Kitabı oku: «Prinzessin Christine»
Helle Stangerup
Kopenhagen
1. Kapitel
Es war der Montag nach Ostern 1523. Die Sonne ging fern am Öresund auf, an der Küste von Schonen, zerteilte für Augenblicke eine graue Wolkendecke und tauchte Kopenhagen in ein warmes, goldenes Licht. Es vergoldete die Spitze des hohen, eckigen Turmes der Frauenkirche, schien auf das Königliche Schloß und den Treppengiebel von Sankt Peter und warf seinen Glanz auf das Kloster der Grauen Brüder und die Nikolaj Kirche.
Das Licht gelangte auch zu den Höfen der Kaufleute und den Werkstätten in die Straßen und Gäßchen, in kleine Fenster und Ritzen im Mauerwerk. Es malte Streifen und Würfel auf die Lehmböden in Klædebo Rodemål, wo im roten Haus des Krämers längst die Arbeit begonnen hatte.
Die Krämer-Maren war an diesem Morgen schlechter Laune. Ane, die Magd, hatte Feuer machen sollen, aber es war ihr nicht gelungen. Sie hatte sich mit dem Feuerstein abgemüht, ohne etwas zu erreichen. Die Mägde der Nachbarn waren viel geschickter.
Dann hatte auch noch eine Ratte im Selchfleisch gesessen. Maren griff nach dem Schürhaken und schlug nach ihr. Zuerst verfehlte sie das Biest, traf es aber beim zweiten Versuch mit solcher Wucht, daß der Kopf wegflog und im Kohl landete.
Und außerdem hatte sich Mads der Krämer wieder einmal die ganze Nacht herumgetrieben. Maren glaubte ihm nicht, daß er nur gesoffen hatte. Er sollte was erleben, diesmal würde Maren die Wahrheit schon aus ihm herausholen.
Aber es war nicht nur das mit Ane und der Ratte und Mads und mit wem er es nun getrieben hatte. Für Maren und die anderen Leute von Klædeboderne und auch für ganz Kopenhagen war dieser Montagmorgen nicht wie andere Tage. Zwar wurde in den Werkstätten gearbeitet, und die Schweine grunzten und schmatzten in den Abfallhaufen der Straßen, doch es war nicht das übliche Treiben und Lärmen. Sogar Mette Remsniders in dem gelben Strohdachhaus hielt an diesem Tag ihr loses Mundwerk. Und Ane ersparte sich Prügel, denn Maren hatte an anderes zu denken.
Man munkelte, der König wolle auf Reisen gehen. Mads hatte es bei Anders Brolægger gehört, dessen Schwester bei Jesper Brochmann als Magd diente, und dann mußte es wahr sein. Sobald der Wind günstig war, wolle der König in die Niederlande segeln, um die Mitgift der Königin zu holen und mit einem mächtigen Heer zurückzukehren. Was das alles bedeuten sollte, wußte Maren nicht genau, aber sie kannte sich mit Vorzeichen aus, und davon hatte es genügend gegeben.
Zum Beispiel der Donnerschlag, der schlimmste, an den sie sich erinnerte, und das an einem Tag mit klarem, blauem Himmel. Das konnte nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, und bald verbreiteten sich Gerüchte in der Stadt. Der kleine Prinz Hans hatte im Haus von Mutter Sigbrit gespielt. Und als niemand auf den Jungen achtete, hatte er sich an Sigbrits Flaschen und Kolben zu schaffen gemacht und eine Flasche auf den Boden fallen lassen, daß sie zersprang. Im selben Augenblick ertönte der Knall, denn Sigbrit hatte ihn in der Flasche verwahrt, und dem armen Bürschlein war er entwischt.
Aber Maren glaubte diese Geschichte nicht. Daß Sigbrit eine Hexe war, darüber bestand kein Zweifel, aber ein ganzes Donnerwetter in einer Flasche zu verwahren, das schaffte auch eine Hexe nicht. Das Ereignis war ein Vorzeichen, ein böses Omen, genauso wie das Schwein, das mit verdrehten Beinen auf die Welt gekommen war und nur rückwärts laufen konnte. Oder als die Mühlenflügel bei Windstille vom Blåtårn herunterfielen. Sogar der König war erschrocken, und er befahl, die Flügel in der Nacht wieder anzubringen, damit nicht zu viel Gerede entstünde. Was aber trotzdem geschah. Schließlich kam in Nørre Rodemål ein Kind mit Schwanz und behaartem Rücken zur Welt, und das war fast das Schlimmste.
Man erzählte sich auch, daß der Reichstag im November verschoben werden würde. Allerdings sehnte sich auch keiner nach den adeligen Herren, die in die Bürgerhäuser einzogen und so hochmütig waren, daß sie oft abreisten, ohne zu bezahlen.
Jetzt schmiedeten sie Ränke mit Herzog Friedrich und allen Holsteinern, und das würde für die Dänen schlimme Zeiten bringen. Obwohl der Frühling endlich gekommen war, obwohl ein milder Wind von Süden in die Stadt wehte, widersprach das nicht den Vorzeichen oder täuschte darüber hinweg, daß die Adeligen eidbrüchig wurden und ihren König verrieten.
Maren hatte allerdings König Christian nie leiden können. Schon als Kind war er ein wilder Bursche gewesen, das wußte jeder, und das wurde akzeptiert. Aber daß er die Dyveke, diese Hure, aus Bergen mitbrachte und sogar nach seiner Heirat mit einer so vornehmen Fürstin bei sich behielt, das war zuviel.
Maren hatte ein einfaches Gemüt und beurteilte alles im Leben danach, ob es ihr Probleme brachte oder nicht. Sie vergaß nie, daß Mads der Krämer Abelone mit ins Bett genommen hatte, ohne die Kinder zu verjagen. Es war ein Wunder, daß Abelone das kleinste nicht zerdrückt hatte, während sie mit Mads hurte, denn Abelone war auch noch betrunken gewesen.
Am liebsten hätte Maren Abelone so behandelt wie die Ratte an diesem Morgen, aber auch Maren war nicht nüchtern gewesen, und außerdem hatte sie Sorge wegen der Kinder gehabt.
So begnügte sich Maren damit, Abelone vor die Tür zu setzen, Mads mit Essensentzug zu drohen und als Ersatz die törichte Ane ins Haus zu nehmen. Aber seit damals hatte Maren ihre eigene Meinung über Christian, und daran änderte sich auch nichts nach dem Tod der Dyveke. Wenn sie die Königin sah, auf dem Weg von der Messe in der Frauenkirche zurück ins Schloß, weckte die kleine, zerbrechliche Frau bei Maren Mitgefühl. Das Los einer Frau war nicht leicht, das einer Königin sicher schwerer. Sie hatten etwas gemeinsam, Königin Elisabeth von Dänemark und Maren von Klædeboderne.
Mit eifrigem Interesse beobachtete Maren auch die königlichen Kinder. Prinz Hans war ein schöner Bursche, auch wenn er sich zu viel herumtreiben durfte, und Fräulein Dorothea ein süßes kleines Mädchen mit hellen Locken. Nur die Jüngste, Christine, hatte Maren noch nicht gesehen, hatte aber gehört, daß sie etwas Besonderes sein sollte, die Hübscheste von allen, und dazu ein aufgewecktes Kind.
Während Maren an Dyveke und Abelone dachte, die zweifellos aus demselben Holz geschnitzt waren, und an das Fleisch, das warmgemacht werden sollte, und an die Lederstrümpfe des Krämers, die an der Ferse zerrissen waren, geschah etwas in Kopenhagen.
Die Arbeit in der Ankerschmiede von Bremerholmen geriet langsam ins Stocken, die Reepschläger ließen ihre Seile unfertig liegen, und in der Magstræde und Snaregade erstarb der Lärm in den Werkstätten. Die Schmiede und die Reepschläger schauten hinüber zur düsteren Fassade des Schlosses. Dort drüben begab man sich an Bord der Schiffe.
Allmählich ging ein Raunen durch die Menge, das Angst und Mißtrauen verriet. Da lagen die »Maria«, der Stolz der Flotte, der »Löwe« und achtzehn andere Schiffe. Die Frühlingssonne glitzerte auf der Wasseroberfläche und beleuchtete Masten, Takelagen und Kanonen, nach außen ein prachtvoller Anblick, der von Reichtum und Macht zeugte. So ging der König des Nordens auf Reisen.
Die Zuschauer wußten es besser, vielleicht besser als der König selbst. Sie kannten die Last der Steuern und den Hochmut und die Machtgier der adeligen Herren, die jetzt unterwegs nach Kopenhagen waren. Aber sie wußten auch, daß die Adeligen Dänemark nicht regieren sollten. Für die Bürger war die zur Abfahrt bereite Flotte kein Zeichen von Reichtum, Stärke oder Macht, sondern von Schwäche, Furcht und Ohnmacht. Und wenn sie flüsterten: »Der König reist«, meinten sie in Wirklichkeit: »Der König flieht.«
Das Murmeln der Menge breitete sich wie ein Schmerz in Straßen und Gassen aus. In jedem Haus war es zu hören, und alle strömten zum Wasser, alte Frauen und junge Gecken in Pluderhosen und mit geschlitzten Ärmeln, Bettler und Kaufleute, geschwätziges Gesinde und versoffene Weiber, Professoren, Studenten, Schüler und flüchtige Bauern. Und alle empfanden dasselbe. Zwar waren sie verärgert über ihn, verurteilten, verdammten, verfluchten ihn gar in heimlichen Stunden. Aber trotz Dyveke, trotz Sigbrit und den Steuern war er ihr Mann, ihr Freund, ihr König.
Da standen sie, zurückgeblieben und verlassen, starrten auf Schiffe, die die Anker lichteten und Segel setzten. Sie blickten hinaus auf den Öresund und wußten nur zu genau um die Feinde, Schiffe aus Lübeck zur See und holsteinische Heere zu Lande. Wie ein Fieberschauer kam die letzte Neuigkeit. Die Königin und die königlichen Kinder befanden sich an Bord des »Löwen«, sie segelten mit in die Niederlande, zusammen mit den Schätzen und Insignien des Reiches und mit fast allen Vertrauten des Königs.
Allmählich verstummte die Menge, alle wußten Bescheid. Die Möwen flogen kreischend hinaus auf den Sund, und das Banner des Königs flatterte am Großmast. Die Flotte stach in See und segelte nach Norden.
Als eine der letzten Zuschauer an Land traf Maren ein. Sie war so übereilt von zu Hause losgelaufen, daß sie vergessen hatte, den Holzlöffel liegenzulassen. Und während sie mit dem Löffel in der Hand da stand, verlautete, daß Sigbrit ebenfalls mitfuhr. Einige behaupteten, man habe sie in einer der Kisten an Bord geschmuggelt. Als Sigbrits Name genannt wurde, hoben manche drohend die Faust. Sie gehöre auf den Scheiterhaufen, diese Hexe, sie gehöre dorthin, wo Didrik Slagheck und all die andern waren, die meinten, den König führen zu müssen. Aber der Zorn verebbte rasch, überstieg einfach ihre Kräfte. Schuld waren Sigbrit und die Adeligen und die hinterhältigen Schweden, doch das war jetzt zu spät, und wer glaubte schon daran, daß der König wie versprochen zurückkehrte? Ein paar, vielleicht viele, Kopenhagen mußte jedenfalls verteidigt werden. Sie wollten die Lübecker und die Holsteiner in Schach halten, und in drei, vier Monaten würde der König mit einem neuen Heer und der Hilfe des Kaisers wiederkommen.
Aber während sie da stand und den Holzlöffel umklammerte, wußte Maren in ihrer einfachen Denkweise, daß es nicht so sein würde. Die Tränen liefen ihr über das Gesicht. Wenn die Königin, diese edle Frau, Christian treu blieb, konnte sie, Maren, das auch. Sie heulte so verzweifelt, heulte aus Angst, aber auch vor Kummer. Es war, als würde man seine Familie verlieren, und mittendrin fiel ihr ein, daß sie nun niemals Fräulein Christine sehen würde, dieses Mädchen, das etwas Besonderes sein sollte.
Wie würde es der armen Prinzessin und Königin ergehen, und wie würde es ihr und Mads und den Kindern und allen anderen in Klædeboderne und der ganzen Stadt ergehen?
Die Schiffe wurden kleiner, und eines nach dem anderen verschwanden die hellen Segel hinter der Landspitze oben bei Skovshoved.
Die Leute blieben noch ein bißchen stehen, verdrossen und ratlos. Irgendwann gingen die Bürger Kopenhagens still nach Hause.
Niederlande
2. Kapitel
In den frühen Morgenstunden trieb ein dichter Winternebel nach Flandern hinein. Er kam vom Meer, wälzte sich über Grachten und Kanäle, überzog die Felder und breitete kurz nach dem Morgengrauen seinen kalten Schleier über Gent.
Das hinderte die Einwohner der Stadt nicht daran, am frühen Nachmittag an den Straßen, die zur St. Pieters Kirche führten, Aufstellung zu nehmen. Es kündigte sich etwas an. Die Leute stampften mit den Füßen, um sich aufzuwärmen, man hörte unablässig das Husten der Schwindsüchtigen in der Menge, worüber die sich ärgerten, die sich die Wartezeit damit vertreiben wollten, Neuigkeiten, Meinungen und Tratsch auszutauschen. Über ganz Gent läuteten die Kirchenglocken. Von St. Baafs mächtigen Türmen, von der St. Jakobskirche, der St. Elisabeth Kirche, sogar von der kleinen Johannes-der-Täufer Kirche dröhnte es in den Nebel, der in Schichten zwischen den spitzen Giebeln der Häuserreihen lag und auf das grüne Wasser der Kanäle sank.
Königin Elisabeth von Dänemark sollte begraben werden, jeden Augenblick war ein Aufzug zu erwarten, und die Ungeduld wuchs.
Aber würde überhaupt etwas zu sehen sein? Wer sollte bezahlen? Der König von Dänemark besaß keinen ehrlichen Gulden. Wahrscheinlich aber hatte der Kaiser für einen anständigen Leichenzug gesorgt. Schließlich war die Tote seine Schwester, und er konnte es sich leisten.
»Warum mußte sie auch diesen verrückten Barbaren heiraten«, rief ein Seemann und drängte sich in die vorderste Reihe.
»Weil eine Prinzessin aus dem Hause Habsburg nur Könige heiraten darf, alles andere ist nicht fein genug«, erwiderte eine alte Frau hinter ihm und fügte hinzu: »Und die anderen Könige hatten schon ’ne Frau.«
Das brachte den Seemann jedoch nicht zum Schweigen. Er erzählte von dem Land, in das Elisabeth geschickt worden war. Er war mit einer Ladung Salzheringen nach Helsingør gesegelt, das lag in einem der Reiche König Christians, und er wußte seltsame Dinge zu berichten. Die Leute in Dänemark könnten weder lesen noch schreiben, wüschen sich nie, im Bettstroh gebe es Mäuse- und Schlangennester, und man könne keine Versammlung nach acht Uhr morgens einberufen, denn dann seien alle so besoffen, daß man von keinem mehr eine vernünftige Antwort bekomme.
Als er vom Suff sprach, grinsten die Leute, der Seemann hatte nämlich auch seine Schwierigkeiten, gerade auf den Beinen zu stehen.
»Ist das etwa schön, in so ’nem Land Königin zu sein?« rief er, aber als er von dem vielen Geld erzählte, das Christian dem Kaiser und der Regentin und den deutschen Kurfürsten und den Kaufleuten von Lier schuldete, wollte niemand zuhören. Das wußten alle ohnehin. Und während der Seemann mit einem Selbstgespräch über die Stürme auf der Nordsee fortfuhr, diskutierte man eifrig, wie die Regentin diesen König Christian loswerden könne.
Die Glocken läuteten, das Gerede ging weiter, aber nicht alle hatten sich aus Interesse an dem dänischen König unter die Menge gemischt: Das Diebesgesindel wußte, daß dort, wo sich viele versammelten, auch viel zu holen war. Einige waren noch Kinder, zerlumpte Bälger, denen der nagende Hunger einen scharfen Blick und flinke Finger verlieh.
Die Bettler versuchten auf offenere Weise, sich anzueignen, was nicht ihnen gehörte. Einer von ihnen humpelte, die verkrüppelten Beine in Lumpen gewickelt. Er hielt einen Stock mit einem Papier in die Höhe, auf dem stand: »Gib eine milde Gabe zur Freude Gottes.« Ein junger Mann trat nach dem Bettler, der in den Rinnstein fiel, und die Leute lachten, aber er kam rasch wieder hoch.
Einige standen nur da, hörten zu und schwiegen. Sie grübelten, ob die junge Königin wohl deshalb nur vierundzwanzig Jahre alt geworden war, weil sie so offen zu ihrem evangelischen Glauben gestanden hatte und deshalb ein so elendes Leben führen mußte. Während andere über den Bau des Rathauses und die Wollpreise der Engländer redeten, behielten diese Menschen ihre gefährlichen Meinungen für sich. Es saßen schon genug in Antwerpen und Brüssel im Gefängnis.
Auf einmal verstummte das Reden, und alle reckten die Hälse.
Man vernahm Hufgetrappel auf dem Kopfsteinpflaster, und aus dem Nebel zwischen den Häuserreihen tauchten die kaiserlichen Herolde auf. Beim Anblick der schönen Waffenröcke ging ein Raunen durch die Menge, und an Fackelträgern hatte man auch nicht gespart. Die Flammen erhellten den trüben Winternachmittag, und jeder sah, mit welcher Pracht eine Tochter des vornehmsten Fürstenhauses begraben wurde. Das Volk kam auf seine Kosten.
Der Sarg wurde vorbeigetragen, und alle Blicke gingen rasch zu dem merkwürdigen Mann, der einmal über die Reiche des Nordens geherrscht hatte und geflohen war, obwohl die Flotte, das Heer und die Regierung der Hauptstadt in seiner Hand lagen.
Der König von Dänemark ritt unmittelbar hinter dem Sarg. Er war sehr groß, ganz in Schwarz, und der Schein der Fackeln blitzte in dem Orden des Goldenen Vlieses, der von seiner Schulter hing. Wie auf Kommando beugten sich die Zuschauer vor, wollten etwas in seinem Gesicht lesen, fanden aber nichts. Sie sahen die kräftige Nase, den Vollbart, die dichten Augenbrauen. Sein Blick war in die Ferne gerichtet, als gingen ihn die Welt und ihre Kümmernisse nichts an.
An der Seite des Königs ritt Prinz Hans, Erbe der Reiche, die sein Vater verloren hatte. Er war erst sieben Jahre, doch er saß sicher im Sattel. Beim Anblick des schönen Knaben und seiner hinter ihm folgenden zwei kleinen Schwestern erhob sich ein Flüstern in der Menge. Die armen Kinder, was sollte aus ihnen werden? In Fräulein Christines Augen standen Tränen, und unversehens vergaß man den merkwürdigen Mann, der einmal mächtig gewesen war, aber jetzt deutschen Kurfürsten und flämischen Kaufleuten Geld schuldete. Das Mädchen war so klein und sah so unglücklich aus.
Dahinter folgte der Rest des Aufzuges, Adelige und Geistliche zu Pferd. Man zählte fünf Äbte und zahlreiche Mönche.
Die Königin von Dänemark, Gemahlin Christian II., wurde umgeben von Vertretern der katholischen Kirche begraben.
Chorgesang erklang aus Sint Pieter. Das Tageslicht schwand dahin. Der Sarg wurde hineingetragen, und das Diebesgesindel verzog sich in seine Schlupflöcher, um festzustellen, was der Tag gebracht hatte.
Die Vorstellung war für die normalen Bürger zu Ende, und sie waren zufrieden. Was Elisabeth auch immer zu Lebzeiten entbehrt haben mochte, beim Begräbnis wurde nicht gespart, auch wenn es etwas spät war.
Als letzter humpelte der Bettler weg. Das Schild mit der Bitte um eine Gabe zur Freude Gottes benutzte er jetzt als Stütze, das Papier hatte er zusammengefaltet für ein anderes Mal. Ihn interessierte es nicht im geringsten, ob Elisabeth in dem einen oder dem anderen Glauben gestorben war. Er hatte zwar manchen Tritt einstecken müssen und im Dreck des Rinnsteins gelegen, aber das Geld in seinem Beutel wog schwer.
Der Bettler zählte seine Münzen. Es war ein guter Tag gewesen.
Christines Mutter war jetzt tot und beim lieben Gott. Aber weil Gott gütig war und weil er wußte, daß sie, Christine, ihre Mama über alles in der Welt liebte, würde er die Mutter sicher bald zurückschicken. Er lieh sie nur aus, redete sich das Mädchen ein, er wollte sie natürlich sehen und mit ihr reden, bevor sie wieder auf die Erde kam.
Doch obwohl sich Christine nach der Mutter sehnte, hatte sie nicht deshalb geweint, als sie dem Sarg folgte. Es waren die vielen Menschen, die ihr Angst machten. Sie starrten hinauf zu ihr, und sie rückten näher und näher, diese grauen, drohenden Gesichter, die sie nicht kannte, und sie wußte nicht, was man von ihr wollte.
Eigentlich war Christine es gewohnt, von Menschen umgeben zu sein. In Lier waren die Hellebardiere, aber die paßten auf sie auf. Es gab die Sekretäre und die Hofdamen und Herren der Mutter und die Diener und die, die wuschen, und die, die Essen kochten und Kerzen zogen, aber die lächelten ihr immer zu, sie starrten nicht so. Und als ihre Mama sehr krank wurde und sie nach Zwynaerde umzogen, gab es Mönche, die ihr manchmal etwas Süßes zusteckten und dabei flüsterten, sie dürfe es niemandem sagen.
Als Christine in die Kirche geführt wurde, beruhigte sie sich. Sie fühlte sich geborgen zwischen Mönchen, Kerzen und Chorgesang, hinter ihr schlossen sich die Türen und schützten sie vor den Gesichtern im Nebel.
Einige Tage später dachte Christine nicht mehr an die schweigenden, ausdruckslosen Blicke. Ihr Vater lenkte sie mit seinen fesselnden Geschichten ab.
Bevor Christines Mutter gestorben war, hatte der Vater nie viel Zeit für seine Kinder gehabt. Wenn er endlich nach Hause kam, ließ er sie manchmal holen, hob sie hoch, küßte sie auf den Mund und fragte sie feierlich, ob sie Gott liebten und fürchteten. Hatten sie das bejaht, stellte er sie sofort auf den Boden und winkte den Hofdamen, und sie wurden wieder weggebracht.
Aber seitdem Christines Mutter zum lieben Gott im Himmel gereist war, benahm sich ihr Vater ganz anders. Jeden Abend, wenn es dunkel wurde, setzte er sich in einer kleinen Stube an den Kamin, nahm Christine und ihre Schwester auf die Knie und erzählte Geschichten. Er schilderte die Länder da oben im Norden, wo sie hingehörten. Dort waren die Wälder so riesig, daß man tagelang reisen konnte, ohne einen Menschen zu sehen, dort waren die Felsen so hoch, daß sie bis in die Wolken ragten, und die Flüsse stürzten Abgründe hinunter, beschienen von der Sonne, daß es aussah wie eine Flut von Diamanten.
»Was ist das?« fragte er dann und sah immer zuerst Dorothea an. Aber die kicherte nur verlegen und legte ihren Kopf an die Schulter ihres Vaters.
»Ein Wasserfall«, sagte Christine artig und bekam einen Kuß von ihrem Vater.
Den bekam sie auch, wenn sie die Namen der großen Städte von da oben hersagte oder Geschichten von Bärenjagden in Norwegen nacherzählte oder von Elchjagden in Schweden und von wilden Ritten durch das schöne, üppige Dänemark. Einen ganzen Monat saßen sie Abend für Abend am selben Kamin und hörten von Ländern, in die sie einmal zurückkehren sollten. Dorothea kicherte oft, aber Christine merkte sich alles, und sie spürte jedesmal das Kratzen von Papas Bart auf der Stirn, wenn er sie an sich drückte.
»Warum reisen wir nicht einfach hin?« fragte sie eines Tages, und da erfuhr sie die Geschichte von Vaters Onkel, der den Thron an sich gerissen hatte. Erst müsse man ein Heer sammeln, ehe der Verräter vertrieben werden könne.
»Er spricht nicht einmal Dänisch«, sagte ihr Vater, »nicht einmal das. Ihr dürft nie vergessen, dänisch zu reden. Es ist gut, daß ihr im Holländischen gewandt seid und schon Französisch könnt. Aber ihr dürft nie die dänische Sprache vergessen, denn das ist eure eigene.«
Und jeder Abend endete damit, daß ihr Vater nach Hans schickte, um sich mit ihm allein zu unterhalten.
Eines Abends standen eine Menge Kisten und Truhen im Zimmer. Der Vater erklärte, daß sie demnächst alle zusammen nach Sachsen reisen würden, wo er ein Heer sammeln wolle. Er erzählte weiter über die Länder da oben, und Christine hatte allmählich das Gefühl, daß jedes der drei einen eigenen Geruch und eine eigene Farbe hatte. Als sie inmitten all der Kisten am Kamin saßen, wagte sie es, das zu sagen.
Ihr Vater lachte, das Lachen dröhnte im Raum. Dorothea schmiegte sich an ihn, während er Christine fragte: »Und welche Farbe hat dann Norwegen?«
»Weiß«, antwortete sie. »Weiß wie Schnee.«
Er lachte wieder und fragte: »Und Dänemark?«
»Grün«, antwortete sie. »Grün wie das Gras und der Wald im Sommer.«
Sie merkte, daß auch das ihrem Vater gefiel. »Und Schweden?«
Christine zögerte ein wenig, war sich nicht ganz sicher, entschied sich dann aber für die schönste Farbe, die sie kannte: »Rot.«
Ihr Vater sagte nichts, und sie wiederholte begeistert: »Rot. Wie Blut.«
Es wurde still. Christine hörte nur das Zischen eines Holzscheites, und ihr Vater ließ sie los. Seine Hand fiel schwer nach unten. Christine streichelte ihn, war bekümmert, etwas Falsches gesagt zu haben, begriff aber nichts. Schließlich sagte er: »Es ist spät.«
Langsam stellte er die beiden Mädchen auf den Boden, erhob sich und rieb sich mit den Händen die Stirn, als habe er Kopfschmerzen. Einen Moment lang glaubte sie, er habe sie vergessen, aber dann bückte er sich, gab ihnen den Gutenachtkuß, und sie wurden weggebracht.
Einen Monat nach dem Begräbnis kam ein Sekretär atemlos ins Zimmer: »Euer Gnaden, die Regentin sind auf dem Weg hierher.«
Christines Vater stieß einen Schrei aus, sprang auf, und die Mädchen fielen herunter wie zwei Schoßhündchen. Der Sekretär wagte nichts mehr zu sagen. Man hörte Reiter auf dem Hof.
»Was will dieses Weibsblid?« rief Christines Vater und ging mit langen Schritten auf das Fenster zu. Der Sekretär zitterte am ganzen Körper, als er jetzt drohend auf ihn zukam.
»Sie denkt wohl, daß sie mir die Kinder wegnehmen kann? Tut sie das?«
Er schrie dem vor Schreck erstarrten Mann ins Gesicht, während die Hofdamen herbeieilten. Christine und ihre Schwester wurden gepackt, hochgehoben und hinausgetragen. Als letztes sah sie den Vater nach Schalen und Silber in den Kisten greifen. Sie hörte das Geräusch von Glas, das zerschlagen wurde, das Poltern von Metall, das auf den Boden knallte, Stühle, die umgestoßen wurden.
Plötzlich war das ganze Schloß ruhig. Die Regentin der Niederlande war angekommen und wünschte eine Unterredung mit König Christian von Dänemark.
In dieser Nacht weinte Christine. Sie weinte richtig, nicht wie bei dem Begräbnis, wo ihr nur Tränen in den Augen gestanden hatten. Sie lag alleine in dem großen Bett hinter dem Vorhang, sie lag da im Dunkeln und wußte auf einmal, daß sie ihre Mutter nie mehr wiedersehen würde. Und ihr wurde klar, wenn man seine Mutter verlieren konnte, so konnte man auch alles andere, was man liebte, verlieren.
Kein Laut war in dem großen Haus zu hören. Durch den Spalt im Vorhang sah sie die Kammerjungfer auf dem Stuhl neben der Tür, und die Flammen des Kamins erhellten den Raum. Christine faltete die Hände und flehte in einem Gebet die Heilige Maria an. Sie bat leise und innig darum, der liebe Gott möge ein bißchen warten, ehe er ihr noch mehr wegnimmt.
Am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang wurden Christine und Dorothea hinunter zu ihrem Vater gebracht. Er lehnte am Kamin, die linke Hand aufgestützt, drehte sich aber nicht um. Hinter ihm saß zwischen vollen Kisten und Truhen eine Frau auf einem Hocker, und die Fackeln waren angezündet. Eine Sekunde lang glaubte Christine, ihre Mama sei trotzdem zurückgekommen und säße hier im Schein der Flammen, dann wandte die Dame ihnen langsam ihr Gesicht zu.
Sie war korpulent, schwarz gekleidet, und ihr Haar war weiß gestärkt.
»Kommt her«, sagte sie gebieterisch, und Christine sah, daß sie denselben Mund wie ihre Mutter hatte, nur größer, wie alles an ihr größer war.
»Laßt euch anschauen«, sagte sie, aber Christine und Dorothea blickten hilfesuchend zum Vater, wußten nicht, ob sie es wagen sollten, hinzugehen.
Der Vater rührte sich nicht. Die Dame sah einen Moment hinüber zu ihm, bis sie ihren Blick wieder auf die Mädchen richtete.
»Ich bin die Tante eurer Mutter und habe mit eurem Vater vereinbart, daß ihr bei mir wohnen werdet, solange er unterwegs ist.«
Christine hörte, daß ihre Schwester zu weinen anfing. Die Dame erhob sich langsam und kam auf sie zu. Christine schaute erschreckt auf, sie hatte Angst vor der Frau und verstand nicht, warum der Vater ihnen den Rücken zukehrte, statt sie zu beschützen.
Die Dame streckte ihre Hand aus, und die Mädchen beugten sich vor und küßten sie. Dann faltete sie die Hände auf dem schwarzen Kleid und sagte: »Ich hatte einmal ein kleines Kind. Es ist gestorben. Ihr hattet eine Mutter, die gestorben ist. Ich werde euch lieben wie meine eigenen Kinder.«
Dorothea hörte auf zu weinen, und Christine blickte die Dame an.
Sie wußte, daß es die gefürchtete Regentin war, die da vor ihr stand. Alles in ihrem Gesicht war schwer. Die Augen und die breite Nase, der Mund mit der dicken Unterlippe, und Christine hatte sich noch nie so allein auf der Welt gefühlt.
Plötzlich drehte sich ihr Vater um.
Er ging langsam zu ihnen, hob sie hoch, jedes auf einen Arm, hielt sie fest und schaute ihnen in die Augen.
»Eure Tante wird euch lieben, es ist sicher am besten so. Vertraut auf Gott und vergeßt nicht die dänische Sprache.«
Die Mädchen antworteten nicht. Die Stimme des Vaters war rauh, und Tränen liefen in die Falten seines Gesichts und verschwanden im Bart. Einen Augenblick blieb er mit ihnen im Arm stehen, ohne etwas zu sagen, dann setzte er sie behutsam ab.
»Ich werde dafür sorgen, daß Prinz Hans hereinkommt«, sagte die Dame, faßte Christine und Dorothea bei der Hand und führte sie hinaus.
3. Kapitel
Die Sonne schien, aber es war erst Anfang März, die Luft noch kühl und feucht, und Christine war unglücklich, als sie am Palast von Mechelen ankamen. Niemand wußte, wann ihr Vater aus Sachsen zurückkehrte, wann er seine Länder zurückeroberte und den bösen Onkel vertrieb. Sie hatte ihren Vater lieben gelernt, und plötzlich war auch er weg. Die Tante sprach bei der Reise kaum ein Wort, neigte bloß den Kopf ein wenig, wenn Menschen am Straßenrand die Mützen vom Kopf rissen.
Im Innenhof gab es einen langen Gang mit weißen, dünnen Säulen, und in der Ecke bei der großen Treppe standen Diener, Zofen und Stallknechte. Christine wurde rasch abgesetzt.
»Kommt, kommt«, sagte die Tante und faltete ihre Hände, während sie die Kinder antrieb. »Jetzt zeige ich euch das Haus. Zuerst die Bibliothek, denn dort gibt es etwas, das euch gefallen wird.«
Während Diener in Samt und Seide Türen öffneten und schlossen, wurden Christine und ihre Geschwister in einen halbdunklen Raum mit Büchern, Handschriften und Gemälden gebracht. Mit einer weitausholenden Handbewegung deutete ihre Tante auf ein Bild und fragte: »Nun, Christine, wer ist das?«
»Das ist Mama«, antwortete sie mit tränenerstickter Stimme und schaute hinauf.
Ihre Mutter war die schönste Frau, die sie jemals gesehen hatte. Sie trug ein weißes Gewand, mit Perlen am Bund, einer Brosche und geschnürten Ärmeln. Locken fielen um das Gesicht.
»Ja«, sagte ihre Tante. »Und wer ist das, Dorothea?« fragte sie und wandte sich dem anderen Bild zu.
»Papa.« Mehr brachte Dorothea nicht heraus.
»Gut.« Sie legte Hans den Arm um die Schultern. »Eure Mutter ist im Himmel beim lieben Gott und euer Vater auf Reisen. Trotzdem sind sie hier, ihr könnt jederzeit hineingehen und sie anschauen. Und eure Mutter im Himmel und euer Vater auf seinen Reisen freuen sich, wenn sie wissen, daß ihr gehorsame, gottesfürchtige Kinder seid, die ihnen Ehre machen.«
»Ja, Madame«, sagten die Kinder mit winzigen Stimmen.
»Gut.« Die Tante ging schwerfällig durchs Zimmer und blieb stehen.
»Kommt, kommt. Es gibt noch viel mehr zu sehen.«
Sie wurden durch die anderen Räume geführt. Es gab Gobelins mit Motiven von David und Goliath und Jagdszenen und griechischen Sagen, die Kinder sahen Gemälde, große silberne Spiegel, riesige Kronleuchter und schließlich die Tiere.
Zuerst ein italienischer Windhund, und Christine sah ihre Tante lächeln, als sie sich bückte und ihn streichelte. Danach begrüßten sie die Vögel. Es waren Singvögel in großen Käfigen und Kakadus, die aus der Neuen Welt stammten, und schließlich der grüne Papagei. Die Tante erzählte von ihrem ersten Papagei, der gestorben war.
Er hatte drei Sprachen sprechen und auf alles antworten können. Er war sehr alt gewesen, denn er hatte schon bei der Mutter der Tante am burgundischen Hof gelebt. Dieser hier sei freundlich und genauso grün, aber leider nicht ganz so klug.
In Christines Zimmer hatte das Bett einen goldenen Vorhang, es gab Decken anstelle der Plumeaus, die sie gewohnt war, und am Abend kamen zwei Kammerzofen, um zu wachen.
Eine von ihnen schlafe immer ein, erklärte die Tante mit einem kleinen Lächeln.
Als Christine in ihrem Bett lag, war sie nicht mehr so traurig wie bei der Ankunft. Ihre Eltern waren tatsächlich da drinnen auf den Bildern, und sie war davon überzeugt, daß die Tante sie und ihre Geschwister liebte. Trotzdem grübelte sie darüber nach, warum der liebe Gott einen grünen Papagei so lange auf der Erde leben ließ und ihre Mutter so jung sterben mußte. Das konnte Christine nicht begreifen, aber weil sie nach der langen Reise sehr müde war, schlief sie bald ein.
Der Alltag am Mechelner Hof begann. Sobald die Kinder von der Messe kamen, fingen sie mit dem Lateinischen an, dann folgte Französisch, Bibelkunde, Geschichte, Geographie und Mathematik. Sie mußten gutes Benehmen lernen, tanzen und reiten. Ohne Rücksicht auf das Wetter waren sie jeden Tag draußen. »Frische Luft härtet ab«, erklärte ihre Tante und gewährte keine Ausnahme, wenn der Schnee auf ihren Wangen brannte und die Kanäle zufroren.
Für Christine und ihre Geschwister war jede Stunde des Tages fest verplant. Von morgens an hatten sie Aufgaben zu erledigen, bis sie erschöpft und mit roten Wangen abends einschliefen.
»Freie Stunden führen nur zu Mißmut«, meinte ihre Tante, aber eine Stunde Spielen war auch festgelegt.
Sie saß dann auf ihrem Stuhl und beobachtete die Kinder mit schweren Augen unter dem weißen Schleier. Sie schaute ihnen zu, wenn sie mit den Tieren scherzten, auf dem Boden unter den Gobelins tobten, mit Pfeilen auf eine große Scheibe warfen oder die kleinen Heiligenfiguren aus Holz mit Blumen schmückten. Dick und breit, die Hände im Schoß gefaltet, lächelte sie nur, egal was sie anstellten und wie sehr ihre Kleider in Mitleidenschaft gezogen wurden. Es war die Stunde, in der »alles erlaubt war«, und nur wichtige Ratsversammlungen und Reisen hielten sie davon ab, den Kindern zuzuschauen. Ihr Spiel, ihr Herumtollen und ihre kleinen Unfälle waren offenbar ebenso wichtig wie der Lateinunterricht in den eiskalten Morgenstunden.
Während dieser Zeit in Mechelen wurde Christine von vielen Menschen geprägt. Wenn sie nicht von der Tante beaufsichtigt wurde, kümmerte sich die Dienerschaft um sie. In jedem Raum hielten sich Zofen auf, und aus den Fenstern des Unterstocks hörte man das Schwatzen und Lachen von denen, die Essen zubereiteten, die einmachten, pökelten und Fische ausnahmen. Sie hörte die Dienstmägde, die mit der Wäsche beschäftigt waren, Mägde, die aus großen Gefäßen Kerzen zogen, und Stallburschen, die die Pferde striegelten. Die Hofdamen waren schweigsam und würdevoll, während sich die jungen Fräuleins, die sich am Hof aufhielten, um ihre Erziehung zu vervollkommnen, stets plaudernd durch Stuben und Säle bewegten.
Pagen verneigten sich vor Christine, Gouvernanten überwachten ihre Manieren, Lehrer ihre Ausbildung, Hofdamen ihre Kleidung, den Tanz und den Gesang. Aber enger als mit allen anderen Menschen war Christine mit ihrer Schwester verbunden.
Zwischen den beiden bestand nur ein Jahr Altersunterschied. Und weil Dorothea kleiner war, fühlten sie sich wie Zwillinge. Ihr Bruder Hans erhielt gesonderten Unterricht, weil er der Sohn war, der Erbe und außerdem älter. Dorothea zeigte nach außen hin ein heiteres Gemüt, obwohl sie im Grunde sensibel war. Der geringste Anlaß konnte einen Lachanfall bei ihr auslösen. Nachdem die Milchzähne ausgefallen waren und die neuen kamen, die bedauerlicherweise die Form von kleinen Zacken hatten, versuchten sowohl die Tante wie alle Hofdamen, ihr diese hemmungslose Heiterkeit auszutreiben. Sie sollte lernen, sich vorteilhaft zu benehmen, ihrer Umgebung gefällig zu sein, und die Zähne waren nicht das Hübscheste an ihr. Sie versuchte, sich zu beherrschen, und biß sich mit ihren spitzen Zähnen in die Lippe, während der ganze Kopf unter den hellen Locken bebte.
Durch Dorothea wurde Christine die Komik im Leben bewußt, Christine hingegen half ihrer Schwester in Latein, Theologie und Mathematik. Christine hatte eine sehr gute Auffassungsgabe, und sie half ihrer langsameren Schwester mit Verben und Formeln.
Beide Mädchen begeisterten sich gleichermaßen für die Äsopischen Fabeln, aber sie hatten nicht dieselbe Lieblingsheilige. Dorothea schätzte am meisten ihre Namenspatronin, die heilige Dorothea, die so sanft war, und das Rosenwunder, das geschah, als sie für Jesus, ihren Bräutigam, den Märtyrertod starb.
Christine bevorzugte die heilige Birgitta. Zum einen war sie nordisch und sowohl edel wie gerecht, eine Frau vornehmsten Geschlechts, zum anderen wußte sie, was in der großen Welt vorging. Gott zu veranlassen, einen Korb mit duftenden Äpfeln und Rosen im Februar auf die Erde zu schicken, war natürlich hübsch, aber so klug zu sein wie Birgitta, daß man von Herrschern und sogar vom Papst um Rat gefragt wurde, erschien ihr doch begehrenswerter.
Christine und ihre Schwester teilten Freuden und Sünden miteinander. Sie flüsterten sich ihre Geheimnisse zu, wie Dorothea in Abwesenheit der Tante in die Wasserschale des Papageis Rheinwein gegossen hatte, wie Christine mit ihrem Pfeil eine der Heiligenfiguren getroffen oder wie sie während der Messe über einen Mönch gelacht hatten, der so komisch aussah, weil seine Nase voller Warzen war. Sie beichteten es Pater Antonius. Vor ihm fürchteten sie sich nicht besonders. Er sagte nur, wieviele Kerzen sie anzünden sollten, schalt aber nie.
Es gab Menschen im Leben der beiden Schwestern, die sich nur verneigten und ihren Wünschen gerecht zu werden versuchten. Andere aber erfüllten die Mädchen mit Ehrfurcht und Respekt.
An oberster Stelle in ihrem Dasein stand natürlich Gott, zu dem sie morgens und abends beteten. Aber gleich unter ihm, nur ein kleines Stück darunter, war der Kaiser, von dem sie täglich hörten, ihn aber nie gesehen hatten.
Christines Geographiestunden waren besonders interessant, wenn sie auf dem großen Globus all die Länder zeigen durfte, über die der Bruder ihrer Mutter herrschte.
Er war Kaiser des deutsch-römischen Reiches, König von Spanien und Neapel und Herrscher der Niederlande, wo die Tante für ihn regierte. Und außerdem gehörten ihm die neuen Länder jenseits des Meeres, für die man den Globus drehen mußte.
Der Kaiser war gut, fast wie Gott, jedenfalls besser als alle anderen Menschen auf der Welt. Daß seine Macht so groß war und sich bis auf die andere Seite der Erde erstreckte, hing mit den Eltern seiner Mutter zusammen, mit König Ferdinand und Königin Isabella, die Kolumbus losgeschickt hatten, um den Seeweg nach Indien zu finden.
Der Gedanke, daß man früher geglaubt hatte, die Erde sei eine Scheibe, brachte Dorothea zum Lachen.
»Und wo sollte sie dann aufhören? Mit einem Gartenzaun?« Wie die Vorstellung von einer flachen Erde gab es in den vergangenen Tagen viel Komisches. Man wohnte damals wie in dem Palast gegenüber, mit Festungsmauern und ohne fließendes Wasser. Kaum jemand konnte lesen und schreiben, man konnte keine Bücher drucken, sondern schrieb sie mit der Hand, und die Wissenschaftler waren so unwissend, daß die beiden Mädchen über ihre Dummheit kichern mußten.
Ihr Bruder Hans war für Christine etwas ganz Besonderes. Manchmal nahm der Junge seine Schwestern liebevoll in den Arm, scherzte mit ihnen, lachte über das, was sie sagten, er war der ritterliche Beschützer. Er half, wenn es mit dem Lateinischen haperte, und verschwieg ihre kleinen Unfälle und auch das mit dem Papagei, der so besoffen war, daß er nicht richtig sprechen konnte, sondern wie verrückt im Käfig herumflatterte und mit seinen grünen Flügeln gegen die Stangen schlug, ohne daß die Hofdamen wußten warum.
Hans war ihr Freund, ihr Bruder. Sie vertrauten ihm und bewunderten ihn grenzenlos.
In den Geographiestunden hörte Christine auch von den nordischen Ländern. Sie wußte, wo sie lagen, konnte auf dem Globus daraufzeigen, hörte aber nichts von ihrem Vater.
Christine hatte ihn nicht vergessen. Wenn sie im Halbdunkel in der Bibliothek stand und zu seinem Gesicht hinaufschaute, war er für sie so lebendig und leibhaftig wie damals, als sie auf seinem Schoß gesessen, seinen Bart gespürt und den phantastischen Geschichten gelauscht hatte. Es gab Bären in Norwegen und Elche in Schweden, erinnerte sie sich dann, um es an dem Tag zu wissen, an dem er kam und sie heimholte. Ihr schien, als redete sie mit ihm, wenn sie sich in der Bibliothek aufhielt, sie vermeinte seine Stimme zu vernehmen, sein Lachen, seinen Schritt. Und hinterher, wenn sie den Raum verließ, fühlte sie sich gestärkt. Auch wenn er weit weg war – er beschützte sie vor Gefahren. Er war wie ein gewaltiger Felsen, und sie konnte mit den Händen Halt suchen und seine Kraft spüren.
Dorothea liebte den grünen Papagei. Er mußte aus Deutschland stammen, denn er sagte immer »Jawohl, gnädige Frau«, und Französisch war ihm einfach nicht beizubringen.
Ein wenig erfuhren die Schwestern auch über das Leben außerhalb des Palastes. Das meiste erzählte ihnen Johanne, obwohl Johanne ihrer Stellung gemäß nicht mit den königlichen Fräuleins verkehren durfte.
Es begann an dem Tag, an dem Dorothea über den Arkaden Spatzen fütterte. Sie lehnte sich immer weiter hinaus, unvorsichtig wie sie war, und Christine stieß einen Schrei aus, als sie ihre Schwester aus dem offenen Fenster verschwinden sah.
Doch unten auf dem Hof mußte eine von den Weibsleuten vorausgesehen haben, was geschehen würde, denn sie ließ den Korb mit der Bettwäsche fallen, breitete ihre dicken Arme aus, fing Dorothea und setzte sie zwischen zwei Säulen ab, indem sie ausrief: »Die Dummen haben das Glück.«
Die Regentin ritt gerade mit ihrem Gefolge auf den Hof, ohne jedoch etwas von Dorotheas Vergehen zu bemerken, denn ebenso schnell, wie die Frau zugriff, glättete sie Dorotheas Schnürleibchen und schob die Haube zurecht.
Diese Frau war Johanne, und die Mädchen vergaßen ihr nie, wie sie geholfen hatte. Johanne war für die Wäsche verantwortlich, gehörte aber, obwohl sie einige Mägde unter sich hatte, zu den Weibsleuten und nicht zu den Damen, und daran ließ sich nichts ändern.
Beim ersten Mal kamen sie heimlich zu ihr und gaben ihr zwei Apfelsinen, doch später wurden sie mutiger und redeten mit ihr, und im Gegensatz zu all den anderen antwortete Johanne auf ihre Fragen. Sie erhielten die Erlaubnis, daß Johanne sich um ihre Zimmer und die Kleidung kümmerte, und auf diese Weise zog Johanne aus dem Unterstock herauf zu den Fräuleins, und in der Gesindestube bekam sie einen feineren Platz und aß mit der Beschließerin an einem Tisch, auch wenn sie natürlich am untersten Ende saß.
Johanne kümmerte sich nicht nur um die Kleidung, sie konnte auch erzählen, und durch sie eignete sich Christine ein Wissen an, das sie nicht in der Schulstube erwarb. Johanne erzählte von »damals«, und das waren die Jahre, als sie auf einem kleinen Bauernhof im nordwestlichen Brabant gelebt hatte. Sie hatte fünf Kinder zur Welt gebracht, zuerst drei Knaben, und dann hatte Gott sie mit den Mädchen gesegnet, alles gesunde und wohlgestaltete Bälger. »Damals« handelte von Kirchweihfesten und Hochzeiten, bei denen auf dem Dudelsack gespielt wurde, handelte davon, wie man eine Kuh molk, wie eine Mühle von innen aussah und wie man auf dem Viehmarkt feilschte, »damals« war aber auch, »daß Gott gab. Und Gott nahm.«
Im Jahre des Herrn 1520 kam die Pest. Das erste Mädchen erkrankte am St. Valentinstag. Binnen einer Woche war sie tot, und ehe der Monat vorbei war, hatte die Pest auch den Vater und die vier anderen Kinder genommen. Der Totengräber starb und auch die Leute auf den anderen Höfen. Doch die Mutter schaffte es, ihre Familie in geweihter Erde zu begraben. Sie zog sie mit einem kleinen Schlitten dorthin, erst die eine kleine Leiche, dann die übrigen.
Christine und Dorothea waren entsetzt, und Johanne tröstete sie, denn wenn die Pest nach Mechelen kommen sollte, würde der Hof sofort an einen Ort verlegt, wo keine Seuche war. Der Kaiser hatte andere Schlösser, doch die Leute hatten keine anderen Häuser, wohin sie gehen konnten.
Johanne trieb sie nun zur Eile an, »Madame Dorothée« und »Madame Chrétienne«, wie sie immer sagte, obwohl sie kein Wort Französisch konnte. Es war keine Zeit mehr zum Erzählen, denn sie mußten sich für das Abendessen zurechtmachen.
Wenn die Tante mit ihnen speiste, passierte immer etwas Spannendes. Eine Truppe mit zahmen Bären oder Chorsänger und Musikanten aus England traten auf. Johanne wußte zu berichten, daß sie zuerst gewaschen wurden, denn sie stanken, und die Regentin wollte sie nicht in der Nähe ihres Tisches haben. Johanne meinte außerdem, daß die Regentin die Sonette des Königs von England mehr schätzte als den König selbst, aber das dürften sie niemandem sagen. Sie sahen Marionettentheater und Jongleure, und manchmal wünschte sich Christine, ihrem Vater einen Brief schreiben zu können. Wenn er zurückkommen und bei ihnen wohnen würde, wäre die Welt wunderbar und sie würde das glücklichste Kind der Welt sein, was sie schon beinahe war. Dann könnten sie auch wieder Dänisch reden, wie er es wollte, und er hätte teil an ihrem Leben in Mechelen.
Zwischen den Vorstellungen der Artisten und Musikanten gab es stets etwas Interessantes für sie. Florentinische Kaufleute kamen oft mit ihren erlesenen Seidenstoffen. Dann wurde eingekauft, und ihre Tante wußte genau, was kleidsam war, wie viele Alen man benötigte und wie viel man zugeben mußte, wenn sie wuchsen. Das war wichtig, und sie wurden ihrem königlichen Rang entsprechend ausgestattet, aber es gab auch keinen Grund, zu verschwenden.
Alle waren freundlich zu den Geschwistern. Die Adeligen redeten mit ihnen, das Gesinde und die Soldaten lächelten nur, zeigten aber, daß sie Christine und ihre Schwester Dorothea und ihren Bruder Hans mochten. Alle außer einer.
Das war Kiki.
Kiki war eine Zwergin. Aber Kiki war auch ein Wechselbalg. Jedenfalls bestand unter den Dienern und dem Gesinde am Hof Einigkeit, daß Kiki sicher einige Zoll größer geworden wäre, wenn sie nicht so viele Prügel bekommen hätte, die ihr den Rücken zertrümmerten.
Die Prügel waren entschuldbar, denn sie sollten die Unholde dazu veranlassen, Balg und Menschenkind noch einmal auszuwechseln. Aber das Gör mit seinen abstehenden roten Haaren war so häßlich anzusehen, daß die erlittenen Prügel kein Mitleid bei den Unholden erregten und die beiden Kinder blieben, wo sie waren. So wuchs Kiki bei den Menschen auf, obwohl sie in den Untergrund gehörte, während das richtige Kind ein kümmerliches Schicksal unter Unholden und anderem Pack fristen mußte und niemals wiedergesehen wurde.
Wo immer sie auch hergekommen sein mag, sie war früh von zu Hause fortgelaufen. Sie streunte einige Jahre herum und kam nach Antwerpen, als die Regierung anfing, sich um elternlose Kinder in den Straßen zu kümmern. Sie sollten in Asyle geschickt werden, wo sie die Möglichkeit hatten, lesen und schreiben zu lernen und anständige Bürger zu werden – bis zu dem Tag, an dem sie ihr Ende unter dem Beil des Henkers fanden.
Im Schutz der Dunkelheit wurde Kiki mitgeschleppt, als man sie aber näher betrachtete und merkte, daß sie weitaus älter als sechs, sieben Jahre war, meinte ein kluger Kopf, sie könnte der Regentin nützlich sein. Kiki wurde also an den Hof geschickt, als Geschenk der Stadt Antwerpen.
Das war Kikis Glück. Zum ersten Mal in ihrem Leben traf sie einen Menschen, der sie brauchen konnte, und das war die Regentin persönlich.
Kiki wurde zu der kleinen Fürstin gerufen, die sie bat, von ihrem Leben zu erzählen. Und obwohl Kiki vor Angst zitterte, erzählte sie alles, was sie gehört und gesehen hatte, wenn sie sich hinter Heuhaufen und Scheunentoren oder in Mühlen und Ställen versteckt hatte. In ihrem ganzen Leben hatte Kiki nur das eine gelernt: sich vor Prügel zu verstecken. Sie hatte sich angewöhnt, sich lauschend und beobachtend die Zeit zu vertreiben.
Die Regentin lachte, der schwere Kopf bebte unter dem Schleier, und je mutiger Kiki bei ihrem Erzählen wurde, um so mehr lachte die mächtige Herrin. Aber dann hielt die Regentin inne, sie faltete die Hände im Schoß und fragte diskret: »Was meinen die Bauern zu den Steuern?«
Sie hob den Blick, schaute prüfend in Kikis kleines, faltiges Gesicht, und Kiki lächelte glücklich. Endlich brauchte jemand ihre besonderen Fähigkeiten.
Von da an verließ Kiki den Mechelner Palast täglich bei Sonnenaufgang und kehrte erst zurück, wenn die Dunkelheit über die Stadt hereinbrach, und oft wurde wie hereingerufen, um der Regentin Bericht zu erstatten. Manchmal war es nur wenig, aber wenn Schauspieltruppen die Leute auf den Markt lockten und das Bier in Strömen floß, daß sich die Zungen lösten, konnte sie eine ganze Stunde oder länger über Hurereien, Diebstähle, Erbitterung wegen der Steuern und Getratsche englischer Kaufleute von Ereignissen am Hof in London berichten.
Die Regentin lauschte im Halbdunkel mit gefalteten Händen und geneigtem Kopf. Sie sagte nie etwas anderes als »Guten Abend, Kiki« und »Gute Nacht, Kiki«, verstand aber auf ihre Weise, Kikis Dienste zu belohnen, und Kiki hatte so manche Goldmünze im Futter eingenäht. Kiki war keineswegs der einzige Informant der Regentin, aber sie war die einzige, die im Palast wohnte und ihr direkt berichtete.
Kikis Fähigkeit zu hören, ohne gesehen zu werden, war unübertrefflich. Sie wußte, was außerhalb der Mauern vorging, wußte aber auch von allen Ereignissen in der engeren Umgebung des Hofes.
Kiki wußte, wer aus dem Krug mit den Oliven stibitzte und wer nach den Ölen der Regentin duftete, wenn die Herrin verreist war. Sie wußte sogar, was damals geschehen war, als der König von Dänemark von zu Hause geflohen war, um zur Wiedererringung seiner Reiche Verbündete zu werben.
An dem Tag hatte sich Kiki in einer der großen Truhen versteckt, und da lag sie, als die Regentin hereinkam und die Nachricht erhielt. Durch einen Ritz im Holz sah sie ihre Herrin so wütend werden, daß ihr Gesicht ganz rot anlief.
»Wozu hat er denn ein Heer?« fauchte die Regentin. »Was will er hier?«
Aber sie beherrschte sich und gab Befehl, daß ihre Nichte, die Königin von Dänemark, sowie die Kinder mit den ihrem Rang entsprechenden Ehren empfangen werden sollten. Es wurde festgelegt, wieviel der Aufenthalt der Landflüchtigen kosten durfte, und Kiki freute sich in ihrer Truhe, daß das für königliche Personen gar nicht viel war. Zweitausend Gulden jährlich für die Königin und fünfhundert im Monat für den gesamten Haushalt. Da würde Schmalhans Küchenmeister sein.
Um so mehr ärgerte sich Kiki, als die Regentin knapp drei Jahre später mit den Kindern in den Hof des Mechelner Palastes ritt. Was wollten die hier? Sie fühlte ihre Stellung bedroht, sie sah ihre Zusammenkünfte mit der Regentin gefährdet, und ihre bangen Ahnungen sollten sich bald erfüllen. Zwar bestand nach wie vor Bedarf an ihrem Wissen, aber die Goldstücke wurden weniger, die gnädige Frau widmete nun alle freien Stunden den drei Kindern eines landesflüchtigen Königs und einer toten Königin, als sei sie, Kiki, nicht von viel größerem Nutzen.
Die Regentin war nicht die einzige, die Kiki mochte. Auch der grüne Papagei hatte sie ins Herz geschlossen.
Wenn Kiki den Käfig öffnete, legte der Vogel den Kopf schräg, schaute sie mit einem Auge an, flog dann heraus und setzte sich direkt in ihr Haar.
Das einzige, was bei Kiki nie zu wachsen aufhörte, waren die Haare. Es wucherte um ihren Kopf herum wie eine gewaltige flammenrote Mähne, fiel über den verkrüppelten Rücken und hinunter auf den Boden wie eine Schleppe. Es war ein grotesker Anblick, wenn Kiki durch die Säle und Stuben und die Arkaden im Hof ging, das Haar wie ein lohender Umhang und der grüne Papagei wie eine Phosphorfackel obendrauf und unaufhörlich schreiend: »Jawohl, gnädige Frau. Jawohl, gnädige Frau ...«
Eines Tages hörte Kiki, wie zwei Diener höhnisch über sie lachten, und sie beschloß, ihnen einen Schreck einzujagen. Sie sprang zwischen Bierkrügen und Holztellern auf einen der Tische in der Gesindestube. Sie war jetzt mit ihnen in Augenhöhe und erklärte, daß sie kein Wechselbalg sei und auch nicht so klein, weil man sie geprügelt habe.
»Ich bin immer so klein gewesen«, sagte sie, »seit meiner Geburt.«
Sie blickte sich um, sah mit Genugtuung Diener und Mägde und anderes Gesinde an und sagte schlau: »Ich weiß nämlich noch, wie ich getauft wurde. Ich war erst eine Woche alt und so klein, daß ich in die ledergefütterten Handschuhe meiner Patin gesteckt wurde, als sie mit mir zur Kirche ritt. Ich erinnere mich bis heute an das Gefühl des warmen und weichen Lammfells.«
Als sie das gesagt hatte, stand das Entsetzen in den Augen der anderen, und sie genoß es. Sie starrten die Zwergin mit offenen Mündern an. Wenn ein Neugeborenes wußte, was geschah, konnte das nicht mit natürlichen Dingen zugehen. Ein Wechselbalg oder Kobold zu sein war eine Sache, aber eine Hexe zu sein war etwas ganz anderes. Kiki war sich der Gefährlichkeit ihrer Aussage bewußt, sicherte sich aber ab, indem sie der Regentin erzählte, wie gründlich sie alle zum Narren gehalten hatte.
Die Regentin lachte ihr schweres Lachen und wollte noch mehr über die Handschuhe hören und wieviel Fell in ihnen war. Und Kiki fühlte sich sicher, denn die Herrin fürchtete keine Hexen. Die Regentin fürchtete etwas anderes: Ketzer.
Kiki erkannte ihre eigene Bedeutung im Kampf des Kaisers und der Regentin gegen Lutheraner und Wiedertäufer. Auch wenn die Regentin wegen deren Hang, Stunden in Gesellschaft wertloser Kinder zu verbringen, keine Zeit mehr für sie hatte, so gab ihr ein deutscher Mönch mit seinen aufrührerischen Schriften genug zu tun.
Wenn Kiki aus dem Tor trat und sich unter die Leute mischte, spürte sie ihren eigenen Wert und fühlte sich sicherer als je in ihrem Leben. Und wer weiß? Wenn sie lange genug wartete, würde sie vielleicht ihren Platz bei der Regentin zurückerobern.
Kiki verstand sich auf Menschen. Sie sah ein, daß die Regentin nach zwei Ehen und einem toten Kind eine einsame Frau war.
Kiki bemühte sich, ihren Haß auf Christine, Dorothea und Hans zu verbergen. Sie wollte warten, um eines Tages so viel Macht zu bekommen, wie es sich niemand vorstellen konnte. Ihr ganzes Leben hatte Kiki nur Schlechtigkeit kennengelernt, nur Ungerechtigkeit, Prügel, Hunger und Kälte. Sie trug jetzt Seide, aber die kleinen Beine waren blau von den Erfrierungen, die sie erlitten hatte, als sie in den Rinnsteinen Antwerpens schlief, und der Körper war ein Klumpen. Sie hatte eine gestärkte Haube, aber unter der Haube war das Gesicht verschrumpelt wie altes Obst. Kiki wollte Macht haben, sie haßte alle Menschen, all die mit der glatten Haut und den großen, gesunden Körpern. Sie haßte die Kinder und am meisten Fräulein Christine, denn obwohl sie die Jüngste war, schoß sie in die Höhe.
Das ist schlimm, wie sie wächst, dachte Kiki an einem Oktobermorgen, während sie zwischen den Säulen stand und die Klauen des Papageis an der Kopfhaut spürte.
»Es hat aber auch noch niemand ihrer feinen Wange Gewalt angetan.«
Sie starrte auf das Mädchen, das auf ein Pferd gehoben wurde. Kiki sah die perlenbestickte Haube und die mit Wieselfell besetzten Ärmel, sie sah die bereits langen Beine des Fräuleins in die Steigbügel schlüpfen und wünschte sich innig, wirklich eine Hexe zu sein. Denn dann könnte sie Fräulein Christine in einen Zwerg verwandeln, nein, in ein Kriechtier, so haarig und scheußlich, daß jeder schreiend die Flucht ergreifen würde.
Aber Kiki war keine Hexe. Fräulein Christine ritt aufrecht hinaus aus dem Innenhof, und Kiki blieb hinter den Säulen zurück, während der Papagei über ihr sein »Jawohl, gnädige Frau. Jawohl, gnädige Frau ...« krächzte.
4. Kapitel
Gerade als Christine auf ihr Pferd stieg, sah sie Kiki zwischen den Säulen stehen und starren. Sie beschloß, so zu tun, als merke sie es nicht. Christine verabscheute die Zwergin.
Nicht, daß ihr der Anblick von Kiki zuwider war. Christine erinnerte sich schwach daran, daß ihre Mutter einmal eine Zwergin gehabt hatte. Sie hieß Karine und konnte gut Purzelbäume schlagen. Und Hans hatte bereits seinen eigenen Zwerg, den sie alle mochten, weil er lustig war und kleine Dienste übernahm.
Doch jedesmal, wenn Christine Kikis rotes Haar über die Steinfliesen wischen sah, lief ihr ein Schauer über den Rücken. Kiki war das einzige Lebewesen, das Christine nicht ausstehen konnte.
Kikis starrende Augen waren für Christine so unerträglich wie die stummen, drohenden Blicke, die ihr bei dem Begräbnis der Mutter gefolgt waren. Kalt lief es ihr über den Rücken bei Kikis Blick und dieser aufdringlichen Neugier. Wenn Christine den roten Schopf hinter einer Tür hervorlugen sah, das verstohlene Tappen der kleinen Schritte in den Gängen verklingen hörte oder eine Truhe öffnete, aus der ihr das zahnlose Grinsen eines runzligen Gesichtes entgegenstarrte, fühlte sie sich wie von einer kalten, schleimigen Schlange umfangen.
Als Christine durch das Tor ritt, vergaß sie Kiki. Es war ein klarer, schöner Herbsttag, und sie spürte den muskulösen Rükken des Pferdes unter sich. Daß sie dieses starke Tier beherrschte, Richtung und Tempo bestimmte, erfüllte das Mädchen mit Stolz. Sie war beinahe neun Jahre alt, und jeden Tag erschloß sie sich die Welt um sich herum ein bißchen mehr. Sie wurde größer und schöner, und an diesem klaren Morgen, wo sich das erste Laub auf das Wasser der Kanäle legte, breitete sie die Arme aus, als wollte sie die ganze Welt umarmen.
Nach dem Ausritt mußten Kleider anprobiert werden. Schon bald sollte sie an einem Bankett teilnehmen, und während Johanne und die Hofdamen zuschauten, wieselten die Schneider um Christine herum. Als sie schließlich an sich hinuntersah, lächelte sie entzückt beim Anblick des goldenen Übergewandes. Die Ärmel fielen lang und weit, und der Samt bauschte sich bis zu dem schmalen geklöppelten Bündchen am Handgelenk. Ihr Haar war vorne in der Mitte gescheitelt, zurückgekämmt und von einem feinen, perlenbestickten Netz umhüllt. Schade nur, daß sie nicht nach der neuesten Mode die Taille betonen durfte. Die Damen erklärten, daß die Regentin das ausdrücklich untersagt hatte, weil sie es für ungesund hielt, besonders für ein so junges Fräulein.
Christine vergaß rasch ihren Ärger und wandte sich Dorothea zu, die ihr grün-silbernes Gewand anprobierte.
Die Regentin saß unter einem mit Goldstickereien versehenen Baldachin, der eben als Geschenk des Dogen eingetroffen war, und sie trug wie immer ihre schwarze Witwentracht. Zu ihrer Rechten saß Prinz Hans und zu ihrer linken Seite der Kardinal, während sich Christine und Dorothea noch mit einem Platz am Tisch der Hofdamen begnügen mußten.
Draußen fegten die ersten Herbststürme über das Land, und obwohl der Palast neu und stabil gebaut war, zog es gräßlich im Saal. Zwar brannten das Feuer im großen Kamin in der Mitte und entlang der Wände Fackeln, doch die Flammen flackerten unruhig, sie gaben nicht genug Wärme, vermochten die Kälte vom Boden her nicht zu verdrängen.
Obwohl das Pelzfutter bis zum Hals und über die Arme reichte, fror Christine. Sie hörte, wie die Fenster bei jedem Windstoß knackten. Aber in die Gläser wurde Rheinwein geschenkt, und der wärmte. Die fetten Karpfen waren aufgegessen, ebenso das Nußsorbet, und vor ihren Augen zeigte der Vorschneider seine Kunst.
Der junge Mann hielt die Wildschweinkeule auf einer Tranchiergabel in die Luft, während er umständlich mit dem Messer das Fleisch zerlegte.
»Weiter oben«, rief die Regentin streng, »und mehr Schwung mit dem Messer.«
Die Regentin wandte sich an den Kardinal: »In Toledo habe ich mal einen Vorschneider erlebt. Es war ein Vergnügen, ihm zuzusehen.«
Der Kardinal beugte sich vor, lächelte liebenswürdig und sagte: »Man hat mir erzählt, daß nicht einmal der König von Frankreich einen finden kann, mit dem er zufrieden ist.«
»Und der König von England?« fragte sie.
»Ich glaube ...«
Der Kardinal zögerte, ehe er fortfuhr: »Ich glaube, der König von England hat andere Sorgen als seinen Vorschneider.«
Dann lutschte er seine Finger sauber, beugte sich zur Regentin und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Und während Christine spürte, wie die Kälte die Beine heraufkroch und der Sturm immer stärker wurde, hörte sie ihre Tante antworten: »Ach so.«
Für einen Augenblick war es still, der Mundschenk füllte die Gläser, und dann sagte die Regentin: »Ich habe allerdings gehört, daß der König der Hure überdrüssig geworden sein soll.«
Der Kardinal schüttelte bekümmert den Kopf, alle anderen schwiegen und lauschten, und Christine bewegte die Füße in den Samtstrümpfen, während ihre Tante fortfuhr: »Ihre Schwester war einmal in meiner Obhut, das ist viele Jahre her, aber schon nach kurzer Zeit wurde sie zur Erziehung an den Französischen Hof geholt.«
»Und diese ...«
Sie holte tief Luft. »Und diese Anna Boleyn ist auch dort aufgewachsen, und das lernt man also an diesem Ort.«
Der Kardinal saß mit offenem Mund da, während die Regentin gebieterisch eine Hand hob. »Ich weiß, wir haben jetzt Frieden mit den Franzosen, aber ich bin eine alte Frau, und mir steht eine Meinung zu, und diese Boleyn-Mädchen sind ein Pack.«
Sie drehte ihr Gesicht dem Kardinal zu: »Der König hat ja die ältere inzwischen satt, wann wird er wohl genug davon haben, mit der Jüngeren zu huren?«
Christine hörte auf, mit den Zehen zu wackeln, denn da war wieder das Wort, das sie nicht richtig verstand.
Der Kardinal sah bedrückt aus und antwortete so leise, daß Christine es nicht hören konnte. Außerdem kam Bewegung in die Diener, der Braten war gegessen, die Teller wurden hinausgetragen und für das Geflügel andere hereingebracht. Die Wacholderzweige, die in die Flammen geworfen wurden, verbreiteten einen würzigen Duft. Die Fackeln flackerten immer noch und warfen Muster aus Licht und Schatten auf die Gobelins und die rot verputzten Wände, als die Stimme des Kardinals erklang: »Man befürchtet, daß der König sie heiratet, falls sie schwanger wird. Das ist kein Traum mehr, das ist Besessenheit. Der König von England will einen Sohn haben.«
Die Stimme der Regentin klang weich: »Aber er hat doch eine fromme und tugendhafte Tochter, die überdies volljährig ist.«
»Nur ein Prinz ...« Der Kardinal nahm ein Stück Ente. »Nur ein Prinz kann Englands Zukunft sichern.«
Er stopfte das Fleisch in den Mund, erkannte die Stille und sagte, so deutlich er es mit vollem Mund vermochte: »Meint jedenfalls der König von England.«
Während Christine damit kämpfte, die Finger in die Soße zu tauchen und so zum Mund zu bringen, daß ihr nichts davon in den Ärmel lief, sagte die Regentin scharf: »Kastilien hat eine Frau als Erbe übernommen, und meine selige Mutter erbte Burgund, und im übrigen ...«
Die Regentin lächelte und legte ihre Hand auf den roten Ärmel des Kardinals: »König Heinrich VIII. verdankt schließlich die Krone seiner Mutter, Elisabeth von York. Wer ist schon dieser Richmond?«
Beim letzten Satz erstarrten alle am Damentisch, der englische Gesandte saß nur fünf Plätze von der Regentin entfernt und hatte jedes Wort gehört.
Es wurden nun riesige Schüsseln hereingetragen, gefüllt mit glasierten Früchten, Apfelsinen und Pfirsichen, aus Spanien gekommen, Bananen, Datteln und Feigen aus Nordafrika. Doch alle Blicke waren auf den kleinen Engländer gerichtet, der einfach weiteraß und keine Reaktion auf die Beleidigung zeigte.
»Der Kaiser würde Prinzessin Mary von dem Tag ihrer Thronbesteigung an seine volle Unterstützung gewähren«, bemerkte die Regentin.
»Darüber hegt mein Herr König nicht den geringsten Zweifel«, antwortete der Engländer und ließ den letzten Entenknochen in die Soße plumpsen. Er wischte sich den Mund ab und griff nach den Früchten.
»Und der König von England freut sich natürlich über diese Unterstützung«, erkundigte sich die Regentin. Der Engländer lächelte vor sich hin.
»Euer Gnaden können versichert sein, daß mein Herr alle Freuden, die ihm das Leben beschert, zu schätzen weiß.«
Es herrschte völlige Stille. Der Engländer genoß eine Dattel, leckte seine Zähne und ersuchte darum, einen Toast auf den Kaiser ausbringen zu dürfen. Die Regentin lächelte plötzlich, gestand dem Engländer diese Ehre zu, und man plauderte entspannt.
Die Mahlzeit neigte sich dem Ende zu, und Christine ließ sich all die neuen Eindrücke durch den Kopf gehen. Vieles von dem, was gesagt worden war, verstand sie nicht, spürte die scharfen, fast unfreundlichen Untertöne, fand das aber aufregend. Sie fühlte sich jetzt erhitzt vom Wein und auch ein bißchen müde vom langen Sitzen bei Tisch. Aber für den nächsten Morgen, wenn sie frisch und ausgeruht war, nahm sie sich vor, über jedes Wort nachzudenken, das sie an diesem Abend gehört hatte.
Am nächsten Morgen hatte sich der Sturm gelegt. Am Vormittag trat die Regentin in die Scherben eines zerbrochenen Kristallbechers und mußte sofort zu Bett gebracht werden, um ernsthafte Blutungen zu vermeiden. Der Hofarzt sah nach ihr. Seiner Meinung nach bestand keine unmittelbare Gefahr, trotzdem wurden alle Geräusche in dem großen Haus gedämpft, und nicht einmal Dorothea fand etwas, worüber sie lachen konnte.
Am folgenden Tag kam eine Blutvergiftung dazu. Die Regentin wurde zur Ader gelassen, was aber ihren Zustand nicht verbesserte, ebensowenig wie die Kräuter, die vom Französischen Hof geschickt wurden. Fünf Tage kämpfte sie mit dem Tod, aber ihr Leben war nicht zu retten. Pater Antonius war bei der Kranken, die sich von allen verabschieden wollte, die ihr gedient hatten und die ihr nahestanden. Die Kinder wurden am Nachmittag hereingebracht, zuerst Hans, dann Dorothea und schließlich Christine.
Ihre Tante war so schwach, daß sie unfähig war, den Kopf vom Kissen zu heben. Sie hatte eine Nachtmütze auf dem stahlgrauen Haar und hob langsam eine Hand, legte sie Christine auf den Kopf und sagte: »Mein schönes Kind ...«
Ihre Stimme versagte, aber sie fuhr fort und rang um jedes Wort: »... der Kaiser wird sich um euch kümmern. Ihm sollt ihr stets gehorchen, und ...« Sie bewegte immer noch ihre dicke Unterlippe, aber es erklang nur noch ein schwaches Murmeln. Christine beugte sich zu ihr, Tränen liefen aus ihren Augen, und sie küßte die Hand der alten Dame, während sie flüsterte: »Ja, Madame.«
Am selben Abend, dem 30. November 1530, starb Margarethe von Österreich, Regentin der Niederlande und Christines zweite Mutter.
Im ersten Augenblick dachte Christine nur daran, wie Gott bloß Platz fand für all die Menschen, die er zu sich nahm. Dann läuteten die Kirchenglocken.
Die Nachricht vom Tod der Regentin verbreitete sich in der ganzen Stadt und zur nächsten und nächsten, Kuriere wurden in alle Welt geschickt. Es ging von Mund zu Mund, von Kirchturm zu Kirchturm, und Christine begriff auf einmal, was geschehen war. Ihre Tante war so klein, wie sie da in dem riesigen Bett lag, umgeben von weinenden Damen und Ärzten und Pater Antonius, der darauf wartete, ihr die letzte Ölung zu geben. Sie war noch am Leben gewesen, als Christine ihre Hand geküßt hatte. Wie sehr hatte Christine aus nächster Nähe den Tod und die Vergänglichkeit erlebt.
Christine wollte für sich sein, wollte sich verstecken hinter dem Vorhang ihres Bettes, um allein weinen zu können, aber die Damen warteten. Sie und die Schwester und der Bruder mußten zur Messe und folgten damit dem Wunsch der Verstorbenen, daß die Kinder keine freien Stunden haben sollten, die ohnehin nur zu Mißmut führten.
Am nächsten Tag ging Christine in die Bibliothek. Es war jetzt Dezember und noch dunkler als vor beinahe fünf Jahren, als sie zum ersten Mal diesen Raum betreten hatte.
Christine stand mitten im Raum und fühlte sich gleichsam zurückversetzt. Sie hörte die Stimme der Tante, ihr »kommt, kommt« und wieder »kommt, kommt«, kurz und gebieterisch, aber auch voller Liebe, die ihre Tante nicht anders auszudrücken vermochte. Es war fast wie ein Signal, das man verstehen konnte, wenn man wollte. Die Tante hatte einmal vor vielen Jahren ein Kind gehabt, und das war gestorben. »Kommt, kommt«, flüsterte die Stimme aus der geschnitzten Holzvertäfelung, aus bleigefaßten Scheiben, aus den aufgereihten Buchrücken in den Regalen. »Kommt, kommt«, allumfassend, aber zugleich in seiner Zärtlichkeit einengend.
Die Stimme erklang von überall, nur ein Wort, das fast fünf Jahre grenzenloser Liebe enthielt. Christine war das vorher nicht bewußt gewesen. Immer hatte ihre Tante nur auf ihrem Stuhl gesessen und ihnen beim Spielen zugeschaut. Christine fühlte ein schmerzhaftes Stechen bei dem Gedanken, daß sie sich nie auf ihren Schoß gesetzt und die Arme um ihren Hals gelegt hatten, um ihr zu sagen, wie sehr sie sie liebten. Doch der Tante schien es genug zu sein, wenn sie ihr die Hand küßten, sie schien zufrieden, wenn sie nur dasaß, ihnen zuschaute und sich an die Laute des kleinen Kindes erinnerte, das einmal ihr eigenes war.
Christine dachte an die erste Begegnung mit dem Windhund und den Vögeln, eine Hundeschnauze in ihrer Hand, das Gekrächze eines Papageis, Laute von Tieren, die vielleicht nur angeschafft worden waren, um ihrer Herrscherin eine Stimme zu verleihen, die ihr selbst nicht zur Verfügung stand.
Aber das war vorbei, zu spät, weg für immer. Christine ahnte mit ihren neun Jahren, daß sie mehr verloren hatte als ihre Tante, daß die zärtlichen Augenblicke nie mehr wiederkommen würden.
Warum haben wir nie unsere Liebe zu ihr gezeigt? dachte sie in dem dunklen Raum.
Christine blickte nach oben. Sie starrte auf das Portrait ihrer Mutter. Das weiße Kleid erschien so lebendig in dem schwachen Licht, daß man meinte, es berühren zu können. Aber der Mensch war weg. Christine erinnerte sich nicht mehr an ihre Stimme, ihre Bewegungen, ihre Haut. Sie hing da oben an der Wand über dem Regal und war so tot, als habe sie nie gelebt.
In dem Dämmerlicht verwandelte sich Christines Mutter in eine Schutzheilige oder ein Fabelwesen oder in einen weißen Engel – gut, rein und erhaben über das irdische Leben.
Aber Christines Vater war wirklich. Sie erinnerte sich an die Falten in seinem Gesicht, sie erinnerte sich an den Bart und das Lachen und seine Stimme und seinen Schritt. Er war für sie da gewesen in der kurzen Zeit, die zwischen ihrer ersten und ihrer zweiten Mutter verging, und kein zweiter Vater folgte nach.
Wie er an jenem Nachmittag in der Bibliothek auf sie hinunterschaute, hatte sie den Eindruck, daß die melancholischen Augen zu einem Kopf gehörten, der von Vorahnungen erfüllt war. Sie wußte nichts von seinem Leben und was ihn so schwermütig machte. Er war da, lebte auf dem Bild wie in der Wirklichkeit, wo immer er auch sein mochte.
Die Glocken läuteten weiter, Hufschlag auf dem Kopfsteinpflaster, doch Christine spürte nur die Stille. Und das Gewissen regte sich in ihr, sie hatte Vaters Wunsch, die dänische Sprache nicht zu vergessen, nicht erfüllt. Sie und ihre Geschwister hatten sie vergessen, alles war weg, verloren wie die Erinnerung an ihre Wiege, ihre Rassel, ihren ersten Frühling. Christine versuchte ihn zu rufen, er solle kommen, heraustreten aus seinem Rahmen da oben, sie auf sein Pferd heben und mitnehmen heim nach Dänemark, wo das Volk jubeln würde, weil der richtige König zurückkehrte und seine drei Kinder mitbrachte.
Christine war in Gedanken weit weg, viele hundert Meilen nördlich, als sie ein Geräusch hörte.
Sie war im Nu hellwach, es klang wie ein Huschen. Sie schaute schnell nach beiden Seiten, aber da war nichts, und sie drehte sich ganz um.
An der Tür stand Kiki. Das letzte Tageslicht schien auf ihr kleines, runzliges Gesicht. Die Augen waren auf Christine gerichtet, wartend und abschätzig, bis ihre Hände in die Seide des Rockes griffen, ihn zur Seite hielten und sie sich langsam bis zum Boden verneigte. Sie war nur ein Bündel aus Seide mit einem Kopf obendrauf. Schließlich richtete sie sich auf und vollführte eine kleine Körperdrehung, als sei sie auf einer Bühne.
»Der König von Dänemark war hier in Mechelen, um Geld zu betteln.«
Ihre Stimme klang leise und heiser, und Christine starrte auf das mißgestaltete Wesen. Sie verstand nichts, war aber aus ihren Gedanken gerissen, als die Zwergin erneut den Mund öffnete: »Vierundzwanzigtausend Florin wollte er haben.«
Sie stand da, wartete auf eine Wirkung, fuhr dann nach einer Pause fort: »Er ist vor dem Kaiser im Staub gekrochen.«
Sie senkte die Stimme noch mehr, daß fast nur noch ein heiseres Zischen voller Genugtuung hörbar war. »Und hat sich vor dem Kardinal erniedrigt.«
Kiki leckte sich den Mund mit einer riesigen, roten Zunge und redete plötzlich sehr schnell, als müsse sie sich beeilen, etwas loszuwerden:
»Aber Euer Gnaden wußten, daß er auch Briefe an Freunde des Ketzers Luther schickte, und er wollte seine Kinder nicht sehen.«
Gespannt hielt sie den Atem an, stand mit offenem Mund da. Christine sah die rote Zunge in dem dunklen Schlund. Sie wußte, daß sie gehen sollte, in der Stille hörte man nur die Glocken. Aber war ihr Vater wirklich im Sommer hier gewesen, ohne sie zu sehen? Kikis Worte hallten in ihren Ohren wie dumpfe Stöße. Plötzlich wurde sie wütend: »Ich bin die Tochter des Königs, er würde nie herkommen, ohne mich zu sehen.«
Mehr konnte sie nicht sagen, die wenigen Worte hatten sie erschöpft, aber die Zwergin lachte. Es war ein klirrendes Lachen, wie eine Reihe Eiszapfen, die abbrechen und am Boden zerschellen. »Es war im Juni. Warum sollte er auch seine Kinder sehen? Er hatte sie ja an die Regentin verkauft. Um seine Rechnungen bezahlen zu können. Er hatte sowohl vom Begräbnis der Königin wie beim Kaufmann von Lier Schulden für ...« Die Zwergin verschluckte sich fast vor Lechen. »... für Rheinwein und Schweinebraten.«
Die Zwergin drehte sich vor Freude um sich selbst, stampfte mit dem Fuß auf den Boden. Christine stand wie vor einer Mauer, in der sich lange Risse zwischen den Mauersteinen bildeten, die bald keinen Halt mehr hatten und über ihr zusammenstürzten. Die Mauer hätte beschützen sollen, jetzt taumelte Christine unter dem Zusammenbruch. Die Zwergin hielt in ihrer Umdrehung inne, stampfte noch einmal mit dem Fuß auf den Boden und sagte:
»Der König von Dänemark bevorzugte eine simple Dirne namens Dyveke für sich als Königin.« Und die Zwergin rief, sich bis zum Boden verneigend: »Wären es Dyvekes Kinder gewesen, er hätte sie nie verkauft.«
Christine griff nach einem Zinnleuchter auf dem Kaminsims, warf ihn nach der Zwergin, und als er Kikis Kopf traf, klang es wie Metall auf Stein. Aber Kiki lachte nur, dieses ausgestoßene Lachen, und blieb in ihrer verbeugenden Haltung am Boden.
»Den Schweden hat er die Köpfe abgeschlagen, und die Dänen wußten, daß sein Wort nichts wert ist.« Kiki richtete sich auf, reckte ihre kurzen Arme in die Luft und rief schrill: »Für Wein und Schweinebraten.«
Christine wollte sie fangen, aber Kiki war blitzschnell, als hätte sie ihre Flucht längst geplant. Sie sauste aus der Bibliothek, stieß einen letzten heiseren Schrei aus, ehe die Tür zuknallte.
Christine blieb einige Schritte vor der geschlossenen Tür stehen. Mit einem Ruck drehte sie sich um und ging so lautlos zurück, daß sie ihr Atmen hörte. Sie hob den Leuchter auf, trat näher, blieb stehen.
Sie hatte den Leuchter in der Hand, und der Vater blickte herunter zu ihr. Sie sah ihn vor sich in der Gaststube zu Lier, tafelnd mit Wein in großen Bechern und in den Schüsseln der Braten.
Sie stieß einen wilden Schrei aus, als sie den Leuchter mit aller Kraft auf sein Gesicht schleuderte.
Er fiel schwer zu Boden und kullerte ein Stück, das Portrait blieb unversehrt.
Christine lief hin, hob den Leuchter auf, wollte noch einmal werfen, als sie einen Laut vernahm. Ein Laut in ihrer Erinnerung, Metall und Porzellan, das in einem anderen Haus vor langer Zeit auf einem Steinboden zerschellt war.
Sie senkte langsam den Arm und blieb stehen. Schließlich stellte sie den Leuchter an seinen Platz.
Dann preßte sie ihre Hände an die Schläfen, als wolle sie all die Angst und die bösen Worte aus ihrem Bewußtsein massieren. Sie schwankte, wurde von Gefühlen erschüttert, die sie vorher nie gekannt hatte, und auf einmal war auch das vorbei.
Christine hörte wieder die Glocken und fernen Lärm von der Straße. Sie war erschöpft und müde. Noch einmal schaute sie hinauf auf ihre weiße Mutter und den dunklen Vater. Es war vorbei. Sie waren beide tot.
Im März 1531 ritt Kaiser Karl V. mit seinem riesigen Gefolge hinein nach Mechelen. Er wurde von unzähligen Menschen begrüßt, die an den Straßen standen und aus den Fenstern schauten, er wurde vor dem Rathaus empfangen vom Magistrat und dem Stadtrat und einem zwölfjährigen Knaben mit braunem, gelocktem Haar und aufgeweckten Augen.
Der Junge war Prinz Hans von Dänemark. Vor seinen zwei kleineren Schwestern stehend drückte er in einfachen Sätzen und formvollendetem Latein aus, welche Trauer ihn und seine Geschwister erfüllte, und bat um Erlaubnis, am niederländischen Hof bleiben zu dürfen, bis sein Vater seine Reiche wiedergewonnen habe.
Der Kaiser war tief gerührt. Er umarmte seinen Neffen und die Nichten, und wenn er ihnen auf der Stelle versprach, weiterhin in den Niederlanden bleiben zu können, traf er damit keinen schnellen Entschluß. Das hatte er nie in seinem Leben getan. Der Kaiser hatte längst die Person ausgewählt, die sich um die dänischen Kinder und die niederländischen Probleme kümmern sollte.
Das Land war geprägt von einer mangelnden Bereitschaft, Steuern zu zahlen, und einem zunehmenden Einfluß der Ketzerei. Außerdem mußte er sich den lästigen, ungebetenen Gast vom Halse schaffen, den König von Dänemark, der die nördlichen Provinzen mit Freibeuterei und Seeräuberei unsicher machte.
Wenn er in seinem gewaltigen Reich wieder auf die Reise ging, würde die Person, die besser als jede andere geeignet war, die Aufgabe zu lösen, bereit sein. Es war seine jüngere Schwester Marie, und sie befand sich bei der Ankunft in Mechelen in seinem Gefolge. Der Kaiser hatte Marie schon in früher Jugend bewundert, und im Laufe der Zeit wurde sie der einzige Mensch, dem er denselben Respekt entgegenbrachte wie der nun verstorbenen Tante. Die Lektionen, die für ihn so schwer zu verstehen gewesen waren, wurden von Marie mit Leichtigkeit einverleibt.
Marie war die Witwe des Königs von Ungarn, und sie sollte nun die Niederlande regieren, während er sich mit den Türken, den Franzosen, dem päpstlichen Stuhl und den deutschen Ketzern herumschlug. Karl V. stellte dem Stadtrat von Mechelen seine Schwester als die künftige Regentin vor.
Aber Marie hatte ihre eigenen Vorstellungen und Bedingungen. Sie drang darauf, daß ihr kein neuer Mann aufgenötigt werde, denn sie sei in ihrer ersten Ehe völlig glücklich gewesen und wolle keine neue eingehen.
Was auch immer sie damit meinte, der Kaiser beugte sich ihrem Wunsch.
Das nächste Problem waren die sogenannten »evangelischen Neigungen« von Marie, die der Kaiser nicht ernstnehmen konnte. Seine Schwester hatte stets gern Bücher gelesen und ließ sich leicht von neuen Ideen einnehmen. Doch sie hatte auch Erasmus und andere Humanisten studiert, und insofern war sie durchaus für die Aufgabe einer Regentin geeignet.
Sie stand zwischen zwei Gobelins im großen Saal des Rathauses, eine kleine, lebhafte, kinderlose Frau in schwarzer Witwentracht mit weißem Schleier, und der Kaiser war stolz auf seine Schwester. Aber dann kreisten seine Gedanken um das Problem mit dem König von Dänemark.
König Christian war eine Bürde. Er war eine Plage mit seinen Forderungen nach Geld und der Mitgift einer Frau, die längst gestorben war. Marie meinte, es wäre das beste, zu zahlen und ihn damit ein für allemal loszuwerden. Der Kaiser hätte gewünscht, daß Christian tot wäre. Und für ihn war er gestorben. Aber gleichzeitig mußte er sich dagegen verwahren, daß der Adel unehrenhaft dem Eid abschwor und einen König hinauswarf, um einen anderen zu krönen. Diese Art von Verrat konnte für die Fürsten ernste Folgen haben und durfte nicht zugelassen werden.
Je mehr der Kaiser überlegte, um so naheliegender schien ihm der zwölfjährige Prinz Hans als Lösung des nordischen Problems. Hatte der dänische Adel nicht einmal dem Wunsch Ausdruck verliehen, daß der Junge und seine Mutter in Dänemark blieben? Inzwischen war Elisabeth tot, aber der Prinz, der Erbe und rechtmäßige künftige Herrscher über die Reiche des Nordens, lebte. Er war in rechtem Glauben erzogen, vielleicht wollten ihn die Dänen immer noch. Und außerdem war der Prinz sein, des Kaisers, Neffe.
Der Kaiser betrachtete den ranken Knaben und strich ihm mit der Hand um das Kinn. Als Mensch empfand er beim Anblick des Jungen und seiner Schwestern Dorothea und Christine Wärme und Mitgefühl, doch als Kaiser ahnte er, daß ein Prinz, der die Fähigkeit besaß, sich im Alter von erst zwölf Jahren in fließendem Latein vorzustellen, auch größere Aufgaben würde meistern können.
Der Kaiser faßte ihm wieder ans Kinn und begann mit der schwierigen Kunst des Denkens.
Christine hatte ihre geliebte Tante verloren. Aber sie bekam eine neue. Die verstorbene Tante war die Schwester ihres Großvaters mütterlicherseits gewesen, die neue war die Schwester ihrer Mutter, aber schon am ersten Tag erkannten Christine und ihre Geschwister, daß eine völlig andere Tante vor ihnen stand.
Sie war schlank und jung, die andere alt und einnehmend. Sie zeigte ihnen keine Portraits, sondern fragte: »Wollt ihr mit auf die Jagd?«
Und dann stürmte sie los, um so rasch wie möglich hinunter zu den Pferden und den unten wartenden Höflingen zu kommen.
Wenn die neue Regentin der Niederlande ausritt, um Rotwild, Wildschweine oder Wölfe zu jagen, nahm es niemand mit ihr auf. Sie hielt es einen ganzen Tag im Sattel aus, ohne das geringste Zeichen von Müdigkeit zu zeigen, und amüsierte sich, wenn die Herren und Damen im Waldesdickicht und in den Dörfern nach ihr suchten. Langsam gewöhnten sie sich an den entfernten Anblick der schwarzen Kleider Ihrer Gnaden, die das Pferd umwehten, und wußten, daß sie stets als erste am Ziel und schneller als die anderen wieder zu Hause sein würde. Wenn die Begleiter ausgepumpt und erschöpft nach einem Tag im Sattel zurückkehrten, sagten sie zueinander, daß diese Reitlust der Herrin das Erbe der weiten ungarischen Flächen sei. Jedenfalls konnte es niemand mit Ihrer Gnaden auf dem Pferderücken aufnehmen. Die Kinder hatten eine so junge Tante bekommen, daß sie ebensogut ihre große Schwester sein konnnte. Sie setzte über Gräben, lenkte das Pferd in Kanäle und preschte in gestrecktem Galopp über aufgeweichte Äcker. Nichts konnte schnell genug gehen, nichts sie aufhalten. Für die Kinder war die Begegnung mit dem Kaiser ein besonderes Erlebnis, und sie empfanden es als ungeheure Ehre, als er den Arm um sie legte und seine Liebe ihnen gegenüber zum Ausdruck brachte. Natürlich hatte er Hans die größte Aufmerksamkeit geschenkt. Christine und Dorothea waren stolz auf ihren Bruder, der eine Rede hielt, ohne steckenzubleiben. Sie würden auch gerne den Ratsherren, Adligen und Geistlichen frei und ehrlich Wünsche auf Lateinisch vortragen können.
Sie sahen den Kaiser in der Zeit, in der er im Lande war, nicht häufig, denn von ihrer neuen Tante wurden sie in ein turbulentes Leben hineingerissen. Wenn sich die Hofdamen darüber beschwerten, daß die Königin-Witwe gefährlich lebe, lachte sie unbeschwert, tippelte davon und sagte:
»Ich möchte mir nie vorwerfen lassen, auch nur eine Stunde auf dieser Erde nicht genossen zu haben.« Dann rief sie nach Monsigneur und Mesdames Dorotheé und Chrêtienne, ein Rudel Wildschweine sei im Wald beobachtet worden.
Das tägliche Leben ging weiter wie bisher. Dieselben Gesichter umgaben sie, nur Johanne jammerte jetzt über die zerrissenen Kleider der Mädchen nach den wilden Jagden.
Und Kiki war weg. Sie sahen sie nicht mehr. Am Abend nach dem Tod der alten Regentin verschwand sie spurlos, man hörte nichts mehr von ihr, und bald war sie von allen vergessen – nur von Christine nicht.
Christine hatte die Erinnerung an jene Szene in der Bibliothek verdrängen wollen. Aber die Worte der Zwergin ließen sich nicht aus ihrem Bewußtsein entfernen. Christine erzählte ihren Geschwistern nichts davon. Es war ihr Wissen und ihre Bürde, und daraus erwuchs für sie ein Gefühl, bestohlen worden zu sein, durch ein Unrecht der Wurzeln beraubt worden zu sein.
5. Kapitel
An einem frostigen, klaren Januartag des Jahres 1532 wurde in Brüssel auf dem Platz vor dem Haus des portugiesischen Gesandten ein Turnier abgehalten. Die Königin von Portugal hatte einen Sohn geboren, und das sollte gefeiert werden.
Von einem mit weißem und grünem Samt verkleideten Balkon schauten der Kaiser und seine Familie den vielen Späßen zu. Christine lachte über die Ritter in ihren Rüstungen, die vom Pferd geworfen wurden, sie starrte mit großen Augen auf die Feuerschlucker und Schwerttänzer, und rund um sie klatschte das Volk vor Begeisterung. Der ganze Markt war voller Flaggen und Banner, und während die Trompeten gellend eine neue Attraktion ankündigten, beugte sich Hans zu ihr und flüsterte: »Ich habe eben erfahren ...« Er schielte zu seiner Tante und wandte sich wieder Christine zu: »Unser Vater ist vor einem Monat in Norwegen gelandet, die Norweger jubelten ihm zu. Sie haben ihren Eid auf ihn als ihren König erneuert.«
Bären kamen auf den Platz. Christine schaute starr vor sich hin, und Hans sagte: »Es ist wahr. Vater hat bereits eines seiner Reiche wiedererobert, und ich bin da oben erbberechtigt.«
Christine bewahrte ihren interessierten Gesichtsausdruck, sie war schon zu reif, um zu vergessen, wer sie war und daß sie die Pflicht hatte, die Fassung zu wahren. Sie war die Nichte des Kaisers und der Regentin, aber auch nicht mehr. Seit dem Tag in der Bibliothek vor mehr als einem Jahr versuchte sie zu vergessen, was sie über ihren Vater erfahren hatte. Der Mann, dessen Blut in ihren Adern pulsierte, hatte um des Geldes willen den Glauben gewechselt, er plünderte, bettelte, log und köpfte den schwedischen Adel, und er hatte eine gewöhnliche Dirne bevorzugt und seine eigenen Kinder verkauft. Innerhalb der habsburgischen Familie war sie geschützt wie unter einer warmen Decke, und sie versuchte, ihr »von Dänemark« zu vergessen.
Hans sollte die Länder zurückgewinnen, sollte sich die Krone des Nordens aufsetzen. Für Christine war Hans bereits der König von Dänemark. Sie lächelte ihm bewundernd zu, sagte aber nichts.
Am Abend fand ein Bankett im Schloß statt. In der Mitte der Tafel saß der Kaiser mit der Regentin auf der einen und Dorothea als der älteren Nichte auf der anderen Seite. Hans hatte seinen Platz zwischen der Regentin und Christine, neben der der portugiesische Gesandte saß, und vor ihr befanden sich die anderen Tische und der Kamin. Sie saß am vornehmsten Tisch, sogar Prinz René von Oranien, der gerade das Land seines Onkels geerbt hatte, mußte mit den Hofdamen speisen, obwohl er drei Jahre älter war.
Christine freute sich, daß sie den Portugiesen zum Lachen bringen konnte, und spürte eine Wärme, die nicht vom Wein kam oder vom Kamin, sondern von dem Gefühl, gemocht zu werden. Heimlich wünschte sie sich, daß ihr Vater sie hier sehen könnte. Dann würde er vielleicht erkennen, was er weggeworfen hatte. Aber sie durfte sich nicht vergessen, alle Blicke waren auf die gerichtet, die an so vornehmer Stelle saßen. Christine nippte am Rheinwein, bekam ein Lächeln von dem blonden René und setzte ihr Gespräch mit dem Portugiesen fort.
Um elf Uhr war das Bankett zu Ende. Es wurde eine italienische Komödie aufgeführt, und später kam das Buffet mit Wein aus Madeira und Valencia und süßen Kleinigkeiten, angerichtet in Schalen und Bechern aus Silber, Gold und Porzellan.
Das Fest anläßlich der Geburt des portugiesischen Prinzen dauerte eine ganze Woche. Tanz und Konzerte, Festessen und Vorführungen folgten hintereinander und erstickten die düsteren Gedanken in Christine.
Der Hof war jetzt umgezogen nach Brüssel, und eines Tages trafen Christine und Dorothea ein Mädchen in ihrem Alter namens Margarete.
Die Schwestern haten bereits erfahren, daß das ihre Kusine war, eine Tochter des Kaisers. Sie waren natürlich gespannt auf die Verwandte, wußten aber nicht recht, was sie von dem plumpen Mädchen halten sollten, das auf sie zu watschelte. Die großen Füße sahen unter den Röcken hervor.
»Ich bin Margarete, die Tochter des Kaisers«, war das erste, was sie sagte, aber dann sagte sie nicht mehr viel. Sie blieb vor ihnen stehen, als erwartete sie, daß irgend etwas passierte. Aber Dorothea fing nur auf ihre unartige Weise zu kichern an und fragte: »Warum hast du so viele Perlen um? Willst du dich malen lassen?«
»Ich bin gemalt«, antwortete das Mädchen ernst.
»Wirklich.« Dorothea biß sich mit ihren spitzen Vorderzähnen auf die Lippe, musterte dabei die Kusine von oben bis unten, als wollte sie die Edelsteine und Kostbarkeiten zählen.
Doch Christine beherrschte sich. Zum einen war sie von anderer Wesensart als ihre stets zum Lachen aufgelegte Schwester, zum anderen hatte sie großen Respekt vor dem Kaiser und vor allem, was mit ihm zusammenhing. Christine bemerkte durchaus die übertriebene Aufmachung der Kusine, im Brokatkleid an einem gewöhnlichen Vormittag, mit Perlen und Goldketten und Diamanten im Haar. Dahinter verbarg sich etwas, was Christine nicht verstand, und mit einem beginnenden Einfühlungsvermögen für ihre Mitmenschen beugte sie sich vor und fragte: »Hast du Lust, auszureiten?«
Endlich lächelte Margarete. Ihr Gesicht erhellte sich, und sie nickte erleichtert. Christine gab Anweisung, die Pferde zu satteln.
Als die Schwestern wieder allein waren, begann Dorothea sofort an allen Fingern zu rechnen: Der Kaiser hatte erst geheiratet, als ihre Mutter starb. Wieso konnte er dann eine Tochter haben, die genauso alt war wie sie? Zuerst heiratete man, dann bekam man Kinder, als ein Geschenk Gottes, falls Gott dazu bereit war und einen nicht leer ausgehen ließ, wie es ihrer Tante Marie passiert war.
»Wie konnte der Kaiser dann eine Tochter bekommen, wenn er damals mit niemandem verheiratet war?«
Christine zermartete sich das Gehirn nach einer Antwort. Sie legte sich quer übers Bett und starrte hinauf zu dessen Himmel. Plötzlich fiel ihr etwas ein:
»Und sie heißt nur Margarete. Nicht Margarete von irgend etwas.«
»Da ist etwas faul«, sagte Dorothea, »wir fragen Johanne.«
Johanne wollte nicht raus mit der Sprache. Sie drehte ihre Finger in der Schürze, wie sie es immer machte, wenn sie sich überrumpelt fühlte, aber Dorothea ließ nicht locker:
»Wie kann der Kaiser eine Tochter bekommen, wenn er nicht verheiratet war, als sie geboren wurde?« fragte sie störrisch.
»Das war ein Mißgeschick«, rutschte es Johanne ungewollt heraus, aber sofort schlug sie sich mit den Händen auf den Mund, so als hätte sie lästerlich geredet.
»Wir sagen es auch nicht weiter. Erzähl doch, bitte«, bettelte Christine.
Aber Johanne blieb mitten im Zimmer mit den Händen vor dem Gesicht stehen, schüttelte den Kopf und sagte kein Wort mehr.
»Margarete sieht auch aus wie ein Mißgeschick«, meinte Dorothea schelmisch, während sie die Arme um den Bettpfosten schlang.
»Fräulein Margarete«, sagte Johanne zurechtweisend.
»Margarete von was?« fragte Christine sanft und hatte das Gefühl, ihrer Schwester bei der Aufklärung dieser seltsamen Sache beistehen zu müssen.
Aber sie kamen nicht weiter mit Johanne. Dann fiel ihnen das mit dem Huren ein, auch wenn sie nicht wußten, was das Wort bedeutete, war es jedenfalls etwas Unrechtes und Verbotenes, was der König von England mit einer gewissen Anna Boleyn machte. Und besonders wichtig: Davon konnte man schwanger werden.
Die Schwestern zerbrachen sich den Kopf, aber weil Johanne nichts sagen wollte, wußten sie nicht, wen sie fragen sollten. Es blieb die seltsame Situation, daß der Kaiser eine Tochter hatte, die nicht die Tochter der Kaiserin war.
Vierzehn Tage später zog der Kaiser nach Regensburg, und er hatte Prinz Hans bei sich.
Es war kein Geheimnis, daß der mächtige Mann an der Gesellschaft seines Neffen Gefallen fand. Er nahm sich Zeit, mit dem Knaben zu reden, und die Neuigkeit, daß Prinz Hans an der Versammlung der Kurfürsten teilnahm, fiel zusammen mit einer anderen, eher gewöhnlichen Begebenheit.
Christine und Dorothea bekamen neue Strümpfe. Die Schwestern musterten sie zuerst verblüfft, denn sie waren nicht genäht, sondern gestrickt. Sie merkten rasch, wie angenehm das war ohne Nähte, besonders unter der Ferse, wo es immer scheuerte. Sie schmiegten sich um ihre Beine, ohne Falten und Knicke, und waren genauso warm wie die alten aus Seide, Samt oder Leder.
So saßen sie mit gespreizten Beinen da und bewunderten die neueste Erfindung, als ihre Tante das Zimmer betrat.
Schnell warfen sie die Röcke über die Beine, sprangen auf und verbeugten sich. Sie blieb einen Augenblick stehen, sah sie lächelnd an, schickte Johanne hinaus und erzählte von Hans.
Nach der langen Reise bis Regensburg war er sehr damit beschäftigt, die Kurfürsten zu empfangen, den Bischof von Mainz und andere Mächtige aus dem Deutschen Reich. Später setzte er sich vor der großen Versammlung beim kaiserlichen Rat für die dänische Sache ein. Er machte das so schön, daß alle ergriffen waren, und den Kurfürsten hätten Tränen in den Augen gestanden.
Die Mädchen waren tief beeindruckt und sprachen lange über Hans, der bereits den Schritt in die große Welt getan hatte.
An einem späten Abend Ende August hörte Christine einen Reiter auf den Hof des Palastes in Brüssel galoppieren.
Sie setzte sich auf, lauschte und sprang aus dem Bett. Die zwei Kammerjungfern fuhren von ihren Stühlen hoch, aber Christine beschwichtigte sie, öffnete das Fenster zum Hof. Sie sah das Pferd und den gekrönten Doppeladler auf der Satteltasche. Das war ein Kurier des Kaisers.
Als Christine wieder eingeschlafen war, wälzte sie sich unruhig mit wilden Träumen hin und her. Sie war mit ihrem Vater auf der Jagd, sie wollten in Schweden Elche erlegen, aber überall war es rot. Die Erde war aufgeweicht von Blut. Es wurde von den Wurzeln der Bäume aufgesaugt und färbte den Wald so rot wie die Erde, auf der sie standen. Ihr Vater hielt an, sprang vom Pferd und nahm von kleinen, grauen Männern ohne Köpfe Säcke mit Goldmünzen entgegen, wobei er Christine als Bezahlung nach vorne schob. Und sie starrte auf die roten Hälse, aus denen das Blut sprudelte, und vor ihr zogen sie bereits mit Hans davon. Sie sah, wie er auf eine Lichtung geführt wurde, wo mehrere kopflose Männer mit großen Beilen bereitstanden, und sie schrie und schrie und schrie ...
Christine schaute in Johannes rotbäckiges Gesicht, die Frauen standen furchtsam an der Tür. Sie bekam heiße Milch mit Kräutern, und später fiel sie in einen sanften Schlummer.
Am nächsten Vormittag wurden Christine und Dorothea zur Regentin gerufen. Die Kinder sahen ihre Tante an einem Fenster stehen. Sie kam ihnen entgegen, umarmte sie, und die Tränen liefen ihr übers Gesicht und in die schwarzen Falten des Kleides. Ihr Bruder Hans war bei dem schlimmsten Unwetter, dessen man sich in Regensburg entsinnen konnte, vom Fieber ergriffen worden. Nach einem mehrtägigen Kampf mit der Krankheit hatte sein junger Körper aufgegeben, und mit dem Namen Jesu auf den Lippen sei er verschieden.
Hans war tot.
Christine betete zu Gott. Sie kniete auf dem Steinboden und bat den himmlischen Vater, er möge sie begreifen lassen, warum er so viele und so vieles nahm.
Schließlich brachte man sie mit hohem Fieber zu Bett. Und sie war nur von dem einen Gedanken beseelt, dorthin zu kommen, wo ihre selige Mutter, ihr geliebter Bruder und die geliebte Tante waren.
Doch am vierten Tag erwachte sie und war fieberfrei. Eine kühle Herbstluft wehte ihr von den geöffneten Fenstern entgegen, es roch nach frischem Obst, und über die Gesichter um sie herum liefen Freudentränen.
Johanne schloß sie in die Arme und stammelte: »Gepriesen sei die Jungfrau für meine kleine Madame Chrêtienne.«
Ergriffen und völlig aufgelöst lief Johanne aus der Stube.
Christine lag in ihrem Bett und blickte sich zwischen Damastdecke und Vorhang um, während die frische Luft in Nase und Lungen drang und sie von dem unbändigen Willen erfüllt wurde, das Leben zu leben, solange Gott es wollte.
Erst lange nach Weihnachten, als das neue Jahr gekommen war und sie 1533 schrieben, erzählte die Regentin Christine und Dorothea in aller Ruhe von dem Schicksal ihres Vaters im vergangenen Sommer. Er hatte Norwegen verlassen und war im Vertrauen auf freies Geleit nach Kopenhagen gesegelt. Doch der Onkel brach das Versprechen. Ihr Vater erreichte nie die Hauptstadt, wurde statt dessen auf einer Insel namens Als ins Gefängnis gesteckt. Christine fühlte keine Trauer, aber sie wußte, da waren die Bürger und Bauern in Dänemark und die treuen Norweger, die ihren Vater liebten. Was war die Wahrheit? Was war die Wirklichkeit?
Mit dem Beginn des Sommers explodierte eine Neuigkeit wie eine Bombe am niederländischen Hof. Bei einer Zeremonie in Barcelona am 10. Juni hatte der Kaiser einen Ehevertrag zwischen seiner Nichte und Francesco Sforza, dem Herzog von Mailand, unterschrieben. Christine war elf Jahre alt und sollte heiraten.
Graf Massimiliano Stampa beugte sich vor, küßte Fräulein Christines Hand und begann ein Gespräch mit ihr und ihrer Schwester, Fräulein Dorothea, aber nach fünf Minuten erklärte die Regentin die Audienz für beendet.
Stampa war verärgert, schrieb aber am selben Abend einen Brief an den Herzog von Mailand über seinen ersten Eindruck von der künftigen Herzogin.
Wie die meisten am Mailänder Hof hatte es Stampa bedauert, daß es nicht gelungen war, die ältere Schwester mit Erbanspruch auf die nordischen Throne zu bekommen, jetzt, nachdem der Bruder tot war. Nach der kurzen Begegnung mit den königlichen Fräuleins konnte Stampa allerdings hocherfreut mitteilen, daß die Jüngere weitaus schöner sei. Sie habe außerdem auf ihn den Eindruck gemacht, sowohl lebhaft wie sanftmütig zu sein.
Stampa hatte die lange Reise von Norditalien bis nach Gent, wo sich der Hof aufhielt, unternommen. Die Reise hatte mehrere Wochen beansprucht, und er erreichte die Niederlande Mitte September.
Mit zunehmendem Erstaunen ritt er durch das flache Land. Alles war kultiviert und bestellt. Überall weidete schwarz geflecktes Vieh, und Häuser und Straßen machten einen gepflegten Eindruck. Nie hatte er eine so fruchtbare Erde gesehen, und am erstaunlichsten war, daß jede Frau und jeder Mann lesen und schreiben konnten. Stampa hatte sich Hunderte von Meilen keine Ruhe gegönnt, um so schnell wie möglich anzukommen, aber von dem Augenblick, an dem er die Grenze passierte, bewegte er sich nur im Trab und im Schritt vorwärts, um die unerwarteten Eindrücke aufzunehmen.
Die Ernte war vorbei, es wimmelte auf den Feldern von wohlgenährten Menschen, die mit frisch gestrichenen Gerätschaften pflügten und eggten. Vielerorts war man mit der Wintersaat beschäftigt, während Frauen, umgeben von einer Schar von Kindern, Bier in Krügen brachten.
Stampa wußte, daß die Niederlande von einer Frau regiert wurden. Vielleicht verirrten sich seine Gedanken, aber ihm schien, als ob hier alles von der Hand einer sparsamen, reinlichen und ordentlichen Hausmutter gelenkt würde.
Es könnte natürlich auch umgekehrt sein, philosophierte er, während sein Blick über Mühlen und ausgehobene Kanäle wanderte, daß nämlich das Volk so geartet war und sich dazu eignete, von einer Fürstin regiert zu werden.
In Wirtshäusern hörte er fortwährend Klagen über hohe Steuern und Kriege gegen die Franzosen, aber er sah gesunde, satte Bauernkinder und erinnerte sich nur zu genau an die zerlumpten, mageren Gestalten aus den norditalienischen Dörfern.
In den Niederlanden fand er Not und schwarzes Brot nur in den Armenvierteln der Städte, ansonsten herrschte Wohlstand, Gesundheit und Sauberkeit. Allerdings hatte Stampa noch nie so grobe und langweilige Frauen gesehen, und ihre Röcke schienen ihm oft unanständig kurz.
Es war jedoch nicht seine Aufgabe, einen Rapport über die niederländischen Provinzen zu schreiben. Er sollte eine Braut holen und sich deshalb zuerst darum bemühen, zur Regentin vorgelassen zu werden.
Wohlbehalten in Gent angekommen, erhielt er die Erlaubnis, zu warten, und schließlich wurden ihm diese fünf Minuten mit Fräulein Christine gestattet.
Es kursierten Gerüchte über einen Brief, den die Regentin an den Kaiser geschickt hatte, ein Protest über die Verheiratung eines so jungen Mädchens. Stampa mußte zugeben, daß ihm die Braut jünger vorkam als gleichaltrige Mädchen in Mailand. Die kräftige Sonne des Südens führte frühzeitig zur Reife, doch Fräulein Christine war ein Kind des Nordens und im diesigen Licht der Niederlande aufgewachsen. Obwohl das Zusammentreffen mit ihr kurz war, bemerkte Stampa sofort, daß die Brust über dem Mieder noch flach war und die leicht lispelnde Stimme einem Kind gehörte.
Der Anblick des königlichen Fräuleins gab ihm Grund zu ernster Sorge. Stampa war Mailänder, und er war Patriot. Sein Herr war der Enkel eines Mannes, der sich mit Waffengewalt selbst zum Herzog gemacht hatte. Das war noch eine goldene Zeit gewesen, als die italienischen Fürsten mit einem über tausend Leute zählenden Gefolge unterwegs waren. Aber mit der Jahrhundertwende kamen die Kriege, und der Herzog war im Exil aufgewachsen, bis er durch die Gnade des Kaisers in sein Land zurückkehren durfte.
Die Selbständigkeit seines Landes zu garantieren hatte sich Stampa zur Lebensaufgabe gemacht, doch dazu brauchte er einen Erben. Der Kaiser hatte eine Braut edelster Abstammung zur Verfügung gestellt, sich aber ausbedungen, daß ihm das Land zufalle, sollte der Herzog kinderlos sterben. Es war ein Wettlauf mit der Zeit.
In dem Kontrakt stand ausdrücklich, daß die Ehe unverzüglich zu vollziehen sei, und Stampa war sich darüber im klaren, daß der Passus nur darauf zielte, die Franzosen daran zu hindern, die Gültigkeit der Ehe anzufechten und damit die Abmachung als ganze. Nach den fünf Minuten mit Christine von Dänemark durchschaute Stampa die kaiserlichen Winkelzüge.
Stampa sollte als Stellvertreter des Herzogs die Prinzessin ehelichen und sie ihrem eigentlichen Gemahl zuführen. Aber die Regentin hatte immer neue Entschuldigungen, nicht mit ihm zu reden. Einmal war es eine leichte Verletzung bei einem Sturz vom Pferd, einmal Ratsversammlungen und unaufschiebbare Geschäfte, und dann reiste sie ohne weiteres in Begleitung ihrer beiden Nichten nach Lille. Stampa reiste hinterher. In Mailand erwartete der Fürst seine Braut und das Volk einen Erben, der die Selbständigkeit des Herzogtums bewahren und es vor fremder Herrschaft retten sollte. Trotz Stampas Zweifel bezüglich der Fähigkeiten des alternden, fast verkrüppelten Herzogs, das Geschlecht der Sforza weiterzuführen, gedachte er seine Aufgabe zu erfüllen.
Eines Tages erschien ein kaiserlicher Gesandter, de Praet. Der Kaiser hatte wahrscheinlich den mangelnden Willen der Schwester, den Ehekontrakt durchzuführen, geahnt, denn de Praet war aufgetragen worden, der Trauung beizuwohnen.
Jetzt wurde die Regentin sehr freundlich. Sie bedankte sich überschwenglich für das Pferd, das ihr der Herzog zum Geschenk gemacht hatte, sie arrangierte ein Souper für Stampa und gestattete ihm, den beiden Prinzessinnen beim Tanzen eines ballo all’italiano zuzuschauen.
Am Sonntag, dem 28. September 1533 nachmittags, fand die Hochzeit statt. Die Prozession betrat die Schloßkapelle von Lille. Die Braut wurde von der Regentin geleitet, während Stampa, der den Herzog vertrat, in goldenen Brokat gekleidet am Altar wartete. Violinen und Trompeten ertönten, der Bischof von Tournai vollzog die Trauung zwischen Christine von Dänemark und dem Herzog von Mailand in Gestalt eines anderen Mannes, und Stampa meinte eine große Freude auf dem Gesicht der Braut zu erblicken, als der Bischof ihr den mit einem schönen Rubin besetzten Ehering über den Finger streifte.
Nach den Festlichkeiten hatte Stampa ein herzliches Gespräch mit der Regentin. Sie war gnädig und scherzte, doch wie sehr er sich auch bemühte, ein Datum für die Abreise wurde nicht festgesetzt.
Die Regentin schaute ihn mit ihren schelmischen, braunen Augen an, machte eine bekümmerte Miene und bat ihn zu verstehen, daß sie unmöglich ihre geliebte Nichte in dieser Jahreszeit auf eine so gefährliche Reise schicken könne. Sie bot ihm statt dessen an, am nächsten Morgen an der Jagd teilzunehmen.
Graf Stampa lehnte ab, er müsse nach Hause und könne nur feststellen, daß Euer Gnaden die Schlacht gewonnen hätten. In Mailand würden die Kanonen donnern, die Kirchenglocken läuten und das Volk jubeln, sobald die Nachricht von der stattgefundenen Hochzeit einträfe. Aber die Braut kam nicht. Christine von Dänemark blieb bei ihrer Tante, die nicht wünschte, ihre Nichte vor Vollendung des zwölften Lebensjahres in einem Ehebett zu sehen.
Obwohl Christines Abreise verschoben worden war, gab es große Vorbereitungen. Seide, Damast und Brokat, Pelze, Perlen und Schmuck, alles mußte ausgesucht werden. Sie brauchte eine Ausstattung für ihre Tafel und für ihre Kapelle. Christine war das Kind eines Mannes, der einmal regiert hatte und jetzt in einem erbärmlichen Gefängnis saß, aber die Regentin stattete sie aus wie eine Tochter des Hauses Habsburg. Die Lakaien mußten eine Livree haben, und es mußte für eine Eskorte sowie für aufwartende Herren, Damen und Kammerjungfern gesorgt werden.
Christine und ihre noch unverheiratete Schwester amüsierten sich gemeinsam mit der Tante, und der Kaiser bezahlte.
Christine wurde zwölf Jahre, aber solange der Winter dauerte, war ein Aufbruch unmöglich. Statt dessen nahm Christine am Leben im Schloß teil, nun mit den Rechten einer verheirateten Frau, und sie konnte noch einmal über die Fastnachtsspäße lachen, wenn Katzen und Gänse auf dem Platz aus Fässern gezaubert wurden, und bewunderte die Fertigkeit ihrer Schwester als Bogenschützin bei den Zunftfesten.
Christine wußte, daß die Ehe der Höhepunkt im Leben einer Frau darstellte. Sie hatte einen Ehemann, ohne ihn je gesehen zu haben. Manchmal hatte sie das Gefühl, daß die Regentin mit ihr etwas besprechen wollte. Sie spürte ihren Blick auf sich ruhen, dachte aber nicht weiter darüber nach, außerdem mußte der Samt für das Auskleiden ihrer Sänfte und der ihrer Damen ausgemessen werden.
An einem Februartag ritt Christine mit ihrer Tante aus. Am großen Himmel von Brabant standen graue Winterwolken. Es war windstill. Die Windmühlenflügel bewegten sich nicht, und der Rauch stieg senkrecht aus Hütten und kleinen Bauernhöfen. An ungeschützten Stellen lagen noch Schneereste, und nur wenige Kühe waren auf den Weiden.
Die Regentin setzte über einen Zaun, Christine hinterher, und es begann zu regnen. Es goß, doch die Regentin ritt einfach weiter, bis sie plötzlich mitten auf einem Feld anhielt und lachte.
Das Wasser prasselte auf Kapuze und Umhang, die Bänder des Kopfputzes rollten sich zusammen, der Hengst glänzte vor Nässe, und sie sagte: »Andere würden Schutz suchen. Ich lebe.«
Und während das Unwetter zunahm und ihr der Regen ins Gesicht peitschte, blickte sie hinauf zum Himmel. »Ich habe gute Nachrichten aus Mailand. Du bist mit einem rechtschaffenen Mann verheiratet, er möchte nur dein Bestes. Aber ...«
Sie senkte einen Augenblick den Kopf, und Christine hatte das Gefühl, etwas zu erfahren, was sie ohnehin wußte. Ihre Tante schaute sie durch den Regen an, und Tropfen fielen von ihrer langen Nase. »Du darfst nicht unglücklich sein, weil du nicht gleich Kinder bekommst. Gott hat dich nicht vergessen, sie werden kommen.«
Sie klopfte das Pferd mit drei beruhigenden Schlägen. »Und du darfst nicht erschrecken, weil der Herzog von schwächlicher Gesundheit ist.« Sie lächelte und erklärte: »Er hat einige Lähmungen und kann nur schwer aus eigener Kraft gehen. Doch wenn du eine gute, liebevolle und gehorsame Gemahlin bist, was du sicher sein wirst, kommt er sicher wieder zu Kräften.«
Der Blick der Tante war prüfend, aber Christine empfand das Gehörte nicht als erschreckend. Sie liebte ihren Mann, und er liebte natürlich auch sie, seine Gemahlin.
Ihre Tante wendete das Pferd. »Eigentlich wollte ich dir etwas ganz anderes sagen. Doch nun bleibt es dabei.«
Dann fiel sie in Galopp, sprang über einen schmalen Graben, passierte zwei Kanäle und kam triefend naß nach Hause.
Christine fand nichts Merkwürdiges an dem Gespräch, obwohl ihr dessen Wichtigkeit klar war, denn sonst wären sie weitergeritten bis zur Dunkelheit. So gut kannte sie ihre Tante. Es bedurfte mehr als eines Regenschauers, damit sie umkehrte.
Als Christine später in dem großen Bottich saß und Johanne ihr liebevoll den Rücken schrubbte, überlegte sie, was ihr die Tante wohl hatte mitteilen wollen und warum sie so munter gewirkt hatte, als sie von den Lähmungen des Herzogs berichtete. Aber dann gähnte sie genüßlich im Wasserdampf und vergaß die Angelegenheit.
Am 11. März 1534 begann Christines Reise nach Mailand. Erst ein paar Tage davor begriff sie richtig, was da geschah. Sie mußte das Heim ihrer Kindheit verlassen. Die Welt, die sie erwartete, würde in vielem anders aussehen. Sie sei schöner, sagten manche, doch für Christine war das Schöne mit dem Vertrauten verbunden. Schönheit war in diesem Augenblick die riesige gewölbte Kuppel des Himmels über Brügge oder die Fastnachtsspäße in Brüssel oder Gent, und schön waren ihre glücklichen Jahre in Mechelen mit dem Windhund und dem Papagei und ihrer Schwester, dem toten Bruder und der toten Tante.
Christine rannte durch das Brüsseler Schloß. Sie umarmte Johanne, sie umarmte ihre Schwester und ihre Tante, nervös, fast hektisch, als wollte sie sie festhalten und mitziehen in ihr neues Leben.
Aber die Bande mußten zerrissen werden. Sie setzte sich in die Sänfte. Ihrem Beispiel folgten Madame de Souvastre, verantwortlich für ihren Haushalt, sechs Hofdamen, sechs aufwartende Kammerzofen, vier Pagen, zehn Herren, sechs Lakaien, zwanzig Maultiere und drei Wagen mit Gepäck. Schließlich noch die Eskorte von hundertdreißig Rittern. Die Tränen liefen über ihre Wangen, doch gleichzeitig glitt ihre Hand über den dicken Samtbezug der Sänfte. All das geschah ihr zu Ehren.
Einen kurzen Moment wanderten ihre Gedanken zum Vater. Wenn er sie jetzt sehen könnte. Aber sie schob die Gedanken an ihn weg. Sie war eine verheiratete Frau, war die Herzogin von Mailand.
Die Wagen setzten sich langsam in Bewegung. Dorothea weinte verzweifelt. Lange winkte Christine ihren Verwandten zu. Die Reise nach Mailand hatte begonnen.
Mailand
6. Kapitel
Der Sommer war früh nach Norditalien gekommen, doch die Luft fühlte sich an diesem Maimorgen noch etwas kühl an. Es duftete nach Rosen und Myrthen. Die Schatten waren lang, Bäume standen aufgereiht in Kübeln, und unaufhöhrlich plätscherten die Fontänen und Wasserspiele des Gartens der Villa di Cussago. Christine pflückte voller Begeisterung eine Zitrone von einem Zweig, sie lief weiter, pflückte noch eine und genoß den Anblick der Früchte zwischen den Blättern, nicht hereingetragen auf einer Schüssel.
Christine und ihr Gefolge machten den letzten Aufenthalt vor dem Einzug nach Mailand. Graf Stampa hatte ihr sein Anwesen zur Verfügung gestellt, und dieser Garten gehörte zum Schönsten, was sie je gesehen hatte.
Sie war hingerissen von der üppigen Pracht der Häuser, Gärten und Landschaften. Nach fast zweimonatiger Reise im Frühjahrsregen auf morastigen Wegen, durch Schneegestöber und über Alpenpässe hatte sie endlich das grüne, herrliche, sonnenbeschienene Land erblickt. Das Tal des Po lag zu ihren Füßen, und der Abstieg begann.
Christine war klar, daß alles nur ihr zu Ehren geschah. Sie war diejenige, um die sich alles drehte, deren kleinster Wunsch erfüllt werden sollte. Sie lächelte den Menschen überall auf den Straßen, Balkonen und Dächern zu und genoß das Gefühl, mit ihrem Lächeln zu bezaubern.
Während Christine an jenem Maimorgen nach einer weiteren Zitrone griff, sie vor das Gesicht hielt und den Geruch einatmete, konnte sie über der Spitze ihrer Finger in der Ferne eine Staubwolke sehen. Eine Kavalkade von Rittern, vielleicht nur Reisende oder wieder einer der vornehmen Italiener, der ihr mit seinem Gefolge die Aufwartung machen wollte, bevor sie in die Stadt einzog, um ihren Herzog und Ehemann zu treffen.
Die Hofdamen des Gefolges vertrieben sich die Zeit mit Krokket, doch Christine zog es vor, im Garten zu wandeln, während es noch kühl war. Sie befühlte die Blätter, atmete den Geruch unbekannter Gewürze ein, pflückte ein Rosmarinästchen und steckte es in den Bund. Das würde ihr Glück bringen und war gut für eine junge, frisch verheiratete Frau, die den Mann treffen sollte, von dem sie wußte, daß sie ihn liebte.
Überall standen gestutzte Bäume und Büsche, in geometrische Formen geschnitten, als Phantasiefiguren oder als Tierköpfe. Es gab Labyrinthe und Geheimgänge. Christine und ihre niederländischen Damen liefen lachend darin herum, sie entfernte sich von ihnen, war auf einmal allein und blieb bei einem Springbrunnen stehen. Sie beugte sich vor, sah ihr Spiegelbild im Wasser, ihr langes Haar fiel nach vorne, und sie lachte sich zu, richtete sich auf und wollte weitergehen.
Plötzlich spürte sie die Wärme. Als sei die Sonne mit einem Ruck ein Stück höher gestiegen, und gleichzeitig vernahm sie einen Laut, ein regelmäßiges Stoßen oder Schlagen.
Christine drehte sich um, schaute, aber es war nichts und niemand zu sehen. Sogar die kleinen Vögel klangen entfernter und leiser, doch die Luft war heiß und trocken, die Schatten erschienen jetzt kurz und schwarz, und das Geräusch näherte sich stetig dem Springbrunnen.
Christine zuckte zusammen, als sie den alten Mann sah, der die Krücke fest auf den Fliesen aufsetzen mußte, um vorwärtszukommen. Haar und Bart waren grau. Der Mann trat unter einem grünen Bogen hervor, und er war allein. Es tauchte niemand auf, um ihn vorzustellen, doch seine Kleidung war vornehm, und er hatte ganz deutlich ein Anliegen, wie er so aus dem Schatten des Labyrinths zu ihr in die Sonne hinkte.
Christine war ratlos, sie hielt noch die Zitronen in den Händen und drückte sie unbewußt an ihr Mieder. Sie mußte etwas unternehmen, aber wo waren ihre Damen? Der Mann kam näher. Die Nase war groß und krumm, die Haut grau, und bei jedem Aufprall der Krücke zuckte die linke Seite des Gesichts, erst der dumpfe Aufprall, dann das Zucken, wieder der Aufprall und erneut dieses Zucken.
Der Mann blieb direkt vor ihr stehen und betrachtete sie, verbeugte sich aber nicht vor ihr. Wußte er etwa nicht, wer sie war?
Christine erstarrte, was nahm er sich heraus? Sie würde es Graf Stampa sagen. Das mußte natürlich betraft werden. Jeder hatte sich vor ihr zu verbeugen. Jeder außer einem, der Herzog ...
Die Zitronen kullerten wie gelbe Bälle auf den Boden. In einer Sekunde des Schreckens schlug sie die Hände vor den Mund, dann beherrschte sie sich, ließ langsam die Arme sinken und streckte ihm schließlich die rechte Hand hin.
Christine schaute in alte, müde Augen. Sie spürte, wie kalte Finger ihre Hand ergriffen, und die Lippen waren wie rissiges Leder auf ihrer Haut. Rund um sie erklangen Stimmen, ihre Damen tauchten auf und verbeugten sich tief. Christine stand Francesco Sforza gegenüber, dem Herzog von Mailand. Sie hatte ihren Ehemann getroffen.
Der Herzog verbrachte nur eine halbe Stunde in Cussago in Gesellschaft seiner Braut. Mit der linken Hand auf die Krücke gestützt reichte er Christine die rechte, und gefolgt von den Damen und Graf Stampa spazierte das Ehepaar durch den Park.
Der Herzog erzählte, daß Beatrice d’Este, seine längst verstorbene Mutter, von Mailand aus hierher zu fahren pflegte, um in der wildreichen Landschaft zu jagen.
Eine dunkelviolette Kletterpflanze bedeckte eine Mauer. Der Herzog ließ Christines Hand los, griff danach, brach einen Zweig ab und hielt ihn vor ihre Augen.
»Eine seltsame Pflanze«, sagte er, »die Blätter geben ihr die Farbe, daher ihr prächtiges Aussehen, die Blüte dagegen ist klein und unscheinbar ...«
Er drehte sie zwischen den Fingern, so daß Christine sie von allen Seiten betrachten konnte, und fuhr fort: »Nach der Blüte muß man suchen, das ist die Seele der Pflanze.«
Nach wenigen Schritten blieb der Herzog erneut stehen und wandte sich an Christine. Sie hatte die Sonne im Gesicht, war geblendet und sah kaum etwas, als er seine Freude und Dankbarkeit dem Kaiser gegenüber zum Ausdruck brachte, der ihm eine so vornehme Fürstin und schöne Braut geschickt hatte. Christine sollte antworten, nicht nur geblendet und stumm dastehen. Die Damen um sie warteten, ebenso Graf Stampa und der Herzog, aber das Licht machte alles weiß, und sie hörte nichts, als sei das Wasser des Springbrunnens gefroren und alle Vögel tot.
Sie ahnte eine Bewegung vor sich, jemand berührte ihre Wange, es waren seine Finger und dann die ganze Hand, trockene, rauhe Haut auf ihrer. Wie ein kaltes Insekt, und sie trat einen Schritt zurück, wandte sich ab und rief nur das eine Wort: »Far ...«
Im nächsten Augenblick besann sie sich. Sie hatte keinen Vater. Warum hatte sie nach ihm gerufen? Er war wie gestorben, und sie war allein in der sommerlichen Hitze, in einem fremden Land, die Gemahlin eines alten, kranken Mannes, und sie hatte sich vergessen.
Christine wandte sich langsam dem Herzog zu, versuchte, seine Augen zu sehen und was sie ausdrückten, konnte es aber nicht. Er verbeugte sich zu einem stummen, formellen Abschied und hinkte schwerfällig und mühsam zum Landhaus.
Später am Nachmittag ersuchte Graf Stampa um ein Gespräch.
Christine empfing ihn auf der Terrasse, und er überbrachte ihr Grüße des Herzogs, der ihn gebeten hatte, ihr zu sagen, welch aufrichtige Zuneigung er für seine junge Braut empfinde.
Christine erwiderte, daß sie ihrerseits die herzlichsten Gefühle für Euer Gnaden hege. Sie wollte noch mehr sagen, stockte aber und betrachtete den Mann, der den Herzog bei der Trauung vertreten hatte. Seinerzeit hatten sie über ihn gelacht, sie und Dorothea, über den korrekten Italiener, der sich immer ein wenig zu tief verbeugte, daß es schien, als verliere er das Gleichgewicht. Er hatte beim Altar auf sie gewartet; das war über ein halbes Jahr her, und sie hatte sich damals gefreut, einen solch langweiligen Mann heiraten zu müssen. Denn in Mailand wartete der richtige Bräutigam: der, mit dem sie in den Stand der Ehe getreten war, und Ehe bedeutete, von Gott einen Freund geschenkt zu bekommen, den besten, den man jemals im Leben bekommen würde.
Sein Haar und der Bart waren noch schwarz, die Haut von Sonne und Luft golden, und jetzt erzählte er von dem Unglück, das dem Herzog widerfahren war.
Vor vielen Jahren hatte ein Verrückter den Herzog auf der Straße überfallen und ihn mit einem vergifteten Messer niedergestochen. In allen Kirchen versammelten sich die Bürger Mailands und beteten für sein Leben, und Gott erhörte ihr Flehen. Das Haar des Herzogs wurde grau, und sein Gang erlahmte, aber die Untertanen bewunderten und liebten ihren Herzog um seines Großmutes und seiner Gerechtigkeit willen mehr den je.
Deshalb ...
Stampa schaute sie nachdenklich an und sagte:
»Deshalb errichten die Einwohner Mailands in diesen Stunden Ehrenpforten für die junge Braut des Herzogs, deshalb wartet jeder Mann, jede Frau und jedes Kind darauf, ihrer schönen, vornehmen Fürstin zu huldigen. Wir sind arm, wir wurden ausgeplündert, wir wissen, was Hunger ist, aber es wird an nichts gespart, um Euer Gnaden zu erfreuen und zu ehren, denn nur damit können wir den Herzog selbst ehren und erfreuen.«
Als sich Graf Stampa vor ihr verbeugte, um sich zu verabschieden, sah sie nichts Komisches an seinen Bewegungen. Sie blieb zurück mit dem Bewußtsein ihres Versprechens, das sie gegeben hatte – eine gute und gehorsame Ehefrau zu sein.
Das erwartete der Kaiser von ihr und ebenso ihre Tante, auch ihre tote Tante und ihre tote Mutter.
Christine wies ihre Damen an, sie allein zu lassen. Sie saß auf der Terrasse, bis sich die kühle Abendluft über den schönen Garten von Cussago legte und die Labyrinthe, die gestutzten Büsche und die Zitronenbäume in den Kübeln wieder lange Schatten warfen.
Als sich Christine endlich erhob, war sie kein Kind mehr. Mit einem Schritt hatte sie ein dunstiges Niemandsland betreten, das vor der Welt der Erwachsenen lag.
Ein Feuerwerk erhellte den Himmel über Mailand. Die Raketen versprühten weißen Sternenregen über das Volk. Neue Raketen schossen in den Himmel und machten die Nacht so laut und festlich, wie der Tag gewesen war.
Christine fühlte sich benommen, verwirrt und erschöpft von den Eindrücken. Alles war farbig, die Hausmauern rot, gelb und orange, die Menschen bunt gekleidet, der Adel in Gold und Silber, die wehenden Federbüsche, Standarten und Banner. Für einen kurzen Augenblick erkannte sie die Worte auf den großen Transparenten:
»Der weiseste Fürst ehelicht an diesem Tag die schönste Jungfrau und gibt uns das Versprechen ewigen Friedens.«
Es war drückend heiß, und Staub wurde von den Hufen der Pferde aufgewirbelt. Sie hatte lächelnd Tausende von Blicken erwidert, dunkle Kinderaugen und Frauen mit geschminkten Gesichtern und gelbem, gefärbtem Haar. Sie hatte den Geruch nach Schmutz, Knoblauch und feuchten Kalk eingeatmet, während sich das Läuten der Kirchenglocken und das Dröhnen des Kanonendonners vermischte mit dem »Viva, Viva ...« der Massen.
Christine war an diesem Tag kein Zuschauer. Sie war der Mittelpunkt, und die Welt um sie schaute zu. Während des abendlichen Banketts waren alle Augen auf sie gerichtet.
Bei jedem Gedeck hatte man die Serviette wie eine Krone gefaltet. Christine griff nach der ihren. Für einen Moment schien sich die Serviette zu bewegen, und als sie am Zipfel zog, flog ein kleiner, lebendiger Singvogel aus dem weißen Damast. Christine schrie vor Freude kurz auf, und im selben Augenblick hoben sich Hunderte von Singvögeln unter dem Jubel der Gäste in die Lüfte. Sie kreisten an der Decke und entschwanden schließlich durch die geöffneten Türen und Fenster in die Freiheit.
Wein aus der Toscana wurde in Gläser mit dem farbig emaillierten Wappen der Sforzas geschenkt. Christine kostete Früchte, von denen sie noch nie gehört hatte, und bekam vergoldete Pfaue serviert und Forellen in Silberglasur mit Scheiben eines roten Gemüses aus der neuen Welt, das jetzt in Süditalien angebaut wurde und Tomate hieß.
An Christines Seite saß am vornehmsten Platz der Herzog von Mailand. Er hatte sie vor dem Palast empfangen. Die Schlüssel der Stadt wurden ihr überreicht, während sie noch zu Pferd saß, und als sie abstieg, stürzte die Volksmenge vor, faßte nach dem Baldachin der Sänfte und zerriß ihn, um mit einem Fetzen des Stoffes eine Erinnerung an den Tag zu haben, an dem sie ihre Herzogin begrüßt hatten.
Beherrscht und ruhig reichte sie ihrem alternden Gemahl die Hand und wurde in eine riesige Zitadelle geführt. Er führte sie durch Säle und Gemächer. Sie spürte Freundlichkeit in der Stimme, als er sie den wichtigsten Personen des Hofes vorstellte, und ahnte sein Lächeln, als sie später ihre Verwunderung zeigte über die neuen Gerichte und vor Begeisterung bei jeder Rakete, die in die Luft geschossen wurde, nach Luft schnappte. Als der letzte weiße Sternenregen am Himmel erloschen war, führte er sie wieder zu den vornehmsten Damen und Herren, die bereitstanden, um das Paar in die Brautkammer zu geleiten, wo sie sich ihrer Kleider zu entledigen und in das Ehebett zu legen hatten.
In dem Augenblick kam die Angst wieder. Christine wußte, daß in der Ehe Tisch und Bett geteilt wurden, aber sie war nie mit einem Mann allein gewesen. Um sie herum waren stets Hofdamen, Zofen oder Gouvernanten gewesen. Christine hatte keine Gelegenheit, weiterzudenken, denn der Herzog sagte etwas auf italienisch, worauf sich die Damen und Herren Blicke zuwarfen und der Kardinal seinen Protest anmeldete.
»Aber die Franzosen«, jammerte der Kirchenmann, und seine rote Seide raschelte, als er vor seinen Fürsten trat.
»Die Franzosen!« wiederholte er, bis ihn der Herzog mit einer gebieterischen Bewegung zum Schweigen brachte.
Christine verstand nichts von dem, was vor sich ging. Sie beherrschte nur ein paar Worte Italienisch, was »Franchese« bedeutete, wußte sie, und der Antwort des Herzogs entnahm sie, daß es irgendwie um ein Kind ging. Der Kardinal vertrat eine Meinung, der Herzog eine andere. Schließlich wandte sich der Herzog ihr zu, führte ihre Hand an die Lippen und wünschte ihr eine gesegnete Nachtruhe.
Christine wurde in die Brautkammer geführt. Die Zofen lösten ihre Bänder, bürsteten ihr Haar und brachten Schüsseln mit Wasser. Sie war erschöpft, hätte am liebsten geheult, aber es gab niemanden, mit dem sie weinen konnte, und von der Stadt her erklang ein Rufen und Lärmen, hörte man Gesang und Musik. Die Zofen verneigten sich bis zum Boden, und die Hofdamen schlossen den Vorhang.
Christine schlief ihre erste Nacht in Mailand. Sie war allein, während die Stadt ihre Ankunft feierte.
7. Kapitel
Christine versuchte, sich auf einen Brief zu konzentrieren, den sie gerade schrieb, doch die Hitze war unerträglich, und dazu kam das ständige Gerede und das Spektakel der Dienerschaft und der Soldaten im Burghof. Ihre Damen saßen steif und unbeholfen auf den Schemeln. Sie waren die neue Mode nicht gewohnt, die vorschrieb, die Taille in ein Korsett zu schnüren. Sie stickten und redeten über die letzten Neuigkeiten vom Hof zu Mantua und über die bevorstehende Verheiratung Alexanders von Medici mit Margarete, der unehelichen Tochter des Kaisers.
Christine war nun über ein Jahr in Mailand, ertappte sich aber immer noch dabei, beim Aufwachen zu glauben, den Geruch feuchten Grases einzuatmen, dabei gab es nur Staub, Hitze und Lärm, und der Herzog war nach Vigevano gereist.
Zu Beginn des Sommers hatte sich sein Gesundheitszustand verschlimmert, und die Ärzte rieten zu einem Aufenthalt in gesünderem Klima, und obwohl er der Kranke war, schickte er stets liebevolle, aufmerksame Briefe an seine Frau. Es war lange her, daß Christine beim Anblick des alternden Mannes vor Schreck die Zitronen fallen gelassen hatte. Sie war nicht mehr das Mädchen, das vor knapp vierzehn Monaten allein zum Brautbett geführt worden war.
Deutlich erinnerte sich Christine an das erste längere Gespräch mit dem Herzog. Er hatte im kühlen Halbdunkel der Sala delle Asse gesessen und freundlich gelächelt, während er ihr erklärte, daß ihr gesamter Hofstaat in die Niederlande zurückgeschickt werden sollte. Sie war jetzt italienische Herzogin und mußte einen italienischen Hofstaat haben.
Der Herzog wollte wissen, was sie selbst davon hielt. Aber sie wußte, daß eine Ehefrau ihrem Gemahl in allen Dingen gehorsam, treu und ergeben sein soll, und hatte natürlich nichts dagegen einzuwenden.
Der Herzog lächelte erneut, nahm seinen Stock und deutete an Wand und Decke, wo gemalte Baumstämme und grüne Wipfel sich hinaufzogen ins Deckengewölbe und in dem Wappen der Sforzas endeten.
Das habe Meister Leonardo geschaffen, erklärte er. Er erinnere sich aus seiner Kindheit daran, wie dieser Künstler mit seinen Lehrlingen auf Gerüsten herumgekrochen sei.
Meister Leonardo habe auch la Saletta Negra verziert und ein wunderbares Reiterstandbild des ersten Sforza aus Lehm gestaltet. Aber das sei jetzt nicht mehr da, zerstört von den Franzosen, und die Bronze, in die es gegossen werden sollte, habe man für Kanonen benötigt.
Christine hörte ihm zu und traute ihren Ohren kaum, als der Herzog ihr all die Maschinen beschrieb, die der Meister entworfen hatte. Eine davon sollte sogar fliegen können. Christine fand ihn ein bißchen verrückt, obwohl seine Gemälde so schön und lebendig wirkten, als könne sie direkt darin eintauchen.
Als Christine von ihrem Gefolge Abschied nahm, war sie erst kurze Zeit in Mailand und noch längst nicht vertraut mit der großen Zitadelle. Sie lief durch einen riesigen Saal, um daneben in den nächsten und dann in noch einen zu kommen. Man fand sich schwer zurecht, und draußen waren überall Kanonen aufgestellt. Es gab Innenhöfe, große und kleine, und vom obersten Stockwerk blickte sie über die größte Stadt, die sie jemals gesehen hatte. Einige hunderttausend Menschen lebten da unten, und sie betete innig zur Heiligen Jungfrau, doch bald schwanger zu werden, denn das wünschten sich alle in ihrem neuen Land.
Es war eine Ewigkeit her, daß Christine darum gefleht hatte, und ihre Gedanken kehrten zurück zu dem Brief.
Der Herzog hatte gesagt, sie müsse sich nicht die Mühe machen, selbst zu schreiben, könne einem ihrer Sekretäre diktieren. Christine erwiderte, daß sie ihm in diesem Punkt nicht zu gehorchen gedenke.
Die Damen sprachen unablässig darüber, was ihre Kusine in der Ehe mit dem lasterhaften Alexander zu erwarten habe, dem es kürzlich eingefallen war, in Frauenkleidern durch die Straßen von Florenz zu reiten und allen antiken Statuen den Kopf abzuschlagen. Christine überlegte einen Augenblick, ob sie ihnen den Mund verbieten sollte, hielt es aber für zwecklos. Fünf Minuten später würden sie von vorne anfangen, denn es widersprach ihrer Natur, zu schweigen.
Christine hatte noch nie Menschen erlebt, die so viel Schönes mit ihren Händen zu schaffen vermochten, aber auch nie jemanden getroffen, der so viel redete wie die Italiener.
Sie redeten vom Aufwachen bis zum Schlafengehen. Die Kammerzofen erzählten, wenn sie ihre Kleider in Ordnung brachten, die Hofdamen, wenn sie nähten. Sogar während der Messe hörte sie die wispernden Stimmen. Und sie redeten über alles.
Christine hatte schnell Italienisch gelernt, schneller als ihre Umgebung damit gerechnet hatte, und deshalb erfuhr sie nach und nach, daß ihre Ehe keine Ehe war, solange der Herzog nur ihre Hand küßte. Sie hatte zugehört, zuerst verständnislos, dann verwirrt, erschrocken, aber auch neugierig, und bis Neujahr kannte sie Worte auf italienisch, die sie nicht einmal in ihrer Muttersprache gehört hatte. Sie verstand, warum ihre Tante den Herzog einen rechtschaffenen Mann nannte und daß es eine flämische Dienstmagd war, mit der der Kaiser seinen »Unfall« hatte, welcher nun den gräßlichen Alexander heiraten sollte. Die Damen behaupteten freimütig, daß er der Sohn von Kardinal Guilio und einer maurischen Sklavin sei und deshalb so auffällig einem Neger gleiche.
Sie hatte das schadenfrohe Gelächter vernommen, als der König von England mit dieser Hure Anna Boleyn eine Tochter bekam und keinen Sohn. Sie wußte Bescheid, daß man Tage zählen mußte, um ein Kind zu kriegen, aber auch, um es zu vermeiden, und sich zur Sicherheit mit Alaun spülen sollte.
Ein Page teilte mit, daß der Kurier bereit sei. Christine beendete hastig ihren Gruß, unterschrieb mit »Eure euch stets gehorsame Frau«, faltete den Brief und verschloß ihn mit ihrem Lacksiegel. So wenig hatte sie zum Ausdruck gebracht, und er litt so sehr.
Nie hätte sich Christine vorstellen können, daß der Herzog für sie der vertrauteste Mensch in dem neuen Land werden würde, oder daß sie sich einmal danach sehnen würde, seine gebeugte Silhouette wiederzusehen und das Aufprallen der Krücke auf dem Marmorboden zu hören.
Christine konnte Anordnungen erteilen. Jedem Wunsch wurde entsprochen, doch was sie fühlte und dachte, durfte niemals gezeigt werden.
Äußerte sie eine Meinung über etwas anderes als die täglichen Geschäfte, wurde das zitiert, interpretiert und schließlich verdreht. Sie hatte gelernt, sich in ihren Äußerungen zu beherrschen, begriff aber nun, daß hier jedes Nicken, jedes Lächeln oder ein abwesender Blick zum falschen Zeitpunkt gedeutet wurde als Begeisterung oder Mißfallen oder gar feindliche Haltung gegenüber dem König von Frankreich oder dem Herzog von Mantua oder dem Papst in Rom. Christine war eine politische Person, und eine von einer Kammerzofe aufgeschnappte Bemerkung konnte leicht in den Rapport eines ausländischen Gesandten einfließen.
Nur ein Mensch durfte ihre Gedanken erfahren. Das war der Herzog selbst. Und im Laufe der Zeit verbrachte sie immer mehr Stunden in seiner Gesellschaft. Er berührte nie etwas anderes als ihre rechte Hand, die er an seine Lippen führte. Er erzählte von der Geschichte Mailands, über das tragische Ende seines Vaters als Landesflüchtling und von seiner hochbegabten Mutter, die starb, als er noch klein war. Er lenkte ihre ersten Schritte in die Welt der Kunst, berichtete von der Domkirche, die man vor hundertfünfzig Jahren gebaut hatte. Er versicherte ihr immer wieder, daß sie Freude in sein Leben bringe, und allmählich fühlte sie, daß er das ehrlich meinte.
Christine entdeckte, daß sie einen Willen hatte.
Die Regentin hatte für reichlich Säume in ihren Kleidern gesorgt, aber als der Winter kam, war Christine so sehr gewachsen, daß sie neue Garderobe brauchte. Pelzwerk, Spitzen und Goldstickerei wurden natürlich abgetrennt, um wieder benutzt zu werden, aber was die Weitergabe der schönen Stoffe betraf, so hielt sie sich nicht an die Regeln, sondern bedachte diejenigen ihrer Damen, die ihn am dringendsten benötigten, statt die vornehmsten zu berücksichtigen. Das führte zu Mißstimmungen, und manch böser Blick traf sie. Doch dann lenkten wieder andere Ereignisse die Aufmerksamkeit der Damen auf sich. Der Klatsch am Hof blühte. Catharina von Medici und ihre Ehe mit dem Sohn des Königs von Frankreich standen nun im Mittelpunkt des Interesses.
Christine seufzte. Vom Fenster aus sah sie eine Staubwolke über der Stadt liegen, Pferde und Karren wirbelten sie hoch.
Alles war so anders als bei ihrem Einzug vor einem Jahr. Nachdem die Banner und Ehrenpforten verschwunden waren, sah sie verfallene Hütten, und als die Leute ihre Festtagsgewänder ausgezogen hatten, blieben oft nur Lumpen übrig. Aber die Lebensmittelpreise fielen in diesem Winter und linderten die Not, und falls der Frieden anhielt, würde der Wohlstand wiederkommen.
Wenn Christine mit ihren Damen durch die Straßen ging, wenn sie den Marktplatz überquerte oder die Werkstätten der Glaser, Gobelinweber, Steinschleifer und Buchbinder besuchte, richteten sich die Blicke der Leute auf ihren Leib in der Hoffnung, daß sie ein Kind austrage, das das Geschlecht der Sforzas weiterführen und die Garantie eines Friedens einlösen konnte. Aber erst nach der Abreise des Herzogs nach Vigevano, als Christine in ihr vierzehntes Lebensjahr kam, zogen ihre Zofen ihr Laken ab und entführten es wie eine Siegestrophäe. Es war in der Hitze des Sommers, und sie nahmen schwatzend und kichernd Maß, damit der Schneider über der Brust Säume anbringen konnte. Sie versicherten ihr begeistert, daß sie, sobald der Herzog gesund zurückkehrte, bereits im nächsten Frühling, wenn die Mimosen blühten, einen kleinen Prinz gebären würde.
Doch der Herzog blieb in Vigevano, und Christine schaute über die staubigen Hausdächer. Der Page meldete, daß der päpstliche Gesandte warte, später mußte sie eine Deputation der Uhrmacherzunft empfangen, und danach war eine Unterweisung in italienischer Literatur vorgesehen. Aber was auch immer geschah, mit welchen Pflichten oder Vergnügungen sie befaßt war, die Damen wichen nicht von ihrer Seite. Christine war nie allein.
Vielleicht hatte sie sich deshalb so schnell an ihren viel älteren und kranken Gemahl gewöhnt. So wenig sie sich ein eheliches Zusammensein mit dem Herzog vorzustellen vermochte, hatte er ihr doch das Gefühl menschlicher Gemeinsamkeit gegeben, und der dumpfe Laut der Krücke auf dem Boden klang wie das Zusammentreffen mit einem lieben Verwandten aus fernen Landen. Manchmal hatte er Neuigkeiten, wie die Entwicklung des Bürgerkrieges in Dänemark, ein anderes Mal brachte er ihr eine seltene Blume oder Frucht mit, damit sie deren Schönheit bewundern oder den Geschmack genießen sollte.
An einem Herbsttag, als sie von der Messe zurückkamen, wandte er sich an sie und nahm dabei wie gewöhnlich ihre Hand zwischen seine:
»Was bedeutet das Wort ›far‹«?
Es war ein kühler Morgen, Christine war mit ihren Gedanken weit weg, die frische Luft hatte Erinnerungen an Mechelen geweckt, und sie schaute ihn verständnislos an.
»›Far‹, wiederholte er und hielt sie mit seinem Blick fest, und langsam dämmerte es ihr. Das war das Wort, das sie bei ihrer ersten Begegnung in Cussago gerufen hatte, das einzige Wort, das sie noch auf Dänisch wußte.
»Padre«, flüsterte sie. Sie begriff, daß er lange darüber nachgedacht haben mußte, und fürchtete, er würde zornig werden wegen ihres Widerwillens in jenem Augenblick. Doch der Herzog blieb nur stehen, schaute sie an und sagte schließlich:
»Traurig, daß auch Kinder schon Sorgen haben müssen.«
Der Sommer hielt an, die Hitze hielt an. Die größte Neuigkeit des Jahres war die Niederlage der Türken in Tunis und wurde mit einem Te Deum in der Kathedrale gefeiert.
Für Christine war das größte Ereignis, daß Dorothea nun mit Pfalzgraf Friedrich verheiratet war. Sie kannte ihn nicht, hatte ihn vielleicht als Gast am Hof ihrer Tante gesehen, und der Herzog hatte erfreut der Ehe seiner Schwägerin mit dem fünfzigjährigen deutschen Fürsten Beifall gezollt. Aber trotz der begeisterten Briefe, die von Dorothea kamen und berichteten, wie vollkommen glücklich sie in ihrem neuen Leben sei, fühlte sich Christine um einige ihrer Träume betrogen. Wenn sie in ihrer Phantasie nach Brabant und Flandern zurückkehrte, wenn sie an den Palast von Brüssel oder das Palais von Mechelen dachte, hörte sie die Stimme ihrer Tante, Schritte, Laute im Haus, aber Dorotheas Kichern fehlte. Sie wirbelte nicht mehr um den Bettpfosten, biß sich nicht mehr mit ihren spitzen Zähnen in die Lippe, um einen Lachanfall zu unterdrücken. Nicht einmal in der Welt der Phantasie fand Christine den einzigen Menschen, dem sie sich stets voll und ganz anvertrauen konnte.
Als der Herzog endlich zurückkehrte, hatte sich sein Zustand verschlimmert. Die Lähmungen hatten sich ausgebreitet, und am Hof herrschte eine bedrückte Stille. Der Herbst brachte keine Besserung. Er lag in seinem Bett, eingefallen und bleich, er wurde vom Fieber ergriffen, Christine wachte bei ihm, und ab und zu nahm er ihre Hand und flüsterte: »Mein schönes Kind«, dieselben Worte, die ihre alte Tante bei ihrem Abschied geflüstert hatte.
Am Allerseelentag 1535 frühmorgens starb Francesco Sforza, Christines Gemahl und letzter Herzog Mailands.
Es würde einige Zeit dauern, bis die vielen Gäste zum Begräbnis eintrafen, und man mußte es deshalb verschieben.
Drei Wochen lang, von frühmorgens bis spätabends, saß Christine mit ihren Hofdamen in der Trauerhalle. Kein Tageslicht drang herein, die Wände waren schwarz verkleidet. Sie hörte nichts außer den Tönen und Stimmen des Requiems in der Kapelle, nichts bewegte sich außer den Flammen der Fackeln. Erst in diesen Novembertagen merkte sie, wie einsam sie geworden war. Sie dachte an den Herzog, an seine Laute, den Schlag der Krücke und die Stimme unter dem grünen Blätterdach der Sala delle Asse. Der schwächliche Körper, das schmerzverzerrte Gesicht waren verschwunden.
Die Damen schwiegen jetzt, und in der Stille wuchs Christines Sehnsucht, nach Hause zurückzukehren, lebende Gesichter wiederzusehen.
Am 19. November fand das Begräbnis statt, und drei Tage später empfing Christine als vierzehnjährige, schwarz gekleidete Witwe die Gesandten des Landes, die Senatoren der Stadt und die Delegationen der lombardischen Städte, die ihr Beileid aussprachen.
Am selben Tag wurden die herzogliche Flagge über dem Kastell eingeholt und das kaiserliche Banner gehißt. Christine hatte dem Land keinen Erben geboren. Der gekrönte Doppeladler wehte im Herbstwind. Mailand wurde ein Teil des habsburgischen Reiches.
Es wurde Winter.
Christine war in Mailand. Sie bekam keinen Bescheid, wohin ihr Weg führen sollte. Der Kaiser schwieg, und sie saß da, schwarz gekleidet und ohne Funktion, ein Symbol der Trauer, aber auch ein Sproß der Hoffnung für die Bevölkerung.
Als der Reif die Hausdächer weiß überzog, tauchten Pläne auf, Christine rasch wieder zu verheiraten. Sie hörte eine Reihe von Namen möglicher Ehekandidaten, viele davon noch Knaben und ihr ebenso unbekannt wie einst der Herzog.
Als endlich der Frühling kam, als der Po wieder über seine Ufer trat und sich an den Weinstöcken die ersten Schößlinge zeigten, marschierten die Franzosen südwärts, um das Herzogtum zu erobern.
Der Frieden war verloren, Mailands Hoffnung begraben, und Christine blieb nichts anderes übrig, als den Kaiser in ihren Briefen um seine Befehle zu bitten. Doch häufig waren die Briefe lange unterwegs oder kamen nie an, weil der Kurier ausgeplündert oder von Wegelagerern ermordet wurde. Sie empfing Verwandte, die vor den Schrecken des Krieges flohen, der Kaiser rückte vor in die Provence, während das Land hinter ihm verwüstet wurde, und in der Stadt Mailand herrschten nur die Angst und der Lärm spanischer Offiziere und deutscher Landsknechte, die sich auf eine Belagerung vorbereiteten.
Mitten in die Stille wurde Christine von der Vergangenheit eingeholt. Sie hatte von dem Krieg um Dänemark gehört, von Bürgern und Bauern, die aufstanden und forderten, daß man ihren gefangenen Vater wieder auf den Thron setzte. Dorothea war jetzt verheiratet, sie hatte einen Mann, der den Erbanspruch seiner Frau einforderte. Der Pfalzgraf griff aktiv in den Krieg in Dänemark ein.
Christine wurde schwindlig vor den Augen. Sie sah sich in Kopenhagen ankommen, um ihre Schwester Dorothea, die Königin von Dänemark, zu besuchen. Ein Traum kehrte zurück, der Traum von dem Land weit oben im Norden. Vor dreizehn Jahren hatte sie es verlassen, sie besaß keine Erinnerung, nur den Geruch nach geteertem Holz auf einem großen Schiff empfand sie ab und zu. Der verräterische Onkel ihres Vaters war tot, sein Sohn nannte sich Christian III., König von Dänemark, aber Kopenhagen hatte vor ihm die Tore geschlossen, und die Lübecker unterstützten ihn. Der Kaiser versprach Hilfe, ihre Tante rüstete eine Flotte aus, und all das sollte Dorothea und ihren Mann auf den Thron des Nordens setzen. Doch auch Schilderungen von den Leiden der Menschen in der belagerten Stadt erreichten Christine. Sie fühlte Mitleid mit dem Volk ihres Vaters, und Christines Meinung über den Vater änderte sich. Unbewußt übernahm sie seine Auffassung von den Bürgern und Bauern als den treuen und loyalen Stützen des Fürsten und dem Adel als dem betrügerischen, machtgierigen Erbfeind.
Als sie im Spätsommer die Nachricht von der Kapitulation Kopenhagens erhielt, war sie zugleich enttäuscht und erleichtert. Sie mußten nicht alle sterben, die guten Menschen dort oben.
Christines Zeit in Mailand neigte sich dem Ende zu, und sie war keine Italienerin mehr. Sie sollte zurück auf den habsburgischen Hof in den Niederlanden, fand aber auf einmal kein klares Verhältnis mehr zum Hause Habsburg. Es kam ihr vor wie ein mit falschem Maß genähtes Kleid. In den wenigen Monaten ihres letzten Sommers auf der Zitadelle wurde ihr klar, daß ihre früheste Kindheit aus mehr bestand als geteerten Schiffsplanken. Sie spürte ihre Wurzeln, ihren Ursprung, etwas, worauf sie stehen konnte. Christine wurde fünfzehn Jahre.
Im November endete der Krieg zwischen dem Kaiser und Frankreich. Die beiden Monarchen unterschrieben einen weiteren Waffenstillstand, und Christine erhielt Bescheid, die Stadt zu verlassen und für den Winter nach Pavia zu gehen. Als letzte Handlung in ihrer Eigenschaft als Mailands Herzogin hielt sie eine Gedenkfeier ab für ihren verstorbenen Mann. Dann kam die Abreise, das Verabschieden von Menschen, die ihr vertraut geworden waren, und von diesem Volk, das so viel Schönheit hervorzubringen vermochte. Da standen sie und warteten furchtsam auf die Zukunft unter einer fremden Herrschaft.
Mit einer kleinen Schar von italienischen Sekretären und Hofdamen zog sie nach Pavia, um auf neue kaiserliche Befehle zu warten.
Aber noch ein norditalienischer Winter verging, noch ein Frühling und noch ein heißer Sommer, ehe die Anordnung zur Fortsetzung der Reise erfolgte.
Es regnete in Strömen, als Christine am 15. Oktober Pavia verließ, und der Tag brachte einen letzten Abschied. Graf Stampa mußte zurückkehren nach Mailand, er befand sich unter spanischem Kommando, und für Christine war es ein seltsames Gefühl, endgültig von dem Mann Abschied zu nehmen, der vor dem Altar in Lille an ihrer Seite gestanden hatte. Er war der engste Vertraute ihres Mannes und der, der sie in ihren zwei Jahren als Witwe informiert hatte. Sie wußte, welche Hoffnungen er mit ihrem Kommen verknüpft hatte. Sie hatten sich nicht erfüllt. Seine Landsleute hatten ihre Selbständigkeit verloren, und ehe er sich ein letztes Mal verbeugte, meinte sie Wehmut in seinem Blick zu erkennen, das erste und einzige Anzeichen von Gefühl hinter der steifen Fassade.
Mit einer unzureichenden Eskorte erreichte sie den Brenner, wo es zu schneien begann. Der junge Kapitän, der die Verantwortung für ihre Sicherheit trug, war nervös, es fehlte an Sold für die Soldaten, und man mußte mit Räuberbanden rechnen. Pferde und Maultiere wurden angetrieben, und erleichtert hörte sie endlich die Kanonen, die für die Herzogin Salut schossen. Sie hatten österreichisches Gebiet erreicht, wo man Geld für die Weiterreise beschaffen konnte.
Kurz vorher hatten sie zwei Kaufleute aus Genua getroffen. Sie waren von Norden, aus Deutschland gekommen und hatten auf ihrem Weg den Pfalzgrafen und seine Frau, die Prinzessin, mit großem Gefolge unterwegs in Richtung Heidelberg gesehen. Als erste Handlung in Innsbruck schrieb Christine an den Kaiser und ersuchte um Erlaubnis, den Reiseweg so zu legen, daß ein Besuch Dorotheas möglich wurde.
Die Schwestern fielen sich um den Hals. Kichernd erzählte Dorothea von ihrem neuen Leben, von Reisen, von Bergbesteigungen und von weiten Röcken, der neuen Mode. Und Pfalzgraf Friedrich fand gar kein Ende für die Gunstbezeigungen, die er seiner Schwägerin erwies, und die Begeisterung für seine junge Frau, die er vom Kaiser als Lohn für treue Dienste bekommen hatte.
Christine sah, daß ihr Schwager einmal ein schöner Mann gewesen war, doch seine Haut war schlaff, und der goldene Brokat betonte den Umfang seines Bauches. Er verwöhnte seine junge Frau maßlos, steckte die Hand in ihren Ausschnitt und pries mit lautem Getöse die köstlichen Freuden des Ehebettes. Immer wieder erzählte er von der Neujahrsnacht, als sein Bote aus Spanien mit der Nachricht zurückgekommen war und aus vollem Halse gerufen hatte: »Ich bringe meinem Herrn eine königliche Braut von Kaisers Gnaden und mit großzügiger Mitgift.«
So vergingen die Tage in diesem November in Heidelberg, und Christine begriff allmählich, so zufrieden Friedrich auch mit seiner Dorothea war, so bestand die Gnade des Kaisers nur aus leeren Versprechungen, und die Mitgift, den dänischen Thron, durfte er sich selbst holen.
Es sollte gefeiert werden. Christine würde über Weihnachten bleiben, nichts war gut genug, schön genug, teuer genug – Geld war etwas, das man sich leihen konnte. Die Reiche des Nordens gab es nach wie vor, dieser Herzog Christian, der sich König nannte, saß nur locker im Sattel. Es war nur eine Frage der Zeit, dann würden Friedrich und Dorothea König und Königin von Dänemark sein, und ein weiteres üppiges Bankett würde zu Ehren von Christine abgehalten werden.
Aber sie mußte weiter. Sie wurde zum Aufbruch gemahnt, ihre Tante erwartete sie in Brüssel.
Am letzten Tag war Christine endlich allein mit ihrer Schwester. Dorothea erzählte, wie unglaublich glücklich sie in ihrer Ehe sei, und sie lachte und lachte, biß sich aber nicht mehr mit den spitzen Zähnen auf die Lippe, um sich zu beherrschen. Die tiefe Vertrautheit, die einmal zwischen den Schwestern geherrscht hatte, war verschwunden. Es gab Dinge, die nicht ausgesprochen wurden.
Als der Abschied kam, vergoß Dorothea keine Tränen wie seinerzeit in Brüssel. Sie stand nur still neben ihrem ältlichen Ehemann, dessen Bauch wie eine blanke, gelbe Sonne vorstand, und ihr Gesicht war merkwürdig blaß unter ihrem hellen, gekräuselten Haar. Fackeln erleuchteten an diesem frühen Morgen den Schnee um das kurfürstliche Schloß und ließen Dorothea trotz ihrer weiten Röcke noch zerbrechlicher erscheinen.
Von Heidelberg ging die Reise zuerst den Rhein abwärts bis Köln. Von dort nahm man den Landweg über Aachen, Kleve und Maastricht.
Am 18. Dezember 1537 stand die Regentin, umgeben von ihrem Hofstaat und sämtlichen ausländischen Gesandten, in winterlicher Kälte bereit, die Herzogin von Mailand zu empfangen, die mit ihrem Gefolge in den Palast zu Brüssel einzog.
Christine war zurückgekehrt.
Niederlande
8. Kapitel
John Hutton war englischer Abgesandter am niederländischen Hof, und er zählte nicht zu den mutigen Männern. Eine langjährige Erfahrung darin, was es mit sich bringen kann, wenn man seine eigene Meinung öffentlich kundtat, hatte ihn gelehrt, zu schweigen. Er begnügte sich damit, seine Feder zu spitzen, seine sorgfältigen Berichte niederzuschreiben und sie nach London zu senden. Früher mal hatte er von einem Adelspatent und dem Posten in Paris geträumt, doch der Titel wurde Anna Boleyns Vater verliehen.
Hutton verabscheute Anna, ihre dunklen Augen und die Männer, mit denen sie sich umgab. Aber weil er es versäumt hatte, für oder gegen die neue Königin Partei zu ergreifen, bekam er nicht den glänzenden Hof des Königs von Frankreich zu sehen und mußte sich statt dessen auf den verrückten Jagden der Regentin durch Regen und Morast quälen. Das war sogar eine Ehre, ebenso wie es eine Ehre war, daß er ihr die frisch gebackenen Weißbrotstückchen reichen durfte, wenn sie ihre Kakadus fütterte.
»Kommt, meine kleinen Freunde«, flüsterte sie ihren Vögeln zu, legte das Brot in die Voliere und machte jene Bemerkungen, die sie ihm zugedacht hatte, weil sie wußte, daß er alles nach London weitergab. Er kam sich vor wie ein Trottel, wenn Euer Gnaden ihm ein Lächeln schenkte, einen freundlichen Blick und dabei ihren Lieblingen zuflötete. Stets wußte die Regentin die letzten Neuigkeiten vom englischen Hof, was nicht nur an Chapuy lag, dem kaiserlichen Gesandten in London, der es vorzüglich verstand, Neuigkeiten aufzuschnappen und sie durch seine Kuriere unverzüglich weiterzubefördern. Euer Gnaden hatte auch ein gut organisiertes Netz von Horchern auf Marktplätzen und überall in den Herbergen, wo den Reisenden in großen Bechern das Bier ausgeschenkt wurde.
Am französischen Hof lagen Klatsch und Tratsch wie süßer Rauch in der Luft, doch hier achtete die Regentin strengstens darauf, daß Neuigkeiten nur ihr allein zu Ohren kamen, und dort blieben sie, es sei denn, es gefiel ihr, vereinzelte Bemerkungen zu machen.
Das geschah zum erstenmal, als Anna Boleyn schwanger war. Hutton hatte davon keine Ahnung. Er wollte eben noch ein Brotstückchen vom Tablett nehmen, das eine der Hofdamen hielt, als die Regentin mit ihrer sanften Stimme sagte: »Mir ist berichtet worden, daß Lady Anna eine unbezähmbare Lust nach Äpfeln ergriffen hat.«
Zuerst begriff er nicht, und sie blickte ihn noch mal mit den großen, braunen Augen an, nestelte mit den dünnen Fingern an den langen Bändern des Kopfputzes.
»Das Brot, Eure Exzellenz«, mahnte sie, denn Hutton war mitten in einem Schritt stehengeblieben. Das, was er schon immer gefürchtet hatte, war eingetreten. Anna Boleyn bekam Macht.
Außerdem mußte er zum Girren der Kakadus und beobachtet von Frauenaugen die Demütigung hinnehmen, diese geheimen Umstände aus dem Mund von Euer Gnaden zu erfahren, mehrere Tage, bevor er selbst informiert wurde.
»Der König von England«, sagte sie ein paar Tage später, »hat Lady Anna zur Königin krönen lassen, und das, obwohl der König bereits eine gekrönte Königin hat. Sonderbar«, hauchte sie und schloß den Käfig.
Das war keine Neuigkeit für Hutton, und er wartete auf die Fortsetzung.
Und während die Damen mit Wasserschale und Servietten kamen, damit sie ihre Finger waschen konnte, sagte Euer Gnaden vergnügt: »Die Bürger von London weigerten sich, ihre Hüte abzunehmen, als die Prozession vorbeizog. Man erzählt sogar, daß sich einige erdreisteten zu rufen: »Lang lebe Königin Katharina ...«
Als sie ihre Hände abgetrocknet hatte, fügte sie hinzu: »Ich hege den größten Respekt für das englische Volk ... und für Englands König.«
Damit war die Audienz für diesen Tag beendet. Aber es war nicht das letzte Mal, und allmählich steigerte sich Huttons Wut über die Demütigungen so sehr, daß er am liebsten seine Finger unter die weißen Federn gesteckt und jedem der widerlichen Vögel den Hals umgedreht hätte.
Der Sommer verstrich, und Annas Macht wuchs mit derselben Geschwindigkeit wie ihr Bauch. Die Regentin wußte das, und John Hutton wußte es auch. Er bekam Rückenschmerzen von dem stundenlangen Sitzen im Sattel bei den Jagdausflügen, während seine Gedanken um den König kreisten, den er liebte und bewunderte. Warum mußte der König sein Herz an ein Gör verlieren, das nicht mehr zu bieten hatte als Hunderte anderer Weibspersonen am englischen Hof? Der König hatte seinen Willen bekommen. Er bekam seine Anna. Doch nun, nach geschlagener Schlacht, nun erst hatte Anna zu beweisen, daß sie den Kampf wert war.
»Man erzählt, daß sie Elisabeth getauft werden soll«, bemerkte die Regentin leise eines Tages im September, und dann sagte sie über dieses Thema kein Wort mehr, wies nur ihre Damen an, neues Brot zu holen, weil das andere zu hart sei.
Hutton war entsetzt. Alle Ärzte hatten einen Sohn versprochen, alle Astrologen ihn vorausgesagt. England war in seinen Grundfesten erschüttert, der König hatte sich mit dem Kaiser und dem päpstlichen Stuhl angelegt, war mit dem Bann belegt worden und würde für immer und ewig im Höllenfeuer schmoren. Und das alles, weil er Königin Katharina verstoßen und Anna geheiratet hatte. Sie hatte geschworen, ihm einen Prinzen zu gebären, denn einen solchen trage sie in ihrem Schoß. Und dann war es – Hutton schauderte – ein Mädchen geworden!
Hutton war auf einmal glücklich, das Gegirre der Kakadus zu hören. Er pries sich glücklich, an egal welchem anderen Ort dieser Erde zu weilen, nur nicht in der Nähe Heinrich VIII., als dieser die Nachricht erhalten hatte: »Eine Tochter.«
Er dankte dem Himmel, nicht diese Frau unterstützt zu haben, die gerade eine Elisabeth zur Welt gebracht hatte, den wertlosesten, überflüssigsten und unerwünschtesten Hurenbalg in ganz England.
Als die gute, fromme Königin Katharina – oder die verwitwete Prinzessin von Wales, wie sie jetzt genannt wurde –, endlich befreit von den vielen Demütigungen auf dieser Erde, ihren letzten Atemzug tat, wußte es Hutton zu seiner Freude als erster. Doch das focht die Regentin nicht an, sie konnte im Gegenzug berichten, daß der König von England und »diese Lady Anna« das Ereignis gefeiert hätten, indem sie in schreiendem Gelb auf den Karneval zogen, und Hutton vermochte nur mit größter Beherrschung sein Entsetzen über den peinlichen Auftritt seines Herrn zurückhalten. Als wollte sie ihn trösten, sagte die Regentin: »Ich habe gehört, daß der König Interesse an Lady Jane Seymour zeigt und daß Lady Annas Benehmen manchmal etwas ...« Sie zögerte und lächelte ein wenig. »... unbeherrscht ist.«
Sie liebkoste einen der Vögel, der herauskommen und auf ihrer Hand sitzen durfte. Sie pusselte an dem Tier herum, kratzte es unter einem Flügel und fragte, als redete sie mit dem Kakadu: »Stimmt es, daß Mistress Seymor Anhängerin des Kaisers und eine gute Katholikin ist?«
In der Zeit, in der Anna Boleyn als Gefangene in den Tower gebracht wurde bis zu dem Tag, an dem der Scharfrichter von Calais ihren dünnen Hals durchschnitt, sah Hutton mehr weiße Kakadus als in seinem ganzen restlichen Leben. Doch plötzlich hörten die besonderen Audienzen auf. Die neue Ehe des Königs fand die Regentin offenbar nicht kommentierungswürdig. Von Königin Jane sprach man mit größter Hochachtung.
Hutton kannte die neue Königin. Sie hielt sich schon lange am Hof auf. Jane war, wie er fand, still, sanft und schrecklich langweilig. Sie würde sich dem König in allem fügen, würde ein gutes und gehorsames Eheweib sein, und über kurz oder lang würde sich der König zu Tode langweilen. Hutton verstand die Wahl seines Herrn nicht.
Der Hof wartete, und Hutton wartete. Als Königin Jane schwanger wurde, beglückwünschte ihn die Regentin im Beisein des gesamten Hofes auf das herzlichste, und dann wartete man weiter.
Als die Nachricht eintraf, weinte die Regentin vor Freude. Endlich war das Wunderbare geschehen, der König von England hatte einen lebenden Sohn. Doch Königin Jane durfte diesen Triumph ihres Lebens nur wenige Tage genießen, sie starb im Kindbett.
Die Regentin traf dieses traurige Ereignis mindestens so tief wie König Heinrich VIII. Sie bestellte ein Requiem für die tote Königin und gab ihrer Freude darüber Ausdruck, daß der König den letzten Willen seiner Frau zu erfüllen gedachte.
Hutton biß sich auf die Lippe und verstand. Jane hatte sich den Bau eines Benediktinerklosters gewünscht, und es war zweifellos ungewöhnlich für einen Mann, der alle Mönche und Nonnen seines Landes vor die Tür gesetzt hatte. Hutton erinnerte sich nur zu genau an eines der Kakadugespräche mit der Regentin, in dem sie ihre Verwunderung über diesen neuen Glauben äußerte, der ja nur darin bestand, »daß man seine Frauen auswechseln konnte, wie es einem paßte, Kirchen und Klöster plünderte und freitags Fleisch aß«.
Sie, die Regentin, deren reformierte Neigungen allgemein bekannt waren, besaß die Frechheit, ihm das zu sagen, einem zutiefst katholischen Menschen.
Aber Huttons Gedanken kehrten zu den augenblicklichen Ereignissen zurück.
Dem König von England war sein größter Wunsch erfüllt worden, doch hatte er jetzt kein Eheweib mehr in seinem Bett, ein Zustand, der nicht von langer Dauer sein konnte.
Die Zeit verging, und Hutton langweilte sich, denn am niederländischen Hof geschah nichts. In Frankreich hatte König François eine Mätresse, wie das neue Wort hieß, und das schuf eine Partei für sie und gegen die Königin und eine Partei für die Königin und gegen sie. Alles in allem eine wunderbare Welt von Intrigen, Gerede, Bestechungen und Klatsch.
Aber Hutton befand sich in Brüssel, und niemand lag im Bett der Regentin außer ihr selbst. Kein vertrauliches Flüstern unter der Bettdecke, wenn die Lüste des Fleisches gestillt und der Mitteilungsdrang diese kleinen Neuigkeiten preisgab, die unweigerlich weiterliefen und zu den Lakaien und Kammerzofen gelangten. Euer Gnaden behielt sowohl ihr Wissen wie ihren Körper für sich. Es war zermürbend für Hutton, wenn er seine Berichte nach London niederschrieb, und er wurde manchmal von einem Gefühl der Klaustrophobie gepackt, als sei er in ein Nonnenkloster gesperrt.
Eines Tages Anfang Dezember 1537 erhielt Hutton einen Brief. Er stammte von dem Lordsiegelbewahrer Cromwell, der eine Liste möglicher Interessentinnen am niederländischen Hof wünschte, welche den Platz an der Seite Heinrich VIII. einnehmen könnten.
Hutton antwortete umgehend, daß sich dort, wo er sich befinde, niemand zur Königin von England eigne.
Hutton kannte die Namen der fähigen Männer, die mit dem Leben büßen mußten, weil sie Königin Katharina favorisiert hatten, und Namen von weniger fähigen Männern, die zusammen mit Anna Boleyn starben, weil sie sich durch diese Frau Macht erhofft hatten. Hutton wollte alles für seinen König tun, er verbarg sogar seinen katholischen Glauben, aber niemals würde er seinen Namen mit der Frau, die sein Herr sich erkor, verbinden. Um ganz sicherzugehen, betonte er in seinem Brief an Cromwell, daß er im übrigen nur wenig Ahnung von Frauen habe.
Hutton war äußerst zufrieden mit seiner Antwort, als er am 18. Dezember 1537 gemeinsam mit den anderen Gesandten sowie den Damen und Herren des Hofes Aufstellung genommen hatte, um die Nichte der Regentin, die von ihrem Aufenthalt in Mailand zurückkehrte, zu empfangen. Ihm war zu Ohren gekommen, daß sie schön sein sollte, aber das sagte man von so vielen. Hutton hütete sich, derartigen Lobreden Beachtung zu schenken. Nach seiner Erfahrung als Diplomat trafen die abschätzigen Urteile in der Regel eher zu. Er stand deshalb nur aus Pflichterfüllung in der Kälte und fror, weil Christine von Dänemark erwartet wurde.
Sie war ihm völlig gleichgültig. Abgesehen davon, daß Euer Gnaden diese Verwandte sehr zu schätzen schien, kam ihr keinerlei Bedeutung zu. Ihre Mutter war tot, der Vater im Gefängnis, der Aufruhr in Dänemark zu seinen Gunsten niedergeschlagen, und der Erbanspruch lag bei der älteren Schwester. Hutton schauderte in seinem Wams und unterdrückte ein Gähnen.
Aber als er die Herzogin sah, erwachte er aus seinem apathischen Zustand, er starrte sie an, schaute noch einmal hin und verfiel ins Grübeln.
Am selben Abend schickte er einen kurzen Bescheid an Cromwell. Danach versuchte er sich das Bild der jungen Fürstin ins Gedächtnis zu rufen. Sie war ziemlich groß, und er erinnerte sich an das Wort seines Königs, daß er ein großer Mann sei, der nach einer großen Gemahlin suche. Ihr Gesicht war schmal und schön, die Augen braun, und der sinnliche Mund zeugte von ihrer habsburgischen Abstammung. Er ahnte drei entzückende Lachgrübchen, je eines in den Wangen und eines im Kinn.
Hutton seufzte und wies den Diener an, Wein zu bringen und im Kamin nachzulegen.
Es war wichtig, ehrlich zu sein. Sie hatte einen Fehler. Ihm schien die Haut der Herzogin zu bräunlich, nicht so weiß und bleich wie bei der seligen Königin Jane. Er überzeugte sich, schrieb es sorgfältig nieder, vermochte aber sonst nichts zu kritisieren. Schließlich fügte er einige Worte darüber an, was man am Hofe erzählte; daß die Herzogin sowohl Witwe wie Jungfrau sei.
Hutton beschloß, sich nicht von einem augenblicklichen Eindruck verleiten zu lassen. Er mußte genauer Bescheid wissen, ehe weitere Briefe an Cromwell gingen. Denn wie sah es mit dem Geschmack und den Manieren der Herzogin aus? Das mußte geprüft werden, und vielleicht hatte sie eine heisere Stimme, schlechten Atem oder – im schlimmsten Fall – schwarze Zähne.
In der nächsten Zeit sorgte Hutton dafür, sich immer wieder in der Nähe der jungen Herzogin aufzuhalten.
Doch die Wolken lichteten sich. Der König von Frankreich wollte der Forderung seines englischen Verwandten nicht nachkommen, alle heiratsfähigen Prinzessinnen nach Calais zu schikken, damit sie in Augenschein genommen werden könnten. »Das ist doch kein Stutenmarkt«, soll der galante französische König gesagt haben. Heinrich VIII. mußte auf die Erfüllung seiner Forderung verzichten, seine Braut zu sehen, bevor er sie heiratete. Auch die Pläne für die Herzogin wurden offenbar ad acta gelegt.
Als Hutton die Herzogin zum dritten Mal sah, war er sicher. Sie kam von der Messe in ihrem Trauergewand, ein langes, einfaches schwarzes Samtkleid und ein schwarzer Seidenumhang mit weiten Ärmeln und braunem Wieselfutter. Sie trug nicht das gestärkte, weiße Witwentuch um den Kopf, sondern eine kleine, schwarze Haube in italienischem Stil. Hutton studierte ihre graziösen Bewegungen, den leichten Schritt, den klaren Blick, und als sie lächelte, sah er nicht nur die Lachgrübchen, sondern auch schöne, gesunde Zähne.
Hutton strich sämtliche Punkte möglicher Mängel auf seiner Liste. Christine von Dänemark war die Frau, die Heinrich VIII. haben sollte. Sie war so vornehm wie Königin Katharina, weitaus schöner als Anna Boleyn, lebhafter als Jane Seymour. Sie hatte die Körpergröße, die zum König paßte, würde sich gut ausnehmen in königlichen Umzügen, und zudem besaß sie die Gesundheit und Stärke, einen kleinen Prinz Arthur zu gebären, vielleicht auch einen kleinen Prinz Henry und einen kleinen Prinz William.
Der König hatte zwar einen Sohn, aber was bedeutete das schon? Man munkelte, der Knabe sei schwächlich, seine Mutter hatte auch nie gesund ausgesehen.
Hutton phantasierte sich in eine goldene Zukunft hinein. Denn der König wußte zu belohnen, und die Probleme des Königs hingen in Wirklichkeit damit zusammen, daß er nie die richtige Frau gehabt hatte.
Christine war vornehm, sie war ruhig, sie war schön, sie war stark, sie hatte drei Lachgrübchen, und Hutton sah in der Ferne den Titel eines Jarl winken. Wenn er so darüber nachdachte, in dieser Januarnacht in seinem Haus in Brüssel, war die Herzogkrone vielleicht doch nicht ganz unerreichbar, wenn erst der kleine, gesunde, rotwangige Prinz Arthur zur Welt gebracht war, zur Ablösung des schwächlichen Prinz Edward.
Christine von Dänemark hatte Huttons Phantasie ungeahnt beflügelt.
Eines Tages erschien ein Page des italienischen Sekretärs der Herzogin. Er ersuchte darum, einige Briefe dem Kurier nach London mitgeben zu dürfen. Hutton willigte überrascht, aber unverzüglich ein, und am nächsten Tag nach der Messe wandte er sich an die Herzogin. Sie dankte ihm herzlich und erklärte, daß sie ihn niemals um diese Gefälligkeit bitten würde, wenn sie sich nicht ein andermal erkenntlich zeigen dürfe.
Hutton wurde schwindlig vor Freude. Er verstand sie, genoß den Laut ihrer leicht lispelnden Stimme, das entzückende Lächeln und den warmen Blick.
Hutton fühlte sich völlig benommen von dem Zusammensein mit dieser jungen Frau, die seinem Herrn so viele Freuden im Ehebett und in der Kinderkammer bescheren würde und ihm selbst eine glänzende Zukunft, und er beschloß, zu handeln.
Hutton bestellte das beste Kobbel Jagdhunde, das man für Geld in ganz England kaufen konnte. Es galt in erster Linie, sich bei der Regentin einzuschmeicheln. Als nächstes schickte er einen Korb mit Wein und Pfirsichen an die dicke Johanne, von der es hieß, daß sie der Herzogin nahestünde. Er legte einen kleinen Lederbeutel mit zwölf schönen Perlen zu den teuren Früchten hinein, um ihr Wohlwollen sicher zu gewinnen. Aber es erwies sich als Fehlschlag. Johanne verspeiste die Früchte, trank den Wein und schickte die Perlen mit der Bemerkung zurück, daß es einer einfachen Frau nicht zustünde, solchen Schmuck zu tragen.
Besser ging es mit Madame de Berghe, dem schwatzhaftesten Frauenzimmer am Hof. Vielleicht lag es daran, daß die Marquise nicht adliger Herkunft war und deshalb die Dinge etwas von außen betrachtete. Doch sie konnte nützlich werden, und Hutton wollte ihre Freundschaft erringen.
Madame de Bergh nahm Perlen, Früchte, Wein und die Döschen aus Elfenbein mit eingelegtem Schildpatt an. All das schickte Hutton mit lässiger Selbstverständlichkeit, so als habe er zu viel Geld. Sie lächelte ihm während der Konzerte im Schein der Kerzen und Fackeln zu.
Während Lauten und Geigen eine Sarabande von Clément und eine Courante von Gombert spielten, saßen Euer Gnaden mit einer roten Nelke in der rechten Hand und halb geschlossenen Augen genießerisch da.
Und neben Euer Gnaden saß die junge Herzogin, sanft und schön in ihrem prachtvollen, mit glitzernden Diamanten besetzten Brokatkleid.
Tagsüber trat sie als Witwe auf, doch am Abend ... Hutton stöhnte bei diesem Anblick und wünschte innig, sein Herr könnte die Erwählte in diesem Augenblick sehen.
Heinrich VIII. würde niemals wissen, ob sie sich mit ihren Gedanken hier oder weit weg befand. Es würde ihm nie gelingen, dieser Christine von Dänemark überdrüssig zu werden, denn er würde sie nie ganz kennenlernen.
Christine von Dänemark besaß die wichtigste aller weiblichen Eigenschaften. Sie war unergründlich.
Eines Abends im Januar teilte ihm Madame de Berghe mit, daß sie die Zusage für ein Bild von der Herzogin von Mailand habe. Sie flüsterte es Hutton nach einem Kartenspiel zu. Hutton verbeugte sich, küßte der Marquise die Hand, richtete sich auf, verneigte sich noch einmal und schickte am nächsten Morgen seinen Diener mit einer schweren Goldkette und einem Brief los.
Eine Stunde später kam der Diener mit der Goldkette und einem Brief zurück. Madame de Berghe drückte ihr Bedauern aus. Sie könne unmöglich ein so kostbares Geschenk annehmen, es stünde ihr nicht zu. Sollten Euer Exzellenz überhaupt erwägen, ihr eine Freude zu machen, könnte nichts geeigneter sein als ein Porträt des Königs von England.
»Am liebsten eine Miniatur«, fügte sie als kleines Postskript hinzu.
Hutton verstand, er verfluchte sich selbst wegen seiner Dummheit und schickte umgehend seine Anordnungen nach England.
Cromwell handelte rasch, und als der Kurier zurückkehrte, betrachtete Hutton die Miniatur. Er sah das Gesicht des Königs, stellte allerdings fest, daß das Bild etwas älteren Datums sein müsse.
Heinrich VIII. hatte in den letzten Jahren bedeutend zugenommen, hatte Fett angesetzt an Körper und Gesicht, aber dieses Problem war lösbar. Und wenn nicht, würde es die Herzogin erst merken, wenn sie wohlbehalten in Whitehall angekommen war. Der König von England war und blieb doch der König von England.
Hutton packte das Bild zusammen mit der Goldkette ein und schickte den Diener los.
Die Marquise antwortete mit einem rührenden Brief. Sie drückte ihre Bewunderung aus für die Männlichkeit und außergewöhnliche Schönheit von Heinrich VIII. Und diesmal behielt sie die Goldkette, ohne jedoch ein Wort darüber zu verlieren.
Drei Tage später erhielt Hutton ein Paket vom Sekretär der Marquise. Es war ein Gemälde Christines von Dänemark, der Herzogin von Mailand.
Hutton war nicht zufrieden. Der Hofmaler van Orley hatte es gemalt, und man sah zwar die Schönheit der Herzogin, nicht aber ihren beinahe schwebenden Charme. Hutton betrachtete das Bild, überlegte und schickte es schließlich an Cromwell.
Kaum einen Tag darauf traf ein Herr aus London ein, es war ein gewisser Mr. Hoby. Hutton kannte ihn nicht, begriff aber, daß er in Cromwells Diensten stand, und er brachte Meister Holbein mit.
Hutton kochte vor Wut. Er hatte Perlen geopfert und kostbare Geschenke für die Marquise, um ein eher miserables Bild zu beschaffen, und jetzt erschien einer der zur Zeit anerkanntesten Maler, von Cromwell persönlich geschickt. Doch er tröstete sich damit, daß dem mächtigen Herrn seine Berichte offenbar gefallen hatten, wenn er schon Meister Hans den weiten Weg von England hergeschickt hatte.
Hoby konnte Hutton bald die Mitteilung machen, daß die Regentin so überrascht war von dem Ansinnen, ein Bild der Herzogin anfertigen zu lassen, daß sie vom Stuhl aufgesprungen war. Doch die Herzogin selbst zeigte sich ungeheuer liebenswürdig und freundlich, und dem Meister wurden drei Stunden bewilligt, eine Skizze zu machen.
Das war nicht viel, aber sobald der Meister zurück in England war, sollte er das Bild fertigmalen, es Cromwell zeigen, der es dann zum König bringen würde.
An einem Märztag erhielt Hutton die Nachricht, daß sich Heinrich VIII. das Portrait der Christine von Dänemark lange und eingehend betrachtet habe. Er habe das Gesicht gemustert, die hohe Gestalt in der schwarzen Tracht und nur mit einem einzelnen Rubinring an der linken Hand geschmückt. Sie sei aus dem türkisen Hintergrund förmlich auf ihn zugetreten.
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