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Kitabı oku: «Abendstunden»

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Mit immer regerer Theilnahme sah Deutschland in den letzten Tagen auf die Strebnisse der Fläminge. Wo aber, von denselben die Rede war und ist, da wird Conscience’s Name vor Allen genannt als der eines der Ersten, der sich für die Sache seines Volkes in die Bresche warf, der mit der größten Kraft an dem schlummernden Nationalgeiste rüttelte und zumeist zu seinem Erwachen beitrug. Darum denn mag er auch diese Sammlung eröffnen.

Ueber sein Leben und Wirken behalte ich mir Ausführlicheres vor; hier nur noch einige Worte über den Inhalt dieses ersten Bändchens.

Es enthält die gesammelten Novellen und kleinern Stücke Conscience’s (die drei ausgenommen, welche Herr Fürstbischof Diepenbrock übersetzte), die vor etwa vier Wochen unter dem Titel »Avondstonden« erschienen.

Eins der Stücke des Originals ließ ich mit Zustimmung des Verfassers, als weniger allgemein ansprechend, ausfallen (Weetlust en Geloof. Zinnebeeld), und schaltete dafür eine seiner ersten Novellen »der lange Nagel« aus der im Jahre 1837 erschienenen »Phantazy« ein. In diesem Buche, sowie in dem »Wonderjaer,« welches Conscience in demselben Jahre herausgab, tobt noch ausschließlich der Geist der kräftig wilden Geusenzeit, der auch in dem drei Jahre jüngeren »Gerhard« noch blüht. Von da ab aber verließ Conscience sie, um nie mehr zu ihr zurückzukehren. Er malte nun Scenen voll Wahrheit aus dem Volksleben unserer Tage, und darin blieb er bis jetzt unerreicht von seinen Landsleuten. Wie sehr auch Deutschland den Werth dieser Bilder anerkannte, das sagt uns die seltene Aufnahme, welche das seit einigen Monaten in mehr denn 14000 Eremplaren verbreitete »flämische Stillleben«[Eben erschien auch eine englische Uebersetzung dieser Erzählungen.] fand.

Nicht für Alle aber ist diese einfache, mitunter derbe flämische Kost; sehr Vielen mag sie fast ungenießbar sein. Diese mögen immerhin dieß erste Bändchen ungelesen lassen; sie werden in der »Geschichte des Grafen Hugo van Craenhove und seines Freundes Abulfaragus« und in dem prächtigen »Löwen von Flandern,« welche ich in den folgenden Bändchen in schneller Folge liefere, sich doppelt erfreuen. Als Schluß dieser »Auswahl« folgen dann die drei schon durch Herrn von Diepenbrock übertragenen Novellen.

Zur Verhütung etwaiger Mißverständnisse muß ich noch bemerken, daß der Verfasser nach dem Drucke der »Avondstonden« hier und da, und vor Allem in der zweiten Novelle, noch bedeutende Abänderungen machte, die folglich nur dieser Uebertragung zu Gute kommen; dieß rechtfertigt zugleich den durch ihn angenommenen Zusatz auf dem Titel: »unter Mitwirkung des Verfassers.«

Brüssel, 1. Januar 1846.
Joh. Wilh. Wolf.

Quintin Metsis.
Übers. Maria Wolf

Gegen das Jahr 1480 standen in der Nähe der »Gasthuiseemden« in Antwerpen einige kleine Häuschen, welche dem Kloster »Ter Zieken« gehörten, und an arme Leute vermiethet wurden. Sie waren entweder von Handwerkern bewohnt, die nur mit Mühe von ihrem Arbeitslohn den wöchentlichen Zins erübrigen konnten, oder von alten Leuten, welche mit der größten Sparsamkeit von dem Gelde zehrten, das sie sich in jüngeren Jahren verdient hatten.

In einem der minder baufälligen dieser Häuschen wohnte zu jener Zeit eine Wittwe mit ihrem einzigen Sohne. Obgleich sie Nichts auf der ganzen Welt ihr eigen nennen konnte, so hatten doch stets Freude und Zufriedenheit unter ihrem Dache gewohnt; sie ertrug ihre Armuth mit der größten Geduld, und würde ihren niederen Stand nicht leicht gegen einen besseren vertauscht haben. Ihr ganzes Glück bestand in dem Fleiß ihres Sohnes und in der innigen Zuneigung, welche ihr derselbe weihte. Da sie eine zärtliche Mutter war, und alle Gefühle ihres liebevollen Herzens ihrem Sohne zuwandte, schien es für sie die größte Seligkeit, sich von demselben so geliebt zu sehen. In ihre Gebete, in jeden Seufzer schloß sie den Namen ihres Kindes ein, und die Liebe, welche sie für dasselbe fühlte, war allmählig eine Art von Selbstverläugnung geworden. Der Sohn, der mit gleicher Zärtlichkeit an seiner Mutter hing, arbeitete Tag und Nacht, daß es ihr an nichts gebrechen möge, und wenn er einen ihrer Wünsche zu errathen glaubte, rastete er nicht eher, bis er im Schweiße seines Angesichts so viel Geld gewann, denselben erfüllen zu können. Durch den Eifer zur Arbeit hatte er es sehr weit in seinem Handwerk gebracht, und Keiner übertraf ihn im schmieden verschiedener Kunstgegenstände, wofür er außerdem einen bedeutenden Lohn empfing. – Darum war die Wohnung der Wittwe sinniger als die Andern eingerichtet, und wurde sie auch zu den vermögendsten der Miethsleute gezählt. Ihr Sohn, der an seiner Arbeit ein ungewöhnliches Vergnügen fand, sang und war stets fröhlich. Das hatte seinen wahren Namen in Vergessenheit gebracht, und man nannte ihn nur »den fröhlichen Schmied.«

Seit einigen Monaten aber waren Freude und Zufriedenheit aus dem Hause der alten Wittwe entschwunden; die muntern Lieder waren längst verklungen und Thränen und Seufzer an ihre Stelle getreten. Auch dachten die Nachbarn nur noch an die Gesänge des fröhlichen Schmiedes zurück, wenn sie sich an glücklichere Tage erinnerten.

An einem Montag saß die Wittwe mit nassen Augen vor dem Bette, worauf ihr Sohn ruhte. Der starke junge Mann, der manches Jahr hindurch den Vorhammer mit so viel Gewandtheit und Leichtigkeit geführt hatte, der so viel sauren schweiß für seine Mutter vergossen, war in ein hageres Gerippe verwandelt. Auf seinem entblößten Halse konnte man deutlich die Muskeln und Schlüsselbeine erkennen, welche mit der Haut wie mit durchsichtiger Leinwand überzogen waren; sein ganzer Körper schien wie zusammengeschmolzen. Sein Angesicht trug weniger die Spuren körperlicher Leiden, als einer tiefen Trauer, welche schwer auf seinen Zügen lag, und in den matten Augen die auf seine Mutter gerichtet waren, tausend herzzerreißende Worte lesen ließ. Von Zeit zu Zeit jedoch erhellte ein Ausdruck von Seligkeit sein abgemagertes, bleiches Antlitz; es war kein Lächeln, aber etwas Unbegreifliches, ein geheimer Gedanke, welcher seinen Augen wieder Glanz verlieh, und ihn dem drohenden Grabe entreißen zu wollen schien; wenn dann die gebeugte Mutter sah, wie stürmisch die Seele ihres Sohnes von Hoffnung, Liebe und tödtender Qual bewegt war, faßte sie seine knöcherne Hand und seufzte verzweifelnd; ein einziges Wort nur entglitt ihren bebenden Lippen: der Name ihres todtkranken Sohnes.

»Quintin, o Quintin!«

Nachdem Beide sich eine Zeitlang schweigend betrachtet hatten, flossen aufs Neue die Thränen der unglücklichen Wittwe und sie sprach mit gedämpfter Stimme:

»Quintin, mein armer Sohn, verlangst du nach Nichts? hast du keinen Durst? —«

»O nein, Mutter, aber du? Ich sehe dich nicht essen! Tage lang weinst du um mich, und schadest deiner Gesundheit. – O wie unglücklich bin ich! – Ich werde sterben, das fühle ich, nicht durch meine körperlichen Leiden, die würden mir wohl schwerlich das Leben kosten, aber es ist etwas Anderes, o Gott! Etwas das seit lange mich zu Grabe drückt, das mir Nachts die Ruhe nimmt und bei Tage mich den Tod wünschen läßt! – Ach Mutter, Mutter! —«

Die Wittwe erhob sich von ihrem Sessel, und indem sie ihren Kummer gewaltsam zurückdrängte, schloß sie den Kranken mit rührender Innigkeit in die Arme, und küßte die Thränen ab, welche reichlich von seinem Angesicht strömten.

»Quintin!« seufzte sie, »o sag’ mir, was dein Herz beschwert; vertrau es deiner Mutter! Vielleicht bin ich im Stande, deinen geheimen Schmerz zu heilen! – Und dann Quintin! dann würde ich dich vielleicht nicht verlieren! O wenn dies möglich wäre!! —«

Quintin antwortete nicht; erstarrte unverwandt seine Mutter an, während die Thränen ihm unaufhaltsam über die Wangen rollten.

»Vertraue mir,« fuhr die Mutter fort »sag’ mir, welch geheimen Schmerz du im Herzen birgst. Sprich um Gotteswillen! —«

Ein dumpfer Seufzer entstieg Quintin’s Brust; er bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen, und sprach mit einer Stimme, welche so heftige Erschütterung verrieth, daß man fürchten mußte, sein Leben schwände mit ihr dahin.

»Du hast Hunger, Mutter! seit drei Tagen hast du nichts gegessen. Denkst du daß ich dieß nicht wisse? O gewiß, ich werde sterben! denn ich sehe dich gleich einem Schatten dahinschwinden . . . und du leidest um mich, einzig Um dein Kind!«

»Ist es anders nichts?« antwortete die Mutter mit Zuversicht und freudigem Stolze. »Beruhige dich, und mach dir darum keine Herzpein. Für dich hungern Quintin, für dich? Gott ist mein Zeuge, daß ich in dem Leiden um mein Kind den einzigen Trost finde, der mir noch auf Erden bleibt.«

»Und ich habe Arme, die schaffen können!« rief Quintin verzweifelnd aus; ich sehne mich nach Arbeit, wie nach der ewigen Glückseeligkeit; ich muß sehen wie meine Mutter vor Hunger vergeht, und kann ihr keinen Bissen trocknen Brodes reichen! O Himmel! ich wäre deiner Gnade unwürdig, wenn ich nicht stürbe!! —«

Diese Ausrufungen hatten ihn sehr angestrengt, und sein Haupt, das er in der Aufregung erhoben, sank kraftlos auf die Kissen zurück; er fügte ruhiger hinzu:

»Bleibt uns denn nichts mehr von einigem Werthe Mutter? Nichts um ein Brod zu kaufen?«

»Nichts, mein Sohn,« erwiederte die alte Frau niedergeschlagen, »ich habe Alles verkauft.«

Da rang der Unglückliche in wilder Verzweiflung die Hände und rief außer sich:

»So wirst du verhungern! ich soll, selbst am Rande des Grabes, dich vor meinem Bette erliegen sehen? O nein, bei meiner Seele, das kann ich nicht ertragen . . . Ich werde aufstehen und dir zeigen, was die Liebe eines Sohnes für seine Mutter vermag. Gib mir meine Kleider, und wenn du, ehe zwei Stunden vergehn, nicht gegessen, dann strafe mich Gott mit ewiger Verdammniß! Ach Mutter, Mutter! unser süßer Herr Jesus wird mir ob meiner sündigen Worte nicht zürnen . . . Ich fühle Kraft! ich lebe!«

Es schien wirklich, als wenn Quintin von seiner Krankheit erstehen sollte; er erhob seine Arme wie Jemand, der sich zu einer schweren Arbeit vorbereitet, und seine Bewegungen waren so leicht und kräftig, daß seine Mutter nicht begreifen konnte, was mit ihrem Sohn vorgegangen sei; sie wagte nicht, sich der Hoffnung an ein Wunder hinzugeben, und starrte ihn erstaunt und zweifelnd an.

Quintin hatte sich indeß mit ungemeiner Schnelligkeit gekleidet, aber so sehr er sich auch bemühte, seine Schwäche zu überwältigen, war es doch leicht zu erkennen, daß sich sein Zustand keineswegs gebessert hatte, denn seine Bewegungen wurden nach und nach matter und langsamer, sein Athem wurde kürzer, er fiel seiner Mutter bebend um den Hals, sank dann kraftlos in einen Sessel, und rief mit verzweifelnder Stimme:

»Ach liebe Mutter! Ich wollte ja so gern für dich arbeiten, aber ich kann nicht!«

In demselben Augenblicke öffnete sich die Thüre des Häuschens, und eine Nonne aus dem Kloster Ter Zieken trat mit einem Körbchen am Arme herein.

»Mutter Metsis« rief sie »ich bringe etwas für unsern kranken Quintin. – Aber was fehlt Euch denn, Ihr guten Leute? Ist ein Unglück vorgefallen, daß Ihr Beide da sitzt und weint?« Weder Mutter noch Sohn beantworteten diese Frage. Sie hatten noch nicht die Hilfe Anderer angefleht, denn sie schämten sich, Jemand mit ihrer Noth bekannt zu machen. – Wo gibt’s einen fleißigen Arbeiter, der ohne peinliches Gefühl um ein Stück Brod bettelt? —

Die Nonne ließ sich durch das Schweigen nicht irre machen; sie stellte den Korb auf den Tisch, und nahm eine Flasche daraus hervor; dann goß sie köstlichen rothen Wein in einen Becher und reichte ihn ermunternd Quintin mit den Worten:

»Quintin, das wird Euch stärken und kräftigen! da trinkt einmal.«

»Wenn meine Mutter trinkt,« erwiederte Quintin, »so gelobe ich zehn Messen für Euch zu hören, Schwester Ursula!«

»Trinkt nur,« fuhr die Nonne fort, »ich werde Eurer Mutter auch einen Becher geben.«

»Ach! dann höre ich zwanzig!« rief der gute Schmied mit Freudethränen in den Augen.

Als beide endlich auf die Bitten der Schwester Ursula von dem Wein gekostet hatten, hielt die Nonne Quintin ihren Korb vor die Augen und sagte:

»O! ich habe noch mehr! seht nur!«

Kaum hatte Quintin in den Korb geblickt, als er mit zum Himmel erhobenen Armen rief:

»Gute Schwester Ursula, Ihr wißt nicht wie viel Ihr uns bringt. – Euch darf ich es wohl sagen, Euch die Ihr uns wie ein Engel des Trostes und der Barmherzigkeit erscheint. Schwester, Schwester! meine alte Mutter hat in drei Tagen nichts gegessen: sie vergeht vor Hunger!«

»O Gott! ist es möglich!« rief die Nonne aus. »Nehmt dann doch schnell! hier ist ein fein Waizenbrod und ein gut Stück Fleisch.«

Die Ueberraschung der Witwe war so groß, daß sie von dem Brod nicht gleich kosten konnte; sie bedurfte dessen auch nicht mehr so dringend, da der Wein ihr bereits neue Kraft gegeben. Während die Nonne sie zum Essen nöthigte, hatte Quintin eine Hand der Schwester Ursula ergriffen, ohne daß diese es bemerkte. Nach einigen Augenblicken jedoch zog sie dieselbe gewaltsam zurück, denn sie hatte einen glühenden Hauch darauf gefühlt.

»Aber Quintin« rief sie, »was thut Ihr denn?«

»O vergebt mir, Schwester,« seufzte Quintin »und zürnet mir nicht daß ich Eure Hand mit Thränen der Dankbarkeit benetzte, die in dem Himmel bewahrt werden.«

Die Nonne erröthete, denn Quintin’s Züge und seine unbeweglich auf sie gerichteten Blicke übten eine so unwiderstehliche Gewalt auf sie: man hätte denken können, daß er sie einer Heiligen gleich anbete. Schwester Ursula versuchte dem Gespräch schnell eine andere Wendung zu geben, und sich aus der für sie peinlichen Lage zu befreien, und sprach zur Wittwe gewendet:

»Ja, Mutter Metsis, es gibt jetzt viele Kranke; in Eurer Nachbarschaft liegen noch drei zu Bette; der Wolleweber Veken, der Zimmermann Balens, und Hans der Tapezier. Den beiden Ersten bringe ich eine kleine Stärkung so oft es mir nur möglich ist, aber der Tapezier Hans arbeitet auf seinem Bette für unser Kloster . . .

»Was thut Hans, Schwester?« fiel ihr Quintin hastig in die Rede.

»Er bemalt uns gedruckte Bildchen,« erwiederte Ursula, »und obgleich viel zu wünschen übrig bliebe, so nehmen wir es doch aus Rücksicht für seine Krankheit nicht so genau damit. – Seht, hier sind welche, die ich eben bei ihm geholt habe.«

Sie reichte mit diesen Worten Quintin einige Bildchen hin, welcher eins nach dem andern betrachtete.

»Schwester« sagte er endlich, »dies würde ich, scheint mir’s, besser machen können.«

»Ach! Ihr scherzt Quintin! Hans muß täglich Bilder in seine Tapeten wirken, darum versteht er sich in etwa darauf; aber Ihr, der Ihr Schmied seid, – das würde schwerlich gehen!«

Quintin erhob sich rasch von seinem Sessel, und sprach zur Nonne gewendet, in stolzem Tone:

»Schwester Ursula, es ist kein Schmied, noch Tapezier, noch Maler der eine Pumpe zu Stande bringt, wie die von Quintin Metsis auf dem Handschuhmarkt ist! – Wohl habe ich nicht mit Farben gearbeitet, und werde vielleicht im Anfang einige Bildchen verderben; doch vergeßt nicht, Schwester, daß ein Sohn der für seine Mutter schafft, kein gewöhnlicher Arbeiter ist. – Vielleicht wird mein Vorhaben mir glücken: eine innere Stimme sagt es mir.«

»Nun wohl, Quintin, hier sind ungemalte Bilder! Prüfet Eure Kräfte. Eure Mutter mag mich nach Ter Zieken begleiten, damit ich ihr Farben und Pinsel für Euch mitgebe.«

»Geh Mutter! eile!« rief Quintin entzückt aus. »Gottlob, daß ich jetzt arbeiten kann! Gewiß, ich werde genesen, wenn die Bilder gelingen, und du sollst meinetwegen keinen Hunger mehr leiden. Geh schnell!«

Als seine Mutter sich mit der Nonne entfernt hatte, prüfte er genau ein Bildchen nach dem andern, und überlegte schon im Voraus welche stellen er blau, gelb, roth oder grün bemalen wolle. Seine Gedanken waren so lebhaft damit beschäftigt, daß das Blut ihm zu Kopfe stieg, und seine mageren Wangen noch einmal mit einer hellen Gluth bedeckte; er strich mit dem Finger über die Stiche, als ob er bereits begonnen hätte, zu malen. Die Bildchen, die er vor Augen hatte, waren nur schlecht und grob; Quintin sah dies recht gut ein, denn in seinen Lehrjahren hatte er sich viel mit Zeichnen beschäftigt, was deutlich genug aus allen Kunstwerken hervorgeht, die er in Eisen geschmiedet.

Nachdem seine Mutter mit Farben zurückgekommen war, ging er zu Bette, und begann halb sitzend auf einem viereckigen Brett, welches er vor sich hinlegte, zu malen; die alte Wittwe war so begierig auf den Erfolg dieses Unternehmens, daß sie mit ängstlicher Gespanntheit jeder Bewegung des Pinsels folgte. Obgleich Quintin sehr langsam arbeitete, hatte er doch nach Verlauf einer Stunde ein Bildchen mit den schönsten Farben in den gewähltesten Tönen vollendet.

Ueber sein eigenes Werk entzückt rief er aus:

»O sieh nur Mutter! es ist über meine Erwartung gelungen! Nun werde ich rasch genesen!«

Die alte Frau verstand nichts von der Kunst worüber sie jetzt ein Urtheil aussprechen sollte; sie freute sich herzlich an den glänzenden Farben, und stand in Bewunderung versunken vor dem Bildchen.

»Quintin« rief sie, »soll ich dieß einstweilen als Probe nach Ter Zieken tragen?«

»Sogleich, Mutter, wenn ich noch einige gemalt habe. Gib mir dieß zurück, damit ich’s vor mich lege.«

»Willst du denn Alle auf dieselbe Weise bemalen?«

»Nein, Mutter, es sind aber noch viel Fehler in dem ersten, welche ich in den andern verbessern will.«

Die alte Frau war so froh, so vergnügt, als ob ihr ein großes Glück zu Theil geworden wäre; nicht just darum weil Quintin die Bildchen so schön bemalt hatte, denn darüber hatte sie nicht das geringste Urtheil, und sie glaubte außerdem, nicht mehr als einige Stüber für seine Arbeit erwarten zu dürfen: aber sie freute sich über die heitere Stimmung ihres Sohnes, dessen Zustand sich durch den Eifer welchen er seiner neuen Beschäftigung weihte, merklich verbesserte; auch hatte er nach Vollendung des dritten Bildchens die ersten Worte seiner alten, halbvergessnen Lieder wieder gesungen. Zuweilen unterbrach die glückliche Mutter ihn in seiner Arbeit durch eine herzliche Umarmung. Dann sagte er lachend:

»Laß mich doch arbeiten Mutter! damit ich schneller vorwärts schreite!«

Nachdem auch das vierte Bildchen gefertigt, drang die Wittwe so lange in Quintin, bis er ihr erlaubte, alle nach Ter Zieken zu tragen, und Mutter Metsis lief so schnell sie konnte dem Kloster zu, das einige Büchsenschüsse weiter in der Nähe der Stadt lag. Sie klopfte hastig an der Pforte, und erwartete mit pochendem Herzen daß man ihr öffne.

Eine stockalte Nonne erschien an dem Thorschieberchen; und als sie sah daß es nur eine gewöhnliche Bürgersfrau war, öffnete sie langsam indem sie frug:

»Was wollt Ihr Frau?«

»Ist Schwester Ursula im Kloster?«

»Nein, Schwester Ursula ist ausgegangen. Kommt morgen wieder.«

Mit diesen Worten erfaßte sie die Thüre, und machte eine Bewegung als ob sie sagen wollte: »Geht, damit ich das Thor schließe.«

Mutter Metsis war sehr niedergeschlagen über die Abwesenheit Ursula’s und blieb wie festgebannt vor dem Kloster stehen.

»Habt Ihr noch ein Anliegen?« frug die Nonne.

»Ja Schwester« sagte die alte Frau, indem sie die Bilder unter ihrem Mantel hervorzog »seid so gütig diese Bildchen an Schwester Ursula zu übergeben und ihr zu sagen daß Quintin Metsis der Schmied sie bemalt hat.«

Die Nonne betrachtete die dargereichten Gegenstände mit mißbilligendem Ausdruck. Sie mußten ihr nicht zusagen, denn ihre Züge gaben dieß deutlich zu erkennen.

»Ach Gott! wie häßlich sind diese Bildchen« rief sie: »man ekelt sich vor ihrem Anblick, und um keinen Preis möchte ich sie in meinem Gebetbuch haben.«

»Sind sie nicht gut Schwester?« frug die bange Mutter.

»Pfui, es ist Schande solche Bilder zu malen« war die bittere Antwort der Nonne womit sie die Wittwe entließ.

Mit zerrissenem Herzen kehrte die Mutter nach ihrer Wohnung zurück. – Sollte sie Quintin die niederschlagende Kunde bringen, um ihn in jene tödtende Verzweiflung zurückzuschleudern? Aber konnte sie ihre Thränen zurückhalten, hatte sie Kraft genug um nicht durch ihre Züge den Schmerz zu verrathen, der sie niederdrückte ?

Die arme Frau grämte sich inzwischen unnöthiger Weise über die harten Worte der Nonne, welche sie nur unrichtig aufgefaßt hatte. Die Stiche, welche Quintin bemalt, stellten nämlich meist Kranke und aussätzige Menschen vor; der junge Schmied hatte so viel Ausdruck in diese Jammergestalten gelegt, und sie so natürlich in Farben dargestellt, daß der Nonne vor den schrecklichen Gruppen graute, und sie entsetzt von der Wahrheit, welche sich darin aussprach, die Worte rief:

»Pfui! pfui! es ist eine Schande!«

Die Mutter ahnte das nicht und glaubte darum daß die Nonne die ganze Art und Weise des Bemalens so schlecht beurtheile. Kaum hatte sie die Schwelle ihres Hauses überschritten, als Quintin ihr zurief:

»Nun, wie findet man meine Bilder, liebe Mutter?«

Die bedrückte Mutter fiel weinend in die Arme ihres Sohnes, und konnte vor überwallender Wehmuth kein Wort hervorbringen; sie strich nur in größter Aufregung Quintin’s Haupt, welches er an ihrem Herzen barg. Je unerträglicher sich das Geschick dieser Unglücklichen gestaltete, um so inniger schien die Liebe sie zu verbinden. Wenn dumpfe Seufzer nicht ihren Schmerz offenbart hätten, so wäre man versucht gewesen zu glauben, daß sie freudig ergriffen seien, denn sie gaben sich gegenseitig die wärmsten Beweise von Zärtlichkeit. Ein gemeinschaftliches, tiefes Schmerzgefühl ließ sie darin den einzigen Trost finden. Endlich seufzte Quintin:

»Mutter, liebste Mutter, was nun beginnen? Um jede Hoffnung betrogen, von Allen verlassen, o Gott!«

»Mein Kind!« rief die Mutter verzweifelnd und ihrer Sinne nicht mehr mächtig »mein theures Kind, ich habe dich an meiner Brust genährt; ich habe stets nach Kräften für dich gearbeitet, als du noch klein warst. – Du hast mir als ein guter Sohn meine Liebe reichlich vergolten, und im Schweiße deines Angesichts deine alte Mutter erhalten. Wohlan, Quintin, wenn es dann doch sein soll, wenn wir sterben müssen, wenn dich das Siechthum und mich der Hunger ins Grab zieht, . . . dann bleibt uns noch ein seeliger Trost, eine freudige Gewißheit: – wir sterben zusammen!«

Eine lange Umarmung folgte diesen Worten; und die schnellen Athemzüge zweier von Schmerz überwältigten Menschen, wurden nur zuweilen durch eine leise, flüsternde Stimme unterbrochen: »Mutter, geliebte Mutter!«

Sie hatten sich bereits eine geraume Zeit Stille und unter heißen Thränen einander umschlungen gehalten, und sie würden noch lange so dagesessen haben, hätte nicht plötzlich eine Stimme vor der Thüre sie aufgeschreckt:

»Wo wohnt der Schmied Quintin Metsis?«

Die alte Frau trocknete schnell die Thränen von ihrem Angesicht, und eilte die Thüre zu öffnen, als sich dieselbe aufthat, und vier Personen zugleich in die Kammer traten.

Die beiden Ersten waren die Aebtissin des Klosters Ter Zieken und ein geistlicher Herr der sie begleitete. Hinter ihr kam Schwester Ursula mit einer andern Nonne, welche ein großes Buch unter’m Arme trug. All diese Personen betrachteten erstaunt Quintin, der seinen Pinsel weggelegt hatte und ängstlich und beschämt ein strenges Urtheil zu erwarten schien.

Die Aebtissin näherte sich ihm, zeigte ihm seine ersten Bilder und frug mit wohlwollendem Ausdruck in Blick und Stimme: »Seid Ihr es, der diese Bilder bemalt hat?«

»Ja, Frau Aebtissin,« erwiederte Quintin mit bangem Herzen »aber ich hoffe, wenn ich Eure Gunst nicht verscherzt habe, mit der Zeit mehr Fertigkeit zu erlangen. Vergebt mir, ehrwürdige Frau, daß ich diese verdorben habe. O, vergebt mir, um meiner unglücklichen Mutter willen!«

»Verdorben?« rief die Aebtissin verwundert aus, »Ihr seid zu bescheiden; denn ich bin gekommen Euch zu sagen daß Niemand je schönere Bildchen gesehen hat, als gerade die, welche Ihr bemalt habt.«

Diese Worte wirkten wie ein Donnerschlag auf den verstummten Quintin: Todtenblässe überzog sein Angesicht, und seine Glieder bebten, als ob ein plötzlicher Schmerz ihn getroffen hätte. In freudiger Aufregung streckte er dann die Arme seiner Mutter entgegen, und rief:

»Ach Mutter! liebste Mutter!«

Die glückliche Frau verstand ihn: sie warf sich mit wildem Ungestüm in seine Arme und drückte ihn an ihre Brust.

Die vier Anwesenden waren so ergriffen bei dem Anblick dieser rührenden Scene, daß ihre Augen sich mit Thränen füllten.

»Quintin Metsis,« sprach die Aebtissin »wollet Ihr wohl Etwas für mich thun?«

Während die Aebtissin sprach hatte die Mutter sich der engen Umarmung ihres Sohnes entzogen; sie behielt jedoch eine seiner Hände in den ihren, und blieb neben ihm stehen.

Quintin erwiederte freudig: »sprecht, hochwürdige Frau, ich bin Euer willigster Diener.«

Die Aebtissin nahm das Buch aus den Händen der Nonne, zeigte es dem Jüngling, und fragte ihn, ob er die Leidensgeschichte unsers Herrn, welche darin dargestellt war, für sie bemalen wolle? Quintin wandte ein, daß er ein solches Unternehmen nicht wagen dürfe, aus Furcht das kostbare Meßbuch zu verderben; doch die Lobsprüche welche ihm die Aebtissin und der Geistliche ertheilten, gaben ihm endlich den Muth das große Werk zu übernehmen.

Sobald er der Aebtissin dieß Versprechen gegeben, bereitete sich dieselbe mit ihrer Begleitung zum Weggehen. Schwester Ursula näherte sich zuvor Quintin und flüsterte ihm ins Ohr:

»Fahrt nur so fort, Quintin, – die Aebtissin ist höchst zufrieden mit Eurer Arbeit, sie kann nicht davon schweigen.«

Und mit leiserer Stimme fügte sie hinzu: »Eurer Mutter soll es nun an nichts mehr fehlen; habt nur guten Muth!«

Diese letzten Worte erfüllten Quintin mit unaussprechlicher Seligkeit: er wandte Ursula einen dankbaren Blick zu und sagte:

»Für Euch, für Euch werde ich immer beten – und meine Mutter auch.«

Als die Aebtissin sich entfernt hatte, wandte die glückliche Frau sich zu ihrem Sohn, warf ihm zwei Goldgulden auf sein Malerbuch indem sie rief: »Sieh! Quintin! Dieß hat mir die Aebtissin für deine Arbeit gegeben; nun sind wir reich mein Kind! unendlich reich! Jetzt geh ich und kaufe Alles ein, was dir bisher in deiner Krankheit gemangelt hat! – Und du wirst genesen, mein lieber Quintin! denn all unser Leid hat nun ein Ende; wir werden aufs Neue glücklich sein!«

»Sagte ich dir’s nicht, daß ein Sohn, der für seine Mutter arbeitet, kein gewöhnlicher Arbeiter ist? Glaube mir, der Schmerz, den ich bei dem Anblick deiner Noth ertragen mußte, hat mich zum Maler gemacht. Gott selbst hat meine schwache Hand geleitet!«

Quintin malte ziemlich lange an dem Buch der Aebtissin; als er aber das Werk vollendet, gaben sich bereits wunderbare Fortschritte darin zu erkennen, und es ward ihm eine reiche Belohnung dafür. Man gab ihm dann andre Arbeiten dieser Art, welche er zur Zufriedenheit Aller ausführte. – Endlich ward er es müde gedruckte Darstellungen zu bemalen; er begann selbst Zeichnungen anzulegen, und je nachdem ihm dieß leichter und leichter wurde, überwand er in kurzer Zeit alle Hindernisse, welche sich ihm noch auf seiner neuen Bahn entgegenstellten.

Noch zehn ganze Monate blieb er schwach und krank, so daß er nicht das Haus verlassen konnte, und diese Zeit benutzte er, sich Alles anzueignen, was die milde Natur ihm versagt hatte. Als er zum Erstenmale ausging, begrüßte man ihn schon überall als einen berühmten Maler.

An Geld fehlte es ihm jetzt nicht mehr: er zog mit seiner Mutter in ein schönes Bürgerhaus, und sorgte mit derselben Liebe wie früher für sie. Sie hatte die Freude ihren Sohn die Zierde und den Ruhm des Vaterlandes nennen zu hören, und beschloß ihr Leben mit seligem Frieden in seinen Armen.

Ricketicketack

I

Vor nicht gar langer Zeit noch besuchte ich die Meierei, auf welcher der Anfang dieser Erzählung spielt. Sie steht zwischen Desschel und Milgem, etwa zwölf Meilen östlich von Antwerpen und ist von Bauern bewohnt, von denen kaum einer sich mehr des Namens Jan Daelmans erinnern kann.

Wie malerisch dieß Haus auch da liegt, so bietet es doch nichts Besonderes für das Auge. Donnerwurz und grüne Moose wuchern auf dem alten Dache; die bröckelnden Mauern bergen sich hinter reichen Rebenranken; Hühner und Tauben spazieren auf dem Hofe und im Stalle mahlen drei glänzende saubere Kühe den weichen Klee.

Schöner ist die eigenthümliche Umgebung des Meierhofes. Vor ihm dehnt sich eine unermeßliche Haide bis zur fernsten Grenze des Horizonts; hinter dem Blumengärtchen eilt ein Bach den Moorweiden zu und saftiggrüne Erlen und Weiden baden ihre Wurzeln in der silbernen Heidenader; prächtig wölbt sich der blaue Himmel drüber, geheimnißvoll zirpen die Grillen umher und lustiger schmettern die Vögel um die hübsche Oase der weiten Sandwüste.

Noch hatte sich an einem schönen Morgen des Jahres 1807 die Sonne nicht über die Fläche der Haide erhoben, kaum hörte man hier und da ein Vöglein das Vorspiel zu dem großen Morgensange der Natur beginnen; in dem Innern des Hofes herrschte dieselbe stille; nur in einer Kammer brannte ein kleines Feuer leise prasselnd unter dem weiten Kamine, tickte ruhelos die Wanduhr und summte eintönig in einer halbdunkeln Ecke ein Spinnrad.

An ihm saß ein Mädchen; ihrem Gesichte nach zu schließen, hätte man sie auf etwa fünfzehn Jahre schätzen können; ihre Kleidung war eben nicht sehr gesucht, eher nachlässig, doch ihre Züge hatten etwas Fremdes, etwas Edles, welches die Aufmerksamkeit des sie Betrachtenden wohl fesseln und ihn mitleidig zu ihr hinziehen konnte. Schön war sie darum nicht zu nennen, denn sie war weiß wie Marmor, und wenn ihre dunkelschwarzen Augen unter den langen Wimpern hervor einen Blick voll Gluth aussandten, dann schienen sie eher hart und unangenehm. Doch gab es auch Augenblicke, wo der schwarze Apfel langsam und träge umirrte, wo ein frohes Lächeln diese Züge verklärte, wie wenn eine Stimme der Freude in ihrem Herzen aufgetaucht sei; dann mochte man sie schön nennen, ein albastern Bild der hinwelkenden Blume, die ihren Kelch nach der Sonne öffnet, obschon ein Wurm ihre Wurzel seit lange durchnagte.

Seit einer Stunde saß sie schon vor dem Spinnrade und ließ achtlos den Flachs durch die Finger gleiten; ein tiefer Traum schien einer dichten Wolke gleich sie umlagert zu haben, die Welt war für sie nicht da; eine überirdische Freude leuchtete aus ihrem Angesicht.

Welch lichte Gedanken stiegen dann auf aus ihrer Brust? Das wußte sie selber nicht. Sie öffnet den schönen Mund, sie singt. Wohl muß das Lied hinreißend sein, wenn es ihre Gefühle überträgt; ihre Stimme klingt süß und rein, doch leise, fast wie der Ton eines fernen Silberglöckchens; sonderbar, eigentümlich aber ist das trippelnde Liedchen und es scheint wenig zu passen zu dem Ganzen, welches aus ihren Zügen spricht. Hier sehe das Lied:

 
Ricketicketack,
Ricketicketu.
Eisen warm,
Hoch den Arm,
schlaget zu,
Ricketicketu.
 

Hat sie es aber gesungen, dann sinkt sie wieder in ihr sinnen zurück.

Während sie also sich selbst vergessend vor dem Spinnrade saß, kam eine schon bejahrte Frau die Treppe hinunter und trat in die Kammer. Dem gebieterischen Blicke zufolge, den sie auf das kaum noch glimmende Feuer und das träumerische Mädchen warf, konnte es wohl niemand anders, als die Pachterin sein. Ihre Augen erglühten zornig, sie flog auf die Spinnerin zu und schlug sie so hart ins Gesicht, daß die Arme fast von dem Stuhle zur Erde stürzte.

»Was ist das! Du faul Stück! Sitzest da zu schlafen, wie ein Vieh! Willst du das Feuer anmachen oder ich nehme einen Stock und schlag dich wacker, du Thunichtgut, die du bist!«

Das Mädchen erhob sich und ging zum Feuer. Sie war die rohe Behandlung der Pachterin wohl schon seit lange gewohnt, denn ihre Marmorzüge verriethen weder Betrübniß noch Schmerz; nur auf der einen Wange brannte ein rother Flecken, der genugsam zeigte, wie hart der Schlag gewesen war.

Sobald die Pachterin das Feuer unter dem Kessel flammen sah, ging sie zur Treppe und schrie aus aller Macht:

»Auf, auf, ihr faule Strick! soll ich euch heraus holen, ihr Schlafmützen? Wacker, Trine, Bärbel, Jan! ’s ist meiner Seel schon vier und noch liegt das Volk und streckt alle vier von sich.«

Wenige Augenblicke später kamen die Gerufenen.

Die beiden Mädchen waren die Töchter des Hofes, sie konnten etwas weniger mehr, denn zwanzig Jahre zählen, waren übrigens echte Bäuerinnen, schwerfällig und stark gebaut und ohne allen Reiz.

Jan zählte gegen siebzehn Jahre; seine Züge waren rauh, doch regelmäßig und recht männlich; es lag etwas sehr bewegliches darin und man sah ihm an, daß, hatte die Natur ihn auch geistig nicht reich betheilt, er doch ein wackerer Junge sein mußte. Seine blauen Augen und langen blonden Haare gaben seinem Wesen vor Allem etwas Gutmüthiges und sein Herz war in der That so.

Er allein trat auf das Mädchen zu, welches noch am Feuer stand und sprach leise zu ihr:

»Guten Morgen, Lena.«

Noch leiser antwortete sie:

»Dank, Jan. Guten Morgen.«

Bevor jeder in dem Pachthofe an die Arbeit ging, wurde der Kaffee auf den Tisch gebracht und die Pachterin schnitt jedem sein Butterbrod. Das arme Lenchen bekam für ihr Theil kaum so viel, daß ein Kind damit genug gehabt hätte; doch schien sie dieß nicht zu bemerken und in ihrem Auge, in ihren Zügen war nicht die geringste Klage über die Härte der Pachterin zu lesen. Jan hingegen schaute recht mitleidig auf sie hin und als er sah, daß sie ihr Brod fast verzehrt hatte, schob er ihr ein Stück von dem seinen zu, so oft nur die Augen seiner Mutter nach einer andern Seite gerichtet waren.

Nach dem Frühstück verließ Jan mit seinen Schwestern das Haus, um an sein Tagewerk zu gehen. Lena blieb mit der Pachterin allein, um bei der Butterstange zu stehen, während der Hund die Buttermühle drehte.

Sobald die Milch in die Stange gegossen und Alles zum Buttermachen bereit war, ging die Pachterin in den Hof, um den Hund zum Mühlenrade zu holen, doch – der Hund lag todt in seinem Häuschen. Da kannte ihr Zorn keine Grenzen mehr, wie rasend stürzte sie in die Kammer, schlug Lena abermals ins Gesicht, stieß sie aus dem Hause und rief dann:

»Da siehst du, abscheulicher Strick! hast ihm gestern kein Fressen gegeben und’s Thier ist vor Hunger krepiert. Will dich aber lehren! Hier!«

Und sie schlug die schweigende aufs Neue und ärger, während sie rief:

»Schweig, daß du berstest, eigensinnig Stück! ’s wohl wieder nicht wahr, he? daß du dem Hund kein Fressen geben hast, he? Willst du sprechen, oder ich brech dir Hals und Bein.«

»Pachterin,« sprach Lena fast gleichgültig. »Ich hab dem Hund gestern sein Fressen geben, die Schüssel steht ja noch voll vor dem Häuschen.«

»Was, Schüssel voll?« schrie die Andere. »Betrügerin die du bist. Diesen Morgen hast das Essen in die Schüssel gelegt; meinst, ich kennte deine Streich nit? sollt es aber bereuen, du, und dafür selbst in der Buttermühl laufen. Und damit marsch, in die Mühl hinein!«

Diese neue und unerhörte Mißhandlung traf Lena hart; sie bebte an allen Gliedern und stand inmitten der Kammer mit gesenktem Haupt und schlaff hängenden Armen, einer Verurtheilten gleich, welche zum Schaffot geführt werden soll. Dennoch sprach sie kein Wort.

Dieß stille Dulden gefiel der Pachterin nicht; sie riß einen Ast aus dem Holzbündel, das neben dem Kamine lag und hob ihn, wie wenn sie damit auf Lena hätte zuschlagen wollen.

»Willt du schnell in die Mühl hinein? Gehst du oder nit?«

Die Arme sank in die Knie, streckte flehend die Hände empor, schlug das feuchte, schwarze Auge recht bittend auf das Weib und sprach nun:

»Ach, habt doch Mitleid mit mir. Ich will ja in die Buttermühl, aber schlagt mich um Gotteswillen nicht mehr!«

In demselben Augenblicke flog die Thür mit Gewalt auf und Jan sprang in die Kammer, er lief zu Lena, hob sie auf und sprach mit mühsam unterdrücktem Aerger zu seiner Mutter:

»Aber Mutter, wie kannst du doch so sein! ’s ist doch allzeit das selbe Lied. Ich kann wahrhaftig nicht mehr aufs Feld, ohne daß ich dich gegen die arme Lena schreien und toben höre, wie gegen ein stummes Vieh. Willst du sie todt haben, dann schlag sie doch lieber auf einmal todt. Siehst du denn nicht, daß sie krank ist und auszehrt?«

Bei den letzten Worten stürzten helle Thränen aus Jan’s Augen und er fügte ruhiger und flehend hinzu:

»Ach Mutter, laß sie doch in Ruhe. Sonst sieh, ich sag dir’s – ich geh mit den ersten Soldaten, die vorbei ziehen und du siehst mich zeitlebens nicht wieder.«

»Ich sag dir, sie soll in der Buttermühl laufen. Will sie lehren, den Hund krepieren zu lassen,« schrie die Pachterin.

»Was sagst du da?« frug Jan entrüstet. »Sie? Lena? In der Buttermühl laufen? Hoho, Mutter, das geht zu weit. Jetzt sag mir schnell, ob du darauf bestehst; schnell, schnell!«

»Da sieh mir doch den Narren stehn und zittern!« rief die Alte spottend. »Und was wär’s denn, wenn ich darauf beständ?«

»Dann sage ich dir, Mutter,« entgegnete Jan ernst und fest; »sobald Lena in der Buttermühl ist, bin ich aus dem Haus und bändest du mich mit Ketten fest; und wenn du es mir nicht glauben willst, ich schwör dir den schrecklichsten Eid darauf.«

Da bebte die Pachterin vor Aerger und Wuth; sie mußte wohl sich fügen, denn Jan war das einzige männliche Wesen auf dem Hofe und besaß bereits Kraft und Erfahrung genug, den früh gestorbenen Vater zu ersetzen. Seine Entfernung wäre der Fall des ganzen Hofes gewesen.

»Daß sie mir aus den Augen geh, das faule Stück!« rief die Alte. »Weg mit der weißen Kuh auf die Weid, Mensch, und laß dich mit sehen vor vier Uhr oder ich komm dir tüchtig an den Leib! Und du, Jan, fort und sag der Trine, daß sie buttern soll.«

Lena ging langsamen Schrittes dem Stalle zu, die Kuh zu holen. An der Thüre wandte sie sich nach dem ihr folgenden Jan um und warf ihm einen matten aber innigen Blick zu, wie wenn sie hätte sagen wollen: »Dank dir, du beschützest eine Leiche. Will für dich beten, wenn ich in den Himmel komme.«

II

Sie zog mit der Kuh zum Bache, das spärliche Gras aufsuchend, welches seinen Rand umsäumte. Schritt vor Schritt ging sie vor dem Thiere her, welches an einem Leitseil ihr folgte. Da wo die Haide an die tiefer liegenden moorigen Wiesen stößt, und Erlen und Wachholder dichter sich drängen, verließ sie den Fußpfad. Eine Buche steht da einsam; ein Vogel hat sie wohl gesäet, denn so weit man sehen kann, findet man kein Laub, welches dem ihren gliche. An dem Fuße des Baumes sank Lena nieder; sie beugte das Haupt tief, schaute regungslos vor sich hin, das Leitseil entfiel ihrer Hand und die gewohnte Träumerei kam über sie.

Nun, in freier Luft, unter dem schönen tiefblauen Himmel entlastete sie ihr Herz von der ganzen schwere der Betrübniß, welche über sie gekommen; ihr Mund klagte nicht, kein Seufzer entstieg ihrer Brust, doch ein stilles Bächlein heller Perlen rollte in ihren Schooß. Lange, sehr lange saß sie also da; doch ließen ihre Thränen langsam nach und endlich hob sie das Haupt und sang ruhiger ihr altes, liebes Liedchen:

 
Ricketicketack,
Ricketicketu.
Eisen warm,
Hoch den Arm,
schlaget zu,
Ricketicketu.
 

Was bedeuteten nur die sonderbaren Verse? Man würde Lena vergebens darum gefragt haben, denn sie wußte selber nicht, wie es kam, daß ohne ihr Wissen, ohne ihren Willen fast die trippelnden Worte ihr unaufhörlich auf die Lippen kamen. Schwach erinnerte sie sich, daß Jemand einst ihr dieselben vorgesungen hatte, doch das war schon lange, lange her. Obschon es nur undeutlich sprach, hatte sie es doch immer lieber gewonnen und immer mehr wurde es der Gefährte ihrer Freuden und Leiden.

Nachdem sie es einigemal wiederholt, und immer fröhlicher es wiederholt, schien sie ganz ihre unglückliche Lage vergessen zu haben; Friede strahlte aus ihrem Angesicht, sie stand auf, brachte munterer die Kuh an eine bessere Stelle der Weide und lief dann einem Sandhügel zu, der sich ein wenig weiter über die Fläche erhob.

Man sah, daß sie dieses Plätzchen öfter besuchte, denn die Stelle, wo sie sich niederließ, war von öfterm Sitzen tief eingedrückt. Die Hände am Knie schaute sie von da auf einen bläulichen Punkt am äußersten Ende des Horizonts hin. Es mochte wohl eine Stadt sein, dieser Punkt, oder ein größerer Ort; immerhin lief ein Weg von ihm aus und in hundert spielenden Bogen über die Haide hin, bis er sich an dem Pachthofe in dem Moore verlor. Sie glich der Waise eines Fischers, die von hoher Dünenspitze das ruhigere Meer überschaut, eines Bootes harrend, welches doch nie mehr wiederkehren wird. Doch war ihr Loos nicht ganz ein solches. Wohl erharrte sie auch etwas, doch wußte sie nicht, was es war, wonach ihr Herz sich sehnte. Unbeweglichen Auges schaute sie dem Wege nach, hoffend wohl, daß auf ihm einst ihr Erlöser zu ihr eilen würde; dabei aber kannte sie doch Niemand in der Welt, ihre Umgebung ausgenommen, und Hunderte von Reisenden konnten vorüberziehen, ohne daß sie Acht auf einen derselben gegeben hätte. Närrin nannten die Töchter des Pachthofes sie darum, doch das war sie durchaus nicht.

Stetes Leiden und der Druck gänzlicher Verstoßenheit hatten Lena sich ein eignes Leben nach innen schaffen lassen, die Einsamkeit, zu welcher sie meist verwiesen war, ihren Geist verfeinert und ihre Phantasie gestärkt. Was mit ihr vorging, das erwog und überdachte sie gar wohl, das fühlte sie tief, doch die summe alles Erwägens, alle ihre Gefühle verschloß sie tief in ihrer Brust.

Schon beschien die Sonne den westlichen Abhang des Sandhügels; es war seit lange Nachmittag und noch immer saß Lena, das Auge fest auf dem blauen Punkte. Sie hatte Hunger und fühlte es wohl und herbe, doch blieb sie sitzen.

Da drang ein junger Bauer vorsichtig durch die Erlen am Rande des Baches hin; dann und wann wandte er den Kopf nach dem Pachthofe, als fürchte er entdeckt zu werden, bis endlich er an der Buche stand, an welcher das Mädchen vorher geweint hatte. Dort angekommen kehrte er sich gegen den Sandhügel, hielt die Hände zu beiden Seiten des Mundes, um der stimme eine sichere Richtung zu geben, und rief:

»Lena! Lena!«

Die Gerufene stand auf von ihrem Sitze und nahte langsam dem Bauern, der mit dem Finger neben sich zeigend, sie zum Sitzen einlud. Als sie dieß gethan, holte er unter seinem Kittel eine dicke schnitte Brods und ein Stück Speck hervor, theilte das letzte auf dem Brode mit seinem Messer in kleine Stückchen und bot es dem Mädchen; dann langte er auch ein Krüglein Bier aus der Tasche, lehnte es an einen Wachholderstrauch und sprach leise:

»Da Lena hast du Essen und Trinken.«

Das Mädchen schaute ihn mit tiefem Danke an und genoß das Gebrachte.

»Jan, Gott wird dir lohnen,« sprach sie dann, »daß du mir also beistehst in meinem Jammerleben. Ich dank dir für deine Liebe und Freundlichkeit.«

Ein heftiger Schmerz wühlte unterdeß in der Brust des jungen Bauern; er sprach nicht, doch sank eine flüchtige Thräne von seiner Wange herab. Als Lena gegessen hatte, legte sie die Hand auf seine Schulter und sprach:

»Jan, mein liebster Freund, betrübe dich nicht mehr um mich. Deine Thränen thun mir mehr weh, als die Schläge deiner Mutter.«

»Vergieb’s ihr, Lena, um meinetwillen, denn wenn du ja stürbest, ohne ihr vergeben zu haben und ohne für sie zu beten, dann gäb es ja keinen Himmel für sie.«

»Ich hab ihr nichts zu vergeben, Jan; in mir wohnt kein Haß, ich denke selbst nicht mehr an mein Leiden. Ich habe bereits alles vergessen.«

»Betrüge mich nicht, Lena. Wer kann solche Mißhandlungen vergessen?«

»Ich hab’s dir mehr denn einmal gesagt und du verstehest mich nicht, weil ich mich selbst kaum verstehe. Während ich geschlagen und gestoßen werde, fühlt mein Körper wohl Schmerz, doch mein Geist bleibt frei und träumt fort von dunkeln, mir unbekannten Dingen, die vor ihm hin und her schießen und mich freuen und erheitern. Die Träume sind eine Stärkung für meine Seele, in ihnen vergesse ich Alles, sie sprechen mir von einem andern bessern Leben und lassen mich hoffen, daß ich nicht stets eine Waise bleiben werde. Soll Gott im Himmel mein Vater werden, oder soll ich meine Mutter sehen, bevor ich sterbe? ich weiß es nicht.«

»Deine Aeltern sind todt, Lena. Meine Mutter hat es mir oft gesagt, doch sei darum nicht betrübt. Sieh einmal, was ich schon für ein paar Arme habe. Noch einige Jahre und ich bin ein starker Mann. Ach, bleib doch noch so lange leben, Lena, ich will ja gern vom Morgen bis zum Abend für dich arbeiten, und müßt ich ewig dein Knecht sein.«

»Mein Knecht, du. Nein, das nicht, Jan. Sieh mich nur an und sage mir, was du auf meinen Wangen siehst.«

Der junge Bauer schlug beide Hände vor die Augen und seufzte still:

»Den Tod, ach den Tod.«

Lange blieben Beide stumm nebeneinander sitzen. Endlich faßte Jan Lena’s Hand und sprach:

»Lena, du hast deine abgestorbenen Aeltern nicht gekannt, bist von Kindsbeinen an bei meiner Mutter aufgezogen und hast da meiner Seel! mehr Betrübniß ausgestanden, als zehn Menschen tragen können. Wenn das fortdauerte, dann müßtest du sterben, das muß ich mit Thränen in den Augen selbst bekennen. Wenn man dich aber von jetzt an ruhig ließe und dich gut behandelte, würdest du dann nicht leben bleiben?«

»Leben bleiben«, wiederholte Lena. »Wer kennt sein Todesstündlein? Ich weiß, was du thun willst. Warum aber meinetwillen deine Mutter reizen und ihren Haß auf dich ziehen?«

»Warum?« rief Jan mit halbem Aerger. »Warum? Das weiß ich nicht, aber das kannst du glauben, wenn du so einen festen Gedanken oder einen Traum hast, der dir überall nachgeht, dann hab ich auch einen Gedanken, der mich bei der schwersten Arbeit so wenig, als beim tiefsten Schlafe verläßt. Der Gedanke ist, daß ich dir das Böse vergüten muß, was meine Mutter dir thut. Ach Lena, ich kann weder so schön noch so kräftig sprechen, wie du, aber um Gotteswillen, zweifle nicht dran. Von dem Tag ab, wo du stirbst, arbeite ich keinen schlag mehr, und dann legen sie mich auch bald neben dich auf den Kirchhof unter’s Gras. Und wenn du mich fragst, warum, dann weiß ich das auch nicht. Sieh, da, unter meinem Kittel klopft ein Herz das fühlt; du bist ein armes Waisenkind und das ist mir genug. Ach, bleib dann auch leben, Lena, bis ich großjährig bin, meine Arbeit wird . . .

»Nach Haus mit der Kuh!« rief in der Ferne eine drohende Stimme.

Jan stand auf, blickte noch einmal flehend in Lena’s Auge und verschwand zwischen den Erlen, während er ihr noch zuflüsterte:

»Ich komme sogleich auf den Hof. Geh nur, sie wird dich nicht schlagen.«

Lena griff nach dem Kuhseil, lenkte langsam auf den Fußsteig ein und schritt dem Hofe zu.

III

In dem Dorfe Westmal1 stand eine kleine Schmiede, in welcher vier Männer mit verschiedenen Schmiedearbeiten beschäftigt waren, der Meister nämlich und drei Gesellen. Sie unterhielten sich, soviel das Geräusch der Hämmer und Feilen zuließ, über Napoleon und seine großen Thaten. Einer der Gesellen, dessen linker Hand zwei Finger fehlten, begann just eine Erzählung aus dem Kriege in Italien, als zwei Männer zu Roß vor der Thüre der Schmiede anhielten, und einer derselben ihnen zurief:

»Heda, Mannen, mein Pferd muß beschlagen werden!«

Die Gesellen beschauten sich neugierig die zwei Fremden, welche nun von ihren Pferden absaßen. Man sah wohl, daß Beide Kriegsleute waren; einer von ihnen hatte eine mächtige Schmarre quer übers Gesicht liegen und trug ein rothes Bändchen im Knopfloch; der andere, obgleich ebenfalls in feiner Bürgerkleidung, schien ihm doch untergeordnet; er hielt das Pferd am Zaume und frug:

»An welchem Fuß, Colonel?«

»Vorn, links, Lieutenant,« antwortete der andere leicht. Während einer der Gesellen dann das Pferd nahm und es in den Nothstall führte, trat der Colonel in die Schmiede, sah sich nach allen Seiten um und nahm nun dieß, dann jenes Werkzeug zur Hand, wie wenn er es als eine alte Bekanntschaft hätte begrüßen wollen. Bald schien er gefunden zu haben, was er suchte; in der einen Hand hielt er eine schwere Zange, in der andern einen Hammer, und beschaute beides mit so sonderbarem Lächeln, daß die Gesellen gaffend und verwundert umherstanden.

Inzwischen war das Eisen in’s Feuer gelegt, der Blasbalg ächzte und ein sprühender Funkenkranz umgab die glühenden Kohlen. Die Gesellen standen, die Vorhämmer in der Hand, am Ambos, bis der Meister das Eisen aus dem Feuer nahm; dann begann das Zuklopfen.

Der Colonel hatte offenbar seine Freude daran; seine Züge belebten sich so, als hätte ihm die schönste Musik in’s Ohr gerauscht. Als aber das Hufeisen vom Ambos genommen wurde, um auf den Huf des Pferdes genagelt zu werden, da schaute er gar verächtlich drein, nahm die Zange mit dem Eisen aus der Hand des Meisters und legte es von neuem in’s Feuer, indem er sprach:

»So nicht. Was macht ihr da für ein grobes Eisen, Baas?2 So, lustig Jungens! Zugeblasen!«

Während einer der Knechte ehrerbietig folgte, warf er den Rock aus und entblößte seine nervigen Arme. Bald stand das Eisen in weißer Gluth, er nahm es, wie der besteingeübte Feuerwerker,3 drehte es noch einigemale, legte es auf den Ambos, und rief dann heiter den Gesellen zu:

»Aufgepaßt, Mannen. Ich geb’s Maaß. Wir wollen da mal ein Hüfchen schmieden, wie des Kaisers Pferde keine bessere tragen. So, nun paßt aufs Lied:

 
Ricketicketack,
Ricketicketu.
Eisen warm,
Hoch den Arm,
schlaget zu,
Ricketicketu.
 
 
Ricketicketack,
Ricketicketu,
Stahl in Gluth,
Herz voll Muth,
schlaget zu,
Ricketicketu.
 

»Da nun beschaut euch einmal das Hüfchen.«

Die Knechte besahen sich das hübsche und leichte Hufeisen mit gaffendem Munde und wie verstummt. Der Baas allein schien an etwas anderes zu denken und schüttelte von Zeit zu Zeit den Kopf, wie Jemand, der über eine Sache nicht einig mit sich selbst ist. Er trat dem Fremdlinge näher, der seinen Rock schon wieder angezogen, doch wie genau er ihn auch in’s Auge faßte, er schien ihn doch nicht zu erkennen.

Schnell war nun das Pferd beschlagen und es stand schon wieder vor der Schmiede, des Reiters wartend. Der zog zwei Napoleonsd’or aus der Tasche, legte sie auf den Amboß und drückte jedem der Gasten4 freundlich die Hand:

»Einer für den Baas – einer für die Gasten. Trinkt alle dafür einmal auf meine Gesundheit.«

Nachdem er dieß gesprochen, schwang er sich auf’s Pferd und ritt mit seinem Begleiter weiter in’s Dorf hinein.

Kaum waren die beiden Fremdlinge um die Ecke, als die Gesellen alle den Meister mit fragenden Blicken beschauten.

»Colonel, Colonel!« brummte einer von ihnen vor sich hin. »Ich sag und bleib dabei, der Kerl ist ein Schmied oder er ist es gewesen. Ich mein sicherlich, ihr müßt ihn kennen, Baas.«

»Das heißt,« antwortete der Baas, »ich hab in meinem ganzen Leben nur einen Menschen gekannt, der mit so viel Geschick ein so leicht und fein Hufeisen konnt schmieden. Und ich müßt mich sehr betrügen, wenn der Colonel nicht der Karl van Milgem wär, wißt ihr – doch nein ihr wißt’s ja nit, den die Leut immer den Ricketicketack genannt haben.«

»Wie, das sollt der lustige Schmied von Westmal sein?« frug einer der Gesellen. »Hab viel von dem Karl Ricketicketack schwätzen hören, doch’s war eben ein Lauflapp, ein Trunkert, der’s ganze Dorf in die Wirre konnt bringen. Nein, nein, der Colonel sieht allzusehr wie ein trefflich!5 Mann aus. Das ist rein unmöglich.«

Der Baas setzte sich auf den Ambos, wie einer, der erzählen will, und sprach zu den Gasten:

»Mannen, unser Taglohn ist doch schon doppelt verdient, und darum wollen wir’s Werk ein wenig ruhen lassen. Der Colonel ist wahrhaftig Karl van Milgem. Will euch doch seine Geschichte in der Kürze erzählen, dann könnt ihr selber urtheilen. Vor ungefähr sechzehn Jahren wohnte hier in derselben Schmied ein junger Kerl, der war mit der schönsten Bauernmaid aus der Gegend von Moll getraut, und die zwei sahen einander so gern, daß das ganze Dorf drüber verwundert stand. Das war denn der Karl van Milgem, von dem ich euch sprechen wollt. Der arbeitete von Morgens früh bis Abends spät, daß ihm der Schweiß von der Stirne lief und sang dabei den ganzen, lieben, langen Tag das artige6 Liedchen, welches der Colonel so gut konnt, und darum nannte man ihn so unter sich den Karl Ricketicketack. Er war stets fröhlich, witzig in all seinen Reden und es kam nie ein Wort aus seinem Mund, welches nicht hätte lachen machen. Auch war in ganz Westmal keine Seel so sehr von aller Welt geliebt, als der lustige Schmied. Er war schon ein paar Jahre getraut, hatte aber noch keine Kinder; da meinte er endlich, doch noch Vater zu werden. Nun kannt seine Freude keine Grenzen mehr, das Ricketicketack hörte den ganzen Tag nicht auf, und hier und da kamen die Leut in Angst, der Karl möchte von sinnen kommen, denn vor lauter Freud war weder Halten noch Binden an ihm. Da kam denn auch zuletzt der Tag und er wurd Vater, aber ach Armer! seine gute Frau stand nit mehr auf. Sie liegt auf’m Kirchhof begraben, da wo das eisern Kreuzchen steht. Von dem Augenblick an war Karl nicht mehr derselbe, wie vorher; er ließ den Hammer neben dem Amboß unangerührt liegen, zündete kein zweimal in der Woch sein Feuer an und begann zu trinken, als hätt er sich umbringen wollen. All seine Liedchen waren vergessen und er führte ein so schlecht Leben, daß er ein Scandal für’s ganze Dorf wurde. Wenn er dann betrunken nach Haus kam, dann ging er zu Werk wie ein Rasender, doch die Magd, welche bei ihm wohnte und das Kind pflegte, die wußt ein gut Mittel, ihn zur Ruh zu bringen. Sie gab ihm sein Töchterchen auf den Schooß, und wie trunken Karl auch war, wenn er sein Kind sah, dann war’s, als wenn ein Zauber über ihn gekommen wär. Dann lachte er so fröhlich wie zuvor, setzte das Mädchen auf seine Knie, spielte Pferdchenreiten mit ihm und sang das alte Liedchen Ricketicketack. Daß der Karl je ein ganz schlechter Mann war, glaub ich nicht; ein jeder wußt genugsam, daß der Tod seiner Frau die Ursach von seinem Verdruß und seiner Trunkenschaft war, denn jedesmal, wenn er über den Kirchhof und an dem eisernen Kreuz vorbei mußt, und wär er so trunken gewesen, daß er nicht auf seinen Beinen stehen konnt, dann liefen ihm die hellen Thränen aus den Augen, daß Jedermann es sehen konnt. Darum hatte man auch groß Mitleid mit ihm, und die Nachbarn versorgten das Kind mit Allem, ohne daß er’s wußt. Das Leben dauerte drei Jahr, da wurde Karl plötzlich krank und mußte zu Bette liegen, und das ziemlich lang. Seine Freunde hatten ihm während der Zeit – und der Pastor nicht weniger – so tapfer zugepredigt, daß er von der Trunksucht ganz genesen schien. Dafür hatte er sich ein ander Ding in den Kopf gesetzt. Er wollte das Dorf verlassen, wo das Grab seiner Frau ihm zu oft in die Augen fiel, und ohne einer Menschenseel zu sagen, wohin er wollt, geht er und verkauft seine Schmiede, wie sie weht und dreht, an meinen Vater, Gott hab ihn selig, nahm auf einen frühen Morgen sein Kind mit sich über die Haide und blieb weg, ohne daß man seitdem, weder von ihm noch von seinem Kinde mehr was gehört hätte.«

»Ah, der Colonel ist Karl Ricketicketack, da ist kein Zweifel an,« rief einer der Gesellen.

»Sicherlich, der und kein anderer,« sprach der Baas. »Er nahm manches von dem Geräth in die Hand und beschaut’s; alles nun, was ich und mein Vater gemacht oder gekauft haben, das legte er gleichgültig wieder hin; das aber was von der Schmiede Ricketicketack’s über blieb, das besah er mit einer Art von Aufregung, ihr müßt’s doch gemerkt haben, wenn ihr die Augen offen hattet; und dann seine Aussprach, ganz kempensch, seine Schnelligkeit im Schmieden und vor Allem sein Liedlein. Ja, ja, das ist ein Bursch aus unserm Dorf, setz meinen Hals dran . . . wer sollt das sagen, und nun ein Colonel, ein wahrhaftiger Colonel!«

Während die in der Schmiede also über ihren Karl Ricketicketack plauderten, waren die beiden Fremdlinge in der Herberge zur Krone angekommen, hatten ihre Pferde zu stall gebracht und selber etwas gegessen. Dann verließ der Colonel die Herberge und ging zu Fuß der großen Straße nach bis zu dem Hause des Gemeindeschreibers. Da wurde er in ein Stübchen geführt und mußte ziemlich lange warten, bis der Herr Gemeindeschreiber vom Felde heimkehrte, und unter tiefen und feierlichen Bücklingen in die Kammer trat. Er sprach:

»Herr Colonel van Milgem, euer unterthänigster Diener. Ihr wollt allergnädigst entschuldigen, daß ich . . . «

Doch der Colonel ließ ihm keine Zeit zu langen Höflichkeiten und Förmlichkeiten, faßte freundlich seine Hand und sprach:

»Wohlan denn, Freund, was habt ihr vernommen? Ist mein Kind entdeckt?«

»Nein, Herr Colonel, noch nicht,« entgegnete trübselig der Secretarius.

»Weh mir dann!« seufzte der Kriegsmann, mit der Hand verzweiflungsvoll an die Stirn schlagend. »Sollte ich denn alle Hoffnung aufgeben müssen?«

»Herr Colonel,« sprach der Secretarius, »geliebet meinen Bericht zu hören und ihr werdet finden, daß wir, ferne davon, alle Hoffnung zu verlieren, vielmehr nahe daran sind, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Ihr habt mir bei eurem letzten Besuch genug Geld hiergelassen, daß ich keine Kosten sparen mußte, und ihr mögt glauben, daß ich nichts versäumt habe, eure Gunst und die gelobten tausend Franken zu gewinnen. Höret nun, was man mir gesagt hat. Als Karl van Milgem (und der Secretarius verbeugte sich bis fast zur Erde) mit seinem vierjährigen Kinde aus Westmal fortzog, sagte er Niemanden, wohin er gehen würde; wußt es auch vielleicht selbst nicht vor großem Leid und Betrübniß. Nun habe ich aber von euch vernommen, und das ist mir auch durch meine Nachforschungen bestätigt worden, daß er zu Weelde, oberhalb Turnhout, sein Kind einem alten Schulmeister anvertraute; Peter Drießens hieß er, und wohnte mit seiner Frau einsam und abgesondert draußen vorm Dorfe. Dem gab er das Kind und ein klein eisern Kistlein, worin er das Verkaufsgeld von seiner Schmiede hatte verschlossen, und das die beiden Alten im Falle der Noth mochten öffnen, damit das Kind und sie selbst nicht Gebrechen leiden an irgend etwas. Dann ist er nach Holland gezogen und hat da, denkt man, bei den Franzosen unter Pichegrü Dienst genommen. Jedenfalls sah er sich seitdem nicht mehr nach seinem Kinde um; so erzählte man mir wenigstens in Weelde und die Leute, welche mir das sagten, hatten Peter Drießens selbst noch gekannt.«

»Die Leute wissen nicht, was sie sagen, Freund,« fiel der Colonel ein. »Ich schrieb selber zweimal aus Egypten, um Nachrichten über das Kind zu erhalten, doch die Briefe blieben ohne Antwort, und als ich nach Klebers Tod nach Frankreich zurückkehrte und nun hoffte, selber etwas Näheres darüber erfahren zu können, als ich mit klopfendem Herzen die Haide durchtrabte, um es zu sehen, und dem Orte nahte, wo des Alten Hütte gestanden hatte, fand ich nur einen Haufen Asche. Da brach mir das Herz fast; was ich da fühlte, das kann ich euch unmöglich beschreiben, Secretarius. Glücklicherweise hörte ich von den Bauern, daß Drießens mit der kleinen Monika sich gerettet hätte und weggezogen wäre, um sich hier und da ein Almosen zu erbetteln.«

»So ist es, Herr Colonel. Die Frau des Schulmeisters verbrannte zu Pulver und Asche; er allein, das Monikachen auf dem Rücken und ein klein eisern Kistchen unterm Arm, entkam dem Brande, bekam dann einen schönen Bettelbrief und machte sich mit dem Kinde auf den Weg, um in den Dörfern Hilfe und ein Unterkommen zu suchen. Ich weiß aus guter Hand, daß man ihn mit der kleinen Monika bettelnd gesehen hat zu Meerhout, zu Olmen, zu Balen und zu Moll; da wurde er krank und starb. Erst seit gestern, weiß ich, daß da sein letztes Stündlein schlug; der Gemeindeschreiber von Moll, mein werthester Herr Collega, schickte mir seinen Todesschein und fügt dabei, man habe in den Taschen des armen Schulmeisters nichts gefunden, was auf die Spur des Kindes führen könnte, wonach ich, wie er wohl weiß, ohne Kisten und Kasten suche. Von dem eisernen Kistchen spricht er auch nicht. Glaubt ihr, Herr Colonel, daß der Drießens so schlecht gewesen sein könnt, dem Kinde vielleicht ein Leides zu thun, oder es in der Haide, oder im Walde zurückzulassen?«

»Oh nein, nein,« rief der Colonel. »Er war mein Lehrer, und ist stets mein Freund geblieben, mein bester Freund. Als der Vater mit dem Kinde zu ihm kam und ihm sagte, daß er nach Holland wollte, um, wie man meint, unter Pichegrü Dienst zu nehmen, bat er selbst, daß der Vater Monika bei ihm sollte in Kost thun, sowohl um seine alten Tage zu erheitern, als auch zum Besten des Kindes, welches anders unter fremde Hände gekommen wäre. Ich bin versichert, Secretarius, daß er das Kind irgendwo bei guten Leuten hat gelassen, und denen auch das eiserne Kästchen gegeben hat.«

»Das ist auch meine Meinung, Herr Colonel, und da meine Nachforschungen mich vermuthen lassen, daß Monika sich zwischen Rethy und Meerhout befinden muß, so bin ich Willens, morgen nach Moll zu gehen und alle umliegenden Dörfer und Pachthöfe zu durchsuchen.«

»Brav, Freund Secretarius, thuet also, eure Mühe wird nicht sonder Belohnung bleiben. Ich habe noch einige Tage Zeit und will sehen, ob ich euch nicht dabei helfen kann. Heute Abend schlafen wir zu Lichtaert, und morgen gegen Mittag sind wir gleichfalls bei dem Secretarius der Gemeinde Moll, um mit euch zu überlegen, was wir weiter machen sollen. Sparet kein Geld, Freund, nehmet euch einen gemächlichen Wagen und ermüdet euch nicht nutzlos. Bis morgen denn und gebe Gott einen glücklichen Ausschlag!«

Mit den Worten stand der Colonel auf, drückte des Gemeindeschreibers Hand und kehrte zur Krone zurück. Eine Stunde später trabten zwei Reiter auf der Straße hin, welche nach Lichtaert führt.

IV

Am folgenden Tage frühmorgens schon ritt der Colonel mit dem Lieutenant auf dem schlangenförmig sich windenden Haidewege gen Moll zu.

Die Sonne stand in vollem Glanze schon an dem blauen Himmel, und entsaugte der weiten Sandfläche einen unstät wankenden Nebel, der sie einem unendlichen Heerde mit farbloser Flamme nicht ungleich machte. Der eigenthümliche Duft der Haide und der Dampf der Schaddenfeuer7 füllte die Luft ringsum; die Heuschrecken sangen ihr eintönig Lied und tausend andere Thierchen spielten zwischen den Haideblumen. All dies ergriff gewaltig das Gemüth des Colonels. In solcher Luft waren ihm seine schönsten Jünglingsjahre entflohen; alles bis zum magern Grase zu, rief theure Erinnerungen in ihm auf. Das Haupt tief auf die Brust gebeugt, ritt er vor dem Andern her; der Zügel hing nachlässig an dem Pferde herab.

Mehr als eine Stunde lang ehrerbietigte der junge Lieutenant das schweigen des Colonels; dann aber spornte er sein Pferd, daß es zur Seite des andern sprang und sprach mit tröstender stimme:

»Ei Colonel, so lasset doch diese Betrübniß fahren. Ich verstehe wohl, daß ihr verlanget, euer Kind wieder zu sehen, aber ein Mann, wie ihr, der dem Feinde und dem Tode tausendmal sonder Angst ins Auge sah, der mag sich doch nicht durch einen gewöhnlichen Schmerz niederbeugen lassen.

»Gewöhnlicher Schmerz?« frug der Colonel. »In der That, Adolph, es ist ein gewöhnlicher Schmerz, aber minder tief ist er darum nicht. Sieh mal, Freund, in meinem ganzen Leben liebte ich nur einmal ein Weib. War es auch nur eine Bäuerin, dann verfolgte mich das Andenken an sie doch stets, bis auf das Schlachtfeld. Sie ist todt, die arme Barbara, doch ließ sie mir ein Kind zurück, welches sie mir um den köstlichen Preis, um den ihres Lebens schenkte. Und ich muß nun fürchten, daß dieser einzige Rest meines Glückes bettelnd umirrt, daß das Arme Hunger und Elend erduldet, während ich Mittel genug besitze, um es für ewig glücklich zu machen; ich muß mir sie denken, Rechenschaft von mir verlangend über ihr Kind . . . «

»Ei was, Colonel, ihr nehmt die Sache zu phantastisch,« fiel der Lieutenant ein. »Das ist aber das Mittel nicht, euren Schmerz zu lindern. Seht doch alles bei kühlerem Blute an. Ein Kriegsmann muß Macht genug über sich haben, sich über ein Unglück zu trösten und wäre es auch noch hundertmal größer wie dieß.«

»Meinst du denn, Adolph, man umkleide das Herz so leicht mit Eisen, wie den Körper? O da irrtest du sehr. Ich weiß, du glaubest, allem Gefühle Valet gesagt zu haben, du scheinst mir selbst stolz darauf; doch glaube ich, daß du nur dich selber täuschest. Seit sechs Jahren hast du dein Dorf verlassen, nicht wahr? Wenn nun aber, wenn in diesem Augenblick hinten am äußersten Ende des Horizontes die Hütte auftauchte, worin deine stockalte Mutter wohnt, wie dann?«

Der Lieutenant schwieg einige Augenblicke, dann entgegnete er mit beschämt niedergeschlagenen Augen:

»Ja, das würde mich doch Thränen kosten, Colonel!«

»Ah, dann wird es dir auch nicht allzuschwer werden, zu begreifen, daß ich mich ganz der frohen Hoffnung hingebe, mein Kind wieder zu finden, und daß ich Freudenthränen vergießen würde, so Gott es in meine Arme zurückführte. Hab ich doch weder Vater noch Mutter, noch Brüder, noch Verwandte. Nur ein Wesen auf dieser ganzen weiten Welt, was mit mir durch die Bande des Blutes verbunden ist, und das ist mein Kind. Ach, als die gute Barbara starb, legte sie es noch in meine Arme und ihr letztes Wort war ja: »Ach hab es doch immer lieb!«

Die Stimme des Colonels hatte sich bei den Worten so gedämpft, daß der Lieutenant ehrerbietig sein Pferd anhielt und schweigend hinterdrein ritt. Der Colonel aber bemerkte das bald, hielt im gleichen sein Pferd an, bis sie wieder nebeneinander waren, und sprach dann tief gerührt:

»Adolph, legtest du deine Hand auf mein Herz, du würdest fühlen, wie gewaltig das Blut mir durch die Adern stürmt. Wundere dich nicht, daß meine Augen so feucht schimmern, siehst du dort hinten inmitten der Wachholdersträuche die prächtige Buche am Bache? Die hörte mein erstes Liebeswort. Unter ihrem Laube hörte ein zitternd Mädchen mein Liebesgeständniß. Hier kennt Alles mich: Gras, Haide, Bach und Baum grüßt mich in stummer, rührender Sprache. Laß uns hier absteigen; ich möchte sehen, ob die Buche noch meinen und Barbara’s Namen trägt, den ich vor Zeiten einmal hineingeschnitten.«

Beide saßen ab und führten die Pferde am Zaum; am Bache angekommen, banden sie die Thiere an einem Baume an und sprangen über das schmale Wasser. Vor der Buche sanken des Colonels gefaltete Hände, sein Haupt neigte sich, und unter der Wimper hervor nur drang sein Blick auf das alte Liebeszeichen.

Plötzlich doch schrak er, wie von einem elektrischen Schlage getroffen, zusammen, und lauschte gleich nachher aufs gespannteste leisen, fernher dringenden Tönen. Der Lieutenant stutzte nicht wenig ob der Bewegung seines Obristen und schlug die Rechte an den Degen, doch ein Blick des Colonels gebot ihm Stille; er stand regungslos.

Von den Erlen her klangen jene Töne, rein wie Silber, und bald ließ sich eine Stimme, wie die eines Kindes unterscheiden, welche sang:

 
Ricketicketack,
Ricketicketu;
Eisen warm,
Hoch den Arm,
schlaget zu,
Ricketicketu.
 

Der Colonel stand so rührlos, wie da, wo das Lied begonnen; er schien auf eine zweite Strophe zu horchen, und diese folgte bald:

 
Ricketicketack,
Ricketicketu,
Stahl in Gluth,
Herz voll Muth,
schlaget zu
Ricketicketu.
 

Rasch eilte der Colonel auf den Lieutenant zu, griff ihn beim Arme und riß ihn schnell mit sich fort, indem er sprach:

»Komm, komm, Freund! Alle Nerven beben mir . . . es ist mir, als müßt ich sterben, so durchschauert hat’s mich; Barbara hat gesungen, ’s war ihre Stimme, ’s war ihr Lied! O Gott, was hast du mit mir vor!«

Nun hielt der Colonel seinen Gefährten an und zeigte ihm, ohne ein Wort zu sprechen, ein Mädchen, welches am Fuße einiger Wachholdersträuche im Grase saß. Sie schien nicht zu ahnen, daß man sie bespähte, denn ihr weit geöffnetes Auge haftete starr auf der Buche, und die gebogenen Finger ihrer rechten Hand hingen an dem halbgeöffneten Munde, wie wenn sie auch das leiseste Gesumme der Haide hätte schweigen machen wollen, um einem Tone zu lauschen, der von nahe oder ferne sich zu ihr stahl.

Der Colonel that einen Schritt vorwärts; da erst bemerkte sie mit schrecken, daß ihr fremde Personen sie scharfen Blickes beobachteten. Doch verschwand ihre Furcht bald und ein unbeschreiblich inniges Lächeln senkte sich auf ihre Züge.

Von seiner Ungeduld übermannt, trat der Colonel schnell ihr nahe, kniete neben ihr nieder, nahm eine ihrer Hände in die seinen und frug bebend:

»Kind, sage mir, wie heißest du?«

»Lena,« war die Antwort.

Ein Schmerzensschrei entflog der Brust des unglücklichen Kriegsmannes und er rief, wie verzweifelnd:

»Lena? O Himmel, sie ist es nicht.«

Und helle Thränen entstürzten seinen Augen und er bedeckte sein Gesicht beiden Händen. Der Lieutenant wollte ihn von dem Boden aufheben, doch der Colonel stieß ihn sanft von sich und winkte abweisend mit der Hand.

Lena beschaute abwechselnd die beiden Männer, da bemerkte sie, daß der Knieende bitter weinte und, seine Hand fassend, sprach sie voll tiefsten Mitleidens:

»Warum seid ihr denn betrübt, Herr? Ich habe doch nichts gesagt, was euch wehe thun könnte, oder hat das Liedchen, was ich vorhin sang, euch etwa geschmerzt? Dann will ich es gewiß nicht mehr singen.«

Der Colonel war tief ergriffen bei den Worten. Schnell rieb er die Thränen aus den Augen, rückte ihr näher noch, wie zuvor, und frug ängstlich und rasch:

»Sage mir doch Kind, wer hat dich das Lied gelehrt?«

»Ich weiß es nicht,« war die leise Antwort. »Ich kann es schon lange, sehr lange, doch seit wann, weiß ich nicht.«

»Erinnerst du dich nicht, mein Kind, daß du, als du noch sehr jung warst, stets ein Geräusch hörtest, wie von Schmiedehämmern?«

Lena antwortete nicht, doch ihr Auge öffnete sich weiter, und ihre Hand rieb sinnend die schöne Stirn, als hätte sie irgend eine Erinnerung herausreiben wollen.

»Horch,« sprach der Colonel noch schneller, noch ängstlicher, »horch einmal, ob du das nicht oft gehört.«

Und er schlug mit dem Stiel der Reitpeitsche in die Hand, den Dreischlag der Schmiedehämmer nachahmend, und sang dazu:

 
Ricketicketack,
Stahl in Gluth,
Herz voll Muth,
schlaget zu
Ricketicketu.
 

Immer mehr bebte das Mädchen, je weiter das Lied fortschritt, dann rief sie, wie in freudigem Entzücken:

»Ja, ja, Ricketicketack!«

Und sie schlug in gleichem Takte, wie der Colonel, in die Hände.

»Erinnerst du dich nicht auch, Kind, daß ein Mann dich auf seinem Knie schaukelte und dich nach dem Takte darauf reiten ließ?«

Lena legte den Zeigefinger an die Lippen und schloß die Augen. Nach einem Augenblicke Schweigens sprach sie leise und wie zweifelnd:

»Der Mann . . . der Mann war . . . mein Vater.«

Der Colonel bebte an allen Gliedern; schon wollte er die Arme weit ausbreiten, um Lena in ihnen zu empfangen, doch hielt er sich zurück und frug noch:

»Sag dann mir auch Kind, heißest du wohl Lena? Bedenk dich wohl. Weißt du nicht, wie der Mann dich nannte, der dich auf seinem Knie reiten ließ?«

Lena schaute zu Boden und dachte lange nach, dann antwortete sie langsam:

»Er nannte mich liebe . . . liebe . . . liebe Monika.«

»Mein Kind! Mein Kind!« rief der Colonel, daß es weit über die Ebene scholl, – Monika lag an seiner Brust.

Sie hob ihr schwarzes Auge zu ihm auf, sie lächelte so süß; dann sank sie von Gefühlen überwältigt, kraftlos in seinen Arm.

So gingen sie, oft anhaltend, des Weges fort, bis sie in der Ferne den Hof zur Rechten sahen und nicht weiter konnten, ohne sich von ihm zu verweitern. Gewiß war es des Colonels Wille, nicht einen Fuß in das Haus zu setzen, in welchem Lena so viel Pein und Schmach gelitten hatte; vor allem scheute er den Anblick der rohen Pachterin, welche den Namen des ihr anvertrauten Kindes geändert hatte, um in Besitz des eisernen Kistchens und des darin verborgenen Schatzes zu kommen. Er zog auch mit einer Art von Ungeduld an Monika’s Hand, und trachtete durch Gespräche und Schmeichelworte ihre Aufmerksamkeit zu fesseln und von dem Pachthofe abzuwenden. Dieß läßt uns mit noch mehr Recht vermuthen, daß Monika ihm schon Alles erzählt hatte, und daß sie nur mit schwerem Herzen von dem jungen Bauern würde scheiden können, der sich ihrer, wie einer Schwester angenommen und sie so getreulich immer beschützt und beschirmt hatte. Wie viel Gutes Monika ihrem Vater auch von Jan gesagt hatte, so fühlte er doch stets noch einen geheimen Widerwillen gegen den Sohn der Quälerin seines Kindes, und am liebsten hätte er kurz und gut jede Verbindung mit der bösen Familie durch schnelle Abreise abgebrochen.

Trotz der Sorgfalt ihres Vaters aber riß sich Monika plötzlich aus seinen Armen, wandte das Gesicht dem Hofe zu und blieb sprachlos also stehen.

Der Colonel überließ sie einen Augenblick ihrer Rührung, die ihm ein Lebewohl an all ihre frühern Erinnerungen schien; bald aber sah er glänzende Thränen aus ihren Augen brechen und sprach:

»Kannst du, liebe Monika, dich über deine Entfernung aus einem Hause betrüben, wo dir so viel Böses gethan wurde?«

»Wird er nicht sterben?« seufzte sie.

»Denke nicht daran, Kind. Deine Entfernung wird ihn wohl in etwa betrüben, doch er wird sich schon bald trösten und dich vergessen.«

Eine eigne Gluth brannte aus Monika’s Auge.

»Mich vergessen?« rief sie. »Er, seine Schwester vergessen? Nie, nie. Ach, säh ich ihn doch nur einmal! . . . Ach da ist er! Jan! Jan!«

Und, einer verfolgten Hindin gleich, flog sie über die Haide hin bis zu dem jungen Bauern, den sie in der Ferne zwischen den Erlen vorübergehen gesehn hatte. Mit offenen Armen stürzte sie auf ihn zu, doch nicht fröhlich; eher lag ein tiefer Schmerz in ihrer Stimme, als sie sprach:

»Jan, ich gehe weg, weit, weit von hier.«

Der Jüngling betrachtete sie erstaunt und schien sie nicht zu verstehen. Sie aber wies die Haide hinauf und sagte:

»Sieh, da hinten kommt mein Vater. Das war die Stimme, welche stets in mir sprach.«

Der junge Bauer bebte erschrocken zusammen und seine Kniee schlotterten, als sein Auge auf den Colonel traf; sein Unglück schien in ganzer Größe vor ihm aufzutauchen. Von dem Vater ab wandte er das trübe Auge dann zu Monika, griff krampfhaft fest den Stamm einer nahen Erle, und lehnte Haupt und Schulter daran. Monika verstand den Schmerz, der ihn durchzuckte; sie schlang ihre Arme um seinen Hals, hob sanft sein Haupt von der Erle ab und drückte, zum erstenmale in ihrem Leben, einen glühenden Kuß auf seine Stirne, während ihre Thränen seine Wangen überflossen.

»Jan, Jan,« rief sie; »o sei nicht betrübt, mein guter Bruder, ich will ja noch zurück kommen.«

Diese Beweise ihrer Liebe beruhigten den Jüngling mehr; er blickte mit stillerem Schmerz auf sie hin, die noch immer einen Arm um seinen Hals geschlungen hatte, da unterbrach der Colonel durch seine Ankunft die drohenden Ergüsse ihrer beiderseitigen Gefühle. Er sah in all dem nur die Freundschaft zweier Kinder und lächelte freundlich dazu. Dem jungen Bauern näher tretend, faßte er seine Hand und sprach:

»Ich danke dir, Jan Daelmans, für alles Gute, was du an meinem Kinde gethan. Hast du je einen Beschützer nöthig, mein Sohn, dann findest du ihn in mir. Wir gehn nach Moll. Nun sei nur nicht betrübt über das Glück deiner Schwester Monika, das wäre nicht gar schön von dir. Komme gleich nach Moll in den Adler, da können wir noch lange zusammen sein. Ich muß dir aber doch ein kleines . . . «

Mit den Worten drückte er ihm einige Napoleonsd’or in die Hand; statt zu danken, blickte der junge Bauer ihn eher aufgebracht an, und schien selbst nicht bemerkt zu haben, was vorgegangen war.

»Komm nur, Monika,« fuhr der Colonel dann zu seiner Tochter gewendet fort, »wir müssen uns eilen. Für jetzt tröstet euch immerhin noch, denn in Moll könnt ihr noch lange genug zusammen sein.«

Mit feuchtem Auge faßte Monika Jan’s Hand und sprach, langsam sich entfernend:

»Bis gleich denn, Jan, bis gleich!«

Der junge Bauer schlug das Auge nieder und stand eine Weile regungslos da. Als er wieder aufblickte, war der Colonel mit Monika bereits lange hinter den Erlen verschwunden. Jetzt erst fühlte Jan etwas schweres in seiner Hand; er betrachtete die Goldstücke mit verachtendem Lächeln und warf sie weit von sich über die Haide hin. Dann sank er an dem Baume nieder und barg das Gesicht in der Hand.

V

Noch eine Stunde, und die Sonne übergießt die Haide mit ihren Strahlen; bereits ist sie im Steigen; das Dunkel weicht schon gen Westen zurück; ein geheimnißvolles, leises Gesumme verkündet schon das Erwachen der Natur.

In der Kammer des einsamen Hofes setzt die alte Uhr ihr Ticken ruhig fort; die dumpfe Stille der Nacht herrscht noch ganz daselbst; der Heerd ist kalt.

In der halbdüstern Ecke der Kammer steht ein Spinnrad, dessen Rocken noch voll des feingehechelten Flachses hängt, dessen Faden ungebrochen ist, wie wenn die Spinnerin es eben just verlassen hätte.

Zwei oder drei Schritte davon sehen wir die unbestimmten Umrisse einer Menschengestalt; es ist ein junger Mann, der niedersitzend das Spinnrad mit eigenem Ausdrucke besieht. Die Arme auf der Brust gefaltet, das Haupt gebeugt, irrt sein Auge von dem Rade zu dem nahen Stuhle, und von dem Stuhle wieder zu dem Rade. Seine Züge tragen den Stempel tiefster Betrübniß; wie gedämpftes Feuer strahlt es aus seinen Augen, wie wenn die Verzweiflung in seinem Herzen sich gefestet hätte, und doch irrt zuweilen ein Lächeln über seine Lippen. Wer ihn so dasitzen gesehen, der hätte glauben können, daß an dem Spinnrade etwa eine, dem Auge Anderer unsichtbare Spinnerin säße, mit welcher der Andere ein Augenzwiegespräch führte. Leise Töne, so leise, daß sie die Stille der Nacht nicht brechen, schweben durch die Kammer; der Jüngling legt den Finger an den Mund und er scheint zu horchen, obgleich er selber es ist, der bewußtlos singt:

 
Ricketicketack,
Ricketicketu,
Eisen warm,
Hoch den Arm,
schlaget zu,
Ricketicketu.
 

Nun steht er auf, nimmt einen Stab aus der Ecke und verläßt mit langsamen schritten die Kammer. Träumerisch geht er längs den Erlen hin und zerpflückt lächelnd Haideblumen. Am Rande der Landstraße schaut er über die Haide hin nach den kleinen Hügeln, die unfern sich erheben; Thränen drängen sich ihm in’s Auge, er setzt sich nieder und weint bitter.

Nach einigen Augenblicken erhebt er sich wieder und tritt näher zu der hohen Buche, neben welcher kleine Wachholdersträuche im Morgenwinde wanken. Selbstvergessen steht er da und horcht, wie wenn eine geheime Stimme aus dem Baume zu ihm spräche; ein leiser Sang drängt sich aus seiner Brust und enttropft Wort für Wort seinen Lippen:

 
Ricketicketack,
Ricketicketu,
Eisen warm,
Hoch den Arm,
schlaget zu
Ricketicketu.
 

Auch der Traum ist zu Ende, auch die Buche verläßt er und schreitet die Haide entlang. Er erklimmt einen hohen Sandhügel; oben steckt er den langen Stab vor sich hin, lehnt die Schulter dran, schlägt den rechten Arm darum und steht, halb gestützt darauf, bewegungslos, wie ein steinern Bild. Sein Auge haftet auf einem erblauenden Punkte, von dem aus der schlangenförmige Haideweg sich krümmt bis er neben dem Sandhügel verschwindet.

Was nur mag er erwarten? Was hofft er, das der Haideweg ihm bringen könne? Zu wem hin führt der Morgenwind, die Seufzer, die so schmerzlich aus seiner Brust aufsteigen? Horch, er sagt es selber, denn der Seufzer wird zum Worte, zu einem in Liebe und Pein ausgesprochenen Namen: »Lena! . . . Monika!«

Hinter ihm besteigt eine Bauerndirne den Sandberg; ihm nahe gekommen, ruft sie ihm heftig zu:

»Jan, du sollst nach Haus kommen!«

Der junge Bauer springt auf und blickt sie recht bitter an, doch werden seine Züge gleich schnell wieder ruhig und fast gleichgültig; er steigt den Hügel herab und sagt:

»Nun, ich komme, Schwester.«

Während er ihr gesenkten Hauptes folgt, fährt sie in gleichem Tone fort, wie sie eben begonnen hatte:

»Das ist mir ein schön Leben, was du führst. Mit all den dummen Grillen. Du denkst wohl, daß du dein täglich Brod mit Träumen verdienen kannst. Das ist nun seit drei Monaten eben so geck, als die faule Len, die mit ihrem Vater, wie die Leute sagen, weg ist. Hast ihr die Narrethei schön abgelernt. Das steht ja von Morgens bis Abends in naß und trocken auf dem Sandberg und gafft nach den Krähen. Ich würd mich schämen. Läßt unsre kranke Mutter im Bett keifen und gehst deinen närrischen Gang. Sollst wohl den Hof noch in den Grund bringen, uns aufs Stroh und dich nach Gheel.8

Jan antwortete nicht auf all diese Verweise; erschien selbst sie nicht zu hören. Er ließ seine Schwester fortplaudern, ohne sich im Mindesten darüber zu ärgern, und folgte ihr gleichgültig zu dem Hofe.

VI

Eines Nachmittags stand Jan wieder vor der Buche. Er schien schwach und hinsiechend; das frische Roth in seinem Gesichte war grauen, transparenten Tönen gewichen; seine Augen schwammen, wie die eines sinnlosen, und mißmuthig lehnte sein Haupt auf der linken Schulter.

Schon hatte er länger als eine halbe Stunde so gestanden, ohne sich zu rühren, als hinter ihm zwischen den Erlen die abgefallenen Blätter der Bäume unter eines Menschen Tritt raschelten; er wandte sich um, es war der alte Pfarrer von Desschel. Sichtlich kostete es ihn Mühe, seinen Zügen einen heiteren Ausdruck zu geben; den Geistlichen ehrerbietig grüßend, versuchte er gar zu lächeln, doch dieß Lächeln zeugte um so mehr von dem Weh und dem Schmerz, die sein Inneres bewegten.

Der Pfarrer wies mit der Hand auf’s Gras, Jan zum Niedersitzen einladend; dann nahm er ihn bei der Hand, sah ihn tief mitleidig an und sprach in recht väterlichem Tone zu ihm:

»Jan, Jan, hältst du also dein feierlich Versprechen? Noch immer unter der Buche? Du willst also, daß deine Mutter ihre Drohung bewahrheite und den Baum umhaue?«

Bei den Worten zitterten die Glieder des jungen Bauern krampfhaft, und den stechenden Blick fest auf den Geistlichen geheftet, rief er:

»Was, den Baum? die Buche umhauen? Ich schlüge den Arbeitern den Kopf ein . . . «

Das wunderte den guten Pfarrer nicht wenig; er dachte, durch wiederholten Rath Jan’s Betrübniß bereits halb getilgt zu haben, er glaubte, der Arme habe den Gegenstand derselben schon fast vergessen. Mit recht väterlicher Stimme fuhr er fort:

»Jan, mein Sohn, das sind sündige Worte, die du da sprichst. Deine Mutter hat das so gesagt und du weißt, daß ihre Worte nicht just ein Evangelium sind. Daß du aber, der du doch mit Gefühl und Verstand begabt bist, dich durch solch nichtige Dinge, durch einen sinnlosen Traum zu einer Drohung zu morden verführen lassen kannst, das begreife ich nicht und das thut mir leid. Hab ich denn verdient, daß du mir so antwortest? . . . «

»Vergebt mir,« sprach Jan mit wahrhafter Reue; »ich weiß, daß ihr nichts verlanget und wünschet, als was mir vortheilhaft und zu meinem Besten ist, doch in meinem Herzen steckt etwas, worüber ich mir selbst keine Rechenschaft geben kann, was mehr Macht hat, als, eure Worte und mein Wille.«

»Höre, Jan, es steht geschrieben, wer die Gefahr liebt, der kommt darin um; so ist’s auch mit dir, mein Junge. Wenn du nicht Alles in deinen Träumereien suchtest, die deinen Körper doch ganz und gar aufreiben, wenn du arbeitetest, wie ehedem, wie es deine Pflicht ist, dann würdest du bald die Ursache deines Schmerzes vergessen; Gesundheit und Muth würden dir wiederkehren, und du könntest wacker für deine kranke Mutter arbeiten. Dagegen aber bringst du deine Zeit müßig unter dem Baume, oder auf dem Sandberge zu, und wirst dadurch nicht nur ein großer Sünder, weil du deine Pflichten gegen Gott und gegen deine Mutter nicht erfüllest, sondern bist dazu noch ein Narr, der sich mit der Hoffnung auf unmögliche Dinge quält, und sein ganzes Leben einem eitlen Traume opfert.«

»Ho, ich habe noch lange nach ihrer Abreise gearbeitet und kam hierhin nur nach den Arbeitsstunden. Da hoffte ich noch, daß ich sie vergessen könnte, doch sie war ja überall bei mir. Am Pfluge hörte ich ihren Namen, auf der Tenne sangen die Flegel mir das Ricketicketack, und überall hörte ich nur Monika rufen. Wozu doch nützte mir die Arbeit? Wußt ich, was ich that? Es half mir Alles nicht. Mein Schlaf selbst war nur ein helleres Leben, dann hatte ich Trost, sah sie, sprach mit ihr, aber ich hatte keine Ruhe. Nun kann ich beim besten Willen nicht mehr arbeiten; ich bin schwach und krank.«

Der Pastor schüttelte den Kopf und schwieg eine Weile; dann faßte er aufs Neue des Jünglings Hand und frug:

»Nun, Jan, du mußt mir jetzt sagen, ob das so fortgehen soll oder nicht. Es ist gewiß, und das weißt du auch, daß Monika nicht wiederkommen wird – und käme sie, dann wäre es noch ärger; sie ist jetzt ein reiches Mädchen und du bist ein gewöhnlicher Bauernjunge. Deine Krankheit ist also eine Narrethei.«

»Kann ich sie denn vergessen, Herr Pastor?«

»Wünschest du das in der That?«

»Ich wünsch es aus Herzensgrund, denn seit lang sind meine Träume bitter, wie Galle, und mein Herz ist voll von Verzweiflung.«

»Wohlan, dann beweise einmal, daß du Muth hast und genesen willst. Erfülle den Wunsch deiner Mutter und folge meinem Rath: Geh nach Mecheln.«

»Da stürbe ich, Herr Pastor.«

»Warum?«

»Oh, warum? Vor einigen Monaten war ich zu Brüssel und mußte acht Tage dort bleiben, und was hab ich geweint während der Zeit! Was hab ich da ausgestanden!«

»Ich begreife dich nicht.«

»Nun ich will’s euch sagen. Als ich zurückkehren durfte, ging ich Nacht und Tag ohne zu ruhen durch. Als der Wind mir zuerst wieder den Geruch der Schaddenfeuer zutrug, da erst athmete ich auf; im ersten Tannenbusche warf ich mich auf die Kniee nieder und dankte Gott, daß ich meine Nadelbäume wiedersah, das erste Haidekraut habe ich vor Entzücken gegessen, und als ich hierhin kam, ging ich zuerst zu der Buche und sprach mit nassen Augen zu den Wachholdersträuchern, als hätten sie mich verstanden. Und ihr wollt, daß ich sechs Jahre von der Haide fern bleiben soll? Unmöglich.«

»Mein Sohn, ich weiß, warum du die Haide mehr denn jemand anders liebst, doch die Ursache davon just müssen wir zu heben trachten. Das Studium wird mehr als körperliche Arbeit das Bild, welches dich verfolgt, aus deinem Geiste vertreiben, und die Ueberzeugung, daß du bestimmt bist, ganz dem Dienste Gottes geweiht zu werden, wird dir helfen, die weltlichen Träume zu überwinden. Noch andere Gründe will ich dir anführen, welche auch wohl geeignet sein mögen, dich auf bessere Gedanken zu bringen. Jan, du tödtest dich selbst, so du dich durch unaufhörliches Jammern aufreibst. Meinst du denn, Gott könne dir die sündige Thorheit vergeben, wenn du bis zu deinem Tode darin beharrst? In deinem eitlen Traumleben denkst du nur einer Sache, kein Gedanke an Höheres, an himmlische Dinge steigt aus deinem Herzen mehr auf, oder nennst du das beten, was du etwa mit dem Munde sprichst, während dein Inneres die Gottheit höhnt, da du ein Menschenbild, selbst in dem Tempel des Herrn anbetest? Denkst du wohl daran, daß ein Grab deiner wartet, daß du deine Seele dem Bösen überlieferst, daß das ewige Feuer der Lohn deiner Gottlosigkeit werden muß?«

Der Ernst, mit welchem der Pfarrer diese Worte zu dem armen Jan sprach, hatten dessen Gemüth tief getroffen. Er meinte wohl, der Geistliche habe ihm schreckliche Wahrheiten gesagt, und erbebte innerlich bei der gräßlichen Drohung der Hölle. Eine Zeitlang stand er sprachlos da und blickte starr vor sich hin, dann erhob er das Haupt, wie jemand, der gewaltsam einen Entschluß faßt und sprach:

»Wohlan denn, Herr Pfarrer, ich will nach Mecheln gehn.«

»Morgen?« frug der Pastor hocherfreut.

»Morgen bereits?« frug der junge Bauer halb erschrocken.

»Morgen für immer?«

»Nein Jan, sprich doch nicht so dumm. Du kannst mehr denn einmal im Jahre deine Mutter besuchen, und während der Ferien hast du Zeit genug, deine Haide zu durchwandeln. Und dann, wenn du einmal Priester bist, kannst du leicht in einem Dorfe der Kempen9 angestellt werden, und dann kannst du dein Leben recht friedlich und ruhig auf der Haide hinbringen. Morgen gehst du, nicht wahr?«

»Nun ja denn, morgen; so sei es,« rief Jan mit so schneidender Stimme, daß der Ruf das ganze Gebüschchen durchdrang.

»Morgen, morgen!«

Eine halbe Stunde später ging er an der Hand des Pfarrers dem Hofe zu.

VII

Als Monika das Dorf Moll und Kempnerland verließ, um ihrem Vater nach Frankreich zu folgen, war ihr Herz voll Betrübniß, und stets mußte sie an ihn denken, der nun um sie trauern und leiden mußte. Doch die zärtliche Liebe ihres Vaters und seine Bestrebungen, ihr nur Freude zu machen, verbannten nach einiger Zeit die Trauer aus ihren Zügen und aus ihrem Herzen. Die große Welt und die unaufhörlichen Vergnügungen, welche ihr geboten wurden, ließen die Erinnerungen aus ihrem vorigen Leben mehr und mehr in den Hintergrund treten, und wenn sie auch den einsamen Pachthof und ihn, der ihr Beschützer und Bruder gewesen war, nicht ganz vergaß, dann dachte sie doch seltener und mit weniger Innigkeit daran zurück.

Mit ihrem Vater in Paris angekommen, bekam sie bald die besten Lehrer, und da sie mit schneller Fassungskraft begabt war und durch die steten Ermuthigungen ihres Vaters sich ermuntert sah, lernte sie in Zeit von etwa vier Jahren Alles, was ein gebildetes Mädchen wissen muß, um in der Gesellschaft neben andern zu glänzen.

Bald erschien eine leichte Röthe auf Monika’s Wangen, auch nahm sie sichtlich an Kraft und stärke zu; ihre Gesundheit wurde fester und ihr Hinsiechen schien ganz gewichen. Man gewöhnt sich so bald an Alles und am leichtesten an das Glück. so ging es auch Monika; während eines ganzen Jahres ergötzte sie sich an Allem; Abendfeste und Bälle folgten unaufhörlich einander, sie gewann die Welt immer lieber und verlangte nach ihrem Beifalle.

Doch hielt dieser Genuß nicht lange stand; oft traten nun flüchtige Erinnerungen vor ihren Geist, und im Laufe des zweiten Jahres schien eine stille Träumerei wieder über sie zu kommen. Bei dem jauchzenden Rauschen der Musik, bei dem Glanze der Kerzen, inmitten des Jubels der Feste, blieb sie zerstreut, wie wenn ein geheimer Gedanke sie überall verfolgt hätte. Zuerst war dieß Aufwallen ihres Herzens nur schwach; sie bekannte ihrem Vater geradezu, daß sie noch oft an die Haide mit der prächtigen Buche und den wankenden Wachholdersträuchen denke, und dieselben recht lebendig vor sich sehe; doch lachte sie dabei und spottete mit ihrer Träumerqual, wie sie es nannte.

Sah sie auch in ihren Traumbildern zwischen dem Gebüsche der Haide den armen Jan, der so unendlich um sie trauerte? Wer weiß es? Immerhin bekannte sie nie etwas darüber weder sich selbst noch Andern.

Langsam aber regte sich eine Art von Widerwillen in ihr gegen diese Vergnügungen; sie ging nur zu Abendfesten und Gesellschaften, wenn sie nicht dem ernsten Zudringen ihres Vaters ausweichen konnte, und suchte stets mehr die Einsamkeit. Von Zeit zu Zeit regten sich ihre Lippen fast unwillkürlich, und ohne daß sie an Weiteres dachte, schwebte das seit lange vergessene Lied um ihren Mund. Die Röthe floh wieder von ihren Wangen, sie magerte ab und kränkelte wieder und dieß so, daß der arme Vater zu fürchten begann, er werde sein Kind überleben. Ein gelehrter Arzt, den er zu Rathe zog, rieth baldige Verehlichung als das beste und einzige Mittel und behauptete, Monika müsse unfehlbar genesen, so man sie bereden könne, eine Wahl zu treffen. Der Colonel dachte alsbald an seinen treuen Reisegenossen, den Lieutenant, und gab sich alle Mühe, Monika’s Aufmerksamkeit auf denselben zu lenken; er fand sie auch nicht gefühllos für dessen Liebesbezeugungen und für seine mannichfachen guten Eigenschaften, doch Liebe für ihn wohnte nicht in ihr; ihr Herz blieb eiskalt für ihn. Das schmerzte den Vater sehr; sah er sich doch nun des einzigen Mittels beraubt, auf welches er noch alle Hoffnung zur Rettung seines Kindes gesetzt hatte. Fast täglich bot er nun Alles auf, von ihr zu wissen, was sie wünsche, was sie begehre, was die Quelle ihrer Qual sei, doch sie sagte, sie sei nicht krank, und wußte meist seinen Fragen durch irgend einige Schmeicheleien ein Ende zu machen. Das einzige, was er aus ihr herausbringen konnte, war, daß sie nach Brabant und nach der Haide zurückzukehren verlange, kurz, daß sie eine Art von Heimweh habe.

Mehr denn einmal hatte er Monika versprochen, mit ihr nach dem Kempnerlande zu reisen und dort für lange zu bleiben, damit sich in der Haideluft ihre Gesundheit wieder kräftigen könne, doch immer kam durch die schnell einander folgenden Kriegsläufte ein Hinderniß dazwischen.

Gegen das Ende des Jahres 1813 endlich hatte er, durch sein unaufhörliches Andringen, vom Kriegsministerium das Versprechen erlangt, im nächsten Frühling einen dreimonatlichen Urlaub zu bekommen. Monika lebte, schien es, wieder auf, bei dem Gedanken an die Rückreise in das liebe Vaterland. Bald aber kamen aus dem Norden beunruhigende Nachrichten; fast das ganze französische Heer war durch die Russen und die Kälte aufgerieben, und niemand konnte voraussehen, welche Folgen diese Niederlage haben werde. Ein allgemeines Entsetzen hatte die in Frankreich zurückgebliebenen Krieger befallen ob der gräulichen Zeitungen. Der Colonel konnte Monika dieß Alles nicht verbergen, und sie erkannte nur zu wohl, daß nun nichts weniger sicher für sie sei, als ihre Reise nach dem Kempnerland.

Plötzlich kehrte der Kaiser ohne sein Heer allein aus Rußland zurück, und ließ durch den Senat einen Beschluß verkünden, durch welchen 350.000 junge Männer zu den Waffen gerufen wurden. Der Colonel erhielt ingleichen Befehl, an der Spitze seiner Leute sich zu dem Heere nach Deutschland zu begeben. Er brachte seine Tochter in ein anständiges Haus in Paris, und riß sich von der siechelnden los, um Napoleon über den Rhein zu folgen.

Sechs Monate später traf ihn bei Dresden eine Kugel in’s Knie. Wohl genaß er, doch sein Bein blieb steif und er mußte lebenslang an einem Stocke hinkeln. Dieß war auch die Ursache, warum man ihn auf sein Ansuchen nach Paris zurückkehren ließ. Da fand er Monika noch mehr abgemagert, mit dem alten transparenten Gesichtchen, den schwimmenden Augen, nachläßig und träumerisch.

Zwei Saiten nur waren nicht tonlos in ihrem Herzen geworden: ihre Liebe zu ihm und der Heimath.

Unmittelbar machte er nun alle Anstalten, um mit Monika nach Brabant zurück zu kehren. Ein Bote wurde nach Antwerpen voraus geschickt, dort ein hübsches Haus zu miethen und einzurichten; später wollte der Colonel ein kleines Landgut in der Nähe von Moll gekauft oder auch gemiethet haben, was er jetzt, in den Kriegszeiten, nicht für gar zu rathsam hielt.

Einige Tage später reisten sie in einer Postkutsche nach Antwerpen ab. Nicht ein erheblicher Zufall unterbrach die frohe Heimkehr, nur in Antwerpen selbst fiel eine kleine Störung vor. Als der Wagen des Colonels dort der neuen Wohnung nahte, schaute Monika zufällig durch eins der Fenster; in demselben Augenblick entfloh ihr ein lauter Angstschrei, der den Colonel vor Schrecken hoch von seinem Sitze aufspringen machte.

Als er sie frug, was ihr fehle, antwortete sie:

»Oh, es ist nichts Vater. Ich sah auf der Straße einen armen Menschen in so schlechten Kleidern und doch mit so ausdrucksvollen Augen, ’s ist nun vorüber, ich bin ruhig.«

VIII

Sechs Wochen waren verstrichen seit der Ankunft des Colonels zu Antwerpen.

Auf dem Söller eines kleinen Häuschens auf dem Guldenberg saß sehr früh Abends eine stockalte Frau bei Lichte am Spitzenwirken. Ihre Umgebung sah höchst ärmlich aus, denn sie wohnte unter den bloßen Dachpfannen, und hatte als Hausrath nichts mehr und nichts weniger, als ein Tischchen, zwei schlechte Stühle und ein Bett, dessen Decke aus allerlei zusammengerafften Lappen aneinandergenäht war. Gleichgültig schien sie die Klöppel hin und her zu werfen, doch beugte sie von Zeit zu Zeit das Ohr einer Art von Abschlag zu, in dem das Bett stand, und horchte einem kaum merkbaren Geräusche.

Eben hatte sie also ihre Hände still auf dem Spitzenkissen liegen, als die Thüre des Kämmerchens sich öffnete und eine andere Frau eintrat. Die Alte legte den Finger auf den Mund, und bat die andere durch ein leises Pst um schweigen, nahm sie dann bei der Hand und führte sie möglichst leise zu dem Tische hin. Während sie ihr dort den einen Stuhl anwies als Sitz, ließ sie sich vorsichtig auf den andern nieder und sprach:

»Trien, sei was still, Mensch; er schläft so gut.«

Trien zog einen Strickstrumpf aus der Tasche und sprach nicht weniger leise:

»Aha, das ist der Mensch, den ihr in’s Haus genommen habt. Meint ihr nicht, Mäken10 Teerlinck, daß ihr ein gut Werk damit habt gethan, wenn’s ist, wie die Leut so sprechen?«

»Ah Trien, das kannst du mir glauben, ohne mich wär der Jung todt und begraben, ach Gott.«

Nachdem Trien das Söllerchen in allen Ecken durchschnüffelt hatte, fuhr sie leise fort:

»Aber Mäken, wenn ich recht hab, dann habt ihr den Menschen schon fünf bis sechs Wochen auf’m Kämmerchen. Wo schlaft ihr denn, Mäken?«

»Ja, Trien, wo schlaft ihr denn. Hier in der Eck auf’m Stuhl, mit dem Kopf auf’m Tisch. Da ist ja doch an mir nicht viel mehr zu verderben, ich hab meine Zeit gehabt, Mensch.«

»Herr Gott und Vater im hohen Himmel, wie könnt ihr das aushalten! sechs Wochen ohne zwischen die Laken11 zu kommen! Das ist wahrhaftig um zu sterben, Mäken!«

»Ja Trien, ein Jedermann der giebt seinem Nächsten so viel er hat. Die reichen Leut, die geben ihr Geld, und ich – nun ja, ich geb auch, was ich hab, mein Bett und meine Nachtruh.«

»Das muß ich euch aber sagen, Mäken, das könnte ich nicht thun, aber ’s ist doch schön, und ihr verdient euch einen Stuhl im Himmel damit, Mäken. Ich kenn aber das Feine von der Geschicht noch nicht; da sagt der das und der wieder das und am End wird man nicht klug draus, und weiß soviel, als am Anfang. Wie hat es dann nun eigentlich gegangen? das sagt mir mal, Mäken.«

»Nu, das will ich dir mal sagen, Trien; aber komm und setz dich ein bisschen näher, er möcht wach werden, das arm Blut. Das sind nun fünf oder sechs Wochen gelitten, und es war an einem Samstag und sicherlich elf Uhr Abends, da hatte ich ein bisschen gut gekocht für meine Katz, und weil ich sie den ganzen Nachmittag noch nicht zu Haus gesehen hatte, nahm ich mein Peerken12 und ging dahinten nach der blinden Mauer zu, wo die Karren und Wagen stehn, um meine Her da zu suchen. Wie ich nun so rund humpel und rufe: Puschen! Puschen! hör ich dir mit einem mal einen Seufzer wie von einem Menschen. Ich erschreck, daß ich aufspring, seh einmal auf die Erd’, und ach Gott! ich kann dir nicht sagen, wie ich erschrak, da liegt dir ein Mensch da auf dem Rücken und hat sein ganz Gesicht voll Blut.«

»Ach Gott, voll Blut!«

»Ja Trien, voll Blut. Nu denk dir einmal. Ich schnell zu den Nachbarn, die kommen mit Licht gelaufen, und da sahen wir, daß das ein junger Bursch war, der sich vielleicht auf einen Kohlenwagen schlafen gelegt hatt und herabgefallen war. Er muß schon lang so dagelegen haben, denn das Blut, das aus seinem Kopfe lief, war schon ganz gestollt.13«

»Und der war todt, he Mäken?«

»Ach todt, Geckin, die du bist – und er schläft doch da im Bett.«

»Ja, Mäken, ’s Gedächtniß ist nit immer zur Hand; was kann das helfen, Schaf. Nu und was thaten sie da?«

»Ja, was sie thaten. Wie immer, Trien. Viel Rath und wenig That, aber da lag der arme Mensch in seinem Blut auf den kalten Steinen – mein Herz ist mir bald im Leib zersprungen dabei. Da hab ich zu mir selber gesagt: In Gotts Namen, die Menschen sind doch Gebrüder und Geschwister, und da hab ich nit erst gewartet, bis der Dokter kam, um den Jung nach’m Krankenhaus zu tragen; ich hab ihn aufheben lassen und hier in mein Bett legen.«

»Aber Mäken, wie habt ihr ihn denn besorgen und so ganz unterhalten gekonnt? Ihr habt gewiß ’nen Strumpf untern Pfannen stecken, Mäken.«

»Ach nein Trien, ich hab viel gearbeitet und auch ein Bißchen Schulden gemacht, das ist aber nichts. Was man mit einem guten Herzen schenkt, das giebt Gott der Herr uns zurück.«

»Nu das ist mir eine Geschicht. Kennt ihr seine Aeltern, Mäken, und wißt ihr, wo er zu Haus ist?«

»Darnach hab ich ihn noch nicht gefragt. Wenn er aber das Fieber in den Kopf kriegt, dann träumt er immer laut auf, und da hab ich schon gehört, daß sein Vater und Mutter todt sind.«

»Und habt ihr nichts anders aus ihm herausgehört?«

»Nein, ich weiß nicht, was er da immer schwätzt von ’nem Buchenbaum und ’ner Haide und Tannenbüschen. Hat auch Latein gesprochen und gerufen Monika, Monika! Muß wohl seiner Schwester oder Mutter Namen sein. Aber ein Liedchen kann er, und da gäb ich noch sechzehn und ’nen halben14 drum, Trien, wenn du das hörtest; ’s ist so was von Ricketicketack, du könntest dazu tanzen. Was aber noch das schönst ist, er plaudert immer so, als wenn sie ihn gegen seinen Willen zum Pastor hätten machen wollen, und da hab ich ihm einmal nach’m Kopf gesehen, ob sie ihm vielleicht schon ein Plättchen geschoren hätten, ist aber kein Scheermesser an seinem blonden Krollkopf15 gewesen.«

»Ach Gott, es ist gewiß ein armer Jung der betrunken war und den Verstand verloren hat.«

»Was, den Verstand verloren, Trien? den Verstand verloren? Wenn du ihn sprechen hörtest, du fielst auf deine Knie vor ihm. Er spricht wie ein Buch, und die schönste Predigt von dem Vikarius ist nichts dagegen. Da hangen seine Kleider Trien, schau mal zu, was das für fein Tuch ist. Jedmal, wenn er den Mund nur aufthut, um sich bei mir zu bedanken, brechen mir die klaren Thränen aus den Augen, und es ist grad, als wenn ein Engel spräche. Du kannst mir glauben, Trien, ich seh ihn lieber, als wenn er mein eigen Kind wär, und wenn er bei mir bleiben will, arbeit ich gern für ihn bis auf mein Todsbett. Ach Gott, Trien, er heißt mich Mutter, das sollst du nur einmal hören!«

»Wie gehts aber jetzt mit ihm? Wird er denn besser?«

»Nu ja, er ist einen ganzen Monat von Sinnen gewesen, hat den Kopf immer voll Fieber gehabt, aber seit acht Tagen hat es sich gebessert. Es kommt nun so langsam wieder, und er sucht sein Gedächtniß wieder zusammen, ist anders ganz bei Sinnen. Wär er mehr Freund vom Sprechen, ja dann wüßt ich auch mehr, er sagt aber nichts, als daß er mir hunderttausendmal dankt, und ich frag ihn kein Wörtlein. Er heißt Jan, das hat er mir gestern gesagt; das Uebrige soll wohl schon kommen, Trien, wenn er nur mal wieder gesunder ist. Nun ist er noch so mager, wie’n Grat, und so bleich, wie ’ne Mütz; ’s erstemal wo er aufstund, war er so schwach, so schwach, daß ich ihn in meine Arme mußt nehmen, sonst wär er zusammengefallen wie ein naß Tuch.«

»Ach Gott, das arme Schaf!«

»Nun, wie gesagt, ist’s viel besser; er kann schon gut gehn, sagte gestern selbst, er wollt heut Abend heraus, um ein wenig Luft zu genießen.«

Kaum hatte Mäken Teerlinck die Worte aus dem Munde, als hinter dem Abschlag eine Stimme sich hören ließ, die sanft und leise sprach:

»Mutter, gute Mutter!«

Der Name, so wie der Ton, in welchem er ausgesprochen wurde, schienen zaubergleich auf das Gemüth der Alten zu wirken; ihre Augen glänzten voll tiefer Rührung, als sie, die Lampe und ein Glas Wasser und Milch in der Hand, zu dem Bette trat.

Der Kranke blickte mit so viel Liebe und Dankbarkeit zu ihr auf, daß Mäken das Gesicht abwandte, um eine Thräne aus dem Auge zu wischen. Während deß faßte der junge Mann eine ihrer Hände und drückte einen langen Kuß darauf.

»Gute Mutter!« wiederholte er.

Trin reckte den Hals so viel es ging, um den Kranken zu sehen; tief erbebte sie, als sein hohles Auge sich zu ihr wandte, und schnell schob sie ihren Stuhl zurück, wie wenn sie vor einer schrecklichen Erscheinung gewichen wäre.

Der junge Mann schlang seine magern Arme um Mäkens Hals und zog sie näher zu sich; wahrscheinlich flüsterte er ihr etwas in’s Ohr, da sie gleich darauf die Kleider holte und die zerrissene Gardine vor den Abschlag schob, nachdem sie jene aufs Bett gelegt hatte. Dann dem Tische näher tretend, sprach sie leise, aber mit unendlicher Freude zu der zitternden Trin:

»Er steht auf.«

Diese Worte schienen die Nachbarsfrau durchaus nicht zu beruhigen, denn sie erbleichte und schaute ängstlich auf die Thüre hin. Wohl trieb die Angst sie an, das Kämmerchen zu verlassen, doch hielt die weibliche Neugierde sie auf ihrem Stuhl gefesselt.

Nach wenigen Augenblicken öffnete sich die alte Gardine. Schnell eilte Mäken zu dem Kranken, half ihm aus dem Bette und stützte ihn bis er am Tische stand.

Sollte dieß wandelnde Skelett der junge Bauer sein, den wir kennen? Ja wohl er war es, der Arme. Die Knochen drangen weit vor durch die farblose Haut; seine Augen waren tief in ihre Höhlen eingesunken, sein Rücken war gebeugt, das Haupt hing auf einer Seite. Die schmutzigen und grob geflickten Kleider konnten nur die eines Bettlers sein.

Nun stand er vor dem guten Mäken und hielt eine ihrer Hände in der seinen; er blickte sie mit dem zärtlichen Ausdrucke an, der nur einem liebenden Kinde eigen ist, und sprach:

»Gute Mutter, ich möchte gern heraus. Wird euch das nicht betrüben?«

»Nu Jan, mein Jung, antwortete die Alte, du bist noch so schwach, lieb Schaf. Du könntest mir leicht fallen, und denk dir mal, was ich mich da ängstigte.«

Mäkens Besorgniß war so deutlich aus jedem ihrer Züge zu lesen, daß Jan auf’s tiefste davon ergriffen wurde.

»Ach Mutter,« seufzte er. »Warum habt ihr mich denn nur so lieb? Ach ja, ihr seid ja mein Schutzgeist. Was Niemand thun konnte, das thut die belanglose Liebe des armen Weibes. Du Seele voll so wunderbarer Güte! Am Rande des Grabes lebt noch Zärtlichkeit genug in dir, um einem Unglücklichen, wie ich bin, das Leben zu versüßen und ihn aus dem tiefsten Abgrunde der Verzweiflung zu reißen. O, ich flehte zu Gott, daß er euch segne! Es ist das erste unzerstreute Gebet, welches ich seit sieben Jahren zum Himmel sandte.«

Die Sprache des jungen Mannes hatte einen so begeisterten Ton gewonnen, daß Trin tief ergriffen davon war. Ihre Angst war verschwunden, mit gaffendem Munde und weit offenen Augen horchte sie jedem seiner Worte, welche alle sie rührten und entzückten. Mäken warf ihr einen fragenden Blick zu, wie wenn sie hätte sagen wollen:

»Nun was sagst du von meinem Sohn? Ist der von Sinnen?«

Aber Trin horchte sprachlos, selbst lange noch, nachdem Jan aufgehört hatte zu sprechen.

»Armer Jung!« seufzte Mäken. »Hab nur guten Muth. Ich bin zwar arm und hinfällig und nicht gelehrt, aber wenn du bei mir willt bleiben, dann will ich dich stets lieb haben und mit meinen alten Fingern für dich arbeiten.«

Jan führte die Hand der Alten an seine Lippen, doch er antwortete nicht.

»Jan," sprach dann Mäken weiter. »Wenn du gern ausgehen willst, mußt du es nur sagen, und nicht um meinetwillen hier bleiben. Ich geh mit.«

»Gute Mutter,« sprach Jan flehend; »ich wollte gern ausgehen, doch muß ich allein sein – mein Kopf glüht, in der Einsamkeit werde ich Kühlung finden. Morgen, gute Mutter, sage ich dir, wer ich bin, und welcher Kummer mein Leben vergiftet. Laß mich nun gehen und bleibe ruhig zu Haus; in einer Stunde komme ich wieder.«

Mäken gab Jan ihr Krückenstöckchen, führte ihn die Treppe herunter, sprach noch einige Liebesworte zu ihm und schloß die Thüre.

Da geht er nun hin mit wankendem Fuße durch das Dunkel, dicht an den Häusern sich haltend; er stützt sich auf Mäkens Handkrückchen und athmet schwer vor Ermüdung. Sicherlich hat sein Gang ein Ziel, denn er zögert keinen Augenblick in der Wahl der Straßen. Nun und dann bleibt er stehen und ruht eine Weile aus, dann setzt er seinen Weg fort und wieder fort bis auf den Meirplatz. Da drückt er sich dichter gegen die Mauern der Häuser, und gleitet langsamer fort, einem Dieb oder Spion gleich. Bald hält er unter dem geschlossenen Fenster einer prächtigen Wohnung an; er lehnt den Ellenbogen auf die steinerne Fensterbank, und trachtet die Jalousieladen zu durchblicken. In dem Hause ist Licht; ein Strahl fällt durch die Laden auf des Jünglings Angesicht, der vor Ermüdung ganz in einander sinkt und kraftlos das Haupt auf den Stein stützt.

IX

In dem reichen Saale, an dessen Fenster der arme Jan stand, befanden sich zwei Personen. Der Colonel van Milgem saß in einem sammtüberzogenen Lehnstuhle neben dem marmornen Heerde; es schien ihn ein Gedanke sehr zu beschäftigen, denn er blickte in tiefem sinnen vor sich hin auf den Teppich, welcher den Boden bedeckte. An einer Tafel, auf der mancherlei silbern Nähgeräthe lag, saß ein Mädchen, beschäftigt, Perlen an eine Schnur zu reihen. Ihr Gesichtchen war sehr bleich und trug alle Zeichen einer langen und zehrenden Krankheit; seine blendende Weiße wurde noch gehoben durch die Rabenschwärze ihrer Locken, die bei der leisesten Bewegung wie freundlich ihre Wangen umschmeichelten. Nach langem Schweigen summte sie den Refrain ihres alten Lieblingsliedchens vor sich hin. Dieß schien dem Colonel nicht zu gefallen; immerhin schüttelte er verdrießlich den Kopf und sprach:

»Monika, so singe doch nicht stets dieß Liedchen; es ist nur Nahrung für deinen Trübsinn – und du weißt, daß es mich schmerzt.«

»Gott, hab ich’s denn wieder gesungen?« sprach Monika verwundert. »Ich wußte es nicht Vater. Verzeihet mir meine Zerstreuung.«

»Hast du die Börse bald fertig?« frug der Colonel darauf. »Armer Adolph, wie wird er sich freuen über das Geschenk, er, der dich so sehr liebt.«

»Wo mag er nun sein?«

»Das ist schwer zu sagen. Wer weiß, ob er nicht irgendwo in einem Hospitale liegt, ob eine feindliche Kugel ihn nicht schon niedergestreckt hat.«

»Gott, Vater, ihr macht mich zittern.«

»So, du zitterst für ihn? Nimmst du denn einigen Antheil an seinem Schicksal?«

»Ich liebe ihn immerhin, wie meinen Bruder.«

»Du müßtest ihn mehr lieben, Monika. Er verdient es in jeder Beziehung. Er ist ein schöner junger Mann, und besitzt all die Eigenschaften, welche Jemand in den Augen einer Frau erheben können. Dazu war er es, der deinem Vater das Leben bei Dresden rettete. Fände die Liebe selbst nicht den Weg zu deinem Herzen, dann müßte die pure Dankbarkeit dir schon ein Sporn sein, meinem Rathe, meinen Bitten zu folgen, und ihn für seinen Edelmuth und seine Liebe zu belohnen.«

»Vater, sieh mich an. Was könnte ich Adolph geben? Es ist in meinem Herzen keine Stelle neben meiner Liebe zu euch – eine gefühllose Braut also? Soll ich ihn durch meine Kälte und Gleichgültigkeit unglücklich machen? Heischt doch ein Bräutigam mehr zu seinem Glücke von der Braut, als kalte Freundschaft. Dabei aber fühle ich auch eine unüberwindliche Abneigung gegen Bande, die mich meiner Freiheit berauben würden.«

»Welcher Freiheit, Monika? Der Freiheit zu träumen und zu brüten über Gott weiß welche Dinge? Gebe der Himmel, daß du diese Freiheit verlierest, welche dich nur verzehrt und krank macht. Sieh doch nur, Kind, wie schön wäre es nicht, wenn wir nun unser Landgut zu Moll bewohnen, wenn du einen Freund hättest, der mit dir die Haide durchstreifen könnte, mit dir die Buche und den Bach besuchte, um in der That uns ein Gefährte in der Einsamkeit zu sein! Sie ist ja so kalt und todt, wenn keine Liebe sie belebt; das Herz trocknet aus, wenn es nicht von einem Andern bethaut wird.«

»Vater, das mag Alles wahr sein, doch Adolph ist kein Sohn der Haide. Er verstände die Sprache der Grille nicht; keine Tanne beschattete die Spiele seiner Jugend, und müßte die Unermeßlichkeit des Haidenmeeres ihm nicht eintönig scheinen, der er ein Sohn des Gebirges ist? Ach, gestehet es auch nur Vater, zwischen mir und meiner geliebten Haide stände er als ein Fremdling.«

Monika’s Worte mißstimmten den Colonel; seine Züge trübten sich, und sich zu der Tochter wendend sprach er ernster:

»Monika, mein Kind, vermögen die Bitten deines Vaters denn gar nichts mehr bei dir? Seit Jahren habe ich für Adolph bei dir gefleht, ich habe alles angewandt, um euch einander näher zu bringen – und immer noch weigerst du es mir, dein Loos mit dem seinen zu verbinden. Warum aber? Nur um dich ganz Träumereien hinzugeben, die dich tödten. Du sagst, weil du ihn nicht liebtest. Wohlan, er fordert keine Liebe von dir.«

Monika starrte ihren Vater verwundert an und frug:

»Er fordert keine Liebe? Was will er denn von mir?«

Der Colonel fuhr ernster noch und mit Nachdruck fort:

»So zwingst du mich denn, Monika, dir Dinge zu sagen, die nie über meine Lippen hätten kommen sollen. Seit Jahren, Monika, eilst du mit schnellen Schritten dem Grabe zu, welches du selbst dir gräbst. Ich kann dich nicht ansehen, mein theures, einziges Kind, ohne zugleich den Tod harrend an deiner Seite zu erblicken. Die Angst dich zu verlieren, zerreißt mir das Herz schon seit Jahren; dieß über meinem Haupte schwebende Schwert kürzt auch mein Leben und läßt mich unsäglich leiden. Ich habe Adolph in meiner bangen Brust lesen lassen, ich habe ihm gesagt, daß nur ein Mittel bliebe, dich deinen düstern Träumen und dem Tode zu entreißen. Ich selbst habe ihn gebeten, gefleht, dich um deine Liebe, um deine Hand zu bitten. Er, der einst den Vater rettete, er wollte auch mein Kind retten, und er zerriß andere Bande, um dieß zu vermögen; er gab die Hoffnung hin, einst bei seiner alten Mutter in seinen schönen Bergen wohnen zu können, um uns auf die öde Haide zu folgen. Das that er, um dir das Leben zu bewahren, um als dein Schutzengel den Tod von deiner Seite zu scheuchen. Kann dieß Alles, Monika, nur eine leichte Dankbarkeit in dir erwecken? Rissen denn alle Saiten in deinem Herzen, daß du mir nichts zu antworten vermagst, als ein Nein?«

Monika war tief ergriffen; dieß bezeugte ihr Angesicht genug. Sie antwortete:

»Vater, ich bin undankbar gewesen gegen Adolph, gegen euch; das bekenne ich mit tiefer Betrübniß. Aber was fordert ihr auch von mir? So sehet doch ein, daß ihr all meine Erinnerungen vernichten wollet. Willigte ich ein, Adolphs Gattin zu werden, dann müßte ich ihm einen großen Raum in meinem Herzen geben. Undankbar würde ich nicht sein können, durch zärtliche Zuneigung würde ich seinen Edelmuth vergelten, wenn auch nicht durch warme Liebe. Dann aber müßte ich von Allem abstehen, was mein voriges Leben mir ließ, aber . . . «

Eine hohe Freude strahlte aus des Colonels Augen, er faßte Monika’s Hand und sprach:

»Meine liebe Monika, du mußt deine Träume opfern, um dein Leben zu erhalten; sage mir daß du Adolph als Bräutigam erkennst; mache mich glücklich. Mein theures Kind, sieh, ich flehe dich, sage Ja, sage, daß du einwilligest!«

Sichtlich bebte die Jungfrau und stumm ließ sie das Haupt auf die Brust sinken.

»Kind, mein Kind!« wiederholte der Colonel. »O laß mich nicht länger in Ungewißheit! O sage Ja!«

Langsam erhob Monika das Auge und entgegnete:

»Wohlan denn, Vater, wenn das euch glücklich machen kann . . . «

Ein plötzlicher Schauder überlief sie in dem Augenblicke; sie erhob den Finger und lauschte zitternd leise summenden Tönen.

»Was ist dir?« frug der Colonel erstaunt.

»Horcht, horcht!« antwortete sie selig lächelnd.

Näher drangen nun die Töne und der Colonel hörte auch:

 
Ricketicketack,
Ricketicketu.
Eisen warm,
Hoch den Arm,
schlaget zu,
Ricketicketu.
 

Er kannte die Gewalt des Liedes über Monika’s Gemüth; nun schien es ihm ein Schimpflied, welches man ihm seiner geringen Abkunft willen sänge; zornig riß er an dem Schellenzuge und stampfte mit dem Fuße auf den Teppich.

»Ich will wissen, wer sich erkühnt, mich hier zu höhnen!« rief er.

Ein Diener erschien; er sprach:

»Ein Unverschämter steht draußen und singt. Geh, nimm die Andern zu dir und faß ihn; ich will ihn sehen. So er Widerstand leistet, brauchet Gewalt.«

»Vater!« rief Monika flehend. »Was sagst du, Gewalt? Weißt du, gegen wen?«

»Wir werden sehn,« entgegnete der Colonel aufgebracht.

Monika kehrte zu ihrem Tischchen zurück und setzte sich traurig auf ihren Stuhl.

Die Hausthüre öffnete und schloß sich. Ein Diener erschien in dem Saale:

»Colonel, es ist ein armer Bettler, der so schwach und kränklich ist, daß er kaum mehr weiter kann. Der Unglückliche dachte nicht an Widerstand. Er steht im Hausflur. Sollen wir ihn nicht wieder gehen lassen?«

»Nein, nein," rief der Colonel. »Ich will das Rätsel aufgelöst wissen. Darunter steckt was. – Was zitterst du denn, Monika? Kennst du den Bettler? Bringt ihn herein!«

Kaum hatte der arme Jüngling gesenkten Hauptes und mit niedergeschlagenen Augen die Schwelle der Saalthüre überschritten, als Monika laut aufschrie, auf ihn zu lief, seine Hand faßte und rief:

»Gott, Jan! bist du es?«

»Ich bin es,« antwortete der Arme, ohne seine Augen aufzuschlagen.

Der Colonel stand eine Weile stumm da, und rieb sich die Stirne, wie wenn ein plötzlicher Verdacht in ihm aufgestiegen wäre. Der schwand aber jedenfalls bald, denn er faßte freundlich Jan’s Arm, zog ihn sanft mit sich bis zu einem der hohen Sammtsessel, und ließ ihn da niedersitzen. Monika hatte Jan’s Hand nicht losgelassen, sie auch blickte sprachlos vor sich hin.

Der Colonel kehrte zu seinem Stuhle zurück und sprach:

»Jan van Daele, warum hast du in deinem Unglück dich meiner nicht erinnert? Sagte ich dir nicht, daß ich zu jeder Zeit dein Schützer und Schirmer sein werde? Zu welchem Elende bist du gesunken! Doch beruhige dich; von nun an sollst du an nichts mehr Gebrechen leiden.

»Fasse Muth, ich bin nicht undankbar und habe eine große Schuld bei dir abzutragen.«

Mit den Worten ging er zu einem Schreibtische, nahm eine Handvoll Napoleonsd’or heraus, legte sie auf ein Spieltischchen neben Jan und sprach:

»Sieh, mein lieber Freund; es ist nicht ein Almosen, was ich dir biete, es ist nur eine kleine Vergeltung für das, was du einst an meiner Tochter gethan hast. Ich bitte dich, nimm das von mir, deinem Freunde.«

Jan wandte das tief eingefallene Auge von dem Spieltischchen ab und dem Colonel zu, und sprach lächelnd:

»Gold, immer Gold und nur Gold!«

Dann blickte er auf seine zerrissenen Kleider und fügte hinzu:

»Ja, Gold könnte mir dienen, ich könnte Kleider kaufen und ihr lohnen, die für mich sorgte. Doch sparet mir die Erniedrigung, Herr. Aus eurer Hand mag ich kein Geld entgegennehmen, und sollte ich den Tod damit abkaufen können.«

Eine Bewegung, welche Jan’s Hand bei diesen Worten machte, rückte diese aus der Monika’s los. Das arme Mädchen wankte ihrem Stuhle zu und setzte sich nieder, das Auge stumm auf den Jüngling geheftet.

»Aber Jan, mein Freund,« fuhr der Colonel fort, »du bist unrechtfertig gegen dich und gegen mich. So du kein Geld von mir willst, dann sage mir, was ich anders für dich thun kann. Du machst mich glücklich, wenn du mir ein Mittel an die Hand giebst, dir einen Dienst erweisen zu können; ich werde dir stets dankbar dafür bleiben.«

»Ihr wollt mir einen Dienst erweisen,« entgegnete Jan. »Wohlan, ich flehe euch um eine Gnade. Wollet ihr mir die gewähren?«

»Sprich, Jan, ich will alles thun, was du verlangst. Was hättest du gerne?«

Der Jüngling richtete sich höher auf in seinem Stuhle und sprach:

»Colonel, morgen beginnt ein neues Leben für mich; eine unüberschreitbare Mauer werde ich zwischen mein vergangenes Leben und meine Zukunft setzen. Man reißt sich so leicht nicht los von Erinnerungen, die mit Herz und Hirn, die mit unserm innersten Leben verwuchsen, und vielleicht wäre ich in diesem Streite an dem Rande eines harrenden Grabes gestrauchelt. Das Schicksal aber war mir günstig; ich bin nun ihr gegenüber, die allein mich verstehen kann. Lasset mich nur sprechen, damit sie höre, welches mein Loos war und dann, dann sage ich freudig Lebewohl dem Traume, der mich tödtet. Das, Colonel, ist die Gnade, welche ich mir von euch erbitte. Gebt zu, daß ich spreche, zürnet nicht über das, was ich sagen werde; ihr schenkt mir mehr, als das Leben.«

Es lag etwas so Leidendes, so Einnehmendes in Jan’s Wesen, daß der Colonel sich tief ergriffen fühlte. Außerdem war er gar neugierig, eine Erklärung zu hören, die vielleicht manche Vermuthung, welche seit einigen Tagen in ihm aufgestiegen war, bewahrheiten würde. Er sprach gütig:

»Sprich, mein Freund, ich werde dir aufmerksam zuhören.«

Der Jüngling begann also mit bewegter Stimme:

»Ich war jung, mit meinem Loose zufrieden und lebensfreudig. Mein Herz trieb mich dazu, in einer Magd eine Schwester zu sehen, und ich gewann sie um so lieber, je mehr sie leiden mußte. Es war ein reines, schuldloses Gefühl, welches sich unmerklich in meine Brust einwurzelte, später aber zum zehrenden Feuer wurde. Noch glüht in meiner Hand die Stelle, Colonel, welche auf der Haide der erniedrigende Napoleonsd’or drückte. Ihr dachtet, mich durch irdisch Gut über den Raub meiner Schwester zu trösten. Das war mir, wie ein Todesstoß; da gewahrte ich die ganze Unermeßlichkeit meines Unglückes; die Verzweiflung griff mir tief in’s Herz, welches eure Abreise schon so blutig zerrissen hatte, ich vergaß Alles, um nur einem Gedanken zu leben. Nichts konnte mich trösten, nichts mich beruhigen; ich war verloren für die Arbeit, gleichgültig gegen Alles, ich lebte in schmerzlichen Träumereien – meine Mutter sah ich auf dem Krankenbett, doch in meiner Brust war kein Raum für neue Betrübniß. Man wollte mich mit Gewalt von der Stelle wegreißen, an der ich das Leben sah, man hoffte, daß ich dann genese, doch ich widerstand allen Bitten, allen Vorstellungen, allem Flehen. Warum? – Weil der Himmel der Haide blauer ist? Weil ihre Luft so balsamgleich duftet? Weil ich an ihrer Unermeßlichkeit hing? Ach nein – sie aber hatte da gelebt und gewandelt und ich kannte jeden Rasen, auf dem sie einst gesessen, jedes Stellchen an den Bäumen, welches ihre Hand berührt, jedes Kräutchen, auf dem ihre Thränen geglänzt hatten; ich litt, weil ich sie für immer verloren glaubte. Auf Anrathen des alten Pfarrers, auf die Bitten und Thränen meiner Mutter ging ich endlich nach Mecheln, um zu Studieren und in den Pflichten des Geistlichen eine Waffe gegen meine Erinnerungen zu finden.«

»Was aber litt ich da erst in der Einsamkeit des Seminars! Die Wissenschaft, das Lesen der Alten entwickelte meine Phantasie mehr und mehr, und ich wurde nun ganz Sklave meiner Träumereien. Von Allen mich fern haltend suchte ich stille Plätzchen auf, mich denselben hinzugeben und ihr Liedchen zu summen. Alle meine Mitschüler verlachten mich darob, doch ihr Spott heilte mich so wenig, als die Strenge meiner Lehrer. Endlich nahte die Zeit, wo ich erklären sollte, ob ich geistlich werden wolle oder nicht. Doch, o Gott, was konnte mir das helfen; ich war unwürdig, dem Altare zu nahen, ich konnte nicht beten; zwischen Gott und mir stand sie. Ich weigerte mich also und verließ das Seminar. Meine Mutter war unterdessen gestorben, ich hatte noch einen kleinen Theil von meinem Erbe. Mein Leben verträumte ich sorglos, unbekümmert um die Zukunft verzehrte ich, was mir übrig blieb. Auch das nun folgende Elend fand mich fühllos, ich schlief unter dem blauen Himmel, unter Karren, auf den Wällen; nichts konnte mich rühren, mich aus meiner Gleichgültigkeit wecken.«

Jan schwieg eine Weile; er athmete schwerer vor Ermüdung.

Monika lag mit dem Haupte auf dem Tische, sie weinte bitter. Auf den Boden schauend, saß der Colonel da.

Endlich fuhr Jan fort:

»Noch eins versuchte ich, ich nahm starke Getränke im Uebermaße, doch auch dieß half mir nicht. Da ging ich eines Tages halb verzweifelt auf dem Meirplatze umher, als plötzlich die verloren Geglaubte in einem Wagen an mir vorbei flog – ich stürzte besinnungslos zu Boden, und als ich mich nach einer Weile wieder aufraffte, floh ich in die stillsten Eckchen der Stadt. Abends legte ich mich, müde von all dem Umirren, auf einen Wagen zum Schlafe nieder, stürzte aber herunter und so hart auf die Steine, daß ich regungslos liegen blieb, während ein Strom von Blut meiner Stirne entschoß.«

»Eine arme Frau nahm mich auf ihr Speicherkämmerchen und pflegte mich; ihr blieb fortan mein ganzes Herz; wollte ich einst gerne sterben, dann muß ich nun leben, sie zu lieben, ihr für ihre Treue zu lohnen. Und nun lasset mich; vergesset, was ich um euer Kind gelitten habe, Herr Colonel; ich entbinde euch von aller Verpflichtung gegen mich, nur vergebet mir die Worte, die ich jetzt zu euch gesprochen, mir armen Sinnlosen, ihr werdet nie wieder was von mir hören noch sehen. Lebt wohl und schenke Gott euch Glück und segen!«

Unter diesen Worten war Jan aufgestanden und trat der Thüre zu, doch da sprang Monika von ihrem Stuhle, warf ihre langen Locken von der Stirn, wischte schnell die Thränen aus ihren Augen, und streckte die Hand wie befehlend gegen Jan aus, indem sie rief:

»Bleib, o bleib!«

Und, flehend die Hände faltend, warf sie sich vor ihrem Vater nieder und bat:

»Ach Vater, vergebt, vergebt mir. Haltet ihn hier oder ich sterbe. Auch sein Bild schwebte mir in meinen Träumen vor, er ist ja mein Bruder, er war ja mein treuer Schutz, ich liebe ihn ja, – Er allein kann mich retten, o laßt ihn hier. O ihr weint, ihr fühlt, was er gelitten hat. Vater, guter Vater, lasset mich nicht sterben. Im Namen meiner seeligen Mutter bitte ich euch —«

Der Colonel hob schnell seine Tochter auf und sprach mit tiefer Rührung:

»Das war also das Räthsel! solch ein Herz! Es sei, Monika, mein Kind – er ist dein Bräutigam.«

Ein schneidender Schrei entflog Jan’s Brust; er hielt sich an einem nahen Stuhle, sank aber bald, überwältigt vor Freude und Glück, zusammen; Monika stürzte mit weit offenen Armen hin zu ihm, der Colonel wischte sich die Thränen aus den Augen.

X

Im Jahre 1831, kurz nach der Revolution, schritt ein Soldat, die Flinte auf der Schulter, den Tornister auf dem Rücken, über die Haide zwischen Moll und Desschel. Er ging einem großen Hofe zu, welcher fast wie ein Landgut aussah, und zeigte sein Logierbriefchen einem Manne, der in der Thür stand. Dieser rief eine Magd herbei und Beide begannen, freundlich den Soldaten von seiner Last zu befreien. Dieser wunderte sich Anfangs über den guten Empfang, klopfte dem Bauern auf die Schulter und sprach:

»Ihr habt gedient, Pachter?«

»Ich nicht,« antwortete der Bauer, »doch findet ihr hier wohl einen, der von Schlachten und Krieg zu sagen weiß. Kommt herein, Freund, Schinken und Bier stehen schon auf dem Tische.«

Beim Eintritte in das Zimmer sah der Soldat am Heerde einen Mann sitzen, dessen greise Haare und ehrwürdige Züge ihm beim ersten Blicke schon Respekt einflößten. Eine lange Narbe über dem Gesichte, und das Band der Ehrenlegion im Knopfloche überzeugten ihn, daß es der war, von dem der Bauer gesprochen. Der alte Kriegsmann grüßte den Soldaten mit wohlwollendem Lächeln, und wies dann auf den Tisch, als wolle er sagen: »Iß und trink erst, dann wollen wir schon sprechen.«

Während der Soldat dem guten Rathe folgte, betrachtete er verstohlen und neugierigen Blickes die Personen, welche sich in dem Zimmer befanden. In dem Hintergrunde saß eine Frau am Spinnrade, neben ihr stand der Mann, dem er zuerst begegnet. Frische Gesundheit und stille Freude glänzten auf beider Gesicht. Zur andern Seite der Frau saß ein stockalt Mütterchen, die schnellen Fingers noch die Klöppel eines Spitzenkissens durcheinander warf.

Noch ruhten die Augen des Soldaten auf dieser Gruppe, als er ein sonderbar Lied hinter seinem Rücken vernahm. Er drehte sich um, und auf jedem Knie des narbigen Alten saß ein rothwangiges Kind – ein Knäbchen und ein Mädchen, und der Alte sang das Lied, und ließ die Kinder im Takte dazu auf den Knieen reiten.

Bald hatte der junge Soldat Bekanntschaft mit den Bewohnern des Hauses gemacht, und es ward ihm so wohl bei diesen Menschen, die alle durch dasselbe Band der Liebe und Dankbarkeit miteinander verbunden zu sein schienen, daß er nach zweimonatlichem Aufenthalt sich der Thränen nicht erwehren konnte, als er von der friedlichen und glücklichen Familie, die ihn wie einen Sohn behandelt und geliebt hatte, Abschied nehmen mußte.

Als er, den Tornister auf dem Rücken, zum Abzuge bereit an der Thür stand, umgaben ihn alle noch mit freundschaftlichem Händedruck. Er riß sich los, wandte sich aber in einiger Entfernung noch einmal um, und rief tief ergriffen:

»Lebt wohl, Colonel van Milgem! lebt wohl, Pachter van Dael! lebt wohl, Pachterin! lebt wohl, Mäken Teerlinck!«

Auf der Haide sprach der Soldat zu sich selbst:

»Wär’ ich ein Dichter ich setzte Alles zu Papier, was sie mir erzählten. Vielleicht werde ich das noch einmal. Aber tata, Narrheit!«

Und schneller dahinschreitend sang er im Marschtakte, daß es weit über die Haide hinklang:

 
Ricketicketack,
Ricketicketu.
Eisen warm,
Hoch den Arm,
schlaget zu,
Ricketicketu.
 
 
Ricketicketack,
Ricketicketu,
stahl in Gluth,
Herz voll Muth,
schlaget zu,
Ricketicketu.
 

Du siehst, lieber Leser, der junge Soldat hat sein Versprechen gehalten.

Gerhard.
Der Sohn des Henkers

I

Am Pfingstabend des Jahres 1507 war die Nacht in Antwerpen schwärzer, denn gewöhnlich; man konnte recht eigentlich keine Hand vor den Augen sehen; wie eine dicke, undurchdringliche Wolke lag es schwer auf der Stadt. Man hörte durch die tiefe Finsterniß keinen andern Laut, als den Fall der Tropfen von den Dachtraufen, das leise Gekletter des feinen dichten Regens wider die kleinen runden Scheiben und zuweilen aus der Ferne das eintönige Gesumme einer Glocke. Im Uebrigen herrschte die tiefste Stille auf den Straßen; obwohl nur erst wenige Bürger sich zur Ruhe begeben hatten, war es doch nicht später als neun Uhr.

Wer in dieser Stunde in der Nähe der Schützenhöfe gewesen wäre, der hätte einen Mann bemerkt, welcher mit dem Rücken an eine Pappel gelehnt, die Augen weit offen und die Arme über der Brust gekreuzt, in tiefem Nachdenken versunken, so ruhig in dem kalten nassen Wetter stand, als wie am hellen Tage und beim schönsten Sonnenschein. Von Zeit zu Zeit entschlüpften unverständliche Worte seinem Munde, doch lag Kraft in der Stimme und Leidenschaft dann in jedem seiner Züge. Eine Weile später stieß er einen schweren, dumpfen Seufzer aus, dem tiefen Athemholen eines Menschen gleich, der eben eine schwere Last von der Schulter warf. Dabei zog sich ein eigenthümlich Lächeln um seinen Mund, nicht das heitere der Freude, der Genüglichkeit, wohl aber das ingrimmige, welches eine Brust voll Foltern, verräth und dem Manne die Thränen der Verzweiflung ersetzt. Er lachte, aber er biß sich dabei das Blut aus den Lippen, und seine rechte Hand wühlte in dem Fleische seiner Brust.

O er war unglücklich, tausendfach unglücklich, dieser Mensch! Er brauchte nicht der Hölle Qualen zu fürchten, denn schon seit zwanzig Jahren trug er die Hölle in seiner Brust.

Als er, dem Schooße seiner Mutter sich entwindend, den ersten Schrei, einem Gruße an das neue Leben gleich, ausstieß, da drückte ihm seine Mutter keinen Willkommkuß auf die Stirne; sie stieß das Kind weg von sich. Der Vater auch fühlte keine Freude über seine Ankunft, nein, der bat den Himmel unter Thränen um den Tod des ersten und einzigen Sohnes; er weinte um ihn, wie über die Frucht einer fluchbeladenen Sünde.

Und als das Kind, mit der Mutter Thränen mehr, denn mit ihrer Milch genährt, die ersten Schritte wagte und spielend zu andern Kindern lief, da flohen alle den Kleinen, spotteten sein, und höhnten ihn, als schaue ein Teufel ihm aus den Augen – und es war doch so lieb, so geduldig, das Kind; auch nicht ein Zeichen von Unwillen oder Zorn entschlüpften ihm über die unverdienten Verfolgungen, aber in seinem Herzen sammelte sich Galle, das wußte Niemand besser als der Vater.

Nun war das Kind ein Mann geworden. Allen seinen Leiden zum Trotz hatte sein Körper sich schön entwickelt und in seinen Muskeln wohnte Kraft. Er dürstete nach geselligem Vergnügen, nach Entladung seines Herzens, nach Achtung, aber der Haß und der Abscheu, der ihn einst verfolgt hatte, verließ ihn nicht. Er durfte sich nur unter Menschen zeigen und Spott und Hohn ward ihm zu Theil. Flüchtete er dann nicht, einem verworfenen Sklaven gleich, und mit Gnade flehenden Augen, dann trieb man ihn gar, einem Hunde gleich, mit Schlägen weg. Für ihn war kein Recht auf Erden; nur beten durfte er, nur an Gott, Trost und Beruhigung erseufzend, sich wenden.

So war das Leben des Mannes, der so voll Verzweiflung, so voll Herzenspein an die Pappel lehnte.

Und dennoch war sein Herz voll Gefühl und empfänglich für Liebe, so wie sein Geist allem Hohen und Schönen offen stand. Seine Züge waren edel, sein Tritt stolz und männlich, seine Stimme sanft, aber ernst. So wenigstens klang sie in diesem Augenblicke, wo er die Hände gen Himmel hob und sprach:

»O Gott, Gott! Hat Dein heiliger Wille mich für Leiden geschaffen, dann gib mir auch Kraft, meine Last zu tragen! Mein Kopf glüht – meine Sinne irren. O Herr, nimm von mir die schwarze Verzweiflung! Laß mir die tröstende Zuversicht auf deine Güte und deine Gerechtigkeit, denn tödtende Zweifel drohen mir in die Brust zu sinken.«

Langsam verhallte seine Stimme und verschmolz in ein dumpfes unverständliches Murren; da aber riß er sich plötzlich empor, durchlief mit schnellen Schritten die Schüzenhofstraße und wandte sich der Houdaenstraße zu. Da wurden seine Schritte langsamer, oft selbst blieb er unbeweglich stehen, wie Jemand, der, besser sich seinen Gedanken hingeben zu können, jeden Fußtritt als störend fürchtet. Auf einmal stieg ein trockenes Geröchel aus seiner Brust, dem Kreischen des Nachtraben nicht unähnlich. Er seufzte:

»Ach der Durst brennt mir wie Gift in der Brust – ich muß trinken.«

Und leisen Tritts eilte er an den Häusern vorbei, an jedem verweilend und horchend, wo er Licht sah; doch immer noch ging er weiter, denn in all den Häusern hörte er Menschenstimmen, und das war genug, ihn von da zu vertreiben. In der Johanisstraße endlich blieb er länger vor einer Schenke stehen und lauschte aufmerksamer an allen Fenstern. Ein Ausdruck herzlicher Freude überflog alsdann seine Züge, und er flüsterte heimlich in sich hinein:

»Da ist Niemand mehr, – da kann ich trinken.«

Er drückte auf die Klinke der Thür und trat hinein. Der Arme! Er meinte Niemanden mehr zu finden, und das ganze Zimmer war voll Menschen, die, ihre Kannen neben sich, um eine Tafel geschaart saßen und gespannten Auges auf einen Mann schauten, der kleine Kunststückchen machte. Als unser Freund an dem Fenster horchte, war der Gaukler just beschäftigt, alle Vorbereitungen zu einem recht wunderbaren Stückchen zu machen, und aller Anwesenden Blicke und Aufmerksamkeit waren an seine Hände gebannt, denn jeder hätte gern das Wie abgesehen.

Der dürstende Fremde bebte zurück, als er eine so zahlreiche Versammlung traf; zweifelsohne würde er das Haus verlassen haben, hätten nicht Aller Köpfe neugierig sich umgedreht und er durch ein so verdächtiges Benehmen üble Folgen fürchten müssen; er trat also vollends in die Stube und forderte einen Krug Bier. Die Wirthin besah den sonderbaren Gast mit mißtrauischen Augen und hätte ihm gerne in’s Gesicht geschaut; als er das jedoch bemerkte, beugte er das Haupt tiefer, so daß der breite Rand seines Hutes ihn noch mehr vor zudringlichen Blicken schützte.

Während die Wirthin in den Keller lief, das geforderte Bier zu holen, hatten aller Gäste Augen sich auf den Fremdling gewandt, und einer zischelte dem andern in’s Ohr. Besonders schien Einer von ihnen von Unwillen entbrannt, und man konnte leicht an seinen Bewegungen sehen, daß es ihn prickelte, seine Fäuste an dem eben Eingetretenen zu versuchen. Dieser hatte dem Tische, an dem sie saßen, den Rücken gedreht, und harrte regungslos des Bieres, während all seine Glieder vor Angst bebten unter dem weiten Mantel. Bald erschien die Wirthin wieder und reichte dem Fremden die volle Kanne hin. Der trank sie gierig in einem Zuge halb leer, setzte sie auf den Schenktisch und gab der Wirthin ein Zweistüberstück in die Hand. Ehe sie ihm aber noch wiedergeben konnte, schoß einer der Gäste von der andern Seite des Zimmers herzu, ergriff die Kanne und goß den Rest Bier, der noch darin war, in des zitternden Fremden Gesicht.

»Verfluchtes Henkerskind!« schrie er; »wie? Du darfst in unsere Gesellschaft trinken kommen? Was gäb’ es mir, wenn ich Dir stehenden Fußes Hals und Bein bräche? Schätz’ Dich aber glücklich, Kerl, daß ich meine Hände nicht an Dir beschmutzen will, Radbrecher!«

Der Unglückliche war wirklich der einzige Sohn des Scharfrichters von Antwerpen; er hieß Gerhard, und zählte wenig mehr, denn zwanzig Jahre. Man wird nun begreifen, warum er so menschenscheu war; der Empfang, den er nun fand, wurde jeglichesmal dem Henker, der sich unter Bürger wagte.

Gerhard beugte das Haupt und sah auf das Bier, welches reichlich von seinen Kleidern tropfte; er schwieg und sprach auch nicht eine Sylbe als Antwort auf die Beschimpfungen seines Gegners. Der schwieg dagegen um so weniger und konnte der Lästerungen kein Ende finden, ja, er fuhr endlich gar die Wirthin an.

»Seht, Frau, morgen verläßt unsere Gesellschaft Euer Haus und wir gehen zum Sankt Sebastian. Der Teufel verzehre hier sein Geld. Morgen wäret Ihr im Stande, uns die Henkerkanne da vorzusetzen!«

»Da, seht, da liegt die Kanne!« rief die Wirthin so ängstlich, als wüthend, eine solche Menge von Kunden zu verlieren, und sie warf den Krug zu Boden, daß er in tausend Stücke brach. »Kann ich dafür, daß dieß Galgenkind in eines ehrlichen Mannes Haus kommt? – Willst Du dich aus meinem Hause packen, Schelm, Menschenquäler! Gehst Du noch nicht, Du Henkersjunge!«

Bis dahin hatte der Jüngling zu Allem geschwiegen; doch kochte es immer mehr in ihm, und sein Stolz regte sich mehr denn je. Statt auf das Schreien der Wirthin gleich aus dem Hause zu laufen, hob er ruhig das Haupt und antwortete kalt:

»Frau, ich gehe. Obwohl der Henker mein Vater ist, hätte ich doch für meinen Mitmenschen mehr übrig, als ihr. Peinigt jener Menschen, weil Recht und Gesetz ihn dazu zwingen, dann peinigt ihr mich, ohne daß ich euch etwas zu Leide that.«

Gerhard’s Stimme war so sanft und seine Worte trafen die Wirthin so, daß sie vor Verwunderung nicht zu sich kommen konnte – hatte man ihn doch so hart behandelt und er blieb sich so gleich. Eine Thräne trat in ihr Auge, sie nahm das Zweistüberstück, warf es Gerhard zu und sprach:

»Da, ich will Euer Geld nicht; nehmt es und geht in Frieden.«

Der Kerl, der Gerhard das Bier ins Gesicht gegossen, griff nach dem Geldstücke, welches auf den Boden gefallen war, besah es und schmiß es mit Abscheu auf einen nahen Tisch:

»Seht, es klebt Blut an dem Stück!« rief er, »Menschenblut!«

All die Andern drängten sich um den Tisch, schraken aber sogleich davon wieder zurück, wie wenn sie die Leiche gesehen, in deren Adern einst das gewähnte Blut floß. Ein allgemeiner Schrei von Schmähungen erhob sich gegen Gerhard.

Der wußte nur zu gut, wie falsch die Aussage war, denn er hatte das Geldstück an demselben Abende von einer Betbankvermietherin in der Kirche zurückbekommen. Die Ungerechtigkeit brachte ihn so auf, daß er all seinen Gleichmuth verlor und vor Grimm schneebleich wurde. Er drückte sich den Hut tiefer in die Augen, sprang in einem Sprunge bis zum Tische, auf dem das Geldstück noch lag, und schrie:

»Ihr Rasenden! Was faselt ihr von Blut? sehet ihr nicht, daß das Stück so roth ist, als eure Kupferstücke, die ihr in der Tasche tragt! Ihr nennt mich Henkerssohn – das wollte Gott ja, daß ich es sei, aber ich freu’ mich und bin stolz darauf, daß ich weder an Namen, noch in Wort, noch in der That so schlechten Kerlen gleiche, wie ihr seid!«

Kaum hatte er die Worte aus dem Munde, als es Faustschläge auf ihn regnete. Er wehrte sich kräftig, doch seiner Gegner Zahl war zu groß. Verwünschungen und Flüche füllten die Kammer, Kannen und Gläser deckten in Scherben die Erde, die Wirthin schrie um Hilfe.

Nachdem er einige Augenblicke noch Widerstand geboten, fand er sich plötzlich in Mitten der Straße, betäubt von den Schlägen, die zwanzig Fäuste ihm zugebracht. Er ordnete seinen Mantel ein wenig, setzte seinen Hut zurecht, und ging seines Weges weiter. Bald dachte er des Zankes nicht mehr, andere und schreckliche Gedanken stiegen in ihm auf.

Während Gerhard in den Streit verwickelt war, saß in Antwerpen ein Mädchen, dessen Herz gewaltig pochte und die so ängstlich der Ankunft des Henkerssohnes entgegen sah, als hätte ihr ein geheimes Vorgefühl gesagt, daß ein Unglück seiner harre.

Sie allein war dem unglücklichen Jünglinge ein Engel des Trostes und der Labniß, und sie liebte ihn über alles – wußte sie doch nur allzuwohl, wie jeder Andere ihn verachtete und verschmähte. Ihre Liebe hatte den Vorwürfen ihrer Mutter, den Verweisen ihrer Nachbarn und dem Spotte der andern Mädchen Trotz geboten. Selbst, wenn man ihr das Amt von Gerhard’s Vater als ein Schimpfwort zurief, sie Henkersfrau und ärger noch schalt, dann freute sie sich, weil sie dann gerade den ganzen Edelmuth, die ganze Reinheit ihrer Liebe mehr fühlte und glaubte, einer Gott angenehmen Neigung zu folgen. Und hatte sie darin nicht Recht, das gute Mädchen? Geld und Gut besaß sie nicht, um, des Herrn Willen zufolge, dem unglücklichen Nächsten beizustehen; dagegen schenkte sie den kostbarsten Schatz ihrer Seele, die glühende Flamme ihrer keuschen Liebe dem Unglücklichsten ihrer Stadtgenossen.

Lina wohnte auf dem Vlierstege mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in einer kleinen Kammer. Der Letztere, Franz, war ein guter Junge, der fünf Tage in der Woche im Schweiße seines Angesichts arbeitete, einen halben Tag in der Kirche auf den Knieen lag und anderthalbe Tage in den Schenken trank und sang; selten kam er von da ohne blaue Augen oder blauen Rücken zurück. In den fünf Arbeitstagen aber mußte man ihn sehen; fleißiger und geschickter als er, war kein Zimmermann der Stadt; auch legte er regelmäßig sonnabends ein nettes Sümmchen Geld seiner Mutter in den Schooß, weßhalb diese ihn auch besonders lieb hatte.

Während Gerhard dem besagten Vliersteg zueilte, saß Lina mit ihrer Mutter am Heerde, beide beschäftigt, spitzen zu wirken. Da ihre Sparsamkeit ihnen nicht erlaubte, mehr denn ein Licht zu brennen, mußten sie, das Gesicht einander zugewendet, arbeiten. An der andern Seite der Kammer stand die Werkbank, an der Franz zimmerte. Weißer Sand deckte übrigens den rein und hell gescheuerten Boden, ein Kreuz und einige Heiligenbildchen hingen an den Wänden umher. Man sah dem Zimmerchen an, daß seine Bewohner trotz alles Fleißes wenig mehr gewannen, als ihr täglich Brod.

Gewöhnlich kam Gerhard um acht Uhr Abends; nie hatte er die Stunde versäumt, ohne es Lina vorher wissen zu lassen, daß er nicht komme. Nun war es schon zehn Uhr und er kam immer noch nicht. Das arme Mädchen wußte nicht was denken, und war so ihrer Unruhe zum Raube, daß sie nicht hörte, wie ihre Mutter mit ihr sprach..

»Nun Kind, was fehlt dir denn?« frug endlich die Alte. »Kommt er heute nicht, so kommt er morgen, ’s sind immer noch Tage genug im Jahr.«

»Ja Mutter, du hast gut sprechen, aber ich fürchte stets, es könne ihm etwas zugestoßen sein; er kommt doch nie so spät. – Die Leute sind so bös auf ihn! —«

»Jawohl Kind, er ist ja auch des Scharfrichters Sohn und die waren stets verhaßt. Haben die Bürger nicht den Scharfrichter Harmen todtgeschlagen und Hansken am Kronenburgthum ersäuft?«

»Und was hatten die zwei gethan, Mutter?«

»Das weiß ich nicht. – Ich glaube, nichts. Aber das kommt daher, weil die Scharfrichter so viel unschuldige Menschen aufhängen.«

»Ja müssen sie denn nicht thun, was der Schulz ihnen befiehlt? Warum ersäufen sie denn nicht eher den Schulz?«

»Oho, Lina, das war allezeit so; das Sprichwort sagt immerhin: in einem Nest, in dem viele Hunde sind, bekommt der Kleinste stets am wenigsten zu essen und wird zumeist gebissen.«

»Das ist ein häßlich Sprichwort, Mutter . . . «

Noch lange plauderten die Frauen also fort, endlich aber wurde die Alte des Wachens müde und sie sprach:

»Lina, steh’ auf; wir wollen schlafen gehen, es ist Zeit.«

Der Befehl behagte dem Mädchen nicht, denn sie hatte die Hoffnung auf Gerhard’s Besuch noch nicht aufgegeben, und nun wußte sie nicht, was ersinnen, um die Mutter noch aufzuhalten. Sollte sie lügen? Das wagte sie Anfangs nicht, endlich entschloß sie sich dennoch zu einer kleinen Lüge.

»Laß uns noch ein wenig aufbleiben, Mutter,« sprach sie. »Noch drei Blumen, dann ist mein Stück spitzen fertig.«

»Dann eile dich ein wenig, Kind, die Augen fallen mir zu.«

»Ich gehe noch nicht schlafen,« rief Franz aus seiner Ecke heraus. »Ich muß das Nähkistchen hier noch fertig machen; morgen kommt die Wirthin aus dem Pferdchen es zu holen.«

»Junge, Junge,« sprach die Alte mit einem Lächeln, in welchem ein kleiner Vorwurf lag. »Du hast gewiß am Sonntage mehr im Pferdchen getrunken, als deine Börse vertragen konnte; dann arbeite nur, damit Du die Schuld abmachst. Ich gehe schlafen. Gute Nacht und vergeßt euer Abendgebet nicht.«

Sie stand auf, um in das Nebenkämmerchen zu gehen, doch trat sie zuvor noch auf Franz zu und flüsterte ihm in’s Ohr:

»Franz, wenn Gerhard kommt, dann – Du verstehst mich ja!«

Nicht lange, nachdem sie das Zimmer verlassen, klopfte Gerhard an die Hausthüre, welche Franz ihm öffnete.

Er war bleich und tiefbetrübt; das verwunderte Lina jedoch nicht, denn selten oder vielleicht nie hatte sie seine Stirne glatt und ohne Runzeln gesehen. Langsamen Trittes kam er auf die Jungfrau zu, faßte schweigend ihre Hand und drückte sie schweigend an seine Brust. Das war sein gewöhnlicher Gruß. Was Worte dann nicht sagten, das sagte sein beredtes Auge, aus dem tiefe Dankbarkeit und glühende Liebe schauten.

»Gerhard!« rief Lina. »Was fehlt Dir? Deine Hand ist kalt, wie Eis, und, o Gott! Du hast Blut am Halse!«

»Das ist nichts, Lina. Ich habe mich im Dunkeln gestoßen. Wie glücklich würde ich sein, litte nur mein Körper.«

Diese letzten Worte begleitete ein so tiefer, hohler Seufzer, daß es Lina ganz ängstlich zu Muthe wurde. Die Härte und schärfe der Blicke Gerhard’s ließ sie eine traurige Neuigkeit fürchten. Mit liebender Sorgfalt wischte sie einige Blutspuren weg, die sein Gesicht trug, faßte dann seine Hand und drückte sie so warm, als wollte sie ihm mit dem Drucke Trost in die Seele gießen und Muth dem zagenden Herzen einflößen. Gerhard starrte stumm auf sie hin, sie aber konnte den Blick nicht lange ertragen und rief, auf ihren Stuhl zurücksinkend:

»O Gerhard, starre mich doch nicht so an! Du tödtest mich mit deinem Auge . . . «

Der Jüngling ließ das Haupt sinken und schaute zu Boden; bald aber erhob er das Auge wieder, und sprach mit dem Ausdrucke einer tödtlichen Angst:

»Hör mich an, Lina; ich habe Dir nicht viel zu sagen. Vielleicht hörst Du mich zum Letztenmale.«

Lina erbleichte bei den Worten; er aber fuhr fort, als hätte er das nicht bemerkt:

»Als Kinder spielten wir zusammen. Etwas, wovon wir uns keine Rechenschaft geben konnten, was nun jedoch zu einer gewaltigen Flamme aufwuchs, zog uns zu einander. Damals wußtest Du es noch nicht, Liebste, was es heißt, eines Henkers Sohn zu sein; Du wußtest noch nicht, daß der, welcher hängt und radbrecht und brandmarkt, mit mehr Schande beladen ist, als diejenigen, welche von ihm gehangen und geradbrecht und gebrandmarkt werden. Später sahst Du dieß besser ein, aber Deine reine Seele wollte nicht in die Ungerechtigkeit der Menschen einstimmen, und je mehr mein Unglück sich vor Deinen Augen entrollte, desto mehr wuchs Deine Liebe, denn Du wußtest, daß ich der Liebe bedarf, um nicht unterzugehen. Ohne Dich, ja, hätte mich der Gram längst weggerafft, denn ich glaubte an nichts mehr, als an die Gerechtigkeit Gottes, die mir ein besseres Leben versprach, und an die Unvergänglichkeit Deiner Liebe. Die Menschen verfolgen mich, gleich einem Verfluchten, das Blut an meinem Halse zapfte mir ihr Haß ab. Das alles aber wäre nichts, Liebste, ich ließ keine Klagen über meine Lippen und würde mein Körper zwischen zwei Steinen zermalmt; aber die Folter – der Schmerz sitzt da —« und er wies mit dem Finger auf seine bleiche Stirne, während er also fortfuhr: »Wissen, daß man bei dem unbescholtensten Leben, mit dem besten Herzen in der Brust, von aller Welt bespottet, gehaßt sein muß, – Du Engel von Güte, ist das nicht mehr, als man ertragen kann, muß einem bei der zerschmetternden Ueberzeugung das Herz nicht trocken werden?«

»Ich verstand Dich lange schon,« seufzte Lina, die mit nassen Augen auf ihn horchte. »Fühlt mein Herz nicht Alles, was Deines betrübt? War dein Auge je umwölkt, ohne daß meines in Thränen stand?« . . .

»Bisher schmeichelten wir uns mit der Hoffnung,« fuhr Gerhard fort, »daß ein unerwarteter Vorfall mich von dem Henkeramte befreien werde und daß wir dann in einer andern Stadt ruhig und ungekannt wohnen könnten; aber ach, Lina, das war nur ein süßer Traum. Die fürchterliche Stunde naht . . . Morgen, ja, morgen schon wirst Du deinen Gerhard das Richtschwert in der Faust auf dem Schaffotte stehen sehen! Darum ist die Hand, die dann den Todesstreich schlagen soll, so kalt wie Eis . . . Da fühle!« Und mit den Worten reichte er der Geliebten eine bleiche, kalte Hand.

»Mein Vater liegt krank zu Bette,« fügte er hinzu, »und der Schulz hat mir befohlen, morgen den Schiffer Hermann hinzurichten.«

Wie wenn Gerhard’s frühere Seelenstärke plötzlich auf Lina übergegangen wäre, so hörten nun ihre Thränen plötzlich auf zu fließen, und einen Blick, noch hundertfach kälter als die seinen, auf ihn werfend, frug sie:

»Nun, und was willst Du denn damit?«

»Ich will, daß Du mein vergessest, daß Du mich allein dem Schmerze und der Verachtung Preis gebest. Lina, laß mir den Trost!«

»Hat meine Liebe noch Werth für Dich, Gerhard, oder trocknete auch sie in deinem Herzen aus?«

»Im Gegentheil, Liebste, sie blieb das letzte Gut, welches Gott mir ließ, aber etwas Anderes zwingt mich, Abschied für – ewig von Dir zu nehmen. Du hast meinetwillen dein junges Leben unter Schmach und Schimpf der Andern hingebracht, eines Henkers Sohn mit dem Mantel deiner Liebe gedeckt, um ihn hart zu machen gegen die Pfeile des Hasses. Du hast Dich aufgeopfert, mir ein Gefühl zu schenken, welches ich ohne Dich nie gekannt hätte. Morgen aber, bedenke, Lina, höre ich auf, nur des Henkers Sohn zu heißen, von morgen an bin ich selbst Henker. Und meinst Du, ich forderte so viel Selbstverleugnung von Dir? ich litte, daß man Dir vorwerfe, ein Henker sei Dein Geliebter? Glaubst Du mich unedel genug, Dich, die reine Unschuld, noch mit diesen Händen zu berühren? Den Händen, die in Menschenblut, vielleicht in eines Unschuldigen Blut getaucht sind? sag mir zum Mindesten noch, Lina, daß Du mich zu gut kennest, als daß ich das von Dir verlangen könnte.«

Eine große Veränderung war in den Zügen der Jungfrau vorgegangen; es hatte sich ein Ausdruck von Freude über dieselben verbreitet, denn ihre Augen glänzten heller und ein liebliches Lächeln floß um ihre Lippen. Das Vorbewußtsein einer edlen schönen That strahlte aus ihrem Antlitz und sie sprach ruhig:

»Wohlan, mein Liebster, ich weiß sehr gut, was Du denkst, und begreife wohl, was Du sprichst, aber meinst Du denn, ich trüge Dir nicht dieselbe Liebe zu, oder ich hätte ein schlechter Herz, als Du? Ich will Dir das volle Gegentheil beweisen.«

Mit diesen Worten schlang sie ihre Arme um Gerhard’s Hals und küßte ihm die Runzeln von der Stirne.

»Gerhard« rief sie, »was sagt Dir der Kuß?«

»Daß ein Engel Dir die Krone der seligen in diesem Augenblicke auf die Schläfe drücken müßte!«

»Du verstehst mich nun,« fuhr Lina fort. »Ja, die Deine, ganz die Deine, morgen noch und für ewig! Ich will Dich, Henker oder nicht, hier oder auf dem Schaffotte. Gerhard, ich weiß, was meine Pflicht ist. Trotz allem schmähen der Menschen werde ich einst deine Frau, und dann sollen Deine Tage gewiß schön sein.«

»Nein, Lina! – Nie des Henkers Frau! Ewigen Fluch verdiente ich, nähme ich das Opfer an. Ich sollte Dich mit in den Abgrund der Schande ziehen? Nein! Nie.«

»Ich verlaß Dich aber nicht, Gerhard! Ich hefte mich fest an Dich und Du selbst bist nicht stark genug, Dich von mir zu reißen. Glaubst Du, ich würde Dich sterben lassen? Wüßtest Du nur, wie stolz, wie hochmüthig ich in diesem Augenblicke bin! Mit größerem Vertrauen geh’ ich zum heiligen Tische, denn ich fühle, daß Gott Gefallen an mir hat.«

Was Gerhard bei den Worten fühlte, das ließe sich schwerlich sagen. Er warf einen langen Blick voll Verwunderung auf sie, die sich so edelmüthig für ihn hingeben wollte. Nach langer Zeit zum erstenmale wieder flog ein heiterer Sonnenstrahl über seine Züge; ein schwerer Seufzer entlastete seine Brust, er hob die Augen zum Himmel und rief:

»Gott, Gott, vergieb! Ich durfte mich bei Dir beklagen und Du hast mir einen deiner Engel geschenkt!«

Lina’s Busen klopfte höher bei diesem Dankgebete; eine bescheidene Röthe färbte ihre Wangen; ihr Auge glänzte lichter.

Während dieser Unterredung hatte Franz an seiner Werkbank ruhig weiter gearbeitet, ohne sich weiter um die Beiden zu bekümmern. Nun aber war sein Nähkästchen fertig und er sehnte sich nach Ruhe. Gerhard bemerkte dieß und griff nach seinem Hute. Während er den Mantel umwarf, sprach er seufzend zu Franz:

»Morgen soll ich dem Schiffer Hermann den Kopf abschlagen.«

»Dann paß nur auf,« entgegnete Franz kalt, »denn wenn Du verkehrt schlügest, dann könnte es Dir schlimm gehen, wie Hansken. Dann helf’ ich Dir aber.«

Gerhard warf noch einen Blick voll tiefer Kümmerniß auf Lina, wischte sich eine Thräne aus dem Auge und wandte sich der Thüre zu. Da umarmte sie ihn zum Abschiede und ihren letzten Kuß begleiteten die Worte:

»Auf dem Galgenfelde steh’ ich morgen neben dem Schaffotte, da beschau mich nur wohl« . . .

Und nassen Auges und gepreßten Herzens horchte sie auf die stets mehr verhallenden schritte des Geliebten.

II

Nachdem der schlaftrunkene Franz so unerwartet das Gespräch der beiden Liebenden unterbrochen, hatte Gerhard das Lebewohl für ewig nicht wiederholt; er wollte Lina den Schmerz sparen, doch schien sein Abschied auf immer unwiderruflich, denn sein Entschluß war gefaßt, das reine, edle Mädchen nie sein schmachbeflecktes Loos theilen zu lassen.

Unsichern, doch schnellen Schrittes durcheilte er die Straßen, welche vom Vlierstege nach seiner Wohnung führten, und stand, ehe er es noch dachte, in der Nähe des Walles an einer Thür, deren rother Anstrich sagte, daß der Scharfrichter von Antwerpen in dem Hause wohne.

Er klopfte; ein Knecht öffnete und Gerhard frug:

»Nun, Jan, war der Schulz hier?«

»Ja, er geht just weg. Euer Vater befahl mir, Euch zu sagen, daß er Euch erwarte.«

Gerhard eilte die Stiegen empor und trat in ein Zimmer, in welchem sein Vater krank zu Bette lag.

Der Alte war bleich und mager; man sah, daß eine an seinem Herzen nagende Qual seine Wangen durchpflügt und die verglasten Augen tief in ihre Höhlen hineingedrängt hatte.

Wiewohl alle zehrenden Krankheiten den Körper so austrocknen, daß nur die Gebeine und Haut davon überbleiben, lassen sie dem Geiste doch all seine Kraft; es scheint selbst, daß je mehr der Leib vergeht, desto stärker der Geist wird. So war es auch bei dem alten Scharfrichter der Fall; obschon krank und matt an allen Gliedern, war es so licht in seinem Innern, wie in den Tagen blühendster Gesundheit. Als Gerhard in die Kammer trat, wandte der Alte das starre Auge ihm zu; er sprach aber nicht.

Gerhard griff schnell nach einem Stuhle und setzte sich zu Häupten des Vaters; steckte dann seine Hand unter die Bettdecke, um des Greises dürre Hand zu suchen; die drückte er krampfhaft in der seinen und frug mit von banger Erwartung bebender stimme:

»Der Schulz war hier, Vater. Sage mir doch schnell, was ist mein Urtheil? Muß ich Henker werden?« —

»Sohn,« antwortete der Alte traurig, »ich habe alles bei dem Schulzen versucht, aber er will nicht, daß unser Knecht deine Stelle vertrete. Weder Geld noch Bitten konnten ihn erweichen; du mußt Henker werden, mein armer Sohn.«

Der Unglückliche hatte dieß Urtheil wohl geahnt, doch traf die Bestätigung desselben ihn schwer.

Ein eisiger Schauder überlief seinen ganzen Leib.

»Morgen also soll meine letzte Hoffnung untergehn!« rief er wie verzweifelnd; »morgen muß ich ein bezahlter Mörder werden!«

»Sohn,« fiel der Alte tief ergriffen ein, »bereite Dich zu einem Leben voll Foltern, voll Qual. Jedwedes Haupt, welches Du abschlägst, wird einem Steine gleich auf Dein Herz fallen, und wenn der Steine genug darauf liegen, dann stirbst Du, wie ich jetzt . . . Aber Sohn, es giebt über uns einen Richter, der all unser Leiden vergütet!« —

»Gott, blieb denn nicht ein Weg, nicht ein Mittel unangewandt, keine Hoffnung mehr, muß es denn durchaus sein?« frug Gerhard mit immer steigender Angst.

»Sohn,« sprach der Alte, die Augen dem Tische zuwendend, »nimm das Buch, welches da liegt, der Schulz ließ es hier, und lies das aufgeschlagene Blatt.«

Gerhard las, seine Wangen erglühten in Zorn und Wuth, und er warf das Buch zur Erde.

»Verfluchtes Gesetz, das mich schon im Mutterschooße zum Blutvergießen, zur Schande verurtheilte! O Menschen! so schrieet ihr mir denn schon in der Wiege zu: Das Kind gehört nicht uns, ’s ist eines Henkers Erstgeborner! Schande über ihn! Einer giftigen Schlange gleich krieche er sein Leben durch, geflohen, gehaßt! – Und da lag ich und lachte der leuchtenden Sonne entgegen und spielte mit meinen Henkershändchen!« —

Vergebens suchte der Alte Gerhard zu beruhigen; alles war verloren. In der Hoffnung, daß der Schlaf wohlthätig auf ihn wirken werde, sprach er endlich:

»Das lange Reden hat mir die Brust angegriffen; ich will dir nur noch einen Rath geben. Wenn du morgen das Schaffot besteigst, dann schaue nur ja nicht auf’s Volk; die Tausende von Augen, die alle von blutsüchtiger Neugier glühen, würden dich verwirren und zittern machen. Denke, du seiest mit dem armen Sünder allein und nimm das Maaß wohl bei dem Schlage, denn wenn es dir mißglückte und du das Haupt nicht in einem Streiche abschlügest, dann erhöben sich tausend Stimmen gegen dich und – ich sähe dich vielleicht nie wieder. Ich werde unterdessen zu Gott bitten, daß er in Gnaden dir Kraft gebe, ein Werk zu vollbringen, welches ihm gewiß mißfällt. Geh denn Sohn – und nimm meinen Segen mit dir.«

Noch hätte Gerhard seine Klagen nicht geendet, aber der Alte wischte sich eine Thräne aus dem Auge und diese unterdrückte Alles, was er noch vorbringen wollte. Er schied mit einem innigen:

»Schlaf wohl, guter Vater, Schlaf wohl.«

In seine Kammer getreten, riegelte er die Thüre hinter sich zu, setzte sich vor dem kleinen Tische nieder und stützte das Haupt in die offene Hand; sein Auge schloß sich nicht, es war starr.

Die Sonne des andern Morgens fand ihn noch in derselben Stellung.

III

Der folgende Tag war ein herrlicher Lenztag. In recht wohlthätiger Wärme leuchtete die Sonne von dem transparenten Azurgewölbe, an dem nur hie und da ein graues Wölkchen leicht hinzog. Der Einfluß der reinen, duftigen Luft wirkte mächtig auf die Bürger von Antwerpen. Alle Straßen waren bedeckt mit Spaziergängern, die in den schönen, neuen Feierkleidern prunkten; die Kinder spielten wieder im Freien und eine zahllose Menge kleiner Käferchen, welche sich aus den umliegenden Feldern über die Stadt verbreitet hatten, botschaftete, daß die Natur von Neuem ihren Schooß erschlossen hatte.

Gegen zehn Uhr hatte sich die ganze Menge bei der Liebfrauenkirche versammelt, um die Prozession zu sehen, die eben auszog. Mit entblößtem Haupte ließen Alle die prächtigen Standarten und Fahnen vorbeiwogen. Als endlich aber das Allerheiligste nahte, da sank ein Jeglicher in stummer Anbetung nieder auf die Steine des Marktes.

Der Prozession folgten unmittelbar die Mitglieder der sechs Gilden. Zuerst kamen die Brüder der Fechtergilde, dann die Kolbeniere, die von dem alten und jungen Fußbogen und die des alten und jungen Handbogens. Als diese alle vorbei waren, wurde die Bewegung unter dem Volke stärker und ein jeder schrie:

»Der Umgang! der Umgang!«

Es war der Umgang wirklich; ihn eröffnete ein ungeheurer Fisch, der in gemaltem Wasser schwamm, einen Kupido auf dem Rücken und echtes Wasser in Menge im Bauche trug. Von Zeit zu Zeit versandte er das Letztere in ansehnlicher Quantität aus seinen Naslöchern, und Wehe dem, der dann in der Nähe stand.

Dem Wallfische folgte der Riese Drüon-Antigon, der gemächlich in die Söllerfenster hineinschaute, Delphine, Neptun auf seinem Wagen, der Parnaß mit den Musen, Fortuna und noch viel Anderes.

Während die Menge jede neue Vorstellung mit lautem Klatschen und Jauchzen begrüßte und der Jubel kein Ende fand, saß der arme Gerhard am Siechbette seines Vaters, die Arme übereinander gekreuzt. Es war nicht mehr der Jüngling mit den schönen schwarzen Locken, die seinen bleichen Zügen einen so männlichen Ausdruck liehen. Die eine Nacht hatte ihn verwüstet – tiefe Runzeln furchten sein Gesicht und sein Haar war – schneeweiß. Die gräßlichen Seelenfoltern hatten so sehr auf seine Nerven eingewirkt, daß das mindeste Geräusch ihn zittern machte, und wenn die Glocke von St. Jakob eine Stunde mehr rief, dann rann kalter Schweiß ihm von der Stirne und die grauen Haare sträubten sich empor.

Bis zwei Uhr Nachmittags saß er also da; um sechs Uhr sollte die Hinrichtung stattfinden. Der Alte sah ängstlich auf ihn hin und zwei große Thränen drängten sich ihm in die matten Augen. Endlich hub er also an:

»O Gerhard, Gerhard, bedenke doch das Wehthum deines alten, kranken Vaters, bedenke, was ich leiden muß, wenn ich dich also sehe. Weißt du wohl, daß diese deine Gemüthsstimmung mir eben so schrecklich ist, wie ein Brechen des Stabes über deinem Haupte? Was sagst Du mir Anders damit als: diesen Abend wird das rasende Volk mich in Stücke reißen, die zappelnden Glieder unter die Füße treten und Du, Vater, kannst dann sehen, wie Du sie auf dem Galgenfelde zusammensuchest.«

»Ja, das weiß ich wohl,« antwortete Gerhard mit hartnäckiger Kälte; dem Alten aber jagten die Worte eisige Schauder durch alle Glieder. Ein fürchterliches Geheimniß durchschaute er in denselben. Mit aller Kraft, die ihm noch geblieben, richtete er sich dann auf, zog Gerhard zu sich und schlang ihm die magern Arme um den Hals, indeß er ihn unter strömenden Thränen auf die bleichen Wangen küßte.

»Sohn, Sohn!« rief er, »Du willst denn sterben? Du hegest in Ruhe diesen sündigen Gedanken, wirfst Dich freiwillig als Opfer in die Arme des grausamen Pöbels? Mich schwachen Greis willst Du allein hier zurücklassen? Du dachtest wohl nicht, Gerhard, welche Undankbarkeit in dem Entschlusse liegt.«

Diese Worte, die Umarmung wirkten gleich einem Zauberschlage auf Gerhard; er konnte ihrem gewaltigen Eindrucke nicht Widerstand leisten, er schrak vor sich selbst zurück. Liebe und Kindespflicht lebten neukräftig in ihm auf und wie Fieberroth glühten seine Wangen.

»In Gottes Namen denn!« rief er. »Sie wollen es, es sei. Weine nicht mehr, Vater. Dein Sohn soll ein Henker werden, und das mit einem Henkersherzen!«

Wie sehr aber betrog der arme Gerhard sich selbst und seinen Vater! Es war kein Muth, der ihn beseelte, es war Verzweiflung. Lassen wir ihn einstweilen in Thränen gebadet an der Brust seines Vaters, wir werden ihn bald anderswo wiederfinden.

IV

Wir wir schon sagten, sollte der verurtheilte Schiffer Hermann um sechs Uhr Abends hingerichtet werden.

Lange schon vor dem verhängnißvollen Augenblicke sah man große Haufen Volkes aus dem Sankt Georgsthore dem Galgenfelde zuströmen. Keine der öffentlichen Belustigungen hatte mehr Zuschauer, als das in Hoffnung stehende Schauspiel, wobei ein Menschenhaupt grinzend von dem Schaffotte rollen sollte, während der Boden rings von Menschenblut dampfte.

Das ganze, weite Galgenfeld war bedeckt mit Neugierigen. Frauen jeden Standes und Alters standen da mit Söhnen und Töchtern; der Greis selbst, der während des ganzen Jahres den Heerd nicht verließ, war noch einmal aus seinem Eckchen gekrochen, den armen Sünder sterben zu sehen. Jubel und Lachen scholl aus der dichten Menge empor zu den halb von den Raben zerfressenen Leichnamen, die an dem Galgen und auf dem Rade noch zur Schau standen.

Neben dem Schaffotte aber stand ein Mädchen, dessen Herz hörbar an den bangen Busen pochte; gerne hätte sie ihren Thränen freien Lauf gelassen, aber sie war dahin gekommen, um dem neuen Scharfrichter Muth einzuflößen, um also durch den schnellen Abschnitt des Lebensfadens des Verurtheilten den Lebensfaden ihres Geliebten zu sichern. Es war Lina. Franz stand in seinem braunen Sonntagsmantel und dem breitrandigen Hute ihr zur Seite. Lina hatte ihm die Gefahr mitgetheilt, in der Gerhard’s Leben schwebte und er hatte geschworen, dem den Kopf einzuschlagen, der es wagen würde, einen Stein gegen den Henker aufzuheben.

Es begann schon zu dunkeln, als der Armesünderkarren heranfuhr. Der Verurtheilte saß, fast ganz in schwarz gekleidet, mit einem Geistlichen zur Seite, in der Tiefe des Wagens; vorne Gerhard mit dem großen Richtschwerte, seinen Knecht neben sich.

Es ist unmöglich zu sagen, was in des Scharfrichters Herzen vorging; seine Augen waren niedergeschlagen, er wagte nicht auf das Volk zu schauen. Hätte das Schwert ihn nicht kennbar gemacht, man hätte schwerlich errathen können, wer der Hinzurichtende gewesen, Hermann oder er; es war sichtlich, jener war viel weniger beschämt und trübe, als Gerhard. Ohne es zu wissen, bestieg er das Schaffot; was um ihn herum vorging, davon sah er nichts; selbst Lina bemerkte er nicht, obschon diese ihm öfters durch ihrem Bruder Zeichen geben ließ.

Die Henkersknechte wollten den Verurtheilten auf das Schaffott führen, doch der gab vor, er habe seine Beichte nicht wohl gesprochen und wolle nun erst ganz sein Gewissen säubern, da er doch sehe, daß keine Gnade mehr für ihn wäre. Vielleicht hegte er Hoffnung auf Selbstbefreiung, wozu die stets mehr wachsende Finsterniß ihm allerdings einigen Schein geben konnte; sahen doch die, welche nur in etwa entfernt von dem Schaffotte standen, kaum mehr, daß sich etwas darauf, regte. Das Volk wurde inzwischen ungeduldig und schrie laut zur Beschleunigung des Blutwerkes. Nun brachte man den armen Sünder mit Gewalt auf das Gerüste und ließ ihn niederknieen; der Henkersknecht entblößte ihm den Hals und wies Gerhard auf eine Stelle desselben, als wollte er sagen: »Hierhin schlaget, Meister!«

Beim Anblicke des bloßen Fleisches, in welches er hauen sollte, erwachte Gerhard aus seinem Hinbrüten. Seine Beine zitterten, daß das Schaffot bebte, und das Schwert entsank seinen Händen. Da das Zeichen zur Ausführung des Urtheiles noch nicht gegeben war, achtete das Volk nicht darauf; der Knecht hob das Eisen auf und reichte es Gerhard wieder; krampfhaft hielt er es in der Faust.

Endlich gab die Rothe-Ruthe das Zeichen zum Schlagen, aber Gerhard hörte nichts und sah ebensowenig den rothen Stab sich senken. Bereits begann das Volk zu murren, als der Knecht rief:

»Schnell, Meister, schnell!«

Mit all dem Muthe, mit all der Kraft, die ihm noch übergeblieben, erhob Gerhard das Schwert über dem Halse des Verurtheilten; er war fest entschlossen, zuzuschlagen. Aber nochmal übermannte ihn Scham und Angst; er wußte nicht, was er that. Rasend endlich holte er zu einem Schlage aus, dessen Gleichen nie geführt worden, doch in dem Augenblicke wandte der arme Sünder den Kopf und stieß einen jämmerlichen Schrei aus – Gerhard’s Muth sank, er ließ das Schwert auf des Schiffers Leib fallen, ohne ihn selbst zu verwunden.

Der Missethäter, dem beim Falle des Schwertes ein kalter Schauder den Leib überlaufen hatte, sprang nun plötzlich empor, streckte seine Arme nach dem Volke aus, und schrie um Hilfe, weil man ihn muthwillig martere.

Das genügte, die Menge aufzubringen. Nur eine Stimme erhob sich aus ihr:

»Schlagt ihn todt! Schlagt ihn todt, den Menschenquäler!«

Steine schwirrten durch die Luft nach Gerhard’s Haupt, doch nur in geringer Anzahl; der Haidensand des Galgenfeldes bot ihrer nicht viele.

Der arme Scharfrichter stürzte halb sinnlos dem Volke entgegen auf den Rand des Schaffottes, kreuzte die Arme willig über der Brust und schrie:

»Da, hier, wirf mich zu Tode, blutdürstig Volk!«

Nun kannte die Wuth der Menge keine Gränzen mehr. Die Frauen, Kinder und bessere Bürger flüchteten nach allen Seiten, der Pöbel drängte sich dem Blutgerüste racheschreiend näher und näher. Die Verwirrung stieg mit jedem Augenblicke. Auf dem Schaffotte hatten sich die Gerichtsdiener um Gerhard und den Verurtheilten geschaart, den Ersten zu schützen, den Zweiten, der alle Gewalt anwandte, zu entfliehen, fest zu halten. In dem Augenblicke schlich ein Mann im braunen Mantel schnell auf das Gerüste, zog Gerhard am Aermel und flüsterte ihm ins Ohr:

»Schnell, Lina beschwört Dich bei Gott und ihrer Liebe, zu kommen, um rasch ein Wörtchen mit ihr zu sprechen; sie steht unten; komme schnell!«

Zugleich sprang er selbst zur Rechten unters Volk, um Gerhard die Stelle anzuweisen, wo Lina sein harrte; dieser folgte bald; konnte er der Geliebten ein letztes Lebewohl weigern? Kaum stand er aber bei Lina, als Franz ihm den braunen Mantel um die Schultern warf, den breitgerandeten Hut ihm auf den Kopf drückte, seinen Arm in den Lina’s fügte, und beide fortpressend, flüsterte:

»Schnell, still und kühn durch die Menge, und in den Busch hinter’s zweite Werk!«

Als er sah, daß Lina ihm gehorchte, und Gerhard sich stumm hinwegführen ließ, lief er schnell nach der andern Seite des Schaffottes und lärmte und schrie da dergestalt, daß die Menge nicht anders glaubte, als er habe den Henker unter Händen, und sich ungestüm um ihn herum drängte, wodurch Gerhard und Lina ganz ungestört und frei ihren Weg verfolgen konnten. Franz raste unterdeß, wie ein Besessener:

»Schlagt todt! schlagt todt! Hier ist der Menschenquäler! Haben müssen wir ihn!« Alles drängte sich nun auf das Blutgerüste; trotz dem kräftigen Widerstand der Gerichtsdiener wurde der Verurtheilte befreit, und wollte man nun die Gerichtsdiener zwingen, zu sagen, wohin sie den Henker geschafft hätten.

Einer aus der Menge hatte bemerkt, daß Franz Hut und Mantel einem Fremden umgeworfen, auch wie dieser am Arme eines Mädchens plötzlich in der Richtung nach dem Walde verschwunden war; als man den Henker nun nicht fand, schloß er ganz richtig, daß der Flüchtling es gewesen sein müsse, und eilte wüthend den Beiden nach. Hinter einem Busche endlich sah er sie verschwinden; fluchend vor Freude und Blutdurst stürzte er hinter ihnen drein, riß Gerhard’s Mantel ab – da funkelte ihm das rothe Henkerskleid entgegen; ein schwerer eisenbeschlagener Stock schwirrte durch die Luft, und Gerhard sank. Damit noch nicht zufrieden, wollte der Rasende noch weiter seine Wuth an dem Unglücklichen auslassen, doch Lina warf sich mit der Kraft der Verzweiflung ihm entgegen und hielt ihn so allgewaltig umschlungen, daß er kein Glied rühren und nur durch Flüche und Verwünschungen sich Luft machen konnte.

Glücklicherweise war das Getöse des Pöbels an dem Schaffotte so arg, daß keiner dieser Flüche bis dahin dringen konnte; sonst hätte Lina sich bald von mehreren Feinden umzingelt gesehen, und dann wäre wohl keine Rettung mehr gewesen, weder für sie, noch auch für Gerhard, den man selbst als Leiche mißhandelt hätte. Lange aber konnte sie es doch nicht aushalten gegen ihren Gegner, ihre Kraft wich mit jeder Minute mehr, und der einzige Trost, der ihr zu bleiben schien, war, auf der Leiche ihres Gerhard ihren letzten Athemzug auszuhauchen. Schon nahten schnelle Schritte dem Orte, schon glaubte sie sich verloren, – doch nein, es war Franz, der herbeieilte. Ein Blick auf Gerhard sagte ihm deutlich genug, was vorgefallen; in einem Sprunge stand er neben seiner Schwester, faßte mit kräftiger Hand ihren Gegner, und riß ihn zu Boden, griff ihn dann bei den Beinen und schleifte ihn weg mit sich, indem er schnell Lina zurief:

»Verbirg Gerhard im Gebüsche! Lebt er noch, dann ist er gerettet! schnell!schnell!«

Pfeilgeschwind flog er mit dem Andern dem Blutgerüste wieder zu, fortwährend schreiend:

»Victoria! Hier ist der Kerl!«

»Schlagt todt! Schlagt todt!« antwortete die Menge. In einem Augenblicke stand das Blutgerüste einsam, alles schaarte sich um Franz, alles schrie:

»Der Henker! Der Henker!«

Und hundert Schläge von Stöcken, Steinen, Messern sanken auf den Heulenden, der nun einmal der Henker sein mußte, und um so weniger erkannt werden konnte, da Dunkel und Wuth Aller Augen blendeten, und der Blutschrei jedes seiner Worte übertäubte. Er lebte keine Viertelstunde mehr; seine Kleider flogen in tausend Läppchen umher, seine Leiche war unkenntlich.

Franz ließ die Menge bei dem Rachewerke und eilte seiner Schwester wieder zu, die neben Gerhard knieete und den Himmel um Gnade für ihn anflehte. Eine flüchtige Untersuchung sagte dem braven Franz, daß noch Leben in dem regungslos Daliegenden sei; er lief einem nahen Graben zu, und kam bald mit einem Hute voll Wasser zurück, welches er über Gerhard’s Gesicht und Brust sprengte. Langsam kam dieser wieder zu sich; das erste, was er fühlte, waren Lina’s glühende Lippen, das erste, was er sah, ihr durch Thränen hindurch in Freude glänzendes Auge.

Sobald er seine Kräfte wieder gewonnen hatte, verließen sie die Stelle und kehrten möglichst behutsam nach der Stadt zurück, wo Gerhard sich in Lina’s Wohnung verborgen hielt, bis die Liebfrauenglocke Mitternacht schlug. Dann ging er, von Franz begleitet, dem einsamen Henkershause zu.

Der alte Scharfrichter klagte noch auf dem Siechbette um den verlorenen Sohn, als die Thüre der Kammer sich öffnete und Gerhard in seine Arme stürzte; da rieb er sich die Augen, frug, weinte, bat, flehte um Gewißheit, denn es schien ihm nur ein schöner Traum, aber Gerhard küßte ihn so herzlich und so lange auf die bleichen magern Wangen, preßte ihn so innig an die Brust, daß der glückliche Vater vor Freude zu sterben meinte.

»O Sohn, Sohn!« rief er endlich. »Wie bist Du so gesegnet! Von dem Tode nicht nur gerettet, sondern auch von der Schande! Der Fluch, der über uns waltet, endigt nur mit dem Tode und . . . ja Du bist todt.«

»Und ich vergoß kein Blut!« fiel Gerhard wonnetrunken ein.

»Dann lebe fern von hier,« fuhr der Alte fort, »verlaß Antwerpen, nimm deine Lina, liebe sie stets und treu und segne Dich der Himmel! Deine Söhne werden keine Henker im Mutterschooße genannt werden, Du wirst über sie nicht weinen, wie ich über Dich geweint. Die Ersparnisse meines Vaters und die meinigen befreien Dich für immer von Armuth. Gebrauche sie wohl und sei glücklich . . . «

Langsam brach des Alten stimme; die Rührung, die Freude hatte ihn zu sehr getroffen; Gerhard konnte des Dankes kein Ende finden; an Worten gebrach’s ihm, nicht aber an Thränen . . .

*                   *
*

Lange noch nachher lebte der Henkerssohn Gerhard zu Brüssel unter anderem Namen, in treuer Liebe vereint mit seiner Lina. Und als er endlich sein letztes Stündlein nahen sah, da umringten zahlreiche und brave Kinder sein Lager, und unter ihren Gebeten schlummerte er selig hinüber.

Die neue Niobe

Was unter Gottes Hand nicht beugen will, das bricht.

J. Cats.

Vor einigen Jahren, und zwar gegen die Mitte des Jahres 1832, lebte in Antwerpen eine reiche Wittwe, Namens Clotilde von Valburg. Als ausgezeichnete Schönheit und nicht ohne das leicht flatternde Wesen, welches der Franzose esprit nennt, glaubte sie sich nur zu Genüssen jeder Art und aller Freuden der Welt berufen. Gleich allen Frauen ihres Schlages hatte sie eine wahre Angst vor jedem ernstern Gedanken, jeder edleren Regung, wie vor Feinden ihres süßträumerischen Lebens; ebenso gefühllos war sie gegen alles geworden, was nicht durchaus ihrer Ueppigkeit fröhnte. Gegen das Unglück war sie im höchsten Grade gleichgültig, sie verabscheute seinen Anblick; ja selbst auf ihren Kindern, die doch schön waren, wie Engel, ruhte ihr Blick nie in mütterlichem Gefühl, und dieß schwindet doch wohl zu allerletzt aus der Brust einer Frau. Ein nicht nach ihrem sinne gemachtes Kleid, das Zerbrechen eines Porzellanfigürchens, der Anblick eines kostbaren Edelsteines am Halse einer andern Frau, das waren Dinge, welche sie aufbringen konnten, als sei ihr das größte Unglück begegnet.

Eines Tages befand sie sich in einem kleinen Saale ihres glänzend eingerichteten Hauses, wo sie, in nachlässiger Stellung auf dem Sopha ruhend, das Auge unstät auf den Blättern eines Buches umirren ließ, welches den Namen von Georges Sand auf dem Titelblatte trug. Las sie darin? Vielleicht.

Alles in dem Zimmer zeugte von dem kleinlichen Geschmack der Hausfrau; die Kaminplatte und die Fenstertafeln waren beladen mit den gebrechlichen Siebensächelchen, deren Gebrauch für den Eigenthümer wie für den Beschauer ein Räthsel ist, und die von Kinderspielzeug meist nur im Preise sich unterscheiden. Das Licht, welches mit Mühe nur in diesen Wohnsitz des Ueberflusses drang, war nicht das volle, lebendige, klare Licht der Sonne; farbige Gardinen zwangen es in ein mattes, rosenrothes Kleid zu schlüpfen und die Farbe der Verführung auf alles zu werfen, worauf es fiel.

Ein schönerer Schmuck des Saales waren sechs gar schöne Kinder, die ganz leise, und ohne auch nur das leiseste Geräusch auf dem Teppich des Bodens, in einem großen Bilderbuche blätterten. Zu sprechen wagten sie nicht und nur durch Zeichen und Gebärden drückten sie ihr staunen, ihre Freude an den Bildchen aus; sie wußten nur zu wohl, daß ihre Mutter sie bei der geringsten Störung aus dem Zimmer jagen werde. Das Aelteste von ihnen mochte etwa zwölf Jahre alt sein, das Jüngste hatte kaum sein drittes Jahr erreicht. Es waren drei Brüderchen und drei Schwesterchen, und wie es schien hatten sie einander herzlich lieb, denn ein recht anmuthiges, süßes Lächeln schwebte auf ihren Gesichtchen und ihre Händchen begegneten einander oft . . . . Ich sah nicht selten Bilder, auf denen der Maler sechs Engel malte in unschuldigen, reinen spielen . . . Ja, so waren diese auch, – die feinen, hellen Züge, die kein Mißtrauen noch furchte – die blonden Härchen, welche kein Eisen noch sengte, kein Kummer, kein Alter noch bleichte, – die vollen Aermchen, welche keine Arbeit, keine Wollust noch versteifte oder erschlaffte – diese Menschennatur in all ihrer Frische, so grün, so lieb, wie die ersten Blätter und Blüthen des Frühlings. Und doch vermochten diese Engelsbildchen nicht, das Auge der Mutter mehr anzuziehen, als jenes Buch einer unweiblichen Frau; nicht einmal schaute sie von diesem auf und zu jenen hin.

Nachdem sie wohl eine Stunde lang also in dem Lesen vertieft gesessen hatte, pochte es leise an der Saalthüre, und gleich darauf trat ein Diener ein und sprach:

»Madame, eine Frau war diesen Morgen schon viermal hier, um mit Ihnen zu sprechen. Ich habe sie immer abgewiesen; es scheint eine gemeine Bürgersfrau zu sein.«

»Das war gut. Man lasse mich in Frieden, ich bin nicht zu sprechen für diese Leute. Uebrigens wird Herr Eugen de Valenge bald kommen, der junge Franzose, der mich gestern aus dem Concert nach Hause führte. Bringe ihn gleich herein zu mir.«

Der Diener beugte sich tief und sprach:

»Ich vergaß, Ihnen zu sagen, Madame, daß die Frau, von der ich eben sprach, in dem Vorzimmer auf Antwort wartet. Sie weint, daß einem das Herz brechen sollte, und scheint Ihre Güte in etwa in Anspruch nehmen zu wollen.«

Frau von Valburg stand auf und ging einigemale ungeduldig auf und ab; dann fuhr sie unwillig auf:

»Hat man denn nie Ruhe! Was ist’s denn für eine Frau? Wie heißt sie?«

»Madame, sie ist nur ärmlich gekleidet und läßt sich melden als Caroline Soeteveld; sie sagt auch, daß sie Ihre Schwägerin sei.«

Dieß Wort war kaum von des Dieners Lippen, als ein dunkles Purpurroth die Wangen der Dame überlief. Gebieterisch den Finger zur Thüre wendend, antwortete sie in höchstem Aerger:

»Peter, ich verbiete es dir durchaus dieß Weib herein zu lassen; sage ihr, ich sei nicht zu Hause. Geh!«

Der Diener verließ, sich tief bückend, den Saal, doch bald nachher schallte es von dem Vorzimmer her wie Klagegeschrei und heftiges Ringen, die Thüre flog auf, eine noch junge Frau stürzte herein und warf sich auf ihre Kniee nieder vor Frau von Valburg. Diese glühte vor Scham oder Zorn, vielleicht vor beiden zugleich; stolz den Kopf in den Nacken werfend, sah sie verachtungsvoll auf die Unglückliche nieder, welche nun die Hände flehend zu ihr ausstreckte.

Frau von Valburg hieß die Kinder aus dem Zimmer gehen und sprach dann, sich zu der Knieenden wendend:

»Ei nun, was soll das heißen? Wozu diese Komödie? sprich schnell, was willst du?«

Die junge Frau warf einen Blick, einem Gebete gleich, zu der Dame empor und seufzte weinend:

»O, sprecht doch nicht also zu mir. Ich bin so unglücklich und zum Tode betrübt. Ach erbarmet euch doch über eine Arme, die auf ihren Knieen euch um Hilfe fleht . . . «

Die Dame ließ die Flehende knieen, entfernte sich auf einige Schritte, nahm das Buch wieder zur Hand und sprach mit erkünstelter Kälte:

»Ich habe keine Zeit, auf dieß Geklage zu achten. So du etwas von mir zu erlangen wünschest, dann ist diese Schauspielerei die Art nicht, zu deinem Ziele zu kommen; einer langen Historie werde ich doch nicht ausweichen können, drum fang nur an, wie du doch wolltest, und mach’ bald ein Ende.«

Diese harten Worte verletzten sichtlich die junge Frau auf’s Allertiefste, doch es zwang sie wohl etwas Anderes, dieselben zu überhören, denn sie rang die Arme in peinlicher Ungeduld, und ihre Bewegungen schienen zu sagen:

»O Gott, Gott, ich muß es verbeißen.« Sie erhob sich und entgegnete nicht ohne stolz:

»Es muß wohl ein unwiderstehbarer Zwang sein, der mich zu diesem Besuche treibt, denn ich weiß, daß die Bande des Blutes, die uns vereinigen, für euch eher ein Grund zum Hasse, als zur Liebe sind. Habt aber doch endlich einmal Mitleid mit uns – ach, rettet uns vor Schande und Armuth! Lasset meine Bitte nicht ungehört – ich will ja euren Namen segnen, wie den eines schützenden Engels.«

Statt aller Antwort griff die Dame nach einer silbernen Klingel und schellte dreimal.

»Peter,« sprach sie zu dem eintretenden Diener. »Lasset meinen Wagen anspannen. Schnell!«

Dann wandte sie sich wieder zu der weinenden Frau:

»Du siehst wohl, wenn das so fortgeht, dann habe ich keine Zeit, dich anzuhören. Noch einmal denn, mach es kurz ab.

Ein leichtes Aufwallen von Zorn glänzte auf der Unglücklichen Gesicht, doch sie bezwang sich und sprach schneller:

»Madame, Schwester, ihr wisset es, wir haben, obwohl in der Noth, doch nie euch um Unterstützung gebeten; mein Mann ist arbeitsam, wir sind mit wenigem zufrieden, doch Gottes Hand ruht so schwer auf uns. Mein Mann hat seine Stelle schon seit zwei Jahren verloren, und seitdem leben wir von Hoffnungen und Versprechungen. Vor sechs Monaten wollten wir einen kleinen Handel anfangen und liehen uns einiges Geld dazu, doch ein schlechter Mensch betrog uns und wir verloren Alles. Mein Mann sitzt im Gefängniß, weil er den verfallenen Wechsel nicht bezahlen konnte, eins von meinen beiden Kindern liegt im Hospital, mein Hausrath wird Freitag öffentlich durch das Gericht verkauft, übermorgen werde ich aus meinem Häuschen vertrieben – ich habe weder Geld noch speise, ich leide um Aller willen, um meines Mannes willen, dessen Ehre Gefahr läuft, um mein Kind, welches im Spital am Tode liegt, um mein anderes Kind, welches seine Mutter vergebens um Brod fleht, und mit ihr binnen zwei Tagen den blauen Himmel als Obdach und die kalte Straße als Ruhebett haben wird. O Madame, könnet ihr hier vergessen, daß in den Adern eurer und meiner Kinder dasselbe Blut fließt? Werdet ihr eine Frau, die Mutter und unglücklich ist, von einer glücklichen Frau und glücklichen Mutter ungetröstet weggehen lassen können?«

Frau von Valburg ärgerte sich nicht wenig darüber, daß die Flehende gar von Verwandtschaft sprach, welche zwischen ihnen Beiden bestand.

»Was kann ich denn dazu thun?« frug sie barsch.

»Madame, fuhr die Arme fort, seht hier, was ihr thun könnt, leiht uns eine Summe von dreitausend Franken. Mit dem Gelde erlöse ich meinen Mann aus dem Kerker, hole ich mein armes Kind aus dem Hospital und bezahle ich die Miethe meiner Wohnung. O denket doch, welche Segnungen dann auf euer Haupt niedergerufen werden, die ihr uns aus diesem Abgrunde von Schande und Elend erlöset hättet.«

Sie erwartete einige Augenblicke ängstlich die Antwort der Dame, welche endlich sprach:

»Ich bin nicht gewohnt, Geld zu leihen, um Undankbare zu machen. Wäre euer Mann nicht so lange müßig herum gelaufen, dann würdet ihr nicht in diesem Zustande sein. Denket darum nicht, daß ich mein Geld wegwerfen werde, um die Faulheit zu unterstützen. Geht und seht, wie ihr euch selbst aus dem Elende zieht, worein ihr euch durch eure Schuld gestürzt habt. Wenn ihr meint, ich werde euch unterhalten, dann betrügst du dich nicht wenig. Hast du nicht gehört, daß du gehen sollst?«

Eine Fluth von Thränen brach bei den Worten aus den Augen der Armen; erstickend fast wirkte der verhaltene gerechte Zorn, doch brach er endlich los, und fest vor Frau von Valburg tretend sprach sie:

»Es war euch also nicht genug, eine arme Mutter durch eure Diener mißhandeln zu lassen, ihr auch mußtet sie mit Schmach überhäufen und ihr die Thür weisen! Habet ihr denn eure eigene Geschichte vergessen? Wißt ihr nicht, daß euer Mann mein Bruder war und daß die Hälfte des Reichthums, den ihr habt, mir unrechtfertig genommen ist? Wisset ihr wohl, hochmüthige Frau, daß ihr nichts besitzt, und nur die Einkünfte genießet von einem Vermögen, worauf ich mehr Recht habe, als ihr, da ihr nie erben könnt, wohl aber ich?«

Frau von Valburg, die vor Unwillen auf ihr Sopha zurückgesunken war, stand rasch auf und rief mit zitternder Stimme:

»Unverschämte! Welche Lügen erlaubt ihr euch?«

»Lügen?« frug die Andere. »Lügen? setzte mein Ohm in seinem Testamente nicht meinen Bruder und mich als Erben ein? Habt ihr nicht durch falschen Rath meinen Bruder dahin gebracht, mich des Erbes zu berauben? Während der letzten Lebenstage meines Oheims habet ihr doch Besitz genommen von seinem Hause, ihr wagtet es, zu sagen, er wolle mich nicht sehen, und er starb, nach mir, als seinem liebsten Kinde verlangend. Welche Verläumdungen müßt ihr über mich ihm vorgebracht haben, bis er sich entschloß, in einem zweiten Testamente mir zu nehmen, was er mir im ersten bestimmt hatte! Ich weiß es wohl, habe ich nicht meinen sterbenden Bruder in seinen letzten Augenblicken meiner Verzeihung versichert! Er war nicht schlecht, er war nur schwach; ihr nur, edle Frau, habt mir alles genommen, wäre das nicht, dann haßtet ihr mich nicht also . . . «

Da konnte Frau von Valburg nicht länger an sich halten; sie rief außer sich:

»Ich hätte dir alles genommen? so du nicht gehest, dann lasse ich dich mit Gewalt wegbringen.«

»Nicht weiter!« sprach die junge Frau mit stolzer Ruhe. »Fügt nicht Gewaltthätigkeit zu dem Hohne. Glaubet nicht, ich wolle durch Vorwürfe von euch erlangen, was ihr meinen Bitten geweigert habet. Behaltet euer Geld. Ich will leiden und werde es können. Ihr aber, die ihr nur an euer Vergnügen denkt, vergesset nicht, daß Gott auch euch schlagen könnte. Fürchtet ihr denn nicht seine Hand für euch, für eure Kinder? Liebet ihr diese denn nicht? Ich arme Mutter habe schon so oft mit nassem Auge auf meine zwei kranken Würmchen hingestarrt, bebend vor der Geißel, der Plage, mit welcher der Himmel die Erde, wie mit einem Leichentuche überdeckt.«

Mehr Ruhe war in der Frau von Valburg Zügen wiedergekehrt, seit die Andere ihre Beschuldigungen aufgegeben hatte; sie entgegnete fast spottend:

»Laß du nur unsern Herrgott zufrieden, mit dem habe ich wenig zu schaffen, doch das macht nichts zur Sache. Meine Kinder sind wenig geneigt, jetzt zu sterben, das glaube mir.«

»Madame!« rief die junge Frau, doch schnell besserte sie: »Schwester, Schwester! Vor wenigen Monaten lebten noch zahlreiche Familien, deren Namen selbst die schreckliche Krankheit tilgte.«

Der prophetische Ton, mit welchem die Arme die Worte sprach, machten sichtlich tiefen Eindruck auf Frau von Valburg; sie erblich und frug entsetzt:

»Welche Krankheit? Was willst du?«

»Schwester, entgegnete die Andre; eure Kinder haben kein groß Theil in eurer Liebe, anders hättet ihr sie mehr als einmal in eure Arme geschlossen, um womöglich da sie zu sichern vor der Cholera, die nun auch hier wüthet.«

Ein kalter Schauder überlief Frau von Valburg, doch bald fühlte sie sich wie beschämt über eine Rührung, welche ihre Gegnerin für Schwäche hätte nehmen können, und auf die Thür weisend, klingelte sie, indem sie sprach:

»Ich bin’s nun müde. Geh und laß dich nicht mehr hier sehen, denn die Thüre bleibt dir geschlossen.«

»Ich gehe,« antwortete die junge Frau, der Thüre zuschreitend. »Lebt wohl.«

Welche Mühe sich nun Frau von Valburg auch gab den sie belästigenden Gedanken an die fürchterliche Krankheit von sich zu wehren, nichts wollte helfen; die Worte der Armen klangen eins nach dem andern wieder in ihren Ohren und zwangen sie fast zu ernsterm Nachsinnen. Sie klingelte zum andernmale, denn der Diener war noch nicht erschienen. Nach einigen Augenblicken trat er ein, doch seine Haltung war so sonderbar, sein Gesicht so bleich, seine Bewegungen so mißtrauisch, daß die Dame ängstlich dringend frug:

»Nun Peter, was ist? Warum bist du so bleich?«

»Ach, gnädige Frau, ich wage nicht, euch zu sagen, welch ein Unglück uns naht.«

»Sprich, sprich, ich will’s, ich befehl’s!« fiel sie schnell ein.

»Nun denn, gnädige Frau, die Cholera ist ganz nahe, bei Mynheer Tesseniers ist sie schon, sein Sohn Victor ist schon todt – ach Gott, der gute Jung, diesen Morgen sagte ich ihm noch guten Tag!«

Bei der schrecklichen Zeitung schwand alles vor dem Auge der Dame, was sie bisher geblendet und erfreut hatte; frisch und stark dagegen erwachte ihre Mutterliebe, die so lange in ihr geschlummert. Sie schlug ihre Hände an die Stirne und rief:

»O Gott, meine Kinder! Peter, führe schnell die Kinder her und laß auch die Magd und die Kammerfrau kommen.«

»Ach gnädige Frau,« antwortete der Diener noch trauriger: »die Kinder sind im Garten und scheinen gesund zu sein, ich will sie holen, die Mägde aber haben sich alle durch der Köchin Geschrei und Geklage in Angst jagen lassen und das Haus verlassen; ’s ist nicht eine mehr da.«

Wie sehr hart es ihr auch war, sich so von aller weiblichen Hilfe entblößt zu sehen, so stützte sie sich doch noch auf die Hoffnung, daß ihre Kinder wohl ihr bleiben würden und daß die Seuche sie verschonen werde.

Die Kinder hüpften und sprangen in den Saal, und ganz glücklich einmal von der Mutter gerufen zu werden, scheuchten sie bald fast alle Betrübniß aus ihrem Geiste. Es war ihr übrigens nicht entgangen, daß ihr ältester Sohn zuletzt gekommen und daß er nicht so fröhlich, wie sonst, war. Mit einer bisher ihr fremden Innigkeit schloß sie die Kinder in die Arme, betrachtete alsdann das Aelteste jedoch aufmerksamer und bemerkte zu ihrem größten schrecken, daß es plötzlich bleicher und bleicher wurde.

»Bist du krank, lieb Kind?« frug sie.

»Nein Mutter,« antwortete der Knabe; »aber meine Ohren sausen, es flimmert mir so vor den Augen . . . Ach und wie reißt’s mich!«

Frau von Valburg sprang wie wahnsinnig empor und rief aus aller Kraft dem Knechte, der eilend herzueilte.

»Peter, Eugen hat die Seuche. Schnell lauf zum Arzte und zum Chirurgen; schick alle her, welche du findest und vergiß auch Herrn Schippers nicht. Such mir auch eine Frau. – Ach lauf schnell, schnell, ich werde es nicht unbelohnt lassen.«

Der Diener ging, sie eilte zu den Kindern zurück. Wie peinlich aber war der Schrei, der wie ein Todesschrei ihrer Brust entstieg. Der arme Knabe lag in Zuckungen, die tief in ihre Höhlen gesunkenen Augen, die Todesfarbe, welche auf dem Gesichte lag, gaben ihm das Ansehen einer lebendigen Leiche.

Wer da gesehen, wie die trostlose Mutter sich bei dem Leidenden niederwarf, wie sie die verzerrten Züge mit Thränen netzte, und ihre Lippen auf die blauen Lippen des Kindes preßte, wie wenn sie einen Theil ihrer Seele in seinen ersterbenden Körper hätte hauchen wollen; wie sie aufstand und den Knaben am Arme in dem Saale herumlief, als wolle sie dem Tode entfliehen; wer die Schmerzensworte gehört hätte, welche ihr ihre Mutterangst auspreßte, o der hätte gewiß die Hälfte seines Lebens geopfert, die Frau aus dem Abgrunde des Schmerzes zu retten. – Doch die Liebe der Mutter ist kein undurchdringlicher Schild gegen den Tod. Der Knabe erstarrte an ihrer heißwogenden Brust, während sie zitternd mit ihren Händen die starkgespannten Glieder überstrich; seine Wangen fielen ein, wie wenn das Fleisch unter der Haut weggeschmolzen wäre, die Fingerchen runzelten sich, sein Auge wurde starrer und starrer. Noch lebte aber Besinnung in dem Kinde; mitten in all seinen Schmerzen lohnte es die Liebe der Mutter mit einem schnellen streicheln; nun rief es mit einer Stimme, die klang, wie zitternd Glas:

»Trinken, trinken, ich habe Durst.«

Die arme Mutter lief mit dem Knaben zur Küche, labte mit dem ersten, was ihr in die Hände kam, und eilte in immer steigender Angst wieder dem Saale zu.

In ihrer Verwirrung hatte sie das Jammern der andern Kinder nicht gehört; sie stieß sie gar zur Seite, wenn sie ihr nachliefen und sich an ihrem Kleide festhielten. Wie ein Spuk, der sie verfolgte, der ihren Sohn greifen wolle, schien es ihr, und jede Berührung der armen Kleinen jagte neues schauern durch all ihre Glieder. Ermüdet sank sie endlich mit dem Knaben hin, nicht besinnungslos, wohl aber regungslos.

Da stürzte eins der Mädchen auf sie zu, kniete weinend neben ihr hin und sprach:

»Ach Mutter, meine Ohren sausen auch, ich habe auch Schmerzen . . . «

Frau von Valburg warf einen schmerzlichen Blick auf das Kind, schlug ihren Arm um sein Körperchen, zog es mit Gewalt an ihre Seite und blieb bitter weinend also zwischen den beiden Kindern sitzen. Die andern Kinder saßen ringsherum und jammerten herzzerreißend.

In dem Augenblicke zeigte sich an der Thüre des Saales ein schwarzgekleideter Mann; seine Erscheinung glich nicht wenig der eines Todesboten – er aber beugte das Haupt tief und wischte sich zwei helle Thränen aus den Augen.

»O des Unglückes!« seufzte er.

Bei den Worten erwachte Frau von Valburg aus ihrem Hinbrüten; sie sprang vom Boden auf, stürzte der Thüre zu, warf sich auf ihre Kniee vor dem Arzte, und rief mit erhobenen Händen und unter einem Strome von Thränen:

»Ach Herr Schippers, habet Mitleid mit mir. Rettet meine Kinder, o um Gottes willen, rettet sie vom Tode. Ach ich flehe euch, ich will den Staub von euren Füßen küssen, nur rettet, rettet meine Kinder.«

Der Arzt hob sie schnell von der Erde auf und unterstützte sie liebevoll, doch in’s Auge konnte er ihr nicht schauen, er war zu tief ergriffen von der schrecklichen Scene. Bald aber faßte er Muth und trat zu den leidenden Kindern.

»Arme Mutter!« seufzte er. Doch beruhiget euch, vielleicht ist das Uebel weniger arg, wie ihr glaubet. Die Seuche ist gefährlich, doch nicht stets tödtlich, und wie schlimm es auch um die Kinder stehen mag, Hoffnung bleibt immerhin noch.

Die Thüre öffnete sich abermals und der Diener trat mit einem zweiten Arzte ein. Herr Schippers sprach:

»Pieter, führet die gnädige Frau mit den vier Kindern in ein anderes Zimmer auf jener Seite des Hauses. Diese Maaßregel ist nöthig, Madame; gehet nun, und gebet euch eurer Betrübniß nicht allzusehr hin, sie könnte einen sehr schädlichen Einfluß auf eure Kinder haben.«

Da übermannte der Schmerz die Mutter; noch einmal stürzte sie zu den kranken Kindern, küßte sie unter den lautesten Wehklagen und rief in jammervollem Tone:

»Eugen, Virginie! Lebt wohl, lebt wohl auf ewig! – O Gott, ich sehe euch nie mehr wieder . . . «

Der Thüre dann zuwankend, wäre sie fast zu Boden gestürzt, hätte der Diener sie nicht in seinen Armen empfangen; er brachte sie mit den vier Kleinen in ein mehr abgelegenes Zimmer. Da sank sie, wie leblos, in einem Lehnstuhle nieder, ihr Haupt sank tief auf die Brust herab, und nur von Zeit zu Zeit griff sie noch mit der Hand um sich, sich zu überzeugen, ob ihre Kinder noch bei ihr wären.

Der Diener hatte sie verlassen, um den Aerzten zu helfen; nach einigen Augenblicken jedoch sandten diese ihn zurück, damit er sehe, wie es bei der Hausfrau stände. Leise trat er ein – das älteste Mädchen zeigte alle Symptome der Seuche. Er nahte ihm auf den Zehen, nahm es auf den Arm und schlich wieder weg, doch seine Vorsicht war vergebens. Die Mutter öffnete plötzlich die Augen, warf sich unter schneidendem Schmerzgeschrei auf den Diener und entriß ihm das Kind.

»Clotilde!« rief sie jammernd. »Clotilde, mein liebstes Kind, du die meinen Namen führst, du sollst sterben? Ich soll dich in die Hände des Todes liefern?«

Krampfhaft zuckte das Kind in ihren Armen – schon lagen die Aeugelchen tief in ihren Höhlen.

»Ach noch einmal schau mich an, mein armes Kind,« seufzte sie matter. »Auch du willst mich verlassen, du mein Ebenbild? so sei es denn – Da Pieter, hast du meinen kostbarsten Schatz . . . Leb wohl, Clotilde! Leb wohl, Kind!«

Und sie lief dem Stuhle zu und sank bitter weinend auf ihn nieder. Einige Augenblicke saß sie starrenden Auges, wie in Ohnmacht, da, dann aber fuhr es, wie ein anderes Leben durch ihre Glieder; sie stand auf und warf sich auf die Kniee – sie erhob die Hände nicht mehr zu einem Menschen, wohl aber zu Gott. Wenig hätte man von ihrem heißen Gebete verstehen können; nur die Worte: Vergebung, Sünde, Gnade ließen sich durch ihre Seufzer hindurch unterscheiden. In dem Augenblicke glich sie der büßenden Magdalena; sie weinte blutige Thränen wegen ihres ganzen vergangenen Lebens. Dieß Gebet, diese Beichte vor Gott dauerte lange, dann erhob sie sich, wenn auch nicht mit vermindertem Schmerz, doch mit größerer Ruhe, und rief laut dem Diener, der auch unmittelbar darauf erschien.

»Pieter,« frug sie, »wie geht es mit Eugen, mit Virginie, mit Clotilde? O sprich, verbirg mir die Wahrheit nicht . . .

Der Diener brach in Thränen aus; er wagte nicht zu antworten.

»Genug, genug,« fuhr sie mit hohler Stimme fort, »ich verstehe dich. Gott will es. Ich habe seit Kurzem gelernt, mich seinem allmächtigen Willen in Demuth zu unterwerfen. Könnte ich nur durch diese Unterwerfung seine Gnade, seine Barmherzigkeit mir wieder erringen! Doch, wehe, die Prüfung ist noch nicht zu Ende, das fühle ich nur allzuwohl. Pieter, ich bitte dich, eile schnell zu meinem Geschäftsführer und sage ihm, daß er noch heute den Wechsel von Herrn Soeteveld bezahle; der Mann seufzt im Gefängniß, darum eilet. Dann nimm auch die Börse und trage sie zu Frau Soeteveld, meiner Schwägerin, derselben, die diesen Morgen hier war, und bitte sie, daß sie gleich zu mir komme. Erzähle ihr von meinem Unglück und meinem Leiden, sie wird nicht zögern zu kommen.«

Der Diener nahm die Börse und eilte weg. Mit noch mehr erleichterter Brust ging sie zu den drei ihr noch übrigen Kindern und betrachtete sie mit gespannter Aufmerksamkeit. Keine Veränderung war auf ihren Gesichtchen zu sehen und die Mutter begann, sie zu küssen und zu streicheln, doch mit so sonderbarem Ausdrucke, als wäre eine tolle Freude plötzlich an die Stelle ihrer frühern Betrübniß getreten.

Die Freude aber sollte nicht von langer Dauer sein. Während sie aus dem Lehnstuhl mit mütterlicher Wollust auf die Kinder starrte, stand die Seuche bereits in deren Mitte. Plötzlich stürzte der kleine Friedrich hinterrücks zu Boden und zuckte in den heftigsten Krämpfen.

Euch sagen, wie das Herz der Mutter bei diesem Anblicke wieder aus allen Wunden blutete, das wäre unmöglich, sie war wie wenn das Leben aus ihr geflohen wäre. Während einiger Augenblicke sah sie auf das Kind hin, welches sich auf dem Boden wälzend, mit den Nägeln in seinem Fleische wüthete, während die andern sich ängstlich in eine Ecke drückten; dann aber riß sie sich empor, faßte den Knaben und stürzte mit ihm dem Saale zu, in welchem die Aerzte sich befanden.

Da jedoch harrte ihrer noch der größte Schmerz . . . ohnmächtig sank sie mit dem Kinde zusammen. – Arme Mutter! ihr erster Blick war auf Eugen und Virginie gefallen, die schon in ihren Todtenhemdchen nebeneinander lagen.

Als sie lange nachher erwachte, befand sie sich in dem Saale und in dem Sessel, den sie verlassen hatte. Eine junge Frau hielt eine ihrer Hände und war mit zärtlicher Sorgfalt beschäftigt, sie in’s Leben zurückzurufen. Frau von Valburg schaute sich ängstlich und verwundert um, wie wenn sie sich des Vorgegangenen wieder zu erinnern strebte. Als sie die beiden Kinder sah, wandte sie sich zu der Frau und sprach:

»Caroline, ich habe dir groß Unrecht gethan – deine Worte hat Gott wahr gemacht, ich bin unglücklich und verlassen. Der Herr kam und schlug mich in Allem, was mir theuer ist; doch hoffe ich, daß er mich nicht ganz allein lassen wird, daß er mir meine Kinder nicht alle nehme; dazu aber bedarf es deiner Vergebung – Schwester, der Schleier fiel mir von den Augen; sage mir, vergiebst du mir, was ich gegen dich verbrochen?«

Die junge Frau weinte heiße Thränen des Mitleids und seufzte:

»Ich habe zu Gott gebetet für euch; ich habe euch seit lange vergeben. Ich verstehe euren Schmerz; ich bin ja auch Mutter und die Kinder meines Bruders sind mir so theuer, wie meine eigenen. Von euch kann ich nicht gehen, bevor wir gerettet haben, die zu retten sind; lasset uns denn zusammenwirken und zusammen beten, vielleicht schenkt Gott uns Gnade. Ich meine, eine innere Stimme sage mir, daß ihr noch Mutter bleiben, daß ihr euch noch erfreuen werdet an dem Lächeln derer, für deren Leben ihr zittert.«

»O sprächest du auch jetzt die Wahrheit, Caroline! siehst du nicht, wie bleich Regina bereits ist? Doch höre und unterbrich mich nicht. Ich habe nicht redlich an dir gehandelt, ich habe dich des Erbes deines Oheims beraubt und mich dafür in allen Freuden berauscht, doch das Unglück hat mich bekehrt – Ach nenne mich Schwester; laß uns theilen, was ich mit dir theilen kann!

»Nein, das nicht!« rief die junge Frau.

»Ich aber schwöre vor Gott , daß ich das mir unrechtmäßig zugefallene Theil nicht mehr anrühren werde, darum weigere nicht die Annahme – hielte mich nicht die Schwäche gebannt auf dem Stuhle, ich flehte dich auf meinen Knieen – doch du antwortest nicht? Wohlan, ich verlange kein Wort, nur ein Zeichen der Vergebung und Versöhnung . . . «

Und die beiden Frauen lagen einander in den Armen zu langem Kusse . . .

Einige Tage später gingen zwei Frauen langsam über den Schuhmarkt; eine von ihnen war sehr bleich und in tiefer Trauer, die andere schien jünger und weniger betrübt. Ein Knäbchen hüpfte zwischen Beiden, jeder ein Händchen gebend. Als Beide in der Hauptkirche waren, schritten sie die Schiffe durch bis hinter den Hochaltar zur Kapelle des heiligen Kreuzes. Da ließ die bleiche Frau das Knäbchen auf die Bank vor dem Christusbilde knieen, faltete seine kleinen Händchen und sprach wehmüthig:

»Bitte Gott, Gustav, daß er den Seelen deiner Brüderchen und Schwesterchen Ruhe und sein Reich schenke, und danke ihm, daß er dich bei deiner Mutter gelassen hat.«

Das Kind gehorchte, neigte fromm das Köpfchen und sprach mit seiner doch rührender Stimme:

»Vater unser, der du im Himmel bist, dein Name sei geheiligt!«

Der Engel des Guten und der Geist des Bösen.
Übers. Maria Wolf

I.
(Der Bruder führt die kranke Schwester in den Garten zu einem Sitze)

Der Bruder

»Mein arm Schwesterchen, sitze da nieder. Ich will ein weiches Kissen hinter deinen Rücken legen – neige dein Häuptchen seitwärts, auf daß der balsamduftende Südwind auf deiner Wange spielen könne. Sieh doch, wie alles hier dich liebt; die Blumen wenden dir ihre Kelche zu, die Vögel singen dir ihre schönsten Lieder, und dort zu deinen Füßen das schimmernde Bächlein fließt langsamer und murmelt leiser. Dort hüllt die Abendsonne die Felder in Purpurgluth . . . fühlst du nicht, wie der herzugelockte Zephir in deinen blonden Haaren, um deinen schlanken Hals koset und spielt?«

Die Schwester

»Bruder, die Natur ist so schön, nicht wahr! Alles lacht und jauchzt um uns herum, alles ist Freude und Genuß. Warum spricht die Mutter mir denn stets von einem noch schöneren und noch glücklicheren Vaterlande? Und warum glänzen Thränen in ihrem Auge, wenn sie mir sagt, daß eine bessere Stätte mein harre?«

Der Bruder

»Liebste Rosa, wenn die Thränen der Menschen edeln Gesteinen gleich vielfarbig schimmerten, dann sähest du der Mutter Auge hellweiße und schwarze Perlen entrollen; sie trauert ob deinem frühen Hingange in das bessere Vaterland und freut sich doch auch wieder, daß der Herr dir die Krone der reinen Seelen schenkte.«

Die Schwester

»Werde ich bald dahin ziehen, Bruder?«

Der Bruder

»Gott nur weiß das, Rosa.«

Die Schwester, sinnend.

»Dort schnellt ein Vogel so eilig vorbei. Er hat ein Würmlein im Schnabel, und trägt es seinen Jungen, als speise zu. Horch, wie die kleine Familie ihn so fröhlich empfängt . . . Wenn die Jungen singen werden, werde ich dann in dem andern Vaterlande sein?«

Der Bruder, mit feuchtem Auge

»O Schwester, sprich nicht so, wenn der Engel früher kommt, wirst du auch mit ihm gehen.«

Die Schwester

»Sieh, die Rosenbüsche versprechen noch so viele Blumen . . . werde ich schon jenseits sein, ehe die lieben Knöspchen sich erschließen?«

Der Bruder

»Laß nicht so trübe Bilder deine Seele umnebeln. Genieße in Frieden der Gaben Gottes, Rosa. Nimm diese Rose, sie ist dein Bild und trägt deinen Namen; ihr duftreiches Herz möge dich erquicken.«

Die Schwester, die Blume betrachtend.

»Arm Röschen, warum bist du schon so frühe von deinem Stengel gerissen! Bruder, was wird nun der Rose Loos sein?«

Der Bruder

»Sie wird welken und sterben.«

Die Schwester

»Sterben? Sterben? Das Wort macht mich zittern. Ich auch muß wohl sterben, ehe ich auffahren kann in das hohe Vaterland.«

Der Bruder

»Der Tod mag dem Bösen schrecklich sein; dir, Schwester, wird er lächelnd und lieblich erscheinen.«

Die Schwester

»Und doch fühle ich meine Brust von Angst gedrückt. Was nur wird mit mir geschehen in dem unbegreiflichen Augenblicke, vor dem ich mich so sehr fürchte?«

Der Bruder

»Schwester, einen Engel wirst du zu deiner Rechten erscheinen sehn; der gießt einen Strom von Licht wie zur Taufe für’s Jenseits um dich her, umschließt dich mit seinen Armen, breitet seine goldnen Flügel aus und trägt deine Seele jubelnd zu Gott, der dir eine schöne Stelle im Himmel bereitet hat.«

Die Schwester, nach langem schweigen.

»Bruder, ich fühle meine Augenlider schwerer werden; ich möchte wohl in den schmeichelnden Sonnenstrahlen schlummern, es würde mich erquicken.«

Der Bruder

»Lege dein Haupt auf das Kissen, Rosa; ich will wachen bei dir, während du schlummerst.«

Die Schwester

»Nicht so Bruder . . . Lege das Kissen zu meiner Rechten; da wird immerhin der Engel des Herrn stehn. Siehst du nicht etwas, einer silbernen Lichtwolke gleich neben mir? der Engel ist vielleicht schon da.«

Der Bruder

»Nein, Schwester, heute kommt er noch nicht. Scheuche die trügerischen Gedanken und lege dein müdes Haupt still zur Ruhe.«

Die Schwester

(das Köpfchen niederlegend und gedankenlos eine Blume entblätternd).

»Wecke mich Bruder, wenn ich zu lange schlafen sollte.«

Der Bruder
(sitzt nieder vor der Schwester und weint)

»Zwei welkende Blumen! – Arm Röschen, da liegen deine rothen Blätter, Blutflecken gleich, auf dem Schnee ihrer Hand.«

(Die Schwester bewegt die Hand, die Blätter fallen in das Bächlein)

»O lieb Schwesterchen! Du malst dein schmerzlich Bild so ganz. Deine sechzehn Jahre entflohen auf den weichen Flügeln der Mutterliebe und der Freundschaft; gleich diesen Blättern sahst du sie froh und freudig glänzen und schwinden; doch nun – kronberaubte Blume auf gebrochenem Stengel – nun hast du nicht ein Blättchen mehr, es dem Strome des Lebens zu schenken. Dein Haupt neigt bleischwer dem Grabe zu, die Seele ringt sich los vom siechen Körper und vielleicht steht wirklich schon der Engel an deiner Seite.«

(Er neigt das Haupt und schweigt)

II.
Der Schutzengel, der Böse, Die Schwester

Der Engel

»Zurück, du böser Geist, was suchest du hier?«

Der Böse

»Meinst du, Engel des Lichtes, ich werde dir eine Seele ohne Kampf überlassen? Treibt dich deine Liebe zum Schutze der Menschen, dann treibt mich mein Haß, sie zu verfolgen.«

Der Engel

»Dein Haß! Was hat das Mägdlein dir gethan?«

Der Böse

»Ist sie nicht eine Tochter Eva’s?«

Der Engel

»Sie ist es.«

Der Böse

»Das Mägdlein ist Mensch; sie kann zu Gott und eine Stelle finden vor seinem Angesicht. Ich, überwunden, niedergedonnert, zum Abgrunde verdammt, ich allein bleibe ewig verbannt. Dem verachteten Lieblinge ist mein mir geraubtes Vaterland geschenkt. Und ich sollte ihn nicht hassen, nicht verfolgen? O zu lange schon sprach ich. Der Neid brennt glühend in meiner Brust. Mir diese Seele!«

Der Engel

»Sie ist rein, du hast keinen Theil an ihr.«

Der Böse

»Wohlan, wir wollen sehn. Dir die kalte Wahrheit, mir die verführende Lüge. Beginnen wir den Kampf.«

(Ein tiefer Schlaf sinkt auf den Bruder; eine Nebelwolke umschließt ihn. Die Luft wird warm und duftig; reich prangende Blumen erblühen rings um die Schwester, Vögel singen in Menge auf den Bäumen).

Der Engel, betrübt und leise

»O du Allmächtiger, gieb meiner schutzbefohlenen Kraft, in diesem letzten Streite nicht zu erliegen, auf daß ich mit der geliebten, durch das Feuer der Prüfung geläuterten Seele vor deinem Throne erscheinen mag, daß ich nicht Jahrhunderte hindurch den Verlust des süßen Mägdleins betrauern muß.

III.
Der Engel, der Böse, die Schwester, eine Rose, das Bächlein

Die Schwester, erwacht lächelnd

»Gott, was ist das? Genesen? Welch süße Täuschung! Doch nein, Täuschung ist es nicht. Mein Herz schlägt kräftig, frisch strömt mir das Blut in den Adern. Wo bin ich? Alles ist hier so himmlisch schön! Wie duftig ist die Luft, wie prachtvoll der Blumenteppich, wie entzückend die Stimme der Vögel. Sollte der Engel mich bereits empor getragen haben nach dem himmlischen Vaterlande?«

(Der Böse fährt in eine Rose)

»Sieh, da beugt eine Rose den zarten Stengel vor mir. Komm, liebe Blume, ruhe frei auf meinem Schooß, ich will dich nicht pflücken. Wie schön, wie reich sind die Töne Deines holden Angesichts!«

Der Böse in der Rose

»Schwester, ich will in deinem Schooße ruhen, um dir ins bezaubernde Antlitz zu schauen. O wie bist du schön! Keine unter uns hat Blätter, deren Farbe so klar und durchsichtig wäre, wie das Roth deiner Wangen. Schlage deine langen Wimpern empor, damit ich deine schwarzen Augen glänzen sehe! Ich beneide die Korallen deines süßen Mundes; wären meine Blätter wie deine Lippen, dann würde ich morgen an der Brust einer Königin verwelken. O lächle noch einmal, Schwester, denn alsdann gleicht dein Mund einer Rosenknospe, in deren Kelch die reichsten Perlen funkeln. Du bist dann unaussprechlich schön, entzückend wie der jüngste Morgenstrahl!«

Die Schwester

»Du irrst wohl, liebe Blume, oder hauchten deine Blätter das Lied, das die Rosen einander von ferne zusingen?«

Die Rose

»Nein, nein Schwester, nichts auf Erden ist schöner wie du! Sieh, das Bächlein zu deinen Füßen hält seine murmelnden Wellen zurück, um dein Bild zu fassen und zu spiegeln. O, dürft ich an deinem Busen oder in deinen seidenen Haaren sterben! Hab’ Erbarmen mit deiner armen Schwester, und brich sie von ihrem Stengel, damit sie dich nimmer verlasse!«

Die Schwester
(pflückt die Blume und steckt sie an ihre Brust)

»Möchtest du lange an meinem Herzen so frisch und lieblich prangen, liebe Blume . . . Aber, welch unbekanntes Feuer glüht plötzlich in meiner Brust! . . . Rose, deine Dornen verwunden mich (wirft die Blume weg). Deine Freundschaft ist nicht aufrichtig.«

(Der Böse verbirgt sich im Bache)

D er Böse in dem Bache.

»O du allerschönste Maid, du liebliche Rosa!«

Die Schwester

»Wer nannte meinen Namen?«

Das Bächlein

»Engel, wie oft hast du an meinem grünen, frischen Rande gesessen. O erzeige mir auch heute die Gunst und beuge deinen Schwanenhals über mich, und schenke mir dein zauberisch Bild.«

Die Schwester

(beugt sich über das Bächlein und beschaut ihr Bild in dem klaren Wasserspiegel)

»Wie rosig sind heute meine Wangen! die Amsel hat keine dunkleren Federn als mein Haar, der schwarze Achat funkelt nicht feuriger als meine Augen; die Lilie ist nicht blendender als meine Stirn . . . «

Der Böse
(kommt aus dem Bache, spottend zum Engel)

»Ha ha, Engel des Lichts, du nimmst ja eine trübe Miene an ! Führst du noch deine verwegene Sprache? Nein, nicht wahr? Du siehst, wieviel ich über die Magd vermag. Besitze ich nicht die zwei untrüglichen Schlüssel zu dem Gemüthe der Frau – Eitelkeit und Liebe? Ein Schlüssel hat bereits ihren Busen erschlossen, der Hochmuth wurzelt schon in ihrem Herzen.

Der Engel

Nicht wie du, Geist der Finsterniß, will ich mich eines unsichern Sieges rühmen. Fahr fort mit deinen Lügen; Adam’s Sünde hat den Menschen deiner Versuchung unterworfen, aber vergiß nicht Böser, daß die Geprüften bei Gott höher stehen, als die Unangefochtenen. Du bereitest der Magd einen glänzenden Platz im Himmel, wenn sie überwindet, dir selbst aber die unaussprechliche Qual, einem Menschen Gutes gethan zu haben.«

Der Böse, wüthend

»Ah! du verstehst es, die Schmerzenssaite in meiner Brust zu rühren! O, könnte ich sie zum Falle bringen, der Abgrund sollte Jahrelang von meinem Freudengeschrei wiedertönen! Aber, sie wird fallen, sie strauchelt, – ja, da verliebt sie sich bereits in sich selbst. Sieh, wie sie ihrem Bilde zulächelt, . . . Gib Acht, ich will dein Werk schon vernichten!«

(Er kehrt in den Bach zurück)
Die Schwester, in den Bach blickend

»Lieb Bächlein, haben sich schon mehr Mädchen auf deiner silbernen Fläche gespiegelt, und war Keine mir ähnlich?«

Das Bächlein

»Mehr denn hundert Mädchen haben ihr Bild in mir bewundert. Eine Einzige war schön: auf ihrem Gewand glänzten Gold und Edelsteine, und frische Blumen wiegten sich duftend auf ihren langen Locken; ich sah wie zwanzig schöne Jünglinge sie bis an mein Ufer verfolgten – vor ihr niederknieten – um einen Blick ihrer Augen flehten – und sterbend ausriefen: O Grausame! zu deinen Füßen zu sterben ist Himmelsseligkeit! – Und dennoch, engelgleiche Rosa, besaß sie weder dein bezaubernd Antlitz noch deine schlanke Gestalt: im Vergleich mit dir war sie nur wie eine armselige Distel neben der stolzen Lilie!«

(sie verläßt das Bächlein)
Die Schwester
(sitzt in Gedanken versunken)

»Die Schönste sein – wie eine irdische Gottheit angebetet werden! – . . . Aber, welch süße Stimme dringt zu meinem Ohr? Dieselbe, die mich in meiner Krankheit tröstete – sie ist nun so traurig und klagend . . . «

Der Engel, mit tiefer Trauer

»Rosa, hast du deines guten Freundes ganz vergessen? Weißt du nicht mehr, wer an deinem Bette gewacht hat, um dir die schmerzen zu erleichtern und den Schlaf zu versüßen?«

Die Schwester

»Wohl weiß ich’s noch, und liebe dich immer: aber warum ist deine Stimme nun so traurig?«

Der Engel

»Rosa, du weißt nicht, wer ich bin, und dennoch habe ich dich nicht verlassen, von der Stunde deiner Geburt an, bis heute. Ich stand neben deiner Wiege, und sandte dir den süßesten Schlaf; deine lieben Träume waren Blumen, die meine Hand über dein Bettchen streute. Ich bewachte deine ersten Schritte, und entfernte dir jeden Stein aus dem unebnen Lebenswege. Obgleich über die Menschen erhaben, hat mich doch die Liebe zu deiner Seele zu deinem Sclaven gemacht . . . ich war glücklich, Rosa, weil nur Glück deiner wartete. Dein Herz glich dem reinsten Spiegel, ungetrübt vom leisesten Hauche. Das sinkende Licht zeichnete uns schon in dem unendlichen Raume die Bahn vor, die wir vereint zum Himmel ziehen sollten. Noch eine einzige Stunde, und du hörtest den Gruß der Engelchöre . . . Nun, wehe, ist deine Seele durch sündige Eitelkeit befleckt. das Licht ist verblichen . . . mein Herz bricht im Schmerze um dich.«

Die Schwester

»Liebst du mich so sehr, guter Geist! sag mir, was hab ich gethan, das dir solche Schmerzen bringt?«

Der Engel

»Du bist zu eitel auf deine eigene Schönheit gewesen.«

Die Schwester

»So gestehst du auch daß ich schön bin?«

Der Böse

»Ha, ha! brav gesprochen.«

Der Engel

»Das Böse ist wie ein wucherndes Unkraut, das tiefe Wurzeln schlägt . . . der Herr gab der Hindin feingeformte, flüchtige Füße, dem Schwane den schlanken Hals, dem Pfau das reiche Federkleid, der Taube die sanften Augen, der Nachtigall das süße Lied. – Mögen sie sich rühmen der Gaben, die ihnen Gott geschenkt hat! Aber der Mensch, o Rosa! soll der sich nicht erheben über den Staub des Irdischen? Hat er nicht ein andres kostbares Kleinod ? Wohnt in ihm nicht das Ebenbild seines Schöpfers, die Seele? solltest du dieß hohe Gottesgeschenk verkennen, Rosa? solltest du undankbar werden?«

Die Schwester

»Nein, nicht undankbar; aber ich freue mich doch an der körperlichen Schönheit, die Gott mir verlieh.«

Der Böse (zum Engel)

»Engel des Lichts, ende den nutzlosen Streit, denn deine Bestrebungen sind vergebens. Sie verwickelt sich zu fest in meine Stricke: mir wird sie gehören.«

Der Engel (zu der Schwester)

»Sieh! o theures Schutzkind, wie meine Thränen fließen ob deiner Worte. Du irrst; mögen deine Schwachheit und Unerfahrenheit dich bei dem Allgütigen entschuldigen.«

Die Schwester

»O weine nicht um mich, du Guter; ich leide bei deiner Trauer und begreife wohl, daß dieß neue Gefühl mir schaden wird, sonst könnte es dir ja keinen Schmerz bereiten, mein treuer Freund? Könnte ich es aus meinem Busen verbannen, gewiß, ich würde es thun, dich zu trösten; aber es gebricht mir an Kraft dazu.«

Der Engel (zu dem Bösen)

»Zurück, Verführer! dein schwacher Strick wird reißen!«

(zu der Schwester)

»Rosa, du hast ein Angesicht und eine Gestalt, die vollkommen genug sind, um dir die Bewunderung der Welt zu erwerben; aber höre, was du noch mehr hast. Deine schöne Seele ist reich an Tugenden, klar und rein wie ein Diamant; sie gefällt deinem Gotte, und bleibt sie so, dann wird sie ewig vor dem Angesichte des Unnennbaren leben. Sage mir, Rosa, wenn du nur eine dieser beiden Schönheiten behalten dürftest, und dir die Wahl gelassen würde, welche würdest du erwählen?«

Die Schwester

»Dann würde ich immer die Schönheit der Seele behalten.«

Der Engel

»Du thust wohl daran, Rosa; ein neuer Stern wird dafür an deiner himmlischen Strahlenkrone glänzen.«

Der Böse

»Du hast in diesem Streite gesiegt, Engel des Lichts. Aber nicht so glücklich sollst du in dem zweiten und entscheidenden Kampfe sein. Prüfen wir die Seele in dem Feuer der weltlichen Liebe.«

IV.
Der Engel, der Böse, die Schwester, zwei Turteltauben, ein Jüngling

Die Schwester

»O ja, die Schönheit der Seele ist unvergänglicher; sie gefällt dem guten Gotte – der Leib nur dem Menschen.«

(Zwei Turteltauben kommen auf einen Weidenzweig geflogen).

»Ihr lieben Turteln, ich will rein und schuldlos bleiben wie ihr Täubchen, ich liebe meinen Bruder so heiß und so zärtlich wie du den deinen liebst.«

Der Tauber (zu der Taube)

»Wie lange noch, Grausame, willst du gefühllos bleiben für meinen Schmerz? Ich vergehe vor Liebe und Trauer, und du bist immer gleichgültig: hast du denn ein Herz von Stein?«

Die Taube

»Ich begreife dich nicht, mein Freund, du trauerst und weinst um ein unbekanntes Weh? seh ich dich nicht gerne? Hab ich dich verlassen um einem andern Bruder zu folgen? Du bleibst mir stets theuer, mein guter treuer Freund und Beschützer.«

Der Tauber

»Bruder, Bruder! ich will dein Bruder nicht länger sein! Das kalte Gefühl der Freundschaft ist einem andern Feuer gewichen, das mich verzehrt.«

(Die Tauben fliegen weg)
Die Schwester

»Sonderbarer Vogel! er will weder Freund noch Bruder sein, und doch liebt er seine Begleiterin so heiß. So sprach wohl früher mein Spielgenosse, der arme Ludwig mit mir. Ich verstand ihn nicht: – er wollte auch mein Bruder nicht mehr sein, – und er zog nach fernen Landen, weil ich seine Herzpein nicht begriff. Was verlangte er denn? . . . Ich weiß es nicht . . .

Der Engel (zu dem Bösen)

»Dein Anschlag scheitert an dem reinen Gemüthe der Magd. Gelobt sei der Herr!«

Der Böse

»Meinst du, mein Kampf sei geendet? Ich wollte nur eine Erinnerung in ihr erwecken; ich habe erst angefangen das Herz der Jungfrau zu umstricken. Sie sagte da einige Worte, die nicht verloren sind. Du wirst schon sehen!«

(Er entfernt sich und nimmt die Gestalt eines Jünglings an)
Die Schwester
(sieht den Jüngling nahen)

»Wer kommt da? O Himmel sollte es Ludwig sein? Ja, ja, es ist mein Spielgenosse! Welche Freude! Ludwig, guter Ludwig!«

Der Böse
(in Ludwig’s Gestalt mit trauriger Miene)

»Rosa, hast du wohl einmal an deinen unglücklichen Freund gedacht?«

Die Schwester

»Ach täglich! nimmer werde ich meine kindlichen Spiele und den vergessen, der sie stets so treulich mit mir theilte. Aber du, Ludwig, hast du in der weiten Welt deine kleine Gespielin nicht vergessen?«

Der Böse

»Deine Frage, Rosa, dringt mir wie ein Dolchstich in’s Herz!«

Die Schwester

»Warum denn?«

Der Böse

»Wirst du mich denn nimmer begreifen und verstehen, Rosa? Ich verließ diesen Ort in Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung; wie ein Wahnsinniger irrte ich umher in unendlichem Leiden. In unbekannten Strecken rief ich deinen Namen den Wäldern zu, klagte den einsamen Feldern meinen Schmerz, verkündete den Vögeln deine Schönheit, und deine Grausamkeit den starren Felsen. Ich bezeichnete meinen Pfad mit heißen Thränen, denn dein Bild verfolgte mich überall; es blieb mir keine andre Erinnerung als die an deine bezaubernden Augen, und deine harte Gefühllosigkeit. Ich dachte dein am Morgen, am Tage, am Abend und in der Nacht . . . Und du kannst fragen, hast du deine Gespielin nicht vergessen? – O Engelgleiche, habe Mitleid mit mir, oder ich sterbe!

(Er faßt ihre Hände ungestüm in die seinen)
Die Schwester (erschreckt)

»Hinweg, hinweg! deine Hände brennen wie Feuer, deine Blicke durchbohren mein Herz . . . o raube mir nicht meinen Seelenfrieden!«

Der Böse

»Immer dieselbe Kälte! Durchströmte auch deinen Busen die Gluth die mich erfüllt, du würdest meine heißen Hände nicht fühlen! sieh, du Harte, ich vergehe vor Schmerz: meine Augen brechen – du mordest deinen treuen Freund, und siehst gefühllos seinen Tod; o Erbarmen, Erbarmen!«

Die Schwester (mitleidig)

»Armer Ludwig! könnte ich dir deine Schmerzen erleichtern, ich thäte es gern.«

Der Böse

»Du kannst es, Geliebte! sage, daß du mir gehören willst, daß du Niemand mehr liebst, denn mich.«

Die Schwester

»Ludwig, ich habe eine Mutter, die ich auch liebe.«

Der Böse

»Es sei, liebe deine Mutter.«

Die Schwester

»Ich habe einen Bruder.«

Der Böse

»Liebe auch deinen Bruder; aber sage, daß du die Meine sein willst, daß du Niemand mehr liebst denn mich.«

Die Schwester

»Und wenn ich es sagte, Ludwig?«

Der Böse

»O liebe Rosa, dann sterbe ich nicht, und lebe ewig in deiner Liebe.«

Der Engel

»Rosa, Rosa, solltest du einem Menschen mehr denn Gott lieben?«

Die Schwester

»O ich liebe auch meinen Gott. Aber da stirbt mein armer Freund; soll ich ihn nicht trösten?«

Der Böse

»Rosa, Rosa, sprich schnell das beseligende Wort; schon fühl’ ich den kalten Hauch des Todes.«

Die Schwester

»Ich spräche das Wort, fürchtete ich nicht meinen Herrn zu erzürnen.«

Der Böse

»O du liebst mich nicht, grausame Rosa. Du freust dich an meinem Tode. Sollte eine kleine Sünde dich abhalten mich zu retten? Könntest du nicht durch Reue Entschuldigung erlangen? Sieh, mein Herz blutet in bitterem Leiden, mein Haupt sinkt ermattet zu Boden . . . Schnell, schnell das errettende Wort!«

Der Engel

»Sprich nicht, Rosa, unglückliches Kind!«

Die Schwester

»Soll denn mein armer Freund hilflos sterben?«

Der Engel (schnell)

»Rosa, beschließe über dein Loos: vor dir liegt ein Mensch, der leidet, und in Liebespein zu sterben behauptet. Droben auf dem höchsten Throne im Himmel sitzt ein Gottmensch, der dir seine Liebe geschenkt hat, der sein Blut stromweise auf Golgatha für deine Seligkeit vergossen hat.«

Der Böse

»O Mitleid, habe Mitleid mit mir.«

Die Schwester

»Ich bin rathlos! was thun ? armer Ludwig!«

Der Engel (in Verzweiflung)

»Rosa, bald wird deine Stunde schlagen! O Geliebte, sieh meine fließenden Thränen! hier, hier ist der Tod! . . . sprich schnell das Urtheil zu deiner Verdammung oder zu deinem ewigen Heile! . . . Willst du dem Jüngling und der Welt, oder deinem Gotte, deinem Erlöser, der deine Seele liebt, angehören? Wem, wem wirst du gehören, dem gekreuzigten Jesus oder diesem Jünglinge? Sprich!«

Der Böse

»Ja Rosa, sprich!«

Die Schwester

»Ludwig, Ludwig, dein Angesicht ist verführerisch, deine Liebe feurig, und dein Leiden unaussprechlich . . . «

Der Engel

»O Gott! sie fällt!«

Der Böse

»Sprich, sprich, mir die Seele!«

Die Schwester

»Und doch liebe ich meinen süßen Jesus über Alles; meine Liebe und meine Seele ewig meinem Gotte!«

Der Engel

»Heil, heil! sie hat gesiegt! Gelobet sei Gott in der Höhe!«

Der Böse (in seiner wahren Gestalt)

»Verdammt, verdammt! sie hat gewonnen! der Abgrund muß nun von meinem Schmerzesgeheul erbeben . . . Verflucht, du Engel des Lichts!«

(Er verschwindet)

(Der Garten nimmt seine vorige Gestalt wieder an: der Bruder erwacht und steht auf).

V.
Der Engel, die Schwester, der Bruder

Der Engel

»Rosa, dein Augenblick ist gekommen, lege dein Köpfchen in meinen Arm.«

Die Schwester

(erwacht wie aus einem Traume)

»Bruder, Bruder!«

Der Bruder

»Was wünschest du Rosa?«

Die Schwester

»Gib mir schnell den Abschiedskuß, und bringe auch der Mutter einen.«

Der Bruder

»Ach Rosa, du wirst uns doch heute noch nicht verlassen?«

Die Schwester

»Sieh! da steht der Engel: mein Haupt ruht in seinem Arm; er umschließt mich mit seinen goldnen Flügeln . . . hörst du, der himmlische Chor begrüßt mich schon; ich fahre auf zum hohen Vaterlande!

Der Bruder

»Lieb Schwesterchen, da hast du zwei Küsse.«

Die Schwester

»Lebe wohl Bruder, sage der Mutter, daß sie bald kommen möge, und du, komme auch: den Vater werde ich im Himmel wiederfinden . . . und wenn Ihr Beide gekommen seid, wird unser Lied vereint vor des Höchsten Thron erklingen. Lebe wohl, der Engel breitet seine Schwingen aus – ich schwebe mit ihm empor auf der Bahn des Lichts!«

Der Bruder

»Todt!«

Wissensdurst und Glaube

Ich wandelte einsam durch die öden Fluren.

Der Winter mit seinem kalten Hauch hatte die Natur jeder Zierde beraubt, die Bäume waren dürr, die Blätter rauschten nicht mehr – und Alles weckte in meinem Herzen düstere Gedanken.

Während ich mir dieses Absterben der Natur zu enträtseln suchte, verschwand die Erregtheit meines Busens vor dem kalten Denken.

Ich fühlte, daß ich der ruhenden Natur gleich ward, denn das Nachsinnen schwächte meine Lebenskraft.

Die Lösung des Räthsels stand vor mir.

Ein Greis mit gebogenem Rücken saß wehmüthig am Wege, auf dem Stamm eines durch den Sturm entwurzelten Baumes.

Der Wind jagte seine silbernen Locken um sein Haupt. kalte Thränen rannen in den Furchen seiner Wangen nieder; und die scharfe Wintersonne goß ihre schiefen Strahlen auf seinen blinkenden Schädel.

Er brachte seine knöcherne, abgezehrte Hand vor’s Augenlied; —zeigte, während das Wasser des Schmerzes auf seinen Wangen trocknete, mit seinem feuchten Finger vor sich hin und sprach:

So nackt wie die Gefilde, so nebelig wie die Luft, so dürr wie die Bäume, so kalt wie das Eis des schlafenden Bachs ist auch mein Herz;

Denn ich habe tief in meine Brust gegraben und von dem Geist, welcher mich belebt, Rechenschaft über seine geheimsten Empfindungen gefordert,

Und nach dem Lösungswort von Allem nach der unbegreiflichen Grundursache gesucht.

Diese Untersuchung war eine Gotteslästerung; und schwer die Strafe, welche darauf folgte.

Mit jeder Antwort, welche der Geist mir gab, schwand mir ein Theil meiner Genusseskraft; mit jeder neuen Lösung trocknete der tröstende Glaube und das kräftigende Vertrauen mehr und mehr in meinem Busen.

Alles wurde Lug und Trug in meinen Augen: Lug und Falschheit, selbst die Religion.

Die reizenden Jugendbilder schwanden mir vor der Zeit, – die Augenbrauen sanken mir über die Augen, – zwei tiefe Runzeln durchfurchten meine Stirn, und kalte drückende Gedanken wurden mein Antheil.

Ich erreichte den Winter des Lebens, ohne den milden Scharten des Sommers oder die Früchte des Herbstes genossen zu haben.

Mitleiden drang in meinen Busen und ich erwiederte leise:

O Vater, wenn die Nebel des Alters euch umhüllen, wenn die Erde euer Haupt an sich zieht,

Könnt ihr euer trauriges Herz nicht durch Erinnerung an bessere Tage aufrichten und trösten? Vermag die Hoffnung auf ein seliges, glücklicheres Leben euch nicht zu erquicken und aufrecht zu halten? – daß ihr nicht weinend zu Grabe sinkt!

Kind, erwiederte der Greis mit bitterem Lächeln, du kennst des Menschen Leben nicht!

Einst war ich jung und kräftig, gleich dir; Rosen glänzten auf meinen Wangen; – Alles lachte mir zu in der frohen Natur.

Mein Auge begriff ihre zauberischen Farben und spielenden Formen; Und dann bewunderte ich die Werke des Schöpfers, denn ich glaubte an ihn. – Ich konnte beten und danken.

Aber die Tage der Kindheit gingen vorüber – wie das glitzernde Irrlicht, das in einer warmen Sommernacht in freudigem Sprunge sich hebt und erlischt – um niemals, niemals wieder so heiter zurückzukehren.

Ich wähnte damals, das Leben gäbe allzeit Freude genug, um das Leid zu vergessen,

Und heiter trat ich, ein Neuling, in die große Welt.

Meine Hand drückte voll Freude jede andere; ich dachte, Liebe sei mit den Seelen der Menschen geschaffen worden.

Dies glaubte ich , denn ich war reich.

Da kam die Armuth mit ihren dürren Armen mich zu umfangen – und ich rief meine Freunde vertrauungsvoll um Hilfe an.

Nun sah ich, wie wenig Liebe in der Brust des Menschen lebt;

Denn sie verließen mich sämtlich und spotteten über meine Verzweiflung.

Ich sah, wie Jeder einen Theil meiner Habe weg trug.

Ein Einziger blieb mir. In Unglück und Trauer trocknete er die Thränen von meinen Wangen;

Und trank mit mir aus dem bitteren Becher des Unglücks.

Ha! – An meinem Herzen und in meinem Herzen war seine Wohnung – mein Busen klopfte so dankbar gegen den seinigen! . . .

Aber der Tod, der neidische Tod schoß ihm einen Pfeil in die Brust;

Und das gähnende Grab empfing seinen Leib – und die kalte Erde deckte den einzigen Menschen, dessen Freund ich war hienieden . . .

Und es war für ewig!

Dann suchte ich in der Liebe das Glück.

Rüstig und arm lebte ich von der Arbeit meiner Hände, – und der Schweiß floß oftmals glühend von meinem Angesicht.

Ich bekam ein zärtliches Weib und liebliche Kinder.

Und ich fühlte Zufriedenheit und Freude wieder aufleben in meinem Herzen.

An Gott dachte ich nicht!

Aber dann zog eine Krankheit, eine gräßliche Geißel durch die Welt. – Die Sense des Todes lief über die Erde.

Und alle Häupter, auf welchen ich meine Ruhe und meinen Frieden gebaut, wurden ihre Beute.

Mein Weib, meine Söhne, meine Töchter gaben nacheinander an meinem Busen den Geist auf.

Ich habe sie alle hinsterben sehen auf meinen Knieen unter unaussprechlichen Qualen des Leibes und der Seele.

Als auch die Augen meines Erstgebornen brachen und seine Seele schon zweimal ihm auf den Lippen gewesen,

Da bat ich den Herrn um Gnade;

Aber er erhörte nicht mein Flehen, – denn ein gräflicher Krampf zog die Glieder meines Sohnes zusammen, und trieb den Geist, der ihn beseelte, aus dem schwachen Körper.

Verzweifelnd lag ich zwischen den kalten Leichen. Ich rief ihnen zu in meinem Wahnsinn.

Die Todten hören nichts . . .

Dann sog ich die verpestete Luft ein, welche sie umgab. Wie erwünscht wäre mir der ewige Schlaf gewesen!

Doch ich konnte nicht sterben: Der Kelch war noch nicht bis auf den Boden geleert . . .

Und Alles, was ich liebte, sank mir ihnen zu Grabe.

Eine unübersteigliche Scheidewand hatte sich erhoben zwischen dem Vater und seinen Erzeugten —

Und ich blieb allein in der Welt.

Dann warf ich einen Blick auf das Vergangene und berechnete die Zahl meiner Leiden und meiner Freuden.

Und ich fand, daß sich die Augenblicke wahrer Freude zu den Stunden der Trübsal verhielten – wie l zu 1000!

Trotzig und lästernd sprach ich wider Gott:

Ist es denn bloß zu Leid und Thränen, daß du Menschen gebildet.

Warum ließest du den fühllosen Staub nicht schlafen, damit Ruhe und Friede bliebe in der ungeformten Natur? . . .

Und der Herr strafte mich nochmals um meiner Lästerung willen, denn mein Herz wurde kalt;

Der Glaube entschwand mir gänzlich – weinen konnte ich nicht mehr, auch nicht klagen.

Und da erst kam düstere Gefühllosigkeit und hielt mir den Becher der Galle vor die Lippen.

Und die Tage meines Lebens wurden für ewig nebelhaft und düster. —

Der Greis stand auf und ich sah, wie er langsam dahin wandelte.

Sein Haupt hing schwer vorn über, – sein Schritt war mühsam, er ging gebeugt unter der Last seiner trüben Erinnerungen.

Seine schreckliche Prophezeiung bedrängte mein Herz mit düsterem Nachsinnen.

Schon sah ich, wie die fürchterlichen Scenen des Elends und der Widerwärtigkeiten mir nahe traten;

Doch ich besaß noch Vertrauen zu Gott.

Mein Auge erhob sich flehend gen Himmel,

Und ein Strahl von Trost und Gnade verscheuchte diese Gedanken.

Ich wandte meine Schritte zu dem Tempel des Herrn, denn meine Seele verlangte nach Erquickung.

Schwankend betrat ich den Friedhof,

Und fand mich auf der halb verschlissenen Kniebank vor dem Beinhause.

Da empfing mich das grausige Lächeln der Todten, und mein Blick sah erschreckt in die tiefen Augen der schlafenden Schädel.

Ich bebte, und eine eisige Kälte lief durch meinen Körper, – denn eine magere knöcherne Hand ergriff die meinige,

Und der Greis stand lächelnd neben mir.

Kind, sprach er, indem er einen weißen Schädel aufhob, besieh dieses Haupt. Es war mein Vater! . . .

Und eine Fluch herzzerreißender Thränen und bitterer Seufzer unterbrachen seine Stimme;

Der Schädel grinste höhnisch beim Schmerz des Greises.

Dann ergriff dieser einen kleineren Schädel und sprach:

Siehst du hier? – Das war mein Erstgeborner! . . .

Jung wie du – und dennoch starb er.

Dies ist das Haupt meines reizenden Weibes!

Dies, mein Freund!

Zwischen diesen dürren Schädeln ruht meine Hoffnung, mein Glück , meine Seligkeit!

Siehst du, das krampfhafte Lachen der Pein bleibt auch noch nach dem Leben.

Hier, zwischen dem Gebein, Kind, ist auch ein Platz für dich.

Dann werden auch deine Augen hohl sein, und das Wasser bleicht und verdirbt auch deinen Schädel!

Während ich, die Seele voll Angst, des Alten Worte gleich einem beschwerenden Traume zu verscheuchen suchte, harrte der schreckliche Greis meiner Antwort.

Eine Frau mit bleichen Wangen schlüpfte leise, wie ein Schatten, vorüber.

In ihre schmerzlichen Thränen mischte sich ein seliges Lächeln, so süß, so liebreich, wie die Hoffnung selbst.

Blumenkränze hingen an ihren zarten Fingern, schwarzer Flor bedeckte sie.

Sie kniete nieder auf einem frisch aufgeworfenen Grabe, und bestreute die Erde mit Blumen.

Der Greis wies abermals auf die Schädel und frug:

Kind, verstehst du jetzt das Leben? – Begreifst du das Lösungswort von Allem – Vernichtigung?

Glaub’ ihm nicht, Kind! rief die weinende Frau. Glaub’ ihm nicht!

Sie erhob Hand und Auge gen Himmel und rief, gleich einer von Gott erleuchteten Prophetin:

Dort wohnt das ewige Lösungswort von Allem – von Leben, von Tod – von Glück und Reue.

Auch mich hat der Herr heimgesucht, – auch mir ist ein Gatte, ein Kind genommen worden:

Die kalte Erde deckt ihre Leichen; Aber doch habe ich Trost gefunden in dem einzigen Lösungswort von Allem: – in Gott.

Jetzt verließ mich der ängstigende Traum der Verzweiflung.

Dankbar küßte ich die Hand der Frau, die mich getröstet und erleuchtet; mein Herz verbitterte sich wider den bösen Greis,

Und kühn fragte ich ihn um seinen Namen.

Er antwortete: Wissensdurst.

Und die Frau erwiederte auf dieselbe Frage: Glaube!

Sie deckte mich mit ihrem Mantel, und kein Gedanke der Verzweiflung vermochte mich unter diesem heiligen Schirm mehr zu erreichen.

Und Ruhe, Glück und Friede wurden mir zu Theil.

Der lange Nagel

Keinem ist wohl unbekannt, welche Grausamkeiten Herzog Alba während seiner nur allzulangen Regierung in Belgien verübte. Es gab keine Stadt, in welcher das rothe Blutgerüste nicht aufgeschlagen stand, keine, in der der Galgen nicht mit Leichen prangte, in denen der Scheiterhaufen nicht das Gebein von Tausenden von Unglücklichen verkalkte; das Henkerschwert und das Henkerbeil stumpften auf den Nacken der zahllosen Schlachtopfer. Fangen, foltern, hängen, brennen, enthaupten, das, sagt Guicciardin, war das tägliche Geschäft Alba’s des Henkers. In Strömen floß Belgenblut über den Boden des Vaterlandes. O edel, o kostbar Blut! Der Samen der jungen Freiheit solltest einst du reifen, uns erlösen und befreien von den Banden, die Kaiser Karl (V.) um den Nacken unserer Väter warf. Sei das Gedenken an den Tyrannen ein ewiger Fluch für jeden Belgen; vergessen wir nie und nimmer, daß die partheilose Chronik seinen Namen stets in Verbindung bringt mit den Worten Blut und Mord!

Im Jahre 1571, als die andere Gottesgeißel nahete, verließen Tausende von Belgiern ihr Land und irrten umher auf fremdem Boden. So lange das Wenige, welches sie mit sich genommen, ausreichte, war ihr Zustand nicht ganz unerträglich, dann aber entblößte bittere Armuth sie von Allem. Mit dem Beginne ihrer Noth endete der Fremden Mitleid, und selbst der allerdringendste Bedarf, die geringste Unterstützung wurde ihnen verweigert. Da scharrten sie sich in großer Zahl unter dem Namen Geusen zusammen, stellten sich unter den Oberbefehl des Prinzen von Oranien, und schwuren, den Degen in der Faust, eine Stätte nahe dem Grabe ihrer Väter wieder zu räumen, eine Stätte, wo auch ihnen zur Seite dieser theuren Todten einst zu ruhen und zu schlafen vergönnt wäre . . . Doch, das gelang ihnen nicht; Alba war zu listig und gewandt und wußte alle ihre Anschläge so zu vereiteln, oder zu hindern, daß sie bei bedeutenden Verlusten doch nur wenig ausrichteten.

Ihre Kriegsmacht theilte sich in Land— oder Buschgeusen, welche in den dichten Wäldern Schutz suchten, und See— oder Wassergeusen, die auf schnellen Schiffen die weite See durchpflügten und die spanischen Fahrzeuge beraubten. Diese Seegeusen standen unter dem Oberbefehl des Grafen van der Marck, Herrn von Lumey, zugenannt der lange Nagel, weil er geschworen, die Nägel seiner Finger nicht zu schneiden, bevor der Tod der Grafen Egmont und Horn auf das Vollständigste gerächt wäre.

*                   *
*

In dem genannten Jahre lagen an dem Ufer der Schelde, in der Nähe der stelle, wo jetzt das Fort St. Laurenz steht, die Ruinen einiger niedergebrannten Häuser. Aus ihrer Mitte erhoben sich einige Mauern, die nur mit Mühe sich noch aufrecht hielten; alles aber war so zerstört, oder von Alter verfallen, daß man durch die Risse, wie durch ebensoviel Schießlöcher, schauen konnte; schwarz verbrannte Balken und schwere Mauerstücke hinderten den Zugang zu dem Innern der Trümmer.

Es war im October desselben Jahres 1571. Seit lange bereits hatten die guten Bürger von Antwerpen die schrecken des Tages gegen die schrecken angstvoller Träume vertauscht, denn elf Uhr schlug es eben von dem hohen Glockenthurme der Liebfrauenkirche. Dunkle, schwere Wolken schwammen, durch einen heftigen Sturm getrieben, durch die Luft, und bildeten in dem zuweilen sie durchbrechenden Mond— lichte tausend zauberhafte Gestalten, und wälzten als riesige Ungeheuer sich gegen den silbernen Lichtkranz, mit dem die eben aufsteigende Göttin der Nacht sich umhüllt hatte, den sie jedoch nicht stets bewahren konnte, denn wenn einer jener größern Wolkenberge vor sie hinrollte, dann bedeckte er sie nicht selten ganz und gar, und Stadt und Trümmer umzog dichtes Dunkel.

In diesem unstäten Lichte konnte man übrigens deutlich zwei schwarze Schatten zwischen den Trümmern irren sehen, schweigend und horchend. In gespannter Neugier erhoben sie dann und wann das Haupt über der baufälligen Mauer, warfen schnell einen ängstlichen Blick über die rauschenden Wogen der Schelde und verschwanden einen Augenblick später wieder in der Höhle, welche ihnen als Asyl diente. Es wäre mühsam gewesen, sie zu erkennen, oder zu errathen, was sie eigentlich vorhatten; wir wollen darum das Wenige, was wir über sie wissen, hier unsern Lesern mittheilen.

Der Aeltere der beiden Nachtwandler war Albrecht van Schoonhoven, ein Edelmann aus einer der ersten Familien der Stadt; der Andere war sein Sohn Alfred. Ihre Körper umfloß ein langer, schwerer Mantel; ein breiter Hut deckte Haupt und Angesicht. Wenn mitunter ein Strahl des Mondes sie überraschte, dann glänzten ihre Dolche und die Griffe ihrer Pistolen schimmernd auf dem dunkeln Kleide.

Seit lange harrten sie bereits dort; seit lange hatten sie mit leisem Schritte von den Trümmern zur Schelde und von der Schelde wieder den Trümmern zugewandelt; doch hatte noch kein Laut ihr Ohr getroffen, als das Rollen der Wellen und das anhaltende Pfeifen des Nordwindes. Endlich lehnte der Vater mit dem Ellenbogen auf einen der Mauersteine und sprach mit leiser Stimme zu seinem Sohne:

»Alfred, glaubst du nicht, daß dir der Muth sinken werde, wenn seine Leibwache nahen sollte?«

»Nein,« entgegnete der Jüngling seufzend, »inmitten seiner spanischen Leibgarde werde ich ihm den Dolch in’s Herz stoßen, so Gott mir beisteht.«

»Hast du es wohl überdacht, Alfred, daß du dein Leben an dieß spiel setzest? Weißt du wohl, daß nie ein Belge den Händen Alba’s entkam? Bedenke Alles reiflich, denn so du wankest, dann ist’s nutzlos etwas zu unternehmen.«

»Mein Herr und Vater!« fiel der Junker ein; »suchet ihr mich an meinem Vorhaben irre zu machen? Meinet ihr denn, das Blut meines Bruders Norbert, welches noch zwischen den Steinen des Marktes zu Brüssel klebt, wäre bereits vergessen? Höret ihr denn meines Bruders Stimme nicht mehr, die aus dem kalten Grabe und bei Gott Rache und Fluch über ihren Mörder schreit? Hu, noch tönt der Racheruf mir in’s Ohr . . . Fliegt dort im Dunkel sein Schatten nicht drohend vorbei, drohend, weil sein Henker noch lebt? Das Herz ist mir gepreßt vor Wuth . . . und denke ich an die Folter unserer braven Landsleute, dann knirschen unwillkührlich mir die Zähne und meine Hand greift zum Dolche. O sprechet mir nicht fürder von Gefahr, ich bitte euch, Vater! Ob ich wohne bei Gott mit den enthaupteten Edeln, unsern lieben, treuen Freunden, oder ich sende die Ketten des Vaterlandes zur Hölle mit der verhaßten Seele dieses Alba! . . . «

»Ruhiger, mein Sohn! Die Leidenschaft reißt dich fort, du sprichst zu laut . . . doch horch! Hörst du nichts?«

Und schnell wandten sie sich der Schelde zu und schauten einige Augenblicke über die Wasser hin.

»Der lange Nagel kommt noch nicht,« fuhr der Vater dann fort, »und doch ist die Stunde schon verstrichen. Du Alfred kannst mit deinen jungen Augen besser sehen, siehst du dort hinten nichts kommen?«

»Nein, nichts, Vater.«

»Nicht das kleinste Segelchen?«

»Nein, die murmelnden Wasser werfen die Wellen weiß und glänzend in die Höhe, doch kein Punkt löst sich von der eintönigen Fläche.«

Sie lauschten wiederholt und schauten nochmals auf den Strom aus.

»Wartet, da, ich sehe etwas!« rief nun der Junker. »Dort in der Ferne kommt’s. Es ist ein Galei, glaube ich. Ja, ja, doch Fluch über sie, es sind Spanier!«

Und schnell zogen sie sich wieder nach dem Innern zurück und setzten sich auf einen Haufen Steine nieder. Albrecht van Schoonhoven zog die weiten Falten des Mantels dichter um sich und sprach nun leiser zu dem Sohne:

»Alfred, was ich dir eben gesagt, das sprach ich nicht, um dir den Muth zu nehmen. Wärest du fähig zu wanken, wärest du zu feige, dein Leben für das Vaterland zu wagen, du wärest kein echter Belge, und ich fluchte dir und verläugnete dich. Gelänge dir aber dein Plan erst, könntest du den Bluthund opfern, o wie würde ich dich segnen, wie die Stunde deiner Geburt segnen und wie Gott danken, der einen Mann gleich dir aus meinem Blut ließ geboren werden. Fahre dann fort, mein Sohn, und Gott stärke dich! Möge dein Herz an Muth stets wachsen und Maria einst der Lohn deines Muthes werden.«

Hoch erröthete Alfred bei diesen Worten vor Liebe und frohem Muth. Seit lange hatte er mit dem langen Nagel als wackerer Wassergeuse die See durchfahren, und gerne hatte Maria ihr Herz dem kühnen Jüngling geschenkt. Auf einen Augenblick ganz in seine Liebesträume gestürzt, vermochte er kein Wort zu erwidern; sein Herz klopfte so ungestüm. Noch saß er einige Minuten lang so da auf seinem kalten Sitze, dann aber sprang er plötzlich auf und schaute über die Mauer hin auf das Wasser.

Während er mit dem scharfen Blicke, der tagtäglich die weiten Felder der See zu durchspähen gewohnt war, ängstlich stromabwärts sah, saß der Vater still unten, die Hand vor den Augen. Eine Thräne der Liebe und banger Furcht zitterte zwischen seinen Fingern; ahnte er, daß er bald keinen Sohn mehr haben würde? sah er den Engel des Todes dem Geliebten drohend nahen?

»Vater!« flüsterte Alfred: »Es leben die Geusen! Ein Segel! Hinten an der Sandplatte taucht es auf!«

»Ein Segel, Gott Dank!« sprach der Vater sich rasch erhebend, und dem weisenden Finger Alfred’s mit dem Auge folgend. Ein Segel sagst du, doch wo?«

Eben trieb eine Wolke vor den Mond und die Schelde lag in tiefem Dunkel, und das Segel sank weg in die schwarzen Schatten.

»Hast du gut gesehen?« frug er dann wiederholt, »oder hat Maria’s Namen dir nicht eine Posse gespielt? bei meiner Seele, ich sehe nichts.«

Blitzschnell schoß ein Mondstrahl über die Wellen.

»Dort, seht ihr’s nun, Vater?«

»Ja, bei Gott, es ist der lange Nagel.«

Wenige Minuten später drang eine Schaluppe durch die Wellen und legte am Ufer an, während ein größeres Fahrzeug in einiger Entfernung anhielt. Zehn Männer und ein Frauenbild traten heraus und standen bald in den Trümmern bei den beiden Geusen. Einer der Neuangekommenen schien Aller Herr zu sein; nicht seine hohe Gestalt, nicht größerer Reichthum seiner Kleidung bezeichneten ihn als solchen, wohl aber die unbegreifliche Macht, welche der leiseste Ton seiner Stimme, ein Wink seines Fingers, ein Blick seines Auges auf Alle ausübte. Blindlings folgten seine Gefährten ihm, wohin er sie auch führte, und wenn er auf dem Verdecke seines Schiffes stehend, mit der Spitze seines Degens auf das Ufer zeigte und sein »Vorwärts!« rief, dann war nicht einer, den das Eisenwort nicht forttrieb, selbst da, wo Schwärme von Feinden das Ufer bedeckten.

Nachdem dieser seltsame Mann die zwei Schwarzmantligen erkannt und einige Worte mit ihnen gewechselt hatte, wandte er sich schnell zu den Uebrigen, die mit ihm gekommen waren und sprach:

»Mannen, haltet’s Segel im Auge und horchet wohl auf! Die spitzen eurer Dolche und die Lunten eurer Feuerrohre lasset ebenso Wacht halten als eure Augen und Ohren, auf daß nichts sich rühre, ohne daß ihr es höret und nichts sich bewege, ohne daß ihr es sehet.«

Und die Matrosen eilten dem Ufer zu, wo sie sich hinter einer zusammengestürzten Mauer verbargen und aufmerksam die ganze Gegend beobachteten. Ohne sich zu rühren, lagen sie dort; nur zuweilen, wenn der Nordwind die Lunten stärker anblies, glühten diese in dem Dunkel, wie etwa die Augen der wilden Katze oder der Waldeule.

Der lange Nagel, denn dieser war der hohe Mann, stieg nun mit van Schoonhoven die feuchten Treppen eines verfallenen Kellers hinab; Alfred folgte, nebst dem Frauenbilde.

»Hier ist’s aber beim Teufel noch dunkler als in den Kerkern der Inquisition, ja als in der Seele des Bluthundes Alba!« rief der lange Nagel, als sie drunten angekommen waren, doch van Schoonhoven sprach:

»Geduldet euch ein wenig, ich bin mit allem Nöthigen versehen.«

Und er holte einen Stein aus der Tasche und in einem Augenblicke glühte eine Lunte.

»Nun saget noch einmal, daß die Spanier allein toledosche Dolche haben,« rief er lachend. »Ist der meine nicht ein prächtiger Stahl?«

Bald loderte die Lunte unter Alfred’s kräftigem Hauche auf, und warf eine Fackel ihr zauberhaftes Licht auf die vier, welche sich in dem Keller befanden.

Der Graf van der Marck, Herr von Lumey, war ein wohlbeleibter Mann, mit gebräunten Wangen und funkelndem Auge. Ein dicker rother Schnurrbart kräuselte sich um seinen Mund, ein kleinerer spitzer Bart bedeckte sein Kinn. Mit Waffen war er dießmal wohl versehen; eine stählerne Brustplatte schimmerte unter seinem Wamms. Sein Herz war wild und nimmer konnte er vergeben. Den Katholiken spielte er u. a. so übel mit und fügte ihnen so viel Schaden zu, daß sie die Grabschrift auf ihn machten:

 
Hier ligt Grave van der Marcke
Hy leefde als een hond en stierf als een varcke. 16
 

Seine Tochter Maria war ein schönes, noch jugendliches Mädchen, deren Züge ganz die Lütticherin verriethen, mit glänzendem Auge, Haaren, schwärzer als der Nacken der Elster, und scharfgezeichneten Augenbrauen, wie man sie bei den meisten Walloninnen sieht. Ihre Kleidung stimmte wenig zu der Zartheit ihres Geschlechtes, zu der Höhe ihrer Abkunft, denn statt Seide und Sammt trug sie nur schweres Wollentuch, und ohne Flügel und Klappen und Bänder schmiegte sich Mieder und Samarie um ihren feinen Körper. Ein kleiner Filzhut deckte ihr aufgebundenes Haar. Sie glich in dieser Gestalt eher einem schönen Junker, der eben zur Jagd eilt, als einer Jungfrau. Ihr freier, kühner Blick kündete dazu noch, daß sie seit lange das ruhige Leben des Weibes mit dem wühligern, ruhelosen des Mannes vertauscht hatte.

Kaum flammte die Fackel auf, als sie lächelnd sich zu dem Geliebten wandte und sprach:

»Aber Freund Alfred, ist es denn so weit gekommen mit uns, daß ein Rattennest die Wohnung deiner Braut ward? So gieb mir doch einen Sitz.«

»Es ist noch ein Segen des Himmels für uns, daß wir auf den Ruinen unserer Städte einen Augenblick ruhen können,« antwortete der Junker bitter, indem er auf einen großen Mergelblock zeigte, der ihr zum Sitze dienen sollte.

»Holla, Mädchen, holla Junker!« rief der lange Nagel. »So eilig nicht und lasset die Worte Braut und Bräutigam nicht so leicht in eurem Munde umgehen. Noch hast du die Seekönigin der Wassergeusen nicht verdient.«

»Vater,« lächelte die Jungfrau ihm zu, auf den alten van Schoonhoven zeigend. »Fahret ihr Beiden nur in eurer Unterhaltung fort; ich werde meinem Alfred schon Muth und Kraft schenken, mich zu verdienen, denn er und kein Anderer wird je mein Obrist sein.«

»Ei, sieh da!« fiel der lange Nagel ein. »Wie mein Töchterlein sich aufwirft. Aber brav Maria, brav, so hab ich’s gerne, so gefällst du mir. Du machst das Sprichwort nicht zu Schanden, welches sagt, daß gut Blut nicht lügen kann. Morgen geb ich dir den Oberbefehl über das Flieboot Egmont.«

Ein seltsamer Ausdruck flog in diesem Augenblick über Maria’s Züge; sie erkalteten und wurden strenger und tief zogen sich ihre Augenbrauen zusammen.

»Trauet ihr mir denn nicht zu, Vater, daß ich auch ein Segel anführen könne? Meinet ihr vielleicht, ich scheue mich vor spanischem Blute? Nein wahrlich nicht. Feindliche Kugeln, das wißt ihr, zischten auch an meinen Wangen vorbei ohne daß diese darob erblichen wären. Es bedarf just nicht stets der Kraft des Mannes, des Feindes Brust zu finden. Wer immer sein Vaterland liebt, auch eine Frau, findet auch Muth, es zu vertheidigen.«

Und mit den Worten zog sie einen Dolch aus dem Busen und sprach:

»Davon muß Alba fallen!«

Der lange Nagel drückte sein Kind mit inniger Seelenfreude an’s Herz; ein hohes Glück belebte das ganze Gesicht des rauhen Seemannes, eine kalte Thräne stand in seinem glühenden Auge.

»Mein Kind!« rief er. »Mein edel Kind!«

Mehr vermochte er nicht zu sprechen.

*                   *
*

Der Graf van der Marck hatte sich mit van Schoonhoven in eine Ecke des Kellers zurückgezogen; Alfred saß neben Maria auf dem Steine. Er beschaute sie in tiefer Betrübniß; sein Antlitz war bleich und schmerzliche Seufzer entstiegen seiner Brust.

»Was fehlt dir denn Alfred?« frug Maria leiser. »Was hast du, was dich so trübe macht, dich so mißstimmt?«

»Meine liebe, meine theure Braut, weißt du wohl, daß ich mein Leben opfern könnte, ohne deinen Besitz zu erringen, ohne dich je wiederzusehen?« frug der Jüngling, während eine bange Thräne sich über seine Wange stahl.

»Aber Alfred, mein Geliebter, mein Bruder,« seufzte die Jungfrau, »Sterben wirst du nicht. Warum denn erfüllst du mich mit Sorge und Zagen? Ich bin so froh, dich wiederzusehen. So schweige doch von solchen Dingen und reiße den Schleier nicht von meinen Augen, mein armer Alfred . . . «

Der Junker schwieg einen Augenblick; er schien in seinem Sinnen den fast verlorenen Muth, die fast geflohene Kraft wieder zu gewinnen. Dann hob er das Haupt, schlang seinen Arm um Maria, deren Augen auch feucht geworden waren und frug leise:

»Wirst du für mich zu Gott flehen, Maria?«

»Ach gewiß,« antwortete die Jungfrau. »Jeden Tag, wo ich dir ferne bin, werde ich, noch ehe die Sonne über dem Meere aufsteigt, meine Thränen vor dem Herrn ausgießen und ihn bitten, daß er dir und dem Vaterlande gnädig sei.«

»Aber glaubst du nicht, daß es eine Missethat ist, einen Menschen, wer es auch sein möge, unversehens zu überfallen und zu ermorden, nicht in ehrlichem Kampfe, sondern . . . «

»Alfred, Alfred!« rief die Jungfrau. »Findet die Stimme des Vaterlandes denn kein Echo mehr in deinem Herzen? Zögerst du, den Tod unserer Brüder zu rächen? Soll ich das von dir denken müssen, sprich!«

»Beruhige dich, meine Liebe! Nichts hält mich zurück, weder die Furcht vor der Strafe, noch die Furcht vor dem Tode. Sterben ist nichts für den, der allein auf Erden ist. Wenn aber unsere Seele in einer andern Seele lebt, dann ist sterben doppelt sterben. Der Gedanke daran preßt mir das Herz zusammen – du auch, Maria, würdest du nicht einer zertretenen Blume gleich mit mir untergehen?«

Maria erbebte bei dem Worte. Sie faßte des Geliebten Hand und brachte sie an ihr nasses Auge.

»Um Gottes willen, Alfred, sprich nicht also. Deine Worte fallen mir so schwer, so schmerzlich auf’s Herz.«

Doch fuhr der Junker fort:

»Wenn es denn aber wahr wäre – wenn ein Kerker mich schiede von dir, wenn das Beil des Henkers trennend zwischen uns Beiden niederfiele! Was hätte ich dann von meiner Wagniß?«

Maria erbleichte. sie antwortete nicht. Nach einigem Sinnen aber färbten sich ihre Wangen höher; ihre Augen glänzten in neuem Feuer, ihre Stimme gewann größere Kraft, und sie entgegnete ernst:

»Was du haben würdest, Alfred? Den Himmel und die Seeligkeit bei Gott und dein Grab würde dann unser Brautbett. Stolz, dein auch noch nach deinem Tode zu sein, würde ich deine Verlobte bleiben, und dein Schatten müßte sich an meiner Treue erfreuen.«

»Engel, du überwältigest mit deinem Edelmuthe!« rief Alfred. Ja so sei es denn. Gieb mir den Stahl, der so oft den Schlägen deines Herzens gehorcht. Laß mich das Werkzeug der Erlösung des Vaterlandes aus deinen Händen empfangen.«

Begeistert sank Alfred vor ihr auf’s Knie. Unter einem tiefen Seufzer zog sie den Dolch aus dem Busen, gab ihn dem Junker und flüsterte leise:

»Möge er nicht das Werkzeug deines Todes sein!«

Und zwei große Thränen sanken auf den glänzenden Stahl. Alfred preßte ihn leidenschaftlich an’s Herz und küßte die Thränen ab, des Glaubens und der Liebe Thränen, heilige Tropfen, die Glauben und Liebe auch ihm wiedergaben.

Der lange Nagel und van Schoonhoven schauten schweigend auf die Beiden, die so ganz vergessen hatten, daß sie nicht allein waren. Die beiden Väter drückten einander in tiefer Rührung die Hände.

»Beim Topsegel meines Fliebootes!« rief endlich der lange Nagel. »Zieht ihr zur Kreuzfahrt, Herr Ritter, oder wollet ihr die Ehre eurer Dame in einem Turniere vertheidigen?«

»Nein Vater, entgegnete Maria; er geht, um die Ketten des Vaterlandes und – eure Nägel zu kürzen.«

»Demzufolge gehst du morgen nach Brüssel, nicht wahr, mein Sohn? so ist es unter uns beschlossen.«

»Morgen?« frug Alfred, sichtbar ergriffen. »Morgen bereits?«

»Morgen bereits?« seufzte Maria, wie wenn ein Echo in ihrer Brust die Worte des Geliebten wiederholt hätte.

»Ja morgen,« war die Antwort des unerbittlichen Vaters.

Alfred konnte sich nur mit Mühe fassen; er dachte des schnellen Abschiedes, und auch Maria bedeckte ihre Augen mit beiden Händen. Der lange Nagel drückte sie mitleidig an seine Brust.

»Wie kannst du nur weinen, mein Kind!« sprach er. »Wie herrlich wird Alfred nicht vor dir stehen, nachdem sein Fuß des Ungeheuers Leib zertreten!«

Maria sank an den Hals des Vaters.

»Junker,« fuhr der lange Nagel dann zu Alfred gewendet fort; »das Alles hat nun lange genug gedauert und den Wassergeusen mag ich nicht länger weinen sehen. Hier habet ihr einen Brief, den ich mit dem Geusensiegel schloß; gebet ihn gleich nach eurer Ankunft zu Brüssel bei Freund Schrieck ab; der wird euch Näheres über die Gänge des Bluthundes sagen. Herr van Schoonhoven, es ist Zeit. Maria, nimm kurz Abschied. Eile dich.«

Die Liebenden sanken sich in die Arme, ihre Hände bebten noch einmal in einander und sie schieden.

Bald hielt die Schaluppe an dem Schiffe und dieß kehrte zurück.

II

Am folgenden Morgen begab sich Alfred auf den Weg nach Brüssel. Düstere Träume umzogen den Reiter, und Henker mit Schwertern, Blut und abgeschlagene Köpfe sah er im bunten Kreise um sich wimmeln, und eine wüthende Menge Volks heulte dazu ihm in’s Ohr, und in der Mitte derselben stand Maria händeringend. All’ die Schreckensscenen des Jahres 1568 gingen an seinem Auge noch einmal vorüber; er hatte auf dem Markte zu Brüssel gestanden, als dort die Herren von Batenburgh und sechzehn andere Edele hingerichtet wurden; edel, kostbar Blut strömte da von dem Schaffotte hernieder. Ein kalter Schweiß überlief ihn, doch folgte ihm schnell glühende Hitze. Wie wüthend stieß er die Sporen in die Seiten seines Renners, der nun blitzschnell mit ihm dahinflog, nicht zu schnell jedoch für den Junker. Die Abtei von Contich lag bald hinter ihm, dann gings über die schmale Brücke der Neth, an Mecheln und dem starken schloß Vilvorde vorbei, und er hatte Brüssel erreicht.

Zwei heiße Wolken dampften stürmend aus des Pferdes Nüstern; schäumender schweiß bedeckte die Haut des müden Thieres, weißer Staub den Reiter vom Kopfe bis zu Fuße.

Neugierig blieb das Volk in den Straßen stehen, als der junge Reiter im Fluge sie durchrannte. Dieß bemerkte Alfred nicht sobald, als er das Roß anhielt und in kurzem Trabe, und endlich in ruhigem Schritt es hingehen ließ, bis es vor Schrieck’s Wohnung stille stand.

Der Hospes empfing Alfred auf’s Freundlichste und führte ihn in einen Saal, in welchem eine zahlreiche Gesellschaft versammelt war.

»Meine Herren,« sprach Schrieck, »ich habe die Ehre euch den Junker Alfred van Schoonhoven vorzustellen. Ihr werdet es ihm nicht übel nehmen, daß er in Stiefeln und Sporen vor euch erscheint.«

Tiefe Bücklinge und gewöhnliche Höflichkeiten bewillkommten den Junker, doch fühlte dieser sich nicht wohl inmitten der Versammlung, denn aus den hochmüthigen Gesichtern schaute zugleich etwas wie Verachtung, und er meinte, die Frage auf mehr denn einem derselben zu lesen:

»Woher kommt denn der Geuse?«

Schnell wandte er das Auge von ihnen ab, die Sprache und Kleidung aller war Spanisch, und somit ihm verhaßt, darum bat er Herrn Schrieck, mit ihm ein Wörtchen allein sprechen zu wollen. Beide traten in ein Nebenzimmer, und ließen sich auf kostbaren Sesseln nieder.

»Herr Schrieck,« begann Alfred, »ich bin zu euch gesandt von Personen, welche euch unter ihre Freunde zählen. Sie müssen sich wohl in Bezug auf euch verrechnet haben, da Spanier und Feinde euer Haus füllen. Saget mir, wenn’s euch beliebt, ob meine Vermuthung gegründet ist oder nicht, denn im letzteren Falle wäre meine Sendung bei euch zu Ende.«

Schrieck ärgerte sich nicht wenig über die kühne Frage des Jünglings; er antwortete mit sichtbarem Unwillen:

»Junker, eure Worte sind gar verletzend. Denkt ihr, daß ich mein Vaterland weniger liebe, als ihr? Wie dürft ihr mich der Treulosigkeit beschuldigen? Fürwahr, das ist eine schlechte Art.«

»Eine schlechte Art?« wiederholte Alfred. »Ziemt es einem echten Belgen, die Günstlinge des Bluthundes zu bewirthen? Und fürchtet ihr nicht, daß Meineid und Blutdurst euch mit ihrem Athem in’s Herz sinken? Ihr streichelt den Tiger, aber, gebt Acht, er beißt seine Freunde auch.«

»Das ist wohl die Sprache eines feurigen Jünglings, der Bös und Gut durch seine grillenhafte Einbildung in’s Unendliche vergrößert. Der Staatsmann aber muß auch die streicheln, welche Zähne haben zu beißen. Ich weiß nicht, was ihr im Kopf habt, Junker. Ihr seht mich gar für einen Verräther an. Fürchtet ihr nicht, daß ich mich ob dieser Schmach räche? Wahrlich, das ist gar kühn von euch.«

Alfred’s Verdacht sank nun, denn Schriecks Züge blieben so ernst und ehrlich, daß der Junker ein braves Geusenherz in ihm zu finden glaubte. Doch ergab er sich noch nicht und sprach:

»Entschuldiget, Herr Schrieck; die wenige Erfahrung, welche ich bisher hatte, konnte mich leicht irre führen. Die Sache, derentwegen ich mit euch zu verhandeln habe, ist aber von so großem Gewicht, daß ich euch dieselbe weder offenbaren kann noch mag, bevor ihr mich von euren Gesinnungen in Bezug auf Alba überzeugt habt.«

Sobald Schrieck hörte, daß es sich um Alba und eine geheime Sache handle, veränderte sich sein ganzes Gesicht, wie der Ton seiner Stimme. Freundlich dem Jünglinge näher tretend, flüsterte er ihm zu:

»Ihr habt Recht, Junker, und ich kann nur eure Vorsicht bewundern. Der Herzog ist ein Tyrann, ein blutdürstiger, verächtlicher Mensch, der unserer Väter Land zu ruinieren und auszusaugen trachtet durch Mord und Folter, und durch seinen zehnten Pfennig. Das sind meine Gesinnungen in Bezug auf Alba; was die Spanier betrifft, die ihr in meinem Hause seht, so sind das diejenigen, welche mich von den geheimen Rathschlägen des Herzogs in Kenntniß erhalten, damit ich unsere Freunde, die Geusen, davon benachrichtigen kann.«

Während er diese Worte mit Heftigkeit sprach, zog der Junker langsam den Brief des langen Nagels aus dem Wamms, übergab ihn Schrieck und antwortete:

»Ich sehe, Herr Schrieck, ihr seid ein wackerer und warmer Belge. Der Brief des Grafen van der Marck wird euch weiter sagen, warum ich hier bin.«

Schrieck überflog schnell den Brief, der ihn mit Alfred’s Sendung bekannt machte und worin er zu Hilfe und Beistand aufgefordert wurde. Innige Freude erfüllte sein Herz und er sprach:

»Junker, ihr werdet zweifelsohne bei mir übernachten. Das wird mir jedenfalls eine große Ehre sein. Lasset mich jetzt nur machen. Saget Niemanden etwas von der Sache, denn lose Füchse sind um und bei euch. Ich werde sorgen, daß ihr ein Gespräch mit dem Herzog erlanget, und dann . . . «

Die übrigen Worte flüsterte er in Alfred’s Ohr. Dieser schien auf’s Aeußerste zufrieden, und ließ sich auf Schrieck’s Anrathen durch einen Diener nach seinem Zimmer führen.

*                   *
*

Schon früh am andern Morgen stand ein Mann vor dem Bette des jungen Antwerpners:

»Junker,« sprach er mit leiser Stimme; um zehn Uhr werde ich euch zum Herzoge führen. Bereitet euch ernstlich vor, die Geißel des Vaterlandes zu opfern.«

Mit den Worten verließ er den Jüngling wieder und entfernte sich vorsichtig.

Während Alfred sich schnell ankleidete, traten tausend trübe Gedanken vor seine Seele. Dieselben soviel wie möglich zu vertreiben, beschaute er zu wiederholten Malen den Dolch, welchen Maria ihm geschenkt; auch seine Pistole untersuchte er genau. Nachdem er diese in bestem Zustande befunden, ließ er eine doppelte Ladung Pulver in den Lauf fallen, und eine eiserne Kugel darauf. Dann legte er an, wog die Waffe mit seltsamem Ausdrucke in allen Zügen und sprach unter einem ernsten Seufzer:

»Das gilt der Freiheit des Vaterlandes!«

Und er wog sie noch einmal, und sprach mit tiefer Stimme:

»Und das ihr, die ich anbete!« saß nicht sein ganzes Glück, seine Liebe, wie die Freiheit des Vaterlandes in dem Lauf der Waffe? Eben flüsterte er noch einmal den Namen Maria, als die Thüre sich öffnete:

»Seid ihr bereit, Junker?« frug Schrieck.

»Ich bin bereit,« entgegnete der Geuse, die Pistole unter dem Wamms bergend.

»Wohl an, dann laßt uns gehn.«

Bald standen sie an dem prächtigen Pallaste des Herzogs; ein geheimes Wort Schriecks bahnte ihnen den Weg durch die Leibwachen bis zu einem kleinen Saale, in welchem schwere, große Sessel standen.

»Alfred,« sprach Schrieck mit gedämpfter Stimme. »Sogleich wird der Herzog hier zu euch kommen. Ich habe ihn glauben machen, ihr hättet ihm ein wichtiges Geheimniß zu entdecken. Da er höchst neugierig ist, wird er sich nicht lange erwarten lassen. Seht aber zu, daß ihr nicht fehlt, denn sonst ist alles verloren, er ist schrecklich in seiner Wuth.«

»Trägt er stets seinen Harnisch?« frug Alfred.

»Gewiß,« antwortete Schrieck; »der verläßt ihn nie. Dennoch könnt ihr ihn leicht treffen, und zwar auf diese Weise: Wenn er euch um die Mittheilung eures Geheimnisses bittet, dann tretet ihm näher und näher und stoßt ihm endlich den Dolch unterm Kinn in die Gurgel; da kann der Kragen seines eisernen Wammses euch nicht genieren. Und nun, Alfred, guten Muth und laßt euch das Herz nicht klein werden.«

»Darüber seid nur ruhig,« seufzte der Jüngling. »Der Kampf ist zu Ende.«

»Setzt euch ein wenig,« sprach Schrieck, sich entfernend, »vielleicht müßt ihr noch ein wenig warten. Sprechet aber bei Leibe nicht, denn die Wände haben hier Ohren und Zungen, Ohren zu lauschen und Zungen zu verrathen.«

Alfred war nun allein in dem Zimmer. Er wandelte rastlos auf und ab, überlegend, was er dem Herzog sagen solle, damit derselbe nichts von seinem Vorhaben ahne. Er wußte nicht, daß ein blutig Auge ihn aus einem Seitenzimmer bespähte; er fühlte es nicht, wie glühend Alba’s Blick auf ihm brannte.

Endlich übermannte ihn die Ungeduld und er warf sich in einen der Sessel nieder, doch kaum saß er da, als ein Schrei des Schreckens seinem Munde entfloh.

Ein sonderbar Geräusch wurde laut, krachend sprangen eiserne Springfedern hervor und umschlossen ihm den Leib mit einem schrecklichen Gurt, preßten ihm die Brust zusammen und hefteten ihn fest auf den Stuhl.

Wir müssen nicht erst sagen, wie der Junker erblich, als er so sich gefangen sah; alle Muskeln spannten sich ihm, und mit Riesenkraft sträubte er sich in den Banden, doch vergebens; der Sessel bewegte sich nicht, er schien festgenagelt auf den Boden. Trotz des stets schneidenden Druckes der Federn gab Alfred den Widerstand nicht auf – es war ein gräulich Schauspiel, ihn so zu sehen mit glühendem Auge, sträubendem Haar, und den blauen, hoch geschwollenen Adern auf der schönen Stirn, mit weißem Schaume auf der Lippe und kochender Wuth im Herzen . . .

Die Thür öffnete sich, und ein Mann von hoher Gestalt trat mit stolzem Tritte in den Saal. Das war Alba – Alba, die Gottesgeißel, der in seinem Herzen den Untergang der Belgen geschworen.

Sein Gesicht war braun und außergewöhnlich lang. Seine greisen Augen, der rothe Bart gaben seinen Zügen einen gar häßlichen Ausdruck; ein stahlharnisch und stählerne Hüftplatten und Schienen schirmten ihn vor jeder Waffe; auf dem Kopfe trug er eine schwarze Sammtmütze, von der eine blutrothe Feder schmeichelnd herabsank. Er kreuzte eintretend die Arme über der Brust und lachte spöttisch auf den verzweifelnden Jüngling nieder.

»Geuse,« sprach er mit höllischem Hohn; »du kommst, Alba zu morden? Ein edelmüthig Unternehmen, wahrlich! Glaubst du denn Kind, daß der Riese sich durch einen Zwerg fangen lasse? Verachtung und Mitleiden wäre dein Lohn, so man sich nicht vor Narren schützen müßte. Stoß mir nun den Dolch unter’s Kinn, Meuter und Mörder du!«

Alfred’s Wuth kannte keine Grenzen; der Dolch in seiner Hand glühte unter ihren krampfhaften Zuckungen.

»Tyrann, du!« rief er. »Verachtung verdienst du selbst für all’ das Leid, was du über uns gebracht, Blutsauger, Schakal du! Denkst du aber, Gott werde mich nicht lohnen, dich nicht strafen, feiger Spanier? Rechenschaft sollst du geben von Egmont’s und Horn’s Blute und vom Blute meines Bruders Norbert, den du gemordet, und das Rache bei Gott über dich ruft!«

Ein spöttelndes Lächeln war des Herzogs Antwort. Er nahm eine Ruthe von der Mauer, schlug den Jüngling ins Gesicht damit, und sagte:

»Sieh, Bettler, so behandelt man in Spanien Landläufer und schlecht Gesindel.«

Der Geuse raste. Die Springfedern krachten unter seinem Ringen, Blut strömte ihm aus dem Munde, der Sessel bebte – doch Alles vergebens. Inmitten dieses Ringens, Stöhnens und Fluchens aber schien ihm plötzlich ein anderer Gedanke lichthell durch die Seele zu schimmern; ein Lächeln lief um seinen Mund, unter einem Freudengeschrei fuhr er pfeilschnell mit der Hand unter sein Wamms und zog die fast vergessene Pistole hervor:

»Nun ist dein Hohn zu Ende, Herzog!« rief er. »Du entrinnest mir jetzt nicht, und mein ist das Lachen, dein das Erbleichen, meinst du nicht?«

Fest hielt der Geuse den Lauf auf Alba’s Antlitz gerichtet, und er lachte mit Wollust ob dem Schrecken des Herzogs. Dann hob er schnell das Auge gen Himmel:

»Dank dir, Gott mein Vater, daß ich mein Land und meines Bruders Blut rächen mag! Stirb Ungeheuer!«

Und die eiserne Kugel flog gegen den Harnisch des Herzoges, so, daß Alba von dem Schlage erschüttert an der Mauer sich halten mußte.

Schnell füllte sich der Saal mit Leibwachen und Höflingen. Degen, Schwerter, Pieken, Hellebarden, Feuerrohre umringten ihn, der so wunderbar dem wohlverdienten Tode entronnen war.

Lange rang der junge Antwerpner mit seinen Feinden, bis man ihn entwaffnet und gefesselt hatte.

Sagte nicht eine geheime Stimme der Ahnung in diesem Augenblicke dem armen Vater, daß sein Sohn in die Hände des Henkers gefallen war? sagte nicht eine geheime Stimme Marien, daß das schöne Haupt ihres Geliebten auf dem Schaffotte fallen werde?

III

Gegen Ende des November, auf Sankt Andreastag, stand vor dem Rathhause zu Brüssel ein hohes Blutgerüst aufgeschlagen; Reiter mit bloßen Schwertern umringten dasselbe, und tausend niedergebeugte Bürger bedeckten den weiten Marktplatz. Tiefe Trauer und bange Neugier erfüllten jedes Herz.

Das rothe Bluttuch hing einem Schandflecken gleich aus einem der Fenster des Rathhauses; in den andern Fenstern standen Richter, Höflinge und Spanier; unter den letzteren war Alba an seinem höhnenden Auge, so wie an dem goldenen Fließe, welches auf seiner Brust prangte, am meisten kenntlich. Er glänzte von Gold und Edelsteinen. Ein Florentiner Harnisch mit prächtiger Ciselirarbeit und Silberzierrathen umschloß seinen schweren Leib; seine mit Juwelringen bedeckten Finger hingen wie nachlässig auf den Armen eines kostbaren Sessels.

So saß er da, der Tyrann, gleichgültig auf die tausend Augen niederblickend, welche thränenvoll zu ihm aufschauten, und auf die tausend racherufenden Blicke, welche zu ihm empor gerichtet waren.

Leicht konnte man unter der Menge die unterscheiden, welche aus Flandern, und welche aus dem Wallonenlande gekommen waren. Hier dunkelten die schwarzen Haare, und die schwarzen Augen der Lütticher und Ardenner, dort glänzten die blonden Haare und blauen Augen der Kinder des Nordens; dort die braunen Gesichter, welche die sonne der See oder des Feldes gesengt. Zumeist aber erregte ein Jüngling das Staunen manches der Zuschauer, so einnehmend schön war sein Antlitz, so edel seine leichtgebräunte Wange, so lang die Wimper über dem so lebendigen schwarzen Auge, so ernst und feierlich der Ausdruck, der in seinen Zügen lag – und dabei war doch auch wieder etwas so Zartes in der ganzen Gestalt, daß man kaum errathen konnte, ob es wirklich ein junger Mann war, und ihn fast eher für ein Mädchen hätte halten sollen. Keiner der Umstehenden kannte ihn, der unter dem groben Mantel so seine Formen barg, und mit so kleinen Füßchen die kalten Steine drückte. Der Fremdling aber war – Maria van der Marck.

Man wartete lange. Eine ganze Stunde war schon hin, seitdem das Volk sich auf dem Markte versammelt hatte, als plötzlich ein dumpfes Geräusch die Menge in Bewegung setzte.

»Da kommt er!« hatte jemand gerufen, und alle stellten sich auf die Zehen, und wandten das Haupt der Straße zu, durch welche der Verurtheilte in der That näher kam.

Inmitten eines Haufens von Soldaten, die alle mit Hellebarden und Feuerrohren bewaffnet waren, wankte Alfred gebückten Hauptes dem Schaffotte zu. Seine Hände waren ihm auf den Rücken gebunden, seine Haare bis zur Wurzel abgeschnitten, seine ganze Kleidung von schwarzem Sammt. Langsamen Schrittes erstieg er die blutrothen Stufen.

»Wie jung ist er noch!« seufzte ein Bürger, ein Messer in der Tasche öffnend.«

»Nur in diesem Alter hat man ein Herz voll Edelmuth und Selbstaufopferung,« sprach ein Anderer, den Kopf mißmuthig schüttelnd.

»Er zählt nur zwanzig Jahre und nicht mehr,« sprach ein Dritter, dessen Züge stark gebräunt waren.

»Das ist, ach Gott, doch zu jung, um schon zu sterben!«

»Aber der stirbt nicht, der wird nicht sterben!« sprach ein dicker Kaufmann.

»Nicht sterben, sagt ihr?« riefen mehrere Stimmen. »Nicht sterben? Welch ein Wunder hoffet ihr denn?«

»Es bedarf keines Wunders. Man sagt, der Herzog werde ihm Gnade schenken.«

»Gnade?« frug der braungesengte Mann. »Gnade?« Der? der Alba? – Ja, der schenkt Gnade, wie der Felsen, der zerschmetternd auf den Wanderer stürzt – Gnade, wie das Beil, das hackt, aber nicht hört – Gnade, wie der Henker, der Blut vergießt und lacht. Ja, und ich sag’s noch einmal, dieß spanische Ungeheuer ist härter als der Felsen, verachtungswürdiger und feiger als der Henker und unerbittlicher, wie das Beil.«

Die Umstehenden erschraken ob der kühnen Rede und schauten mit banger Verwunderung auf den Mann. Sie begriffen nicht, wie ein Mensch verwegen genug sein konnte, so vermessene Worte zu sprechen. Er im Gegentheil fuhr in demselben Tone fort; während seine Augen in die Runde funkelten, entrollten Flüche und Scheltworte gegen die Spanier einem wilden Gießbache gleich seinen Lippen. Es war sein Glück, daß nicht ein Verräther in der Nähe war und kein Soldat die Reden hörte.

Maria’s Auge haftete starr auf dem Geliebten. Auf ihren Wangen waren keine Thränen sichtbar, doch ihr Herz weinte blutige Thränen. Sie hatte es sich zugeschworen, Alfred zu rächen und den Herzog zu tödten; in diesem Entschlusse sich zu festigen und zu stärken, hatte sie heimlich ihren Vater verlassen.

Alfred stand mit einem Priester auf dem Schaffotte, während der Henker, die Hand am Beile, auf sein Haupt wartete. Da tönten drei Trompetenstöße über den Markt hin und eine dumpfe Stille lagerte sich auf die Menge: das Urtheil wurde verlesen, welches Alfred zum Tode verwies, weil er einen Anschlag auf des Herzogs Leben gemacht.

Jedes Herz klopfte bang, aller Augen füllten sich mit Thränen, nur der braungesengte Mann fuhr fort zu schimpfen und zu schelten.

Noch einmal tönte die Trompete; jedes Brust war beengter, denn das Schlachtopfer bereitete sich zum Tode. Kein Seufzer wagte sich in die Luft, welche Alba’s Athem empfing. Maria schaute unverwandt auf Alfred und trachtete auf alle Weise, zu machen, daß er sie erkenne, doch es wollte ihr nicht gelingen.

Bereits kniete der Junker und sprach sein letztes Gebet, während der Henker die Aermel aufstreifte, um besser zuschlagen zu können. Nun war das Gebet zu Ende, Alfred wandte sich zu dem Henker, ihm zu sagen, daß er bereit sei – da fiel sein Auge auf Maria. Beide erbleichten; der Abschied lag schwer auf all ihren Zügen. Die weite Ewigkeit trat zwischen sie.—

Eine Thräne rollte zugleich aus Beider Augen.

Nun faßte der Henker das Beil mit beiden Händen, schwang es kräftig über dem Haupte und . . .

»Gnade! Gnade!« schrie Maria, daß es weit über den Markt scholl.

»Gnade! Gnade! wiederholte das bange Volk und der Henker hielt einen Augenblick inne.

»Hurrah! die Geusen leben! schrie eine Donnerstimme plötzlich drein und Aller Augen wandten sich auf den braungesengten Mann, der nun weit seinen Mantel öffnete, die bis dahin verborgen gehaltene linke Hand entblößte und sie hoch erhob. Lange krumme Nägel ragten an jedem Finger hervor und hundert Stimmen schrieen:

»Lumey! Lumey!«

»Die Geusen leben!«

»Schlagt ihn todt, den Ausländer!«

»Schlagt todt! Schlagt todt!«

»Hurrah, der lange Nagel!« Dolche, Rappiere und lange Messer glänzten überall unter der Menge. Es war ein schrecklicher Ausbruch von Mordgeschrei, Flüchen, Verdammungsrufen.

»Mord! Mord! heulte das bange Volk und flüchtete eilends durch alle Straßen dahin. Spanische Reiter sprengten gegen die Menge an; Manche rangen unter den Füßen der Pferde, Frauen lagen erdrückt am Boden . . .

Da wurde ein Zeichen aus einem der Fenster des Rathhauses gegeben; des Henkers Beil fiel und des Junkers Haupt sank. Zwei Strahlen Blutes schossen hoch auf.

Maria drang zwischen den Füßen der Pferde durch bis an das Schaffot, flog pfeilschnell hinauf, tunkte ihre Rechte in das noch rauchende Blut und verschwand . . . Nur der Henker hatte sie bemerkt.

*                   *
*

Abends war Alles totenstill. Die Steine des Marktes glänzten roth von Blut und hier und da lag eine von den Hufen der Pferde schmählich zerstümmelte Leiche; alle wurden von den Henkersknechten auf Schlitten geladen.

»Unser gnädige Herr hat befohlen, daß man die Leichen zur Schinderei bringe,« sprach der Scharfrichter, während man die letzte auf den Schlitten warf.

Was nun that Maria mit jenem Blute?

Sie wusch es an ihren Dolch und stieß diesen bei der Eroberung des Briel’s und Gorkum’s in fünfzig spanische Herzen.

Eine Kugel traf sie endlich; ihr letztes Wort war:

»Vaterland!«

Die böse Hand

In der That, Nachbar, es geschehen oft Dinge, bei denen unser Verstand zu kurz kommt, wenn er sie begreifen will – Dinge, die aller Wissenschaft spotten, und die uns selbst gegen unsern Willen träumen lassen von unsichtbaren Geistern, von geheimen unbekannten Mächten. So will ich euch etwas erzählen, wovon ich selbst Augenzeuge war, und das auf mich einen unauslöschlichen Eindruck gemacht hat:

In dem Jahre 1834 wohnte zu Borgerhout eine Waise von etwa achtzehn Jahren, Namens Therese. Sie war eines sanften und ruhigen Wesens, gewann ihr täglich Brod mit Kleidermachen, und wohnte allein auf einem gemietheten Kämmerlein. Ihr fein Gesichtchen trug alle Zeichen von Gesundheit und Lebenslust; ihre Sittigkeit und Bescheidenheit und ihr stets froher Sinn machten sie bei Allen beliebt, und da sie sehr arbeitsam war und sich einen schönen Stüber verdiente, so hielt sie sich für das glücklichste Mädchen der Welt.

Ein unglaublicher Vorfall warf sie plötzlich aus all ihren Himmeln heraus, und machte sie eben so unglücklich und elend, wie sie einst glücklich gewesen war. Wie das gekommen, erzählte sie ungefähr also: sie war eines Tages nach Berchem gegangen, um Frauenkleider und andere Nähtereien im Taglohn zu machen. Gegen Abend, so zwischen Licht und Dunkel, war sie wieder auf dem Rückwege zu ihrer Wohnung. Sie eilte sehr, denn der Himmel umzog sich mit schwarzen Wolken und die Nacht nahte mit immer schnelleren Schritten. Während des ganzen Tages war eine fast erdrückende Hitze gewesen und alle Anzeichen deuteten auf ein schweres Ungewitter, das sich bereits durch einzelne Blitze in der Ferne ankündete.

Therese war just keine der kühnsten; die Grabesstille, welche auf den Feldern lag, diese bange Schwüle, die gleich einem Erstummen der ganzen Natur, dem nahenden Unwetter vorhergeht, dieß Alles ließ ihr Herz ängstlicher und schneller schlagen und sie ihre Schritte verdoppeln.

Plötzlich schoß ein Blitz über ihr durch die schwarzen Wolken und ein fürchterlicher Donnerschlag schien die Erde in ihren Grundfesten erschüttern zu wollen. Therese blieb wie festgenagelt vor Schrecken stehen und bedeckte sich die Augen mit beiden Händen. Sie erschrak noch mehr, als sie gleich nachher dicht neben sich eine sonderbare Stimme hörte, welche sie frug, wie viel Uhr es sei. Das ängstliche Mädchen ließ die Hände sinken und – ein häßlich alt Weib stand vor ihr und frug lachend:

»Nun, Jungfer, wie viel Uhr ist es jetzt?«

Ohne nachzudenken und ganz verwirrt entgegnete Therese:

»Acht Uhr.«

Ein Ausdruck von Zorn überflog das runzlige Gesicht des alten Weibes, und sie rief, wie in bösem spotte:

»Hoho, ihr seid auch eine von denen, welche alte, greise Leute zum Narren halten? Es ist nicht klug von euch, Jungfer, noch nach neun Uhr des einsamen Weges zu gehen. Ihr wißt nicht, was euch überkommen kann.«

Indem sie so sprach, klopfte die Alte dreimal auf Theresen’s rechte Schulter – und ging ihres Weges. Die Berührung des Weibes hatte eine eisige Kälte durch den ganzen Körper des armen Mädchens gegossen; ein ihr unerklärlicher Schauer überlief sie, und beklemmte ihr das Herz, wie mit eisernen Banden.

Zitternd und bewegungslos stand sie einige Augenblicke wie verstummt da, bevor es ihr einfiel, das alte Weib auf den Kopf zu schlagen, um die böse Hand, vor der sie sich ängstigte, zu brechen, oder ihren Einfluß zu vernichten, doch jetzt war die Alte schon so weit auf dem dunkeln Wege voraus, daß Therese nicht mehr wagte, ihr zu folgen, um so mehr, da ein neuer Donnerschlag die Wolken durchrollte und der Regen in strömen niederstürzte.

Ganz durchnäßt und halbtodt vor Angst langte Therese endlich an ihrer Wohnung an, entkleidete sich, betete ihr Abendgebet und legte sich zur Ruhe.

Am folgenden Tage gegen Mittag trat einer der Hausbewohner in ihr Kämmerchen, um sie zum Essen zu rufen, doch kaum hatte er einen Fuß hineingesetzt, als er mit einem Schreckensschrei zurückfuhr, die Treppen hinunter stürzte und den unten um den Tisch versammelten Hausleuten zuschrie:

»Ach Gott, Therese ist todt.«

Schnell sprangen nun zwei Männer und drei bis vier Frauen vom Tische auf und eilten in des Mädchens Zimmer. Im ersten Augenblicke glaubten auch sie eine Leiche zu sehen, doch näher tretend überzeugten sie sich, daß Therese noch lebe. Sie lag wohl bewegungslos da, die eine Hand hing matt und schlaff am Bette herunter, auch war ihr Gesicht wie verglast und ganz gelb, doch ihre Augen standen offen und waren, obwohl schauerlich anzusehen, doch lebendig und nicht gebrochen. Einer der Männer wollte den niederhängenden Arm auf das Bett legen, doch er erschrak nicht wenig, als er ihn so steif und unbeugsam wie Eisen fand. Alle kamen nun auch bald darin überein, daß Therese noch lebe; ein Lebenszeichen aber konnten sie nicht finden; sie war selbst allem Rufen taub, und blieb gefühllos gegen alles schütteln und Rütteln.

Man rief mehrere Aerzte hinzu, doch auch diese vermochten nichts auszurichten, und Therese blieb in ihrem Zustande während zwei Tagen und zwei Nächten. Mit dem Schlage der achtundvierzigsten Stunde richtete sie sich endlich von selbst auf und rieb sich die Augen, wie Jemand, der lange und fest schlief, betrachtete aufmerksam das Zimmerchen und die Umstehenden, und brach dann in ein so jämmerliches Weinen aus, daß alle, welche es sahen, mitleidig mit ihr weinten.

Jeder sprach ihr Trost zu, so gut er konnte, und frug sie, wie sie zu dem Uebel gekommen sei, doch da weinte sie noch bitterer und antwortete Anfangs nicht. Erst als der Arzt stärker in sie drang, rief sie zuletzt unter einem tiefen Seufzer mit schneidender Stimme:

»Ach betet für mich! Ich bin bezaubert!«

Wenige wollten das glauben. Ich selbst meinte, es sei nur ein Irrereden von ihr, doch als sie den Umstehenden von ihrer Begegnung des alten Weibes erzählte, da hielten sich alle, der Doktor und ich ausgenommen, für fest überzeugt, daß sie in der That bezaubert sei.

Dem mag nun sein, wie ihm wolle, die Folge schien ihre Meinung zu begründen. Während fünf ganzer Jahre blieben ihre Augen ebenso schauerlichen Aussehens, ihre Wangen gleich gelb und gleich verglast. Anders sah man keine Veränderung an ihr, nur magerte sie mehr und mehr ab, und jetzt bemerkte Jedermann, daß der Tod die arme Bezauberte mit einem rothen Kreuze gezeichnet hatte und bald sein Schlachtopfer holen werde. Jedes Jahr, an dem Tage und zu der Stunde, wo die Alte ihr begegnet war, überfiel sie plötzlich ein krankhafter Schlaf, der gleich jenem ersten, acht und vierzig Stunden dauerte. Während der Zeit mußte sie schreckliche Dinge hören, sehn und leiden; das ging zur Genüge aus einigen halb abgebrochenen Klagen und einzelnen Worten hervor, welche sie von Zeit zu Zeit ausstieß; doch weder Drohungen noch Versprechen konnten sie bewegen, zu bekennen, was sie fühlte und sah. Eine geheimnißvolle und für sie schreckliche Gewalt zwang sie zum Schweigen über diesen Punkt. Doch sagte sie jedem, der es hören wollte, daß sie in jeder Nacht mit dem Schlage zwölf höre, wie ihre Thüre sich öffne, und wie sie dann die alte Hexe hereinkommen sehe; wie ferner das böse Weib auf ihr Bett zukomme, ihr auf den Leib klettere und ihr mit den Knieen dermaßen auf die Brust drücke, daß Leben und Gefühl vor Schmerz sie verließen, ohne daß sie doch Schreien oder aufstehen, oder sich gegen die Alte wehren könne.

Einmal hatten zwei Frauen, welche nicht daran glauben wollten, die Kühnheit, während des Schlafes bei ihr zu wachen. Diese sahen die Hexe nicht, doch gegen zwölf Uhr öffnete die schlafende ihre glänzenden Augen und begann, in Schweiß gebadet, und unter schrecklichem Geröchel sich so heftig gegen ein unsichtbares Wesen, welches wohl auf ihrer Brust liegen mußte, zu wehren, so zu ringen und zu kämpfen, daß die beiden Frauen nach einem Blicke auf sie die Flucht nahmen, und nicht mehr die Kammer zu betreten wagten.

Dieß fortwährende und unaussprechliche Leiden hinderte Therese nicht, ihre gewöhnliche Arbeit fortzusetzen. Sie betrachtete es als eine unabwendbare Fügung Gottes und blieb gleichgültig gegen alle Mittel, welche die Nachbarn ihr auf Anrathen der Aerzte brachten. Man kann wohl denken, daß außer den Aerzten auch alle Quacksalber und Besitzer von untrüglichen Mitteln gegen die Zauberei zu Rathe gezogen wurden. Schon hatte man hunderttausend Worte in allen Sprachen der Welt über sie gesprochen; sie war, eine Kröte in der Hand, zu Bette gegangen; sie hatte zwei Todtenknochen übers Kreuz an das Fußende des Bettes gelegt; unterm Kissen hatte eine Glückshaube ein halb Jahr lang gesteckt, jetzt trug sie ein Stück Galgenseil auf der Brust, an dem ein Dieb gehangen hatte, doch das half alles nichts, die Hexe kam nach wie vor und marterte und quälte die arme Therese.

Gegen das Ende des Jahres 1839 endlich war sie so mager und matt geworden, daß sie sich nur mit Mühe noch aufrecht erhalten konnte, und daß jeder neue Tag ihr letzter schien. Sie sah völlig einem Gerippe gleich, ihre Wangen waren hohl, ihre glänzenden Augen tief eingesunken, ihre Finger dürr und beinig.

Ungefähr um die Zeit hörten die Nachbarn von einer Bäuerin, daß zwischen Zoersel und Schilde, mitten auf der Haide, ein stockalt Männchen wohne, welches Macht habe über die Zauberei und von bösen Händen und Verwünschungen erlösen könne. Sie erzählte unter andern, wie er ihre Kühe entzaubert habe, wie er die böse Hand von dem Kinde ihres Bruders genommen, und mehrere andere wunderbare Dinge, welche die Nachbarn den Beschluß fassen ließen, einmal den Versuch zu machen, ob der Alte nicht auch der kranken Therese helfen könne.

Alsbald wurde Jemand nach Schilde gesandt, um den Greis zu holen; nachdem derselbe sich einige Zeit hatte bitten lassen, folgte er dem Boten nach Borgerhout. Wie die meisten Siebziger hatte der Alte einen krummen Rücken, schneeweißes Haar, eingefallene Wangen und tiefliegende Augen. Doch Strahlte etwas Edles aus seinen Zügen, gepaart mit einem Ausdrucke von Verschlagenheit, der ihm jedoch gar gut kleidete. Sein Gang war langsam, seine Schritte gemessen und sein Blick fortwährend auf den Boden geheftet.

Als er in die Kammer der armen Therese trat, befanden sich außer mir noch einige alte Frauen daselbst. Die Kranke betrachtete ihn fast gleichgültig und ungläubig. Ohne auf sie zu achten, ging er zuerst in alle Ecken des Zimmers und murmelte da einige Worte her, von denen ich nicht eins verstand, nahm zwei brennende Holzscheite aus dem Heerde, legte sie kreuzweise vor die Thüre und trat zuletzt auch auf Therese zu. Nachdem er sie eine Weile betrachtet, begann er mit sonderbarer Stimme sie das Folgende zu fragen:

»Jungfer, es ist wohl eine böse Hand auf euch?«

»Das weiß ich wohl, Mann.«

»Habt ihr nichts auf eurem Gewissen?«

»Ach nein, ich gehe alle Monate zur Beichte.«

»Habt ihr euch selbst nie verwünscht oder verflucht?«

»Noch viel weniger.«

»Wißt ihr nicht, ob euer Vater oder eure Mutter euch verwünscht oder verflucht haben?«

»Ich wüßte nicht; mein Vater und meine Mutter hatten mich sehr lieb und sind früh gestorben.«

»Habt ihr nie eine schwarze Katze gestreichelt?«

»Nein.«

»Habt ihr nie gegen Mitternacht auf einem Kreuzwege gestanden?«

»Nie.«

»Dann habt ihr wahrscheinlich Recht, wenn ihr glaubt, daß das alte Weib euch bezaubert hat.«

»O davon bin ich fest überzeugt.«

»Wollt ihr erlöst sein?«

»Könnt ihr das fragen?«

»Antwortet mir!«

»Ja, ich will erlöst sein.«

Alsdann ging der Greis stillschweigend zum Feuer, wo er sich niederhockte und starren Blickes in die tanzenden Flammen schaute, während er mit einem unsichtbaren Geiste zu sprechen schien.

Es wäre mir unmöglich, euch die Angst und Beklemmung der anwesenden Frauen zu schildern; alle waren bleich, zitterten und sahen einander an mit stummem Erstaunen. Die Furchtsamsten unter ihnen hätten gern das Zimmer verlassen, doch keine wagte es, über die brennenden Kreuzhölzer zu schreiten, über welchen eine Hexe jedenfalls den Hals bricht. Inzwischen war die Kammer voll geworden von Rauch und Qualm; die armen Weiber erstickten fast; der Schweiß brach ihnen an allen Poren heraus von der Gewalt, mit welcher sie den stets mehr zwingenden Husten zurückhielten.

Endlich nach Verlauf einer Viertelstunde erhob der Alte sich wieder, trat auf das Bett zu und sprach:

»Jungfer, nun kenne ich euer Uebel und auch sie, welche die böse Hand auf euch gelegt hat.«

»Ist es die alte Hexe oder nicht?«

»Es ist die Alte.«

»Das wußte ich wohl.«

»Ich kann euch befreien, aber nur durch einen Kampf auf Leben und Tod. Sagt mir, wenn ich mir nun alle Mühe gebe, die böse Hand von euch zu nehmen, und ihr stürbet dabei, würdet ihr mir das am jüngsten Tage vorwerfen? Würdet ihr das auf meine Seele legen?«

»Ach nein, ich muß ja doch sterben, wenn ihr mich nicht befreit.«

»Ist das euch ganz so und nicht anders gemeint?«

»Ja.«

Nun wandte sich der Greis zu den umstehenden Frauen und frug:

»Wünscht ihr alle, daß diese Jungfer erlöst werde? Wohl an, ich kann dies, doch dazu habe ich etwas nöthig, was ich nur auf einem Kirchhof im Waeslande finden kann, jenseits der Schelde. Ich wollte gern die Reisekosten aus meiner Tasche bestreiten, doch das darf ich nicht; das Geld dazu muß eigens dafür gegeben werden.«

»Aber,« frug ein stockalt Weib, die vielleicht auch das eine oder andere von der schwarzen Kunst kannte.

»Dürfen wir aber nicht wissen, was das ist, was ihr haben müßt? Wir könnten es euch vielleicht besorgen.«

»Unmöglich,« fiel der Greis ein. »Ich muß Moos haben, welches auf einem hundertjährigen Todtenkopfe gewachsen ist. Wo wolltet ihr das holen? Ich weiß ein Dorf im Waeslande, wo ein altes Beinhaus steht und hundertjährige Todtenköpfe in die Mauer der Kirche eingemauert sind. Da muß ich Nachts um zwölf Uhr das Moos mit einem neuen Messer abschaben und gewisse Worte dazu sprechen. Wollet ihr also ein gut Werk thun, dann gebt mir zwei bis drei Gulden, um meine Reise zu bezahlen.«

Das geforderte Geld wurde von den Frauen zusammengelegt, und dem alten Manne gegeben. Er fuhr fort:

»Meine lieben Kinder, ich kann nicht auf Reise gehn, ohne vorher versichert zu sein, daß drei kühne und unverzagte Männer diese Nacht hier in der Kammer wachen. Denn wenn die Hexe nicht daran verhindert wird, dann martert und peinigt und quält sie aus Rache das arme Mädchen so, daß unsere Bemühungen vielleicht für allzeit unnütz sein könnten. Versprecht mir also auf eure Ehre, daß ihr drei Männer suchen wollt. Nun will ich euch auch sagen, was die zu thun haben. Einer von ihnen muß eine Hand voll Erbsen haben, und sobald die Thüre sich öffnet, diese Erbsen nach allen Seiten hin werfen. Trifft eine die Hexe, dann wird sie sichtbar werden, und schreiend durch das Fenster wegfliegen, welches zu dem Ende auch geöffnet sein muß. Zu fürchten ist nichts, denn sie hat über keinen der Wächter Gewalt.«

Man versprach dem nachzukommen, und der Alte nahm seinen Stock und sprach zu der Kranken:

»Nun seid nur ruhig und tröstet euch, Jungfer. Uebermorgen ist die böse Hand gehoben, und dann seid ihr genesen und werdet wieder gesund. Dann nahm er die Kreuzhölzer auf, warf sie auf den Heerd und verließ die Kammer.

Nicht ohne viele Mühe fand man drei Männer, welche das kühne Wagniß bestehen wollten; doch zog einer von ihnen sich wieder zurück, und die beiden andern blieben auch nur standhaft, nachdem sie hörten, daß ich selbst der dritte sein wolle. Ich hatte nämlich in der Nachbarschaft den Namen, daß ich sehr kühn sei, obwohl ich in der That kein großer Liebhaber von Zauberei und Geistern bin. Hier sah ich mich gezwungen, die ganze Last dieses guten Namens auf mich zu nehmen, und ich that es.

Gegen elf Uhr Abends stiegen wir mit klopfendem Herzen und in nicht geringer Angst die Treppe hinauf und traten leise und vorsichtig in die Kammer, wo wir uns, ohne zu sprechen, an den Tisch setzten. Langsam kehrte unser Muth jedoch zurück, und wir flüsterten uns dieß und jenes zu, entkorkten dann eine Flasche Branntwein und zündeten unsere Pfeifen an. Therese lag vor uns zu Bette; sie schlief, und nichts Außergewöhnliches war an ihr zu finden, als ihre skelettartige Magerkeit. Unser Gemüth stand auf eine sonderbare Art unter dem Einflusse der Zeit. Von elf Uhr bis halb zwölf stieg unsere Klarheit und Geistesfreiheit, wurde unsere Stimme lauter und fröhlicher; doch von halb zwölf bis Mitternacht sank der Muth wieder, die Sprechlust verging uns, und als endlich die verhängnißvolle Stunde da war, da durchschauerte uns alle die grenzenloseste Angst. Keine Pfeife dampfte mehr, kein Wort war mehr zu hören, unsere Augen dagegen waren um so lebhafter und wandten sich in schnellem bangen Fluge von Theresen zu der Thür und von der Thür zu Theresen. Die einzige Lampe, welche die Kammer erleuchtete, schien auch die Ankunft der Hexe zu fühlen, denn sie fing an unregelmäßig und eigenthümlich zu flackern; nun leuchtete sie hell auf, dann erlosch sie fast, dann entsprangen knisternde Funken der Mitte der Flamme . . .

Als wir bleich und zitternd darüber, einander betrachteten, traf plötzlich ein heller Glockenschlag unser Ohr: wir sprangen auf vor Schrecken, die Erbsen entfielen der Hand deß, der sie werfen sollte, und steigerten unsere Angst noch durch das Geräusch, welches ihr Fallen und Rollen verursachte. Glücklicherweise hatten wir deren noch genug in Vorrath neben uns stehen. Mit weit offenen Augen schauten wir auf die Thür, fest überzeugt, die Hexe werde dieselbe jetzt öffnen. Doch da zog Therese unsere Aufmerksamkeit von der Thüre ab und auf sich hin; sie lag da mit gräßlich verzogenem Gesichte und starrenden Augen, und wand sich schrecklich, wie wenn sie sich von einer sie schwer drückenden Last hätte befreien wollen, und ihrem Munde entstieg es wie Geröchel. Da mußten wir werfen, denn wir waren überzeugt, daß die Hexe das Mädchen eben nun martere und quäle. Noch mehr versicherten wir uns deß, als die Arme zwar mit schwacher, doch erschütternder Stimme also zu ihrer unsichtbaren Feindin sprach:

»Ach laßt mich doch athmen! O Gnade, Gnade! – Nein, ach zerreißt mir doch nicht das Herz mit euren Nägeln; gebt mir lieber den Gnadenschlag – damit ich sterbe.«

Dann schwieg sie eine Weile und fuhr fort, wie wenn Jemand zu ihr gesprochen hätte:

»Ihr irret; ich habe ja den Mann nicht gerufen. – Ach, laßt mich los und zieht doch die brennende Nadel aus meiner Brust! Ich will sagen, ich wolle nicht – ich will ihn ja wegjagen! . . . «

Ihr könnt euch vorstellen, welchen Schrecken uns die Worte einjagten; wir waren, wie von Sinnen. Doch hatte einer von uns Geistesgegenwart genug, sich zu erinnern, was wir zu thun hatten: er faßte eine Hand voll Erbsen und warf sie aus aller Macht auf das Bett hin . . . Und es war, wie wenn ein Seufzer, einem Winde gleich, an unsern Gesichtern vorbeigefahren wäre. – Zugleich schloß Therese ihre Augen, ihre Züge wurden wieder so ruhig, wie zuvor – sie schlief.

Dieser Sieg gab uns unsern Muth zurück, wir glaubten, nun sei unsere Pflicht erfüllt und waren herzlich froh, daß wir die Kammer verlassen konnten, ohne uns schämen zu müssen. Doch da ließ eine neue Erscheinung uns das Blut fast in den Adern gerinnen. Als wir uns umwandten, sahen wir auf der Fensterbank eine schwarze Katze sitzen, die uns mit glühenden Augen betrachtete und uns zu drohen schien wegen dessen, was wir gethan hatten. Wir sahen das Thier mit stets wachsender Angst an, doch da ließ es sich gar von der Fensterbank in die Kammer fallen und kam langsam auf uns zu.

Einer von uns riß die Zimmerthür auf und ließ sich die Treppe hinabfallen, um nur desto eher auf der Straße zu sein; und ich muß es nur bekennen, wir andern waren bald hinter ihm drein. Draußen gestanden wir uns, daß keiner von uns Schlafen zu gehn wage; darum klopften wir den Wirth der nächsten Schenke aus dem Bette und blieben wachend in seinem Hause sitzen bis gegen Morgen.

Da hörten wir in dem Hause, wo Therese wohnte, daß es gar schlecht um sie stehe und daß sie kaum Kraft genug habe, Haupt und Hände zu bewegen.

Gegen Mittag kam der Alte zurück und sagte uns, daß er diese Nacht um zwölf Uhr die Hexe greifen und Therese erlösen werde, doch müsse man ihm dazu noch mehre Dinge verschaffen, als das ungekochte Herz eines Schaafes, einen lebendigen Hund, eine große neue Stricknadel und einen kupfernen Kessel, in welchem noch nie Roggen oder Waizen gekocht worden sei.

Das Schaafsherz war bald gefunden, da die Fleischer just an dem Tage geschlachtet hatten; die Stricknadel kaufte man in einem nahen Laden, den Kessel lieh ein Nachbar, doch mit dem Herbeischaffen des Hundes hatte man mehr Mühe. Es wollte nämlich Niemand seinen Hund dazu hergeben, weil man wußte, daß die böse Hand von Theresen auf das Thier übergehen werde, und wer möchte denn gerne einen behexten Hund im Hause haben? Endlich hörte man, daß ein Bauer in Deurne Willens sei, seinen Hund zu ersäufen; man schickte also einen Boten zu ihm, und Nachmittags kam dieser mit einem schwarzen Spitz zurück, der vor Alter fast nicht mehr weiter konnte.

Gegen elf Uhr Abends befand sich eine Menge von Männern und alten Mütterchen in dem Hause eines Schusters, nicht weit von Theresen’s Wohnung. Da die Entzauberung nämlich nicht unter dem Dache der Bezauberten vorgenommen werden konnte, so hatte der Schuster sein Haus dazu hergegeben. Ihr könnt auch wohl denken, daß auch ich da nicht auf mich warten ließ.

Das Zimmerchen bot einen sonderbaren Anblick dar. Eine neue blecherne Lampe brannte auf einem kleinen Tischchen neben dem Feuer; neben der Lampe lagen ein blutiges Herz und eine dicke Stricknadel. In dem Kamine hing über einem großen Feuer ein kupferner Kessel mit kochendem Wasser; neben demselben in einer Ecke des Heerdes saß der Alte niedergehockt und die Flammen besprechend; nicht weit von ihm lag der schwarze Spitz an ein Seil gebunden auf einem Bündel Stroh und schlief.

Die Nachbarn und andere Neugierige saßen an der andern Seite der Kammer, halb im Dunkel mit klopfen— dem Herzen und bebenden Gliedern.

Sobald die Uhr, welche in der Kammer hing, halb zwölf schlug, erhob sich der Greis aus der Asche und nahte dem Tischchen. Da zog er ein ledernes Beutelchen aus der Tasche, öffnete es und schüttete eine Art grünen Staubes heraus und auf ein Stück Papier, zweifelsohne das Moos, welches er von dem hundertjährigen Todtenkopf abgekratzt hatte. Ein wenig davon warf er unter gewissen Worten in die Flamme der Lampe, welche nun in matter geisterhafter Beleuchtung die Kammer erhellte; den Rest schmiß er in den Kessel mit siedendem Wasser.

Dann wandte er sich zu den Nachbarn und sprach:

»Was ihr nun auch hören und sehen möget, ängstigt euch nicht. Das Herz, welches ihr da sehet, ist das Herz der Hexe geworden. Mit dem Schlage von zwölf Uhr werde ich es mit der Stricknadel durchstechen. Dann werdet ihr eine alte Frau heulend und schreiend erscheinen sehen, die wird mich flehen und beschwören, die Nadel aus ihrem Herzen zu ziehen, doch ich thue das nicht, bevor sie die böse Hand von Theresen weggenommen und sie auf diesen Hund gelegt hat. Ich wiederhole euch also, ängstigt euch nicht, was ihr auch hören und sehen möget.«

Diese Anrede des Greises hatte aber gerade die entgegengesetzte Wirkung; jetzt fingen alle Anwesenden erst recht an zu zittern und zu beben und so leise als möglich enger zusammen zu rücken. Eine alte Frau fiel in Ohnmacht und bot so vier bis fünf der Furchtsamsten Gelegenheit dar, unter dem Vorwande, sie wegzutragen, die Zauberkammer mit Ehren zu verlassen. Aller Augen ruhten inzwischen in ängstlicher Erwartung auf dem Zeiger der Uhr.

Noch fünf Minuten!

In einem geschlossenen Grabkeller kann es nicht stiller, nicht schauriger sein. Da begann plötzlich der Hund zu zittern und brach mit erhobener Schnauze in ein jämmerliches Heulen aus, wie wenn Jemand in der Nähe am Tode gelegen hätte. Die Schreckenstöne trieben die Angst der Frauen auf’s Höchste; mehre Stühle krachten und eben so viele Frauen sanken zu Boden, dann wurde es wieder so still, wie vorher; nur der Hund setzte sein Geheul fort.

Noch zwei Minuten!

Der Greis erhob sich und nahm das blutige Herz in die eine, die Stricknadel in die andere Hand. Das Auge auf dem Zeiger der Uhr, stand er bereit, das Herz zu durchbohren . . .

Plötzlich hörte man Geräusch an der Hausthür und schwere Tritte, wie von Jemand, der mit einem Stocke geht.

»Da ist sie! Da ist sie!« schrieen die bangen Frauen, während sie sich aneinander festklammerten und endlich alle zusammen in eine Ecke hinrollten.

Die Thüre öffnete sich – aber zum größten Erstaunen der Frauen, wie auch des Alten, erschien keine Hexe, wohl aber . . . der Polizei-Kommissär begleitet von zwei Gensdarmen.

Mit der größten Behendigkeit faßten die Letztern den Greis am Kragen, rissen ihn von dem Tischchen weg und nahmen ihm die Stricknadel aus der Hand.

Noch eine Minute!

»Ihr müßt uns folgen!« sprach der Kommissär.

»Was habe ich denn Uebles gethan?« frug der Greis zitternd.

»Das kümmert mich nicht; ihr habt die Arzneikunde ungesetzlich geübt und das ist verboten,« war die Antwort.

Der Alte warf einen Blick auf die Uhr und – sogleich mußte es Zwölfe schlagen.

»O,« rief er in äußerster Verzweiflung, »nur noch einen einzigen Augenblick! Einen kurzen Augenblick nur! Ach, ich bitt euch, nur eine halbe Minute noch! Thut es, oder ihr tödtet Jemand mit eignen Händen.«

»Nein, nichts weiter,« fiel einer der Gensdarmen ein. »Entweder folgt ihr uns alsbald, oder wir legen euch die Daumeneisen an. Ihr seid alt und es würde euch gar wehe thun. Also kommt!«

Da entbrannte der Greis in gräßlicher Wuth; er stieß kräftig die Gensdarmen zurück und wollte auf das Tischchen zustürzen, doch da sank das Gewicht der Wanduhr, der erste schlag von zwölf klang! . . .

Wie wenn ein Donnerschlag den Alten getroffen hätte, so sank er kraftlos und ohnmächtig in die Arme der Gensdarmen, während er mit herzzerreißendem Tone rief:

»Wehe! Wehe! sie ist todt!«

Bald darauf stürzte Jemand in die Kammer und schrie:

»Ach, gebt euch keine Mühe mehr! Therese ist jetzt eben gestorben und dießmal wahrlich gestorben. Sie ist kalt, wie Eis!«

Die Gensdarmen achteten auf nichts und führten den Greis mit sich. Er wurde der ungesetzlichen Ausübung der Arzneikunst angeklagt und später zu einigen Monaten Gefängniß verurtheilt.

Und nun, Nachbar, was sagt ihr zu der Geschichte? Daß es pure Einbildung von Theresen war, daß sie die Krankheit hatte, die das Volk gemeinlich die Hypo nennt? Das will ich nun auch wohl glauben, wie wollt ihr aber das genaue Eintreffen von all ihren Vorgefühlen auslegen? Wie den Todesruf des Alten, der so unmittelbar durch die wirkliche Todesnachricht bewahrheitet wurde? Was mich angeht, so seh ich wenig Erklärliches darin und will auch nicht mehr daran denken, denn es macht mich ängstlich im Finstern und macht mir böse Träume.

Ein Schulmeister
aus der Zeit Maja Theresia‘s

(In einem ziemlich geräumigen Zimmer stehen mehre lange Schreibtische und Pulte, an der Wand hängt eine schwarze Tafel und eine Weltkarte. An den Tischen sitzen die Schüler, von denen die Mehrzahl acht bis zwölf Jahre zählt. Der Lehrer geht mit ernster, fast böser Miene auf und ab, hält ein Federmesser in der Rechten und schneidet dann und wann eine Feder. Man sieht, daß die meisten der Schüler statt zu lernen, spielen und wenig Acht geben auf das, was der Lehrer sagt. Einige schlafen, andere fangen Fliegen, andere scheinen zu schreiben, malen aber meist Männchen, oder spielen ein anderes Spielchen.)

Der Lehrer,
mit lauter Stimme und langsam

»Passet auf, daß ihr die Bäuche von den A’s recht voll macht und daß ihr die Köpfe von den B’s recht in die Höhe zieht.«

Schreien von allen Seiten:

»Meister,17 schneidet mir meine Feder einmal! – Monsieur, ma plume ist zu weich! – Meine Feder ist zu steif! – La mienne ist trop maigre! – Die meine ist zu fett.«

Victor, einer der Schüler, zu Karl, der neben ihm sitzt:

»Ich bin fertig, hä!«

Karl, leise:

»Ja, du wirst schon deine Portion auf die Finger kriegen. Du hast wieder Hahnefüße gemacht, wie gestern.«

Victor, lauter, ohne daß er daran denkt:

»Dann müßte meine Feder besser geschnitten sein – Karl, wollen wir Federchenpick18 spielen, ja?«

Lehrer

»Silence da hinten, mit dem Spektakel! Victor, nimm dich in Acht, wenn deine Schrift nicht gut ist, dann wirst du nicht zufrieden mit mir sein, Vogel!«

Eduard, der neben Victor sitzt:

»Wollt ihr mich mit Federchenpick spielen lassen? Ich gebe eine neue Feder.«

Victor, heftig

»Nein, du sollst nicht mit spielen, Streitsucher.«

Eduard, schreiend:

»Dann sag ich es; Meister, Meister! Victor und Karl spielen immer Federchenpick!«

Der Lehrer, ärgerlich

»Ha, sind sie wieder im Gange – ich hatte es wohl gesehen. Wartet ihr Faulpelze, ich werde euch gleich Federchenpick spielen lehren. (Er zieht Victor beim Ohr.) Ich will dir’s ablehren, du fauler Lümmel du, der du den ganzen Tag spielest, anstatt zu lernen. Schämst du dich nicht, daß deine Aeltern das Geld so für dich in den Dreck werfen, Taugenichts? Müssen sie mich darum jeden Monat bezahlen, damit du hier Federchenpick spielen kannst, du Galgenstrick!«

Victor, so laut schreiend, daß der Lehrer sich die Ohren zuhält

»O weh, o weh! Iji! Ach Gott, mein Ohr! Das sage ich meiner Mutter und dann geh ich in eine andere Schul, das habt ihr davon!«

Der Lehrer, schmeichelnd

»Nu ruhig, Victor, ruhig Junge! Du wirst das ja auch nicht wieder thun, nicht wahr? Laß deine Schrift einmal sehen. Die ist viel besser als gestern – bekommst eine gute Note dafür.«

(Er schreibt eine gute Note auf Victors Papier und entfernt sich.)

Victor, brummend:

»Mit seinen guten Noten! Was kann ich damit thun? Werde fett von seinen Noten! O weh, mein Ohr!«

Eduard, zum Lehrer

»Meister, es ist seine Schrift von gestern. Er hat da eben einen großen Rubens in sein Cahier19 gezeichnet!«

Der Lehrer, zu Eduard

»Schweig! du weißt, daß ich das Anbringen nicht leiden kann. (Nach einer Pause zu allen Schülern:) Gebt Acht auf’s Diktiren – Nehmt eure Cahiers. Seid ihr alle bereit?«

Alle zu gleich und unter einander:

»Ja, ja, Meister! – Ich nicht – Ich doch – Ich kann mein Cahier nicht finden – Meine Feder schreibt nicht – Ich habe kein Papier!«

Der Lehrer, langsam diktirend:

»Der widerspenstige Absalon . . . der wider – spän – sti – ge Ab— sa—lon . . .

Victor, zieht Eduard bei den Haaren

»Da du! Nun sag noch einmal daß wir Federchenpick spielen, du Anbringer. Ruf nun, daß ich dich bei den Haaren ziehe, du Schreimaul!«

Der Lehrer

»Der wider – spänstige Ab— salon . . . Ihr Spektakelmacher ihr, wollt ihr wohl aufhören?«

Eduard, weinend

»Ah!, Meister! Meister! Victor zieht mich immer bei den Haaren!«

Der Lehrer, ungeduldig auf den Boden stampfend

»Sie werden mich am Ende nicht mehr fortfahren lassen; da lehre Jemand die Barbaren einmal etwas! (Diktirend:) Der widerspenstige Absalon . . . Silence! Ab— salon zog . . . «

Eduard, laut

»Meister, nun kneift er mich wieder in’s Backen!«

Der Lehrer, diktirend

»Absalon . . . zog . . . gegen . . . Victor, ich jage dich sogleich aus der Schule, böser Bube du! . . . zog gegen das Heer . . . seines Vaters . . . David . . . Warum siehst du mich so an, Piet? schreib doch!«

Piet

»Franz hat mir meine Feder genommen.«

Franz

»’s ist nicht wahr, Meister, er hat Federchenpick gespielt und sie verloren.«

Der Lehrer, ärgerlich

»Hier du! Auf deine Kniee, Bube! Gebt einmal zwei Schreibkasten her! – Da, nun Spiel noch Federchenpick, du Aelternverdruß, du! (Er zwingt Piet, inmitten der Schule niederzuknieen und mit jeder Hand ein Schreibpultchen in die Höhe zu halten. Piet weint und schluchzt, doch hindert dieß ihn nicht, die Zunge herauszustrecken und Gesichter aller Art zu schneiden.) gegen das . . . Heer seines Vaters . . . David . . . aber der allmächtige Gott . . . . all – mächtige Gott . . . strafte die Bosheit . . . die Bosheit von . . . Victor, was machst du da? Ich sehe dich nicht schreiben.«

Victor

»Ihr diktiert zu schnell, Meister. Ich kann nicht bei bleiben.«

Der Lehrer, verzweifelt

»Nun, nun, das ist doch schrecklich! Ich diktire drei Worte in einer halben Stunde und sie sagen, sie könnten mir nicht folgen. Ich glaube wahrlich, sie haben ein Komplott gemacht, um mich aus der Schule zu vertreiben, doch das wird nicht geschehen, ihr Revolutionärs! – Ihr verjagt mich nicht von hier . . . «

Eduard, schreiend

»Das ist nicht wahr, Meister; Victor hat wieder Oechenziehen20 gespielt, während ihr diktirtet!«

Der Lehrer, in immer steigender Ungeduld

»Ha, seid ihr wieder am Oechenziehen? Und ich schreie mir den Hals ab für so faule Esel . . . ’s ist wahrlich um krank zu werden.«

(Er wendet sich der andern Seite der Schule zu.)

Victor, giebt Eduard eine schallende Ohrfeige

»Da, nun sag das auch. Komm nur gleich heraus auf die Straß, dann Prügel ich dich butterweich und dann kannst du deinen Vater mitsammt deiner Mutter rufen, du Lappes!« (Zugleich fassen sie einander in die Haare und prügeln sich. Der Lehrer springt schnell auf sie zu, faßt sie am Kragen und zieht sie von einander.)

Der Lehrer, zornentbrannt

»Taugenichtse ihr! Schelme! Lümmel! Ihr seid ärger, als die Kinder aus dem Schwanengang und vom Fliedersteg.21 Ihr bringt mich wieder zum Blutspeien, schlangen ihr. Ich sag’s euch aber, der erste, der sich noch rührt, fliegt vor die Thüre. Nehmt euch in Acht!«

(Große Stille. Victor steckt die Hand unter die Bank und kneift Eduard in die Beine, doch dieser wagt nicht mehr zu schreien, obwohl man seinem Gesichte nur zu gut ansieht, wie wehe der Andere ihm thut.)

Der Lehrer, ruhiger

»Wo standen wir? Aha. (diktirend.) Die Bosheit des entarteten Sohnes . . . Als Absalon die Schlacht . . . Ab— salon . . . die Schlacht . . . verloren hatte . . . begab er sich auf die Flucht . . . auf die Flucht . . . Franz, du giebst nicht Acht! Du kauest wieder Papier. Laß einmal hören, was ich zuletzt gesagt hab.«

Franz, schnell

»Hab.«

Der Lehrer, ärgerlich

»Was, hab, Esel? Auf die Flucht hab ich gesagt. (diktirend.) Und ritt unter einem Baum . . . Baum her . . . doch sein langes Haar . . . langes Haar . . . verwirrte sich in den . . . in den Zweigen des . . . Franz, thu das Männchen weg und schreib! . . . den Zweigen des Baumes . . . Baumes und Absalon blieb daran hangen . . . «

(Franz hat inzwischen ein Papierbällchen gekaut und ein Männchen daran befestigt. Er wirft das Bällchen gegen die Decke der Schule, wo es an einem Balken hängen bleibt.)

Victor, jubelnd

»Ju, ju, da hängt Absalon mit seinem langen Haar!«

Der Lehrer, ärgerlich

»Franz, du wirst diesen Mittag nicht nach Hause gehn und in der Schule bleiben. Ich will dich lehren, Papier kauen. Du hast dafür zum Diner nichts zu kauen. (Zu den Schülern. ) Das Dikté ist zu Ende. Victor, buchstabiere das letzte Wort einmal.«

Victor, zu Eduard

»Welches ist das letzte Wort? Willst du es sagen, oder ich kneif dich.«

Eduard

»Nein, nun sag ich es nicht, da.«

Victor, kneift ihn in den Rücken

»Sagst du’s noch nicht?«

Eduard, vom Schmerz gezwungen schreiend

»Hangen, hangen!«

Der Lehrer, zu Eduard

»Ich habe dich ja nicht gefragt, Schreier. Du Victor, buchstabiere das letzte Wort.«

Victor, unverständlich und sehr schnell

»Abchg – hang . . . chrstgen – gen – hangen.«

Der Lehrer, den Kopf schüttelnd

»Genug, genug. Wir wollen es den Nachmittag buchstabieren. – Die kleinen Katechismusse weg. – Die erste Lektion.«

(Großer Spektakel von Pulten und Bänken. Die Schüler legen die Hefte in die Schubladen der Pulte, die meisten ihren Katechismus offen auf die Kniee, um desto gemächlicher antworten zu können. Man sieht Victor und Karl nicht; sie stecken unterm Tische.)

Der Lehrer

»Attention auf die erste Lektion! Eduard, wie viel Götter giebt’s?«

Eduard, rasch

»Drei – ich wollte sagen zwei – nein nur einer.«

Der Lehrer

»Was drei,Dummohr! Du, Victor, wie viel Götter sind?«

Victor, den Kopf unterm Tische hervorsteckend.

»Sieben: Hoffart, Faulheit, Neid, Gierigkeit . . . «

Der Lehrer

»Schweig, du Ketzer! Weiß der doch nicht einmal, wie viel Götter sind. Willst du wohl unter dem Tische hervorkommen? Was thut ihr da wieder?«

Eduard

»Sie spielen mit Knickern, Meister.«

Franz

»Nein Meister, sie spielen Klontgen treck und Witbier set mit Kirschensteinen.«22

Der Lehrer, nimmt ein Lineal und schlägt hin und her unter dem Tische
»Ihr Lümmel, heraus! schnell, oder ich schlage euch Arme und Beine entzwei.«
Victor und Karl, unter dem Tische herum kriechend

»O weh, das ging in mein Auge! O weh mein Kopf! – O Gott meine Nase!«

(sie kommen heulend und schreiend unter dem Tische hervor. Eins von Victor’s Augen ist roth und scheint hart getroffen zu sein.)

Der Lehrer, schmeichelnd zu Victor

»Victor, Victor, nun siehst du, was daraus folgt.

(Er faßt ihn an der Hand.) Komm her, mein Junge, setz dich an den großen Tisch. – Du sollst in die erste Klasse – ich gebe dir ein neues Buch.«

Victor, brummend

»Schelm, Gaudieb du!«

(Es klingelt an der Thüre, der Lehrer öffnet.)

Frau van Laer, Victors Mutter

»Guten Tag, Meister Verdonck. Ich komme, um einmal nach meinem Jungen zu sehen. Ich bin da auf dem Markte gewesen, um etwas Sellerie und Zwiebel zu kaufen, wie das ein Mensch so nöthig hat in der Haushaltung, und da sagte ich so in mir, wart, sagte ich, ich geh mal nach meinem Victor sehn. Seid ihr zufrieden mit ihm?«

Der Lehrer, fuchsschwänzelnd

»O, auf’s Aeußerste, Madam van Laer. Victor ist sehr brav, nicht wahr, Victor?’s ist einer meiner besten Schüler. Er ist just eben wieder eine Klasse höher gestiegen und morgen geht er in den Schatz der Kinder.)«23

Frau van Laer

»Was hat er aber an seinem Aug? Ach Gott, es ist ja ganz roth!«

Der Lehrer

»Ich habe da einen bösen Buben, der immer Victor etwas anhaben will, wohl aus Neid, weil Victorchen so überaus gut lernt. (Zu Eduard.) Eduard, nimm dich in Acht; wenn du Victor noch einmal schlägst, dann werf ich dich aus der Schule!«

Eduard, murrend

»Ihr habt ihn ja selbst geschlagen mit eurem Lineal. Ihr habt es ja selbst gethan.«

Der Lehrer, mit einem glühenden Blick auf Eduard

»Schweig, du frecher Bub – aus dir ist doch nichts Gutes zu machen. Thue du, wie Victor, dann können deine Aeltern wohl zufrieden mit dir sein.«

Eduard, in den Bart brummend

»Weil seine Mutter hier ist, he? Das thut nichts, sogleich bekommt er doch wieder seinen Hafer.«

Frau van Laer

»Aber, Meister Verdonck, da ist der Junge von Madam Laurier – ihr wißt wohl, der zu Meister Huysmans schulen geht? Ei nun, der spricht immer von Amerika und von allen fremden Ländern, grad wie ein Philosoph. Sollte Victor das nicht auch lernen können?«

Der Lehrer

»Die Geographie, wollt ihr sagen, Madame? Nu seht, da hängt sie. (er zeigt auf die Landkarte.) Euer Victor ist darin schon sehr weit – er ist selbst einer meiner Besten darin.«

Frau van Laer

»Das möcht ich doch mal gern sehn.«

Der Lehrer, zu Victor

»Komm her zu der Karte, Victor, und laß deine Mutter mal sehn, was du für ein Meister in der Geographie bist.

(Victor geht mit dem Lehrer und seiner Mutter zu der Karte.)

Wie viel Winde giebt es, Victor?«

Victor

»Vier.«

Der Lehrer

»Seht ihr, Madam, er weiß das grad, als hätte er sein ganzes Leben lang die See befahren? Nun wird er euch auch zeigen, wo die vier Winde sind.«

Frau van Laer, entzückt

»Gott und Vater, wie ist es möglich! Solch ein Kind! Wahrhaftig er ist ja ganz, wie ein Schiffskapitän. Wie kann er das nur all behalten?«

Der Lehrer, zeigt mit einem Stöckchen auf den oberen Theil der Karte

»Victor, wo liegt Norden?«

Victor, laut und zuversichtlich

»Oben.«

Der Lehrer, unten die Karte zeigend

»Wo ist Süden?«

Victor

»Unten.«

Der Lehrer, mit dem Stöckchen zur Rechten der Karte zeigend

»Und Osten?«

Victor, mit komischem Ernst

»Da, wohin ihr mit eurem Stöckchen weist.«

Frau van Laer, erstaunt, wie wenn ein Wunder – vor ihren Augen geschähe

»Wie ist es möglich! Wie ist es möglich! Komm her, Victor, daß ich dich küß. Du wirst noch mal Minister werden, du.«

Der Lehrer, zu Victor

»Wo wohnen wir? In welchem Lande steht diese Schule?«

Victor, sehr ernst

»Auf dem Pferdemarkt.«

Der Lehrer, auf die Lippen beißend und halb beschämt

»Ja, ja, auf dem Pferdemarkt, das ist recht! Aber in welchem Lande sind wir? In Spanien, in der Türkei, in Lappland, oder in Belgenland?«

Victor

»In Belgenland.«

Der Lehrer, vergnügt

»Ich wußte wohl, daß er es nicht vergessen hatte. Zeige mir nun auch Belgien auf der Karte, Victor!«

(Victor sucht lange und zeigt endlich auf das Land der Hottentotten.)

»Das ist verkehrt, Victor. Aber wacker, mein Junge, du hast ja eben noch Belgien wohl fünf— und zwanzigmal gezeigt. (Zu Frau van Laer.) Madam, er ist beschämt, weil ihr da seid, anders würde er alle Städte und Dörfer der Welt mit geschlossenen Augen finden. Oh, es ist ein Kind, in dem viel steckt.«

Karl, leise zu Eduard

»Was ist der Meister doch für ein gräßlicher Fuchsschwanz.«

Eduard

»Sieh mal, welch großen Hut hat Victor’s Mutter auf, he? Hast du kein Bällchen Papier? ich schieß mal Rosen.«

Franz

»Ich hab eins – paß auf, jetzt fliegt’s!«

Der Lehrer, laut

»Silence dort in der Ecke!«

Frau van Laer, zum Lehrer

»Ich hab immer gesagt, daß unser Victor ein sehr großer Kopf ist. Dennoch behauptet sein Vater in seinem Eigensinn, daß er ein Esel sei, und daß es besser wäre, ihn ein Handwerk lernen zu lassen – ich werde aber schon sorgen, daß er wenigstens Pastor oder Advokat werde . . . denn dazu ist das Kind gewiß geboren.«

Der Lehrer, sich tief verbeugend

»Da habt ihr das größte Recht der Welt drin. Ihr könnt gewiß einen Pastor, einen Advokat, ja selbst einen Schulmeister aus ihm machen.«

(Aus einer Ecke wird mit einem Bällchen Papier geworfen, welches schallend gegen den Hut der Frau van Laer fliegt.)

Frau van Laer, ärgerlich

»Ei welch gräuliche Dinge man doch erlebt! – Einen Menschen mit Papier werfen und das in Gegenwart des Meisters! Wie schlecht viele Kinder doch erzogen sind!«

Der Lehrer, in großem Zorn

»Wer hat das gethan? Wer hat es gewagt, die achtbare Madam van Laer mit Papier zu werfen?«

Eduard, laut

»Das hat Franz gethan, Meister! – Er hat gesagt: sieh mal, das ist eine Kokarde auf ihren Sommerhut!«

Der Lehrer, faßt Franz beim Kragen und wirft ihn vor die Thüre

»Hier, du Lümmel, du Taugenichts.«

Franz, draußen, so laut er kann

»Ihr meint, ich solle wiederkommen, he? Das geschieh aber nicht, Bär, grimmiger Bär!« (Stille.)

Frau van Laer

»Ich bin sehr zufrieden mit meinem Jungen und nun muß ich schnell nach Hause gehn, um meine Küche zu besorgen. Aber ich hätte noch gern, daß ihr meinen Sohn lehrtet, wie er die Federn schneiden muß, denn zu Haus will er nie schreiben, weil seine Federn stets zu fett oder zu mager sind, wie er sagt.«

Der Lehrer

»Ist’s nicht wahr, Frau van Laer? Ach das will ich ihm augenblicklich lehren, wo ihr noch gar dabei seid. Ich glaube übrigens, er kann es schon.«

Eduard, zu Karl

»Ja Federchenpick kann er besser, he?«

Karl, laut

»Meister, Eduard treibt den Spott mit euch.«

Eduard

»Nein, Meister, das thut er selbst. Er sagt, Victor könne besser Federchenpick.«

Der Lehrer, drohend

»Silence da, ihr Waschweiber! Oder ich werf euch aus der Schule! (Große Stille.) Allons, Victor, gieb recht Acht, ich mach’s dir einmal vor. (Er schneidet langsam eine Feder und sagt:) Du nimmst eine Feder in die rechte Hand, lässest sie übergehen in die linke, dann legst du sie auf ihren Rücken und schneidest ihr den Schnabel mit einem großen Schnitt auf. Dann legst du sie auf ihren Bauch und giebst ihr wieder einen Schnitt . . . «

Piet, schreiend

»Meister! Meister! Da fliegt ein Müller24 in der Schule! Pst! Pst!«

Alle Schüler

»Hurrah! Hurrah! – Fangt ihn! – Da hatt ich ihn fast! – Hier! – Da ist er! Pst! Pst!«

(Sie werfen mit Mützen und Schreibheften nach dem Käfer. Alles geräth in Unordnung. Frau van Laer, die eine Art von Antipathie vor den Käfern hat, weiß nicht, wohin flüchten. Zum Uebermaß von Unglück fliegt der Käfer ihr in’s Haar.)

Frau van Laer, ängstlich

»Ach Meister, befreit mich von dem abscheulichen Thier, oder ich bekomm was dadurch! Pfui! Pfui! Das ist ja Gift! (Der Lehrer nimmt ihr den Käfer aus dem Haar.) O Gott und Herr! Der Schrecken geht mir in vierzehn Tagen nicht aus dem Sinn! Er schlägt mir ganz und gar in die Beine. Ach, Meister, wie bedauere ich euch! Was habt ihr nicht auszustehen von den Taugenichtsen! Wenn die meinen so wären, ich würde sie anders tanzen lehren.«

Der Lehrer, drohend

»Wir sprechen uns sogleich. (Stille.) Allons, Victor, nun schneid einmal eine Feder. Erst auf ihren Rücken, dann auf ihren Bauch . . . so wie ich dir gesagt habe.«

(Er giebt Victor eine Feder und ein Federmesser.)

Victor, ungeduldig

»Kenn ich nun ihren Bauch? Wo ist ihr Bauch?«

Der Lehrer

»Schneide nur frisch zu, Victor! Gieb ihr nur einen guten Schnitt.«

(Victor schneidet tüchtig zu, doch statt die Spitze der Feder abzuschneiden, schneidet er sich selbst tief in den Finger und läßt sich heulend hinterrücks fallen. Er blutet stark.)

Frau van Laer, bleich vor Schrecken und Angst
sie nimmt Victor in den Arm

»Ach Gott und Herr! Mein arm Kind stirbt. Seht mal, welch ein Schnitt! (sie wirft einen wüthenden Blick auf den erschrockenen Lehrer.) Meister Verdonck, ich weiß nicht, schämt ihr euch denn nicht, dem Kind ein Messer in die Hand zu geben? Dazu muß man doch plump sein. – Das seid ihr ganz allein schuld . . . «

Der Lehrer, fast heftig

»Er kann doch keine Feder ohne Messer schneiden, Madame.«

Frau van Laer

»Ohne Messer! Ohne Messer! Ihr seid noch viel dummer, als all die plumpen Faulenzer, die ihr da sitzen habt . . . Mit eurem Rücken und eurem Bauch! Ich werd mich wohl hüten, mein Kind verderben zu lassen in solch’nem Nest, wo es so Zeug lernt. Er soll in eine andere Schule gehn.

(sie hat während deß’ ein Tüchelchen um Victor’s Finger gewunden.)

Komm mit mir, Victor. Komm nach Haus, Kind.«

Der Lehrer

»Aber Madam, so geliebet doch . . . «

(Frau van Laer geht weg. Victor wendet sich an der Thüre noch einmal um und streckt spottend dem Lehrer die Zunge entgegen.)

Der Lehrer, schmerzlich und tiefbetrübt zu den Schülern

»Eh bien, ihr Schlangen, ihr Skorpione, ärgert mich denn zu Tode . . . spart doch keine Mühe, ihr, – dreimal Blutspeien und eine Lungenschwindsucht, das ist aber noch nicht genug, nicht wahr? – Macht mich nur auch noch gichtisch, macht mich lahm an Arm und Bein! – Dann werdet ihr froh sein, wie, ihr Herzfresser? Dann könnt ihr lachen, ihr Ungeheuer! – (Ruhiger, aber noch niedergeschlagener.) Wie könnt ihr doch dem so viel Verdruß machen, der sein ganzes Leben, wie ein Sklave durcharbeitet, um euch einmal zu würdigen und nützlichen Gliedern der Gesellschaft zu machen! – Habt ihr denn kein Mitleiden mit eurem armen Lehrer, der sich krank schreit, um euch zu lehren . . . «

Eduard, schreiend

»Meister! Meister! Piet hat eine Fliege mit einem Strohschwänzchen.«

Der Lehrer,
mit dem Fuße stampfend und verzweifelt

»Ja, ja, ich weiß es, ihr lacht noch zu meinem Aerger . . . ihr seid so gefühllos, wie Pflastersteine . . . undankbar, faul, dumm, ein Haufen Esel, so stockig, wie die Fische im Wasser, ihr Nägel meiner Todtenlade – denn ich fühle doch, daß ihr mich noch unter die Erde bringt, ihr Mörder! (Er zieht seine Uhr aus der Tasche; es ist halb elf, doch um sein Gewissen zu beruhigen, setzt er sie auf elf.) Es ist elf Uhr! Die Schule ist aus!

(Die Schüler springen unter schrecklichem Tumult über Tische und Bänke.)

Die Schüler, von allen Seiten schreiend

»Hurrah! Hurrah! Die Schule ist aus! Wer spielt mit Ueberspringen? – Wer hat Knicker? – Wer spielt mit Ball? – Wir spielen Gorie, wer spielt mit?«

Der Lehrer, seine Thür schließend und kopfschüttelnd

»Aures habent et non audiunt! schon wieder zwei Schüler weniger! Da predige einmal einer dem Gesindel!«

Striata formosissima, oder das Dahlienfieber.
Übers. Maria Wolf

Gewiß, meine freundlichen Leser, seht ihr alle gern eine schöne Dahlie, und vielleicht seid ihr geneigt, sie anstatt der entzückenden, poetischen Rose als Königin auf den Thron des Blumenreiches zu erheben; aber bedenkt euch wohl, ehe ihr euch einen Dahlienliebhaber nennt. Ihr glaubt sonder Zweifel in eurer Einfalt, daß man nur die Dahlien lieben müsse, um Dahlienliebhaber zu sein: aber vergönnt mir, euch zu sagen, daß diese Ansicht sehr irrig ist. So gewagt euch diese Meinung auch scheinen mag, so wird sie gewiß eure Zustimmung erlangen, wenn ich euch einen wahren Dahlienliebhaber schildere.

Es giebt deren drei Arten, nämlich: Reiche, Bürger und arme Leute. Unter diesen ist die wohlhabende Bürgerklasse am meisten auf Dahlien verpicht; sie soll denn auch die Grundlage meiner Schilderung bilden.

Ein Dahlienliebhaber ist nämlich während des größten Theiles des Jahres ein Mann, der sein Vaterland, seine Familie, seine Freunde verläugnet, und gleich einem Menschenfeind sich von Jedem zurückzieht. In der Nacht flieht der süße Schlaf sein Lager, denn hundert Dahlien, welche ihn verfolgen, und in seinem Kopfe herumspuken, erhalten ihn wach. Könnte er, wie ein zweiter Josua, der Schöpfung gebieten, so würde er sicherlich im Sommer die Nacht ganz verbannen, und erst im Winter, wenn die Dahlien verblüht sind, sie wieder in ihre Rechte einsetzen. Vor Sonnenaufgang verläßt er das Bett: durchnäßt vom fallenden Thau, und zitternd von der kalten Morgenluft, steht er wie ein steinern Bild vor einer Dahlie. Er zählt ihre Blätter, prägt sich ihre Färbungen ein, redet sie an, verläßt sie, kehrt zurück, und beginnt auf’s Neue seine tiefsinnigen Betrachtungen. Wird er zum Essen gerufen, so kommt er erst, wenn alle speisen kalt sind, und schluckt dieselben hinunter, ohne zu wissen, was er thut. Er spricht nicht, beachtet kaum seine Frau und Kinder, und rennt so schnell wie möglich, gleich einem Verfolgten wieder in den Garten. – Dann lockert er hier die Erde um eine Dahlienwurzel auf, steckt dort ein Stöckchen in den Grund, um die Blume zu stützen, befestigt etwas weiter ein Blatt Papier über eine Dahlie, um sie zu beschatten, und bringt auf diese Weise den ganzen Tag durch, bis er gegen Abend, mit der untergehenden Sonne hadernd, sich genötigt sieht, in sein Haus zurückzukehren. Ihr meint wohl, daß er wenigstens jetzt mit seinen Angehörigen sprechen werde? Ja wohl, von Dahlien, aber weiter nichts: und da seine Frau dieser Unterhaltung seit lange müde geworden ist, thut sie, als ob ihr Mann gar nicht auf der Welt wäre. Er durchliest unterdeß zum hundertsten Male eine Dahlienliste oder einen Katalog, welchen er bereits seit einigen Monaten auswendig kann, – und geht endlich sehr früh zu Bette: nicht um zu schlafen, sondern um nach Lust und Liebe den Gedanken an seine Dahlien nachhängen zu können.

Am andern Tage beginnt er dasselbe Leben. Wollt ihr über eine wichtige Sache mit ihm sprechen, so hört er euch kaum an, und führt euch zu seinen Dahlien. Hier wiederholt er sein altes, ewiges Lied: »Eine schöne Blume, nicht wahr? seht nur, wie fein geformt die Blätter! Wie klar und rein ihre Farbe! Es gibt doch nichts schöneres auf der Welt als eine Dahlie, wie?« – Vergebens wendet ihr Alles an, ihn auf einen andern Gegenstand zu bringen: sagt ihm, daß die vier und zwanzig Artikel25 angenommen sind, er wird euch, wie ein Bewohner des Mondes anblicken, der von keinem einzigen Artikel weiß. Sagt ihm, das Haus seines besten Freundes sei abgebrannt, so wird er euch antworten: »Der hat schöne Dahlien, man wird sie sicher mit Füßen getreten haben – das wäre ärgerlich!« Sprecht ihm von einem Meisterstück von Wappers Hand, und er wird mit Geringschätzung ausrufen: »Wer kann eine Dahlie malen? Unmöglich! unmöglich!« Erzählt ihm, daß sein ältester Sohn ein wüstes Leben führt, er wird darauf schwören, daß es nur davon herrührt, weil der Junge mehr Liebe für Mädchen und Wirthshäuser in sich fühle, als für Dahlien. – In diesem Falle mag er übrigens wohl Recht haben. – Fragt ihn ferner nach dem Alter seiner Kinder, und er kommt in Verwirrung, und gibt Joseph das Alter Sophiens: Alles, was ihn betrifft, hat er vergessen. Dagegen kennt er die Geschichte der Dahlien auswendig, und wird euch aufs Genaueste erzählen: daß die Dahlie ursprünglich aus Mexico in Amerika stammt, daß sie dort wild wächst, und nur einfache sternartige Blumen trage; daß ihr Name von Andreas Dahl herrühre, einem schwedischen Botaniker; – daß diese Pflanze im Jahre 1789 zuerst durch Vicente Cervantes, Direktor des botanischen Gartens in Mexico, nach Spanien versandt wurde; daß der große Pflanzengarten in Paris sie erst im Jahre 1802 erhielt, u.s.w.

Ich rathe euch nicht, in einem solchen Augenblicke das närrische Treiben unsers Liebhabers zu tadeln, und dadurch zu verrathen, daß ihr etwas auf der Welt höher als die Dahlien schätzt; denn dann würde er euer größter Feind werden, und euch selbst den gewöhnlichen Gruß versagen. —

Er, der sonst so weichherzig ist, daß er seine Tauben und Kaninchen bei seinem Nachbar schlachten läßt, wird die Ehre einer Dahlie mit Feuer und Schwert verfechten. Und, solltet ihr ihn einst mit blauem Auge erscheinen sehen, so beschuldigt doch um Gotteswillen nicht seine gute Frau, denn es ist jedenfalls der eine oder andre Dahlienliebhaber, dem er das zu verdanken hat. – Ihr müßt ja nicht glauben, daß der Mann andere Blumen, als Dahlien unter seinen Augen duldet: auf die Rose hält er nichts; die duftende Nelke tritt er mit Füßen; die üppig blühende Winterrose wirft er seiner Ziege vor; sein Misthaufen besteht aus den entwurzelten Pflanzen des Akoley, der Päonie, des Veilchens, des Fingerhutes, der Viole, der Feldglöckchen, der Löwenmäulchen, der Lilie, der Aurikel, und aus allen andern lieben, seltenen und prächtigen Blumen, die unsre Väter so sehr liebten, und die nun in demselben Grade vom Dahlienliebhaber gleich Unkraut gehaßt werden.

Zu dem größten Unglücke des Dahliennarres hat der Schöpfer in seiner Allweisheit für gut gefunden, den Sommer keine zwölf Monate dauern zu lassen.

Dieß verkürzt das Leben unsers Dahlienliebhabers ganz erschrecklich. Ihr wißt, sonder Zweifel, meine freundlichen Leser, daß die Marmotte ein Geschöpf ist, welches während vier ganzer Wintermonde sonder Leben und Gefühl schläft, und nicht eher erwacht, als bis die Sonne die Erde wieder mit einem grünen Teppich überzieht. Der Dahlienliebhaber gleicht diesem Thiere auf ein Haar. Sobald der nahende Frost ihn gezwungen hat, seine Dahlienwurzeln in den Keller zu bringen, schwindet jeder Reiz aus seinem Leben; sein Herz erkaltet, sein Auge wird unstät, seine Bewegungen langsam und träge, und er fällt in der That in einen geistigen Schlaf, woraus ihn erst der anbrechende Frühling wieder erweckt. Dieser Umstand gibt ihn übrigens allmälig seinen Angehörigen zurück; er sieht sogar zuweilen seine längst vergessenen Freunde wieder, und zeigt ein stilles Wohlwollen für Frau und Kinder, er wendet seinen verwahrlosten Geschäftssachen eine obwohl nur laue Aufmerksamkeit zu, und erwirbt sich so den Namen eines recht guten Menschen. – Ich möchte sagen, daß Niemand so unmittelbar unter dem Einfluß des Himmels steht, als er: sobald der erste Monat nach Neujahr verflossen ist, sendet er täglich einen langen Blick in die Höhe: ist der Himmel blau und heiter, so strahlen seine Augen freudeglänzend dem klaren Azur entgegen, ist er aber grau und umwölkt, dann senkt sich tiefe Trauer auf sein düsteres Angesicht. Nach langem peinlichem Warten folgt endlich der laue März auf den schneereichen Februar.

Eines Morgens verläßt er früher als gewöhnlich sein Lager; er fühlt bereits in seinem Schlafzimmer, daß in der Nacht eine Veränderung in der Natur vorgegangen ist; sein Herz klopft in rascheren Schlägen, das Blut strömt schneller in seinen Adern, er kleidet sich zitternd vor Aufregung an. Wie einst Noah öffnet er das Fenster seiner Arche; aber statt eine Taube auszusenden, eilt er selbst die Treppe hinunter, und stürmt in den Garten. Ein Ausdruck inniger Seligkeit erhellt seine Züge; er erhebt das Auge anbetend zum tiefblauen Himmel, und gleich Noah’s freigelassener Taube schlägt er mit den Schwingen, oder vielmehr mit den Armen um sich, die steifen Glieder geschmeidig zu machen. Wer dem wunderbaren Walten der Natur einige Aufmerksamkeit zuwendet, der wird leicht die Gefühle des Dahlienliebhabers verstehn. Während der Nacht hatte Gott seinen erquickenden Athem, den lauen Südwind, auf die Erde gesandt: diese hatte ihren Schooß erschlossen, und die Luft mit Wohlgerüchen erfüllt. Es schwebt über dem gährenden Boden etwas Zauberartiges, ein unsichtbarer Duft, der uns die freudige Ueberzeugung giebt, daß es nicht mehr frieren werde, und daß die Pflanzen aus ihrem Schlafe erwachten. Der Dahlienliebhaber bleibt einige Augenblicke betroffen stehen; er fühlt seine Lebenskraft verdoppelt zurückkehren, und durcheilt mit schnellen leichten Schritten den Garten. Plötzlich hält er inne, und ein Lächeln schwebt über seine Lippen, welche einen freundlichen, Willkomm stammeln. Vor ihm ist ein Schneeglöckchen erblüht, und er hat nun, wie Noah’s Taube, den Oelzweig gefunden; ein Zeichen der neuerwachten Natur! Mit vorsichtigen Händen pflückt er das zarte Blümchen und läuft damit seinem Hause zu:

»Frau, Frau!« ruft er begeistert aus, »der Sommer ist da! Nun werden wir ein neues Leben beginnen!«

Die Frau ist gerade in der Haushaltung beschäftigt; sie blickt kaum auf, und sagt unwillig zu einem kleinen Kinde, das entsetzlich schreit: »Ah, Blumen für unser Leopoldchen!«

Der Vater giebt vorsichtig dem Kinde die Glöckchen, doch der kleine Schelm steckt sie in den Mund, ißt sie halb auf, und entblättert die übrigen. Ich weiß nicht, welches Gefühl das Herz des Vaters durchdringt; aber er zuckt die Achseln, beißt sich auf die Lippen, und geht ohne ein Wort zu sprechen in ein anderes Zimmer.

Der Mann, den ich mir als Helden dieser Skizze gewählt habe, heißt Herr Fruyts, und wohnt in einer Vorstadt Antwerpen’s; er ist ein wohlhabender Bürger von ungefähr 50 Jahren, von schlichten, einfachen Sitten und gutem Herzen; sein einziger Fehler ist die Dahliensucht.

Was ich so eben erzählte, begab sich am ersten März des Jahres 1839.

Herr Fruyts hatte sich vor einen Tisch gesetzt, worauf einige kleine beschriebene Büchelchen, Bleistifte, und alles Andere lag, was zum Schreiben gehört. Indem er die Büchelchen durchblätterte, sprach er von Zeit zu Zeit zu sich selbst:

»Anna Maria pflanz’ ich in die erste Reihe; es ist eine schöne Blume, mit Mausöhrchen und mit purpurnen Punkten. Bonaparte mit dem geraden Stengel und der Kastanienfarbe setze ich dahinter, neben Waterloo mit den feinen Blättern der Orange. Soll ich Défiance auch pflanzen?«

»Außerdem habe ich noch die hübsche Dahlie: Chocolade mit Milch. – Die werde ich in die Mitte pflanzen, mit England’s pride, Don Carlos, Formosa und Hortense Knyff. Aber, wohin setze ich den König meiner Sammlung? meine Striata formosissima? —«

»Darüber möchte ich nicht leichtsinnig beschließen. Wir werden es wohl überlegen. Pflanze ich sie oben an in die erste Reihe, dann werden die Liebhaber all’ meine andern Blumen nicht mehr schön finden; setze ich sie in die letzte Reihe, dann sind sie des Sehens müde, ehe sie meine Striata formosissima erreichen? Das darf nicht sein. Pflanze ich sie in die Mitte, dann kann man sie nicht von ferne sehen. Aber wohin soll ich sie denn pflanzen?«

Bei dieser Frage schlug sich Herr Fruyts mit der flachen Hand vor die Stirne, und beugte sich in tiefem Nachdenken über den Tisch. Lange blieb er, sich selbst vergessend, in dieser Stellung, und suchte die Antwort auf diese unauflöslichen Fragen, bis er endlich von seinem Sitze auffuhr, und seine Augen rieb, wie Jemand, der fest geschlafen hat.

»Wohin soll ich meine Striata formosissima nun pflanzen?« rief er mit überlauter Stimme.

Aber die Wände blieben stumm, und seine Frage wurde nicht beantwortet. Während er sich nun auf’s Neue verzweifelnd die Stirne schlug, wurde die Thüre leise von einem andern Dahlienliebhaber, Herrn Bielens geöffnet, welcher seinen Kopf herein steckte, indem er sagte:

»Das ist jetzt ein Wetterchen, he?«

Herr Fruyts lief ihm entgegen, zog ihn bei der Hand bis in die Mitte des Zimmers, stellte sich dicht vor ihn hin, und indem er ihn unverwandt anblickte, wiederholte er ärgerlich die Frage: »Wohin soll ich denn aber meine Striata formosissima pflanzen?«

Herr Bielens betrachtete verwundert seinen Freund, und schien geneigt in Lachen auszubrechen; doch er bezwang sich, und es begann die folgende Unterhaltung:

Bielens

»Darüber müßt Ihr nicht in einem Tage verfügen. Es kann vielleicht noch sechs Wochen dauern, bevor wir unsre Dahlien pflanzen dürfen. Denkt einstweilen ruhig darüber nach, und das will ich auch thun: binnen acht Tagen können wir dann mit reiferem Urtheil über diese Sache beschließen.«

Fruyts (freudig)

»Das ist vernünftig gesprochen. Ich sehe, ihr wißt, welche Blume meine Striata formosissima ist. Niemand besitzt sie auf hundert Stunden in der Umgegend; ich werde allein in diesem Jahre noch fünf bis sechs Medaillen durch sie gewinnen. Wie will ich die Liebhaber von Merrem beschämen!«

Bielens

»Aber habt ihr sie auch gut verwahrt? Habt ihr sie in trockene Kleie gelegt, wie ich euch gerathen habe?«

Fruyts

»Ja wohl, und dazu hatte ich in diesem Winter kein Wasser in meinem Keller.«

Bielens

»Aber hört, Fruyts, ich bin hierhin gekommen, um eine andere Sache mit euch zu überlegen; sagt, wollen wir unsre Kinder nach Ostern trauen lassen? sie kennen sich Beide nun lange genug, und wenn sonst kein Hinderniß im Wege steht, warum sollten wir sie noch länger durch unnützes Warten quälen?«

Fruyts
(nimmt ein Büchelchen von dem Tisch)

»Seht mal, Bielens! das müßt ihr mir in’s Flämische übersetzen; ewig mit diesen dummen französischen Listen. Uebersetzt mir nur das, was von der Dahlie hier steht.«

Bielens
(im Büchelchen lesend)

»No. 756. British Queen. Nun gut. – schöne Form, Blätter wie Mausöhrchen, weißer Grund in Purpur übergehend und violett gesäumt. Schön geformt, mit gradem Stengel.« Bleibt die Hochzeit eurer Tochter mit meinem Sohne nun als festgesetzt nach Ostern?«

Fruyts (in Gedanken versunken)

»Ah, das muß eine schöne Blume sein, wie? Weiß mit violettem Rand, und Mausöhrchen? Ich wende zehn Franken dran! Rathet ihr mir, sie zu kaufen?«

Bielens (ungeduldig)

»Ich sage euch, Fruyts, ich spreche von keiner Dahlie mehr, bevor ihr mir Bescheid gegeben habt. Heirathen unsre Kinder nach Ostern? Ja oder Nein?«

Fruyts (schüttelt ärgerlich den Kopf)

»Nun ja, ja gewiß. Seid ihr nun zufrieden, he? Da habt ihr Hand und Wort. Soll ich die British Queen kaufen, sagt?«

Bielens

»Ja, aber ihr wißt wohl, daß man nicht so heirathet; wir müssen uns über die Sache verständigen. Ihr werdet doch sicherlich eurer Tochter ein Sümmchen mitgeben?«

Fruyts

»Ich sage Ja auf Alles, was ihr wollt! und je eher je lieber. Die Heirath möcht mir sonst noch gar in die Dahlienzeit fallen. Besorgt Alles; meine Zustimmung habt ihr im Voraus sag ich euch. – Aber sagt, Bielens, habt ihr eure Dahlien schon aus dem Keller geholt?«

Bielens

»Ja, gestern Morgen hab ich sie unter ein Glas gelegt, zum brüten. – Ich will butüren.«26

Fruyts

»Da müssen die meinen auch noch heut aus dem Keller. Sobald ihr weg seid, geh’ ich sie besuchen.«

Bielens

»Ja, ich habe mich ohnedies zu lang hier aufgehalten. Gebt mir eure Hand auf die Verheirathung unsrer Kinder. Ich will dann alles besorgen. Und um nichts zu versäumen, soll mein Sohn heute kommen, um euch selbst um eure Einwilligung zu bitten. Ihr dürft ihn nicht beschämen, hört ihr?«

Fruyts

»Macht euch darüber keine Sorgen, ich will ihm nichts als ja, ja, antworten. Ihr könnt wohl denken, daß ich, wenn ich meine Wurzeln gesehen hab, nicht mehr viel Zeit habe, um mit eurem Sohn zu plaudern. Nun gehabt euch wohl. Bis zum Nachmittag!«

Sobald sich Herr Bielens entfernt hatte, erhellte ein freudiger Ausdruck Herrn Fruyt’s Züge. Wie Jemand, der mit ungeduldiger Hast sich zu etwas bereitet, schritt er im Zimmer auf und ab, nahm hier ein Messer aus dem Kasten, dort einen Hammer, von der Schornsteinplatte einige Alphabete Stempellettern, von der Erde ein Tragbrett, dann einen Bleistift und ein ganzes Buch Papier. Alle Hände voll und schwer bepackt, das Tragbrett unter dem Arm, begab er sich zu seiner Frau, und verlangte den Kellerschlüssel. Aber die Zärtliche betrachtete ihn mit Blicken, welche eher Spott als Erstaunen verriethen.

»Was, Schlüssel!« rief sie. »Kommen die Dahlien nun wieder zum Vorschein? Dann wird unser Haus wieder eine Hölle werden. Du warst bisher vernünftig, aber nun sollen die Narrenstreiche auf’s Neue beginnen, wie? Da steht er wie ein ausverkaufter Krämer. – So schäm dich doch!«

Der gefolterte Liebhaber zitterte vor Ungeduld, und wiederholte ärgerlich:

»Den Schlüssel, sag ich!«

»Nun, nun,« erwiederte lachend die Frau, »beiß mich nur nicht. Da ist der Schlüssel.«

Herr Fruyts riß zornig den Schlüssel aus den Händen der Frau; doch aller Aerger verschwand, als er in den Keller hinabstieg, und sich seinen Dahlien näherte. Sein Auge weilt mit Entzücken auf den Brettern, worauf die Wurzeln liegen. Sie tragen alle ein Zeichen, welches auf eine kleine bleierne Platte geprägt ist, aber nicht für den Dahlienliebhaber, denn er kennt die Wurzeln besser als seine Kinder; er weiß ihre Vor- und Zunamen, ihren Geburtsort, ihre Eigenschaften, ihr Alter. Bald hüllt ein entzückender Traum seine Phantasie in trügerischen Schleier. Seine Phantasie läßt ihn sämmtliche Dahlien in vollster Blüthe, im schönsten Glanze in dem halbdunkeln Keller erscheinen! Hier prangt Miß Colt, die Atlasrose, dort Conqueror, mit den feinen braunen sammtblättern; daneben Fireball, wie eine glühende Feuerkugel, und das zweifarbige Nonpareil; ferner der goldne Topas, die silberne Virgin Queen, und der schwarze Sambo. Tausend andere Dahlien steigen vor ihm in dem Gewölbe auf; ihre vielen reichfarbigen Blüthen verschwimmen vor den Augen des begeisterten Liebhabers. Er wähnt, daß die Sonne ein Strahlenmeer in seinen feuchten Keller gieße, und fühlt sich von lauer Lenzesluft, von süßen Wohlgerüchen umgeben. Ein Paradies mit unbekannten Freuden ist ihm gegeben. – O Dahlie, wie reich belohnst du deinen Diener!

Diese trügerischen Träume umgaukeln noch lange Herrn Fruyts. Endlich doch schwand das Zauberspiel; er warf einen stolzen Blick auf ein hölzernes Gefäß, welches in einer Ecke des Kellers auf dem höchsten Brette stand, und sprach zu sich selbst: »Hier, in diesem hölzernen Töpfchen liegt meine Striata formosissima, und schläft ruhig auf ihrem Bett von Kleien. Striata formosissima! edle Blume! sie sagen, daß du den Striped perfection nicht besiegen werdest, aber sie kennen dich ja nicht. Sie wissen nicht, wie die braunen Purpurstreifen aus deinem weißen Herzen glänzen und strahlen. Laß sie immerhin die dunkeln Flecken der striped perfection mit deinen prächtig gezeichneten Blättern vergleichen. Ach, sie irren: der Neid verblendet sie; aber du wirst dich schon rächen, und Allen zum Trotz die Medaille gewinnen!«

Wir lassen Herrn Fruyts in seinem Keller bei den zärtlich geliebten Wurzeln, um uns zu seiner Frau in die Küche zu begeben. Die junge Verlobte von Bielens’ Sohn war gerade aus der Stadt zurückgekommen. Als sie an dem Hause ihres zukünftigen Gatten vorüberkam, hatte dieser sonder Zweifel ihr einige Worte über seinen Besuch gesagt, denn kaum hatte sie ihre Mutter gegrüßt, als sie auch schnell hinzufügte:

»Mutter, Franz wird heute Mittag kommen, den Vater um seine Einwilligung zu bitten.«Wirst du ihm wohl ein wenig beistehen?«

Die gute Frau strich schmeichelnd mit der Hand über die Stirne ihrer Tochter und erwiederte:

»Ja, ja Kind, laß nur gut sein. Wenn es heute nicht glückt, dann glückt es nie. Dein Vater ist in allerbester Stimmung; er ist just beschäftigt, die Dahlien aus dem Keller zu holen.«

Diese Nachricht schien der Tochter nicht geringe Freude zu machen.

»Ach!« rief sie aus, dann können wir nach Ostern heirathen, wie Mutter?«

»Nun, nun Kind, du mußt nicht so schnell und eilig sein,« bemerkte lächelnd die Frau. »Du bist noch lange genug verheirathet, mach dir darum keine Sorgen. Aber du hast nicht Unrecht. Franz ist ein braver Bürgerssohn; er sieht seinen Sachen nach und hat auch ja schon einen ziemlichen Gehalt auf’m Comptoir. Ihr habt euch beide immer gut aufgeführt. Ja, ja nach Ostern.«

Ein dankbarer Blick war des Mädchens Antwort. Sie setzte sich still und nachdenkend am Fenster nieder; die Mutter entfernte sich, um einige kleine Geschäfte zu besorgen. Kurz darauf erschien Franz Bielens, ganz gekleidet wie ein junger Stutzer. Er hatte eine ziemlich hübsche Gestalt, angenehme Züge, und in seiner ganzen Erscheinung sprach sich Biederkeit und Treuherzigkeit aus. Eine leichte Aufregung war in seinem Wesen zu bemerken, als er mit leichtem Anstand die beiden Frauen grüßte, und dann zur Mutter gewendet sprach:

»Mutter Fruyts, ihr kennt den Zweck meines Besuches. Meine Aeltern sind mit meinen Wünschen einverstanden, und auch ihr wollt mir den ehrenvollen Titel eines Sohnes nicht länger versagen. So hängt es denn allein von Herrn Fruyts ab, uns Alle froh und glücklich zu machen. Seid doch so gut, ihn um einige Augenblicke Gehör zu bitten, ich möchte ihn gern allein sprechen.«

»Aber wie eilig seid ihr Beide!« rief die Mutter scherzend aus. »Ich sehe wohl, ihr wollt das Eisen schmieden, so lang es warm ist. Ihr habt Recht, denn ihr liebt euch ja gegenseitig, he? Wartet nur einen Augenblick, ich gehe und rufe Fruyts aus dem Keller.«

Sie öffnete die Kellerthür und rief:

»Jan, komm einmal herauf, es ist Jemand da, der dich sprechen will!«

Ein Gemurmel, das einem Ja gleich, ließ sich vernehmen; Frau Fruyts kehrte zu den Beiden zurück, und brachte die Antwort:

»Er wird sogleich kommen.« sie warteten ziemlich lange und nicht frei von Beklemmung auf die Ankunft des Herrn Fruyts. Endlich hörten sie ein lautes Geräusch in dem Keller, es war, als ob man leere Flaschen an der Mauer in Stücke schlüge; die Gestelle wurden gewaltsam von der Mauer gerissen und von einer Seite zur andern geschleudert. Der Keller schien zu einer kleinen Hölle geworden zu sein, woraus die Stimme des Herrn Fruyts, wie die einer verdammten Seele, sich klagend hören ließ; durch schmerzliche Töne und Ausrufungen drang vor Allem der Name Striata formosissima zu den Ohren der ängstlich Harrenden.

Frau Fruyts wurde dunkelroth vor Zorn, sie sprang auf, und wäre gewiß mit ihrem Manne über den Schaden, den er angerichtet, handgemein geworden; doch als er jetzt gerade eintrat, benahm sein Aussehen ihr die Sprache.

Eine schreckliche Verwirrung und Bestürzung sprach sich in seinem ganzen Wesen aus. Das Haar sträubte sich auf seinem Kopfe, und aus der Unordnung in seinem Anzuge konnte man leicht schließen, welche verzweifelten Bewegungen er gemacht haben mußte. Seine Beinkleider waren mit Schmutz und Erde bedeckt, und an seinen schwarzen Holzschuhen klebten noch einige Stücke der Dahlienwurzeln, die er in seinem Aerger zertreten hatte. In der einen Hand hielt er ein hölzern Gefäß, woraus er wüthend Kleien auf den Hausflur umher streute; in der andern eine, wie es schien, zerbrochene Wurzel. In seinem Angesicht war die äußerste Verzweiflung ausgedrückt. Die Augenbrauen hingen tief über die Augen, die Ecken des Mundes waren krampfhaft verzogen, und die Zähne knirschend aufeinander gepreßt, als ob er im Begriff gewesen wäre, etwas Hartes zu zerbeißen. Mit wankenden Schritten, wie ein Halbwahnsinniger, schritt er vorwärts, und schaute grimmig nach allen Seiten um. Die zwei Frauen standen erstaunt und sprachlos; das Mädchen die Hände fast flehend gegen ihn erhebend; die Mutter, die Arme wie drohend in die Seite gestemmt. Was den jungen Mann betrifft, so schien dieser nicht wenig ärgerlich über die unangenehme Lage, in welche er so unversehens gerathen war. Gewiß hatte er die Ursache von Herrn Fruyts Zorn errathen, denn ein sonderbares Lächeln umspielte seine Lippen. Die Frau suchte sich zuerst über das vorgefallene Unglück aufzuklären, und schnauzte ihren Mann an:

»Nun, was gibt’s wieder, du Narr? Willst uns bei lebendigem Leib verschlingen?«

Darob warf der Vater ihr einen tödtlichen Blick zu; er antwortete aber nicht.

Die Mutter

»Ei um Gottes willen! Mit deinen dummen Grillen. Ziehst wahrlich ein Gesicht, wie der böse Schächer (sie mildert den Ausdruck ihrer Stimme, spottend), ’s ist gewiß ein Dahliachen aus deiner Hand gefallen, ach Himmel! – Ist es möglich, so viel Spektakel darum zu machen? Um solche Dummheiten?«

Die Tochter, will den Arm ihres Vaters fassen

»Gott, Vater, was ist denn geschehen? sagt es mir doch!«

Der Vater, stößt sie weg

»Laß mich in Ruhe! sprich mich nicht an! Fort aus meinen Augen! (Er sieht die Katze am Ofen liegen und giebt ihr einen solchen stoß mit dem Fuße, daß sie jämmerlich miauend bis zur Thüre fliegt). Lumpiges, faules Vieh! Du Hexe du, ich dreh dir den Hals herum! Keine zwei Tage, und du hast einen Stein am Halse und liegst im Wasser! Muß ich dir darum die Kost geben?«

Die Mutter, aufgebracht

»Aber was fällt dir ein, du Dahliennarr? Meinst du, Alles über’n Haufen werfen zu können im Hause und Alles zu ruinieren? (sie stellt sich, die Hände in die Seite gestemmt, vor ihn hin, und fährt ihn an). Wirst du der lächerlichen Komödie bald ein Ende machen, oder willst du, daß ich dich vor die Thüre werfe?«

Diese Drohung machte Herrn Fruyts Blut ein wenig kühler, denn er fürchtete seine Frau über die Maßen. Mit großen Schritten ging er stumm in dem Zimmer auf und ab, während die beiden Frauen und der junge Mann da standen und warteten, bis er wieder mehr zu sich gekommen sein werde. Der Augenblick war indeß weniger nah, als sie glaubten, denn der unglückliche Liebhaber schlug sich von Zeit zu Zeit mit der Hand vor die Stirn, und machte immer mehr Bewegungen, welche sein stets noch steigendes Seelenleiden nur zu deutlich verriethen. Endlich konnte er sich nicht länger zurückhalten, er warf einen wüthenden Blick auf den jungen Bielens und brach los:

»Und was habt ihr denn in meinem Hause zu thun, Federfuchser? Ihr kommt wohl, um euch an dem Herzeleid zu freuen, das euer Vater mir angethan hat, he? – Ich werde ihn aber schon zu finden wissen! Nicht eine Dahlie soll er in seinem Garten behalten, und wenn ich Diebe bezahlen sollt, die hingehen und sie in Stücke treten!«

Bielens, beleidigt

»Ich wüßte nicht, Herr Fruyts, daß mein Vater euch je etwas zu Leide gethan hätte. Ihr wart ja gestern noch die besten Freunde.«

Der Vater, heftig

»Freunde, ja, ich bedank mich für derlei verrätherische Freunde, die einem alle Arten von Aerger anthun.«

Bielens

»Aber was hat mein Vater euch denn gethan, Herr Fruyts.«

Der Vater

»Was? Was? War er im vorigen Jahr nicht schuld daran, daß alle meine Dahlien abgestorben sind? – Hat – er das nicht aus Neid, aus Mißgunst gethan? Hat er die Medaille, die er gewonnen hat, mir im Grunde nicht mit Hinterlist abgestohlen?«

Bielens, verwundert

»Mein Vater wäre Schuld daran, daß eure Dahlien abgestorben sind? Das wußte ich nicht.«

Der Vater, mit steigender Wuth

»Ja, hat er mir nicht gerathen, ich solle meine besten und schönsten Dahlien in Pferdemist pflanzen? Ist es seine Schuld nicht, daß die Maden sie alle zugleich zerfressen haben?«

Bielens

»Auf diese Weise habt ihr allerdings Recht, aber ihr wißt doch auch, daß es meinem Vater geradeso gegangen hat; die Maden haben seine Dahlien auch zerfressen.«

Der Vater, polternd

»Streiche! Nichts als arge Streiche! Mit welchen Dahlien hat er denn die Medaille gewonnen, sagt mir das einmal! Falschheit, Betrug, das war’s. Doch das hatte ich schon seit lange vergeben und vergessen. Was er mir aber jetzt angerichtet hat, das soll er mir sauer und theuer bezahlen. Sagt ihm nur rund weg – von heut ab keine Freundschaft mehr! Und ihr, die ihr den Stillen und Feinen aushangt, ihr könnt mir auch aus dem Hause bleiben. Erkühnt ihr euch, noch einmal mit meiner Tochter zu sprechen, dann steck’ ich sie in’s Kloster!«

(Das Mädchen beginnt zu weinen.)

Die Mutter, spöttelnd

»Wie kann doch ein Mensch von fünf und vierzig Jahren solch Gewäsch halten! Wann werden wir denn endlich wissen, wer gestorben ist im Hause?«

Der Vater

»Ja, du giftig Weib, du spottest stets über meinen Aerger! Was vorgefallen ist, das weiß ich, und das werde ich sobald nicht vergessen! Zehn Jahre frißt es mir am Leben ab!«

Bielens

»Aber dann sagt uns doch, Herr Fruyts, welch ein Unglück mein Vater verschuldet?«

Der Vater, im äußersten Zorn und eine Thräne im Auge

»Ja, euer falscher Vater wußt, daß ich eine Dahlie hatte, wie deren auf hundert Stunden in der Runde keine mehr existiert. Darum beneidete er mich, denn er wußte wohl, daß mir in diesem Jahre die Medaille nicht ausbleiben konnte. Und – o der Schelmerei! – was räth er mir? – (süßelnd) Jan, sagt er mit seinem Fuchsgesicht, Jan, legt eure Striata formosissima in einen Kasten mit Kleien, dann bleibt sie gut trocken. – Ich thu das und was geschieht? – seht, ich kann meinen Aerger kaum bezwingen, wenn . . . «

Die Mutter

»Nu, was ist denn geschehen, Waschweib?«

Der Vater, betrübt

»Was geschehen ist? Hör mal, welch eine Verrätherei! Die Ratten sind in die Kleien gekommen, und nachdem sie diese größtentheils aufgefressen, haben sie meine Striata formosissima dazu aufgeknabbelt. Wißt ihr es nun?«

Die Mutter, laut lachend

»Nun, nun, ist es nicht mehr, als das? Bleiben keine Todten, keine gebrochenen Arme und Beine? Mußt du darum solch einen Spektakel machen, daß die Nachbarn am Ende sagen, die Ratten hätten die Heirath deiner Tochter zerfressen?«

Der Vater

»Nichts mehr? Nichts mehr? (zu Bielens) Aus dem Hause, Springinsfeld! schnell!«

Die Tochter, weinend

»Ach Vater, jagt ihn nicht weg! Ihr habt ja versprochen, wir sollten heirathen!«

Der Vater

»Heirathen? Und das den Sohn meines größten Feindes? Des Verräthers, der meine Striata formosissima den Ratten überliefert hat? Heirathen? Nie! Lieber gäb ich dich dem buckligen Vanokeren!«

Die Mutter

»Hör mal, das hat nun lang genug gedauert, ich werde der Sache einmal kurz und gut ein Ende machen.«

(sie faßt den Vater an den Schultern, drückt ihn aus dem Hause in den Hof, und schließt die Thür).

Herr Fruyts blieb einige Augenblicke verwundert stehen; die Thüre aber war zu gut verschlossen, als daß er hätte hoffen können, sie zu öffnen; ergeben in sein Schicksal trat er darum tiefer in den Garten und dem Plätzchen zu, auf den er seine Dahlien hatte pflanzen wollen. Er hielt noch immer ein Stück Wurzel der Striata formosissima in der Hand, und krampfhaft zuckten seine Finger darum, während tiefe Seufzer seiner Brust entstiegen. An dem Plätzchen angekommen, starrte er wehmüthig auf die für ihn so theure Erde und sprach dann, das Auge auf die Wurzel heftend:

»Du Blume aller Blumen, so hätte ich dich denn verloren? Ich sehe meine Feinde lachen, sie klatschen spottend über mich in die Hände. Ich werde keine Medaille bekommen, alle Hoffnung darauf ist hin! Hätten die Ratten gewußt, daß jeder Biß in dich ein Biß in mein Herz war! Wenn ich das hätte ahnen können, ich hätte den Keller vollgepfropft mit Käs und Fleisch, um sie zu sättigen. Doch, es ist zu spät – o Unglück!«

Und er warf das Stück Wurzel, daß es weit über das Feld hinflog.

Hoffnungslos und sichtbar leidend wandelte Herr Fruyts den ganzen Tag hindurch in dem Garten umher; er wollte selbst nichts essen – und das war bis dahin in seinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Alle Bitten seiner Tochter, alle Vorwürfe seiner Frau vermochten nicht soviel über ihn, daß er in’s Haus oder zum Feuer gekommen wäre.

Gegen Abend saß er auf einer Holzbank inmitten des Gartens; er bebte vor Kälte, und seine Zähne klapperten laut. Da stieg langsam Reue in ihm auf über die Härte, mit welcher er den jungen Bielens und seine Tochter behandelt hatte, doch in demselben Augenblicke rief auch der böse Geist in ihm: Wie werden die Dahlienliebhaber dich auslachen! und aufs neue entflammte seine Wuth, als er den jungen Mann, ein Päckchen unterm Arm auf sich zukommen sah.

Wie befehlend streckte er den Arm gegen ihn aus, so etwa, wie wenn er hätte sagen wollen: »Vor die Thür, du!« Doch Bielens achtete nicht darauf, nahte vielmehr kühn, und überreichte Herrn Fruyts ein gefaltetes Briefchen. Unwillig riß er es ihm aus der Hand und öffnete es unter spöttischem Lächeln. Doch, welch ein Strahl der Freude überflog seine Züge! Welche Röthe färbte seine Wangen, welch’ froher Seufzer entstieg seiner Brust! Gewiß, das Briefchen mußte eine fröhliche Nachricht bringen. Er liest:

»Ich unterzeichneter V . . . Kunstgärtner zu Antwerpen, erkläre hiermit, daß ich Herrn Franz Bielens heute eine Wurzel der echten Striata formosissima geliefert habe.«

Die Unterschrift war die des berühmtesten und glaubwürdigsten Gärtners der Stadt.

»Ihr hättet eine Wurzel der ächten Striata formosissima?« rief Herr Fruyts entzückt aus. »Betrüget ihr mich nicht? Aber nein, es ist Wahrheit; laßt mich sie doch sehn!«

Und er nahm das Päckchen aus Bielens Händen, riß Papier und Moos herunter, und befühlte die köstliche Wurzel nach allen Seiten mit einem so seligen Lächeln, daß man wohl sah, wie glücklich er sich dabei fühlte.

»Ja das ist eine Wurzel,« murmelte er vor sich hin. »Ja, eine echte Striata formosissima!«

Doch ein anderer Gedanke verdüsterte seine Züge wieder.

»Nun, Franz!« seufzte er, »ihr seid glücklich; damit könnt ihr so viele Medaillen gewinnen, wie ihr wollt.«

»Ich?« frug der junge Mann. »Nein, Herr Fruyts. Ich wußte, daß Herr V . . . seit vier Tagen eine Wurzel der Striata formosissima aus England bekommen hatte. Da ich ihn genau kenne, wußte ich auch, daß er mir sie überlassen würde, und ihr seht, ich habe mich nicht darin betrogen. Niemand in der ganzen Gegend, ja vielleicht in Belgien besitzt sie außer mir. Würdet ihr sie von mir annehmen, als einen Beweis, wie sehr ich eure Betrübniß zu schätzen weiß?«

Ein lauter Schrei entstieg der lang gepreßten Brust des braven Fruyts; er griff schnell nach der Wurzel und drückte sie mit der einen Hand an sein Herz, während er mit der andern den jungen Bielens mit sich fortzog dem Hause zu. Da saß die Tochter am Ofen und weinte heiße Thränen. Frau Fruyts hatte den Kopf auf die Hand gestützt und schien ihrem Manne etwa zurufen zu wollen: »Bist du wieder da? Komm mir nur nicht zuviel unter die Augen!« Er aber gab in seiner Herzensfreude auf nichts Acht, hielt die Wurzel hoch über den Kopf und rief triumphierend:

»Hurrah! Hurrah! Ich hab meine Striata formosissima wieder! Wacker Frau, laß uns Alles vergessen und sieh nur nicht mehr so sauer drein! Schnell, hol eine gute Flasche aus dem Keller, du weißt aus dem Patersfäßchen!«

»Und du, liebe Theres,« sprach er zur Tochter gewandt, und sie bei der Hand fassend, »vergieb mir auch, daß ich so böse war. Komm her, Franz, mein Sohn!«

Und er legte Theresen’s und Franzen’s Hände in einander und rief noch einmal:

»Vivat, Striata formosissima! Lebt lang und heirathet nach Ostern!«

Der Geist.
Ein Bild aus dem Volksleben

Keine Stadt ist wohl an Sagen reicher, als Antwerpen.

Jede Straße hat ihre eigenen, doch nicht leicht ist es, zu ihnen zu gelangen, da sie zumeist nur in der untersten Volksklasse bekannt sind und erzählt werden, und selbst nicht in den Bürgerstand mehr vordringen. Es geht eben mit diesem Zweige der nationalen Traditionen, wie mit manchem andern; das »gemeine Volk« hat ihn allein bewahrt.

Wenigen Literaten aber gelingt es, manchen auch scheint es eben nicht passend, als Freund und Nachbar in den ärmsten Vierteln umherzugehen, um also eine dieser Erzählungen aus dem Munde eines Fischweibes oder eines Aschenmädchens zu hören. Mir verschaffte ein glücklicher Zufall die Gelegenheit, einige dieser Sagen abzuhorchen, ohne daß ich gesehen wurde. Die Erzähler waren vier Bursche, welche fast am Rande des Mannesalters standen und einstweilen noch bei Tage als Lehrjungen bei Zimmerleuten und Schmieden arbeiteten. Wohl war ihre Art zu erzählen nicht die ausgesuchteste, doch einer von ihnen hatte darin einen gewissen Schwung und eine Leichtigkeit, welche dem Mitgetheilten einen eigenthümlichen und komischen Charakter gab. Dieß bewog mich auch, seine Worte so getreu, wie möglich, aufzuzeichnen!27

Unter dem halbgeschlossenen Fenster eines Bürgerhauses saßen sie auf einer Kellerthür und wackerten einander an, zu erzählen. Der erste, welcher sprach, war:

Kobe.28

»Sag, Franz, kannst du die Geschicht, die sie Sonntag im Purzenellen-Keller29 gespielt haben? Weißt du, Schnuf30 heirathet am End mit der Königin von Türkeien.«

Balte.31

»Die kann ich.«

Franz

»Ist das die von Hanefruiken?«

Süs.32

»Ach nein, weißt nit mehr? Da kommt ein bezaubert Kanin drin vor, das den Brief auf den Thurm trägt zu der Prinzeß von Amerika. Kannst es nit, Balte?«

Balte

»Das kann ich Alles. Ich kann Malegys, ich kann Schmiedchen Verholen, ich kann Güldentop, ich kann Sankt Peter, ich kann alte Lampen für neue, ich kann den bezauberten Hund, und das vom Stein und Fischerchen, Fischerchen, fang mich nit, und ach Herr, ich kann wohl hundert, wenn ich sie nur erzählen wollt.«

Franz

»Ah dann laß uns Ströhchen ziehen.33

Kobe

»Vivat! ’s ist Balte! Nu vom Doktor Fautzius oder dem Keller unter der Vierschaar.«

Süs

»Nä, Balte, thu’s nicht. Erzähl lieber vom Teufel oder von einer Hex, oder von Spuken.«

Balte

»Nu gut, dann will ich euch eine wahrhaftige Geschicht erzählen, die geschehen ist auf dem Kleinmarkt, ein wenig weiter, als die Korneinepeip (Kaninchengang) auf französisch la pipe de lapin.«

Kobe

»Lapin? das heißt eine Katz, du bist im Irrthum.«

Balte

»Du bist ein schöner Vogel. Lapin ist eine Katz, pertang!34 Nein poes35 ist Katz auf französisch. Haben sie dem Franzmann aus der Mannekensstraat nicht immer nachgerufen: Voleur de poes, Katzendieb? Du willst mit mir über’s Französisch sprechen, du Kastenkind? Hast du vielleicht auf der Chantjie36 gearbeitet, he? Ist dein Vater Gardechou37 gewesen? In der Zeit der Marine? schweig nun, sag ich dir, denn ich fang jetzt aufs Neue an. – Nun in der Straß da stand einmal ein Haus mit vier Stockwerken ohne den Speicher und das war so groß und so schön, wie das Schloß eines Königs.

Aber in dem Haus wollte durchaus Niemand nicht wohnen, und es blieb Jahre hindurch unnütz leer stehn, denn es spukte drin, müßt ihr wissen.«

Süs

»Aha, das muß schön sein.«

Balte, ärgerlich

»Still doch, halt’s Maul! Nu dann. Mit dem Schlage zwölf kam da jedesmal ein Geist, der’s Haus von oben bis unten durchlief, und wenn das lang genug gedauert hatte, dann kam der Geist gegen den Schlag eins hinter die Straßenthür stehn und begann so jämmerlich zu heulen und zu schreien, daß Jedermann Mitleid mit ihm hatte . . . «

Kobe, ängstlich

»Bist du das, Süs, der da so geseufzt hat?«

Franz

»Eh, er ist schon bang, er zittert, ich fühl’s. Du sollst mir wohl ein Kerl sein!«

Balte

»Wenn Kobe sein Maul nicht hält, dann jag ich ihn weg.

Nu, da wagte doch Niemand in das Haus zu gehen, weil der Geist nichts that, als rufen: »Erlöst meine Seel! Erlöst meine Seel!«

Da sagte man dann, daß das die Seele wär – und ich glaub das auch – daß das also die Seele wär von dem letzten Herrn, dem das Haus gehört hatte und daß der aus purer Gierigkeit einen großen Schatz da verborgen hätte. Und du weißt wohl, wenn Jemand stirbt mit verborgenem Geld auf seinem Gewissen, dann muß er so lange in der Höll brennen, bis das Geld gefunden wird.

Als das nun schon sehr lang gedauert hatte, da kam einmal ein alter Soldat aus dem Kesselkrieg.

Der Soldat hieß starker Jan und der hatte in dem Wirthshaus gesagt, daß er für Nichts und wieder Nichts, so zu sagen für sein Pläsier eine Nacht in dem leeren Hause schlafen wollte, wenn sie ihm hundert Gulden vor der Hand geben wollten.

Der Hausbaas sagte zu Jan: »Ist das wahr? Wagtet ihr in dem Haus zu schlafen?«

»Ja,« sagte Jan so, »denn ich geb den Teufel,« sagt er, »um alle Spuke und Teufel! Was Gott bewahrt, ist wohl bewahrt.«

»Nu gut,« sprach der Hausbaas, »gebt mir die Hand darauf,« sagte er, »und es ist eine abgemachte Sache. Was muß ich euch geben?« frug er.

»Hört,« sprach Jan, »gebt mir nur für den Anfang ein gut Theil Buchenholz in kleinen Stücken, ein Dutzend Flaschen Wein, eine Flasche Branntwein, einen Kuchentopf voll Kuchenteig und eine gute Pfanne, um meine Kuchen darin zu backen.«

»Das sollt ihr haben,« sagte der Hausbaas, und als er ihm das gegeben hat, zog Jan gegen Abend mit seiner Provision in das Haus.

Als er nun Feuer geschlagen hatte, trug er sein Holz und seinen Kuchentopf mit dem Teig in ein Zimmer auf dem ersten Stock, wo noch ein Tisch stand mit zwei Stühlen.

Da fing er an Feuer zu machen, als wollt er das Haus abbrennen, und dann setzte er den Kuchentopf daneben, um den Teig gähren zu machen.

Während der Teig nun am Gähren war, fing Jan an, den Flaschen einer nach der andern den Hals ab zu beißen, und davon bekam er vor und nach ein Stück in seinen Kragen,38 wie ein alter Schweizer, doch er gerieth nicht von seinem Center39 und wußte gar wohl, was er that und sprach.

Das war mir nun gut, aber als er nun lang genug getrunken hatte, da begann sein Bär zu tanzen40 Er setzte also seine Pfanne auf’s Feuer und warf einen tüchtigen Löffel Teig hinein. Dann ging es an’s Braten, daß es eine Art hatte, und es roch so lecker, wie an der Thür von ’s Lanswelvelvaren,41 wißt ihr, so ’n Geruch grad wie vor einer Restauration.

Nun das war mir gut, der Kuchen war von einer Seite ganz schön braun gebacken, und Jan warf ihn herum, damit er auch auf der andern Seite backe.

Nu stand der Kuchen aber kaum wieder auf dem Feuer, da fällt so was durch den Kamin – und parduf in den Kuchen und der Kuchen in die Asche.

»Na hundert tausend ich weiß nicht was,« rief Jan. »Sollt man das hier und da nicht verwünschen? Braun und so lecker! Da liegt nun mein Seelchenkuchen.42 Was will ich aber dazu thun? sagt er zu sich selbst; ’s ist nun einmal so. Ich will mir nur einen neuen Löffel Teig in die Pfanne thun, und gut falle ’s aus.

Das that er dann auch und ging wieder an’s Backen, daß ihr einen Jähhunger davon bekommen hättet und wenn ihr selbst in drei Tagen nichts hättet gegessen gehabt.

Jan ließ aber nun den Stiel der Pfanne los und packte sich das Ding mal auf, was da aus dem Kamin gefallen war.

Nu rathet mal, was das war! – Das war ein Todtenknochen aus einem Arm.

Da schoß mir der Jan in ein Lachen und sprach so, immer fort lachend: »Haha, die denken mich bang zu machen oder gar mich zum Narren zu halten, dann kommen sie mir aber gut an mit ihren Pferdeknochen, und wenn sie mir die ganze Schindgrube durch den Kamin werfen, dann geb ich noch keinen Deut drum; mit ihrer Lapperei!«

Das war mir aber gut; als Jan seinen Kuchen nun halb gebacken hatte, da sagt er so zu sich selbst: Ihr sollt mich dieses mal nicht kriegen, ihr Pfiffikusse. Lieber eß ich meinen Kuchen halb roh . . . Und damit streckt er seine Hand aus, um den Kuchen zu nehmen, aber da fällt ein ganzes Rudel von Knochen aus dem Kamin und parduf in dem Jan seine Pfanne und der Kuchen in die Asche.

»Wel Seeseke van Maderitje!43« rief Jan; »soll ich denn all meinen Kuchenteig zum Blitz gehen sehn? Was ist das denn nun wieder, was sie mir da herunter geworfen haben? Das ist kein klein Paternosterchen; ’s sieht ja aus, wie der Rückgrat eines Füllens. Nu, das ist doch mit schön, sie sollten die Leute doch ruhig lassen essen.«

Ja, aber was da in seine Pfanne gefallen war, das waren so Knöchelken, die saßen an einander, wie an einer Kordel und das war der Rückgrat eines Menschen.

Darüber wurde Jan nun so erschrecklich bös, daß er die Knochen auspackte und sie hagelklein an der Mauer zusammenschlug.

Aergerlich setzte er sich wieder zu der Pfanne und lappte von Zeit zu Zeit einen neuen Löffel Teig hinein, aber jedesmal, wenn er den Kuchen eben aus der Pfanne nehmen wollt, fiel ihm wieder der eine oder andere Menschenknochen hinein, und das dauerte so lang, bis ihm endlich gar ein Todtenkopf drein fiel.

Jan der schoß in eine wälsche Wuth und warf den Todtenkopf, daß er flog, so weit wie es ihm geliebte. Dann begann er geduldig wieder zu backen und hatte bald eine Schüssel voll Kuchen auf’m Tisch, so daß er nur zu essen nöthig hatte.

Als er nun so recht genüglich an dem Tisch saß und so lecker am Knabbeln und saugen war, da geschah auf einmal ein fürchterlicher Schlag. – Jan zählte: ’s war zwölf Uhr.

Da hebt Jan seine Augen ’mal auf und – da steht er in der Ecke, wohin er die Knochen geschleudert hatte, ein abscheuliches Geripp stehn.

Mit dem Schlage zwölf nämlich waren die Knochen alle zusammen gekrochen, und da stand der Geist mit einem weißen Leintuch um seinen Rücken. Und er war, ach Gott, so mager geworden von dem ewigen Rundlaufen, daß ihr sein Eingeweide durch seinen Bauch sehen konntet.

Jan besah das Gespenst so ’ne Zeit lang und rieb seine Augen, denn er meinte, es wär nicht wahr gewesen; als aber das Gespenst anfing sich zu bewegen, da sah er, daß es wahrhaftig ein Geist war.

»Aha,« sagte Jan; »guten Abend, Pietchen Tod!44 Wie stehts mit der Gesundheit? Mich dünkt, ich hab dich schon mal gesehn. Stehst du nicht in sankt Wilibrords Kirche, wenn’s Seelenoktave ist? Siehst anders gar jämmeriös aus, Jan Stecken! Sieh, solch ein Kuchen oder drei und solch’ne Flasch, die könnten dir nicht schaden. Doch was sag ich? Ich glaub wahrhaftig, die Kuchen fielen dir statt in, durch den Leib, denn du trägst ja eine Weste, die à jour gearbeitet ist. Wenn du übrigens mal trinken willst, dann setz dich nur bei.«

Das Gespenst sprach nicht, aber es machte ein Zeichen mit seinem Finger, als ob’s ihm sagen wollt: Komm einmal her.

Aber Jan war klug genug, das nicht zu thun.

»Aperopo,« sagte er, »Peterchen Kracheling, willst du denn da stehen bleiben bis morgen? das kannst du ruhig thun. Wäre ich aber wie du, dann setzte ich mich ein wenig an’s Feuer, denn die Ecke ist sehr remothisch45 und du könntst dich leicht erkälten. Ah sa, aber sag mir mal, was sprichst du eigentlich für ’ne sprach? sag’, ist’s so was von parlé fransé conter alle Leut? Auch nicht? Dann pack dich nur zurück in deine Todtenlade, trockner Kerl! Bist von Gott, dann sprich, bist aber vom Teufel, dann weich!«

Aber der Geist blieb stehn, und winkte nur mit dem Finger, Jan solle doch zu ihm kommen. Jan aber fuhr ruhig fort zu essen und sah sich gar nicht mehr nach dem Gespenst um.

Als das nun schon eine gute Weile gedauert hatte, da schlug es halb eins und das Gespenst hob seine magern Beine auf und kam auf Jan zu und winkte ihm immer mit dem Finger. Da sprang Jan aber plötzlich auf und rief:

»Ah sa, Hanswurst, ich hab dir nur ein Ding zu melden, du kannst so viel plaudern, wie du willst, aber du mußt mir vom Leibe bleiben, verstehst du, oder wir werden böse Freunde! Kommst du mir noch näher, dann schlag ich dir die Flasche auf deinem Gesicht in Stücke. Ich weiß wohl, daß du mir gern das Genick brechen möchtest, he? Das wird aber nicht wahr werden; du kennst mich noch nicht, Manneken!«

Da streckte das Gespenst seinen Arm aus und rührte mit einem seiner Finger an Jan’s Hand und, denkt nur, da hatte Jan eine wahrhaftige Blase auf der Hand, so glühend brannten die Finger.

»Was Himmelschlappermosterd! Willst du so Bekanntschaft mit mir machen?« rief Jan. »Es scheint, daß du warme Hände hast, aber so sind wir nicht getraut, Nachbar. Ich will dir das schon abgewöhnen. Arré! Da hast du die erste Lektion!«

Und Jan schlug das Gespenst mit einer leeren Flasche flach auf den Schädel, aber er traf es doch nicht, denn er schlug gerad wie auf den Wind.

Da wurde Jan erst recht böse. Er wollte das Gespenst packen und zu Boden werfen, das lief aber schlecht ab, denn wenn er meinte, er hätte es fest, dann fühlte er nichts und wieder nichts.

»Nun paß auf, das hat nun lang genug gedauert; du kannst jetzt nur schnell sagen, was du von mir haben willst. Warum willst du hier streit suchen, sag? Ich hab immerhin mit dir und deiner ganzen Familie nichts zu schaffen. Laß mich also ruhig und geh deiner Wege.«

Der Geist aber winkte immer fort und wies nach der Thür.

Da war Jan deß endlich müde, nahm seinen Leuchter und sprach zu dem Geiste: »Allo! Dann laß sehen, was du willst. Geh vor, ich komme nach.«

Das Gespenst öffnete die Thür und wies Jan, er solle die Treppe hinuntergehen, doch Jan war viel gescheidter und sprach: »Geh du vor« – denn wenn er voraus gegangen wäre, dann hätte das Gespenst ihm den Hals gebrochen.

Zu langer Letzt kamen sie denn herunter in den Gang und da lag eine große Steinplatte mit einem eisernen Ringe dran. Das Gespenst zeigte darauf, als wenn es hätte sagen wollen: Jan, hebe den Stein auf; doch da lachte Jan laut auf und sprach:

»Ja du hältst mich wohl zum Narren, he, Brüderchen? Wenn du kein Nikanik46 in der Tasche hast, dann kannst du noch lang herumlaufen. Heb du selbst den Stein auf, ich kann das nicht.

Da hob das Gespenst den Stein auf und darunter war ein groß Loch, worin drei eiserne Töpfe voll golden Geld standen. Sobald Jan das Geld gesehen hatte, begann das Gespenst zu sprechen:

»Siehst du das Geld?« frug es Jan.

»Ah, du bist mir ein schöner Landsmann!« rief Jan. »Du sprichst ja grad, wie wenn’s Flämisch wär. Nun werden wir uns schon verstehn. Französisch kann ich aber auch, weißt du, denn ich hab fünf Jahr gedient und – Vivau Apoleon! Ja ich seh da so was flimmern, was stark Zehnguldenstücken gleicht.«

Nun holte der Geist die drei eisernen Töpfe heraus und sprach mit hohler Stimme:

»Das sind drei Töpfe Geld; die hatte ich verborgen, ehe ich todt war.«

»Eh du todt warst?« rief Jan nicht wenig verwundert.

»Du wärst also todt? Das sollt man nicht sagen; ich glaube, du bindest mir was auf.«

Der Geist hörte aber nicht darauf und sprach:

»Ich hab in der Hölle so lange brennen müssen, bis die drei Töpfe gefunden waren – und nun hast du mich aus der Hölle erlöst.«

»Hab ich dich aus der Höll erlöst?« frug Jan. »Das ärgert mich. Du bist mir ein schöner Vogel – doch ich will schweigen, denn das Blut fängt mir schon an zu kochen.«

»Jetzt brenn’ ich nicht mehr,« sprach der Geist. »Arré! Da ist meine Hand; fühl nur, sie ist ganz kalt . . . «

»Ich bedank mich für deine Güte,« rief Jan, »laß du deine Pickelknochen nur still zu Haus. So wenig Komplimente, wie möglich, bitt ich. Ich kenn dich, du bist dem Teufel zu klug, du.«

»Sieh,« sprach der Geist weiter; »von den drei Töpfen Goldes mußt du einen den Armen geben, einen der Kirche, daß man Seelenmessen dafür lese und . . . «

»Holla,« schrie Jan; »da bin ich doch mit dabei. Glaubst du, ich wär dein Knecht? Du machst mir da keine schlechte Rechnung. Und was soll ich denn haben? Nichts da, wenn etwas Trinkgeld für mich abfällt, dann will ich’s wohl thun . . . Du bist doch reich genug, wenn du auch so pover gekleidet gehst und das noch gar im Winter. – Eh nun, was willst du?«

»Der dritte Topf,« antwortete der Geist, »ist für dich.«

»Für mich?« rief Jan jauchzend. »Ju simenie!47 Da werd ich pudelnärrisch! Komm her, ich küß dich auf deine porzellanenen Backen.«

Und Jan sprang hoch auf vor Freude, aber er strauchelte und fiel in das Loch und sein Licht erlosch. Es schlug just ein Uhr.

Nun saß Jan im Dunkeln.

»Peterchen Tod!« rief er, so laut er konnte. »Wo bist du? He, lieb Gespenstchen, komm mal her. Ich hab dich aus der Höll erlöst, da kannst du mich jetzt auch wohl aus dem Loch erlösen.«

Das Gespenst aber war und blieb weg.

Jan kroch nun mit vieler Mühe aus dem Loch und suchte die Kerze.

Damit ging er herauf und nachdem er sich noch etwas gewärmt und noch zwei Fläschchen getrunken hatte, fiel er in den Schlaf.

Am folgenden Tage that Jan, wie der Geist ihm befohlen hatte. Er gab einen Topf den Armen, einen der Kirche und behielt einen für sich. Und Jan war reich, denn in dem Topf waren mehr als hundert tausend Millionen. Und Jan wohnte in dem großen Haus und hielt sich Wagen und Pferde und schlief auf ’nem sammtnen Bett und trank Wein und ging alle Tage in das Wirthshaus.

Und da kam ein Ferken mit ’ner langen Schnauz und die Geschichte ist aus.

Die Großmutter.
Zwei Erzählungen für Kinder.
Übers. Maria Wolf

In Zurenburg, bei Antwerpen, steht ein kleiner Pachthof.

Da ist man wacker hinter der Winterarbeit; die Mutter versorgt mit den Mägden das Vieh, während in der scheuer das lustige, taktmäßige Geklapper der Drescher tönt, denn da schlägt der Pächter mit seinen Knechten das Korn aus den reichen gelben Aehren.

Drinnen, in der Küche des Pachthofs, waltet ein stockalt Mäken mit gebogenem Rücken; ihr Antlitz trägt tiefe Furchen und aus dem milden Auge strahlt die reinste Herzensgüte. Sie geht emsig auf und nieder, um hier und da eine kleine Arbeit zu verrichten, und ein friedlich Lächeln umspielt dabei ihre Lippen. Zuweilen spricht sie einige Worte, welche deutlich verrathen, daß sie Jemand mit freudiger Sehnsucht erwartet.

Nun setzt sie ein Töpfchen mit Wasser in die heiße Asche.

»Meine armen Schäfchen,« seufzt sie, »es ist so kalt: wie werden ihnen die kleinen Finger wieder beben!«

Sie holt ein schweres Roggenbrod aus der Kiste, und schneidet mit zitternden Händen vier Butterbrode: bei jeder Schnitte sagt sie mit leiser Stimme:

»Eine dicke für Janneken, eine für Bettcken, eine für Süsken, und eine dünne für Trientje. Wo mögen meine vier Schäfchen nur bleiben? die Schule muß längst aus sein! Borgerhout! ’s ist doch gar zu weit!«

»Warum lauscht sie nun so geheimnißvoll an der Thür? Fürchtet sie von Jemand überrascht zu werden? Ah, sie streicht viel Butter auf die Brode; die Mutter würde schmälen, wenn sie es sähe; aber Großmutter liebt ja ihre vier Schäfchen so sehr, und sie weiß wohl, was sie gerne essen.

Horch! draußen auf dem Felde lassen sich klagende Kinderstimmen vernehmen. Da sind sie! Großmutter hebt schnell die Schüssel mit lauem Wasser aus der Asche, um sie auf den Tisch zu setzen; aber bevor sie noch denselben erreichen kann, ertönen dicht am Hause die gemischten Klagen:

»O weh, o Gott! o Herr! meine Finger! meine Finger!«

Die Thür wird aufgerissen, und vierzig Kinderfinger tauchen zugleich in das warme Wasser, so daß Großmutters Schürze davon überschüttet wird. Es ist ein Geschrei und ein Jammern, daß einem Hören und sehen vergeht. – Wie das Wasser die Kälte aus den kleinen Händen zieht, so verstummen die Klagen. Jeder greift nach seinem Butterbrod, beißt es an und lächelt dankbar der Großmutter zu, indem er es mit großem Appetit verzehrt.

Einige Augenblicke später sitzen die vier Kinder bei dem knisternden Feuer, welches Großmutter unaufhaltsam mit kleinem Reisig versorgt. – Auf allen Gesichtchen strahlt die Freude, nur Janneken sitzt in einer Ecke des Heerdes, und hängt das Köpfchen, daß seine langen Haare ihm auf die Stirne niederfallen: – der wird ein tüchtiger Pachter, das sieht man an seinen kräftigen Gliedern.

Betteken sitzt daneben mit ihrer Puppe auf dem Schooß; sie zieht ihr ein neues Kleid an, und schmält mit ihr, daß sie nicht gutwillig die Arme sich führen läßt. Betteken ist ein lieb Kind, mit blondem Haar und rothen Wangen; sicher wird sie einst eine schöne Frau, so Gott will.

An ihrer Seite sitzt Süsken mit seinem krausen Lockenköpfchen. Er zeichnet ein Pferd auf seine Schiefertafel und zeigt es der kleinen Trientje, die es wieder auswischt.

»Janneken,« sagt die Großmutter, »was fehlt dir, Junge? Warum bist du so traurig und still?«

Janneken erhebt langsam den Kopf, in seinen Augen glänzen Thränen, und er erwiedert ungeduldig:

»Warum geht die Sonne nun immer so früh schlafen, daß wir nicht mehr spielen können? Ewig mit den Puppen hier am Feuer zu sitzen! Wann kommt der Sommer endlich wieder?«

»Janneken, Janneken!« spricht die Großmutter, »es ist nicht Recht, daß du unzufrieden mit den Fügungen unsers lieben Gottes bist. Du solltest ihm jeden Abend, ehe du schlafen gehst, dafür danken, daß du ein gut Feuer hast, dich zu wärmen, und ein weiches Bettchen, darin zu schlafen. Es gibt so viele arme kleine Kinderchen, die nun vor Kälte erstarren, und vor Hunger sterben, – die keinen Bissen trocknen Brodes haben, und auf Stroh schlafen müssen, ohne eine warme Decke, so daß ihre Zähnchen die ganze Nacht aneinander schlagen, und sie blau und roth aufstehen, noch ehe es Tag ist. Und die danken unserm Herrn noch für den Bündel Stroh, worauf sie ruhen. Janneken, Janneken! du versündigst dich, Kind. Komm her zu mir, ich will dir mal eine Geschichte erzählen, von zwei armen Kindern von Zoersel – und dann wirst du nicht mehr klagen.«

Janneken stützt seine Ellbogen auf die Knie, das Haupt in seine Hände, und sieht erwartungsvoll und neugierig die Großmutter an. Betteken läßt die Puppe von ihrem Schooße fallen, Süsken wischt das Pferd aus, und legt seine Tafel zu Boden. Trientje stützt ihr Köpfchen auf Süskens Schulter, und so richten sich Aller Blicke nach der Großmutter, die noch etwas Holz anlegt, und dann beginnt:

Erzählung von Janneken und Mieken

Bei dem Dorfe Zoersel, wo ich geboren bin, liegt ein Wald, worin häufig Wölfe und andere wilde Thiere wohnten. Am Rande des Waldes stand ein klein Häuschen, von Lehm und Reisig gebaut, und da wohnte eine arme Frau mit zwei Kindern, Janneken und Mieken. Die Frau hieß Lene und arbeitete im Sommer für Taglohn bei den Pächtern. Sie jätete das Unkraut aus den Flachs- und Hanffeldern, oder half bei der Ernte, wie die fremden Frauen, die zuweilen bei uns arbeiten. Die armen Kinderchen hatten keinen Vater mehr, denn der lag längst im Grabe – unser Herrgott hab’ ihn selig!

Während des Sommers ging alles gut, die Kinder mußten keinen Hunger leiden, und konnten sich an der lieben Gottessonne wärmen. Aber im Winter hatten sie mit so viel Elend und Unglück zu kämpfen, daß es nicht zu sagen ist.

Nun war einst ein langer harter Winter: es fror so stark, daß die Krähen todt von den Bäumen herabfielen, und die arme Lene konnte nirgends Arbeit finden. Auch war sie vom Fieber so abgemattet, daß sie sich kaum aufrecht erhalten konnte. Das letzte Roggenbrod war schon halb aufgegessen, und das Feuer auf dem Heerde erloschen, denn sie hatten kein Holz mehr im Häuschen. Zitternd vor Kälte, mußten Janneken und Mieken auf einem Bündel Heu schlafen; sie sagten ihr Gebetchen, schmiegten sich dicht aneinander, und nachdem sie sich gegenseitig noch einmal geküßt hatten, schliefen sie ein.

Aber in der Nacht erhob sich ein fürchterlicher Sturm, welcher ein ganzes Stück aus der Lehmwand des Häuschens riß. Janneken und Mieken drückten sich noch dichter aneinander, und bedeckten sich mit Heu; doch der Wind, der ins Häuschen drang, war so scharf und eisig, daß die beiden unschuldigen Schäfchen ganz erstarrten. Als es Tag ward, krochen sie zitternd aus dem Heu, und fanden ihre arme Mutter am Rauchfange, wie sie, vom Fieber heftig ergriffen, weinte, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Janneken und Mieken fielen ihrer Mutter um den Hals, und weinten und jammerten, daß es nicht anzuhören war. Das half aber leider nichts.

Nach einer Weile sagte die Mutter:

»Ach, meine armen Kinderchen, was fangen wir nun an? Da liegt unser letztes Brod, und diese Nacht werden wir sicherlich alle drei erfrieren. Ach Gott! von mir will ich nicht sprechen, aber wenn ich euch ansehe, ihr armen, lieben Schäfchen! mit euren blauen Lippchen und zitternden Gliedern, dann bricht mir fast das Herz vor großem Leid. Ich kann mich kaum noch aufrecht erhalten; aber ich werde mit Gott versuchen, ob ich nicht den Wald erreichen kann, um ein wenig Holz für diesen Abend zu sammeln. Bleibt indessen hier, und wartet ruhig und ohne Weinen bis ich wieder komme.«

Mit großer Anstrengung erhob sich die Frau, ergriff die Sichel, und wollte das Haus verlassen; aber noch ehe sie die Thür erreichte, stürzte sie kraftlos zusammen. Janneken und Mieken hoben weinend ihre Mutter auf und klagten und jammerten um sie.

Plötzlich aber hörte Janneken auf zu weinen; er näherte sich seiner Mutter und sagte in entschlossenem Tone:

»Gib mir einen Kuß, liebste Mutter; ich gehe in den Wald.«

»Mein Kind!« erwiederte die erschreckte Mutter, »du in den Wald, bei dem abscheulichen Wetter? Ach, das ist unmöglich, mein treu Schäfchen!«

»Unmöglich?« sagte Janneken, »bin ich nicht stark genug?«

»Gib mir die Sichel! – und du sollst heute Abend nicht mehr frieren, liebe Mutter, und du auch nicht, Mieken!«

»Ich gehe mit dir,« rief Mieken, »denn wenn du auf einen Baum geklettert bist, um die dürren Zweige abzubrechen, muß ich unten stehn, um sie aufzulesen!«

Anfangs wollte die kranke Mutter die Kinder nicht fortlassen; aber Janneken wollte einmal nach dem Walde gehn, denn er liebte seine Mutter, und es schmerzte ihn, daß sie so viel von der Kälte zu leiden hatte.

Lene gab jedem der Kinder eine dicke schnitte Roggenbrod, küßte sie zu wiederholten Malen, und sagte:

»So geht denn in Gottesnamen, Kinder! kommt aber bald wieder, denn ihr wißt, in dem Walde wird es früh dunkel!«

Janneken und Mieken kamen an den Wald, und gingen tief hinein, denn am Rande waren alle dürren Zweige bereits von andern Armen geholt. Als sie schon weit gegangen waren, stieg Janneken auf die Tannenbäume, und hieb mit seiner Sichel die dürren Aeste ab. Mieken raffte sie zusammen, und so hatten sie am Nachmittage zwei Bündel gesammelt, so viel sie tragen konnten. Die Arbeit und die Bewegung erwärmten sie, und sie beschlossen, nun nach Hause zu gehen, und ihrer kranken Mutter eine Freude damit zu machen.

Jedes nahm seinen Bündel auf den Kopf, und so schritten sie singend weiter.

Aber o Gott! da stiegen große schwarze Wolken am Himmel auf, und es begann zu stürmen und zu schneien, daß die armen Kinder kaum zwei schritte weit vor sich sehen konnten. Die Wege und Pfade waren bald alle mit Schnee bedeckt, und Janneken und Mieken wußten nicht mehr, wohin sie sich wenden sollten.

Dennoch gingen sie immer zu, und immer weiter, und kamen doch nicht aus dem Walde. Zuweilen blieben sie ängstlich stehen, und da erkannte Janneken endlich, daß sie den rechten Weg verloren hatten; er kletterte dann auf einen Baum, um zu sehen, wohin sie gerathen seien, doch er konnte mit seinen Aeuglein nicht durch den dichten Schnee dringen. Um sein Schwesterchen nicht zu erschrecken, gab er vor, den rechten Weg gefunden zu haben; sie hoben wieder ihre Bündel auf den Kopf, und gingen weiter und weiter; aber je länger sie gingen, um so tiefer geriethen sie in den Wald.

Als Janneken sah, daß es anfing dunkel zu werden, konnte er seine Angst nicht länger verbergen, und er fing an, bitterlich zu weinen; er küßte sein Schwesterchen unter heißen Thränen und sagte:

»Ach Gott! Mieken, wir sind verirrt! Es wird schon dunkel, und was fangen wir nun an? Nun wird Mutter heute Nacht wieder kein Holz haben, und dann stirbt sie sicher vor Kälte!«

Mieken antwortete nicht, und setzte sich verzweifelnd und weinend auf ihr Bündelchen Holz. Der scharfe Wind blies fürchterlich durch die Gipfel der Tannenbäume, die armen Kinderchen erstarrten vor Frost. Janneken hob aber sein Schwesterchen auf, und sie gingen wieder weiter und weiter, ohne das Ende des Waldes zu erreichen, bis es endlich stockdunkel wurde.

Da wußten die Kinder nicht mehr, was sie thun sollten, und sie setzten sich weinend auf ihre Bündel unter einer großen Tanne nieder. Janneken drückte sich dicht an Miekens Seite, und wischte sorglich den Schnee von ihrem Gesichtchen und ihren Händchen, denn Mieken rührte sich nicht mehr, und war, ihr Köpfchen in Jannekens Schooß, eingeschlafen.

Janneken hatte auch seit lange schon mit dem Schlafe gekämpft, und war still sitzen geblieben; plötzlich hörte er das Geheul der wilden Thiere im Walde, und sprang entsetzt empor. Gleich darauf war wieder alles still; da legte er seine Hand auf Miekens Stirne und fühlte, daß sie eiskalt und wie erfroren war. Vor Betrübniß weinend, zog er nun sein Kittelchen aus, und bedeckte Miekens Köpfchen damit, um sie wieder zu erwärmen, auch hauchte er in ihre Hände, und schüttelte sie; aber das half alles wenig, sie erwachte nicht.

Der Schnee flog in immer dickeren Flocken durch die finstere Luft; der Wind pfiff immer fürchterlicher, und die wilden Thiere heulten immer schrecklicher und lauter, – da schlief Janneken, von Mattigkeit übermannt, endlich auch ein, und nun waren die zwei armen Schäfchen bald eingeschneit . . .

Die kranke Lene erwartete vergebens ihre Kinder und starb fast vor Kummer und Kälte in der Nacht. Am andern Tage ging der Flurschütz auf ihre Bitten in den Wald, um Janneken und Mieken zu suchen. Anfangs konnte er sie nirgends finden, endlich aber erblickte er zwei schöne Eisvögelchen auf einem Haufen Schnee, und darunter fand er Janneken und Mieken.

Janneken hatte die Aermchen noch um sein Schwesterchen geschlungen, und ruhte mit dem Munde an ihrer Stirne. Aber, die armen, armen Schäfchen waren erfroren und todt!

Janneken und Mieken wurden auf dem Kirchhof begraben, und der Küster von Zoersel sah in der Nacht zwei Engel nach dem Grabe von Janneken und Mieken schweben, und mit den zwei Seelchen nach dem Himmel fliegen. —«

Obgleich die Erzählung beendigt war, blieben die vier Kinder regungslos sitzen, und folgten mit unverwandten Blicken jeder Bewegung der Großmutter; sie schienen ihr die Worte am Munde abzusehen, aber sie sprach nicht mehr, und aus der Brust der Kinder stieg ein schwerer Seufzer empor, und sie flüsterten leise unter einander:

»Ach, die armen Kinderchen! das unglückliche Janneken! das arme Mieken!«

»Nun Janneken,« sagte die Großmutter, »bist du nun froh, daß du an einem guten Feuer sitzen kannst, und in einem warmen Bettchen schlafen? Dankst du nicht dem lieben Gott, daß er dir einen Vater und eine Mutter gegeben hat, die für dich schaffen und sorgen? Wirst du jetzt noch murren und klagen, Kind?«

Janneken wischte sich eine Thräne aus dem Auge und sagte:

»Gewiß, ich werde es nicht wieder thun, liebe Großmutter!«

Ein Lächeln überflog Bettekens blühendes Gesichtchen, sie sagte:

»Janneken und Mieken sind doch jetzt im Himmel, nicht wahr Großmutter?«

Die Großmutter erwiederte:

»Ja, gewiß sind sie im Himmel, und sie haben es auch wohl verdient, die guten Seelchen. Nun leiden sie weder Hunger noch Kälte; sie singen den ganzen Tag mit den lieben Engelein, und sind für immer bei dem Jesuschen. Wenn ihr brav seid, und euren Vater und eure Mutter immer lieb habt, werdet ihr einst alle in den Himmel kommen, Kinder!«

Janneken rief:

»Ach, lieb Großmütterchen, noch ein Geschichtchen, nur ein kleines erzähl uns noch!«

Die Großmutter nahm ihren Platz wieder ein, und sprach:

»Nun ja, ich will euch auch noch die Geschichte von Knageleintje erzählen.

Es ist schon lange her, daß die sich zutrug, das war zur Zeit, wo die Thiere sprachen.« so hört denn:

Erzählung von Knageleintje

Damals wohnte auf dem »Dreugel« bei Zoersel eine große Ratte und ein klein Rättchen, welches Knageleintje hieß; – das wollte immer herauslaufen, und auf der Haide spielen, und dachte gar nicht, was es da für Gefahr lief. Seine Mutter hatte gut sprechen; es hörte nicht auf ihre Ermahnungen.

Eines Tages, als die Sonne so recht hell und freundlich schien, wollte es wieder um’s Leben gern sein Loch verlassen; die Mutter hatte ihm wohl dreimal mit harter Strafe gedroht, aber das trotzige, eigensinnige Knageleintje blickte beständig hinaus in’s Freie, und suchte sich wegzustehlen, um sich auf der Haide herumzutummeln. Da sprach die Mutter betrübt:

»Knageleintle, mein Kind, du wirst es noch bitter bereuen, daß du meinen Worten so wenig Gehör schenkst. Dein Brüderchen hat auch das Leben durch seinen Ungehorsam eingebüßt. Und dazu habe ich eben Nagelherr, den Kater, auf der Haide gesehen. Bleibe lieber bei deiner Mutter! Ich hole dir eine weiße Rübe: iß dir das Bäuchlein voll – du hast ja Alles was dein Herz nur begehrt.«

Während die Mutter sich umwandte, um die Rübe zu holen, war Knageleintje husch aus der Höhle gesprungen, und lief nun der Haide zu.

Aber schon nach einer halben Stunde kam es schreiend in das Loch zurück und fiel halbtodt vor seiner Mutter nieder. Es blutete stark an einer Wunde am Halse, daß es jämmerlich anzusehen war. Die Mutter rieb und leckte es, bis es wieder zu sich selbst kam, und dann sprach sie:

»Siehst du nun wohl, mein arm Knageleintje, daß man seinen Eltern gehorsam sein muß? Ich kenne die Welt besser wie du, mein Kind! Nun, es ist gut, daß du nicht todt bist, und die Lektion kann dir nicht schaden.«

»Ja,« rief Knageleintje »ich sah von ferne den Kater wie todt auf seinem Rücken liegen; und da wollte ich mir die Nägel, vor welchen du mich so bang gemacht, in der Nähe beschauen – aber das abscheuliche Thier war nicht todt, und kratzte mich in den Hals. O weh, o weh! wie schmerzt es mich!«

»Nun, bist du jetzt klug geworden,« sprach die Mutter, »wirst du auch ferner bei Tage auslaufen?«

»Nein, ich werde zu Hause bleiben,« rief Knageleintje ärgerlich, und bedeckte mit seinen Pfötchen die Aeuglein, und begann bitterlich zu weinen.

Knageleintje konnte sich aber nicht daran gewöhnen, ewig zu Hause zu sitzen, und doch wagte es sich nicht hinaus, aus Furcht vor den Krallen des Katers.

Es wurde krank und gleich wie von der Auszehrung, so daß es nach drei Wochen so mager war wie ein Grat. Die Mutter weinte bittere Thränen, als sie ihr arm Knageleintje wie Schnee in der Sonne schwinden sah. Zuweilen führte sie es vorsichtig in die Luft spazieren, das half aber Alles nichts, und Knageleintje rief unaufhörlich:

»O Gott, wie unglücklich sind wir Ratten doch! Alle Thiere und Kräuter leben fröhlich unter der Sonne – und wir müssen den ganzen Tag unter der Erde bleiben, denn überall stehen Kater und Habichte bereit, uns in ihren Klauen zu zerfleischen. Ach, Mutter, ich wünsche ich wäre ein Haideblümchen! Dann würde der Wind vom Morgen bis zum Abende mit mir spielen und in meine Glöckchen wehen; ich könnte immer die blaue Luft einathmen, und die Bienchen kämen zu mir, mich zu küssen und mir zu schmeichlen!«

»Schäme dich Kind« sprach die Mutter »du mußt mit deinem Loos zufrieden sein! Glaube mir, das Haideblümchen ist nicht so glücklich wie du: jeder trägt Freud und Leid auf dieser Welt. Ich sehe den Kater just nicht, drum komm und laß uns zu dem Haidesträuchlein eilen, da magst du selbst die Blümchen fragen, ob sie sich glücklich fühlen.«

Als sie vor einem schönen Strauche standen, sagte Knageleintje:

»Lieb Haideblümchen! wie glücklich bist du doch! du blühst in Freuden, denn den ganzen Tag schmeichlen dir Schmetterlinge und Bienchen, und du kannst dich stets an den lieben Sonnenstrahlen erwärmen und ergötzen.«

»Ach!« seufzte das Blümchen »jeder muß wohl mit seinem Loos zufrieden sein, aber ich wollte daß ich eine Ratte wäre.«

Knageleintje schlug vor Verwunderung die Pfötchen über dem Kopf zusammen und rief:

»Eine Ratte? Hast du denn den Verstand verloren, dumm Kräutchen?«

»Nein,« erwiederte das Blümchen »ich beklage mich mit Recht. Was nutzt mir ein schönes Kleid und ein liebliches Angesicht? Ich stehe hier mitten in einer Wüste – und in einem ganzen Jahre werde ich kaum von einem Auge bewundert, von einem Mund gepriesen. Im Sommer brennt die Sonne mich braun, im Winter muß ich Monate lang schlafen und erfrieren. Und wenn ich endlich mit Mühe meinen jungen Sprößlingen ein gewisses Alter gesichert habe, dann kommt der Landmann, und mäht uns Alle ab, um uns vor die Kühe oder in’s Feuer zu werfen.«

»Es ist wahr« sagte Knageleintje »du bist auch unglücklich, armes Blümchen. – Sieh, da hüpft eine Heuschrecke! Wie sie flüchtig und schnell ist! Das muß ein prächtiges Leben sein!«

Doch da schoß ein Vogel aus der Luft, der das arme Heuschreckchen in seinen Schnabel nahm, und mit ihm durch die Luft dahinflog.

Knageleintje wischte sich eine Thräne vom Auge. Es zog seine Mutter am Schwänzchen, um nach Haus zurückzukehren, ohne ein Wort zu sprechen.

Die alte Ratte dachte mit Recht, daß ihr Kind noch nicht genug belehrt sei, und führte es mit Absicht längs eines Bächleins. Da stand in dem Grase ein schönes Maßliebchen: sein Gesichtchen war der Sonne zugewandt, und es glänzte von ferne, wie ein Sternchen am Himmel.

»Maßliebchen bist du nicht glücklich?« fragte Knageleintje.

Das Maßliebchen erhob sein Köpfchen, um zu sehen, wer es angeredet hätte, und erwiederte dann sehr betrübt: »Glücklich? täglich fressen die Kühe oder Schafe meine Blüthen ab, und zertreten mich, daß ich mich kaum in drei Monaten wieder aufrichten kann. – Du kannst laufen um der Gefahr zu entfliehen, du hast Zähne um dich zu vertheidigen – du kannst wohl zufrieden sein, aber ich bin ein unglücklich Geschöpf auf Erden. Sieh, dort kommt der Schäfer wieder mit seinen hungrigen Thieren: ich bebe vor Angst und Schrecken.«

»Du Arme« seufzte Knageleintje, »du bist auch nicht glücklich!«

Sie gingen weiter am Bächlein um zu trinken. Knageleintje sah einen Frosch im Wasser hin und wieder springen, spielen und quaken, daß es eine Lust war.

»Ich möchte auch ein Frosch sein!« sagte Knageleintje; aber kaum waren die Worte ausgesprochen, als plötzlich eine große Schlange durch das Wasser herbei schoß, und den armen Quaker todtbiß und verschluckte.

»O Gott!« seufzte Knageleintje »der gehört auch nicht zu den Glücklichsten. – Und es zog wieder seine Mutter am Schwanze, um nach Haus zu gehen. Unterwegs kamen sie an einer Kuh vorbei. Knageleintje betrachtete das Thier von Kopf bis zu Fuß und sagte:

»So groß möchte ich auch sein! Mit solchen Hörnern hat man nichts zu fürchten, und kann sonder Bangen den ganzen Tag in der Sonne spielen, springen und essen. Ich wollt’ ich wär’ eine Kuh!«

»Nun, nun,« sagte die Mutter Ratte »frag’ sie einmal, ob sie glücklich ist.«

Knageleintjegrüßte die Kuh sehr ehrerbietig, und fragte:

»Verzeiht unsre Neugierde, Frau von Butterheim: wir möchten gerne wissen ob Ihr glücklich seid?«

»Glücklich?« rief die Kuh verwundert aus. »Das fragst du mich? Ich bin das unglücklichste Thier der Welt!«

»Ihr lauft doch frei in der fetten Weide umher,« bemerkte Knageleintje, »und Ihr habt Alles, was Euer Herz nur begehrt.«

»Man sieht gleich,« rief die Kuh »daß du unter der Erde lebst. Du kennst nicht unser schreckliches Loos. Was ich hier genieße, ist nicht zu meinem eignen Wohlsein: zu Hause wartet mein die Dienstmagd, um mir alles Futter in der Milch wieder abzunehmen; wir kommen zur Welt, um unter dem Messer oder dem Beil zu sterben; von hundert Kühen meiner Verwandtschaft hat man neunundneunzig den Hals abgeschnitten, und nur eine ist natürlichen Todes gestorben; alle meine Kinder werden nacheinander ermordet, und man wartet nur darauf, daß ich älter werde, um mir auch den Kopf einzuschlagen. Findest du dieß Loos beneidenswerth?«

»Du Aermste!« seufzte Knageleintje »du bist die Unglücklichste von Allen!« – Und Knageleintje zog abermals seine Mutter am Schwanze, um nach Haus zurückzukehren.

Da bemerkten sie von Weitem einen Menschen, welcher auf dem Felde arbeitete, und Knageleintje sagte:

»Mutter, der Mensch ist doch Herr über Alles. Er ist stark und fürchtet kein Thier der Welt; er allein ist glücklich. Ich wollt’, ich wär ein Mensch!«

»Ja, Kind,« erwiederte die Mutter »das meinst du; daß alle Menschen glücklich sind, glaube ich nicht.«

Mit diesen Worten näherten sie sich dem Arbeiter, und verbargen sich unter Brombeerbüschen, um ihn zu beobachten. Der Schweiß rollte ihm in schweren Tropfen vom Angesichte, und er keuchte unter der harten Arbeit. Nachdem er einige Zeit fleißig sich abgemüht, hielt er inne, um sich die Stirne zu trocknen. Knageleintje hörte ihn sagen:

»Ach, welch ein unglücklich Loos wurde mir zu Theil! Von Kindesbeinen an bis zum Grabe schaffen vom Abend bis zum Morgen; schwitzen und krumm werden, vor Kälte erstarren oder vor Hitze vergehn; immer und zu jeder Zeit für Andre schaffen! Und hat man sich endlich etwas erspart, dann gibt’s Krieg: die Soldaten rauben Alles wieder, was man hat, mißhandeln uns, und stecken uns das Haus über’m Kopf in Brand! Weh uns armen Leuten! Wir arbeiten unaufhaltsam um ein Stückchen Roggenbrod, während die Reichen nur das Glück des Lebens kennen!«

»Du Armer« seufzte Knageleintje »auch du bist zu beklagen!« Und Knageleintje zog wieder am Schwanze seiner Mutter, um nach Haus zurückzukehren. Unterwegs sagte es:

»Mutter, bis jetzt haben wir nur Unglückliche gesehen, und ich bekenne, daß es besser ist, Ratte zu sein. Doch der Mann, der auf dem Felde arbeitete, hat gesagt, daß die reichen Menschen nur die Freuden des Lebens kennen. Ach, wären wir doch auch reiche Menschen!«

»Ja,« sagte die Mutter »es ist darum noch nicht gewiß, daß die mehr Grund haben, zufrieden zu sein, als wir. Es fängt an dunkel zu werden; laß uns nach jenem Pallaste gehen, und einmal sehen, ob die reichen Menschen glücklicher als Andre sind. Komm, ich kenne den Weg.«

Sie gingen zusammen über die Brücke, und gelangten unterm Thore hindurch in das Schloß und durch einen Riß in der Thüre in den großen Saal.

Dort sahen sie den Herrn des Schlosses vor einem großen Tische sitzen, die Beine vor sich auf zwei Stühlen ausgestreckt. Der Tisch war mit den köstlichsten Speisen und den verschiedensten Weinen in allen Farben besetzt; aber Statt von den Leckerbissen zu genießen, dehnte der Herr seine Arme aus, und gähnte unaufhörlich. Knageleintje hörte ihn sagen:

»Ach, wie unglücklich ist doch mein Loos! Vor mir stehen die ausgesuchtesten Speisen – und sie ekeln mich an; hier steht der beste Wein – und es lüstet mir nicht darnach! Weil ich jede Lust befriedigen kann, hab’ ich keine mehr. O, wie beneide ich meine Knechte und Bauern; die vergnügen sich an einem Stück Speck und einer Schüssel Brei, daß sie von Gesundheit strotzen; sie lachen und singen nach der Arbeit, und sind mit Kraft und Muth beseelt. Ich bin gleichgültig gegen Alles. Was nutzt mir mein Reichthum? Ich liege da auf Stühlen ausgestreckt, und habe nicht mehr den Muth aufzustehen, um mir Unterhaltung zu suchen. Besser wäre es für mich, arm zu sein, dann würde die Noth mich zur Arbeit zwingen, und ich würde auch singen und fröhlich sein nach der Arbeit. Und ach, die schreckliche Gicht wird mich wieder heimsuchen. O Gott! Wie bin ich doch so unglücklich!«

Knageleintje zog wieder am Schwänzchen seiner Mutter, um nach Haus zurückzukehren. – Als sie in ihrer Höhle angekommen waren, frug die Ratte ihr Kind:

»Wirst du nun immer noch klagen und mit deinem Loos unzufrieden sein, Knageleintje?«

»Ach nein, Mutter« antwortete Knageleintje »ich sehe ein, daß du Recht hast; jeder hat seine Freud und sein Leid auf dieser Welt, und es ist vielleicht besser, Ratte zu sein, als etwas Anderes. Ich werde nicht mehr klagen, Mutter!«

Knageleintje ward nun zufrieden, und es wurde dabei so dick und fett wie ein Dachs.

Und da kam eine Maus, —

und das Märchen ist aus.

»Und nun kommt, Kinderchen, nun gehen wir hinauf unser Abendgebetchen sagen, und dann zu Bette. Dankt dem Herrn für das Gute, das er Euch schenkt, und beneidet keines Andern Glück.«

»Morgen, wenn ihr artig seid, werde ich euch von »Ritsel-Fritsel« und von »Knüppel aus dem Sack« erzählen. Nun kommt!«

– E n d e -
1.Ein Dorf, eine Stunde von Antwerpen, an der Landstraße nach Turnhout mitten in der Haide gelegen.
2.Meister.
3.Der Geselle, der das Eisen im Feuer dreht und wendet.
4.Gesellen.
5.brav.
6.sonderbare
7.Schadden sind Rasen von kleinem Haidekraut, welche mit einem Spaten abgestochen und wie Torf gebrannt werden. Sie verbreiten einen eignen Geruch, der bei günstigem Wetter in sehr großer Entfernung schon die Nähe der Haiden verkündet. Wer einmal in dem Kempnerlande wohnte, wird, und wäre er zwanzig Jahre anderswo gewesen, den Geruch gleich wiedererkennen.
8.Ein Dorf in dem Kempnerland, wohin man die Geisteskranken zur Genesung sendet.
9.Kempen heißt die große Haide, welche den Norden von Belgien bildet.
10.Meken, sprich Mäken, Großmutter, ein Name, den man im Volke allen alten Frauen giebt.
11.Betttücher.
12.Kleine Blechlampe.
13.Verhärtet.
14.Silbermünze von sechzehn und einem halben Stüber.
15.Lockenkopf.
16.Hier liegt Graf van der Marck, er lebte gleich einem Hunde und starb gleich einem Schwein (Ferken).
17.Titel des Lehrers in Flämischen (Meester.)
18.Federchenpick. Jeder der Spielenden legt eine oder mehre Federn ein, nach denen man nun, einer nach dem andern, mit dem Federmesser pickt oder sticht. In weß Messer eine Feder hängen bleibt, der hat sie gewonnen.
19.Schreibheft.
20.Eine Anzahl O werden in Gestalt eines Kegels nebeneinander geschrieben. Der Spieler muß nach Anweisung des Mitspielers alle durch Linien mit einander verbinden, ohne daß jedoch eine der Linien die andere berühre.
21.Straßen in dem abscheulichsten Viertel Antwerpens.
22.Ein Kirschenkern wird in zwei gleiche Hälften zerschlagen und man würfelt mit ihnen, wie mit andern Würfeln. Fällt beider hohle Seite nach oben, dann hat man Witbier set und muß eine gewisse Zahl von Steinen einsetzen, im andern Falle zieht man dieselbe Zahl aus dem Einsatze.
23.Ein altes Schulbuch.
24.Maikäfer.
25.Ein wichtiger Vertrag zwischen Belgien und Holland.
26.Butüren: junge Dahlien mittelst Sprößlingen ziehen, welche man von den Wurzeln abschneidet.
27.»und sie als Probe des Antwerpner Dialektes hier mitzutheilen,« heißt es im Originale weiter, doch ist die Erzählung auch schon als solche so, daß wir meinten, sie unsern Lesern nicht vorenthalten zu dürfen.
28.Jakob.
29.Die Puppentheater sind in Antwerpen meist in Kellern.
30.Der Hanswurst des Puppentheaters.
31.Balthasar.
32.Julius.
33.Wer das längste der in der geschlossenen Hand befindlichen Hälmchen zieht, der muß erzählen.
34.Pourtant, hier als Ausruf gebraucht!
35.Sprich puhs, das Wort ist natürlicherweise echt flämisch.)
36.Chantier, Schiffszimmerwerft.
37.Garde—Chiourme, Sklavenwächter.
38.Ein Stück in den Kragen bekommen heißt betrunken werden.
39.Er hielt sich aufrecht.
40.Er bekam Hunger.
41.Gasthof in Antwerpen, zur Landeswohlfahrt.
42.Wer den ersten Kuchen beim Backen bekommt, muß ein Vater unser für die armen Seelen beten, davon heißt der Kuchen der Seelchenkuchen.
43.Jesus, Maria! Man scheut sich, die heiligen Namen ganz auszusprechen und verdreht sie darum.
44.Peterchen, so heißt meistens der Tod.
45.rheumatisch.
46.Mécanique.
47.Jemine.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
260 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain

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