Kitabı oku: «Der Dreißigjährige Krieg»

Yazı tipi:

Cover

Über den Autor
Über den Autor

Dr. phil. Helmut Neuhold, Jahrgang 1959, studierte an der Universität Wien Geschichte und Politikwissenschaft. Er verfasste verschiedene wissenschaftliche Arbeiten mit dem Schwerpunkt Militärgeschichte und biografische Arbeiten. Publikationen bei marixwissen: Die großen Eroberer.

Zum Buch
Zum Buch

Im Jahre 1618 brach eine Katastrophe über Deutschland und weite Teile Europas herein, deren Ausmaß und Folgen sich niemand zuvor hätte vorstellen können. Der später so genannte „Dreißigjährige Krieg“ war ein militärischer Konflikt, der nach und nach große Gebiete des Heiligen Römischen Reiches verwüstete, ausländische Mächte auf den Plan rief, große Bevölkerungsverluste durch Hunger, Seuchen und Massaker mit sich brachte und letztlich ein entvölkertes, wirtschaftlich destabilisiertes und politisch relativ machtloses „Reich“ hinterließ. Dieser lange und folgenschwere Krieg wurde verschieden als Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland bzw. in Europa, als religiöse oder auch als soziale Auseinandersetzung interpretiert. Es war aber wohl der Einfluss aller Faktoren, der zu dieser europäischen Katastrophe führte. So folgte auf die Verheißungen von Renaissance und Humanismus die Barbarei eines unerbitterlichen und in seinen Auswirkungen verheerenden Krieges.

Haupttitel

Impressum


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte vorbehalten
Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2011 Projektbetreuung: Verlagsagentur Mag. Michael Hlatky, A – 8071 Vasoldsberg Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH nach der Gestaltung von Thomas Jarzina, Köln Bildnachweis: akg-images GmbH, Berlin Lektorat: Dr. Thomas Bryant, Berlin eBook-Bearbeitung: Medienservice Feiß, Burgwitz Gesetzt in der Palatino Ind Uni – untersteht der GPL v2 ISBN: 978-3-8438-0253-6 www.marixverlag.de

Inhalt

Über den Autor

Zum Buch

Impressum

Einleitung

Das Präludium einer europäischen Tragödie

Der Aufstand des böhmischen Adels

Die Schlacht am Weißen Berg und die Folgen

Von Dänemarks Intervention bis zum Restitutionsedikt

»Der Löwe aus Mitternacht« und der Schwedische Krieg

Das Ende der Ära Wallenstein und Frankreichs Intervention

Die Schrecken eines nicht endenden Krieges

Der Westfälische Friede und ein verändertes Europa

Herausragende Heerführer des Dreißigjährigen Krieges

Tilly

König Gustav Adolf

Wallenstein

Pappenheim

Außer Konkurrenz: der »tolle Halberstädter«

Johan Banér – »der schwedische Löwe«

Lennart Torstensson

Turenne

Bernhard von Sachsen-Weimar

Die Erinnerung an einen heute unfassbaren Krieg

Zeittafel

Literatur

Kontakt zum Verlag

Einleitung

Die Schrecken eines endlosen Krieges

»Das ist der Tag des Verderbs und das unabwendbare Schicksal Magdeburgs! Troier waren wir, Ilion war und der Elbestadt strahlender Ruhm!« Diesen abgewandelten Vers des römischen Dichters Vergil zitierte der Prediger des Magdeburger Doms Reinhard Bake, als er sich dem kaiserlichen Feldherrn Tilly vor die Füße warf. Hinter ihm standen einige Tausend zutiefst verängstigte Bürger der ehemals blühenden Stadt Magdeburg. Sie hatten vorerst ihr Leben gerettet, indem sie sich in den gewaltigen gotischen Dom der Stadt flüchteten. Doch nun war das Tor aufgebrochen worden und der siegreiche Führer der Belagerungsarmee stand wie ein Engel der Apokalypse vor ihnen. Draußen war die Stadt nur noch ein rauchendes Trümmermeer, in dem mehr als 20.000 Leichen lagen. Die letzte Stunde der Geflüchteten schien gekommen. Doch der kaiserliche Feldherr, dessen Armee gerade das grauenvolle Massaker in einem an Schrecknissen nicht zu überbietenden Krieg begangen hatte, schenkte ihnen das Leben. Nach und nach wagten sich einige der Menschen aus dem Dom hinaus in das, was einmal ihre Stadt gewesen war. Magdeburg war eine einzige Ruine, erfüllt vom Gestank verbrannter Gebäude und Menschen. Es sollte zwei Jahrhunderte dauern, bis sich die Stadt von dieser Katastrophe erholte. Die Eroberung und Vernichtung der Stadt Magdeburg und ihrer Bevölkerung war einer der traurigen Höhepunkte eines Krieges, der ein Ausmaß angenommen hatte, das Europa bis dahin nicht kannte.

Im Jahr 1618 brach eine Tragödie über das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und weite Teile Europas herein, deren Größenordnung und Folgen sich niemand zuvor hätte vorstellen können. Der später so genannte »Dreißigjährige Krieg« war ein militärischer Konflikt, der nach und nach große Gebiete des Heiligen Römischen Reiches verwüstete, ausländische Mächte auf den Plan rief, die politisch und militärisch intervenierten, große Bevölkerungsverluste durch Seuchen, Hunger, Massaker und Kriegshandlungen mit sich brachte und letztlich ein entvölkertes, wirtschaftlich destabilisiertes und politisch relativ machtloses Reich hinterließ.

Dieser lange und folgenschwere militärische Konflikt wurde verschiedentlich als Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland bzw. in Europa, als religiöse oder auch als soziale Auseinandersetzung interpretiert. Es war aber wohl der Einfluss all dieser Faktoren, der zu einer so lange andauernden europäischen Misere führte. Zumindest zu Beginn des Krieges dominierte jedoch der religiöse Aspekt. Ohne den Erfolg Martin Luthers und der im Zuge seiner Lehren einsetzenden Gegenreformation hätte es auch den Dreißigjährigen Krieg nicht in dieser Form gegeben. Vieles von dem, was in jener Auseinandersetzung passiert ist, resultiert allein aus dem unerbittlichen Hass, mit dem sich die Konfessionen begegneten. So folgte auf die Verheißungen von Renaissance und Humanismus die Barbarei eines bisher nicht gekannten totalen Krieges. Dieser Begriff scheint für die Dimension des Dreißigjährigen Krieges angemessen, auch wenn er im heutigen Sprachgebrauch in erster Linie für die beiden Weltkriege verwendet wird.

Einige der Akteure des Dreißigjährigen Krieges sind noch heute präsent. Die Erinnerung an Persönlichkeiten wie Wallenstein, Gustav Adolf oder Tilly gehörte bis vor kurzem noch zum allgemeinen Bildungsgut. Die Ursachen, der Verlauf und die Folgen dieses Krieges hingegen sind den Meisten weniger bekannt, wenn man von der Vorstellung blutiger Schlachten, plündernder Landsknechte und drangsalierter Bauern und Städter absieht. Die großen Persönlichkeiten waren es auch, die den Verlauf dieses Krieges weitgehend, teils als Treibende, teils als Getriebene, bestimmten, bis er in seiner Endphase allen entglitt und eine Eigendynamik entwickelte. Aus diesem Grund geht die vorliegende Arbeit neben der Ereignisgeschichte auch besonders auf herausragende Gestalten dieser Epoche, ihre Persönlichkeit, Motive und ihr Schicksal ein.

Bewusst wurde in der Gliederung der Darstellung auf die »klassische« Unterteilung dieses großen europäischen Konflikts, der auch »Teutscher Krieg« genannt wurde, in vier »Kriege« verzichtet. Der »Böhmisch-pfälzische Krieg« (1618 – 1623), der »Dänisch-niedersächsische Krieg« (1623 – 1629), der »Schwedische Krieg« (1630 – 1635) und der »Schwedisch-Französische Krieg« (1635 – 1648) bedingten einander und gingen ineinander über. Manche Autoren sprechen sogar von bis zu 13 Kriegen und 10 Friedensschlüssen, weshalb man zuweilen auch die Bezeichnung »Dreißigjähriger Krieg« in Frage stellte. Mit dem gleichen Argument könnte man auch den Zweiten Weltkrieg in verschiedene kriegerische Konflikte, wie z. B. den »Deutsch-Polnischen Krieg«, den »Deutsch-Französischen Krieg« bis hin zum »Deutsch-Sowjetischen Krieg« unterteilen. Der Dreißigjährige Krieg wurde jedoch bereits von Zeitgenossen als »Einheit« wahrgenommen, da er eine in sich geschlossene Abfolge von Kriegshandlungen darstellte, bei denen zwar neue Konfliktparteien hinzukamen, sich aber an der Grundsituation zweier verfeindeter Lager innerhalb des Heiligen Römischen Reiches nichts änderte. Das ist auch der Grund, weshalb der Westfälische Friede schließlich als Beendigung dieses drei Jahrzehnte währenden Ringens betrachtet wurde.

Als der Dreißigjährige Krieg zu Ende war, hatte sich zwar die konfessionelle Landkarte Mitteleuropas kaum verändert, die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse waren indessen einem radikalen Wandel unterzogen worden. Einige Nationen, darunter Frankreich und Schweden, hatten einen massiven Machtzuwachs erfahren, während anderen erst eine eigenständige Entwicklung ermöglicht wurde, so etwa der Schweiz und den Niederlanden. All dies ging zu Ungunsten der Deutschen, die neben massiven Bevölkerungsverlusten die nun festgeschriebene Einbuße der Zentralgewalt und einen wirtschaftlichen Niedergang hinnehmen mussten. Das Heilige Römische Reich als übergeordnete politische Einheit wurde zur Fassade und die Macht des Kaisers auf seine Erblande beschränkt. Ohne diese »Urkatastrophe« Deutschlands und Mitteleuropas wären die weiteren historischen Entwicklungen in großem Maße anders verlaufen.

Es wurde versucht, für die vorliegende Arbeit eine möglichst große Anzahl von Quellen heranzuziehen, wobei der Fokus besonders auf persönlichen Berichten, Briefen und Tagebuchaufzeichnungen von Zeitzeugen lag. Die eingefügten Zitate, Berichte, Gedichte und Liedtexte sollen das geschilderte Zeitbild und die beschriebenen Ereignisse dieses in seiner Art einmaligen Krieges dokumentieren und abrunden.

Das Präludium einer europäischen Tragödie

Wenn es um die Vorgeschichte des Dreißigjährigen Krieges geht, so wird zumeist auf den »Augsburger Religionsfrieden« von 1555 Bezug genommen. Er schien die Basis für eine friedliche Koexistenz für Protestanten und Katholiken im Heiligen Römischen Reich zu gewährleisten. Während in Frankreich Bürgerkriege zwischen den beiden verfeindeten Konfessionen das Land innerlich zerrissen, hatte es den Anschein, als herrsche im Reichsterritorium weitgehend religiöser Friede. Die Landesherren bestimmten in jenen Tagen die Konfession ihrer Untertanen (»cuius regio eius religio«!) und wer nicht gehorchen wollte, musste auswandern. Alles machte einen geregelten Eindruck, doch dieser Friede erwies sich als trügerisch.

Vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges bestand das Reich aus etwa 300 Fürstentümern, Grafschaften und Reichsstädten; hinzu kamen die Niederlande, die Schweizer Eidgenossenschaft und das Königreich Böhmen. Betrachtet man eine Karte von damals, so ist es nicht möglich, in dem wirren Fleckenteppich großer und kleiner Herrschaftsgebiete den tiefen Graben zu erkennen, der Katholiken und Protestanten voneinander trennte. Dennoch war er vorhanden und wurde im Laufe der langen Jahre relativen Friedens vor 1618 immer tiefer.

Ein venezianischer Reisender schätzte 1570, dass etwa 80 Prozent der Reichsbevölkerung protestantisch waren. (Milger 1998, S. 14) Trotz aller Bekämpfungsmaßnahmen und der aufkommenden Gegenreformation übte die Lehre Luthers auch in den Territorien der katholischen Landesherren eine große Anziehungskraft aus. Selbst in den Erblanden des erzkatholischen habsburgischen Kaiserhauses waren die Protestanten in vielen Gebieten in der Überzahl. Dadurch konnten sie in vielen Bereichen gewisse Freiheiten durchsetzen, die ihnen nach dem Verdikt des Augsburger Religionsfriedens gar nicht zugekommen wären. Die habsburgischen Herrscher des Heiligen Römischen Reiches begegneten der protestantischen Unterwanderung ihrer Territorien entweder mit einer gewissen Toleranz – wie etwa Kaiser Maximilian II. – oder aber mit brutalen gegenreformatorischen Durchsetzungsversuchen wie sie sich zeitweise in dem desorganisierten Herrschaftsgebaren von Rudolf II. zeigten.

Da sich die Reformation trotz allem gegen Ende des 16. Jahrhunderts weiter ausbreitete und der Katholizismus im Zuge der Gegenreformation gleichzeitig wieder erstarkte, schwand die Kompromissbereitschaft zunehmend. Eine neue Generation von katholischen und evangelischen Fürsten war bereit, mit Gewalt die eigene Position auf Kosten der Gegenseite zu verbessern und verloren gegangene Gebiete zurückzuerobern. Zudem trachteten auch die bisher völlig an den Rand gedrängten Calvinisten danach, ihre Konfession im Reichsrecht zu verankern. Hinzu kamen noch wirtschaftliche Krisen und dynastische Konflikte, die neben konfessionellen Gegensätzen für zusätzlichen Sprengstoff sorgten.

Die andere Hälfte der Familie Habsburg, die in Spanien regierte, duldete in ihrem Kernland keinerlei Ketzertum und ließ »Irrgläubige« den Feuertod sterben. Doch in den Nordprovinzen der Spanischen Niederlande – etwa dem heutigen Holland – konnten sie ihre religiösen Vorstellungen gegenüber den starken Ständen der calvinistischen Adeligen und wohlhabenden Bürger nicht durchsetzen. Infolge der spanischen Unterdrückungsversuche kam es zu einem Befreiungskampf der Niederländer, der letztlich 80 Jahre dauern und in seiner Spätphase in einer intensiven Wechselwirkung mit dem Dreißigjährigen Krieg stehen sollte.

Der den Großteil seiner Regierungszeit in Prag residierende Kaiser Rudolf II. agierte wie die Karikatur eines habsburgischen Herrschers. Von schrullig-abergläubischer Gesinnung, mangelte es ihm entschieden an Entschlossenheit und Tatkraft. Da er außer Stande war, sich gegen die Grillen seiner obskuren Ratgeber und die Machtansprüche seiner Kammerdiener zur Wehr zu setzen, fehlte es dem Reich unter seiner Regentschaft an einer klaren Linie. Anstatt sich um die Gefahren zu kümmern, die von Innen durch die Feindschaft der beiden Konfessionen und von Außen durch die Osmanen drohten, galt das einzige Interesse des Kaisers seinen depressiven Verstimmungen, der Astrologie und der Mystik. Solchermaßen mit seinem Innenleben und erdentrückten Dingen beschäftigt, gingen die heraufziehenden Konflikte in seinem Reich gänzlich an ihm vorbei. Das Ende der »Herrschaft« dieses seltsam melancholischen und weltfremden Kaisers war letztlich von Chaos und Gewalt bestimmt.

Frankreich hatte nach einer Phase innerer Wirren und Religionskriege unter Heinrich IV. eine gewisse Stabilität erlangt. Kardinal Richelieu, der den eher schwachen König Ludwig XIII. dominierte, sollte später massiv in den Dreißigjährigen Krieg eingreifen, um Frankreichs Position in Europa auf Kosten des Heiligen Römischen Reichs und Spaniens zu verbessern. Sein Nachfolger Kardinal Mazarin setzte diese Entwicklung fort und war am Ende der eigentliche Gewinner des schrecklichen Krieges. Dadurch wurde Frankreichs Hegemonie in Europa für längere Zeit erfolgreich festgeschrieben.

Der am 17. April 1573 geborene Herzog Maximilian I. von Bayern wurde zu einer der wichtigsten Figuren des Dreißigjährigen Krieges. Der Herzog, der 1598 an die Regierung Bayerns gelangte und diese Herrschaft mehr als 50 Jahre lang ausübte, war in vielerlei Hinsicht ein absoluter Fürst, der sein Land nach damals modernen Lehren umgestaltete. Aber er war auch ein katholischer Eiferer und ein unerbittlicher Gegner des Protestantismus. Von Jesuiten erzogen, wurde er ein führender Vertreter der Gegenreformation. Als Reaktion auf sein brutales Vorgehen gegen die protestantische Stadt Donauwörth im Jahr 1607 formierte sich die Protestantische Union als ein Bündnis protestantischer Fürsten, dem sich 1609 die Katholische Liga gegenüber stellte. Maximilian I. übernahm die Führung dieser Vereinigung katholischer Fürsten, zu der sich 1610 auch der spätere Kaiser Erzherzog Ferdinand gesellte. Damit waren die Fronten für künftige Konflikte klar gezogen und Maximilian scheute auch nicht davor zurück, Öl ins Feuer zu gießen. Er unterstützte seinen Freund und Studienkollegen Ferdinand bei dessen Wahl zum Kaiser und wurde sein wichtigster Bundesgenosse. Aus den engen Freuden wurden allerdings erbitterte Feinde, als Ferdinand II. sich einige Zeit später als absoluter Kaiser einsetzte und aus diesem Grund führte Maximilian I. einen heftigen Kampf gegen den überragenden kaiserlichen Feldherrn Wallenstein.

So war denn auch Ferdinand II. in hohem Grad verantwortlich für den Ausbruch und die Fortführung des Dreißigjährigen Krieges und ohne ihn hätte dieser Konflikt wohl niemals ein derartiges Ausmaß erreicht. Ferdinand war der zweite Sohn von Erzherzog Karl II. von Innerösterreich und Maria von Bayern. Er wurde am 9. September 1578 in Graz geboren und von frühester Kindheit an streng katholisch erzogen. Ab 1590 nahmen sich die Jesuiten der Universität Ingolstadt seiner an und er wurde einer ihrer eifrigsten Schüler. Ferdinand vertrat für den Rest seines Lebens deren Standpunkt und wurde in gewisser Weise ein »päpstlicher Krieger«. Niemand sollte später größeren Einfluss auf ihn haben als seine jesuitischen Beichtväter. Nach dem frühen Tod seines Vaters war der junge Ferdinand zunächst durch eine eingesetzte Vormundschaftsregierung gebunden und konnte erst nach seiner Erbhuldigung im Jahr 1596 eigenmächtig handeln. Er weigerte sich aber, bei seinem Huldigungseid die religiösen Zugeständnisse seiner Vorgänger an die Protestanten zu bestätigen. Gelenkt von seinen jesuitischen Ratgebern verkündete er, dass diese Zugeständnisse lediglich ein persönliches Entgegenkommen dargestellt hätten und mit dem Tod seines Vaters erloschen seien.

Nach einer Italienreise trat er schließlich den Kampf gegen die Protestanten an. Ferdinand, den seine Anhänger später einen »zweiten König David und Cattolichissimo« und seine Gegner einen »mordkatholischen Fürsten« (Kronen-Zeitung, Wien, 19. 12. 2010) nannten, zeigte nun, wozu er fähig war. Der Erzherzog hatte unter anderem auch deshalb leichtes Spiel, weil sich die Protestanten zu jener Zeit durch politische und religiöse Flügelkämpfe selbst in großem Maß schwächten. Vom Erzherzog ins Leben gerufene »Reformationskommissionen« setzten alle Nichtkatholiken unter Druck und ließen ihnen nur zwei Möglichkeiten: Bekehrung zum »rechten Glauben« oder Auswanderung, was zu einem ausgeprägtem Bevölkerungsschwund führen sollte. Schon bald waren die Steiermark, Kärnten und Krain wieder fest in katholischer Hand. Hier hatte Ferdinand gesiegt, während er im Kampf gegen die Türken keine sehr gute Figur machte, da er wie die meisten Habsburger über wenig militärisches Talent verfügte.

Gegenüber dem »Bruderzwist im Hause Habsburg« zwischen Kaiser Rudolf II. und dem ihm geistig unterlegenen Bruder Erzherzog Matthias nahm Ferdinand eine eher vermittelnde Rolle ein, wobei er allerdings die tolerante Haltung von Matthias gegenüber den Protestanten sehr missbilligte. Der Tod des Kaisers in Prag und die Kinderlosigkeit seines Nachfolgers Matthias werteten die Stellung Ferdinands als wahrscheinlichem Nachfolger erheblich auf. Er sicherte sich diesbezüglich durch einen Vertrag mit der spanischen Verwandtschaft ab, die gegen kleinere Gebietsabtretungen auf ihre potentiellen Erbansprüche verzichtete. Ferdinand konnte 1617 seine Wahl zum König von Böhmen überraschend leicht durchsetzen und ein Jahr später nach zähen Verhandlungen auch die ungarische Königswürde erlangen. Die Stände dürften ihn und seine Konfliktbereitschaft weit unterschätzt haben.

Ferdinand hatte bei seiner Designierung durch die böhmischen Stände zugesagt, sich an den Majestätsbrief zu halten. Einige Angehörige der Stände glaubten allen Ernstes, dass Ferdinand dieses Dokument respektieren würde. Die Urkunde war von Kaiser Rudolf II. am 9. Juli 1609 unterschrieben worden, als er sich in die Enge getrieben sah. Sie garantierte eine fast ständische Verfassung, das Recht der Stände auf die Königswahl und vor allem die Freiheit der Konfession. Auch Rudolfs Nachfolger Matthias hatte seinerzeit dem Majestätsbrief zugestimmt. Es ist zu vermuten, dass führende Vertreter der böhmischen Stände ohnehin damit rechneten, dass Ferdinand sich nicht an seine Verpflichtung halten würde und somit ein Grund gegeben war, ihn abzusetzen und durch einen gewählten tschechischen Adeligen zu ersetzen.

Ferdinand tat auch bald das, was man von ihm erwartet hatte, und die »Braunauer Händel« zeigten dem Beobachter sehr schnell, in welche Richtung die Entwicklung ging. Den Hintergrund dafür bildete der Beschluss, eine protestantische Kirche abzureißen, die angeblich auf einem Klostergrundstück errichtet worden war. In der im Nordosten Böhmens gelegenen Stadt verhärteten sich nun die Fronten und die Stände setzten so genannte »Defensoren« ein, die ihre Rechte vertreten sollten. Diese beriefen einen Landtag ein, der Beschwerde beim Kaiser einreichte. Die Antwort von Matthias war äußerst undiplomatisch. Der Abriss der Kirche verletze den Majestätsbrief nicht und außerdem seien weitere Sitzungen des Landtags verboten; bei Zuwiderhandlung drohe Strafe. Durch das Versammlungsverbot wurde der Majestätsbrief nun erst recht außer Kraft gesetzt. Der Landtag fand jetzt dennoch statt und die Erbitterung der Ständevertreter war groß. Man war der Auffassung, dass die Aufhebung des Majestätsbriefes vor allem durch die Statthalter der Habsburger in Böhmen betrieben wurde. Deshalb begaben sich viele der Ständevertreter am 23. Mai 1618 bewaffnet zur Prager Burg, um diese Beamten zur Rechenschaft zu ziehen. Sie hatten bereits eine Anklageschrift aufgesetzt und vorsorglich auch schon ein Urteil.

Der Aufstand des böhmischen Adels

Der Fenstersturz

von Rainer Maria Rilke

»Naht Verrat mit leisem Schritte,

ungerächt, bei der Madonna,

bleibt er nicht! Nach alter Sitte

zu den Fenstern« schrie Colonna.

»Schont den Popel! Doch die andern,

jeder eine feige Natter,

aus den Fenstern lasst sie wandern!

Mitleid? – Werft ihn mit, den Platter!«

Bange hangt am Fensterstocke

Martinitz noch – Da Geröchel:

Turn schwingt seine Degenglocke

und zerschmettert ihm den Knöchel.

Um zum nächsten: »Sag, wie heißt er,

Böhmens Herr? du sollst mirs deuten!«

»Graf von Turn!« – »Der Bürgermeister

lasse alle Glocken läuten!«

(Rainer Maria Rilke: Erste Gedichte. Leipzig 1913, S. 49 f)

Was Rainer Maria Rilke hier poetisch verewigt hat, entspringt nicht der Dichterphantasie, sondern basiert auf realen geschichtlichen Ereignissen. An dem Tag, der als »Der Prager Fenstersturz« in die Geschichtsbücher einging, waren in der Hofkanzlei zwei königliche Statthalter anwesend: der im Gedicht namentlich erwähnte Jaroslav Borsita Graf von Martinitz und Wilhelm Slavata. Diese schienen durch das Auftauchen der insgesamt 200 erbosten Ständevertreter ziemlich überrascht gewesen zu sein, da sie nicht den mindesten Versuch unternahmen, sich zu wehren. Die Eindringlinge veranstalteten eine improvisierte Gerichtsverhandlung, deren Ergebnis allerdings bereits fest stand. Danach wurden die beiden »Schuldigen« und ein anwesender Sekretär namens Philipp Fabrizius aus dem Fenster der Kanzlei geworfen.

Die erbosten Adeligen griffen hierbei zu einer in Böhmen beinahe traditionellen Form des Protestes. Der Prager Fenstersturz vom 23. Mai 1618 war nicht der erste seiner Art, aber der wohl folgenschwerste. Nach offizieller Zählung gab es drei Fensterstürze. Leitete der erste sehr blutige Prager Fenstersturz vom 30. Juli 1419 die Hussitenkriege ein, so war der zweite von 1618 zwar unblutig, führte aber zum schlimmsten kriegerischen Ereignis der europäischen Geschichte vor den beiden Weltkriegen. Der dritte Prager Fenstersturz vom 10. März 1948 schließlich bedeutete die endgültige Machtübernahme durch die Kommunisten in der Tschechoslowakei.

Die drei von den Ständevertretern aus dem Fenster geworfenen Männer fielen immerhin etwa 17 Meter tief, überlebten aber alle ohne ernsthafte Verletzungen. Später wurde behauptet, sie wären auf einen Misthaufen gefallen, ein Gerücht, das von heutigen Prager Fremdenführern eifrig immer aufs Neue in Umlauf gebracht wird. Doch die Drei hatten einfach großes Glück, da die abgeschrägte Wand den Fall bremste und sie dicke Kleidung trugen. Als die Ständevertreter sahen, dass ihre Opfer die Bestrafung überlebt hatten, zielten sie noch mit einigen Schüssen auf sie, die sie allerdings verfehlten. Die beiden schockierten Statthalter konnten entkommen und fanden Unterschlupf bei einer katholischen Adeligen. Der ebenfalls entkommene Sekretär Fabrizius machte sich gleich auf den Weg nach Wien, um dem Kaiser von dem Aufstand zu berichten.

Ferdinand sah nun den ersehnten Zeitpunkt gekommen, um gegen die rebellischen Stände und die protestantischen »Ketzer« vorzugehen. Er wollte den Krieg und er sollte ihn haben. Für die Finanzierung legte er Kaiser Matthias folgende Strategie vor: »Die eingezogenen Güter der Rebellen werden die Unkosten für den Krieg reichlich kompensieren, und der Schrecken der Hinrichtungen wird die Stände zum Gehorsam bringen.« (Zitiert nach Milger 1998, S. 41), Um die Kontroverse jedoch nicht noch weiter zu schüren, richtete Matthias einen versöhnlichen Brief an die Rebellen. Der für die Spanier tätige Graf Bucquoy am 1. Juni nach Wien geholt, um eine Stelle als kaiserlicher Feldmarschall anzutreten. Es wurden nun auch einige Regimenter aufgestellt und Kriegspläne besprochen. Auch wenn sich der Kaiser dagegen sträubte, schien der Konflikt nicht mehr aufzuhalten zu sein, da die Aufständischen nicht bereit waren, nachzugeben.

Nach dem Prager Fenstersturz wurde von den böhmischen Ständen eine Verwaltung ins Leben gerufen, die aus insgesamt 30 Direktoren aus ihren Reihen bestand. Ein kompletter Bruch mit dem Kaiser war zunächst nicht beabsichtigt. Doch schon bald gewannen jene Kräfte die Oberhand, die die vollständige Anerkennung der »Confessio Bohemica« und die Wiederherstellung der Ständefreiheiten forderten. Außerdem wurde letztlich auch noch die Wiedereinführung des alten böhmischen Wahlkönigtums verlangt. Die böhmischen Stände ersuchten die niederländischen Generalstaaten, den Herzog von Savoyen, die protestantische Union und den Kurfürsten der Pfalz um Unterstützung, die ihnen allerdings nicht in dem von ihnen erwünschten Ausmaß zuteilwurde, da vor allem die Niederländer mit dem Konflikt mit Spanien beschäftigt waren. Doch finanzierte schließlich der Herzog von Savoyen eine Söldnerarmee unter Peter Ernst II. von Mansfeld zur Unterstützung Böhmens.

Heinrich Matthias Graf Thurn war der Anführer der Aufständischen und spielte in dieser Funktion eine bedeutende Rolle. Der am 24. Februar 1567 geborene Thurn hatte protestantische Eltern, war jedoch nach dem Tod seines Vaters massiven katholischen Umerziehungsversuchen ausgesetzt gewesen. Doch der junge Adelige stand fest zu seinem protestantischen Glauben. Thurn hatte im Laufe seiner Karriere verschiedene Ämter inne. So war er beispielsweise Teil der kaiserlichen Gesandtschaft, die Istanbul besuchte. Er unternahm weite Reisen, die ihn unter anderem in den Orient führten, focht gegen die Türken in Ungarn und verließ die Armee als Oberst und Kriegsrat. Durch seine Vermählung mit Susanna Elisabeth, der Tochter des Freiherrn Otto von Teuffenbach, erwarb er ein großes Vermögen und wurde Mitglied der böhmischen Stände. Obwohl er niemals Tschechisch erlernte, fand er in Böhmen seine Heimat. Von Kaiser Rudolf II. zum Burggrafen von Karlstein erhoben und dann wegen seiner protestantischen Gesinnung von diesem Posten wieder abgesetzt, war er von großem Hass gegen die Habsburger erfüllt. Thurn hatte in der Steiermark auch die Brutalität der Gegenreformation im Stil Erzherzog Ferdinands erlebt. So kam es, dass er der Hauptverfasser der von den böhmischen Ständen aufgesetzten Apologie war, mit der Erstere ihr Verhalten zu rechtfertigen versuchten. Obgleich er militärisch unvermögend war, wurde er schließlich auch zum militärischen Führer des ständischen Heeres ernannt.

Im August 1618 fiel der kaiserliche Oberst Dampierre mit einer Söldnertruppe in Böhmen ein. Die Bauern und Bürger des aufständischen Landes bekamen als erste die Gräuel des beginnenden Krieges zu spüren. In Böhmen nahmen Raub, Mord und Brandschatzungen ihren Anfang und sollten Mitteleuropa für die nächsten 30 Jahre in Angst und Schrecken versetzen. Dampierres Kommando über die kaiserlichen Regimenter wurde bald vom niederländischen Grafen Bucquoy übernommen, der als erprobter Kriegsmann galt. Der neue Kommandeur stieß auch bis Caslau vor, das nur acht Meilen von Prag entfernt ist. Dort konnte er sich jedoch nicht lange halten, da die nachrückenden Kriegstruppen des kaiserlichen Regiments nur unzulänglich ausgebildet waren, ein Manko, das zugleich einen bitteren Vorgeschmack auf den weiteren Verlauf des langen schrecklichen Krieges darstellte. Bucquoy zog sich mit seinen Truppen nach Budweis zurück und der militärisch unfähige Thurn konnte seine Offensive nach Niederösterreich in die Wege leiten, wobei er vorerst die Stadt Zwettl verwüstete. Die Sache Ferdinands schien nun eher schlecht zu stehen und man erwartete einen Angriff auf Wien.

Immer häufiger tauchte in den Berichten vom Kriegsschauplatz das Wort »Plünderung« auf. So berichtete eine zeitgenössische Quelle:

»Im Februar 1619 hat das Kriegsvolk der Böhmen die kaiserlichen Heerestruppen in Budweis und Krumau belagert. Trotzdem haben sie sich herausgewagt und etliche Streifzüge in die Herrschaft Schwanberg getan, etliche Flecken und Dörfer geplündert, zum Teil gar abgebrannt. Bisweilen sind sie von den Böhmen ereilt und tapfer gezwackt worden.«

(»Theatrum Europaeum«, zitiert nach Milger 1998, S. 48)

Eine Anzahl bedeutender Ereignisse der Weltgeschichte wurde mit dem Erscheinen von Kometen in einen Deutungszusammenhang gebracht. So auch der Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges. Ein mitteldeutscher Chronist (Volkmar Happe) berichtete:

»Den 3. November 1618 ist ein schrecklicher Comet am Himmel erschienen, der etliche Monat und gar bis in das folgende Jahr gesehen war, denn darauf in aller Welt Krieg, Aufruhr, Blutvergießen, Pestilenz und theure Zeit und unaussprechlich Unglück erfolget. Kein schrecklichen Comet man spürt, der nicht groß Unglück mit sich führt. In diesem Jahre ist der Böhmische Krieg angegangen und stark continuiret worden.«

(Chronikon Tuhringiae. Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena)

Ferdinand gelang es nun mit spanischer Rückendeckung, den eher um Ausgleich bemühten Kardinal Klesl als Kanzler des schwachen Kaisers Matthias auszuschalten. Der Kardinal wurde von der Kriegspartei unter fadenscheinigen Anschuldigungen verhaftet und in der Folge nach Rom gebracht, wo er jahrelang als Gefangener festgesetzt wurde. Der Kaiser wurde durch diese Maßnahme vollkommen überrumpelt, was letztlich zu seiner Entmachtung beitrug. Er starb bereits am 20. März 1619 und machte damit endgültig dem erzkatholischen Ferdinand Platz, wodurch eine folgenschwere Wende eingeleitet wurde.

Matthias von Thurn eroberte mit seinen böhmischen Truppen am 26. Mai 1619 die Stadt Laa an der Thaya. Diese im nordöstlichen Niederösterreich gelegene Stadt war eine der ersten, die im Dreißigjährigen Krieg zu Schaden kam – unzählige weitere Städte im Heiligen Römischen Reich sollten folgen. Die böhmischen Truppen hielten Laa monatelang besetzt und trieben es wirtschaftlich in den Ruin. Das umfangreiche Stadtarchiv mit allen alten Urkunden und Protokollen ging verloren. Als die Böhmen schließlich abzogen, war die ehemals blühende Stadt schwer geschädigt und sollte nie mehr ihre alte Bedeutung erlangen. Wie für die meisten Städte im Reich blieb es nicht bei dieser Heimsuchung, denn 1645 kamen die Schweden in die Stadt. Als sie abzogen, waren die meisten Häuser verwahrlost und die Bevölkerungszahl stark zurückgegangen. Laa hat sich vom Dreißigjährigen Krieg letztlich nie wieder richtig erholt – ein Schicksal, dass die Stadt mit zahlreichen anderen Städte in Mitteleuropa teilte.

Der 5. Juni 1619 brachte die so genannte »Sturmpetition« der protestantischen Stände Niederösterreichs zu Ferdinand II. in die Wiener Hofburg. Die etwa 50 Adeligen kamen unter der Führung von Paul Jakob von Starhemberg, eines Angehörigen eines der bedeutendsten österreichischen Adelsgeschlechter, der zum Sprecher des protestantischen Adels bestimmt worden war, zu einer offiziellen Aussprache in den kaiserlichen Palast. Sie forderten religiöse Freiheit und Frieden mit Böhmen. Ein entsprechendes Schriftstück war bereits aufgesetzt und es wurde lange Zeit hitzig verhandelt. Die Situation war bedrohlich und Tätlichkeiten waren zum Greifen nahe. Später kam das Gerücht auf, dass Andreas von Thonradel, der Herr von Ebergassing, den geschockten Ferdinand beim Wams genommen habe, um ihn zur Unterschrift zu zwingen. Es ist nicht auszuschließen, dass sich Ferdinand dabei bereits als ein weiteres Opfer eines Fenstersturzes sah. Als die Spannung schier unerträglich schien, ritten plötzlich einige Kornette (Kompanien) des Regiments Dampierre unter der Führung von Gilbert de Saint Hilaire in die Hofburg ein. Die Adeligen glaubten daraufhin, die Reiter seien zu ihrer Verhaftung angerückt, mäßigten ihren Zorn und sahen von ihren Handgreiflichkeiten ab. Allein dem Eintreffen von Dampierres Regiment ist es zu verdanken, dass Ferdinand es wagte, die Forderungen der Protestanten abzulehnen, und so blieb die Sturmpetition am Ende ohne Wirkung. Es spricht für Ferdinands Bigotterie, dass er seine Errettung dem Gebet vor einem noch heute existierenden Kruzifix zuschrieb. Dieses Ereignis wurde später zu einem der »Wunder des Hauses Habsburg« stilisiert und in Gemälden und Druckwerken wirkmächtig in Szene gesetzt. Das Kürassierregiment von Dampierre erhielt für seine Dienste eine Auszeichnung und seinem Kommandanten wurde bis 1918 das Privileg zuteil, unangemeldet beim Kaiser vorzusprechen.

Thurn stand mit seinem ständischen Heer am 6. Juni 1619 vor den Toren von Wien. Hier blieb ihm jeder militärische Erfolg versagt, da er weder über ein passendes Belagerungsgerät, noch über die nötige Artillerie verfügte. Überhaupt erwies sich der politisch eloquente Graf nicht gerade als militärisches Genie und dies stellte er auch im weiteren Verlauf des Dreißigjährigen Krieges auf tragische Weise immer wieder unter Beweis. Bezeichnend ist hierbei, dass der böhmische Vorkämpfer Thurn sich niemals die Mühe machte, die böhmische Sprache zu erlernen.

Am 10. Juni 1619 kam es bei Záblat zwischen Bucquoy und dem Grafen von Mansfeld zur Schlacht. Letzterer galt später als der Prototyp eines Söldnerführers und Condottiere (italienische Bezeichnung für einen Söldnerführer und Kriegsunternehmer) des Dreißigjährigen Krieges. Seine militärischen Leistungen entsprachen aber trotz seines persönlichen Heldentums selten den in ihn gesetzten Erwartungen. Berüchtigt wurde er durch sein brutales Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung, flächendeckende Plünderungen und Brandschatzungen. Ein Kuriosum ist, dass er später als einer der unermüdlichsten Vorkämpfer des Protestantismus galt, obwohl er sehr wahrscheinlich. Zeit seines Lebens Katholik geblieben ist (Deschner 2008, Bd. 9, S. 334). Die böhmischen Stände hatten sich seiner Dienste versichert, weil gute Söldnerführer schwer zu bekommen waren und Mansfeld immerhin dem Herzog von Savoyen nicht ganz ohne Erfolg gedient hatte. Er konnte auch am 21. November 1618 das belagerte Pilsen unter seine Kontrolle bringen. Als sich jedoch die Kriegslage in Böhmen kritisch zu gestalten begann, trug Mansfeld dem Herzog von Savoyen erneut seine Dienste an – dieses Mal jedoch erfolglos. Schließlich blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in Böhmen der Schlacht zu stellen.

Das gegnerische Aufeinandertreffen bei Záblat stellte die erste wirklich bedeutende Schlacht des Dreißigjährigen Krieges dar. Das Dorf Záblat befindet sich in der Nähe von Budweis und ist damit nicht allzu weit von der österreichischen Grenze entfernt. Mansfeld wollte nach Budweis marschieren und wurde von Bucquoy zur Schlacht genötigt. Obwohl der Kampf nicht lange andauerte, verlor Mansfeld etwa 1.500 Mann und seinen gesamten Tross. Die Truppen der böhmischen Stände waren in der Folge gezwungen, die Belagerung von Budweis abzubrechen und der Graf musste sich vorerst von seinem Schock erholen und blieb einige Zeit militärisch inaktiv. Als Reaktion auf die verlorene Schlacht soll er seine Dienste sogar dem Kaiser angetragen haben.

Die böhmischen Stände brachen nach der Niederlage von Záblat ihren ohnehin wenig aussichtsreichen Versuch einer Belagerung Wiens ab. Die Truppen waren schlecht ausgerüstet und verfügten nicht über fähige Befehlshaber. Dennoch waren die böhmischen Standesherren weiterhin siegesgewiss und setzten ihren Kurs konsequent fort. Am 19. August 1619 wurde Ferdinand II. als böhmischer König durch die Stände für abgesetzt erklärt. Am darauffolgenden Tag schlossen die Stände eine Angriffsallianz mit Gábor Bethlen, dem Fürsten Siebenbürgens. Dieser wurde am 25. August durch den Landtag von Neusohl (Banská Bystrica) zum König von Ungarn gewählt. Dieser umstrittenen Königswahl folgten jedoch einige weitere nach, denen noch eine weitaus größere Bedeutung zukam.

Man schrieb den 27. August 1619, als um die Mittagszeit in Prag das Donnern der Kanonen widerhallte. Die Stände hatten dem Land einen neuen König gegeben – es war Friedrich V. von der Pfalz. Bereits einen Tag später wählten in Frankfurt die Kurfürsten einen neuen Kaiser für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation – Ferdinand II. Der neue böhmische König Friedrich V. traf erst am 31. Oktober 1619 mit großem Gefolge aus seiner pfälzischen Heimat in Prag ein. Seine offizielle Krönung zum König fand am 4. November im St. Veits-Dom statt. Die Kathedrale wurde nur wenige Wochen später von den Calvinisten aufs Schlimmste verwüstet, wobei eine große Anzahl bedeutender sakraler Kunstwerke vernichtet wurde. Der neue König hatte große Probleme mit der europäischen Anerkennung seiner Herrschaft, denn viele Fürsten nahmen eine abwartende Haltung ein oder gingen gar auf Distanz zu ihm.

Die Krönungszeremonie für Kaiser Ferdinand II. wurde knapp zwei Wochen nach der Wahl, am 9. September 1619, in hochherrschaftlicher Weise in Frankfurt vollzogen. In der Titulatur des deutschen Kaisers findet sich der Passus vom so genannten »immer Mehrer des Reiches«. Diese Apostrophierung ist aus dem lateinischen semper Augustus abgeleitet und basiert auf der fälschlichen Ableitung von Augustus von dem lateinischen Verb augere, das »vermehren«, »vergrößern« bedeutet. Der »immer Mehrer« hatte entsprechend der lateinischen Etymologie die Pflicht, die Rechte des Reiches nach außen hin zu schützen, etwa, indem er Gebietsverluste verhinderte. Ferdinand II. und sein Sohn wurden dieser Pflicht in keiner Weise gerecht, denn wie kaum ein Herrscher vor ihnen trugen sie durch ihre Politik zur Verkleinerung und Entmachtung des Reiches bei.

Am 8. Oktober 1619 schlossen Kaiser Ferdinand II. und Herzog Maximilian I. den so genannten »Münchener Vertrag«, in dem Herzog Maximilian von Bayern versprach, den Kaiser gegen die rebellischen Böhmen und ihren neuen König zu unterstützen. Ferdinand II. sagte daraufhin im Geheimen die Übertragung der Kurwürde der Pfalz an Bayern zu. Unterstützung hatte der Kaiser auch dringend nötig, denn am 14. Oktober kam es zur Schlacht bei Preßburg. Gábor Bethlen konnte den kaiserlichen Truppen unter Rudolf von Tiefenbach eine schwere Niederlage bereiten und die Stadt einnehmen. Der Siebenbürge stellte jetzt auch eine durchaus ernst zu nehmende Bedrohung für die Kaiserstadt Wien dar.

Als Thurn mit seinem böhmischen Ständeheer erneut gegen Wien vorrückte, entfachten sich zwischen ihm und den Truppen von Karl von Bucquoy erbitterte Kämpfe, die vom 24. bis zum 26. Oktober andauerten und derer sich Karl von Bucquoys Truppen schließlich erwehren konnten. Thurn blieb jedoch trotz aller militärischen Misserfolge weiterhin hartnäckig. Immerhin konnte er auf ein Bündnis mit den protestantischen Ständen Niederösterreichs zählen. Am 26. November 1619 versuchte er erneut, die Stadt Wien zu belagern, hatte jedoch abermals keinen Erfolg. Die protestantischen Soldaten konnten bei ihren Kämpfen mit kaiserlichen und katholischen Truppen ihrerseits bisher nur wenige Triumphe verbuchen und mussten sich nun auf einen massiven Gegenschlag einstellen.

Am so genannten »Liga-Tag« in Würzburg im Dezember 1619 beschlossen die Teilnehmer unter dem Kommando von Tilly 21.000 Mann Infanterie und 4.000 Reiter gegen Böhmen aufzustellen. Der Plan war, König Friedrich aus drei Richtungen gleichzeitig anzugreifen. Der Kurfürst von Sachsen sollte in Schlesien, der Ober- und der Niederlausitz einfallen, während der spanische Statthalter gegen die Niederlande und Erzherzog Albert gegen die Pfalz vorgehen sollte. Die vereinten Truppen der Liga und des Kaisers sollten den Hauptstoß in das böhmische Kernland ausführen. Am 6. Juni 1620 wurde Herzog Maximilian I. von Bayern vom Kaiser offiziell mit dem militärischen Eingreifen in Böhmen beauftragt. Durch Verhandlungen konnte auch erreicht werden, dass die protestantische »Union« (ein 1608 ins Leben gerufener Zusammenschluss von acht protestantischen Fürsten und 17 protestantischen Städten im Heiligen Römischen Reich) mit den Katholiken am 3. Juli 1620 in Ulm einen Nichtangriffspakt schloss, wodurch Friedrich von der Pfalz weiter isoliert werden sollte.

Der unermüdlich aber erfolglos kämpfende Graf Thurn wurde am 12. Juli 1620 in der Nähe von Wien erneut von den kaiserlichen Truppen unter Bucquoy geschlagen. Am 24. Juli 1620 marschierten die ersten Truppen der Katholischen Liga (1609 in München gegründeter Zusammenschluss katholischer Reichsstände) in Oberösterreich ein und eröffneten damit jenen Feldzug, der den so genannten »Böhmischen Krieg« letztlich in der Schlacht am Weißen Berg zugunsten des Kaisers entscheiden sollte. Im August griff eine 22.000 Mann starke spanische Armee von den Niederlanden aus die Pfalz an. Wenig später rückten auch die vereinigten Truppen der Liga und des Kaisers in Böhmen ein. Das böhmische Heer musste vor dem überlegenen Gegner rasch zurückweichen.

Ermöglicht wurde der erfolgreiche Vorstoß der katholischen Truppen auch durch die Passivität von Mansfeld, der mit seinen Truppen während der entscheidenden Zeit untätig im Raum Pilsen verweilte. Dieses Verhalten erklärt sich dadurch, dass der Söldnerführer zwar den geforderten Titel eines Feldmarschalls erhalten hatte, die ebenfalls verlangten Geldzahlungen und die Befehlsgewalt über die böhmischen Truppen ihm aber verwehrt blieben. Aus diesem Grund führte Mansfeld einen fast privaten Kleinkrieg um Budweis und Tabor und konzentrierte die Mehrzahl seiner Truppen um die Stadt Pilsen herum.

Der Hofprediger Herzog Maximilians, Jeremias Drexel, schrieb zu jener Zeit über die Leiden der Zivilbevölkerung:

»Viele Bauernfamilien hatten sich in allen möglichen Schlupfwinkeln versteckt. Ich wage zu sagen, dass ich in meinem Leben niemals bleichere Gesichter gesehen habe. Durch Hunger und Trauer waren die Bauern und anderes Volk hier und anderswo elend und ausgezehrt. Überall sahen wir Gräber und Kadaver. Der Krieg ist das wunderschöne Antlitz aller Bedrängnisse und Mühsal.«

(Zitiert nach Milger 1998, S. 81)

Auch in der Oberpfalz hatten die Katholiken große Erfolge zu verzeichnen. So eroberten die Truppen von Herzog Maximilian I. am 23. September 1620 die Stadt Cham. Sächsische Truppen besetzten nun auch die Lausitz. Der protestantische sächsische Kurfürst spekulierte darauf, durch Ausnutzung der Situation neue Gebiete dazu zu gewinnen. Alle in den Machtbereich von König Friedrich eindringenden Truppen waren im Wesentlichen erfolgreich. Die Schlinge um den Hals der böhmischen Stände und ihres pfälzischen Königs begann sich zuzuziehen. Am besten organisiert schien die Armee des bayerischen Herzogs, die dank der gefüllten Kriegskasse von Maximilian regelmäßig entlohnt wurde und über ausreichend Nachschub verfügte, während andere Truppenkontingente rasch wegen unregelmäßiger Soldzahlungen zum hemmungslosen Plündern übergingen.

Friedrich von der Pfalz und die böhmischen Stände wussten, dass es irgendwann zu einer großen Entscheidungsschlacht kommen würde. Deshalb engagierte man einen neuen Oberbefehlshaber, der den ungeeigneten Thurn ersetzen sollte. Dieser neue Oberbefehlshaber war Fürst Christian von Anhalt, der sich zur Unterstützung seinen Sohn an die Seite stellte, in den er große Hoffnungen setzte. Nur allzu bald sollte sich jedoch herausstellen, dass die optimistischen Erwartungen, die man an die beiden Heerführer richtete, von diesen nicht erfüllt werden konnten. Christian von Anhalt-Bernburg war ein wenig bedeutender deutscher Kleinfürst, der zwar über einige militärische Erfahrung verfügte, jedoch keine großen Erfolge vorweisen konnte. Er war streng antihabsburgisch eingestellt und einer der wichtigsten Männer und Gründungsmitglied der protestantischen Union. Stets auf den Konflikt mit den Katholiken aus, erstreckte sich seine feindliche Haltung nun auch auf das militärische Gebiet, auf dem er jedoch kläglich scheiterte.

Die Spanier waren unter Ambrosio Spinola, der von einigen Militärhistorikern als bester spanischer Befehlshaber jener Zeit angesehen wird, aus Flandern kommend in die linksrheinische Pfalz eingefallen und brachten sie zum größten Teil rasch unter ihre Kontrolle. Spinolas 23.000 Mann starker, schlagkräftiger Armee fielen schnell alle wichtigen Städte und festen Plätze in die Hände. Die Bevölkerung wurde in verheerendem Ausmaß in Mitleidenschaft gezogen und für die Pfalz begann nun ein langer Leidensweg, der schlussendlich dazu führte, dass das Land niemals wieder seine alte Bedeutung zurückerlangte.

Der Aufenthalt der spanischen Armee in der Pfalz wurde durch ein bedeutendes Ereignis schon bald wieder beendet: Nach einem zwölfjährigen Waffenstillstand war der spanisch-niederländische Konflikt um die Unabhängigkeit der Vereinigten Niederlande wieder aufgeflammt. Die Spanier rückten aus der Pfalz ab und ihre Truppen zogen nach Norden, um die niederländischen »Ketzer« erneut zu bekriegen. In Teilen der Pfalz ließen sie jedoch spanische Besatzungen zurück, was weitere Kämpfe nach sich zog.

Die Schlacht am Weißen Berg und die Folgen

»Das Kriegsvolk vergaß wegen Nicht-Bezahlung allen Gehorsam und Respekt und geriet in Verzweiflung. Sie waren von dem Grafen Buquoy gewohnt, dass er nicht nachrückt, sondern einen Kanonenschuss entfernt anhält und sich dann separiert. Die plötzliche Entschiedenheit war ihnen fremd und überraschte sie.« (Auszug aus der Verteidigungsschrift von Christian von Anhalt, dem Oberbefehlshaber der Truppen der böhmischen Stände. Zitiert nach Milger 1998, S. 100)

Der 8. November 1620 ging als ein besonderer Tag in die Geschichtsbücher ein, an dem nicht nur die Weichen für die Zukunft Böhmens gestellt wurden. Die Schlacht am Weißen Berg wird oft als der bedeutendste bewaffnete Konflikt in der tschechischen Geschichte angesehen und hatte zugleich großen Einfluss auf den Verlauf der gesamteuropäischen Entwicklung. Dabei war sie alles andere als eine der großen Landschlachten der Kriegsgeschichte, sondern vielmehr ein größeres Gefecht, das weniger als zwei Stunden dauerte. Ihre Auswirkungen waren dennoch gewaltiger Natur.

Der vorangegangene Feldzug hatte die Position der böhmischen Truppen sukzessive verschlechtert. Nach dem vorläufigen Ausscheiden sowohl von Mansfeld, als auch von der Vereinigung der kaiserlichen Truppen unter Feldmarschall Buquoy mit der Liga unter dem Kommando von Tilly war auch die quantitative Überlegenheit der Katholiken immer mehr zum Tragen gekommen. Da spätestens ab dem 5. November den Führern der böhmischen Armee klar war, dass ihre Gegner nach Prag marschieren würden, zogen sie in einem anstrengenden dreitägigen Gewaltmarsch ebenfalls in Richtung Hauptstadt. Sie erreichten sie am Abend des 7. November, bevor ihre Gegner vor der Stadt Stellung beziehen konnten. Da das Wetter bereits sehr winterlich war und es in beiden Armeen viele Kranke gab, hätte man eigentlich nach einer damals allgemein üblichen Gepflogenheit den Krieg auf das nächste Frühjahr vertagen müssen, was der kaiserliche Heerführer Buquoy auch vorschlug. Doch so kurz vor der Entscheidung dachte der bayerische Herzog gar nicht daran, das Unternehmen abzubrechen. Vielleicht wusste er auch, in welch schlechtem Zustand sich die Truppen der Böhmen befanden, die seit Monaten unter Verpflegungsmangel, ausständigen Soldzahlungen, Seuchen und allgemeiner Erschöpfung litten. Auch war die Anzahl der Fahnenflüchtigen sehr groß.

Die Angaben über die Stärke der einander gegenüberstehenden Armeen sind je nach Quelle verschieden. Allerdings waren die vereinigten Truppen der Katholiken eindeutig in der Überzahl. Unter dem Kommando des Grafen von Buquoy standen etwa 39.000 Mann. Die Stärke der Armee König Friedrichs betrug nach Schätzungen nicht mehr als 13.000 Mann. Sie stand unter dem Kommando von Christian von Anhalt und hatte eine strategisch äußerst günstige Stellung inne, denn die Protestanten hielten den Rücken des Weißen Berges – Bilá Hora – besetzt und schienen so gut aufgestellt, dass jeder Angriff als großes Risiko erscheinen musste. Selbst Johann t’Serclaes von Tilly, der bei dieser Schlacht lediglich als Unterbefehlshaber fungierte, war sehr skeptisch und teilte die Meinung, dass die Stellung eigentlich uneinnehmbar sei.

Dennoch entschieden sich die Führer des ligistischen Heeres zum Angriff, wobei besonders Herzog Maximilian die treibende Figur war. Wie es den Truppen der Katholischen Liga trotz ihrer strategisch weit schlechteren Position dennoch gelang, die Schlacht gegen die böhmischen Stände für sich zu entscheiden, davon legt die folgende Anekdote Zeugnis ab: So wird in einigen zeitgenössischen Quellen behauptet, dass ein Karmelitermönch namens Domenico sich im kaiserlichen Lager aufgehalten habe, der ein Bildnis der Heiligen Familie aus dem einige Zeit zuvor ausgeplünderten und niedergebrannten Schloss Strakonice bei sich trug. Bei diesem Bild hätten die Protestanten allen Figuren die Augen ausgestochen und allein das Jesuskind verschont. Der Mönch habe nun das geschändete Bild für alle sichtbar in die Höhe gehalten, während er eine bewegend-agitatorische Ansprache hielt, in der er vehement forderte, dass die katholischen Soldaten diesen Frevel rächen müssten. Die rhetorisch ausgefeilten Worte des Domenico verfehlten ihre Wirkung nicht, denn man erzählt sich, dass die Erbitterung der Soldaten derart groß gewesen sein soll, dass sie den Weißen Berg mit dem Schlachtruf »Santa Maria!« beinahe mühelos erstürmten. Die Truppen von Friedrich V., dem »Winterkönig«, seien durch diesen unerwartet heftigen Angriff völlig überrascht worden, so dass sich ihre Gefechtsformation auflöste und sie die Flucht ergreifen mussten. Das Bildnis, dem sich der unerwartete Sieg der Katholischen Liga mutmaßlich verdankte, wurde nach Rom gebracht und bis zu einer Brandkatastrophe im Jahre 1853 in einer römischen Kirche – der St. Pauls-Kirche der »Unbeschuhten Karmeliter« – verehrt.

Unabhängig davon, wie hoch der Wahrheitsgehalt dieser Anekdote einzuschätzen ist, erscheint immerhin als gesichert, dass vor der Schlacht gesungen und gebetet wurde, was das Gefecht in Richtung eines Kreuzzuges oder Heiligen Krieges rückte. Die Soldaten wurden mit dem Versprechen, dass jeder, der sein Leben im Kampf für die richtige Religion opfere, seinen sicheren Platz im Paradies habe, willfährig gemacht. Obwohl natürlich auch andere Motive bei den Söldnern beider Konfessionen mit im Spiel waren – denn neben der himmlischen Belohnung winkten reichlich Sold und Beute –, gab der religiöse Fanatismus dieser Schlacht letztlich das dynamische Element. Die Katholiken waren ihrem Gegner hierbei eindeutig überlegen, denn innerhalb einer Stunde gelang es dem Heer der Liga, die stark angeschlagenen Soldaten des böhmischen Ständeheeres, die auf ihre vorteilhafte Stellung vertraut hatten, vollständig in die Knie zu zwingen. Zwar gab es versuchte Gegenattacken und die katholischen Angreifer hatten ihrerseits auch einige Verluste zu beklagen, doch schließlich brach bei den Truppen des »Winterkönigs« alle Ordnung und Disziplin in sich zusammen und alles wandte sich zur wilden Flucht.

Auf katholischer Seite nahmen an der Schlacht am Weißen Berg bereits einige jener Männer teil, die im weiteren Kriegsverlauf als bedeutende Militärs Geschichte schreiben sollten. Einer von ihnen war Gottfried zu Pappenheim (Kurzbiographie siehe Kapitel »Herausragende Heerführer«), der wegen seines vernarbten Gesichtes als der »Schrammenhans« in die Geschichtsbücher einging. Um ein Haar wäre das Gefecht am Weißen Berg sein letztes gewesen, denn da er schwer verwundet auf dem Schlachtfeld liegen blieb, wurde er für tot gehalten. Als Plünderer nach dem Ende des Kriegsgefechts den Kampfplatz nach Beute absuchten, wollten sie den Schwerverwundeten töten, doch es gelang ihm, sein Leben durch das Versprechen einer hohen Belohnung zu retten. Auch Octavio Piccolomini (1599 – 1656, stammte aus einem bedeutenden italienischen Geschlecht, das unter anderem auch einen Papst vorweisen konnte), der von Kriegsanfang bis Kriegsende an zahlreichen Gefechten teilnahm und eine teilweise sehr fragwürdige militärische Karriere durchlaufen sollte, war in die Schlacht am Weißen Berg involviert, überstand sie aber unverletzt.

Während draußen vor den Toren der Stadt die blutige Schlacht tobte, gab der »Winterkönig« Friedrich V. von dem Kriegstreiben um ihn herum gänzlich unbehelligt in seinem Palast ein kleines Fest. Dieses von dem politischen Weltgeschehen völlig entrückte Gebaren stellt ihn auf eine Stufe mit dem bereits beschriebenen wirklichkeitsfremden Verhalten von Kaiser Rudolf II. angesichts von Religionskrieg und Bedrohung durch die Osmanen. Friedrich V. sollte schließlich auch einer der wenigen Herrscher sein, die unter ihrem Spottnamen in die Geschichte eingingen. Der König galt nach einer schweren Erkrankung als 18-Jähriger, die er nur knapp überlebt hatte, allgemein als kraftlos, schläfrig und melancholisch, manchmal schien er auch schwer depressiv. Abhängig von einigen engen Beratern und der tschechischen Sprache mit keinem Wort mächtig, hatte er schon zu Beginn seiner Regierungszeit keinen guten Eindruck hinterlassen und trug sich in der Erwartung, dass diese nicht lange währte, den Spottnamen »Winterkönig« ein. Am Tag vor der Schlacht hatte Friedrich die Front seiner Truppen abgeritten und die Soldaten beschworen, weder ihn noch die böhmische Sache in Stich zu lassen. Daraufhin zog er sich in die Stadt zurück, die weit mehr Komfort bot als das der Novemberkälte ausgesetzte Feldlager. Einige der höheren Offiziere seines Heeres taten es ihm gleich und schmälerten dadurch die Moral der Truppe, um die es ohnehin schlecht bestand, nachhaltig. Der König machte sich den Stadtaufenthalt aber immerhin zu Nutze, um bei den böhmischen Ständen mehr Geld für seine Truppen einzufordern und den Abgesandten des englischen Königs, von dem er sich Unterstützung erwartete, zu treffen. Während er den Diplomaten und dessen Anhang festlich bewirtete, entwickelte sich am Weißen Berg die militärische Katastrophe. Als der »Winterkönig« schließlich aufbrach, um sich wieder zur Armee zu begeben, kamen ihm schon beim Stadttor die ersten flüchtenden Soldaten entgegen. Der erfolglose Christian von Anhalt informierte ihn rasch über die fatale Lage. Friedrich sah nur noch die Flucht als Ausweg. Zunächst floh er über die Moldau in die Prager Altstadt. Am Morgen des 9. November machte er sich allein in Begleitung seiner Gemahlin und einiger Anhänger auf den Weg nach Breslau, wobei er nicht vergaß, die Kronjuwelen mitzunehmen. Er floh gerade noch rechtzeitig, da sich große Teile der Prager Bevölkerung bereits zusammenschlossen, um den König an die Führer der siegreichen Truppen auszuliefern. Bereits zuvor hatte man die Stadttore geschlossen und viele flüchtende Überlebende der königlichen Armee ihrem Schicksal überlassen. Nach der Flucht des Königs ergab sich die Stadt sogleich den kaiserlichen Truppen. Herzog Maximilian von Bayern ließ sich in Vertretung des Kaisers von katholischen und utraquistischen Adeligen huldigen. Die Utraquisten waren aus dem gemäßigten Flügel der Hussiten hervorgegangen und verfügten über eine beträchtliche Anhängerschaft. König Friedrichs Flucht verlief über Breslau nach Berlin, Wolfenbüttel und Hamburg bis nach Den Haag.

Ein böser Reim dichtete über den flüchtenden König:

»Sein Reich war nit von dieser Welt. Darumb er bald zu Boden felt. Wo felt er hin? Ins tieffe Möhr. Verlassen von seim gantzen Heer.«

(Aus einer anonymen Spottschrift auf den »Winterkönig« 1621.)

Dabei war dieser nur mäßig ehrgeizige Mann von harmloser Gesinnung, der so sehr von seiner schönen Frau und seinen Räten abhängig war, lediglich von Anfang an der Falsche für die Position des Herrschers eines so schwierigen Landes wie Böhmen gewesen. Von Bündnispolitik und Diplomatie verstand er wenig, kümmerte sich aber auch nicht darum. Sein Interesse galt stattdessen opulenten Festen, der Musik, dem Tanz und dem stattlichen Residieren. Als sein Reich wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel, war er einer derjenigen, die darüber am meisten verwundert waren. Wenig später saß er in Den Haag und musste sein Haus als Hauptquartier für die Sache der deutschen Protestanten zur Verfügung stellen, um die es vorerst jedoch nicht allzu gut stand.

Der erfolglose Heerführer Christian von Anhalt setzte sich nach der militärischen Katastrophe ebenfalls rasch ab und tauchte schließlich in Schweden auf. Hier suchte er nach Verbündeten, wurde aber als gescheiterter Feldherr kaum noch akzeptiert. Sein Sohn war in der Schlacht den kaiserlichen Truppen in die Hände gefallen und versuchte nun, am dortigen Hof Ferdinand II. gegenüber seinem Vater milde zu stimmen. Es kam letztlich zu der absurden Situation, dass der einstige »Katholikenfresser« Christian von Anhalt 1624 einen Kniefall vor Ferdinand II. machte und später sogar auf Betreiben von Wallenstein (zu dieser vielleicht interessantesten Persönlichkeit des Dreißigjährigen Krieges siehe die Kurzbiographie im Kapitel »Herausragende Heerführer«) eine Kammerherrenstelle beim Kaiser erhielt, da sein kleines Fürstentum Bernburg durch den Krieg gänzlich verwüstet wurde. Einst hatte der Fürst die große militärische Auseinandersetzung mit den Katholiken gesucht, nun musste er sein Leben als Höfling des Kaisers fristen.

Der geflüchtete »Winterkönig« wurde am 22. Januar 1621 mit der Reichsacht belegt. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich bereits in den Vereinigten Niederlanden. Er hielt jedoch auch noch in den Jahren des Exils Hof und gab bedenkenlos Geld aus. Während er mit wenig Geschick auf unfähige Verbündete wie etwa Mansfeld setzte und das politische Tagesgeschäft seinen Ratgebern und Administratoren überließ, galt seine Aufmerksamkeit in erster Linie der englischen und niederländischen Regierung, seinem Hofstaat, den zahlreichen Festen und dem Bau von prächtigen Schlössern. Nach dem Tod seines Sohnes und Thronfolgers und dem endgültigen Scheitern der demütigenden Vermittlungsversuche mit dem Kaiser, war Friedrich von der Pfalz ein gebrochener Mann.

Am 25. Februar 1623 übertrug Kaiser Ferdinand II. die pfälzische Kurwürde schließlich dem Herzog von Bayern ad personam, während die bereits 1622 erfolgte Übertragung der Würde an die bayerische Wittelsbacher-Linie noch geheim gehalten wurde. Die Übertragung von Friedrichs Kurwürde und der Herrschaft über die Oberpfalz an den Bayernherzog wurde von den Reichsfürsten als Verfassungsbruch betrachtet und löste eine Vielzahl von Protesten aus, von denen Kaiser Ferdinand II. sich indes nicht im Mindesten beeindrucken ließ. Die schwer angeschlagene Protestantische Union sandte eine Protestnote an den Kaiser, der daraufhin nur entgegnete, die Union solle abrüsten. Zur gleichen Zeit wurden von den spanischen Truppen unter General Spinola Einschüchterungsmanöver gegen die Versammlung der Union in Heilbronn durchgeführt. Diese erwiesen sich als so wirkungsvoll, dass die Delegierten der Union nach dem von Spinola gegebenen Neutralitätsversprechen mit der Auflösung ihres Heeres einverstanden waren – ein Versprechen, das sich kurze Zeit später als leer herausstellte. Es kam zu einem Abkommen, dem Mainzer Akkord, nach dem sich die Versammlung der Unions-Delegierten auflöste, um dann niemals wieder zusammenzukommen.

Der große Sieg am Weißen Berg, der bereits als das Ende des Krieges betrachtet wurde, bedeutete für einige der siegreichen Führer der kaiserlichen Truppen einen vorläufigen Höhepunkt ihrer Karriere. Als großer Gewinner stand in erster Linie der Herzog von Bayern da, der nun als der mächtigste deutsche Fürst nach dem Kaiser agieren konnte und als Retter der katholischen Sache dastand. Zudem hatte er auch noch Oberösterreich vom Kaiser als Pfand erhalten. Auch Johann t’Serclaes Graf von Tilly hatte als Heerführer der Katholischen Liga seinen Ruf als erfolgreicher militärischer Führer weiter gefestigt und schien ein Garant für zukünftige kriegerische Erfolge. Der instinktsichere Aufsteiger Wallenstein hatte sich ebenfalls bewährt und erhielt den militärischen Befehl in der Stadt.

Als Sofortmaßnahme gegen die Rebellen wurden die geflüchteten Direktoren geächtet und ihre Güter eingezogen. Es sollte jedoch noch viel schlimmer kommen: Kaiser Ferdinand wollte eine radikale Abrechnung mit den Aufrührern vornehmen. Viele Gegner des Hauses Habsburg waren nicht geflohen, weil sie sich das Ausmaß des Strafgerichtes nicht vorstellen konnten. Sie wurden nun Opfer von Verfolgung, Folter, Gefängnis und Hinrichtung.

Wer heute den Altstädter Ring in Prag besucht, kommt mit großer Wahrscheinlichkeit auch an jener Stelle in der Nähe des Rathauses vorbei, an der sich am 21. Juni 1621 das so genannte »Prager Blutgericht« zutrug. Kaiser Ferdinand dachte damals nicht daran, Milde gegen die Aufrührer walten zu lassen. Zusätzlich zu den gnadenlosen Rekatholisierungsmaßnahmen des Landes sollte ein blutiges Strafgericht gegen alle Rädelsführer, derer man habhaft werden konnte, ein Exempel statuieren und auf grausame Weise demonstrieren, was Gegnern der habsburgischen Herrschaft blühte. 3 Hochadelige, 7 Ritter und 17 Bürgerliche wurden auf äußerst grausame Weise hingerichtet, 18 weitere Angeklagte zu Gefängnis und körperlicher Züchtigung verurteilt.

Ursprünglich waren 40 Personen, darunter fast alle Direktoren der Ständeregierung, zum Tode verurteilt worden. Die Anklage lautete auf Rebellion, Landfriedensbruch und Beleidigung der kaiserlichen Majestät. Letztlich wurde das Urteil an 27 Männern vollstreckt. Kaiser Ferdinand hatte die Gnadengesuche abgelehnt, betete jedoch während der Hinrichtungen für das Seelenheil der »armen Sünder«. Wie so viele Habsburger verbrachte er einen beträchtlichen Teil des Tages mit solchen Gebeten oder Messebesuchen.

Das grausame Schauspiel selbst begann am 21. Juni um 5 Uhr früh, als Kanonendonner den Beginn der Exekutionen verkündete. Man hatte vor dem Altstädter Rathaus eine große, schwarzverhangene Bühne aus Holz errichtet. Es regnete, als die Wagen mit den Verurteilten eintrafen. Die Verurteilten waren zumeist in keinem guten Zustand und einige von ihnen mussten geführt werden. Die Soldaten Wallensteins sicherten den Exekutionsplatz und patroulierten in der Stadt, um Unruhen im Keim zu ersticken. Wallenstein selbst wohnte den Hinrichtungen aufmerksam bei. Als erster wurde Graf Joachim Andreas Schlick hingerichtet, der vom sächsischen Kurfürsten, auf dessen Gebiet er sich geflüchtet hatte, ausgeliefert worden war. Diese Denunziation war das grausame »Geschenk« des Kurfürsten an den Kaiser als Dank für die an ihn versprochene Lausitz. Der Graf wirkte sehr gefasst und betete inbrünstig auf lutherische Art, bis ihm der Kopf abgeschlagen wurde. Als Nächster wurde Wenzel von Budowa hingerichtet, der vor seinem Ende noch die diensteifrigen Jesuiten, die ihn bis zuletzt bekehren wollten, beleidigte. So, wie alle adeligen Herren, wurde auch er mit dem Schwert hingerichtet, was sich verglichen mit der Behandlung, die man den bürgerlichen Delinquenten angedeihen ließ, als ein gnädiger Tod erwies. Für Letztere hatte sich die katholische Gerichtsbarkeit weit grausamere Prozeduren ausgedacht. So wurde dem ehemaligen Rektor der Prager Universität Jesenius vor der Enthauptung die Zunge herausgerissen und die Leiche anschließend gevierteilt. Bevor er den Gelehrten der grauenvollen Prozedur unterzog, bot der Scharfrichter ihm einen betäubenden Trank an, was Jesenius allerdings ablehnte. So, wie die meisten der Todgeweihten, wusste er würdevoll zu sterben.

Bei Personen einfachen Standes, wie dem Diener des Altstädter Bürgermeisters Nikolaus Diebis, sah die katholische Gerichtsbarkeit eine noch grausamere Prozedur vor: Sollte er ursprünglich denselben Tod sterben wie der Gelehrte Jesenius, entschied das Gericht, ihn eine Stunde lang mit seiner Zunge an den Galgen zu nageln, eine martialische Tat, die die unvorstellbaren Leiden von Diebis um einen ganzen Tag verlängerten. Nach den Hinrichtungen zerlegte man den Körper von Jesenius und präsentierte die Körperteile in mehreren Stadtteilen als Warnung. Die Köpfe und Hände von zwölf weiteren Delinquenten wurden auf dem Altstädter Brückenturm auf Eisenstangen gesteckt zur Schau gestellt.

Das Prager Blutgericht bildete zugleich den Auftakt zu einer folgenreichen Umverteilung des adeligen Grundbesitzes im Königreich Böhmen. Fürst Karl von Liechtenstein, der rechtzeitig auf die richtige Seite gewechselt hatte, wurde mit der Landesverwaltung betraut und stand einer Kommission vor, die die Konfiskationen der Güter der Rebellen durchführte. In Mähren wurde eine ähnliche Kommission von Franz von Dietrichstein geleitet. Hunderte Personen und 50 Städte wurden mit hohen Vermögensverlusten bestraft und 166 Adlige verloren allein in Böhmen ihre gesamte Habe. Letztlich gingen durch all diese Maßnahmen fast zwei Drittel des Bodens an neue Besitzer über. Hauptnutznießer dieser Umverteilung waren vor allem die Herren Liechtenstein, Wallenstein und Ulrich von Eggenberg. Aber auch viele Günstlinge des Kaisers und höhere Offiziere zählten zu den Begünstigten und in der Folge etablierten sich Familien wie die Thuns, Trauttmansdorffs, Metternichs und Clarys in Böhmen. Die Umverteilung des adeligen Grundbesitzes sah auch vor, dass die Kirche ihre alten Besitzungen zurückerhielt. Die Jesuiten waren von nun an die Herren der Prager Universität und gestalteten sie in ihrem Sinne völlig um.

Später wurde selbst von habsburgerfreundlichen Historikern bemängelt, dass man die beschlagnahmten Güter an die neuen Herren viel zu billig verkauft und damit den Fiskus geschädigt habe. Manche Heerführer hatten Güter geschenkt bekommen, so zum Beispiel Bucqoy, Huerta und Baltazar de Marrades. Der finanzielle Gewinn hielt sich für den Kaiser so sehr in Grenzen, dass er damit nicht einmal seine Schulden und den ausständigen Sold der Soldaten bezahlen konnte. Hierdurch kündigte sich bereits ein Problem an, das die habsburgischen Herrscher während des gesamten Dreißigjährigen Krieges verfolgen sollte: Aufgrund des permanenten Geldmangels, der nicht zuletzt einem völlig ineffizienten Steuersystems geschuldet war, waren die militärischen Möglichkeiten stets eingeschränkt und die kaiserlichen Söldner wegen mangelnder Soldzahlungen oft genug am Rande der Meuterei.

Der schwache ökonomische Instinkt der Habsburger fand seinen Niederschlag auch in einem zu Beginn des Jahres 1622 geschlossenen Vertrag zwischen der Hofkammer und einer aus 15 Interessenten bestehenden Gruppe, der vorsah, dass dem Konsortium für die Dauer eines Jahres für den Betrag von 6 Millionen Gulden die Münzprägung in allen Münzstätten in Böhmen und Mähren verpachtet wurde. Diese Entscheidung sollte sich als fatal erweisen. Unter den Mitgliedern des Konsortiums befanden sich die Kriegsgewinnler Liechtenstein und Wallenstein, aber auch niederländische Bankiers und das Oberhaupt der Prager Judenschaft. Es wurden nun zwecks Soldzahlungen für die Truppen viele Millionen neuer Taler auf den Markt geworfen, die jedoch einen um 25 % verminderten Silbergehalt aufwiesen, was sie mehr oder weniger entwertete und ihren Wechselkurs stark reduzierte. Das hatte eine bis dahin beispiellose Geldentwertung zur Folge und brachte den Mitgliedern des Konsortiums enorme Gewinne. Sie konnten nun wie Wallenstein riesige Ländereien erwerben. So genannte »Kipper und Wipper« beschnitten und manipulierten auch die Münzen und setzten damit der Wirtschaft und dem Handel im Reich schwer zu, weshalb Kaiser Ferdinand II. zu Weihnachten 1623 eine Abwertung der Währung vornehmen ließ. Skrupellose Männer wie Wallenstein, der wohl den meisten Profit aus dieser für die Allgemeinheit sehr negativen Entwicklung zog, hatten aber bereits sagenhafte Gewinne gemacht. Wallenstein besaß letztlich mehr als 50 Güter und kontrollierte damit ein Viertel von Böhmen. Diese Position brachte ihm 1625 folgerichtig die Ernennung zum Herzog von Friedland ein.

Später folgten noch weitere situationsverschärfende Maßnahmen von Ferdinand II., als er 1624 durch Patente für Böhmen und Mähren die katholische Religion zur alleinig anerkannten erklärte. All diejenigen, die nicht zum Konfessionswechsel bereit waren, mussten auswandern. Als erstes wurden die Wiedertäufer, dann die Brüdergemeinden vertrieben. Zuletzt erfolgte die Massenauswanderung der nicht konvertierten Protestanten. Mindestens 30.000 Familien und damit etwa 120.000 Menschen verließen das Land. Da es sich dabei in erster Linie um Angehörige der Elite und der gebildeten Stände handelte, war der Schaden für das Land sehr groß. Mit der so genannten »Verneuerten Landesordnung« setzte Ferdinand II. dem Ganzen die Spitze auf. Zuvor hatte er eigenhändig den Majestätsbrief von Kaiser Rudolf II. vernichtet, der dem böhmischen Adel viele Rechte gewährt hatte. Die Länder der böhmischen Krone wurden Teile der habsburgischen Erbmonarchie. Das Mitwirkungsrecht der Stände an der Ämterbesetzung wurde aufgehoben und die Städte verloren ihre Rechte. Tschechisch und Deutsch galten von nun an offiziell als gleichberechtigte Landessprachen, wobei allerdings die deutsche Sprache eine eindeutige Bevorzugung erfuhr, da der der Großteil der Kriegsgewinner des Tschechischen nicht mächtig war. Die Sprache der Herrschenden war von nun an nahezu ausschließlich Deutsch. Die sich hieran anschließende Zeit wurde später von tschechischen Schriftstellern als »Temno«, die Zeit der Finsternis bezeichnet. Vielen mögen vor allem die Jahre nach der Schlacht am Weißen Berg als sehr finstere Epoche erschienen sein. Auch zahlreiche andere Menschen, die nicht enteignet oder vertrieben wurden, litten unter der radikalen ökonomischen, sozialen und kulturellen Umwälzung, die es einer kleinen Gruppe von Personen ermöglichte, eine geradezu absolutistische Herrschaft auszuüben und sich an den Gütern und Habseligkeiten der ihnen Unterstellten zu bereichern. Böhmen hatte sich zu einer »politischen Ruine« entwickelt.

Eine besondere Auswirkung hatte die Schlacht am Weißen Berg für die tschechische Sprache, weil in der Folge die gebildeten Tschechen statt ihrer Muttersprache die deutsche Sprache pflegten. Das Tschechische entwickelte sich dadurch immer mehr zu einer Sprache, die nur noch von der einfachen, insbesondere in ländlichen Gebieten ansässigen Bevölkerungsschicht verwendet wurde, wodurch es den Charakter der Schriftlichkeit zunehmend einbüßte. Erst Ende des 18. Jahrhunderts wurde die tschechische Sprache revitalisiert, eine Maßnahme, die bis in die heutige Zeit gewisse Auswirkungen hat, da ihre akademischen »Wiedererwecker« sie mit einer komplizierten Grammatik ausstatteten.

Nach der Schlacht am Weißen Berg kam es auf böhmisch-mährischem Gebiet noch zu mehreren Kämpfen, da sich in einigen Städten protestantische Garnisonen länger hielten und erst mühsam belagert werden mussten, wobei auch spanische Truppen unter Marradas, die der spanische König für den Kampf gegen die »Ketzer« zur Verfügung gestellt hatte, eingesetzt wurden. Tilly konnte am 26. März 1621 die mansfeldische Garnison in Pilsen gegen eine Zahlung von 140.000 Gulden zur Übergabe bewegen. Die ehemalige Hussitenstadt Tabor erwies sich als besonders hartnäckig und konnte 7 Sturmangriffe abweisen, bevor man im November 1621 eine ehrenvolle Übergabe vereinbarte. In einigen kleineren Städten hielt sich der Widerstand sogar bis Oktober 1622, bis auch dort eine solche Übergabe vereinbart wurde und die Garnisonen unbesiegt abziehen konnten.

Der kaiserliche Feldherr Comte de Buquoy hatte bereits seit dem Treffen von Rakonitz mit den Folgen einer üblen Verwundung zu kämpfen, die ihn auch bei der Schlacht am Weißen Berg extrem beeinträchtigt hatte. So kam es auch, dass er seine berühmteste Schlacht aus einem Wagen kommandieren musste. Dennoch eroberte er kurz danach die wichtigste Burg Böhmens – Karlstein – und zwang die mährischen Stände zur Huldigung des Kaisers. Als er zu Beginn 1621 um seine Entlassung aus dem Dienst bat, schenkte ihm der Kaiser einige große Besitzungen, um ihn weiter im Dienst zu behalten – mit Erfolg, denn Buquoy zog im Februar 1621 erneut gegen Gábor Bethlen zu Felde. Nach der Eroberung von Pressburg begann der kaiserliche Feldmarschall mit der Belagerung der wichtigen Festung Neuhäusl. Hier ereilte ihn sein tödliches Schicksal und Buquoy fiel am 10. Juli 1621 bei der Abwehr eines Ausfallversuches der Belagerten. Er hatte seinen Triumph bei Prag nicht lange überlebt.

Was Wallensteins weitere militärische Karriere betraf, so wurde er nach dem Schlachtentod von General Buquoy im Sommer 1621 faktisch zum Oberbefehlshaber der kaiserlichen Truppen in Mähren ernannt. Er konnte bis Oktober 1621 das kaiserliche Heer auf 18.000 Mann ausbauen. Mit ihm sollte er gegen das Heer von Gábor Bethlen kämpfen, das etwa 30.000 Mann umfasste. Der am 25. August 1620 mit Zustimmung der Türken zum ungarischen König gekrönte Fürst von Siebenbürgen hatte Truppen nach Böhmen geschickt, die allerdings erst nach der Schlacht am Weißen Berg ankamen. Gábor Bethlen befand sich nach dem habsburgischen Erfolg in Böhmen nun selbst in der Defensive und musste die von ihm eroberten Gebiete verteidigen. Diese umfassten immerhin nahezu das gesamte Gebiet der heutigen Slowakei, auch wenn Bethlen bereits einige westslowakische Städte verloren hatte. Er versuchte sie aber wieder zurückzuerobern, um bei etwaigen Friedensverhandlungen in einer privilegierteren Position zu sein.

Bei der Belagerung von Tyrnau, dem Zentrum der römisch-katholischen Kirche der Slowakei, sah sich der ungarische König von türkischen Gnaden nach dem Tod des kaiserlichen Befehlshabers Buquoy vorerst dem General Rudolf von Tiefenbach gegenüber. Dieser vermochte den Belagerungsring von Gábor Bethlen trotz verzweifelten Bemühens aber nicht aufzubrechen, da er es mit einem zahlenmäßig weit überlegenen Feind zu tun hatte. Tiefenbachs Truppe wurde nahezu vollständig vernichtet und nur eine Minderheit geriet lebend in Gefangenschaft. Der unvermögende habsburgische General, der noch dazu Protestant war, konnte nur mit knapper Not flüchten. Tiefenbach wurde später unter dem Oberkommando von Wallenstein Feldmarschall, blieb militärisch aber weiterhin inkompetent.

Der militärische Druck auf Gábor Bethlen, dessen Armee sich trotz ihrer zahlenmäßigen Größe hinsichtlich Ausrüstung und Struktur nicht mit den vergleichsweise »modernen« Heeren der Katholiken messen konnte, wurde zunehmend größer. Um eine totale Niederlage zu vermeiden, schloss der Siebenbürger letztlich am 31. Dezember 1621 den »Frieden von Nikolsburg« und erklärte sich bereit, auf die eroberten Gebiete im königlichen Ungarn und auf die ungarische Krone zu verzichten. Als minimaler Gewinn war es ihm lediglich erlaubt, sieben oberungarische Komitate (Grafschaften am Gebiet der heutigen Ostslowakei) und zwei schlesische Fürstentümer zu behalten, die seinem Fürstentum Siebenbürgen angegliedert wurden. Nur knapp zwei Jahre später brach Bethlen den Frieden von Nikolsburg jedoch wieder und unternahm einen zweiten Feldzug, bei dem er kurzfristig die gesamte heutige Slowakei erneut unter seine Kontrolle brachte. Doch scheiterte auch dieses Unternehmen und Bethlen musste am 8. Mai 1624 anlässlich des so genannten »Wiener Friedens« den Nikolsburger Vertrag erneut bestätigen und verlor zudem die beiden schlesischen Fürstentümer Oppeln und Ratibor.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.