Kitabı oku: «Aufenthalt bei Mutter»
Hellen Scheefer
Aufenthalt bei Mutter
Das Stockholmsyndrom
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Bei Mutter. Eine Idee.
Bei Mutter. Ankommen.
Elli. eins.
Beth. eins.
Beth. zwei.
Beth. drei.
Elli. zwei.
Beth. vier.
Elli. drei.
Elli. vier.
Beth. fünf.
Beth. sechs.
Beth. sieben.
Elli. fünf.
Beth. acht.
Bei Mutter. Der Fernsehabend.
Elli. sechs.
Lisa. eins.
Elli. sieben.
Elli. acht.
Elli. neun.
Lisa. zwei.
Lisa. drei.
Beth. neun.
Beth. zehn.
Lisa. vier.
Lisa. fünf.
Beth. elf.
Bei Mutter . Weiter Fernsehen.
Beth. zwölf.
Elli. zehn.
Elli. elf.
Lisa. sechs.
Bei Mutter. Samstag Morgen.
Lisa. Sieben.
Lisa. acht.
Lisa. neun.
Lisa. zehn.
Lisa. elf.
Lisa. zwölf.
Lisa. dreizehn.
Bei Mutter. Samstag Vormittag.
Lisa. vierzehn.
Bei Mutter. Samstag Mittag.
Lisa. fünfzehn.
Bei Mutter. Mittagspause. eins.
Bei Mutter. Mittagspause. zwei.
Bei Mutter. Samstag Nachmittag.
Bei Mutter. Mutter zur Rede stellen.
Bei Mutter. Samstag Abend.
Bei Mutter. Sonntag Vormittag. Geschehen und Abreise.
Epilog.
Impressum neobooks
Prolog
Aufenthalt bei Mutter.
Das Stockholmsyndrom.
Hellen Scheefer
Für meine Kinder
und Kindeskinder
Hellen Scheefer
Stille. Absolute Reglosigkeit. Das Surren der Fliege, weit hinten in der Ecke, dringt an mein Ohr und berührt nicht mein Denken. Mein Hirn ist ganz erfüllt von einem Gedanken. Schwer, sehnsüchtig. Endlich kann ich ihn ziehen lassen. Der Atem gleitet mir nun tief in den Bauch.
Ich bin ein Berg. Meine Gedanken, mein Fühlen - sie sind wie Wolken. Wolken am Gipfel, an meinem Kopf.
Endlich: „Kaijo!“
Auf diesen heiseren Ruf folgt eine leise Bewegung. Dann, einen Moment später: ein machtvoller Schlag. Die Kraft des Schlegels explodiert auf dem Fell der Trommel und verwandelt sich in ein Dröhnen, das den ganzen Raum ausfüllt. Das Schwingen dringt in meine Ohren und quillt auf unsichtbaren Bahnen in die Tiefe meines Leibes, bis mein ganzer Körper vibriert wie die Luft um mich herum.
Ich liebe diesen Moment. Wenn nach stundenlangem, reglosem Sitzen das Morgendämmern sich in helles Licht gewandelt hat, der Schlag der Trommel meinen Körper erwachen macht und von nun an das Tun des Tages uns einnehmen darf.
Die Ordinierten legen ihr Kesa auf den Kopf und dann singen wir gemeinsam:
„Dai sai geda puku, mu so fukuden e, hi bu nyorai kyo. Kodo sho shu jo.“ Sitzen, auf einem Kissen. Schweigen. Ruhe des Körpers. Meditieren im Strömen des Atems. Den Geist zur Ruhe bringen. Aufhören zu denken. Denken, rationalisieren, analysieren, entdecken. Die Krone menschlichen Daseins. Wortfetzen, Bilder, Traumgeschichten, Singen, Schmerz, unstillbares Weinen, Ängste. Immer wieder Gespräche, aus der Angst geboren, mit nicht Anwesenden, Angst und Ängste und wieder Angst.
Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich inzwischen auf dem Safu gesessen hatte. Ich habe schon seit Jahren keine Angst mehr vor Veränderungen. Die Neugier schafft Neues. Neues ist vor allem spannend, aufregend, schön. Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich hatte sitzen müssen, bis in mir dieses Wissen aufgestiegen war: diese Angst in mir, die ist, weil ich Angst vor mir selber habe. Angst vor diesen Kräften in mir, die mich tun machen, was mich zerstört. In bester Absicht, „um der Liebe Willen’, wie man so schön sagt. Und doch: zerstört, mich verrückt macht.
Beim Schlagen der Trommel, als ich das Vibrieren meinen Körper durchströmen fühle, begreife ich, dass ich guten Grund habe zu dieser Angst vor mir selbst.
Bei Mutter. Eine Idee.
Ausgerechnet als ich vor ein paar Tagen bei meiner Dienstfahrt im Auto das Radio anschaltete, wurde eine Rezension eines Buches gesendet. Eine Frau erzählte anonym vom sexuellen Missbrauch durch ihren leiblichen Vater. Textstellen werden zitiert. Es wird mit kurz zusammenfassenden Worten gezeichnet, wie die Autorin ihre sexuellen Lüste in dieser Beziehung schildert. Schwer von ihrem Vater verletzt und vergewaltigt, beschreibt sie ihre Orgasmen. Mich ekelte vor der Frau beim Zuhören. Stockholmsyndrom. Ich hatte kaum an den Begriff gedacht, als der Rezensent den Begriff einführte, seine Bedeutung erklärte. Das Opfer beginnt in der größten Not und ohnmächtig seinem Peiniger ausgeliefert, diesen zu lieben. Das ist die einzige Strategie, um die Situation zu überstehen, um zu überleben.
Ich weiß, dass auch ich die Fahigkeit des Stockholmsyndroms in mir trage. Die Liebe, die ich meinem Vater entgegenbrachte, war einerseits Dankbarkeit, weil er mich vor dem tagtäglichen Terror meiner Mutter schützte, und ihr Terror war härter als das hysterische Herumgeschrei meines Vaters, und andererseits ging diese Liebe auf das Konto des Syndroms. Es war nicht sicher auszumachen, welche Gefühle sich da wie sortierten. Ich hatte mich nach Jahren der Selbstanalyse mit dieser Unklarheit in mir abgefunden. Nun warf mich die Radiosendung aus der Bahn. Den letzten Arbeitstag der Woche lenkte ich mich noch ab mit intensivem Arbeiten. Aber es half nichts. Kaum hatte ich Ruhe, fiel ich in eine Lähmung. Ich vermochte nicht aufzustehen. Mein ganzes Wesen war im Schmerz gefangen. Stockholmsyndrom. Eine Ahnung befiel mich, wie hart alles gewesen sein musste, als Vater begann, mich sexuell zu missbrauchen. Die ungerechtfertigten Beschuldigungen. Das Sitzen müssen im Keller. Angstvolles Warten, bis er endlich kam und mich nach seiner Triebbefriedigung wieder mit hoch in die Wohnung nahm. Ans Licht, zu meinem Spiel. Seit dem Hören der Radiosendung lag ich nun schon zwei Tage gelähmt im Bett. Mit meinem Leiden an meinem Zustand wuchs die Wut auf meine Mutter. Vater konnte mich nur so für sich gewinnen, weil sie mich so allumfassend verachtet hatte. Irgend einen Halt brauchte ich und so wehrte ich mich nicht mehr gegen Vater. Wurde zu seiner Lieblingstochter. In meiner wachsenden Wut auf meine Mutter wuchs ein Gedanke: „Du lügst“. Mein Schmerz gab mir die Kraft mich zu erinnern, was geschah, als Mutter von dem sexuellen Manipulieren an meiner Nichte als Baby erfuhr. „Das wird nicht gemacht!“, hatte sie in höchster Not geschrien. In Bezug auf meine Person jedoch hatte sie keinerlei Mitgefühl entwickelt. Aber wenigstens bei ihrer Enkelin hatte sie versucht, Vater Einhalt zu gebieten.
„Du lügst, Mutter“. Diese drei Worte, nunmehr aufgestiegen in meinen Kopf, brachen meine Lähmung und ich vermochte aus dem Bett aufstehen. Ich beschloss, sie zu konfrontieren bei meinem nächsten Aufenthalt bei ihr, wenn die Reihe unter meinen Geschwistern wieder an mir war, sie zu pflegen. Und hier wollte ich sie zur Rede stellen: „Du lügst, Mutter“.
In den darauf folgenden Tagen dachte ich viel über das bevorstehende Gespräch nach. Was, wenn mir die Einzelheiten aus ihrem Mund wiederum einen flashback auslösten? Was, wenn sie ein Geständnis ablegt und danach aus dem Fenster springt? Was, wenn sie sich bei den Geschwistern beschwert?
Ich war also dieses Wochenende mit dem festen Vorsatz angereist, Mutter noch einmal zur Rede zu stellen.
Kaum bei ihr angekommen, nahm ich ihre große Schwäche wahr. Ich schämte mich, dass ich eine so alte Frau in Bedrängnis bringen wollte. Brauchte ich das Gespräch wirklich? Konnte ich mir und meinen Erinnerungen selbst nicht glauben? Ich rief mir bewusst Situationen im Geschehen um den Missbrauch ins Gedächtnis. Als ich ungefähr 18 Jahre alt war, prüfte Mutter mich mit gezielten Fragen, ob ich auch alles gut vergessen hatte. Ja. Damals hatte ich den sexuellen Missbrauch vergessen.
Doch. Ich wollte das Gespräch. Es war wichtig. Diese Familie würde irgendwann beginnen, den Missbrauch aufzuarbeiten. Es war wichtig, ihre Position zu kennen, auch jetzt, da sie so alt und schwach war. Ich beschloss, mit ihr auf behutsame Weise zu reden.
Bei Mutter. Ankommen.
Als sie mich in der Tür stehen sieht, freut Mutter sich. Jetzt ist sie nicht mehr alleine. Es stinkt nach Kot. Ich setze die Reisetasche ab, gut neben den Stuhl, damit Mutter nicht über die Schlaufen stolpert und öffne, noch mit der Jacke bekleidet, das Küchenfenster. Die Luft in der Wohnung ist trocken und überheizt. Dann ziehe ich Schuhe und Jacke aus. Mutter klagt, dass sie ganz durcheinander sei. Sie geht in das Wohnzimmer zum laufenden Fernseher mit den entschuldigenden Worten, sie müsse sich mal hinsetzen. Ihr sei ganz schwindelig. Auf dem kleinen Tisch an der Couch stehen Reste vom Abendbrot. Butter, eine Scheibe angetrocknete Wurst, etwas Käse, eine Kanne mit einem Rest Tee. Ich setze mich zu ihr, starre auf den laufenden Fernseher. Eine Unterhaltungssendung. Die Zuschauer lachen. Ich kann nicht lachen. Meine Mutter erzählt etwas über den Moderator. Klatsch aus dem Fernsehmagazin. Ich höre nicht wirklich zu. Ich starre gebannt auf die bewegten Bilder. Bei mir zu Hause habe ich keinen Fernseher. Manchmal schaue ich die Tagesschau per Internet. Oder ich streame einen Film. Das ist zwar illegal, aber bequem. Jetzt hat ein Satz des Moderators eine Erinnerung meiner Mutter berührt. Sie erzählt mir ausführlich von ihrem Vater. Der war Schneidermeister. Ein Herrenschneider. Selbst einem Buckeligen vermochte er einen Anzug so zu nähen, dass man den Buckel nicht mehr sah. Es sei zu dieser Zeit nicht selbstverständlich gewesen, dass ein Mann seine Familie von seinem Verdienst ernähren konnte. Aber ihr Vater konnte das. Und darauf war er sehr stolz. Er hatte von morgens bis zum Abend viel zu arbeiten. Und die Mutter musste den ganzen Haushalt besorgen und das Schwein und die Hühner und Enten. Meine Mutter zählte nicht die drei Kinder auf, sich selbst und ihre Geschwister, die im Haushalt lebten. Beizeiten am Tag rief der Vater ins Haus, wann Mutters Mutter endlich in die Schneiderstube komme. Sie werde dringend gebraucht. Die Mutter meiner Mutter war Kunststopferin. Die ideale Partnerin eines Schneiders. Wenn beim Bügeln des Anzugs ein Stück Glut aus dem Eisen heraus und auf den Stoff gefallen war, dann war es an ihr, das in den Stoff gebrannte Loch so kunstfertig zu stopfen, dass man es nicht mehr sah. Wie sie das bewerkstelligte ? Sie löste an einer unauffälligen Stelle ein Stück Faser aus dem Gewebe und stopfte es in der genauen Abfolge, wie der Weber einst das Tuch gewebt hatte, um das Loch herum wieder ein. Für diese Arbeit brauchte also der Schneidermeister seine Frau dringend. Außerdem hatte sie das Futter in die Anzugteile einzunähen, mit der Hand selbstverständlich. Das einzige Hobby, was mein Großvater sich leistete, war einmal wöchentlich der Gesangsverein. Dort ging er abends hin. Er soll eine sehr schöne Stimme gehabt haben. Von ihm hatte ich also meine Begabung geerbt. Aber als der Krieg kam, hörte das Singen auf.
Elli. eins.
Endlich wird die Tür geöffnet. Elli stürzt heraus, rempelt dabei ein Kind an. Elli weiß nicht, wie das Mädchen heißt, sie kennt hier noch niemanden. Es ist ihr aber auch ziemlich gleichgültig, ob sie dem Mädchen wehgetan hat. Elli will raus. Jetzt hat sie schon die schneebedeckte Wiese erreicht. Vor ihr steigt eine Böschung an. Oben, schon fast auf der Höhe, hat sie ihren Bruder entdeckt. Sie möchte zu ihm. Die anderen Kinder aus ihrer Gruppe holen sie ein, aber Elli interessiert sich nicht für sie, Elli möchte nur zu ihrem Bruder. Zu Hause spielt sie auch immer mit ihm. Und die Kinder in ihrer Gruppe sind ihr alle so fremd.
Ellis Bruder ist zwei Jahre älter als sie. Er kennt sich gut aus im Kindergarten. Sie jedenfalls findet alles ziemlich schrecklich hier. Heute ist ihr erster Tag. Die Eltern hatten auch noch gesagt, dass sie es leichter haben wird, weil ja ihr Bruder mit dabei sei. Aber als heute der Tag begann, ging ihr Bruder in einen ganz anderen Raum als sie. Als sie sich darüber beschwerte, erklärte ihr die Erzieherin die Ordnung im Kindergarten. „Dein Bruder muss doch in eine andere Gruppe gehen, er ist immerhin zwei Jahre älter als du. Und jede Gruppe hat ihren eigenen Raum.“ Elli ist enttäuscht.
Nun aber hat sie ihn endlich entdeckt. Sie ruft ihn. Sie kann noch nicht so schnell laufen wie die großen Jungs. Nächstes Jahr kommen die schon in die Schule. Endlich hört sie der Bruder. Er zögert einen Augenblick, schaut unwillig zu Elli, dann läuft er davon. Nein, er hat keine Lust, mit seiner kleinen Schwester zu spielen. Zu Hause müssen sie schon immer zusammen spielen. Er möchte mit seinen Jungs spielen. Aber sein Zögern dauert einen Moment zu lang. Elli hat ihn erreicht, genauer gesagt, sie hat den Zipfel seiner Jacke erwischt, und nun packt sie um so fester zu. Aber ihr Wollen ist größer als ihre Geschicklichkeit. Sie rutscht auf dem Schnee aus. Im Fallen fängt sie sich mit ihren Händen auf, und schon ist der Bruder freigegeben. Der nutzt den Augenblick und läuft seinen Freunden nach.
Nein. In den Kindergarten gehen ist wirklich schrecklich. So hat Elli sich das überhaupt nicht vorgestellt. Die Leute haben wirklich schöne Spielsachen in den Regalen liegen. Sachen, die sich Ellis Eltern nicht leisten können. Da gibt es zum Beispiel eine Puppe, die kann Laute machen, wenn man sie dreht. Sie hat auch richtige Klapperaugen. Das haben die Leute in den Fabriken erst vor kurzem erfunden. Aber wenn man in den Gruppenraum herein kommt, darf man nicht gleich spielen. „Erst gibt es Frühstück.“ hatte die Erzieherin gesagt. Und danach sollten sie alle gemeinsam malen. Die Erzieherin brachte jedem Kind ein Stück schwarzes Papier und einen weißen Buntstift dazu. So etwas hatte Elli noch nie gesehen. Bei ihr zu Hause waren die Farben von Papier und Stift umgekehrt. Merkwürdig. Man konnte aber richtig auf dem Papier malen. Die Kinder sollten Schnee malen. Weil doch draußen Winter ist. Und dann ging die Erzieherin zu den Kindern an die Tische und hielt in der Hand eine Vase, darin waren Schneeglöckchen. Die Kinder sollten versuchen, auch ein Schneeglöckchen zu zeichnen. Schneeglöckchen mag Elli. Und die kennt sie ganz genau. Kürzlich war sie mit ihrem Vater in den Garten gegangen. Tief verschneit lagen die Beete. „Kannst du dir vorstellen, dass unter dieser Schneedecke Blumen wachsen?“ hatte er Elli gefragt. Elli tat entrüstet. Unter diesem kalten Schnee, der ihr immer so schnell die Hände frieren machte, dass die schmerzten? Nein, das konnte sie sich nicht denken. Der Vater hatte einen Spaten genommen und tief in die Schneedecke eingestochen. Vorsichtig hatte er eine Scholle heraus gehoben, mit den Fingern noch leicht über den Boden gefegt, und siehe: da standen sie. Lugten auf zarten Stängeln aus dem kalten Schnee heraus mit ihren zarten weißen Köpfchen, dass man beinahe ihr Schellen zu hören meinte. Schneeglöckchen! Ja, Schneeglöckchen konnte Elli gut malen.
Das Malen war also nicht wirklich blöd. Gemein war nur, dass man nicht spielen durfte. Aber danach, bis zum Mittagessen, war endlich die Spielecke freigegeben. Jetzt wollte Elli sich auch die Puppe näher besehen. Aber eh sie sich versah, war das Spielzeug, was sie so interessant gefunden hatte, verteilt. Die anderen Kinder kannten schon die Regel: ‚Wer zuerst kommt, malt zuerst.’ Sie waren Hals über Kopf auf das Regal zugestürzt und hatten sich kurz entschlossen ein Spielzeug gegriffen. Zwei Kinder stritten noch, aber auch hier galt die Regel: „Wer hatte die Kiste zuerst in der Hand?“ der Erste war halt der Glückliche.
Nach dem Mittag mussten sie Mittagsschlaf halten. Die Tische und Stühle wurden beiseite geräumt und Holzpritschen in den Raum gestellt. Dann sollten alle Kinder sich still hinlegen und die Augen schließen. Das war vielleicht merkwürdig! Elli war noch ganz aufgeregt von den vielen Erlebnissen und nun sollte sie die Augen schließen. Hinten, in der Puppenecke knackte es ganz verdächtig. Huch, kaum hatte Elli die Augen geöffnet, schon hatte es die Erzieherin bemerkt. Das war inzwischen eine andere Frau. Die ‚Spätschicht’, hatten die Großen erklärt. Die ‚Spätschicht’ war viel strenger als die Frau am Morgen. Schrecklich. Elli hatte Angst vor ihr. Aber irgendwann fand Elli das stille Liegen ganz lustig. Man konnte sich Geschichten ausdenken, und wurde durch nichts dabei gestört.
Inzwischen war die Mittagszeit beendet, sie hatten Vesper gegessen und durften nun ins Freie spielen gehen. Bis die Eltern die Kinder wieder nach Hause abholen. Elli rutscht auf dem Schnee den Hang hinunter. Sie weint enttäuscht, der Bruder war davon gelaufen. Sie geht den anderen Kindern aus dem Weg, setzt sich in die Nähe der Erzieherinnen. Sie hat die Nase voll. Kindergarten ist einfach zu blöd.
Beth. eins.
Das Tor war verschlossen. Sie standen beide davor und ärgerten sich über die Leute vom Studentenclub. Sonst um diese Uhrzeit konnte man ungehindert ein- und ausgehen. Aber heute gab es keine Chance. Der Club war hoffnungslos überfüllt. Die Session hatte begonnen. Beth wand den Blick und sah auf den Jungen neben sich. Der war kein ‚Junge’ mehr, in der Art, wie sie sich noch als Mädchen empfand. Er war ganz offensichtlich älter als sie. Vielleicht schon am Ende des Studiums? Sie hatte erst in diesem Herbst damit begonnen. Er war ein richtiger Mann. Er wusste was von der Welt. So jedenfalls erschien er Beth. Sie hatte sich ihm zugewandt und ihre Blicke trafen sich zugleich. Auch er hatte sich ihr zugedreht. Sie sah ihm tief in die Augen. Das tat sie bei allen Männern so. Warum, wusste sie nicht. Er hielt ihrem Blick stand. Kein Lächeln, aber auch kein Flackern oder Ausweichen. Ein Brennen war da, das zwischen ihnen hin und her sprang. Sehnsucht?
Das Tor blieb verschlossen. Scheinbar gelassen gingen sie Jeder seiner Wege. Sein brennender Blick war ihr bis ins Herz gedrungen. Später, als sie zu einander gefunden hatten, gestand er ihr, wie tief ihn diese Begegnung berührt hatte. Von diesem Moment an hatte er sie gesucht. Er hatte sie leicht gefunden. Sie wohnten ihm gleichen Haus, belegten dieselbe Fachrichtung. Er war nur zwei Jahre weiter als sie. Seit ihrer Begegnung am Tor hatte er ihre Wege beobachtet. Doch er sprach sie niemals an. Er war kein Jäger, aber auch nicht wählerisch. Er nahm schnell ein Mädchen mit in sein Bett. Doch es blieb beim One-Night-Stand. Er achtete diese Mädchen nicht, weil sie sich ihm so leicht hingegeben hatten. Er kannte Beth nicht. Doch zu seinen Freunden sagte er: „Die Kleene da drüben, seht ihr die? Der könnte ich treu sein.“ Sie liefen sich nicht wieder über den Weg. Das Wohnheim war ein Hochhaus und hier wohnten Hunderte von Studenten. So ging das wohl ein halbes Jahr. Die Sommerpause nahte. Beth war ungeduldig geworden. Sie spürte oft seine Blicke, sah ihn am Fenster nach ihr schauen, aber nie ergab sich die Gelegenheit, einander zu sprechen. Dann, endlich, eines Abends zur Disko, entdeckte sie ihn inmitten seiner Kumpels. Wieder trafen sich ihre Blicke, sie beobachteten einander, umkreisten sich wie Katzen. Doch eigentlich war Beth diejenige, die kreiste, ihn umkreiste, die Gruppe junger Männer ansteuerte, währenddessen er sicher im Kreis der Gruppe verharrte, sie aber nie aus den Augen verlor. Nichts. Beth hatte einen weiten Bogen um die Männer geschlagen, aber Er hatte sich nicht herausbewegt, nicht von der Stelle gerührt. Beth zog sich verwirrt zurück. Hatte sie sich geirrt? Hatte sie der ganzen Sache zuviel Bedeutung beigemessen? Wollte er doch nichts von ihr? Beth wandte sich ihren Kommilitonen zu. Versuchte, die Sache zu vergessen. Beth tanzte eine Weile, in ihre Gedanken versunken. Nein. Einen Versuch musste sie noch starten. Sie wollte wissen, woran sie ist. War er ihr zugetan oder war er es nicht? Sie ging zum Diskjockey, bat um einen Musikwunsch, hielt für einen Moment lang den Finger an die Tonbandspule, sodass die Musik jaulte, lachte laut auf, warf den Kopf in den Nacken und steuerte geradewegs auf die Gruppe junger Männer zu. Sie ging ganz dicht an ihm vorbei, sodass er sie hätte greifen können. Sie ging, nichts geschah, sie wand sich ab. Da! Im letzten Moment spürte sie, wie jemand sie packte und an sich heran zog. Er war es! Karl. „Jetzt hab ich dich aber gefangen. Beinahe wärst du mir wieder entwischt!“ Er lachte.
Beth. zwei.
Karl hatte nur noch ein Jahr Studium vor sich. Er war fünf Jahre älter als sie, aber an Lebenserfahrung hatte er ihr wohl eine ganze Generation voraus. Mit Vierzehn ins Internat zum Abitur, Armeezeit. Vater war Vorsitzender der LPG. Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft. Beth, nahtlos von der Schule mit Abiturstufe zum Studium, hatte bisher nichts anderes kennen gelernt, als das was sie in der Schule zu lernen hatte und was ihre Eltern über dieses Land erzählten. Sowohl bei den Eltern als auch in der Schule erfuhr sie Ähnliches über ihr Land, und doch waren es Lügen, wie sie bald begreifen musste. Schon in den ersten Wochen des Studiums ahnte Beth, dass sie in einem ‚Glashaus’ gelebt hatte. Keiner ihrer Kommilitonen teilte ihr Verständnis von der Welt. Alle erzählten und Jeder auf seine Weise, warum die Propaganda in den Nachrichten und in der Schule falsch war und mit den tatsächlichen Verhältnissen im Lande nichts gemein hatte. Selbst in ihrer Ausbildung zum Bauingenieur musste sie erfahren, dass die Planwirtschaft im Land nur selten wie geplant funktionierte und im Grunde den Mangel an Material, Bauteilen und Baukapazitäten verursachte. Beth war Kind einer Spezialschule gewesen. Russisch-Ausbildung im Alter von acht Jahren an. Die besten aller Klassen aus der Stadt waren auserwählt worden für diese Klasse. Die Sprache der Freunde und Befreier vom Faschismus erlernen. Siegen lernen. Die Elternschaft dieser Kinder war entsprechend staatstreu. Wer es nicht war, lernte seinen Kindern von Beginn an, in der Schule den Mund zu halten. Auch den Mitschülern gegenüber. Exil im Alltag.
Beths Eltern arbeiteten beide im Dienst des Staates. Vater unterrichtete das Fach Staatsbürgerkunde, doch für die ideologische Ordnung in der Familie sorgte Mutter. Mutter arbeitete in der Buchhaltung der Schulverwaltung. Zu Hause erlaubte sie kein Wort der Kritik, keine abweichende Meinung. Es gab keine Probleme. Nicht in der Familie, nicht in der Gesellschaft. Und wer Anderes behauptete, der war verhetzt vom Feind, den kapitalistisch verseuchten Individuen. Und dann war da noch Beth. Zu Hause fiel sie immer wieder aus dem Rahmen. Manchmal rastete sie aus. Fiel in einen Wutausbruch, schlug um sich, verurteilte eine Person mit wenigen, messerscharfen Worten. Meist traf es Vater oder Mutter. Manchmal ihre Freundin, von der sie nie wirklich wusste, ob sie sie eigentlich mochte oder hasste. Beth verstand selbst nicht, woher diese Wut aus ihr kam. Die überfiel sie einfach. Beth passte halt nicht in diese Welt.
Karl war der erste Mensch in Beths Leben, der dem Staat und der Gesellschaft, in der sie lebten, feindlich gesinnt war. Mit Karl fand Beth Zugang in eine ganz andere Welt. Sie erkannte, dass es in ihrem Land Menschen gab, die andere Ziele hatten, oder einfach nur Kritik an den herrschenden Zuständen geübt hatten und dafür nun mundtot gemacht worden waren. Karls Vater, in den 60iger Jahren Leiter einer erfolgreich wirtschaftenden LPG, war nun, zu Beginn der 80iger Jahre ganz und gar resigniert und verbittert. Das Streben und der Zwang der Partei, in der Landwirtschaft immer größere Strukturen zu schaffen, hatten unübersichtliche Betriebe geschaffen. Schlendrian war eingezogen, die Tiere wurden vernachlässigt, Maschinen nicht mehr gewartet. Die Ernte kam wegen Trägheit oder wegen fehlender Einzelteile nicht rechtzeitig vom Feld, und der Berufsstand sank im Ansehen. Karls Vater erklärte, die Parteibonzen hätten sein Lebenswerk zerstört. Karls Mutter arbeitete im Stall bei den Kälbern.
Viele Menschen waren sie nach diesem schrecklichen Krieg, dem Zweiten Weltkrieg, angetreten, eine Welt zu schaffen, in der keine Kriege mehr möglich waren. Doch wohin hatten Beths Eltern geschaut, als 1953 die Panzer durch die Berliner Stalinallee rollten, als ganz Ungarn 1956 blutete und als 1968 eine demokratische Revolution in der Tschechoslowakei mit russischer Waffengewalt zerschlagen worden war? Wie hatten sie all diese Ereignisse mit ihrem Gerechtigkeitssinn vereinbart? Oder hatten sie keinen? Sie hatten diese Dinge vergessen, soweit ein Mensch dazu fähig ist zu vergessen. Totgeschwiegen. Bei Widerspruch niedergeschrien.
Beth versuchte, sich mit den Eltern zu verständigen. Erzählte von ihren Begegnungen im Seminar. Zwischen den Eltern und Beth war es, wie es in ihren Kindertagen gewesen war, soweit Beth sich zu erinnern vermochte: Vater vertrat immer genau die Meinung, die der eigenen widersprach. Mutter blieb ihrer alten Position treu: das Kind hatte unrecht. Doch diesmal lernte Beth schnell. Sie gab auf. Sie ließ sich nicht mehr vorwerfen, sie hätte falsch verstanden, falsch geschlussfolgert, boshaft ausgelegt, übel nachgeredet. Beth begann, sich in Schweigen zu hüllen.
Beth. drei.
Karl erklärte Beth die Welt. So wie man sie zu sehen hatte. Jedenfalls war er davon überzeugt.
Karl zeigte Beth, wie man beim Pferderennen Geld machen konnte. Er liebte es, Wetten abzuschließen. Natürlich musste man sich auskennen. Welcher Jockey arbeitete erfolgreich? Welches Pferd war gerade in Hochform? Karl war oft auf der Trabrennbahn. Soweit es sein Nebenjob im Studentenclub erlaubte. Aber die meiste Zeit seiner Freizeit verbrachte er dort, an der Theke. Neben dem Verdienst brachten die Wochenende-Abende auch viel Trinkgeld ein. Und den Alkohol umsonst.
Karl war ein richtiger Kerl. Er konnte schuften wie ein Ochse. Der Schweiß rann ihm in Strömen über den Körper, aber Karl strahlte übers ganze Gesicht, voller Stolz auf seine Männlichkeit, und wühlte nach einem kurzen Blick weiter. Auf dem Hof der Eltern gab es immer Arbeit. Karls Eltern wohnten in einem eigenen Haus. Dessen Umbau hatte gerade erst begonnen. Dann war da noch ein Stall für 300 Hühner. Die Tiere mussten versorgt, der Stall ausgemistet werden. Und dann noch der Garten, voller Gemüse. Was die sechsköpfige Familie nicht aufbrauchte, wurde Gewinn bringend im Konsum nebenan verkauft.
Karl konnte auch trinken wie ein richtiger Mann. Eine Flasche Schnaps und eine Reihe Bier gingen auf sein Konto in einer langen Nacht des Clubs. Drei Einsätze pro Woche waren nötig, wenn das Geld verdient werden sollte, was Karl im Monat verbrauchte.
Karl hatte das Nebeneinander von Studium, Jobben und Alkohol gut im Griff. Seine Prüfungen im Studium bestand er. Immer grade eben so, aber ohne Nacharbeit oder Auffälligkeiten. Nur manchmal schlug der Alkohol zu. Völlig unerwartet fiel Karl in einen Vollrausch, so jedenfalls erklärte er es immer hinterher Beth, wenn sie ihn zur Rede stellte. Karl hatte dann alle Kontrolle über seine Körperfunktionen verloren und erwachte gegen Morgen in seinem eigenen Dreck, ohne sich an irgendwelche Einzelheiten der Nacht erinnern zu können.
Wenn Beth ihn in solchen Momenten erlebte, fiel er in ein großes Jammern. Peinlich berührt bereute er die Maßlosigkeit vom Abend, grübelte laut über die Ursachen seines Versagens nach und versprach Besserung. Ja, er bat Beth sogar um Hilfe. Sie solle doch, wenn er wieder einmal die Flasche nicht stehen lassen könne, ihm einen heimlichen Stups geben. Dann würde er schon aufhören zu trinken und alles würde gut.
Den Tag über gingen Beth und Karl jeder seinem Alltag nach. Die Nächte aber verbrachten sie meistens gemeinsam. Mal bei ihr, mal bei ihm, je nachdem, wessen Zimmerpartner gerade nicht am Ort war.
Karl war der erste Mann, mit dem Beth schlief. Sie hatte das Gefühl, mit ihren neunzehn Jahren eine alte Jungfer zu sein. Er liebte sie zweifellos sehr stark. Jeden Augenblick schmuste und betätschelte er sie. Eigentlich hatte sie Angst davor, sich ihm hinzugeben. Aber eines Tages, als sie noch den Tag vor sich hatten, begann sie sich vor ihm auszuziehen. Karl hatte nie einen Hehl um seine vielen Frauenbekanntschaften gemacht. Beth fürchtete ihn zu verlieren, wenn sie sich ihm nicht anbot.
Sein Beiwohnen tat ihr weh. Sie war so stark verkrampft, dass er nicht wirklich in sie einzudringen vermochte. Beide waren ratlos. Seine zahlreichen Erfahrungen halfen hier auch nicht weiter. Er ließ von ihr ab. Sie schmiegte sich zärtlich an ihn, ja beinahe war ihr als versteckte sie sich an ihm und vor ihm. So verbrachten sie den Rest des Tages und die Nacht nebeneinander, ohne zum Höhepunkt zu gelangen. Karl genoss ihre anschmiegsame Art. Dennoch vergingen Wochen und Monate, ohne dass Beth sich entspannen konnte. Es brauchte ganze zwei Monate, ehe Karl ganz in sie eindringen konnte, und sie nicht vor Schmerz verging. Aber die Lust blieb Beth weiter versagt. Karl wurde nervös. Er grübelte, dachte laut nach und kam zu dem Schluss, dass Beth ihn wohl nicht liebte. Anders konnte es nicht sein.
Beth hatte inzwischen ihre anfängliche Unsicherheit gegenüber Karl verloren. Sooft es ging, besuchte sie ihn abends im Club. Er hatte nur Augen für sie. Jeden freien Moment kuschelten und knutschten sie verliebt. Beth genoss diese Art von Zärtlichkeit, auch wenn sie öffentlich und für jedermann sichtbar stattfand. Oder war es gerade das, was sie genoss? Dieser schöne Mann, ein Bild von Männlichkeit und Kraft, gehörte ihr, hatte keinen Blick für andere Frauen. Jedenfalls nicht, wenn Beth da war.
Das schmeichelte ihr. Sie fühlte sich ganz, liebenswert und endlich vollwertig. Irgendein Makel hatte Beth angehaftet, seit sie dem Kind entwachsen war, und nun hatte seine Liebe zu ihr diesen von ihr genommen.
Und doch war da ein Aber: ihr Unterleib versagte den Dienst. Er blieb kalt. Sie liebte ihn, begehrte ihn. Sie mochte seinen Körper. Aber ihr Körper konnte keine Lust empfinden, wenn sie miteinander schliefen. Sie kannte es nicht, in Ekstase zu verfallen und den Rausch der Lust zu spüren und das schönste, wenn er in Wellen den Körper durchströmte und alles mit sich nahm, wenn er abebbte. Doch. So ganz stimmte das nicht. Sie kannte diese Ekstase, wenn sie sich selbst befriedigte. Je nachdem, wie sehr sich darauf einließ. Aber mit Karl zusammen blieb ihr diese Offenheit versagt.
Beth hatte Angst Karl zu verlieren. Sie überwand ihre Scheu und bat ihn, mit dem Finger nachzuhelfen. Doch seine Hand war hart. Sie wagte nicht, ihn zu korrigieren. er hatte doch so viel mehr Erfahrung als sie. Sie begann Lust zu spielen. Sie bewegte sich wild, stöhnte, als triebe die Ekstase sie, stimulierte sich heimlich selbst. Sie stellte sich vor zu Masturbieren. Sie gewöhnte sich an den Schmerz, den Karl ihr verursachte, wenn er in sie eindrang. Sie verfluchte sich selbst und ihren störrischen Charakter, und irgendwann verwuchsen Schmerz und Lust in eines.
Die Beziehung war gerettet. Karl fasste wieder Vertrauen in ihre Liebe.
Elli. zwei.
„Du kriegst aber nicht die Murmel. Das ist meine!“ Elli ist außer sich. Sie schreit. Dauernd hat der Bruder so blöde Ideen. Irgendwie ärgert er sie immer nur. Nie kann er mal so spielen, wie sie das möchte. „Klatsch!“ Das hat ‚gesessen’. Der Bruder ist halt älter und somit stärker als Elli. Seine Ohrfeige hat Elli erschrocken und nun hat er doch die Murmel an sich gerissen. Die Tür geht auf. Die mittlere Schwester flüchtet vor dem Krach aus dem Zimmer. „Mutti, die streiten schon wieder.“ Mutter bügelt gerade die Wäsche. „Vati, geh du doch mal.“ Wieder geht die Tür auf. „Klatsch!“ und noch einmal „Klatsch!“ Jetzt schreien beide Kinder. Der Vater packt sie bei den Händen. „Hausschuhe anziehen!“ befiehlt er. Sie gehorchen beide. Inzwischen war der Vater auf den Hausflur gegangen und hatte den Fahrstuhl geholt. Sie wohnen nämlich in einem großen Haus. Ein Neubaublock. Acht Stockwerke hoch über dem Erdgeschoss. Und auf jeder Etage wohnen drei Familien. Aber nur wenige Familien haben so viele Kinder wie ihre. Sie sind vier Kinder. Und das ist sehr viel. Zuviel, sagen die Eltern. Vater muss immer Vorträge halten, wenn er sich mal eine neue Hose kaufen möchte. Sagt er.
Nun kommt der Vater zurück und bestimmt den Kindern mitzukommen. Sie fahren in den Keller. Das Haus hat viele Keller. Zwei Etagen voller Kellern. Vater hat viele Schlüssel für die Keller. Die muss er haben, er ist doch der Hausobmann. Und der muss doch immer überall Zugang haben. Sagt Vater. Vater jedenfalls hat überall Zugang und er kennt Keller, die sonst keiner kennt. Heute sperrt er Elli in den Wäscheraum. Aber in den Anderen, für den sonst niemand einen Schlüssel hat. Er öffnet das Vorhängeschloss, schickt Elli in den fensterlosen Raum, löscht das Licht und geht. Die Eisentür schlägt zu, der Schlüssel dreht im Schloss. Der Bruder wird in einen anderen Keller gesperrt.
Die Dunkelheit ist das schlimmste. Inzwischen hat Elli sich schon ein bisschen gewöhnt. Diese Strafmaßnahme macht Vater schon seit längerem. Anfangs hat sie geweint und geschrien, bis der Vater sie wieder aus dem Keller geholt hatte. Inzwischen hat sie gelernt, in die Dunkelheit zu hören. Wenn man ganz genau hinhört, kann man ein bisschen sehen. Das Holzgatter zum Beispiel. Bevor man durch die Eisentür ins Treppenhaus geht, muss man erst das Gatter öffnen. Hat es nicht eben aus dieser Richtung geknackt? Kommt da etwa jemand? Das wäre peinlich. Jemand würde das Licht anmachen und Elli hier sitzen sehen. Er würde sie fragen, was sie hier mache. Und Elli müsste zugeben, dass sie unartig war. Nein, dann schon lieber allein im Dunkeln sitzen.
Elli weint wieder. Sie hat Angst und irgendwie findet sie alles ungerecht.
Da! Wieder knackt es. Ein Schlüssel klappert, dreht im Schloss. Die Eisentür geht auf. Elli bebt. Wenn das ein Fremder ist... Die Schritte kommen näher, das Schloss am Holzgatter wird geöffnet. Das muss Vater sein, nur er hat den Schlüssel. Das Licht bleibt aus. Es ist Vater. Er macht nie Licht, wenn er sie holen kommt. Jedenfalls nicht sofort. Erst nach einer Weile. Er findet sie weinend. Er tröstet Elli auf seine Art. Solange wie ‚Es’ ihm Spaß macht. Elli kann sich nicht mehr erinnern, wie es ihr anfangs ‚Damit’ ging. Inzwischen hört sie manchmal auf, dabei zu weinen. Sie weiß, dass dann der ganze Spuk gleich ein Ende haben wird. Wenn Vater zufrieden ist, wird er das Licht anmachen und sie wieder nach oben führen.
Dann kann sie endlich weiter mit den Murmeln spielen.
Beth. vier.
Beth studierte sehr ernsthaftig. Das Fach interessierte sie. Die naturwissenschaftlichen Aufgaben stachelten ihren Ehrgeiz an. Sie genoss es, die Zusammenhänge zu verstehen, und die statischen Berechnungen, das Ermitteln von Bauteilgrößen oder Lastannahmen zu beherrschen. Ihr fielen gute Noten zu, ohne dass sie sich sonderlich anstrengte. Wichtiger aber noch als das Studium waren ihr die Hobbys. Sie sang leidenschaftlich gern und gut, manchmal malte sie und ihre Kleider nähte sie meist selbst. Mit ihren Kommilitonen kam sie gut aus. Mitunter war sie ausgelassen lustig. Manchmal träumte sie selbstvergessen vor sich hin. Dann nahm sie niemanden um sich herum wahr. Die meisten Leute ihrer Seminargruppe mochte sie ganz gut leiden, war aber mit Niemandem enger befreundet. Mit Karl änderte sich das. Er war der einzige Mensch, der für Beth wirklich wichtig war. Sie wollte so viel wie möglich Zeit mit ihm verbringen, am liebsten immer um ihn sein. Wenn er mehrere Tage lang nicht in ihrer Nähe war, überfiel sie Eifersucht. Sie war stolz auf ihn. Durch ihn und neben ihm war sie Wer. Er war schön. Manches Mädchen beneidete sie um ihn. Sein dunkles Haar umrahmte sein kantiges Gesicht. Die Augen blinkten wie blauer Stahl. Sein muskulöser Körper schritt kräftig und mit hartem Tritt aus.
Beth wurde schnell schwanger. Schneller als ihr lieb war. Sie kannten sich kaum ein Jahr lang. Angst packte sie. Wie sollte es nun weitergehen? Wenn das Kind geboren würde, hätte sie erst die Hälfte ihres Studiums absolviert. Sie wollte auf keinen Fall ihr Studium aufgeben. Sie wollte später arbeiten, in einem Beruf, der sie forderte und ihr Spaß machte. Sie wollte wirtschaftlich unabhängig sein. Passte das alles zusammen?
Sollte sie das Kind abtreiben? Was war, wenn ihr Körper daran Schaden nehmen würde? Sie war kein Sonderfall, und die meisten Ärzte taten diesen Job ungern. Sie würden es ihr einfach absaugen, und mitunter nahm die Gebärmutter bei diesem Eingriff dauerhaften Schaden. Sie mochte Kinder. Sie wollte später einmal unbedingt Kinder haben. Mindestens zwei. Oder mehr. Nur vier, so viele wie sie damals zu Hause gewesen waren, waren zu viel. Beinahe täglich hatte ihr Vater gestöhnt, dass vier Kinder eines zu viel seien. Beth war das vierte, das Jüngste gewesen.
Also zwei, oder vielleicht drei Kinder. Unbedingt. Ohne Kinder ist das Leben sinnlos!
Beth weinte. Sie hatte Angst und sie konnte sich nicht entscheiden. Aber nach vier Wochen Grübeln siegte ihre Liebe zu Kindern. Sie entschied sich, das Kind auszutragen. Irgendwie würde es schon gehen. Sie würde einen Krippenplatz bekommen. Als alleinstehende Studentin hatte sie vorrangigen Anspruch darauf. Sie konnte die meisten Prüfungen vorziehen, andere nachholen. Wenn das Kind krank würde, konnte ihre Mutter ihr helfen und es betreuen.
Mit diesem Entschluss wurde Beth jeden Tag glücklicher. Dieses Kind in ihrem Bauch gab ihrem Leben eine Wendung, ihrem Dasein einen tiefen Sinn.
Beth begann zu organisieren. Prüfungstermine verlegen, ein Zimmer mit Platz für das Baby, eine Tagesmutter, wenn sie nach der Entbindung wieder an den Vorlesungen teilnehmen würde.
Karl hatte inzwischen sein Studium beendet und war in seine Heimat zurückgekehrt. Dort war ihm als Absolvent ein Arbeitsplatz zuordnet worden. Beinahe einen ganzen Tag lang musste man mit dem Zug fahren und beim Umsteigen auf Bahnhöfen gelangweilt warten, um die Entfernung zwischen ihnen zurückzulegen. Karl konnte Beth bei allem nicht helfen.
Beth und Karl planten zu heiraten. Sie brauchten auch eine Wohnung für einander. Bei seinen Eltern konnten sie nicht leben. Da war zwar Platz, aber kein Raum für so ein eigenes junges Leben. Es war keine Frage, dass Beth ihm in den Norden folgen würde. Obwohl, hier am Ort der Universität hatte sie Aussichten auf einen erfolgreichen Berufsweg. Es war auch keine Frage, dass sie heiraten würden. Beth wollte es. Sie wollte mit dem Vater ihres Kindes leben und sie wollte das allen Leuten zeigen.
Erst Jahre später fragte sich Beth, ob denn Karl eigentlich auch hatte Vater werden und heiraten wollen. Oder hatte er aus Angst vor seinem Vater in alles eingewilligt, weil der Vater es nicht ertrug, wenn seine Söhne uneheliche Kinder in die Welt setzten?
Es war schwierig, für sie zu Dritt eine Wohnung zu finden. Durch das Kind waren sie zwar bevorteilt, aber die Warteliste war lang und die Wohnungen für junge Leute in schlechtem Zustand. Als sie endlich an der Reihe waren, gab es keine Auswahl. Die Wohnung war klein, kalt, eine der Außenwände war voller Schimmel. Aber es war ihr eigenes Reich und allemal besser, als bei seinen Eltern, vor allem mit Karls Vater, unter einem Dach leben zu müssen. So jedenfalls meinte Karl.
Als Karl die Wohnung endlich bezog, hatten Nachbarn den transportablen Ofen geklaut. Die waren Mangelware. Der Winter war hart, brachte langen und starken Frost und in der Küche gefror das Wasser am Boden.
Dennoch waren sie glücklich miteinander. Vor der Entbindung reiste Beth zu Karl. Die Wohnung war frisch tapeziert und gestrichen, ein neuer Ofen in Aussicht, das Waschbecken heil. Sie hatten Platz für das Baby und sie konnten jeden Tag zusammen sein.
Das Baby kündigte sich am Abend an Beths Geburtstag an. Ein bisschen vor der Zeit. Blasensprung. Die Geburt musste künstlich eingeleitet werden und: die Wehen waren hart. Beth erschrak an der Gewalt der Schmerzen. Aber alles verlief schnell und gut und noch in der Nacht hielt sie ein gesundes Mädchen im Arm.
Zehn lange Wochen waren Beth und Karl in ihrem neuen Heim einander nah, und mitten drin: ihr Baby. Es war von freundlichem, ausgeglichenen Wesen, schlief fiel und gedieh gut. Ein Sonntagskind halt. Es sollten die glücklichsten Wochen ihres gemeinsamen Lebens werden.
Als das Kleine zwei Monate alt war, kehrte Beth in ihr Studium zurück. Wenn sie Hilfe brauchte, konnte sie auf ihre Mutter zählen. Karl kam jedes zweite Wochenende zu Besuch. Häufiger konnte er nicht, der Weg war zu lang. Karl sah keine Probleme. Sollte Beth einmal ernsthaft krank werden, dann konnte doch ihre Mutter helfen. Die wohnte doch ganz in der Nähe.
Beth fand den Anschluss an die Vorlesungen. Tags war sie in der Universität, nachmittags holte sie die Kleine von der Tagesmutter ab, erledigte den Haushalt und war für das Kleine da. Nachts lernte sie.
Beth blieb keine Zeit für Geselligkeiten, gemeinsame Abende mit Freunden, tanzen gehen. Sie hatte dafür auch nicht die Kraft. Sie unterwarf sich streng ihrem selbstgewählten Tagesablauf. Und sie erreichte gute Abschlüsse. Ihr kleines Mädchen gedieh prächtig. Es habe das passende Gemüt für ein Studentenkind, meinte Beths Mutter. Bei aller Härte und Konzentration im Alltag war Beth glücklich. Sie bestimmte ihren Tagesablauf selbst. Wählte aus, welche Fächer sie in der Universität direkt hörte und welche sie im Selbststudium am Abend nachholte. Beth plante und entschied für zwei Leben. Unbemerkt für sich selbst veränderte sie sich.
Elli. drei.
Heute ist Sonntag. Das ist ein schöner Tag. Mutter und Vater haben gute Laune, weil sie ausschlafen dürfen. Die Kinder dürfen morgens, wenn sie aufgewacht sind, zu den Eltern ins Bett kommen.
Als Elli heute Morgen wach wird, fehlen schon einige Geschwister in ihren Betten. Sie schaut zu den Eltern ins Schlafzimmer. Da tummeln sich schon die beiden älteren Schwestern. Elli wird mit einem fröhlich „Hallo“ begrüßt. Vaters Bett ist schon belegt, die Ältere ihrer Schwestern kuschelt an ihm. So kriecht Elli zu der Mutter ins Bett. Mutter und Ellis mittlere Schwester gackern gerade und kichern. Die Schwester erzählt gerade eine Geschichte. Das kann sie gut. Dauernd fallen ihr so lustige Sachen ein. Allerdings nehmen die Beiden kaum Notiz von Elli oder, anders ausgedrückt, Elli stört ihre Zweisamkeit. So liegt sie in der Mitte des großen Doppelbettes, neben ihr tummelt es sich, und sie fühlt sich allein.
So vergeht ein morgendliches Stündchen, bis der Frühstück-Hunger ruft. Das Schlafzimmer leert sich. Endlich ist der Platz an Vaters Seite frei. Elli schmiegt sich ganz dicht an ihn. Mit ihm mag sie gerne kuscheln, Mutters Körper dagegen spürt sie nicht gerne. Als Vater und Elli allein im Zimmer zurückbleiben, zieht Vater Elli ganz dicht an seinen Bauch und schiebt sie unter das Bettdeck. Dort ist es dunkel. Er hält sie ganz fest, schiebt ihr seinen Daumen zwischen die Beine und beginnt zu reiben. Einmal, als Elli im Keller Strafe sitzen musste und er das gleiche an ihr tat, hatte Elli ihn gefragt, was er da mache. Da hatte er geantwortet, er reibe sie mit seinem Daumen zwischen den Beinen, damit sie aufhöre zu weinen. Sie mag es eigentlich nicht, wenn Vater dieses Reiben mit ihr machte. Sie spürt aber, dass Vater seinen Spaß daran hat und inzwischen hatte auch sie ihren Teil daran entdeckt. Außerdem tut sie für ihn. Sie hat ihn halt lieb, und so tut sie ihm den Gefallen. Endlich ist der Vater zufrieden und Elli taucht unter der Bettdecke wieder auf. Der Vater küsst und streichelt sie. Flüstert ihr ins Ohr: „Du bist halt meine Beste.“ Ja, Elli weiß, dass Vater sie von seinen drei Töchtern am liebsten hat. Das macht sie stolz.
Die Tür zum Schlafzimmer wird aufgerissen. Mutter ist wütend. „Steht ihr nun endlich auch mal auf? Das Frühstück ist schon gleich fertig.“ Elli erschrickt. Die Mutter darf doch nichts wissen. Elli rutscht in Vaters Schatten, lugt vorsichtig nach Mutters Gesicht. Die scheint nichts zu ahnen. Vater antwortet friedfertig, dass sie gleich aufstehen werden.
Am Abend gibt es wieder Ärger für Elli. Sie sei zu laut und zu wild. Morgen müssen die großen Kinder wieder in die Schule und rechtzeitig Schlaf bekommen. Elli muss das gemeinsame Kinderzimmer der Geschwister verlassen und sich zu den Eltern ins Bett legen. Elli versteht das nicht. Bis eben hatten alle Kinder getollt und mit den Kissen durchs Zimmer geworfen. Die Großen waren gerade dabei sich umzuziehen. Sie und der Bruder lagen schon gewaschen im Bett. Als die Tür aufging und Vater zu schimpfen drohte, rief die mittlere Schwester schnell: „Elli. Die tobt wieder wie toll herum. Sie ist überhaupt nicht zu bremsen.“ So kam es, dass Elli nun allein im Schlafzimmer liegen muss. Das ist wirklich sehr traurig. Abends, wenn das Licht ausgeht, ist es nämlich im Kinderzimmer besonders schön. Die Geschwister erzählen dann Geschichten aus der Schule oder von Freunden. Und überhaupt diese Sachen aus der großen Welt, die Elli noch gar nicht richtig versteht. Sie hört dann immer ganz genau zu und beneidet vor allem ihre großen Schwestern. Was die alles schon können und alleine machen dürfen!
Stattdessen muss sie nun hier alleine liegen. Sie versteht auch gar nicht, wieso immer sie ,Die Böse' ist. Die anderen hatten genauso herum getobt wie sie. Und lauter als die anderen war sie auch nicht. Sie hat nun mal ein so lautes Organ. Hat jedenfalls ihre Tante ihr mal erklärt.
Elli weint leise vor sich hin. Sie ruft einfach so in den Raum hinein: „Kommt Jemand ‚Gute Nacht’ sagen? Ich habe noch kein Küsschen bekommen.“ Niemand kommt. Mutter nicht. Das wundert sie wenig. Aber auch Vater kommt nicht. Sie hört ihn im Flur vorbei gehen, aber er öffnet nicht die Tür. Nun wird sie ernstlich traurig.
In ihrem Weinen bemerkte sie gar nicht, dass sich doch die Tür geöffnet hatte. Ihre ältere Schwester steht im Zimmer. Sie ist schon zwölf, ein großes Mädchen, fast wie eine Mutter für Elli. „Soll ich ein bisschen kuscheln kommen?“ Elli freut sich, umarmt die Schwester glücklich. „Du bist halt meine Ersatzmama.“ sagt Elli wie im Spaß. Die Schwester geht immer sehr zärtlich mit Elli um. Wenn gerade niemand Lust hat, sich um Elli zu kümmern, läuft die Schwester und hilft ihr. An Abenden wie heute ist die Schwester oft bei Elli und vertreibt ihr die Angst vorm alleine-Sein. Manchmal, wenn die Schwester früh am Tag zu Hause ist, darf Elli gleich nach dem Mittagsschlaf vom Kindergarten nach Hause gehen. Die Schwester passt dann auf Elli auf. Mutter hat halt im Haushalt zu arbeiten und keine Zeit für Elli. „Erzählst du mir eine Geschichte?“ Die Schwester lässt sich nicht lange betteln. „Soll ich eine von der Micky Maus erzählen?“ „Au, ja.“ Diese mag Elli besonders gern, die sind immer so lustig.
Irgendwann, als die Geschichte zu Ende erzählt ist und beide Schwestern noch miteinander kuscheln, sagt die Ältere zu Elli: „Weißt du was? Als ich so alt war wie du, hat Vater mich auch so lieb gehabt wie dich jetzt.“ Elli schaut die Schwester verwundert an. „Und jetzt, jetzt hat er dich nicht mehr lieb?“ „Nicht so wie dich.“ Die Schwester sieht traurig aus. Elli überlegt. Irgendetwas ist komisch an der Sache. Dann endlich hat sie eine Idee: „Warum hat er denn nur mich lieb, er könnte doch auch uns beide lieb haben? Ich habe doch auch alle meine Puppen lieb.“
“Ich weiß es nicht. Es war jedenfalls so. Seit du auf der Welt bist, hat er mich nicht mehr so lieb gehabt.“ Das findet Elli sehr traurig. Sie umarmt die Schwester. Es tut ihr leid, dass sie der Schwester Vaters Liebe weggenommen hat. „Weißt du was? Dafür bist du meine Lieblingsschwester.“
Elli. vier.
Es ist Abend. Elli war den Tag über im Kindergarten. Jetzt muss sie noch ihre Puppen für die Nacht fertig machen. Das Bettchen muss sie ordnen, die Decken liegen ganz knitterig. Elli hat vier Puppen, eine große und drei kleinere. Die Kleinen kann man in eine Jackentasche stecken. Sie legt sie fein säuberlich nebeneinander, so, dass keine der anderen beim Liegen weh tut. Dann möchte sie die Zudecke über die Puppen legen, damit die in der Nacht nicht frieren. Aber es will ihr nicht gelingen. Ihre kleinen Hände sind zu ungeschickt. Irgendwo schlägt die Decke immer Falten. Und die tun doch den Puppen beim Liegen weh! „Essen.“ Mutter ruft zum Abendbrot. Elli überhört den Ruf. Sie will unbedingt jetzt erst noch das Bettchen fertig machen. Mutter schaut ins Zimmer, wo Elli bleibt. Elli reagiert nicht. „Was machst du denn?“ Mutter kommt näher. Mutter beugt sich über Ellis Puppenbett und schaut ihr beim Ordnen zu.
Eigentlich hat sie nie Zeit für Elli. Sie spielen auch nie miteinander. Nur wenn Elli krank ist, dann ist es schön. Dann kommt Mutter immer an ihr Bett und pflegt sie. Reibt ihr Brust und Rücken ein mit einer Salbe, die gegen den Husten hilft. Mutter bringt ihr Essen und Trinken ans Bett, wenn Elli krank ist. Sie ist dann auch immer sehr sanft mit Elli. Elli hat oft schweren Husten. Manchmal musste sie damit schon ins Krankenhaus, weil sie keine Luft mehr bekam. Wenn Elli gesund ist, redet Mutter kaum mit ihr. Sie hört Elli einfach nicht.
Mutter wird ungeduldig. „Das reicht doch aber jetzt. Nun ist es doch wirklich ordentlich.“ Mutters Stimme klingt schon wieder gereizt. „Nein. Das ist noch gar nicht ordentlich. Siehst du denn das nicht? Hier liegen doch ganz viele Falten. Hilf mir doch mal. Ich kann das noch nicht so gut!“ Elli fetzt wütend das ganze Bett wieder auseinander „Nein. Du kommst jetzt essen. Du kannst das nachher zu Ende machen.“
Elli bleibt nichts weiter übrig. Widerwillig folgt sie der Mutter an den Tisch.
Sie hat wenig Hunger. Ihre Stulle mit Salami hat sie bald gegessen. Sie hat die beiden Scheiben, die jeder bekommen darf, weit hinten auf das Brot geschoben, damit das schönste für den letzten Bissen bleibt. Salami ist teuer und die Eltern haben wenig Geld. Elli kriecht bald auf Vaters Schoß. Vater redet grade. Vater redet viel am Tisch. Die anderen Großen diskutieren mit ihm. Aber Vater ist sehr klug, er hat immer Recht. Egal, worüber sie sprechen, Vater weiß immer ganz viele Gründe, warum die anderen sich irren. Mutter diskutiert nie mit. Und wenn, dann streiten sie sich. Oder Mutter irrt sich. Vater schreit auch schnell herum. Wenn jemand etwas falsch macht. Oder sich nicht ordentlich benimmt. Oder er lacht ganz laut, obwohl keiner lacht. Er weiß halt immer Bescheid. Er muss auch immerzu Mutter irgendetwas erklären. Das Radio zum Beispiel. Vater hat es Mutter schon zig-mal erklärt, aber jedes Mal neu weiß Mutter nicht, wie man es anmacht. Meistens macht es ein Anderer an. Und wenn niemand da ist, der es für Mutter anmachen kann, stöhnt und klagt sie, weil sie ja nicht weiß, wie man das Radio anmacht. Dann muss Vater ihr wieder erklären, was er ihr so oft schon gezeigt hat. Mutter ist aber auch zu dumm. So bestimmt halt immer Vater, was in der Familie passiert.
Während Vater redet, angelt sich Elli seine Scheibe Salami von der Stulle. „Wirst du wohl! Das ist meine Scheibe Salami!“ Vater ist nicht auszutricksen. Er bemerkt einfach alles. Vater schnaubt wütend. Aber einen Moment später lächelt er besänftigt. Elli hat ihren Arm um seinen Hals gelegt, schmiegt ihren Mund an seine Halsbeuge und murmelt: „Darf ich nicht doch deine Salami? Ich möchte so gerne noch eine haben.“ Vater ist weich geklopft. „Na, gut. Aber nur eine. Schau mal, jetzt muss ich das halbe Brot nur mit Butter essen.“ Elli schiebt sich schnell die Scheibe in den Mund. „Das finde ich ja gemein!“ Die mittlere Schwester ist entrüstet. „Wir dürfen alle nur zwei Scheiben Salami haben.“, pflichtet der Bruder bei. „Also wirklich, Vati. Du kannst ihr nicht immer den Willen geben!“ Mutter schaut ärgerlich auf Elli. Elli schmiegt sich dankbar an Vater. Er küsst sie, lacht und bleibt eine Antwort schuldig.
Später, nach dem Abendessen, ist Elli noch nicht müde. Eigentlich muss sie zu Bett gehen. Schnell, als niemand es sieht, läuft sie zu Vater ins Arbeitszimmer. Huhh, da steht ja Mutter. Sie redet mit Vater über irgendeine Sache der Erwachsenen. Als Elli ins Zimmer tritt, löst sich Mutter vom Schreibtisch. „Der Vati muss jetzt arbeiten. Du kannst ihn jetzt nicht stören. Geh in dein Bett, Elli.“ „Ooch.“ Elli protestiert. „Ich will ja nur noch mal kurz mit ihm schmusen.“ „Vati hat jetzt aber keine Zeit. Immer hältst du ihn von der Arbeit ab.“ Mutter fasst Elli bei der Hand und will sie aus dem Zimmer nehmen. Elli stemmt sich gegen den Türrahmen und beginnt zu plärren. „Ich will aber hier bleiben. Ich störe Vati gar nicht. Außerdem hat er es gern, wenn ich bei ihm bin.“ Mutter lässt Ellis Hand los. Vater zieht Elli herüber zu sich und setzt sie sich auf den Schoß. „Ein Weilchen kannst du ja hier bleiben. Aber dann musst du ins Bett gehen, einverstanden?“ Mutter schließt schweigend die Tür.
Beth. fünf.
Inzwischen waren zwei Jahre vergangen. Beth hatte sich einen Absolventenjob in Karls Heimat vermitteln lassen. Sie waren in eine größere Wohnung gezogen. Beth gebar ihr zweites Kind. Sie pflegte es ein Jahr lang, dann endlich wollte sie all dieses jahrelang gesammelte Wissen anwenden und Arbeiten gehen.
Mit Beths Umzug in die gemeinsame Wohnung war auch der Streit zwischen ihnen eingezogen. Die wenigen Freunde, Karls Freunde, mochte Beth nicht. Sie selber hatte gar keine. Nach den Abschieden aus dem Ort der Kindheit oder vom Studienort war ihr keine ihrer Freundschaften wichtig genug geworden, um Kontakt zu halten. Beth gerieten halt alle Menschen ihres Alltags schnell in Vergessenheit.
Karl hatte das Sagen. Er bestimmte die Anschaffungen, suchte die Möbel aus. Haushalt und Kinder waren Beths Feld. Karl war für Garten und Keller zuständig. Er baute Betten für die Kinder, Regale für die Wand. Er befand, ob das Essen schmeckte, die Wohnung ordentlich aufgeräumt sei und ob die Kleidung, die Beth trug, ihr stand.
Sie stritten um den gemeinsamen Haushalt. Sie stritten, ob und wie sie ihre Freizeit miteinander verbrachten, stritten, welche Arbeit zu erledigen sei. Sie stritten um Kindererziehung, wegen ihrer Verwandten, stritten, wer mit welcher Meinung Recht hatte.
Beth stritt gegen Karl. Mehrmals die Woche führte sein erster Weg nach Feierabend in die Kneipe. Erst abends, wenn die Kinder fertig zum Schlafengehen waren, kam er. Fröhlich beschwipst zog er Beth an sich, küsste sie feucht und griff ihr an den Leib.
Wenn Karl mit Beth schlafen wollte, drängte er so lange auf sie ein, bis sie nachgab. Dennoch war sie selbstbewusster geworden. Seine Erfahrenheit machte sie nicht mehr verlegen. Sie war jetzt die Mutter seiner Kinder. Das wog seine Frauengeschichten auf. Sie hatte gelernt, sich ihren Teil der Lust selbst zu verschaffen. Sie versuchte, seine körperliche Heftigkeit an ihre Bedürfnisse nach behutsamer Berührung anzugleichen. Sie verzichtete auf ihr Bedürfnis nach sexueller Entspannung, hob sich quasi ihre Lust auf für das nächste Mal auf, um dann mit ihrer gesteigerten Erregung seinem Tempo entgegen zu kommen. Manchmal versuchte sie auch, nach einer halb erregten Nacht Karl am nächsten Morgen zu verführen. In ihr brannte noch die Sehnsucht nach körperlicher Entspannung. Doch es gelang ihr nie, Karl zu verführen. Stets wies er sie schroff ab. Es entsprach wohl nicht seiner Ordnung, dass eine Frau Lust zeigte.
Eines Tages, Beth und Karl waren gemeinsam zu Besuch bei ihren Eltern, sprach Beths Mutter sie abends am Bett an. „Ihr streitet euch ja so viel.“ Mutter sprach es ohne Umschweife aus. Beth sah sie an, verständnislos, zögerte um eine Antwort. „Streiten wir uns? Manchmal, wohl.“ „Nein, dauernd streitet ihr. Um jedes Wort. Merkst du das denn nicht?“ Beth sann darüber nach. Nein, sie merkte es wohl nicht.
Beth. sechs.
Beths Alltag kannte keine Pause. Am Morgen war jede Minute abgezählt. Es brauchte eine Weile, bis die Kinder angezogen waren und am Frühstückstisch saßen. Die Brote für den Tag hatte Karl geschmiert und bereitgestellt, dann ging er zur Firma. Auch Beth arbeitete dort, aber als werktätige Mutter von zwei Kindern durfte sie jeden Tag 45 Minuten weniger arbeiten. Bei gleichem Lohn, versteht sich. So war es an ihr, die Kinder zum Kindergarten zu bringen.
Irgendetwas ging jeden Morgen schief. Mal fand sich ein Mützchen nicht, mal war sie selbst nicht schnell genug fertig, mal musste der Kleine, kaum angezogen, noch einmal auf Toilette. Der Bus fuhr pünktlich, auch ohne die Drei. Mit dem nächsten Bus kam Beth zu spät auf Arbeit. Etwa fünf Minuten. Zuviel für eine ‚sozialistische Führungspersönlichkeit’, die sie als Ingenieur zumindest darstellen könnte. Manchmal stand der Chef am Tor zur Kontrolle. Einige Kollegen honorierten ihre Verspätung mit hämischem Lächeln: zu spät kommen galt in diesem Land als schlampig.
Unterwegs im Bus weinte der Kleine. Jeden Tag schrie er. Manchmal war der Bus vollgedrängt mit Menschen. Auch ohne Beth sehen zu können, wussten die Leute im Bus: „Aah, ja. Die Frau mit den zwei Kindern ist auch da.“ Es gab keinen ersichtlichen Grund für das Weinen des Kleinen. Vielleicht war er noch müde? Machte ihn die ständige Eile nervös? Beth fand es nie heraus. Sie bemühte sich um ihn, versuchte zu trösten. Doch nichts half. Später schüttelte sie ihre Scham vor den Leuten im Bus ab und ließ ihn einfach weinen. Es war wie ein Ritual zwischen Beth und ihrem Sohn.
War Beth endlich an ihrem Schreibtisch angelangt, fiel sie völlig erschöpft in den Stuhl und war für die nächste Stunde unfähig, irgendeine Tätigkeit zu beginnen. Ihr Arbeitstag hatte beinahe 8 Stunden. Es fiel ihr schwer, sich zurecht zu finden. Die Stadt und ihre Ortsteile waren ihr fremd. Sie kannte nicht die Bedeutung und die Aufgaben der Firmen, mit denen sie dienstlichen Kontakt halten musste.
Als sie ihr erstes Dienstschreiben abfassen sollte, es war die Antwort auf eine Anfrage gewesen, musste sie sich von ihrem Kollegen den Textlaut erklären lassen. Sie verstand die Sprache des Briefes nicht! Jedes zweite Wort endete auf
‚-ung’, dazwischen waren ein paar Hilfsverben eingeschoben und wurden mit Präpositionen verbunden. Das hörte sich in etwa so an: Das X-tung des Z-lung um die L-ation des Be-tung...So klingt die Sprache des Ingenieurs! erklärte ihr stolz der Zimmerkollege. Die Antwort sollte natürlich im gleichen Sprachstil erteilt werden. Beth brauchte mehrere Tage dafür.
Beth lernte, dass man in Dienstgesprächen nicht die gleiche Meinung vortrug, die man eben noch beim Frühstück vertreten hatte. Es befremdete sie, Dinge, die sie blöd oder unerträglich fand, nicht auch öffentlich so benennen zu dürfen. Anstelle dessen war es üblich, die Kritik, die eben noch unter Vier Augen klar benannt worden war, so freundlich zu verpacken, dass sie als solche nicht mehr zu verstehen war. Jedenfalls Beth konnte nichts von dem ursprünglich geäußerten Unmut heraus hören. Wohl möglich wagten die Kollegen erst gar nicht, ihre Kritik zu äußern.
Ihr Zimmerkollege hatte viel Geduld mit Beth. Er hätte ihr Vater sein können. Er war genau so alt wie Dieser, hatte als junger Mann einen ganz ähnlichen Weg genommen, später aber andere Schlüsse aus den politischen Vorgängen im Land gezogen. Inzwischen stand er kritisch dem System gegenüber und prangerte die undemokratischen Zustände und die ideologische Verblendung der Menschen an.
Beth machte eine Arbeit, die niemand wirklich ernst nahm. Sie sollte sich in den Aufgabenbereich ihres Zimmerkollegen einarbeiten, damit sie später, nach dessen Pensionierung, diese fortführen konnte. Sie mussten technische Planungen für die Zukunft aufstellen. Bedarfsmengen prognostizieren, Konzepte zur Sanierung von Stadtteilen oder öffentlichen Plätzen erstellen, zu deren Umsetzung dieses Land wohl niemals Geld haben würde. Man baute neue Häuser, schnell, billig, massenhaft, aus Betonfertigteilen, um dem rasanten Zerfall der historischen Gebäude einen Ausgleich entgegenzustellen. Das Errichten ganzer Satellitenstädte aus Beton beanspruchte beinahe alle Baukapazitäten des Landes. Für die Restaurierung alter Stadtteile reichten die restlichen Kapazitäten nicht aus. Die Straßen waren übersät von Schlaglöchern. Kaputte Dächer, verstopfte Dachrinnen begründeten ein schleichendes Sterben der Häuser. Frisch bemalte Fassaden zeigten schon nach einem Jahr ein fleckiges Gesicht, weil die Farbe nicht auf dem Putz anhaften blieb.
Hochwertige Materialien für eine lange Lebensdauer des Bauwerkes einsetzen, effiziente, energiesparende Anlagen und Geräte, um Gebäude zu beheizen, Wasser oder Abwasser zu transportieren. Sobald diese Dinge nicht im sozialistischen Wirtschaftssektor produziert wurden, blieben in diesem Land solche Techniken ein unerfüllter Traum der Ingenieure.
War endlich Feierabend, stürzte Beth in den Kindergarten. Das war immer ihr erster Weg. Die Erinnerung an ihre eigene Kindergartenzeit war in ihr lebendig. Sie war nie wirklich gern dort gewesen. Hatte schon Stunden vorher darauf gewartet, dass Mutter oder die große Schwester sie endlich abholten.
Mit dem Bus ging es zu Dritt wieder zurück wie am Morgen. Wieder weinte der Kleine, diesmal wohl, weil er überreizt war. Wieder war er nicht zu trösten. Kaum zu Hause angelangt, lächelte er und spielte freundlich bis zum Abend.
Beth erledigte inzwischen den Haushalt, ging einkaufen. Das Abendbrot richtete Karl, wenn er denn pünktlich von Arbeit gekommen war. Hatte er gute Laune, so spielte er ein bisschen mit den Kindern. So konnte Beth schneller die Hausarbeit beenden. Beth mochte auch nicht stillsitzen und zuschauen. Sie flitzte von einer Arbeit zur anderen. Es gab so viel zu tun. Vielleicht konnte sie auch noch irgendetwas Schönes anfangen: ein Buch lesen, oder weiter an einem Kleid nähen.
Das Sandmännchen im Fernsehen erzählte den Kindern die Abendgeschichte. Danach hatten sie ins Bett zu gehen und dort auch zu bleiben. Sonst gab es Ärger. Wenn das Abendprogramm nach den Nachrichten im Fernsehen begann, war mit Karl nicht mehr zu rechnen. Dann wollte er seine Ruhe haben und wenn er darin gestört wurde, hörte der Spaß auf. Beth kreiselte in der Wohnung herum, bis auch sie erschöpft vor den Fernseher fiel. Dann bestimmte das Fernsehprogramm ihre gemeinsame Zeit.
Beth. sieben.
Das eigentliche Leben fand an den Wochenenden statt. Von Montag bis Freitag drehte das Laufrad des Alltags: Kinder, Arbeiten gehen, Haushalt führen, und Beth war der Hamster darin. Es war auch nicht auszumachen, ob die Geschwindigkeit des Rades sie zum Laufen brachte, oder ob Beth es war, die dem Rad das Tempo gab.
Der Job brachte ihr wenig Befriedigung. Nachmittags lief sie zu den Kindern. Tags über nagte ein schlechtes Gewissen an ihr und verwandelte sich am Abend in neue Kraft und Zeit für die Kinder. Alle nötigen Arbeiten erledigen, um Zeit für das Wochenende zu gewinnen. Das Wochenende machte Hoffnung: Zeit, etwas Schönes zu tun. Mit den Kindern im Wald stöbern, Pilze oder Beeren suchen, Baden gehen, ein Buch lesen oder ein Kleidungsstück nähen. Um noch mehr Zeit für diese Dinge zu gewinnen, erledigte Beth ihre Pflichten beinahe im Laufschritt. Noch viel effektiver war: sie tat zwei Dinge gleichzeitig. Stricken und gleichzeitig ein langweiliges Buch lesen, nähen und nebenbei Mittag kochen, Schach spielen und Wäsche legen.
Beth vermochte nicht, untätig zu sein. Auf etwas warten, untätig verharren müssen, war eine Strafe für sie, ja, beinahe eine körperliche Folter. Konnte sie sich diesem Warten nicht entziehen, verfiel sie unweigerlich in Wut.
Hatte Beth an einem Tag möglichst viele Arbeiten erledigen können, sank sie abends erschöpft in ihr Bett. In diesen Momenten war Beth glücklich und fühlte sich wohl in ihrer Haut. Zu gerne hätte sie dann an Karls Seite gekuschelt, um neben ihm einzuschlafen. Aber Karl hatte im Laufe der gemeinsamen Jahre jedes Interesse an einfacher Zärtlichkeit verloren. Manchmal schliefen sie miteinander. Übergangslos, ohne Vorspiel, ohne Zärtlichkeit danach. Das kam selten genug vor. Zu selten, fand Beth.
Es gab in Beths Leben gab noch etwas anderes, worüber bisher noch nicht erzählt worden ist: das Singen. Seit ihrer frühen Kindheit sang sie. Wurde bestaunt und bewundert. Alle, nur ihre Familienmitglieder ausgenommen, waren sicher: Beth würde einmal Opernsängerin werden! Als kleines Kind hatte Beth ungeduldig auf ihre Einschulung gewartet. Erst dann durfte sie in den Chor gehen. Und seither hatte sie nie aufgehört zu singen. Dennoch war sie keine Opernsängerin geworden. Später, als sie der Kinderzeit entwuchs, hatte sie Gefallen an den Naturwissenschaften gefunden. Logische Denkaufgaben lockten sie. Das Wunder der Technik zog sie an. So war sie Ingenieurin geworden.
Solange Beth ein Baby zu versorgen hatte, verzichtete sie auf das Singen. Doch bald, längstens nach einem Jahr, hielt sie es nicht mehr aus und ging wieder zu den Proben. Beim Singen verwandelte sich Beth, unbemerkt für sich selbst. Alle Sorgen, Grübeleien und all die gehetzte Betriebsamkeit fielen von ihr ab. Sie saß still neben den Anderen, eingehüllt in die Musik und wartete: auf ihren Einsatz, auf den Wohlklang ihrer Stimme, auf das Mischen der verschiedenen Stimmen und Instrumente. Dann durchströmte sie ein heißer Schauder und ein tiefes, unbenennbares Glücksgefühl erfüllte sie. Wenn die Notenhefte eingesammelt wurden, kehrte die alte Unruhe in Beth zurück. Sie sprang auf, nahm nur wenig Notiz von den anderen Sängern und eilte nach Hause. Sie hatte keine Zeit zum Schwatzen oder ins Cafe gehen. Sie musste nach Hause zu ihren Kindern!
Beth fuhr manchmal die Eltern besuchen. Der Weg war weit. Sie lebten beinahe an entgegengesetzten Enden der Republik. Oft sahen sie einander seltener als Beth lieb war. Beth freute sich lange im Voraus auf die Reise. Das Wiedersehen war immer eine helle Freude. Mutter und Vater waren glücklich, sie und die Kinder wieder zu sehen. Beth erzählte das Neueste von den Kindern, berichtete über Veränderungen auf Arbeit oder im Ort. Über Erlebnisse, Probleme oder gar über ihre Gefühle sprach Beth nie zu ihren Eltern. Vielleicht hätte sie es getan, wenn sie sich deren bewusst gewesen wäre. Begebenheiten aus ihrem Arbeitsalltag verschwieg sie. Beth kannte die Antwort der Eltern im Voraus. Die wollten keine kritischen Gedanken über das Land hören, in dem sie lebten. Sie sprachen auch nie über Probleme in Beths Leben als Mutter oder in ihrer Ehe. Beth kannte keine Probleme. Nicht mit den Kindern, nicht auf Arbeit. Hatte sie Probleme mit Karl? Sie wusste es wirklich nicht. Da war ein merkwürdiges Gefühl. So ein dauerhaftes Unwohlsein. Aber war das ein Problem? Sie stritten oft, Karl machte, was er wollte. Aber war das ein Problem? War das nicht eher normal?
Einmal, abends beim gemeinsamen Fernsehen mit den Eltern, herrschte ihre Mutter Beth unvermittelt an: „Kannst du überhaupt noch lachen?! Ich habe noch nie ein so junges Mädchen gesehen, dass so viele Augenfalten hat.“ Beth verwirrte. Ihre Mutter scherte sich um Äußerlichkeiten? Wie kam sie darauf, Beth derartig zu beobachten? Beth fühlte Schmerz in sich aufsteigen. Er wuchs so stark an, dass sie die Tränen nur mühsam unterdrückte. Hatte Mutter recht? Lachte sie wirklich nicht mehr? Sie versuchte sich zu erinnern, aber es gelang ihr nicht. Es musste wohl Jahre her sein, dass sie zum letzten Mal lauthals gelacht hatte. Oder war da etwas anderes? So etwas wie ein Schmerz? Ja, tatsächlich. Tief in ihr saß ein Schmerz. Doch Beth konnte nicht sagen, ob der von Mutters Art zu fragen herrührte oder ob Mutter mit ihren Beobachtungen einen alten Schmerz weckte. In solchen Momenten begann in Beth ein Kreisel zu drehen, der ihre Gedanken in ein Karussell setzte. Beth stand dann daneben und vermochte nicht, einen einzigen Gedanken festzuhalten oder als richtig zu erkennen. Mutter und Tochter waren von grundverschiedenem Charakter. Beth hatte oft das Gefühl, dass Mutter Beths Bedürfnisse als unbegründet oder störend empfand. Andererseits spürte sie in solchen Momenten ein starkes Gefühl aus Unverstandensein und Ohnmacht. Ihre Mutter schien Beth nicht im Geringsten zu verstehen. Oder war Beth schuld? Hatte Beth wieder einmal eine andere Ansicht als all die Menschen um sie herum? Bei all diesem Kreiseln kam Beth immer zu dem Ergebnis, dass Mutter wohl recht hatte. Beth war einfach unerträglich anders als die Anderen.
In diesen Momenten fühlte sich Beth elend und unwert. Sie lachte selten, in der Tat. Früher war sie immerzu lustig und auch ein bisschen laut gewesen. Sie war aber auch keine ‚Heulsuse’. Weinen war kindisch und schwach. Beth konnte sich nicht mehr richtig daran erinnern, wann sie zum letzten Mal geweint hatte. Es lag mehrere Jahre zurück. Eines Abends hatte Beth Karl gebeten, nach der Arbeit nicht gleich in die Kneipe zu gehen, sondern wenigstens zu Hause erst mal nach dem Rechten zu schauen. Sie hatte sich überlastet und allein gelassen gefühlt. Die Last machte sie verzweifeln. Unter Tränen hatte Beth Karl von ihrer Not erzählt. Hatte gebeten und ihn angefleht, sich zu ändern. Er hatte Besserung versprochen. Aber nach wenigen Wochen schon war alles in den gewohnten Trott zurück verfallen. Beth hatte sich gewöhnt. Sie hatte resigniert und verhärtete.
Elli. fünf.
Draußen ist es inzwischen schön warm geworden, beinahe Sommer. Elli hat im Kindergarten einen guten Freund gewonnen. Gleich in den ersten Tagen sind sie einander begegnet. Wenn der Wettlauf ums Spielzeug beginnt, helfen sie einander. Wer schneller am Regal ist, holt für den Anderen das Spielzeug mit heraus. Sie wohnen im gleichen Neubaublock, nur in verschiedenen Eingängen und Elli geht oft zu ihm nach Hause spielen. Sie fühlt sich wohl bei diesen Leuten. Die streiten nicht so oft wie ihre Eltern.
Doch heute muss Elli alleine im Sandkasten spielen. Ihr Freund ist unterwegs. Sie spielt ‚Kuchen backen’. Sie liebt dieses Spiel. Wenn man geschickt ist, reißen die Formen beim Anheben keine Löcher in die Kuchen und die sehen dann sehr schön glatt aus. Vorsichtig streicht sie über den Sand und schaut zu, wie einzelne Körnchen rieseln. Elli hat keine weiteren Freunde im Haus. Sie spielt immer nur mit ihrem Freund oder mit ihrem Bruder. Ein Mädchen kommt dazu. Elli hat dieses Mädchen noch nie hier gesehen. „Wohnst du hier?“ Elli findet das Mädchen nicht besonders sympathisch, aber neugierig ist sie doch. „Nein. Ich bin zu Besuch heute hier.“ „Wo denn?“ Das Mädchen zeigt auf einen Häuserblock. Es ist der Nachbarblock zu jenem, in dem Elli wohnt. „Ach, so. Das Haus kenne ich nicht. Ich wohne in dem da.“ Elli zeigt in die entgegengesetzte Richtung. Sie vertiefen sich in ihr Spiel. Elli zeigt dem Mädchen, wie man aus Sand Kuchen backen kann. Sie beherrscht das Kuchen backen schon besser, sie ist ja auch ein bisschen älter als das Mädchen. „Das hier ist das Mehl.“ Elli schiebt die trockene Schicht oben auf dem Sandhaufen beiseite, bis dunkelgelber Sand zum Vorschein kommt. „Man muss diesen Sand nehmen, der klebt gut. Sonst fällt der Kuchen auseinander.“ Elli füllt mit der Schaufel von dem dunklen Sand die Sandspielform, klopft den Sand fest und legt die Form mit einer schnellen Wendung auf ein Holzbrett. Dann rüttelt sie die Form vorsichtig und hebt sie ab. Sie ist stolz auf ihr Ergebnis. Sie hatte lange üben müssen, bis die Kuchen keine abgerissenen Ecken mehr hatten. Beinahe zärtlich krümelt sie trockenen, hellen Sand darauf und verkündet: „Und das ist der Zucker!“
Ein Mann kommt auf die spielenden Kinder zu. „Kennst du den Mann da?“ Das fremde Mädchen fragt Elli. Die schaut hoch, staunt und freut sich. „Ja, das ist mein Vati.“ Vater schaut sonst nie nach Elli, wenn sie spielt. Vater schaut den Mädchen eine Weile beim Spielen zu. „Du hast ja eine neue Freundin gefunden, Elli. Wie heißt sie denn?“ Er schaut das Mädchen an. „Maria.“ „Wohnst du auch hier?“ Das Mädchen zögert mit der Antwort. „Nein, sie ist nur zu Besuch. Sie wohnt im zweiten Block.“ Elli antwortet für das Mädchen, das wohl ein bisschen schüchtern ist.
Vater steigt in den Sandkasten zu den Mädchen und zeigt ihnen, wie man eine Burg bauen kann, mit Gängen darin. Die Mädchen staunen, so etwas haben sie noch nicht gesehen. „Habt ihr Lust, mit in den Wald zu fahren? Hier ist es doch langweilig.“ Elli ist sofort begeistert von Vaters Idee. „Mit dem Roller?“ „Ja. Mit dem Motorroller.“ „Du kannst auch mitkommen.“ Er dreht sich zu dem Mädchen. „Au, ja. Roller fahren ist lustig, du wirst sehen.“ Elli ist gern mit ihrem Vater unterwegs, meistens fahren sie in den Garten. Sie sitzt dann vor ihm zwischen seinen Armen, hinter der Windschutzscheibe, und: ab geht die Post. Der Garten liegt außerhalb der Stadt und die Fahrt dauert schön lange. Das fremde Mädchen aber zögert. Elli wünscht sich, dass das Mädchen mit ihnen mitkommt. Sie möchte ihm zeigen, wie toll es sich auf Vaters Motorroller fährt. Elli redet auf das Mädchen ein. „Das ist lustig, du musst unbedingt mit kommen.“ Vater wird ein bisschen zappelig.
Endlich haben sie beide das Mädchen überredet und gehen gemeinsam zur Garage, wo Vaters Roller steht. „Wartet hier.“ Der Vater lässt die Mädchen auf halber Strecke zurück, und verbietet ihnen, die Straße zu betreten. „Warum dürfen wir denn nicht mit zum Roller kommen?“ Vater gibt keine Antwort. „Ich hab gesagt, ihr sollt hier warten!“- Seine Stimme klingt scharf. Elli schweigt lieber. Sie weiß: es ist sinnlos weiter zu betteln, wenn Vaters Stimme so klingt.
Als Vater mit dem Motorroller zurückkommt, setzt er das fremde Mädchen auf den Sitz hinter die Schutzscheibe. „Und ich? Darf ich nicht mitkommen?“ Das ist eigentlich Ellis Platz. „Doch, klar kommst du auch mit.“ „Ja, aber wo denn?“ „Na, hinter mir ist doch auch noch ein Platz.“ Elli erschrickt. Nein, wenn sie das geahnt hätte, wäre sie lieber allein mit Vater in den Wald gefahren. Dort hinten hat sie noch nie gesessen. Das kann sie doch gar nicht. „Ich weiß doch gar nicht, wie das geht! Wie soll ich mich denn da festhalten?“ „Da ist doch ein Griff.“ Vater rutscht ein Stückchen nach vorn, und tatsächlich schaut da ein weißer Gummigriff aus der Sitzbank heraus. „Ich habe aber Angst. Ich denke, da hinten dürfen nur die Großen sitzen?“ „Na und? Du bist doch schon groß!“ Vaters Stimme wird wieder barsch. „Du bist schon fünf Jahre alt! In deinem Alter muss man so etwas schon können!“ Elli zögert noch. Vater herrscht sie an: „Jetzt aber los, steig endlich auf!“ Elli ist dem Weinen nahe, aber sie muss sich fügen, wenn sie mit in den Wald möchte. Also überwindet sie ihre Angst und steigt auf den Rücksitz des Rollers. Und ab geht die Fahrt. Als sie im Wald ankommen, ist Elli stolz auf sich. Sie ist tatsächlich nicht herunter gefallen!
Vater ist immer noch barsch. Die Mädchen wollen loslaufen, wohin es ihnen gefällt, aber Vater hält sie zurück. „Hier geht’s lang.“ Er weist auf einen Hang mit vielen Bäumen. Elli versucht wieder ihre Überredungskünste. Komisch, heute hat sie kein Glück bei Vater. Er lässt sich nicht beeindrucken. Sie müssen ihm folgen. Dann läuft Elli voran. Sie ist wütend, dass sie sich bei Vater nicht durchsetzen kann. So gehen sie eine Weile durch den Park und Elli läuft vorneweg. Nach einer Weile hört sie Vater rufen: „Elli, du kommst sofort hierher!“ Elli kennt den Ton. Dann hat der Spaß ein Ende, Vater lässt nicht mit sich handeln. Als sie sich umdreht, merkt sie, dass sie allein ist. Die anderen beiden sind auf der Wiese am Hang. Elli sieht Vater an einem Baum knien. Mit dem Rücken vor ihm steht das Mädchen, er hat ihm die Hosen ausgezogen und herrscht es gerade an, dass es sich nach vorn beugen solle. „Nein! Nicht auch noch das.“ Elli ist enttäuscht. Sie hatte sich gefreut, dass Vater mit ihnen im Wald spazieren gehen wollte, und nun macht er ,Das'. Widerwillig geht sie zu den beiden herauf. Sie ist traurig. Immer muss Vater diese blöde Sache machen. Wenn sie das gewusst hätte, wäre sie nicht mit in den Wald gekommen. Das Mädchen, anfangs war es wohl schockiert und bewegte sich nicht, weigert sich nun, sich nach Vaters Willen nach vorn zu beugen. Vater beginnt sein Geschäft. Merkwürdiger Weise fängt das Mädchen an zu weinen. Das kann Elli nun gar nicht verstehen. Sie stellt sich aber auch zu dumm an. Elli wusste aus Erfahrung, dass man sich geschickt halten musste, damit es nicht wehtat, was Vater da machte. Das Mädchen zerrt und macht sich steif. Elli fühlt sich überlegen, sie macht das viel besser. Doch irgendetwas stimmt nicht. Das Weinen des Mädchens wird immer heftiger. Sie scheint nicht nur Angst zu haben, Vater scheint ihr auch wirklich weh zu tun. Machte er mit dem Mädchen etwas anderes als mit ihr?
Elli beginnt zu zweifeln. Vielleicht hatte das Mädchen ja Recht? Vielleicht ist Elli nur Vaters Geschäft zu sehr gewöhnt und hat vergessen, dass man dabei schreien sollte? Vielleicht hat er dem Mädchen auch wirklich wehgetan, währenddessen er ihr nie weh tat? Hatte er nicht irgendwann einmal gesagt: „Dir tue ich nicht weh.“?
Doch. Einmal hatte er ihr wehgetan. Sie waren im Schlafzimmer, in seinem Bett. Er hatte gesagt. „Heute machen wir es einmal anders.“ Dann hatte er ihr seinen ‚Daumen’ irgendwo in ihren Körper gesteckt. Es hatte so wehgetan, dass sie nur noch einen riesengroßen Schmerz im Bauch verspürte. Es schien ewig zu dauern, ehe Vater zufrieden war. Elli war damals vor Schmerz schwarz vor Augen geworden. Als Vater wieder bei sich war, hatte er sie gefragt: „Und, wie fandest du es?“ „Es hat sehr weh getan.“, hatte Elli gehaucht. Ihr fehlte immer noch der Atem zum Sprechen. „Ach so? Dann machen wir es nicht mehr ‚So’. Dir tue ich nicht weh. Du bist doch meine Beste.“
Das Weinen des fremden Mädchens ist inzwischen in Schreien übergegangen. Vater hat begonnen, auf das Kind einzuschlagen. „Bist du still, wirst du wohl nicht schreien!“ Das Mädchen hört nicht auf zu schreien. „Ich schlage dich solange, bis du aufhörst zu schreien.“ Vater schlägt weiter auf es ein. Seine Schläge werden härter. Elli steht inzwischen fassungslos daneben. So hat sie ihren Vater noch nie gesehen. Er ist ganz und gar außer sich. Sie hat noch nie derart ihren Vater Schlagen sehen.
Elli hält die Situation nicht mehr aus. Sie erträgt nicht mehr, zuzuschauen, wie der Vater auf das Mädchen einschlägt. Längst hat sie Mitleid mit dem Mädchen erfasst. Was macht Vater da nur mit dem Mädchen? Er schlägt und schlägt auf das Kind ein, er schlägt es ja noch kaputt! Elli zittert am ganzen Körper und plötzlich beginnt auch sie zu schreien. Elli schreit das Mädchen an: „Hör auf zu schreien, sonst hört er nicht auf, dich zu schlagen!“ Das Mädchen stutzt und sieht zu Elli auf. Für einen Moment schaut das Mädchen schweigend Elli an. Dann hört es auf zu weinen, lässt Vaters ‚Geschäft’ über sich ergehen. Vater hört auf, das Mädchen zu schlagen. Endlich lässt Vater von dem Mädchen ab und ruft nach Elli. Elli tritt an ihn heran. „So, nun zeig ihr mal, wie man Das richtig macht.“ Elli stellte sich für Vater in Position, während er beginnt, sich an ihr zu befriedigen. Komisch. Es tut Elli wirklich nicht weh. „Siehst du, so muss man das machen.“ Elli will das Mädchen trösten: Vaters Geschäft ist doch wirklich nicht so schlimm. Das Mädchen jedoch schaut verständnislos auf Elli. Dann dreht es sich mit einem Ruck um und läuft schnell davon, den Hang hinunter. Es dauert nicht lang, bis Elli das Mädchen aus den Augen verloren hat.
Vater ist irgendwann zufrieden. Doch Elli muss die ganze Zeit über an das Mädchen denken. Warum hatte es so geschrien? Sollte auch sie besser schreien, statt Vater duldsam zu Gefallen zu sein? Was hatte das Mädchen gedacht, als es Elli anschaute, zusah, wie Vater sich an Elli befriedigte? Elli war traurig zumute, weil das Mädchen von Vater solche Schmerzen erlitten hatte. Es schien die Sache zwischen ihr und Vater sehr unerträglich zu finden.
Als Vater seine Kleidung geordnet hat, können sie endlich spazieren gehen. Sie gehen zum Teich, unten in der Niederung. Als sie sein Ufer erreichen, sehen sie das fremde Mädchen. Es steht am anderen Ufer des Teiches, in sicherer Entfernung. Elli ruft das Mädchen. Sofort läuft es davon. „Lass sie laufen.“ Vater hat kein Interesse mehr an ihm. „Aber, wo läuft es denn hin? Es kennt sich doch hier gar nicht aus?“ „Ist doch egal. Was geht uns das an?“ „Und wie kommt es wieder nach Hause?“ „Was weiß ich. Da hat es halt die Strafe. Was schreit es auch so herum.“ Vater hat keine Lust mehr, im Park zu spazieren. Er entscheidet, dass sie nach Hause fahren. Sie gehen zurück zu der Stelle, an der der Motorroller abgestellt steht. Elli schaut immerzu nach dem Mädchen. Es muss doch mit ihnen mitfahren, anders kommt es doch nicht den weiten Weg wieder nach Hause. Als Vater Anstalten macht, den Roller zu starten, sagt sie: „Und das Mädchen? Wie kommt es jetzt zu seiner Mutti zurück?“ „Na, irgendwie wird sie es schon finden.“ „Aber es weiß doch gar nicht den Weg! Es kann doch nicht über Nacht hier im Park bleiben!“ „Also gut, ich gehe zurück und schaue nach ihm.“ Vater stellt den Roller wieder ab. Elli ist zufrieden. „Du bleibst aber hier und wartest!“ Auch gut, wenn er nur nach dem Mädchen suchen geht. Vater geht den Weg zurück, den sie zu dritt gegangen waren. Es dauert lange, ehe er wieder kommt. Allein. „Ich hab sie nicht mehr gefunden. Sie ist irgendwo hingelaufen.“ Elli versteht nicht, was sich das Mädchen denkt. Wo soll es jetzt nur bleiben? Bald wird es Abend. Sie ist traurig wegen dem Mädchen.
Elli geht zu Vaters Roller und steigt auf ihren alten Platz hinter der Windschutzscheibe auf. Wenigstens muss sie nicht wieder hinter Vater auf dem wackeligen Rücksitz sitzen.
Beth. acht.
Beth war in ihrer neuen Heimat angekommen. Kinder, Haushalt und Arbeiten gehen hatten sich in einem Rhythmus aus Gewohnheiten und Wiederholungen miteinander verwoben, Beth und Karl hatten sich im Alltagseinerlei zusammengerauft. Ruhe war in ihr Leben eingekehrt.
So oder ähnlich gab Beth zur Antwort, wenn sie danach gefragt wurde. Der Kleine wurde nicht mehr so häufig krank. Beth erschien regelmäßig zur Arbeit. Die Kinder stritten zwar oft und laut miteinander, liebten sich aber dennoch. Die Wohnung war eingerichtet. Sie hatten alles, was sie zum Leben brauchten.
Bedeutete solch ein Leben Harmonie? Beth musste manchmal an ein Gespräch mit Vater denken, das Jahre zurück lag. Es war kurz vor Beth Hochzeit mit Karl gewesen. Vater hatte beim Abendbrot beiläufig gemeint, man solle die Harmonie beachten. Wenn es in einer Beziehung keine Harmonie gäbe, solle man die ganze Sache besser bleiben lassen. Beth hatte ihn damals prompt gefragt: „Was ist das, Harmonie? „ Vater hatte wortlos sein Brot weiter gekaut, und war ihr die Antwort schuldig geblieben. Wusste er keine Antwort? Oder war ihm die Frage zu dumm erschienen? Nach all den Jahren hatte Beth sich selbst noch keine Antwort geben können.
Ruhe bedeutete für Beth, dass ein Tag den geplanten Verlauf nimmt. Wenn sich die Tage einander ähnelten, dann war Ruhe in den Alltag eingezogen. Harmonie, das musste wohl das Übereinstimmen von Meinungen bedeuten. Gleicher Geschmack, gleiche Werte und Ansichten. Fremde Ansichten stießen Beth ab. Das gleiche erwartete sie von Anderen, wenn sie deren Meinung widersprach. Und weil Anderssein und Fremdsein ganz selbstverständlich zu Ablehnung führten, brachte Beth ihre Meinung stets hart und aggressiv vor. Ganz nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung! Widerrede war sinnlos oder aber nicht mehr interessant.
Beth hatte es nie anders kennen gelernt. Selbst jetzt, als erwachsene Frau, erntete Beth Mutters Ablehnung, wenn sie nicht deren Meinung traf. Karl lachte sie lauthals aus, wenn sie ihm fremde Standpunkte näher begründete. Sie sei naiv und dumm! Jeder müsse sehen, wo er bleibt im Leben, sonst wird man untergebuttert. Streben nach Ehrlichkeit und Gerechtigkeit hätten keine Chance. Solche Sachen zählten nicht. Während Beth ihrem Idealismus nachhängt, erwirtschafteten Andere inzwischen stillschweigend ihren Vorteil. So argumentierte Karl. Wagte Beth dann immer noch zu widersprechen, so schnitt Karl ihr das Wort ab: Beth müsse alles anders machen, als die anderen Leute. Nur, um aufzufallen.
Beth beschlich in solchen Momenten ein merkwürdiges Gefühl. Hatte er Recht? Sie kannte wirklich niemanden in ihrem Umfeld, der so dachte wie sie, mit dem sie über die Dinge des Lebens reden und sich verständigen konnte. Sie fühlte sich fremd und einsam unter den Menschen.
Beim Erziehen der Kinder hatte Beth eine Art 'Strafenleiter' entwickelt. Beim ersten Mal ermahnte sie das Kind ruhig. Beim zweiten Mal wurde sie laut. Wagte das Kind einen dritten Versuch, schlug Beth zu. Beth war davon überzeugt, dass Kinder strenge, konsequente Regeln brauchten. So fühlte sie sich verpflichtet, ihre 'Strafenleiter' einzuhalten. Beth war der festen Ansicht, dass Kinder Ausnahmen von den Regeln nicht verstehen könnten. Ausnahmen würden sie nur als Schwäche, als ein Unterliegen der Eltern verstehen.
Am Abend fand ein Ritual zum Schlafen gehen statt. Diesem Vorgang konnte sich keiner der Familie entziehen. Jeden Abend erfanden die beiden Kinder irgendeinen angeblich ganz wichtigen Grund, weshalb sie dringend noch einmal in die Stube kommen mussten. Mal war es ein Käfer im Zimmer, mal eine nasse Hose, Durst, Toilette gehen. Oder aber, das Geschwisterkind wollte nicht still sein und nun mussten die Eltern für Ruhe sorgen.
Doch was konnte helfen, wenn der Tag zu kurz und das Bedürfnis der Kinder nach Nähe ungestillt geblieben war? Was geschah, wenn nach der fünften Runde nun ernsthaft die Blase drückte? Dann eskalierte Beths 'Strafenleiter'. Der Abend endete mit Geschrei und Weinen.
Karl hielt sich bei diesem allabendlichen Kleinkrieg um das Zubettgehen der Kinder zurück. Er wollte seine Ruhe haben. Wenn das Abendprogramm im Fernsehen begonnen hatte, war er nicht mehr bereit einzugreifen. Meist brüllte er die Kinder dann nur aus dem Sessel heraus und überließ alles Weitere Beth. Ein anderes Mal, er hatte offensichtlich gute Laune, holte er die quengeligen Kinder zu sich heran, setze sie auf seinen Schoss und ließ sie ein Weilchen dem Fernsehprogramm zuschauen.
Wenn Beth und Karl sich gestritten hatten, oder, schlimmer noch: wenn Beth sich verletzt fühlte, ohne recht zu wissen von wem und warum, dann hatten die Kinder keine gute Zeit. Beth hielt sich zwar an ihre 'Strafenleiter', aber ihre Strafen wurden dann unberechenbar und hart. Sie spürte nicht, dass eine tiefe, kalte Wut, ja beinahe Hass sie trieb und ihr jedes Augenmaß nahm. Sie verlor die Kontrolle über ihre Gefühle und Reaktionen. Ein kleines Necken erschien ihr unerhört und frech.
Beth vermochte nicht, noch jung in ihrer Rolle als Mutter, sich in die Welt eines kleinen Kindes einzufühlen. Mehr noch: Beth bewertete alles Tun ihrer kleinen Tochter, als wäre die schon eine Erwachsene. Sie glaubte ernsthaft, ihre Tochter wolle sie ärgern, wenn diese eifrig alle Steinchen, Schnecken, Vogelkacke und Zigarettenstummel von der Straße aufhob, und schneller, als Beth ahnen konnte, sich in den Mund schob. Es dauerte Jahre, bis Beth begriff. Als das zweite Kind, das Söhnchen, ganz ähnlich seiner Schwester mit Begeisterung Dinge tat, so unverständlich für Erwachsene, um sie bald darauf ganz zu vergessen, begriff Beth endlich, dass Kinder nicht nur an ihrem Körper wuchsen.
Eines Tages, Beth war gerade zu Besuch bei ihrer älteren Schwester, war sie mit dem Töchterchen unterwegs. Sie gingen einkaufen, was sonst? Die große Schwester wohnte in Berlin. Diese Stadt war der einzige Ort in der Republik, wo die übliche Mangelware im Ladenregal offen auslag. Berlin sollte halt Aushängeschild für die angebliche Wirtschaftskraft des Sozialismus darstellen. Das Einkaufen in dieser Stadt geriet jedes Mal zu einer Jagd. Die Gelegenheit bot sich selten und die Liste der Wünsche war entsprechend lang geworden.
Beth hetzte. Sie hatte sich zu viel vorgenommen. Die Stadt war weitläufig. Die Entfernungen von Laden zu Laden waren tatsächlich viel größer, als der Blick vermuten ließ. Die weite Sicht und die breiten Straßen ließen die Strecke kürzer erscheinen, als sie tatsächlich war. Inzwischen hatte es zu regnen begonnen.
Beth ging allein in den Laden hinein, um das Töchterchen nicht auch noch mit dem Gedränge der Menschen zu belästigen.
Während Beth im Laden herum suchte, entdeckte die Kleine ein wunderbares Spiel. Der Regen hatte eben aufgehört und glitt nun als feiner Faden aus einer Dachrinne an der Häuserwand entlang. Unmittelbar am Kinderwagen vorbei rann er zu Boden. Als Beth eine Weile später aus dem Laden wieder heraus kam, fand sie das Töchterchen vor, wie es andächtig den Faden sich genau auf den Kopf rieseln ließ und dem Wasser nachspürte. Das Mädchen war bis auf die Haut durchnässt. Es war spät im Herbst. Die Luft war kalt, noch nass vom Regen. Der Rückweg würde beinahe eine Stunde brauchen. Beth sah ihre Tochter lächeln. Da schlug sie zu. Sie schlug solange, bis jemand sie ansprach: „Das ist ja schon Kindesmisshandlung, was sie da machen!“ Beth stutzte, hielt ein. Für die Dauer eines Augenblickes schämte sie sich. Dann aber sah sie auf ihre Tochter. Wie konnte ein vernunftbegabtes Wesen nur so dumm sein? Sich bei diesem Wetter so nass zu machen! Sie schlug nicht weiter, aber ihre Wut hielt noch an, bis das Töchterchen wieder trockene Sachen anhatte.
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