Kitabı oku: «Flossing»
FLOSSING
WIRKSAME HILFE BEI
SCHMERZEN UND
VERLETZUNGEN
EFFEKTIVE
ÜBUNGEN ZUM
MUSKELAUFBAU
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Anschrift des Verlags
KVM – Der Medizinverlag
Dr. Kolster Verlags-GmbH
Ifenpfad 2–4
12107 Berlin
Korrespondenz/Autorenkontakt
Roland Kreutzer: r.kreutzer@gmx.de
Klaas Stechmann: info@fdm-therapeut.de
Hendrik Eggers: Hendrik.Eggers@hotmail.de
Bernard C. Kolster: berndkolster@me.com
© KVM – Der Medizinverlag Dr. Kolster Verlags-GmbH,
ein Unternehmen der Quintessenz-Verlagsgruppe
www.kvm-medizinverlag.de
1. Auflage 2016
Lektorat: Renate Mannaa, Berlin
Fotoaufnahmen: Martin Kreutter, Marburg
Layout und Satz: David Kühn, Berlin
Covergestaltung: David Kühn, Berlin
Gesamtproduktion: KVM – Der Medizinverlag, Berlin
ISBN (epub): 978-3-86867-544-3
ISBN (print): 978-3-86867-316-6
Wichtige Hinweise
Wie jede Wissenschaft ist die Medizin ständigen Entwicklungen unterworfen. Forschung und klinische Erfahrung erweitern unsere Erkenntnisse. Soweit in diesem Werk Anwendungsempfehlungen gegeben werden, darf der Leser zwar darauf vertrauen, dass Autoren, Herausgeber und Verlag große Sorgfalt darauf verwandt haben, dass diese Angabe dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes entspricht.
Für Angaben über Anwendungsformen, -techniken und -häufigkeiten kann vom Verlag jedoch keine Gewähr übernommen werden. Jede Behandlung erfolgt auf eigene Verantwortung des Benutzers.
Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
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FLOSSING
WIRKSAME HILFE BEI
SCHMERZEN UND
VERLETZUNGEN
EFFEKTIVE
ÜBUNGEN ZUM
MUSKELAUFBAU
ROLAND KREUTZER
KLAAS STECHMANN
HENDRIK EGGERS
BERNARD C. KOLSTER (HRSG.)

Die Autoren (v. l. n. r.)
Hendrik Eggers ist Physiotherapeut (B. Sc.) in Lüneburg. Seit Längerem widmet er sich intensiv dem Flossing und seinen praktischen Anwendungsmöglichkeiten.
Roland Kreutzer ist Brügger-Instruktor und Manualtherapeut. Er verfügt über eine 25-jährige praktische Behandlungserfahrung bei Beschwerden in den Bereichen Orthopädie, Chirurgie und Kinderorthopädie. Sein Wissen und seinen Erfahrungsschatz gibt er regelmäßig in Kursen weiter.
Klaas Stechmann ist Physiotherapeut (B. Sc.), Heilpraktiker und Master-Student der Osteopathie. Er praktiziert selbständig in interdisziplinären Gemeinschaftspraxen in Hamburg und Stade. Seit über fünf Jahren beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit dem Fasziensystem und dessen Bedeutung für den Organismus.
Dr. Bernard C. Kolster (Hrsg.) ist Physiotherapeut und Arzt. Schwerpunkte seiner praktischen Tätigkeit sind die Physikalische Medizin, Rehabilitation, Reflextherapie und Ernährungsmedizin. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Fachbücher.
Vorwort
Liebe Leserinnen und Leser!
In der letzten Zeit entstand ein regelrechter Hype um das Thema „Flossing“. Die Studienlage dazu ist allerdings bislang sehr dürftig. Bis zum Erscheinen des Buches gab es bisher erst eine (!) deutschsprachige Publikation (Seidenspinner & Kolster 2015). Es war daher an der Zeit, sich eingehender mit dieser Therapieform zu befassen. Das Ergebnis: Es ist verblüffend, beinahe schon fast mystisch, wie Flossing-Anwendungen wirken.
Unsere gemeinsamen, langjährigen physiotherapeutischen Erfahrungen zu diesem Thema bilden den Grundstock zu diesem – weltweit ersten – Ratgeber, der die Grundlagen und Anwendungsmöglichkeiten des Flossing umfassend darstellt. Konzipiert haben wir dieses Werk für Therapeuten und Sportler, damit sie häufige Schmerzsyndrome und typische Sportverletzungen verschiedenster Sportarten effektiv und ergänzend zu den bisherigen Therapieoptionen mithilfe der Flossinganlagen behandeln können. Ein weiterer, wichtiger Pluspunkt beim Flossing zur Schmerztherapie ist auch der Umstand, dass es ohne zusätzliche medikamentöse Belastung des Organismus verbunden ist und daher bei vielen Patientengruppen angewandt werden kann, sofern eventuell vorliegende Kontraindikationen beachtet werden.
Was lässt sich mit Flossing erreichen? Typische Schmerzen, wie Verspannungen der Muskulatur, Sehnenreizungen, schmerzhafte Gelenke oder Schwellungen können mit dem Flossingband wirkungsvoll behandelt werden. Darüber hinaus kann das Flossing aber auch speziell für den Muskelaufbau und Kraftsport eingesetzt werden. Hierzu gibt es aussagekräftige Untersuchungen und Studien.
Flossing ist keinesfalls ein „Stand-alone-Verfahren“. Bei jeder hier vorgestellten Anlage wird auch auf die Ursachen von Beschwerden und Sportverletzungen kurz eingegangen. Danach werden die jeweiligen Anlagen Schritt für Schritt erklärt und in Bilderserien dargestellt. Abschließend werden aktive Eigenübungen gezeigt, die mit dem Flossingband durchgeführt werden sollten.
Das vorliegende Buch gliedert sich in zwei Teile: Der erste Teil vermittelt die theoretischen Grundlagen zu Wirkungsweise, Zugstärken, Möglichkeiten und Grenzen des Verfahrens. Darüber hinaus werden die verschiedenen Anlagetechniken exemplarisch erläutert. Im anschließenden Praxisteil werden die Anwendungsoptionen an den einzelnen Körperregionen und Strukturen vorgestellt. Logisch aufgebaute Bildserien und klare Erläuterungen führen den Anwender Schritt für Schritt an das „Flossen“ heran.
Wie eingangs bereits erwähnt, handelt es sich beim Flossing um eine Therapieform, die auf Erfahrungen beruht und die einer wissenschaftlichen Überprüfung noch Stand halten muss. Mit diesem Werk möchten die Autoren den derzeitigen Wissensstand festhalten und alle Therapeuten anspornen, sich aktiv in die Weiterentwicklung des Flossing einzubringen.
Last but not least möchten wir an dieser Stelle allen Beteiligten danken, die zur Entstehung dieses Buchs beigetragen haben: An vorderster Stelle sei hier David Kühn vom KVM-Verlag genannt. Ohne sein stringentes Projektmanagement und seiner Kreativität bei der Umsetzung von Text und Bildern wäre dieses Buch nie in dieser Qualität und schon gar nicht in dieser atemberaubenden Geschwindigkeit entstanden. Das Tempo konnte unsere Lektorin Renate Mannaa Gott sei Dank mitgehen, auch wenn sie für dieses Projekt alles andere immer wieder stehen- und liegenlassen musste. Danke Frau Mannaa! Ein großes Dankeschön auch an unser tolles, geduldiges und schmerzresistentes Model Martin und an unseren Fotografen Martin Kreutter für seine ausgezeichnete Arbeit hinter der Kamera und die Bereitstellung von exzellentem Bildmaterial.
Wir wünschen allen Lesern und Therapeuten, allen neuen und bereits praktizierenden Flossing-Anwendern zufriedenstellende Behandlungs- und Trainingsergebnisse durch Flossinganlagen und hoffen, dass dieses Buch seinen Teil dazu beitragen kann. Wir freuen uns auf Ihr Feedback!
Die Autoren, im Januar 2016
Roland Kreutzer
Klaas Stechmann
Hendrik Eggers
Bernard C. Kolster (Hrsg.)
Inhaltsverzeichnis
Die Autoren
Vorwort
FLOSSING–GRUNDLAGEN
Was ist Flossing?
Klare Ziele des Flossing
Material
Materialeigenschaften
Wirkmechanismen
Durchblutung und Gewebsdrainage
Haut und Fasziennetzwerk
Gelenke
Biochemische Faktoren
Schmerz und körpereigene Hemmung
Anwendungsgebiete
Wie wende ich Flossing an?
Kontraindikationen
Nach- und Nebenwirkungen
Reinigung/Desinfektion und Pflege des Flossingbandes
Praktische Bandanlage
Patientenaufklärung
Zugstärke
Zug- und Wirkrichtung
Wo wende ich Flossing an?
Ort der Anwendung
Ausgeführte Bewegung
Kontrolle der Durchblutung
Allgemeine Tipps zur Anwendung
Worüber ist der Behandelte aufzuklären?
Wie oft soll geflosst werden?
In welchen Abständen werden Behandlungen ausgeführt?
Behandlung bei unangenehmen Nachwirkungen
Wie viele Behandlungen sind nötig?
Kombination mit anderen Therapiemethoden?
BFRT: Blood Flow Restriction Training
Flossing als Krafttraining
Flossbandanlagen beim Krafttraining
BFR-Trainingsablauf
Kontraindikationen und Nebenwirkungen
Wie stark soll der Widerstand sein?
Wie viele Sätze werden ausgeführt?
Wie oft soll trainiert werden?
Grundlagen des BFR-Trainings im Überblick
FLOSSING–PRAXIS
KAPITEL 1: Flossinganlagen bei Schmerzen an der oberen Extremität
Schultereckgelenk
Schulter, Schultersteife, Impingement-Syndrom
Bizepsmuskel und lange Bizepssehne
Oberarmfaszie
Ellenbogengelenk
Tennisellenbogen
Golferellenbogen
Unterarmfaszie
Handgelenk
Fingergelenke, Seitenbänder
Daumengelenke
Schwellungen im Bereich des Oberarms
KAPITEL 2: Flossinganlagen bei Schmerzen am Rücken und Bauch
Brustwirbelsäule
Rippen/Atmen
Lendenwirbelsäule
Kreuzdarmbeingelenke, Symphyse
KAPITEL 3: Flossinganlagen bei Schmerzen an der unteren Extremität
Hüftgelenk
Adduktoren
Oberschenkelaußenseite
Hintere und vordere Oberschenkelmuskulatur
Kniegelenk, Kniescheibe, Patellasehne
Knie-Innenband, Innenmeniskus
Knie-Außenband, Außenmeniskus
Wadenmuskulatur
Achillessehne
Sprunggelenk
Umknicken (Supinations-/Pronationstrauma)
Fersensporn, Plantaraponeurose
Hallux valgus, Zehengelenke
Schwellung im Bereich des Oberschenkels
Narben
KAPITEL 4: Flossinganlagen als Krafttraining
Oberschenkelkräftigung
Unterschenkelkräftigung
Oberarmkräftigung
Literaturverzeichnis
Index

FLOSSING – GRUNDLAGEN

Was ist Flossing?
Das Wort „Floss“ bzw. „Flossing“ bezeichnet im tagtäglichen Gebrauch die Benutzung von Zahnseide im Rahmen der Mund- und Zahnhygiene. Unter dem Begriff „Flossing“ fand inzwischen auch der Einsatz der elastischen Bänder weltweit Verbreitung, insbesondere im Training und in der Rehabilitation. Es handelt sich dabei um Kompressionsbandagen mit elastischen Gummibändern, die angebracht werden, um Beschwerden des Bewegungsapparats zu behandeln.
Wegen der erstaunlich positiven Wirkung, die jedoch nicht näher erklärt werden konnte, wurde oft der Begriff „Voodoo Flossing“ benutzt. (Voodoo kann in diesem Zusammenhang als obskure, unerklärliche Zauberkunst verstanden werden.)

KLARE ZIELE DES FLOSSING
Schmerzlinderung
Verbesserte Beweglichkeit
Reduktion von Schwellungen
Muskelaufbau und -kräftigung
Verbesserte Koordination
Aktuell nahm Kelly Starrett den Begriff „Voodoo Flossing“ und die Behandlungsmethode in sein Buch über Fitnesstraining auf (Starrett 2014).
Die elastischen Bänder werden bei Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und akuten Schwellungen direkt um die betroffene Extremität gewickelt und diese wird anschließend aktiv bewegt. Die mit der Anwendung verfolgten Ziele sind Schmerzminderung, verbesserte Beweglichkeit, Reduktion von Schwellungen und schnellere Heilung. Durch die vermehrte Anwendung in der Medizinischen Trainingstherapie gibt es mittlerweile auch Erklärungsansätze für die Wirksamkeit.
Material
Flossingbänder (s. Abb. 1) sind aus 100 % Naturkautschuk hergestellt und in verschiedenen Längen von ca. 1,03 m bis 2,06 m erhältlich. Die Materialdicke variiert von 1,1 mm bis 1,6 mm. Die Breite des Bandes für die Anwendungen an Armen, Beinen und Körper beträgt 5 cm. Für die Anwendung an kleinen Gelenken und den Händen gibt es schmalere, 2,5 cm breite und kürzere Bänder. Für den Behandlungserfolg ist neben der richtigen Technik die Qualität der Bänder von ausschlaggebender Bedeutung. Die Oberfläche des Bandes darf nicht zu glatt sein, d. h. sie muss den nötigen „Grip“ aufweisen. Eine weitere wichtige Rolle spielt die Elastizität. Das Band muss gut nachgeben und sich optimal an die Haut anschmiegen. Gute Elastizität und Anpassung führen erst zu dem gewünschten therapeutischen Reiz im Gewebe bzw. den Zielstrukturen. Durch die gleichmäßige Elastizität lässt sich die Zugstärke genau dosieren und individuell an die zu beeinflussenden Strukturen anpassen. Die Flossing-bänder sind frei von Weichmachern und anderen Schadstoffen und somit gefahrenlos auf der Haut anzuwenden. Eine Allergie gegen Kautschuk sollte allerdings vorher ausgeschlossen sein. In diesem Fall kann man das Flossingband über der Kleidung anlegen.
WIE ERKENNT MAN EIN „GUTES“ BAND FÜR DIE FLOSSINGPRAXIS?
Ein geeignetes Band hat eine ganz leicht seidige Oberfläche, sie darf sich keineswegs glatt anfühlen. Wenn man an dem Band zieht, sollte der Widerstand weich-elastisch und das Band gleichmäßig dehnbar sein. Egal welche Marke oder welchen Hersteller Sie auswählen, achten Sie auf die beschriebene Oberfläche und die elastische Dehnfähigkeit.
Materialeigenschaften

Abb. 1 Aufgerollte Flossingbänder in der Detailansicht.
MATERIALEIGENSCHAFTEN, DIE FÜR EINE EFFEKTIVE BEHANDLUNG WICHTIG SIND
Weich-elastisch, gleichmäßig dehnbar ohne auszuleiern
Samtige, nicht zu glatte Oberfläche, damit ein guter „Grip“ auf der Haut besteht
Frei von Schadstoffen
Bedenkenlos abwaschbar
Wirkmechanismen
Durchblutung und Gewebsdrainage
Bisher gibt es nur sehr wenige wissenschaftliche Untersuchungen zum Flossing. Das genaue Wirkprinzip ist noch nicht klar erkannt, wobei es mehrere Effekte gibt, die in Frage kommen. Die Wirkweise der Flossingbänder wird nicht ausschließlich auf die Kompression zurückgeführt, da immer zusätzliche Bewegungen ausgeführt werden.
Das feste Umwickeln reduziert sofort die Durchblutung im behandelten Gebiet. Gewebeflüssigkeit wird mit Hilfe der elastischen Binde ausgepresst (s. Abb. 2). Durch die anschließende rasche Lösung der Binde kommt es zu einer unverzüglichen, verstärkten Durchblutung, sodass ein Schwammeffekt vorstellbar ist (s. Abb. 3). Stoffwechselmetabolite werden durch die Kompression praktisch ausgepresst, während sie durch die anschließende Hyperämie ausgeschwemmt werden. Die Kompression wird in der Regel nach 1–2 Minuten wieder gelöst, wodurch unverzüglich wieder Blut und Lymphe ungehindert zirkulieren können.

Abb. 2 Durch die starke Kompression wird das Blut ausgepresst.
Auf der Ebene des Lymphsystems kann man sich vorstellen, dass durch den starken Druck Schwellungen in Bereiche mit funktionierendem Lymphsystem transportiert werden. Neuere Studien zeigen, dass optimale Druckverhältnisse zur Ödemreduktion erheblich größer sein könnten, als bisher in der Lymphdrainage empfohlen (Taradaj et al. 2015; Zaleska et al. 2014). So weisen bei vorübergehender, mehrfach wiederholter Kompression Drücke von etwa 120 mmHg (entspricht 0,16 kg/cm2) die beste Ödemreduktion auf. Die Wirkmechanismen der Lymphdrainage beim Flossing bleiben vorerst Spekulation, weil derzeit keine Untersuchungen dazu vorliegen.

Abb. 3 Auf die verminderte Durchblutung folgt sofort eine starke Rötung des behandelten Gebiets.
Haut und Fasziennetzwerk
Die Haut steht in direktem Kontakt mit dem Flossingband und leitet über zahlreiche Rezeptoren (s. Abb. 4) die Reize ans zentrale Nervensystem weiter. Die intensive Flossingbehandlung der Haut führt zu einer massiven Stimulation der Mechanosensoren, und die Weiterleitung dieser Stimuli ans Gehirn bewirkt eine Unterdrückung von Schmerzreizen im Rückenmark. Der erhöhte Input ermöglicht es dem Nervensystem, auch Abweichungen und Dysbalancen besser auszugleichen.
Direkt unter der Haut beginnt das fasziale Netzwerk des Körpers. Dank der reichen Versorgung mit Nervenfasern, Rezeptoren und der Einbindung von Wasser kann man Faszien als das größte Sinnesorgan des Körpers bezeichnen. Das fasziale Netzwerk verbindet sämtliche Organe des Körpers von Kopf bis Fuß und von außen nach innen. Zentrales Element ist die Verschiebbarkeit der einzelnen Faszienschichten und deren Beziehungen zu Nachbarstrukturen wie Sehnen, Muskeln, Bändern, Gefäßen und Nervensträngen (s. Abb. 5).

Abb. 4 Die zahlreichen Mechanosensoren der Haut und Faszie leiten den Therapiereiz an das Rückenmark und Gehirn weiter.

Abb. 5 Unterarm im Querschnitt. Die Lagebeziehungen von Knochen, Muskeln, Faszien, Gefäßen und Nerven lässt sich gut erkennen. Bei Kompression durch das Flossingband und gleichzeitiger Bewegung bewirken die auftretenden Scherkräfte eine Mobilisation der verschiedenen Ebenen.
Durch Verletzungen, Operationen und zu wenig Bewegung kann es zu Verklebungen und somit Störungen in den Faszien kommen. Betrachtet man das Flossing als eine Faszienbehandlung, lässt sich gut erklären, warum gerade nach Operationen und Verletzungen die Wirksamkeit des Flossing so groß ist. Durch den Druck des Bandes bei gleichzeitiger Bewegung entstehen Scherkräfte. Die einzelnen Schichten werden von außen festgehalten, während durch das gleichzeitige aktive Bewegen Verklebungen zwischen den einzelnen Schichten gelöst werden (s. Abb. 6).

Abb. 6 Das Bild verdeutlicht die Kontinuität der Kollagenfasern von der Hautoberfl äche bis in tiefere Schichten. In diesen Bereichen fi nden die Gleitbewegungen statt. Blutgefäße (rot) und andere Strukturen wie Sehnen und Nervenfasern müssen sich frei bewegen können (Modifi ziert nach Guimberteau 2015).
Kompression und Stimulation von Mechanosensoren führen nachweislich auch zu einer verbesserten Flüssigkeitsversorgung der extrazellulären Matrix (Grundsubstanz) (Schleip 2003). Der erhöhte Wassergehalt reduziert die Viskosität und resultiert wiederum in einer erhöhten Verschiebbarkeit. Die hervorragende Wirksamkeit des Flossing bei länger zurückliegenden Operationen ließe sich durch das Wiedererlangen der faszialen Verschiebbarkeit erklären. Ebenso gehen anhaltende Langzeiteff ekte vermutlich mit der wiedererlangten faszialen Integrität einher.
Gelenke
Wickelt man ein Gelenk mit ein, so kommt es zu einer spürbaren Kompression des gesamten Gelenks. In den Gelenkkapseln und den umliegenden Bändern befi nden sich Propriozeptoren, die dem Gehirn und dem Gleichgewichtssinn Informationen über die Gelenkstellungen und -belastung geben. Bei einer Gelenkverletzung – Distorsion/ Verstauchung oder nach Operationen – kommt es häufi g zu einem Gelenkerguss, der für Schmerzen und Bewegungseinschränkungen der Gelenkkapsel sorgt. Dadurch werden ebenfalls die Koordination und Sensomotorik gehemmt. Die entstauende Wirkung des Flossing kann durchaus bewirken, dass eine propriozeptive/sensomotorische Rein-tegration getriggert wird. In EMG-Untersuchungen zeigen sich beschleunigte Ansprechzeiten der behandelten Muskulatur (Seidenspinner & Kolster 2015). Dies könnte die auftretenden Soforteff ekte erklären. Durch die Zugrichtung des Bandes lässt sich ein spezifi scher Reiz auf die Gelenkposition ausüben. So ermöglicht eine Wickelung mit Zugrichtung von innen nach außen eine leichte seitliche Verschiebung der Gelenkpartner (s. Abb. 7). Daher kommt es unter der Bewegung zu einer Distraktion gewisser Gelenkanteile. Dies führt hin und wieder zu einem Lösen des Gelenks mit einem hörbaren Knacken während der Flossingbewegung.
MERKE
Um die größtmögliche Wirkung zu erzielen, sollte das Flossing direkt auf der Haut angewandt werden.

Abb. 7 Wickelung mit erhöhter Zugstärke von innen nach außen bei Tennisellenbogen. Ein leichter seitlicher Distraktionseff ekt ist hierbei denkbar.
Biochemische Faktoren
Das Bewegen unter verringerter Blutzufuhr hat die Folge, dass sich Blut in dem abgebundenen Bereich anstaut. Der Muskel ermüdet wesentlich schneller. In der Folge sinken die Sauerstoffsättigung und der pH-Wert. Es kommt so schneller zu einer Ansammlung von Milchsäure, was letztendlich zu einer erhöhten Ausschüttung von Wachstumshormonen führt (s. Abb. 8). Ebenfalls kommt es zu einem Anschwellen der Muskelzellen. Dies sind Effekte, wie sie nach einem intensiven Maximalkrafttraining mit schweren Gewichten auftreten.

Abb. 8 Schema der Prozesse, die unter Blutstau durch Kompression bei gleichzeitigem Training ablaufen, modifiziert nach Horiuchi & Okita 2012. (? = Bisher liegen keine eindeutigen Nachweise für die jeweiligen Veränderungen vor.)
Schmerz und körpereigene Hemmung
Schmerz ist als therapeutischer Wirkmechanismus ernst zu nehmen. Wird ein schmerzhafter Reiz angebracht, werden im Gehirn, Rückenmark und in den Nervenfasern Prozesse in Gang gesetzt, die als absteigende Hemmung bezeichnet werden. Schmerzen werden durch endogene Ausschüttung von Opioiden abgeblockt und Heilungsreize gefördert. Einfacher könnte der Vorgang als Anregung der Selbstheilungskräfte verstanden werden. Dies funktioniert insbesondere, wenn der Reiz genau im betroffenen Bereich angewandt wird. Die Wirksamkeit des häufig unterschätzten Placebo-Effekts kommt auch besser zum Tragen, wenn therapeutische Reize intensiver wahrzunehmen sind.
ZUSAMMENFASSEND SIND FOLGENDE WIRKMECHANISMEN DENKBAR:
Schwamm- oder Spüleffekt auf zellulärer EbeneAuspressen des Gewebes durch KompressionVollsaugen oder „Durchspülen“ durch schlagartige HyperämieLymphdrainage durch angewandten Druck
Auf der Ebene der unterschiedlichen GewebeSchereffekte, die zu einer Mobilisierung unterschiedlicher Strukturen – Haut, Faszien, Muskeln, Sehnen, Gelenkkapsel, neurale Strukturen usw. – führenReduzierte Viskosität der extrazellulären Matrix
Entstauung von Gelenkergüssen, dadurch vergrößertes Bewegungsausmaß
Direkte Beeinflussung der Propriozeption bzw. Sensomotorik im Sinne einer propriozeptiven bzw. sensomotorischen Reintegration durch forcierte Bewegung unter Kompression
Absteigende Schmerzhemmung durch intensiven Behandlungsreiz
Biochemische FaktorenÄnderung der StoffwechsellageAnsammlung von LaktatSenkung des pH-WertesAusschüttung von Wachstumshormonen
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