Kitabı oku: «Das Feuer»

Yazı tipi:

Das Feuer, H. Barbusse

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

ISBN: 9783849605438

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Das Feuer

I. Die Vision.

Gegenüber der Dent du Midi, der Aiguille Verte und dem Mont-Blanc schauten auf der Liegehalle des Sanatoriums blutlose Gesichter aus den Decken.

Die Terrasse überragt auf der ersten Etage des Palace-Sanatoriums die Welt, hängt gleichsam frei in der Luft mit ihrer geschnitzten Holzgalerie und ihrer Glaswand, die sie vor Winden schützt.

Nichts regt sich unter den feinen, roten, grünen, tabakbraunen und weissen Wolldecken, aus denen die strahlenden Augen zarter Gesichter blicken; denn auf den Liegestühlen herrscht völliges Schweigen. Jemand hustet, dann hört man nur noch zuweilen das Geräusch einer Buchseite, die nach regelmässigen Pausen gewendet wird; dann und wann auch murmelt jemand eine leise Frage, auf die der Nachbar ebenso leise antwortet; plötzlich wieder schnurrt ein Fächergeräusch, wenn die Krähen aufflattern und in der klaren Luft wie ein schwarzer, perlender Rosenkranz davonfliegen.

Das Schweigen ist hier Gebot. Uebrigens haben jene reichen und unabhängigen Menschen, die sich aus allen Weltgegenden, vom gleichen Unglück heimgesucht, hier eingefunden haben, die Gewohnheit der Unterhaltung verloren. Sie sind mit sich selbst beschäftigt und denken über ihr eigenes Leben und über ihr eigenes Ende nach.

Ein Zimmermädchen ist auf der Liegehalle erschienen; sie schreitet sanften Schrittes in ihrer weissen Tracht und bringt Zeitungen, die sie verteilt.

– Der Würfel ist geworfen, sagt einer, der die Zeitung zuerst entfaltet hatte, der Krieg ist erklärt.

Wie sehr man auch auf diese Nachricht gefasst war, so ruft sie dennoch eine gewisse Bestürzung hervor; denn man ahnt das grenzenlose ihrer Tragweite.

Jene denkenden und gebildeten Leute, die, durch ihr Leiden vertieft, sich von den Dingen und vom Leben fast losgesagt haben und der übrigen Welt fernstehn, als seien sie schon ein Stück Nachwelt, – sie schauen vor sich ins Weite nach jenem Reich der Lebenden und der Wahnsinnigen hin, die sie nicht mehr verstehn.

– Es ist ein Verbrechen, das Oesterreich begeht, meint der Oesterreicher.

– Frankreich muss Sieger sein, sagt der Engländer.

– Ich hoffe, Deutschland wird besiegt werden, sagt der Deutsche.

*

Dann ziehn sie ihre Decken und ihre Kissen wieder zurecht, und vor ihnen leuchten die Berge am Himmel. Aber die Stille und die klare Luft sind voll jenes Ereignisses, das sich soeben offenbart hat.

– Krieg!

Einige wiederholen das Wort auf ihren Liegestühlen, sprechen es halblaut in die Stille hinein und denken darüber nach, dass es das grösste Ereignis der modernen Zeit und vielleicht der ganzen Weltgeschichte bedeutet.

Zugleich steigt, durch die Nachricht heraufbeschworen, ein düsterer Traum der Wirrnis über die friedvolle Landschaft, an der die starren Blicke jener Menschen haften.

Vom friedlichen Tal herauf mit seinen rosenfarbenen Dörfern, von den samtweichen Weiden her, von den farbenschwangeren Flächen der Berge, dem schwarzen Spitzengewebe der Tannen und dem weissen Spitzentuch des ewigen Schnees her bewegt es sich plötzlich wie lärmendes Menschendurcheinander.

Menschenmassen regen sich in sichtbaren Haufen; auf den Feldern stürzen sie zum Sturm vor, Welle auf Welle und bleiben plötzlich stecken; Häuser werden aufgeschlitzt wie Menschenleiber, und Städte stürzen wie jene Häuser. Dörfer liegen in kalkweissem Schutt, als wären sie vom Himmel auf die Erde geplatzt. Nun schleppen sich Ladungen von Toten und Verwundeten durch die Ebenen.

An den Grenzen nagt der Mord und die Nationen reissen sich ohn' Unterlass frische, vollblütige Soldaten vom Herzen; und man verfolgt mit den Augen diese Zuflüsse lebendiger Kraft in den Strom des Todes.

Im Norden, im Süden und im Osten, überall toben Schlachten in der Ferne; wohin man sich auch wendet, es gibt keine Himmelsrichtung, die nicht auf den Krieg deute.

Einer jener Bleichen zählt, auf dem Ellbogen gestützt, mit seherischem Geist die Kriegführenden auf, die gegenwärtigen und die zukünftigen: Dreissig Millionen Soldaten. Ein anderer aber stammelt, den Blick voller blutender Bilder:

– Zwei Armeen, die sich bekämpfen, sind eine grosse Armee, die Selbstmord an sich übt.

– Man hätte es nicht so weit kommen lassen sollen, meint der erste in der Reihe mit tiefer, schwindsüchtiger Stimme.

Ein andrer fügt hinzu:

– Es ist der Wiederbeginn der französischen Revolution.

– Die Throne werden wackeln! prophezeit einer murmelnd.

Der dritte aber fügt hinzu:

– Vielleicht ist es der letzte Krieg.

Dann tritt Schweigen ein und ein Schaudern geht über manche Gesichter, auf denen die fahle Tragödie der Nacht und die schweissfeuchte Schlaflosigkeit ihre bleichen Spuren hinterlassen hatte.

– Dem Krieg ein Ende setzen! Kann man wohl den Kriegen ein Ende setzen? Die Wunde der Welt ist nicht heilbar!

Jemand hustet. Dann leuchtet wieder im herrlichen Frieden der Sonne das Bild der prunkenden Wiesen, mit den glatten, sanften Kühen und den schwarzen Wäldern, den grünen Flächen und den blauen Fernen, dahinter die blutige Vision und der rote Schein des Feuers erlischt, in welchem die alte Welt brennend untergeht. Im grossen Schweigen verstummen die Hassgesänge und die Leiden der unheilvollen Weltverwirrung. Mählich zieht sich auf der Liegehalle jeder wieder in sich selbst zurück und seine Gedanken halten sich wieder an das Geheimnis seiner Lungen und das Heil seines Leibes.

Um die Stunde aber, da der Abend ins Tal schleicht, platzt ein Gewitter über dem Rücken des Mont-Blanc.

Dann ist es verboten auszugehen; denn der Abend ist heimtückisch; verspürt man doch selbst auf der Veranda – diesem Hafen, in den jene sich geflüchtet haben –, die letzten Wellen des Windes.

Diese Schwerverwundeten, die eine innere Wunde frisst, heften die Blicke auf jenes Bersten der Elemente: sie schauen zu, wie über dem Berg der Donner kracht und Wolkenbarren aufpeitscht wie ein Meer; wie er jedesmal zugleich einen Feuerpfeil ins Abenddämmern schleudert und Wolkensäulen türmt. Dann verfolgen jene fahlen Gesichter mit hohlen Wangen den Flug der Adler, die am Himmel kreisen und durch den Abenddunst hindurch vom Himmel auf die Erde hinabsehen.

– Den Kriegen ein Ende setzen, denken sie. Kann man den Gewittern ein Ende setzen?

Jene beschaulichen Menschen aber, die, an der Schwelle der Welt, geläutert von den Leidenschaften der Parteien, befreit von übernommenen Begriffen und von der blinden Macht der Ueberlieferung, das Leben überdenken, fühlen etwas wie von einer grossen Einfachheit der Dinge und ahnen Möglichkeiten, die sich auftun.

Der erste in der Reihe aber ruft aus:

– Sieht man dort unten nicht kriechende Kreaturen?

– Ja … es sind wie lebendige Wesen.

– Sie sehn wie Gewächse aus …

– Sind es nicht Menschen?

Im schaurigen Blitzlicht des Gewitters, unter zerfetzten Wolkenschatten, die sich dehnen und sich über die Erde strecken gleich unseligen Engeln, glauben sie eine weite Ebene zu schauen. Gestalten kriechen aus der Ebene, die lauter Kot und Wasser ist, und sie krampfen sich wie schiffbrüchige Ungeheuer an die Erde, unter der Last des Kotes, der sie blind macht. Den Beschauern aber ist, als seien es Soldaten. Die ungeheure Ebene trieft von Feuchtigkeit und die parallelen Spuren langer Kanäle durchfurchen sie; Löcher bohren sich voll Wasser in die Erde. Jener Schiffbrüchigen aber, die aus der Erde kriechen, sind es Unzählige … Und die dreissig Millionen Sklaven, die das Verbrechen und der Irrtum in jenen Krieg des Kotes gestürzt, heben ihr Menschenantlitz empor, in welchem endlich ein Wollen keimt. Die Zukunft liegt in den Händen der Sklaven und man versteht nun, dass eine neue Welt erstehn wird in der Verbrüderung jener, deren Zahl und Elend ohne Grenzen sind.

*

II. In der Erde.

Donnerschläge grollen unterm grossen, bleichen Himmel und jedesmal, wenn ein Blitz rotleuchtend aufzischt, zerfällt ein Feuerstrang dort unten, wo die Nacht noch dunkelt und eine Rauchwolke steigt hinauf ins anbrechende Morgenlicht.

Hoch oben, in der Ferne hört man den Flug schrecklicher, unsichtbarer Vögel, die mit machtvollem und schnurrendem Atemzug zum Himmel steigen, sich die Erde zu besehn.

Die Erde! Mählich erscheint diese Wüste, unbegrenzt und wassertriefend in der endlosen Trübseligkeit des Morgengrauens. Man entdeckt feuchte Flächen und Trichter, in denen das Wasser unter dem scharfen Morgenwinde erzittert; dann sieht man die wässrigen Spuren, die nächtliche Züge und Truppenteile in jenes Feld der Unfruchtbarkeit eingestampft haben. Wie lange Schienen ziehn sie sich durch die Ebene und haben einen metallnen Glanz im armseligen Dämmerlicht. Hier und dort stecken zerbrochne Pfähle einsam in Kothügeln und gekreuzte Stützpflöcke liegen zerschlagen neben aufgerollten, zerschundnen Drahtbüscheln. Es scheint, als schwimme ein riesengrosses, graues Tuch auf dem Meere, stellenweise überschwemmt. Es regnet nicht, aber alles ist nass, triefend schiffbrüchig und verwässert und das fahle Licht scheint über die Landschaft zu fliessen.

In langen Gräben, die sich durch die Ebene schlängeln, verkriechen sich die letzten Schatten der Nacht. Es ist der Schützengraben, auf dessen glitschigem Grund der Fuss kleben bleibt und sich bei jedem Schritt zischend loslöst. Es stinkt um die Unterstände herum vom Urin der Nacht und auch aus den Schlupfwinkeln stinkt es, wenn man sich im Vorbeigehn hineinbeugt, wie aus Mäulern.

Ich sehe aus den seitlichen Schachten Schatten ragen, die ihre plumpen und unförmigen Massen hin und her bewegen, wie knurrende, tappende Bären. Diese Schatten sind wir.

Wir sind eingemummt wie Lappländer und eingepackt in Wollzeug, in Decken und Säcke, die uns überragen und uns grotesk aufblähen. Einige strecken sich, laut gähnend. Man sieht rötliche oder bleifarbne Gesichter mit Schmutzstreifen, die ihnen wie Schmisse im Gesicht sitzen, ihre Augen blinzeln wie schläfrige Nachtlichter und haben klebrige Ränder. Verwilderte Bärte sitzen büschelartig an den Wangen; andere haben kotige Stoppeln am Kinn.

Tak! Tak! Pam! Gewehrschüsse schnarren, Kanonen brummen; über uns, überall her knattert es, donnert ein gedehntes Rollen oder knallen einzelne Schüsse; und dieses wütende, flammende Gewitter hat nie, nie ein Ende. Seit mehr als fünfzehn Monaten, seit fünfhundert Tagen dauern auf diesem Erdfleck das Gewehrfeuer und das Schiessen ununterbrochen an, vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen. Man hockt verscharrt in ein endloses Schlachtfeld, aber wie man damals in jener fast märchenhaften Zeit das Ticken der Uhren in unseren Stuben nur hörte, wenn man hinhorchte, so auch hier den Lärm.

Jetzt kriecht ein Puppengesicht aus der Erde mit aufgedunsenen Augenlidern und karminroten Bäckchen, als habe man sie mit roten Quadrätchen beklebt und öffnet ein Auge und dann das andere; es ist Paradis. Auf seiner Haut kleben noch wie Striemen die eingedrückten Spuren seines Zelttuches, in das er zum Schlafe den Kopf eingewickelt hatte.

Er blickt mit seinen kleinen Augen um sich, sieht mich, nickt mir zu und sagt:

– Wieder eine Nacht vorbei, Alter!

– Ja, mein Sohn, und wie viele werden wir noch durchzuhalten haben?

Er streckt seine dicken Arme zum Himmel, hat sich auf der Leiter aus dem Unterstand herausgequetscht und steht neben mir. Dann stolpert er über eine dunkle Masse, die im Halbdunkel kauert, kratzt sich krampfhaft unter rauhen Seufzern und humpelt von hinnen wie ein Pinguin in einer sündflutlichen Landschaft.

*

Allmählich tauchen die Leute aus ihren Schlupfwinkeln hervor und Schattenklumpen lösen sich aus allen Ecken los; dann bewegen sich diese menschlichen Schatten und nehmen deutlichere Formen an und einer nach dem andern wird erkennbar. Da steht einer, seine Decke über dem Kopf; er sieht aus wie ein Wilder oder vielmehr wie das Zelt eines Wilden, das schaukelnd herumschwankt. Von nahem unterscheidet man, in ein breites gestricktes Wollzeug eingerahmt, ein viereckiges, jodgelbes Gesicht mit dunklen Flecken und gebrochner Nase, eng zusammenstehenden Schlitzaugen mit rosiger Umrandung und einem kleinen Stoppel-Schnurrbart, feucht wie eine Fettbürste.

– Hola Volpatte! Wie gehts Firmin?

– Es geht, es geht, immer hin und her, sagt Volpatte.

Er hat einen trägen Tonfall, den seine Heiserkeit noch beschwert. Dann hustet er.

– Ein Husten, zum Verrecken! Du, hast du gehört heut Nacht, die Attacke? Alter, das war ein Bombardement, das reinste Absieden!

Er zieht die Luft durch seine eingefallne Nase und fährt mit dem Aermel drüber. Dann schiebt er die Hand unter Mantel und Weste, greift nach seiner Haut und kratzt sich.

– Dreissig Stück hab ich beim Kerzenlicht gefangen, grunzt er. Im grossen Unterstand neben dem Schleichweg kannst du was erleben; im Stroh sieht man sie rumkrabbeln, wie ich dich hier sehe.

– Wer hat angegriffen, die Deutschen?

– Sie und wir auch, bei Vimy; ein Gegenangriff. Hast du nichts gehört?

– Nein, antwortet für mich der dicke Lamuse, der Stier-Kerl. Ich schnarchte. Kannst dir ausrechnen, letzte Nacht Dienst gehabt.

– Ich hab was gehört, sagt Biquet, der kleine Bretone. Hab' schlecht geschlafen, oder, besser gesagt, gar nicht geschlafen. Ich hab 'nen Spezial-Unterstand. Das Hurenloch, da guck her.

Er zeigt mit dem Finger auf einen nicht sehr tiefen Graben, in dem es auf einem dünnen Mistbett gerade für einen Platz hat.

– In der Nusschale schlafen, sagt er, und nickt mit seinem kleinen, harten und eckigen Schädel, der aussieht, als sei er noch nicht fertig ausgefeilt. Ich hab fast nicht geschlafen; eingeschnarcht war ich zwar schon, aber die Ablösung vom 129ten ist hier durch und hat mich aufgeweckt, aber nicht durch den Lärm, sondern durch den Gestank. Die Kerle mit ihren Füssen an meiner Nase vorbei! Das weckt einen totsicher auf; Nasenfieber kriegst du davon.

– Ich kenne das. Wie oft bin ich nicht selbst im Schützengraben aufgewacht an jener schweren Stickluft, die eine Abteilung beim Marsche wie eine Spur hinter sich herzieht.

– Wenn die Läuse wenigstens dran kaput gingen, sagt Tirette.

– Bewahre, die kriegen im Gegenteil Beine davon, meint Lamuse. Je dreckiger du bist, je lausiger, sag ich dir, um so mehr lieben sie dich, die Läuse.

– Uebrigens war's mein Glück, fährt Biquet fort, dass sie mich mit dem Stinkgeruch aufgeweckt haben. Ich erzählte es soeben dem dicken Schmerbauch da, hab zur rechten Zeit meine Gucklöcher aufgesperrt und erwischte grad noch das Zeltdach über meiner Schlafkapsel, sonst hätte sie mir so ein schuftiger Mistkäfer gemaust.

– Lauskerle sind die vom 129ten.

Zu unsern Füssen unterscheidet man, unten im Graben, eine menschliche Gestalt, die das Morgenlicht noch nicht traf; sie hockte unten im Loch und ramschte mit beiden Händen ihre Kleider zusammen und schüttelte sich; es war Vater Blaire.

Zwei Aeugelchen blinzelten in seinem staubigen Gesicht. Ueber der Oeffnung seines Mundes, in dem kein Zahn mehr zu sehen war, sass als gelber Büschel ein dichter Schnurrbart. Seine Hände hatten einen finstern Zug und ihr Rücken war derart verdreckt, dass sie ein Fell zu decken schien; die Handfläche war hart und grau. Seine ganze Gestalt, mürbe wie eine verschrumpfte, erdbedeckte Wurzel, hatte den muffigen Geruch eines alten Kochtopfes.

Er kratzte sich und sprach mit dem langen Barque, der ein wenig von ihm Abstand wahrte und nur sein Ohr hinhielt.

– Zu Hause bin ich nicht so dreckig, meinte er.

– Da hast du dich verdammt geändert, antwortete Barque.

– Dein Glück, platzte Tirette heraus, sonst kriegte nämlich deine Frau Negerbengels von dir.

Blaire wurde wild und zog seine Brauen an seiner schwarzbesudelten Stirn zusammen.

– So lass mich doch in Frieden. Was du nur mit mir hast? Krieg ist Krieg. Glaubst du, der ändert dir deine Manieren nicht, du Bohnenfratze? Begaff dich doch selbst, du Affenschnauze, Arschbackengesicht du! Die Redensarten bringt auch nur ein Kamel wie du raus.

Er fuhr mit der Hand über die graue Schicht, die sein Gesicht bedeckte; sie war durch den Regen dieser Tage klebrig geworden und tatsächlich nicht zum wegbringen. Dann fügte er hinzu:

– Uebrigens wenn ich bin, wie ich bin, so ist das meine Sache. Erstens hab ich keinen Zahn mehr. Der Bataillonsarzt hat mir schon lange gesagt: »Hast keinen Zinken mehr, das langt nicht. Bei der nächsten Pause, hat er gesagt, gehst du in den estomatologischen Wagen.«

– Tomatologischer Wagen, berichtigte Barque.

– Stomatologisch, belehrte Bertrand.

– Man kriegt's zwar umsonst, fuhr Blaire fort, aber gegangen bin ich doch nicht.

– Ha, und weshalb nicht?

– Halb wegen der Versetzung, antwortete er.

– Bist reif zum Küchenoberst, meinte Barque; das war eigentlich was für dich.

– Ganz deiner Meinung, machte Blaire einfach, worüber man lachte. Dies aber beleidigte ihn, er stand auf und meinte:

– Ich kriege Bauchgrimmen bei euch, ich geh 'nen Kaktus pflanzen.

Als er dann im Morgengrauen verschwunden war, wurde von den andern jene Wahrheit noch mal durchgekaut, dass es nichts gemeineres auf Erden gibt als die Köche.

– Wenn ein Kerl derartig schmierige Haut und dreckige Kleider hat, dass er nur noch mit Zangen anzugreifen ist, so kannst du Gift drauf nehmen, 's ist ein Küchenchef. Je dreckiger, desto eher ist er Küchenchef.

– Das ist sicher wahr und wahrhaftig, sagte Marthereau.

– Da kommt Tirloir. He! Tirloir!

Tirloir beschäftigt ein Gedanke; er schnüffelt nach rechts und schnüffelt nach links; sein dünner, chlorbleicher Schädel wiegt sich im Wulst seines Mantelkragens, der ihm viel zu dick und zu weit ist. Sein Kinn ist zugespitzt und die obere Zahnreihe vorspringend; um seinen Mund gräbt sich tief eine Falte ein wie ein Maulkorb. Er ist wütend wie gewöhnlich, und wie immer hat er was zu schimpfen.

– 's hat mir einer meinen Brotsack gemaust, heut Nacht.

– Wohl einer von der Ablösung vom 129ten. Wo lag der Brotsack?

Tirloir deutet auf ein Bajonett, das in der Wand steckt, neben dem Eingang eines Unterschlupfes:

– Da hing er, an dem Zahnstocher hier.

– Schafskopf! tönt es allgemein. Da langt doch jeder mit der Hand hin! Bist wohl verrückt?

– 'ne Gemeinheit ist es doch, jammert Tirloir.

Dann packt ihn plötzlich die Wut. Sein Gesicht schrumpft in Falten zusammen, wutschnaubend; seine kleinen Fäuste ballen sich wie Seilknoten, mit denen er in der Luft herumfuchtelt.

– Das kann ich nur sagen: wenn ich den Hund erwische, hau ich ihm 's Maul kaput, den Ranzen stoss ich ihm ein, ich … ein ganzer Camembert war noch drin. Ich werde noch mal auf die Suche gehn.

Er massiert sich den Bauch mit der Faust, wie eine Gitarre mit kleinen, knappen Schlägen und macht sich davon. Seine Silhouette schreitet in die Morgendämmerung davon, würdig und zugleich wie die Fratze eines Kranken, der sich in seinen Schlafrock verkriecht. Noch hörte man ihn fluchen, bis er schliesslich verschwand.

– Das Kamel, machte Pépin, worauf die andern lachten.

– Er hat einen Spleen, er ist total verrückt, erklärt Marthereau, der die Gewohnheit hat, durch den gleichzeitigen Gebrauch zweier Synonyma seinen Aeusserungen das Rückgrat zu stärken.

*

Da, Alterchen, sagt Tulacque, der soeben erscheint, guck dir mal das an.

Tulacque ist ganz hervorragend. Er trägt ein zitronengelbes Wams, das er sich aus einem geölten Schlafsack zurechtgeschneidert hat. Für den Kopf hat er in der Mitte ein Loch herausgeschnitten und über das Ganze seine Achselriemen und den Gurt geschnallt. Tulacque ist gross und knochig im Bau. Wenn er geht, streckt er sein energisches Gesicht vor; in seinem Blick liegt etwas verdächtiges. In der Hand hält er einen Gegenstand.

Heut nacht hab ich das gefunden beim graben am »neuen Schlauch«, als man die verfaulten Holzrahmen ausgewechselt hat. Hat mir gleich imponiert, das Zeug. 'S ist ein Beil, älteres Kaliber.

»Aelteres Kaliber« stimmte unbedingt: es bestand aus einem zugespitzten Stein und einem braunen Knochen als Griff. Es schien mir ein prähistorisches Stück zu sein.

– Es liegt einem famos in der Hand, sagt Tulacque, indem er das Werkzeug schwingt. Tatsache, gar nicht so schlecht ausgedacht, jedenfalls besser, als das heutige Ordonnanz-Beil. Tadellos, weisst du; da, probier mal … was? Aber wieder zurückgeben. Ich behalt mir das Zeug auf; das kann mir sicher mal Dienste leisten …

Er schwingt sein vorsündflutliches Beil und scheint selbst ein Pitecanthropus mit Flittergold, der in den Eingeweiden der Erde haust.

*

An der Biegung des Schützengrabens stehen wir nun aneinander, wir von der Bertrandschen Korporalschaft und vom halben Zug. An dieser Stelle ist der Graben etwas breiter als an seinem geraden Teil, und wenn andre vorübergehn, drückt man den Rücken an die Wand, aber die Bäuche streifen noch aneinander.

Unsere Kompagnie steht in Reserve in einem Parallelgraben zweiter Linie. Hier gibts keinen Wachpostendienst. Nachts sind wir für Erdarbeiten vorne gut, aber tagsüber gibt es für uns nichts zu tun. So hocken wir aneinandergepfercht, Ellenbogen an Ellenbogen, und schlagen, wie's geht, bis zum Abend die Zeit tot.

Das Tageslicht ist schliesslich in die endlosen Erdschlitze, die diese Gegend durchfurchen, eingesickert und beleckt die Schwelle unserer Höhlen. Trübseliges Licht des Nordens, niedrer und schlammiger Himmel, an dem der Rauch und Gerüche von Fabriken zu kleben scheinen. In dieser bleichen Beleuchtung erscheint die Gelegenheitskleidung jener tiefsten Menschenschicht ungeschminkt in der unendlichen und verzweifelten Armseligkeit, die sie schuf. Aber es steht damit wie mit dem eintönigen Tik-Tak des Gewehrfeuers und dem Brummen der Kanonen: zulange schon dauert das Drama, das wir spielen, als dass man sich noch über das Aussehen aufhielte und über die Verkleidung, die man sich erfunden hat, zum Schutze gegen den Regen, der von oben kommt, gegen den Dreck, der von unten kommt und gegen die Kälte, die wie eine Unendlichkeit überall fliesst.

Tierfelle, Deckenbündel, Tücher, Pelzmützen, Wollkappen, gefütterte Mützen, Halstücher, dick über den Mund gezogen oder als Turban über dem Schädel auspolsternde Unter- und Oberleibchen, Ueberzüge von geteerten, gummierten und Kautschuk-Kappen, schwarze und solche in allen möglichen, verblichenen Regenbogenfarben; alles dies verhüllt die Leute, verwischt ihre Uniformen und ihre Gesichter und lässt sie ins Ungeheuerliche wachsen. Dem einen hängt im Rücken ein weiss- und rotkarriertes Wachstuch, das er im Vorübergehn irgend in einem gastfreundlichen Esszimmer aufgegabelt hat: es ist Pépin, den man von weitem schon an diesem Harlekinfetzen besser erkennt als an seinem bleichen Apachengesicht. Hier wölbt sich Barques Brustlatz, den er sich aus einer Steppdecke ausgeschnitten hat, früher mal rosafarben, jetzt aber unter Staub und Regen abgeschossen und moiriert. Dort steht der mächtige Lamuse wie eine Turmruine mit Reklame-Ueberbleibseln. Der kleine Eudore trägt einen Rückenpanzer aus Moleskin, so dass er von hinten aussieht wie ein polierter Käfer; aus allen heraus aber ragt Tulacque mit seinem gelben Häuptlings-Brustkasten.

Der Helm überm Kopf bringt eine gewisse Einförmigkeit, und dies auch nicht immer! Manchem sitzt er nämlich auf dem Käppi, wie dem Biquet, oder wie Cadilhac auf der Pelzmütze, andern wieder auf der Baumwollmütze, wie Barque; das alles kompliziert noch die Sache und bringt die verschiedensten Spielarten hervor.

Und unsre Beine! … Eben kroch ich gebückt in unsern Unterstand, eine niedere Höhle, in der man über leere Konservenbüchsen und schmutzige Lumpen glitscht und wo es nach muffiger Feuchtigkeit riecht; zwei lange Leiber lagen schlafend am Boden, während eine knieende Gestalt beim Kerzenlicht in einem Brotsack stöberte … Als ich nun wieder hinauskletterte, kamen mir, indem ich durch die rechteckige Oeffnung sah, Beine zu Gesicht. Da gab es wagrechte, senkrechte und schiefstehende, ausgebreitete, eingeklappte und verstrickte, die den Durchgang versperrten und die von jenen verwünscht werden, die sich durchdrücken möchten. Sie bieten jedenfalls eine an Farben und Formen äusserst reiche Auswahl: Gamaschen, schwarze und gelbe Wadenbekleidungen, lange und kurze, aus Leder, gegerbtem Tuch oder sonstigem wasserdichtem Gewebe: dunkelblaue, hellblaue, schwarze, resedafarbige, kaki und hellgraue Wadenbinden … nur Volpatte trägt noch, einzig in seiner Art, von der Mobilisation her, die kleinen Ordonnanzbinden. Mesnil André führt seit zwei Wochen ein Paar dicke, grüne und gerippte Wollstrümpfe spazieren, während man Tirette von jeher mit grau und weiss gestreiften Tuchbinden gekannt hat, die von einer Zivilhose herrühren und gottweiss, wo diese Zivilhose bei Kriegsausbruch gehangen hat … Und Marthereau erst, dessen Binden nicht genau gleich in der Farbe sind; als er sie nämlich zurechtschneiderte, konnte er unmöglich zwei Mantelfetzen ausfindig machen, die gleich abgenützt und dreckig gewesen wären. Daneben gibt es in Lumpen, ja sogar in Zeitungen eingewickelte Beine, um die sich Schnüre und, was noch praktischer ist, Telephondrähte spiralenförmig winden. Pépin protzt vor den Kameraden und den Passanten mit einem Paar fuchsgelben Gamaschen, die er einem Toten gepumpt hat … Barque, der auf Findigkeit und Ideenreichtum Anspruch erhebt (womit er einem, weiss Gott, zuweilen auf die Nerven geht), der Bruder Barque leistet sich weisse Waden: er hat sich nämlich Verbandbinden um die Gamaschen gewickelt, um sie zu schonen; diese weisse Farbe an der Basis seiner Gestalt passt zu seiner Baumwollmütze, die unter seinem Helm herausschaut und unter der wiederum der feuerrote Haarbüschel eines Clowns hervorguckt. Poterloo marschiert seit einem Monat in den Stiefeln eines deutschen Infanteristen herum; es sind schöne, fast noch neue Stiefel mit Hufeisen am Absatz. Caron hat sie ihm anvertraut, als er seines Armes wegen wegkam. Caron selbst hatte sie einem bayrischen Mitrailleur abgenommen, der auf der Pylones-Strasse gefallen war. Ich höre noch Caron die Geschichte erzählen:

– Jawohl, mein Lieber, da lag er, der Bruder Hiroton, zusammengeklappt, den Hintern in einem Loch; er blinzelte den Himmel an, die Beine in der Luft. Er hielt mir seine Komisstiefel hin, als wollte er sagen, der Streich lohne sich. Werden wir schon machen, sagt ich mir. Aber Mensch, die Schinderei, dem die Stiefel auszuziehn! Abgeschunden hab ich mich, dran gezogen, gedreht, geschüttelt … eine halbe Stunde, mein Ernst; mit seinen stocksteifen Haxen, ohne Behilflichkeit seinerseits. Und als ich eine lange Zeit dran gewürgt hatte, da gingen dem Leichnam schliesslich die Beine an den Knien aus dem Leim und seine Büchsen desgleichen und die ganze Bescherung nach, mit einem Ruck! Auf einmal stand ich da, in jeder Pfote einen gefüllten Stiefel. Und nun hiess es, die Beine und die Füsse rausnehmen.

– Na, du trägst dick auf!

– Frag den Radfahrer Euterpe, ob's nicht wahr ist. Wenn ich dir sag, dass er dabei war: mit den Händen haben wir Knochen, Sockenfetzen und Fusstücke rausgezogen. Aber guck her, gelohnt hat sich die Sache!

… Und während Carons Abwesenheit trägt Poterloo für ihn die Stiefel ab die der bayrische Mitrailleur nicht mehr selbst hat abtragen können.

Und so wehrt man sich mit regsamem Erfindungsgeist und allerlei kühnen Hilfsmitteln gegen den schrecklichen Mangel an häuslicher Einrichtung. Jeder ist wie ein Zeugnis dessen, was er in der tiefen Armseligkeit, die ihn überfallen hat, zu erfinden wusste und auszuführen sich nicht scheute.

Mesnil Joseph schlummert, Blaire gähnt, Marthereau qualmt stieren Blickes. Lamuse kratzt sich wie ein Gorilla und Eudore wie ein Seidenaffe; Volpatte hustet und sagt, ich werde verrecken; Mesnil André hat Spiegel und Kamm vorgeholt und pflegt seinen schönen braunen Bart wie eine seltene Pflanze. Die eintönige Stille wird zuweilen durch Anfälle verzweifelten Schüttelns unterbrochen, hervorgerufen durch die endemische, chronische und ansteckende Gegenwart der Parasiten.

Barque aber, der ein guter Beobachter ist, lässt seine Blicke in der Runde spazieren, zieht seine Pfeife aus dem Munde, spuckt, zwinkert mit dem Aug und meint:

– Man sieht sich doch verdammt unähnlich.

– Wie sollte man auch? fügt Lamuse hinzu; das wär schon ein Wunder.

*

Unser Alter? Alle möglichen Alter haben wir. Unser Regiment ist ein Reserveregiment, das durch verschiedentlichen Nachschub teils aus der aktiven Armee, teils aus der Landwehr ergänzt worden ist. In dem einen halben Zug gibt's Landwehr-Reserven, Anfänger und Halbflügge. Fouillade ist vierzig, Blaire könnte Biquets Vater sein, der selbst ein Fläumling ist und zum Jahrgang 13 gehört. Der Korporal redet den Marthereau mit »Grossvater« an oder mit »alter Schutthaufen«, je nachdem er im Spass oder im heiligen Ernst spricht. Mesnil Joseph wäre jetzt in der Kaserne, wenn nicht Krieg wäre. Es berührt uns schon merkwürdig, wenn wir uns führen lassen müssen von unserm Sergeanten Vigile, einem kleinen netten Kerl mit einem Anflug von Härlein an der Oberlippe und der letzthin im Standquartier mit kleinen Mädchen Seil hüpfte.

In unserer zusammengewürfelten Gruppe, in dieser Familie ohne Verwandtschaft, an diesem Herd ohne Heim sitzen dicht nebeneinander drei Generationen und leben, warten reglos wie unförmige Statuen, wie starrende Meilensteine.

Unsre Rassen? Alles mögliche ist bei uns vertreten und aus allen Gegenden sind wir zusammengelaufen.

Meine Nachbarn zum Beispiel: Poterloo ist Minen-Arbeiter aus der Calonne-Grube und hat eine rosige Gesichtsfarbe, strohgelbe Augenbrauen, flachsbläuliche Augen und einen dicken goldgelben Schädel, für den man lange in den Magazinen nach der mächtigen blauen Schüssel gesucht hat, die ihn behelmt. Fouillade dagegen ist Schiffsmann von Cette und rollt ein Paar teuflische Augen; er hat das lange, magere und geigenbraune Gesicht eines romantischen Haudegens und eingefallene Wangen; so sind meine beiden Nachbarn in der Tat voneinander verschieden wie Tag und Nacht.

Und nicht minder der Kontrast zwischen Cocon, jener langen, bebrillten Bohnenstange, mit der vom Grosstadtdunst zersetzten Hautfarbe und zwischen Biquet, dem rauh zugeschnittenen Bretonen mit grauer Gesichtsfarbe und seinem Pflastersteinkiefer; und André Mesnil, der gemütliche Apotheker aus der normannischen Unterpräfektur, der einen hübschen, zarten Bart trägt und der so viel und so gut spricht; er hat nicht viel gemeinsames mit Lamuse, dem fetten Bauern aus dem Poitou, mit seinen Faustbacken und seinem Stier-Nacken. Barque, der sämtliche Strassen von Paris abgeklopft hat, spricht die Sprache der Pariser Vorstadt, wogegen andere aus dem 3. Landwehr-Regiment den singenden, fast belgischen Akzent des Nordens haben; dazwischen tönt wiederum die klangvolle Sprache der 144., die über die Silben wie über Pflaster rollt und schliesslich der Dialekt der Auvergnaten vom 12., die sich wie Ameisen gegenseitig anziehen und inmitten der übrigen einen abgesonderten Block bilden … Ich erinnere mich noch, wie Tirette, dieser Spassvogel, sich mit folgenden Worten vorstellte: »Ich, Kinder, ich bin von Clichy-la-Garonne! Wer hat da noch Worte?« Und jene erste Klage, die mich Paradis näher brachte, als er jammerte: »die andern futieren sich um mich, weil ich aus dem Morvanschen bin«.

Unsere Berufe? Auch so ziemlich alles durcheinander. In früheren Zeiten, als man sich noch einer sozialen Stellung erfreute und man seine Zukunft in diese verregneten und beschossenen Maulwurfslöcher, die man immer wieder neu aufscharren muss, noch nicht vergraben hatte, damals waren wohl die meisten von uns Ackersleute und Arbeiter. Lamuse war Knecht, Paradis Fuhrmann; Cadilhac, dem der Kinderhelm auf seinem spitzen Schädel wackelt gleich einer Kuppel auf einem Kirchturm, wie sich Tirette ausdrückt, Cadilhac ist Grundbesitzer; Papa Blaire war Pächter in der Brie; Barque dagegen war Laufbursche und vollbrachte auf seinem Dreirad akrobatische Kunststücke, sich zwischen Pariser Trambahnen und Taxametern durchschlängelnd, wobei er, nach seiner eigenen Aussage, auf den Strassen und Plätzen den bestürzten Hühnerstall der Fussgänger in ganz hervorragender Art anbrüllte; Korporal Bertrand, der sich stets schweigsam und korrekt ein wenig abseits hält, mit seinem regelmässigen und exakt zugeschnittenen Gesicht, mit seinem schönen, wagerechten und mannhaften Blick, war Werkmeister in einer Röhrenfabrik. Tirloir bepinselte Kutschen, ohne zu murren, wie versichert wird. Tulacque hatte eine Weinpinte an der »barrière du Trône« und Eudore, der bleiche und sanfte Eudore führte an einer Landstrasse unweit von der jetzigen Front eine Wirtschaft; sie hat unter den Geschossen sehr gelitten – natürlich, denn, wie bekannt, hat Eudore kein Glück. Mesnil André, der noch die letzten Spuren von Zivilisation aufzuweisen hat und seine Haare pflegt, verkaufte Natron und garantiert unfehlbare Mittel (an einem grossen Platz); sein Bruder Joseph verkaufte Zeitungen und illustrierte Romane in einem Bahnhof der Staatseisenbahn, während Cocon, der Ziffermensch, fern von hier, in Lyon, hinter dem Ladentisch einer Eisenhandlung mit einer schwarzen Bluse und bleifarbenen, polierten Händen sich zu schaffen machte. Becuwe, Adolphe und Poterloo dagegen stiegen, wenn der Morgen graute, hinter dem armseligen Sternchen ihrer Laterne in die Kohlengruben des Nordens.

Und andere hat es noch, deren Berufe man immer wieder vergisst und die man miteinander verwechselt; und dann die Landstromer, die zehn Berufe zugleich in ihrem Ranzen führen, Pépin nicht zu vergessen, der zweifelhafte Pépin, der wohl nie einen Beruf gehabt hat (alles was man weiss, ist, dass er vor drei Monaten, nach seiner Wiederherstellung im Depot geheiratet hat, um … die staatliche Unterstützung der Wehrmannsfrauen zu beziehen).

Freie Berufe gibt es keine in meiner Umgebung. Lehrer sind Unteroffiziere bei der Kompagnie oder bei der Sanität. Im Regiment befindet sich ein Marist als Sergeant, dem Sanitätsdienst zugeteilt; ein Tenor ist Radfahrer beim Bataillons-Arzt; ein Advokat Sekretär des Obersten; ein Rentier Küchenkorporal bei der Verwaltungs-Kompagnie. Bei uns dagegen nichts von alledem; denn wir sind kämpfende Soldaten, wir; und während dieses Krieges werden die wenigsten unter den Intellektuellen, den Künstlern oder den Reichen ihr Gesicht an eine Schiesscharte vorgewagt haben, allerhöchstens im Vorbeigehen oder mit ein paar Streifen am Käppi.

Gewiss, man ist grundverschieden von einander.

Und doch sieht man einander so ähnlich.

Trotz Altersunterschiede, trotz verschiedener Herkunft, Bildung und Stellung, trotz alledem, was früher war und trotz der Abgründe, die uns einst von einander trennten, sind wir im grossen und ganzen einer wie der andere. Hinter einer rauhen Silhouette verbergen sich und zeigen sich die gleichen Sitten, die gleichen Gewohnheiten, der gleiche vereinfachte Mensch, der auf den Urzustand zurückgekommen ist.

Die gemeinsame Ausdrucksweise, jenes mit einigen Neubildungen aus der Werkstatt-, Kasernensprache und Dialekt gewürzte Gemisch verbindet uns wie eine Sauce jener gedrängten Ansammlung von Männern, die seit Monden Frankreich entleert, um sich im Nord-Osten anzustauen.

Und dann kettet uns hier das gleiche unwiderrufliche Schicksal aneinander, wo uns eine höhere Macht und das gewaltige Abenteuer auf die gleiche Stufe stellt. So muss man wohl nach Wochen und Monaten einer allgemeinen Aehnlichkeit unterliegen. Die schreckliche Enge des gemeinsamen Daseins, das uns aneinanderdrängt, passt uns gegenseitig an, verwischt alle Unterschiede, und jeder wird unwiderruflich davon angesteckt; so dass wir einander schliesslich ähnlich sehen, ohne dass man erst aus der Ferne zum Eindruck jener Gleichheit gelangte, aus einer Ferne, für die wir nur Staubkörnchen sind, die in der Ebene umhergetrieben werden.

*

Man hockt da und wartet; dann wird man müde vom hocken und steht auf. Beim Aufstehen aber quetschen einem die Gelenke wie gleitendes Holz oder alte Türangeln; in der Feuchtigkeit rostet der Mensch ein wie 's Gewehr, langsamer zwar, aber gründlicher. Und dann fängt das Warten wieder von vorne an, und man versucht es auf andere Weise.

Ein Warten ohne Ende ist der Kriegszustand. Man wird zur Wartemaschine. Augenblicklich wartet man gerade auf die Suppe. Dann kommen die Briefe an die Reihe. Doch jedes Ding zu seiner Zeit: erst wenn man mit der Suppe fertig ist, wird man an die Briefe denken. Und dann wird es irgend was anderes zum abwarten geben.

Hunger und Durst sind brennende Instinkte, die auf den Geisteszustand meiner Kameraden mächtigen Einfluss haben. Und da die Suppe auf sich warten lässt, werden sie ungehalten und murren. Das Bedürfnis nach Nahrung und Trank knurrt ihnen zum Mund heraus.

– Acht Uhr schon. Wo bleibt diese gottverdammte Brühe?

– Und mir brummt schon seit gestern zwölf Uhr der Magen, knurrt Lamuse, mit sehnsuchtsfeuchten Augen und weinroten Backen.

Von Minute zu Minute wächst der Missmut zu Erbitterung an.

– Plumet hat sich wohl meinen Lakritzensaft hinter die Binde gegossen, anstatt ihn herzubringen und liegt besoffen, weiss der Teufel wo.

– Das ist sicher und gewiss, meint Marthereau.

– Halunken, Ungezieferbagage! brüllt Tirloir, gemeine Bande alle mit einander, diese Ober-Faulpelze! Auf dem Ranzen liegen den ganzen Tag, hinter der Front und sich nicht einmal zur Zeit herschleppen können. Wenn ich Prinzipal wäre, ich wollte sie schön an unserer Stelle in die Schützengräben stopfen, und dran glauben müssten die bequemen Herrn! Erstens müsste jeder mal schmutzig werden und die Brühe kochen dürfen; d. h. wer dazu Lust hätte, versteht sich. Und dann …

– Pépère, der Schweinehund, schreit Coco, wird natürlich an der Bremserei schuld sein. Erstens tut er's mit Fleiss und zweitens kriegt man morgens den Satan nicht aus den Federn, das arme Kerlchen. Sechs Stunden Lauskapsel braucht er zum ausschnarchen, wie ein Milchsüppchen, und tags über liegt er auf der faulen Haut.

– Ich möcht ihm schon Feuer unter die Hosen zünden! schimpft Lamuse. Den wollt ich prompt aus den Federn jagen, wenn ich dabei wäre. Den Hirnkasten würd' ich ihm eintrommeln, an seinen Stelzen rausangeln sollte man ihn.

– Letzthin, sagt Cocon, hab ich's ausgerechnet: sieben Stunden siebenundvierzig Minuten hat er gebraucht vom Unterstand Nr. 31. Fünf gut gestampfte Stunden brauchst du, nicht mehr.

Cocon ist ein Zahlenmensch.

Er ist mit Gier ins Genaue-Dokumentiertsein vernarrt; überall steckt er wie ein Wiesel seine Nase hinein, ob es nicht nach Statistiken rieche, die er dann mit Ameisenfleiss anhäuft und jedem geduldigen Ohr als Schmaus anbietet. Augenblicklich fuchtelt er mit Zahlen herum wie mit einer Waffe und Wut verzerrt sein dünnes Gesicht, das aus lauter Dreiecken und Winkeln besteht, auf denen die zwei Kreise seiner Brillen ruhn.

Er steigt aufs Schiessbrett, das noch aus der Zeit stammt, als hier die vorderste Linie durchlief; dann streckt er seinen Kopf wütend über die Böschung; dabei sieht man im dünnen, kalten Lichtstreifchen, das über die Erde kriecht, die Brillengläser glänzen und auch einen Tropfen, der ihm wie ein Diamant an der Nase hängt.

– Und überhaupt mit dem Pépère, kein Wunder, so ein Spundloch; unglaublich, was er sich kiloweise Saft an einem Tag hinter die Binde giesst.

Der alte Blaire mistet seine Ecke. Man sieht, wie dabei sein dichter, weisslicher Schnurrbart zittert, der ihm wie ein weisser Kamm aus der Nase steht.

– Soll ich dir was sagen? Die Suppenmannschaft, das ist überhaupt der Typus eines Schweinetypus. Bei ihnen heisst's immer: scheiss drauf, leck mich am Arsch, Scheiss-Arsch und Compagnie.

– Auf dem Mist sind sie gewachsen, seufzt in tiefster Ueberzeugung Eudore, der der Länge nach mit halbgeöffnetem Mund wie ein Märtyrer auf dem Boden liegt und Pépin unentwegt betrachtet, der wie eine Hyäne hin- und herrennt.

Die hassgeschwängerte Erbitterung gegen die Verspäteten wächst von Minute zu Minute,

Tirloir, das Reklamierkaliber, kommt überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Er ist in seinem Element und stupft die Wut der Kameraden mit kleinen, spitzen Gesten an:

– Wenn man wenigstens den Trost hätte, dass einem die Sache schmecken wird, aber die Schlampe, die du dir in den Schlauch stopfen sollst.

– Und gestern, ha! meint Tirette, den Braten, den sie gebracht haben; Schleifstein ist nichts dagegen! Rindsbeefsteak nennen sie das; hat sich was mit dem Veloschlauch. Den andern hab ich gesagt, sie sollten beim kauen aufpassen: beisst euch die Dominos nicht dran kaput, hab ich gesagt, wenn der Schumacher im Falle einen Nagel dran vergessen hätt.

Tirette, heisst es, sei Exregisseur einer Kinotruppe; sein ausgeschriener Witz hätte zu einer andern Zeit die Lachmuskeln gereizt; jetzt aber ist die Stimmung getrübt und auf den Witz antwortet nur ein allgemeines Knurren.

– Und dann pappen sie einem als Fleisch zur Abwechslung was Weiches in den Magen; sowas wie ungesalzner Schwamm, oder fades Senfpflaster; beim Essen hast du's Gefühl, es rutscht dir ein Viertel Liter Wasser den Schlauch runter.

– All das Zeug ist ohne Bestand, meint Lamuse, und hält nicht an im Magen. Und wenn du meinst, du bist voll, dann hast du doch 'ne leere Kiste; und dann kippst du allmählich um von wegen zu wenig Nahrung.

– Das nächste Mal, schreit Biquet, geh ich zum Alten und sag ihm: »Herr Hauptmann …«

– Ich, sagt Barque, meld mich bleich und sag zum Arzt: »Herr Major …«

– Und wenn du Wände einrennst, hast du nichts davon. Die sind sich doch alle einig, den Soldaten auszunützen.

– Unsre Haut wollen sie, alle, sag ich dir!

– Genau wie mit dem Schnaps. Das Recht drauf haben wir; irgendwo, wo weiss ich nicht, aber irgendwo, weiss ich bestimmt, ist drüber abgestimmt worden; nun sind wir schon drei Tage lang hier, und Schnaps! Hat sich was, mit Heugabeln schenken sie ihn uns ein?

– Hol's der Teufel.

*

– Endlich kommen die Fressalien! meldet einer der an der Biegung Auslug hielt.

– Höchste Eisenbahn!

Nun legt sich plötzlich wie verhext das fluchende Gewitter, und die Wut wandelt sich in Zufriedenheit.

Drei Leute Suppenmannschaft stellen, ausser Atem und schweisstriefenden Gesichtes, zwei grosse Kannen, eine Petrolkanne, zwei Tucheimer und an einer Stange aufgespiesste Kugeln auf die Erde. An die Grabenwand gelehnt, wischen sie sich mit ihren Taschentüchern oder ihren Aermeln den Schweiss von der Stirn. Dabei seh ich Cocon sich an Pépin lächelnd heranmachen; schon hat er die Beleidigungen, mit denen er ihn vorhin bedacht hatte, vergessen, und deutet auf eine jener Feldflaschen, die dem Pépère wie ein Rettungsgürtel um den Bauch hängen.

– Was gibt's zu futtern?

– Da steht's, antwortete ausweichend der zweite Träger.

Die Erfahrung nämlich hatte ihn gelehrt, dass die Ankündigung des Speisezettels stets eine bittere Enttäuschung hervorruft.

Er schimpft auch deshalb, ohne noch seinen vollen Atem gefunden zu haben, über den langen und schlechten Weg, den er soeben zurückgelegt hatte: »Ueberall liegen sie herum wie die Beduinen, man kommt kaum durch. Dünn wie Zigarettenpapier müsste man sein, manchmal, um sich durchzuquetschen …« »Und dabei hat's noch welche, die meinen, bei der Küchenmannschaft seien sie alle Drückeberger.« Dagegen behaupte er, tausendmal lieber im Schützengraben zu arbeiten oder auf dem Wachtposten zu stehn, als dies elende Handwerk zweimal in der Nacht und zweimal am Tag ausüben zu müssen.

Paradis hat die Deckel der Kannen gelüftet und den Inhalt untersucht:

– Oelbohnen, gekochtes Leder und Schlamm; das ist alles.

– Gottverdammich! Und wo bleibt der Wein? brüllt Tulacque und trommelt die Kameraden zusammen.

– Da schaut her! So was geht über's Bohnenlied! Nicht mal Wein haben sie gebracht.

Sie laufen alle zusammen und schneiden lange Gesichter; denn ihre Gaumen sind ausgetrocknet.

– Scheissbande! rufen die Leute, tief bis in die Eingeweide hinein enttäuscht.

– Und da drinnen, was hat's da drinn? meint einer der Träger, noch immer krebsrot und nass vom Schweiss, und deutet mit dem Fuss auf eine Kanne.

– Ja so, sagt Paradis, ich habe mich getäuscht, also doch Wein.

Drauf zuckt der Träger mit den Achseln und wirft ihm einen Blick grenzenloser Verachtung zu und sagt: Setz dir Kuhbrillen vor die Augen, wenn du blind bist.

Dann fügt er hinzu:

– Ein Viertelliter pro Mann … kann sein, dass es nicht ganz reicht, 's ist mir nämlich im Wald so'n Rindvieh dran gestossen, dabei ist ein Tropfen rausgespritzt … Dann fügt er aber schnell hinzu: wenn ich nicht beide Hände voll gehabt hätte, hätt ich dem Kerl den Absatz in den Bauch gesteckt, sag ich, ja wohl! Aber die vierte Geschwindigkeit hat er eingeschaltet, das Kamel!

Trotz dieser energischen Versicherung, macht er sich schleunigst auf die Socken, verfolgt von den beleidigenden Anspielungen, die die andern seiner Ehrlichkeit und seiner Temperenzlerseele nachwerfen und auch von den Verwünschungen, die die eingestandene unvollständige Ration auslöst.

Nichtsdestoweniger stürzt man sich auf die Nahrung, und sie essen stehend, kauernd, knieend, auf einer Kanne hockend oder auf einem Tornister, der aus dem Schlafloch gezogen wird; andre liegen auf dem nackten Boden, den Rücken in der Erde vergraben; die Vorübergehenden aber stören sie und man flucht sich gegenseitig an. Ausser diesen fluchenden Bemerkungen spricht keiner etwas, denn das Essen nimmt sie völlig in Anspruch; dabei trieft der Mund von Fett wie der Verschluss der Gewehre.

Nun ist alles zufrieden.

Nach einer Weile aber ruhn die Kiefer aus; dann werden Zoten aufgetischt. Alles fuchtelt mit den Armen durcheinander und jeder überschreit den Nachbar und hastet nach der günstigen Gelegenheit, seinen Witz anzubringen. Und Farfadet lächelt, Farfadet, der zerbrechliche Mairie-Beamte, der zu anfang den Anstand wahrte und sich putzte, dass man ihn für einen Fremden oder einen Rekonvaleszenten hielt. Lamuse aber zieht sein flixendes Maul bis hinter die Ohren und seine Augen blinzeln freudetriefend; wogegen das rote Gesicht von Poterloo strahlt und glänzt wie eine Pfingstrose; die Runzeln des alten Blaire zittern vor Ausgelassenheit; er ist aufgestanden, streckt die Nase vor und schüttelt seinen dünnen Leib, der wie ein Stiel für seinen mächtigen, hängenden Schnurrbart aussieht; ja selbst der arme Cocon hat ein Fünkchen Heiterkeit auf seinem kleinen Runzelgesicht.

*

– Ja und … der Schlamm, wird der nicht gewärmt? fragt Becuve.

– Womit nur? Blas drauf, vielleicht kriegt er Hitze davon.

– Lasst mich nur machen. Ich weiss schon, wie das zu drechseln ist; wahrlich, keine Hexerei; macht ihr mir nur einen kleinen Herd mit den Käsmesserscheiden zurecht; ich geh derweil Späne holen mit meinem Messer; werdet schon sehn … Mit diesen Worten macht er sich auf die Holzsuche.

Die andern rollen sich Zigaretten oder stopfen ihre Pfeife, solang der Kaffee kocht.

Hierzu zieht ein jeder seinen Tabakbeutel heraus, seinen Leder- oder Kautschukbeutel, den er beim Krämer gekauft hat; das leisten sich nur die wenigsten; Biquet holt seinen Tabak aus einem Strumpf hervor, dem er dann mit einer Schnur den Hals würgt. Die meisten gebrauchen als Tabaktasche die Wattesäckchen der Gasmasken. Sie sind aus wasserdichtem Stoff hergestellt und eignen sich vorzüglich zum Aufbewahren des Knasters. Andere aber bergen ihren Tabak einfach in den Tiefgründen ihrer Manteltasche.

Die Raucher spucken im Kreis herum gerade auf den Eingang des Unterstandes zu, in dem das Gros des halben Zuges haust und überschwemmen mit gelber Nikotinspucke gerade die Stelle, wo man auf Händen und Knieen ein- und auskriecht.

*

Ein Brief, den Marthereau von seiner Frau erhalten hat, bringt das Gespräch auf die Lebensmittelfrage.

– Meine Alte hat mir geschrieben, sagt Marthereau. Wisst ihr, was ein leibhaftiges Mastschwein kostet, jetzt?

… Die volkswirtschaftliche Frage artet in einen heftigen Streit zwischen Pépin und Tulacque aus.

Die endgültigsten Worte sind ausgetauscht worden, und schliesslich meint einer:

– Mir doch Wurst, was du sagst und was du nicht sägst. Halt's Maul!

– Wenn's mir passt, Scheisskerl!

– Ein drei Liter-Krug möcht dir s'Maul zufrieden stellen!

– Ja, und wo hast du den?

– Komm nur her, komm her doch!

Sie sind schäumend vor Wut und rücken zähneknirschend aufeinander los. Tulacque fasst sein prähistorisches Beil und seine zweideutigen Augen werfen Blitze von sich. Der andere steht da, bleich, mit grünlichem Auge und dreckiger Fratze und denkt offensichtlich an sein Messer.

Lamuse aber, mit blutrotem Gesicht streckt seine friedliche Hand, dick wie ein Kinderkopf, zwischen beide Männer, die sich mit den Blicken auffressen und mit Worten zerfleischen.

– Langsam, langsam, Kinder; ihr werdet euch doch nicht in Fetzen hauen; 's wär, weiss Gott, schade drum.

Dann treten auch die anderen dazwischen und die beiden Gegner werden von einander getrennt. Beide aber werfen sich über die Kameraden hinweg wütende Blicke zu.

Pépin spuckt noch seine letzten Flüche aus mit giftigem und schnaubendem Tonfall:

– Der Apache, der Halunke, der Stromer! Nur abwarten, ich werd's ihm schon heimzahlen!

Seinerseits vertraut sich Tulacque dem Soldaten an, der neben ihm steht:

– Der Lumpenkerl! Hast du ihn gesehn? Weisst du, richtig ist das schon: man verkehrt hier mit allerlei Kerlen und weiss nicht, woher das Pack alles herkommt. Man kennt einander und kennt einander eben doch nicht. Aber wenn der die grosse Schnauze haben will, so ist er an die richtige Adresse geraten: ich werde sie ihm dieser Tage schon mal demolieren, nur Geduld.

Während dann die Unterhaltung allgemein wieder in Gang kommt und sie das aussterbende Doppelecho übertönt, sagt Paradis zu mir:

– Also alle Tage; gestern wollte Plaisance ums Verrecken dem Furnex auf die Schnauze geben, weiss der Teufel weshalb, wegen Opiumpillen oder so was. Und wenns der eine nicht ist, dann ist es der andere. Wird man hier wirklich zum Stück Vieh, weil man äusserlich danach aussieht?

– Gott, das sind doch alles keine seriösen Leute, meint Lamuse, Kinder sind sie alle.

– Na, ja, 's wären doch sonst keine Männer.

*

Der Tag ist unterdessen vorgeschritten. Ein wenig mehr Licht sickert durch den Dunst auf die Erde; aber der Himmel bleibt bewölkt und jetzt schmilzt er zu Wasser. Der feuchte Dunst fällt in dünnen Fäden auf das Land. Es sickert Feuchtigkeit. Der Wind streicht über uns seine grosse nasse Leere mit verzweifelnder Trägheit. Unterm Nebel und den feuchten Tropfen weicht alles auf und wird grau: sogar der Möbelstoff, den sich Lamuse über die Backen zieht, und die gelbe Schale in der Tulacque steckt; und das Dunstwasser löscht in uns die helle Freude, die die Mahlzeit angefacht hatte. Der Himmel hat sich auf die Erde gedrückt, und so lehnt sich das Feld der Trübsal an den Acker des Todes.

Und man steht da wie angewachsen und ohne Beschäftigung. Heute wird das Ende des Tages wieder kaum zu erreichen und der Nachmittag schwer zu erwürgen sein. Man schlottert; alles ist ungemütlich und man drückt sich von Stelle zu Stelle, wie eingepferchtes Vieh.

Cocon erklärt seinem Nachbarn die Anlage und die Verquickung unserer Schützengräben. Er hat einen Hauptplan gesehen und sich darnach manches ausgerechnet. Der Sektor des Regimentes begreift fünfzehn Linien französischer Schützengräben; die einen stehen leer; das Gras ist wieder drüber gewachsen und sie sind fast wieder mit Erde ausgefüllt; die anderen werden andauernd offen gehalten und sind gespickt mit Menschen. Diese Parallelgräben sind verbunden durch unzählige Verbindungsschläuche, die sich durch die Erde winden wie alte Gassen. Das Grabennetz ist bedeutend dichter, als wir glauben, wir, die wir selbst drin leben. Auf die fünfundzwanzig Kilometer Breite, die die Front der Armee ausmachen, kommen tausend Kilometer Gräben; Schützengräben, Verbindungsgräben, Sappen. Und das französische Heer hat zehn Armeen. Es sind demnach auf französischer Seite rund zehntausend Kilometer Gräben zu rechnen und ebensoviel auf deutscher Seite … Und die französische Front ist ungefähr nur der achte Teil der ganzen Kriegsfront, die sich über die Erde erstreckt.

So spricht Cocon und schliesst seine Rede mit der Bemerkung:

– Kannst Dir nun ausrechnen, was unsereins in der ganzen Geschichte vorstellt …

Der arme Barque senkt das Haupt. Er hat das bleichsüchtige Gesicht eines Vorstadtkindes, und seine roten Schnauzhaare lassen es noch blasser erscheinen. An seinem Schädel aber sitzt ein Haarbüschel wie ein geschwungener Apostroph.

Bei Gott, wenn man's überlegt, dass ein oder sogar mehrere Soldaten in diesem Haufen rein nichts, weniger als nichts bedeuten, dann kommt man sich wie verloren und verwischt vor, wie ein paar Tropfen Bluts in diesem sündfluthaften Durcheinander von Menschen und Dingen.

Barque seufzt und verstummt – und dann hört man eine Geschichte, die einer in dieser Lautlosigkeit halbleise erzählt:

– Er war mit zwei Pferden gekommen. Pssiiii … eine Granate. Dann blieb ihm nur noch das eine Pferd …

– Man vergeht vor Langeweile, sagt Volpatte.

– Man muss durchhalten, murrt Barque.

– Wofür? fragt Marthereau, skeptisch.

– Es braucht keinen Grund, man muss einfach.

– Es hat auch keinen Grund, versichert Lamuse.

– Freilich hat's einen, sagt Cocon. Und zwar … es hat sogar mehrere …

– Klappe zu! Es ist besser, es hat keinen, da man nun doch mal aushalten muss.

– Und wenn ich's euch sage, knurrt Blaire, der keine Gelegenheit verpasst, seinen Vers aufzusagen: und wenn ich's euch sage, dass sie unsre Haut wollen!

– Anfangs, sagt Tirette, hab ich über allerlei nachgedacht, ich studierte, ich berechnete: jetzt denk ich überhaupt nicht mehr.

– Ich auch nicht.

– Ich auch nicht.

– Ich, ich hab's überhaupt nie versucht.

– Du bist doch nicht so dumm, wie du aussiehst, du Wanzenfratze, meint Mésnil André mit seiner spöttischen Fistelstimme.

Der andere, der nicht weiss, ob er sich geschmeichelt fühlen soll, führt weiter aus:

– Erstens, wissen kannst du überhaupt nichts.

– Es genügt dies eine zu wissen, nämlich dass die Deutschen im Land sind, eingewurzelt, und dass ihnen die Passage versperrt bleiben muss und dass man sie das eine oder das andere Mal – und zwar so schnell als möglich vor die Türe setzen muss, sagt Korporal Bertrand.

– Freilich, freilich, was denn sonst? 'S hat gar keinen Wert, sich weiter den Gehirnschmalz anzustrengen. Nur dauert die Geschichte ein wenig lang.

– Ha! ruft Fouillade aus, schon ein bischen lang!

– Ich, sagt Barque, ich fluche nicht mehr. Anfangs hab ich über alles geflucht, über die hinter der Front, über die Zivilisten, über die Bürger, über die Drückeberger. Geschimpft hab ich, das stimmt, aber es war am Anfang, da war ich noch jung. Jetzt seh' ich die Geschichte von der besseren Seite an.

– Es gibt nur eine Seite, die Dinge zu nehmen: man nimmt's, wie's gerade kommt.

– Verdammt! Es wäre sonst zum verrückt werden. Man wird schon so blöd genug, meinst du nicht, Firmin?

Volpatte nickt zustimmend mit dem. Kopf, völlig überzeugt, spuckt und betrachtet seine Spucke starren und nachdenklichen Blickes

– Weiss der Teufel, bestätigt Barque.

– Nur nicht lange nachgrübeln hier; in den Tag hineinleben, von Stunde zu Stunde, wenn du's fertig bringst.

– Freilich, freilich, du Affe; machen, was man einem sagt, bis man uns sagt, dass wir gehn können.

– So ist es, gähnt Mesnil Joseph.

Die verbrannten, lohfarbnen und staubdurchsetzten Gesichter stimmen zu und verstummen. Das ist allerdings die Meinung jener Männer, die vor anderthalb Jahren, aus allen Ecken und Enden ihr Heim verlassen haben, um sich an der Grenze anzuhäufen: sie verzichten drauf, irgend etwas zu verstehn, sie verzichten auf sich selbst und hoffen, dem Tod zu entgehn und wehren sich um ein möglichst erträgliches Dasein.

– Machen was man einem sagt, schon recht, aber wehren muss man sich doch gegen den Scheissdreck, meint Barque, der mit dem Fuss den Kot zerreibt.

*

– Das musst du freilich, bestätigt Tulacque. Wehrst du dich nicht selber, so tut's keiner für dich, hab nur keine Bange.

– Den haben sie noch nicht erfunden, der sich um die andern kümmert.

– Jeder für sich, heisst es im Krieg!

– Freilich, freilich.

Dann wieder ein Schweigen. Dann malen sich jene Männer in ihrer Armseligkeit die glücklichen Zeiten aus.

– Es war doch was anderes, das schöne Leben damals in Soisson, meint Barque.

– Gottverdammich!

Und wie der Schimmer eines verlorenen Paradieses leuchtet es in ihren Augen auf und scheint auf den von der Kälte geröteten Gesichtern zu liegen.

– Jawohl, das Schlemmerleben, seufzt Tirloir, der sich kratzte und plötzlich in Gedanken versunken damit aufhört; dann schaut er ins Weite durch die Erde des Grabens hindurch.

– Herrgott! diese fast ausgestorbene Stadt, die, hol's der Teufel, unser war; die Häuser mit den Betten …

– Und die Schränke!

– Und die Keller!

Dem Lamuse kommen bei diesen Gedanken die Tränen in die Augen, sein Gesicht strahlt wie ein Blumenstrauss und es wird ihm schwer ums Herz.

– Seid ihr lange dort geblieben? fragt Cadilhac, der seither mit dem Zuschub der Auvergnaten hinzugekommen ist.

– Mehrere Monate …

Nun flammt in der Erinnerung an jene Zeit des Ueberflusses das Gespräch wieder auf.

– Man sah, erzählt Paradis wie im Traum, Soldaten sich hinter die Häuser drücken nach dem Quartier, zurückkommen mit Hühnern auf dem Bauch und unter jeder Flosse ein Kaninchen, das sie sich von einem Bürger oder einem Frauenzimmer gepumpt hatten, ohne den Bürger oder das Frauenzimmer jemals gesehn zu haben, oder wiederzusehn.

Und sie denken an den vergangenen Genuss, den ihnen früher ein Huhn oder ein Kaninchen bereitet hatte.

– Es gab auch Zeug, wofür man blechte. Die Moneten liess man nämlich auch tanzen, denn man war damals noch bei Kasse.

– Zu Hunderttausenden sind die Franken in die Läden gehüpft.

– Jawohl, millionenweise. Den ganzen Tag, sag ich dir, das ging nur so, machst dir gar keinen Begriff; wie 'n überirdisches Fest war das.

– Glaub's oder glaub's nicht, sagt Blaire zu Cadilhac, aber was bei der ganzen Schlemmerei, wie überall, wo du hinkommst, am meisten fehlte, das war das Feuer. Nachlaufen musste man ihm, nachschnüffeln, kurz, man hat sich's verdienen müssen. Herrgott, was man bloss dem Feuer nachgelaufen ist! …

– Wir, wir waren im Quartier der Verwaltungstruppen; Küchenchef war der lange Martin César. Der hatte eine Nase, sag ich dir, für's Holz ausfindig machen.

– Teufel, ja! Das war ein feines Luder. Da kann man nicht dran tippen, der hatte das Zeug los!

– Immer hatte der Feuer in der Küche, wenn ich dir sage. Ueberall liefen Küchenchefs rum in der ganzen Stadt und plärrten, weil sie weder Holz noch Kohle fanden; er – immer hatte er welches. Und wenn nichts mehr da war, da sagte er einfach: »Nur Geduld, ich werde die Sache schon deichseln.« Und lange hat er nie gesucht.

– Manchmal allerdings war's schon toll. Das erste Mal, wo ich ihn gesehn habe in der Küche, weisst du womit er den Braten gekocht hat? Mit einer Geige, die er im Haus aufgestöbert hatte.

– Gemein ist das schon, meint Mésnil André. Gewiss, eine Geige, was die Nützlichkeit betrifft, ist ja schon wenig bedeutend, aber ich meine doch …

– Anderemale hat er Billardstöcke gebrannt. Zizi hat sich gerade noch einen mausen können, um einen Stock draus zu machen. Das übrige flog ins Feuer. Dann kamen so allmählich die Sessel dran aus der guten Stube, die waren aus Mahagoni. Sie haben sie nachts abgemurkst und zerhackt, weil ein Offizier hätte schnauzen können.

– Starkes Stück ist das schon, sagt Pépin … Wir haben an einem alten Möbel zwei Wochen zu feuern gehabt.

– Warum kriegt man auch rein nichts? Da soll man Suppe kochen, aber Holz kriegst du keines und Kohlen kriegst du keine. Und nach der Verteilung stehst du da mit deinen leeren Flossen vor dem Fleischhaufen, und die andern stehen rum und feixen dich aus, bis sie dich schliesslich anschnauzen. Und dann? …

– Da können wir nichts dafür.

– Schnauzten die Offiziere nicht, wenn man Radau machte?

– Die, die hielten sich den Bauch vor lachen, und wie! Weisst du noch, Desmaisons, der Leutnant Viroin, wie der mit dem Beil die Kellertüre einhaute? Und wie der Soldat ihn gesehn hat, wie ihm da der Leutnant die Tür zum kleinhauen gegeben hat, dass er nichts weiter erzählen sollte.

– Und der arme Saladin, der Verwaltungsoffizier: sie haben ihn abends aus einem Kellerloch kriechen sehn mit zwei Pullen Weissem unter jedem Arm, wie so 'ne Amme mit vier Säuglingen. Aber wie sie ihn gesehn haben, da musste er wieder runter in die Pullenmine und den andern welche verteilen. Und wie Korporal Bertrand, der sich Prinzipien leistet, keinen davon hat trinken wollen. Ah! das weisst du noch, du Schweinswürstchen, du!

– Und wo ist jetzt der Koch, der immer Holz zum feuern hatte? fragte Cadilhac.

– Tot ist er. Eine Granate ist ihm in den Kochtopf geflogen. Gemacht hat's ihm nichts, aber gestorben ist er doch; vor Schreck nämlich, wie er gesehn hat, dass die Makkaroni die Beine in die Luft streckten. Herzkrampf hat der Arzt gesagt. Er hatte nämlich ein schwaches Herz; nur das Holz ausfindig machen, das war seine Stärke. Man hat ihn auch anständig begraben. Mit den Parkettbrettchen aus einem Zimmer hat man ihm den Sarg gezimmert. Die Nägel haben sie genommen aus den Gemälden, die im Haus hingen, und haben sie mit Backsteinen eingeschlagen. Und wie sie ihn fortgetragen haben, da hab ich mir gesagt: »Sein Glück, dass er tot ist, wenn er das wüsste mit den Parkettbrettchen, dass er nicht an die gedacht hatte für's feuern, darüber hätte er sich nicht mehr trösten können.« Eine Nummer war's doch, der verdammte Kerl!

– Schon, aber wenn einer an sich denkt, dann ist es immer auf Kosten von andern. Wenn einer von der Mannschaft das beste Stück oder den besten Platz wegnimmt, dann müssen eben die andern dran glauben, philosophiert Volpatte.

– Ich, meint Lamuse, ich hab mich oft gedrückt vor dem Schützengraben, ich kann's schon gar nicht mehr an den Fingern abzählen wie vielmal; das muss ich schon zugestehn. Aber wenn die Kameraden in Gefahr sind, dann drück ich mich nicht mehr. Dann vergess ich die Uniform, dann vergess ich alles. Ich sehe nur Leute vor mir und drauf los. Aber sonst, weisst du, da denk ich an meine Wenigkeit …

Was Lamuse behauptet, sind keine leeren Worte. Er ist allerdings ein Virtuos im Sichdrücken; daneben aber hat er Verwundeten das Leben gerettet, die er unter dem Kugelregen hervorholte.

Er erzählt das ohne jede Prahlerei:

– Wir lagen auf dem Bauch im Gras. Es knallte. Pam! pam! Zim, zim … da sah ich sie umfliegen und bin aufgestanden, obwohl mich die andern anbrüllten: »leg dich hin!« Aber ich konnte sie einfach nicht liegen lassen. Ich hab kein weiteres Verdienst dabei, ich konnte eben nicht anders handeln.

Fast alle von der Korporalschaft haben eine Heldentat zu verzeichnen, und nach und nach haben sich Kriegskreuz an Kriegskreuz auf ihrer Brust angereiht.

– Ich, sagt Biquet, hab keine Franzosen gerettet, aber Deutsche hab ich eingeheimst.

Letzten Mai bei der Attacke hat man ihn vorstürmen und dann wie ein Pünktchen verschwinden sehn; darauf kam er mit vier bemützten Kerlen zurück.

– Ich hab welche getötet, sagt Tulacque.

Vor zwei Monaten hat er mit einer stolzen Koketterie neun vor den eroberten Schützengraben nebeneinander hingelegt.

– Aber, fügt er hinzu, auf die deutschen Offiziere hab ich's besonders abgesehn.

– Ha, die Ochsen!

Der Ausruf liess sich von verschiedenen Seiten zugleich vernehmen und tönte aus tiefster Ueberzeugung.

– Ach »Alter«, sagt Tirloir, man spricht von der schmutzigen Boche-Rasse. Die Mannschaft, weiss nicht, ob's wahr ist oder ob man uns auch in dem Kapitel einen Bären aufbindet; vielleicht sind es doch Leute ungefähr wie wir.

– Wahrscheinlich sind sie auch nicht anders wie wir, macht Eudore.

– Müsste man noch wissen! … platzt Cocon heraus.

– Jedenfalls, was die Mannschaften angeht, ist man noch nicht orientiert, fährt Tirloir fort, aber die deutschen Offiziere, nein, nein und abermals nein! Das sind keine Menschen, das sind Ungeheuer. Weiss Gott, es ist schon ein Spezial-Ungeziefer; Kriegsbazillen nenne sie meinetwegen. Von nahem muss man die Kerle gesehen haben, lang, mager, dünn wie Nägel, und doch mit dicken Kälberfratzen.

– Haufenweise haben sie Schlangenmäuler.

Dann fährt Tirloir wieder weiter:

– Ich hab mal einen gefangen gesehn nach dem Gefecht. Das gemeine Biest! Ein preussischer Oberst mit einer Prinzenkrone, wie ich hörte, und einem goldnen Wappen auf dem Lederzeug. Hat der Kerl nicht reklamiert, als man ihn durch den Schlauch führte, weil sich einer erlaubte, ihn zu streifen! Und auf alles hat er runtergeguckt von der Höhe seines Kragens herab. »Warte du, Alter, ich will dir!« hab ich gedacht. Ich nicht faul, hinter ihm her und jag dem Kerl mit ganzer Kraft einen Tritt in den Arsch. Jawohl, umgefallen ist er, halb erstickt.

– Erstickt?

– Jawohl, vor Wut, als ihm die Situation klar wurde, nämlich dass ihm sein adeliges Offiziersgesäss von einem gewöhnlichen benagelten Kommisabsatz demoliert war. Dann ist er ab, und hat geschrien wie ein altes Weib und rumgefuchtelt hat er wie ein Epileptischer …

– Ich, meint Blaire, bin kein schlechter Kerl. Hab Kinder zu Hause, und daheim, wenn ich ein Schwein, das ich kenne, abschlachten muss, geht's mir durch die Gedärme, aber so ein Kaliber, dem würd ich mit Wonne so eins – dzing – in die Brustkommode jagen.

– Ich auch!

– Abgesehn davon, sagt Pépin, dass sie Silberdeckel auf dem Schädel tragen und Revolver, die du zu jeder Zeit für hundert Franken verkaufen kannst, und Prismengucker haben, die unbezahlbar sind. Was hat ich doch am Anfang für Gelegenheiten verpasst; gekonnt hätt' ich; es geschieht mir recht, aber nur keine Bange: was den Silberhelm betrifft, sag ich dir, hör nur zu, einen krieg ich schon noch. An der Haut allein ist mir nicht gelegen, die Kleider eines kaiserlichen Offiziers muss ich haben. Hab nur keine Sorge, bevor der Krieg fertig ist, werd ich das schon noch deichseln.

– Glaubst du dran, dass der Krieg mal aus sein wird? fragt einer.

– Nur keine Sorge, antwortet der andre.

*

Unterdessen hört man rechts von uns ein lautes Durcheinander und sieht plötzlich einen lauten Menschentrupp, der sich vorwärts bewegt und dabei schwarze Gestalten sich unter die Uniformen mischen.

Was ist das Teufels?

Biquet hat sich zur Orientierung hinausgewagt. Als er zurückkam, deutete er mit dem Daumen über die Schulter nach der bunten Gesellschaft:

– Hola! Kameraden, guckt euch mal das an, die Leute.

– Leute?

– Ja, Herren, Zivilisten mit Generalstabsoffizieren.

– Zivilisten! Wenn sie nur durchhalten!

Es ist zwar bereits eine traditionelle Phrase, und obgleich man sie schon hundertmal gehört hat, reizt sie doch wieder zum Lachen; und obwohl der Soldat ihr mit Recht oder Unrecht einen andern Sinn unterschiebt und sie als einen ironischen Hieb auf sein entsagungsreiches und gefährdetes Leben auffasst, so lacht er doch darüber.

Man sieht zwei jener Herren hervortreten; sie tragen Ueberzieher und Stock, ein anderer steckt im Jagdkostüm mit einem Samthut und einem Feldstecher.

Zartblaue Waffenröcke mit gelbem oder schwarzem Glanzleder folgen als Begleitung hinterdrein.

Ein Hauptmann mit einer seidnen, mit goldnen Pfeilen bestickten Armbinde, macht auf die Schiessbank vor einer alten Scharte aufmerksam und lädt die Besucher ein, hinauf zu steigen und sich die Gegend zu betrachten. Der Herr mit dem Reiseanzug stemmt sich hinauf und stützt sich dabei auf seinen Regenschirm.

Da meint Barque:

– Hast du den Bahnhofsvorstand in der Sonntagsuniform gesehn, der dem reichen Jägersmann eine erste Klasse auf dem Nordbahnhof anweist, am Tag der Jagderöffnung: »Bitte, Herr Gutsbesitzer.« Ueberhaupt, wenn die grossen Tiere nagelneu ausstaffiert sind mit Leder und Blechzeug und wichtig tun mit ihrem Kaninchen-Schiesszeug!

Drei oder vier Soldaten, die ihr Lederzeug abgelegt hatten, sind unter die Erde gekrochen. Die andern rühren sich nicht, wie vom Schlag getroffen, dass die Pfeifen sogar ausgehn und man nur das Wortgesumse der Offiziere und ihrer Gäste hört.

– Das sind die Schützengraben-Touristen, meint Barque halblaut. Dann mit etwas lauterer Stimme: »Bitte, meine Herrn und Damen!«

– Halt's Maul! flüsterte ihm Farfadet ins Ohr, denn er befürchtete, Barque würde mit seiner »frechen Schnauze« die Aufmerksamkeit jener einflussreichen Leute auf sich ziehn.

Einige Gesichter werden auf uns aufmerksam; ein Herr mit weichem Filzhut und wehender Kravatte tritt heran. Er trägt einen kleinen, weissen Spitzbart und sieht wie ein Künstler aus. Hinter ihm her kommt ein zweiter mit schwarzem Ueberzieher, schwarzem, steifem Hut, schwarzem Bart, weisser Halsbinde und einem Zwicker.

– Aha! macht der erste, da sind »Poilus« … waschechte »Poilus«, tatsächlich.

Dann tritt er auf uns zu, schüchtern wie ein Tiergarten-Besucher, und reicht dem ersten etwas linkisch die Hand, wie man einem Elefanten ein Stück Brot hinreicht.

– So, so, sie trinken den Kaffee, konstatiert er kurz.

– Man sagt »Schlamm«, berichtigt der schwarze Herr.

– Schmeckt's, was?

Der Soldat, an den sich die Frage richtet, und der selbst durch die fremden und exotischen Erscheinungen etwas eingeschüchtert ist, brummt etwas hin, lacht und errötet; dann sagt der Herr: »He! He! worauf er mit dem Kopfe ein wenig nickt und sich rücklings zurückzieht.

– Brav, brav, meine Freunde. Ihr seid tapfere Leute!

Darauf setzt sich der Menschenknäuel, der aus neutralem Zivilgrau und bunten Militärfarben besteht, wie mit Geranium und Hortensienblumen auf einem schwarzen Grund, wieder in Bewegung, drückt sich vorbei und verschwindet wieder auf der Seite, von der er gekommen war. Noch hörte man einen Offizier zu ihnen sagen: »Bitte die Herren Journalisten, wir haben noch vieles zu sehn.«

Als aber die vornehme Gesellschaft verschwunden war, schauten wir uns an. Diejenigen, die in den Schlupfwinkeln verduftet waren, kriechen einer nach dem andern wieder hervor. Die Leute finden sich wieder und zucken mit den Achseln.

– Das sind Journalisten, meint Tirette.

– Journalisten?

Na ja, die Bonzen, die die Zeitungen machen; kapierst du immer noch nicht, du Dickschädel! Oder meinst du, die Zeitungen, das geht so ganz von selbst?

Also das wären jetzt die, welche uns den Schädel mit ihrem Zeug vollpfropfen? sagt Marthereau.

Barque aber holt seine Fistelstimme vor, hebt die Hände hoch als halte er ein Stück Papier vor die Nase und rezitiert:

– »Der Kronprinz ist verrückt geworden, nachdem er gleich zu Kriegsbeginn getötet worden war und hat unterdessen alle erdenklichen Krankheiten. Wilhelm stirbt heute oder morgen. Die Deutschen haben keine Munition mehr und futtern Holz: nach den massgebendsten Ansichten können sie nur noch bis Ende der Woche stand halten. Man wird sie kriegen, sowie man nur will, Gewehr bei Fuss. Wenn man die Sache bis jetzt noch verschiebt, so geschieht das nur, weil wir uns von unserm lieben Schützengraben nicht trennen können; es ist nämlich so gemütlich darin, mit Wasser, Gas und Brausebad auf jeder Etage. Das einzig störende ist im Winter die allzugrosse Hitze … Was die Oesterreicher betrifft, so halten die schon lange nicht mehr stand … sie stellen sich nur so, als ob …« Fünfzehn Monate schon geht das in dem Ton weiter und meint der Direktor zu seinen Schreibern: »So Jungens, jetzt heisst's die Geschichte breit treten, dass die verfluchten vier weissen Blätter, die man zu verdrecken hat, voll werden.«

– Tja ja! macht Fouillade.

– Na was denn sonst, Korporal, du lachst; hab ich Recht oder nicht?

– Etwas Wahres ist schon dran, aber ihr macht die kleinen Kerle doch ein wenig zu schlecht; wenn ihr um eure Zeitung kämt, wärt ihr die allerersten, die 's Maul verziehn würden … Jawohl, wenn der Zeitungsverkäufer kommt, was schreit ihr dann einer wie der andre: »Mir! Mir!

– Und überhaupt kann dir das alles doch Wurst sein! ruft der alte Blaire. Schreit sich der Kerl die Kehle heiser über die Zeitungen; mach's wie ich und denk einfach nicht dran.

Ja, schon gut, Maul halten! Buch zu, Eselsrüssel!

Die Unterhaltung lässt nach, die Aufmerksamkeit verfliegt. Vier Leute machen sich zu einem Kartenspiel zusammen, das bis zum Abend dauern wird und man die Karten nicht mehr unterscheiden kann. Volpatte hascht einem Zigarettenblättchen nach, das ihm aus den Fingern geflogen ist und an der Grabenwand wie ein fliegender Schmetterling hin- und herflattert.

Cocon und Tirette kramen Kasernen-Erinnerungen aus. Die Dienstjahre leben in unverwischbarer Erinnerung in den Geistern fort; man war so sehr daran gewöhnt seit zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren in dieser reichen, stets offenen und freigebigen Fundgrube Unterhaltungsstoff zu schöpfen, dass man nach anderthalb Jahren allseitiger Kriegserfahrung immer noch darauf zurückgreift.

Ich lausche mit einem Ohr der Unterhaltung und errate das übrige, übrigens sind es stets dieselben Anekdoten, die der Exmilizer aus seiner militärischen Vergangenheit hervorholt: das eine Mal hat einer einem lästigen Vorgesetzten durch eine freche aber witzige Antwort das Maul gestopft. Er, er hat's gewagt, er hat es ihm laut und deutlich gesagt! … ich vernehme einzelne Bruchstücke der Unterhaltung:

– … und als Nenoeil mich verklatscht hatte, jawohl, nicht einen Augenblick hab ich mit der Wimper gezuckt. Die andern hatten alle 's Maul verpappt; aber ich hab ihm's raus gesagt: »Herr Adjutant, hab ich gesagt, schon möglich, aber …« (der Rest des Satzes ist mir entfallen) … Jawohl, dem hab ich die Meinung gesagt. Er war mäuschenstill. »Schon gut, schon gut,« hat er gebrummt und hat sich gedrückt. Platt war er, sag ich dir.

– Grad wie ich, damals mit dem Adjutant vom 13., als ich auf Urlaub war. Der Hund. Jetzt ist er Aufseher im Pantheon. Er konnte mich nicht riechen. Und dann …

So holt ein jeder seine berühmten Aussprüche aus der Sammlung seiner Erinnerungen hervor.

Und sie sind einer wie der andere: aber keiner ist unter ihnen, der nicht behauptete: ich bin nicht einer wie die andern.

*

– Der Wagenmeister!

Ein grosser, breiter Kerl mit dicken Waden, gut gekleidet und geschniegelt wie ein Polizeisoldat.

Er ist schlechter Laune. Neue Befehle sind ausgegeben worden und so muss er alle Tage zum Kommandoposten des Obersten die Briefsachen bringen. Er flucht auf diese Verordnung, als sei sie ausschliesslich gegen ihn gerichtet.

Aber nichtsdestoweniger spricht er gewohnheitsgemäss mit dem einen oder dem andern im Vorübergehen und ruft die Korporale zur Verteilung der Briefe. Trotz seiner schlechten Laune packt er alle Neuigkeiten aus, mit denen er frisch beladen hergekommen war; und während er die Schnur löst, die die Briefe zusammenhält, verteilt er den Vorrat seiner mündlichen Neuigkeiten.

Zunächst verrät er, im Rapport stehe das ausführliche Verbot, Kapuzen zu tragen.

– Hörst du? sagt Tirette zu Tirloir. Kannst darauf hin deine schöne Kapuze wegschmeissen.

– Fällt mir im Traum nicht ein, geht mich nichts an, antwortet der Kapuzenmann, dessen Ehre und Behaglichkeit zugleich auf dem Spiele stehn.

– Befehl des Armee-Kommandanten.

– Dann soll der General zuerst das Regnen verbieten; der Rest geht mich 'n Dreck an.

Die meisten Befehle, selbst die minder aussergewöhnlichen, werden nie anders aufgenommen … bis man sich ihnen fügt.

– Der Rapport befiehlt auch, sagt der Briefmensch, dass die Bärte abzuschneiden seien, und die Haare mit der Maschine, glatt ab!

– Nur langsam, Alter! meint Barque, dessen Haarbüschel sich durch die Verordnung direkt bedroht fühlt, erzähl das deiner Grossmutter!

– Maul halten! Uebrigens mach's oder mach's nicht, geht mich 'n Dreck an.

Ausser diesen positiven, schwarz auf weiss festgenagelten Nachrichten, gibt es noch wichtigere, aber dafür auch weniger bestimmte und fantastischere Neuigkeiten: es heisst, die Division werde abgelöst und käme, entweder auf Urlaub – aber auf richtigen Urlaub, für sechs Wochen – oder nach Marokko, oder vielleicht nach Aegypten.

– Eh! … Oh! … Ah! …

Alles hört zu und lässt sich durch den Reiz der Neuigkeit und des Abenteuerlichen locken.

Einer jedoch fragt den Wagenmeister:

– Wer hat dir das gesagt?

Der Wagenmeister verrät seine Quelle:

– Der Adjutant und Kommandant der Landwehrabteilung, der im General-Quartier des Armee-Korps den Verwaltungsdienst versorgt.

– Wo?

– Im General-Quartier des Armee-Korps … Und er sagt es übrigens nicht allein. Der andere da, weisst du, der Kerl, von dem ich den Namen vergessen habe: der, der dem Galle so ähnlich sah und doch nicht der Galle ist. Ich weiss nicht mehr, wen er in der Familie hat, der irgend was Teufels ist. Aber der konnte es von dem ganz genau wissen.

– Und dann?

Und sie stehn im Kreis, mit gierigen Blicken, um den Geschichten-Erzähler.

– Nach Aegypten, sagst du? … kenn ich nicht. Weiss nur, dass es dort Pharaonen gab, als ich noch klein war und in die Schule ging. Aber seither! …

– Nach Aegypten …

Der Gedanke bohrt sich allmählich in die Köpfe ein.

– Nein, sagt Blaire, ich hab die Seekrankheit Aber schliesslich die Seekrankheit, das dauert nicht lange … Schon, aber was würde meine Alte dazu sagen?

– Was soll sie auch? Sie wird sich schon damit zurechtfinden!

Aber Neger werden wir sehn; und grosse Vögel laufen dort auf den Strassen herum, wie bei uns die Spatzen.

– Hiess es denn nicht, wir kämen nach dem Elsass?

– Doch, sagt der Wagenmeister. Im Tresor glauben es einige.

– Mir wär's schon recht …

… Aber der gesunde Menschenverstand und die Erfahrung haben bald wieder die Oberhand gewonnen und verjagen die Träume. Wie oft hat man nicht bestimmt behauptet, dass man weit weg käme; so oft hat man es geglaubt und jedesmal wurde man enttäuscht! Dann ist es einem, als erwache man plötzlich wieder.

– Das ist alles Schwindel! Wie oft hat man uns angeschmiert. Warte erst ab, bevor du's glaubst, und zerbrich dir den Schädel nicht darüber.

Sie kriechen in ihre Ecken zurück, der eine da durch, der andere dort durch und ihre Hände halten das schwere oder leichtere Paket der Briefe.

– So! sagt Tirloir, ich muss schreiben, ich muss alle acht Tage geschrieben haben, da kannst du nichts dagegen machen.

– Ich auch, sagt Eudore, muss meiner kleinen Frau schreiben.

– Wie geht's der Mariette.

– Gut. Hab nur keine Bange wegen Mariette.

Einige haben sich schon zum schreiben fertig gemacht. Barque benützt sein Notizbuch als Unterlage. Er schreibt stehend auf einer Unebenheit der Grabenwand und scheint dabei das Opfer einer Inspiration; er schreibt und schreibt, den Kopf schief auf der Seite, angespannten Blickes und mit vollster Aufmerksamkeit wie ein Reiter in gestrecktem Galopp.

Dem Lamuse hingegen fehlt die Phantasie; er hat sich hingesetzt, das Brieftäschchen auf den Gipfel seines ausgepolsterten Knies gelegt und den Tintenstift angefeuchtet; nun liest er die letzterhaltenen Briefe wieder durch und weiss nichts anderes zu schreiben, als das, was er schon einmal geschrieben hat und doch versteift er sich darauf, etwas neues zu finden.

Eine süsse Gefühlsstimmung liegt über dem kleinen Eudore; er sitzt zusammengekauert in einer Art Erdnische und sammelt seine Gedanken, den Bleistift in der Hand, die Augen auf dem Papier; er blickt verträumt und schaut süsse Bilder und man errät jenen andern Himmel, der ihn erstrahlen lässt und wohin sein Blick schweift, weithin bis in seine Heimat …

Während des Briefschreibens ist man am ehesten wieder, was man früher war. Mehrere unter den Soldaten geben sich der Erinnerung an jene Vergangenheit hin und erzählen einander zunächst vom Essen.

Andere lassen in unbeholfener und unklarer Form einen vergangenen Traum wach werden, wo das einst Gewesene wie helle Lichtstrahlen aufleuchtet: der frühe Sommertag, wenn das frische Grün des Gartens in die weisse Bauernstube leuchtet, oder der Wind, der über die Ebenen weht und die Kornfelder wiegt in behäbigen und festen Rhythmen, und daneben das Haferfeld, das mit zappeliger und weiblicher Beweglichkeit im Winde erzittert; oder die Winterabende, wenn die lieblichen Frauen um den Tisch sitzen, im sanften Schein der Lampe.

Papa Blaire hat einen begonnenen Fingerring vorgenommen, hat das unfertige Aluminium-Ringlein über einen Holzzapfen gezogen und bearbeitet es mit einer Feile. Mit ganzer Seele ist er bei der Arbeit und strengt seine volle Geisteskraft an, wobei zwei tiefe Runzeln sich in seine Stirn graben. Zeitweise hält er inne, hebt den Kopf hoch und betrachtet den kleinen Gegenstand mit Liebe, wie wenn auch sie dabei wäre und es besähe.

– Verstehst du, sagte er mir eines Tages wegen eines andern Ringes, gut oder nicht gut, darauf kommts nicht an; Hauptsache ist, dass ich's für meine Frau gemacht habe, verstehst du? Wenn ich so nichts zu tun hatte und mir die Faulheit in den Knochen lag, betrachtete ich dieses Bild (dabei zeigte er die Photographie einer dicken, pausbäckigen Frau) und dann ging's mit diesem verfluchten Ring wie geschmiert. Wir haben ihn miteinander gemacht, kann man sagen, verstehst du? Beweis dafür ist, dass er mir Gesellschaft leistete und dass ich von ihm Abschied genommen habe, als ich ihn meiner Alten schickte.

Jetzt macht er einen andern mit Kupfereinlage und arbeitet fleissig dran. Sein ganzes Gefühl möchte er so gut als möglich hineinlegen und übt sich darin wie in einer Art Kaligraphie.

In den nackten Erdlöchern, in denen diese Menschen ehrfurchtsvoll über leichte, elementare Schmucksächelchen gebückt sitzen, über jene Gegenstände, die so winzig sind, dass die harte, schwere Hand sie mühevoll hält und gleiten lässt, bei dieser Arbeit erinnern sie noch mehr an Wilde und scheinen primitiver und menschlicher noch als sonst.

Man denkt dabei an den ersten Erfinder, den Vater aller Künstler, der es versuchte, dauerhaften Gegenständen die Form des Gesehenen zu verleihen und sein eigenes Erleben hineinzulegen.

*

– Achtung, es kommen welche, kündet Biquet an, der immer in unserm Grabenabschnitt die Rolle eines Hauswärters vertritt, ein ganzer Zug.

Im gleichen Augenblick erscheint ein Adjutant mit geschnürtem Bauch und Kinn, und schwingt die Säbelscheide.

– Platz da! Teufel nochmal, Platz, wenn ich's sage! Liegt ihr auf der Bärenhaut? … Vorwärts, drückt euch, das letzte Mal, dass ich euch auf der Passage erwische, verstanden!

Die Leute folgen langsam. Einige drücken sich träge in die seitlichen Löcher.

Es ist eine Kompagnie Landwehrleute des Sektors, die die Erdarbeiten in der zweiten Linie zu besorgen und die hinteren Laufgräben instand zu halten haben. Sie marschieren mit ihren Geräten, in elender Kleidung und müden Schrittes an.

Man betrachtet sie, einen nach dem andern, jeden einzelnen, wie er herankommt, vorbeigeht und verschwindet. Kleine, alte und zusammengeschrumpfte Leute, mit aschgrauen Backen, oder dicke, asthmatische Kerle, eng eingeschnürt in ihre abgeschossnen, ausgefranzten fleckigen Mänteln, an denen die Knöpfe fehlen.

Tirette und Barque, die beiden Spassvögel, stehn mit dem Rücken an der Erdwand und betrachten sie zunächst ohne Bemerkungen. Dann lächeln sie.

– Strassenkehrer-Défilé, meint Tirette.

– 's gibt was zu feixen für drei Minuten, kündet Barque an.

Einige jener alten Arbeiter sehn in der Tat komisch aus. Da kommt zum Beispiel einer, dem die Schultern herabhängen wie bei einer Flasche; er hat eine ausserordentlich schmächtige Brust und dünne Beine und ist trotzdem wohlbeleibt.

Barque kann den Mund nicht mehr halten:

– He! sag mal, Dubidon!

– Dünner Ueberzieher, meint Tirette zu einem vorübergehenden Mantel, der mit Flicken in allen blauen Schattierungen besetzt ist.

Er ruft den Veteranen an:

– He! du Mustermappe … he, horch mal, du, ruft er nachdrücklich.

Der andre dreht sich um, macht den Mund auf und guckt ihn an.

– Sag mal, Alterchen, sei so freundlich, gib mir doch deine Schneider-Adresse in London, sei so gut.

Das alte und runzlige Gesicht lacht – und das Männlein, das auf den Anruf hin ein Weilchen stille stand, wird von dem nachfolgenden Zug angerempelt und wieder mitfortgerissen. »

Dann kommen ein paar weniger bemerkenswerte Statisten; dann aber erscheint wieder ein neues Opfer, das den Anspielungen als Zielscheibe dienen muss. Es trägt auf seinem rauhen, rötlichen Nacken eine Art schmutzige Schafswolle. Der Landwehrmann hat die Knie eingeknickt, den Oberkörper vorgebeugt und den Rücken gekrümmt und steht mit Mühe aufrecht.

– Guck da, schreit Tirette und zeigt mit dem Finger hin, der berühmte Harmonikamensch! Auf dem Jahrmarkt musste man Eintritt zahlen. Hier hat man's umsonst!

Und während der Angerufene Flüche ausstottert, lacht man hier und dort.

Mehr braucht es nicht, um beide Spottbrüder zu reizen. Der Wunsch, eine komische Bemerkung anzubringen, die ein wenig verwöhntes Publikum für lustig befindet, spornt die beiden an, sich lustig zu machen über die Lächerlichkeiten jener alten Waffenbrüder, die Tag und Nacht, am Rande des grossen Krieges, die Schlachtfelder mühsam vorbereiten und instand halten.

Auch die andern Zuschauer greifen jetzt ein; und diese Armseligen spotten jene aus, die noch armseliger sind als sie selbst.

– Schau dir den an! Und der erst!

– O verflucht, photographier mir doch einer den kleinen Floh-Arsch! He! du Erdhocker!

– Und der hört überhaupt nicht auf! Hast du Worte! Hui! der Wolkenkratzer!

Der, den's angeht, trippelt einher und hält seinen Spaten vor sich wie einen Kerzenstock, mit krampfhaft zusammengezogenem Gesicht und schiefem Körper, der im Hexenschuss erstarrt ist.

– He! Grossväterchen, willst du zwei Sous? fragt Barque, indem er dem Vorbeigehenden auf die Schulter klopft.

Der kahle Alte aber fühlt sich beleidigt und schimpft geärgert: »Scheisskerl!«

Dann wirft ihm Barque mit brüllender Stimme entgegen:

– Du, aber höflicher könntest du sein, altes Furzloch, du Scheissmühle!

Der Alte dreht sich völlig um und stottert in seiner Wut.

– Oho! schreit Barque und lacht, ich glaube, er röchelt, der Trümmerhaufen. Guckt, wie er rauflustig ist; wenn der Kerl sechzig Jahre jünger wär, wär er noch gefährlich.

– Und wenn er nicht besoffen wär, fügt billigerweise Pépin hinzu, der nach neuen Zielscheiben unter den neu Ankommenden sucht.

Dann sieht man die hohle Brust des letzten Nachzüglers, und bald verschwindet die Missgestalt seines Rückens. Und dem endenden Défilé jener verbrauchten, in den Gräben verdreckten Veteranen schauen die sarkastischen und beinahe böswilligen Blicke jener düstern Höhlenbewohner nach, die zur Besichtigung aus ihren Kotlöchern halb herausgetreten waren.

Unterdessen aber verstreichen die Stunden; der Abend taucht den Himmel schon in sein graues Licht, und in ihm werden die Dinge schwarz; er gesellt sich dem finstern Los und auch der dunkeln und unwissenden Seele jener Menge, die hier vergraben liegt.

Jetzt hört man im grauen Abend das trommelnde Geräusch nahender Schritte, und eine neue Abteilung bricht sich Bahn.

– Afrikaner!

Sie schreiten vorüber mit ihren gelben, hell- und dunkelbraunen Gesichtern; die einen haben spärliches, die andern dichtes und gewelltes Barthaar; ihre Mäntel sind grüngelb und man sieht auf ihren kotbespritzten Helmen einen Halbmond an Stelle unserer Granate. Ihre Augen leuchten wie Elfenbein- oder Onyx-Kugeln in ihren glänzenden, teils stumpfen, teils eckigen und spitzen Gesichtern. Von Zeit zu Zeit wiegt sich über dem Zug die schwarze Kohlenmaske eines Senegalesen, der die andern überragt. Hinter der Kompagnie flattert eine kleine, rote Fahne mit einer grünen Hand in der Mitte.

Man betrachtet die Leute schweigend und spricht sie nicht an; denn sie imponieren und flössen sogar eine gewisse Angst ein.

Und doch scheinen diese Afrikaner fröhlich und gut aufgelegt. Sie marschieren natürlich in die erste Linie. Dort gehören sie hin, und ihre Gegenwart ist das Zeichen eines nahe bevorstehenden Angriffes. Sie sind wie geschaffen für den Sturm.

– Sie und die Fünfundsiebziger-Kanone, das kann man sagen, denen haben wir schon was zu verdanken! Ueberall zuvorderst in den wichtigen Augenblicken stand sie, die Marokko-Division!

– Sie können sich nicht an uns anpassen. Es geht ihnen nie schnell genug. Unmöglich, die Kerle aufzuhalten …

Die einen haben ernste Gesichter unter diesen blonden, bronze- und ebenholzfarbnen Teufeln; ihr Blick ist beunruhigend, stumm wie die Falle, die man sieht. Die andern lachen; ihr Lachen aber tönt wie die bizarren Instrumente exotischer Musik und sie zeigen dabei die Zähne.

Man bespricht miteinander die Eigenarten jener Schwarzen: ihre Wut beim Ansturm, ihre wahnsinnige Vorliebe für's aufgabeln, ihre Art, kein Pardon zu geben. Man wiederholt die Geschichten, die sie selbst gerne erzählen, und alle ungefähr mit denselben Worten und denselben Gebärden: sie strecken die Arme hoch: »Kam'rad, Kam'rad!« »Nein, nix Kam'rad!« worauf sie das Spiel des Bajonetts nachmachen, das man in Bauchhöhe vorstösst und wieder herauszieht, indem man mit dem Fuss nachhilft.

Einer jener Schützen hört im vorübergehn, wovon die Rede ist. Er schaut uns an, lacht breit aus seinem behelmten Turban heraus und wiederholt mit dem Kopfe nickend: »Nix Kam'rad, nix Kam'rad! Kopf kaput!«

– Es ist doch eine ganz andere Rasse als wir, mit ihrer Zelttuchhaut, gesteht Biquet zu; und Biquet ist kein Hasenfuss. Die Ruhe können sie nicht leiden, sie leben nur für den Augenblick, in dem der Offizier seine Uhr in die Tasche steckt und sagt: »Vorwärts, los!«

– Es sind im Grunde genommen echte Soldaten.

– Wir, wir sind keine Soldaten, wir sind Menschen, sagt der dicke Lamuse.

Die Abendstunde hat das Land in Dunkelheit getaucht und doch wirft dieses wahre und leuchtende Wort einen lichten Schein auf jene Männer, die seit Monaten jeden Morgen hier auf den Abend warten.

Es sind Menschen; es sind ganz gewöhnliche Menschen, die man dem Leben plötzlich entrissen hat; wie beliebig aus der Masse herausgenommene Menschen sind sie unwissend, wenig begeistert, mit engem Horizont begabt und voll gesunden Menschenverstandes, der zwar zeitweise entgleist; sie lassen sich führen und geben sich her, das zu tun, was ihnen befohlen wird, ohne merklichen Widerstand, und sind fähig, lange zu leiden.

Es sind einfache Menschen, die man noch vereinfacht hat und bei denen notgedrungen die Urinstinkte in den Vordergrund treten: der Selbsterhaltungstrieb, der Egoismus, die hartnäckige Hoffnung immer wieder davonzukommen und dazu die Freude am Essen am Trinken und am Schlafen.

Mitunter aber bricht aus dem dunklen Schweigen ihrer grossen, menschlichen Seelen ein tiefer Schrei der Menschlichkeit.

Und dann, wenn im Abend alle Formen untergehen, hört man in der Ferne einen Befehl, der sich mählich nähert:

– Zweite Halbsektion! Antreten!

Und man tritt an in Reih und Glied; dann wird Appell gemacht.

– Vorwärts! sagt der Korporal.

Dann setzt man sich in Bewegung. Vor dem Gerätschuppen wartet und steht man herum. Jeder bekommt eine Schaufel oder eine Hacke. Ein Unteroffizier hält in der Dunkelheit den Leuten die Gerätstiele hin.

– Sie, eine Schaufel; vorwärts, ab! Sie, auch eine Schaufel, Sie, eine Hacke. So, vorwärts, Trab!

Dann geht's durch den Laufgraben, senkrecht zum Schützengraben, geradaus auf jene bewegliche, lebendige und schreckliche Grenze des Jetzt zu.

Und im grauen Einerlei des Himmels hört man in grossen absteigenden Kreisen den schnurrenden und mächtigen Atem eines Flugzeuges, das man nicht mehr sieht. Vor uns aber und rechts und links von uns, auf allen Seiten, speien Donnerschläge in den schwarzblauen Himmel kurze, breite Blitze.

*

III. Der Abstieg.

Das graue Morgenlicht erhellt mühevoll die noch dunkel verschwommene Landschaft. Zwischen dem Weg, der rechter Hand aus dem Dunkel der Nacht herabsteigt, und dem finstern Schatten des »bois des Alleux«, wo man, ohne ihn zu sehn, den Artillerietrain sich fertig machen und abfahren hört, liegt ein Feld. Wir, vom 6. Bataillon, sind hier bei Tagesgrauen angekommen. Wir haben die Gewehre zusammengestellt und nun stehen wir da in dieser schwachen Morgenbeleuchtung, die Füsse im Tau und im Kot, in schattenhaften Gruppen, die ein blauer Schimmer schwach umgibt, oder als einsame Gespenster, die Blicke nach dem Wege gerichtet, der dort herunterführt. Wir warten auf das übrige Regiment, auf das 5. Bataillon, das in erster Linie stand und die Schützengräben nach uns verlassen hat.

Man hört Lärm …

– Sie sind es!

Eine langgezogene, verschwommene Masse taucht im Osten auf und tritt aus der Nacht heraus auf den schwach beleuchteten Weg.

Endlich! Endlich hat sie aufgehört, diese verwünschte Ablösung; gestern Abend um sechs Uhr begonnen und die ganze Nacht gedauert; jetzt aber hat der letzte Mann den letzten Laufgraben verlassen.

Diesmal war der Aufenthalt im Schützengraben schrecklich gewesen. Die achtzehnte Kompagnie stand zuvorderst; sie ist fürchterlich mitgenommen worden: achtzehn Tote und gegen fünfzig Verwundete; ein Mann Verlust auf drei in vier Tagen; und dazu ohne Angriff, einzig durch die Beschiessung.

Man weiss davon und während das verstümmelte Bataillon heranrückt und wir im Ackerkot aneinander vorbeigehn und uns gegenseitig erkennen, sagen wir, einer zum andern hingebeugt:

– Weisst du, die achtzehnte Kompagnie …

Und während man es ausspricht, denkt man: »Wenn das so weiter geht, was wird noch aus uns allen? Und aus mir, was wird aus mir werden? …«

Die siebzehnte, die neunzehnte und die zwanzigste Kompagnie rücken nacheinander an und stellen die Gewehre zusammen.

– Da kommt die achtzehnte!

Sie ist die letzte, denn sie stand im ersten Schützengraben, und wurde deshalb als letzte abgelöst.

Der kahle Morgen ist etwas durchsichtiger geworden und legt sich auf die Dinge mit seinem fahlen Licht. Man erkennt auf dem Weg, einsam an der Spitze seiner Leute, den Hauptmann der Kompagnie Er geht mühsam und stützt sich auf einen Stock, wegen seiner Wunde, die er von der Marne her hat und die die Rheumatismen nicht ruhen lassen; dazu aber kommt noch ein anderer Schmerz. Seine Kapuze über den Kopf gezogen, geht er gesenkten Hauptes, als folge er einem Trauerzug; man merkt, dass er über etwas nachdenkt und dass er in der Tat einen Trauerzug begleitet.

Jetzt kommt die Kompagnie.

Sie tritt in grosser Unordnung auf den Weg. Unser Herz schnürt sich plötzlich zusammen. Die Kompagnie ist im Defilé des Bataillons sichtlich kürzer als die drei andern.

Ich trete auf die Strasse und gehe den herabkommenden Leuten entgegen. Die Uniformen der Ueberlebenden sind durchwegs von der gelben Erde verdreckt, so dass die Mannschaften Kaki zu tragen scheinen. Das Tuch ist steif vom ackergelben Kot, der darauf eingetrocknet ist; die Zipfel der Mäntel wackeln hin und her wie Bretter über der kartongelben Schicht, die die Knie wie eine Rinde bedeckt. Die Gesichter sind abgezehrt, wie mit Kohle beschmiert, die Augen weit offen und fiebernd. Staub und Schmutz durchfurchen das Antlitz mit unzähligen Striemen.

Die Soldaten, die aus dem Höllenkot zurückkommen, verführen einen betäubenden Lärm. Sie reden alle durcheinander, sehr laut und hantieren in der Luft, lachen und singen.

Und wenn man sie so sieht, glaubte man, eine Vergnügungsgesellschaft vor sich zu haben.

Jetzt kommt der zweite Zug mit seinem grossen Unterleutnant; er trägt eng um den Oberkörper geschnallt seinen Mantel, der steif geworden ist wie ein gerollter Regenschirm. Ich drücke mich durch die Leute bis zur Marschallschen Korporalschaft; sie hat am meisten gelitten: von elf Kameraden, die seit anderthalb Jahren nie voneinander gegangen waren, bleiben nur noch drei Mann und Korporal Marschal übrig.

Marschal erkennt mich. Er stösst einen Freudenschrei aus und lacht vergnügt; er nimmt die Hand vom Gewehrriemen und reicht mir beide Hände hin; an der einen hängt der Grabenstock.

– He! Alter Bruder, lebst du immer noch?

Ich wende den Kopf auf die Seite und sage mit leiser Stimme:

– Also schlecht abgelaufen, die Sache? …

Sein Blick wird finster und ernst.

– Ja, ja; es war allerdings schrecklich diesmal … Barbier ist gefallen.

– So? Man erzählte es … Barbier!

– Samstag, elf Uhr nachts. Die obere Rückenpartie war glatt wegrasiert von einer Granate, sagt Marschal. Dem Besse ist ein Granatsplitter durch Bauch und Magen gefahren. Barthélmy und Baulex sind am Kopf und am Hals getroffen. Die ganze Nacht ist man durch den Schützengraben hin und her gerannt, dem Kugelregen aus dem Weg. Und der kleine Godefroy, kennst ihn? Mitten durch; sein Blut ist geflossen wie aus einem Kübel, den man ausleert: merkwürdig viel Blut hatte der kleine Kerl; es gab einen Bach von mindestens fünfzig Meter im Schützengraben. Gougnard hat beide Beine ab, von Sprengstücken getroffen. Er war längst tot, als man ihn aufgehoben hat. Er war auf dem Horchposten. Ich war mit ihnen auf Wache; als die Granate platzte, war ich gerade in den Schützengraben gegangen nach der Zeit zu sehn. Mein Gewehr, das ich zurückgelassen hatte, war wie von einer Hand verbogen, der Lauf war der reinste Pfropfenzieher, und das gelbe Holzteil zu Sägemehl zerstäubt. Es roch nach frischem Blut, zum erbrechen.

– Und Mondain hat's auch getroffen? …

– Ja, aber am andern Morgen – also gestern – eine Granate, die den Unterstand zertrümmerte, als er drinn war. Er lag auf dem Boden und hatte den Brustkasten zerschlagen. Hast du von Franco gehört, der neben Mondain lag? Er hatte das Rückgrat gebrochen vom Zusammensturz des Unterstandes; man hat ihn herausgezogen und dann sass er noch aufrecht und sagte: »ich muss sterben,« und dann ist er gestorben. Vigile lag auch drunter; er hatte nichts am Körper, aber den Kopf vollständig platt gedrückt wie ein Kuchen, und gross; so breit. Wenn man ihn so auf dem Boden liegen sah, schwarz und verzerrt, glaubte man seinen Schatten zu sehn, den Schatten, den's manchmal am Boden gibt, wenn man nachts mit einer Fackel geht.

– Vigile gehörte zur Klasse 13, ein Kind noch! Und Mondain und Franco, so gute Kerle, trotz ihrer Tressen! … Wieder um so viel feine, alte Freunde ärmer, lieber Marschal!

– Ja, antwortete Marschal.

Jetzt aber wird Marschal von einer Horde Kameraden umringt, die ihn befragen und auf ihn eindringen. Er wehrt sich, antwortet ihren Sarkasmen und alle lachen im Gedränge durcheinander.

Ich betrachte sie der Reihe nach; sie sind fröhlich und scheinen triumphierend, trotz äusserster Müdigkeit und schwarzen Staubes.

Wenn sie während ihres Aufenthaltes in der ersten Linie Wein hätten trinken können, würde ich sagen, sie seien alle betrunken.

Ich bemerke einen jener Entwischten, der in den Tag hinein singt wie der Husar aus dem Volkslied; es ist Vanderborn, der Trommler.

– Nanu, Vanderborn, so gut aufgelegt?

Vanderborn, der gewöhnlich sehr still ist, schreit mich an:

– Also diesmal sollt es noch nicht sein: bin noch da! Und mit der breiten Gebärde eines Wahnsinnigen, haut er mir die Faust auf die Schulter.

Ich verstehe …

Wenn sich jene Menschen trotz allem bei Verlassen dieser Hölle glücklich fühlen, so sind sie's eben gerade, weil sie in der Tat einer Hölle entwischt sind. Sie kehren zurück und sind gerettet; und dieses Mal noch hat sie der nahe Tod verschont. Die Dienstfolge schickt jede Kompagnie alle sechs Wochen in die erste Linie! Sechs Wochen! Die Soldaten im Kriege haben über die kleinen und grossen Dinge eine kindliche Philosophie: sie denken nie sehr weit und schauen nicht um sich und nicht weit vor sich in die Zukunft. Sie leben ungefähr von der Hand in den Mund und heute haben diese die Gewissheit, noch ein Weilchen leben zu können.

Und deswegen sind sie froh, trotz der Müdigkeit, die sie drückt und trotz der frischen Schlächterei, deren Spritzer sie noch beschmutzen, trotz der Verluste ihrer Brüder, trotz alledem sind sie in der Feststimmung von Ueberlebenden, die das unendliche Glück geniessen, noch aufrecht im Leben zu stehn.

*

IV. Volpatte und Fouillade.

Bei der Ankunft im Quartier rief eine Stimme:

– Wo ist nur Volpatte?

– Und wo ist Fouillade?

Sie waren vom 5. Bataillon aufgeboten, mit in die erste Linie genommen worden, und sollten sich nachher wieder in unserm Quartier einfinden; aber man fand nicht die Spur von ihnen. So war die Korporalschaft um zwei Mann ärmer geworden!

– Der Teufel soll das holen! So geht's einem immer, wenn man seine Leute hergibt, kreischte der Sergeant.

Als der Hauptmann davon erfuhr, fluchte auch er und sagte:

– Ich brauch die Leute; man soll sie sofort auftreiben. Vorwärts!

Farfadet und ich wurden von Korporal Bertrand aus der Scheune gerufen, in der wir uns schon zur Ruhe hingelegt hatten und einschlummern wollten.

– Volpatte und Fouillade müssen her. Wir standen schnell auf und machten uns mit bangem Gefühl auf den Weg. Unsre beiden Kameraden waren vom fünften Bataillon mit in jene höllische Ablösung mitgezogen worden. Wer weiss, wo sie jetzt stecken und was aus ihnen geworden ist?

… Wir gehn den Hügel wieder hinauf und machen zum zweitenmal, in entgegengesetzter Richtung, den langen Weg, den wir letzte Nacht und seit Morgenanbruch bereits hinter uns gelegt hatten. Wir sind zwar unbepackt, tragen bloss das Gewehr und die gewöhnliche Ausrüstung, aber die Müdigkeit lastet dennoch auf uns; schlaftrunken schleppen wir uns durch die traurige Landschaft, unterm dunstgrauen Himmel. Farfadet fängt allmählich an zu keuchen; anfangs sprach er ein wenig, dann aber liess ihn die Müdigkeit verstummen. Er ist zwar tapfer, aber schwächlich und hatte früher kaum gelernt, sich seiner Beine zu bedienen; denn seit seiner ersten Kommunion kratzte er mit der Feder in einem Bürgermeisteramt hinter dem Ofen und in Gesellschaft von alten verstaubten Akten.

Als wir aber aus dem Holz treten und uns, auf dem glitschigen Boden vorwärts tappend, in die Verbindungsgräben drücken, sehen wir zwei dünne Schatten vor uns; es sind zwei Soldaten, die auf uns zuschreiten; man erkennt die rundliche Form ihrer Bepackung und den geraden Strich ihres Gewehres. Allmählich wird die schwankende Zwillingserscheinung deutlicher.

– Sie sind es!

Einer von ihnen hat den Kopf in dickes Verbandzeug eingewickelt.

– Verwundet? Es ist Volpatte!

Wir laufen den Auferstandenen entgegen; dabei zischen unsre Sohlen geräuschvoll im Kot, in den wir einsinken, und die Patronentaschen schütteln klirrend ihren Inhalt.

Die beiden stehen still und lassen uns herankommen. Als wir nun auf Hörweite von ihnen entfernt sind, schreit Volpatte:

– Höchste Eisenbahn!

– Bist du verwundet?

– Was? fragt Volpatte, dem der Verband die Ohren verstopft, sodass man brüllen muss, um sich mit ihm zu verständigen. Wir treten an ihn heran und schreien; dann antwortet er:

– Noch gut abgelaufen … Wir kommen aus dem Loch, wo uns das 5. Bataillon Donnerstag reingesteckt hat.

– Seid ihr solange nicht mehr rausgekommen? brüllt Farfadet, dessen gellende Frauenstimme durchs Polster dringt, das Volpatte das Trommelfell versperrt …

– Jawohl, meint Fouillade, Gottverdammich! Oder glaubst du, wir sind mit Flügeln davongeflogen, oder haben uns etwa ohne Befehl auf die Beine gemacht?

Dann hocken beide ermattet ab. Der Kopf von Volpatte sieht aus wie ein Pack schmutziger Wäsche, mit dem dicken Knoten oben auf dem Verband, aus dem ein schwarzgelbliches Gesicht guckt.

– Hat man euch arme Teufel vergessen?

– Schon ein wenig! schreit Fouillade, glaub's schon, dass man uns vergessen hat! Vier Tage und vier Nächte in einem Granatenloch, wo die Kugeln von der Seite einschlugen und das obendrein noch nach Scheisse roch.

– Hast 'ne Ahnung, sagt Volpatte. Das war kein gewöhnlicher Horchposten, wo man aus und eingeht und regelmässig abgelöst wird. Ein Granatenloch, sag ich dir, ein ganz gewöhnliches Granatenloch und nichts weiter. Letzten Donnerstag haben sie uns gesagt: »So, versteckt euch hier und schiesst in einer Tour weiter«, hat einer gesagt. Am andern Morgen kam zwar einer vom 5. Bataillon und hat seine Nase reingesteckt: »Was Teufels macht ihr hier!« »Schiessen tun wir; sie haben gesagt wir sollen schiessen, deshalb schiessen wir und wenn sie's gesagt haben, wird schon was dran sein; und jetzt warten wir, bis einer sagt, wir sollen was anderes tun als schiessen.« Drauf hat sich der Kerl gedrückt; er schien nicht ganz überzeugt von der Sache und hatte offenbar keine Vorliebe für Granatenpuffer, »'s ist 10 Uhr« hat er gesagt.

– Wir hatten für uns zwei, fährt Fouillade weiter, einen Kleieklumps und einen Kübel Wein, den uns die 18te gegeben hatte und eine ganze Patronenkiste. Die Patronen haben wir verknallt und den Saint-Honoré gesoffen. Vorsichtshalber haben wir ein paar Patronen und von dem Kuchen ein Stück aufgehoben; den Wein aber haben wir ausgetrunken.

– Schade, sagt Volpatte, sintemal ich durstig bin. Habt ihr nichts für den Gaumen, ihr?

– Einen Tropfen Wein hab ich noch, antwortet Farfadet.

– Her damit, sagt Fouillade, indem er auf Volpatte deutet. Er hat Blut verloren, ich hab nur einen gewöhnlichen Durst, gib's ihm.

Volpatte schlotterte. Seine kleinen Augen fieberten aus dem mächtigen Verband heraus, der wie ein Stein auf seinen Schultern lag.

– Ah! Das tut wohl, meinte er und trank den Wein.

– Richtig, fuhr er fort, nachdem er, wie es die Höflichkeit gebietet, den letzten Tropfen auf den Boden geschleudert hatte, zwei Deutsche haben wir gesichert. Sie krochen über's Feld und sind in unser Loch geraten, blindlings wie Maulwürfe in eine Falle, die Scheissbrüder. Eingesackt haben wir die Kerle. Als wir dann sechsunddreissig Stunden lang geschossen hatten, haben wir die letzten Patronen in die Klistierspritze gesteckt und haben gewartet mit unserm deutschen Paket. Der Verbindungskuli hatte nämlich vergessen zu sagen, dass wir noch immer da seien. Ihr vom 6ten habt vergessen uns zurückzuverlangen, die 18te Kompagnie, die hat uns auch sitzen lassen und da wir nicht auf gewöhnlichem Horchposten standen, wo es regelmässige Ablösung gibt wie bei der Verwaltung, da hab ich schon gedacht, so jetzt bleiben wir hocken, bis das ganze Regiment wieder zurückkommt. Schliesslich haben uns Knochensammler vom 204ten gesehn, als sie nach Verwundeten schnupperten; die haben uns angemeldet. Dann kriegten wir Befehl zum Rückzug und zwar sofort, hiess es. Da haben wir unsre Siebensachen gepackt und sind gegangen und haben gelacht von wegen dem »sofort«. Den Deutschen haben wir die Schnüre von den Beinen abgeschnallt, haben sie mitgenommen und dem 204ten abgeliefert. Und jetzt sind wir wieder da.

– Im Vorübergehn haben wir sogar einen Sergeanten aufgefunden, der sich in ein Loch duckte und sich nicht rauswagte; so was wie Gehirnerschütterung hatte er; da haben wir ihn angeschnauzt und das hat ihn wieder ein wenig auf den Damm gebracht und »dank schön« hat er gesagt; Sacerdote, hiess er.

– Aber du? Deine Wunde?

– An beiden Ohren. Eine Granate, weisst du, mitten rein geplatzt. Mein Kopf zwischen die Splitter durch sozusagen, aber knapp, sag ich dir, rasibus, nur die Ohrläppchen, die hat's geputzt.

– Wenn du's siehst, sagt Fouillade, zum kotzen, die beiden Ohren, so runterhängen sie. Unsre zwei Verbandpakete hatten wir, und die Sänftenträger haben uns noch eins gepumpt. Drei Verbände hat er also rumgewickelt um seine Wärmeflasche.

– Gebt euer Zeug her, und gehn wir heim.

Farfadet und ich teilten uns in das Gepäck von Volpatte. Fouillade aber will um alles in der Welt das seine nicht hergeben, obwohl der Durst ihn melancholisch stimmt und er vor Trockenheit vergeht.

So schreiten wir denn langsam davon. Ist es doch immerhin ein Genuss, nicht in Reih und Glied marschieren zu müssen; und es ist so selten, dass es einem ungewohnt vorkommt und eine Wohltat ist. Bald atmen wir alle vier erleichtert auf und fühlen uns frei; man schreitet so wie zum Vergnügen übers Land.

– Jetzt gehn wir spazieren, sagt Volpatte stolz. Und als wir aber oben auf der Anhöhe stehn, gibt er sich rosigen Gefühlen hin und sagt:

– Es ist doch noch eine Glückswunde schliesslich, so krieg ich doch Urlaub, totsicher.

Er zwinkert mit den Augen; Freude strahlt aus ihnen und aus der weissen Kugel, die auf seinen Schultern hin- und herwackelt und an den verwundeten Stellen rötlich gefärbt ist.

Da tönen aus der Tiefe sechs Glockenschläge vom Dorf her.

– Ich kümmere mich 'n Dreck um die Zeit, sagt Volpatte. Die Zeit, die sich abwickelt und ich, wir haben miteinander nichts mehr zu tun.

Mit einem Male wird er redeselig. Ein leichtes Fieber reizt seine Gesprächigkeit, wobei er vergnügt in einem langsamen Schritt dahinschlendert.

– Jetzt krieg ich ein rotes Zeichen auf den Mantel, totsicher, und werd zurückgeschickt. Und dabei werd ich höflich behandelt werden: »Bitt schön, hier durch … so, so, Alterchen.« Dann die Ambulanz, dann der Sanitätszug mit den Knutschereien der Damen vom Roten Kreuz auf der ganzen Reise, wie sie 's dem Crapelet Jules gemacht haben, und dann 's Spital erst mit weissen Bettüchern und dem warmen Ofen mitten drin und nichts als Leute, die einen bedienen und denen man zuschaut, und die Ordonnanz-Hauspantoffeln, Herrgott, und einen Nachttisch: Möbel überhaupt! Und in den grossen Spitälern wohnst du prima, was die Nahrung angeht. Ausgezeichnetes Essen, Bäder werd ich nehmen, überhaupt werd ich alles nehmen, was da ist. Und allerlei Annehmlichkeiten, ohne dass man erst mit den andern drum raufen muss und sich bis aufs Blut drum anstrengen. Auf der Bettdecke liegen dann meine beiden Pfoten, die nichts zu tun haben, wie Luxusartikel – wie so 'n Spielzeug! Und ich unter der Decke schön warm von oben bis unten, und die Füsse ausgebreitet wie zwei Veilchensträusser …

Volpatte hält plötzlich inne, sucht in seinen Taschen und zieht zugleich mit seiner berühmten Schere von Soissons etwas heraus, das er mir vorzeigt.

– Guck her, hast du's schon gesehn?

Es ist das Bild seiner Frau und seiner beiden Jungens. Schon oft hat er sie mir gezeigt; auch diesmal schau ich's an und nicke zustimmend.

– Jetzt geh ich dann auf Urlaub, fährt Volpatte fort, und derweil meine Ohrlappen wieder anwachsen, werden mich meine Frau und meine Kinder anschauen, und ich werd sie auch anschauen. Und während sie dann wieder anwachsen, wie Salat, unterdessen wird's vorwärts gehn mit dem Krieg … Die Russen … oder sonst was! …

So ergab er sich dem glücklichen Zukunftstraum, sprach laut vor sich hin und fühlte sich bereits weit weg von uns in seiner Feststimmung.

– Du Lauskerl! schrie ihn Fouillade an. Ein gottverdammtes Schwein hast du!

Wie sollte man ihn auch nicht beneiden? Ihn, der jetzt einen oder zwei Monate lang, gerade in dieser Jahreszeit, hinter die Front kommen wird, und der, anstatt hier in Gefahr und Elend weiter zu leben, plötzlich in einen Rentier umgewandelt war!

– Anfangs, meinte Farfadet, fand ich's schon komisch, wenn einer von der »guten Wunde« sprach. Aber jetzt, hol's der Teufel, jetzt ist es bei Gott das einzige, was sich ein armer Soldat Gutes wünschen kann.

*

Das Dorf lag nicht mehr weit von uns, als wir gerade um den Wald bogen. Da erschien plötzlich eine weibliche Gestalt an der Waldecke gegen das Licht, dessen helle Strahlen ihre Silhouette leuchtend abgrenzten. Am Saum des Waldes, in dessen Hintergrund die Bäume violette Striche hinzeichneten, stand die schlanke Gestalt mit blondleuchtenden Haaren; in ihrem blassen Gesicht aber sah man ein Paar grosse Augen, wie zwei Nachtschatten sitzen. Dieses leuchtende Wesen schaute uns an und stand auf zitternden Beinen; dann schlüpfte sie plötzlich unter's Gehölz wie eine Fackel.

Diese Erscheinung, die so plötzlich wieder verschwand, machte auf Volpatte einen solchen Eindruck, dass er den Faden seiner Rede verlor.

– Ist das eine Schnepfe, das Weib da?

– Nein, meint Fouillade, der nicht recht verstanden hatte; Eudoxie heisst sie. Ich kenne sie, vom Sehn; sie ist ein Flüchtling. Keine Ahnung, woher sie kommt; ich weiss nur, dass sie in Gamblin bei einer Familie wohnt.

– Sie ist mager und schön, bemerkte Volpatte. 'n bisschen dran naschen, wäre gar nicht übel … das wär ein Fressen, so'n Hühnchen … Paar Augen hat sie!

– Komisch ist sie, sagt Fouillade. Immer muss sie rumstrolchen. Kaum siehst du sie irgendwo mit dem blonden Haarbusch oben drauf, da ist sie schon weg. Und dann weiss sie nicht, was Gefahr ist. Manchmal drückt sie sich in der vordersten Linie rum. Komisches Ding.

– Da! dort ist sie wieder, die Erscheinung! Die hält uns fest mit den Augen. Offenbar kommen wir ihr interessant vor.

Die leuchtende Silhouette zierte in diesem Augenblick das andere Ende des Waldrandes.

– Ich kümmere mich 'n Dreck um die Weiber, erklärte Volpatte, der sich wieder in seinen Urlaubstraum versenkte.

– Jedenfalls hat's einen in der Korporalschaft, der haarig in sie vernarrt ist. Da! Wenn man vom Wolf spricht …

– Sieht man seinen Schwanz …

– Noch nicht, aber fast … Da!

Und man sah aus einem Gebüsch, heraus rechterhand, die Nase von Lamuse wie einen roten Wildschweinrüssel vorschnüffeln. Er war jenem Frauenzimmer auf der Spur und als er sie sah, stand er still wie ein Jagdhund und holte zum Sprung aus. Als er sich aber auf das Weib stürzen wollte, stiess er auf uns.

Wie der dicke Lamuse nun Volpatte und Fouillade erkannte, liess er einen Freudenschrei los und hatte nur noch den einen Gedanken, uns die Tornister, die Gewehre und die Brotsäcke abzunehmen.

– Her damit! Ich hab ausschlafen können, gebt nur her!

Alles wollte er tragen; Farfadet und ich machten keine Schwierigkeiten und gaben gerne das ganze Zeug Volpattes ab; auch Fouillade trennte sich schliesslich von seiner Brottasche und seinem Gewehr.

So wurde Lamuse zum wandelnden Gepäckturm; er verschwand unter der ungeheuren und breiten Last und schleppte sich nur mit kleinen Schritten weiter.

Trotzdem aber schien ihn seine fixe Idee nicht ruhn zu lassen, und seine Blicke spähten seitwärts nach der Frau, der er nachgelaufen war.

Alle Augenblicke blieb er stehn, rückte ein Gepäckstück zurecht, schöpfte Luft und wischte sich die fetten Schweisstropfen vom Gesicht, wobei er alle Ecken des Horizonts absuchte und den Waldrand abspähte. Er sah sie aber nicht mehr.

Ich dagegen erblickte sie wieder … und kam diesmal allerdings zur Erkenntnis, dass sie es mit einem von uns hatte. Dort, linkerhand, kroch sie halb aus dem grünen Schatten des Unterholzes. Sie hielt sich dabei mit einer Hand an einem Zweig fest, beugte sich vor und man sah ihre schwarzen Nachtaugen und ihr bleiches Gesicht, das halb beleuchtet war und so einem wachsenden Monde glich. Ich bemerkte ein Lächeln auf ihren Lippen. Indem ich dann der Richtung ihres Blickes nachging, sah ich nicht weit hinter uns Farfadet, der ebenfalls lächelte.

Dann verschwand sie lächelnd im Schatten des Laubes und Farfadet lächelte ihr nach …

So wurde mir klar, dass zwischen jener gelenkigen und zarten Zigeunerin, die keiner andern Frau glich, und Farfadet, der sich durch seine feine, zitternde Biegsamkeit von uns allen abhob, ein Einverständnis herrschte …

… Lamuse hatte nichts gesehn; denn die Last, die er Farfadet und mir abgenommen hatte, versperrte ihm die Aussicht, und seine Aufmerksamkeit konzentrierte sich ganz auf die Aufrechterhaltung seines Gleichgewichtes und die Wahl der Stelle, auf die er seine arg beschwerten Füsse hinsetzen wollte.

Er sieht totunglücklich aus und jammert; ein trauriger Gedanke drückt ihn schwer, und aus dem rauhen Keuchen seiner Brust glaube ich sein klopfendes und murrendes Herz herauszuhören. Dann betrachte ich mir Volpatte mit seinem Verbandpolster und dann den mächtigen, dicken und blutdrallen Kerl, der in sich den ewigen, tiefen Drang schleppt, dessen Schärfe er allein zu messen vermag; und dabei denke ich, dass nicht jener verbunden wird, der die schwerste Wunde trägt.

Endlich steigen wir zum Dorf hinab.

– Jetzt gibt's was zu trinken, sagt Fouillade.

– Urlaub krieg ich jetzt, sagt Volpatte.

Lamuse aber keucht:

– Meuh … Meuh …

Dann kommen die Kameraden gelaufen, schreien durcheinander und versammeln sich auf dem kleinen Dorfplatz, auf dem die Kirche steht mit ihren zwei Türmen, von denen der eine durch eine Granate derart zertrümmert wurde, dass die Kirche, von vorne gesehn, nur noch ein entstelltes Gesicht zeigt.

*

V. Das Obdach.

Unzählige Schatten verwischen traumhaft die bleiche Landstrasse, die sich durch den nächtlichen Wald zieht, als ob der Wald sich wie verhext im Dunkel der Nacht darüber wälze. Es ist das Regiment, das sich vorwärts bewegt, auf der Suche nach einem neuen Obdach.

Die hoch und breit bepackten Reihen stossen schattentriefend aneinander; und jede neue Welle, von der hinteren vorwärts gestossen, drängt sich der vorderen auf. Seitwärts schreiten, vereinzelt, die schlankeren Gestalten der Offiziere. Ausrufe, Befehle, kurze Gespräche, Hustenanfälle und Gesänge mischen sich zu einem dumpfen Gemurmel, das jenem engen und zwischen die Böschungen eingedämmten Gedränge entsteigt. Und in den Lärm der Stimmen mischt sich das Stampfen der Füsse, das Geklirre der Bajonettscheiden, der Feldflaschen und der Metallkannen, das Donnern und Gerassel der sechzig Wagen Artillerietrain und des Regimentstrain, die den zwei Bataillonen folgen. So gross ist die Masse, die auf der ansteigenden Strasse vorwärtsschreitet und sich hindehnt, dass man draussen, unter dem unendlichen Dom der Nacht, in der Stickluft eines Löwenkäfigs schwimmt.

Wenn man selbst in Reih und Glied steckt, sieht man von alledem nichts; stösst man aber bei einer Stockung mit der Nase drauf, so unterscheidet man allerdings, wohl oder übel, das Blech einer Gamelle, den bläulichen Stahl eines Helmes oder den schwarzen Stahl eines Gewehres. Sonst sieht man manchmal im blendenden Funkenschein eines Feuersteines oder hinter der roten Flamme, die am winzigen Stiel eines Streichholzes flackert, nahe Hände oder Gesichter im Relief aufblitzen, oder das durcheinanderwogende Schattenspiel behelmter Schultern, die wie Flutwellen gegen die klotzige Dunkelheit ankämpfen. Dann verschwindet alles wieder im Dunkel, und während man einen Fuss vor den andern setzt, heftet jeder seinen Blick unentwegt an die Stelle, wo sich vermutlich ein Rücken vorwärts bewegt.

Nach mehrfachen Marschpausen, während deren man sich auf den Tornister und vor die Gewehrpyramiden niederfallen lässt, die man auf das Zeichen einer Signalpfeife mit fieberhafter Hast und verzweifelnder Umständlichkeit in der undurchsichtigen, pechschwarzen Nacht zusammenstellt, kündet sich schliesslich der Morgen an und fliesst aus der Dunkelheit allmählich über den ganzen Himmel. Dann sehn wir, wie so oft schon, das grossartige Schauspiel des anbrechenden Tages, der sich über unsre ewig umherirrende Horde ergiesst.

Endlich treten wir aus dieser durchmarschierten Nacht heraus, gleichsam durch konzentrische Schichten abnehmender Schatten, Halbschatten und schliesslich düsteren Lichtes hindurch. Die Beine haben eine hölzerne Starrheit, die Rücken sind gelähmt und die Schultern zerschunden. Die Gesichter aber behalten ihre graue und schwarze Färbung; es ist, als befreie man sich nur unvollkommen von der Nacht, die man jetzt nie mehr ganz los wird.

Diesmal marschiert die grosse Herde in Reih und Glied in ein neues Quartier zum Ausruhn. Was wird das wohl für ein Dorf sein, in welchem man nun acht Tage verleben wird? Niemand weiss es genau, aber man glaubt, es heisse Gauchin-l'Abbé, und erzählt sehr viel Gutes davon.

– Man soll's gut haben wie 'n Hühnchen im Ei.

Allmählich erkennt man die Kameraden und unterscheidet ihre Silhouetten, und schliesslich die herabhängenden Schädel und die gähnenden Mäuler; aus dem Morgengrauen heraus werden gesprächige Stimmen laut.

– Nie würde man ein so patentes Quartier gesehen haben. Das Brigadekommando, das Divisionsgericht sei dort untergebracht; da gibt es was du willst beim Krämer.

– Wenn die Brigade dort hockt, dann wird am Sitz nichts fehlen.

– Meinst du, wir werden einen Esstisch für die Korporalschaft ausfindig machen?

– Alles was du willst, wenn ich dir sage.

– Wie's in einem Quartier ausschaut, das man nicht kennt, weiss ich nicht. Aber wissen tue ich bestimmt, dass es auch nicht anders sein wird als anderswo.

Aber keiner glaubt ihm das. Vielmehr erscheint allen das neue Quartier, nach dem erregten Fieber der Nacht, eine Art gelobtes Land, dem man nach Osten entgegenmarschiert, während man sich in der eiskalten Morgenluft dem unbekannten Dorfe nähert, das uns das Licht bringen wird.

*

Jetzt erreichen wir den Fuss eines Hügels und kommen an Häusern vorbei; sie schlummern noch im grauen Schatten der Morgendämmerung.

– Das wird es sein!

Endlich! Achtundzwanzig Kilometer sind diese Nacht zurückgelegt worden.

Nanu? … Wird hier nicht Halt gemacht? Es geht immer weiter, vorbei an den Häusern, die sich wieder, eines nach dem andern, in den verschwommenen Dunst und in das Totentuch ihres Geheimnisses verziehn.

– Es heisst, man könne noch lange Strassen klopfen. Es sei noch sehr weit.

Und man marschiert automatisch weiter; die Glieder beschwert eine Art versteinerten Dusels; die Gelenke knirschen und lassen die Leute selbst darüber knirschen.

Der Tag ist spät am Aufgehn, eine Nebelschicht bedeckt die Erde. Es ist so kühl, dass die Leute während der Rast, trotz der Müdigkeit, die sie zermalmt, sich nicht getrauen abzusitzen und in der satten Feuchtigkeit hin- und hergehn wie irrende Geister. Ein scharfer, winterlicher Wind peitscht die Haut, fegt und zerstäubt die Worte und die Seufzer.

Endlich aber sticht die Sonne durch den Dunst, der sich über uns dehnt und uns durchnässt. Es ist wie ein feenhafter Lichtschacht, der sich mitten durch die irdischen Wolken aufreisst.

Das ganze Regiment streckt sich, wacht jetzt erst eigentlich auf und hebt seine Gesichter in das sanfte Goldlicht des ersten Sonnenstrahles.

Dann brennt die Sonne mit einem Mal, und dann ist es zu heiss.

Man keucht in den Reihen und schwitzt und schimpft noch mehr als vorhin, da die Zähne klapperten und uns der Nebel wie ein nasser Schwamm über Gesicht und Hände fuhr.

Wir marschieren jetzt in der brennenden Morgensonne durch eine Kreidegegend.

– Sie beschütten ihre Strassen mit Kalksteinen, die Hundskerle hier in der Gegend!

Die Strasse ist blendendweiss und nun ist's eine lange Staubwolke getrockneten Kalkes, die sich über uns hinzieht und uns bestreift.

Die Gesichter röten sich und glänzen wie Beize; gewisse vollblütige Gesichter scheinen mit Vaselin eingeschmiert; auf Backen und Stirnen bildet sich eine graue Staubschicht, die daran kleben bleibt und dann abbröckelt. Die Füsse scheinen in Unförmigkeit zu verschwimmen und sind weiss, als seien sie in einem Maurertrog herumgewatet. Der Tornister und das Gewehr sind weiss gepudert, und unsere langgedehnte Masse zieht in die Randgräser rechts und links eine milchweisse Spur.

Jetzt heisst es noch zu alledem:

– Rechts halten! Train!

Schnell drückt man sich auf die rechte Seite der Strasse, nicht ohne Drängen. Und wie eine lange Kette kolossaler, viereckiger Meteorsteine, umrollt von einem höllischen Radau, stürzt sich der Train auf die Landstrasse. Gottverd…! Er stäubt im Vorbeirasseln den dichten Kalkteppich aus, der die Strasse bedeckt, und streut uns den Staub auf die Schultern!

Nun sind sie eingewickelt in einen hellgrauen Schleier, und auf den Gesichtern sitzt eine mehlige Maske, die an den Augenlidern, dem Schnurrbart, dem Kinnbart und in den Rinnen der Runzeln eine dichtere Schicht bildet. Wir scheinen zugleich unser eignes Abbild und sonderbare Greise zu sein.

– Wenn wir mal alte Fetzen sind, dann sehn wir so aus, so hässlich, sagt Tirette.

– Du spuckst weiss, meint Biquet.

– Wenn aber Halt gemacht wird, so sind wir wie weisse Kalkstatuen, durch deren Schale schmutzige Reste von Menschlichkeit durchschimmern.

Dann geht's wieder weiter. Alles ist stumm und schindet sich ab. Jeder Schritt wird zur harten Arbeit. Die Gesichter schneiden Fratzen, die sich in die blasse Staubkruste einzeichnen und darunter erstarren. Der ganze Körper zieht sich in jener ununterbrochenen Anstrengung krampfhaft zusammen, und wir vergehn in stumpfer Müdigkeit und düstrem Ekel.

Endlich erblickt man die langersehnte Oasis: über einen Hügel hinweg auf einem zweiten, höheren Hügel schauen Schieferdächer aus einem frischen, salatgrünen Blätterstrauss hervor.

Dort liegt das Dorf, das der Blick endlich erreicht; aber noch ist man nicht angekommen. Je mehr das Regiment sich ihm nähert, desto weiter scheint das Dorf sich zu entfernen.

Schliesslich aber, punkt zwölf Uhr, erreicht man letzten Endes doch das Quartier, an das man bald nur wie an ein Märchen glaubte.

Jetzt marschiert das Regiment im Schritt, mit geschultertem Gewehr in die Strasse von Gauchin-I`Abbé ein und überschwemmt sie in ihrer ganzen Breite. Die meisten Dörfer des Pas-de-Calais haben nur eine Strasse, aber was für eine Strasse! Oft ist sie mehrere Kilometer lang. In Gauchin-l'Abbé gabelt sich die grosse, einzige Strasse vor dem Bürgermeisteramt und bildet zwei Nebenstrassen, so dass die Ortschaft ein grosses Y bildet, unregelmässig mit niederen Häuserfronten berändert.

Die Radfahrer, die Offiziere und die Ordonnanzen lösen sich von dem langen, wandelnden Wurm. Dann treten, während er sich vorwärts bewegt, die Leute gruppenweise in die Tore der Scheunen, da die noch freien Wohnhäuser für die Offiziere und die Bureaus bestimmt sind … Unser Zug muss erst bis ans Ende des Dorfes marschieren und dann stellt sich ein Versehen der Furiere heraus, und wir kommen, rechtsumkehrt, wieder ans andre Ende, an welchem wir einmarschiert waren.

Dieses Hin und Her kostet Zeit, und die Korporalschaft, die man so von Süden nach Norden und wieder von Norden nach Süden schleppte, äussert über die ohnehin schon unglaubliche Müdigkeit und über die Schritte, die man ihr hätte ersparen können, ihren fieberhaften Unwillen. Es ist nämlich sehr wichtig, dass man sich so früh als möglich einrichte und freigelassen werde, wenn man die seit lange ersonnenen Projekte zur Ausführung bringen will; das heisst, bei einem Einwohner eine Unterkunft mit einem Tisch finden, an den sich die Korporalschaft zu den Mahlzeiten setzen könnte. Man hat die Sache und ihre Vorteile schon eifrig besprochen. Man ist einig geworden, hat zusammengelegt und beschlossen, sich diesmal in überschüssige Ausgaben zu stürzen.

Wird aber das alles noch zu machen sein? Eine Menge Lokale sind schon besetzt, und noch andere sind hergekommen mit jener Sehnsucht nach Bequemlichkeit, so wird man den freien Tischen schon nachlaufen müssen … Drei Kompagnien sind allerdings nach uns einmarschiert, aber vier waren schon vor uns da; und dann: die offiziösen Suppentöpfe der Sanitätler, der Schreiber, der Wagenführer, der Ordonnanzen des Brigadekommandos und weiss der Teufel was noch … Alles das sind wichtigere und mächtigere Leute als der einfache Liniensoldat, sie haben mehr Bewegungsfreiheit und Mittel und können ihre Pläne vorher ausführen. Jetzt schon sieht man solche Liebhaber auf den eroberten Torschwellen häusliche Geschäfte verrichten, während wir erst auf die Scheune zumarschieren, die für die Korporalschaft bestimmt wurde.

Tirette ahmt das Brüllen des Rindviehs und das Blöcken der Schafe nach.

– Das wär also der Kuhstall.

Es ist eine ziemlich geräumige Scheune. Das geschnittene Stroh, aus welchem beim Drübergehn der Staub auffliegt, riecht nach Abort. Der Raum aber kann als ungefähr geschlossen gelten. Man belegt seinen Platz und schnallt ab.

Diejenigen aber, die, wie so oft schon, von einem besonderen Paradies geträumt hatten, stecken wiederum ihre Hoffnungen in die Tasche.

– Du, das sieht hier so aus wie anderswo.

– 's ist dieselbe gleiche, ewige Ewigkeit.

– Ja, Gottverdanzig.

– 's war auch nicht anders zu erwarten.

Aber nun darf mit Reden keine Zeit verloren werden. Jetzt heisst es die Hände rühren und den andern zuvorkommen: per Express und doppelter Geschwindigkeit. Eilig geht's ans Werk. Trotz zerschundenem Rückgrat und zermürbten Füssen ringt man um die letzte Anstrengung, von der das Wohlsein einer Woche abhängen wird.

Die Korporalschaft teilt sich in zwei Patrouillen, die sich im Trab davonmachen, die eine nach rechts, die andere nach links auf die Strasse, die schon von geschäftigen Soldaten auf der Suche wimmelt. Und alle Gruppen beschnuppern und beobachten einander … und beeilen sich. Manchmal auch kommt es, auf gewisse Bewegungen hin, zu fluchenden Keilereien.

– Gehn wir gleich mal dorthin schauen, sonst sind wir lackiert!

Ich habe den Eindruck einer Art verzweifelten Kampfes unter den Soldaten, der sich auf den Strassen des soeben besetzten Dorfes abspielt.

– Für uns, sagt Marthereau, ist der Krieg eine ewige Keilerei und eine ewige Schlacht, ohne Ende, ohne Ende!

*

Man geht von Tür zu Türe, klopft an, stellt sich schüchtern vor und preist sich an wie eine unerwünschte Ware. Einer unter uns meint:

– Hätten Sie nicht ein bisschen Platz, Madame, für die Soldaten? Wir zahlen schon.

– Nein, ich hab schon Offiziere – oder: Unteroffiziere – oder: die Musikanten, die Sekretäre, die Pöstler, oder die Herrn vom Lazarett und so weiter sind hier schon zum kochen …

Nirgends, aber auch nirgends Glück. Und man schliesst die Türen eine nach der andern wieder, nachdem man sie schüchtern geöffnet hatte und schaut sich draussen gegenseitig an, während der Vorrat an Hoffnungen in den Blicken immer kleiner wird.

– Herrgott! Wirst sehn, wir kriegen nichts, murrt Barque. Ueberall haben sie schon mit Durchfallsgeschwindigkeit hingeschissen. Misthaufen, verfluchte!

Die Menge wälzt sich nach allen Seiten. Die drei Strassen füllen sich nach dem Gesetz der kommunizierenden Röhren mit Leuten an. Man begegnet auch den Dorfbewohnern, alten Bauern oder schlecht gewachsenen Kreaturen, oder auch jungen Leuten, an denen das Geheimnis verborgner Krankheiten oder politischer Beziehungen haftet. In den Röcken stecken alte Weiber und viele junge, fette Mädchen mit aufgedunsenen Backen, die wie weisse Gänse einherwatscheln.

Plötzlich erscheint mir, wie eine flüchtige Vision, zwischen zwei Häusern eine Frau, die jenen Schattenspalt durchschritt …

Es ist Eudoxie! Eudoxie, jenes Rehweib, dem Lamuse nachjagte wie ein Faun im Wald und die sich an jenem Morgen, als wir den verwundeten Volpatte und Fouillade zurückbrachten, aus dem Waldrand beugte und mit Farfadet durch ein gemeinsames Lächeln verbunden schien.

Sie war es, die ich soeben wie einen Sonnenstrahl in jenem Gässchen sah. Dann ist sie hinter einer Mauerwand verschwunden, und über die Stelle fiel der Schatten wieder … Sie schon hier! Natürlich, sie ist uns in unserer mühseligen und langen Wanderung gefolgt! Etwas hat sie hierhergezogen …

Uebrigens, scheint sie in der Tat etwas herzulocken: so kurz auch der Augenblick war, der sie mir im blonden Lichte ihrer Haare zeigte, so habe ich doch einen ernsten, träumerischen und nachdenklichen Ausdruck von ihrem Gesichte ablesen können.

Lamuse, der mir auf den Fersen folgt, hat nichts gesehn. Auch sag ich ihm nichts davon, denn er wird die Gegenwart jener reizenden Flamme, für die sein ganzes Wesen brennt, die ihn aber wie ein Irrlicht meidet, früh genug merken. Uebrigens haben wir augenblicklich Geschäftliches zu erledigen, und der ersehnte Ort muss unbedingt erobert werden. Wir machen uns wieder mit verzweifelter Energie auf die Suche. Barque schleppt uns mit und nimmt sich die Sache sehr zu Herzen. Er wittert wie ein Spürhund, und sein staubgepuderter Haarbüschel zittert vor Anstrengung. Er führt uns, die Nase auf der Suche und schlägt vor, es mit jener gelben Tür dort zu versuchen. Und nun heisst es: vorwärts!

Bei der gelben Tür stossen wir auf eine hockende Gestalt; es ist Blaire; er stützt seinen Fuss auf den Randstein und schabt mit dem Messer seinen klotzigen Schuh ab und haut die Gipsschicht herunter wie ein Bildhauer.

– Hast in deinem Leben noch nie solch schneeweissen Fuss gehabt, uzt ihn Barque.

– Uzerei beiseite, antwortet Blaire, hast du 'ne Ahnung, wo der Zahnarztwagen steckt?

Dann fährt er fort:

– Ich muss absolut den Zähnekarren ausfindig machen, auf dass man mir die Kaue ansetzt und sie mir meine alten Dominos rausziehn. Irgendwo hier soll sie sein, die Maulklinik.

Dann klappt er sein Messer wieder zu, steckt es in die Tasche und drückt sich an den Häusern entlang, in tiefer Sorge um die Wiedergeburt seiner Kiefer.

Wir aber sagen unsere so oft wiederholte Bettlerlitanei wieder her:

– Guten Tag, Madame, hätten Sie uns nicht einen kleinen Winkel zum Essen? Gegen Bezahlung versteht sich …

– Nein …

Eine männliche Gestalt aber hebt in der Aquariums-Beleuchtung des niedren Fensters sein merkwürdig flaches Gesicht, das, von parallelen Runzeln durchfurcht, an ein altes, beschriebenes Papier erinnert.

– Hast doch den Hundestall.

– 's hat keinen Platz im Hundestall, wir haben doch die Wäsche drin …

Barque aber fängt den Vorschlag prompt auf.

– Lässt sich vielleicht doch machen? Wir können's mal ansehn.

– Die Wäsche ist doch drinn, knurrt die Frau und kehrt dabei mit ihrem Besen ununterbrochen weiter.

– Wissen Sie, lächelt Barque einladend, wir sind nicht solche, die sich im Heu hinten betrinken. Wir könnten doch mal drüber reden, nicht?

Die Frau lässt ihren Besen fahren. Sie ist mager wie ein Schatten. Ihr Mieder hängt an ihren Schultern wie an einem Kleiderhaken, sie hat ein ausdrucksloses, starres Pappegesicht. Sie guckt uns an, stutzt und führt uns schliesslich widerwillig in einen sehr dunklen Raum, der auf nackter Erde steht und in dem die schmutzige Wäsche herumliegt.

– Is' ja tadellos, ruft Lamuse voller Ueberzeugung aus.

– Reizendes Mädel! sagt Barque und klopft einem kleinen Mädchen auf die runden Backen, die wie bemalter Kautschuk aussehn; und das Mädchen betrachtet uns mit seiner kleinen, dreckigen Nase im Halbdunkel. Ist die Ihnen, Madame?

– Und der da? wagt Marthereau zu fragen, als er ein aufgeschossenes Baby bemerkte, mit Backen, drall wie eine Schweinsblase und auf denen schmierige Konfitüre die Staubteilchen der Luft auffängt.

Marthereau hält dem bestrichnen und klebrigen Gesicht mit einer gewissen Vorsicht seine Hand hin.

Die Frau aber würdigte ihn keiner Antwort.

Und wir stehn dabei, schaukeln auf unsern Beinen hin und her und lächeln wie Bettler, denen noch nicht ganz willfahren wurde.

– Wenn sie nur ja sagt, der alte Waschlappen! flüstert mir Lamuse ins Ohr; denn ihn nagt ein Herzenswunsch, aber er traut der Sache noch nicht. Tadellos ist's hier, weisst du, und sonst ist alles schon besetzt!

– Aber 's hat keinen Tisch, macht endlich die Frau.

– Gotteswillen, machen Sie sich mal keine Sorgen wegen dem Tisch, ruft Barque aus. Die alte Türe dort in der Ecke, das ging schon für'n Tisch.

– Sie werden mir doch nicht meine ganzen Sachen an die Luft setzen! antwortet das Pappe-Weib misstrauisch, wobei sie es offensichtlich bereute, uns nicht sofort vor die Türe gesetzt zu haben.

– Haben Sie nur keine Bange! Schauen Sie her. He, Lamuse, alter Esel, da fass mal an.

Und die alte Türe wird auf zwei Fässer gelegt, was das alte Mann-Weib unzufriedenen Blickes geschehn liess.

– Das putzen wir ein bisschen und die Sache klappt.

– Ha natürlich, Mütterchen, mal mit dem Besen drüber wischen, das gilt als Tischtuch.

Sie wusste nicht recht, was sie dazu sagen sollte und schaute uns mürrisch an.

– 's hat nur zwei Hocker, und wieviel seid ihr?

– Ein Dutzend ungefähr.

– Ein Dutzend, Jesus-Maria!

– Spielt doch keine Rolle, wird schon gehn, hier hat's noch ein Brett zum sitzen, das ist doch wie bestellt, nicht, Lamuse?

– 'türlich! meint Lamuse.

– Aber das Brett da, das geb ich nicht gerne her; es waren schon früher welche da, die haben's schon mitnehmen wollen.

– Aber wir sind doch keine Diebe, erklärt Lamuse, sehr zahm, um das Wesen, das in seinen Händen unser Glück geborgen hält, nicht zu erzürnen.

– Weiss schon, aber Sie wissen, Soldaten, die machen immer alles kaput. Ach Gott, ist das ein Elend mit dem Krieg!

– Jetzt, sagen Sie, und wie viel wär, die Miete für den Tisch und dann, wenn man was auf dem Ofen wärmen wollte?

– Zwanzig Sous pro Tag, machte die Wirtin, und stösst diese Worte hervor, als quetsche man ihr die Summe gewaltsam aus.

– Das ist teuer, sagte Lamuse.

– Das haben die andern auch gezahlt, und das waren nette Leute, die Herren, und man hat sogar von ihrem Essen was gekriegt. Ich weiss ja schon, Soldaten machen nicht viel Umstände. Wenn Sie glauben, es sei zu teuer, so find ich schon noch andere für das Zimmer mit dem Tisch und dem Ofen und die ihrer nicht zwölf sind. Es werden noch manche kommen und die noch mehr zahlen würden, wenn man wollte. Zwölfe! …

– Teuer, sag ich, aber schliesslich, es wird schon gehn, was meint ihr? sagte Lamuse schleunigst.

Wir aber stimmten dieser rein formellen Frage einstimmig zu.

– Ich würde gerne jetzt eins trinken, meinte Lamuse. Verkaufen Sie Wein?

– Nein, sagte die Frau und fügte in weinerlichem Tone hinzu: Sie werden verstehn, die Militärdirektion hat den Preis für die Weinverkäufer auf fünfzehn Sous gesetzt. Fünfzehn Sous! Gott, das Elend mit dem verwünschten Krieg! Man müsste ja noch drauf zahlen bei fünfzehn Sous. Drum kann ich keinen verkaufen. Ich hab zwar schon Wein, für uns. Ich meine, dann und wann, so zum Gefallen, gibt man schon ein bisschen her, wenn man weiss, mit wem man's zu tun hat und wenn's welche sind, die das schon verstehn; aber, meine Herren, natürlich nicht für fünfzehn Sous.

Lamuse gehört zu denen, die das schon verstehn. Er greift nach seiner Feldflasche, die er gewöhnlich an der Seite trägt.

– Geben Sie mal einen Liter her. Wieviel wird das kosten?

– Zweiundzwanzig Sous, was er mich gekostet hat. Aber wissen Sie, ich tu's nur Ihnen zu Gefallen, weil Sie Soldaten sind.

Barque aber, dem die Geduld ausgeht, brummt etwas beiseite in seinen Bart. Die Frau wirft ihm daraufhin einen bissigen Blick zu und hält dem Lamuse die Blechkanne wieder hin.

Dieser aber, dem die heisse Sehnsucht, endlich wieder Wein zu trinken, die Backe rötet, als ob die Flüssigkeit schon langsam dran abfärbe, bemerkt schleunigst:

– Haben Sie nur keine Angst, Mütterchen, die Sache bleibt unter uns, wir verraten Sie schon nicht.

Sie aber schimpft in krampfhafter Erbitterung gegen den Weintarif. Und Lamuse treibt die heisse Begierde soweit in der Erniedrigung und der Kapitulation seines Gewissens, dass er ihr sagt:

– Das ist halt militärisch, Madame! Das müssen Sie nicht mit dem Verstand begreifen wollen.

Sie führte uns in den Keller. Drei grosse Fässer füllten diesen Raum mit ihren imponierenden Bäuchen aus.

– Das ist also Ihr kleiner Privatvorrat, brummt Barque.

Darauf dreht sich die Alte mit galligem Blicke um:

– Sie werden doch nicht verlangen, dass man durch diesen elenden Krieg noch zum Bettler wird! Verliert man nicht schon so genug Geld dabei?

– Wieso? fragt Barque.

– Man merkt, dass Sie Ihr Geld dabei nicht riskieren.

– Nein, allerdings, wir riskieren nur unsere Haut dabei.

Die andern, in der Angst, diese Auseinandersetzung könnte unsren heiligsten Interessen zum Verderbnis werden, treten beschwichtigend dazwischen. In diesem Augenblick schwankt die Kellertüre und eine Männerstimme schreit hinein:

– He, Palmyre!

Die Alte wackelt hinaus und lässt vorsichtigerweise die Türe offen.

– Aha! macht Lamuse, die Sache macht sich.

– Saupack! knurrt Barque, der diesen Empfang nicht verdaute.

– Eine Schande ist es, eine Gemeinheit, sagt Marthereau.

– Als hättest du das noch nie gesehn!

– Und du, Dumoulard, tadelt Barque, mit deiner Püppchenstimme, meinst noch: »Es ist militärisch!« Du hast 's Schlucken leicht.

– Was willst du auch, was soll man denn anders sagen? Oder hätten wir uns die Magenschnalle festschnüren sollen, für den Tisch und den Wein? Und wenn sie vierzig Sous für den Liter verlangte, saufen würde man ihn doch, oder? Und so muss man noch froh sein. Offengestanden, Angst hatte ich schon, die alte Schnalle würde nicht einschnappen wollen.

– Ich weiss schon, überall ist es die gleiche Geschichte, aber …

– Jawohl, der Zivilist, der ist bei der Sache, Herrgott! Aber schliesslich muss es ja auch solche geben, die dabei 'n Vermögen machen. Es können sich doch nicht alle totschiessen lassen.

– Ha! die tapfere Bevölkerung im Westen!

– Na, und die tapfere Bevölkerung im Norden!

– … die uns mit offenen Armen aufnimmt! …

– Jawohl, mit offenen Händen, eher …

– Ich sage ja, meint Marthereau, eine Schande ist es, eine Gemeinheit.

– Mach's Maul zu! Sie kommt, die alte Kuh! …

Dann kehrten wir ins Quartier zurück, um den andern den errungenen Erfolg mitzuteilen, und gingen zum Einkaufen.

Als wir wieder in unser neues Esszimmer zurückkamen, machten wir uns an die Zubereitung unseres Mittagessens. Barque war zur Proviantverteilung gegangen; es war ihm dabei, dank der persönlichen Beziehungen mit dem Chef, der selbst prinzipiell gegen die Verteilung an den einzelnen Mann war, gelungen, die Kartoffel- und Fleischration für die fünfzehn Mann der ganzen Korporalschaft zu fassen.

Dazu hatte er Schmalz, einen kleinen Ballen für vierzehn Sous, gekauft, womit man also die Kartoffeln braten würde. Ausserdem hatte er vier Büchsen Erbsenkonserven aufgetrieben. Die Kalbfleischkonserve mit Gelee von Mesnil André würde als Hors-d'oeuvre herhalten.

– Das alles ist nicht dreckig! meinte Lamuse begeistert.

*

Man inspizierte die Küche. Barque trottete beglückt um den gusseisernen Ofen, dessen warme, schnaufende Masse in einer Ecke stand.

– Ich habe noch heimlich ein Hühnchen in die Suppe gesteckt, flüsterte er mir zu und lüftete den Deckel des Kochtopfes.

– Das Feuer ist nicht sehr stark. Eine halbe Stunde schon liegt das Fleisch drin, und 's Wasser ist immer noch sauber.

Einen Augenblick nachher hörte man ihn mit der Wirtin unterhandeln. Es handelte sich um einen Extra-Kochtopf: ja, aber dann hätte sie nicht mehr genug Platz auf ihrem Herd; und man hätte ihr gesagt, es genüge ein Kochtopf und sie hätte es geglaubt; wenn sie gewusst hätte, dass man ihr noch Schwierigkeiten machen würde, hätte sie das Zimmer nicht vermietet. Barque aber gab ihr eine gutmütige Antwort, machte einen Witz und es gelang ihm, das Ungeheuer zu besänftigen.

Dann kamen die übrigen, einer nach dem andern. Sie zwinkerten mit den Augen, rieben sich die Hände und waren voller schmalziger Träume, wie geladene Hochzeitsgäste.

Beim Eintritt in dieses schwarze Viereck, vom Aussenlicht noch geblendet, bleiben sie einige Minuten wie Eulen mit hohlen Augen unsicher stehn.

– Wenig lichtvoll, meint Mesnil Joseph.

– Herrgott, was verlangst du noch mehr!

Die andern rufen alle im Chorus aus:

– Verdammt angenehm hier!

Und man sieht, wie die Köpfe in der Dämmerung jenes Kellers Beifall nicken.

Zwischenakt: Farfadet ist aus Versehen an die weiche und schmutzige Erdmauer gestreift; die Mauer hat seiner Schulter einen derart schwarzen Flecken aufgedrückt, dass er sogar in dieser Dunkelheit sichtbar ist. Farfadet, der um sein Aeusseres sehr besorgt ist, murrt, stösst aber, als er der Wand ein zweitesmal entwischen will, an den Tisch, wobei sein Löffel auf den Boden fällt. Er bückt sich und sucht ihn tastend auf dem unebenen Boden, auf den seit Jahren der Staub und die Spinngewebe lautlos gefallen sind. Er findet das Essgerät wieder, aber es ist kohlenschwarz und mit dünnen Fasern behangen. Hier einen Gegenstand auf den Boden fallen lassen, ist allerdings eine Katastrophe und es heisst vorsichtig sein.

Lamuse legt seine fette Schinkenfaust zwischen zwei Bestecke und ruft:

Vorwärts, zu Tisch!

Dann wird gegessen. Die Mahlzeit ist reichlich und von feiner Qualität. Das Gespräch mischt sich unter den Lärm der schmatzenden Mäuler und der Flaschen, die sich leeren. Und während man die Freude hat, das Essen sitzend zu gemessen, dringt durch's Kellerloch ein Lichtstrahl, der einen lichten Luftschleier webt, ein Stück des Tisches überstrahlt und ein Gedeck, ein Visier oder ein Auge aufblitzen lässt; – dabei betrachte ich verstohlen dieses düstere Fest, das vor Freude überschäumt.

Biquet erzählt von den kniefälligen Scherereien, die es ihn kostete, bis ihm eine Glätterin den Gefallen tat, sich seiner Wäsche anzunehmen, aber »teuer war's, verdammich!« Tulacque beschreibt die Reihen, die vor dem Krämerladen Queue-stehen: verboten reinzugehn, draussen ist man eingepfercht wie 'ne Hammelherde.

– Und wenn du schon draussen stehst, so schmeissen sie dich raus, wenn du 's Maul zu weit auftust.

Und was alles sonst noch? Der Rapport zählt die Strafen auf, die auf Ausplünderung des Einwohners stehn; – er enthält schon eine ganze Liste. – Volpatte ist zurückgeschickt worden. – Die Leute der Klasse 93 werden auch zurückgeschickt: Pepere ist drunter.

Barque, der die Bratkartoffeln auftischt, teilt mit, dass die Wirtin Soldaten an ihrem Tisch hat und zwar sind es die Krankenwärter der Maschinengewehr-Abteilung.

– Die glauben, sie hätten das beste erwischt, aber wir haben's doch besser, meint Fouillade überzeugt, und stemmt sich in den Schatten dieses engen Und verdreckten Lokales, wo man ebenso blind aufeinanderhockt wie im Unterstand. (Wem fiele aber jetzt dieser Vergleich ein?)

– Wisst ihr, sagt Pépin, die Jungens von der 9. Kompagnie, die haben's geschleckt! Die sind bei einer Alten, die sie umsonst logiert, weil ihr Alter, der vor fünfzig Jahren abgefahren ist, seinerzeit auch Voltigeur war. Sie hat ihnen, scheint's, sogar einen Rindrücken umsonst gegeben, den sie im Pfeffer verzehren.

– Es hat schon überall gute Leute. Aber die Jungens von der 9. haben doch ein überzähliges Schwein, im ganzen Dorf gerade das Dach erwischt zu haben, wo's die guten Leute hatte.

Palmyre bringt den Kaffee, den sie liefert. Sie ist zahmer geworden, hört unserer Unterhaltung zu und fragt uns aus mit hochmütiger Stimme;

– Warum sagt ihr dem Adjutanten: le juteux?

Barque antwortet wie ein Lehrspruch:

– Nie noch ward er anders geheissen.

Nachdem sie aber verschwunden ist, gibt man über den Kaffee sein Urteil ab:

– Nun red einer noch von Helligkeit! Man sieht den Zucker unten im Glas spazieren gehn.

– Sechs Sous verlangt sie dafür.

– Filtriertes Wasser ist das.

– Da geht die Türe einen Spalt weit auf und es gibt davon einen weissen Strich, darin das Gesicht eines kleinen Knaben erscheint. Man lockt ihn herein wie eine kleine Katze und hält ihm ein Stückchen Chokolade hin.

– Ich heisse Charlot, zwitschert darauf das Kind. Wir wohnen nebenan, 's hat auch Soldaten bei uns. Es hat immer welche bei uns. Man verkauft ihnen alles, was sie wollen. Manchmal aber eben sind sie betrunken.

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
12 mayıs 2025
Hacim:
440 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783849605438
Yayıncı:
Telif hakkı:
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