Kitabı oku: «Hema - Das Herz einer indischen Löwin»
Inhaltsverzeichnis
Impressum 3
Widmung 4
Dave, Lilly und Leon 4
1 Vorwort 6
2 Der Tag, der alles veränderte 7
3 Die Wochen danach 32
4 Auffangstation in seelischer Not 47
4.1 Teufelsthema Medikamente 53
4.2 Die Denner-Gang 83
5 Psychiatrische Klinik 97
5.1 Seelischer Schmerz 103
5.2 Eisen und Herz 117
5.3 Morgentief und Isolation 125
5.4 Schuldgefühle 130
5.5 Achtsamkeit 137
5.6 Frühwarnzeichen und Krisenplan 144
5.7 Zwischenmenschliche Konflikte 154
5.8 Die Geburt von Panoh 161
5.9 Rollenwechsel 166
5.10 Stefan 175
5.11 Soziales Umfeld neu sortieren 182
5.12 Der Cocktail meines Lebens 189
5.13 Der Pakt mit dem Teufel 197
5.14 Vorbereitung auf den Austritt 202
6 Austritt – Der Weg nach Hause 212
7 Mein neuer Alltag 218
8 ViaJacobi – Mein Papierschiff im See 224
9 Hema – Das Herz einer indischen Löwin 231
10 Danksagung 241
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2021 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99107-665-0
ISBN e-book: 978-3-99107-666-7
Lektorat: Margit Wagner
Umschlagfotos: Anastasiia Kruhlianska, Sergeychernov | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Widmung
Für meine Familie
Dave, Lilly und Leon
1
Vorwort
Liebe Leserin und lieber Leser!
An dieser Stelle will ich erwähnen, dass dieses Buch auf meinem Leben mit meinen eigenen Erlebnissen und Erfahrungen beruht.
Personen, welche einen Teil meiner Geschichte einnehmen, sind real, die Namen jedoch frei erfunden. Die betroffenen Institutionen führen ebenfalls nur eine allgemeine Bezeichnung und auch deren Standorte dürfen aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht namentlich erwähnt werden.
Damit aus meinen Erzählungen keine Schlussfolgerungen zu Personen oder deren Beziehungen gemacht werden können, habe ich diesbezüglich manchmal etwas weggelassen oder nur umschrieben. Ziel davon ist, diese Personen aufgrund ihrer Persönlichkeitsrechte so weit wie möglich und vertretbar zu schützen.
2
Der Tag, der alles veränderte
Der 4. Juli dieses Sommers war ein Tag wie jeder andere auch. Für mich ein normaler Samstag im Familienwahnsinn mit zwei kleinen Kindern, einer langen To-do-Liste und vorausgesagten dreißig Grad im Schatten. Ich musste jedoch bald feststellen, dass es dennoch genau jener Tag war, an welchem alles anders wurde. Ich veränderte mich und somit veränderte sich alles. Aber ich möchte am Anfang meiner Geschichte beginnen.
Mama von zwei kleinen Kindern zu sein und somit morgens keinen Wecker stellen zu müssen, hatte den Vorteil, dass ich keine Schlummertaste drücken konnte, welche mich weiterschlafen ließ – was von anderen durchaus auch als Vorteil gewertet werden durfte – und andererseits den Nachteil, dass ich nie wusste, um welche Zeit ich aufstehen musste. Mein Sohn war an jenem Tag bereits kurz nach fünf Uhr wach und schrie aus Leibeskräften, als hätte er seit Tagen nichts mehr in den Magen bekommen. Ich war stolz darauf, dass er bereits mit sechs Wochen das Beistellbett an meiner Seite verlassen hatte und in sein eigenes Zimmer umziehen konnte. Seit er in seinem eigenen Zimmer schlief, kam auch ich endlich wieder zu etwas mehr Schlaf. Von viel war jedoch nicht die Rede. Vielleicht war Mama sein Teil eines wissenschaftlichen Experiments, um zu beweisen, dass Schlaf für das menschliche Überleben nicht essenziell notwendig war. Wenn Leon durchschlief, war bestimmt seine Schwester wach und wollte zu uns ins Elternbett oder suchte mitten in der Nacht nach ihrem Schnuller oder sonst einem Kuscheltier, welches sie unbedingt brauchte, um weiterzuschlafen. Meistens war es ihr heiß geliebter Teddy, welcher alles mitmachen und miterleben durfte. Doch in so einer Nacht musste es bestimmt noch ein anderes Kuscheltier sein, welches sie seit Wochen eigentlich gar nicht mehr vermisst hatte. Ich glaubte, als Mama von zwei kleinen Kindern kommt man selten bis nie in die Tiefschlafphase, mit einem Ohr ist man immer wach. Denn wenn eines der Kinder einen Laut von sich gab, und war es noch so ein leises Wimmern, selbst abgedämpft durch Spucktuch und Kuscheltier, hörte ich es und war sofort wach und augenblicklich bereit, aufzustehen, um nach ihnen zu sehen. Gerade die ersten Wochen und Monate mit einem Baby waren da sehr anstrengend. Mit geschlossenen Augen zog ich mich aus dem Bett hoch, tapste durch den dunklen Flur, quer durch das Wohnzimmer, hob meine Füße dort, wo ich wusste, wo am Boden noch ein Spielzeug lag, weil ich es vor dem Schlafen nicht mehr aufräumen wollte, und gelangte in unsere Küche. Den Schoppen konnte ich auch im Halbschlaf zubereiten, eine Superkraft von Eltern. Anfangs hatte ich beide Kinder noch gestillt, doch auch das hatte seine Vor- und Nachteile. Wie auch immer, heute war Leon früh auf und obwohl ich mir gestern Abend erlaubt hatte, endlich wieder einmal einen Film zu Ende zu schauen, es also später wurde und ich somit nur knappe fünf unruhige Stunden Schlaf hatte, war ich stolz darauf, dass der Kleine bereits schon so viele Stunden am Stück durchschlafen konnte. Lilly schlief noch tief und fest in ihrem Bett. Und nur das zählte für mich, dass es meinen Kindern gut ging.
Nichtsdestotrotz war ich bereits in aller Früh gestresst und schlecht gelaunt. Heute war die Vier-Monats-Kontrolle beim Kinderarzt angesagt. Ich hatte bewusst den ehestmöglichen Termin morgens um acht Uhr gewählt, da ich wusste, dass Leon und ich einerseits schon wach und andererseits keine anderen Kinder da sein würden. Die Zeit im Wartezimmer würde also nur kurz sein. Und wenn es etwas gab, was ich nicht ertragen konnte, war es, in einem Wartezimmer beim Arzt zu sitzen. Vor allem mit einem Baby. Leon strahlte mich an, als ich zu ihm ans Bettchen kam, und beim Anblick seines begehrten Schoppens gluckste er fröhlich. Er stürzte die warme Milch in einem Zug hinunter. Ich sah ihm dabei zu und überlegte mir unterdessen, was an diesem heutigen Tag alles erledigt werden musste. Eigentlich wusste ich das, denn ich hatte vor dem Zubettgehen nochmals alles aufgezählt und in meinem Handy kontrolliert, ob ich auch alles eingetragen hatte. Meine To-do-Liste lag im Wohnzimmer auf dem Esstisch und wartete darauf, dass ich endlich mit der ersten Aufgabe beginnen und diese auf der Liste als erledigt markieren oder durchstreichen würde.
Heute war für Leon die erste Impfung an der Reihe. An dieser Stelle will ich nicht näher auf die Thematik, sein Kind impfen zu lassen, ja oder nein, eingehen. Jede Mutter, jeder Vater sollte das machen, was für das eigene Kind richtig erscheint. Die Untersuchung an sich würde nicht lange dauern. Die Autofahrt zum Kinderarzt war auch nur fünf Minuten lang, für die Wartezeit – obwohl ich mit keiner wirklichen Wartezeit rechnen durfte – plante ich zehn Minuten ein und für die Untersuchung nochmals fünfzehn Minuten. Also war es eigentlich eine schnelle Sache und dann würden wir bereits wieder zu Hause sein und mit meinem Mann und Lilly gemeinsam frühstücken. Bis wir zurück waren, waren sie bestimmt auch schon auf und würden hungrig sein. All diese Gedanken schnellten wie grelle Lichtblitze durch meinen Kopf und so bemerkte ich zuerst gar nicht, dass Leon den Schoppen bereits leer getrunken hatte. Ich hob ihn hoch, damit er sein Bäuerchen machen konnte, und lobte ihn dafür. Nachdem ich den Kleinen frisch gewickelt und angezogen hatte, setze ich ihn in seine Lieblingsschaukel und gab ihm eine Holzrassel in die Hand. Obwohl der Greifreflex bereits ab Geburt bei einem Baby vorhanden ist, konnte er die Rassel natürlich noch nicht so richtig halten. Dennoch war er fasziniert von den bunten Farben und dem Geräusch der Holzperlen, welche gegeneinander schlugen.
Ich ließ mir einen Kaffee aus der Maschine und verschwand kurz im Badezimmer, um mich anzuziehen, und versuchte, meine langen Haare in irgendeine anständige Position zu bringen. Zurück im Wohnzimmer zog ich die Rollläden hoch und kochte Wasser ab, damit ich es dann für einen allfälligen Schoppen unterwegs mitnehmen konnte. Wenn man mit einem Baby auch nur eine halbe Stunde weg musste, hatte man den halben Haushalt dabei. Das fing an bei frischen Windeln und Feuchttüchern, ging weiter über Schnuller und Schoppenpulver, abgekochtes Wasser, Spucktücher, Impfbuch, Spielzeug, Ersatzkleider und noch vieles mehr. Ich hatte den Wickelrucksack bereits gestern Abend mehrmals kontrolliert und wollte trotzdem nochmals sicher gehen, dass ich auch wirklich nichts vergessen hatte, was ich vielleicht hätte brauchen können.
Ich fühlte mich mies. Ich wollte nicht los, obwohl es ja wirklich keine große Sache war. Aber als Mama war man wahrscheinlich trotzdem nervös, da man sich unentwegt um die Gesundheit der Kinder sorgte. Wuchs der Kleine gut, wie viel würde er wiegen, hatte er endlich zugenommen – denn anfangs konnte Leon kaum zunehmen, was auch der Grund war, dass ich ihm zusätzlich nach dem Stillen noch den Schoppen geben musste –, wie war der Stand der Entwicklung? Mama zu sein, hieß, die Stärke zu finden, von der man nicht wusste, dass man sie hatte, und die Ängste zu bewältigen, von denen man nicht ahnte, dass es sie gab. Jedes Kind hatte seinen eigenen Rhythmus und dennoch hatte ich eine App, in welcher immer der nächste Entwicklungsschritt erklärt und veranschaulicht wurde. Diesen Prozess zu verfolgen, war natürlich sehr interessant und für mich irgendwie auch beruhigend, weil ich so dachte, dass ich es im Griff hätte. Was genau ich dabei im Griff hatte oder worüber damit auch die Kontrolle, war mir zwar nicht klar. Ich nahm mal an, das Mama sein selbst. Kinder entwickelten sich so, wie es sein musste, und jedes in seinem Tempo. Wie ungesund es war, stets eine solche Kontrolle haben zu wollen und zu brauchen und dabei auch noch zufrieden damit zu sein, wenn alles nach Norm und Plan lief, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, und es sollte mir noch zum Verhängnis werden.
In den ersten vier Monaten geschah bei diesem winzigen Würmchen bereits schon so unglaublich viel. So ein Menschchen war wahrhaftig ein Wunder. Natürlich, manchmal raubten sie einem wirklich den letzten Nerv, aber um nochmals darauf zurückzukommen, es ging darum, dass ich mich als Mama immer um meine Kinder sorgte. Ob sie gesund und glücklich waren, ob ich ihnen das Richtige beibringen konnte, ob ich sie genügend fördern würde und ob sie dennoch genügend Kind sein durften. Ob ich genug Zeit zum Kuscheln mit dem Kleinen und zum Spielen mit der Großen hätte. Obwohl, ich wollte auch mit ihr kuscheln. Also, mit beiden Kuscheln. Und Spielen. Mich plagten unendlich lange Sorgenketten und die gewaltigen Problemberge, welche sich direkt vor mir auftürmten, schüchterten mich immer wieder ein, und immer öfter erschien es mir hoffnungslos, diese zu bezwingen. Nebenbei gab es aber auch noch die Dinge, die ich sowieso zu erledigen hatte, wie etwa den Haushalt, sich bei meinen Freunden zu melden, die Freunde einzuladen und bei diesen Einladungen für die Gäste auch etwas zu kochen oder zu backen. Ich machte das gerne, vor allem Apéros mit selbst zubereitetem Fingerfood. Doch neben zwei kleinen Kindern, welche einem ununterbrochen brauchten, war es tatsächlich manchmal eine Meisterleistung, gleichzeitig noch Gemüse zu rösten oder schöne Drinks vorzubereiten, und somit auch stressig. Den heutigen Arzttermin mit Leon wollte ich einfach schnell hinter mich bringen und vom Kinderarzt zu hören bekommen, dass es meinem kleinen Sohn gut ging.
Leon war in seinem Maxi-Cosi und wir fuhren los. Der Kinderarzt war nur wenige Autofahrtminuten weg. Natürlich war ich wie immer einige Minuten zu früh und die Türe war noch verschlossen. Also musste ich mit Leon im Treppenhaus warten. Nachdem ich dann den Impfausweis abgab, durften wir direkt in das Behandlungszimmer gehen. Ich zog Leon bereits bis auf die Windeln aus, damit der Kinderarzt ihn dann direkt untersuchen konnte. Leon jammerte ungeduldig, schließlich war es ja auch etwas frisch, aus dem warmen Auto und dem kuscheligen Maxi-Cosi herauszukommen und nun halbnackt auf diesem Wickeltisch zu liegen. Ich versuchte, ihn mit dem Mobile abzulenken, und zupfte an den mit Nylon befestigten Schmetterlingen. Während ich in Leons wunderschöne hellgrüne Augen sah, merkte ich plötzlich, wie ich unruhig wurde. Mein Kleiner war weiterhin unzufrieden und ließ sich auch vom Mobile nicht ablenken.
Auf einmal hatte ich Magenschmerzen, die innert wenigen Sekunden immer heftiger wurden. Ich verspürte Übelkeit und während ich Leon mit beiden Händen an seinen Armen hielt, schloss ich die Augen. Unangenehme, flackernde Bilder blitzten vor meinem inneren Auge auf und so öffnete ich sie wieder. Dann drehte sich alles. Der Anblick von Leon war verschwommen, ich hörte sein Weinen, welches mittlerweile zwar lauter war, für mich sich dennoch wie aus weiter Entfernung und gedämpft anhörte. Ich bemerkte, wie meine Beine an Kraft verloren, und lehnte mich deshalb nach vorne, mit dem Bauch direkt an den Wickeltisch, um nicht umzufallen. Ich kannte solche Momente, sie kamen dann, wenn ich kurz davor war, ohnmächtig zu werden. Grund dafür war meistens mein niedriger Blutdruck. Seit der Primarschule passierte mir das ab und zu, wenn ich zu wenig oder nichts gegessen hatte, was ja auch heute Morgen der Fall war, oder wie so oft, wenn ich zu wenig geschlafen hatte und übermüdet war. Bis dahin war das kein Problem, ich wusste, dass, wenn ich mich zwanzig Minuten hinlegte und die Beine hochlagerte, das Blut wieder zurück in den Kopf fließen konnte. Zucker in Form von Sirup, Traubenzucker oder Red Bull half meistens, damit sich der Kreislauf schnell wieder stabilisieren konnte. Danach war alles wieder gut. Heute war es aber anders. Heute hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben Angst davor, schwach zu sein und ohnmächtig zu werden. Ich durfte nicht ohnmächtig werden. Was, wenn meine Beine nachgaben, wenn Leon dann alleine, ohne meine schützenden Arme um ihn, auf diesem Wickeltisch lag und er mich suchte, sich versuchte, zu drehen, und dann vom Wickeltisch hinunter auf den Boden fiele. Er wäre tot. Ich würde mein Baby verlieren, mein Mann seinen Sohn und Lilly ihren kleinen Bruder. Ich musste also stark bleiben. Doch es wurde immer schlimmer, ich kniff die Augen so fest zusammen, dass sie sogar schmerzten, und hielt mich krampfhaft am Gedanken fest, dass ich das hier überstehen musste. Ich musste schließlich für Leon stark sein, welcher jetzt geimpft würde, und dann musste ich mit ihm auch wieder sicher nach Hause kommen.
Wie jedes Mal kurz vor einer Ohnmacht begann das hohe Pfeifen in meinem Ohr. Und wenn dieses Pfeifen da war, so wusste ich, dass es sich jeweils nur noch um Sekunden handelte, bis ich das Bewusstsein verlor. Ich hörte mein Herz klopfen, so laut, dass es mich wahnsinnig machte. In diesem Moment hörte ich den Kinderarzt ins Zimmer kommen. Ich öffnete die Augen wieder und sah wie durch einen Schleier, wie er sich dem Wickeltisch näherte. Ich hörte ihn etwas sagen, weiß heute jedoch nicht mehr, was es war, vermute aber, dass er uns einfach begrüßt hatte.
Er bemerkte sofort, dass etwas nicht in Ordnung war, und sagte, ich solle mich kurz hinsetzen. Ich beobachtete mich selber wie in Zeitlupe, wie meine Hände von Leons Armen glitten und der Kinderarzt übernahm. Ich machte zwei kleine Schritte zum Stuhl und setzte mich hin. Ich sah dem Kinderarzt zu, wie er Leon auf seinen Arm nahm und eines der Fenster öffnete, und hörte ihn wieder aus weiter Entfernung sagen, dass die Luft hier etwas stickig sei. Ich rutschte vom Stuhl auf den Boden hinunter, weil ich dachte, ich könnte vom Stuhl fallen, kroch zum Wickelrucksack hinüber und öffnete ihn. Mit zittrigen Händen drehte ich den Verschluss der kleinen Wasserflasche auf und trank sie bis zur Hälfte leer. Leon schrie unterdessen bereits, es tat mir im Herzen weh, ihn so zu hören. Er spürte, dass etwas nicht gut war und ein fremder Mensch ihn im Arm hielt. Leon konnte mich weder sehen, hören noch riechen. Ich saß am Boden und fühlte mich wie ein kleines Kind, als der Kinderarzt mich frage, ob ich heute Morgen schon etwas gegessen hätte. Ertappt verneinte ich. Ich sagte aber auch, dass das wieder vorbei gehen würde und ich solche Schwächeanfälle kannte. Der Kinderarzt und Leon verließen das Zimmer und ich saß alleine auf dem kalten Boden. Und dann kam sie, die Panik. Unangemeldet, unerwünscht und in voller Wucht. Mit aller Macht brach sie über mich herein. Mein Herz raste, es drohte buchstäblich aus meinem Brustkorb herauszuspringen und angsterfüllt riss ich meinen Mund auf, um mehr Sauerstoff zu bekommen. Nun fiel mir das Schlucken auf einmal schwer, es tat richtig weh. Was passierte mit mir, was war da bei mir los? Wo war der Kinderarzt und wo war mein Baby? Eine Arztgehilfin kam rein. Sie gab mir ein Glas Sirup. Nervös suchte ich nach Traubenzucker im Wickelrucksack, fand aber keinen, egal wie oft ich jedes Fach darin durchwühlte. Wann hatte ich das letze Mal solch einen Schwächeanfall, dass ich keinen Traubenzucker dabei hatte? Das musste ewig her sein. Und obwohl ich einerseits die Schwindelgefühle kannte und wusste, dass das aufgrund des niedrigen Blutdrucks und des geschwächten Kreislaufs war, wusste ich genau, dass es heute anders war als sonst. Auch Monate später konnte ich dieses Gefühl nicht beschreiben und in Worte formulieren, ich spürte es einfach. Etwas war anders. Ich wusste, dass ich nervös war, weil die Impfung ausstand und ich noch nicht mal erzählt hatte, wie es Leon überhaupt ging, wie viel er zur Zeit trank und wie die ersten Monate verliefen. Und als der Kinderarzt mit Leon endlich wieder bei mir war, fragte er mich etwas völlig Neues: „Haben Sie Panik?“ Ich starrte ihn verdattert an und war fassungslos. Panik? Ich hatte niemals Panik, weil ich immer alles im Griff hatte. Ich wusste, was ich wollte und was ich machte. Ich hatte also nie Panik. Ich dachte, dass ich jetzt Ruhe bewahren musste, wir waren schon länger da, als ich es geplant hatte. Obwohl der Kinderarzt meinte, es sei vielleicht besser, wenn ich mich auf die Liege legen würde, blieb ich auf dem Boden, mittlerweile jedoch nicht mehr sitzend, sondern auch liegend. Ich hatte Angst, dass ich bei diesem starken Schwindel von der Liege herunter fallen würde. Ich sollte meinen Mann anrufen, hieß es. Also rief ich ihn an. Ich konnte kaum sagen, was los war. Nur, dass es mir nicht gut ginge und er sofort herkommen solle. Lilly musste er natürlich mitnehmen. Sie müssten sich zuerst anziehen, da sie erst gerade aufgestanden wären und beide noch im Pyjama seien, sagte Dave. Die Magen- und Schluckbeschwerden waren mittlerweile ziemlich heftig. Ich klammerte mich mit schwitzigen Händen am kühlen Stuhlbein fest. Die Zeit, bis mein Mann mit Lilly auftauchte, kam mir wie eine Stunde vor. Angeblich waren es nur knappe zwanzig Minuten. Lilly legte sich zu mir auf den Boden und fragte mich, ob ich Bauchaua hätte. Sie meinte natürlich Bauchschmerzen. Ich nickte müde. Mein Mann kümmerte sich mit dem Kinderarzt um Leon. Die Impfung ging schnell und wir konnten endlich gehen. Der Kinderarzt sagte meinem Mann, dass er sich am Nachmittag bei uns melden würde, um sich zu vergewissern, dass es mir gut gehe. Lilly nahm mich bei der Hand und wir gingen zum Auto. Wie die Kleine mich an der Hand nahm und mir so signalisieren wollte, dass sie jetzt für mich stark war und für mich da war, das war unglaublich schön und gleichzeitig tat es so weh, weil ich doch diejenige von uns war, welche stark sein musste.
Mein Auto mussten wir hier stehen lassen. Dave sagte, dass er dieses später mit einem Kollegen holen würde. Wir fuhren los. Ich saß auf dem Beifahrersitz und krallte meine Fingernägel in das Sitzpolster. Ich fühlte mich wie im freien Fall und hatte keinen Halt. Ich dachte, ich würde jeden Moment ohnmächtig werden. Mein Mann löste vorsichtig meine versteiften Finger vom Sitzpolster und hielt meine Hand in seiner. Ich konnte nichts sagen und Dave versuchte die angespannte Stimmung etwas zu überspielen, indem er sich mit Lilly unterhielt. Das war nämlich das Letzte, was ich wollte, dass Lilly zu spüren bekam, wie schlecht es mir ging. Ich versuchte, mich auf meine Atmung zu konzentrieren. Ich dachte, dass, wenn ich möglichst schnell und oft einatme, ich mehr Sauerstoff bekäme. Gleichzeitig versuchte ich, angestrengt aus dem Fenster zu sehen, die Dinge anzuschauen, an welchen wir vorbeifuhren, um bei Bewusstsein zu bleiben. Zu Hause in der Garage stieg ich sofort aus und ging hinauf in unsere Wohnung. Dave sagte, er würde mit den Kindern nachkommen, ich solle mich hinlegen. Torkelnd ging ich hoch, zog mir benommen die Kleider aus und legte mich auf den Rücken in unser Bett. Ich konnte jedoch keine zwei Sekunden liegen bleiben, stand sofort wieder auf, lief durch die Wohnung hin und her und fragte mich, wieso es mir noch nicht besser ging. Die zwanzig Minuten, die es jedes Mal dauerte, waren längst vorbei. Ich riss die Balkontüre auf und ging nach draußen auf unseren Sitzplatz. Die Sonne schien, es war bereits sehr warm, doch ich fror. Also kehrte ich wieder um und ging zurück ins Wohnzimmer. Wo blieben mein Mann und die Kinder? Wieso waren sie noch nicht bei mir? Ich öffnete die Wohnungstüre und hörte meinen Mann mit einer Nachbarin im Treppenhaus sprechen. Also war alles gut, sie würden gleich hoch kommen. Ich lief von der Küche durch das Wohnzimmer, ins Schlafzimmer und wieder zurück, immer schneller, bis ich rannte. Mir tat alles weh und ich hatte ein heftiges Stechen in meiner Brust. Das Schlucken schmerzte nach wie vor und der Magen brannte. Als mein Mann dann hochkam, sagte ich zu ihm, dass ich das Gefühl hätte, fast keine Luft mehr zu bekommen. Also ging ich wieder in den Garten hinaus, mit der Hoffnung, draußen besser atmen zu können. Leon schlief friedlich in seinem Maxi-Cosi und Lilly setzte sich auf die Couch und spielte mit ihrem Teddy. Gott sei Dank bekamen die Kinder nichts mit. Ich ging wieder hinein und wieder hinaus. Als ich dann ein erneutes Mal drinnen war und vor dem Spiegel stand und mich ansah, war es, als blickte mich eine Fremde an. Das war nicht ich. Dieser verzerrte Blick, die Augen von Angst und Panik erfüllt, unwissend, was vor sich ging und was noch geschehen würde. Ich torkelte wieder zurück ins Wohnzimmer, mein Blickfeld war mittlerweile so verschwommen, dass ich nicht mehr richtig einschätzen konnte, wo die Wand war. Mein Mann sah mich an, sagte aber nichts. Ich war froh, dass er so gelassen bleiben konnte. Ruhig war er bestimmt nicht, aber er wirkte so. Und das war gut so. Denn ich war genug nervös für alle zusammen. Mein Herz schmerzte so sehr, dass mir plötzlich bewusst wurde, dass ich gleich einen Herzinfarkt haben könnte. „Du musst die Ambulanz rufen. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe.“ Endlich konnte ich sagen, was ich seit über einer Stunde fühlte. Ich war mir nämlich überhaupt nicht sicher, ob ich diesen Tag überstehen würde, lebend, meine ich. Vielleicht konnten die mich reanimieren, wenn ich wirklich zu wenig Sauerstoff hatte oder ich einen Herzinfarkt hatte, dachte ich. Mein Mann rief an. Ich bewunderte ihn, wie ruhig er am Telefon sprach. Ich selber hatte in dieser Situation nämlich sogar die Telefonnummer vergessen und sagte mir, dass, wenn ich das Ganze hier überlebte, ich die Notfallnummer in meinem Handy unter den Favoriten abspeichern würde, falls dies nicht bereits systemtechnisch so erfasst war. Ich stand vor meinem Mann, hielt seine Hand und schaute ihn an. Ich hörte, wie er am Telefon sagte, dass ich mich nicht hinlegen konnte und Schmerzen in der Brust hätte und immer wieder erwähnte, dass ich zu wenig Luft bekäme. Dann war wieder eine Pause. Die Person am anderen Ende der Leitung schien zu sprechen. Was sagte sie? Wieso wollte sie so viel wissen? Hatte sie zumindest schon eine Ambulanz losgeschickt? Was, wenn diese zu spät kam? Ich würde sterben, hier und heute in meiner Wohnung, vor den Augen meiner eigenen Kinder. Tränen schossen mir in die Augen und rannen über die Wangen hinunter. Es würde zehn Minuten dauern, sagte mein Mann, als er mit dem Telefonieren fertig war. Als ich erneut beinahe schrie, dass ich keine Luft bekam, sagte mein Mann, ich solle wieder in den Garten gehen, wenn das besser sei. Also ging ich wieder nach draußen und legte mich dort auf die Platten auf den Boden. Ich hatte Gänsehaut, und obwohl es nun bereits heiß wurde und die Sonne auf mich niederbrannte, war mir kalt. Mein Mann brachte mir eine Decke. Und so lag ich da und wartete auf die Ambulanz. Als ich mich später an diesen Moment zu erinnern versuchte, wusste ich nicht mehr, was ich in diesem Augenblick gedacht hatte. Und dann endlich, sieben Minuten später kam sie, sogar mit grellem und drehendem Blaulicht. Vier Rettungssanitäter kamen durch unsere Wohnung in den Garten zu mir hinaus. Alle mit Schutzmasken.
Ja, in diesem verrückten Jahr hatten wir weltweit das Covid-19-Virus, welches die ganze Welt in Angst und Schrecken versetzte. Manche glaubten, dass das Virus bewusst in einem chinesischen Labor gezüchtet wurde, andere hielten die Geschichte nur für eine Spekulation und ein Schauermärchen. Aufgrund der Panikmacherei gab es auch noch diejenigen, die sich abschrecken ließen und wirklich Angst davor hatten. Ich selber kannte jemanden, der dieses Virus hatte und dem es sehr schlecht ging, so dass er hospitalisiert werden musste. Ich musste zugeben, auch ich hatte Respekt davor, keine Angst, jedoch hatte auch ich mir Gedanken dazu gemacht und mich an die Vorschriften des Bundes gehalten. Die Schließung unserer Kinderkrippe, in welcher Lilly war und in die Leon eigentlich ab Juli auch hätte hingehen sollen, war eine der vielen Konsequenzen davon. Wir mussten in kürzester Zeit eine neue Krippe finden. Eine Krippe, welche in der Nähe war, unserer Erziehungsphilosophie entsprach, uns sympathisch war und natürlich auch noch bezahlbar war. Im Unternehmen meines Mannes gab es teilweise Kurzarbeit, zum Glück aber blieb seine Abteilung davon verschont. Auf meiner Arbeit wurde auch striktes Homeoffice verordnet und ich wusste noch nicht genau, wo ich im August nach Beendung meines Mutterschaftsurlaubs wieder zu arbeiten beginnen sollte, zu Hause im Homeoffice oder im Büro vor Ort. Ich freute mich wahnsinnig darauf, wieder zur Arbeit zu gehen. Seit acht Jahren war ich schon dort und ich konnte es ehrlich gesagt kaum erwarten, auch wieder Mitarbeiterin und Arbeitskollegin und nicht nur Ehefrau und Mutter zu sein.
Corona, so heisst das Virus. Ich hoffe, dass heute, wenn ihr, liebe Leserinnen und liebe Leser, diese Zeilen vor euch habt, diese Pandemie endlich aus der Welt geschafft und überstanden ist. Leider, so wusste ich, hätte sich die Wirtschaft bis dahin aber noch nicht erholt. Das Coronavirus hatte vieles zerstört und während ich das niederschrieb, war dieses nach wie vor Bestand unserer Leben und bereitete sich aktuell sogar gleich auf eine weitere Welle vor. Die Fallzahlen stiegen wieder. Arbeitsstellen wurden gestrichen, Personen starben, das soziale Umfeld und Freizeitaktivitäten wurden radikal heruntergefahren, da man aufgrund von Mindestabstand und Hygienevorschriften Einschränkungen vornehmen musste. In den letzten Monaten fühlte ich mich wie in einem Kriegsgebiet. Und das im Jahre 2020 in der Schweiz, einem der sichersten und finanziell besten Orte auf der Welt. Wo waren wir bloß gelandet? Was passierte mit dieser Welt und ihrer Menschheit?
Obwohl ich immer noch auf den Gartensitzplatten lag, die Wolldecke über mir, und nun diese vier Sanitäter um mich herum standen, kamen mir all diese Gedanken. Und zwar in einer solch rasanten Geschwindigkeit, als würde man einen Film im Fernsehen vorspulen. Dieses Tempo an Gedanken war sehr unangenehm, denn ich konnte mich an keinem einzelnen Gedanken wirklich festhalten und ich hatte keine Taste, um Pause zu drücken, wie auf der Fernbedienung.
Ich starrte in die Gesichter um mich herum oder wohl eher auf ihre Masken. Die Sanitäterin zu meiner rechten Seite legte ihre Hand auf meinen zitternden Handrücken und stellte mir einige Fragen. Ich hörte sie sprechen, sah in ihre Augen und spürte ihren warmen Händedruck auf meiner Hand, doch ich verstand keines der Worte, die sie von sich gab. Mein Mann kam dazu und konnte einige Antworten für mich übernehmen. Ein weiterer Sanitäter tauschte unsere Wolldecke mit einer Wärmedecke aus seinem Rettungskoffer. Er legte mir eine Infusion an und einen Augenblick später hatte ich auch einen Sauerstoffschlauch unter meiner Nase. Es roch sehr chemisch und unangenehm. Mir wurde darauf sofort wieder übel und endlich fand ich auch meine Stimme wieder und konnte mich nun mitteilen. Ich erzählte vom heutigen Besuch beim Kinderarzt, von den Kreislaufproblemen und vor allem von der Angst, dass ich zu wenig Sauerstoff bekommen könnte und von den Herzschmerzen. Mit einem weiteren Gerät aus einem der roten Koffer kontrollierte die Frau, die meine Hand hielt – sie schien die leitende Sanitäterin in diesem Team zu sein – wie viel Sauerstoff meine Lunge tatsächlich bekam. „Mehr wie hundert Prozent Sauerstoffzufuhr geht nicht. Sie haben definitiv genügend Luft“, meinte sie mit beruhigender Stimme und drückte meine Hand sanft. Wie war das möglich? Seit über zwei Stunden hatte ich Angst, dass ich ersticken könnte. Meinten die etwa, ich erzählte ihnen ein Märchen? Vielleicht hatte ich ja Corona, vielleicht hatte es mich nun auch erwischt, schoss es mir durch den Kopf. Doch sie schüttelte den Kopf und sagte, ich hätte keine Symptome dergleichen und die Schmerzen in meiner Brust, welche ich als Herzschmerzen wahrnahm, waren sehr wahrscheinlich durch die Verspannung einer Hyperventilation in meiner Panik entstanden. Ob ich an Panikattacken leiden würde, war die nächste, sehr unangenehme Frage an mich. Ich schüttele den Kopf. „Natürlich nicht!“, antwortete ich energisch. Jetzt kam doch tatsächlich schon wieder jemand mit dieser Panik. War heute der Welt-Panik-Tag oder was sollte das? Was für eine Frage! Ich war wirklich verärgert. Mein Herz wurde zum Glück dennoch überprüft. Ich erzählte, dass ich bereits im Frühling teilweise, wenn auch unregelmäßig, undefinierbare Stiche in der Herzregion hatte, mich aber nicht traute, meinem Mann oder sonst wem davon zu erzählen. „Sie haben zwei kleine Kinder und vor wenigen Monaten gerade erst entbunden. Das ist natürlich sehr anstrengend“, meinte eine weitere Sanitäterin, die bis dahin nur zugeschaut hatte. Was wusste die denn schon von meinem Leben und überhaupt vom Leben einer Mutter mit zwei kleinen Kindern, dachte ich und ignorierte ihre Aussage etwas genervt. Ich wusste aber im Grunde, dass es mehr eine Feststellung war, und ja, natürlich hatte sie recht, aber ich wollte nicht zugeben, dass es anstrengend ist, schließlich liebe ich meine Kinder und würde alles dafür tun, dass es ihnen gut geht und sie glücklich sind. Ich bin ihre Mama, die schon alles geschafft hat. Ich war eine Powerfrau, was also wollte mir diese Fremde da schon von meinem Leben erzählen? Ich konnte nicht beantworten, ob es in meiner Familie Herzprobleme gab. Ich war adoptiert und so wusste ich nichts über eine womögliche Vererbung oder dergleichen. Die Antwort „Ich weiß es nicht, ich bin adoptiert.“ musste ich schon so viele Male geben. Dabei hatte ich nie etwas Schlimmes empfunden, es war einfach auch nur eine Tatsache. Ich bin adoptiert und ich wusste die Antwort darauf nicht. Auch dieses Mal sagte ich diesen Satz, jedoch wurde ich das erste Mal dabei auch traurig. Oder wütend? Ich wusste nicht, was es war und was sich da in diesem Moment in mir ausbreitete. Ich war froh, dass ich gemäß diesem Gerät anscheinend genügend Sauerstoff bekam und ich keinen zusätzlichen brauchte, und dennoch blieb dieser grässlich stinkende Schlauch in meiner Nase. Und selbstverständlich war ich auch froh, dass es meinem Herz auch gut ging. Es schlug zwar etwas schnell, aber es war in Ordnung. Meine Beine kribbelten und es machte mich unruhig. Am liebsten wäre ich aufgestanden und herumgelaufen, so, wie wenn ein Fuß eingeschlafen wäre. Doch ich wusste, dass ich die Kraft zum Aufstehen gar nicht hatte. Mir wurde die Infusion angelegt, Flüssigkeit zum einen und Schmerzmittel zum anderen, da ich nach wie vor heftige Magenkrämpfe hatte. Auch wenn ich nun wusste, dass es meinem Herz gut ging, wollte ich wissen, warum ich so Schmerzen in meiner Brust hatte. Ich wiederholte mich also erneut und erklärte, dass ich glaubte, zu wenig Sauerstoff zu bekommen, und ich mir sicher war, demnächst in Ohnmacht zu fallen oder an einem Herzinfarkt zu sterben. Die leitende Sanitäterin kam ganz nah zu mir, viel zu nah meiner Meinung nach. Und dann kam heute zum dritten Mal das Wort und vor allem dieser schreckliche Satz: „Das war eine Panikattacke.“ Ich hatte das Gefühl, dass mein Herz nun tatsächlich stehenblieb. Dieser Satz an diesem Samstagvormittag, draußen auf unserem Sitzplatz, umringt von Rettungssanitätern und meinem Mann, der daneben stand und mich ansah, dieser komplette Satz, mit konjugiertem Verb und Punkt am Ende, veränderte alles. Nicht nur diesen Tag, nein, er veränderte mein ganzes Leben. Dieses Leben, welches ich bis dahin gelebt hatte. Er veränderte mich und meine Umgebung und das Leben, welches mir noch bevorstand. Einfach alles.
Ich sagte nichts. In meinem Kopf rotierte es. Was erlaubte sich diese Frau? Sie hatte keine Ahnung, wer ich war, wie mein Leben aussah, was ich tat. Und anscheinend hatte sie auch keinerlei Ahnung, was ich wirklich hatte oder was in mir gerade vorging. Ich war wütend, richtig wütend. Auf diese Frau, auf den ganzen Tag und vor allem auf mich selbst. Ich löste jedes Problem selber, egal wie groß es auch schien, ich fand für alles eine Lösung und tat selber immer alles, um das Problem aus der Welt zu schaffen. Ich wollte die Ambulanz, damit sie mich retten konnte, weil ich dachte, ich würde hier sterben. Weil ich Angst hatte, dass meine Familie mich heute verlieren würde. Und das Schmerzmittel in dieser Infusion hatte auch noch nicht gewirkt. Es hat nichts gebracht, dass die da waren. Das Einzige, was ich davon hatte, war wohl bald eine hohe Rechnung von der Krankenkasse. Und da ich nie zum Arzt musste, weil ich immer gesund war, war somit die ganze Jahresfranchise ausstehend, welche ich nun selber bezahlen musste, toll.
Ich sah einen der Sanitäter in unsere Küche gehen und sich dort suchend umschauen. Mein Mann folgte ihm und wurde gefragt, ob ich irgendwelche Medikamente einnahm, ob ich schon länger mit psychischen Problemen zu tun hätte und ob ich eine Psychologin hätte, welche man kontaktieren könnte. Dieses Szenario war wie in einem Kriminalfilm. Die Leiche, das war wohl ich, da ich mich auch genau so fühlte, lag irgendwo am Boden, in diesem Falle draußen auf unserem Sitzplatz, und nun traf die Polizei oder eben hier die Ambulanz ein und suchte nach der Mordwaffe oder der Ursache für den für alle überraschenden und unerklärbaren Tod. Ich nahm keine Medikamente. Ich hatte noch nie psychische Probleme. Die Wut, die in mir brodelte, konnte man sich kaum vorstellen. Wütend darüber, dass fremde Menschen sich ein Urteil über mich und mein Leben bildeten, kamen mir wieder die Tränen.
Natürlich, das musste ich zugeben, war ich nicht glücklich. Schon länger nicht. Ich wusste nicht, seit wann, und ich wusste nicht genau, an welchem Tag ich das genau festgestellt hatte. Irgendwann im Frühling vielleicht, nach der Geburt von Leon. Ich war oft traurig und Dinge, die ich früher, auch mit einem Kind, mühelos erledigt hatte oder angegangen war, fielen mir auf einmal schwer. Ich hatte das starke Bedürfnis, alleine sein zu wollen. Weit weg von meinem Leben, das ich lebte, und von den Menschen, die um mich herum waren. Das war auch der Grund, weshalb ich für ein Wochenende in einem Hotel wohnte. Dies nicht, weil ich nicht zu Hause sein wollte oder von meiner Familie getrennt, sondern, weil ich einfach alleine sein wollte. Was schlussendlich auch der Grund dafür war, dass ich nach vielen Ermutigungen von Familie und Freunden den Schritt gewagt hatte, einen ersten Termin bei einer Psychologin wahrzunehmen. Ein Schritt, welcher mir extrem viel Mut gekostet hatte. Denn diesen Schritt zu gehen, bedeutete für mich, dass ich das erste Mal selber keine Lösung für mein Problem mehr hatte, dass ich Hilfe brauchte. Ich war überzeugt, dass, wenn ich ein paar Mal dort war, meinen Kummer von der Seele gesprochen hätte, alles wieder gut war und wieder so, wie es immer war. Obwohl ich das selber nie erleben wollte, wusste ich, dass es viel mehr Menschen gab, als man dachte, die einen Psychologen aufsuchten, um ein Problem oder, wenn schlimmer, auch eine Krise zu bewältigen. Ich tat es eigentlich nur, damit mein Umfeld aufhörte, mir ständig zu sagen, dass ich mich verändert hatte und ich endlich mit jemanden reden sollte. Ich wusste, sie meinten es gut, sie wollten mir helfen. Alle wollten mir helfen. Doch ich wollte keine Hilfe, ich brauchte keine Hilfe. Ich hatte noch immer alles alleine geschafft. Schließlich hatte ich als kleines Mädchen den Weg von Indien in die Schweiz auf mich genommen. Hatte mich in ein neues Land mit einer anderen Kultur und einer neuen Sprache gewagt. Ich konnte auch bestens damit umgehen, dass ich als dunkelhäutiges Mädchen in fast jeder Situation auffiel und nach meinem ursprünglichen Geburtsort gefragt wurde. Was berechtigt also fremde Menschen aufgrund von Herzschmerzen und Sauerstoffmangel, und vor allem vor meinen beiden Kindern, zu urteilen, dass ich jetzt eine Panikattacke hätte, was auch immer das zum Teufel nochmal überhaupt sein sollte? Und die Frage nach Medikamenten und psychischen Problemen war für mich dann noch das Beste am Ganzen. Bei der Frage, ob in meiner Familie psychische Erkrankungen vorkämen, gab ich wie zuvor die gleiche Antwort, dass ich adoptiert war und ich es deshalb nicht wusste. Bestätigung genug, dass sie mir vielleicht doch nicht zugehört hatten. Einige Minuten vorher war es die Frage nach psychischen Problemen, jetzt war die Formulierung bereits bei psychischer Erkrankung angelangt. Ich konnte nicht mehr. Heiße Tränen liefen mir die Wangen hinunter. Dennoch versuchte ich, ruhig zu atmen, langsam und bewusst, wie es der Sanitäter mir sagte. Ich wusste, ich musste das jetzt einfach überstehen. Alleine wieder einmal, wie so manches in meinem Leben, so, dass sie dachten, es wäre alles wieder gut und ich hätte mir das alles nur eingebildet. Und vorgetäuscht, damit sie jetzt schnell wieder gehen würden.
In diesem Moment sah ich eine Nachbarin auf dem Balkon. Sie schaute, ohne eine Reaktion zu zeigen, hinunter. Natürlich erschrickt man im erstem Moment, wenn eine Ambulanz vor dem Hause steht und man sieht, dass sich vier Rettungssanitäter um die Nachbarin kümmern. Wenn sie daliegt, versehen mit diversen Schläuchen für Stauerstoff, Flüssigkeit und Schmerzmittel, und ein großer Kasten daneben, welcher piepsend den Herzschlag überwacht. Und dennoch, wo blieb der Anstand, wo der Respekt und wo blieb die Privatsphäre dem anderen gegenüber? Zwei der Sanitäter begannen ihre Sachen wieder in ihren Koffer einzupacken. Sie waren zum Aufbruch bereit. Ich war erleichtert. „Wir gehen jetzt“, sagte die leitende Sanitäterin und hielt mich am Arm. „Schaffen Sie es alleine oder sollen wir ihnen helfen?“ Sie sah mich fragend an. Wieso waren die Schläuche immer noch an mir und weshalb sollte sie mir hochhelfen? Ich war irritiert. Sie sagte doch, dass sie gehen würde. Erst dann kapierte ich, dass sie mich mitnehmen wollten. „Es ist ja alles gut, haben Sie gesagt, also kann ich hier bleiben“, hatte ich trocken geantwortet. Sie wollten sich mein Herz doch nochmals genauer anschauen und ich sollte im Spital mit dem Oberarzt sprechen. Mir wurde wieder schwindlig und ich stellte erst in diesem Moment fest, dass es die letzten Minuten eigentlich wieder besser war mit den Kreislaufproblemen. Ich wollte auf keinen Fall durch das Wohnzimmer gehen. Meine Kinder sollten mich nicht, wie ein Weihnachtsbaum geschmückt, mit Sauerstoff und Infusion weggehen sehen. Mein Mann wollte mir versichern, dass er nachkommen würde. Aufgrund der Situation mit Corona wurde ihm jedoch nicht erlaubt, mit- oder nachzukommen. Die Sanitäter halfen mir dabei, aufzustehen, durch den Garten und über unsere selbst kreierte Plattentreppe hinunter auf den Parkplatz zu gelangen. Sie hoben mich auf die Trage und schnallten mich an. Ich fühlte mich schwach, ausgeliefert und sehr hilflos. Das Piepsen auf dem Herzüberwachungsmonitor wurde wieder lauter. Ich dürfte mich nicht aufregen, dass sei nur so laut, weil mein Herzschlag schneller wäre und ich müsste mir keine Sorgen machen. Und sie hätten mich nur angeschnallt, damit ich mich im Ambulanzwagen nicht verletzten könne oder von der Trage fallen. Es würde alles gut werden. Ich hörte wieder das Pfeifen im Ohr und war wieder kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren. Bevor sie mich gemeinsam in den Wagen hochheben konnten, mussten sie tatsächlich einem weiteren Nachbarn sagen, dass er von der offenen Türe des Fahrzeugs wegtreten solle. Ein anderer Nachbar stand auf seinem Balkon und schaute hinunter. Er machte sich nicht die Mühe, sein Schauen zufällig wirken zu lassen, nein, er verharrte an Ort und Stelle und sah zu. Es war mir peinlich. Sie dachten bestimmt alle, ich hätte Corona. Auf der Fahrt ins Spital konnte ich nicht aufhören, zu weinen. Ich wimmerte leise vor mich hin. Ich hörte mir selber zu und wusste nicht, ob ich Mitleid mit mir selber hatte oder ob es einfach nur grässliche Scham war. Ich schämte mich, dass ich einen solchen Aufwand betrieb und das, obwohl sie sagten, es wäre alles gut. Ich schämte mich, weil ich danach eine hohe Arztrechnung zahlen musste. Ich schämte mich, weil ich nicht bei meinen Kindern bleiben konnte, und ich erinnerte mich ebenfalls, dass ich jetzt eigentlich die Wäsche waschen wollte, welche ich bereits gestern Abend vorsortiert hatte. Ich hatte mich im Wäschekalender im Keller eingetragen.
Im Spital angekommen, wurde ich von der Trage auf ein Spitalbett umgelegt und erhielt nun auch eine Schutzmaske. Wie konnte man mir eine solche Maske aufzwingen, unter welcher ich noch weniger Luft bekäme? Es ging mir dabei nicht darum, dass ich mich gegen das Tragen der Maske im Kampf gegen das Coronavirus weigern wollte, ich hielt mich stets an alle Vorschriften. Aber in diesem Moment, in dem ich dachte, dass ich aufgrund von Sauerstoffmangel sterben würde, fand ich die Maske dann doch sehr fragwürdig. Ich verstand nicht mehr viel. Ich sollte das Herz nochmals kontrollieren, den Oberarzt kurz sehen und dann würde ich sofort meinen Mann anrufen, damit er mich so rasch wie möglich wieder nach Hause holen konnte. Das war mein Plan. In der Notfallabteilung wurde ich in ein separates Abteil geschoben und der sterile, duschähnliche Vorhang zum Flur wurde zugezogen. Eine junge Frau kam herein und ersetzte die Infusion mit einem neuen Beutel. Die Schmerzmedikamente wollten noch immer nicht wirken. Ich hatte nach wie vor sehr starke Magenschmerzen. Ich riss mich jedoch zusammen, damit wir kurz miteinander sprechen konnten. Sie wollte wissen, wie hoch mein Gewicht war und ob ich genügend aß.
Ich sagte ihr, dass ich mein aktuelles Gewicht nicht kannte, da ich sehr selten bis fast nie auf einer Waage stand. Ich war schon immer sehr schlank und in meiner ganzen Kindheit und Jugendzeit bis kurz vor der Schwangerschaft mit Lilly hatte ich immer sehr viel Sport betrieben. Ich war im Leichtathletikverein, in einer Tanzgruppe, war viel Joggen und bis vor wenigen Jahren noch immer aktiv in einem Fußballverein tätig. Sport war mir immer sehr wichtig gewesen, nicht der Figur halber, sondern weil es mir mental guttat und Sport für mich sehr interessant war. Bis heute verfolgte ich am meisten jedoch Fußball. Seit 1998 bin ich Fan des italienischen Fußballclubs AS ROMA und war fasziniert vom Talent des römischen Fußballgottes Francesco Totti. Leider spielt Totti nicht mehr aktiv Fußball. Für mich gab es aber immer nur den einen wahren Captain der ROMA und das war nun mal Totti. Mein Vater zog mich früher immer auf, weil ich so ein begeisterter Fußballfan war und Totti so bewunderte und für ihn schwärmte. Ich hatte unzählige Fußballartikel und in meinem Zimmer zu Hause bei meinen Eltern die ganzen Wände damit tapeziert. Fotos und Zeitungsartikel, Fußballbilder, die sogenannten Paninibilder, und Schals, Trikots und andere Accessoires. Natürlich alle in den Farben der ROMA, der Giallorossi. Ich weiss immer noch, dass ich mein erstes Fußballtrikot von meinen Eltern geschenkt bekommen habe. Wir hatten es in Luino auf einem italienischen Markt gekauft. Wir waren wie sooft im Tessin in den Ferien, weil wir dort ein Ferienhaus hatten. Genauer gesagt, gehörte es meinen Großeltern. Wir verbrachten fast jede Ferien in der kleinen Ortschaft in den Hügeln von Bogno. Von dort aus war es nicht mehr weit über die Grenzen nach Italien. Und wie ein italienischer Markt es so an sich hatte, gab es dort alles, was man brauchen wollte und konnte. Mich interessierten dabei aber immer nur die Händler und Marktstände mit den Fußballtrikots. Dafür gab ich mein ganzes Taschengeld aus. Das war nicht viel, im Vergleich zu anderen in meiner Klasse. Ich war oft neidisch, weil meine Schulfreunde mehr Taschengeld besaßen. Irgendwann war ich jedoch froh darüber, denn so lernte ich schon sehr früh, mit Geld umzugehen.
Das war einer der Gründe, weshalb ich immer auf alles sparen konnte, ohne dabei Kredite auf mich zu nehmen und in Schulden zu geraten. Ich hatte auch noch nie eine Mahnung, geschweige denn eine Betreibung, und meine allererste Geldbuße aufgrund von Geschwindigkeitsübertretung hatte ich diesen Mai. Ein paar Wochen später wusste ich es dann doch etwas besser. Es war die Mrs. Perfektionismus in mir, welche mich zu diesem korrekten Verhalten gezwungen hatte und welche mir auch noch einen gewaltigen Stein in den Weg legen sollte.
Ich antwortete der Krankenschwester, dass ich heute zwar noch nichts gegessen habe, aber eigentlich sehr gerne esse, ich habe jedoch eine sehr gute Verbrennung. Eine Gewichtszunahme, welche mir bewusst war und die man mir auch ansah, verzeichnete ich nur, als ich mehrere Monate in Australien war und mich mehrheitlich von Bier und Fastfood ernährte, und selbstverständlich in den beiden Schwangerschaften. Dennoch, das musste ich wohl zugeben, hatte ich nach dieser zweiten Schwangerschaft etwas Mühe mit meinem Körper.
Ich wusste durchaus, dass eine Schwangerschaft dem Körper vieles zumutet, schließlich erschafft er dabei auch ein wundervolles Wesen. Und nach einer zweiten Schwangerschaft war es auch klar, dass der Körper etwas mehr Zeit brauchte, um sich wieder zu erholen. Diese Zeit wollte ich mir und meinem Körper aus irgendwelchen Gründen aber nicht geben. Ich wollte so schnell wie möglich wieder so schlank sein wie vorher. Aus diesem Grund hatte ich im Frühling, kurz nach der Geburt von Leon, bereits wieder mit intensivem Sporttraining zu Hause begonnen. In den letzten Wochen war ich jedoch sehr müde und hatte es deshalb wieder vernachlässigt. Ich fühlte mich nicht dick, so meine ich das nicht. Und das war ich ja auch nicht. Ich fühlte mich in meinem Körper einfach nicht mehr wohl und fand mich selber somit auch nicht mehr schön.
Die Krankenschwester informierte mich, dass der Oberarzt jetzt vorbeikäme und sie sich verabschieden würde. Und, dass sie mir vergewissern könne, dass ich auf keinen Fall dick sei. Müde lächelte ich sie an. Sie wollte höflich sein. Und ja, ich wusste ja, dass ich nicht dick war und ich seit der Geburt bereits sehr viel abgenommen hatte, sogar überdurchschnittlich viel in einer solch kurzen Zeit, was wiederum eher ungesund war. Von Zufriedenheit war ich jedoch noch weit entfernt. Sie zog den Vorgang hinter sich wieder zu und ich war wieder alleine. Ich starrte auf die gegenüberliegende kalte weiße Wand.
Ich fühlte mich erschöpft, müde vom ganzen Tag, obwohl ich noch nicht annähernd das getan oder erreicht hatte, was ich mir mit meiner heutigen To-do-Liste vorgenommen hatte. Ich bemerkte auch, dass diese Nervosität nicht mehr vorhanden war. Und auch das Gefühl der Enge beim Schlucken war weg. Nur noch die muskuläre Verspannung im Brustbereich, wie die leitende Sanitäterin das so schön bezeichnen wollte, war noch da. Die schmerzte sogar noch sehr. Die Magenschmerzen waren auch besser, das Schmerzmittel schien endlich seine Wirkung zu zeigen. Ich war ruhig. Ich fixierte einen etwas dunkleren Flecken an der Wand, vielleicht war es auch nur ein Schatten. Wovon, habe ich aber nicht nachvollziehen können.
Und in dieser Ruhe und Stille offenbarte sich mir ein mir unbekanntes und neues Gefühl. Die vielen Gedanken, welche sonst in meinem Kopf herumrasten, waren ausnahmsweise nicht da. Ich wusste gar nicht, worüber ich mir in diesem Moment gerade Gedanken oder Sorgen hätte machen sollen. Tatsächlich war ich damit gerade ein bisschen überfordert. Üblicherweise hatte ich immer etwas zu studieren, planen, überlegen oder abwägen. „Es ist okay“, sagte ich leise vor mich hin und im nächsten Augenblick fragte ich mich dennoch, was ich damit genau meinte. Was war okay? Und ich fühlte, dass es der Gedanke war, zu akzeptieren, dass dies nun mein Ende war. Meine Zeit war abgelaufen. Lilly und Leon würden ohne mich groß werden, ohne mich ihre ersten Erfahrungen mit dem Leben machen, ohne mich das erste Mal am Meer sein und ohne mich Fußball spielen. Ich war traurig und Tränen überkamen mich unaufhaltsam. Aber es war okay. Es musste wohl so sein, weil ich die Kraft nicht mehr hatte. Die Kraft, um ein Leben zu führen und dabei nicht zu wissen, ob ich glücklich war und was mir fehlte oder was ich brauchte. Ich hatte die notwendige Kraft einfach nicht mehr. Und somit war es in Ordnung. Heute, an diesem 4. Juli, war es also soweit. Und ich wusste, dass alles gut werden würde. Es waren sehr traurige und schlimme Gedanken und noch heftiger war das fremde Gefühl, dass ich etwas hinnahm, ohne mich zu fragen, was ich tun musste, damit es anders würde. Diese Ruhe hatte ich noch nie zuvor in meinem Leben gespürt. Ein Moment, in dem ich nichts tun musste, niemand hatte etwas von mir erwartet, ich wurde nichts gefragt und um nichts gebeten, ich hatte nichts zu tun und da war kein Gedanke, welcher mich hätte unter Druck setzen können. War es das Gefühl, das Menschen kurz vor dem Sterben begleitet? Wenn man sein Ende ohne Wenn und Aber hinnimmt und akzeptiert?
In diesem Moment kam ein Mann in langem, weißem Kittel und setzte sich auf den Stuhl an meinem Bettrand. Er war sehr jung und ich überlegte mir, in welchem Alter er bereits sein Medizinstudium abgeschlossen haben musste, um jetzt schon den Titel des Oberarztes zu erlangen. Er kontrollierte nochmals mein Herz, es war nach wie vor alles in Ordnung. Er reichte mir eine kleine weiße Schmelztablette. Sie würde mir helfen, etwas zur Ruhe zu kommen, und wenn ich mich müde fühlen würde, dürfte ich mich dann zu Hause etwas hinlegen. Er legte mir noch ein durchsichtiges Tütchen auf den Tisch und fügte hinzu, dass dies Temesta sei und er dieses in einer solchen Situation immer mitgebe. Ich konnte erkennen, dass darin nochmals zwei weitere Tabletten enthalten waren. Ich würde heute also doch nicht sterben und durfte wieder nach Hause. Das war’s. Er ging und ich durfte noch einen Moment bleiben. Ich betrachtete die kleine weiße Tablette in meiner Hand. Ich war ein absoluter Gegner von Medikamenten. Ich nahm nur während der Schwangerschaft die notwendigen Medikamente wie Folsäure, Eisen und Vitamine für meine Kinder in meinem Bauch. Auch wenn ich Bauch- oder Kopfschmerzen hatte, griff ich nur im Alleräußersten zum Schmerzmittel. Außerdem nahm oder tat ich selten etwas, vorauf ich nicht vorbereitet war. Ich wollte stets wissen, weshalb etwas so war oder helfen sollte, was mögliche Konsequenzen oder in diesem Falle eventuelle Nebenwirkungen sein konnten.
Ich war auch absolut kritisch gegenüber Drogen. Nicht, dass ich nicht die eine oder andere Erfahrung damit gemacht hätte. So war es nicht mal in meinem kleinen, perfekten Leben. Ich hatte eine ziemlich rebellische Jugend. Wieso das so war, wurde mir erst zu einem viel späteren Zeitpunkt bewusst. In diesem Moment wollte ich einfach nur diese Ruhe und Gelassenheit genießen, welche ich so intensiv verspürte. Ja, das war genau das, was auch Drogen oder bestimmte Medikamente mit einem machen konnten: Gefühle und Stimmungen verändern. Der Vorhang ging wieder auf. Eine neue Krankenschwester kam herein und entfernte mir wortlos die Infusion und klebte mir ein weißes Pflaster auf die Einstichstelle der Nadel. Dann ging sie wieder. Ich richtete mich auf und erhob mich. Das Tütchen mit den beiden weiteren Tabletten steckte ich mir ein. Ich konnte sie ja noch immer wegwerfen. Falls ich sie jedoch brauchte, würde ich froh sein, sie bei mir zu haben. Vorsichtig löste ich die kleine Schmelztablette in meiner Hand aus ihrer Verpackung und das Temesta zerging auf meiner Zunge.
Mein Mann holte mich ab. Zu Hause war alles wieder gut. Ich war ruhig, gelassen und konnte mir nicht mehr vorstellen, was an diesem Tag alles passiert war und weshalb ich alles so intensiv erlebt hatte. Ich nahm an, dass es die Wirkung dieses Temestas war. Mein Kaffee, den ich heute Morgen zwar hingestellt hatte, aber nicht mehr trank, weil ich ihn aus lauter Stress vergessen hatte, schüttete ich nun weg. Irgendwann wurde ich sehr müde und schläfrig. Ich legte mich hin und schlief acht Stunden am Stück durch. Ich war wie im Koma. Wenn eines der Kinder gerufen hätte, hätte ich vermutlich nichts davon gehört. Ich war weg.
3
Die Wochen danach
Zwei Tage später musste ich nochmals ins Spital. Ich hatte so starke Bauchschmerzen und Angst, dass etwas mit meinem Magen oder Bauch nicht in Ordnung war. Mein Mann fuhr mich abends in die Notfallaufnahme, obwohl ich wusste, dass ich dort wieder lange warten würde, alleine in einem Wartezimmer, aktuell mit Schutzmaske, unter dieser ich wieder weniger Luft bekäme. Aber ich brauchte Gewissheit. Leon schlief bereits, als Dave mich mit Lilly ins Spital fuhr. Eigentlich wollte ich selber fahren, aber kaum war ich aus der Garage, ging nichts mehr. Ich hatte Angst, dass ich den Weg nicht schaffe, dass ich ohnmächtig werden könnte, dass ich zu erschöpft und müde war, um mich auf die Straße zu konzentrieren. Früher hätte ich nie weggehen können, wenn eines der Kinder geschlafen hatte, weil es ja jederzeit hätte aufwachen können und dann niemand da war. An diesem Tag musste es sein.
Im Spital wurden diverse Untersuchungen gemacht. Ein Ultraschall vom Bauch wurde durchgeführt, die Leber- und Nierenwerte geprüft, Bakterienstatus analysiert, Herztöne abgehört und noch vieles mehr. Alles war gut. Ich sei eine gesunde junge Frau, hieß es. Aber nach der Meinung der Ärzte litt ich an einer enormen Überbelastung und ich müsste dringend eine intensive Psychotherapie in Anspruch nehmen. Ich bräuchte wirklich Hilfe. Das war nicht sehr ermutigend und ich wusste nicht, was ich denken sollte.
Zu Hause versuchte ich, mich irgendwie abzulenken, doch in meinem Kopf rotierte es weiter. Ich war traurig und enttäuscht. Enttäuscht über mich selber.
Was, wenn es wirklich wahr war? Was, wenn ich wirklich plötzlich unter Panikattacken und Angstzuständen litt? War ich wirklich überfordert und überlastet mit meinem Leben? Wäre es besser gewesen, wenn ich nicht Mutter geworden wäre? Meine Kinder verdienten eine Mama, die alles schaffte und die Kraft hatte, und keine, die plötzlich Angst vor den normalsten Dingen dieser Welt hatte. Ich war nicht gut genug für sie. Sie hatten etwas Besseres verdient. Dieses Gefühl schmerzte so sehr in meiner Brust, dass ich zwei Stunden am Stück weinte und so dann irgendwann voller Erschöpfung einschlief.
Wie die nächsten drei Wochen verliefen, ist kaum zu beschreiben. Ich war nicht mehr ich selber. Ich lebte jeden Tag mit der Furcht, dass sich dieser 4. Juli wiederholen könnte. Ich hatte täglich schlimme Magenschmerzen und verspürte eine innere Unruhe und Nervosität in mir, die ich bis vor diesem Tag beim Kinderarzt nicht gekannt hatte.
Zwei Mal kam May vorbei und hatte für mich eingekauft und bei uns zu Hause Lasagne gekocht. May hatte ich vor über zehn Jahren in Australien kennengelernt. Ich pflegte gerne zu sagen, dass sie das beste Souvenir war, das ich aus Australien mit nach Hause genommen hatte. Einige Jahre waren wir sehr eng befreundet, hatten uns jede Woche mindesten einmal gesehen, machten die Zürcher Tanzclubs und Bars unsicher und verbrachten Nächte damit, die Staffeln von Sex and the City zu schauen und Wein zu trinken. Zusammen hatten wir in Australien wie auch hier, zurück in der Schweiz, die verrücktesten Geschichten erlebt. Ja, May kannte viele meiner Sünden und während ich an das eine oder andere Abenteuer dachte, prustete ich lautstark heraus. May war wunderschön und ich kannte niemanden sonst in meinem Umkreis, der so viele Tätowierungen hatte wie sie. Blumen, Ornamente, Früchte, da gab es Allerlei, was ihren Körper schmückte. Sie arbeitete auch einmal in einem Tattoogeschäft als Piercerin und konnte später sogar die Funktion als Filialleiterin dort übernehmen. Ich war stolz auf sie. Was unter anderem einer der Gründe war, wie ich selbst auf den Geschmack von Piercings und Tattoos kam. In den letzten Jahren hatten wir uns zwar ein bisschen auseinandergelebt, aber das war auch absolut verständlich. Schließlich lebten wir zwei völlig verschiedene Leben und mit Arbeit und Familie war es für mich nicht immer so einfach, alle Freundschaften noch gleich intensiv zu pflegen. May hatte seit ein paar Jahren auch wieder einen Freund und zog mit ihm in eine gemeinsame Wohnung. May und ihr Freund hatten aber noch Zeit zu Reisen, Ferien zu buchen, auswärts essen zu gehen und das ganze Wochenende auch einmal faul auf dem Sofa zu gammeln. Das war der Unterschied zu meinem Familienleben mit zwei Kindern.
Ich liebte Mays Lasagne und war ihr sehr dankbar dafür, dass sie Zeit hatte, mit Lilly herumzualbern und uns etwas Feines zu kochen. Leon war wie immer zufrieden in seiner Wippe und noch glücklicher, wenn er seiner Schwester zuschauen konnte. Sobald Lilly nämlich aus seinem Blickfeld verschwand, begann er zu weinen. Zuckersüß und eine Verbindung, die es so von Anfang an und mit dieser Verbundenheit wohl nur bei Geschwistern geben konnte. Wie es später einmal zwischen ihnen sein würde, wusste ja noch keiner.
Meine Kreislaufprobleme waren beinahe den ganzen Tag vorhanden. Ich hatte auch keinen Appetit mehr, ich kochte zwar für meine Tochter und meinen Mann, aber ich selber brachte keinen Bissen hinunter. Ab und zu versuchte ich sogar einen Löffel von Leons Babybrei, und das auch nur, damit ich überhaupt irgendetwas für meinen Magen unternahm. Ich hatte nämlich sehr wohl Hunger, ich hatte Lust auf meine geliebte Pasta, ich wollte Pizza bestellen und Gemüse kochen. Doch sobald ich ein bisschen davon auf der Gabel hatte, brachte ich die Gabel letztlich nicht mehr in den Mund. Ich wusste nicht, was mich blockierte. Es kam mir vor, als wäre ich zu müde, zu erschöpft, um zu kauen und zu schlucken. So kam es, dass ich zuerst einen Tag lang nichts aß, dann zwei Tage, dann drei Tage, bis schließlich mehr als eine Woche so verging. Dann schaffte ich es wieder einmal, ein paar Löffel Joghurt zu schlucken, mehr nicht. Auch das machte mich nervös, ich musste doch endlich wieder essen. Wie lange konnte ein Mensch ohne Nahrung überleben? Ich wusste, dass diese Frage natürlich etwas übertrieben war. Aber ich machte mir dennoch langsam Sorgen beziehungsweise wusste, dass ich endlich wieder einmal richtig essen sollte. Ich trank dafür sehr viel Wasser und erhoffte mir davon, dass es gegen meine Kreislaufprobleme half. Drei bis vier Liter an einem Tag waren es. Es gab Tage, da ging es mir etwas besser und ich funktionierte einfach. Aber im Hinterkopf war immer die schlimme Vorstellung: Was, wenn ich wirklich ohnmächtig würde und ich alleine mit den Kindern wäre? Mein Mann arbeitete die ganze Woche und ich war noch im Mutterschaftsurlaub.
Gleichzeitig war noch die Eingewöhnung in der neuen Krippe mit beiden Kindern in meinem Kopf. Das stresste mich schon im Voraus. Was, wenn es Lilly in der neuen Krippe nicht gefiel? Was, wenn sie die anderen Betreuerinnen vermisste und sich nicht auf die neuen und unbekannten Kinder einlassen wollte? Leon war auch noch einen Monat jünger, als es Lilly damals war, als sie in der Krippe startete, weil mein Mutterschaftsurlaub dieses Mal einen Monat kürzer war als der letzte. Die Eingewöhnung in der Krippe gestaltete sich so, dass man die Kinder brachte, anfangs als Elternteil noch etwas dort blieb und dann immer länger und öfter wieder wegging, sodass die Kinder lernten, auch ohne Mama oder Papa zu sein, aber dabei die Gewissheit hatten, dass sie wieder kommen. Lilly kannte den Krippenalltag ja bereits aus der ersten Krippe, für Leon war es neu. Sie machten es beide wirklich großartig. Aber für mich war es dennoch ein Stress: beide bereitmachen, beide hinbringen und dann nur für eine kurze Zeit wieder nach Hause oder einkaufen gehen, dann wieder abholen und schlussendlich zwei übermüdete und quengelige Kinder zu Hause beschäftigen, bis es abends wieder ins Bett ging. Ich wusste, dass die Eingewöhnung nur eine Phase war, und vor allem eine sehr wichtige, und deshalb wollte ich das natürlich auch gut überstehen. Die Kinder sollten nicht spüren, welche Gedanken und Sorgen ich teilweise hatte.
An einem Mittwochmorgen, als ich die Kinder in der Früh in die Krippe bringen wollte, hatte ich auch wieder auf der Autofahrt Kreislaufprobleme. Der Schwindel war schlimm und ich wusste, dass es eigentlich fahrlässig war, in diesem Zustand selber zu fahren, zumal ich auch noch meine Kinder dabei hatte. Was, wenn ich während der Fahrt ohnmächtig würde? Es gäbe einen Unfall, im schlimmsten Fall wäre es nicht nur ein Blechschaden, sondern es gäbe Verletzte. Meine Kinder könnten verletzt werden, ich könnte tot sein und sie würden mich verlieren, ihre leibliche Mutter. So, wie es mir passierte, als ich in Indien war. Während ich das erste Mal diese Tatsache so bewusst wahrnahm, kämpfte ich mit den Tränen und versuchte mich am Lenkrad festzuhalten und mich weiter auf den Verkehr zu konzentrieren. Ich stand an der Ampel und wusste, dass ich nur noch links abzubiegen hätte, dann läge die Krippe auch schon vor uns. Ich musste es schaffen. Aber ich wusste nicht, ob ich das tatsächlich konnte.
Irgendwie brachte ich diese zwei Minuten Autofahrt dann doch noch hinter mich. Die Krippenleiterin bemerkte sofort, dass es mir nicht gut ging, und brachte mir Wasser. Als ich ihr sagte, dass der Kreislauf mir Probleme machte, suchte sie nach Schokolade, Gummibärchen und Traubenzucker. Ich setzte mich vor die Krippe auf den Parkplatz. Lilly verstand natürlich nicht, weshalb ich morgens bereits Schokolade essen durfte und draußen saß. Sie blieb die ganze Zeit bei mir und freute sich wohl einfach über die Süßigkeiten. Ich wollte nicht, dass sie bemerkte, wie schlecht es mir ging. Doch mittlerweile wusste ich, dass ich ihr nichts mehr vorspielen konnte, auch wenn sie erst zweieinhalb Jahre alt war. Lilly kannte mich. Und ich kannte sie. Sie streichelte meinen Bauch und sagte, dass ich mir keine Sorgen machen müsse, dass Lilly da sei und dass das Bauchaua weggehen würde. Ich müsste auf dem Sofa eine Pause machen. Ich war so unglaublich stolz auf meine Tochter, wie viel sie mitbekam und wie fürsorglich sie war. Aber es machte mir auch Angst. Ich konnte ihr nicht erklären, was ich hatte, und ich wollte ihr auf keinen Fall sagen, dass Mama traurig war. Mama war schließlich immer fröhlich und tröstete die Tränen der Kinder, wenn diese traurig waren. Ich traute mich nicht mehr nach Hause zu fahren, obwohl die Kinder ja für den Vormittag in der Krippe bleiben konnten.
Ich rief meinen Mann an und er musste kommen und mich nach Hause fahren. Ich war ihm sehr dankbar, auch dafür, dass er mir keine Schuldgefühle gab, weil er bei der Arbeit alles stehen und liegen lassen musste. Ich war vor allem froh, dass er mich dafür nicht verurteilte. Aussagen wie, dass es ja nur zehn Minuten nach Hause wären oder dass ich mich zu Hause jetzt ja ausruhen könnte, weil die Kinder betreut waren, hätten mir in dieser Zeit nicht geholfen. Ich war Dave sehr dankbar dafür, dass er Verständnis hatte. Aber ich selber hatte diese Gedanken und Schuldgefühle natürlich schon. Es tat mir alles so leid und ich wusste nicht, wie ich das alles erklären und entschuldigen konnte. Zu Hause war jedoch keine Rede davon, mich hinzulegen. Ich tigerte durch die ganze Wohnung und wollte endlich eine Erklärung dafür und eine Antwort darauf, was in mir vorging, weshalb ich plötzlich vor so vielen Dingen Angst hatte. Ab diesem Tag hatte ich nämlich auch Angst, in ein Auto zu steigen. Und von selber fahren konnte sowieso keine Rede mehr sein.
Ich rief meinen Vater an. Er war vor einigen Jahren in die verdiente Frühpension gegangen und arbeitete deshalb nicht mehr. Er hatte seine ganze berufliche Tätigkeit dem Lehrersein gewidmet. Meine Mutter war auch Lehrerin, sie stand jedoch noch immer im Berufsleben. Manche dachten wohl: eine Lehrertochter, dann ist alles klar. Diesen Spruch hatte ich nämlich schon zur Genüge gehört. Ich hatte diese Aussage aber nie wirklich nachvollziehen können. Einen Bezug dazu gab es aber dennoch, diesen erkannte ich jedoch auch erst etwas später. Ich war froh, dass mein Vater Zeit hatte, um vorbeizukommen. Mein Vater war schon immer mein Vorbild gewesen. Oder wie man so schön sagt, ein Papa ist stets die erste Liebe einer Tochter. So war das auch bei mir. Ich liebte meinen Vater und sah zu ihm hoch, auch wenn ich heute selbst erwachsen und Mama war. An dieser Beziehung hatte sich nichts verändert, Papa ist und bleibt mein Held. Wie ich anfangs erwähnt hatte, bin ich adoptiert. Und somit ist er natürlich mein Adoptivvater und meine Mutter meine Adoptivmutter. Sie sind für mich meine Eltern, hatten mich groß gezogen, erzogen und mir ein Leben ermöglicht, dass ich nie hätte leben können, wenn ich damals, am 24. Februar 1994 nicht von ihnen adoptiert worden wäre.
Die Meinung meines Vaters war mir sehr wichtig und ich hatte ein sehr enges Verhältnis zu ihm. Ich konnte ihn stets um Rat fragen und es erfüllte mich mit Stolz, seine Tochter zu sein. Ich wollte deshalb immer alles machen und erreichen, damit er stolz auf mich sein konnte. Ich liebe es auch, meinen Vater mit meinen Kindern zu sehen. Er ist ein stolzer und fürsorglicher Nonno. Meine Eltern nennen sich als Großeltern Nonno und Nonna für meine Kinder. Das tun sie, weil wir in der Familie italienische Wurzeln haben und sich das meiste eigentlich immer um Italien dreht. Angefangen natürlich bei meinem geliebten Fußballverein, der AS ROMA, über unser Landhaus im Piemont und meinem Nonno, der in Süditalien lebt. Ich genoss die Gespräche mit meinem Vater jedes Mal, wir konnten uns vieles erzählen, über Gott und die Welt diskutieren und philosophieren. Er konnte mir von seinen Erfahrungen erzählen und ich ihm davon, was mich beschäftigte. Auch an diesem Tag war das so. Ich erzählte ihm, wie es mir ging, und auch wenn ich oft nach Worten suchte, um ihm in irgendeiner Weise verständlich zu machen, was in mir vorging, konnte er mich verstehen. Er erzählte mir, dass auch er einmal eine solche Krise hatte, jedoch aus anderen Gründen wie bei mir. Gründe? Ich kannte meine Gründe ja gar nicht. Wenn ich gewusst hätte, wo das Problem lag, wäre ich dieses gezielt angegangen und hätte dafür eine Lösung gefunden, das wusste ich. So, wie ich nun mal jedes Problem anging. Mir ging es bald etwas besser. Es tat mir sehr gut, dass er bei mir war, und es war schön, von ihm verstanden zu werden. Am Nachmittag holten wir gemeinsam wieder die Kinder ab und abends ging er zusammen mit meinem Mann dann mein Auto holen, welches ja noch immer vor der Krippe auf dem Parkplatz stand. Einmal mehr musste man mein Auto holen, weil ich nicht nach Hause fahren konnte.
Die nächsten Tage waren schlimm. Ich konnte nicht mehr alleine sein. Und damit meinte ich nicht, ganz alleine. Auch das Alleinsein mit den Kindern machte mir Angst, etwas ganz Normales, was bis dahin Gewohnheit und auch mein Alltag war. Meine Eltern kamen fast täglich vorbei, kümmerten sich um die Kinder, während ich nur da saß, immer wieder versuchte, etwas zu essen, wenn auch mit sehr mäßigem Erfolg, oder mich aufgrund von Schwindel und Magenschmerzen weinend ins Bett verkroch. Ich war energielos und hatte den Eindruck, dass mein Körper nicht einmal die Kraft hatte, meinen kleinen Sohn herumzutragen, dass meine Beine oder meine Arme nachlassen würden und er dann zu Boden fallen könnte. Ich traute mich kaum, ihn hochzuheben. Selbst wenn Lilly nur nach mir rief oder etwas trinken oder essen wollte, war das schon zu viel für mich. Ich tat oder gab ihr, was sie brauchte, innerlich zerbrach ich jedoch fast. Und ich stellte mir immer wieder dieselbe Frage: Wie viel konnte ich noch ertragen?
Ein paar Mal kam auch eine Nachbarin vorbei und schaute auf die Kinder, damit ich mich etwas hinlegen konnte, und ich war ihr sehr dankbar dafür. Ich rechnete mir bereits morgens die Stunden aus und plante, wer bei uns sein konnte, bis mein Mann abends wieder nach Hause kam. Aber auch wenn jemand da war, ich fühlte mich immer einsam, alleine und gefangen mit und in dieser Situation. Und die Schuldgefühle darüber, dass ständig jemand für mich da sein und mich unterstützen musste, waren eine schwere Last für mich. Ich wusste, dass mir alle gerne halfen, vor allem auch meine Eltern genossen es, so viel Zeit mit den Kindern zu verbringen. Wovor ich die ganze Zeit Angst hatte? Ich glaube, es war die schlimme Vorstellung, dass mir etwas hätte passieren können und die Kinder dann ihre Mutter nicht mehr hätten. Und das, obschon ich wusste, dass mir wirklich nichts passierte. Das war mir durchaus bewusst und auch im Spital vergewisserten sie mir ja, dass alles gut war. Und dennoch waren diese Gedanken und Gefühle da. Diese große Angst und Panik, die enorme Nervosität und diese angespannte innere Unruhe. Sie hielten mich gefangen, sie bestimmten seit diesem 4. Juli meinen Alltag, zwangen mich in die Defensive und schüchterten mich mehr ein, als jemals irgendetwas anderes, was mir bis dahin in meinem Leben geschah.
Es gab in dieser Zeit nur einen einzigen Tag, an welchem ich mich besser fühlte. Es war ein heißer Sommertag. Am Nachmittag kam Mario, ein guter Freund von mir, mit seinem kleinen Sohn vorbei. Wir kannten uns schon viele Jahre. Einige Jahre lang war der Kontakt jedoch nur auf ein „Happy birthday“ oder „Frohes Neujahr“ beschränkt. Seit wir beide jedoch Eltern wurden und so auch vieles über die kleinen Knöpfe auszutauschen hatten, wurde der Kontakt wieder intensiver und es entstand auch eine sehr schöne und für mich auch wichtige neuauferstandene Freundschaft. Der Kleine war nur vier Monate jünger als Lilly. Ich betete den ganzen Morgen dafür, dass es mir an diesem Tag gut gehen würde und dass es auch am Nachmittag so bleiben würde. Und falls nicht, dass Mario mir zumindest nicht anmerken würde, wie ich mich innerlich fühlte. Wir hatten uns schon sehr lange nicht mehr gesehen und ich freute mich riesig, auch darüber, dass der Kleine mitkam und Lilly jemanden zum Spielen hatte. Die Kleinen aßen Eis, tobten im Garten herum und warfen die Spielsachen in unseren Pool. Leon saß dabei in seinem Kinderstuhl und beobachtete alles mit seinen großen Augen. Ich genoss es, den beiden beim Spielen zuzuschauen. Es war ein schöner Tag, ein Tag ohne Bauchschmerzen und ohne Schwindel und ich war einfach dankbar dafür, dass alles gut ging und ich mich wieder einmal besser fühlen durfte.
Ich hatte auch Angst, ein Bier oder ein Glas Wein zu trinken, dabei liebte ich Bier und Wein oder selbstgemixten Erdbeermargarita. Aber ich wollte nicht herausfinden, wie sich der starke Schwindel und meine momentane Verfassung mit Alkohol vertrugen. Beim Alkohol war es ja immer so eine Ansichtssache, was gut, was viel und zu viel war. Ich trank gerne Alkohol, das war offensichtlich kein Geheimnis. Er schmeckte mir einfach. Im Frühling bemerkte ich jedoch, dass sich der Genuss von Alkohol für mich irgendwann veränderte. Wenn ich etwas Alkoholisches trank, hatte ich den Eindruck oder redete mir selbst ein, dass dies nun meine Entspannung war, dass es das Wenige war, was ich für mich tat und für niemanden sonst. Ich wusste natürlich da schon, dass etwas nicht mehr im Lot war. Es ging dabei nicht um die Menge. Ich ging stets verantwortlich damit um, schließlich wusste ich, dass ich jederzeit für meine Kinder da sein und auch nachts fit sein musste, wenn eines erwachen würde. Ich hatte also niemals zu viel getrunken. Jedoch hat sich die Sache an sich verändert, der Wert davon war auf einmal anders, und das war nicht gut. Es war mir bewusst, dennoch unternahm ich nichts dagegen, weil ich nicht die eine Sache aufgeben wollte, welche für mich in diesem Moment noch als kleiner Hoffnungsschimmer wirkte. Ich wollte zu dem Zeitpunkt nicht darüber nachdenken, was die Ursache dafür hätte sein können. Vor allem hatte ich auch gar keine Zeit, mir in Ruhe diese Gedanken zu machen. Ich war vierundzwanzig Stunden am Funktionieren. Dabei blieben ohne zu übertreiben keine fünf Minuten, in denen ich mich hätte in Ruhe hinsetzen können, ohne dass ich dabei eine To-do Liste erstellte, etwas bestellen musste, etwas organisieren, Termine planen, Babybrei zubereiten, Wäsche machen oder sonst irgendetwas erledigen musste.
Natürlich, ich wollte Kinder. Das jedoch auch erst wirklich, als ich mit meinem Mann zusammen kam. Früher wollte ich weder heiraten noch Kinder, ich war sogar absolut dagegen. Ich wollte immer Karriere machen und die Welt bereisen. Ich durfte nämlich schon einiges von dieser Welt bestaunen, flog schon in einige Ecken dieses Planeten und lebte auch für längere Zeit in Australien, Italien, England, Schottland und Frankreich. Das Reisen, Unbekanntes und Neues entdecken, das fehlte mir sehr. Aus diesem Grund wollte ich auch unbedingt ein paar Tage ans Meer fahren. Mit einer Freundin oder auch alleine. Ich war daran, dies zu planen, doch nun traute ich es mir auf einmal nicht mehr zu. Ich konnte ja nicht mal mehr fünf Minuten Auto fahren oder alleine etwas einkaufen gehen. Die Angst davor, was alles hätte passieren können, schränkte mich auf übelste Weise ein. Meine Angst und Panik setzte somit Lebensweichen.
Als Lilly an Weihnachten 2017 zur Welt kam, war für mich sofort klar, dass ich mir irgendwann auch einmal ein Geschwisterchen für sie wünschte. Ich wollte demnach zwei Kinder und ich liebte sie über alles. Ich hätte alles für sie getan. Sie standen für mich immer an erster Stelle. Und das Allerwichtigste für mich war, dass es ihnen gut ging. Also musste ich da auch durch, egal, wie anstrengend es war, egal, wenn ich mich selber nicht mehr spürte und mich selber nicht mehr erkannte und nichts mehr für mich tat oder hatte. Ich wusste genau, dass mein Limit eigentlich erreicht war und, dass ich bald nicht mehr konnte. Und irgendwie wartete ich ständig auf den Moment, in dem etwas passierte, und darauf, dass ich diesen Augenblick erkannte und, dass es endlich vorbei sein würde und ich vom ganzen Druck und Stress erlöst war. In der Schwangerschaft mit Leon hatte ich auch große Verlustängste. Die Angst, dass Leon oder mir während der Geburt etwas passieren könnte, oder auch Lilly, während ich nicht bei ihr sein konnte, da ich bei der Geburt mit Leon war, war immer präsent. Zudem konnte ich mir noch nicht vorstellen, wie es sein würde, wenn ich einige Tage nach der Geburt im Spital bleiben müsste und Lilly nicht bei mir war. Ich war auch schon vorher für ein paar Tage weg und somit von ihr getrennt gewesen, aber in dieser Zeit konnte ich mir keine Minute mehr ohne meine Tochter vorstellen. Vielleicht auch, weil ich wusste, dass ich, sobald Leon da war, nicht mehr so viel Zeit für sie alleine hätte. Ich war dieses Mal auch nicht gerne schwanger, im Gegensatz zur Schwangerschaft mit Lilly. In der zweiten Schwangerschaft störte mich der ganze Umstand am Schwangersein, der große Bauch, die Vorbereitung auf das zweite Kinderzimmer, die Formulare für den Mutterschaftsurlaub, einfach alles. Es gab Frauen, die diese Gefühle überhaupt nicht nachvollziehen konnten. Aber ich wusste auch, dass es solche unter ihnen gab, die mir genau nachfühlen konnten. Aufgrund dieser Gedanken hatte ich natürlich große Schuldgefühle. Schließlich war mein kleiner Sohn in meinem Bauch, war gesund und boxte wild darin umher, und dennoch konnte ich nicht sagen, dass ich glücklich war. Wie sah meine Zukunft aus? Würde ich den Rest meines Lebens nur noch Mama sein? Es zerriss mich innerlich jeden Tag. Ich konnte es niemandem sagen und mir selbst nicht erklären. Ich fragte mich jeden Tag aufs Neue, ob dies nun mein Leben war, und ob es auch das Leben war, welches ich für mich wollte. Die Antwort schwankte immer zwischen ja, nein und ich weiß es nicht. Wie die vibrierende Nadel eines defekten Kompasses sich hin und her bewegt und nie stehen bleibt. Ich hatte alles, was man sich nur wünschen konnte. Einen Mann, der mich liebte, eine gesunde kleine Tochter, einen gesunden kleinen Sohn in meinem Bauch, eine Eigentumswohnung, einen tollen Job, viele Freunde und ich selber war auch gesund. Ich hatte wirklich alles. Ich wusste also nicht, was mir fehlte, was ich bräuchte, was ich wollte oder was nicht gut war. Wusste nicht, was der Grund dafür war, dass ich so empfand. Ich wusste nur, dass es so war. Die Schuldgefühle für diese Gedanken und Gefühle waren immens.
Gabriela, einer guten Freundin von mir, erzählte ich, dass es momentan schwierig für mich war. Sie hatte selber Erfahrungen mit Ängsten und ermutigte mich auch im Frühling dazu, eine Psychologin aufzusuchen. Ihre Mutter bot mir sogar an, mich manchmal zu begleiten, wenn ich die Kinder von der Krippe holen musste, und kümmerte sich auch das eine oder andere Mal um sie. Ich war sehr froh und dankbar für diese Hilfe. Ich fühlte mich natürlich schwach, weil ich diese Hilfe brauchte. Ich genoss die Gespräche mit ihr sehr, wir konnten bei uns im Garten viel lachen und uns auch über ihre Lebenserfahrungen mit ihren eigenen Kindern austauschen. Als es mir wieder einmal sehr schlecht ging, fuhr sie sogar die Strecke zur Krippe und wieder zurück und blieb auch bei uns, bis mein Mann abends zu Hause war. Gabriela wusste von einer Psychiatrischen Spitex, welche mir vielleicht helfen konnte. Im letzten Winter erlitt Gabriela einen persönlichen Schicksalsschlag und kämpfte zu dem damaligen Zeitpunkt noch immer damit. Ich konnte vielen Menschen nachfühlen, doch nie wirklich verstehen. Auf einmal sah das anders aus. Auf einem Spaziergang erzählte mir Gabriela, wie es ihr dabei ging, als sie Panik davor hatte, alleine einkaufen zu gehen oder alleine zu Hause zu sein. Sie hatte mir das auch früher schon erzählt, aber ich konnte es nie ganz verstehen. Jetzt konnte ich es. Ich konnte mich in ihren Erzählungen und Schilderungen wiederfinden. Und so erzählte sie mir von der Psychiatrischen Spitex. Im ersten Moment fand ich diese Idee völlig übertrieben und absolut nicht notwendig. Das alles würde sich wieder legen, dachte ich mir, und ich brauchte sicherlich keine solche Hilfe. Wie hätte sich denn das angehört? Ich brauchte doch keine Hilfe im Haushalt. Ich konnte staubsaugen, kochen, Windeln wechseln und putzen. Und wenn ich mir selber nicht erklären konnte, weshalb ich ständig erschöpft war und plötzlich Angst vor den unmöglichsten Dingen hatte, konnte mir auch niemand anders helfen. Dennoch vereinbarte ich einen ersten Termin mit dieser Stiftung, in diesem Moment mehr, um Gabriela einen Gefallen zu tun und mir hinterher nicht sagen zu müssen, hätte ich es doch wenigstens versucht. Ich war jedoch überzeugt, dass es nichts für mich war.
Im Nachhinein war ich natürlich froh, dass ich diesen Termin wahrgenommen hatte. Ich versuchte, meine aktuelle Situation zu beschreiben, und wir vereinbarten gleich zwei weitere Termine. Gemeinsam mit der Psychiatrischen Spitex konnte ich dann sogar die beiden Male den Weg in die Krippe fahren. Ich saß dabei auch selber hinter dem Steuer und es ging ohne Probleme, weil ich die Sicherheit hatte, dass, wenn es nicht ginge, jemand da war, der hätte übernehmen können. Das Ziel bei einer Psychiatrischen Spitex war nicht, dass sie für einen Sachen erledigten, sondern, dass sie alles gemeinsam mit einem machten und einen unterstützen und motivierten. Die Spitex riet mir, meinen Hausarzt aufzusuchen, der mir allenfalls ein Medikament verschreiben konnte. Bei mir schlugen bereits wieder die Alarmglocken, Medikamente! Ich wusste mittlerweile, dass ich Hilfe brauchte. Was ich mir noch viel mehr erhoffte, das war eine Erklärung für das Ganze.
Mein Vater kam vorbei und fuhr mich zum Hausarzt. Ich kannte diesen eigentlich kaum, hatte ihn damals nur aufgesucht, als ich von Zürich umgezogen war, damit ich im Notfall einen Arzt in der Nähe hätte. Denn wie schon erwähnt, ging ich nur ganz selten zum Arzt. Nicht, weil ich nicht wollte, sondern, weil ich auch nicht musste, da ich zum Glück immer gesund war.
Auch hier versuchte ich wieder, alles zu erzählen. Langsam hatte ich das Gefühl, ich bildete mir mein ganzes Leben nur ein. Dass alles gar nicht war, wie es mir schien, und ich einfach nur weg müsste. Weit weg von diesem Leben und leider auch den Menschen um mich herum. So, dass einfach niemand unter meinen komischen Ängsten leiden müsste und mir auch niemand helfen müsste. Ich war im Moment auf tägliche Hilfe angewiesen, eine schlimme Tatsache für mich in dieser Zeit. Mein Hausarzt meinte, dass ich tatsächlich unter Panikattacken leiden könnte und, dass es Anzeichen für eine Postpartale Depression, umgangssprachlich auch oft als Postnatale Depression bezeichnet, gab. Ich war schockiert. Ich wusste, dass es diese Diagnose oder Krankheit gab und dass sehr viele Mütter darunter litten. Meine Tante hatte auch schon von dieser Krankheit gesprochen beziehungsweise angedeutet, dass sich bei mir Symptome dafür abzeichnen würden. Meine Tante arbeitet in einer leitenden Funktion in einem Spital und kennt sich damit sehr gut aus. Meiner Meinung nach musste man aber nicht immer gleich eine Diagnose stellen. Es war bestimmt nur eine strenge Zeit für mich, das war alles. Es war in diesem Moment also nur eine erste Diagnose. Wie sich später herausstellte, auch nicht die letzte und schon gar nicht die Enddiagnose.
Das alles jetzt von meinem Arzt zu hören zu bekommen, der mir so direkt gegenüber saß, war nicht sehr ermutigend. Der Hausarzt verschrieb mir etwas für die Magenschmerzen und das pflanzliche Lavendelölpräparat Laitea. Ich war froh, dass es etwas Pflanzliches war. Ob es mir auch in diesem Falle half, wusste ich nicht. Pflanzliche Sachen hatten durchaus Heilkräfte, das wusste ich. Es würde, wenn man es über längere Zeit abends einnahm, Ängste lindern und Sorgen mildern. Naja, wie aber sollte eine solche Kapsel, auch wenn sie mit Lavendel gefüllt sein mag, mir meine Ängste und Sorgen nehmen können? Etwas skeptisch war ich trotzdem. Wusste denn die Kapsel etwas über meine Sorgen? Wenn ja, durfte sie mich gerne endlich aufklären. Dennoch war es zumindest kein Antidepressivum, welches er mir als erstes vorgeschlagen hatte. Ich würde niemals Antidepressiva nehmen, wehrte ich mich sofort. Ich hatte eigentlich keine Ahnung, was Antidepressiva waren. Ich konnte mir nur die vielen Nebenwirkungen, welche er aufzählte, speichern. Und wie der Name schon verriet, irgendetwas, in dem das Wort depressiv oder Depression vorkommt, wollte ich auf keinen Fall nehmen.
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Auffangstation in seelischer Not
An diesem Freitag erwachte ich bereits mit starkem Schwindel und Übelkeit. Ich riss mich zusammen und versuchte, die Kinder zu wecken und anzuziehen. Das Meiste davon erledigte ich mit geschlossenen Augen. Wir konnten mit der Krippe vereinbaren, dass mein Mann die Kinder morgens auf dem Weg zu Arbeit bereits bringen durfte und abends auch wieder holen. Das, obwohl wir immer noch in der Eingewöhnungsphase waren und die Kinder somit eigentlich erst ein paar Stunden in der neuen Krippe sein durften. Deshalb musste ich der Krippenleiterin mitteilen, dass ich aktuell leider nicht in der Lage war, das alleine zu meistern, und ich morgens um halb acht auch noch niemanden um Hilfe bitten konnte. Ich war froh, dass diese Vereinbarung so klappte, und dankbar dafür, dass meine Kinder sich so toll in der neuen Krippe machten, sodass das überhaupt möglich war.
Nachdem Dave und die Kinder aus dem Haus waren, machte ich mir einen Kaffee und ging in den Garten, um eine Zigarette zu rauchen. Ich wollte mich hinsetzen, doch ich konnte nicht. Ich stand mit meiner Tasse Kaffee in der Hand und der glimmenden Zigarette in meinem Mund also nur da und schaute auf die Sitzfläche des silbernen Gartenstuhles nieder. Ich konnte mich einfach nicht hinsetzen. Also begann ich wieder herumzutigern, die Platten auf und ab zu gehen, in die Wohnung hinein und wieder in den Garten hinaus. Der Schwindel war stark, aber ich wollte mich weder hinsetzen noch hinlegen. Ich war nervös. Auf einmal merkte ich, dass ich mich hier gar nicht mehr sicher fühlte. Obschon ich die Kinder nicht bei mir hatte, für diese ich jetzt hätte sorgen müssen. Es reichte mir auch nicht mehr, dass mein Mann abends jeweils da war, denn auch er konnte mir nicht helfen. Mein eigenes zu Hause gab mir nicht mehr genügend Sicherheit. Ich musste weg, meinetwillen, aber auch meiner Familie wegen. Es war kein Zustand mehr, wenn ich da war, und trotzdem nicht wirklich hier war. So konnte mich niemand gebrauchen und so wollte mich wahrscheinlich auch niemand mehr. Am allerwenigstens wahrscheinlich meine Familie, die auf mich zählen wollte, aber es nicht mehr konnte. Ich kannte zwar mittlerweile diese Gefühle, diese Anspannung in mir, und auch die Brust begann wieder stark zu schmerzen und alle dreißig Minuten kam wellenartig eine gewaltige Nervosität über mich. Ich war ein Häufchen Elend, jeder noch so zarte Windstoß hätte mich sofort umgefegt. So konnte es nicht weitergehen.
Also kontaktierte ich bereits früh morgens meine Bezugsperson von der Psychiatrischen Spitex. Natürlich würde sie noch nicht im Büro sein und wenn ja, dann würde sie bestimmt noch nicht ihre Emails lesen, geschweige denn bereits beantworten. Das war mir bewusst und dennoch musste ich alle zwei Minuten prüfen, ob ich eine neue Nachricht im Emailpostfach hatte. Zehn Minuten später bekam ich tatsächlich schon eine Antwort. Wir vereinbarten, miteinander zu telefonieren. Ich rief sie an und weinte dabei wie ein kleines Kind, am Ende jedes Vertrauens in mich selber. Ich fühlte mich hilflos und hatte wenig Hoffnung, dass mir noch jemand helfen konnte. Sie bestätigte mir, dass es so nicht weitergehen konnte, und versprach, etwas abzuklären und mich wieder zurückzurufen. In diesen zwanzig Minuten tigerte ich wieder in unserer Wohnung herum. Als das Telefon wieder klingelte und sich die Spitex wieder meldete, erfuhr ich, dass sie mir einen Platz in einer Auffangstation organisieren konnte. Sie erklärte mir, dass man dort in einer Notfallsituation für ein paar Tage hingehen kann, und es dort Ärzte gibt, die vierundzwanzig Stunden am Tag helfen können. Es ging also nicht um einen Ort, an den man besitzerlose oder verletzte Tiere hinbringen konnte, sondern um einen Ort, den man aufsuchen konnte, wenn man akute Hilfeleistung benötigte. Obwohl ich mich durchaus auch verletzt und einsam fühlte. Den offiziellen Namen der Institution darf ich hier, wie schon im Vorwort erwähnt, aus rechtlichen Gründen nicht nennen. Es war der richtige Ort für akute Hilfeleistung. Einerseits war ich sehr froh, andererseits hatte ich keine Ahnung, was da auf mich zukam und worauf ich mich da einließ. Ich rief meine Mutter an und informierte sie, schrieb meinem Mann ein Email ins Büro und versuchte, die Schuldgefühle, die hochkamen, weil ich abends nicht zu Hause sein würde, wenn die Kinder kamen, zu verdrängen. Was sollte mein Mann ihnen sagen, wo ich war? Ich wusste keine Antwort und auch nicht, was ich ihm dafür hätte raten können. Ich war aufgewühlt und damit ich mich ablenken konnte, startete ich den Laptop und versuchte die Rechnungen zu bezahlen. Es war Ende des Monats und ich wusste nicht, was es genau hieß, wenn ich für ein paar Tage in dieser Auffangstation war. Handelte es sich dabei um ein paar Stunden, Tage oder gar Wochen? Bei uns zu Hause kümmerte ich mich um alle finanziellen Angelegenheiten, um Versicherungen und die Hypothek, um die Krankenkasse und die Krippenbeiträge. Das war schon immer so und ich tat es auch gerne. Außerdem wollte ich stets wissen, wie unsere finanzielle Lage aussah, und mich bewusst selber darum kümmern. Erst danach holte ich den Koffer aus dem Keller und packte die nötigsten Sachen ein. Normalerweise hätte ich eine Packliste geschrieben. Aber es waren keine Ferien. Und ich wusste nicht, was ich dort alles brauchte und wie viel davon. Ich warf alles hinein, was mir gerade in die Hände kam. Dazwischen ging ich mehrmals eine Zigarette rauchen, weil ich mich nicht länger als einige kurze Minuten auf das Packen konzentrieren konnte.
Eigentlich hatte ich am Nachmittag mit einer engen Freundin ein Treffen abgemacht. Wir wollten ein bisschen plaudern und allenfalls frischen Margarita mixen, so wie wir es schon viele Nachmittage diesen Sommer zusammen genossen hatten. Ich schrieb Bianca eine WhatsApp-Nachricht und vor allem, wie leid es mir tat, weil sie sich extra den Nachmittag im Büro frei genommen hatte und wir uns schon lange darauf gefreut hatten. Bianca und ich kannten uns seit zwei Jahren, mittlerweile war unsere Freundschaft sehr gut und sehr eng. Sie war mir wahnsinnig wichtig und half mir auch in den letzten Wochen immer wieder. Sie war für mich da, hatte eingekauft, weil ich es nicht schaffte mit beiden Kindern in den Laden zu gehen, und sie hatte sich auch sofort um Lilly gekümmert, als ich im Februar mit Wehen ins Spital musste und Leon zur Welt kam. Bianca war jederzeit und sofort für mich da, wenn ich sie brauchte und ich hatte sie unglaublich gerne. Und bei ihr wusste ich auch, dass ich ihr keine saubere und ordentliche Wohnung präsentieren musste und, dass ich weder top gestylt noch in frisch gewaschenem Haar vor ihr stehen musste. Bei und mit Bianca durfte ich einfach sein, wie und wer ich war. Das war ehrliche Freundschaft und Vertrauen. Manchmal konnte einem eine Person in kurzer Zeit dieses besondere Gefühl geben, was eine andere Person in vielen Jahren nicht konnte. Zeit bedeutete also nichts, Charakter alles. Bianca antwortete direkt, dass sie mich am Nachmittag in diese Auffangstation (nachfolgend nur noch kurz AFS genannt) fahren würde. Ich war ihr sehr dankbar. Dankbar, dass sie so viel Verständnis hatte und mir einmal mehr sofort half. Denn bis dahin wusste ich noch gar nicht, wie ich überhaupt alleine dorthin gekommen wäre. Ich hatte Angst, mich ins Auto zu setzten beziehungsweise den Bus oder den Zug zu nehmen. Eigentlich hatte ich schon beim Gedanken, das Haus überhaupt zu verlassen, Panik. Dennoch plagte es mich wieder sehr, dass ich jemanden brauchte, der mir half und für mich etwas tun musste, weil ich im Moment nicht dazu fähig war.
Die Autofahrt war anstrengend für mich. Ich war nervös und fragte mich ständig, ob ich aussteigen müsste. Weshalb, wusste ich gar nicht. Vielleicht, um mehr Luft zu bekommen. Und das, obwohl wir bereits mit offenen Fenstern fuhren, da ich Bianca darum gebeten hatte. Wir sprachen nicht viel und ich konzentrierte mich die ganze Zeit darauf, keine Panikattacke zu bekommen. Es war wirklich ermüdend.
Die AFS war nicht allzu weit weg und gehörte einer Klinik an. Langsam stieg ich die wenigen steinigen Stufen zur Haustüre hinauf und blieb an Ort und Stelle stehen. Im ersten Moment konnte ich gar nicht klingeln. Ich starrte die Beschriftung auf der Glastüre an. So weit war es also gekommen. Jetzt war ich auch eine von denen. Eine von denjenigen Personen, deren Verstand nicht mehr normal war, die nicht klar im Kopf waren und über die man sich lustig machte und die man von Weitem angewidert anstarrte. Ein Psycho, so dachte ich. Es war Wut, Enttäuschung und vor allem große Scham, die ich verspürte. In meinem bisherigen Leben gab es selten Momente, in denen ich mich geschämt hatte, weil ich meistens dazu stand, wer ich war oder was ich tat. Zudem sorgte ich meistens dafür, dass es gar nicht erst zu einer solchen Situation kam, in welcher ich mich hätte schämen müssen. Doch heute war es so weit. Ich schämte mich wahnsinnig. Ich hatte die Kontrolle verloren. Über mich, meinen Körper und mein eigenes Leben. Diese Wahrnehmung machte mir große Angst. Ich wusste nicht, wie weit es noch kommen würde und was das alles überhaupt bedeutete. Wie lange musste ich hier bleiben? Wann war endlich alles wieder normal? Wann war ich wieder normal? Ich musste doch endlich wieder funktionieren können, schließlich hatte ich zu Hause zwei kleine Kinder und einen Mann, die mich brauchten. Funktionieren, das wollte ich wieder. Ich durfte das alles auch niemandem erzählen, kein Mensch durfte jemals davon erfahren. Außer allenfalls mein Arbeitgeber, denn nächste Woche hätte ich wieder bei der Arbeit begonnen. Mein Mutterschaftsurlaub war zu Ende. Aber bis dahin wollte ich sowieso wieder fit sein. Also war die Chance groß, dass doch niemand, auch mein Team im Büro nicht, davon erfahren würde.
Ich klingelte und Bianca begleitete mich hinein. Nachdem uns eine Frau begrüßt hatte, wurde mir ein Formular und ein Kugelschreiber in die Hand gedrückt. Es ging hauptsächlich um die Personalien, wer mein Hausarzt und meine Bezugsperson waren und wer mich hierher verwiesen hatte. Bevor ich zum Eintrittsgespräch mit der Pflegefachfrau und dem Arzt gebeten wurde, verabschiedete ich mich von Bianca. Als ich sie umarmte und sie fest an mich drückte, fühlte ich mich wie in einer Filmsequenz von Shutter Island mit Leonardo DiCaprio. Dort war die Psychiatrie eine Festung auf einer verlassenen Insel, aus welcher er nicht mehr herausfand und dabei seinen Verstand verlor. Und genau eine solche Horrorvorstellung hatte ich von einer Psychiatrie. Dass man mir Medikamente verabreichen würde, die ich nicht nehmen wollte, die mich und meinen Verstand wahnsinnig machten und ich nie wieder nach Hause gehen könnte. Ich war mir in diesem Moment nicht sicher, ob ich jeweils wieder frei sein würde. Ich fühlte mich gefangen. Gefangen in allem. Und die Ketten um mich herum waren eng um meinen Körper geschlungen, sodass ich fast keine Luft bekam, und so schwer, dass ihr Gewicht mich beinahe erdrückte. Und das Schlimmste daran war die Vorstellung, dass es kein Schloss dazu gab, um die Ketten jemals wieder zu lösen.
Das Eintrittsgespräch dauerte ungefähr eine Stunde und ich weinte beinahe die ganze Zeit. Ich erzählte, wie ich mich fühlte, davon, wie erschöpft ich von allem war, dass ich spürte, dass ich nicht glücklich war, und von meinen neuen und plötzlichen Angst- und Panikzuständen. Mittlerweile konnte ich es nicht mehr leugnen. Es war, wie es war. Zu oft hatte ich diese Zustände in den letzten drei Wochen erlebt. Alles, was ich wollte, war endlich eine Erklärung und eine Lösung dafür. Ich wollte wissen, wann endlich alles wieder normal war. Ich hatte fast keine Geduld mehr. Frau Wieser war Pflegefachfrau und meine Bezugsperson während meines Aufenthaltes hier und Herr Amann, der vorwiegend das Gespräch führte, war der Assistenzarzt. Er stellte viele Fragen und seine Stimme war sehr beruhigend, sodass ich mich gegen Ende des Gesprächs sogar wieder etwas beruhigen konnte. Ich sagte auch, dass ich noch nicht wüsste, wie es weiter gehen würde mit den Kindern. Mein Mann hatte nächste Woche Ferien. Ferien, welche wir gemeinsam als Familie genießen wollten. Daraus würde wahrscheinlich nichts mehr werden, zumindest für mich nicht. Und ich wusste nicht, ob mein Mann das alleine mit beiden Kindern hinbekommen würde. Ich wusste nicht mal, ob ich noch genügend Babybrei zubereitet und eingefroren hatte und ob wir noch genügend Windeln hatten, bis ich wieder zu Hause war und einkaufen konnte. Falls ich länger als eine Woche hier bleiben musste, was jedoch selten der Fall war, da man für gewöhnlich höchstens sieben Tage hier sein durfte und dann eine Anschlusslösung finden musste, musste ich also einen Plan für die Kinderbetreuung herbeizaubern. Und ich hatte keine Ahnung, wie dieser Plan hätte aussehen sollen. Wir hatten niemanden im näheren Umfeld, der sich so intensiv um die Kinder hätte kümmern können. Herr Amann antwortete mir, dass ich mir gar noch nicht so viele Gedanken dazu machen musste und wir auch nicht morgen oder übermorgen eine Lösung für irgendetwas bräuchten. Wichtig war, zuerst einmal zur Ruhe zu kommen und mich etwas zu entspannen. Sie würden mir jederzeit helfen, egal was ich bräuchte, und sie seien vierundzwanzig Stunden vor Ort für mich da. Diese Information beruhigte mich tatsächlich etwas.
4.1 Teufelsthema Medikamente
Was mich wiederum nervöser machte, war wieder einmal das Thema Medikamente. Herr Amann empfahl mir das bereits bekannte Temesta. Ich war sehr angespannt, was er auch sofort registrierte. Vor allem, als er mich fachmännisch informierte, dass dieses Medikament zwar bei den meisten Panik- und Angstpatienten verschrieben würde, aber, dass es ein Medikament mit sehr hohem Suchtpotenzial war, wurde die Nervosität noch größer und ich bekam feuchte Hände. Wenn man Temesta über zwei Wochen hinweg regelmäßig einnahm, war man bereits abhängig davon und das Absetzen danach konnte somit wiederum Probleme bereiten. Man müsste es dann einfach sehr langsam ausschleichen, was so viel hieß wie, dass man die Dosierung kontrolliert mit einem Arzt immer wieder weiter reduzieren müsste. Temesta ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der Benzodiazepine. Valium wird auch dieser Medikamentengruppe zugeteilt. Es besitzt eine sedierende, hypnotische und muskelrelaxierende Wirkung. Dass das sehr wohl so ist, hatte ich ja bereits selber erlebt. Und ich war danach wie im Koma, nicht mehr ansprechbar, sah teilweise alles vernebelt und war kurz darauf im Tiefschlaf und bekam nichts mehr mit. Und davon abhängig zu werden, wollte ich auf keinen Fall riskieren. Herr Amann machte sich vor allem um mein Gewicht Sorgen. Ich hatte die letzten Wochen sehr viel abgenommen, weil es mir so schlecht ging und ich praktisch gar nichts mehr essen konnte. Frau Wieser versuchte mir zu sagen, dass ich mich mit der Aussage, dass ich endlich etwas essen müsste, selber nicht unter Druck setzen dürfte. Ich sollte akzeptieren, dass mein Körper es im Moment einfach nicht wollte. Sie machte mir den Vorschlag, dass ich es bei jeder Mahlzeit mit einer Gabel, also einem Bissen, versuchen könnte und das dann irgendwann steigern. Einen Bissen zu essen, war für mich momentan jedoch unvorstellbar. Ich brachte gar nichts hinunter. Und mittlerweile war ich sicher, dass die starken Magenschmerzen langsam auch davon kamen, weil mein Magen so leer war. Herr Amann runzelte besorgt die Stirn und meinte, dass bei meinem geringen Körpergewicht es sehr schwierig sei, eine richtige Dosierung mit einem Medikament zu finden. Medikamente müsste man einstellen, und ihnen immer wieder Zeit geben, um die Nebenwirkungen festzustellen und auf diese wiederum zu reagieren. Ich war müde und es war anstrengend, alle diese Informationen aufzunehmen und diese auch noch zu verstehen. Und dann verlangte man von mir noch die Fähigkeit, zu entscheiden, womit ich am ehesten einverstanden wäre. Schlussendlich konnte ich mich überwinden, es abends vor dem Einschlafen mit 50 mg Trittico zu versuchen, das entsprach einer Tablette. Trittico ist zwar auch ein Psychopharmakon, es ist aber auch ein Antidepressivum und wirkt mit seinem Ausschuss von Melatonin schlafanstoßend. Aufgrund seiner ebenfalls sedierenden und antidepressiven Wirkung wird Trazodon zur Behandlung von Schlafstörungen und Depressionen verschrieben. Wichtig war, dass ich das Trittico ungefähr eine Stunde vor dem Schlafen mit etwas Wasser einnahm. Damit würde ich etwas ruhiger werden und so besser einschlafen können, sagte man mir. Ob ich Gedankenkreisen hätte, wollte Herr Amann noch wissen. Ich verstand nicht einmal, was er damit genau meinte. Ja, ich hatte unendlich viele Gedanken, der eine Gedanke jagte und überholte den nächsten, sodass ich manchmal nicht mehr wusste, was ich alles denken sollte. Das war wohl damit gemeint. Ich war sogar bereit, morgens das Citalopram zu versuchen. Das ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und wird als Antidepressivum ebenfalls in der Behandlung von Depressionen eingesetzt. Herr Amann erklärte mir, dass Serotonin unser Glückshormon ist, und diesen Hormonspiegel, wie er es bezeichnete, müssten wir bei mir wieder hochfahren und stabilisieren. Wir vereinbarten, gleich morgen früh zu Beginn mit einer halben Tablette zu starten.
Nun begann ich wieder zu weinen, ich war unglaublich erschöpft. Das viele Fachwissen prasselte auf mich ein und die schreckliche Tatsache, dass ich nun doch solche Medikamente nehmen würde, hinderte mich irgendwie daran, einen weiteren klaren Gedanken fassen zu können. Herr Amann beendete das Gespräch sofort, als er merkte, dass es für mich zu viel war. Wenn mehr Menschen solch feinfühlige Antennen wie Herr Amann hätten, wäre doch einiges leichter, dachte ich mir.
Nun durfte ich mein Zimmer beziehen. Ich war sehr erleichtert, dass es ein Einzelzimmer war, und weil ich auch in dieser schrecklichen Situation noch perfekt sein wollte, soweit es eben möglich war, packte ich meinen Koffer aus und verstaute alles schön in die Schubladen des großen Holzschranks und sortierte die Toilettenartikel im Spiegelschrank über dem Lavabo. Wie in den Ferien im Hotelzimmer. Nur mit dem Unterschied, dass es keine Ferien waren und es auch kein Hotelzimmer gab.
Danach machte ich ein paar Fotos vom Zimmer. Keine Ahnung, warum, denn ich wollte sie eigentlich gar niemandem senden. Ich wollte sie mir auch nicht anschauen. Ich tat es nur, weil ich das immer tat. Ich fotografierte alles. Meistens die Kinder oder Dinge für die Kinder. Ich verkroch mich in das kleine Bett und weinte wieder. Ich weinte vor Erschöpfung und weil ich gedanklich nicht mehr damit nachkam, was hier alles passierte. Ich verstand nicht mehr, was mit mir und um mich herum geschah. Ich fühlte mich winzig, klein und kraftlos. Diese Situation aushalten zu müssen, war beinahe unerträglich. Mir tat alles weh, aber ich konnte nicht sagen, was oder wo es mir weh tat. War es wieder der Magen oder der Bauch? War es der Rücken? Aber es war nicht ein bestimmter Körperteil oder eine bestimmte Körperregion, den oder die ich hätte benennen können. Es war ein anderer Schmerz und er tat höllisch weh. Ich hatte keine Energie, um mich abzulenken. Ich wollte niemandem eine Nachricht schreiben, keinen anrufen und auch niemanden sehen. Ich wollte einfach nur alleine sein und schlafen. Denn wenn ich schlief, dann hatte ich alle diese Gedanken und Gefühle nicht, dann kam keine Panikattacke, nichts konnte mir Angst machen und mich gefangenhalten. Die Gedanken jagten wieder in meinem Kopf herum. Ich stellte mir die Regenbogenstrecke bei Mario Kart auf Nintendo Wii vor und die Fahrzeuge waren in dieser Vorstellung meine Gedanken. Es leuchtete grell, zuckte, blitzte und donnerte, die Gedanken rutschten auf Bananenschalen aus und überholten sich gegenseitig. Ich konnte die Musik dazu förmlich in meinem Schädel trillern hören, aber dieses Mal war es nicht amüsant. Ich drückte mir die Ohren zu und hoffte, dass es dann aufhören würde und ich mich endlich ausruhen konnte. Nichts von Alldem geschah. Ich fand keine Ruhe. Ich lag da und weinte mehrere Stunden für mich alleine.
Irgendwann klopfte es an der Zimmertüre und Herr Amman teilte mir mit, dass es jetzt Abendessen gäbe. Benommen blickte ich auf mein Handy, ich weinte ganze drei Stunden. Wie war so etwas überhaupt möglich, konnten einem die Tränen denn nie ausgehen? Wenn ich wollte, könnte ich die Idee mit dem einen Bissen beim Essen versuchen, meinte er. Und wenn es nicht klappen würde, dann wäre es auch in Ordnung. Dann könnte ich es einfach morgen beim Frühstück wieder versuchen. Lustlos schleppte ich mich hinunter ins Wohnzimmer. Das Haus war alt, aber wie mir auffiel, ziemlich wohnlich eingerichtet. Ich war froh, dass es so war und nicht wie befürchtet steril und weiß wie in einer Klinik. Zumindest stellte ich es mir dort so vor. Es gab eine große Küche mit einem Kühlschrank, der von allen benutzt werden durfte, und eine große Kaffeemaschine, was für mich als Kaffeegenießerin sehr wichtig war. Im Wohnzimmer standen Sofas, ein Fernseher mit einem DVD-Gerät, ein Bücherregal und einige Tische mit Stühlen. Irgendwo im Haus gab es noch einen Raum für Kunst- und Maltherapie. Ich wusste nicht, was das genau sein sollte, ich wusste nur, dass dieser Raum existierte, weil Frau Wieser mir das erzählt hatte, als sie mir mit dem Koffer die Treppe hoch half. Im Keller gab es noch eine Waschmaschine und einen Tumbler. Ich schöpfte mir ein bisschen Salat und zwei Löffel Penne mit Pestosauce. Es roch gut und erst jetzt bemerkte ich, welch großen Hunger ich eigentlich verspürte. Mein Magen knurrte sogar. Gegessen hatte ich schlussendlich ein einziges Salatblatt, nämlich das eine, das keine Salatsauce darauf hatte. Mehr schaffte ich nicht, trotz Hungergefühl und knurrendem Magen. Wie erschlagen saß ich da, einmal mehr enttäuscht von mir selber. Wo war mein Wille geblieben? Ich wollte doch so gerne essen. Wieso brachte ich das bisschen Essen, das auf nur einer Gabel Platz hatte, nicht in meinen Mund? Mein Mund war geöffnet, die Gabel vor mir, wieso schaffte ich das nicht? Ich war mehr als frustriert, ich war sauer. Aufgrund des Schutzkonzeptes gegen Corona waren die Tische weit auseinander gestellt worden und an jedem Tisch saß nur eine Person. Ich wollte die anderen aber nicht anschauen, weil mir bewusst war, dass es Patienten waren, Patienten wie ich. Und Patient war man nur, wenn man krank war. Aber ich wollte nicht krank sein. Ich war fest davon überzeugt, dass es eine ganz einfache Erklärung für meine Situation geben musste, und sobald man diese einmal kannte, konnte man auch ganz schnell eine Lösung finden. Und dennoch wusste ich irgendwie, dass irgendwas nicht stimmte, und somit musste es vielleicht doch mit Krankheit zu tun haben. Außerdem wollte ich gar nicht erst herausfinden, ob ich hier allenfalls jemanden kannte. Oder noch schlimmer, ob mich jemand hier erkannte. Es war mir nach wie vor peinlich und ich stand so leise wie möglich auf und schob den Stuhl ganz sachte an den Tisch zurück, sodass möglichst niemand ein Geräusch wahrnahm. Keiner der Anwesenden sollte sich umdrehen oder aufschauen müssen. Mit gesenktem Kopf, damit ich niemanden anschauen musste und auch niemand mir ins Gesicht sah, räumte ich das Geschirr weg. Es war schade, das ganze Essen in den Kompost zu werfen. Aber aufgrund von Hygienevorschriften musste alles Essen, das einmal auf einem der Teller gelegen war, in den Kompost. Nur unberührtes und ungeöffnetes Essen durfte man zurück in den Kühlschrank stellen und für später mit dem Namen und dem Tagesdatum anschreiben.
Ich ging nach draußen, auf die hauseigene Terrasse hinter dem Haus. Im Treppenhaus gab es eine direkte Türe dorthin. Die Terrasse war wohl das Schönste hier. Ein Teil von ihr war überdacht und mit einem Ecksofa und einem kleinen Beistelltisch versehen. Der Rest war unter freiem Himmel und mit einzelnen Tischen und Stühlen vollgestellt. In der Mitte des Platzes stand ein wuchtiger Sonnenschirmständer mit noch größerem Schirm darin. Auf dem Sofa saß bereits eine Patientin, die rauchte. Wir nickten uns schweigend zu, während ich mich ans andere Ende des Sofas setze und mir ebenfalls eine Zigarette anzündete. Ab und zu sah ich hoch und schaute sie an. Sie sah sehr müde und kaputt aus, das war das Erste, was mir auffiel. Ihre langen Haare hatte sie zu einem unordentlichen Zopf geflochten, die Trainerhosen waren viel zu weit für ihre schmale Figur und die große Strickjacke glich mehr einem Zelt. Und obwohl ich sie nicht kannte, nichts über sie oder ihr Leben und ihre Geschichte wusste, hatte ich Mitleid mit ihr. Mitleid, weil ich genau wusste, wie beschissen sie sich fühlte, und es machte mich sehr traurig. Es musste in ihrem Leben etwas geben, was sie genauso verzweifeln ließ. Sonst wäre sie hier nicht gelandet. Der Grund dafür spielte keine Rolle. Den wichtigen Aspekt, Mitleid und Mitgefühl voneinander zu trennen, musste ich noch lernen. Denn die Trennung voneinander ist sehr wichtig und erhält einen am Leben.
Ich verabschiedete mich nach meiner Zigarette wieder mit einem wortlosen Nicken und ging in mein Zimmer hoch. Ich schaffte es, meinen Mann und meine Mutter zu informieren, dass ich nun hier angekommen war, und schickte die Fotos, welche ich vorher vom Zimmer gemacht hatte. Damit sie sich ein Bild davon machen konnten, wie es bei mir aussah. Danach ging ich wieder auf die Terrasse hinunter. Die Frau von vorhin interessierte mich irgendwie. Obwohl ich eigentlich nicht in der Lage war, mir ihre Probleme anzuhören, hätte ich gerne einmal mit jemandem gesprochen. Ich fühlte mich sehr alleine. Sie saß noch immer auf ihrem Platz auf dem Sofa und lächelte mich müde an, als ich mich wieder zu ihr setzte. „Ich rauche den ganzen Tag, ich habe einfach zu viel Zeit hier“, meinte sie. Ihre Stimme war rau und kratzig, aber als wir uns so direkt in die Augen sahen, bekam ich tatsächlich Gänsehaut. Da war so viel Wärme in ihren Augen. Sie waren feucht und glänzend von Tränen, aber sie leuchteten dennoch. Und ich war überwältigt davon. Irritiert und zugleich fasziniert, in einer solchen Trauer gleichzeitig ein derartiges Licht zu erkennen. Der Spiegel zur Seele, wie man so schön sagt.
Esmeralda, so stellte sie sich mir vor. Sie erzählte mir, dass sie vor ein paar Jahren schon einmal in der AFS war. Wir sprachen über vieles, ruhig und sehr vorsichtig, weil wir beide nicht wussten, was wir der Anderen erzählen wollten, und auch, was die Andere in diesem Moment ertragen würde. Ja, so war es. Ich ertrug momentan beinahe gar nichts. Vor allem auch keine anderen traurigen Geschichten. Es war ein schönes Gespräch, voller Vorsicht und dennoch Interesse am Gegenüber. Ich mochte Esmeralda bereits. Normalerweise war ich sehr vorsichtig damit, jemanden zu mögen oder ihm sogar zu vertrauen. Zu oft wurde ich schon hintergangen und enttäuscht und somit auch verletzt. Doch ich hatte ein gutes Bauchgefühl. Mein Bauchgefühl war nämlich ein verdammt kluger Kopf. Leider vergaß ich das im alltäglichen Stress aber zu oft. Ich nahm mir fest vor, wieder mehr auf meinen Bauch zu hören.
Nach diesem Gespräch ging es mir ein kleines bisschen besser und ich ging wieder in mein Zimmer hoch, um mittels Facetime meine Familie anzurufen. Ich musste das Telefongespräch jedoch nach wenigen Minuten wieder abbrechen. Meine Tochter so zu sehen, tat unglaublich weh. Sie saß auf dem Sofa und fragte ununterbrochen, wo ich war, und bettelte, dass ich nach Hause kommen müsste und mit ihr kuscheln sollte. Ich sagte ihr, dass ich bald nach Hause käme und ich Bauchschmerzen hätte und deshalb nicht zu Hause war. Es war schwierig, die richtigen Worte für eine Zweieinhalbjährige zu finden. Ich wollte und konnte sie nicht anlügen, denn dieser Zug war sowieso schon längst abgefahren bei meiner Tochter. Sie verstand bereits zu viel. Andererseits wollte ich ihr dennoch keine Angst machen. Lilly sagte, dass, wenn ich Bauchaua hätte, wie sie es ja immer so süß formulierte, ich ganz viel mit ihr auf dem Sofa kuscheln müsste. Wenn sie meinen Bauch streicheln würde, dann würde es mir ganz schnell wieder besser gehen. Die Tränen schossen mir in die Augen und ich konnte nicht mehr. Ich sagte meinem Mann, dass ich auflegen muss. Keine Ahnung, ob ich überhaupt einen ganzen Satz zusammenbrachte. Aber ich wusste, dass er mich verstanden hatte, weil er antwortete, dass er sehen würde, dass es zu viel für mich war. Es war mir tatsächlich zu viel, viel zu viel. Die Schuldgefühle waren zu groß, es tat so weh. Nicht nur, dass ich nicht zu Hause war, auch, dass ich das Telefongespräch sogar wieder abbrechen musste, machte mir Schuldgefühle. Und mein Mann war nun alleine in dieser Situation und würde den ganzen Abend versuchen, Lilly weiterhin zu beruhigen, und ihr sagen, dass ich bald wieder nach Hause käme. Obwohl er selber nicht wusste, was ich hatte, wie es mir ging und wann ich wieder nach Hause kommen würde.
Ich spürte, wie diese Panik wieder hochkroch. Ich wollte schreien, um Hilfe rufen, doch ich brachte keinen Laut über meine Lippen. Ich verkrampfte mich und biss meine Stockzähne so fest aufeinander, dass es weh tat. Ich sah meinen eigenen Beinen zu, wie sie zitterten. Es war, als geschehen diese Dinge einfach von alleine, ohne, dass ich einen Einfluss darauf hatte oder mir bewusst sagte, dass ich es machen wollte. Ich konnte diese Abläufe nur feststellen und dabei zuschauen. Ich war nur Zuschauer der Ereignisse und konnte in diesem Moment nichts dagegen unternehmen. Der Schmerz in meiner Brust begann wieder, mein Herz raste und das Stechen in meinem Oberkörper ließ mich zusammenfallen. Von Panik erfüllt riss ich das alte Fenster auf und streckte meinen Kopf nach draußen. Doch die Luft da draußen war genauso stickig. Ich bekam keine Luft mehr und stellte mir vor, wie es am Ende der Luftröhre in meinem Hals einfach eine Klappe darüber gab, welche verklebt war. Verschlossen und so dicht, dass die Luft, die ich versuchte einzuatmen, keinen Weg zur Lunge fand. Und wenn diese Klappe nicht aufging und die Lunge keinen Sauerstoff bekam, würde ich ersticken. Das war eine logische Schlussfolgerung. Ich drehte mich um und rannte nach unten zum Stationsbüro. In diesem Moment vergaß ich Anstand und Höflichkeit und stürmte ohne anzuklopfen hinein. Frau Wieser saß an ihrem Schreibtisch und sah mich überrascht an, stand dann aber auf und kam langsam auf mich zu. Sie nahm meine Hand und schob mich vorsichtig zu einem der Holzstühle, die um einen großen ovalen Tisch aneinandergereiht waren. Sie wollte wissen, was passiert war. Als ich nicht gleich antworten konnte, kam sie ganz nah zu mir und atmete so laut und tief, dass ich es hören konnte. Fragend musste ich hochschauen und sah, wie sich ihr zarter Oberkörper hob und senkte. Immer wieder und sehr langsam. Sie bat mich, mit ihr zusammen ruhig zu atmen. Ich versuchte es. Währenddessen zählte sie zwischen dem Ein- und Ausatmen jeweils auf vier. Mein Herz schlug gefühlt das Tausendfache, als ich angestrengt versuchte, mitzuatmen. Irgendwann konnte ich meine Atmung ihrem Rhythmus anpassen und mein Herzschlag beruhigte sich. Endlich konnte ich ihr erzählen, wie der Facetimeanruf mit meiner Familie ablief. Ich vermisste meine Familie so sehr. Ich vermisste es, jetzt mit ihnen auf dem Sofa zu kuscheln, die Kinder in ihr Bett zu bringen, Leon seinen Schoppen zu geben und Lilly eine Geschichte vorzulesen. Und im Hinterkopf hörte ich die Stimme meiner Tochter, die immer wieder irritiert fragte, wo ich war und wieso ich nicht zu Hause bei ihr sein konnte. Ich war beeindruckt, in welchem Tonfall sie vorher überhaupt mit mir sprach. Ich konnte ihre Irritation über die ganze Situation und sogar die Sorge darin heraushören. Es machte mich sehr traurig und ich fühlte mich wahnsinnig schuldig. Frau Wieser sagte mir, dass sie selber Mutter sei und solche Gefühle kenne. Und, dass es normal sei, dass ich mich als Mama um meine Kinder sorgte und ich sie schrecklich vermisste. Sie sagte auch, dass ich mir deswegen aber keine Schuldgefühle machen dürfte, weil es mir jetzt nicht gut ging. Auch wenn ihre Worte nett gemeint waren, dachte ich, dass sie keine Ahnung hatte, wie ich mich fühlte. Natürlich hatte ich Schuldgefühle. Schließlich war es meine Aufgabe als Mama, bei meinen Kindern zu sein. Ich fühlte mich unverstanden, obschon sie mir vergewisserte, dass sie mich verstand. Ich fühlte mich alleine mit all diesen Gefühlen und es wurde wieder schlimmer. Ich wurde wieder nervös, weil ich mir sicher war, dass es nichts gebracht hatte, heute hierher zu kommen.
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