Kitabı oku: «Schwarzes Glas - Die Reise in die Zwischenwelt»
Über das Buch
Plötzlich entdeckt der 13-jährige Elias durch seine Handykamera Dinge, die mit bloßem Auge nicht zu sehen sind: ein Hochhaus mit flackernden Lichtern, das nie gebaut wurde. Flügelflossen, die aus dem Rücken einer Mitschülerin wachsen. Und Hörner auf seinem eigenen Kopf?
Er sucht nach Antworten – und stößt auf eine verborgene Parallelwelt voller schillernd bunter Schwellenwesen. Eine Welt, aus der Elias einen digitalen Hilferuf bekommen hat. Denn der ehrgeizige Herr der Spiegel droht die Zwischenwelt zu schwarzem Glas erstarren zu lassen …
Ein fantasievolles Leseabenteuer, das zeigt, wie viel im »Zwischen« verborgen ist
Inhalt
1 (K)ein Haus in der Dämmerung
2 In-Between
3 Im Labyrinth
4 koenigin@threshold.iz
5 Augen wie Spiegel
6 Im Vier-Winde-Haus
7 Es war einmal …
8 Aus der Tiefe
9 Hinter den Schleiern
10 Durch die Salamanderkeller
11 Graffiti
12 Der Verbotene Park
13 Ein einsamer Pirscher
14 Hörner
15 Das Neue Zwischen
16 Herolde der Schwelle
17 Große Pläne
18 Die gläserne Festung
19 Der Spiegel des Zagreus
20 Ewige Geborgenheit
21 Spiegel und Schwelle
22 Nur eine Scherbe
23 Auf neuen Pfaden
1
(K)ein Haus in der Dämmerung
Kann man ein Foto von etwas machen, das es gar nicht gibt?
Elias hatte vor, genau das herauszufinden.
Er hockte im Schneidersitz auf einem kiesbedeckten Flachdach, von dem aus er gut über die Hinterhöfe des Viertels schauen konnte. Hier war sein Lieblingsplatz, der perfekte Ort, um allein zu sein und in die Dämmerung zu starren. Elias war stolz darauf, ihn entdeckt zu haben.
Das war nicht einfach gewesen. Man musste sich auf eine Garage hochziehen und anschließend eine rostige Feuerleiter hinaufklettern, die in einem dunklen Winkel verborgen lag. Der Weg war umständlich, aber dafür hatte er hier oben auf dem Dach garantiert seine Ruhe. Und die konnte er gerade wirklich gebrauchen.
Elias zog seine Knie enger an den Körper, holte sein Handy aus der Tasche und öffnete die Kamera-App. In den Häusern ringsum gingen die ersten Lichter an. Ein bisschen würde er noch warten müssen. Er ließ seinen Blick über den Hof direkt unter sich schweifen. Dieser war von Balkonen umgeben, die nicht besonders ordentlich aussahen. Klar, sie schauten ja auch nicht zur Straße, wo die Leute gucken konnten. Auf manchen Balkonen wurden Kisten und Gerümpel gelagert, Kinderwagen und ein alter Katzen-Kratzbaum, daneben übervolle Wäscheständer. Andere sollten offenbar ein kleines Naturparadies imitieren, zugewuchert von Topfpflanzen und vollgestellt mit Gartenzwergen und Plastik-Störchen. Elias war sich nicht sicher, was er hässlicher fand.
Er schaute lieber wieder hoch, dorthin, wo der Herbsthimmel hellgrau über den Häusern hing. Elias nahm sein Handy quer zwischen die Hände und fokussierte den Bereich im Display, wo die Dachkanten an den Himmel stießen. Dann drückte er ab. Zur Sicherheit gleich dreimal.
Anschließend betrachtete er seine Fotos in Ruhe. Sie sahen alle gleich aus: graue Flächen, bei denen ganz unten die Dächer als rot-brauner Rand zu erahnen waren. Nichts Interessantes. Nicht einmal ein Vogel. Aber Elias wusste, was er tat. Diese Fotos waren nur als Vergleich gedacht. Das eigentliche Motiv kam erst noch.
Elias streckte die Beine aus und wartete. Die Dunkelheit kam schnell in dieser Jahreszeit. Unten gingen immer mehr Lichter an. Es war kalt, aber er trug eine gut gefütterte Jacke. Außerdem fror er nicht so leicht. Und hier oben, in der Dämmerung auf dem Dach, war es immer noch gemütlicher als zu Hause. Dort packte jetzt sein Vater vielleicht schon seinen Kram zusammen. Oder er stritt mit seiner Mutter herum. Oder sie schwiegen sich an. Nein danke. Hier oben war es besser.
Langsam wurde es richtig dunkel. In den Straßen leuchteten die Laternen. Elias beugte sich gespannt vor und machte sein Handy bereit. Jetzt konnte es nicht mehr lange dauern.
Da! Drüben, jenseits der Dachkanten, gingen weitere Lichter an. Es war eine Reihe von mattleuchtenden Quadraten, sauber übereinandergestapelt. Wie die Fenster im Treppenhaus eines Hochhauses. Links und rechts davon leuchteten jetzt kleinere Rechtecke auf. Die Fenster der Wohnungen, zu denen das zentrale Treppenhaus führte.
Ganz oben, über dem höchsten Quadrat, erschien leicht verzögert noch eine leuchtende Linie. Sie war blau und seltsam geformt: wie ein umgedrehtes Hufeisen, vielleicht auch ein Torbogen. Vermutlich war es eine Art Schild oder Leuchtreklame.
Dann wurde es wirklich abgedreht: Rund um die Fenster begannen leuchtende Nebel durch die Dunkelheit zu tanzen. Manche schimmerten grünlich, andere blassblau oder rot. Elias hatte keine Ahnung, was das sein sollte. Die schimmernden Nebel sahen unwirklich aus. »Nordlichter« war das Wort, das ihm dafür am ehesten einfiel. Natürlich war das Quatsch. Er war mitten in der Stadt und nicht am Nordpol.
Mit zitternden Fingern hielt Elias sein Handy hoch und machte eines der Fotos von eben auf. Darauf war nichts als grauer Himmel zu sehen. Kein Hochhaus, kein Turm, kein Funkmast. Schon gar keine Lichterscheinungen.
»Das gibt es nicht!«, murmelte er. Die beleuchteten Fenster dort drüben stammten von einem Haus, das nicht da war. Jedenfalls nicht im Hellen.
»Und jetzt kommt der Beweis!«, flüsterte Elias aufgeregt und stellte wieder die Aufnahmefunktion ein. Er achtete darauf, dass er die Hände genauso hielt, wie er es eben bei den ersten Fotos gemacht hatte. Vielleicht sollte er das nächste Mal ein Stativ mitbringen. Papa hatte eines bei seinen Foto-Sachen. Ob die schon verpackt waren? Egal.
Elias konzentrierte sich auf das Handy-Display, das jetzt die Lichter jenseits der Dächer anzeigte. Dann drückte er ab, wieder dreimal. Neugierig tippte er auf dem Handy herum, um sich die Bilder möglichst rasch anzusehen. Enttäuscht ließ er die Hand sinken. Sie waren nicht gelungen: einfach nur schwarz. Erst dachte er, dass diese Schwärze reiner Datenmüll war. Dann entdeckte er unten, in der Bild-Ecke, den Schimmer einer Straßenlaterne.
Elias bekam ein flaues Gefühl im Bauch. Die Bilder waren doch etwas geworden – aber sie bildeten einfach nur den schwarzen Abendhimmel ab. Ohne das Haus in der Ferne. Weder die Rechtecke der Fenster waren zu sehen noch die tanzenden Leuchtnebel.
»Das glaub ich jetzt wirklich nicht«, flüsterte er.
Elias richtete das Handy auf eines der anderen Häuser im Viertel. Wieder drei Fotos. Dann prüfte er die Aufnahmen. Sie waren nicht gerade scharf und zeigten verwaschene Vierecke aus Licht. Aber es war auf jeden Fall etwas darauf zu erkennen! Am Handy lag es nicht.
Dann wandte er sich wieder den merkwürdigen Lichtern zu und zoomte sie ganz dicht heran. Als er zum dritten Mal abdrückte, flatterte irgendetwas quer über sein Display. Elias zuckte zurück. Er senkte das Handy und schaute sich misstrauisch um. Nichts. Wahrscheinlich nur ein verspäteter Vogel. Mit gerunzelter Stirn sah er sich die Fotos an. Das Display zeigte ausschließlich Schwärze. Kein vorbeiflatterndes Tier. Keine Lichter.
»Und was nun?«, fragte Elias sich selbst. Was machte man mit einem von tanzenden Lichtern umschwirrten Haus, das gar nicht da war? Zur Polizei gehen und ein paar schwarze und graue Handy-Fotos vorzeigen, damit sie das Haus verhaften konnten? Oder die Story ins Internet stellen und darauf warten, dass ihm irgendein Spinner erklärte, er hätte da einen Ufo-Landeplatz gefunden? Hmm. Er könnte natürlich auch seine Eltern darauf ansprechen. Aber das war die absurdeste Idee von allen.
Elias sprang auf die Füße und tigerte rastlos auf dem Kiesdach herum. Morgen in der Schule hatte er Shaka davon erzählen wollen. Aber ohne Beweis konnte er sich schon denken, welche liebevollen Kommentare über seine geistige Gesundheit sie ablassen würde. Vielleicht hätte sie damit sogar recht? Nee. Er musste einfach herausfinden, was hier los war!
Elias checkte die Uhrzeit. Eigentlich sollte er sich jetzt Richtung U-Bahn aufmachen, um rechtzeitig wieder zu Hause zu sein. Uneigentlich würde es eh niemandem auffallen, wenn er etwas später kam, und mit 13 konnte man seine Zeit ja wohl auch langsam selber so planen, dass es passte!
Er steckte das Handy ein und stieg die Feuerleiter vorsichtig hinunter. Als er gerade über das Flachdach der Garage lief, flatterte etwas über ihn hinweg. Elias schaute auf. Er sah nur noch, wie ein grauer Schemen hinter einer Ecke des Hauses verschwand. Dann war alles wieder ruhig.
Hinter seiner Stirn kribbelte es seltsam. Unwillig schüttelte Elias den Kopf. Wahrscheinlich war er irgendwie überreizt. Das war bestimmt nur eine Taube. Oder eine Fledermaus?
Vom Garagendach sprang er einfach hinunter. Er war nicht gerade der Größte und auch eher schmal gebaut, aber dafür flink und beweglich.
Elias ließ die Garagen rasch hinter sich und schaute sich suchend um, während er die Haare aus seinem Gesicht strich. Er trug sie halblang, und da sie ziemlich widerborstig waren, fiel ihm eigentlich immer eine Strähne irgendwie vor die Augen.
Von oben sah das Viertel einigermaßen überschaubar aus, doch hier unten begrenzten überall hohe Häuserfronten die Sicht. Die Lichter waren so nicht zu erkennen. Aber Elias war sich ziemlich sicher, dass er sie weiter hinten gesehen hatte, wo die Bahnlinie die Stadt zerteilte. Er folgte den Straßen in diese Richtung, so gut es eben ging.
Heute früh hatte es geregnet und überall klebte nasses, matschbraunes Laub auf dem Asphalt. Die Leute hatten ihre Jacken und Mäntel hoch zugeknöpft und beeilten sich, um rasch ins Warme zu kommen. Elias kam sich komisch dabei vor, dass er entgegengesetzt unterwegs war, weg von zu Hause.
Er durchquerte ein Viertel mit Altbauten aus Backsteinen, zwischen denen sich hin und wieder neuere Beton-Gebäude drängten. In den Häusern gab es gelegentlich kleine Läden, die jetzt schon geschlossen hatten, an den Ecken auch Kneipen mit beleuchteter Bierwerbung. Ansonsten war die Gegend ein reines Wohngebiet ohne Ziele für jemanden, der hier niemanden kannte.
Ihm kam ein klapperndes Geräusch entgegen. Eine verwahrlost wirkende Frau schob einen Einkaufswagen voller Zeug vor sich her. Sie bewegte sich seltsam, roch seltsam, summte eine seltsame Melodie vor sich hin. Aus kleinen, wachen Augen schaute sie Elias von der Seite an. Er machte einen Bogen um sie und eilte weiter, ehe sie ihn ansprechen konnte. Dieser eindringliche Blick war ihm irgendwie unheimlich …
Am Ende der Straße stieß er auf den Bahndamm. Nach seiner Schätzung lag das Haus, das es nicht gab, irgendwo dahinter. Allerdings sah er nirgends einen Übergang. Er ging an der Betonwand des Bahndamms entlang, der nun auch noch einen weiten Bogen machte. Elias musste aufpassen, dass er die Richtung nicht endgültig verlor. Schließlich stieß er auf eine Treppe, die zu einem schmalen Fußgängertunnel hinabführte. Mindestens die Hälfte der Leuchtstoff-Röhren, die hier für Licht sorgen sollten, war kaputt. An die Wände hatte jemand Tags aus verzerrten Buchstaben gesprayt. Unbehaglich zog Elias sich die Jacke fester um die Schultern. Dann atmete er tief durch und stieg in die Unterführung hinab. Rasch, aber nicht ängstlich. Genau die richtige Geschwindigkeit für manche Gegenden der Stadt.
Als er den Tunnel etwa zur Hälfte durchquert hatte, war da wieder dieses kribbelnde Gefühl hinter seiner Stirn. Plötzlich war er sich ganz sicher, dass jemand dicht hinter ihm war! Aber er konnte nichts hören, nur seine eigenen Schritte. Ruckartig wandte er sich um. Die Unterführung war leer. Er war allein mit dem flackernden Neonlicht. Oder? Die letzten Tunnelmeter rannte er fast.
Auf der anderen Seite des Bahndamms lag ein Gewerbegebiet. Hier gab es keine Wohnhäuser mehr, sondern Lagerhallen, Autohäuser und Betriebe, die Sanitäranlagen oder Fassadendämmungen verkauften. Auf den Gehsteigen war niemand unterwegs, nur Autos rauschten gelegentlich vorbei.
Elias schaute sich prüfend um. Alle Gebäude ringsum waren vergleichsweise niedrig. Wenn es hier wirklich ein Hochhaus gab, müsste es eigentlich irgendwo über ihnen aufragen. Aber da war nichts. Nur der dunkle Abendhimmel und ganz weit oben der zögerliche Lichtpunkt eines Flugzeugs.
Jetzt hatte er doch die Orientierung verloren! Oder das Haus war wirklich gar nicht da und er hatte sich alles nur eingebildet. Er ging ein paar Schritte eine Straße hinunter, die grob in die Richtung führte, in der er das Haus vermutete. Dann wurde er langsamer und kehrte schließlich um. Das machte so keinen Sinn. Vielleicht sollte er noch mal bei Tageslicht wiederkommen. Aber er hatte das dumpfe Gefühl, dass dann erst recht kein Haus zu sehen sein würde. Ärgerlich kickte Elias ein Steinchen weg.
Etwas Ähnliches war ihm vor einiger Zeit schon einmal passiert. Damals hatte er seinen Lieblingsplatz auf dem Dach noch nicht gefunden. Er war einfach so durch die Stadt gestreift, wenn es sich zu Hause mal wieder nicht wie zu Hause angefühlt hatte. Er hatte sich in die U-Bahn gesetzt, war irgendwo ausgestiegen und in der Gegend herumgelaufen. Dabei hatte er von einem Parkdeck aus Baumwipfel zwischen den Dächern eines Viertels mit stolzen Villen aufragen sehen. Die Bäume hatten weit ausladende Kronen und mussten uralt sein. Elias war losgelaufen und in die Straßen eingetaucht, um den Park zu erkunden. Doch er hatte ihn nicht finden können. Obwohl er kreuz und quer durch alle umliegenden Straßenzüge geirrt war, hatte er lediglich einen winzigen Kinderspielplatz zwischen Hagebuttenhecken entdeckt. Keinen Park, keine weit ausladenden Bäume. Damals hatte er es darauf geschoben, dass offenbar sein Orientierungssinn versagt hatte, und war schulterzuckend nach Hause gefahren. Doch heute fragte er sich, ob irgendein Muster dahintersteckte.
Gab es in der Stadt Orte, die man zwar sehen, aber nicht erreichen konnte? Oder war er einfach nur zu blöd, sie zu finden?
Elias schlurfte zurück zur Unterführung. Das Neonlicht leuchtete ihm kalt entgegen. Er hatte keine Lust, noch einmal durch den Tunnel zu gehen. Aber es gab keinen anderen Weg. Er atmete tief durch. Und hinein. Seine Schritte halten vom nackten Beton wider. Nach zwei, drei Metern war da plötzlich wieder dieses kribbelige Gefühl. Elias wandte sich um und rannte zum Eingang zurück. Er sah gerade noch, wie ein kleiner, grauer Umriss ins Gebüsch huschte. Ohne nachzudenken stürmte Elias weiter und wühlte in den Büschen. Nichts. Nur eine alte Getränkedose und eine zerfetzte Plastiktüte. Keine graue Gestalt. Was hatte er auch erwartet? Wahrscheinlich war bloß irgendein Tier aufgeschreckt. Und doch kam es ihm so vor, als wäre es genau derselbe Schemen, der ihm schon oben auf dem Dach vor die Linse geflattert war. Missmutig suchte er noch ein wenig in den Büschen herum und gab es schließlich auf.
Elias beeilte sich, durch die Unterführung zu kommen, und ging mit schnellen Schritten der U-Bahn-Station entgegen. Jetzt wollte er wirklich nach Hause. Während er das Wohnviertel durchquerte, zog er sein Handy hervor und scrollte noch einmal durch die Fotos, die er vorhin gemacht hatte. Schwarz, schwarz, schwarz. Grau, grau, grau. Nichts. Er überlegte, ob er die Bilder gleich an Shaka schicken sollte. Ganz ohne Kommentar, sie einfach fragen, was sie darauf erkennen konnte. Vielleicht fiel ihr ja etwas Sinnvolles auf.
Er entschied sich dagegen. Das würde mehr als seltsam wirken. So wie die verwaschenen Fotos in dem Forum über Verschwörungstheorien, die Shaka ihm letztens lachend gezeigt hatte – graubraunes Pixel-Wirrwarr, das angeblich Außerirdische zeigte. Nur dass Elias jetzt nicht wirklich nach Lachen zumute war. Die Sache war spannend, aber einfach zu schräg.
»Das gibt es nicht«, murmelte er noch einmal, als er sich der U-Bahn-Station näherte, und meinte es aus vollem Herzen. Er würde Shaka die Bilder morgen in der Schule persönlich zeigen. Dinge, die man nicht erklären konnte, klärte man am besten selbst.
Elias eilte die Rolltreppe zur U-Bahn hinab. Er bemerkte nicht, dass grellgrüne Augen ihm aufmerksam hinterherschauten, bis er unten verschwunden war. Eine kleine, graue Gestalt löste sich aus dem Schatten einer Mülltonne. Dünne Finger mit langen Krallen kritzelten ein paar Zeilen in ein Notizheft und klappten es schließlich zu. Die Gestalt entfaltete ein Paar ledriger Fledermaus-Schwingen an ihren Schultern. Mit flatternden Flügelschlägen verschwand sie in der Dunkelheit über den Dächern.
2
In-Between
»… und dann bin ich immer weiter in die Richtung gegangen, in der das Hochhaus erschienen ist. Bis hinter den Bahndamm. Da war kein Hochhaus! Nichts. Von dort aus hätte ich es sehen müssen! Aber alles war schwarz wie die Fotos hier.«
Elias scrollte seine Aufnahmen noch einmal durch. Erst ein grauer Horizont, dann schwarze Flächen. Natürlich kein Haus.
»Ich denke, es gibt zwei mögliche Erklärungen«, erwiderte Shaka, während sie das Display betrachtete. Dabei lächelte sie auf eine Art, die Elias nicht gefiel. Wenn sie die Lippen so kräuselte, kam selten ein Kompliment heraus.
»Entweder ist das Haus im Boden versenkbar und sie haben es heruntergefahren, bis du da warst«, fuhr sie fort, »oder du hast einen miesen Orientierungssinn und das Haus steht nicht dort, wo du geguckt hast.«
»Schönen Dank auch«, murmelte Elias säuerlich. »Genau das brauche ich jetzt.«
Es war ihm schwer genug gefallen, von der Sache zu erzählen. Den grauen Schemen hatte er sogar ganz ausgelassen.
»Na, hör mal«, sagte Shaka ernst und schaute Elias mit ihren dunkelbraunen Augen an. »Was ist denn wohl wahrscheinlicher: Dass ein Haus einfach so auftaucht und verschwindet oder dass du dich geirrt hast?«
Sie konnte sehr eindringlich schauen, das war ihre Spezialität. Man hatte dann das Gefühl, etwas Kluges sagen zu müssen, um diesen Blick zufriedenzustellen. Hinzu kam, dass sie ziemlich groß war und gerne streng auf Elias herunterblickte. Ihre Haut hatte einen dunklen Teint, das tiefschwarze Haar trug sie immer zu einem dicken, praktischen Zopf gebunden.
Ihre Augen musterten Elias unverwandt, bis er schließlich blinzeln musste. »Ich irre mich aber nicht!«, sagte er. »Ich habe mich nicht von der Stelle bewegt und alle Fotos in die gleiche Richtung gemacht! Die Lichter haben sich nur geweigert, aufs Bild zu kommen.«
Unwillig zog er die Knie an den Körper, um es sich auf seinem Betonsockel bequemer zu machen. Sie saßen in der schmalen Gasse, die vom Hof zu den Fahrradständern auf der anderen Seite des Schulzentrums führte, dicht vorbei an den Werkräumen. Hier war der beste Ort, um die große Pause ungestört von irgendwelchen Deppen zu verbringen, was die Pausenaufsicht mit einschloss. Dafür gab es keine vernünftigen Bänke, nur merkwürdige Beton-Poller. Man konnte eben nicht alles haben.
»Und welche Erklärung hast du dafür?«, fragte Shaka und spielte mit ihrem Zopf herum. Das tat sie immer, wenn sie nachdachte. Ein gutes Zeichen. Shaka hielt nicht jedes Problem für würdig, von ihr beachtet zu werden.
»Ich weiß es nicht«, gab Elias zu. »Keine Ahnung. Aber irgendetwas ist da merkwürdig. Das spüre ich.«
»Stimmen in deinem Kopf?«, entgegnete Shaka belustigt.
»Nein. Ge-füh-le«, sagte Elias langsam und überbetont. »Da drin.« Er zeigte auf die Stelle, wo er unter seiner Jacke sein Herz vermutete. »Das, was dein Rechner immer noch nicht kann, Shaka.«
»Oh, der kann ganz schön viel«, sagte sie und streifte ihren Zopf zurück. »Habe ich dir erzählt …«
Plötzlich brüllte ein Raubtier. Ein dumpfes Knurren hallte durch den Durchgang, mächtig und blutgierig. Elias fuhr zusammen und schaute sich hektisch um. Halb erwartete er, einen großen, grauen Schemen um die Ecke biegen zu sehen, die säbellangen Zähne gefletscht. Dann bemerkte er Shakas kopfschüttelndes Grinsen. Sie zog ihr Handy aus der Tasche. Das Ding brüllte immer noch.
»Bengalischer Königstiger«, kommentierte sie, während sie das Gerät entsperrte. Elias atmete auf. Vielleicht war er wirklich überspannt. Shakas Handy war berüchtigt dafür, die merkwürdigsten Geräusche von sich zu geben.
»Neue Nachricht?«, fragte er so lässig wie möglich.
»Nee.« Shaka starrte mit gerunzelter Stirn auf das Display. »Angeblich ist mein Download fertig. Ich habe doch gar nichts runtergeladen.« Sie tippte auf dem Handy herum. »Aber irgendetwas ist gerade angekommen.«
»Hast du dir einen Virus eingefangen?«
»Quatsch«, schnaubte Shaka, sichtlich empört darüber, dass man ihr solch einen dämlichen Fehler zutraute. »Aber ich habe eine neue App und keine Ahnung, was das sein soll. Hier, guck mal.«
Sie reichte ihm das Gerät. Elias nahm es vorsichtig entgegen. Er wusste, dass es mindestens dreimal teurer war als alles, was seine Eltern ihm erlauben konnten. Auf dem Display waren Reihen von bunten Symbolen angeordnet. Unten links in der Ecke befand sich der Neuzugang.
Kleine, weiße Buchstaben zeigten den Namen der App an: »In-Between«. Darüber war ein neonblaues Zeichen zu erkennen, das wie ein umgedrehtes Hufeisen aussah.
Elias spürte, wie seine Knie weich wurden.
»Das kenne ich«, flüsterte er.
»Was?«
»Dieses Icon. Der Bogen. Der war gestern auf dem Haus, das es nicht gibt. Ganz oben, über den Fenstern. Wie eine große Werbefläche aus Neonröhren.«
Shakas Stirnrunzeln vertiefte sich.
»Na klar«, sagte sie spitz. »Und jetzt hat es sich von deinem Geisterhaus auf mein Handy gebeamt. Das Ding kommt ganz schön viel rum.«
»Shaka, ich meine es ernst!«
Sie schaute ihn misstrauisch an. »Hast du mir diese App geschickt, Elias?«
»Sehe ich so aus, als hätte ich nichts Besseres zu tun?«, erwiderte er gereizt und reichte ihr das Handy zurück.
»Sorry. War nicht böse gemeint. Trotzdem verstehe ich nicht, was das soll.«
»Ich doch auch nicht! Aus diesem Grund erzähle ich es dir schließlich. Und jetzt hast du plötzlich dieses Icon auf deinem Handy.«
»Wir können ja mal schauen, was die App eigentlich macht«, murmelte Shaka mit dem halb-abwesenden Tonfall, den sie immer hatte, wenn sie sich auf ihr Handy oder ihren Rechner konzentrierte.
Noch ehe Elias etwas erwidern konnte, näherten sich schnelle Schritte aus der Richtung der Fahrradständer. Er schaute auf.
Da kam Niniane, die Neue aus ihrer Klasse. Sie schien sich zu beeilen, während sie gleichzeitig bemüht war, es nicht so aussehen zu lassen. Trotzdem stolperte sie so hastig vorwärts, dass sie für Elias wie auf der Flucht wirkte.
Niniane war ziemlich klein und zierlich. Ihr rotblondes Haar fiel ihr offen über den Rücken und verdeckte auch ihr schmales, blasses Gesicht. Nur hin und wieder blitzten große, wässrig-blaue Augen hinter den Strähnen auf.
»Hey! Warte mal!«, brüllte jemand hinter ihr her. Eine massige Gestalt schob sich in die Gasse. Ein Junge mit kurzem, blondem Stoppelhaar, kräftig und fast doppelt so breit wie Elias. Torben Westermann. Elias verdrehte innerlich die Augen.
»Hey! Willste auch ’nen Schluck?«, fragte Torben und schloss mit großen Schritten zu Niniane auf. Dann schwenkte er eine Dose Cola vor ihrem Gesicht herum, während Niniane versuchte, ihn zu ignorieren.
»Komm, trink mal! Ich geb dir doch gern was ab! Wir sind doch Freunde, nech?«
Jetzt schob er sich Niniane direkt in den Weg. Natürlich wollte Torben ihr nicht wirklich irgendetwas abgeben, da war sich Elias ziemlich sicher. Er wollte nerven, warum auch immer. Dafür fand er stets irgendeinen blöden Anlass. Mal fragte er tausendmal, wie spät es war, mal rülpste er einem einfach ins Ohr oder stellte einem beiläufig ein Bein, während er irgendeinen Schwachsinn redete. Hauptsache stören, aber immer hintenrum, sodass er empört »Ich mach doch gar nichts!« rufen konnte, wenn ihn doch mal ein Lehrer darauf ansprach.
»Prost!«, sagte Torben und setzte die Dose mit Gewalt an Ninianes Lippen. Sie schob seinen Arm unwillig beiseite. Die Dose kippte nach vorne und ergoss ihren braunen, klebrigen Inhalt als hässlichen Fleck über Ninianes Pullover.
»Uups«, grinste Torben. »Brauchste ein Lätzchen?«
Niniane drehte sich weg, den Mund zusammengekniffen.
»Was hast du eigentlich für ein Problem, Westermann?!« Shaka war wütend aufgesprungen und schob sich zwischen Torben und Niniane. Elias stellte sich neben sie.
»Kein Problem«, grinste Torben. »Ich kann nämlich trinken. Und wir üben das jetzt noch mal, was?«
Er griff nach Ninianes Arm.
»Lass den Scheiß!«, sagte Elias so fest wie möglich und versuchte zu ignorieren, dass Torben ihn mit seinen Schaufelhänden wahrscheinlich zu einem netten, kleinen Päckchen zusammenfalten konnte.
»Sonst was?«, fragte Torben und baute sich grinsend vor ihm auf. Elias hatte das Gefühl, direkt vor einem dicken Lastwagen zu stehen, der drohend auf ihn zurollte. Er straffte sich, um sich groß zu machen, doch Torben hatte immer noch mindestens einen Kopf Vorsprung.
»Sonst das!«, zischte Shaka. Ihr Bein schnellte vor, die Fußspitze traf zielsicher Torbens Schienbein. Mit einem überraschten Grunzen sackte Torben zusammen. Shakas Schienbein-Kicks waren auf dem Schulhof gefürchtet.
»Du …!«, bellte Torben wütend und richtete sich wieder auf. Für einen Moment sah es so aus, als wollte er auf Shaka losgehen, die ihn streitlustig anfunkelte. Dann grinste er plötzlich abfällig und wandte sich von ihnen ab.
»Du bist die Mühe nicht wert, Steffi«, murmelte er beim Gehen.
Shakas Augen verengten sich gefährlich. Sie hasste den Namen Stephanie, den ihre Eltern ihr verpasst hatten. Schlimmer war nur Steffi. Der Spitzname war vorprogrammierter Ärger – und niemand wollte Ärger mit Shaka. Sie hatte durchgesetzt, dass alle Lehrer sie bei ihrem indischen Zweitnamen Shakuntala nannten. Unter Freunden wurde daraus ein kurzes Shaka.
»Idiot«, brummte sie, während Torbens breiter Rücken um die Ecke verschwand.
Elias schaute nach Niniane, die verlegen ins Gebüsch starrte. Der Cola-Fleck zeichnete sich als hässlicher Umriss auf ihrem türkisfarbenen Pulli ab. »Alles okay?«, fragte er vorsichtig.
»Geht schon«, erwiderte Niniane, ohne ihn anzusehen. Ihre Stimme klang eigentümlich hell, so als würde jemand den Rand eines Glases anschlagen. Elias bemerkte, dass er zum ersten Mal bewusst mitbekam, wie Niniane sich anhörte. In der Klasse sagte sie praktisch nie etwas.
»Mach dir nichts draus«, schnaubte Shaka. »Westermann zählt nicht. Jede Türklinke hat mehr Grips als der.«
»Ich … ich muss jetzt los«, sagte Niniane. Sie wandte sich ab und eilte auf das Schulhaus zu. Diesmal gab sie sich keine Mühe mehr, zu verbergen, dass sie rannte. Elias und Shaka schauten ihr nachdenklich hinterher.
»Es muss sich blöd anfühlen, die Neue zu sein«, murmelte Elias. Er hasste Veränderungen. »Sie hat keine Freunde, oder?«
»Glaube nicht.« Shaka zuckte mit den Schultern. »Ich habe nicht viel mit ihr zu tun. Sie scheint ein bisschen Angst vor mir zu haben.«
»Wie kommt das nur?«, fragte Elias trocken.
»Geht’s deinem Schienbein zu gut?«
»Nö, alles bestens. Schau lieber nach, was diese In-Between-App macht.«
»Stimmt, da war ja noch was.«
Shaka warf ihren Zopf zurück und konzentrierte sich wieder auf ihr Handy. Sie runzelte verwundert die Stirn.
»Da, guck mal. Die App öffnet die Kamera-Funktion. Das ist alles.«
Elias schaute auf das Display. Tatsächlich. Es zeigte ein Bild der Umgebung, sonst nichts.
»Mach mal ein Foto«, schlug er vor.
»Okay. Bitte recht freundlich!«
Sie richtete das Handy auf Elias. Er zog theatralisch eine Grimasse. Gab es wirklich Menschen, die gerne fotografiert wurden?
»Hihi«, kicherte Shaka. »Du hast gebogene Hörner auf der Stirn. Sieht voll echt aus. Warte mal.«
Sie drückte ab. Dann schüttelte sie enttäuscht den Kopf.
»Aber auf dem Foto sind sie nicht zu sehen. Da.«
Sie zeigte Elias das Bild von seiner entzückenden Grimasse. Natürlich sah er bescheuert aus. Das war so gewollt. Lieber mit Absicht bescheuert aussehen als einfach so. Von Hörnern war jedenfalls keine Spur zu erkennen.
»Das verstehe ich nicht«, murmelte Shaka. »Wenn ich dich durchs Display anschaue, bist du gehörnt wie ein Steinbock. Das scheint so eine Witzfoto-App zu sein, die dir ein Hundegesicht macht oder dich Regenbogen kotzen lässt. Mit verdammt cooler Grafik. Aber sie funktioniert nicht richtig. Auf den Fotos erscheint nichts davon.«
»Gib mal her.« Elias schnappte sich das Handy und betrachtete nun Shaka durch das Display. Sie sah so aus wie immer, einmal abgesehen davon, dass sie mit ausgebreiteten Armen als eine Art sterbender Schwan vor ihm posierte.
»Du siehst ganz normal aus, wenn man das bei dir so sagen kann. Keine Hörner«, stellte Elias fest und machte ebenfalls ein Foto. Auch darauf sah Shaka einfach nur aus wie Shaka.
»Komisch«, meinte sie, ohne auf seine Spitze einzugehen. »Bei dir sind immer die Hörner zu sehen, wenn ich durchs Display schaue.«
»Aber wie kann …«
Die Pausenklingel schallte über das Schulgelände. Drinnen, im F-Trakt, wartete eine Doppelstunde Chemie auf sie. Seufzend ließen Elias und Shaka sich von ihren Beton-Pollern gleiten und schlurften in Richtung Eingang. Schon nach ein paar Schritten bewegten sie sich im Strom der anderen Schüler. Wie Fischschwärme im Ozean strebten alle vom Pausenhof und ihren wenig erfreulichen Zielen entgegen. Shaka hatte ihr Handy angelassen und schwenkte es unauffällig, halb verdeckt von ihrer Jacke, über ihre Umgebung. Sie runzelte konzentriert die Stirn.
»So viele Leute auf dem Display, aber du bist der Einzige, dem das Ding Hörner macht«, sagte sie leise.
»Ist halt meine Ausstrahlung«, erwiderte Elias lustlos. Ihm gefiel das nicht.
»Warte mal! Guck doch!« Shaka hielt das Handy etwas höher, damit Elias hindurchschauen konnte. Das Display zeigte Niniane, die gerade aus der Mädchentoilette kam. Offenbar hatte sie mehr schlecht als recht versucht, den Cola-Fleck auf ihrem Pullover mit Papierhandtüchern abzulöschen. Aber das war es nicht, was Shaka meinte. Niniane hatte sich verändert. Auf dem Display trug sie einen Umhang aus funkelnden Schleiern, die in allen Regenbogenfarben schimmerten. Mit jeder Bewegung wechselten sie ihr Farbe: von Korallenrot zu Aquamarinblau, von Smaragdgrün zu Bernstein-Orange, von Perlmutt-Weiß zu Amethyst-Lila.
»Wow«, murmelte Elias. Er blickte vom Display auf. So sah Niniane ganz normal aus, blass und etwas verhuscht. Er schaute wieder auf das Handy. Bunt schillernde Schleier umgaben sie. Nun bemerkte Elias, dass das gar keine Kleidung war. Sie hatte auch auf dem Display Jeans und Pulli an, ihre gewöhnlichen Klamotten. Die bunten Schleier wuchsen aus ihren Ärmeln, ihren Hosenbeinen und ihrem Ausschnitt hervor, um sich dann rund um sie zu ergießen. Sie bewegten sich zum Rhythmus ihrer Schritte. Wie ein Schleierfisch im Aquarium, dachte Elias.
Plötzlich blieb Niniane abrupt stehen und wandte sich um. Sie warf Elias einen ernsten, fragenden Blick zu. Dann ging sie schnell weiter. Shaka klickte ihr aufgeregt einige Fotos hinterher.
»So ein Bockmist!«, raunte sie. »Das Ding funktioniert nicht. Keine Hörner, keine Schleier.«
Frustriert zeigte sie Elias mehrere banale Bilder von Ninianes Rücken.
»Achtung!«, zischte Elias plötzlich, als er eine Gestalt mit dicker Hornbrille im Getümmel ausmachte. »Die Meyer-Greinbaum!«
Shaka ließ ihr Handy rasch verschwinden, ehe es von der Pausenaufsicht konfisziert werden konnte. Unschuldig schlenderten die beiden in Richtung F-Trakt. Als ob Elias jetzt den Kopf frei für Säuren und Basen gehabt hätte! In seinen Gedanken purzelten Häuser und Hörner durcheinander. Und eine App, die sich »In-Between« nannte.
»Ich werde mal schauen, was sich im Web darüber finden lässt«, murmelte Shaka. »So ein abstruses Teil ist bestimmt irgendwo beschrieben. Vielleicht gibt es sogar einen Patch, damit es richtig funktioniert.«
Elias nickte halb überzeugt. »Mach das. Aber am liebsten wäre mir, wenn du dir auch mal das Haus mit den tanzenden Lichtern ansiehst. Hast du heute Abend schon was vor?«
»Du meinst, etwas anderes, als über irgendwelche Dächer zu kriechen?«, erwiderte Shaka. »Da fällt mir bestimmt etwas ein. Mein Zimmer aufräumen, Staubflusen ordnen, die Wand anstarren …«
»Als ob du jemals etwas aufräumst, was nicht deine Festplatte ist«, meinte Elias ungeduldig. »Du musst dir diese Lichter anschauen, Shaka! Wenn du sie nicht selber siehst, glaubst du mir doch eh kein Wort.«
»Falsche Reihenfolge«, versetzte sie. »Ich müsste dir jetzt schon glauben, wenn ich die Mühe auf mich nehmen soll, auf irgendein Dach zu kraxeln. Aber warum sollte ich?«
»Warum sollte ich glauben, dass deine App mir Hörner macht?«
»Das ist nicht meine App«, entgegnete sie. Und seufzte in sich hinein. »Aber es stimmt schon. Das ist beides irgendwie gleich merkwürdig. Vielleicht hängt es ja wirklich zusammen.«
»Also?«, fragte Elias erwartungsvoll.
»Also komme ich mit dir auf dieses Dach und du zeigst mir deine Lichter«, seufzte Shaka wenig begeistert.
»Brave Shaka.« Elias grinste erleichtert.
»Ich kann immer noch Nein sagen«, drohte sie.
»Nee, kannste nicht. Die Sache hat dich neugierig gemacht.«
Sie schüttelte den Kopf. »Da hast du wohl recht. Aber gewöhn dich besser nicht dran.«
Elias nickte zufrieden. Zu zweit würden sie bestimmt etwas herausfinden. Es gab irgendeine naheliegende Erklärung. Er konnte nur keine finden.
3
Im Labyrinth
Irgendwie war es eigentümlich, zusammen mit Shaka auf dem Dach zu sein. Eigentlich hatte Elias diesen Ort nur für sich selbst entdeckt. Um seine Ruhe zu haben und den Kopf klarzukriegen. Aber nun waren sie zu zweit hier oben und dadurch fühlte sich alles anders an. Als würde das Dach ihm nicht mehr wirklich gehören. Egal. Heute war er ja auch nicht zum Nachdenken hier heraufgekommen.
»Das nennst du einfach«, hatte Shaka sich beschwert, als sie sich die Feuerleiter hinaufgezogen hatte. Er hatte es verwundert zur Kenntnis genommen.
Nun rutschte seine Freundin nervös auf dem Kies hin und her, der das Flachdach bedeckte. Erst jetzt fiel Elias auf, wie hoch es hier war. Und Höhe war offenbar nicht Shakas Ding.
»Du hast wirklich nichts gefunden?«, fragte er, während er darauf wartete, dass es endlich dunkel wurde.
»Nicht das Geringste«, brummte Shaka missmutig. »Niemand scheint diese App zu kennen! Man kann sie nirgendwo herunterladen, sie wird in keinem Forum besprochen, es gibt keine Fotos im Netz, die damit erstellt wurden.«
»Vielleicht hast du nicht gründlich genug gesucht?«
Sie warf ihm einen giftigen Seitenblick zu und verzichtete auf eine Antwort.
»Na ja, jedenfalls wird das Haus bald auftauchen. Du musst dann da rüber schauen, links von diesem Schornstein, und …«
Elias’ Handy gab einen leisen Glockenton von sich. Das war ihm lieber als Shakas extravagante Tiergeräusche, nach denen sich immer die halbe U-Bahn umdrehte. Er zog das Gerät aus der Tasche und checkte kurz, was los war.
»Ein Download«, murmelte er mit einem flauen Gefühl im Bauch. »Aber ich habe doch gar nichts …«
Tatsächlich. Eine neue App war auf dem Display erschienen. Ein neonblauer Bogen. In-Between.
»Jetzt habe ich sie auch«, sagte er matt. »Die App, meine ich.«
»Das wird echt langsam komisch«, erwiderte Shaka. »Wenn das irgendein Massen-Spam wäre, den alle kriegen, müsste man doch etwas davon mitbekommen!«
»Ja, allerdings.« Elias tippte das neonblaue Icon an, und das Kamera-Display öffnete sich. Alles genau wie bei Shakas Handy. Er richtete das Gerät auf sie. Shaka winkte gelangweilt in die Kamera. Sie sah aus wie immer – keine Hörner oder sonstigen Veränderungen.
»Hmm … Mal sehen.«
Elias schwenkte das Handy entschlossen herum und fixierte den Horizont jenseits der Dächer, die Stelle, wo abends immer die Lichter erschienen waren. Ein Hochhaus war im Display zu sehen. Es stand weit hinten, auf der anderen Seite des Bahndammes, und sah heruntergekommen aus. Seine Außenwände bestanden aus grauem Beton. Die oberen drei Stockwerke hatte man mit dunkelbraunen Platten verkleidet, die fast noch hässlicher waren als die nackte Wand. Ganz oben, auf seinem flachen Dach, erhob sich ein Sendemast. Es gab offenbar ein zentrales Treppenhaus in der Mitte, von dem aus in beide Richtungen Balkone abgingen, die zu den einzelnen Wohnungen führten. Genau wie Elias aufgrund der Lichter vermutet hatte. Über dem obersten Treppenhaus-Fenster war ein blauer Torbogen aus Neonröhren an der Fassade angebracht. Sie leuchteten noch nicht, waren aber klar zu erkennen. Nun war sich Elias endgültig sicher: Das Zeichen sah exakt so aus wie das Icon der In-Between-App.
Am Haus tat sich etwas. Ein schimmernder Umriss flatterte von einem der Balkone auf, umkreiste einmal den Sendemast, wobei er rötliche Lichtschleier hinter sich herzog, und verschwand durch ein Fenster nach drinnen. Elias zoomte das Ding näher heran – und blinzelte perplex. Hatte er gerade wirklich eine kleine, menschenähnliche Gestalt mit schwirrenden Flügeln gesehen?
»Da. Schau selbst«, sagte er betreten und reichte das Handy an Shaka.
»Ich glaub’s ja nicht«, flüsterte diese. Ihr Blick wanderte immer wieder hin und her: vom Handy, auf dem eindeutig ein Haus zu sehen war, zum Horizont, wo es ebenso eindeutig kein Haus gab, und wieder zurück. Normalerweise hätte Elias jetzt triumphierend gegrinst und irgendeinen coolen Spruch abgelassen. Aber er war viel zu aufgeregt dafür.
»Das ist das Haus«, sagte er. »Ganz sicher. Die Fenster liegen genauso wie die Lichter. Das wirst du ja gleich sehen, wenn es dunkel wird.«
»Es ist da und gleichzeitig auch nicht da«, murmelte Shaka fasziniert. »Und da fliegt … eine verdammte Fee?!« Jetzt hatte sie ausgesprochen, was Elias nicht zu denken gewagt hatte. Shaka drückte den Foto-Auslöser. Erwartungsvoll öffnete sie das Bild. Es war nichts darauf zu sehen. Kein Haus und kein Flügelwesen.
»Genau wie bei dir und Niniane«, seufzte sie. Elias sprang auf und ging einige Schritte über den knirschenden Kies auf und ab. Er konnte jetzt nicht ruhig sitzen bleiben! Nicht mit diesem Gedanken …
»Das ist keine Witzfoto-App«, sprach er es schließlich aus. »Das ist eine App, die Dinge zeigt, die gar nicht da sind. Und die irgendwie doch da sind. Wie dieses Haus. Oder das Flügelding. Oder wie Ninianes Schleierflossen.«
Oder wie meine Hörner, dachte er, sagte es aber nicht. Die Vorstellung war einfach zu absurd. Er hatte keine Hörner, hatte nie welche besessen und wollte auch keine haben! Elias ertappte sich dabei, dass er mit der Hand misstrauisch über seine Stirn fuhr. Nichts, nicht mal der kleinste Huckel. Was denn auch sonst.
Shaka schaute ihn ernst an.
»Ich glaube dir, dass dich das stresst«, sagte sie. »Und ich weiß langsam auch nicht mehr weiter. Falls das irgendein Hoax ist, dann ist er jedenfalls verdammt gut gemacht.«
»Wenn man wenigstens Fotos davon haben könnte«, erwiderte Elias hilflos.
»Warte mal!« Shaka sprang plötzlich auf und zog ihr Handy aus der Tasche. Sie öffnete die »In-Between«-App und richtete das Gerät auf das nicht vorhandene Haus. Es erschien brav auf dem Display.
»Und jetzt machst du ein Foto von mir, wie ich das Handy da draufhalte!«, rief sie. »Und pass auf, dass das Display gut zu erkennen ist! Wir haben leider kaum noch Licht.«
Elias verstand. Er öffnete seine Kamera-App, zoomte Shakas Hand mit dem Handy heran und drückte ab. Dann öffnete er das Foto. Hand und Handy waren darauf zu sehen. Das Haus nicht. Das Handy-Display auf dem Foto zeigte einfach nur ein dunkelgraues Stück Abendhimmel.
Wortlos reichte Elias das Gerät an Shaka. Sie schüttelte entgeistert den Kopf.
»Das Ding erscheint noch nicht mal auf dem Foto von einem Foto!«, schimpfte sie dann empört, als sei das Haus nur verschwunden, um sie persönlich zu ärgern. »Wie haben die den Mist bloß programmiert?«
»Keine Ahnung«, brummte Elias. Ihm war plötzlich kalt, trotz seiner gefütterten Jacke. »Gleich kommen übrigens die Lichter, es ist schon fast dunkel.«
»Eigentlich habe ich für heute genug gesehen«, meinte Shaka müde.
Sie standen stumm nebeneinander, während die herbstliche Abenddämmerung immer grauer und schließlich schwarz wurde. Dann flammten jenseits der Dächer die Lichter auf. Ein Stapel aus hellen Quadraten für das Treppenhaus in der Mitte, nach und nach auch kleinere Umrisse für die Fenster der Wohnungen ringsum. Ganz oben erschien als Letztes der neonblaue Leuchtbogen. Bunte Leuchtnebel tanzten durch die Dunkelheit. Die schimmernden Lichter erinnerten Elias verdächtig an das Flattergeschöpf, das er auf dem Display gesehen hatte. Leuchtende Flügelwesen? Echt jetzt?
»Da«, sagte Elias leise.
»Was?«, fragte Shaka und sah ihn irritiert an.
»Na, die Lichter«, gab Elias zurück. »Dafür sind wir doch hier.«
»Wann kommen die denn endlich? Ich muss langsam nach Hause. Mein Vater ist heute früher daheim.«
»Die sind doch schon lange an! Guck doch!« Elias zeigte direkt darauf. Shaka kniff konzentriert die Augen zusammen und starrte ins Dunkel hinaus. Dann schaute sie Elias an.
»Da sind keine Lichter, Elias.«
»Natürlich sind da welche! Ich sehe sie doch!«
»Ich nicht.«
»Ja, aber …«
Shaka hob ihr Handy hoch und richtete es mit der »In-Between«-App auf das Haus. »Meinst du diese Lichter? Hier auf dem Display?«
»Natürlich! Das Ding zeigt sie auch an. Aber ohne Handy …«
»… kann ich sie nicht erkennen, Elias. Offenbar siehst du mehr als ich.«
Für einen Moment wusste Elias nicht, was er sagen sollte. Andere konnten die Lichter nicht sehen? Er war plötzlich sehr dankbar, dass sie die »In-Between«-App hatten. Nicht auszudenken, wenn er Shaka ohne das Teil hier raufgeführt und ihr irgendwelche Lichter gezeigt hätte, die nur er sehen konnte!
»Das liegt wahrscheinlich an meinen Hörnern«, schnaubte er, um witzig zu sein. Zu allem Überfluss kitzelte es nun auch noch hinter seiner Stirn.
»Ja, vielleicht«, erwiderte Shaka, ohne zu lächeln. Die beiden schwiegen unbehaglich.
»Langsam macht mich das nervös«, gab Elias schließlich zu. Er musste an den grauen Schemen denken, den er gestern aus dem Augenwinkel gesehen hatte.
»Und mich macht es neugierig!«, erwiderte Shaka entschlossen. »Solche Sachen passieren nicht einfach so. Da steckt irgendetwas dahinter. Und wir werden herausfinden, was das ist!«
»Ja, das sollten wir wohl«, erwiderte Elias, der versuchte, sich von Shaka anstecken zu lassen. »Forschen wir gleich morgen weiter?«
»Jupp. Wir durchforsten das ganze Web danach. Auch zweimal, wenn es sein muss. Aber jetzt muss ich langsam los. Du weißt ja, mein Vater.«
Er nickte. Shakas Vater arbeitete bei einer großen Software-Firma und kam meist erst spät nach Hause. Wenn er es doch mal früher schaffte, legte er Wert darauf, die ganze Familie Thapar einträchtig um sich versammelt zu sehen. Elias war ein bisschen neidisch, auch wenn Shaka nicht allzu begeistert wirkte.
Gemeinsam stiegen sie über die Feuerleiter vom Dach. Elias sprang wieder direkt von den Garagen und wartete dann einen Moment, während seine Freundin sich fluchend bäuchlings vom Garagendach rutschen ließ.
An der nächsten Straßenecke trennten sie sich. Shaka musste mit dem Bus in eine andere Richtung. Elias ging nachdenklich die Treppe zur U-Bahn-Station hinunter, die Hände in den Jackentaschen vergraben.
Unten erwartete ihn ein gewölbter, weiß gekachelter Gang mit stechend-greller Beleuchtung. Grüne und blaue Streifen auf den Kacheln sollten das Ganze wohl auflockern. Elias schenkte ihnen keinen zweiten Blick und trottete in Gedanken versunken weiter in Richtung Bahnsteig. Erst als er an eine Abzweigung kam, blieb er stehen. Der Gang teilte sich hier auf. Man konnte nach links oder rechts weitergehen. Auf beiden Seiten gab es weiße Kacheln und grelles Licht. Elias schaute sich irritiert um. Seit er seine Zuflucht auf dem Dach gefunden hatte, stieg er fast jeden Tag hier in die Bahn. Es war nur eine kleine Station mit direktem Weg zu den Bahnsteigen – ohne Abzweigungen. War er gedankenverloren zu einer falschen Station gestiefelt? Elias trat einen Schritt zurück und schaute hoch. An den größeren Umsteige-Bahnhöfen hingen für gewöhnlich Hinweisschilder an den Abzweigungen, die den Weg zu den einzelnen Bahnlinien zeigten. Hier hing gar nichts. Über ihm war nur die nackte Kacheldecke. Er blickte in beide Richtungen. Auf der linken Seite beschrieb der Gang nach einigen Metern einen Bogen nach rechts. Blaue Streifen liefen als Muster über seine Kachelwände. Auf der rechten Seite kam schon bald eine Treppe, die noch tiefer in die Erde hinabführte. Hier waren die Zierstreifen rot. Vom Bahnsteig war nichts zu sehen.
Erst jetzt wurde Elias bewusst, dass er allein war. Kein Mensch war mit ihm hier unten, um die Bahn zu erwischen, kein einziger von den Pendlern, die sich am Abend sonst immer in die überfüllten Züge drückten. Nicht einmal Schritte oder Stimmen waren zu hören. Um ihn herum war es völlig still.
Elias’ Herz klopfte. Hier war etwas ganz und gar nicht in Ordnung. Abrupt drehte er sich um und lief wieder zurück, in Richtung der Treppe. Schon nach wenigen Schritten merkte er, dass der Gang zu lang war. Er müsste die Treppe zum Ausgang längst sehen können! Doch der weiße Kachelgang ging weiter und weiter. Schließlich stieß der Gang auf eine weitere Abzweigung. Gleich drei Gänge taten sich hier vor Elias auf: rechts, links oder geradeaus. Wieder gab es kein Hinweisschild. Nur ein Werbeplakat hing an der Wand. Es zeigte auf einer schwarzen Fläche einen neonblauen Torbogen, den Elias inzwischen ziemlich gut kannte.
Er stolperte zurück, als wäre der Bogen ein wildes Tier, das jeden Moment aus dem Plakat springen und ihn zerreißen könnte. Natürlich tat er nichts dergleichen. Er hing einfach nur da, als wollte er Elias durch seine bloße Anwesenheit verhöhnen.
»Okay … Ganz ruhig bleiben«, murmelte er zu sich selbst. Es gab eine Erklärung für das alles. Irgendwo musste die Treppe sein, auf der er eben noch hier heruntergekommen war. Wenn er reingekommen war, gab es auch einen Ausweg. Er konnte sich wohl kaum in einer U-Bahn-Station verlaufen! War er vielleicht in irgendwelche Wartungsgänge für Bahn-Arbeiter geraten?
Vorsichtig schaute er in den linken Gang. Er schien lange geradeaus zu führen und in der Ferne in eine weitere Abzweigung zu münden. Rotgrüne Streifen zierten seine Wände. Kopfschüttelnd wandte er sich dem Mittelgang zu. Schon nach einigen Metern stieß dieser auf eine Treppe nach unten. Hier war die Streifenfarbe blau. Als er sich gerade den rechten Gang anschauen wollte, hörte er ein Geräusch. Schwere Schritte näherten sich ihm, mächtig und zielstrebig. Ein behäbiges KA-LONK, KA-LONK, KA-LONK, das weit durch die Gänge hallte. Es kam von vorne, wo der Gang nach einigen Metern eine Biegung beschrieb.
Elias hatte den Drang, einfach abzuhauen. Er zwang sich, trotzdem stehen zu bleiben. Vielleicht näherte sich da gerade ein Bahn-Mitarbeiter, der ihm hier heraushelfen konnte. Es ergab keinen Sinn, einfach blindlings durch die Gegend zu stürmen. Also wartete er. Die Schritte kamen näher und näher. KA-LONK, KA-LONK, KA-LONK. Ein Schatten fiel ins grelle Licht. Die Person musste jetzt unmittelbar hinter der Gangbiegung sein. Elias konnte einen massigen, breitschultrigen Umriss ausmachen. Einen Umriss mit einem Paar mächtiger Hörner am Kopf!
Das war zu viel. Elias rannte los. Egal wohin, nur weg von diesem gehörnten Ungetüm! Er stürzte in den nächstbesten Gang und hetzte ihn entlang, bis er an eine Abzweigung kam. Hektisch warf er einen Blick über die Schulter. Eine große Gestalt schob sich hinter ihm um die Ecke. KA-LONK, KA-LONK, KA-LONK.
Elias rannte weiter, bog willkürlich nach rechts ab, nahm am Rande einen pinkfarbenen Streifen wahr, stieß schließlich auf eine Rolltreppe nach unten, die leise vor sich hin brummte. Er zögerte kurz, dann hetzte er die Stufen hinab. Er konnte es sich nicht leisten, wählerisch mit seinem Weg zu sein. Elias rannte weiter, vorbei an Abzweigungen und Kreuzungen. Blaue Streifen, pinke Streifen, gelb-braune Streifen. Hin und wieder mal ein Plakat mit einem neonblauen Bogen. Und Gänge, noch mehr Gänge, zuweilen auch Rolltreppen. Das absurde Gangsystem schien unvorstellbar groß zu sein.
Schließlich blieb er erschöpft stehen, direkt an einer Dreier-Abzweigung. Nach einigen gehechelten Atemzügen lauschte er ängstlich auf seine Umgebung. Es waren keine Schritte zu hören. Offenbar hatte er den Gehörnten abgehängt.
»Und was jetzt?«, fragte er sich leise, während seine Knie immer noch zitterten. Natürlich hatte er nicht darauf geachtet, wohin er gerannt war. Der Ort, an dem er hereingekommen war, lag viele Gänge und Treppen hinter ihm. Überall sah es gleich aus, wenn man einmal von dem Durcheinander der Streifenmuster absah. Er war gefangen.
»Geh systematisch vor, du Trottel!«, schoss es ihm durch den Kopf. Das hätte Shaka jetzt zu ihm gesagt. Und sie hätte recht damit. Elias griff in seinen Rucksack und kramte einen Filzstift heraus. Rasch malte er ein Kreuz auf eine Kachel an der rechten Gangmündung. Er würde einfach nacheinander alle Wege abarbeiten und dort Zeichen setzen, wo er schon gewesen war. Dann würde früher oder später schließlich der Ausweg übrig bleiben. Er hatte das Kreuz noch nicht zu Ende gemalt, als schwere Schritte durch den Gang hallten. Sehr laut. Sehr nah. KA-LONK, KA-LONK, KA-LONK.
Und der hünenhafte Körper des Gehörnten schob sich aus einer Gangöffnung direkt neben ihm. Er überragte Elias um drei Köpfe, war größer als jeder erwachsene Mann, den er kannte – und dabei so breit, dass er den Gang fast ganz ausfüllte. Bekleidet war er mit einem abgewetzten Blaumann, auf den ein Namensschild genäht war: M. Taurus. Verschiedene Werkzeuge und ein dicker Schlüsselbund blitzten an seinem Gürtel. Seine nackten, muskelbepackten Arme wurden von schwarzem Fell bedeckt, sein Kopf sah aus wie das Haupt eines Stiers mit stolz geschwungenen Hörnern und großen, trüben Augen. Ein dicker Goldring zierte seine Nase.
Der Stiermann stieß ein wütendes Schnauben aus und hob drohend seine Faust. Elias ließ den Filzstift mitten in der Bewegung fallen und rannte. Er stürmte in den Gang hinein, den er gerade markiert hatte, bog an der nächsten Kreuzung scharf ab, folgte einem weiteren Gang. Die Schritte des Gehörnten hinter ihm wurden leiser. Schließlich erreichte er wieder eine Rolltreppe nach unten. Auf den Stufen erlaubte Elias sich, durchzuatmen.
Entlang der Treppe waren viele kleine Rahmen mit Plakaten an der Wand befestigt. In der Stadt fand sich dort meist Werbung für irgendwelche Musicals oder Restaurants, manchmal auch Fahrpläne oder Karten des U-Bahn-Netzes. Hier jedoch hing überall das gleiche Motiv: ein neonblauer Bogen auf schwarzem Grund. Das musste doch irgendeinen Sinn haben!
Er zog spontan sein Handy aus der Tasche. Mit einigen raschen Klicks öffnete er die »In-Between«-App und schaute angespannt auf das Display. Die Umgebung hatte sich nicht verändert. Aber die Plakate sahen plötzlich anders aus. Er richtete sein Handy auf eines von ihnen. Vor dem Hintergrund des neonblauen Torbogens zogen sich nun mehrere Zeilen mit Schrift über seine Fläche:
»Verbotener Park – Grüne Linie
Gesichtslose Gassen – Gelb-rote Linie
Vier-Winde-Haus – Blaue Linie
Schwarzer Spiegelturm – Schwarze Linie
U-Bahn, Festwelt – Grün-blaue Linie«
Es folgten noch einige Zeilen, aber Elias las nicht weiter. Zur U-Bahn, mehr wollte er ja gar nicht. Er rannte wieder los. Nach einigen Metern stieß er auf eine Abzweigung. Der Gang links wurde von einem grünen Streifen verziert, rechts war der Streifen rot-gelb. Keine Spur von Grün-blau. Mist! Egal. Elias folgte aus dem Bauch heraus dem rechten Gang und lief weiter. Schon bald traf er auf eine Kreuzung. Rechts ein gelber Streifen, mittig Rot-gelb, links Grün-blau. Na also! Hier bog er ein.
Dann kam eine weitere Dreier-Abzweigung. Die grün-blaue Markierung führte geradeaus. Er folgte ihr. Rechts und links, wieder geradeaus, zweimal rechts … Stets gaben die grün-blauen Streifen einen der Wege vor. Elias hielt sich jedes Mal daran. Was hätte er anderes tun sollen?
KA-LONK, KA-LONK, KA-LONK. Aus der Ferne stampften plötzlich wieder die Schritte des Gehörnten heran. Elias beeilte sich. Von vorne hörte er nun auch ein Geräusch. Es war ein Rumpeln und Rauschen, als würde irgendetwas Großes, Schweres ächzend durch die Gänge klappern. Rasch kam es näher. Panik stieg in Elias auf. War er nun zwischen zwei Ungeheuern eingekesselt? Dann wurde ihm bewusst, dass er dieses Rumpeln gut kannte. Er rannte umso schneller.
Elias stolperte auf den Bahnsteig hinaus, als gerade quietschend die Linie 5 einfuhr. Seine Bahn. Eine Handvoll Leute standen herum und warteten. Die Türen öffneten sich klappernd. Fahrgäste stiegen aus, andere drängten hinein. Elias stürmte vor und warf sich in die Bahn.
»He!«, beschwerte sich eine ältere Dame. »Immer mit der Ruhe, junger Mann!«
Er murmelte atemlos eine Entschuldigung und quetschte sich tiefer in den Wagen. Um ihn herum standen die Fahrgäste dicht an dicht. Es roch nach Parfüm und nassen Mänteln. Ein Kind quengelte irgendwo. Für gewöhnlich fand Elias solche Fahrten stressig. Gerade war er einfach nur dankbar, nicht mehr in diesem Labyrinth festzustecken.
Die Bahn fuhr los. Durch das Fenster warf Elias einen Blick zurück auf den sich leerenden Bahnsteig. Dort stand eine große, gehörnte Gestalt und schwenkte einen Gegenstand in ihrer behaarten Faust. Es war ein Filzstift. Dann fuhr die Bahn auch schon in den Tunnel ein und hinter dem Fenster war nur noch Schwärze zu sehen.
Elias schaute sich verstohlen um. Alle anderen Fahrgäste starrten glasig vor sich hin oder tippten auf ihren Handys herum. Niemand sah so aus, als hätte er gerade ein Ungetüm auf dem Bahnsteig gesehen.
Er schloss die Augen und atmete durch. Morgen würde er Shaka viel zu erzählen haben. Und mit sehr viel Glück würde sie ihm sogar das eine oder andere Wort davon glauben.
4
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Auf dem gesamten Nachhauseweg blieb ein flaues Gefühl in Elias’ Bauch zurück. Bei jeder Haltestelle, in deren Licht die U-Bahn einfuhr, rechnete er halb damit, dass auf dem Bahnsteig schon ein gehörntes Ungeheuer auf ihn wartete. Auf dem Weg von der U-Bahn-Station nach Hause schaute er sich mehrmals nervös um, ob irgendwo ein grauer Flügelschatten über die Dächer glitt. Nichts. Die Welt schien plötzlich wieder normal zu sein. Und doch hatte Elias noch immer weiche Knie, als er schließlich die Wohnungstür hinter sich schloss.
Der Flur lag im Halbdunkeln, zugestellt von den Umzugskartons, in denen sein Vater die Sachen für seinen Auszug sammelte. Im Wohnzimmer brannte Licht. Plötzlich stieg wieder Panik in Elias auf. War das vielleicht eine von diesen Gruselgeschichten, in denen das Grauen zu Hause auf einen wartete? Würde gleich das gehörnte Monster aus der U-Bahn am Esstisch sitzen und ihn breit angrinsen?
Elias schluckte und öffnete die Tür. Im Wohnzimmer saß kein Monster, sondern seine Mutter. Doch das war fast noch schlimmer, denn er kannte diesen speziellen Blick, mit dem sie ihn sofort bedachte. Es war nicht der übliche »Ich bin sauer«-Blick. Sondern die weitaus bedrückendere Variante »Ich bin sehr enttäuscht von dir«.
Das sagten jedenfalls Mamas Augen, als sie von ihrem Tablet aufschaute und ihn ansah. Ihr Mund hingegen sagte: »Elias! Gott sei Dank kommst du endlich nach Hause. Wo warst du bloß so lange?«
Unwillkürlich schaute Elias zu der alten Uhr von Oma Sabine, die über dem Sofa hing. Es war schon nach neun?! Er war doch gar nicht so lange unterwegs gewesen …
»Ich … ich muss irgendwie die Zeit vergessen haben«, stammelte er verwirrt.
»Warum hast du nicht wenigstens angerufen?«, fragte Mama. Sie sah noch ein wenig grauer aus als sonst. Eine zierliche, zerbrechliche Gestalt mit blondierten Strähnen im Haar, inzwischen eine Handbreite kleiner als Elias. »Ich habe versucht, dich zu erreichen«, fuhr sie fort, »aber bei deinem Handy ging nicht einmal die Mailbox ran.«
»Echt?« Überrascht zog er sein Gerät aus der Tasche. Es war angestellt und empfangsbereit, der Akku noch halb voll. Hatte sein Handy im U-Bahn-Labyrinth nicht funktioniert, weil dieser Ort tief unter der Erde lag – oder auf unnatürliche Weise noch viel weiter weg? Und war er womöglich weitaus länger durch die Gänge geirrt, als ihm bewusst war?
»Sorry, wird nicht wieder vorkommen«, murmelte er hilflos, weil er keine Ahnung hatte, wie er das Ganze erklären sollte.
Seine Mutter legte das Tablet beiseite und stand auf. Sie umrundete den Couchtisch, bis sie direkt vor ihm stand. »Elias«, sagte sie leise. »Ich weiß, das ist gerade alles ein bisschen viel für dich … Aber wir müssen uns aufeinander verlassen können! Ich mache mir Sorgen, wenn du abends so lange wegbleibst …« Sanft wuschelte sie ihm durchs Haar, wie sie es schon früher immer gemacht hatte – nur, dass sie jetzt den Arm dafür ausstrecken musste. »Wir sind doch ein Team, oder nicht?«
Elias zog den Kopf weg. Die Geste war etwas harscher, als er beabsichtigt hatte. Doch jetzt gab es kein Zurück. Er spürte, wie Ärger in ihm aufstieg. Das mit dem Team hatte sie früher schon gesagt – aber da hatte sein Vater noch dazugehört.
»Ich kann auf mich aufpassen, Mama«, erwiderte er trotzig. »Ich bin kein kleiner Junge mehr!« Auch das kam ruppiger rüber, als er gewollt hatte – und leider auch kindischer.
Seine Mutter zog ihren Arm zurück. »Wenn du kein kleiner Junge mehr bist, dann benimm dich auch so«, seufzte sie. »Und ruf an, wenn es bei dir später wird!«
Irgendwie hatte sie recht, was die Angelegenheit noch ärgerlicher machte. Aber wie hätte er bitte schön anrufen sollen, wenn er gerade von einem gehörnten Monstrum durch ein Labyrinth gejagt wurde?
»Das verstehst du nicht«, erwiderte er deshalb entnervt.
»Dann erklär es mir doch.« Seine Mutter konnte so furchtbar vernünftig sein. Seine Erlebnisse erklären. Ja, klar. Als wenn er das gekonnt hätte!
Elias winkte ab. Seine Mutter setzte dazu an, noch etwas zu sagen – da hörte er den Schlüssel im Schloss der Wohnungstür. Papa kam nach Hause. Falls man das denn so nennen konnte, wenn man nur noch für wenige Wochen irgendwo wohnte. In letzter Zeit arbeitete er immer lange – oder war bei »ihr«, wie Mama es bezeichnete. Sofort verspannte sie sich.
»Ich bin dann mal weg«, brummte Elias, der keinerlei Lust hatte, den nächsten Akt der Streitereien seiner Eltern mitzubekommen. Er lief in die Richtung seines Zimmers. Auf dem Flur entschied er sich um, murmelte Papa einen Gruß zu, den er selber nicht verstand, und schlüpfte durch die Küche raus auf den Balkon. Er brauchte jetzt frische Luft. Seufzend ließ er sich auf einen Gartenstuhl aus Plastik fallen.
An der Wand hinter ihm hing das Wagenrad, das sein Vater mal aufgehängt hatte, damit der Balkon wie die Terrasse eines alten Gutshofs aussah. Es hatte nicht viel genutzt, und hier erinnerte gar nichts an einen alten Gutshof. Elias starrte in den Abend hinaus. Ringsum schimmerten die Lichter von Gebäuden, die genauso aussahen wie das Haus, in dem er aufgewachsen war: Mehrfamilienhäuser mit vier Stockwerken und flachen Satteldächern. Früher waren sie spinatgrün gestrichen gewesen. Dann hatte man das alles renoviert, und seitdem erstrahlten sie bonbonfarben in Zartrosa und Zitronenfaltergelb. Elias schaute lieber auf die schwarzen Baumwipfel der Grünanlangen ringsum. Der Ärger in seinem Bauch verschwand langsam und machte einem seltsamen Nicht-Gefühl Platz. Kalt und leer war es in ihm, während die gedämpften Stimmen seiner Eltern durch die Balkontür nach draußen drangen.
Als er schließlich einen grauen, geflügelten Schatten durch die Bäume huschen sah, zuckte er nur leicht zusammen. Die Welt war ein absurder Ort, an dem man sich auf nichts verlassen konnte. Was machten da schon Flügelschatten und gehörnte U-Bahn-Monster aus?
»Elias!« Shaka lief hinter ihm her, als er am nächsten Tag nach dem Unterricht aus der Schule schlurfte. »Ey, nun wart doch mal!«
Seufzend wurde Elias langsamer.
Seine miese Laune hatte sich seit gestern Abend gehalten. Elias hatte furchtbar schlecht geschlafen und von endlosen Labyrinthen voller Ungeheuer geträumt. Vom Unterricht hatte er kaum etwas mitbekommen, in den Pausen Shaka gemieden und ihre Kurznachrichten einsilbig beantwortet. Denn er hatte keine Ahnung, wie er ihr von dem Gehörnten erzählen sollte. Ein Haus zu sehen, das es gar nicht gab, war eine Sache – ein leibhaftiges Monster etwas völlig anderes.
»So«, sagte Shaka, nachdem sie zu ihm aufgeschlossen hatte. »Und jetzt verrätst du mir, was los ist!«
»Was soll schon sein?«, knurrte Elias. »Die ganzen komischen Sachen in letzter Zeit stressen mich halt.«
»Du meinst die In-Between-App und das Haus? Nachvollziehbar.«
»Mrrm«, erwiderte er unbestimmt.
»Aber da ist noch mehr, oder?«, bohrte Shaka nach. »Gestern hast du mich auf dieses Dach gezerrt – und heute willst du nicht mal mehr darüber sprechen? Du hast doch was.«
Elias seufzte. Shakas Scharfsinn wurde nur von ihrer Dickköpfigkeit übertroffen. »Es ist ziemlich schwer zu erklären«, rückte er unwillig heraus. Shaka warf unternehmungslustig ihren schwarzen Zopf zurück.
»Okay, wir machen Folgendes«, sagte sie. »Wir fahren rüber ins Ulmen-Center und holen uns einen Milchshake. Das ist gut für deine Seele. Und dann erklärst du mir das, was so schwer zu erklären ist. Das ist gut für dein Schienbein.«
Sie hob angriffslustig eine Fußspitze. Elias musste gegen seinen Willen grinsen. »Na schön. Aber sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt!«
Shaka erwiderte sein Grinsen. »Vor dir kann man gar nicht genug gewarnt werden …«
Die beiden nahmen die Straßenbahn, die in dieser Gegend glücklicherweise oberirdisch fuhr. Elias hatte keinerlei Lust auf weitere Begegnungen in U-Bahn-Stationen. Das Ulmen-Center lag einige Stationen entfernt, nahe dem Wohngebiet, in dem die Familie Thapar ihr Reihenhäuschen hatte. Wenn Elias Shaka besuchte, dann hingen sie oft irgendwo in diesem Einkaufszentrum ab.
Hier war alles hell gekachelt und grell ausgeleuchtet. Zahllose Menschen eilten auf drei Ebenen an Boutiquen und Schuhgeschäften vorbei, drängten sich auf den Rolltreppen und quetschten sich an winzige Café-Tischchen, während im Hintergrund nichtssagende Musik dudelte. Alles war so banal und alltäglich, dass Elias das Gefühl hatte, die letzten Tage einfach geträumt zu haben.
Sie holten sich einen Shake im Eiscafé. Elias nahm Pistazie, wie er es eigentlich immer tat. Auch Shaka blieb ihren Gewohnheiten treu: Sie probierte jedes Mal etwas Neues aus, diesmal war es eine violette Eissorte namens »Heidelbeer-Cheesecake«. Schließlich setzten sie sich mit ihren Shakes an einen der Brunnen im Erdgeschoss des Centers.
Einige Tropenpflanzen mit mächtigen Palmwedel-Blättern sollten hier eine Art Mini-Dschungel simulieren. Jauchzende Kinder versuchten, die aufspritzenden Wasserfontänen zu fangen, während ihre Eltern sich verzweifelt bemühten, durchnässte Klamotten zu vermeiden.
»Also?«, fragte Shaka schließlich, nachdem sie die Showeinlage eine Weile verfolgt hatten.
Elias stellte unbehaglich seinen Milchshake zur Seite.
»Gestern, nachdem wir auf dem Dach waren, ist mir noch etwas Seltsames passiert. Ich konnte in der U-Bahn-Station den Weg zum Bahnsteig nicht finden und …«
»Du hast dich in der U-Bahn verlaufen?« Shaka warf belustigt ihren Zopf zurück.
»Soll ich’s dir jetzt erzählen oder nicht?«
»’tschuldigung.«
Er fuhr seufzend fort und beobachtete, wie Shakas Gesichtsausdruck im Verlauf seines Berichts immer mehr entgleiste. Und das, obwohl er sich größte Mühe gab, seine Erzählung so sachlich und unaufgeregt wie möglich klingen zu lassen …
»So«, beendete Elias schließlich seine Ausführungen. »Nun kannst du die Zwangsjacke aus dem Rucksack ziehen.«
»Das würde ich ja gerne tun«, erwiderte Shaka und spielte unbehaglich mit ihrem Zopf. »Allerdings könnte ich mir die dann auch gleich selbst anziehen. Ich habe nämlich inzwischen ebenfalls etwas Merkwürdiges erlebt.«
»Ach nee?« Elias beugte sich aufgeregt zu ihr vor. »Warum hast du das nicht gleich gesagt?«
»Ich wollte deinen Bericht nicht beeinflussen«, erwiderte Shaka ungerührt. »Außerdem ist meine Entdeckung nicht so spektakulär wie dein Monster.«
»Was ist es denn nun?«, fragte Elias ungeduldig.
»Gestern Abend habe ich noch ein bisschen herumgesurft und nach diesem seltsamen Haus und der App gesucht«, begann Shaka.
»Und?«
»Ich habe etwas gefunden. Auch wenn ich keine Ahnung habe, was das sein soll …«
Sie zog ihr Handy hervor und öffnete mit dem Browser eine Webseite. Auf dem Display erschien ein bläulich leuchtender Halbbogen vor schwarzem Hintergrund. Wie ein Tor aus Leuchtröhren.
»Das ist das Zeichen von dem Haus!«, rief Elias.
»Und von der App«, bestätigte Shaka.
»Was macht diese Webseite?«
Shaka sah plötzlich etwas missmutig aus. »Keine Ahnung. Einfach nur da sein, schätze ich.«
»Wie meinst du das?«
»Man kann nichts damit anfangen!«, empörte sich Shaka. »Es gibt keine Texte, keine Videos, keine Links auf weitere Seiten. Einfach nur dieses Symbol als Startseite. Sonst nichts. Nicht einmal ein Impressum oder sonst eine Kontaktmöglichkeit.«
»Wie heißt die Seite denn?«, fragte Elias.
»Das ist sogar noch verrückter. Schau!« Shaka öffnete die Adresszeile. Dort war zu lesen: »www.threshold.iz«.
»Threshold?«, wunderte sich Elias.
»Ja. Englisch für Türschwelle.«
»Und was ist.iz für ein Länderkürzel? Izland? Izenburg?«
Matt ließ Shaka ihr Handy sinken. »Wenn ich das nur wüsste! Dieses Kürzel dürfte es eigentlich gar nicht geben.«
»Nirgendwo? Nicht mal für irgendeine kleine Südsee-Insel?«
»Nein. Ich habe weiter nachgeforscht – und nicht das Geringste dazu gefunden.«
»Verstehe.« Elias strich sich das widerspenstige Haar zurück. »Das ist auch ziemlich schräg.«
»Das Beste kommt ja noch.« Shaka tippte wieder auf dem Gerät herum. »Ich habe mir dann mal den Quellcode der Seite angeschaut. Hier ist er.«
Sie zeigte ihm das Display. Es war mit merkwürdigen Schriftzeichen bedeckt, wie Elias sie noch nie zuvor gesehen hatte. Manche sahen ein wenig so aus, als hätte man kleine Menschen oder Tiere als Buchstaben gezeichnet, andere waren ein Chaos aus verschlungenen Strichen.
»Wie Hieroglyphen«, murmelte Elias.
»Ja«, bestätigte Shaka. »Jedenfalls nicht so, wie ein vernünftiger Quellcode aussehen sollte. Das ist keine Programmiersprache, von der ich je etwas gehört habe.«
Ratlos ließ Elias die Schultern sinken. »Eigenartig«, murmelte er. »Kannst du nicht deinen Vater danach fragen? Der macht das doch beruflich.«
Shaka rutschte unzufrieden auf dem Brunnenrand herum. »Wenn er denn mal Zeit hat«, sagte sie. »Heute ist er gerade erst zu irgendeiner Konferenz gefahren.«
»Mmh«, brummte Elias enttäuscht. »Wie hast du diese Webseite überhaupt gefunden?«
»Mit ganz banalen Suchbegriffen«, erwiderte Shaka. »Haus im Dunkeln, schwebende Lichter oder so ähnlich. Hätte nie erwartet, dass da etwas Brauchbares kommt. Und doch war es gleich der erste Treffer.« Sie stockte kurz. »Es war fast so, als hätte die Webseite mich gefunden.«
Elias schaute Shaka von der Seite an. Sie sah ungewöhnlich ernst aus und hatte die Lippen zusammengepresst. Shaka hatte es noch nie leiden können, wenn sich etwas ihrem rationalen Verstand entzog.
Für einen Moment schwiegen die beiden, während um sie herum die Leute flanierten und in ihrem Rücken der Brunnen vor sich hin plätscherte. Dann ertönte plötzlich ein keckerndes Lachen, das in ein kehliges Knurren überging. Es kam von Shakas Handy.
»Wieder der bengalische Königstiger?«, fragte Elias zweifelnd.
»Quatsch«, erwiderte Shaka mit einem tadelnden Blick. »Eine Tüpfelhyäne. Die meldet sich bei eingehenden Mails.«
Shaka öffnete ihr E-Mail-Programm – und stutzte.
»Guck doch, was gerade gekommen ist«, sagte sie.
Elias schaute auf die Nachricht, die sie geöffnet hatte. Der Absender lautete »koenigin@threshold.iz«. Der Text war so kurz wie merkwürdig: »Hilfe erwünscht.« Darunter folgte eine Reihe von Zahlen. Sonst nichts weiter.
»Langsam reicht es mir mit diesen Seltsamkeiten«, knurrte Shaka. Dann begann sie, eifrig auf ihrem Handy herumzutippen.
»Was tust du?«
»Eine Antwort schreiben und weitere Infos anfordern.«
Sie schickte die Mail mit einem energischen Klick ab. Kurz darauf verzog sie das Gesicht.
»Na toll«, murmelte sie. »Ich komme nicht zum Absender durch. Muss irgendeine No reply-Variante sein …«
Für einen Moment schwiegen beide ratlos.
Dann bemerkte Elias plötzlich eine Bewegung. Sie ging fast im allgemeinen Gewusel ringsum unter – und stach doch heraus. Weil sie aus der falschen Richtung kam: aus dem Mini-Dschungel neben dem Brunnen. Dort hatte gerade einer der Palmwedel verdächtig gewackelt. War das ein Kind?
Auf einmal spürte Elias wieder dieses seltsame Kribbeln hinter seiner Stirn. Und war sich sicher, dass das kein Kind war. Er wandte den Kopf, so langsam und unauffällig wie möglich. Zwischen den Grünpflanzen war nichts zu sehen. Er griff beiläufig in seine Tasche, zog sein Handy hervor und öffnete die In-Between-App. Dann richtete er die Kamera ruckartig auf den Topfpflanzen-Dschungel. Tatsächlich! Hinter dem Stamm einer Pflanze mit hellgrünen Riesenblättern hockte eine kleine, graue Gestalt – mit einem Paar ledriger Flügel auf dem Rücken.
Für einen Moment starrte er das Flügelding fassungslos an. Es starrte aus kleinen, klugen Augen zurück. Dann breitete die graue Gestalt ihre Flügel aus und huschte davon.
»Oh nein!«, rief Elias spontan und ignorierte Shakas seltsamen Blick. »Du bleibst hier!« Er schwenkte das Handy, um die Kreatur vor der Linse zu behalten.
»Was ist denn los?«, fragte Shaka verwirrt. Elias zeigte ihr das Display. Darauf war zu sehen, wie eine kleine, geflügelte Gestalt durch das Center huschte. Gerade bog sie in einen Seitengang ein, vorbei an Toiletten und Wickelraum – und schlüpfte durch eine angelehnte Metalltür mit der Aufschrift »Nur für Mitarbeitende«.
Shaka schaltete sofort. »Los, hinterher!«
Die beiden ließen ihre Milchshakes stehen und rannten zur Tür hinüber, vorbei an überraschten Passanten. Noch ehe Elias darüber nachdenken konnte, dass sie eigentlich keine Mitarbeitenden waren, hatten sie sich schon durch den Türspalt gequetscht. Dahinter lag ein kahler Gang, auf dem sich einige Pappkartons und Paletten stapelten. Von dem Flügelding war nichts zu sehen. Hektisch schwenkte Elias sein Handy herum. Die Kreatur musste hier doch irgendwo sein!
»Hörst du das auch?«, fragte Shaka plötzlich. Elias hielt inne und lauschte. Stimmt, irgendwo ächzte und schnaufte es! Es kam von oben, wo ein schmales Fenster knapp unter der Decke ein wenig Tageslicht einließ. Es war gekippt.
Elias hob sein Handy und fokussierte das Fenster mit der Kamera. Im Display sah er das graue Flügel-Wesen, das gerade verzweifelt versuchte, sich durch den Fensterschlitz nach draußen zu schieben. Allerdings waren seine Lederschwingen zu breit dafür. Es steckte fest.
»He!«, rief Elias dem Wesen zu, ohne nachzudenken. »Wir können dich sehen.«
Das Schnaufen hörte auf. Dann flimmerte die Luft im Fensterschlitz, und ein grauer Umriss erschien aus dem Nichts. Jetzt konnte Elias die Kreatur auch mit bloßem Auge erkennen. Shakas ungläubiges Keuchen verriet ihm, dass es ihr genauso ging.
Das Wesen hatte zwei Arme und zwei Beine wie ein Mensch, war aber viel kleiner und gedrungener. Graue, rissige Haut bedeckte seinen Körper, zwei kleine Hörnchen saßen auf seinem Kopf, der an den eines Ziegenbocks erinnerte. Aus seinen Schultern wuchsen ledrige Fledermausflügel. Einer von ihnen hatte einen breiten Riss, den man mit groben Nadelstichen zusammengenäht hatte. Elias musste bei dem Anblick an die Wasserspeier denken, die manchmal auf den Dächern von alten Kirchen hockten.
»Wenn ihr mich sehen könnt«, sagte eine krächzende Stimme, »dann helft mir doch auch bitte schön hier raus, ihr Glotzköpfe!«
Elias und Shaka tauschten einen verwirrten Blick.
»Starren kann jeder – machen ist gefragt!«, fuhr die kleine Kreatur fort. »Falls ihr das noch nicht verlernt habt, bei eurer ewigen Handy-Glotzerei … Pff, diese Jugend! Als ich in eurem Alter war, bin ich nächtelang um die Kirchtürme geflogen, bei Regen, Schnee und Hagelgewitter!«
Elias trat zögerlich einen Schritt auf das Wesen zu. Shaka hielt ihn zurück.
»Erst sagst du uns, was du hier machst und was du von uns willst«, befahl sie streng.
Der kleine, graue Kerl seufzte. »Was soll ich hier schon machen?«, knurrte er. »Wonach sieht es denn aus? Pilze sammeln? Den Schiefen Turm von Pisa aus Streichhölzern nachbauen? Ich bin dabei, euch zu beschatten, ihr Alles-Checker! Das mache ich.«
»Aber warum?«, fragte Elias ratlos.
»Weil ich ein Lästerspeier bin. Das ist meine Aufgabe.«
»Leute beschatten?«, entgegnete Elias empört.
»Dich beschatten, Elias Karpinski, um genau zu sein«, präzisierte das Geschöpf.
»Mich?« Das wurde ja immer besser!
»Ja. Dich. Soll ich es dir auf eine Postkarte schreiben? Oder weißt du schon gar nicht mehr, was das ist?«
Shaka räusperte sich streng. »Mein Freund hat dich etwas gefragt«, sagte sie. »Warum beschattest du ihn?«
»Weil er schon seit Tagen das Vier-Winde-Haus anglotzt und gestern auch noch durch das U-Bahn-Labyrinth gestolpert ist wie ein betrunkenes Mammut«, erwiderte das graue Ding – der Lästerspeier, wie es sich genannt hatte. »Das passiert normalerweise nicht. Menschen verirren sich nicht dorthin. Das ist auffällig. Genau das Richtige für die Lästerspeier.«
»Inwiefern?«, bohrte Shaka nach. »Details, bitte!«
Der Lästerspeier stöhnte genervt. »Mit eurer Unwissenheit könnte man eine Turnhalle bis unter die Decke füllen!«
»Dann erlöse uns bitte davon«, rief Elias, dem das beständige Gekeife langsam auf die Nerven ging. »Im Gegenzug befreien wir dich auch aus diesem Fenster.«
»Na schön«, knurrte der graue Kerl. »Wir Lästerspeier gleiten als Schatten über die Straßen und hocken unbemerkt auf den Dächern. Wir beobachten alles. Und erzählen es weiter. Wir verbreiten Lästereien und Gerüchte, Tratsch und Klatsch, was eben so passiert in der Stadt. Das ist unsere Aufgabe. Hättet ihr jetzt wohl die Güte, mich freizulassen?«
»Wenn du dich so gut auskennst«, überlegte Shaka, »kannst du uns dann auch sagen, was das hier sein soll?«
Sie hielt ihr Handy hoch und deutete auf das seltsame Torbogen-Icon auf dem Display.
»Vielleicht«, knurrte der Lästerspeier. »Holt mich endlich hier raus, dann kann ich einen Blick darauf werfen.«
»Und du fliegst nicht einfach so davon?«, fragte Elias skeptisch.
»Ihr habt mein Ehrenwort.«
»Und keine Ahnung, was das wert ist.«
»Jetzt wäre ich fast beleidigt!«, schimpfte der Lästerspeier. »Wenn ihr keine dummen, unwissenden Festwelt-Menschen wärt …«
»Und jetzt wären wir fast beleidigt«, erwiderte Elias.
Er schaute zu Shaka, die mit den Schultern zuckte. Sie konnten den geflügelten Kerl wohl kaum da oben hängen lassen. Also stieg er auf eine Palette und griff nach dem feststeckenden Wesen. Er erwischte einen der krallenbewehrten Füße. Die graue Haut fühlte sich rau wie Stein an. Mit einem kräftigen Ruck zog er den Lästerspeier nach innen.
»Autsch!«, meckerte dieser, als er auf dem Boden auf kam. »Das geht auch sanfter, du grobpatschiger Mensch!«
Keifend richtete er sich auf und sortierte seine Flügel. Er reichte Elias bis knapp über das Knie.
»Also?« Shaka hielt dem Lästerspeier das Handy mit dem Icon ungerührt unter die Nase. Dieser sog schnüffelnd die Luft ein – und bekam plötzlich große Augen.
»Das riecht nach der Königin auf der Schwelle«, flüsterte er. »Gefährliches Zeug! Am besten vergesst ihr es sofort wieder.«
Shaka roch mit gerunzelter Stirn an ihrem Handy und schüttelte mit ihrem schönsten Der-spinnt-wohl-Blick den Kopf.
»Wieso?«, fragte Elias unterdessen. »Welche Königin?«
Der Lästerspeier senkte seine Stimme. »Der Herr der Spiegel hat gerade Streit mit ihr«, sagte er. »Darum mag er niemanden, der sich mit ihr abgibt. Nehmt euch vor ihm in Acht!«
Er beugte sich verschwörerisch vor. »Die anderen Lästerspeier sind schon bei ihm«, flüsterte er. »Sie verkaufen ihm frische Gerüchte, unsere Spezialität. Die frischesten sind über dich, Elias Karpinski. Schon bald wird der Spiegelherr wissen, dass es dich gibt. Am besten hältst du den Kopf unten.«
Elias stöhnte überfordert. Herr der Spiegel? Gefahr? Was sollte das?
Der Lästerspeier aber fuhr ungerührt fort: »Ich rate dir das in Freundschaft. Weil du mir geholfen hast – wenn man diese Grobheit so nennen kann. Ich muss jetzt los, meine Gerüchte abliefern. Dass ihr mit der Königin zu tun habt, wird den Herrn der Spiegel sehr interessieren …«
»Sagtest du denn nicht, der sei gefährlich?«, rief Elias.
Der Lästerspeier zuckte mit den Flügeln. »Ist er. Aber Geschäft ist Geschäft. Und wer kommt schon gegen seine Natur an? Tut mir leid …«
Er breitete die Schwingen aus und flatterte an ihnen vorbei, zurück in die Einkaufspassage. Elias starrte ihm verdattert hinterher. In seinem Bauch breitete sich ein mulmiges Gefühl aus.
»Wirst du irgendwie schlau aus dem Ganzen?«, fragte er leise.
Shaka schüttelte den Kopf. »Nee«, sagte sie und klang irgendwie müde. »Aber eines weiß ich ganz sicher: Ich werde dir ab jetzt alles glauben, was du mir erzählst. Und wenn du mit geflügelten Elefanten im rosa Tutu ankommst.«
Elias hätte gerne etwas Witziges erwidert. Doch danach war ihm nicht zumute.
»Ich hoffe nur, wir haben da keinen Fehler gemacht«, sagte er und deutete auf Shakas Handy.
»Das hoffe ich auch«, erwiderte Shaka. Beklommen schauten sie sich an. Beide wussten sie es besser.
5
Augen wie Spiegel
Wie der gähnende Schlund eines Ungeheuers öffnete sich der Eingang zur U-Bahn-Station vor Elias. Er war ja in der Tat beim letzten Mal dort unten einem Ungeheuer begegnet – und hatte keinerlei Lust, das noch einmal zu tun. Trotzdem würde er heute bestimmt nicht den ganzen Weg nach Hause zu Fuß gehen! Und von Shaka aus war es nun mal am einfachsten, wenn man erst für einige Haltestellen den Bus nahm und dann in die U-Bahn wechselte. Er zögerte kurz, ehe er einen ersten Schritt auf die Treppe setzte. Stufe für Stufe zwang er sich, in die Tiefe hinabzusteigen, und ignorierte dabei seinen Widerwillen.
Die beiden hatten noch eine Weile bei Shaka zusammengesessen und versucht, sich einen Reim auf die ganze Sache zu machen. Doch sie hatten nichts Sinnvolles mehr herausgefunden. Die Zahlenkolonne in der geheimnisvollen E-Mail mit dem Hilferuf blieb ebenso rätselhaft wie die Erzählungen des Lästerspeiers über Königinnen und Spiegelherrn.
Elias konnte noch immer nicht glauben, dass sie wirklich mit dem geflügelten Geschöpf gesprochen hatten. In dem Moment hatte sich das ganz natürlich angefühlt – was hätte er auch anderes tun sollen? Doch jetzt, im Nachhinein, wirkte es so unwirklich wie ein wirrer Traum. Gut, dass Shaka dabei gewesen war. Elias hätte sonst endgültig an seinem eigenen Verstand gezweifelt.
Inzwischen hatte er den Fuß der Treppe erreicht. Der Tunnel zum Bahnsteig lag leer und neonbeleuchtet vor ihm. Elias zögerte erneut. Würde er gleich wieder in das endlose Labyrinth des Gehörnten geraten? Doch dort vorne konnte er schon den Bahnsteig erkennen. Keine Abzweigung lag dazwischen. Er atmete durch. Offensichtlich spielte die Welt hier unten diesmal nicht verrückt. Mit raschen Schritten ging Elias bis zum Bahnsteig durch.
Dort bemerkte er, dass er allein war. Beklommen schaute er sich um. Tatsächlich – außer ihm wartete niemand hier. Er wollte gerade anfangen, sich Sorgen zu machen, da hörte er, wie die Bahn durch den Tunnel herangerumpelt kam. Dann fuhr sie auch schon in die Station ein. Elias strebte erleichtert in Richtung Bahnsteigkante – und erstarrte. Das war nicht seine Linie!
Auf der Anzeige über der Fahrerkabine stand nicht die gewohnte Ziffer »5« in altmodischer, gelber Leuchtschrift. Stattdessen war dort eine Reihe von seltsamen Zeichen zu lesen. Einige von ihnen sahen ein wenig so aus, als hätte man kleine Menschen oder Tiere als Buchstaben gezeichnet. Hieroglyphen – wie im Quellcode der Webseite, die Shaka entdeckt hatte.
Elias hatte kaum Gelegenheit, sie sich näher anzuschauen, da war die Anzeige auch schon außer Sicht. Die Bahn hielt direkt vor ihm, und ihre Türen sprangen klappernd auf. Der Wagon war gerammelt voll. Viele Leute standen sogar auf dem Gang zwischen den Sitzen. Aber niemand von ihnen war ein Mensch – jedenfalls keiner, wie Elias ihn kannte.
Die Fahrgäste trugen weite Gewänder in satten, leuchtenden Farben: Smaragdgrün und Meerblau, Kirschrot und Sonnengelb. Und sie alle hatten keine Gesichter. Nur glatte, blasse Haut, wo eigentlich Augen, Nase und Mund ihren Platz hatten. Doch sie waren lebendig, schienen sich sogar gestenreich miteinander zu unterhalten. Wenn auch alles vollkommen still war …
Elias betrachtete die Bahn und ihre seltsamen Fahrgäste mit schreckgeweiteten Augen. Der Anblick war noch grotesker als alles, was er in den letzten Tagen erlebt hatte!
Eines der Wesen im Zug senkte die Zeitung voller Hieroglyphen, in die es gerade vertieft war. Dahinter kam ein weiteres glattes Gesicht zum Vorschein. Ihm fehlten ebenfalls Nase und Mund – doch es hatte Augen. Sie leuchteten rubinrot wie zwei Edelsteine und blickten Elias unverwandt an.
Erschrocken stolperte er zurück. Er wollte schreien, doch es kam nur ein ersticktes Keuchen heraus. Dann klappten die Türen auch schon geräuschvoll zu, und die U-Bahn setzte sich wieder in Bewegung. Rumpelnd und schleifend verschwand sie im Tunnel. Zurück blieben nur die leeren Gleise und ein leichter Luftzug, der nach Gummi roch. Der Geisterzug mit den Gesichtslosen aber war verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben.
Elias atmete schwer durch. Er hätte wissen müssen, dass irgendetwas Merkwürdiges passieren würde! Musste er sich ab jetzt an so etwas gewöhnen?
Erschaudernd wandte er sich ab – und bemerkte, dass der Bahnsteig doch nicht ganz leer war. Direkt neben ihm stand ein großer, breitschultriger Mann. War er aus der U-Bahn ausgestiegen? Doch er trug kein farbenfrohes Gewand, sondern einen dunklen Anzug. Und er hatte ein Gesicht mit einer kräftigen Nase und einem grauen, lockigen Vollbart. Viel mehr war von seinen Zügen nicht zu erkennen, denn der Fremde trug eine schwarzglänzende Sonnenbrille.
Unwillkürlich trat Elias einen Schritt zur Seite. Der Mann aber lächelte ihn an.
»Hat dich die U-Bahn erschreckt?«, fragte er mit einer tiefen, wohltönenden Stimme. »Du bist ja blass wie ein Gespenst! Aber natürlich glaubt man in deinem Alter nicht mehr an Gespenster … Nicht wahr, Elias?«
Elias zuckte zusammen. »Woher kennen Sie meinen Namen?«, fragte er. Es sollte selbstbewusst klingen, doch zu seinem Ärger hörte es sich eher wie ein ängstliches Krächzen an. Das Lächeln des Fremden wurde noch ein wenig breiter. Er streckte den Arm aus – und gab Elias die Hand, ehe dieser sie wegziehen konnte. Sein Händedruck war kalt, aber überaus verbindlich. Elias’ Finger wurden schmerzhaft zusammengequetscht.
»Ich weiß das, weil ich viele Augen habe und vieles sehe«, sagte der Mann. »Man nennt mich den Herrn der Spiegel. Ich freue mich, deine Bekanntschaft zu machen. Du brauchst dich nicht vorzustellen, denn ich kenne dich sehr gut.«
Hastig zog Elias seine Hand weg – oder versuchte es zumindest. Denn der Griff des Mannes war fest wie ein Schraubstock! Der Typ lächelte noch immer, die Augen hinter der Sonnenbrille verborgen, während Elias vergeblich an seinem Arm rüttelte. Dann öffnete er seine mächtige Hand so plötzlich, dass Elias fast hintenübergefallen wäre.
»Was wollen Sie von mir?«, rief Elias, und er gab sich nicht länger Mühe, die Angst in seiner Stimme zu verbergen. Der Herr der Spiegel … Vor dem hatte der Lästerspeier ihn vorhin noch gewarnt!
»Ich möchte mich mit dir unterhalten, Elias«, sagte der Mann. »Man hat mir so einiges über dich erzählt.«
»Ich habe auch von Ihnen gehört«, erwiderte Elias und hielt sich die schmerzenden Finger. In seine Angst mischte sich langsam Wut. Er hatte keine Lust mehr, von einer Merkwürdigkeit zur nächsten zu stolpern! »Genug, um vor Ihnen gewarnt zu sein. Lassen Sie mich bitte in Ruhe.«
»Aber darum bin ich doch hier«, sprach der Fremde und hob beide Prankenhände, als wollte er zeigen, dass er nichts Bedrohliches dabeihatte. »Damit du wieder deine Ruhe hast. Ich weiß, dass du in der letzten Zeit auf einige … Dinge gestoßen bist. Dinge, die vermutlich verstörend waren. Jedenfalls für jemanden wie dich. Das kommt gelegentlich vor und ist völlig normal.«
»Was wissen Sie darüber?«, fragte Elias misstrauisch. Sein Herz klopfte, und seine Nackenhaare hatten sich alarmiert aufgestellt. Und doch blieb er stehen und starrte den Fremden an, aus dessen Lächeln nun ein zufriedenes Grinsen wurde.
»Ich weiß«, sprach der Fremde bedächtig, »dass es gewisse Dämmerzeiten und Schwellenorte gibt. Zu solchen Zeiten und an solchen Orten ist es wahrscheinlicher, Dinge zu sehen. Genau das passiert dir im Moment, Elias. Ständig siehst du Dinge. Dinge, die dir Angst machen, nicht wahr? So wie diese U-Bahn.«
Elias räusperte sich. »Gerade machen vor allem Sie mir Angst«, sagte er rau.
Der Fremde nickte, noch immer lächelnd. »Auch das ist normal. Doch dir kann geholfen werden. Bald wirst du keine Dinge mehr sehen, und alles wird wieder sein wie vorher. Du musst es nur wollen.«
Erwartungsvoll schaute er Elias an. Jedenfalls glaubte Elias, dass er erwartungsvoll guckte – mit dieser Sonnenbrille war das nur schwer zu sagen.
»Was sind diese Dinge genau, von denen Sie reden?«, fragte er.
Der Fremde hob einen Zeigefinger und schüttelte sanft den Kopf. »Das ist die falsche Frage, Elias. Je mehr du darüber weißt, umso weniger wirst du sie los. Kümmere dich einfach nicht mehr darum!« Seine Stimme wurde lauter, gebieterischer. »Unterlasse es, ziellos durch die Stadt zu streifen, und beschäftige dich lieber mit etwas Vernünftigem. Geh zur Schule. Hör Musik. Spiel Fußball. Tu das, was deinesgleichen eben so tut. Und schau nicht zu genau hin. Dann werden die Dinge, die dich ängstigen, bald verschwunden sein. Wenn du dann irgendwann mal einen grauen Schatten mit Flügeln aus dem Augenwinkel siehst – dann wird es wohl eine Taube gewesen sein. Schließlich weißt du, dass es so etwas wie geflügelte Lästerspeier gar nicht gibt, nicht wahr?«
Sein Lächeln wurde unwahrscheinlich breit, es schien seinen grauen Bart regelrecht zu zerteilen wie eine Schlucht ein zerfurchtes Gebirge.
Elias schaute den Fremden stumm an. Das Angebot klang verlockend. Keine unliebsamen Begegnungen mit gehörnten U-Bahn-Monstern und Flügelviechern mehr …
Aber gingen Dinge wirklich weg, wenn man einfach nicht hinschaute? Die Streitereien seiner Eltern hörten auch nicht auf, wenn er die Tür seines Zimmers hinter sich zuwarf! Und dann war da noch diese seltsame Mail … Hilfe erwünscht. Bedächtig schüttelte er den Kopf.
Der Fremde seufzte, und sein Lächeln verschwand.
»Ich erzähle dir das alles nicht zum Spaß, Elias«, sprach er. »Immerhin bin ich ein vielbeschäftigter Mann und habe mir extra Zeit für dich genommen. Für dich! Um dich zu beschützen. Denn schon bald wird es hier gefährlich werden. Glaube mir – es ist besser, wenn du dich aus allem heraushältst.«
Elias spürte, wie Trotz in ihm aufstieg. »Ich habe nicht damit angefangen, mich irgendwo einzumischen!«, rief er. »Aber jetzt, wo ich drinstecke, will ich auch wissen, was los ist! Sie sind also der Herr der Spiegel, ja? Was genau tun Sie? Und was hat es mit der Türschwellen-Königin auf sich? Und wer …«
Der Fremde unterbrach ihn, indem er abrupt die Hand hob. »Ich habe es wirklich versucht«, sagte er. »Doch offenbar bist du für Worte nicht zugänglich, Elias. Dann schau also hin!«
Er griff nach seiner Sonnenbrille und setzte sie ab. Nun konnte Elias zum ersten Mal seine Augen erkennen. Es waren nicht die Augen eines Menschen. Sie hatten keine Pupillen und sahen aus wie zwei blanke, schimmernde Spiegel aus poliertem Silber.
Entsetzt wollte er davonlaufen. Doch seine Beine gehorchten ihm nicht mehr. Die kalten Spiegelaugen des Fremden hatten noch weit größere Kraft als seine schweren Prankenhände.
Er sah sein eigenes Spiegelbild in den Augen, sah es gleich doppelt: zwei Eliasse, die ihm von links und rechts entgegenstarrten. Zweimal Angst und Verwirrung in einem schmalen, blassen Gesicht. Die Spiegelbilder schienen immer größer zu werden, bis er sie in voller Breite vor sich sah, als stünde er sich selbst gegenüber und nicht dem Fremden, der sich der Herr der Spiegel nannte. Dann traten sie einen Schritt vor – und verschmolzen mit Elias.
Plötzlich war er selbst im Spiegel, er schwebte in einer Welt, die nur aus gleißender Helligkeit und spiegelnden Flächen bestand, endlos in alle Richtungen ausgedehnt. Er sah sich selbst, vielhundertfach zurückgeworfen. Und was er sah, gefiel ihm nicht.
Dort sah er den Elias, der manchmal immer noch Angst hatte, wenn die Nacht alles in tiefes Dunkel tauchte und draußen ein heulender Sturm um das Haus schlich. Und dort war der Elias, der nichts machen konnte, wenn Deppen wie Torben Westermann in der Schule auftrumpften – weil er zu schwach war, sich durchzusetzen. Und dort drüben der Elias, der allein durch die Stadt streifte und selbst nicht wusste, wohin er eigentlich wollte, ganz viele Male, an ganz vielen Tagen. Der nach einem Ort suchte, den es nicht gab, mit einem Zuhause im Rücken, das sich nicht mehr anfühlte wie ein Zuhause …
Elias spürte, wie er fiel, während alles um ihn herum sich auflöste. Panisch griff er um sich. Doch da war nichts, woran er sich festhalten konnte. Nichts, was Halt gab. Keine Sicherheit. Nur die gnadenlose, endlos weite Spiegelödnis. Nur er selbst, mit all seinen Schwächen, all seiner Angst …
»Halte dich fern von mir und meinen Angelegenheiten«, dröhnte die Stimme des Spiegelherrn. »So einer wie du kann sowieso nichts ausrichten.«
Aberhunderte von Eliassen blickten ihn aus allen Richtungen an, mit großen Augen und verängstigt.
Dann war es plötzlich vorbei. Elias spürte wieder die festen, kalten Steinkacheln des Bahnsteigs unter sich. Er spürte sie mit Händen und Füßen, denn er kniete auf allen vieren auf dem Boden. Etwas fühlte sich feucht auf seinen Wangen an. Es waren Tränen, die über sein Gesicht liefen.
Mit zitternden Beinen richtete er sich auf. Der Herr der Spiegel – oh ja, das war er! – war verschwunden. Elias war allein.
Alles in ihm fühlte sich eng und beklommen an, als würde der Herr der Spiegel ihn noch immer in seinem Prankengriff halten. Natürlich hatte der Typ recht. Elias durfte sich nicht in Dinge einmischen, die zu groß für ihn waren. Wo er doch kaum mit sich selber klarkam …
Plötzlich ertönten schwere Schritte hinter ihm: KA-LONK, KA-LONK, KA-LONK!
Unheil ahnend drehte Elias sich um. Aus einem Seitengang, der eben ganz sicher noch nicht da gewesen war, trat der Gehörnte auf den Bahnsteig. Er sah genauso aus wie gestern: eine kleiderschrankbreite Gestalt mit dem Kopf eines Stieres auf den Schultern und mächtigen, ausladenden Hörnern.
Elias versuchte gar nicht erst, wegzulaufen. Er spürte, dass seine wackeligen Beine ihn nicht weit tragen würden.
»Du jetzt also auch noch?«, sagte er matt. Wie hatte er so bescheuert sein können, auch nur einen Fuß in eine U-Bahn-Station zu setzen!
Der Gehörnte schnaubte, sodass sein dicker Nasenring wackelte. Mit langsamen, stampfenden Schritten näherte er sich Elias. KA-LONK, KA-LONK, KA-LONK. Nun stand er direkt vor ihm. Das Ungetüm roch nach Tier, fast wie ein nasser Hund. Der Namenszug an seinem Blaumann – M. Taurus – befand sich knapp über Elias’ Augenhöhe, seine Hörner ragten hoch über ihm auf.
Instinktiv zog Elias den Kopf ein. Der Gehörnte könnte ihn mit einem einzigen Hieb seiner melonengroßen Fäuste zerschmettern! Schon hob er einen seiner schwarz behaarten Arme – und fasste in eine Tasche seines Arbeitsanzugs. Langsam zog er einen kleinen Gegenstand hervor. Eine Waffe? Nein, es war … ein Filzstift. Und Elias erkannte ihn wieder. Das war der Filzer, mit dem er eine Markierung an der Wand angebracht hatte, als er durch das Labyrinth der U-Bahn-Gänge geirrt war! Lächerlich klein und zerbrechlich sah der Stift in den Monsterpranken des Gehörnten aus.
Grunzend streckte das Ungeheuer seinen Arm vor und drückte Elias den kleinen Gegenstand in die Hand. Mit zitternden Fingern betrachtete Elias den Filzstift, als sähe er ihn zum ersten Mal.
»D… danke?«, sagte er zögerlich. Der Gehörnte grunzte zufrieden. Dann zeigte er erst auf den Stift, anschließend auf die gekachelte Wand der Bahnstation. Dazu schnaubte er streng und schüttelte nachdrücklich den Kopf.
Elias fuhr sich unbehaglich durchs Haar. »Du … du meinst, man darf mit dem Stift nicht auf die Wände malen?«, fragte er vorsichtig. Der Gehörnte verschränkte die Arme vor der Brust und nickte.
»Okay, verstehe …«, murmelte Elias. »Das tut mir wirklich leid, es war keine böse Absicht! Aber ich hatte mich verirrt und musste irgendwie den Ausweg finden.«
Der Gehörnte schnaubte unwillig und schüttelte wieder den Kopf. Dann zeigte er energisch auf sich selbst.
»Du meinst … ich hätte dich nach dem Weg fragen sollen?«, riet Elias. Der Gehörnte nickte. Dann legte er Elias eine schwere Pranke auf die Schulter. Dieser ging unter dem Gewicht fast in die Knie. Das sollte tatsächlich ein aufmunterndes Tätscheln sein!
Mit einem zufriedenen Schnauben drehte der Gehörnte sich um und schlurfte zu seinem Gang zurück. Das Stampfen seiner schweren Schritte klang immer leiser, während er sich entfernte. KA-LONK, KA-LONK, KA-LONK …
Elias blieb verwirrt zurück. Er zitterte noch immer ein wenig, doch die Kälte der Spiegelaugen wich langsam zurück. Diese merkwürdigen Wesen waren jedenfalls nicht alle feindselig. Den Gehörnten fand er fast schon nett …
Er straffte sich. Die Drohungen des Herrn der Spiegel – nichts anderes war sein besorgter Rat schließlich gewesen –hallten in ihm nach. Doch seine Entscheidung war gefallen. Er würde die Sache weiterverfolgen. Auch wenn das, was er in den Spiegelaugen gesehen hatte, ihn noch immer erschaudern ließ – er würde sich nicht einschüchtern lassen!
Die nächste Bahn hielt ratternd am Bahnsteig. Diesmal war es eine gewöhnliche Linie 5. Dankbar stieg Elias ein.
6
Im Vier-Winde-Haus
»Hat einer von den beiden Typen noch etwas Brauchbares gesagt?«, fragte Shaka. »Der Spiegelherr? Oder der Stiermann?«
Sie hatten gestern noch lange Nachrichten über Elias’ Erlebnis ausgetauscht und diskutierten nun in der großen Pause weiter. Es hörte sich merkwürdig an, wie selbstverständlich Shaka über diese absurden Dinge sprach.
Elias schüttelte den Kopf. »Ich glaube, der Gehörnte kann gar nicht reden«, entgegnete er. »Und der Herr der Spiegel hat nur Nettigkeiten von sich gegeben, die eigentlich Drohungen waren. Er hat noch irgendwas von Dämmerzeiten und Schwellenorten erzählt. Nichts, womit wir großartig etwas anfangen könnten.«
Unwillig zog Elias die Schultern hoch. Ein Detail hatte er bei seinem Bericht ausgelassen: Wie mies und allein er sich gefühlt hatte, als er in den Abgrund der Spiegelaugen gestürzt war.
Shaka nickte. »Aber ich habe noch was«, sagte sie. »Schau mal!«
Sie hielt ihm ihr Handy hin, auf dem eine Online-Straßenkarte geöffnet war, offenbar ein Plan der Stadt. An einer Stelle war ein roter Marker gesetzt.
»Was soll das sein?«, fragte Elias.
»Die Karte läuft über Positionsbestimmung per Satellit – GPS«, erklärte Shaka. »Ich habe gestern Nacht noch ein bisschen mit dieser Zahlenreihe herumgespielt, die in der Mail unter dem Hilferuf stand. Unter anderem habe ich sie in dieser Karte eingegeben. Und siehe da: Es handelt sich tatsächlich um Koordinaten – und sie gehören zu einem Ort hier in der Stadt! Das ist ganz sicher kein Zufall.«
»Cool! Zeig mal her.« Elias schaute sich die Sache genauer an. »Das ist ja in diesem Gewerbegebiet hinter dem Bahndamm! Glaubst du …?«
Shaka schaute ihn eindringlich an. »Das würde hinkommen, oder?«
Elias nickte eifrig. »Ja, ich denke schon. Dort ungefähr müsste es liegen. Das Haus, das nicht da ist.«
»Das hatte ich auch vermutet.« Shaka spielte nachdenklich mit ihrem Zopf herum. »Mit diesen Koordinaten und der App sollte man das Haus sicher finden können. Ich frage mich, ob sich dort die Person aufhält, die uns diesen Hilferuf geschickt hat.«
»Wir könnten es herausfinden«, erwiderte Elias. »Gleich heute Nachmittag?«
»Da habe ich Cello.« Shaka seufzte. »Aber meinetwegen danach. Holst du mich von der Musikschule ab?«
Elias nickte beklommen. Dann würde es ganz schön spät werden, und sie würden erst in der Abenddämmerung zu dem seltsamen Gebäude aufbrechen … Aber noch einen Tag länger warten würde er auf keinen Fall!
»Okay, ich werde da sein.«
Da ertönte auch schon die Pausenklingel. Elias sprang von seinem Poller auf – und bemerkte Niniane. Die Neue stand etwas abseits bei den Fahrradständern und schaute mit großen Augen in seine Richtung. Sie sah nachdenklich aus und auch ein wenig zögerlich. So als würde sie überlegen sie, ob sie etwas sagen sollte oder nicht … Hatte sie Elias und Shaka die ganze Zeit beobachtet?
Er stand auf und ging auf Niniane zu, um sie anzusprechen. Doch mit einer geschmeidigen Bewegung verschwand sie im Strom der anderen Schülerinnen und Schüler – wie ein Fisch, der den Schutz seines Schwarms sucht. Elias blickte ihr noch einen Moment hinterher. Dann schob er sich der Deutschstunde entgegen.
»Mit der U-Bahn wären wir deutlich schneller gewesen!«, beschwerte sich Shaka, als sie von der Bushaltestelle aus zu Fuß in Richtung Bahndamm gingen. Sie trug ihr Cello in einer Transporttasche auf dem Rücken, was für Elias ein wenig so wirkte, als hätte sie einen schwer bepackten Expeditionsrucksack dabei.
»Ich weiß«, erwiderte er schuldbewusst. »Aber nach den letzten Vorfällen würde ich gerne fürs Erste auf U-Bahn-Fahrten verzichten. Vielleicht begegnet uns dort unten ein Tunnel-Lindwurm oder ein Riesenkrake auf Schienen oder was auch immer …«
»Dann könnten wir das Was-auch-immer zumindest befragen«, brummte Shaka. »So langsam hätte ich gerne ein paar konkrete Antworten.«
Sie bogen um eine Straßenecke. Vor ihnen zog sich nun der Bahndamm entlang, ein betongrauer Wall, der die Stadt zerteilte.
»Da drüben müssen wir lang.« Shaka blickte von ihrem Handy auf und zeigte auf die kleine Unterführung, die unter dem Bahndamm hindurchführte.
»Das passt«, erwiderte Elias. »Letztes Mal bin ich auch dort runter …«
Gemeinsam mit Shaka stieg er in den schmalen Tunnel hinab. Gründlich sah er sich um, doch nirgendwo war ein grauer Flügelschatten zu entdecken.
»Alles okay?« Shaka schaute ihn von der Seite an.
»Klar … Ich bin mir nur fast sicher, dass mich hier so ein Lästerspeier beobachtet hat.«
Shaka öffnete die In-Between-App und prüfte damit rasch die Umgebung. »Gerade scheint jedenfalls keiner da zu sein.« Dann stockte sie kurz. »Wie konntest du den überhaupt sehen? Im Ulmen-Center haben wir dafür doch die App gebraucht. Bevor er sich sichtbar gemacht hat, meine ich.«
»Das habe ich mich auch schon gefragt«, erwiderte Elias. »Irgendwie sind diese merkwürdigen Wesen mal da und dann wieder nicht. Frag mich nicht, wo da die Logik ist.« Er zögerte kurz. Dann entschied er sich, alles zu erzählen. »Und wenn ich sie sehe, ist da häufig so ein komisches Kribbeln, ungefähr hier …«
Er zeigte auf seine Schläfen. Shaka nickte nachdenklich. »Also da, wo diese App die Hörner bei dir zeigt«, sagte sie.
Elias schluckte. Musste sie das so direkt aussprechen?
»Kann sein«, sagte er vage.
»Es wird wirklich Zeit für Antworten«, bekräftigte Shaka entschlossen.
Sie verließen die Unterführung und durchquerten das Gewerbegebiet mit seinen Autohäusern und Lagerhallen. Der Abend dämmerte bereits heran, und über den Gebäuden zog Dunkelheit auf. Elias schlug den Kragen seiner Jacke hoch, als verspräche das irgendeinen Schutz.
»Da vorne muss es sein.« Shaka zeigte auf die nächste Straßenecke.
Elias war skeptisch. Dort konnte das geheimnisvolle Haus eigentlich nicht liegen. Die Straße führte an einem großen Gelände entlang, das von einem Maschendrahtzaun begrenzt wurde. Hinter dem Zaun erhoben sich Berge von Kies, Steinen und anderen Baustoffen neben einer flachen Lagerhalle. Nichts davon war annähernd groß genug, um ein ausgewachsenes Hochhaus zu verdecken.
»Sieht nicht richtig aus, oder?«, fragte er.
»Abwarten.« Shaka ging energisch weiter. Elias folgte ihr um die Straßenecke. Vor ihnen endete die Straße an einer kleinen Wendeplatte, auf der ein paar Mülltonnen herumstanden. Dahinter lag unbebautes Gelände. Das Unkraut wucherte dort mehr als hüfthoch, eine Wildnis aus Disteln und Brombeerranken. Kein Hochhaus.
»Mal sehen …« Elias zog sein Handy hervor und öffnete die In-Between-App. Dann richtete er die Kamera auf die Sackgasse vor ihnen.
Auf dem Display erschien ein verglaster Hauseingang, zu dem einige Stufen hinaufführten. Aufgeregt schwenkte Elias das Handy nach oben. Ein komplettes Hochhaus erhob sich auf dem freien Gelände vor ihnen!
Hinter Elias’ Stirn kribbelte es kräftig. Dann war das Haus plötzlich auch mit bloßem Auge zu sehen, als wäre es spontan aus dem Boden gewachsen. Shaka keuchte auf. Er warf ihr einen raschen Seitenblick zu. Sie hatte den Kopf in den Nacken gelegt und starrte ungläubig nach oben.
»Die GPS-Daten stimmen jedenfalls«, murmelte sie entgeistert.
Elias ließ seinen Blick über das Haus schweifen. Es hatte acht Stockwerke, und in der Mitte war hinter großen Fenstern ein zentrales Treppenhaus zu erkennen. Rechts und links davon gingen Balkone ab, die zu den einzelnen Wohnungen führten. Alles sah so aus, wie er es aus der Entfernung gesehen hatte. Nur dass er jetzt so dicht davorstand, dass er die Briefschlitze neben der gläsernen Eingangstür erkennen konnte.
»Ich glaub’s nicht!«, entfuhr es ihm spontan. Shaka presste die Lippen aufeinander.
»Siehst du irgendeine Möglichkeit, wie wir das Ding bis jetzt übersehen konnten?«, fragte sie.
»Nicht wirklich.«
»Dann stehen wir also gerade vor einem Haus, das es eigentlich gar nicht gibt?«
»Ja.«
»Okay.«
Sie schwiegen ratlos. Hoch über ihnen flackerte ein bläuliches Licht auf. Die hufeisenförmigen Leuchtröhren gingen an! Schon erschien das Tor-Symbol am grauen Abendhimmel. Ringsum, in den Fenstern der Wohnungen, schimmerten nun ebenfalls hier und dort Lichter.
»Wollen wir es uns näher ansehen?«, fragte Elias leise.
»Klar«, erwiderte Shaka. »Dafür sind wir hier.«
Langsam gingen sie auf die Eingangstür zu. Das Treppenhaus dahinter lag im Dunkeln. Neben der Tür waren reihenweise Klingelschilder in einem dunkelbraun lackierten Metallrahmen eingelassen. Alles sah aus wie bei einem gewöhnlichen Mietshaus.
»Sylphe«, konnte Elias auf dem Klingelschild ganz oben lesen. Ein eigentümlicher Name. Er ließ seinen Blick nach unten wandern. »Sylphe«, stand auch auf dem Schild darunter. Und auch auf dem nächsten Schild. Elias überflog sämtliche Klingeln. Jede einzelne war mit dem Wort »Sylphe« beschriftet. Bei den Briefkästen sah es genauso aus.
Elias und Shaka tauschten einen fragenden Blick. Dann versuchte er, die Tür zu öffnen. Sie gab nicht nach.
»Wir sollten irgendwo klingeln«, sagte er.
»Gute Idee«, meinte Shaka. »Vielleicht bei Sylphe. Oder doch bei Sylphe?«
Elias überlegte noch, welchen der Klingelknöpfe er drücken sollte – da hörte er ein leises Geräusch. Es war ein Kichern, und es kam von oben. Er trat einen Schritt zurück und legte den Kopf in den Nacken. Nun konnte er einige winzige Gestalten ausmachen. Sie hockten auf dem Vordach, das den Eingang beschirmte.
Die Geschöpfe waren noch kleiner als der Lästerspeier, vielleicht so lang wie Elias’ Unterarm. Ansonsten konnte er gar nicht so genau sagen, wie sie aussahen. Denn sie waren beinahe durchsichtig, als bestünden sie aus Luft. Elias glaubte, die Umrisse von ausgefransten Flügeln auf ihren Rücken zu erkennen. Wie auf Kommando flatterte der ganze Schwarm auf, um Elias und Shaka neugierig zu umkreisen.
Beim Fliegen begannen sie, von innen heraus zu leuchten – ein sanfter Schein von Blau und Rot, Grün und Gelb, den sie wie Nebelschleier über den Nachthimmel zogen. Staunend erkannte Elias in dem Farbenspiel die Lichter wieder, die aus der Ferne das Haus umschwirrt hatten.
»Was … ich meine, wer seid ihr?«, stotterte er überrumpelt.
Die Luftwesen lachten perlend. Sie wuselten so rasch durcheinander, dass Elias noch nicht einmal erkennen konnte, wie viele es waren – fünf oder fünfundzwanzig?
»Ich bin Sylphe!«, rief eine von ihnen mit einer hellen Glöckchenstimme.
»Und ich bin Sylphe!«, fiel eine zweite mit ein.
»Mein Name ist Sylphe!«, krähte eine dritte. Sie plapperten mindestens so schnell durcheinander, wie sie sich bewegten.
Nur eine der Gestalten hielt sich abseits. Sie flatterte über dem Vordach auf der Stelle. Elias fiel sie gerade deswegen auf. In ihrem winzigen Gesicht funkelte ein Paar rubinroter Augen, die Elias direkt anblickten. Er runzelte misstrauisch die Stirn. Da huschte das Geschöpf auch schon los und verschmolz mit dem Gewimmel der anderen.
»Okay, ihr heißt also Sylphe«, fasste Shaka inzwischen hilflos zusammen. »Aber was seid ihr?«
Für einen Moment herrschte erstauntes Schweigen. Dann brandete das Gekicher umso lauter auf.
»Wir sind Sylphen«, rief eine der schimmernden Gestalten.
»Boreal-Sylphen!«, verbesserte eine zweite.
»Wo wohnst du, dass du uns nicht kennst?«, fragte eine dritte empört.
»Noch nie in den Nordhimmel geschaut?«, kicherte eine vierte.
»Boreal?« Elias verstand immer weniger.
»Aurora Borealis«, flüsterte Shaka fasziniert. »Das Nordlicht.«
So sahen die Sylphen tatsächlich ein wenig aus – wie lebendiges Nordlicht.
»Aber was macht ihr hier, in dieser Stadt?«, fragte Elias.
»Wir wohnen!«, rief eine der Sylphen stolz.
»Das tut man doch mit einem Haus, oder?«, fragte eine andere.
»Falls wir uns irren, müsst ihr uns das sagen!«, meldete sich eifrig eine dritte.
»Wir kennen uns noch nicht so gut aus mit den Dingen in der Festwelt«, fügte eine weitere Stimme hinzu. Für Elias klangen sie alle ähnlich, sodass er kaum auseinanderhalten konnte, wer nun was sagte.
»Festwelt?«, wiederholte er ratlos.
»Ja!«, rief es aus dem Gewimmel der Sylphen.
»Die Welt der festen Dinge. Menschendinge. Dinge, die wir im Zwischen nicht haben!«
»Coole Dinge!«
»Wie findet ihr unser Haus? Wir nennen es das Vier-Winde-Haus. Weil wir Boreal-Sylphen mit den vier Winden befreundet sind!«
»Kommt rein, wir zeigen euch alles!«
»Wir hatten noch nie Festwelt-Besuch …«
Shaka warf entschlossen ihren Zopf zurück und griff nach der Tür. Erfolglos rüttelte sie daran.
Elias musste laut sprechen, um das Durcheinander zu übertönen: »Wenn wir reinkommen sollen, solltet ihr uns die Tür aufmachen!«
Überrascht hielten die Boreal-Sylphen inne.
»Tür?«
»Aufmachen?«
Eine von ihnen flog aufgeregt einen Salto. »Dafür ist das Ding also da! Man kann die Tür aufmachen!«
»Natürlich!«, rief eine andere Sylphe. »Diese Festwelt-Bewohner sind nicht aus Wind gemacht wie wir! Sie können nicht durch den Briefschlitz schlüpfen.«
»Aber wie geht das, aufmachen?«
»Kann man die Tür vielleicht aufwehen?«
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