quinta begann der Französischunterricht für Otto Rüter. Und dieses Jahr verlief gut, ebenso die Quarta. Mit Englisch fingen sie dann in der Untertertia an. Eigentlich waren all die Schuljahre für ihn eine gute und fröhliche Zeit – bis auf eine Erfahrung in der Sexta mit dem Rechenlehrer Dr. Bertram, einem heimtückischen Menschen, der den Schlossersohn aus purer Bosheit schlecht behandelte:

„Ich wollte das eigentlich vergessen, aber ich konnte es bis heute nicht. Wir führten ein Extemporale in Rechnen aus. Ich war in 15 Minuten fertig.“ Danach überprüfte der Junge noch mal, ob alle Aufgaben richtig gelöst waren, und schloss dann sein Heft. „Dr. Bertram kam an mir vorbei und auf seine Frage antwortete ich, dass meine Arbeit fertig sei. Das Heft schob ich nun zur Seite. Und um mir die restliche Zeit zu vertreiben, nahm ich Rechenbuch und Kladde hervor und arbeitete für mich weiter. Da kam Bertram wieder vorbei, sah es und bezichtigte mich des Betruges. Und schrieb mir eine Karzerstunde in das Klassenbuch. Ich wusste gar nicht, was das bedeutete.“

Der kleine Junge verstand das überhaupt nicht. In der Pause sagte ihm dann noch ein Mitschüler, das sei eine schwere Strafe und er würde wahrscheinlich die Schule verlassen müssen. „Ich war dadurch so niedergeschlagen, dass ich an Selbstmord dachte.“ Zu Hause erzählte er seinem Vater davon. Der beruhigte seinen Sohn dann sehr schnell und versprach ihm, mit seinem Klassenlehrer über den Vorfall zu reden.

„Das war dann aber gar nicht mehr nötig, denn am anderen Tag kam mein Klassenlehrer vom Militär zurück und las den Vermerk im Klassenbuch. Ich musste ihm alles erzählen. Daraufhin strich er den Bericht im Klassenbuch einfach aus. Dr. Bertram war wütend, aber danach habe ich nichts mehr von der Sache gehört.“

Dr. Bertram ließ Otto Rüter nun einfach links liegen, verließ aber bald darauf die Schule und mein Großvater war froh.

Was Lehrer so alles anrichten können! Sicher war dieser Bertram mit daran schuld, dass Opa plötzlich nach der mittleren Reife trotz seiner blendenden Zensuren abgehen wollte. Bei mir war das umgekehrt. Auch wenn ich mich während meiner Schulzeit häufig missverstanden und ungerecht behandelt fühlte, wie zum Beispiel vom „Mathe-Schmidt“. Wir hatten eine Zeit lang Mathematik bei unserer sehr strengen Direktorin Bernecker, und ich war in dieser Zeit immer gut in Mathe. Es machte mir auch viel Spaß. Dann kam an ihrer Stelle der besagte Herr Schmidt in unsere Klasse, ein schöner, aber langweiliger Mann. Der stufte mich von Anfang an schlecht ein und begründete es damit, dass ich bei Rechenaufgaben manchmal nicht bis zur dritten Stelle hinterm Komma genau war. Bernecker war es auf die Lösungen der Aufgaben angekommen, die ich immer richtig hatte. Mathe-Schmidt bewertete das gar nicht. Er war eben einfach nur pingelig. Und ich verlor meinen Spaß an der Mathematik. Doch im Gegensatz zu Opa wollte ich trotz des Frusts mein Abitur unbedingt machen – obwohl mein Vater wohl ganz gerne das Schulgeld gespart hätte. Denn Mädchen würden ja sowieso heiraten, wie auch er damals meinte und wie es eben zu der Zeit die landläufige Meinung war.

Der Unterricht in der Schule blieb für den Jungen dennoch leicht. Er war und blieb Klassenprimus mit den entsprechenden Zeugnissen. Aber nach der Untersekunda, dem Einjährigen, hatte er eigentlich keine Lust mehr, mit der Schule weiterzumachen. “Mir war der Gedanke gekommen, Exportkaufmann in Hamburg zu werden und dann ins Ausland zu gehen.“ Jetzt war jedoch der Vater, der ihn ursprünglich gar nicht auf die höhere Schule hatte gehen lassen wollte, entschieden gegen diesen Plan.

Opa zwinkert mit den Augen und sieht mich liebevoll an: „Ich musste auf der Schule bleiben. Aber den Unterricht, den wir nun hatten, ohne die vielen Extemporalien, hat mir dann wieder Spaß gemacht, und ich habe sehr gerne die Schule bis zum Ende durchgemacht.“

„Du hast einfach immer Glück gehabt“, meine ich. „Aber eigentlich war es bei mir nicht anders. Ab der Obertertia fand ich die Schule prima. Endlich durften wir denken und mussten nicht ständig nur auswendig lernen und pauken. – Lag es daran, dass wir nun mehr gefordert und selbstständiges Denken erwartet wurde, Opa?“

„Bei dir bestimmt!“ Habt ihr auch wie wir einmal im Jahr einen Tagesausflug in die Umgebung gemacht?“, fragt er mich.

„Bei uns war es das Schullandheim und in der Untersekunda eine herrliche Klassenfahrt nach Süddeutschland.“

Das hätte auch Opa gefallen. Ihm fällt dann noch ein Schulfest im Tiergarten ein, das er ebenfalls so schön fand.

„Lehrer und Schüler fuhren in einem Extrazug vom Bahnhof Hannover zum Bahnhof Tiergarten. Dann marschierten wir alle feierlich mit unseren Klassenfahnen und Musik und Gesang durch den Wald zum Gasthaus Tiergarten. Dort wurde erst Kaffee getrunken und danach begannen die Wettkämpfe im Turnen. In der Sexta standen wir alle im Kreis und sprangen über das kreisende Seil.

Ich wurde Sieger. In der Quinta mussten wir zu den Holzkletterstangen laufen, raufklettern und wieder runter und zurück laufen. Ich war der Letzte. Klettern konnte ich nicht besonders. In der Quarta fiel das Schulfest aus wegen des Todes der beiden deutschen Kaiser [Wilhelm I. und Friedrich III.] In der Untertertia machten wir Freihochsprung, in der Obertertia Bock-hochsprung. Beide Male war ich wieder Sieger. Im Turnen war ich einfach gut, da ich ja auch nebenbei schon in der Schülerriege des Turnclubs Hannover turnte.“

Zum Kummer von Otto Rüter wurde später das Schulfest nicht mehr veranstaltet. Warum hat er nie erfahren.

DIE LIEBE ODER DIE SCHÖNE KUNSTLÄUFERIN

Als Untersekundaner war er als leidenschaftlicher Turner in die Männerabteilung des Turnclubs Hannover eingetreten. Er kam erst in die dritte Riege, aber schon ein Jahr später in die erste. Er habe dort viel gelernt, erzählt er, und er war jedes Jahr beim Wettturnen mit anderen Vereinen dabei. Im Sommer wurde außerdem viel geschwommen und im Winter Schlittschuh-Kunstlaufen geübt.

„Leibesübung war meine Leidenschaft. Als Oberprimaner habe ich 27 Stunden wöchentlich darauf verwandt. In den oberen Klassen hatten wir in unserer Schule einen Schülerturnverein. Den leitete ich als Oberprimaner. Als wir zum Stiftungsfest ein Schauturnen veranstalteten, hat mir das viel Lob von den Zuschauern eingebracht.“

Beim Schlittschuhlaufen trainierten die Kunstläufer auf einem besonderen Platz der Eisbahn. Dort fiel dem Primaner Rüter ein schönes junges Mädchen auf, „das außerdem glänzend lief “. Nicht nur sie gefiel ihm, sondern er ihr auch – „wie ich später erfuhr. Bei unserem Abiturball war sie meine Tischdame.“

Aber ich will nicht vorgreifen. Es läuft eben alles folgerichtig bei Otto Rüter – bis zu einem gewissen Punkt. Bei seinen Nachkommen dafür um so weniger.

Darum zurück zu seiner Schulzeit. Opa fiel da noch manches Vergnügliche ein, das mich an Ludwig Thomas Lausbubengeschichten erinnert:

„Im letzten langen Vierteljahr der Untersekunda schrieben wir in jedem Fach zwölf Extemporalien, die bei mir alle null Fehler hatten. Dr. Hahne, der uns in Englisch und Französisch unterrichtete, wollte mich reinlegen durch schwere Fragen bei den französischen unregelmäßigen Verben in Verbindung mit Fürwörtern, Fragen und Verneinungen. Als er nach der Prüfung am anderen Tag in die Klasse kam, warf er mir mein Heft quer durch den Raum an den Kopf, den ich jedoch schnell zur Seite bog. Dadurch traf das Heft meinen Hintermann. Ich hatte wieder null Fehler. Zwei Mitschüler nur bekamen eine Drei, alle anderen Vieren und Fünfen. Er machte mich an, weil ich die Stellung der Fürwörter – eine schwierige Aufgabe – immer richtig gemacht hatte, er mich also nicht hatte reinlegen können.

Ich musste laut lachen und verriet dann, dass ich mir einen besonderen Vers gemacht hätte, der leider nicht in der Grammatik stehe:

‚me, te, se, nous, vous vor le, la, les

le, la, les vor lui und leur

lui und leur vor y und en

y vor en‘

Dieser Vers hat Dr. Hahne sehr gefallen, und er hat ihn seinen späteren Schülern beigebracht.“

Wenn ich aus der Schule kam und Opa an seinem Patiencen-Tisch saß, fragte er mich immer, was ich in der Schule für Fächer gehabt hätte. Und wenn ich sagte „Französisch“, erzählte er mir auch diese Anekdote, wohl in der Hoffnung, ich würde mir diesen Vers aneignen. Habe ich auch, aber null Fehler in einer Französischarbeit – ich kann mich nicht erinnern!

Und Opa erzählte noch eine weitere Schulanekdote:

„Von meinem Deutsch-Professor Dr. Rawe erhielt ich in der Oberprima die Aufgabe, eine Rede zum Thema ‚Malerei und Wald‘ zu halten.“

Dazu hatte Opa nun gar keine Lust und bereitete sich auch nicht darauf vor.

Als er dann an die Reihe kam, begann er einfach wie folgt:

„Ich war als Unterprimaner mit drei Freunden durch Thüringen gewandert, war im Schwarzatal auf den Berg gestiegen, wo Goethe den Vers gedichtet hat: Über allen Wipfeln ist Ruh ... Bei herrlichem Wetter übersah ich die wunderbar schönen Wälder, war begeistert und rief schließlich aus: , Ach, wenn ich die Wälder malen könnte!` Meine Klasse brach in brüllendes Gelächter aus. Dr. Rawe, der anscheinend begeistert war, wurde sehr böse und schimpfte mit der Klasse. Dann bat er mich, die Rede mit dieser schönen Einleitung noch einmal zu beginnen. Ich tat so, als hätte mich das Gelächter meiner Mitschüler sehr erschüttert, und bat, mich aufhören zu lassen. Er fand meinen Gram berechtigt. Ich brauchte meine Rede nicht weiter zu halten, hatte erreicht, was ich wollte, und war sehr vergnügt.“

Und ich weiß jetzt, von wem ich meinen Humor geerbt habe.

Und noch eine Opa-Geschichte:

„Religion hatten wir in der Oberprima bei Professor Schmidtmann, der eigentlich Pastor hatte werden wollen, aber wegen seiner schlechten Stimme Lehrer geworden war. Ich fand seinen Religionsunterricht langweilig, weil er ihn nach bestimmten Schemata hielt. So fragte er immer die Bibel ab: ‚Kapitel 1, 3, 21 von Gott dem Vater; Kapitel 2, 18, 19 von Gott dem Sohn usw.‘

Mich hat das schließlich so geärgert, dass ich, als er mich abfragen wollte, alles vollkommen verdrehte. Der Professor wurde wütend, bezeichnete mich als schlechten Schüler und den Schülerturnverein, den ich leitete und dem die besten Schüler aus Untersekunda bis Oberprima angehörten, als fürchterlichen Saufverein. Ich verbot mir sofort diese Behauptung und verließ die Klasse. In der Pause wurde ich zu Direktor Ramdohr gerufen. Ich habe dem Direktor dann erzählt, dass dieser Streit entstanden sei, weil ich in meiner Antwort absichtlich diese Zahlen-Schemata, mit denen uns Schmidtmann schon das ganze Jahr genervt hatte, verdreht hatte. Ich durfte gehen. Aber eines Tages erschien Direktor Ramdohr unerwartet während des Religionsunterrichts in unserer Klasse, hörte sich diese Abfrage mit an und verließ die Klasse wieder. In der nächsten Religionsstunde übernahm der Direktor selber den Religionsunterricht und wir waren bei dem ausgezeichneten Unterricht jetzt alle eifrig bei der Sache. Der Religions-Professor aber ging bald darauf in den Ruhestand.“

„Opa, du bist wohl der lebende Beweis dafür gewesen, dass man sich nicht einfach alles gefallen lassen sollte von ‚Macht-Habern‘“, meine ich.

„Das stimmt! Im Abitur machte ich noch eine ähnliche Erfahrung, die wohl auch meine Standfestigkeit bewies.“

„Ich habe sie bei mir erst viel später entwickelt. Ich leitete einen Bereich bei der Deutschen Bundespost und litt unter der ablehnenden und ungerechten Haltung des Staatssekretärs. Da sagte mir die Direktorin Eva Leithäuser, meine Mentorin und eine Frau, die es an die Spitze geschafft hatte: ‚Frauen wollen immer geliebt werden. Aber darauf kommt es, wenn man Erfolg haben will, nicht an!‘ Das saß.“

„Mein Chemieprofessor Dr. Kraus mochte mich nicht. Nach der schriftlichen Abitur-Prüfung in Chemie wurden vier Mitschüler, die ihre Aufgaben nicht richtig gelöst hatten, noch einmal mündlich geprüft. Einer der Schüler gab auf eine Frage wohl eine ziemlich unmögliche Antwort, denn die ganze Klasse lachte. Ich las gerade in einem Buch und hatte die Antwort nicht gehört, aber ich lachte einfach mit. Professor Kraus sprang jedoch auf mich zu und schrie mich an, ich sei ein ganz unmöglicher Schüler. Ich verbat mir das und verließ auch diesmal wieder einfach wortlos die Klasse. Und wieder wurde ich in der Pause zum Direktor gerufen, weil Professor Kraus verlangt hatte, dass ich wegen schlechten Benehmens in die mündliche Prüfung sollte. Ich berichtete das Geschehen und der Direktor wunderte sich wohl über den Chemie-Lehrer.“

Und auch diesmal geschah Opa nichts.

Die Schulzeit war nun vorbei. Es folgten noch der Abiturball und der Kommers. Opa fand beides „wunderbar“. Seine Kon-Abiturienten wollten, dass er beide Veranstaltungen organisierte.

„Wie merkwürdig, ich stellte bei mir sehr viel später in meinem Berufsleben fest, dass ich ein ausgesprochenes Talent zum Organisieren und Improvisieren habe und strategische Fähigkeiten, die im Management gebraucht werden. Ich hatte davon keine Ahnung gehabt. Ich wollte ja eigentlich Schauspielerin werden.“

Opa lächelt nachsichtig: „Ich wollte ja auch mal Kaufmann werden!“

Eine derartige Erinnerung ist ein Schatz, den ein junger Mensch mit ins Leben nimmt, denke ich. Vielleicht habe ich während der Jahre meiner Schulzeit einen anderen Schatz gesammelt. Die vielen Bücher, die in der Bibliothek von Großvater und meinen Eltern standen. Ich habe sie alle gelesen. Und viele Gedichte gelernt – im Deutschunterricht und während des Konfirmandenunterrichts. Auch einige englische und französische Gedichte und Lieder haben sich fest in mein Gedächtnis eingeprägt.

Opas Leben war ein Pfeil, der abgeschossen wurde, gerade und ruhig fliegt er in den Himmel. Stetig und schräg geradeaus, alles gelingt, nichts hält ihn auf, lässt ihn stocken, kein Abfallen, kein Abknicken in dieser hohen Flugbahn. Vielleicht sind wir so gemacht, wenn alles seinen Sinn und seine Ordnung hat in der Kindheit und den Lehrjahren danach, denke ich. Aber auch ein solches Leben bekommt seine schweren Einbrüche. Eines Tages. Sonst wäre dieser Pfeil vielleicht in den unendlichen Himmel geflogen. Das Bild von dem Pfeil kam mir in den Sinn, weil mich die Texte von Khalil Gibran tief beeindruckt haben, ganz besonders sein Gedicht Von den Kindern.

Deine Kinder sind nicht Deine Kinder,

sie sind die Söhne und Töchter

der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.

Sie kommen durch Dich, aber nicht von Dir,

obwohl sie bei Dir sind, gehören sie Dir nicht.

Du kannst ihnen Deine Liebe geben, aber nicht

deine Gedanken; denn sie haben ihre eigenen Gedanken.

(…)

Du bist der Bogen, von dem Deine Kinder

als lebende Pfeile ausgeschickt werden.

Lass Deine Bogenrundung in der Hand

des Schützen Freude bedeuten!

(Khalil Gibran, 1883-1931)

Ich sage zu Großvater: „Wie klar und auch unschuldig das alles war! Wenn ich daran denke, was bald über Deutschland heraufziehen wird. Nichts kommt von selbst ... Opa!“

Er sieht mich ernst an: „Die Schuld lag tiefer. Ich kannte sie damals nicht. So wie du sie nicht kanntest, damals als junge Journalistin, die den Anfang der Bundesrepublik Deutschland miterlebt und mitgestaltet hat.“

„So entwickelte sich also in deinen weiteren Leben ein Schritt aus dem anderen – Folge-richtig.“

„Ja! Und meine nun folgenden Studentenjahre waren herrlich und kostbar und köstlich. So habe ich es später noch empfunden, wenn ich an sie dachte.

Später als wir alle zusammen in dem neuen kleinen Haus in der Richard-Wagner-Straße wohnten und ich mit 79 Jahren aufgehört hatte zu arbeiten. Auch diese Erinnerungen sind schön.“

Ich schüttele den Kopf: „Meine Lehr- und Entwicklungsjahre waren nicht köstlich.“

„Ich weiß, mein Kind. Aber bedenke, was alles dazwischenlag.“

„Ja. Das Grauen!“

„Und niemand wollte anschließend mehr etwas davon wissen, geschweige sich als Mittäter bekennen. Vielleicht glaubte ich eine Weile wirklich nicht schuld zu sein, oder vielmehr genug bezahlt zu haben, vor allem, weil ich meinen jüngsten Sohn im Hitler-Krieg verloren habe. So sind wir Menschen! Aber: Gewalt gebiert Gewalt und Grauen weiter Grauen, wenn wir verdrängen.“

„Auch nach so vielen Jahren des Friedens? Heute“

„Ja!“

„Ach, Opa, ich lese lieber erst mal weiter. Du schreibst:

„Ich wollte nun Bauingenieur werden. Ein halbes Jahr arbeitete ich zunächst als Maurer, wurde dann Student an der Technischen Hochschule Hannover.“

Im Turnclub hatte er bei seinem Turnlehrer Neumann auch das Fechten gelernt und natürlich wollte er nun als Student, wie es damals üblich war, auch Mensuren schlagen und trat daher in das Corps Macaro-Visurgia ein. „Bereits im ersten Semester habe ich dort 16 Mensuren gefochten, meistens mit Erfolg“, schreibt er stolz. „Dafür hatte ich nicht mehr genug Zeit für den Turnclub. Als Turner habe ich mich also nicht weiterentwickelt.“

„Entschuldige, wenn ich dich hier unterbreche. Du hattest nicht viele Schmisse im Gesicht, weniger als einige deiner Freunde. An einen auf deiner Glatze kann ich mich noch erinnern.“

„Ich war eben erfolgreicher als sie. Dein Vater, der bei den Marburger Teutonen gefochten hat, hatte übrigens auch nicht viele.“

Die Teutonen! Die gehörten doch zu den Studenten, die mit ihren ungezügelten Ausfällen gegen die Juden, mit ihren antisemitischen Hasstiraden Hitler den Boden bereitet haben! Ich traue mich wieder nicht zu fragen, ob es bei Opas Macaren auch diese Angriffe gegen die jüdischen Mitbürger gegeben hatte. Ich habe nicht einen Anhaltspunkt, auf den ich mich beziehen könnte. Mag man mich für blauäugig oder gar dumm und borniert halten. Ich kann nichts sehen, an dem ich mich festhalten, an dem ich anknüpfen könnte bei ihm, was den Verdacht einer Sympathie für die Nazis aufkommen lassen könnte. Und doch haben später in seinem Stahlwerk Kriegsgefangene arbeiten müssen – vielleicht auch Juden? Opa wird mir das ja alles noch erzählen.

Ich wechsle also das Thema:

„Um ehrlich zu sein, Opa. Ich finde das Mensuren-Schlagen schrecklich! Ist doch nahezu barbarisch. Warum hast du bloß nicht weiter geturnt!“

Er lacht: „Deine Mutter, meine Tochter Cilli, fand es auch schrecklich.“

Zum ersten Mal ist der ununterbrochene Primus nicht mehr an der Spitze. Er genießt seine Zeit als Student und findet viele neue Freunde:

„Die Zeit verging so schnell. Ich machte Examen – nicht besonders gut, weil ich während dieser Jahre gern und viel gefochten und getanzt habe. Dazu kamen das Tennisspielen im Sommer und das Schlittschuhlaufen im Winter. Außerdem machten wir interessante Studienreisen mit unseren Professoren.“

Ende 1899 legte Großvater sein Staatsexamen ab. Und da er nicht in den Staatsdienst wollte, absolvierte er gleich danach sein Diplomexamen. Sein bevorzugtes Gebiet war der Stahlbau. Er erhielt daher als Diplomaufgabe den „Entwurf der Stahlkonstruktion für eine große Weltausstellungshalle“. In der vorgeschriebenen Zeit von drei Monaten legte er den Entwurf vor und erhielt die Note „sehr gut“.

ZUM ERSTEN MAL „NICHT TAUGLICH“

Pünktlich zur Jahrtausendwende, am 1. März 1900, war sein Studium zu Ende. Nun wollte Opa eigentlich seinen einjährigen Wehrdienst beginnen, wurde aber bei der Musterung bis zum 1. Oktober zurückgestellt. Offenbar wollte er das nicht glauben und auch nicht akzeptieren. Kein Wunder – bei seiner sportlichen Tüchtigkeit:

„Mir gelang es, über meinen Professor Backhaus zu erreichen, dass ich ein zweites Mal untersucht wurde. Daraufhin erhielt ich das für mich niederschmetternde Ergebnis: ‚D.U. – dauernd untauglich‘. Ich hatte doch vorgehabt zu dienen, um dann Reserveoffizier zu werden, und war nun traurig. Ich war absolut gesund, aber man wollte mich wohl nicht als Einjährigen haben.“

Was für ein Glück hat er nun wieder gehabt!, denke ich. Wenn überhaupt, wie hätte er den Ersten Weltkrieg überlebt, aus dem eine ganze traumatisierte, verwundete und geschlagene Männergeneration zurückkehren würde?

Bereits seine erste Bewerbung am 1. April bei der damals bekannten Stahlbaufirma Harkort in Duisburg war erfolgreich: „Ich wurde aufgrund meines Diploms und vorgelegter Zeichnungen sofort angenommen.“

Ich begleite beim Lesen seiner Erinnerungen nun meinen lieben Großvater zu seinem ersten Job:

„Ich erinnere mich noch genau, wie ich zum ersten Mal den großen, voll besetzten Zeichensaal betrat. Es gab nur einen, der studiert hatte wie ich unter den vielen Zeichnern, Oswald Erlinghagen. Alle anderen hatten eine Lehre bei Harkort durchgemacht und waren nun hier als zum großen Teil tüchtige Konstrukteure tätig.

Erlinghagen arbeitete schon seit einem Jahr in dieser Firma.

Meine erste Aufgabe war, eine Stahlbau-Eisenbahnbrücke für den Staat Siam in Asien zu entwerfen, mit einer Spannweite von 90 Metern. Diese Brücken wurden damals fürs Ausland wegen der einfacheren Montage als Gelenkbrücken ohne Montagenietung ausgeführt. Über derartige Brücken hatte ich während meines Studiums kaum etwas erfahren.“

Nun war Opa in der Klemme! Aber so wie er als Kind war, so war er wohl sein ganzes Leben. Die Menschen mochten ihn einfach. Dünkel, so wie häufig bei Menschen, die aufgestiegen sind, gab es bei ihm nicht.

Also, was nun? Der gerade erst diplomierte Ingenieur runzelte die Stirn:

„Die statische Berechnung war ja nicht schwierig, aber die Konstruktion! Derartige Zeichnungen kannte ich nicht, und man hatte mir bisher auch keine ausgeführten Brücken gezeigt. Da saß vor mir ein alter Konstrukteur, der merkte, dass ich in Not war. Er holte die Zeichnung einer ausgeführten Brücke und erläuterte mir diese. Das war sehr gut. Und so war ich bald mit meiner Aufgabe fertig.“

Alles klappte nun wie geschmiert: „Unser Angebot wurde statt eines der Engländer vom Staat Siam angenommen.“ Das muss man sich mal vorstellen: Frisch von der Uni!

Und es ging weiter mit den großen Entwürfen. Und weil er schon immer Spaß am Lernen gehabt hatte, lernte er auch zu Hause nach Feierabend weiter dazu. Er freundete sich mit den Ingenieuren der Maschinenfabrik Becham & Kaatmann an, die später von der Demag übernommen wurde. Mit diesen Freunden wanderte Opa sonntags in der näheren Umgebung und lernte so das Rheinland kennen.

Mein Großvater notierte eigentlich nur Positives. Bis auf wenige Ausnahmen erinnert er sich offenbar nur an die Ereignisse in seinem Leben, die ihm Freude bereitet haben. Und dann klingt das so, als sei nichts Unangenehmes in diesen Jahren passiert. Aber eigentlich gibt es doch in jedem Leben mehr oder weniger Angenehmes. Ja, das schon, aber es ist eher Opas Art, den nicht so schönen Erlebnissen, wie einer langen Krankheit, am Ende noch eine positive Note zu geben oder eine witzige Pointe zu entdecken. Nur gegen den Tod hatte auch er später kein Rezept. Er starb, als ich in Hamburg studierte.

Welche Freude er im Leben gehabt hat! Sie nährte ihn noch, als er nach all den Schicksalsjahren in seinem späten Ruhestand stundenlang an seinem Marmortisch saß. Er klagte eigentlich nie, wenn ich mich nach der Schule einen Augenblick zu ihm setzte. Mit einer Ausnahme! Sein Gehör! Er wollte so gerne mehr von mir erfahren. Aber mit dem Hörgerät mochte er nicht umgehen. Ich glaube, es enttäuschte ihn bei jedem seiner Versuche.

Knapp drei Jahre nach dem Examen, am 18. August 1903, feierte Opa in Hannover Hochzeit mit der schönen Eisläuferin Elli Hammerstein: „Meiner Liebsten seit langen Jahren. Eine herrliche, wenn auch nicht lange Hochzeitsreise in den Schwarzwald folgte.“

„Am 11.Juli 1904 wurde unser erstes Kind, der kräftige Hans geboren.“

Mein geliebter Onkel Hans. So voller Leben und Liebe! Und was hat er alles sehen müssen. Von ihm wird bald die Rede sein und vor allen anderen wird er sprechen.

Meine Großmutter Elli, die ich leider nicht mehr erlebt habe, stammte aus einer angesehenen Familie des hannoverschen Großbürgertums. Sie wuchs mit fünf Geschwistern auf. Am meisten beeindruckte uns Kinder Tante Martha. Sie war eine gefeierte Operndiva. Immer wieder betrachtete ich ihr Foto als Walküre mit ihrem wallenden dunklen Lockenhaar. Tante Marthas Mann, ebenfalls ein Sänger, soll sie nach Aussagen meiner Mutter Cilli und ihrer Schwester Elli, gezwungen haben, nach der Geburt ihres Sohnes mit der Bühne Schluss zu machen. Mich empört diese Geschichte noch heute.

Als junge Journalistin in Bonn sollte ich dann viele Jahre später 1977 den zweiten wichtigen gesetzlichen Schritt nach der Abschaffung des Stichentscheides des Mannes im Familienrecht (1958) bewusst miterleben. Durch ihn durften Frauen nun ohne das Einverständnis ihres Mannes erwerbstätig sein. Eigentlich konnte ich es damals schon kaum glauben, dass so etwas bei uns Gesetz war und der Ehemann entscheiden konnte, ob die Frau arbeiten durfte oder nicht.

Meine Großmutter liebte ebenfalls die Musik und wollte den Namen Hans ihres ersten Sohnes mit zwei „n“ schreiben, vielleicht, um ihn aus der Masse der vielen Jungs mit Namen Hans heraus zuheben. Offenbar machte der Standesbeamte nicht mit. Meine Mutter bekam den Namen einer Muse der Musik, der heiligen Cäcilia, allerdings mit „e“, nämlich Cäcilie. Doch sie mochte ihren Namen nicht und hielt sich selbst auch für unmusikalisch. Ich hätte meine Großmutter so gerne kennengelernt. Zart, musisch und schön, wie sie war. Ihr Foto steht noch heute auf meinem Sekretär.

Und bei Opa ging es unaufhaltsam weiter. Er wollte noch mehr lernen:

„Bei Harkort hatte ich es beim Entwerfen von Brücken weit gebracht und wollte nun gerne das Montieren von Stahlbrücken erlernen. Das war nicht möglich, weil die Fabrik schon eine Reihe von guten Montage-Ingenieuren besaß. Als letzten Entwurf hatte ich an der großen Rheinbrücke Ruhrort-Homberg mitgearbeitet. Den Auftrag zur Ausführung erhielt jedoch die Firma MAN in Gustavsburg. Ich lernte dadurch aber damals den von der Stadt Ruhrort angestellten Leiter, Baurat Degener, kennen. Er bot mir an, bei MAN die Prüfungen und Überwachungen zu übernehmen. Ich war sofort dazu bereit, aber die Firma Harkort wollte mich nicht freigeben. Ich habe es dann aber doch durchgesetzt. Meine früheren Direktoren nahmen mir das sehr übel.

Ungefähr drei Jahre dauerte der Brückenbau bei MAN, und er brachte mir viele Kenntnisse und gute Beziehungen. Ich war häufig in den Walzwerken in Lothringen und dem Saarland zur Prüfung des Materials, oft in Gustavsburg zur Werkstattprüfung und besonders war ich ständig bei Montage auf der Brücke. Ich habe auch Entwürfe für Seitenbrücken auf beiden Rheinufern gemacht und deren Ausführung überwacht. 1906 besuchte mich Johann, der Sohn des hannoverschen Stahlbaufabrikanten Eilers, den ich noch aus der Leibniz-Schule kannte. Er bat mich, für Eilers die Entwürfe für die Ausschreibung zweier Brücken in Kassel, die Fuldaer- und die Hafenbrücke anzufertigen. Ich habe das zunächst abgelehnt, weil ich kaum Zeit hatte, und schließlich doch zugestimmt. Die Arbeit konnte ich erst nach Feierabend um 18 Uhr bis spät in die Nacht durchführen.

Nach drei Monaten sollte der Entwurf abgeliefert werden. Es gelang mir sogar, für beide Brücken je zwei Entwürfe fertigzustellen: Einen einfachen, billigeren Entwurf und einen mehr künstlerischen. Die beiden anspruchsvolleren Entwürfe bekamen für beide Brücken den ersten Preis. Der Firma Eilers wurde die Ausführung für die Hafenbrücke übertragen. Die Fuldaer Brücke wurde in Stein nach dem zweiten Preis ausgeführt [also nicht, wie Opa es vorgesehen hatte, als Stahlkonstruktion, aber auf Grundlage seines Entwurfs].“

Die Arbeit in Ruhrort gefiel Großvater nach wie vor. Er konnte durch sie seine Fähigkeiten und Kenntnisse erweitern.

Für seine Familie war diese Zeit nicht so gut:

„Wir mussten gleich von Duisburg nach Ruhrort ziehen, eine sehr hässliche Stadt, die außerdem umgeben war vom Rauch und Qualm der Schornsteine, auf der Rhein- und Hafenseite der Schiffe, auf der Fabrikseite durch Schlote. Da gediehen weder Bäume noch Blumen. Meine Frau musste mit den Kindern – 1906 war ja auch noch Tochter Elli geboren worden – sehr weit rheinabwärts gehen, um auf einer grünen Wiese sitzen zu können.“

Für meine kultivierte Großmutter war das schlimm. Sie war allem Schönen zugetan, den Künsten und vor allem der Natur. Diese Naturverbundenheit hat sich über meine Mutter auf uns drei Kinder vererbt. Ich kann mir gut vorstellen, wie schrecklich es für Großmutter gewesen sein muss, in Ruhrort zu leben. Großvater zog daher mit der Familie wieder nach Duisburg um, wo es noch Grün gab.

Im Jahre 1907, als die Arbeit an den Rheinbrücken fast zu Ende war, beschloss die Familie nach Hannover zurückzukehren. Opa wollte dort ein Ingenieurbüro für Stahlbau eröffnen.

„Das Angebot, die Arbeit als Oberingenieur bei MAN und der Gute-Hoffnung-Hütte zu übernehmen, hatte ich abgelehnt.“

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22 aralık 2023
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