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Kitabı oku: «Der Bahnwärter»

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I

Was ich erzählen werde, hat sich vor ungefähr 20 Jahren in der Nähe einer Vlämischen Gemeinde zugetragen, welche ich mit dem veränderten Namen: Bolderhout bezeichnen will, um nicht einen sehr geachteten Bürger durch die Erinnerung an einen traurigen Vorfall zu betrüben.

Bolderhout liegt an der Eisenbahn, nicht ganz zwei Stunden von der Stadt. Obwohl das Dorf sehr bevölkert ist, und viel Handel dort getrieben wird, besaß es im Jahre 1852 noch keine Station und die Einwohner waren genöthigt, drei Viertelstunden weit zu gehen, um die nächstliegende Haltestelle zu erreichen.

Wo die Chaussee nach Bolderhout die Eisenbahn kreuzt, stand ein Wärterhäuschen kaum groß genug das Bett des Mannes zu fassen, der beauftragt war, beim Passieren der Züge die Barrieren zu schließen. Derselbe Beamte mußte einen Bogenschuß von dort entfernt, nach einen zweiten Weg beaufsichtigen und rechtzeitig absperren, um allem Unglück vorzubeugen.

Der Bahnwärter war ohne Zweifel ein verheiratheter Mann mit Kindern, denn neben seinem Häuschen hatte man einen alten Waggon 2. Klasse ohne Räder niedergesetzt, um ihm so den Gebrauch von einigen Kämmerchen zu verschaffen.

Um den Wagen herum war ein kleines, doch sehr niedliches Gärtchen angelegt, dessen von Spanischem Gras eingefaßte Wege wie von purpurnen Kränzen umsäumt erschienen. Da blühten im vollen Glanz der Sommersonne die letzten rothen Päonien, die blauen Glockenblumen, die weißen Lilien, die feuerfarbenen Ranunkeln und vor allen die ersten Rosen des Jahres, die den Wagen einhüllten in den süßen, erquickenden Duft der Blumenkönigin.

An dem Wagen selbst hatte eine sorgende Hand wilde Weinreben gepflanzt, welche ihre üppigen Ranken darüber warfen, ihn tränend mit einer grünen Krone, während die niederhängenden Zweige im kühlen Morgenwind neben der kleinen Thür schaukelten.

Das alte Fahrzeug gewann dadurch das Ansehen eines Vogelnestes und wurde der anmuthige Anblick noch gehoben durch die sauberen weißen Gardienen an den Fenstern und durch lachende Kinderköpfchen, die von Zeit zu Zeit hindurchschauten.

So war es denn klar, daß der Wagen bewohnt war, ja man konnte schließen, daß mit ihrem niedrigen Stande zufriedene, und Gott für ihr Glück dankende Menschen in diesem sonderbaren Aufenthaltsort lebten.

Was ihren Wohlstand beträchtlich erhöhen mußte, war der Ertrag eines breiten und sehr langen Streifen Landes, der ihnen längs der Eisenbahn als Gemüsegarten überlassen war, und welchen man bepflanzt hatte mit Allem, was eine fleißige Hand der Erde zur Ernährung einer Familie nur immer abgewinnen kann.

Es war in der Mitte des Monates Juni; die Sonne hatte seit der Morgenzeit mit beinah unerträglicher Glut gebrannt, nun aber neigte sie sich dem Westen zu und obwohl die Luft noch immer heiß und drückend war, konnte man doch freier athmen.

In dem Gartenlande, zwischen den langgezogenen Reihen eines Kartoffelstücks war ein Mann mit einem Spaten am arbeiten. Er mochte ungefähr 35 Jahre zählen, war kräftig gebaut und hatte ein scharf gezeichnetes, doch offenes Gesicht, in dem Muth und Frieden des Herzens zu lesen war.

Wer ihn so an der Arbeit sah, mußte bald bemerken, daß er den Spaten auf ganz besondere Weise handhabte und nicht recht damit weiter kam. In der That, es fehlte ihm die linke Hand während er mit der rechten den Spaten in den Grund schob, drückte er mit dem verstümmelten Arm auf die Mitte des Stiels, um dem Werkzeug Festigkeit zu geben, oder er schob seinen Fuß darunter, um die Erde aufzuheben und zur Seite zu werfen.

Er war beschäftigt, um die schon hoch aufgeschossenen Pflanzen nach flämischem Brauch die Erde anzuhäufen und arbeitete, daß ihm der Schweiß von der Stirn floß.

Von Zeit zu Zeit hielt er inne und blickte besorgt nach einer von Geisblatt und Weiden überzogenen Laube hinüber, welche dort zwischen Gartenland und Hecke, aus hölzernen Latten gezimmert stand.

Unter dem grünen Schirm saß in dem kühlen Schatten eine steinalte Frau, unbeweglich wie ein geschnitztes Bild, mit geschlossenen Augen, die Hände über den Knieen gefaltet. Sie mußte die äußersten Grenzen des menschlichen Alters erreicht haben, denn ihr Rücken war gekrümmt und die Runzeln ihres Gesichtes so zahlreich und so tief, als ob nur noch die Haut über den Knochen säße.

Der einhändige Mann war der Bahnwärter Johann Verhelft. Während er nun, um etwas auszuruhen, den Blick auf die alte Frau gerichtet hielt, spielte ein stilles Lächeln um seinen Mund. Er beobachtete, wie die Frau mit den Händen durch die Luft und längs der Laube hintastete und fühlte, um Etwas zu erreichen, das ihre Aufmerksamkeit geweckt haben mußte. Der gesuchte und endlich gefundene Gegenstand war eine Geisblattblüthe, die wohl zwei Fuß über ihrem Kopf herunterhing; sie griff danach mit einer nervösen, kindlichen Freude, beroch sie eine Weile und steckte sie dann an ihre Brust.

Der Bahnwärter schritt auf die alte Frau zu und sagte lachend:

»Siehst du, Mütterchen, nun bist du gefangen! Du beklagst dich immer, daß du keinen Geruch mehr hättest – wer hat dir denn gesagt, daß eine Blume da über deinem Kopfe hing? Sehen kannst du sie nicht und hast sie doch gefunden.«

»Ja, du weißt wohl Jan,« antwortete sie, »es gibt so einzelne Tage« wenn die Luft ganz still ist, wo ich noch etwas riechen kann. Ich glaube, daß heute oder morgen ein Gewitter kommt, mein gichtischer Fuß schmerzt mich sehr.«

»Gewiß, Mutter,« bestätigte der Bahnwärter, »es steht uns Veränderung des Wetters bevor. Da hinten, fern bei den Bergen, hängt eine schwarze Wolke und die Luft war auch so schwer heute, daß die Vögel gähnten in den Zweigen.«

»Komm, setz’ dich etwas neben mich, Jan, damit ich dich sprechen höre . . . Ach blind sein ist doch ein großes Unglück, eine ewige, dunkle Nacht ohne Ende.«

»Mutter, du bist heute wieder trübe gestimmt,« sagte der Bahnwärter, indem er sich auf die hölzerne Bank setzte und mit sanfter Theilnahme ihre Hand ergriff. »Gewiß ist es ein großes Unglück, blind zu sein, aber Gott hat es nun einmal so gewollt, und was man nicht ändern kann, muß man geduldig tragen. Du bist doch von Kindern umgeben, die dich lieb haben und leidest keinen Mangel.«

»Hier ist es immer so still und todt,« murmelte die alte Frau. »Als wir noch in der Stadt wohnten, hörte ich allerlei Geräusche, das Rufen der Leute, das Rollen der Wagen und Kutschen, das Gerassel der Trommel von vorüberziehenden Soldaten . . . und zuweilen Musik, ach dann genoß ich mein Leben!«

»Aber» bemerkte Johann Verhelft, etwas verweisend, »hier ertönen die Stimmen der Vögel und zu Haus schwätzen, singen und lachen unsere Kinder.«

»Das ist Alles noch zu still, viel zu still für eine arme Blinde, die nur noch durch das Gehör lebt,« seufzte die Frau.

»Das möchtest du denn gern, Mutter?«

»In der Stadt wohnen, Jan, wie man es dir versprochen hat.«

»Schlag dir das doch aus dem Sinn, Mutter. Die Stelle als Portier bei der Station ist nicht frei, und außerdem würden wir nur verlieren. Bedenk doch nur die Direction hat mir aus besonderer Gunst einen alten Wagen gegeben und mir den miethlosen Gebrauch einer großen Strecke Landes zugewiesen. Wir leben hier einfach, aber ohne Sorge, in unserm Garten und auf unserm Lande steht Alles, was wir nur wünschen können, viel Kartoffeln, Salat, Kohl, Sellerie, Radieschen und Zwiebeln, wir brauchen nichts zu kaufen; die Luft ist gesund hier und die Gegend schön. Die Leute im Dorfe lieben und achten uns.«

»Ja, das ist Alles schon gut, du bist mit Weniger zufrieden, aber in der Stadt war es doch viel besser, du hast dein Leben gewagt und deine linke Hand geopfert, um einen armen Burschen zu retten, der sonst vom Zuge zermalmt worden wäre; Jeder pries deine Aufopferung himmelhoch und man versprach dir eine gute Anstellung, warum hält man dir jetzt das Versprechen nicht?«

»Aber Mutter,« rief der Bahnwärter, »meine Stelle ist ja gut! Ich kann nicht mehr arbeiten, ein Schmied mit einer Hand, das geht nicht. Was kann ich da mehr verlangen als ein stilles, ruhiges Leben?«

»Jan, Jan,« brummte die alte Frau, »du hast nicht den mindesten Trieb, weiter zu kommen, denk doch an deine Kinder!

»Die vergesse ich nicht, Mutter, gerade um ihretwillen ist mir mein Posten lieb. Hier ist eine gute Schule mit einem wackeren, unterrichteten Lehrer. Bedenk doch nur, unser Alexander ist eben erst zehn Jahre alt, er liest und schreibt wie ein Advokat und weiß von allerlei Dingen zu erzählen, die über unsern Horizont gehen. Ich bin auch in der Schule gewesen, wie du weißt, Mutter, aber der Lehrer war ein Dummkopf und ließ uns die Zeit mit Nichtsthun verbringen. So lernte ich wenig, und vergaß bald das Wenige, was ich schlecht gelernt. O Mutter, eine gute Schule ist eine unschätzbare Wohlthat., und nun ich die für meine Kinder gefunden, würde ich es als eine Thorheit, ja als ein Unrecht betrachten, davonzulaufen und dieselbe in den Wind zu schlagen.«

Die alte Frau nickte zustimmend mit dem Kopf, und als ob ihre Gedanken eine andere Richtung genommen hätten, sagte sie mit freudigem Stolz:

»Ja, unser Alexander, das ist eine Perle von einem Kinde! So gut, so klug und gelehrig! . . . Und seine blinde Großmutter hat er so lieb! Im vorigen Jahr hat er schon so viele Preise davongetragen und jetzt, nicht wahr, wird er wohl den ersten Preis im Schönschreiben bekommen?«

»Es scheint so, Mutter.«

»Aber warum bleibt er kürzlich des Abends so lange aus? Ich habe fast nichts mehr von ihm. Ach, es machte mir solche Freude, ihm zuzuhören! Er erzählte mir Alles, was er gelernt und was der Schulmeister ihm mitgetheilt hatte!«

Aus der Ferne erklang jetzt ein dumpfes, rollendes Geräusch.

»Da kommt der Zug,« sagte der Bahnwärter. »Bleib sitzen, Mutter, ich kehre im Augenblick zurück.«

Er begab sich zu der Barriere an seinem Wärterhäuschen und schloß sie an beiden Seiten der Bahn, lief einen Steinwurf weiter, wo er gleichfalls den Weg absperrte und blieb dann stehn, die aufgerollte Flagge in der Hand, bis daß der Zug an ihm vorübergesaust und seinen Blicken entschwunden war.

Zu der Blinden zurückgekehrt, antwortete er auf ihre Frage:

»Warum unser Alexander so lange ausbleibt? Das weißt du ja doch, Mutter, Herr Vereichen, der Notar, hat einen Sohn, der etwas älter ist als unser Junge; aber das Lernen wird ihm schwer. Da hat mich nun Herr Vereichen gebeten, die beiden Knaben zusammen spielen, und zusammen ihre Schularbeiten machen zu lassen.«

»Ja, aber wird das nicht dem Alexander in seinem Weiterkommen hinderlich sein?« bemerkte die alte Frau.

»Doch nicht, Mutter: Der Notar ist ein achtbarer, gutherziger Mann, die ganze Familie besteht nur aus braven Leuten. Unser Junge wird da gute Manieren lernen. Außerdem sind wir dem Notar zum Dank verpflichtet. Als du und zwei unserer Kinder krank waren, hat er uns treulich beigestanden. Und wenn du nicht leider blind wärest, Mutter, würde so Manches, das uns hier erfreut, dir von ihm sprechen. Die Blumen, die uns hier von allen Seiten entgegen lachen, hat er uns gegeben, unsere Kohl- und Salatpflanzen kommen aus seinem Garten, so wie er nur denkt, daß Etwas uns Freude macht, gibt er es dem Alexander mit oder schickt es sonst herüber . . . Ueberhaupt, Mutter, du magst sagen, was du willst, aber es wäre undankbar, wollten wir uns hier beklagen. Brauche ich doch jetzt nicht wie vormals, zehn Stunden des Tages vom Hause entfernt zu arbeiten. Ich bin von Morgen bis Abend bei den Kindern und bei dir, kann ausruhen, wenn ich will und mein Pfeifchen rauchen, wenn es mir einfällt. Nichts geht uns ab, die Erde, der Himmel und die Menschen sind uns freundlich gesinnt . . . Der Schmied Johann Verhelft lebt hier wie ein König, und obwohl der arme König nur einen alten Waggon zum Palast hat, so ist er doch glücklich und dankt dem höchsten Herrn für sein stilles bescheidenes Loos.«

Im Gefühle seines Glücks legte er den Arm um die Schultern der Blinden und zog sie an sich.

»Komm, komm, liebes Mütterchen,« murmelte er, »sei du auch nur glücklich, uns zu Liebe.«

»Nun ja« ich bin mit meinem Schicksal zufrieden, Jan,« sagte sie, »die trübsinnigen Gedanken überfielen mich nur, weil Alles um mich herum so todtenstill war.«

»Weßhalb bist du denn nicht in dem Wagen geblieben, bei meiner Frau und den Kindern?«

»Marianne war am Waschen, ich konnte drinnen kaum Athem holen. Es ist auch so schrecklich heiß gewesen heute!«

»Nun« Mutter, ich will noch schnell eine Reihe Kartoffeln anhäufen, dann wallen wir zu Haus gehn. Die Wäsche wird ja nun vorüber sein, der Abend dämmert schon.«

Er kehrte zu seiner Arbeit zurück und ergriff seinen Spaten; da aber sah er auf einem Feldweg seinen Sohn Alexander kommen, den Schulranzen auf dem Rücken und Etwas wie ein Körbchen in der Hand.

Der glückliche Vater blickte mit Wohlgefallen auf sein Kind. Es war ein kaum zehnjähriger Knabe, mit lebhaften Augen, auf dessen Gesichtchen sich aber schon die Züge ernsten Nachdenkens zeigten.

Je näher das Kind kam, um so mehr beschleunigte er seinen Schritt, und als es den Landstreifen erreichte, begann es zu laufen, setzte dann das Körbchen auf die Erde und schwang sich, von den starken Armen seines Vaters gehalten, in die Höhe, kletterte ihm an den Hals und küßte ihn herzlich, indem er einen freundlichen Gruß flüsterte. Dem Bahnwärter standen die Thränen in den Augen; liebte er doch dieses Kind und die beiden anderen und seine Frau und Mutter mit beinah zu großer Innigkeit, und auf seinen ältesten Sohn, seinen braven und gelehrten Alexander, war er außer dem noch so stolz!

Der Knabe bemerkte jetzt seine Großmutter unter der Laube. Er sprang zur Erde, ergriff das Körbchen und lief jubelnd der alten Frau entgegen; nachdem er sie flüchtig begrüßt, setzte er ihr das Körbchen in den Schooß und rief:

»Großmütterchen, ich habe schon wieder Etwas für dich vom Herrn Notar! Erdbeeren, englische, große, rothe, sie schmecken wie ein Stück Zucker! Da Großmütterchen lieb, versuch mal!«

Und so sprechend« schob er der blinden Frau zwei oder drei Erdbeeren in den Mund.

»Ach du gutes Alexchen,« murmelte die alte Frau, »die Früchte sind ja so süß wie Wein; aber noch süßer ist mir deine Liebe, Kind. Danke dem Herrn Notar morgen in meinem Namen und sag ihm, daß die Großmutter Verhelft für ihn beten will.«

Sie befühlte das Körbchen.

»Und die sind Alle für mich, Alexander?«

»Ja« Großmutter, für dich, für dich ganz allein.«

»Dann kann ich damit thun, was ich will?«

»Gewiß, du kannst sie alle allein aufessen.«

»Nun, dann wollen wir heute Abend Kirmeß damit feiern, dem Herrn Notarius zu Ehren.«

In diesem Augenblick kam von der Seite, wo der Wagen stand, eine noch ziemlich junge Frau gegangen, ein Kind auf dem Arm tragend.

»Jan, du mußt mit der Großmutter nach Haus kommen,« sagte sie, »das Abendessen steht auf dem Tisch; zögert nicht länger, sonst wird es kalt. Sieh nur wie unser Bärbchen die Arme nach dir ausstreckt, das liebe Ding!«

Der Bahnwärter nahm das Kind und ließ es auf seinen Armen tanzen, indem er ein heiteres Liedchen dazu pfiff.

Alexander erfaßte die Hand der blinden Großmutter und so schritten sie alle jubelnd und singend auf den Wagon zu,

Das alte Fahrzeug war in zwei Gefächer abgetheilt; in dem einen schliefen die Kinder mit der Großmutter, das andere war zum Eßzimmer eingerichtet.

Rund um den Tisch, auf Stühlen oder Bänkchen, saßen hier in der Tiefe des Wagens die Großmutter zwischen dem Bahnwärter und seinem Sohn Alexander, an der andern Seite die Mutter Marianne, ein Kind auf dem Schooß und neben ihr noch ein kleiner Knabe von drei oder vier Jahren.

Es war so eng dort, daß sie sich kaum rühren konnten, und doch erschienen Alle so frei in ihren Bewegungen und so heiter, als wären sie in einem prüchtigen Saal beim Festmahle versammelt.

Auf dem Tisch dampfte eine große Schüssel Kartoffeln und daneben stand ein Gefäß mit vielem Essig und wenigem Fett als Sauce.

Alexander sprach laut das Gebet, und Alle saßen gesenkten Hauptes und mit gefalteten Händen, bis das letzte Wort der Danksagung aus dem Munde des Kindes verklungen war.

Der Bahnwärter legte einige Kartoffeln auf einen Teller vor der alten Frau, und fügte ein Stückchen Butter zu, während er die Kartoffeln sorgfältig zu Mues verarbeitete, und der Blinden eine Gabel reichte mit dem Wunsch:

»Daß es dir gut bekommen« liebe Mutter!«

Dann erst goß er die Sauce über die gemeinschaftliche große Schüssel und gab das Zeichen zum Beginn des Abendmahls durch die Worte:

»Das Eisen geschmiedet, so lange es heiß ist! Laßts euch schmecken, liebe Kinder!«

Es war eine Lust zu sehn, wie diese Leute, die Freude des Genusses aus den Gesichtern, der groben Kost zusprachen, als ob sie Kuchen und Pasteten äßen. Lange dauerte es nicht, da war die große Schüssel so rein, als ob sie eben erst gewaschen.

Die blinde Frau allein war zurückgeblieben, da es ihr Mühe machte, mit der Gabel die Speise zu finden. Jetzt aber halfen ihr von der einen Seite der Bahnwärter, von der andern sein Sohn Alexander; abwechselnd brachten sie mit liebevoller Sorge der Großmutter das Essen in den Mund.

Marianne hatte inzwischen eine Lampe angesteckt, denn draußen war es dunkel geworden.

Die Blinde holte nun das Körbchen hervor, das sie unter ihrem Stuhl verborgen gehalten. Was man auch dagegen einwenden mochte. sie bestand darauf. die prächtigen Erdbeeren zu vertheilen. Man solle, sagte sie, vor Jeden einen Teller sehen und die ihm zugetheilten Erdbeeren darauf legen, damit Jeder sein Theil für sich hätte.

Ihr Wunsch wurde endlich erfüllt, und sie reichte nach allen Seiten die Früchte hinüber, indem sie sagte: »Dies ist eine für Bärbchen, diese für Heinrich, diese für Alex, diese für Marianne, diese für Jan und die Große da für mich; und nun wieder von Neuem, bei der Kleinsten angefangen!«

Man begann die köstlichen Früchte zu essen, und pries ihren vortrefflichen Geschmack; bald aber gab der Bahnwärter ein Zeichen, das sogleich von ihnen verstanden ward; denn sie hörten auf zu essen, obwohl sie fortfuhren, hörbar die Lippen zu bewegen, um die Blinde glauben zu machen, daß sie den Genuß der saftigen Früchte fortsetzten, während sie leise die Erdbeeren von ihren Tellern auf den der Großmutter zurücklegten, so daß diese endlich ausrief:

»Das ist ja ein Wunder! Ich bin sonst so verpicht auf Erdbeeren, und kann jetzt doch nicht mehr, so viele muß ich gegessen haben!«

»Nur erst so wenige, Großmütterchen,« sagte Alexander.

»Dann kommt es, daß sie so außergewöhnlich groß sind, ich kann doch nicht weiter, obwohl noch acht oder zehn auf meinem Teller liegen, wie ich deutlich fühle. Oder habt ihr mich wieder aus Liebe betrogen? Es bleibt sich gleich; hier Marianne, setze meinen Teller fort bis morgen, für unser Bärbchen.«

Der Bahnwärter, der seit einiger Zeit wiederholt seine silberne Uhr hervorgezogen und danach gesehn hatte, mußte nun wieder die Barrieren schließen, da ein Zug vorüberfahren sollte.

Als er zurück kam, fand er den Tisch gänzlich abgedeckt. Sein Sohn war beschäftigt, der blinden Großmutter von fernen Ländern zu erzählen, wo Löwen, Tieger und Elephanten durch die Wildniß liefen und die Bäume voller Affen säßen. Sein Lehrer hatte ihm die Länder auf der Karte gezeigt, und es sei ärgerlich, sagte der Junge, daß die Großmutter erblindet, sonst wollte er ihr die Landstriche gleichfalls zeigen, auf seinem kleinen Atlas, der aufgeschlagen auf dem Tische lag.

Der kleine Heinrich spielte mit einem Hampelmann, den sein einhändiger Vater, mit großer Anstrengung und Mühe, für ihn gemacht; der kleine Bursche brach wiederholt in schallendes Gelächter aus bei den komischen Sprüngen und lustigen Bewegungen seines Spielzeugs.

Das jüngste Kind lag schon schlafend in seinem Bettchen, während Marianne eifrig beschäftigt war, Alexanders Strümpfe zu stopfen.

Still setzte der Bahnwärter sieh nieder, und zündete seine Abendpfeife an und blickte mit einem stolzen, glücklichen Lächeln auf seine brave, zufriedene Familie. Einmal sah er so lange in die Höhe, daß seine Frau verwundert zu ihm aussah und ihn fragte, was er denn da oben an der Decke suche.

Er schob seinen Stuhl näher zu ihr und flüsterte im bewegten Ton:

»Du fragst, weshalb ich, ohne es zu wissen, zum Himmel blicke? Kannst du dir die Antwort darauf nicht selbst geben, liebe Frau?«

»Ja, ja,« rief sie, »Gott ist zu gut! Er gibt uns Alles, was wir nur wünschen können, Gesundheit und Freuden. und Er läßt unsere Kinder so gut und gehorsam sein.«

Dann, um die Unterhaltung der Großmutter mit Alexander nicht zu stören, begann Johann leise mit seiner Frau zu sprechen von den Kindern, von der großen Kartoffelernte, von der Zukunft Alexanders und von dem Herrn Notarius, der versprochen hatte, sein Beschützer zu werden, wenn der Junge brav und fleißig blieb. Viel Erfreuliches mußte in dem leisen Flüstern enthalten sein, denn zuweilen drückten sie sich die Hand und ihre Augen strahlten nicht selten vor Freude.

Lange hatten sie so gesessen, und der Bahnwärter schon die dritte Pfeife angezündet, als die blinde Frau plötzlich erschreckt den Kopf erhob und fragte:

»Jan, hast du nichts gehört?«

»Nein, Mutter,« war die Antwort. »Du glaubst wohl den Zug pfeifen zu hören, aber es ist noch über 40 Minuten bis zu dem 10 Uhr Schnellzug.«

»Nein, das meinte ich nicht: Donnern in der Ferne; wir bekommen ein Gewitter, ganz gewiß.«

»Das kann sein, es war heute ganz das Wetter danach,« sagte der Bahnwärter. »Komm Kinder, ihr müßt schlafen gehn; ihr fürchtet das Gewitter? Weshalb? Wer seine Pflicht thut und ein reines Gewissen hat, braucht nichts zu fürchten. Kriecht ins Bett, da ist es noch am besten von allem. Vergeßt nicht Euer Abendgebetchen und sagt Euch selbst, wenn ihr die Augen schließt: Wen Gott beschützt, der ist gut aufgehoben.«

Ohne noch ein Wort zu erwiedern, umarmten beide Knaben ihre Eltern und die blinde Großmutter, empfingen den Segen von allen und verschwanden dann in der zweiten Abtheilung des Wagens. Kaum mochten sie eingeschlafen sein, da begann es beinah unaufhaltsam zu blitzen und zu donnern, mit immer zunehmender Gewalt . . . und die Blitze und Schläge wurden bald so heftig, daß der Wagen wankte und die ganze Landschaft in Feuer und Flammen zu stehen schien.

Marianne hatte noch eine Kerze angezündet und ein kleines Crucifix aus den Tisch gestellt; sie und die Blinde saßen mit gesenkten Augen und gefalteten Händen betend da. Der Mann nahm Theil an ihrem Gebete, doch hielt er seine Uhr in der Hand, von Zeit zu Zeit den Blick darauf richtend.

Das Unwetter war indessen noch schrecklicher geworden. Die Blitze zuckten ohne Aufhören und der Donner rasselte wie das Gekrach von hundert Kanonen durch den sturmbewegten Himmel. Außerdem war jetzt ein Orkan losgebrochen, der die kurzen Pausen zwischen den Donnerschlägen mit dem Heulen der Winde und dem Prasseln der niederstürzenden Hagelsteine ausfüllte.

Der Bahnwärter stand auf und zündete seine Laterne an.

»Ach Gott, Johann, durch solch’ schreckliches Wetter? Man würde ja kaum einen Hund vor die Thür jagen,« seufzte Marianne.

Der Schnellzug muß gleich kommen,« antwortete er, »Pflicht geht über Alles, sei unbesorgt und bete ruhig weiter.«

Er öffnete die Thür des Wagens, – der Sturm brauste mit Gewalt herein und löschte Lampe und Kerze. Einen Augenblick zögerte der Bahnwärter, bei den Angstrufenen seiner Frau und Mutter. Welch, entsetzlicher Orkan! Die Blitzstrahlen blendeten ihn, und darauf folgte eine Nacht so dunkel und schwarz wie das grundlose Nichts selbst. Die Hagelsteine schlugen ihm Hand und Wangen blutig aber er entschloß sich rasch, warf die Thür hinter sich zu und sprang die Stufen des Wagens hinab, um der Vorschrift gemäß seine Pflicht zu erfüllen.

Marianne hatte die Lampe und die Kerze wieder angezündet, und während sie aufs Neue die Hände faltete, seufzte sie bebend: »Ach liebe Mutter, nun muß unser armer Jan durch das schreckliche Wetter! Wenn ihm nur nichts zustößt . . . «

»Schweig doch, Kind, schweig,« brummte die Blinde, »der Boden zittert, es ist als ob die Welt unterginge.«

Sie sprachen nicht mehr, und setzten still ihr Gebet fort, klopfenden Herzens dem Rollen des Donners und Heulen des Sturmes horchend.

Nach einer langen Pause sprang Marianne plötzlich auf, und fragte, todtenbleich vor Angst:

»Mutter, hast du es nicht gehört? War das nicht Jan, der um Hilfe rief?«

»Nein, das war der Schnellzug, »der vorüberfuhr.«

»Aber was für ein fremdes Geräusch drang durch die Luft?«

»Nichts, Kind, dich schreckt das Gerassel des Donners.«

»Ach nein, nein, Mutter, ich zittre wie Espenlaub . . . Himmel, o Himmel! Gott steh uns bei! Horch! Hör doch nur, Jan ruft um Hilfe! Es ist ihm ein Unglück geschehn. Bleib, bleib, Mutter, ich laufe!«

Und blindlings sprang sie durch Finsterniß und Hagelsturm der Stelle zu, wo sie zwischen den Blitzstrahlen die Laterne ihres Mannes glänzen sah.

»Jan, Jan, was ist geschehen?« fragte sie voller Schrecken.

»Ein Unglück,« sagte er, mit seiner Laterne auf den Boden leuchtend; »vielleicht ein furchtbares Unglück! Da liegt ein todtes Pferd neben der Bahn. Sieh nur, bei den Blitzstrahlen erkennt man die Trümmer eines zerschmetterten Wagens. Der Schnellzug hat bei seiner Vorüberfahrt das Unheil angerichtet. Sind Menschen dabei verunglückt oder war das Pferd ohne Führer davongegangen?«

»Hattest du denn nicht die Barrieren geschlossen, Jan?« murmelte die Frau.«

»Gewiß, gut und sorgfältig,« war die Antwort, und wie der Wagen auf die Bahn gekommen, ist mir unbegreiflich, ich war drüben an dem andern Weg und stand mit der Laterne auf meinem Posten. Gebe Gott, daß kein Menschenleben verloren ist, dann würde das Unglück so groß nicht sein, denn der Schnellzug ist ohne Unfall weiter gefahren.«

»O mein Gott,« schrie jetzt die Frau, entsetzt den Arm ihres Mannes ergreifend. Ist es denn möglich!«

»Was beängstigt dich so, Marianne? «

»Ach dort, vor uns, sah ich beim Schein des Blitzes einen Menschen liegen!

An der bezeichneten Stelle angekommen, beleuchtete der Bahnwärter den Boden. Er und seine Frau wichen mit einem Angstschrei zurück. Jan Verhelft ging indessen auf’s Neue vor, und sagte dann mit bebender Stimme;

»Komm nicht näher, Marianne, ach es ist zu entsetzlich! der arme Mensch! Da liegt er als Leiche, zerfetzt, in Stücken gerissen, mit zerschmettertem Kopf! Wer es nur sein mag?«

»Hörst du kein Geräusch, dort nach der Hecke zu?« seufzte die Frau.

»Was meinst du?«

»Ein Röcheln, wie von einem Sterbenden!«

»Sollte noch ein Opfer gefallen sein? Schrecklich, entsetzlich! Marianne, liebe Frau, fasse Muth und sei stark. Es ist wirklich zum Verzweifeln, vor Trauer und Schrecken.«

So sprechend trat er näher zur Hecke.

Da lag, mit dem Gesicht zur Erde, ein Mensch, der am Kopf stark zu bluten schiene aus seiner Brust drang, ein röchelnder Laut, als ob er im Sterben liege.

»Er lebt noch!« rief der Bahnwärter. »Hier Marianne, halt die Laterne, daß ich dem Unglücklichen Hilfe bringe, wenn es noch möglich ist.«

Er schob seinen Arm unter den am Boden liegenden Körper, und wendete ihn sorgfältig um, das Gesicht nach oben. Jetzt aber entrang sich ihm ein Schrei – er begann zu wanken, sank in die Kniee und rief:

»Der Notar! Barmherziger Gott, es ist der Notar!«

Ach unser Wohlthäter, der arme Herr Vereichen! Das hat er doch nicht verdient, der gute Mann!« rief Marianne.

Beider Schmerz löste sich in einer Thränenfluth.

»Ach, und die verstümmelte Leiche ist Joseph, der Kutscher des Herrn Vereichen!«

»Ja, der arme Junge; setz die Laterne hin,« sagte der Mann, »faß den Verwundeten bei den Beinen, wir wollen ihn in das Wärterhäuschen tragen, auf unser Bett legen, seine Wunde waschen und ihn laben. Ich bin halb todt vor Schrecken, aber die Noth gebietet, wir müssen uns stark halten. Bezwing’ deine Thränen und geh voraus, Marianne, längs der Schienen. Strauchle nicht, jede Bewegung könnte ihm Schmerzen machen. Wie muß er leiden, der Arme!«

Sie legten den Notar auf ihr Bett, zündeten eine Lampe an und begannen weinend und wehklagend, ihm die Wunde am Kopf zu waschen; aber was sie auch versuchen mochten, sie konnten das Blut nicht stillen, das immer von Neuem hervorquoll.

Die Angst des Bahnwärters wuchs bei dem Gedanken daß sein Wohlthäter ihm so unter den Händen verbluten möchte.

»Schnell, Marianne, lauf in’s Dorf, liebe Frau, zum Doctor, zum Bürgermeister, schaff Hilfe herbei! Geh nur in den »Elephanten« es ist eben erst zehn Uhr, du wirst da den Doktor und die anderen Herren sicher treffen. Eile dich, wecke die Leute unterwegs, daß sie uns zu Hilfe kommen. Ich springe nur eben zum Wagen, um die Großmutter und die Kinder zu beruhigen.«

Die Frau war schon weit fort: als er diese letzten Worte rief und selbst seitwärts durch die Finsterniß eilte.

Er fand die Blinde, Alexander im Arm haltend, zitternd und bleich, dem lieben Gott ihre tödtliche Angst klagend.

»Mutter, sei doch nur ruhig und rege die Kinder nicht zu sehr auf,« sagte er.

Als sie seine Stimme hörte, erhob sie dankend die Hände zum Himmel und rief in großer Freude:

»Jan« Jan« du bist es? Du lebst? Gott sei gepriesen, ich glaubte, daß du todt wärst . . . «

»Stil! Doch, liebe Mutter, ich habe keine Zeit viel zu sprechen,« sagte er. »Sorge nur für die Kinder und mache, daß sie zu Bette bleiben. Uns droht keine Gefahr, es ist ein anderes Unglück geschehen, der Wagen des Herrn Notars ist durch den Schnellzug überfahren worden. Herr Vereichen und sein Kutscher sind schwer verwundet, ich muß eilig zurück, um zu helfen. Daß Niemand aus dem Wagen gehe, ohne meine Erlaubniß!«

Und eiligst kehrte er in das Wärterhäuschen zurück. Der Sturm hatte sich indessen ausgetobt, und wenn es auch noch stark regnete, so sah man doch am fernen Horizonte schon einige Sterne blinken.

Johann Verhelft wußte nicht, was er anfangen sollte um dem Verwundeten zu helfen; das Waschen des Kopfes mit kaltem Wasser hemmte das Blut nicht. Endlich schloß er mit den Fingern die offene Wunde und, hielt sie so dicht geschlossen als möglich.

Nur kurze Zeit blieb er allein; der Doktor, der Bürgermeister und zehn oder zwölf der ersten Einwohner des Dorfes kamen, herangelaufen, Marianne hatte einige davon, im »Elephanten« getroffen, Anderen die böse Nachricht unterwegs verkündet. Viele Leute aus dem Dorfe folgten und das Wärterhäuschen war bald von einer neugierigen und erschreckten Menge eingeschlossen.

Der Arzt war beschäftigt, den Kopf, des Notars zu verbinden und zu untersuchen, ob er noch andere Wunden davongetragen.

Einige Leute hatten die Laterne des Bahnwärters genommen und sammelten die zerstreuten Glieder des Kutschers, um sie auf Befehl des Bürgermeisters nach dem Todtenhause zu tragen. Dabei wurde das schreckliche Unglück beklagt und besprochen, und die Art und Weise erörtert, in der es sich zugetragen. Jeder befragte den Bahnwärter, Alle wollten wissen, wie es denn möglich sei, daß ein Wagen auf die Schienen kommen konnte, wenn die Barriere geschlossen. Er vermochte ihnen darüber keine Aufklärung zu geben und wiederholte nur, daß er seine Pflicht gethan und den Weg abgesperrt habe. Viele schienen ihm zu glauben, die Meisten aber zuckten die Achseln oder schüttelten bedenklich den Kopf.

Vor Allen legte der Bürgermeister ein entschiedenes Mißtrauen an den Tag. Daß Johann Verhelft bisher allgemein für einen braven Mann und pflichtgetreuen Beamten gegolten, wußte er wohl, aber woher kam es denn, daß er und seine Frau jetzt in Thränen schwammen und vor Entsetzen kaum sprechen konnten? Der Notar war ihnen allerdings ein guter Freund gewesen, aber das war doch keine genügende Erklärung, für eine so auffallende Angst, die nur durch ein schuldbeladenes Gewissen, wie der meinte, begreiflich sei.

Da er aber ein vorsichtiger Mann war, sagte er am Schluß seiner Erwägungen:

»Wir wollen die Sache untersuchen, und die Wahrheit wird ohne Zweifel an den Tag kommen; bis dahin muß: man keinen anklagen.«

Und leise für sich fügte er bei:

»Wie kann denn ein Wagen bei geschlossenen Barrieren auf die Bahn kommen? Der Notar wird uns drüber Aufschluß geben sobald er die Sprache wiederfindet.«

Aber der arme Notar lag noch immer besinnnngslos da, nur das Röcheln in seiner Brust verrieth, daß noch Leben in ihm war.

Als der Arzt seine Arbeit vollendet, sagte er, daß es rathsam sei, den Kranken nach seinem Hause zu schaffen. Eine Bahre hatte man nicht bei der Hand, der Bahnwärter aber, der ungeachtet seiner Betrübniß den Kopf oben behielt, hob die Thür des Wärterhäuschens ans ihren Angeln.

»Hier ist eine Bahre,« sagte er, »legt Herrn Vereichen in meinen Kissen darauf und tragt ihn sorgfältig nach Haus.«

Sein Rath wurde befolgt . . . Eben wollte man den traurigen Heimweg beginnen, als Friedrich, der älteste Sohn des Verunglückten, plötzlich herzugelaufen kam, neben der Bahre nieder-kniete und so schmerzlich zu weinen begann, daß viele der Anwesenden die Thränen nicht zurückhalten konnten.

Nachdem der erste Schmerz ausgelebt und er einigen Trost gefunden in der Ueberzeugung, daß sein armer Vater noch lebe; sprang der junge Mann auf und rief, drohend die Faust gegen den Bahnwärter erhebend:

»Ihr, ihr allein seid Schuld an diesem entsetzlichen Unglück! Träger nachlässiger Mensch, warum hattet ihr die Barrieren nicht rechtzeitig geschlossen? Wir haben Euch immer nur Gutes erzeigt . . . Das ist nun unser Dank! Wenn mein Vater stirbt, so seid ihr es, der ihn ermordet hat!«

»Herr Friedrich, ich verzeihe ihnen diese ungerechte Beschuldigung,« antwortete Johann Verhelft, tief betrübt doch ruhig. »Ich verstehe ihre Verzweiflung, der Schmerz macht sie blind. Ich habe meine Pflicht gethan, mein Gewissen ist rein, ihr großes Unglück dauert mich unaussprechlich, aber ihr Verdacht kränkt mich nicht.«

Einige Freunde hatten den jungen Herrn Vereichen auf die Seite gezogen und suchten ihn zu beruhigen. Inzwischen wurde die Tragbahre von zehn kräftigen Männern aufgehoben und vorsichtig fortgebracht.

»Sie müssen uns folgen, Johann Verhelft, um auf dem Rathhause ihre Erklärungen abzugeben,« sagte der Bürgermeister.

Unmöglich, das darf ich nicht,« erwiderte der Bahnwärter. »In einer Stunde kommt ein Güterzug vorbei, da muß ich auf meinem Posten sein.«

»Ich befehle es, im Namen des Gesetzes!«

»Herr Bürgermeister, ich will ihnen gern gehorchen,« sagte der Bahnwärter, »wenn sie hier vor Zeugen die Verantwortlichkeit von Allem, was geschehen mag, auf sich nehmen, andernfalls aber muß ich mich weigern mitzugehn.«

Der Bürgermeister sann eine Weile nach.

»Es ist richtig die Bahn darf nicht unbewacht sein. Wir wollen die Sache morgen zu Protokoll nehmen und von Ihnen unterzeichnen lassen.«

Er wandte sich dann zu dem neben ihm stehenden Feldwächter und flüsterte diesem in’s Ohr:

»Sie gehn augenblicklich nach der Stadt und setzen den Staatsanwalt von dem hier geschehenen in Kenntniß.«

»Zu Befehl, Herr Bürgermeister,« sagte der Mann und verschwand.

Der Bürgermeister und die versammelte Menge folgten jetzt dem traurigen Zuge, der den verwundeten Notar zu seiner Wohnung geleitete.

»Komm, Marianne, sei guten Muthes,« sagte der Bahnwärter zu seiner Frau. »Geh nun zu den Kindern in den Waggon und weine nicht länger, das macht die Sache nicht anders. Wir sind nicht schuld an dem traurigen Vorfall, das muß uns erheben über den Verdacht der Leute. Ich kann nicht mit dir hineingehn, denn ich muß die Bahn noch eine weite Strecke untersuchen, um mich zu überzeugen, daß nichts auf den Schienen liegt.«

Er führte seine bekümmerte Frau zu dem Waggon und begab sich dann, die Laterne in der Hand, zur Bahn zurück. Wohl hatte er Ursache, die Untersuchung mit Umsicht auszuführen, denn an verschiedenen Stellen fand er Stücke des zertrümmerten Fahrzeugs quer über den Schienen liegen.

Es dauerte lange, ehe er die volle Ueberzeugung gewann, daß Alles wieder in Ordnung. Aber auch dann kehrte er noch nicht zu seiner Frau zurück; mit gekreuzten Armen stand er, neben der Bahn und erwog in der Einsamkeit die ganze Sachlage und die Folgen, die für ihn daraus entstehen konnten.

Wie er auch gegen Angst und Schrecken ankämpfen mochte, der Kopf sank ihm endlich auf die Brust und ein schmerzlicher Seufzer entfuhr ihm.

Er war so glücklich auf seinem niedrigen Posten! Um ihn herum wuchsen so fröhlich die Früchte seiner Arbeit! Hier fand sein Sohn Alexander eine gute Schule; hier lebte er mit seinen Kindern ohne Noth und Sorgen. Sollte er das Alles jetzt verlieren? Würde die Direction der Eisenbahn seiner Rechtfertigung wohl Glauben schenken? Ach, es kostete dem Schreiber des Bureaus nur einige Federstriche, um einen armen Beamten abzusetzen und ins tiefste Elend zu stürzen.

Wohl suchte er einigen Trost zu finden in dem Gedanken, daß man nicht so leichtfertig zu Werke gehn würde, wo es sich um die Existenz eines Familienvaters handelt, der sein Leben gewagt und eine Hand verloren hatte, um einen Mitmenschen dem sichern Tode zu entreißen, . . . aber wer konnte es dennoch wissen? Und wenn er wirklich abgesetzt würde? Er, mit seiner einen Hand, konnte nicht arbeiten, was sollte da aus seiner blinden Mutter, aus seinen armen Kindern werden? Betteln? sollten sie betteln müssen? Sein guter Sohn Alexander sollte die Hand ausstrecken? Großer Gott!

Müden, wankenden Schrittes ging der gequälte Mann auf den Wagon zu, indem er sich selbst Muth einzureden versuchte. Durfte er doch die Angst, die ihn centnerschwer belastete, nicht seiner Frau noch seiner blinden, Mutter mittheilen. Es war seine Pflicht, sich aufrecht zu halten und ruhig zu scheinen, denn wenn er ihnen sagte, daß er fürchte seine Stelle zu verlieren, würden sie den Wagen mit ihren Wehklagen erfüllen und so, vielleicht ohne Grund, sich selbst quälen und den Schlaf der Kinder stören.

Mit diesem Entschluß kletterte er die Stufen hinan und löschte seine Laterne aus.

II

Die ersten Strahlen der Morgensonne fanden den Bahnwärter und seine Frau gesenkten Hauptes, bewegungslos und schweigend im Waggon sitzen. Während der Nacht hatten sie mit gedämpfter Stimme so lange und so viel über den traurigen Vorfall gesprochen, daß sie sich nun einander nichts mehr zu sagen wußten. Beide sahen sehr gedrückt und niedergeschlagen aus.

Johann Verhelft hielt die Augen geschlossen und that als ob er schliefe, um den ängstlichen Fragen zu entgehen, mit welchen seine Frau ihre schmerzlichen Bedenken erneuern wollte.

Endlich stand er auf und verließ den Wagen, um, wie er sagte, die Bahn noch einmal zu untersuchen und den Morgenzug abzuwarten.

Er begann die Trümmer des Fahrzeugs nach der Hecke zu auf einen Haufen zu werfen, und arbeitete lange mit seiner Schaufel, um den Boden zu ebnen und alle Spuren der Unordnung, sowie die schrecklichen Blutflecken, verschwinden zu machen.

Allmählig kamen viele Dorfbewohner zur Stelle, neugierig betrachteten sie das todte Pferd und überhäuften den Bahnwärter mit Fragen, die er alle nur in derselben Weise beantworten konnte.

Der Schreiber des Notars, der sich ebenfalls einstellte, sagte ihm, daß sein Herr noch lebe, aber eben so besinnungslos daläge wie gestern Abend. Der Arzt fände den Zustand indessen nicht hoffnungslos, glaube im Gegentheil, daß er genesen würde, da die Kopfwunde nicht von einem Schädelbruch begleitet sei.

Der Schreiber, welcher ein guter Freund des Bahnwärters war, drückte ihm die vollste Ueberzeugung seiner Unschuld aus, und jener wurde durch diesen Beweis des Vertrauens und durch die gute Nachricht in Betreff, des Kranken ungemein getröstet und beruhigt, so daß er mit erleichtertem Herzen den Worten seines Freundes lauschte, der ihm sagte, daß er durchaus nichts zu fürchten habe und der Verdacht der Leute nur vorübergehend sein würde.

Jetzt erst fühlte er sich ermuthigt, nach dem Waggon zurückzugehen und seinen Kindern guten Morgen zu sagen. Er bekämpfte hier, so gut er konnte, die Befürchtungen seiner Frau und seiner Mutter und es gelang ihm endlich sie Glauben zu machen, daß der Vorfall für ihn keine üblen Folgen haben würde.

So verging ein Theil des Morgens; zwei Züge waren bereits vorüber gefahren. Johann war eben wieder in den Wagen gekommen, um seine tröstlichen Versicherungen zu wiederholen, als er plötzlich von Außen laut seinen Namen rufen hörte.

Ueberrascht sprang er, von seiner erschreckten Familie gefolgt, die Stufen hinunter und blickte suchend umher.

Wie erbleichte er da! Wie durchschnitten die Angstrufe der Kinder ihm das Herz!

Gensdarmen sah er, und fremde Herren; sie standen auf der Bahn, sichtlich beschäftigt, den Platz, an dem das Unglück geschehn, in Augenschein zu nehmen.

Dann trat der Feldwächter auf ihn zu und sagte, daß ein Richter und der Stellvertreter des königlichen Staatsanwalts ihn in das Wärterhäuschen rufen ließen, um seine Aussagen zu hören.

Der arme Bahnwärter vermochte kaum die Augen von den Gensdarmen abzuwenden. Waren sie seinetwegen da? Um ihn abzuholen? Sollte er nach dem Gefängniß? Unmöglich! er hatte ja doch nichts verbrochen!

Erst als der Feldwächter zum zweiten Male den Befehl des Richters wiederholte, trat er mit schwerem Herzen in das Wärterhaus.

Hier saßen an dem kleinen Tische der Richter, der stellvertretende Staatsanwalt und der Protokollführer, während Johann Verhelft halb todt vor Scham und Schrecken zwischen zwei Gensdarmen vor ihnen stand, wie ein Missethäter, der sein Urtheil erwartet.

»Ihr Name und Vorname! Wann und wo sind sie geboren?« fragte der Richter.

Aber der Bahnwärter mußte ihn nicht verstanden haben; er erhob die Arme und rief, die feuchten Augen zum Himmel gerichtet:

»O Gott, beschirme meine arme Frau, meine blinde Mutter und meine lieben Kinder! Sie werden vergehen vor Schrecken!«

Und wirklich erklangen von draußen die herzzerreißenden Wehklagen seiner Familie, so laut und anhaltend, daß man im Wärterhause einander nicht verstehn konnte.

»Gensdarm,« gebot der Richter, »geht und sagt dem Feldwächter, daß er die Leute von dem Wärterhaus entferne, nöthigenfalls mit Gewalt. Wir machen ihn für jede Störung der Untersuchung verantwortlich.«

Man hörte noch einen schneidenden Nothschrei, dann wurde es still. Der Brust des Bahnwärters entrang sich ein dumpfer Seufzer, als er im Geiste seine weinende Frau und die jammernden Kinder von dem groben Feldwächter vertrieben sah.

Die Untersuchung konnte jetzt ohne Störung fortgesetzt werden. Der Bahnwärter nannte seinen Namen, Geburtsort und Beruf. Dann sagte der Richter:

»Johann Verhelft, sie stehn im Verdacht der fahrlässigen Tödtung. Sie haben versäumt bei der Durchfahrt des Schnellzuges die Barrieren zu schließen. Durch diese nichtswürdige Nachlässigkeit haben sie den Tod eines, vielleicht zweier Menschen verursacht. Bekennen sie sich dessen schuldig?«

»Ach, Herr Richter, glauben sie mir, ich bin unschuldig,« rief der Mann, »die Barrieren waren geschlossen, wie es sich gehört!«

»Wie können sie denn erklären, was sich gestern Abend hier zugetragen hat?«

»Erklären kann ich es nicht, andere Menschen zu verdächtigen . . . «

»So? Also sie haben Jemanden in Verdacht, daß er die Barrieren wieder geöffnet?«

»Nein, Herr Richter, . . . und doch müssen sie geöffnet worden sein.«

»Oder offen gelassen durch Versäumniß. Erzählen sie genau, was sie von der Sache wissen.«

»Es war einige Minuten vor zehn Uhr. Der Schnellzug mußte vorbeikommen. Es blitzte, hagelte und stürmte so arg, daß man kaum noch die Augen öffnen konnte. Ich nahm meine Laterne, schloß sorgfältig die Barierren hier an meinem Wärterhäuschen, und ging dann seinen Bogenschuß weiter zu dem zweiten Wege, um auch dort meine Pflicht zu thun und der Gewohnheit gemäß mich aufzustellen und den Zug passieren zu lassen. Ich gestehe, daß ich von einem hellen Blitzstrahl geblendet, die Augen schloß. Da flog der Zug vorüber. Ein ungewohntes Geräusch, ein fremdartiges Krachen erregte aus der Ferne meine Aufmerksamkeit, ich lief daran zu und fand ein todtes Pferd und zertrümmertes Fahrzeug auf der Bahn liegen. Auf mein Hilferufen kam meine Frau; nach einigem Suchen entdeckten wir zu unserm großen Schrecken, zuerst die verstümmelte Leiche des Kutschers, und dann, nicht weit von der Hecke, den schwer verletzten Notar. Anders kann ich den Herren nichts sagen, denn anders weiß ich nichts.«

Diese einfache und klare Aussage schien dem Richter nicht zu genügen; er begann dem Bahnwärter allerlei verfängliche Fragen vorzulegen und ließ ihn wohl zehnmal seine Erzählung wiederholen, ohne Zweifel in der Hoffnung, daß er sich widersprechen und so seine Schuld verrathen würde.

Durch das lange Verhör gepeinigt, war Johann Verhelft blaß wie eine Leiche geworden, und der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirn. Dennoch blieb er genau bei seiner ersten Aussage und sagte kein einziges Wort, das dem gegen ihn gehegten Verdacht neue Nahrung gegeben hätte.

Der Richter war ein alter Mann, ergraut in der Ausübung seines lästigen Amtes. Zwischen ihm und dem Herrn Vereichen hatte seit Jahren eine nahe Freundschaft bestanden und nicht selten kam der Richter mit seiner Familie während der Sommermonate einige Tage nach Bolderhout, zum Besuche seines Freundes. Vielleicht stand dieser letzte Umstand zu seiner auffallenden Strenge in einiger Verbindung. Wie dem auch sei, er setzte seine Untersuchung rückhaltlos fort, währen der den gequälten Mann mit seinen Blicken zu durchbohren schien und ihm kaum Zeit ließ zu athmen, obwohl der stellvertretende Staatsanwalt ihm heimlich einige Nachsicht einzureden versuchte.

Dieser, ein viel jüngerer Mann als der Richter, schien nicht abgeneigt, an die Unschuld des armen Bahnwärters zu glauben. Seine einfachen Worte, seine stille Ergebenheit, sein offenes Gesicht, Alles trug den Stempel der Wahrheit. Vielleicht hatten auch die bitteren Klagen und herzzerreißenden Nothrufe von des Bahnwärters Kindern das Mitleiden des Herrn erregt. Er verbarg sein Wohlwollen für den Angeklagten durchaus nicht, mehr als einmal hatte er ihn getröstet und ermuthigt, indem er ihm sagte, daß er sich durch die strenge Untersuchung nicht dürfe erschrecken lassen, und daß, wenn er unschuldig sei, er nichts zu fürchten und auszuhalten habe als diese peinlichen Formen, die auch in seinem Interesse, durchaus nothwendig seien, um die Wahrheit unbestreitbar festzustellen.

Eben seht wandte er sich wieder an den Richter und rieth ihm, die Untersuchung vorläufig einzustellen,da ja keine Aussicht vorhanden, von dem bestürzten Mann noch weitere Einzelheiten zu erfahren.

Der Richter schien von der Schuld des Angeklagten überzeugt, denn nur mit Widerstreben und mit einem unwilligen Schütteln des Kopfes folgte er dem Vorschlag seines Collegen.

Sich nochmals dem Bahnwärter zuwendend, sagte er:

»Johann Verhelft, ich frage Sie zum letzten Mal; haben Sie ihren Erklärungen über den Unglücksfall nichts zuzufügen? Nichts daran zu ändern?«

»Gar nichts,« versicherte der ermattete und gequälte Mann kaum hörbar.

»Gut denn; Sie werden dieses Protokoll mit uns unterzeichnen, und dann folgen Sie den Gensdarmen in die Stadt. Im Gefängniß werden Sie den Ausspruch des Gerichtshofes erwarten.«

Das Wort »Gefängniß« traf den Bahnwärter wie ein elektrischer Schlag und weckte gewaltsam in ihm das Gefühl seiner Unschuld. Er erhob den Kopf, nahm eine stolze Haltung an und betrachtete den Richter mit flammenden Blicken.

»In’s Gefängniß soll ich? in’s Loch? ich, Johann Verhelft?« rief er. »Ich, der ich mein Leben gewagt und ein Glied verloren aus Aufopferung? Und schuldlos? Nein, nein, das ist unmöglich! In’s Gefängniß, wie ein Dieb und Mörder? Wissen Sie denn nicht, daß ich Frau und Kinder, daß ich eine alte, blinde Mutter habe? . . . Und wer soll denn in meiner Abwesenheit die Bahn beaufsichtigen? «

»Dafür ist schon gesorgt.«

»Nein, o nein, nach dem Gefängniß gehe ich nicht, tödten Sie mich lieber zu ihren Füßen!«

»Wenn Sie Gewalt erleiden, so messen Sie sich selbst die Schuld daran bei,« sagte der Richter kalt, indem er gleichzeitig den Gensdarmen mit den Augen ein Zeichen gab.

Diese holten sofort einen starken Strick hervor, entwirrten ihn langsam und gaben deutlich zu verstehn, daß sie den Bahnwärter binden würden, falls er sich weigern gutwillig dem Gebote Folge zu leisten.

Bei dieser schrecklichen Drohung sprang er zurück und ballte seine einzige Faust, bereit zu einem für ihn hoffnungslosen Ringen.

Jetzt aber trat der Staatsanwaltsgehilfe aus ihn zu und machte ihm mit begütigenden Worten begreiflich, daß aller Widerstand nutzlos, und daß er, der behaupte, um schuldig zu sein, sich dadurch eines strafbaren Vergehens schuldig mache. Die vorläufige Gefangenschaft wurde nur dauern, bis die Untersuchung beendet sei und wenn sich daraus ergäbe, daß er die Barrieren wirklich geschlossen, dann würde ihm die Freiheit sofort zurückgegeben und seine Ehre hergestellt werden.

Durch diese tröstenden Worte ließ der Bahnwärter sich bedeuten; was ihn noch von ruhiger Erduldung in sein Schicksal zurückschreckte war der Gedanke, daß seine Frau und Kinder bei der schrecklichen Nachricht vor Schmerz und Scham verzweifeln würden.

»Verlassen Sie sich in der Beziehung nur auf mich,« sagte da der wohlwollende Beamte. »Ihr Schicksal flöst mir Mitleiden ein, ich werde sogleich zu ihnen gehn und ihnen auseinandersetzen, daß sie nicht verzagen dürfen, daß sie vielmehr Grund haben an einen glücklichen Ausgang dieser traurigen Angelegenheit zu hoffen. Unterwerfen Sie sich jetzt ohne Widerspruch, ich gehe augenblicklich zu ihrer Familie.«

Und er verließ wirklich das Wärterhäuschen.

Johann Verhelft erklärte sich bereit zu gehorchen, bat aber mit Thränen in den Augen, daß man ihm die Schande spare, ihn wie einen verächtlichen Dieb zu binden.

Der Protokollführer las ihm dann seine Aussagen vor und er unterzeichnete ohne Zögern.

Darauf sagte der Richter:

»Gensdarme, ihr seid für den Gefangenen verantwortlich; thut eure Pflicht und fährt ihn nach der Stadt.

Zwischen den beiden Gensdarmen verließ Johann Verhelft sein Wärterhäuschen. Noch einen Blick warf er zu dem Waggon hinüber, sah aber Keinen von denen, die ihm so am Herzen lagen. Wahrscheinlich hatte der edelmüthige Herr sie entfernt, um ihnen das entsetzliche Schauspiel von dem Unglück und der Schande des Vaters zu sparen.

An der Barriere standen 4 – 500 Menschen, denen man ausnahmsweise erlaubt hatte, die Bahn zu betreten.

Als der unglückliche Gefangene diese tausend neugieriegen Augen auf sich geheftet sah, fühlte er einen eiskalten Strom durch seine Adern dringen und ließ mit einem halberstickten Angstschrei das Haupt auf die Brust sinken. Einer seiner Führer mußte ihn am- Arm nehmen, um seinen wankenden Schritt zu unterstützen.

Als die dichtgeschlossene Menge, durch den Feldwächter zurückgetrieben, sich öffnete, um den traurigen Zug durchzulassen, klangen dem armen Verhelft viel schreckliche und bis aufs Blut peinigende Worte in die Ohren. Nun die Gensdarmen ihn wie einen Verbrecher abführten, mußten die Richter ihn schuldig gefunden haben. Es hatte also, durch Versäumniß seiner Pflicht, zwei Menschen das Leben gekostet. Der Notar, der wohlthätige, allgemein geliebte, Mann, lag am Sterben. Hatte nicht der Bahnwärter ihn umgebracht? Kein Wunder also, daß in den Herzen fast aller Zuschauer ein Gefühl des Widerwillens und Hasses gegen ihn erglühte.

Auf seinem ganzen Weg durch das Dorf wurde der vor Kurzem noch so geachtete und gern gesehene Bahnwärter durch die Vollsmenge beleidigt und verwünscht; durchs das Lärmen und verworrene Geschreis drangen immer wieder die Wörter: »Schelm, Lump, Mörder« an sein Ohr, ja er sah, wie einige Koth von der Straße aufhoben, um ihn damit zu werfen, wenn der Feldwächter, mit dem gezogenen Säbel drohend, sie nicht daran gehindert hätte.

Die Schande, die Marter, währte bis zum andern Ende des Dorfes; hier hielt der Feldwächter mit einigen gutwilligen Leuten die er zu Hilfe gerufen, die Straße abgesperrt und so konnte der Gefangene mit seiner Begleitung den Weg fortsetzen, ohne von der kreischenden und lärmenden Menge länger belästigt zu werden.

Die Gensdarmen schlugen jetzt einen Seitenpfad ein, um den Weg zur Stadt abzukürzen,– und forderten ihren Gefangenen auf, seinen Schritt noch zu beschleunigen, um so viel wie möglich der Verfolgung der Dorfbewohner zu entgehn.

Der Bahnwärter gehorchte, ohne etwas zu erwiedern. Sein Herz war gebrochen, vor seinen Lippen schwebte der bittere Gallenbecher der Schande, den er in so kurzer Zeit fast bis auf den Boden geleert. Entsetzlicher Gedanke! Er hatte sein Leben gewagt um einen Menschen zu retten, und die Menschen haßten und verfluchten ihn jetzt! Man wollte ihn mit Schmutz bewerfen und ihn steinigen wie einen tollen Hund.

Während er so, schmerzlich in sich hineinsinnend, voranschritt, traf ein undeutliches Geräusch sein Ohr. Er erblaßte, stieß einen dumpfen Schrei aus, und blieb stehn, ohne zu wagen, sich umzusehn.

»Nun, was gibt’s, Kamerad,« fragten seine Wächter verwundert, »das sind die Leute aus dem Dorf, die immer noch aus der Ferne uns nachschreien. Voran, voran, sonst holen sie uns wieder ein!

»Ja voran, eiligst voran!« seufzte der arme Bahnwärter. »O Gott, meine unglücklichen Kinder!«

Er beschleunigte wirklich seine Schritte, wohl in der Hoffnung, dadurch einer neuen Prüfung zu entrinnen. Seine Frau und die Kinder hatten ihn nicht durch die Gensdarmen fortführen sehen; sollte dieses schreckliche Schauspiel ihnen jetzt vorbehalten sein? mußte er selbst auch dieses Leid noch tragen?

Aber wie hastig er auch weiter eilte, die Klagen und das Wehgeschrei wurden immer deutlicher und bald klang das Wort: »Vater, Vater!« von flehenden Kinderstimmen gerufen, deutlich in seine Ohren.

Seine unglückliche Familie näherte sich mehr und mehr; sollte er die geliebten und liebenden Wesen im Taumel der Verzweiflung folgen lassen bis in die Stadt, zur Thür des Gefängnisses?

Er wandte den Kopf zurück; da sah er in der Ferne die blinde Großmutter, von seiner Frau und dem braven Alexander unterstützt, heranlaufen. Marianne trug Bärbchen aus dem Arm und der kleine Heinrich sprang neben her; Alle streckten flehend die Hände nach ihm aus.

Was er auf der Erde liebte und betrauerte, sein Blut, sein Glück, sein Hoffen war dort vereinigt.

»Ach laßt uns um Gottes willen einen Augenblick stehn bleiben,« bat Johann Verhelft seine Begleiter. »Da ist meine unglückliche Familie, meine Mutter, meine Frau, meine Kinder! Sie werden mitlaufen bis in die Stadt wenn ich sie nicht zurücksende!

»Ja, aber wir wissen nicht.« brummte einer der Gensdarmen »ob . . . «

»Nur ein paar Minuten,« flehte Johann, »um Gottes Barmherzigkeit willen! Nur ein letztes Lebewohl! Ich will sie beruhigen und ihnen begreiflich machen, daß sie nach Hans gehen müssen.«

»Nun denn, in Gottes Namen, aber macht geschwind!«

Gleich darauf hingen die Frauen und Kinder an seinem Halse und schlossen ihn so heftig in die Arme und hielten ihn so fest umschlungen, als ob sie ihn nimmer lassen könnten. —

Nachdem der erste Schmerz sich ausgeruht, suchte der arme Gefangene sie mit erkünstelter Fassung zu überreden, daß sie keine Veranlassung hätten, so übermäßig erschreckt und betrübt zu sein, da mau ihn nur zur Stadt führe, um dort noch einmal seine Erklärungen zu Protokoll zu nehmen. Vielleicht würde er einige Tage dort bleiben müssen, der Richter aber inzwischen die Untersuchung eifrigst fortsetzen. Wenn dann, wie nicht zu bezweifeln, seine Unschuld zu Tage träte, würde er, von allem Verdacht befreit, in Ehren zu ihnen heimkehren, deßhalb möchten sie nun zu Hause gehn und geduldig seine Rückkunft erwarten. Ihre Liebe könnten sie ihm allein dadurch beweisen, daß sie den lieben Gott unaufhörlich um die baldige Offenlegung seiner Unschuld anflehten. So wolle er denn Jedem von Ihnen noch einen Kuß zum Abschied geben, und dann möchten sie eilends zurückkehren.

Alle schienen durch seine Worte einigermaßen beruhigt und versprachen seinem Rath nachzukommen. Als er aber die alte Frau an sein Herz drückte und mit tiefbewegter Stimme sagte: »Lebe wohl, liebe Mutter,« da sank die arme Blinde ohnmächtig zur Erde.

Dann begann das Weinen und Flehen von Neuem; vor Allen war die Noth und Angst der Kinder so groß, daß selbst einer der Gensdarmen sich Thränen der Rührung aus den Augen wischte.

Johann Verhelft war neben seiner Mutter an der Erde niedergekniet, er hob ihren Kopf in seinen Schooß und besprengte Stirn und Schläfen mit Wasser aus der Feldflasche der Gensdarmen.

Sobald die Ohnmächtige wieder zu sich gekommen, wurde dem Gefangenen angekündigt, daß er nun augenblicklich seinen Weg zur Stadt fortsetzen müsse; seine Führer hätten sich ihm wohlwollend gezeigt, er solle nun beweisen, daß er ihre Güte nicht zu mißbrauchen beabsichtige.

So beeilte er sich denn, seine Kinder noch einmal zu umarmen, und sagte dann seiner Frau noch einige ernste Worte ins Ohr, die ihre Wirkung nicht verfehlten, denn sie antwortete entschlossen:

»Leb wohl, Jan, und geh getrost, wir folgen dir nicht mehr. Ich will über die Kinder wachen, sie trösten und beten lassen, bis du wiederkommst. Sei guthen Muthes, Gott ist gerecht und wird uns nicht verlassen.«

»Ja Muth, Muth, Marianne,« murmelte der Bahnwärter mit halb erstickter Stimme, während er seinen Platz zwischen den beiden Gensdarmen wieder einnahm und ohne umzusehn seinen Weg fortsetzte, bis seine Angehörigen ihn gänzlich aus den Augen verloren.

Dann aber brach seine erkünstelte Stärke zusammen; ein Thränenstrom drang aus seinen Augen, er weinte und schluchzte wie ein Kind, bis sein Herz von dem Uebermaß des Schmerzes einigermaßen entlastet war und er zwar tieftrauernd doch ergeben, auf die Fragen und Bemerkungen seiner Begleiter antworten konnte.

Glaubten die beiden Gensdarmen an seine Unschuld oder theilten sie den allgemeinen Verdacht? Aus ihren Bemerkungen ließ sich das nicht abnehmen. Wahrscheinlich waren sie selbst zweifelhaft über diesen Punkt und wollten nach keiner Seite ein Urtheil fällen.

Der Aeltere von ihnen sagte jetzt zu dem Gefangenen:

»Eine fahrlässige Tödtung? ein Mord aus Unvorsichtigkeit? Das ist doch eine schlimme Geschichte; wäre ich an Eurer Stelle, Kamerad, ich würde Alles gestehn und kein Hehl daraus machen, wie die Sache sich zugetragen.«

»Aber ich habe ja Alles gestanden,« erwiederte Johann Verhelft. »Soll ich denn gegen mich selbst lügen?«

»Das müßt ihr selbst am besten wissen, es ist eure Sache, aber denkt nur darüber nach, denn ich habe euch seinen guten Rath geben wollen, und ihr habt sichere Aussicht auf eine mildere Strafe, wenn Ihr ein offenes Geständniß abgelegt.«

»Gewiß,« bestätigte der andere Gensdarm, »mir sind gerade zwei Fälle erinnerlich, die das klar beweisen. Ich habe früher in einer Gemeinde von Westflandern gestanden, da wurde denn auch eines Tages eine Frau durch den Zug überfahren, weil der Weg über die Bahn nicht versperrt gewesen war. Der Wärter leugnete seine Schuld und bekam zwei Jahre Gefängniß.

Später wurde ich in die Gegend von Löwen versetzt, da geschah beinah dasselbe Unglück; es blieben drei Menschen todt. Der dortige Bahnwärter bekannte mit Thränen der Reue, daß er Versäumt hatte, die Barrieren rechtzeitig zu schließen, und siehe da, obwohl diese Sache an und für sich viel ärger war als die andere, nahm man wegen seines offnen Geständnisses und tiefen Bedauerns mildernde Umstände an und er bekam nur drei Monate.«

»Aus den beiden kleinen Geschichten könnt ihr Euren Vortheil ziehen,« bemerkte wieder der ältere Gensdarm. »Nicht wahr, Kamerad, ihr erinnert Euch nicht deutlich, wie es sich an dem stürmischen Abend mit eurem Schließen verhalten?«

»Ganz deutlich; ich bin so fest davon überzeugt wie von meinem eignen Leben auf Erden,« rief der Gefangene, durch den Zweifel seiner Führer aufs neue gefoltert.

Da aus ihm nichts herauszubekommen war, als die einfache stets wiederholte Bestätigung seiner Unschuld, hörte das Gespräch bald auf und Johann versank wieder in düsteres Schweigen; näherten sie sich doch auch immer mehr der Stadt, eben gingen sie an den ersten Gärten und Häusern vorüber.

Ach, in der Stadt war Johann Verhelft geboren, hier hatte er als Kind gespielt als Mann gelebt und gearbeitet bis zu seinem dreißigsten Jahr! Viele kannten ihn dort, er hatte zahlreiche Freunde; nun sollten sie ihre zwischen zwei Gensdarmen durch die Straßen führen sehn, ohne zu wissen, welchen Verbrechens er angeklagt war. Man würde ihn vielleicht für einen auf frischer That ertappten Spitzbuben halten, er, Johann Verhelft, sollte nun durch seine Geburtsstadt geführt werden durch Gensdarmen, wie ein Dieb, wie ein Räuber oder Mörder.

Er beugte das Haupt und schloß die Augen, sobald sie die belebten Straßen der Vorstadt erreichten, als ob er so der Schande auszuweichen glaubte; zuweilen aber mußte er doch aufblicken, um nicht zu straucheln.

Etwas leichter wurde ihm ums Herz, wohl sahen die Leute ihm nach und die Straßenjungen liefen hinter ihm her, doch hatte er in diesem Stadtheil niemals gewohnt und kein bekanntes Gesicht begegnete ihm hier.

Sein Weg führte jetzt über den Bahnhof, wo er vormals in edler Selbstaufopferung seine Hand verloren. Er wandte den wirren Blick der großen Werkstatt zu, die innerhalb des Bahnhofes stand. Dort hatte er zehn lange Jahre hindurch gearbeitet und seinen Schweiß vergossen am Schmiedeamboß. Wer es ihm damals gesagt hätte, als er, pfeifend und singend zwischen den sprühenden Funken stand, daß er einst hier vorübergehn würde, sterbend vor Scham, zwischen zwei Gensdarmen!

Während diese bitt’re Erwägung ihm von neuem die Thränen in die Augen trieb, begann plötzlich die Mittagsglocke zu läuten und unmittelbar darauf strömten mindestens hundert Arbeiter aus dem Bahnhof.

Zitternd hemmte Johann Verhelft seinen Schritt. Die meisten dieser Arbeiter kannten ihn, viele waren ihm alte Freunde. Großer Gott, mußte er denn den Becher der Schande bis auf den lehren Tropfen leeren?

Die Gensdarmen ergriffen ihn an den-Armen und zogen ihn fort, da schloß er fest die Augen und strauchelte schwankend zwischen den Arbeitern durch.

Von allen Seiten hörte er seinen Namen nennen, Ausrufe der Verwunderung drangen ihm ins Ohr.

»Das ist Jan Verhelft!« tief man. Was der nur verbrochen hat? Gestohlen? Das ist unmöglich! doch wer weiß? . . . Vielleicht hat er eine Schlägerei gehabt und Jemanden mit dem Messer gestochen? Aber er war doch der gutmüthigste Mensch von der Welt! . . . Vielleicht ein unvorsichtiger Schlag? Das kann ja Jedem passieren. Armer Jan Verhelft, armer Jan!«

So tönte es hinter ihm her, die nächsten Straßen entlang, er hörte wie seine früheren Freunde sein Schicksal beklagten und an seine Schuld nicht glauben konnten, wie aber die meisten Leute ihn für einen Dieb, einen Mörder hielten.

Scham und Noth raubten ihm beinah das Bewußsein und erst als der älteste der Gensdarmen zu ihm sagte: »Wir sind an Ort und Stelle, Kamerad,« öffnete er die Augen, sah mit einer fieberhaften Freude die dunklen Gefängnißmauern an und rief:

»Gott sei Dankt endlich bin ich erlöst von dieser entsetzlichen Folterqual!«

Wenige Augenblicke darauf knirschten die rostigen Angeln der Gefängnißthür hinter seinem Rücken und er sank weinend auf die hölzerne Bank.

Er war allein, allein mit seiner Schande und Verzweiflung.

III

Seit sieben Tagen schon saß der Bahnwärter in der engen Zelle des Gefängnisses eingeschlossen. Er wußte nichts von dem Schicksal seiner Frau und Kinder, nichts von dem Zustande des verwundeten Notars.

Einmal hatte man ihn in dem geschlossenen Gefäugnißwagen zum Criminalgericht gebracht, und er war dort in dem Zimmer des Untersuchungsrichters während mehr als einer Stunde befragt und bedroht worden, in einer so strengen und für ihn quälenden Weise, daß der arme Mann mit der festen Ueberzeugung in seine Zeile zurückgekehrt war, trotz seiner Unschuld, verurtheilt zu werden.

In dem Glauben, daß der Bahnwärter des angeklagten Vergebens schuldig sei und ihn nur durch eine erdichtete Erzählung hinzuhalten suche, hatte der Richter befohlen, ihn strenge abgesondert einzuschließen. In Folge dessen wurde aller Verkehr nach Außen ihm untersagt und Niemand konnte ihm Nachricht bringen. Während der vergangenen sechs Tage hatte er im Gefängniß kein lebendes Wesen gesehn als den Schließer, einen ungesprächigen, düstern Menschen, welcher, wie ein Gespenst ohne Gefühl und Sprache, schweigend ging wie er gekommen war, wenn er ihm das Essen gebracht oder sonst nach ihm gesehn hatte.

Am gestrigen Tage war dann der Geistliche der Gefangenenanstalt erschienen, um ihm geistlichen Trost zu bringen, aber auch von dem hatte er nichts erfahren können.

Wer vermöchte die Leiden, die Seelenqualen des unschuldigen Johann Verhelft zu beschreiben, der in der strengsten Abgeschiedenheit wie in einem engen Grabe eingeschlossen saß, während seine Freiheit, seine Ehre, vielleicht das Leben der ihm Theuersten auf Erden bedroht war! Kein Mittel der Vertheidigung, keine Stimme ihn zu trösten, kein Freundesherz, um seine Klagen mitleidend aufzunehmen! Was ist aus seiner Frau, aus seinen Kindern geworden. Hat man sie aus ihrer niedrigen Wohnung vertrieben. Ist seine blinde Mutter krank? . . . oder todt?

Sein Gehirn ist durch langes schweigendes Nachdenken wie verwirrt, er sieht Alles schwarz und schrecklich, seine Träume sind zu einer fortgesetzten Qual geworden. Einmal sieht er seine weinende Familie in dem Waggon um das Sterbebett seiner alten Mutter knieen, oder er hört die Verzweiflungsrufe seiner guten Frau und sieht auf dem stillen, bleichen Gesichtchen seines Alexander, wie tief dem verständigen Kinde die Schmach zu Herzen geht . . . Aerger noch: er ist verurtheilt zu jahrelangem Gefängniß und sieht durch die Gitterfenster der Zelle, in der er fortan leben wird, seine verlassenen Angehörigen durch die Straßen irren und die Hand ausstrecken, betteln um etwas Brod!

Durch dieses schreckliche Leiden ist der arme Mann abgemagert wie ein Fieberkranker, er, der gesunde, kräftige Schmied ist blaß und elend, seine eingefallenen Wangen und tiefgesunkenen Augen machen ihn beinah unkenntlich.

Der Morgen des siebenten Tages war seit einigen Stunden angebrochen. Johann Verhelft saß auf seiner Bank, das Gesicht in den Händen verborgen. Eine furchtbare Stille umgab ihn, man hätte glauben sollen, daß außer ihm kein lebendes Wesen in dem großen, düstern Gebäude athme.

Dennoch wußte er in der Todtenstille noch einige Geräusche zu unterscheiden, von Zeit zu Zeit sah er auf und horchte mit gespannter Aufmerksamkeit, aber eben so oft ließ er mit einem schmerzlichen Seufzer den Kopf wieder auf die Brust sinken. Einmal sprang er selbst auf und näherte sich mit raschen Schritten der Thür, während ein Lächeln der Sehnsucht aus seinen Lippen schwebte.

Wahrscheinlich erwartete er Jemanden Anders als seinen gewöhnlichen Wächter, denn niedergeschlagen kehrte er zu seiner Bank zurück und klagte laut:

»Vergebliche Hoffnung, er kommt nicht, Jeder haßt und verflucht mich! Er vielleicht auch! . . . Wird der Geistliche ihm meine Botschaft wohl überbracht haben? Barmherziger Gott, wie lange soll dieser quälende Zustand noch dauern? Wenn es denn dein Wille beschlossen hat, so mögen sie mich verurtheilen; ich will mich unterwerfen und geduldig leiden, aber, o Herr, hebe doch den Stein von meinem schrecklichen Grabe! Laß mich wissen, was aus meiner unglücklichen Familie geworden ist!«

Während einer halben Stunde oder länger noch, saß er dann bewegungslos, und hatte wohl schon alle Hoffnung aufgegeben, denn obschon sich bin und wieder ein fernes Geräusch vernehmen ließ, schien er gleichgültig dagegen geworden und verharrte in seinen trüben Gedanken.

Plötzlich knirschte der Schlüssel in dem Schloß seiner Zelle.

Da sprang er auf, und als er sah wer es war, der mit dem Gefangenenwärter hereintrat, stürzten Thränen freudiger Rührung ihm über die Wangen.

Dank, tausend Dank, Herr Staatsanwaltsgehilfe,« rief er schluchzend, »daß sie die Bitte eines Elenden nicht zurückgestoßen! Möge Gott ihnen diese Wohlthat vergelten!«

»Beruhigen sie sich,« sagte der eingetretene Herr, in sanftem Ton. »Sie haben mich hierher rufen lassen, vielleicht wollen sie mir in Betreff ihrer traurigen Angelegenheit etwas Besonderes mittheilen?«

»Ach, Herr,« rief der Bahnwärter mit gefalteten Händen, »kann diese schreckliche Abgeschiedenheit nicht aufgehoben werden? Wüßten sie, wie ich hier von der ganzen Welt getrennt vor Angst und Verzweiflung fast vergehe! Ich weiß noch nichts von meiner blinden Mutter, von meiner Frau, von meinen armen Kindern. Geben sie mir Nachricht von ihnen und ich will ihren Namen segnen bis zu meinem Todtenbette!«

»Augenblicklich ist es mir unmöglich, ihnen irgend Etwas von ihnen mitzutheilen,« war die Antwort; »seit dem Tage des Eisenbahunglücks habe ich nichts von ihnen vernommen. Aber seien sie getrost, heut Nachmittag muß ich in einer anderen Sache nach Bolderhout, da werde ich mich nach ihrer Familie umsehn, und diesen Abend, spätestens morgen frühe sollen sie Nachricht haben.«

»O wenn ich aussprechen könnte, wie glücklich sie mich machen!« rief der Bahnwärter. »Sie sind mir ein von Gott gesandter Engel des Trostes! Diese gänzliche Abgeschlossenheit, wenn sie über einen unschuldigen Familienvater verhängt wird, ist eine gräßliche Folter, eine Hölle, deren Schrecken nicht zu beschreiben sind. Welche unmenschliche Erfindung, die Unglücklichen also lebend zu begraben! Sie sind gut und milde, aber hat denn der Richter kein Herz?«

»Der Richter thut seine Pflicht,« war die Antwort. »Die strenge Absperrung ist oft das einzige Mittel, die Wahrheit au den Tag zu bringen und ohne dieselbe würden viele Verbrecher von der schlimmsten Sorte ungestraft durchkommen. Das Wohl der allgemeinen Gesellschaft gilt da als erstes, wenn auch oft schweres Gesetz.«

»Also glaubt der Richter mich schuldig?«

»Wahrscheinlich.«

»Und sie, Herr?« rief der Bahnwärter ängstlich.

Der Andere zuckte kaum merklich die Achseln.

»Großer Gott, sie selbst, der Gute, Edelherzige, Wohlwollende, sie zweifeln? Gibt es denn keine Gnade mehr für mich? Ich soll verurtheilt werden? Meine Familie gebeugt gehn unter der Schande und im Elend verkommen?«

»Das habe ich nicht gesagt; ich hoffe, daß das Gericht sie freisprechen wird, doch erlaube ich mir nicht in ihrer Sache ein persönliches Urtheil zu fällen, ehe ich die Untersuchungsacten aufmerksam durchlesen. Weiß doch kein Mensch zu erklären, wie das Unglück geschehn konnte. Jedem erscheint es unmöglich, daß ein Wagen bei geschlossenen Barrieren auf die Eisenbahn komme. Auch ist da ein Mann von Bolderhout welcher zeugt, die Barriere an Ihrem Wärterhause einmal offen gesehn zu haben, während der Zug vorüberfuhr . . . «

»Das ist eine Falschheit!« rief Johann Verhelft.

»Ein Anderer behauptet, daß sie mitunter dem Trunke ergeben seien.«

»Welch’ schnöde Verleumdung! Ich habe niemals mehr als ein Glas Bier an einem Tage getrunken und selbst das nur selten.«

»Ohne Zweifel ist es leeres Geschwätz und wird das Gericht nur wenig Gewicht darauf legen. Man sucht nach schweren belastenden Zeugen und es fragt sich nun, ob man deren finden wird.«

»Aber der Herr Notar? er ist immer mein Wohlthäter gewesen und wird mich nicht unschuldig verurtheien lassen,« rief der Bahnwärter aus.

»Der Notar liegt noch andauernd in Todesgefahr, wie man mir gestern Abend sagte. Ob er überhaupt schon wieder gesprochen hat, weiß ich nicht, jedenfalls muß er aber Ihre Unschuld nicht aufgedeckt haben, denn sein Sohn Friedrich dringt mehr als je zuvor auf ihre gerichtliche Verfolgung und Verurtheilung und ruft überall nach Rache gegen Sie. Darüber brauchen Sie indessen nicht zu erschrecken, meiner Ansicht nach wird das Gericht Sie freisprechen, wenn die Untersuchung keine neuen Beweise gegen Sie zu Tage bringt.«

Der Bahnwärter sank erschöpft und muthlos aus die Bank. »O mein Gott,« klagte er mit bitteren Thränen, »wie ist es nur möglich? Ich habe während meines ganzen Lebens mich geplagt und gearbeitet wie ein ehrlicher Handwerker, habe niemals Jemanden Etwas zu Leide gethan und nun haßt und verachtet mich Jeder, wie einen elenden Verbrecher! Die Leute aus Bolderhout haben mir geflucht und wollten mich mit Koth bewerfen, nun klagen sie mich der Trunksucht an; der Sohn des Notars der mich achtete und mir mehr als einen Beweis seines Wohlwollens gaben, fordert meine Verurtheilung! Ach sollte denn in den Herzen der anscheinend besten Menschen so viel Ungerechtigkeit und Bosheit verborgen liegen?«

»Im Gegentheil,« widerlegte ihn sein Gönner, »es ist eine Huldigung, die sie der Tugend zu bringen glauben Sie halten Sie für schuldig, bedauern das Loos des Notars, den Sie ja selbst ihren Wohlthäter nennen und sie hassen und verwünschen weniger ihre Person, als die strafwürdige Pflichtvergessenheit, durch welche Sie nach der Meinung der Leute, an dem Tode zweier Menschen die Schuld tragen. Wenn das Gericht Sie frei spricht, wird man durch verdoppelte Freundschaftsbeweise und Achtung bald vergessen zu machen suchen, daß man Sie ungerecht anklagt.«

Immer noch saß der Bahnwärter niedergeschlagen und muthlos da, während der Staatsanwaltsgehilfe ihn mitleidig ansah und dann sagte:

»Ich muß Sie jetzt verlassen; haben Sie Vertrauen und verzweifelte Sie nicht. Ich werde zum Untersuchungsrichter gehen, um von ihm die Erlaubniß zu erbitten, daß es ihrer Frau gestattet werde, Sie im Gefängnisse zu besuchen.«

Mit einem Schrei der Freude aufspringend, ergriff Johann Verhelft die Hand seines Gönners und drückte sie an seine Lippen.

»Ob ich verurtheilt werde oder nicht,« rief er aus, »Gott möge Sie segnen; ja ja, gnädiger Herr, suchen Sie einem Elenden diese unschätzbare Wohlthat zu erweisen! Ich will niederknien und beten und den Himmel bestürmen, damit er ihren edelmüthigen Worten eine unwiderstehliche Kraft verleihe! Dank, tausendmal Dank für ihre Güte!«

Und wirklich kniete er auf den Boden nieder und erhob die gefalteten Hände zum Himmel.

An der Thür der Zelle blieb der Herr noch einmal stehn:

»Ich dachte erst am Nachmittag nach Bolderhout zu fahren,« sagte er. »Um aber ihren Schmerz soviel als möglich zu verkürzen, will ich schon diesen Morgen hinreisen gleich nach meinem Besuch beim Richter. Seien Sie deßhalb getrost, Sie werden jedenfalls noch heute von ihrer Familie hören.«

Mit diesen Werten verließ er die Zelle, die der Gefangenenwärter gleich hinter ihm verschloß.

IV

An demselben Vormittag verließ eine unglückliche Familie das Dorf Bolderhout.

Marianne, die muthige Frau des Bahnwärters, ging voraus in dem Feldweg, das kleine Bärbchen auf dem Arm; der kleine Heinrich lief an ihrer Seite, und dann folgte die blinde Großmutter, von ihrem Enkel und Freunde Alexander geführt. Alle waren mit Paketen beladen, als ob sie eine weite Reise vor sich sähen.

Sie hatten wohl während sieben langer Tage so viel gejammert, und geweint, daß der Quell der Thränen versiegt war, denn, obwohl gebeugt durch den Schmerz, blieben doch ihre Augen trocken und in trübem Schweigen, zogen sie langsam weiter.

Marianne allein wandte sich noch zuweilen um nach dem Dorfe in dessen Richtung ihr unstäter Blick einen geliebten Ort zu suchen schien . . . Dort, an der Bahn, stand der Waggon, die Wiege ihres Bärbchen! . . . Das Paradies, in dem sie die schönsten Jahre ihres Lebens in Seelenfrieden und unsäglichem Glück zugebracht! Verloren war es für sie, verloren für immer!

Die Direction der Eisenbahn hatte wirklich schon einen neuen Bahnwärter angestellt. Obgleich dieser gleichfalls verheirathet war, hatte er der Frau seines Vorgängers aus Mitleiden angeboten, mit ihren Kindern und der Blinden in dem Waggon wohnen zu bleiben, bis sie etwas Bestimmtes über das Schicksal ihres Mannes vernehmen würde. Anfangs hatte sie seinen edelmüthigen Vorschlag dankbar angenommen, bald aber wurde es ihr klar, daß sie nicht länger in Bolderhout bleiben konnten. Durste sie sich doch nirgendwo sehen lassen, ohne durch die Dorfbewohner gekränkt zu werden. Ihr guter Alexander mußte anhören, wie seine ehemaligen Schulkameraden ihm das Scheltworte »Mörder!« nachriefen, und der arme Junge hatte seit drei Tagen den Wagen nicht mehr zu verlassen gewagt. Sein Lehrer allein war gut und freundlich gegen ihn geblieben; um sich bei ihm einigen Trost und Rath zu holen, mußte Alexander die Dunkelheit abwarten und auf abgelegenen Wegen zu ihm schleichen.

In dem Gedanken, daß der Notar sterben würde und daß Johann Verhelft durch Pflichtversäumniß seinen Tod verschuldet habe, fanden die Leute einen scheinbar gerechtfertigten Grund seine Frau und Kinder zu, hassen, doch würden sie dieselben nicht so mitleidlos verfolgt haben, wenn nicht der älteste Sohn des Notars durch seine unaufhörlichen Anschuldigungen selbst die Besten gegen sie eingenommen und erhitzt hätte.

Marianne beschloß deßhalb Bolderhout zu verlassen und mit den Ihrigen nach der Stadt überzusiedeln. Was sie da thun wollte, wußte sie noch nicht. Vielleicht trieb ein unbestimmtes und unwiderstehliches Sehnen, näher bei ihrem Mann zu sein, sie zu diesem wichtigen Entschluß. Sie dachte ein kleines Häuschen oder ein paar Stuben in der Vorstadt zu miethen, ihre geringen Werthsachen und einigen Hausrath zu verkaufen und, wenn es sein müßte, als Tagelöhnerin sich zu verdingen, damit sie durch arbeiten und sparen ihrer alten Schwiegermutter und ihren Kindern das tägliche Brod erwerbe bis zu besseren Zeiten.

Denn daß ihr Mann bald in Freiheit gesetzt werden würde, glaubte sie nicht mehr. Ihre vergeblichen Versuche, ihn besuchen zu dürfen, oder Etwas von ihm zu hören, seine sofortige Absetzung als Bahnwärter, der Haß und die unaufhörlichen Verfolgungen der Leute von Bolderhout, das Alles hatte ihr die Ueberzeugung eingeprägt, daß ihr armer Mann, trotz seiner Unschuld, zu einer langwierigen Haft verurtheilt werden sollte.

So schritt sie schweigend den schlüpfrigen Feldweg dahin.

Die Großmutter und die Kinder, welche ihre hoffnungslose Ueberzeugung nicht theilten, sprachen hie und da einen tröstlichen Gedanken aus, Marianne antwortete nur selten und auch dann nur in kurzen Worten darauf, aus Furcht sie von Neuem zu betrüben.

Nachdem sie eine gute Strecke so weiter gegangen, sagte Alexander mit gedämpfter Stimme zu der Blinden.

»Liebes Großmütterchen, Du lachst ja so freundlich; woran denkst Du denn?«

Die alte Frau verzögerte ihren-Schritt und antwortete:

»Laßt uns zusammen etwas zurück bleiben, Alexander, deine Mutter sieht Alles schwarz. Sie glaubt mir nicht, und doch bin ich ganz sicher, daß mein schöner Traum heute Nacht von Gott gesandt war.«

»Ach, Großmutter, denk doch so Etwas nicht, das kann ja nicht sein.«

»Wie, das kann nicht sein? Noch so jung und schon so ungläubig? Die Welt ist verdorben, sie wird nicht lange mehr fortbestehn, Kind! Sieh, ich will es Dir nur noch einmal erzählen; ich lag zu Bette in unserm Waggon, während des Betens, die Hände gefalten, war ich eingeschlafen. Da träumte mir, ich säße in einer großen Kirche; ich hörte Musik, die Orgel wurde gespielt und man sang so schön, daß mir das Herz schlug vor Freude. Was dann noch weiter um mich vorging, weiß ich: nicht genau, nur daß ich niederkniete auf der Erde und mit Thränen in den Augen und zum Himmel erhabenen Händen ausrief:

»O Gott, liebreicher Jesus, durch dein bitt’res Leiden und dein heiliges Blut, erhöre das Gebet einer armen blinden Mutter! Erbarme dich ihres unschuldigen Sohnes! Erlöse ihn aus dem Gefängnisse, damit deine Gerechtigkeit offenbar werde! Gepriesen sei dein Name in Ewigkeit!« —

Da sah ich plötzlich in den Weihrauchwolken am Altar – ja Alexander, wenn ich träume, sehe ich mit so klaren Augen wie ins meiner Jugend – ich sah einen strahlenden Glanz und mitten darin einen Engel mit goldenen Flügeln; mit einem himmlischen Lächeln trat er auf mich zu, da ich bebte vor Staunen und Hoffnung. Der schöne Engel faßte meine Hand und sagte: Steh auf, und sei getrost; Gott hat dein Gebet erhört, in drei Tagen wirst du deinen freigesprochenen Sohn in die Arme schließen.« Ich stieß einen Freudenschrei aus und erwachte . . . Nun, Alexander, glaubst Du noch immer mit Deiner Mutter, daß dieses nächtliche Gesicht nichts war als eine eitle Täuschung meiner erregten Sinne? Glaubst Du nicht, daß es sich bewahrheiten, daß es in Erfüllung gehn werde?«

»Ach, liebe Großmutter, ich möchte es zu gern glauben,denn es ist ja wunderschön, rief der Knabe traurig, »aber was der Schullehrer mir gesagt hat, läßt mich anders darüber denken.«

»Was hat er Dir denn gesagt?«

»Nach seiner Ansicht kann der Vater nicht frei kommen, bevor der Gerichtshof versammelt gewesen und ein Urtheil gesprochen hat, und darüber können noch Wochen, ja Monate vergehen und mein armer Vater muß so lange im Gefängniß bleiben. Ach, daß wir doch endlich Nachricht von ihm hätten! Wer weiß, ob er nicht gar krank vor Kummer ist!«

»Fängst du schon wieder zu weinen an, Alexander?«

»Ich weine nicht; Großmutter, aber es ist doch zu schrecklich.«

»Ja, Kind, es ist schrecklich und unmenschlich; man muß Deinen Vater für einen schlimmen Verbrecher halten, da man uns so unerbittlich hindert, ihn zu besuchen und zu trösten, ja da wir nicht einmal erfahren können, ob er gesund oder krank ist. Ach Kind, ich fange auch zuweilen zu denken an, daß er am Ende doch ungerecht verurtheilt werden wird . . . Du weinst wieder, Alexander? Dann sage ich nichts mehr!«

Marianne, welche ihre Schritte verzögert hatte, sagte jetzt halb verweisend zu der Blinden:

»Mutter, Mutter, weßhalb läßt Du unsern Alexander nicht in Ruhe? Hat das Kind nicht genug an seinem eignen Kammer? Kommt beide frisch voran, und schweigt lieber still, wir wissen ja doch nicht viel Tröstliches zu erzählen.«

»Nun, nun, ich will etwas rascher gehen,« sagte die alte Frau; »aber so stumm kann ich mein bitteres Weh nicht ertragen. Sprechen erleichtert das Herz.«

»Weine nicht mehr, lieber Junge,« sagte Marianne; »sobald wir in der Stadt ein Haus gefunden haben, wo wir schlafen können, will ich mich auf den Lauf machen, der Meistergesell der Schmiedewerkstatt, der immer ein Freund Deines Vaters war, soll mir helfen. Wir werden nicht ruhn noch rasten, bis man mir erlaubt, Deinen Vater zu besuchen. Wenn ich ihn gesund finde und ihm Trost bringen kann, so ist das ein großes Glück in unserm Leid. Dann kenne ich noch einen Herrn, der gegenwärtig war, als Dein Vater aus Selbstaufopferung seine linke Hand verlor; der hat ihn damals sehr gelobt und ihm, vorkommenden Falls, seinen besonderen Schutz versprochen. Zu ihm und zu noch einigen Andern will ich gehen, will Himmel und Erde in Bewegung setzen, um zu Deinem Vater zu gelangen. Tröste Dich mit der Hoffnung, daß es gelingen wird und komm jetzt nur flink weiter, ohne viel zu sprechen. Und Du Mutter, halte Dich auch etwas ruhig, es hilft ja doch zu nichts wenn Du die Kinder weinen machst. Gott ist der Herr, und wenn das Kreuz, welches er uns auf die Schultern legt, auch noch so schwer und schmerzlich ist, wir müssen es mit Ergebung tragen. Das Klagen ändert nichts an unserm traurigen Schicksal. Alles hängt von seinem heiligen Willen ab. Schweigen und in der Stille beten, das ist das beste, was wir thun können.«

Von jetzt an wurde nur wenig mehr gesprochen, sie gingen so eilig weiter, als der unsichere Schritt der Blinden es gestattete.

Als sie die Landstraße erreichten und an einem großen Gehöfte vorüber kamen, sagte Marianne:

»Hier wollen wir einkehren, um etwas Milch für Bärbchen zu bekommen; die Kinder werden da ein Wenig ausruhen können.«

Schüchtern traten sie Alle in den Hof und trugen der Pächterin ihr Anliegen vor.

Durch den Anblick der Kinder und der blinden Frau zum Mitleiden bewegt, ließ diese sie in’s Hans treten, gab ihnen Stühle zum Ausruhen und brachte mit freundlichen Worten eine Kanne warme Milch.

Jetzt aber trat der Pächter in’s Haus und betrachtete die arme Familie mit strengen, mißtranischen Blicken.

»Seid Ihr nicht die Frau des Bahnwärters Johann Verhelft?« fragte er.

»Ja, so ist es,« antwortete Marianne mit einem Seufzer.

»So, so, Ihr seid also die Frau des pflichtvergessenen Beamten, der den Notarius von Bolderhout und seinen Kutscher auf dem Gewissen hat?« brummte er mit einer Gebärde des Abscheus. »Ihr und Eure Kinder thun mir leid, Ihr könnt nicht davor, aber Euer Mann wird hoffentlich gestraft werden, wie er es verdient. Man ist ja heutigen Tags mit all’ den Bahnen seines Lebens nicht sicher, wenn die Leute nicht aufpassen wollen, ganze Züge mit hunderten von Reisenden gehn auf diese Weise zu Grunde. Und schließlich kommt es doch auf Eins hinaus, ob man aus Pflichtversäumniß die Menschen mordet, oder absichtlich . . . Meine Worte betrüben Euch, Frau, das begreife ich wohl, aber es lag mir auf dem Herzen und mußte heraus! Lebt wohl, eßt und trinkt, aber bleibt nicht länger in meinem Hause als nöthig.«

Unter dem Brummen dieser letzten Wort trat er in Eben Hof zurück und verschwand im Stall.«

Sein scharfer Tadel und die entmuthigende Prophezeihung hatten der Großmutter und den Kindern Thränen in die Augen gebracht; Marianne allein verbarg ihre Scham. Obgleich die Pächterin sie zu trösten und beruhigen suchte, stand sie auf und sagte:

»Wir danken herzlich für Eure Güte . . . Kommt Kinder, wir wollen unsern Kreuzweg nur weiter fortsetzen. Weint nicht und laßt den Muth nicht sinken; sind auch die Menschen hart und ungerecht gegen Euren armen Vater, Gott im Himmel weiß doch, daß er unschuldig ist.«

Obwohl sie Muth und Stärke gezeigt, mußte ihr Herz doch von Weh zerrissen sein, denn sobald sie wieder auf der Landstraße waren, trocknete sie mehr als einmal die Augen, und das krampfhafte Zucken ihrer Züge bezeugte genugsam den innern Kampf.

Wenige Minuten später sah sie in der Ferne einen offenen Wagen herankommen, auf den sie mit besonderer Aufmerksamkeit die Augen richtete. Warum? Das wußte sie selbst nicht, doch schien ihr mehr und mehr, daß sie den darin sitzenden Herrn schon früher gesehn haben müsse.

Als der Wagen bis auf wenig Schritte sich genähert hatte, hielt er plötzlich an, der Herr sprang heraus und kam auf sie zu. Er schien noch jung zu sein, und auf seinem wohlwollenden Gesichte glänzte ein Lächeln freudiger Ueberraschung.

»Sie sind doch die Bahnwärterfrau aus Bolderhout?« fragte er.

»Jawohl, gnädiger Herr, Ihnen zu dienen,« war die Antwort.

»Kommen Sie jetzt vom Dorfe?«

»Wir haben es diesen Morgen verlassen.«

»Wissen Sie, wie es dem Notarius geht?«

»Schlecht, Herr, sehr schlecht. Seit dem Unglücksfall ist er noch immer ohne Besinnung und Sprache. Gestern Abend schien er etwas zu Verstand zu kommen und die Aerzte glaubten wohl deßhalb, daß es zu Ende ginge, denn er wurde sogleich mit den h. Sterbesakramenten versehen.«

»Dieser traurige Todesfall ist wirklich zu beklagen.«

»Ach, leider nur zu sehr!«

»Für Ihren Mann vor Allen. Wenn der Notar genesen wäre, dann hätte er Aufklärung geben können, wie der Wagen auf die Bahn gerathen, und vielleicht wäre seine Unschuld dadurch an den Tag gekommen.«

»Und jetzt? wird jetzt mein armer Sohn verurtheilt werden?« rief die blinde Großmutter.

»Das weiß ich nicht; die Sache macht so großes Aufsehen, daß der königliche Staatsanwalt sie selbst übernommen hat. Ich bin sein Stellvertreter, Sie kennen mich wohl noch; ich habe an dem Unglückstage versucht, Sie und die Kinder zu trösten.«

»Ja gewiß, gnädiger Herr, Gott wolle es Ihnen vergelten. Ach, Sie sind ja auch vom Gericht, gibt es denn keine Möglichkeit, zu meinem armen Mann zu gelangen? Um Gotteswillen, haben Sie Erbarmen mit uns!«

»Eben fahre ich nach Bolderhout, und wollte Ihnen dort sagen, daß Sie Ihren Mann im Gefängnisse besuchen dürfen.«

Ungläubig blickte Marianne zu ihm auf.

»Ihn besuchen dürfen? in seinem Gefängnisse?« flüsterte sie, »ach ich habe den Herrn wohl nicht richtig verstanden!«

»Gewiß, gewiß, gehn Sie nur hin, Sie werden sofort zugelassen werden; ich habe mit dem Direktor des Gefangenenhauses selbst gesprochen, der Portier hat Befehl, Sie ohne weiteres einzulassen und anzumelden.

Marianne preßte unter lauten Freuderufen die Kinder an ihr Herz und jubelte wie außer sich über das unerwartete Glück, das der Himmel in seiner Barmherzigkeit ihr zugesandt. Sie sollten also den Vater sehn, ihn umarmen, ihn küssen und durch ihre Liebeserweise ihm Trost und Stärke bringen.

Den Staatsanwaltsvertreter überschüttete sie mit Dank, sie nannte ihn ihren Wohlthäter, Retter, Engel, und fragte endlich, wann sie denn zum Gefängniß gehn dürften.

»Noch heute, sogleich wenn Sie wollen,« erwiderte er.

»Ach Gott gebe daß ich ihn gesund finde!«

»Er ist gesund und wohl.«

»Haben Sie ihn denn gesehn, gnädiger Herr!«

»Jawohl, noch diesen Morgen.«

»Mutter! Kinder, der Herr hat den Vater gesehn, er ist gesund und wir dürfen zu ihm! O welch’ gute Nachrichten! welches Glück, welches Glück!l«

Der Herr hatte inzwischen seine Brieftasche hervorgeholt und schrieb darin mit Bleistift einige Worte, reichte der dankerfüllten Frau dann ein Kärtchen und sagte:

»Wissen Sie, wo das Gefangenenhaus ist?«

»O ja, ich bin in der Stadt geboren und habe lange dort gelebt.«

»Gut denn, Sie schellen nur an der Pforte und zeigen dieses Kärtchen dem Mann, der öffnen wird; der ruft dann sofort einen anderen Wärter, welcher Sie in die Zelle Ihres Mannes führt. Seien Sie nun guten Muthes und hoffen, daß wenn er unschuldig ist, wie ich geneigt bin zu glauben, er auch vom Gericht wird freigesprochen werden.«

Daraus winkte er seinen Wagen heran und stieg ein. Während viele dankbare und freudige Gesichter ihm nachsahen und er die armen Leute noch einmal grüßte, rief er seinem Kutscher zu:

»Treib die Pferde an, nach Bolderhout mit aller Eile! Ich fahre zuerst zum Schlosse der Frau von Hövell!«

Lange saß er in tiefes Nachdenken versunken; es ging ihm durch den Kopf, wie das Gericht um den Schuldigen zu strafen, hin und wieder in der Lage sei, auch den Unschuldigen leiden zu lassen. Immer mehr gewann der Gedanke Raum, daß Johann Verhelft die Wahrheit gesagt und die Barrieren wirklich geschlossen habe . . . aber wer konnte es beweisen? Keine anderen Zeugen hätte es in der ganzen Welt gegeben als die beiden Verunglückten, und von diesen war ja der Kutscher gleich aus der Stelle todt geblieben, während, nach dem letzten Bericht zu schließen, der Notar gegenwärtig wohl auch schon verschieden sein mochte. Bei dieser trübseligen Sachlage könnte es allerdings geschehen, daß der arme Bahnwärter, schuldig oder unschuldig, durch das Gericht verurtheilt würde.

Der Gedanke quälte ihn; er wußte selbst nicht wie es kam, daß er solches Interesse für den Bahnwärter empfand, doch hatte dessen ganzes Wesen ihn gleich für sich eingenommen, und dazu gesellte sich dann das Mitleiden mit den armen Kindern, der blinden Großmutter, der verhältnißmäßig so gefaßten Frau.

Eben kam, bei der Biegung des Weges, ein Einspänner herangefahren, grüßend neigte der Staatsanwaltsvertreter sich gegen den Herrn, der darin saß; beide Fahrzeuge blieben stehn.

Guten Tag, Herr Bürgermeister? Wohin soll die Reise, und vor Allem, wie geht es dem Notar? Lebt er noch?

»Nun gewiß, er lebt und ist viel besser seit diesen Morgen.«

»Besser?«

»Ja viel besser.«

»Ist denn die Besinnung zurückgekehrt?«

»Das scheint wohl, denn er hat etwas gesprochen und eine Frau und Kinder erkannt.«

»Gott sei Dank, da werden wir ja auch erfahren, wie damals das Unglück geschehen ist; hat man ihn deßwegen schon befragt, Herr Bürgermeister?«

»Das weiß ich Ihnen nicht zu sagen.«

»Nun, ich werde es bald erfahren! Glückliche Reise Herr Bürgermeister!«

Und beide Wagen setzten sich wieder in Bewegung.

»Direkt zum Hause des Herrn Vereichen,« rief der Staatsanwaltsgehilfe seinem Kutscher zu.

Eine halbe Stunde später stieg er aus vor dem hübschen Hause des Notars und fragte den Diener, der ihm die Thür öffnete, ob er den Herrn Friedrich für einen Augenblick sprechen könne.

Der Diener, welcher ihn als Freund des Hauses kannte, führte ihn ohne weitere Umstände in den Garten und sagte:

»Dort hinten, unter der Traueresche, müssen Sie den jungen Herrn finden, wenigstens sind es noch nicht fünf Minuten, daß er dort auf der Bank saß.

Und wirklich sah er, nachdem er das Ende des lang sich hinschlängelnden Weges erreicht hatte, den ältesten Sohn des Notars in der Laube sitzen, unter den herabhängenden Zweigen einer Esche.

Der junge Mann schien in tiefe Gedanken versunken, sobald aber das Geräusch der Fußtritte ihm die Annäherung eines Menschen verrieth, sprang er auf und reichte seinem Gaste freundlich die Hand indem er ausrief:

»Guten Tag, Herr Masmans, heute gibt es gute Nachrichten!«

»Also bin ich recht berichtet? es geht besser mit Ihrem Vater?«

»Viel besser, Gott sei Dank! er wird genesen, sagt der Doctor. Kommen Sie, Herr Masmans, setzen Sie sich zu mir in die Laube, wir können dann behaglich sprechen, mein Vater schläft augenblicklich.«

Nachdem er Platz genommen, fragte der Staatsanwaltsgehilfe:

»Man hat mir erzählt, daß gestern Abend eiligst der Priester zu Ihrem Vater gerufen ist, das scheint also nicht wahr zu sein?«

»Doch, es verhält sich so. Seit dem schrecklichen Unglück hatte mein Vater bewegungslos dagelegen; die Aerzte glaubten, daß das Gehirn verletzt sei und er sanft entschlummern würde, ohne aus seiner tiefen Ohnmacht zu erwachen. Gestern aber schien er mit einem Mal zu sich zu kommen. Erblickte umher, sah uns verwirrt an, wie Jemand, dem die Besinnung wiederkehrt. Der Arzt sprach von einer äußersten Krisis und ließ sogleich den Geistlichen rufen: Wir verließen das Zimmer und durften erst längere Zeit nachher wieder dem Krankenbette nahen. Mein Vater lag jetzt mit weitgeöffneten Augen da und obwohl sein Blick noch wirr und unstät war, so leuchtete von Zeit zu Zeit doch etwas darin wie ein Funken Verstand. Endlich begann er auch, undeutliche Worte zu murmeln, es schien mir sogar einmal, daß er meinen Namen stammle. Der Arzt hatte uns aber verboten zu sprechen oder überhaupt nur das geringste Geräusch zu machen. Es war leicht zu bemerken, daß der Kranke noch immer sehr schwer im Kopf und sehr schläfrig war. Um Mitternacht fiel er denn auch in einen tiefen Schlaf, welcher jetzt noch andauert. Der Arzt hat lange an seinem Bette gewacht und uns dann voller Freude die Versicherung gegeben, daß dieses seit dem Unglücksfall der erste natürliche Schlaf meines Vaters sei. Er behauptet ferner, daß der Kranke beim Erwachten viel klareren Geistes sein, und uns Alle ohne Zweifel erkennen werde.«

»Ihr Vater hat also noch nicht deutlich gesprochen,« sagte der junge Beamte gedankenvoll, »und Sie haben noch keine Frage an ihn richten können?«

»Was soll ich ihn fragen? Sie betonen das so eigentümlich!«

»Jawohl, Friedrich, denn es hängt viel davon ab, was er antworten wird; ist er doch der einzige Zeuge des Eisenbahnunglücks, er allein kann erklären, wie es sich zugetragen hat.«

»Aber das ist ja klar wie der Tag!« rief der junge Mann, »der Bahnwärter hat einfach versäumt, die Barrieren zu schließen.«

»Das ist nicht sicher.«

»Wie so, nicht sicher?«

»Bedenken Sie doch, Friedrich, daß hier Ehre und Freiheit eines armen Familienvaters auf dem Spiele stehen; in solchen Fällen sollte man nicht urtheilen, ohne ganz bestimmte Beweise in Händen zu haben.«

Diese Bemerkung schien den Jüngling zu verstimmen und ihn ärgerlich zu machen; verwundert rief er aus:

»Sie vertheidigen noch den strafwürdigen Menschen, dessen Nachlässigkeit unserm Kutscher das Leben kostete, der meinen Vater an den Rand des Grabes gebracht hat und ihn seit acht Tagen wie einen Martyrer darniederliegen machte?«

»Ich vertheidige ihn keineswegs, aber ich bin nicht überzeugt von seiner Schuld?«

»Wenn er die Barrieren schloß, wie es sich gehörte, wie hätte dann das Unglück geschehen können?«

»Und wenn nun Jemand sie wieder geöffnet hätte?«

»Das ist nicht möglich, Herr Masmans. Der Bahnwärter ist verpflichtet, wenige Minuten vor der Durchfahrt des Zuges die Wege abzusperren. Es war an dem Abend entsetzliches Wetter, Blitz, Donner, Hagel und Sturm, als sollte die Welt vergehen, alle Leute hielten sich ängstlich in ihren Wohnungen. Wem konnte es da einfallen, zum Zeitvertreib dem Sturm zu trotzen, und die Barrieren zu öffnen? Verhelft hatte keinen einzigen Feind; vor dem Unglück war er von allen Leuten weit und breit geachtet und gern gesehn. Nein, nein, er ist schuldig, das ist keine Frage. Wegen des schrecklichen Wetters ist er ruhig in seinem Waggon sitzen geblieben und hat durch seine Nachlässigkeit meinen Vater und den Kutscher verunglücken lassen.«

»Wir wollen hoffen, Friedrich, daß Ihr Vater baldigst genesen wird; er allein kann über das Schicksal des armen Bahnwärters entscheiden.«

»Aber was soll denn mein Vater in aller Welt zu sagen wissen, als daß die Barrieren offen waren? Sonst würde ja doch unser Kutscher den Wagen nicht auf die Bahn gebracht haben. Ich bin fest überzeugt, daß die Richter den fahrlässigen Menschen verurtheilen werden.«

»Möglich ist es, doch bei dem Mangel an Zeugen bleibt es immer zweifelhaft.

»Nun da hörte denn doch Alles auf, wenn man solch’ fluchwürdige Pflichtverletzung unbestraft ließe! Um aber sicher zu sein, daß der Fall nach Gebühr behandelt wird, will ich einen berühmten Advokaten annehmen, der mir Recht schafft gegen den Mann, der unserm ganzen Hause solches Unheil zugefügt!«

»Das würde ich an Ihrer Stelle gewiß nicht thun, Friedrich,« sagte der Staatsanwaltsgehilfe, traurig den Kopf schüttelnd. »Wenn das Gericht den Bahnwärter freispricht, geschieht es, weil seine Schuld nicht hinreichend bewiesen werden kann. Erschreckt Sie denn nicht der Gedanke, eines Unschuldigen Verurtheilung herbeigeführt zu haben?«

»Ich bin aber fest überzeugt, daß er nicht unschuldig ist!«

»Sie sollten doch Mitleiden haben mit seiner blinden Mutter und den armen Kinderchen! Ach, wenn Sie, wie ich, die unglücklichen Leute gesehen hätten, hoffnungslos, weinend, klagend . . . «

»Ich habe sie gesehen, Herr Masmans; heimlich habe ich mir die Thränen aus den Augen getrocknet, Thränen des Mitleidens mit dem Loos der unglücklichen Familie, besonders des ältesten Knaben Alexander, den wir alle lieb hatten, da er ein gutes, verständiges Kind ist. Aber ich hade das Mitleiden in meinem Herzen erstickt, und mir selbst Gewalt angethan, um den Bahnwärter zu hassen. Bleibt mir nicht eine unerbittliche Pflicht zu erfüllen gegen meinen Vater, gegen unsern todten Kutscher, gegen die ganze menschliche Gesellschaft? Soll man solche mörderische Pflichtvergessenheit ungestraft lassen und so dazu beitragen, daß die Unglücksfälle auf den Eisenbahnen immer zahlreicher werden?«

Seine erhitzte Rede wurde hier durch das eilige Näherkommen eines Dienstmädchens unterbrochen, das erfreut zu ihm sagte:

»Herr Friedrich, der Herr Notar ist aufgewacht, es geht ihm viel, viel besser! Er sucht nach Ihnen mit den Augen und murmelt Ihren Namen.«

»Gott sei gepriesen!« jubelte der junge Mann, »ich komme, ich komme! . . . Herr Masmans, Sie entschuldigen, nicht wahr? Ich muß Sie verlassen.«

»Darf ich hier auf neue gute Nachricht warten?« fragte der Staatsanwaltsgehilfe. »O, es erfreut mich mehr als ich aussprechen kann, daß solch glückliche Wendung eingetreten!«

»Bleiben Sie, bleiben Sie,« rief Friedrich, »haben Sie nur ein wenig Geduld und lassen sich die Zeit nicht lang werden, ich komme gleich zurück und sage Ihnen, wie es dem Vater geht.«

Im nächsten Augenblick war er verschwunden und lief mit geflügelten Schritten dem Hauses zu.

Während einer ziemlich langen Zeit blieb der Andere allein und spazierte in Gedanken versunken, einsam durch den Garten.

Endlich sah er Friedrich zurückkommen, der ihm schon aus der Ferne mit der Hand winkte.

»Nun, wie haben Sie Ihren Vater gefunden?« fragte er.

»Gut, sehr gut,« war die Antwort, »er ist jetzt bei klarer Besinnung.«

»Und haben Sie ihm noch nicht von dem Unglück gesprochen?«

»Nein, wir durften nicht, es möchte ihn zu sehr aufregen, wenn er den schrecklichen Tod des Kutschers erführe.«

»Aber den brauchte man ihm ja nicht zu melden.«

»Das ist richtig, Herr Masmans, aber wir haben beschlossen, vor der Ankunft des Arztes nichts zu wagen. Ich habe meinem Vater gesagt, daß Sie sich nach seinem Befinden erkundigt hätten und nun im Garten auf die Antwort warteten; darauf bezeugte er den Wunsch, Sie zu sehn; wollen Sie mir folgen?

»Gewiß, gewiß!« rief der Andere, mit sichtlicher Freude.

»Aber Sie werden ihn nicht an das Unglück erinnern?«

»Nein, sicher nicht, wenn er nicht selbst davon anfängt.«

»So kommen Sie denn, ich werde Sie zu ihm führen.«

Als sie die Thür des Krankenzimmers öffneten, wurde ihnen durch ein Zeichen die größte Ruhe empfohlen. In einiger Entfernung von dem Bette saß Frau Vereichen mit einem Krankenwärter. Der Notar lag auf dem Rücken, die Augen weit geöffnet, den gläsernen Blick starr in die Höhe gerichtet; er schien noch wirr im Kopfe zu sein und wenig Bewußtsein von seinem Zustande zu haben.

Friedrich näherte sich ihm vorsichtig und sagte mit leiser Stimme:

»Vater hier ist unser Freund, der Herr Masmans, der Dich besuchen will.«

Der Kranke schien diese Worte anfangs nicht zu hören, doch als ob seine Seele allmählig erwache, kam Licht und Leben in seinen Blick. Er ließ den Kopf ein wenig zur Seite sinken, sah den Besuchenden erst fragend, dann mit einem matten Lächeln an und versuchte selbst die Hand zu ihm zu erheben.

»Guten Tag, Herr Masmans,« murmelte er, »ach wie krank bin ich gewesen und so lange, lange Zeit!«

»In der That, Herr Notar, Sie waren sehr trank und haben gewiß arg gelitten, aber nun ist, Gott sei Dank, Alles glücklich überstanden. Sie werden genesen; nur wenige Tage noch, dann können Sie bei den milden Sonnenstrahlen schon wieder im Garten spazieren.«

Bei dieser tröstlichen Prophezeihung lächelte der Notar wieder, doch nahmen seine Züge fast gleichzeitig einen peinlichen Ausdruck an. Er fuhr mit der schwankenden Hand nach der linken Seite seines Kopfes und murmelte seufzend:

»Es ist noch nicht überstanden! Da habe ich Schmerzen, mein Kopf ist zerbrochen, ich bekam einen Schlag, einen schrecklichen Schlag . . . Wo war es doch gleich? . . . Und wie?«

Seine Hausgenossen zitterten vor Furcht, daß die Erinnerung an das traurige Ereigniß jetzt plötzlich in ihm erwachen würde. Der Staatsanwaltvertreter war nicht minder bewegt, das Herz schlug ihm in freudiger Aufregung und er horchte mit gespannter Aufmerksamkeit.

Der Kranke schwieg wieder und blickte aufwärts, doch sah man in dem Ausdruck der Augen und an dem Runzeln der Stirn, daß er mit einem undeutlichen Gedanken beschäftigt war, und sich bemühte, Klarheit in seinem Geiste zu erwecken.

Plötzlich legte er wieder den Kopf aus die Seite und fragte:

»Wo ist Joseph, der Kutscher?«

Alle erbleichten bei dieser überraschenden Frage.

Friedrich näherte sich schnell und sagte scheinbar ruhig.

»Der Kutscher ist im Stall bei den Pferden, Vater.«

»Du mußt ihn fortjagen,« brummte der Kranke.

»Ihn fortjagen?«

»Er soll mir nicht mehr unter die Augen kommen!«

»Gut, Vater ich will es ihm sagen.«

»Weßhalb sind Sie denn so ärgerlich über Ihren Kutscher?« fragte der Staatsanwaltsgehilfe mit versteckter Absicht.

»Er ist Schuld an meiner Krankheit,« sagte der Notar, mit größerem Ausdruck als zuvor. »Ja nun besinne ich mich, – der Donner, – der Hagel – der Schnellzug . . . «

»Ihr Kutscher hat doch nicht etwa die Barrieren geöffnet?«

»Ja, geöffnet, er hat sie geöffnet.«

»Mit Ihrer Zustimmung?«

»Ich hatte es ihm verboten; er war angetrunken, das Wetter war schrecklich . . . «

»Da ist er also abgestiegen, um die Barrieren zu öffnen?«

»Ja, leider, trotz meiner Zurufe.«

»Aber sind Sie denn sicher, daß sie vorher geschlossen war? Vielleicht hatte man versäumt, sie zu schließen?«

»Nein, nein, ich weiß es ganz gewiß.«

Der junge Beamte trat aus Friedrich zu und sagte mit gedämpfter Stimme:

»Sie haben es gehört, nicht wahr? Johann Verhelft ist unschuldig. Erlauben Sie mir jetzt, eine Pflicht der Menschenliebe und Gerechtigkeit zu erfüllen. Ich verlasse Sie, doppelt erfreut über die Genesung des guten Herrn Bereichen und über die Befreiung eines braven Mannes.«

Friedrich stand wie erstarrt bei dieser unerwarteten Offenbarung; sein Blick suchte den Boden, er antwortete nur durch eine langsame Bewegung des Kopfes.

Mit einem schweigenden Gruß verließ der Andere das Gemach und eilte die Treppe hinab; Friedrich aber, der ihm rasch gefolgt war, erreichte ihn im Hausflur, ergriff seine Hand, zog ihn in ein anstoßendes Zimmer und sagte mit Thränen in den Augen:

»Herr Masmans, Sie beschuldigen mich in Ihrem Herzen der Bosheit, nicht wahr? Bin ich doch wirklich größtentheils die Ursache von Allem, was Johann Verhelft und feine arme Familie gelitten hat. Ich habe die Leute gegen ihn aufgehetzt, habe auf seine sofortige Verhaftung gedrungen, habe ihn um seine Bahnwärterstelle gebracht. Und vor dem Unglück achtete ich ihn doch und wünschte nur, ihm und seinen Kindern Gutes zu thun. Das Einzige, was ich zu meiner Entschuldigung sagen kann ist,, daß ich von seiner Schuld fest überzeugt war . . . Jetzt aber quält mich das Gewissen, ich bin außer mir, beschämt und betrübt und wünsche nichts mehr, als daß ich, um irgend welchen Preis, das Unrecht wieder gut machen könnte, welches ich den armen Leuten zugefügt.«

»Lassen Sie sich nicht gar zu sehr niederschlagen, Friedrich, sagte der Staatsanwaltsgehilfe, »die Genugthuung ist in dem vorliegenden Falle nicht so schwer. Sobald der Richter das Zeugniß Ihres Vaters vernimmt, wird er Johann Verhelft in Freiheit setzen. Mit einigem Gelde läßt sich dann der erlittene Schaden ersehen und in der Freude über die glückliche Wendung der Sache werden die erlittenen Schmerzen bald vergessen sein. Suchen Sie ihm eine andere Anstellung zu verschaffen und schützen ihn inzwischen vor aller Noth. Ich habe diese Leute kennen gelernt, sie sind von Natur gut und dankbar und werden Sie noch als ihren Wohlthäter segnen.«

»Ihr-e tröstenden Worte geben mir neuen Muth, aber unthätig kann ich jetzt nicht bleiben. Wenigstens sechsmal bin ich zur Stadt gelaufen, um meiner Rachsucht zu genügen; mit demselben Eifer will ich fortan die Sühne bewirken. Armee Verhelft! Er war so glücklich in seinem Waggon, der einfache, brave Manne wenn er seinen Posten bei Bolderhout nicht zurückbekommt, wird er sich lange darüber grämen, wo immer man ihn auch sonst anstellen möge. – Kehren Sie jetzt zur Stadt zurück, Herr Masmans?«

»Nun, natürlich.«

»Sofort?«

»Ohne Aufschub, Friedrich. Ich gehe gleich zum Untersuchungsrichter um die Freilassung des Gefangenen zu bewirken. Der Richter wird unglücklicher Weise wohl auf seinem Landgute sein, es liegt jenseits der Stadt, aber ich werde mich beeilen, so viel als irgend möglich.«

»Wohlau denn, Herr Masmans, wenn Sie es erlauben und ein Plätzchen für mich in Ihrem Wagen haben, schließe ich mich Ihnen an. Sie sind dann wohl so gütig, mich am Bahnhof abzusetzen, damit ich sogleich von dem Director die Wiedereinstellung Johann Verhelft erbitten kann. Er ist ein Freund meines Vaters und wird mein Gesuch nicht abschlagen.«

»Aber der neue Bahnwärter?«

»O, und wenn wir ihn jahrelang unterhalten müßten, bis er eine andere gute Stelle findet, was ist das im Vergleich zu der Schande und dem Schmerz, den ich unschuldigen Leuten zugefügt?«

»Das ist wahr, Friedrich. Was Sie sagen, kommt aus einem edlen Herzen.«

»Hören Sie nun« was ich vorhabe.

Sie geben mir einen Einlaßschein zum Gefängniß, ich beeile mich bei der Eisenbahndirection und bin dann hoffentlich der Erste, der dem Gefangenen die frohe Botschaft überbringt. Inzwischen fahren Sie zum Untersuchungsrichter und kommen mit der Freilassung zum Gefängniß. Sollten Sie mich dort nicht finden, so bitte ich dringend, daß Sie auf mich warten, denn ich möchte um keinen Preis den Augenblick verfehlen, in dem das Opfer meiner Verirrungen der Freiheit und dem Glück zurückgegeben wird. Lassen Sie nun eilig Ihren Wagen anspannen und holen mich dann gütigst hier ab, ich werde inzwischen die nöthigen Vorkehrungen treffen, um auf einige Stunden vom Hause mich entfernen zu können.«

So sprechend führte er seinen Freund durch den Garten an das Thor.

Beim Zurückgehn begegnete er dem Schreiber und sagte in freudiger Aufregung:

»Hören Sie, Wispel, ich muß Ihnen Etwas mittheilen, das Sie überraschen wird. Sie waren immer ein guter Freund von Johann Verhelft und haben niemals glauben wollen, daß er Schuld sei an dem Eisenbahnunglück . . . «

»Ich glaube es auch nicht bis aus den heutigen Tag,« brummte der Schreiber.

»Nun denn, Sie hatten Recht, mein Vater hat gesprochen, es ist Joseph, der Kutscher gewesen, welcher die Barrieren geöffnet hat; er war angetrunken und gab dem Verbote meines Vaters kein Gehör.«

»Hurrah, Hurrah!l Hoch lebe Johann Verhelft!« rief der Schreiber, vor Freude seine Mütze in die Lust werfend.

»Sein Sie ruhig und geben wohl Acht,« sagte Friedrich. »Die Leute von Bolderhout haben ihm viel Schmach und Leid angethan, morgen wird er hierher zurückkehren. Gehen Sie jetzt durch das ganze Dorf und verkünden seine Unschuld, damit er in Freude und Ehren eingeholt werde, wie es ihm gebührt.«

»Herr Friedrich, erlauben Sie, daß ich nach meinem Sinn den Empfang einrichte?«

»Ja, ich wünsche dringend, daß man ihn sein Unglück vergessen mache.«

»Und wenn es einige Franken kosten sollte?«

»Darauf brauchen Sie nicht zu sehn, ich gebe Ihnen ausgedehnte Vollmacht.«

»Nun, dann soll nichts daran fehlen,« jubelte der Schreiber, indem er voller Freuden eiligst dem Dorfe zulief.

V

Es war gegen elf Uhr des Morgens, als Marianne mit der blinden Großmutter und den Kindern die Stadt erreichte.

Sie hatten die Mühen und Beschwerden des langen Weges glücklich überstanden, durstig, hungrig und ermüdet mußten sie sein, und doch glänzte in ihren Augen das Glück froher Erwartung.

Selbst der Anblick der düstern Mauern des alten Gefangenenhauses, die eisernen Gitter der Fenster, die furchterweckenden Schießscharten vermochten nicht ihre Freude zu vermindern. Nur ein Gedanke erfüllte sie ganz: wenige Minuten noch, dann sollten sie den geliebten Vater, den Gatten, den Sohn umarmen.

Ermuthigt durch die Einlaßkarte, welche der Staatsanwaltsgehilfe ihr eingehändigt, ergriff Marianne furchtlos den Glockenzug.

Das Thor wurde gleich darauf halb geöffnet.

»Was wollt Ihr hier?« fragte der Portier kurz angebunden indem er die arme Familie mißtrauisch betrachtete.

Sobald er aber das Kärtchen in Empfang genommen, öffnete er das Thor vollständig und sagte eben so kurz:

»Kommt herein, geht dort in die Stube und wartet.«

Sie traten in das bezeichnete Gemach, mit hochklopfenden Herzen; glaubten sie doch, daß der Portier den Gefangenen holen wolle. Die Kinder und die Großmutter streckten schon, ohne es zu wissen, die Arme ihm entgegen.

Da hörten sie das Geklirr von Schlüsseln und ein anderer Aufwärter trat herein.

»Wer ist hier die Frau des Bahnwärters Johann Verhelft?« fragte er.

»Das bin ich!« erwiderte Marianne vortretend.

»So folgen Sie mir, ich habe den Auftrag, Sie zu Ihrem Mann zu führen.«

»Kommt Kinder, komm Großmutter, wir sollen zum Vater in die Zelle . . . «

»Halt, so ist es nicht gemeint,« unterbrach sie der Schließer abwehrend. »Sie allein, Ehefrau Verhelft, dürfen mir folgen.«

»Und meine armen Kinder? Großer Gott!«

» Die bleiben hier in diesem Zimmer bis Sie zurückkehren.«

»Und ich, seine blinde Mutter, ach habt Erbarmen! Um Gotteswillen!«

»Mein Auftrag lautet so und nicht anders, spart nur die nutzlosen Klagen.«

Alle standen verwirrt, entsetzt und bleich, ein Donnerschlag hätte sie nicht gewaltiger treffen können als diese unerwartete rohe Zurückweisung.

Marianne faßte sich zuerst, mit gefalteten Händen flehte sie:

»Ach, wenn Ihr ein menschliches Herz habt, dann erbarmet Euch!l Denkt des armen Johann Verhelft! Er sollte wissen, daß seine blinde Mutter und seine Kinder, die er liebt wie das Licht seiner Augen, ihm so nah sind, und sie nicht umarmen dürfen? Da müßte ihm ja das Herz vor Kummer brechen. Seht wie die armen Schäfchen in Thränen zerfließen, die alte blinde Frau wird ohnmächtig werden . . . Seid barmherzig! Gott im Himmel wird es Euch vergelten!«

»Erbarmen, ach Erbarmen! « rief auch die Großmutter.

Aber wie sie auch baten und flehten, der Schließer blieb kalt und fest, wenngleich seine Worte milder wurden. Ihm war der Befehl geworden, die Frau des Johann Verhelft zu ihrem Manne zu führen, und unter keinem Vorwande durfte er darüber hinausgehen.

»Mutter, liebe, herzige Kinder, weint nicht so bitterlich,« sagte Marianne mit thränenerstickter Stimme. »Unser Schicksal ist hart, aber wir müssen uns dem Willen Gottes unterwerfen. Ich will hingehen zum Vater, ihn für Euch Alle umarmen, ihn trösten in Eurem Namen und Euch dann seine Liebesworte zurückbringen. Ich darf den armen Gefangenen jetzt nicht länger warten lassen. Habt Muth und haltet Euch stark! Alexander, gib gut auf Bärbchen Acht, bis ich, wiederkomme.«

Sie setzte das Kind auf den Arm des Knaben und rief dann an der Thür mit schwer errungener Fassung:

»Jetzt bin ich bereit, zu folgen.«

Sie waren schon eine Strecke durch einen düstern Gang geschritten, als der Schließer mitleidig zu ihr sagte:

»Sie sind also die Frau des Bahnwärters dessen Pflichtvergessenheit den Tod von zwei Menschen verursacht hat?«

»Ach es ist ja nicht wahr! Glauben Sie mir, er hatte die Barrieren geschlossen!«

»Natürlich, anders werden Sie gewiß nicht sprechen! Uebrigens thun Sie mir herzlich leid, arme Frau; was wollen Sie nur mit den Kindern und der blinden Mutter anfangen? «

»Sie glauben also, daß mein Mann verurtheilt wird?«

»Daran ist nicht zu zweifeln, Sie sollten steh lieber an den traurigen Gedanken zu gewöhnen suchen, es wird dann weniger schrecklich sein, wenn Sie später das Urtheil hören.«

Gefoltert von tiefer Angst wollte Marianne eben in Klagen über die Ungerechtigkeit der Menschen ausbrechen, doch da sah sie, wie ihr Begleiter den Schlüssel in eine kleine schwarze Thür steckte. Ihr Schmerz war verschwunden, ihre Augen glänzten, laut klopfte ihr Herz und es entfuhr ihr ein durchdringender Schrei, gemischt von Freude und Schrecken, als sie in dem Halbdunkel der Gefängnißzelle das abgemagerte Gesicht ihres Mannes gewahrte.

Sie sprang ihm entgegen und wurde vor Aufregung beinah ohnmächtig an seiner Brust.

»Die Frau kann eine halbe Stunde hier bleiben,« sagte der Schließer, ich halte so lange hier draußen Wache und werde sie fünf Minuten vor zwölf wieder abrufen, so lautet mein Befehl.«

Der Bahnwärter drückte seine Frau eine Weile schweigend an’s Herz, stille Thränen flossen aus beider Augen und als sie endlich die Sprache wiederfanden, konnten sie anfangs nichts sagen als: »Gute Marianne, geliebte Frau!« und: »Jan, liebster Jan!«

Nachdem sie in undeutlichen, abgeriss’nen Worten ihre Freude, einander wiederzusehn, ausgesprochen hatten, führte der Gefangene seine Frau zu dem Bänkchen, setzte sich neben sie und nahm ihre Hand in die seine.

»Laß uns Muth fassen, Marianne,« sagte er. »Nur eine halbe Stunde ist uns vergönnt und wir haben von so vielen und wichtigen Dingen zu sprechen! Du siehst mich traurig an? Du fragst, warum ich so abgemagert bin in den wenigen Tagen? Das kommt, weil ich nichts, gar nichts von Dir und den Kindern vernommen. Jetzt fühle ich mich geströstet und neu gekräftigt. Sag mir nun zuerst, wie es Euch in meiner Abwesenheit ergangen? ist die Großmutter krank geworden? Und die Kinder? Wird der Notar genesen? Wer bewacht jetzt die Barrieren?«

»Großmutter und Kinder sind gesund,« antwortete Marianne zögernd; »sagt Dein Herz Dir nicht, Jan, daß sie ganz in Deiner Nähe sind?«

»Wie so, in meiner Nähe? was will das sagen?«

»Sie sitzen in einer Kammer beim Thor des Gefangenenhauses, sie warten . . . und weinen. Ach die ärmsten, sie waren hierher gekommen in der Hoffnung, Dich zu umarmen und nun dürfen sie nicht zu dir!«

Von neuem flossen die Thränen über ihre Wangen.

»Ach meine armen Schäfchen, was haben sie denn verbrochen?« murmelte Johann Verhelft bekümmert. Bald aber bezwang er seinen Schmerz und sagte entschlossen:

»Marianne, wir wollen unser Leid ersticken und unsere Thränen gewaltsam zurückdrängen, denn die Zeit verfliegt. Sag mir jetzt schnell wie es Euch seither ergangen und dann wollen wir von wichtigen Dingen reden.«

Die bedrückte Frau schien ihn zu verstehen, denn sie schüttelte heftig den Kopf als wollte sie sich auflehnen gegen ihren Schmerz, und antwortete dann hastig:

»Dem Notar ging es gestern Abend sehr schlecht, man fürchtete, er würde die Nacht nicht überleben. Die Großmutter ist nicht krank geworden, ich habe sie und die Kinder getröstet und ermuthigt durch die Hoffnung, daß du bald freigesprochen würdest. Ich selbst erlag beinah dem Schrecken und der Verzweiflung, doch fühlte ich, was mir als Mutter zu thun oblag und so zeigte ich mich stark, um die Andern zu trösten. Ein neuer Bahnwärter ist ernannt . . . «

»Ach,« seufzte Johann Verhelft, unser lieber Waggon, unser Gärtchen, unser Land, die Schule von unserm Alexander, Alles ist verloren, für immer verloren! Wir waren zu glücklich, deßhalb konnte es so nicht bleiben . . . fort, Marianne.«

»Der neue Bahnwärter ist ein gutmüthiger Mensch,« er wollte uns, bis nachdem Ausspruch des Gerichtes, im Waggon wohnen lassen, aber die Leute ans Bolderhout verfolgten uns so unbarmherzig und überhäuften mich und die unschuldigen Kinder so sehr mit Schmähungen, daß wir beschlossen haben, hier in der Stadt ein paar Stübchen zu miethen.«

»Aber wie ist es nur möglich, liebe Frau, daß die Leute in Bolderhout plötzlich so hart und böse geworden sind, während sie doch früher die besten Menschen der Welt waren?«

»Das ist die Schuld von Friedrich Vereichen, der läuft von Morgen bis Abend umher, Alle gegen uns aufhetzend. Sieh, Jan, das hätte ich niemals gedacht, aber Friedrich ist ein schlechter Mensch und Gott im Himmel wird ihn strafen für das Uebel, das er uns anthut!«

»Ach, Marianne,« sagte der Bahnwärter, »der arme junge Manns sieht seinen Vater sterben und hält mich für die Ursache seines Todes. Früher war er immer so gut und freundlich gegen uns. Gewiß es ist nur der Schmerz, der ihn irre macht, ich habe Mitleiden mit ihm.«

»Nur zwei Freunde sind uns in unserm Unglück geblieben,« erzählte die Frau weiter; »nämlich Wispel der Schreiber des Notars, und Alexanders Lehrer und dann hat Gott uns einen edelmüthigen Beschützer gesandt, um uns zu trösten, den Staatsanwaltsgehilfen des Gerichts. Was das doch für ein guter, edler Herr ist! Er war es auch, der mir die Erlaubniß verschaffte Dich zu besuchen; ich werde ihm noch auf meinem Todesbette danken. Und Dich hat er auch im Gefängnisse getröstet, nicht wahr?«

Verhelft antwortete nicht, er schien seine Gedanken zu sammeln, alle seine Kraft zusammen zu nehmen, zu einer ernsten Unterredung.

Er faßte wieder ihre Hand und sagte mit bewegter Stimme: »Marianne, es ist leider meine Pflicht, Dich tief zu betrüben, aber Menschen wie wir, ohnmächtige, elende Menschen, können nichts thun als ihr Kreuz ausnehmen und treu ausharren bis zum Ende. Der Wille Gottes ist unerforschlich, liebe Frau, wir müssen uns in Ergebung ihm unterwerfen. Höre deßhalb ruhig und gefaßt, was ich Dir jetzt sagen will. Zeugen meiner Unschuld gibt es nicht, ich werde also verurtheilt werden . . . Weine nicht, Marianne, das kann doch nichts daran ändern, denk an unsere Kinder . . . «

»Armer Jan,« klagte die Frau. »Du guter Mensch, Du solltest wirklich viele Jahre in diesem Loch bleiben müssen? «

»Nein« nur zwei Jahre. Der Geistliche, der mich besucht, hat mir erklärt, daß das die Strafe ist, welche das Gesetz für die fahrlässige Tödtung bestimmt. Zwei Jahre vergehen ja so schnell! Wäre es nicht Dein und der Kinder Loos, der Verlust meiner Stelle in Bolderhout und der ach! noch so unendlich schwerere Verlust meiner Ehre, da würde ich meiner Verurtheilung geduldig entgegensehen . . . Hast Du schon darüber nachgedacht, Marianne, was Du während, der Dauer meiner Gefangenschaft anfangen willst?«

Ich will mir die Finger von den Händen arbeiten, nach besten Kräften, Jan, und mit Gottes Hilfe . . . «

»Arbeiten, Du gute Frau?« rief der Bahnwärter gerührt. »Arbeiten? Und wenn Du Dich zu Tode plagtest, Du könntest doch nicht ganz allein die Großmutter, die drei Kinder und Dich selbst ernähren. Ich habe Tag und Nacht darüber nachgedacht, es muß ein muthiger Entschluß gefaßt werden, wie schmerzlich auch die traurige Notwendigkeit Dein liebevolles Mutterherz durchschneiden wird. Gib jetzt genau Acht, was geschehen muß. Ich will den Meistergesellen der Bahnhofswerkstatt daran erinnern, daß er früher mein bester Freund war, auch die Fürsprache des guten Staatsanwaltsvertreters werde ich anrufen, mit beider Hilfe werden wir dann hoffentlich für die Großmutter einen Platz im Armenhause erlangen bis ich zurückkehre . . «

»O, das ist entsetzlich, Jan, Deine blinde Mutter in’s Armenhaus!«

»Es muß sein, Marianne, aber das ist noch nicht das schlimmste. Alexander kannst Du bei Dir behalten, aber Bärbchen mußt Du zu meiner Schwester nach Vilvorden tragen, sie wird sich nicht weigern, das Kind aus Mitleiden die zwei Jahre zu behalten . . . Du weinst, Marianne, ich begreife, daß Dir das Herz brechen will, aber die Noth ist einmal unerbittlich . . . Den kleinen Heinrich muß Du so lange Deinem alten Onkel, dem Wagenmacher übergeben, der ja sein Pathe ist. Alexander soll Lehrjunge werden in der großen Werkstatt, da wird er schon bald etwas Geld verdienen. So bist Du im Stand, ohne Dich krank zu arbeiten und – ohne betteln zu müssen, bis zu meiner Wiederkehr Dich durchzubringen . . . Komm, liebe Frau, weine nicht so sehr und fasse Muth, Gott wird Dich und uns alle nicht vergessend.«

Marianne schwieg, sie schwamm in Thränen und schluchzte laut. Ihr Mann hatte sie in seinen Arm genommen und suchte sie mit sanften Worten aus dem Abgrunde des Schmerzes aufzurichten.

»Bedenke doch, daß die Nothwendigkeit uns zwingt,« flüsterte er, »wie könnte ich sonst einwilligen, Dich wie ein erbarmungsloser Feind zu quälen, Dich die ich ehre und liebe als das Bild der höchsten Güte und reinsten Liebe! Deine Thränen machen mein Herz bluten!«

»O Jan, Jan! rief sie, »ich glaube daß ich den Verstand verliere vor Kummer! . . . Laß mich weinen, laß mich schluchzen, oder ich muß ersticken! Habe ich denn kein Mutterherz? Von all meinen Kindern soll ich mich trennen? Jedes mir ein Stück von meinem Leben mit fort. Jedes wird mir ein Stück von meinem leben mit fortnehmen! Soll ich da nicht verzagen? nicht sterben? O Gott! hast Du uns denn ganz verlassen? Gibt es denn im Himmel kein Erbarmen mehr für solch Armselige wie wir?«

Jetzt wurde die Thür der Zelle geöffnet und der Schließer, der bis dahin Wache gehalten, trat herein.

»Die halbe Stunde ist verflossen,« sagte er, »Frau Verhelft, Sie müssen mir ohne Aufschub folgen.«

Ein Angstschrei entrang sich ihrer Brust.

»Ihn verlassen? jetzt verlassen?« rief sie. »Nein, nein, eher lasse ich mir die Arme ans dem Leibe reißen. Ich frage nach nichts mehr, ich flehe um den Tod wie um die höchste Wohlthat!«

Der Schließer ergriff ihren Arm, und während er versuchte sie fortzubringen, flüsterte er dem Bahnwärter in’s Ohr:

»Seien Sie vernünftig und helfen mir, es läßt sich nichts daran machen, meine Vorschrift befiehlt es so.«

Johann Verhelft stieß einen dumpfen Schrei aus und ließ das Haupt wie vernichtet auf die Brust sinken. Gewalt brauchen, um seine unglückliche Frau zu entfernen, ach, dazu hatte er keine Kraft!

Marianne leistete noch eine kurze Zeit dem Schließer Widerstand; auf die flehentlichen Bitten ihres Mannes aber gab sie nach, brach in Thränen aus und schluchzte:

»Ich will gehn« mich fortführen lassen, Alles ist mir gleichgültig.«

Zu Alter Erstaunen erschien jetzt plötzlich in der Thür des Gefängnisses ein Herr; entsetzt bebte Marianne zurück, während sie ausrief:

»Friedrich, unser Verfolger, unser Feind!«

Der junge Herr Vereichen trat näher, wandte sich zu dem Gefangenen und sagte mit tiefer Rührung:

»Verhelft, Sie haben ein Recht, mich zu hassen, ich habe Ihnen viel Leid zugefügt, das weiß ich. Aber verzeihen Sie mir, denn jetzt bringe ich Ihnen Glück, Ehre und Freiheit zurück!

Der Bahnwärter und seine Frau sahen ihn ungläubig an, doch zitterten beide und waren erblaßt in ängstlicher Erwartung.

»Mein Vater wird genesen,« fuhr Friedrich fort. »Er hat heute Morgen zuerst wieder gesprochen und Ihre Unschuld erklärt, unser Kutscher hatte, gegen den Willen meines Vaters, die Barrieren geöffnet. Der Stellvertreter des Staatsanwalts ist bereits zum Untersuchungsrichter geeilt, um Ihre Freilassung zu bewirken. Zweifeln Sie nicht länger, heute noch verlassen Sie das Gefängniß!«

Da erst fielen der Bahnwärter und seine Frau mit namenloser Freude sich in die Arme, und priesen danke baten Herzens den Namen Gottes, der in seiner Güte sich ihrer erbarmt hatte, in einem Augenblick, da alle Hoffnung sie zu verlassen schien.

»Bitte, hören Sie mir jetzt zu,« sagte der junge Herr Vereichen. »Daß Ihnen Ehre und Freiheit zurückgegeben wird, erscheint Ihnen als das höchste Glück, mir aber genügt das nicht. Ich habe schlecht an Ihnen gehandelt, weil ich Sie schuldig wähnte, nun, aber will ich, so viel als irgend möglich, das Unrecht und den Schaden ersetzen, den Sie durch mich erlitten. Sorgen Sie nicht für ihre Zukunft, ich bin schon zum Director der Eisenbahn gewesen, um Sie in Ihre Stelle zu Bolderhout wieder einsetzen zu lassen. Unglücklicher Weise traf ich den Direktor nicht zu Haus, ich werde ihn aber jedenfalls heute noch sprechen. Und was auch immer geschehen mag, ich will Ihnen helfen, für Sie sorgen, Ihnen beistehen, bis Sie selbst mir sagen werden: »wir sind entschädigt.« Für die Zukunft Ihres guten Sohnes Alexander mache ich mich verantwortlich, und wenn die andern Kinder jemals Etwas nöthig haben, so werde ich mein ganzes Leben hindurch bereit sein, ihnen meine Schuld gegen ihren braven Vater zu vergüten. In Ihrem Wärterhäuschen wohnt einstweilen noch der neue Beamte, ich bringe Sie deßhalb heute, sobald wir Ihre Freilassung in Händen haben mit Ihrer Familie zu einer guten Herberge in der Stadt, und dort bleiben Sie, bis ich in Bolderhout eine Wohnung für Sie bereitet.«

Johann Verhelft und Marianne hielten sich fest umschlungen, Worte der Dankbarkeit flüsternd.

»Ach, wie bald kann das Schicksal der Menschen sich wenden,« sagte die Frau, »vor wenig Augenblicken noch wollte mir das Herz brechen, ich beweinte Dich und unsere Kinder . . . und jetzt sind wir nun Alle wieder glücklich, wie die Engel im Himmel!«

»Nun, Verhelft, wollen Sie mir Ihre Verzeihung schenken?« fragte der junge Herr Vereichen.

»Ich habe sie niemals in meinem Herzen angeklagt, Herr Friedrich,« sagte der Bahnwärter, »im Gegentheil, mich dauerte nur Ihr großer Kummer, das kann meine Frau bezeugen.«

»So ist es, Herr Vereichen,« bestätigte Marianne, »ich habe Sie der Rachsucht und Bosheit beschuldigt und war, Ihnen gram, er aber hat Sie stets vertheidigt, und jetzt sehe ich nun auch, wie sehr ich mich getäuscht. O Sie sind uns eben so gut, wie zuvor!«

»Dank, tausend Dank,« sagte Friedrich voller Rührung. »Geben Sie mir beide die Hand, Sie guten Leute. Ihr Loos muß verbessert werden, Johann Verhelft, sprechens Sie mir nur Ihre Wünsche aus!«

»Ach, vor Allem verlange ich nur nach Freiheit.«

»Natürlich, aber das wollte ich nicht damit sagen.«

»Nun, dann möchte ich meinen Posten in Bolderhout wieder haben und mit meiner Frau und meinen Kindern zurückkehren zu meinem-Gärtchen, meinem Land.«

»Ich zweifle nicht, daß ich im Stande sein werde,« Ihnen diesen nur zu bescheidenen Wunsch zu erfüllen,« sagte Friedrich, »und was die Freiheit betrifft, die wird Ihnen baldigst durch den Vertreter des . . . «

Verworrene Stimmen ließen sich jetzt hinten im Gange vernehmen.

»O Gott, was höre ich?« rief der Bahnwärter, »meine Kinder? Meine Mutter?«

Und kaum noch hatte er die Worte ausgesprochen, da stürmten sie heran, jubelnd, frohlockend füllten sie die enge Zelle.

»Vater, lieber Vater! Frei, frei!« das war alles, was er hörte, während ihn die Liebkosungen seiner beiden Knaben, die ausgelassen vor Freude ihm aus Arme und Schultern kletterten, beinah erdrückten. Bald war die ganze Familie, die Großmutter nicht ausgenommen, in fester Umarmung, wie von einem Bande umschlungen. Der Vertreter des Staatsanwalts, welcher die Kinder und die Blinde hergebracht hatte, zeigte jetzt ein Papier vor und sagte:

Johann Verhelft, sehn Sie hier Ihre Freilassung. Ich schätze mich glücklich, daß ich Etwas dazu beitragen konnte, die Unschuld eines ehrlichen, braven Mannes an den Tag zu bringen.«

Marianne riß sich los aus der allgemeinen Umarmung und kniete vor ihm nieder.

Sie, Herr, Sie sind unser Retter!« rief sie aus. »O gewiß, Gott wird Ihnen einst einen sanften, seligen Tod schenken, denn wir und unsere Kinder wollen für Sie beten alle Tage unseres Lebens.«

Jetzt trat auch die Großmutter vor und sagte umhertastend mit zitternder Stimme:

»Ach, Herr, ich bin blind, meine Augen können Sie nicht sehn, aber lassen Sie mich doch nur ein Mal die Hände des edlen Mannes fühlen, der uns armen elenden Leuten wie ein Bruder zur Seite gestanden hat!«

Der Staatsanwaltsgehilfe reichte ihr die Hand; sie ergriff dieselbe mit fieberhafter Freude und drückte sie an ihre Lippen. Aus ihren leblosen Augen fiel eine Thräne, die als Perle der Dankbarkeit an seinen Fingern glänzte.

»Sie sind frei,« sagte er jetzt, »Sie können sofort das Gefängniß verlassen, Niemand wird Sie hindern. Ich habe hier noch Etwas zu besorgen und wünsche Ihnen Allen ein herzliches Lebewohl.«

Damit wandte er sich der Thür zu, als ob er Eile hätte, den Dankesergüssen der guten Leute zu entgehn.

»Jetzt kommen Sie mit mir zu der Herberge,« sagte Friedrich. »Dort erwartet Sie eine gute Mahlzeit und seine Flasche Wein, um ihre Erlösung aus der traurigen Haft zu feiern.«

Alle folgten ihm.

Als das große Thor des Gefangenenhauses für sie geöffnet wurde, sprang Johann Verhelft hinaus; umringt von seiner jauchzenden Familie holte er einige Male in tiefen Zügen Athem, als ob er seine Brust mit der süßen Luft der Freiheit füllen wollte. Dann hob er Augen und Hände zum Himmel, flüsterte ein Gebet und rief endlich laut:

»Ich bin frei, ich bin frei! Hurrah! Hurrah!«

»Hurrah, Hurrah! Der Vater ist frei!« wiederholten seine Kinder, indem sie ihm nachsprangen; und jubelnd schwenkten sie ihre Mützen in der Luft.

Schluß

Am folgenden Tage, in der Morgenzeit, schien es in Bolderhout Kirmeß zu sein. Die Dorfbewohner in ihrem Sonntagsstaat, zogen festlich über den Markt und die Hauptstraße. Aus den Fenstern vieler Häuser wehten Fahnen und der Weg zu den Barrieren der Eisenbahn war an beiden Seiten von hohen grünbekränzten Stangen eingefaßt, die durch Laub- und Blumenguirlanden mit einander verbunden waren.

Am Ausgange des Dorfes, nach der Stadt zu, stand eine Windmühle auf einem Hügel. Dort oben sah man den Feldwächter umherschreiten, eine brennende Lunte in der Hand, während am Fuße des Mühlenberges die Mitglieder der Musikbande mit ihren Instrumenten aufgestellt waren, jeden Augenblick bereit, ein fröhliches Stückchen zu spielen.

Ferner bemerkte man einen Mann, der hin und hertrabte, von einer Gruppe zur andern, und überall Verhaltungsmaßregeln zu geben schien, als ob er hier der Anführer wäre. Dies war Wispel, der Schreiber des Notars. Eben lief er wieder wie von Ungeduld getrieben, den Hügel hinan, wechselte eilig einige Worte mit dem Feldwächter und blickte dann über den Weg in’s Feld hinein.

Wenige Augenblicke nur hatte er dort gestanden und seiner Ungeduld durch Brummen Luft gemacht, als er plötzlich ausrief:

»Männer, Freunde, aufgepaßt! Hurrah da sind sie.

Der Feldwächter blies auf seine Lunte, die Musikanten brachten ihre Instrumente an die Lippen.

Wem galt denn der Empfang? Wer war es, der hier erwartet Wurde? Etwa ein neuer Bürgermeister? Der Oberpräsident? »der gar der König?

In der Ferne sah man einen groben, offnen Wagen, mit zwei Pferden bespannt, im langsamen Trabe herankommen. So viel sich unterscheiden ließ, saßen zwei Männer, zwei Frauen und einige Kinder darin.

Ohne Zweifel waren dieses die Erwarteten, denn die dichte Menge begann sich am Eingang des Dorfes anzusammeln und die Luft mit freudigen Zurufen zu erfüllen.

Die Kutsche näherte sich.

Da donnerten plötzlich auf dem Mühlenberge dreimal die Kanonen und gleichzeitig fiel die Musik ein mit den heiteren Klängen des Liedes:

»Wo kann man besser sein,

Als in der Freunde Mitte.«

Rund um den Wagen drängten sich hunderte von Menschen, mit den Händen grüßend oder die Hüte schwingend, während die Luft erdröhnte von den Rufen: »

Hoch lebe Johann Verhelft! Willkommen, willkommen, Hurrah, Hurrah!

Wie sehr Friedrich Vereichen auch versuchte, den Bahnwärter in dem Wagen zurückzuhalten, – dieser konnte nicht länger bleiben. Hatte er doch seinen Freund Wispel bemerkt, und etwas weiter den Schullehrer. Sein Herz trieb ihn diesen im Leid bewährten Freunden entgegen, er mußte ihnen danken, sein Glück mit ihnen theilen. Auch Marianne, die Großmutter und die Kinder stiegen jetzt ans dem Wagen und waren bald von allen Seiten umringt. Jeder wollte ihnen die Hand drücken, Jeder seine Freude und Theilnahme an den Tag legen und diejenigen, welche damals am meisten gegen sie erbittert waren, bezeugten jetzt am lautesten ihren Jubel.

Die Rufe: »Vivat Johann Verhelft! Vivat Marianne!« erklangen immer wieder von Neuem; und wo nur der größte der Knaben sich blicken ließ, riefen seine Schulkameraden:

»Alexander soll leben! Hurrah, Hurrah!«

Der Bahnwärter war durch die ihm erwiesene Ehre, und durch all die Beweise der Freundschaft, womit man ihn und seine Familie überhäufte, so ergriffen, daß er kaum noch sprechen konnte und daß er auf den Füßen wankte.

Jetzt schlug er nun den Weg zu seinen Barrieren ein. Wie gewaltig ihm da das Herz klopfte! Friedrich Vereichen hatte ihm in der Stadt schon die frohe Kunde gebracht, daß seine alte Stelle ihm zurückgegeben sei. Er sollte also wieder in dem Waggon wohnen, in seinem lieben Gärtchen spazieren, und auf seinem Streifen Landes arbeiten! Nichts war verändert in seinem Leben, als daß die Zukunft seiner Kinder gesichert war und er keine Schicksalsschläge mehr zu befürchten hatte.

Die Musik spielte einen fröhlichen Marsch, dennoch bewegte man sich nur langsam weiter.

Noch einmal donnerten drei Kanonenschüsse, als Johann Verhelft, von Friedrich und dem Schullehrer geführt, vor dem Waggon ankam.

Der Anblick seiner bescheidenen Wohnung mußte das Gemüth des Bahnwärters mächtig ergreifen, denn während die Musik wieder in die Melodie des Liedes: »Wo kann man besser sein,« überging und aus hundert und abermals hundert Kehlen der Zuruft »Hoch lebe Johann Verhelft! Hurrah, Hurrah!« erscholl, wollte er den Fuß auf die Stufen setzen, sank aber wie betäubt in die Kniee und rief mit zum Himmel erhabenen Händen:

»Dank, o Dank Dir, gnädiger Gott, für so viel Glück!«

– E n d e -

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06 aralık 2019
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