Kitabı oku: «Das Mädchen und die Nachtigall»
Henri Gourdin
Das
Mädchen
und die
Nachtigall
Aus dem Französischen
von Corinna Tramm

Die Geschichte spielt in den östlichen Pyrenäen, hauptsächlich in Villefranche-de-Conflent in den Jahren 1939 und 1940. Die Personen sind frei erfunden, der geografische und historische Rahmen dagegen ist ganz und gar real und so genau wie möglich aufgrund von Zeugenaussagen, die ich zusammentragen konnte, rekonstruiert. Die Stadt Villefranche gibt es immer noch; sie hat sich seit der Zeit, in welcher der Roman spielt, kaum verändert – eigentlich sogar, seit der Festungsbaumeister Sébastien Le Prestre de Vauban sie im 17. Jahrhundert anlegte. Ganz im Gegenteil, ihre Klassifizierung als Weltkulturerbe verleiht ihr eine Art Unsterblichkeit.
Inhalt
Argelès-sur-Mer
Villefranche
Weihnachten
Priester Raynal
Die Stadtmauer
Renée Levêque
Martha
Marcel
Émile
Bestandsaufnahme des Kulturguts
Pau Casals
Agnès
Lucienne
Saint-Pierre in Prades
Saint-Michel-de-Cuxa
Wanda Landowska
Charles Puech
Gérard Dieudonné
Charles de Gaulle
Die Flucht nach Bordeaux
René Levêque
Schmuggel
Das Jakobsfest
Notre-Dame-de-Vie
Mademoiselle de Brévent
Johann Sebastian Bach
Der Cady
Die Têt
Bernard Durand
Chronologischer Überblick
Danksagung
Argelès-sur-Mer
Das Lager von Argelès-sur-Mer war noch nicht eingerichtet, als uns die französische Armee in den ersten Februartagen des Jahres 1939 dorthin brachte. Es bestand aus einem Stück Strand, das von einem zwischen scheinbar zufällig gesetzten Holzpflöcken locker hängenden Stacheldraht begrenzt wurde. Dieser hatte nichts mit jenen zwölf Linien Stacheldraht gemein, die man später für uns errichtete und die bis zum Zerreißen zwischen vollkommen geraden und exakt aufgereihten Holzpfählen straff gezogen waren. Die Baracken waren nur in regelmäßigen Abständen aufeinandergestapelte Holzplanken, wahrscheinlich an den Orten, wo die zukünftigen Konstruktionen stehen sollten. Kein Schutz, kein Dach, am Anfang nicht einmal eine Decke: Jede Familie buddelte sich ein Loch in den Sand und schlief dort, vor dem Wind durch ihre aufgeschichteten Koffer und ihre Lumpen geschützt. Mit Kreide geschriebene Inschriften waren auf diesen Hütten zu lesen: Tausend und eine Nacht, Winterpalast, Eldorado …
Die Männer waren in einem ähnlichen Areal untergebracht, die Kämpfer der Internationalen Brigaden in einem dritten, und diese nebeneinander verlaufenden Rechtecke wurden durch eine Art Korridore voneinander getrennt, durch Sandstreifen von vielleicht zwanzig Metern Breite, auf denen zunächst eher gutmütige Gendarmen zu Pferd patrouillierten, die katalanisch mit uns sprachen und Erkundigungen über uns einholten, dann aber algerische Soldaten und senegalesische Schützen, die uns an die marokkanischen Bataillone der Armee Francos und ihre schrecklichen Grausamkeiten erinnerten.
Julia, unsere Nachbarin aus Tarragona, die meine Schwester und mich seit unserer Flucht begleitete, war außerordentlich lebenstüchtig und sehr geschickt mit ihren Händen. Kaum waren wir angekommen, hatte sie schon ein wenig Röhricht in einem Hain abgeschnitten, den wir noch nicht einmal bemerkt hätten, zwei oder drei Karosserieteile von Autowracks abgerissen und ein kleines Zuhause eingerichtet. Ich sehe sie noch, wie sie sich bei Einbruch der Dunkelheit unter dem Zaun hindurchzwängte, sich auf den Weg zu den im Hinterland liegenden Villen machte und mit Holz zurückkam. Feuer war unverzichtbar: Es wärmte uns die Knochen, vereinte uns während der langen Winterabende und brachte das modrige Wasser zum Kochen, das wir von Hand mit zwei Pumpen schöpften, die von den Soldaten errichtet worden waren. Diese Pumpen brachten ein brackiges Wasser zum Vorschein und befanden sich zudem neben dem Bereich, der uns als Latrinen diente: anfangs ein großes Viereck im Sand, bald schon ein ganzes Feld der Darmentleerung, wo man zwischen hockenden Menschen watete, ehe man sich selber niederkauerte.
Alles hatte mit dem Aufstand der Faschisten im Juli 1936 begonnen. Sie besetzten eine spanische Provinz nach der anderen, mit massiver Unterstützung von Deutschland und Italien. 1938 war Katalonien an der Reihe, eines der letzten Bollwerke der Republik. Angriffe von beispielloser Gewalt. Trommelfeuer der Artillerie, Bombardierung von Städten und Dörfern, zivile Massaker. Wie in Guernica 1937. Im Mai 1938 bombardierten die Nationalisten das fünfundzwanzig Kilometer von Barcelona entfernte Granollers. Das war der Anfang vom Ende: Es folgten die Niederlage am Ebro im November und der Rückzug der Internationalen Brigaden. In der Miliz herrschte Chaos.
Tarragona fiel am 15. Januar. Es war Nacht. Die Explosionen weckten mich, und es war zu spät, um hinunter in Sicherheit zu gehen. Ich erinnere mich, als wäre es gestern: Mama stürzte in unser Zimmer und schrie, wir sollten uns auf den Boden legen. Unter dem Zischen der Bomben und Granaten mühte sie sich ab, die Matratzen unserer Betten über uns zu ziehen. Dann hört meine Erinnerung auf. Als sie wieder einsetzt, befreien Teresa und ich uns von einem Stapel Schutt. Die Mauer zum Garten hin ist aufgerissen. Durch ein riesiges Loch in der Decke erkennen wir den Himmel und den Schein des Feuers. Noch heute, zwanzig Jahre später, sehe ich diese Szene vor mir, ebenso wie die leblosen und blutüberströmten Körper von Papa und Mama, dort, wo der Flur war; ich höre das Knistern der Flammen und die Rufe von Julia. Sie klettert auf allen vieren die von Schutt überhäufte Treppe hinauf, befreit uns aus den Trümmern, und schon befinden wir uns in dem Strom der Opfer, die mit verstörtem Blick aus den Häusern herauskommen und sich in einem unbeschreiblichen Durcheinander aus der Stadt hinausbegeben.
Jeden Morgen trafen Arbeiter aus Argelès ein und verbrachten den Tag damit, Baracken zu errichten. Alleine. Unter uns gab es Schreiner, Dachdecker, Ingenieure. Sie boten ihre Dienste an. Aber nein, irgendwo hatte irgendjemand entschieden, dass sich die Ausländer nicht mit den Einheimischen vermischen durften und dass die Kollaboration mit den Flüchtlingen bei der Erbauung ihrer eigenen Unterkünfte eine Einflussnahme auf die inneren Angelegenheiten Frankreichs bedeutete. Sogar uns Frauen verlangte es danach, zu helfen. Je eher diese Baracken errichtet wären, desto früher hätten wir ein Dach über unseren Köpfen und einen Schutz gegen die Kälte, den Wind und den Regen. Vor allem gegen den Regen: Wir hatten unsere Koffer und Kartons, um uns ein wenig vor Wind und Kälte zu schützen, doch waren wir schutzlos dem Regen ausgeliefert. Aber nein, es kam nicht infrage! Also blieben wir mit hängenden Armen stehen und schauten zu.
Was den Konstruktionsplan betraf, waren diese Baracken sehr einfach: Zehn oder zwölf Holzpflöcke wurden in den Sandboden gerammt, Holzplanken als Wände darangenagelt, ein Dach aus geteerten Platten daraufgesetzt, und das war alles. Auf dem Boden: nichts als Sand. Es war sehr schlicht … und nicht gerade solide: Gegen Ende Februar stürzte eine der Baracken unter dem Gewicht des Schnees ein, und es gab einen Toten und mehrere Verletzte. Nichts, was unsere Höllenhunde erschreckte. Ein Toter, einige Verletzte, was war das schon?
Ruhr, Tuberkulose und Typhus forderten unzählige Opfer, Kälte und Hunger nicht mitgerechnet. Die Krankenschwestern gingen jeden Morgen zu Beginn ihres Dienstes durch das Lager und sammelten die Leichen ein. Zumindest diejenigen, die sie fanden: Da die Familien nicht wussten, was mit den Toten geschah, versuchten sie sie zu verstecken, um sie selber in den umliegenden Weinbergen zu beerdigen, wenn die Wachen ihnen den Rücken kehrten. Sie kennzeichneten die Stellen, um sie später wieder aufzusuchen, wenn alles vorbei wäre. Ich bin manchmal dorthin gegangen. Es war eine aufreibende Arbeit: in gefrorener Erde zu graben, voller Steine, mit einem Lumpen oder einem alten Löffel! Und die Leiche, die einen anschaute!
Die ersten Baracken waren für die Verletzten bestimmt, zumindest für die Schwerverletzten, denn es gab nicht genug Platz für alle. Dann wurde den Arbeitern die Errichtung des Stacheldrahtzauns aufgetragen, und der Stapel Holzplanken blieb wochenlang auf dem Boden liegen. In der Zwischenzeit strömten immer mehr Flüchtlinge in das Lager. Vor allem nach der Einnahme von Barcelona am 26. Januar. Sobald die Grenze von der französischen Regierung in der Nacht vom 27. auf den 28. Januar geöffnet worden war bis zur Schließung im Februar stieg die Zahl der Menschen im Lager von einigen Hundert auf ungefähr fünfzigtausend. In den kommenden Monaten sollte sie auf sechzigtausend ansteigen. Und das war nichts im Vergleich zu den anderthalb Millionen Spaniern, die durch den Sturz der Republik und aus Angst vor den Nationalisten auf die Straßen getrieben worden waren, und den fünfhunderttausend, die in Frankreich, hauptsächlich in den Ostpyrenäen, aufgenommen wurden.
Fünfzigtausend, das war eine große Stadt. Das Lager von Argelès war in der Tat eine große Stadt, jedoch eine Stadt ohne Geschäfte, ohne Kirche, ohne Schule, ohne Kino. Nur eine kleine Krankenstation und Hunderte von Holzbaracken, die ein Windstoß hätte umwerfen können.
Wenn unsere Kräfte es erlaubten, wohnten wir am Eingang des Lagers der Ankunft der Neuankömmlinge bei. Die Gendarmen begannen damit, die Familien zu trennen: die Männer in ein Lager, die Frauen und Kinder in ein anderes, manchmal in der Nähe, manchmal weit entfernt, und jedes Mal waren es herzzerreißende Szenen, Schreie, die einem das Blut in den Adern gefrieren ließen. Vor allem die Schreie der Frauen. Sie hatten ihr Heim verloren, ihre Kinder oder Eltern sterben sehen, sie waren am Ende ihrer Kräfte, krank, und nun nahm man ihnen auch noch ihre Söhne, ihre Ehemänner, ihre Brüder. Die Frauen waren verzweifelt und zeigten es auch, doch habe ich auch Männer im Augenblick der Trennung schwanken oder gar plötzlich zusammenbrechen sehen.
Nach der Trennungsprozedur verteilte ein Gendarm Decken, die er aus einem Laster zog, ein anderer notierte Namen und Alter in ein Heft. Jeder neue Flüchtling begab sich in den Bereich, den man ihm zuwies, legte sein weniges Gepäck ab, buddelte ein Loch in den Sand und kam dann zum Zaun zurück, um auf der anderen Seite einen Ehemann oder eine Ehefrau, einen Bruder oder Cousin ausfindig zu machen. Auf diese Weise war der Stacheldrahtzaun von Menschenreihen bevölkert, die von einem Lager zum anderen kommunizierten, mit wenigen Worten, die der Wind davontrug. Häufig wehte der Mistral, manchmal eine ganze Woche lang, wirbelte den Sand hoch, sodass die Augen brannten. In stürmischen Nächten donnerten die Wellen, der Wind pfiff und es herrschte eine feuchte Kälte, die einem bis in die Knochen drang.
Zweimal am Tag fuhr ein Militärlaster durch das Lager, hielt an jeder Baracke an, um einen Kochtopf abzustellen, meistens mit Topinambur, manchmal mit Kartoffeln. Ein anderer Laster folgte, ein Wächter stand im Gefährt und warf wahllos Brot herab, ohne hinzuschauen. Man musste sehr großen Hunger haben, um dieses Brot und diese Kartoffeln zu essen, die uns Bauchschmerzen bereiteten, und wirklich sehr durstig sein, um – wenn auch abgekocht – dieses Wasser zu trinken, das wir mit Konservendosen an den berüchtigten Handpumpen schöpften. Natürlich stand kein Fleisch auf dem Speiseplan, obwohl es die von den Flüchtlingen mitgebrachten Tiere gab. Sie weideten in den Gärten oder starben vor Hunger, wenn sie nicht von den Metzgern von Argelès entwendet worden waren, doch es gab eine Vorschrift, die es untersagte, sie zugunsten ihrer Besitzer zu schlachten. In unserem Sektor waren wir alle krank, und das fast immer. Die Ruhr war allgemein verbreitet, die Kinder weinten tagelang vor Hunger, und dann starben sie, vor allem am Anfang. Später begann das Rote Kreuz mit seinen Besuchen und setzte sich bei den Verantwortlichen dafür ein, die Baracken bevorzugt den Frauen mit Kindern zuzuweisen. Aber auch so sah man überall Frauen im Sand sitzen, mit ihren Babys im Schoß oder auf dem Arm, und sie mit ausgetrockneter Brust stillen. So saßen sie einige Tage an derselben Stelle, dann sah man sie nicht mehr und wusste, dass es zu Ende war, das Baby war gestorben.
In der ersten Zeit waren wir zu erschlagen, um uns für das politische Geschehen zu interessieren, geschweige denn für irgendetwas anderes. Aber später, genauer gesagt ab dem Zeitpunkt, als wir uns in den Baracken einrichten konnten, erwachten die Gewerkschaftler und die Aktivisten zu neuem Leben, und es gelang ihnen, sich zu informieren. Ende Februar erfuhren wir, dass Frankreich das nationalistische Regime anerkannt und Verhandlungen über die Rückführung der Flüchtlinge eröffnet hatte, weil diese sie viel Geld kosteten. Am 2. März wurde Marschall Pétain in Burgos zum Botschafter von Frankreich ernannt, bei seinem alten Freund Franco. Er setzte die Frage der Flüchtlinge auf die Tagesordnung, doch er hatte viel zu tun, besonders, was die Rückgabe spanischen Vermögens betraf, das von den französischen Banken zurückgehalten wurde. In Spanien verkündete El Caudillo, der Führer, ein Gesetz der politischen Verantwortlichkeit, das erlaubte, die republikanischen Anführer bei ihrer Rückkehr ins Land anzuklagen und zu inhaftieren. Das Wort ›inhaftieren‹ war im nationalistischen Wortschatz häufig ein Synonym für ›beseitigen‹: Wenn jemand im Gefängnis landete, hörte niemand mehr von ihm, und es bestand eher die Chance, mit den Füßen voraus als auf zwei Beinen wieder herauszukommen. In den französischen Lagern war es ähnlich, doch die Schamlosigkeit der Regierung wurde durch die Fürsorge einiger Privatpersonen gelindert. Ein Beispiel? Als die Kältewelle ihren Höhepunkt erreicht hatte, führte eine englische Tierschutzgesellschaft eine Inspektion bei uns durch: Die Delegierten gingen gruppenweise an uns vorüber und fragten, ob wir Haustiere hätten und ob es ihnen an nichts fehlte!
Persönlichkeiten mieden Argelès im Allgemeinen, das als Nest von Gewerkschaftlern und militanten Republikanern betrachtet wurde, doch wir erhielten einige Besuche. Ich erinnere mich an einen Abgeordneten der Partei, der dem Empfang von Ausreißern beiwohnte, und an einen Journalisten von La Dépêche, der einen lobenden Artikel über die Organisation des Lagers schrieb. Laut ihm ein Paradies auf Erden. Im Juli inspizierte Pétain das mustergültige Lager von Barcarès, geplant für siebzigtausend Flüchtlinge in tausend Baracken mit jeweils siebzig Menschen! Die Zeitungen veröffentlichten Fotos und enthusiastische Artikel, in denen der Komfort in diesen Hunderten von ›Chalets‹ gerühmt wurde, die in einer Reihe angeordnet waren und deren Dächer aus Wellblech in der Sonne glänzten. Tatsächlich verhinderte das Wellblech jegliche Luftbewegung, und die Hitze darunter war grauenvoll.
Im Frühling begannen die Soldaten davon zu reden, dass wir im Land untergebracht werden sollten. Die etwas wohlhabenderen Leute suchten Mädchen für ihren Haushalt, die Bauern Helfer bei der Feldarbeit. An einem bestimmten Tag kamen einige Matronen und begutachteten die Kandidatinnen: die Zähne, die Augen, die Muskeln … Wie Vieh. Doch es war eine Gelegenheit, aus dem Lager zu kommen und seine Haut zu retten. Meine Schwester und ich hatten uns eingeschrieben und gaben an, zusammenbleiben zu wollen: wir beide gemeinsam oder keine. Daraufhin wurde Teresa krank, und ich wollte sie nicht im Stich lassen. Die Krankheit wurde plötzlich schlimmer, und eines Nachts schreckte ich aus dem Schlaf auf: In meiner Umgebung fehlte etwas. Ich lauschte und begriff: ein Geräusch weniger. Es war Teresas Atmung.
Ein schrecklicher Augenblick. Ihr Körper, am Vorabend noch heiß vom Fieber, drückte kalt an meine Hüfte und meinen Schenkel. Einen Moment lang versuchte ich die Realität zu leugnen, dann begann ich zu zittern. Am ganzen Körper. Meine Hände, meine Beine, meine Brust waren nur noch ein Beben. Meine Zähne schlugen in der Stille der Baracke aufeinander. Ich glaube, es war dieses Klappern, das die Aufmerksamkeit meiner Nachbarinnen auf sich zog.
Was war danach geschehen? Ich erinnere mich nicht daran. Ich sehe mich mit offenen Augen liegen, ich spüre Teresas Druck an meinem Schenkel, und dann stehe ich am Eingang der Baracke, von meinen Kameradinnen umgeben. Wie jeden Morgen kommt die Gesundheitskontrolle, lädt den Leichnam auf die Bahre, bedeckt ihn wie immer mit einer Plane. Die Mädchen stehen schweigend da. Kaum ein Schluchzer oder eine Träne auf den Wangen.
Dieser Moment hat sich in mein Gedächtnis eingegraben. Ich schließe die Augen, und alles ist wieder da: die gezielten, professionellen Handgriffe der Krankenschwestern in dem grauen Licht, das durch die kleinen Fenster fällt, das Prasseln des Regens auf dem Dach, der Matsch auf dem Boden und unten an den Wänden. Ich sehe die Schweißtropfen an der Stirn eines der beiden Männer herunterlaufen, die Ratlosigkeit auf den Gesichtern der Frauen, und ich höre in dem Getöse des Regens und dem Husten einer Kranken die ersten Takte von La maja y el ruiseñor – Das Mädchen und die Nachtigall – in mir aufsteigen, des Klavierstücks von Granados, dem spanischen Komponisten. Ich stehe regungslos da. Ich betrachte diese Männer und wie sie mit diesem Körper umgehen, als beträfe es mich nicht, so wie ich dieselben Männer andere Körper habe aufheben sehen, fast jeden Morgen seit meiner Ankunft in Argelès, und ich höre diese Melodie, die mich wiegt und umhüllt.
Villefranche
Der Leiter des Lagers ließ mich am späten Vormittag rufen.
»Ich begleite dich«, sagte Julia und erhob sich.
»Lass nur«, entgegnete ich aus meiner tiefen Niedergeschlagenheit heraus.
Ich begab mich langsam zu dem kleinen Backsteingebäude mit den Büros und der Krankenstation. Dabei versuchte ich, auf den Holzplanken, die die Soldaten endlich über die Kloake gelegt hatten, das Gleichgewicht zu halten.
Der Leiter erwartete mich, und er war nicht allein. Er unterhielt sich in seinem Büro mit einer kleinen rundlichen Frau, von der ich durch die offen stehende Tür zunächst nur den Rücken erblickte. Als ich eintrat, drehte sie sich halb um, begutachtete mich von Kopf bis Fuß, und ihr Blick blieb erst an meinen Beinen hängen, dann an den Hüften und an dem, was von meiner Brust noch übrig geblieben war.
»Maria Soraya«, sagte der Soldat nach einem Räuspern. »Ist das dein Name?«
»Ja, das bin ich.«
»Madame …«
»Puech, Félicie Puech.«
»Madame Puech aus …«
»Villefranche, Villefranche-de-Conflent.«
»Madame Puech aus Villefranche-de-Conflent hat sich gemeldet, um dich aufzunehmen. Sie braucht Hilfe in ihrer Bäckerei, so ist es doch?«
»Ja. Mein Sohn wurde eingezogen, wie ich Ihnen gesagt habe …«
»Also …«
Er fuhr mit seinem dicken, fettigen Finger über ein Blatt Papier.
»Du hast mehrere Angebote abgelehnt, nicht wahr? Maria Soraya. Deine Schwester und du, ihr wolltet in derselben Familie aufgenommen werden, stimmt doch, oder? Nun …«
»Ich werde mitgehen«, sagte ich entschlossen.
»Du sprichst Französisch?«, fragte die Frau und blickte mir tief in die Augen.
»Ein wenig. Ich verstehe es«, fügte ich auf Katalanisch hinzu.
»Ein wenig!«, wiederholte sie enttäuscht.
Sie erhob sich seufzend, und ich fragte mich, ob die Anstrengung, die diese einfache Bewegung ihr abverlangte, durch ihre Korpulenz, gewöhnliche Müdigkeit oder vielmehr durch den Ekel, den ich ihr einflößte, hervorgerufen wurde. Sie drückte meine Muskeln an den Oberarmen, zog meinen Rock bis über die Knie hoch, inspizierte meine Haare und lief währenddessen unablässig mit unentschlossener Miene und Seitenblicken hin zum Lagerleiter um mich herum. Als sie ihre Inspektion beendet hatte, setzte sie sich wieder, seufzte noch einmal und schaute mich mit ihren kleinen Marderaugen einen Augenblick aus der Entfernung an.
»Marie also?«, fragte sie wiederum seufzend.
»Ja, Madame.«
»Gut. Ich nehme sie.«
Sie nickte, und ich begriff, dass ich aus dem Lager herauskommen würde, um irgendwo in einer Stadt oder einem Dorf der Ostpyrenäen Brot zu verkaufen. Der Leiter des Lagers stempelte ein Blatt Papier und hielt es ihr hin.
»Zehn Minuten«, sagte er, ohne mich anzusehen. »Du hast zehn Minuten, um deine Sachen zu holen.«
»Der Zug wartet nicht«, setzte die Frau mit einem letzten Seufzer hinzu.
Ich habe keine genaue Erinnerung an den ersten Teil unserer Reise, nur einige Bilder sind mir geblieben: Madame Puechs Bedrängnis in dem Moment, als sie auf den Lastwagen der Militärbehörde aufstieg, der Tumult am Bahnhof von Argelès, die eisernen Brücken über den Flüssen, das Grau des Meeres an der Flussmündung. Deutlich sehe ich jedoch den schwarzen Mantel und den kleinen Hut meiner Chefin unter einem großen Glasdach vor mir, das muss am Bahnhof von Perpignan gewesen sein. Und ich habe drei Trittbrettstufen und zwei sich gegenüberstehende hölzerne Sitzbänke vor Augen. Ein Reisender schickte sich an, meinen Koffer zu nehmen, um ihn auf der Gepäckablage über den Sitzplätzen zu verstauen, doch ich hinderte ihn daran und drückte den Koffer fest an mich. Ein kleines Ding aus aufgeweichtem Karton, an den Ecken eingedrückt, von Regen und Sonne verformt. Doch es war alles, was mir von meiner Vergangenheit geblieben war, das Einzige, was mich an meine Familie erinnerte.
»Nun gut!«, murmelte Madame Puech deutlich genug, dass ich es hörte. Seht euch das an!, sagte ihr Blick. Seht diese Zurückgebliebene, die sich an ein Stück Karton wie eine Bettlerin an ihre Mütze klammert! Doch sie spürte, dass ich nicht von meinem Entschluss ablassen würde, und insistierte nicht. Sie ließ sich am Ende der Sitzbank am Fenster nieder und wies mir mit einer Kinnbewegung den Platz ihr gegenüber zu.
»Setz dich dort hin«, sagte sie, als ich zu ihr kam.
Sie wiederholte es auf Katalanisch. Ich ließ mich nieder und versuchte dabei unter den Falten dessen, was von meinem Mantel übrig geblieben war, die Flecken und Risse meines Rocks zu verbergen.
»Nun, wir werden dich neu einkleiden«, sagte sie mit einem erneuten Seufzer, während sie mein Unterfangen beobachtete.
»Danke, Madame«, erwiderte ich auf gut Glück auf Französisch.
In diesem Augenblick ertönte ein Pfiff auf dem Bahnsteig, und die Dampfstöße wurden mit dem Schließen der Türen und dem Quietschen der Kuppelstange beantwortet. Es hatte aufgehört zu regnen, ein winterliches Licht glitt über die Gesichter, und die Geräusche fügten sich in einer Art Abschiedssymphonie zusammen, welche die Kulisse einhüllte und durchdrang.
Die Musik war der Mittelpunkt meines Lebens, ja, meines Seins gewesen, bevor ich Tarragona verlassen hatte. Die Bombardierung hatte sie plötzlich aus meiner Welt genommen, und nun kam sie auf diese Weise wieder zurück, ohne Vorwarnung. Warum gerade in diesem Moment? Hing es damit zusammen, dass ich das Lager verlassen hatte? Dass sich nach diesen Monaten der Zurückgezogenheit, der schieren Hoffnungslosigkeit neue Perspektiven eröffneten? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass sie da auf einem Bahnsteig im ›Zentrum der Welt‹, wie Salvador Dalí diesen Ort genannt hatte, wieder ihren Platz in mir einnahm.
Der Zug entfernte sich vom Bahnhof, dann von den Vorstädten, um durch einen Weinberg zu fahren, der sich mit seinen Hohlwegen, Mandelbäumen und Hütten unter Feigenbäumen in sanften Wellen dahinzog, so weit das Auge reichte. Es gab dort Felsen, die wie Schornsteine mit einer Haube aussahen, Dörfer mit roten Dächern und weißen Mauern, die mich an Spanien erinnerten, linkerhand bewaldete Abhänge und darüber eine hohe, mit Schnee bedeckte Gebirgskette.
»Der Canigou«, sagte Madame Puech, als sie meinem Blick folgte.
»Der Canigou«, wiederholte ich.
»Komm näher«, murmelte sie wenig später und rutschte an den Rand ihres Sitzplatzes.
Sie zögerte, dann sagte sie leise, indem sie sich von den Mitreisenden abwandte: »Ich muss mit dir reden. Über Charles. Meinen Sohn Charles. Meinen einzigen Sohn, hörst du?«
Sie sah mich durchdringend an. Was war mit diesem Charles?
»Die Armee hat ihn uns genommen«, seufzte sie. »Die Mobilmachung, verstehst du? Das tut uns weh. Es schadet dem Geschäft«, sprach sie stirnrunzelnd weiter. »Wir können ihn nicht ersetzen, sie sind alle weg, verstehst du? Alle Männer sind fort«, wiederholte sie mit einer Handbewegung, als würde sie einen Schwarm Spatzen nachahmen, »das Backhandwerk ist Männerarbeit, und es gibt keine Männer mehr, es sind keine mehr da.«
Sie setzte sich wieder zurück auf ihren Platz und erklärte mir unter weiteren Seufzern und ohne mich anzuschauen die Organisation ihres Geschäfts und was sie von mir erwarteten, ihr Mann und sie: Ich würde im Laden arbeiten und Arlette, ihre Angestellte, in die Backstube überwechseln. Dann holte sie ein großes viereckiges Stück Stoff aus ihrer Manteltasche, schnäuzte sich und rieb sich die Nasenflügel.
»Charles …«
Sie zögerte, dann sagte sie mit traurigem Gesicht: »Er schreibt nicht.« Und mit einem in die Ferne auf irgendein Detail der Landschaft gerichteten Blick: »Émile macht es ganz krank.«
»Émile?«
»Émile, mein Mann. Muss man dir alles erklären? Charles sollte ihn ablösen. Er hat es versprochen. Aber nun ist Krieg, er ist weg, und Émile, nein, er kann nicht, es ist zu viel für ihn. Es wird ihn umbringen«, fuhr sie fort und schnäuzte sich wieder mit einer großtuerischen Geste, bei der sie ihre Augenbrauen zusammenzog.
Den Blick noch immer abgewandt, fügte sie leise hinzu: »Deshalb haben wir dich genommen, verstehst du? Für den Verkauf.«
»Den Verkauf?«
»Für den Brotverkauf natürlich! Ach, begreifst du denn gar nichts?«
»Doch«, stammelte ich. »Für den Brotverkauf.«
»Wirst du es schaffen?«, fragte sie besorgt, nachdem eine ganze Weile Stille geherrscht hatte.
Was sollte ich schaffen? Mich an den Preis des Brotes erinnern, die Bestellungen notieren, das Kleingeld herausgeben? Das erledigen, was ich so oft die Angestellten der Bäckerei in unserem Viertel in Tarragona hatte tun sehen? Warum nicht? Ich hatte mir vorgestellt, dass ich Wäsche ausschlagen, Kartoffeln schälen und Wasser aus einem tiefen, dunklen Brunnen heraufholen musste. Letztendlich verlangte man von mir, dass ich mich hinter einen Ladentisch stellte, um Brot auszugeben, was würde das ändern? Das Einzige, was für mich in diesem Moment zählte, war, aus diesem Lager wegzukommen, zu dem man mich zurückbringen würde, wenn ich die an mich gestellten Aufgaben nicht erfüllte. Tatsächlich hätte ich an jenem Tag und auch noch geraume Zeit später alles Mögliche akzeptiert, nur aus Furcht, nach Argelès zurückgeschickt zu werden. Sagte man mir: Tu dies, mach das – ich tat es, ohne zu versuchen, es zu verstehen, oder zu widersprechen. Wie dem auch sei, ich hatte meinen Vater, meine Mutter, mein Zuhause verloren, ich hatte auf der Flucht Schreckliches gesehen, wie ich es mir nie hätte vorstellen können, und nun war Teresa tot, und ich war allein auf der Welt. Also Wäsche waschen oder Brot verkaufen …
»Ja, Madame«, sagte ich in meinem unvollkommenen Französisch, »ich werde es schaffen.«
Und später, nachdem ich ein wenig nach den Worten gesucht hatte: »Sie können sich auf mich verlassen.«
Sie sah mich noch einen Moment lang an, mit diesem zweifelnden Ausdruck, mit dem sie mich von Anfang an im Büro gemustert und den sie seitdem beibehalten hatte, dann wandte sie den Kopf zum Fenster und versank in ihre Gedanken.
Wir fuhren in einen Bahnhof ein, der den Namen ›Prades‹ trug. Auf dem Bahnsteig erinnerte mich ein mit Kugeln und Girlanden geschmückter Weihnachtsbaum an das Datum: Es war der 24. Dezember. Ich hob den Kopf und nahm die Menschen in unserem Abteil wahr. Ich war so in meine Gedanken vertieft gewesen, von der Betrachtung der Landschaft so in Anspruch genommen, dass ich sie weder gesehen noch gehört hatte. Hätte man mich gefragt, wer von ihnen mit uns zusammen in Perpignan eingestiegen war und wer an den folgenden Haltestellen, ich wäre nicht in der Lage gewesen zu antworten.
Ich lauschte. Die Unterhaltung handelte von den Rationierungsmaßnahmen, den Schwierigkeiten, Lebensmittel zu bekommen, der drohenden allgemeinen Mobilmachung. In Kriegszeiten Weihnachten feiern – wie passt das zusammen?, bemerkte jemand. Eine Antwort blieb aus.
Dieser Halt dauerte länger als die anderen, doch der Zug setzte sich schließlich wieder in Bewegung. Die Silhouette des Tannenbaums entfernte sich rasch, und die Kulisse verengte sich. Da waren keine großen Obstgärten und bewaldeten Hügel mehr. Wir fuhren langsam durch einen Engpass, der mich an den Anstieg des Passes von Perthus nach der Bombardierung erinnerte. Tränen stiegen mir bei dieser Erinnerung in die Augen. Würde die Kette meiner Unglücke jemals enden? Stand es irgendwo geschrieben, dass ich immer wieder auf Menschen ohne Mitleid treffen würde, die nur den Profit oder den Vorteil im Sinn hatten, den sie aus mir ziehen konnten? Wie diese Madame Puech. Sie beobachtete mein Spiegelbild in der Glasscheibe der Tür, stellte meine Bestürzung fest und tat, als ob sie nichts bemerkte, nichts sah. War das eine Angewohnheit der Leute hier? Eine besondere Sitte in dieser Gegend? Nein, seit ich das Lager verlassen hatte, war ich einige Male angelächelt worden. Am Bahnhof mit dem Tannenbaum hatten mich die Reisenden mit einer Mischung aus Neugier und Sympathie angeschaut. Sie hätten mich sicherlich angesprochen und sich meiner angenommen, wenn meine Chefin nicht da gewesen wäre.
Bei der folgenden Haltestelle, der von Ria, knöpfte diese ihren Mantel zu, nahm ihre Handtasche und machte mir ein Zeichen, mich bereitzuhalten. Die anderen Reisenden taten es ihr gleich und ich fragte mich, ob sie über alle diese Leute verfügte, ob der Himmel mich unter den Schutz einer Familie gestellt hatte, die sich gegenüber allen durchsetzte. Es gab einen kleinen Ruck, der Zug blieb stehen und die Leute folgten uns auf den Bahnsteig.
Dieser Bahnhof war weit weg von allem, er lag verlassen auf einer kleinen Hochebene, die von hohen Felsen umgeben war. Es war kaum vier Uhr nachmittags und die Dunkelheit brach über den Vorplatz herein, die Sonne erhellte nur noch ein Stück Felsen ganz oben auf den Bergen. Ein feuchter und kühler Wind wehte in der Talmulde, und ich zitterte in meinem abgenutzten Mantel. Doch es war nicht der Moment, sich gehen zu lassen: Ich umklammerte den Griff meines kleinen Koffers, biss entschlossen die Zähne aufeinander und folgte Madame Puech auf der Straße, die vor dem Bahnhof begann. Sie führte auf einer Steinbrücke über einen Fluss, den der Zug mehrere Male überquert hatte.
»Die Têt, hörst du?«, sagte Madame Puech, ohne stehen zu bleiben, und wandte sich ausschließlich der Strömung zu.
»Die Têt«, wiederholte ich und bemühte mich, mir dieses neue Wort einzuprägen.
Frauen und Männer waren vor und hinter uns auf der Brücke unterwegs, bogen am Ende rechts ab und gingen an einer Steinmauer entlang, die von der Böschung hinaufragte. Ich erkannte einige Reisende aus unserem Abteil wieder, entdeckte aber auch Frauen in Schürzen und Arbeiter in Latzhosen, die ich weder im Zug noch auf dem Bahnsteig gesehen hatte. Waren das Bauern? Oder Eisenbahner, die von ihrer Arbeit zurückkehrten?
All diese Leute redeten, pfiffen, machten Späße, grüßten meine Chefin, und ich zitterte. Vor Kälte und von der quälenden und sich immer wiederholenden Erinnerung an den Aufstieg nach Perthus unter den Schusssalven der nationalistischen Luftwaffe. Ich zitterte wegen der feuchten Kälte, die vom Fluss her aufstieg, und der Kälte, die diese Bilder in meiner Seele hervorriefen. Und zwar gegen meinen Willen. Im Gegenteil, ich bemühte mich, den Gesprächen um mich herum zu folgen, die Vorfreude an diesem Weihnachtsabend zu teilen. Aber immer tauchten dieselben Szenen wieder auf: der überstürzte Aufbruch im Feuerschein, die Leichen von Papa und Mama, das Blut an den Mauern und auf dem Straßenpflaster. Es war stärker als ich.
Ich versuchte meine Gedanken wieder auf Bilder von schönem Feuerschein in einer Küche und von warmem Brot auf Regalen in einer Bäckerei zu lenken, doch das Grauen setzte sich durch, und mir wurde langsam schlecht. Schließlich ging ich auf die Mauer zu, an der wir entlangliefen, und ließ mich an ihr hinuntersinken, mit dem Rücken gegen den Stein. In diesem Augenblick, ja, da hätte ich gewollt, dass alles aufhört und dass Gott mich zu sich nimmt, zu den meinen.
»Geht es dir nicht gut?«, fragte eine Frau und kam zu mir.
»Die Kleine hier fühlt sich nicht wohl«, sagte eine andere direkt neben mir.
»Du, misch dich da nicht ein«, entgegnete Madame Puech, ohne sich deshalb um mich zu kümmern.
Sie war vom Bahnhof an zusammen mit einer Frau ihres Alters und Ranges gelaufen, die wie sie in einen halblangen dunklen Mantel gehüllt war. Sie trat ein wenig auf der Stelle, als sie mein Unwohlsein bemerkte, machte jedoch keine Anstalten, mir zu Hilfe zu kommen, und ich konnte ihr nicht böse sein: Jeder an ihrer Stelle hätte sich dieses Schmutzfinks geschämt, der die Leute verjagen würde und vielleicht völlig unfähig war, eine Faulenzerin, eine Diebin, wer weiß, die vielleicht eher begabt dafür war, ihre Hand in die Kasse zu stecken, als Brot einzuwickeln und die Kunden freundlich zu bedienen. Ich verstand ihre Worte nicht, aber ihre verstohlenen Blicke und ungeduldigen Gesten bedurften keiner Übersetzung.
Es gelang mir, wieder aufzustehen, zu ihr zu gehen, und als ich sie eingeholt hatte, sah ich durch das Geäst, das vom Flussufer aufragte, die lange hellgraue Stadtmauer. Es war dasselbe leicht rosafarbene Hellgrau wie bei dem Felsen am Engpass, der Schutzmauer am Fluss, dem Brückenbogen unterhalb des Bahnhofs. Eine lange grau-rosa Mauer, von ihrem Schieferdach durch den schwarzen Streifen einer Galerie förmlich getrennt, von zwei Türmchen flankiert und ungefähr in der Mitte von einem Tor durchbrochen, dessen stark ausgearbeitete Details die schreckliche Nüchternheit des Ganzen noch betonten.
Mit jedem Schritt wurde das Bauwerk größer und nahm einen immer umfangreicheren Teil meines Blickfeldes ein, und im selben Maß wuchs meine Furcht. Als ein Auto über eine der Steinbrücken fuhr, fiel sein Scheinwerferlicht für kurze Zeit auf das Mauerwerk. Dein neues Gefängnis, sagte ich mir, als das Licht verschwand, von dem dunklen Loch des Tors verschluckt. Ich schaute noch eingehender hin. Die Mauer kam mir gigantisch vor, das Tor winzig klein, der Abgrund am Fuß der Bastion von einer unglaublichen Tiefe.
»Der Fluss Cady«, sagte Madame Puech und wandte sich mir ein wenig zu.
Ich folgte ihr in das Dunkel des Tores und sagte mir, dass ich nun von einem Lager in das nächste kam, das noch furchterregender war als das erste und dessen Türen sich augenblicklich hinter mir schließen würden. Wir befanden uns direkt an der Stadtmauer; ich erriet im Halbdunkel der hereinbrechenden Nacht die Einzelheiten des Mauerwerks und wurde immer mehr von einer dumpfen Angst erfüllt.
»Versuch, dich zu benehmen«, murmelte sie, als wollte sie meine Sorgen bestätigen.
Es war das erste Mal, dass ich in eine solche Festung kam, und ich fragte mich, ob sich der Zug von Perpignan nicht in der Zeit zurückbewegt hatte, um uns am Tor zu einer anderen Welt abzusetzen. Was war das für eine Stadtmauer? Fand das Leben nur innerhalb dieser Mauern statt? Aber die Menschen mussten doch auf ihre Felder. Wo brachten sie ihre Tiere und ihre Ernte unter? Fragen stürzten auf mich ein, aber ich hätte mich nie getraut, sie Madame Puech zu stellen. Denn ich wollte nicht dumm wirken und auch nicht die Bedrängnis vergrößern, in der sie sich offensichtlich seit dem Verlassen des Bahnhofs befand und die ich mir eigentlich nicht erklären konnte. Hatte ich einen Fehler begangen, ohne es zu merken? War sie, als sie mich während der Zugfahrt beobachtete, zu der Ansicht gekommen, dass ich nicht die von ihr erhofften Qualitäten besaß?
»Die Porte de France«, sagte sie, als wir in diesen Tunnel hineingingen, der auf mich wie das Maul eines Drachens wirkte.
»Die Porte de France«, wiederholte ich und betrachtete die bedrohlichen Spitzen des Fallgitters, die riesigen Glieder der Kette und die großen Holzräder des Laufwerks.
Hinter dem Tor lag ein Platz, in seiner Verlängerung eine Straße und eine weitere rechterhand ganz am Ende des Platzes. In diese Richtung wendete sich Madame Puech. Sie ging plötzlich sehr schnell und erwiderte kaum den Gruß der Leute. Es wurde immer dunkler, die Fenster in den Stockwerken der Häuser wurden erleuchtet, eine Frau verließ mit einem Baby auf dem Arm ihr Haus, schloss die Fensterläden und summte dabei unaufhaltsam vor sich hin. Madame Puech bog in die Straße am Ende des Platzes ein, stieß eine Glastür mit dem Ladenschild der Bäckerei auf, und ich begriff, dass wir angekommen waren.
»Ist alles bereit, Arlette?«, wandte sie sich ohne Begrüßung an die Person hinter dem Ladentisch.
»Es ist alles bereit, Madame. Wir haben zwei Kessel, die zusätzlich erhitzt werden können, für alle Fälle.«
Arlette gab einem kleinen Mädchen das Wechselgeld heraus. Dann waren noch zwei ältere Männer im Laden, in schwarzen Cordhosen und dunklen Jacken. Der kleinere von ihnen hatte eine Wollmütze auf dem Kopf. Sie drehten sich zu uns um und betrachteten mich schweigend, wie man etwas Seltsames anschaut. Auch im Zug und auf dem Weg zum Bahnhof hatten mich die Menschen gemustert, jedoch flüchtig und wie im Vorbeigehen. Seit wir die Porte de France durchschritten hatten, war es anders: Die Blicke richteten sich gezielt auf mich, musterten mich von oben bis unten und wanderten dann zu Madame Puech, als forderten sie von ihr Rechenschaft. Wer war diese Fremde, dieses schmutzige Wesen, das ihr wie ein Schatten folgte? War es eine gute Idee, ein Mädchen, dessen Eltern keiner kannte, in die eigenen Mauern hereinzulassen? Ich sah mich mit ihren Blicken und schämte mich. Schämte mich meiner fleckigen Kleider, meines zerlöcherten Mantels. Schämte mich meiner nackten Füße in meinen zerschlissenen Schuhen.
Ich verstand den Sinn des Gesprächs mit Arlette erst, als ich Madame Puech auf den Fersen in das folgte, was die Backstube sein musste. An der Wand entlang standen Arbeitstische bedeckt mit Zinkplatten, ein Backtrog und ganz hinten Jutesäcke. All das war von weißem Staub bedeckt. In der Mitte des Raumes stand ein großer, dampfender Holzzuber auf dem Boden, ein Badehandtuch lag auf einem Stuhl, und über der Lehne hingen saubere Kleider.
»Komm!«, sagte sie zu mir und zog ihren Mantel aus. Sie schnürte eine große Schürze, die an einem Haken gehangen hatte, um ihre Hüften und krempelte die Ärmel ihrer Bluse bis zu den Ellenbogen hoch. Dann beugte sie sich über den Zuber und griff nach dem Schwamm darin.
»Nun!«, wandte sie sich noch einmal an mich und drehte sich dabei zu mir um.
Eine angenehme Wärme erfüllte die Backstube, und die Aussicht, mich zu waschen und saubere Kleider anzuziehen, entzückte mich. Es würde seit meiner Flucht aus Tarragona vor zehn Monaten das erste Bad sein. Doch es gab da einen Haken: Ich musste mich vor einer Fremden ausziehen, in einem Raum, den Arlette oder sonst irgendjemand jeden Moment betreten konnte.
Madame Puech war meinem Blick gefolgt. Sie zuckte mit den Schultern und ging, um die zwei Riegel an der Tür zum Laden hin zu verschließen und dann die an der Tür am anderen Ende, die nach draußen führen musste. Nun also zog ich meinen Mantel und mein Kleid aus, das ich seit meiner Flucht aus Spanien trug. Ich zögerte erneut, als ich meine Unterwäsche – das, was davon übrig war – auszog, doch Madame Puech hatte bereits die Tür des Ofens geöffnet und warf meine Lumpen nach und nach hinein.
Plötzlich erleuchtete ein wilder Schein die Wände. Ich wandte den Kopf und erstarrte: Sie hatte meinen Koffer ergriffen und schickte sich an, ihn ins Feuer zu werfen.
»Nein!«, schrie ich.
Mit einem Satz war ich am Ofen, riss den bereits brennenden Koffer aus Madame Puechs Händen und tauchte ihn in den Zuber. Weißer Rauch stieg aus dem Dampf hoch, die Flammen flackerten an die Decke, und Madame Puech stieß einen überraschten Schrei aus.
»Was tust du? Hör auf, du Unglückliche! Du wirst das Haus in Brand stecken!«
Das kümmerte mich nicht. Sie konnte schreien, so viel sie wollte, dass das ganze Viertel zusammenlief, es war mir egal. Ich warf den Koffer auf den Boden, sobald die Flammen erloschen waren, und öffnete ihn, um die einzigen Reliquien meiner Kindheit herauszuholen: das Gebetbuch von Mama und meine Perlenkette, eine Erinnerung an mein erstes Konzert, in der hölzernen Schatulle, die Papa extra für diesen Anlass angefertigt hatte. Sie war von den Flammen geschwärzt, das Buch und die Kette aber unversehrt. Ich nahm mir die Zeit, sie auf einen in der Nähe stehenden Tisch zu legen, dann ergriff ich das, was von dem Koffer übrig war, und warf es selber in die Flammen.
Madame Puech beobachtete mein Tun mit starrem Blick, wie jemand, der seinen Augen nicht traut. Regungslos, mit leicht geöffnetem Mund und zitternden Lippen. Doch plötzlich kam sie wieder zu sich und zeigte mit einer Handbewegung auf die Kleidungsstücke über der Stuhllehne.
»Du ziehst bei dem Tausch nicht den Kürzeren.«
Ein Kleid, wie ich es mir schon immer gewünscht hatte: hellblau, mit einem Kragen und Manschetten aus weißer Baumwolle. Und dann noch ein Unterkleid mit Spitzenbordüre, weiße Kniestrümpfe und eine hübsche Mütze.
»Das müsste dir passen«, sagte sie, die Hände auf den Hüften.
Als ich mich nicht entschließen konnte, mein altes Unterkleid auszuziehen, kam sie zu mir, griff nach dem unteren Saum und zog es mir mit einem Ruck über die Schultern. Ich stieß einen Schrei aus und kreuzte die Arme über meiner Brust.
»Los, denkst du, ich habe sonst nichts zu tun?«
Ich sah ein, dass Widerstand zu nichts führen würde, zog meine letzten Lumpen aus und stieg über den Rand in den Holzzuber.
Weihnachten
Ein Duft von Weihnachten hatte auf unserer Fahrt die Luft in den Bahnhöfen erfüllt, und als ich durch die Bäckerei lief, hatte ich Zeit, auf dem Fenstersims des Schaufensters eine kleine Krippe zu bemerken, die mit falschem Schnee gepudert war. Es würde einen Weihnachtsabend und eine Mitternachtsmesse geben. Darum kreisten meine Gedanken, als ich Madame Puech in den leeren Verkaufsraum folgte, der von dem Licht, das durch eine kleine Tür links vom Ladentisch fiel, nur schwach erleuchtet wurde. Hinter dieser Tür führte eine Treppe in den ersten Stock, in eine große Küche, in deren Mitte ein massiver Tisch mit einer Wachstuchdecke stand. Rechts der Eingangstür befand sich an der Wand zwischen den beiden Fenstern ein Buffet, gegenüber ein gusseiserner Herd mit seinem Zinkrohr, auf der linken Seite ein Sofa und in der hinteren Ecke ein Spülbecken aus Stein. Die weiteren Türen führten sicher in andere Zimmer … Das ist von nun an deine Welt, sagte ich mir.
Die Lippenbewegungen, die ich seit unserer Abreise aus Argelès bei Madame Puech beobachtet und ihrer Beunruhigung wegen der Reise zugeschrieben hatte, diese Bewegungen hatten sich, seit wir bei ihr zu Hause waren, in eine Art Murmeln verwandelt und wurden von einem Schulterzucken begleitet, das ihre Umgebung vielleicht als eine ihr eigene Art nicht mehr wahrnahm. Ich bemerkte es wieder, als sie zum Küchenschrank ging. Sie holte eine mit Mohnblumen bestickte Leinentischdecke heraus und forderte mich auf, den Tisch für vier Personen zu decken: sie selbst und ihren Mann, ihren Sohn Charles und seine Verlobte Agnès. Arlette und ich würden in der Küche essen, zwischen den einzelnen Gängen.
»Charles? Sie haben mir doch gesagt …«
»Was habe ich gesagt?«
»Dass er mit der Armee fortgegangen ist.«
»Ja, er ist weg, natürlich ist er fort«, erwiderte sie verwirrt, »aber man weiß ja nie.«
Dann fing sie sich wieder: »Als ob ich mich dir gegenüber rechtfertigen müsste! Tu, was man dir sagt, arbeite, statt tausend Fragen zu stellen. Und lass dir das ein für alle Mal gesagt sein: Misch dich nicht in unsere Angelegenheiten ein! Verstehst du mich? Das gilt auch für dich«, wandte sie sich an Arlette, die am Spülbecken beschäftigt war.
Sie stieß plötzlich eine der Türen auf, die von der Küche wegführten, und drehte an einem Schalter. Licht fiel von einem fünf- oder vielleicht auch sechsarmigen Leuchter in ein Esszimmer, dessen Mobiliar mich sprachlos machte. Es waren nur ein Tisch und sechs Stühle, eine Kommode und ein Buffet, die aber wie neu aussahen und in einem mir unbekannten Stil gearbeitet waren. Diese Pracht erinnerte mich an ein Möbelgeschäft in Tarragona, das ich eines Tages mit meiner Mutter betreten hatte und dessen Duft nach Wachs, dessen spiegelnder Glanz und goldene Beschläge einen lang anhaltenden Eindruck von außergewöhnlichem Komfort und unglaublicher Erhabenheit bei mir hinterließen.
»Und, worauf wartest du?«
Ich stand wie angewurzelt auf der Schwelle zu diesem Zimmer, mit der Tischdecke über dem Arm, und versuchte mich davon zu überzeugen, dass diese Möbel ein wenig mir gehörten, dass ich sie so lange bewundern könnte, wie Madame Puech mich in ihrem Dienst haben wollte, sogar schon sehr bald, wenn ich auftragen würde.
»Soll sich die Arbeit etwa von alleine machen?«
Allerdings musste Madame Puech mich wollen, sagte ich mir. Und ich gab mir noch größere Mühe, mir den richtigen Platz des Bestecks, des Geschirrs und der schmiedeeisernen Kerzenhalter auf dem Tisch einzuprägen …
Woher ich die Kraft nahm, den Tisch zu decken, kann ich mir nicht erklären. Die Übelkeit kam in Wellen; die Gerüche, die aus den Töpfen aufstiegen, drehten mir den Magen um. Ich konnte mich nur aufgrund meines Willens, einen guten Eindruck zu machen, aufrecht halten. Gewissermaßen ein Überlebensreflex. Zu meiner eigenen Überraschung gelang es mir, und ich führte noch weitere kleinere Arbeiten aus, die Arlette mir auftrug.
Ich saß am Küchentisch und schälte Kartoffeln, als Schritte auf der Treppe zu hören waren, die zu den Schlafzimmern führen musste. Zwei abgetragene Pantoffeln, eine braune Cordhose, eine Jacke in demselben Farbton mit Flicken an den Ellenbogen: In dieser Reihenfolge nahm ich Monsieur Puech wahr. Ein kleiner untersetzter Mann mit einem argwöhnischen Gesichtsausdruck. Er blieb auf der letzten Stufe stehen und schaute mich lange an, mit einem Blick, wie unsere Nachbarn in Tarragona mich angesehen hatten, als ich auf das Gymnasium ging und mein Po und meine Brüste sich entwickelt hatten. Eine ganze Weile taxierte er mich auf diese Weise.
»So ist das also?«, sagte er schließlich mit einer Art höhnischem Grinsen.
»So ist es, wie Sie sagen«, erwiderte Arlette, ohne den Blick von ihrer Arbeit zu heben.
»Hat dich jemand nach deiner Meinung gefragt?«, brummte er.
Schließlich stieg er die letzte Stufe hinunter und wandte sich dabei schwankend um, was mir zeigte, wie gebrechlich er war. Er nahm die Zeitung, ging hinkend auf mich zu und setzte sich am Tischende ganz dicht neben mich. Er saß da und schaute mich an, ich spürte seinen Blick auf mir, auf meinem von Unterernährung gezeichneten Gesicht, auf meinen kranken Augen, meinen Musikerhänden, die so gut wie zu nichts nutze waren. Er sagte nichts, blieb völlig ausdruckslos, versenkte sich nur in die Zeitung, doch ohne zu wissen warum war ich davon überzeugt, dass er sein Urteil über mich gefällt hatte, gleich auf den ersten Blick. Und ich verlor das Bewusstsein.
Als ich meine Augen wieder aufgeschlagen hatte, brauchte ich eine ganze Weile, um den Faden wiederzufinden, der mich mit den Dingen und Geräuschen um mich herum verband. Ich war weder in unserem Haus in Tarragona noch in unserer Baracke im Flüchtlingslager. Schließlich kamen mir die Ereignisse des Tages bruchstückhaft wieder in den Sinn: die Abreise aus Argelès, das Umsteigen in den anderen Zug in Perpignan, die Befestigungsmauer …
»Fröhliche Weihnachten!«, hörte ich eine Stimme neben mir sagen.
Auf diese Weise machte ich Bekanntschaft mit Agnès, der Verlobten von Charles. Sie beugte sich über mich, streichelte mir die Stirn, ließ ihre Finger durch meine Haare gleiten, und ich sagte mir, dass nicht alles verloren war, dass sich vielleicht einiges bessern würde.
»Die Kartoffeln …«
»Sind gemacht, ruh dich aus«, antwortete sie auf Katalanisch mit einem lauten, hellen Lachen, das ihre schönen weißen Zähne zum Vorschein kommen und ihre Augen strahlen ließ.
»Weißt du, schon seit Ewigkeiten wissen sie sich in diesem Haus auch ohne dich zu helfen, da kommt es auf einen Tag nicht an.«
Ich lächelte, und Madame Puech entschied, dass dies ein Zeichen war: Meine Unpässlichkeit war vorbei, ich konnte den Dienst wieder aufnehmen.
»Zu Tisch!«, sagte sie mit vorgetäuschtem Schwung.
»Und Charles?«, fragte Monsieur Puech spöttisch grinsend.
»Du weißt doch, dass er niemals pünktlich ist. Wenn wir auf ihn warten müssten, würden wir niemals essen.«
»Nun, mein Mädchen«, fuhr sie fort und warf Agnès einen dieser ausweichenden Blicke zu, die ich seit Argelès beobachtet hatte. »Ich möchte nicht kalt essen.«
Agnès tat, als würde sie aufstehen, doch sobald ihre Schwiegereltern ihr den Rücken kehrten, setzte sie sich wieder neben mich.
»Ich werde dir meine Freunde vorstellen«, sagte sie zu mir halblaut auf Katalanisch. »Wir haben eine kleine Truppe zusammengetrommelt … eine Truppe, das ist ein großes Wort. Es ist schon gut, wenn wir bei den Vorstellungen sechs Jungen und Mädchen sind. Wir singen katalanische Lieder und tanzen in traditionellen Kostümen in den Dörfern des Conflent, manchmal auch weiter weg.«
»Des Conflent?«
»Das ist der Name der Region hier. Das Tal der Têt und seine Umgebung zwischen dem Roussillon und der Cerdagne, zwischen der Ebene und den Bergen.«
»Sie ist nicht einverstanden«, sprach sie weiter mit einer Kopfbewegung in Richtung Esszimmer. »Aber das ist uns egal«, fügte sie schulterzuckend und mit einem schalkhaften Lachen hinzu.
Ich hatte in Madame Puechs Stimme eine leichte Gereiztheit bemerkt, als sie ihre zukünftige Schwiegertochter erwähnte. Wenn sie den Namen ›Agnès‹ aussprach, hörte es sich an, als hätte sie ›Schlampe‹ oder ›Flittchen‹ gesagt. Nun verstand ich.
»Und Charles?«
»Was, Charles? Er … er hat seinen Platz am Tisch«, stammelte sie, als hätte sie einen Fehler begangen.
»Charles wird nicht kommen«, sagte sie nervös. »Er ist … ist an der Front und … anscheinend hat er uns vergessen. So ist es, er lässt nichts von sich hören, sagen wir es so.«
»Entschuldigung …«
»Du konntest es nicht wissen.«
Sie schaute mich einen Augenblick lang mit leicht geneigtem Kopf an und legte ihre Hand erneut auf meine Stirn.
»Das überkommt sie manchmal«, sagte sie mit einer Handbewegung zu ihrer zukünftigen Schwiegermutter hin. »Sie tut so, als wenn nichts wäre, als ob Charles immer noch da wäre«, fuhr sie fort und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe, als wollte sie sagen, dass die Hausherrin in dieser Hinsicht ein wenig den Verstand verlöre.
»Manchmal …«
»Wir warten auf Sie«, schimpfte Madame Puech von der Schwelle des Esszimmers her. »Was heckt ihr aus?«
Agnès stand rasch auf; sie fürchtete sicher, dass Madame Puech unsere Unterhaltung mit angehört hatte. Wir waren beide so versunken gewesen, dass wir ihr Kommen nicht bemerkt hatten.
»Ich bin gleich da«, antwortete sie betreten. »Ich bereite nur noch einen Teller für Marie zu.«
»Kommen Sie. Arlette wird sich darum kümmern, wenn sie aufgetragen hat.«
Arlette hatte schlechte Laune. Fast schon ein dauerhafter Charakterzug von ihr, aber das wusste ich damals noch nicht und fragte mich, was ich falsch gemacht hatte, um diese Gereiztheit zu verdienen. War es wegen meines Schwächeanfalls? Weil ich ihr nicht die Hilfe zukommen ließ, die sie erwartete?
Wenn ich Arlette besser gekannt hätte, hätte ich gewusst, dass sie murrte wie andere atmeten, dass es keinen besonderen Grund für ihre Haltung mir gegenüber gab. Weil ich aber wollte, dass an jenem Abend alles vollkommen war, dass nichts diesen Heiligabend und meine Ankunft in diesem Haus trübte, setzte ich mich auf, sammelte meinen begrenzten Wortschatz zusammen und versuchte, sie in einem Gemisch aus Französisch und Katalanisch auszufragen.
Sie tat, als verstünde sie mich nicht, zwang mich aufzustehen, gab mir eine dampfende Suppenschüssel in die Hände und drängte mich zum Esszimmer hin.
Agnès war die Erste, die vom Tisch aufstand. Sie sang im Kirchenchor und hatte außerdem zugesagt, zu Beginn und am Ende der Messe Geige zu spielen. Eine Premiere in Villefranche, erklärte sie mir, als ich die Dessertteller abräumte.
»Geigenspiel in der Kirche! Das ist unglaublich«, sagte Madame Puech.
Sie sprach das Wort ›Geige‹ wie den Namen ihrer zukünftigen Schwiegertochter aus: mit einer missbilligenden, ja fast angeekelten Miene.
»Es wird doch auch Harmonium gespielt.« Zu mir gewandt fragte Agnès: »Kommst du mit?«
»O ja«, antwortete ich und trocknete mir die Hände vollends ab.
»Das ist nicht euer Ernst«, sagte Madame Puech und erhob sich so unvermittelt, dass ihr Stuhl umfiel.
»Ich kümmere mich um sie«, entgegnete Agnès. »Und ich bringe sie Ihnen zurück. Machen Sie sich keine Sorgen.«
»Kümmern Sie sich lieber um Ihre Angelegenheiten. Dieses Mädchen ist völlig erschöpft, sehen Sie das nicht? Sie muss sich ausruhen und braucht morgen all ihre Kräfte. Am Weihnachtstag mit der Arbeit zu beginnen ist nicht ohne.«
Sie ging uns mit klappernden Absätzen voran in die Küche … und ihre Selbstsicherheit schwand, als sie sah, dass das Geschirr gespült und Schüsseln und Gedecke weggeräumt waren.
»Émile«, rief sie verzweifelt.
»Hmm«, erklang ein Murmeln aus dem Esszimmer.
»Sag du es ihnen. Du bist doch das Oberhaupt der Familie.«
»Der Familie!«, erwiderte er und lachte schallend. »Das Oberhaupt der Familie! Von welcher Familie?«
»Von der Familie eben«, sagte sie irritiert. »Du, ich …«
»Du, ich, Charles … ist es so?«, entgegnete er mit einem unheimlichen Hohngelächter.
»Pah«, antwortete sie nur, zuckte mit den Schultern und drehte uns den Rücken zu. Sie senkte den Blick, wandte den Kopf und machte sich plötzlich am Herd zu schaffen, als wollte sie eine Schwäche verbergen, deren Ursache ich nicht ahnte.
»Was glaubst du?«, sprach er weiter und erschien auf der Schwelle zur Küche. »Dass du eine Spanierin an Weihnachten daran hindern wirst, in die Kirche zu gehen? Es ist heute viel günstiger, denk doch mal nach. Morgen hat sie Besseres zu tun.«
»Los, geht schon«, sagte er und machte eine Handbewegung, als wollte er uns aus seinem Haus jagen. »Und grüßt den Herrn Pfarrer von Émile Puech«, fügte er mit diesem höhnischen Lachen hinzu, das zu ihm zu gehören schien.
Woraufhin Agnès ihren marineblauen Umhang von der Garderobe nahm und nach kurzem Zögern auch ein großes schwarzes Tuch, das dort hing, und es mir über die Schultern warf.
Sobald wir draußen waren, hakte sie sich bei mir unter, und es war, als würde mir das Leben wieder zulächeln. Oh, es war ein zaghaftes Lächeln, blass wie die Wintersonne und noch verschüttet von der Verzweiflung über Teresas Tod und das Schwinden der letzten Dinge, die mir im Leben einen Halt gegeben hatten. Doch da war dieser Arm auf meinem Arm, dieser Mensch an meiner Seite, die Fürsorglichkeit, die ich von den Bewohnern Villefranches erhoffen konnte. Ich blickte zu den Fenstern auf und erahnte sie am Tisch in ihren Küchen sitzend, in dem bläulichen Licht, das von der Luftschutzbehörde vorgeschrieben war. Sicherlich würden sie alle ebenso hilfsbereit sein wie Agnès, genauso offen mir gegenüber. So flogen meine Gedanken dahin, während wir wie die Hirten zur Krippe in Bethlehem zur Kirche gingen, von einem Lichtschein geleitet, der die Dunkelheit vom oberen Teil der Straße her durchbrach und der Anordnung des Ministeriums trotzte. Er kam von einer Maueröffnung im Giebel der Kirche, die von innen erleuchtet war, und erinnerte an den Stern, der die Könige zu dem Stall geführte hatte, in dem das Jesuskind lag. War ich nicht auch eine Art König? Eine Reisende, die weit entfernt von ihrem Land ihren Weg suchte?
Auf der rechten Seite tauchte ein Platz auf, der mit kleinen kahlen Bäumen bepflanzt und von großen Häusern eingerahmt war. Dort schien die Dunkelheit undurchdringlich zu sein. Ich griff nach Agnès’ Arm und folgte ihr an einer Blendmauer entlang, durch ein von Steinsäulen flankiertes Tor, durch eine Tür, deren Angeln noch lange nach dem Aufstoßen quietschten, bis zu einem großen Kirchenschiff, das einige Stufen tiefer lag als der Platz und dessen Decke im Dunkel verschwand. Ein sanfter Windhauch zog durch das Bauwerk und trug Düfte von Wachs, Weihrauch und Bohnerwachs mit sich, als wolle er die Nüchternheit des nackten und massiven Steins mildern. Deine Kirche, sagte ich mir, von nun an ist das deine Kirche!
Agnès ging zu ihrem Chor, und ich setzte mich in die vierte oder fünfte Reihe, natürlich auf der Seite der Frauen. Der Chor begann sich einzusingen, und ich erkannte sofort Agnès Stimme in dem Missklang. Es hörte sich nicht wirklich falsch an, aber die Melodie war auf eine völlig ausdruckslose Reihe von Tönen reduziert, dominiert von den harten und trockenen Akkorden des Harmoniums. Das war in keiner Weise mit den professionellen Chören zu vergleichen, die ich in Konzerten und bei Proben im Verlauf meiner musikalischen Ausbildung gehört hatte.
Das Ende der Probe wurde von einem Vorfall überschattet, der mir im Gedächtnis haften blieb. Zwischen der Organistin und dem Pfarrer, der den Chor dirigierte, kam es zu einem Disput, als die beiden Sonaten für Geige und Orgel geprobt werden sollten, die für den Beginn und den Schluss der Zeremonie vorgesehen waren und den Spott Madame Puechs erregt hatten. Die Chorsänger hatten sich hingesetzt, Agnès ihre Geige ausgepackt, alle warteten … und die Dame weigerte sich zu spielen.
»Das Gotteshaus ist kein Konzertsaal«, wiederholte sie immer wieder als Antwort auf die Aufforderungen des Pfarrers.
»Sie waren aber einverstanden. Wir haben mehrere Male darüber gesprochen.«
»Nun, dann habe ich meine Meinung geändert.«
»In letzter Minute?«
»In letzter Minute.«
Die Diskussion wurde durch das Eintreffen der ersten Gläubigen unterbrochen. Sie nahmen in den Bankreihen Platz, die Frauen rechts, die Männer links, wie bei uns zu Hause. Schließlich trat der Pfarrer begleitet von zwei Chorknaben aus der Sakristei und die Messe begann. Ich folgte ihr mit ganzer Seele. Gott hatte meine Schwester und meine Eltern zu sich gerufen, aber er hatte mich aus dem Lager herausgeholt, in dem ich letztlich gestorben wäre. Er hatte mich in dieses Dorf geführt, zu dieser Agnès, die sich so um mich bemühte. Er hatte mir eine Schwester genommen und mir eine andere gegeben. Aus tiefstem Herzen betete ich und ergab mich seinem Willen. Manchmal fragte ich mich, ob ich nicht hätte im Lager bleiben und einfach sterben sollen. Das wäre sehr viel einfacher gewesen: kein Monsieur und keine Madame Puech, keine Einsamkeit in einem fremden Dorf, keine Sorgen über die Zukunft. Doch die Menschen um mich herum machten es sich zur Aufgabe, mich – ungewollt – in die Realität zurückzubringen: Ich war am Leben, kniete in der Kirche eines Dorfes, das bald meines sein würde. Ein neues Leben tat sich vor mir auf.
Am Ende der Messe stimmte der Pfarrer das Lied Minuit, chrétiens an, und die Gemeinde antwortete im Chor mit einer Überzeugung, die mir andere Weihnachten in Erinnerung rief, auf der anderen Seite der Berge. Dann bekreuzigten sich alle, verließen ihre Bankreihen und strömten durch die Gänge wie die Fluten dreier Bäche zum Ausgang hin. Sie beäugten mich im Vorübergehen, und einige lächelten mir zu.
Ich war so verwundert, dass ich nicht sofort die Zeichen sah, die Agnès mir von der Abendmahlsbank her machte. Ich ging zu ihr und sie zog mich mit zur Sakristei. Sie wollte mich dem Pfarrer vorstellen.
»Marie!«, sagte sie zunächst und zeigte auf mich.
»Unser Pfarrer!«, fuhr sie dann fort und wandte sich zu dem Priester.
»Im Namen von Sankt Jakob, unserem heiligen Patron, heiße ich Sie in Villefranche willkommen«, sagte er und segnete mich.
Er war ungefähr so groß wie ich, Agnès überragte ihn fast um einen Kopf, doch die Lebhaftigkeit seiner Bewegungen und die Tiefe seines Blicks ließen eine wirkliche Persönlichkeit erkennen. Ganz gewiss ein Mann von großer Güte, der jedoch wusste, wohin er wollte und wie er es schaffen würde, auch wenn er dabei Hindernisse aus dem Weg räumen musste.
»Marie spricht Spanisch. Oder Katalanisch«, bemerkte Agnès.
»Aber nein!«, erwiderte er heftig. »Mit mir wird Französisch gesprochen. Frankreich nimmt Sie auf, Marie«, sprach er weiter und bemühte sich, die Wörter gut zu artikulieren. »Wenn Sie seine Gastfreundschaft annehmen, sollten Sie ebenso seine Sprache, seine Gesetze, seine Gebräuche annehmen … und die Ansprüche seiner Pfarrer!«, fügte er mit Nachdruck hinzu.
Seine Sprache, seine Gebräuche, warum nicht? Ich hatte in der Schule ein wenig Französischunterricht gehabt, im Lager von Argelès ein bisschen dazugelernt, und was die Gebräuche anging, so unterschieden sich die Mitternachtsmesse, der Duft nach Kerzen und der Abendmahlswein, das Dekor der Schubladen und Schränke dieser Sakristei nicht sehr von dem, was ich bei uns gekannt hatte. Die Mädchen durften selbstverständlich nicht an den Altar, doch mein Vater hatte die Orgeln instand gehalten, sie auch öfter gespielt, und ich war ihm in alle Winkel unserer Kirche gefolgt. Sicher, Villefranche war nicht Tarragona. Mädchen in einer Sakristei zu empfangen und mit ihnen zu reden, während man die Stola und das Messgewand wegräumte, nein, das hätte es bei uns nicht gegeben. Doch die Atmosphäre war ein wenig dieselbe, die katalanische Herzlichkeit überwand alle Unterschiede.
»Ich spiele Harmonium«, sagte ich und untermalte die Worte mit einer Handbewegung.
»Sie können spielen! Aber das hätten Sie sagen sollen!«, rief der Priester aus und hob die Arme verzweifelt gen Himmel. »Sie hätten die Brévent ersetzen können und wir hätten unsere beiden Sonaten gehabt. Warum haben Sie nichts gesagt? Erklären Sie mir nicht, dass Sie schüchtern sind!«
Das waren zu viele Fragen, zu viele komplizierte Wörter.
»Nicht so schnell«, sagte Agnès. »Sie kann Ihnen ja gar nicht folgen.«
»Ah, das ist wahr. Sehen Sie, Marie, Sie verwirren mich. Also, Sie spielen tatsächlich?«
»Mein Vater unterhielt die Orgeln in unserer Gemeinde. Ich habe einiges von ihm gelernt.«
»Wirklich?«
»Eines Tages war er krank, und ich musste für ihn einspringen, einfach so, es gab keine andere Lösung. In solchen Fällen lernt man viel.«
»Wer das Größere kann, kann auch das Kleinere. Die Orgel, das Harmonium …«
»Er baute Cembali.«
»Aha!«, sagte der Priester und schaute mich ungläubig an.
Sie zogen mich in den Chorraum, klappten den Deckel des alten Instruments auf, und die ersten Tonleitern ließen mich mit den Zähnen knirschen.
»Nun?«, fragte er, meine Reaktion erforschend.
»Nun!«, antwortete ich mit skeptischer Miene.
Doch die Enttäuschung, die ich in seinem Gesicht las, veranlasste mich, meine Finger wieder auf die Tasten zu legen. Was dann trotz der Missklänge herauskam, ähnelte sehr einer Adaption von La maja y el ruiseñor – Das Mädchen und die Nachtigall.
»Der Herrgott schickt Sie«, rief der Priester aus, als das Echo des letzten Akkords im hintersten Winkel der Kirche verklungen war.
»Danke, mein Gott. Und danke, Marie«, fügte er hinzu und küsste mich auf die Wange.
Bei mir zu Hause hatte ich niemals gesehen, dass die Pfarrer Mädchen küssten und umarmten, vor allem nicht in der Kirche, doch ich war zu allem bereit und entschlossen, mich von nun an über nichts mehr zu wundern.
Sie wollten mehr über meine Talente wissen, aber ich wich ihren Fragen aus. Der Unterricht durch meinen Vater, mein erstes Instrument, das Konservatorium … nein, ich war noch nicht bereit, an diese Erinnerungen zu rühren. Der Krieg hatte die musikalische Seite meines Lebens auf brutale Weise verschüttet, und ich zwang mich von nun an, sie umzublättern. Ich musste mich anderswo umsehen, mir neue Freunde suchen, andere Motivationen, andere Interessen, die sich von den vorangegangenen so stark wie möglich unterschieden. Das war die einzige Möglichkeit, nicht verrückt zu werden. Es stellte für mich eine Frage von Leben und Tod dar. Wahrscheinlich spürten sie es, denn sie bedrängten mich nicht. Der Pfarrer trieb uns aus der Sakristei, und auf dem Rückweg sprachen Agnès und ich weder von Musik noch vom Chor.
»Monsieur Puech …«, begann ich, als wir uns wieder der Bäckerei näherten.
»Was ist mit Monsieur Puech?«
»Kennst du ihn näher?«
»Beunruhigt er dich?«
Andere hätten mich beschwichtigt, mit den Schultern gezuckt und die Frage vermieden. Nicht so Agnès. Sie kam im Weitergehen ganz dicht an mich heran und legte eine Hand auf meine Schulter, als wollte sie meine Befürchtungen bestätigen.
»Martha kommt zurück. Sie wird dich beschützen.«
»Martha?«
»Die Mutter von Félicie. Sie wohnen bei ihr, wusstest du das nicht? Émile hat nach dem Tod von Marthas Mann, dem Vater von Félicie, dessen Bäckerei übernommen, aber ihr gehört das Haus. Und sie wohnt natürlich noch dort. Im Übrigen wirst du sehen, dass sie den Haushalt führt.«
Madame Puech hatte mir Anweisungen gegeben. Die Tür des Ladens würde verschlossen sein, ich könnte durch die Hintertür hereinkommen, die ich sorgfältig zuschließen sollte, ehe ich in die Wohnung hinaufginge. Ich schob vorsichtig die Tür auf, glitt in den Raum … und konnte einen überraschten Aufschrei nicht zurückhalten. Eine Gestalt stand regungslos da, zwei Schritte entfernt, im Dunkel der Backstube.
»Gehört es sich, um diese Uhrzeit heimzukommen?«, vernahm ich eine Stimme.
»Alles in Ordnung?«, erkundigte sich Agnès durch die offene Tür.
»Alles in Ordnung!«, antwortete Madame Puech schroff.
Sie ging zur Tür und schob die Riegel auf eine derart wütende Weise vor, dass ich es mir nicht erklären konnte.
»Du musst leise sein«, sagte sie noch und stieß mich grob zur Backstube hin.
Priester Raynal
Am nächsten Morgen brauchte ich eine ganze Weile, um wach zu werden, und suchte meine gewohnten Anhaltspunkte: das helle Kontrolllicht über der Barackentür, das Schnarchen der Mädchen, Teresas schlafenden Körper. Stattdessen ein Eisenbett, eine Matratze, nassgeschwitzte Betttücher, das Murmeln eines Flusses … Ich stand auf, tastete mich an das Fenster, stieß den Laden auf, und kühle Nachtluft hüllte mich ein. Doch einen Moment später wurde die Tür hinter mir geöffnet, und ein grelles Licht erhellte plötzlich den Raum.
»Was treibst du?«, fragte die Stimme von Madame Puech. »Kannst du nicht wie alle anderen schlafen?«
Ein wenig später oder vielleicht auch sehr viel später fuhr ich aus dem Tiefschlaf hoch.
»Es ist Zeit!«, sagte dieselbe Stimme mit demselben harten, entschiedenen Ton.
Die Glühbirne an der Decke blendete mich erneut. Ich setzte mich am Rand der Matratze auf und versuchte vergeblich, den Raum, die Wände und Möbel zu identifizieren. Die Schritte auf der Treppe wurden leiser, und ich fand langsam den Faden meiner Geschichte wieder. Ich war bei einem Monsieur und einer Madame Puech in einer Stadtfestung namens Villefranche untergebracht. Mein Blick blieb am Bettgitter, an den Schubladen, der Kommode hängen … Dein Bett! Deine Kommode!, sagte ich mir. Aber nichts, nicht einmal der Komfort eines hübschen Zimmers konnte die Leere füllen, die der Tod meiner Eltern und Angehörigen, die der Tod Teresas in meinem Dasein aufgerissen hatte.
»Nun? Wir warten auf dich! Was treibst du?«, rief die Stimme von der Treppe her.
Es gelang mir aufzustehen, indem ich meinen ganzen Willen aufbrachte. Ich zog das weiße Unterkleid und das hellblaue Kleid an, die über der Stuhllehne hingen. Weihnachten! Es war Weihnachten, erinnerte ich mich plötzlich. Es war Weihnachten und ich würde weder meine Eltern noch meine Schwester noch irgendjemanden sehen, den ich kannte. In diesem Augenblick ertönte durch das Fenster eine Glocke. Eins, zwei, drei … acht Uhr! Es läutete acht Uhr vom Glockenturm meines neuen Dorfes. Wie früher in Tarragona, doch da hörte die Ähnlichkeit schon auf: Ich war nicht zu Hause, und meine Gastgeber bemühten sich stets, mich daran zu erinnern.
»Da bist du ja«, sagte Madame Puech, als sie mich kommen sah.
Sie fegte die Küche auf eine wütende Weise, die ich auf mein spätes Aufstehen bezog. Sicher eine Art, mir zu zeigen, dass es meine Arbeit war und dass sie seit geraumer Zeit auf mich wartete.
»Beeil dich lieber mit dem Essen«, sagte sie mit einer ungeduldigen Handbewegung, als ich mich anschickte, ihr den Besen abzunehmen. »Weißt du, wie spät es ist?«
Die Stühle standen umgedreht auf dem Tisch, wie in einem Café, das geschlossen war, und verbargen eine weiße Schale, einen Korb mit Brotscheiben und ein Marmeladenglas. Ich nahm die Schale und füllte sie mit Kaffee aus der Eisenkanne, die auf dem Ofen in der Ecke warmgehalten wurde. Marmelade, Kaffee, große, frische Brotscheiben … ich konnte mich gerade noch daran erinnern, dass ich früher in einer kleinen Stadt Kataloniens mit Namen Tarragona nach dem Aufstehen einen Frühstückstisch dieser Art vorgefunden hatte … nur dass natürlich die Stühle auf dem Boden standen. Aber der Kaffee, das frische Brot und die Marmelade führten meine Gedanken zu Teresa zurück und widerten mich plötzlich an.
»Worauf wartest du?«
»Ich habe keinen Hunger«, sagte ich und schob die dampfende Schale weg.
»Keinen Hunger? Was ist los? Du musst essen, Mädchen. Essen, zu Kräften kommen, arbeiten, das ist dein Programm. Was glaubst du? Dass wir dich ernähren, damit du den Tag verträumen kannst?«
»Nein, Madame«, antwortete ich und führte die Schale an meine Lippen.
»Los! Trink das und geh Arlette helfen. Sie wartet schon eine Ewigkeit auf dich, das sag ich dir. An einem Tag wie heute …«
Daraufhin fuhr sie mit dem Fegen fort, und während ich versuchte, eine Scheibe dunkles Brot zu essen, fragte ich mich, ob ich bei dem Tausch von Argelès gegen Villefranche wirklich gewonnen hatte.
»Nun aber los!«, forderte sie mich noch einmal auf, als ich meine Schale in das Spülbecken gestellt hatte.
»Arlette wartet auf dich, hast du das nicht verstanden?«
Die Kunden drängten sich in dem engen Ladenraum, weitere warteten auf dem Bürgersteig, und Arlette führte mechanisch die Aufträge aus, die alle an sie richteten. Sie griff nach einem Brot auf den Regalen, warf es auf die große Schale der Waage und glich diese je nach Bestellung mit den Gewichten auf der kleinen Schale aus oder auf der großen mit Brotecken aus einem Sack. Wenn die Waage im Gleichgewicht war, legte sie die Ware auf den Ladentisch, nahm das Geld entgegen, und der Nächste war dran. Nicht ein Wort, nicht ein Dankeschön. Gerade mal ein »Guten Tag« und ein »Auf Wiedersehen«. Was für ein Unterschied zu dem Lachen, den Kommentaren, dem Austausch von guten und schlechten Neuigkeiten in den Bäckereien von Tarragona! War das eine Besonderheit des französischen Handels? Aber nein! Ich bemerkte es, als ich sie an der Waage ablöste und die Leute auf mein Lächeln reagierten, mich ermutigten, sich nach mir erkundigten. Wie geht’s? Woher kommen Sie? Wie war es dort? Sicher hatten sie mich bei der Mitternachtsmesse gesehen und warteten auf eine Gelegenheit, mich kennenzulernen.
Alles lief gut, und ich arbeitete mich in meiner neuen Tätigkeit ein. Als wir einmal beide den Kunden den Rücken zuwandten, ergriff Arlette die Gelegenheit, mir zuzuflüstern: »Man macht also von sich reden?«
Ihr Katalanisch unterschied sich ein wenig von unserem, doch die Wörter waren sehr nah verwandt, die Wendungen ähnlich, und ich verstand sie.
»Ich von mir reden machen?«
»Tu nicht so dumm, du weißt sehr wohl, wovon ich spreche. Die gewöhnliche Uhrzeit von Mademoiselle de Brévent ist vorbei, und keiner hat sie gesehen. Wenn wir durch dich schon an deinem ersten Tag Kunden verlieren, wirst du etwas erleben, das kann ich dir sagen.«
In diesem Augenblick wurde die Tür der Backstube aufgestoßen und ein Karren von einem mit Mehl bestäubten Gehilfen hereinmanövriert. Er öffnete die Ofentür, und eine Höllenhitze breitete sich im ganzen Geschäft aus. Er begann die Brote mit einer langen Stange herauszuholen, sodass die Kunden gezwungen waren, bis an die Wand und den Ladentisch zurückzuweichen. Für alle war es sehr unangenehm, doch niemand regte sich darüber auf, es gehörte zum Alltag, war ein Vorgang wie viele andere auch. Die Tür wurde geöffnet, der Karren angeschoben, und die Zeremonie begann von Neuem mit ihrer geräuschvollen Begleitung: dem Quietschen der Räder in ihren Achsen, dem Stampfen der Stiefel auf dem Pflaster, dem Klappern des metallenen Schlosses der Seitentür, dem dumpfen Gleiten der Stange auf dem Belag des Ofens. Alle schienen daran gewöhnt zu sein. Ich nicht.
»Was ist mit dir?«, fragte Arlette, da ich mich auf den Ladentisch zu stützen versuchte.
»Nichts«, entgegnete ich und rang nach Luft. »Es geht schon.«
Es ging überhaupt nicht: Ich spürte den Kaffee im Magen, die Wände und die Decke drehten sich um mich wie Bäume und Häuser beim Aussteigen aus einem Karussell.
»Nicht noch einmal wie gestern, ja? Das ist doch unglaublich! Mager, wie du bist, war ja von Anfang an klar, dass es mit dir nichts wird. Lass, ich mach das, geh! Ehe ich dich zwischen den Beinen habe und du nichts tust, mach ich es lieber allein.«
Im Laden war es still geworden.
»Die Kleine wird uns umkippen«, sagte jemand.
»Sie braucht Luft.«
»Diese Hitze, stimmt. Das ist nicht zum Aushalten.«
»Ich halte es gut aus«, erwiderte Arlette und griff nach einem Brot im Regal.
»Komm«, sagte da eine vertraute Stimme inmitten der Verwirrung, die mich überkommen hatte. Agnès nahm mich am Arm und bahnte uns einen Weg zum Ausgang. Die Leute wichen zur Seite, und jemand öffnete uns die Tür.
»Das ist unglaublich!«, sagte Arlette noch einmal für alle, die es hören wollten. »Die ist nur Haut und Knochen, was hat sie in einer Bäckerei zu suchen?«
Draußen war es grau und eher mild für die Jahreszeit, aber zwischen den Fassaden wehte ein leichter Wind die Straße herauf, und ich fühlte mich fast augenblicklich besser. Ich wollte wieder weiterarbeiten, doch Agnès war dagegen und zwang mich stattdessen, einige Schritte die Straße hinaufzugehen, bis zu einem kleinen Platz am Fuße eines hohen, massiven viereckigen Turms, den ich am Vorabend in der Dunkelheit nicht bemerkt hatte.
»Der Bergfried«, sagte sie, als ich den Blick nach oben wandte.
»Was ist das? Ein Haus? Wohnt dort jemand?«
»Vielleicht«, antwortete sie kopfschüttelnd und mit vor Freude glänzenden Augen.
»Das Oberhaupt oder der Verantwortliche des Dorfes? Wie nennt ihr ihn doch gleich?«
Sie schaute mich an, als käme ich von einem anderen Planeten; dann lachte sie so laut auf, dass die Leute, die aus dem gegenüberliegenden Gebäude mit der Aufschrift Café de la Poste kamen, sich nach uns umdrehten.
»Das Oberhaupt des Dorfes, wie du sagst, ist mein Vater. Und ich bin ziemlich froh, nicht dort zu wohnen.«
Sie erklärte mir mit einer Stimme, in der noch die Erheiterung nachklang, dass dieser Bergfried unbewohnbar war. Das Erdgeschoss war komplett mit Mauerwerk ausgefüllt, um die Laufgänge zu stützen und den Stößen der Rammböcke standzuhalten, mit der einzigen Ausnahme eines zentralen Hohlraums, der zunächst als Zisterne gedient und das Regenwasser von einer hoch oben gelegenen Terrasse gesammelt hatte und sehr viel später als Speicher für Eisblöcke genutzt wurde, die auf dem Rücken von Eseln und Maultieren von den Gletschern des Canigou hergebracht worden waren.
»Das älteste Bauwerk von Villefranche«, sagte sie und streichelte mit ihren Augen förmlich die fast fensterlose Wand, die nur von wenigen Bögen durchbrochen war und uns mit ihrer ganzen Masse überragte.
Ich folgte ihrem Blick und fragte mich, ob die Leute um uns herum alle von den Erbauern dieses riesigen Turms abstammten. Die Passanten und die Alten vor dem Café beobachteten uns schweigend. Ein gelblicher Hund lag lang ausgestreckt auf dem Asphalt, hob ein Augenlid, stand langsam auf und streckte sich, ohne uns aus dem Blick zu verlieren.
»Gehen Sie spazieren?«, ertönte eine Stimme direkt hinter uns.
»Ah, Sie sind es!«, sagte Agnès warmherzig, schon bevor sie dem Priester den Kopf zuwandte.
Denn er war es, der Priester von der Messe und aus der Sakristei. Er war es, es war derselbe Priesterrock, dasselbe weiße Lätzchen um den Hals, und gleichzeitig war es nicht derselbe Mann. Sein Gesicht hatte im Licht des Tages einen gütigen Zug, der mir im Dunkel der Kirche am Vorabend entgangen war. Einen gütigen Zug? Ja, und in seinem Blick lag zudem eine Art schmerzliche Intensität, als er Agnès anschaute, die sich gegen seinen Willen zu zeigen schien.
Wie alt mochte er sein? Die grauen Strähnen an den Schläfen wiesen auf die vierzig hin, doch sein leichter Schritt und die fast kindliche Frische seiner Gesichtszüge zeugten von einem ganz jungen Mann, fast einem Seminaristen. Er redete, schaute Agnès und mich an, und manchmal vergaß man den Priesterrock und das Lätzchen, je nachdem, was er sagte.
»Wenn Sie zu den Ursprüngen von Villefranche zurückgehen wollen, sind Sie auf dem richtigen Weg«, sagte er und hob den Blick zu dem Bauwerk hinauf. »Ende des 11. Jahrhunderts und intakt! Na ja … fast intakt.«
»Auf jeden Fall ist er der Turm der ersten Ringmauer«, präzisierte Agnès.
»Wozu dient er?«
»Um die Bewohner aufzunehmen, wenn die äußeren Mauern bezwungen werden. Eine große Zisterne im Erdgeschoss, ein Vorratslager aus Steinen und Pech oben auf der Terrasse, eine Ziehleiter, die eingeholt wird, wenn alle Zuflucht gefunden haben … Wenn die Speisekammern gut gefüllt sind, kann man es Monate darin aushalten.«
Er sprach davon im Präsens, wie von einem Ereignis, das von einem Moment auf den anderen geschehen konnte, und ich fragte mich, ob die Dienstmädchen und Spanier im Falle eines Angriffs zugelassen wären oder ob die Einheimischen ihre Festung sich selbst vorbehalten würden.
»Wir haben nichts gegen Fremde«, fügte er hinzu, als hätte er meine Gedanken gelesen. »Wissen Sie«, fuhr er leise fort und kam näher zu mir, als wollte er sich vor indiskreten Ohren schützen, »wir sprechen von Fremden, aber es gibt hier nicht einen Bürger in Villefranche, der nicht wenigstens ein bisschen italienisches oder spanisches Blut hat. Sie sind vielleicht die Letzte, die eingetroffen ist, aber Sie werden es nicht lange bleiben, Sie werden sehen. In kurzer Zeit werden Sie zu den Altgedienten im Dorf gehören. Ich muss gehen, der liebe Gott wartet auf mich«, sagte er und zeigte mit dem Finger zum Himmel.
»Ich auch. Arlette wartet auf mich.«
Er drückte jede von uns am Arm und verließ uns.
»Sie können einige Minuten auch ohne dich auskommen«, sagte Agnès. »Félicie kann ruhig hinuntergehen und sich auch mal hinter den Ladentisch stellen.«
»Ich weiß nicht.«
»Nun, ich werde es dir sagen: die Messe um zehn Uhr, Klatsch und Tratsch, Besuche in den gehobenen Familien, damit beschäftigt sie sich, deine gute Chefin, während du dich für ihren Profit abmühst.«
Doch ich wollte nicht weiter über das reden, was Madame Puech an einem Weihnachtsmorgen tat oder nicht. Ich wollte die Arbeit erledigen, die sie mir aufgetragen hatte, und mich ihr gewachsen zeigen.
Für Agnès war das etwas anderes, sie hatte keine Verpflichtungen; sie konnte anscheinend den Tag damit verbringen, im Ort spazieren zu gehen.
Sie zuckte mit den Schultern, als ich sie fragte, was sie so mache, ob sie einen Beruf oder eine Arbeit hätte. Ich insistierte nicht, es war nicht der Moment dafür.
Als sie begriff, dass ich mich nicht überreden lassen würde, seufzte sie, schaute mir in die Augen und ließ mich vor diesem Turm stehen, in dem wir an dem Tag Zuflucht suchen sollten, an dem Franco seine Truppen zum Angriff auf Villefranche schicken würde.
Arlette brummte nach meiner Rückkehr noch einige Minuten vor sich hin, dann entschloss sie sich, mir die Kasse anzuvertrauen, während sie das Brot ausgeben würde, und von da an lief alles bestens. Die Geldstücke waren nicht so schwer und nicht so heiß in den Fingern wie die großen Brotlaibe, die direkt aus dem Ofen kamen, und in Argelès hatte ich Zeit gehabt, mich an den Franc und die Centimes zu gewöhnen. Alles war in Ordnung, bis zur Rückkehr von Madame Puech um elf Uhr. Eine auffallende Rückkehr: Die Tür wurde mit Schwung aufgestoßen, ihre Schritte klapperten auf dem Fliesenboden des Ladens …
»Du, komm hierher«, schleuderte sie mir entgegen und zeigte auf die Treppe. »Ich habe mit dir zu reden.«
»Ich brauche sie hier, Madame«, sagte Arlette, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen.
»Félicie«, sagte der geschniegelte Herr, den ich gerade bediente, »ich muss Ihnen ein Kompliment machen. Sie haben da eine Perle aufgetan, wie mir scheint. Ihr Lehrmädchen ist die Liebenswürdigkeit in Person. Und eine außergewöhnliche Musikerin, wie man hört.«
»Danke, Désiré«, antwortete sie schroff. Und an mich gewandt: »Geh hinauf, habe ich dir gesagt.«
Im Laden war es still geworden, nachdem er einige Sekunden zuvor noch von Gesprächen erfüllt gewesen war. Die Wände drehten sich wieder um mich, und ich musste mich am Handlauf festhalten, um nicht auf der Treppe umzufallen.
»So geht das nicht weiter!«, rief Madame Puech aus und schlug die Tür hinter sich zu.
Noch eine Dummheit, und sie würde mich nach Argelès zurückbringen. Argelès! Allein dieses Wort flößte mir Entsetzen ein.
»Was habe ich getan, Madame?«
»Mach nicht so ein Gesicht, du unverschämtes Ding.«
»Aber …«
»Du hast auf dem Instrument der Brévent gespielt.«
»Auf dem Harmonium? Ja, das stimmt, ich habe auf die Bitte des Pfarrers hin Harmonium gespielt. Aber woher wissen Sie das?«
»Woher ich das weiß! In einem Dorf erfährt man alles, du dumme Gans. Vor allem hier, wo die Befestigungsmauer alles wie ein Echo zurückwirft.«
»Ist das schlimm, Madame?«
»Ist das schlimm? Ist das schlimm?«, rief sie aus, schüttelte den Kopf und hob den Blick zur Decke. »Natürlich ist es schlimm, denn auf diese Weise verlieren wir eine Kundin.«
»Was ist hier los?«, fragte Monsieur Puech und stieß die Tür auf. »Man hört euch bis in die Backstube.«
»Es ist so, dass …«, begann seine Frau.
»Es ist so, dass die Leute auf dem Bürgersteig warten und deshalb das Abendessen nicht fertig wird, das ist los. Also an den Herd mit dir, und lass das Mädchen seine Arbeit machen. Worauf wartest du?«, wandte er sich an mich.
Er trat zur Seite, um mich hinuntergehen zu lassen.
»Da siehst du, was du angerichtet hast«, warf er seiner Frau zu, ehe er mir folgte, »mit deiner Idee, eine Republikanerin aufzunehmen. Alles Hitzköpfe, ich habe es dir gesagt.«
Dennoch schien er bei der Mahlzeit, die auf meinen Einstieg in den Beruf – in seinen Beruf – folgte, voller Elan zu sein. Er forderte mich auf, die französischen Wörter, die bei der Unterhaltung fielen, zu wiederholen: Truthahn, Esskastanien, Herd, Teig …, und er übersetzte diejenigen, die ich nicht verstand, ins Katalanische, erklärte sie mithilfe von Gesten, sprach sie ganz deutlich aus und ermutigte mich bei meinen kleinen Fortschritten.
»Was ist mit dir los?«, fragte ihn seine Frau, als ich den Kaffee einschenkte.
»Es ist Weihnachten, und ich habe gute Laune, das ist los.«
»Es ist Weihnachten, aber es ist Krieg, und dein Sohn ist an der Front. Glaubst du vielleicht, dass er im Warmen vor einem Truthahn sitzt?«
»Ja, möglicherweise sitzt er tatsächlich im Warmen vor einem Truthahn«, erwiderte Monsieur Puech spöttisch. »Wissen wir es? Auf jeden Fall werden wir nicht vier Jahre dafür brauchen wie 1914, du wirst sehen. Dieses Mal werden wir die Deutschen über kurz oder lang wegfegen. Und dein Charles«, fügte er lachend hinzu, »wird schneller hier sein, als du glaubst.«
In diesem Moment waren auf der Treppe Schritte zu hören, und eine schwarze Gestalt tauchte im Türrahmen auf. Es war der Priester! Ein unerwarteter Besuch, den verschreckten Mienen meiner Gastgeber nach zu urteilen.
Die Stadtmauer
Monsieur Puech zog den Kopf ein und machte sich nicht einmal die Mühe, vom Stuhl aufzustehen, doch seine Frau begegnete dem Besucher mit Achtung für zwei: Sie erhob sich, nahm rasch ihre Schürze ab und verlangte eine Tasse mit Untertasse. Sie nahm die Zuckerdose mit und kam mit einigen elegant angeordneten Häppchen in einer hübschen Schale und einem Silberlöffel zurück, den sie von wo auch immer hergeholt hatte. Währenddessen murmelte sie mehr denn je vor sich hin. Man sprach über den Krieg, über diesen Winter, der keiner war, über Weihnachten. Nicht ein Wort dagegen über die Episode mit dem Harmonium, die so sehr auf Madame Puechs Seele lastete und bei der ich mich immer noch fragte, wie sie davon erfahren hatte. Es war kein Drama, einige Töne auf dem Harmonium der Gemeinde zu spielen. Bei uns zu Hause hätte niemand etwas dagegen gesagt, und niemand hätte überhaupt davon gewusst. Doch hier war alles so anders, die Reaktionen so unvorhersehbar!
Sie sprachen über Gott und die Welt, dann erhob sich der Priester plötzlich und sagte einen komplizierten Satz auf Französisch, dessen Sinn mir entging.
Die Unterhaltung geriet ins Stocken, und die Blicke richteten sich auf einmal auf mich.
»Ich entführe Sie«, sagte er und wandte sich mir zu. »Wir werden uns auf den Weg machen, um Ihr neues Dorf zu erkunden.«
Und da ich stumm blieb und nicht wusste, was ich tun sollte, fügte er hinzu: »Warten Sie ab, Sie werden es nicht bedauern.«
Es war mir nie in den Sinn gekommen, dass ein Priester sich für etwas anderes als die Messe interessieren könnte, eventuell noch für die Unterstützung der Armen. Das war es, dem sich der Pfarrer und seine Vikare in unserer Gemeinde in den Bergen widmeten. Der Pfarrer traf mich also unvorbereitet, und die Puechs waren scheinbar nicht weniger überrascht. Konnte ein junges Mädchen allein mit einem Priester eine unbekannte Stadt erkunden? Ziemte es sich wirklich, dass sie ihm auf die Befestigungsmauer oder in die Wachräume folgte? In Spanien auf keinen Fall. Der Priester wäre zur Ordnung gerufen und das junge Mädchen in ein Kloster eingesperrt worden. Und in Frankreich? Woher sollte ich wissen, was die Barriere der Pyrenäen für Veränderungen bei den Sitten und Gebräuchen mit sich brachte? Madame und Monsieur Puech schwiegen, Arlette war geflüchtet.
»Könnte Agnès uns begleiten?«, fragte ich auf gut Glück.
»Gute Idee!«, antwortete der Pfarrer und setzte sein Birett auf. »Wir werden sie auf dem Weg abholen. Es ist allerdings nicht sicher, dass sie mitkommt«, fügte er hinzu, als wir hinausgingen. »Über die Befestigungsmauer kann ich ihr nicht mehr viel Neues erzählen, aber wir können sie auf jeden Fall fragen.«
»Die Befestigungsmauer? Kennt sie die Befestigungsmauer so genau?«
»Ja, fast genauso gut wie ich … Ich mag Agnès sehr«, murmelte er ein wenig später so leise, dass ich es gerade noch verstehen konnte.
Wo war ich gelandet? Was war das für ein Dorf, in dem der Priester junge Mädchen in der Sakristei empfing, sie mit auf die Befestigungsmauer nahm und ganz offen die Bewunderung bekundete, die sie ihm einflößten?
Ich war gleichermaßen überrascht und verblüfft von dem, was ich seit dem Vorabend beobachtete. Die Spanier hatten zu jener Zeit eine hohe Meinung von Frankreich, als Land der Freiheit, der Demokratie und als Republik. Obwohl ich politisch nicht sehr bewandert war, kannte ich die großen Errungenschaften des Front populaire: die Vierzig-Stunden-Woche, Urlaubsgeld, Tarifverträge … Zeitschriften, Filme und die Wochenschau im Kino zeigten uns geschminkte Frauen in kurzen Kleidern (immerhin bis unter das Knie) und elegante Männer, die in Traumautos stiegen, um mit hundert Stundenkilometern auf ganz geraden Straßen dahinzusausen, oder aber hochmoderne Fabriken, Mähdrescher, Gymnastikwettbewerbe. Natürlich passte Villefranche nicht ganz in dieses Bild: Hier gab es weder Cabriolets noch Männer in dreiteiligen Anzügen, und die Puechs waren so gekleidet wie spanische Bäcker, nicht besser und nicht schlechter.
Tatsächlich versetzten mich die Befestigungsmauer und die kleinen verwinkelten Straßen eher ins Mittelalter zurück. Und deshalb erstaunten mich Agnès und der Priester umso mehr. Sie unterschieden sich völlig von den entsprechenden Spaniern, zumindest von denjenigen, die ich kennengelernt hatte, und für mich symbolisierten sie vom ersten Tag an die französische Modernität.
Vor allem Agnès. Als sie uns an jenem Tag ankommen sah, ging ein Leuchten über ihr Gesicht. Sie lehnte mit dem Rücken an einem der kleinen Bäume auf dem Platz zwischen dem Kirchentor und dem Eingang zum Vauban, dem Café, das ihr gegenüberlag. Sie beobachtete zwei Jungen von ungefähr acht und zehn Jahren, vielleicht passte sie auch auf sie auf. Ihr Mantel öffnete sich über einem schönen weißen Kleid. Erst dann sah ich, dass sie ein Bein angewinkelt hatte und sich mit der Schuhsohle am Stamm abstützte. Eine ihr eigene Haltung, die ich in der kommenden Zeit noch oft sehen würde. Sie lächelte, als sie uns erblickte, machte jedoch keine Bewegung in unsere Richtung. War sie es gewohnt, dass die Leute, bis hin zum Gemeindepfarrer, sich um sie bemühten?
»Warum nicht?«, sagte sie einfach, als der Priester ihr vorschlug, uns zu begleiten.
Sie verließ ihren Platz, wechselte einige Worte mit den Kindern und ging zu einer Tür voran, die sich rechts der Kirche in der Befestigungsmauer öffnete.
»Die Pforte«, sagte sie zu mir gewandt. »Alles in Ordnung mit dir?«, fragte sie dann ganz sanft mit ihrer schönen Stimme und hakte sich bei mir wie am Abend zuvor unter.
»Es geht«, murmelte ich mit Tränen in den Augen.
Agnès, der Pfarrer, die Kunden in der Bäckerei … da war auf einmal so viel Wohlwollen um mich herum.
An jenem Tag verstand ich nicht viel von den Erläuterungen des Priesters über die militärische Architektur des 17. Jahrhunderts, trotz Agnès’ Übersetzungen mal ins Katalanische, mal ins Spanische. Kurtine, Burgwarte, Ausfallpforte, Pechnase … Ich würde einige Zeit brauchen, um das geläufige Vokabular der Bürger von Villefranche zu beherrschen, und Monate, um zu begreifen, dass Kurtinen von Schießscharten durchbrochene Mauern sind, die die Türme miteinander verbinden, dass die Wassergräben am Fuße der Mauern dazu dienen, den Feind im Schlamm stecken bleiben oder ertrinken zu lassen, dass die Ausfallpforte eine geheime Tür im Mauerwerk ist und die Pechnase ein Vorsprung auf der Mauer, von wo aus die Verteidiger Steine, Pfeile, heißes Pech und andere Delikatessen auf die Angreifer hinunterwerfen.
Sofort entwickelte ich eine Schwäche für die Burgwarten: Wächterhäuschen, die sich an den Mauerecken befanden und ein wenig überhingen, von wo aus der Wachposten den Fuß der Befestigungsmauer nach zwei Seiten hin kontrollierte. Warum diese Zuneigung zu den Burgwarten? Weil sich das Wort so schön anhörte und die entsprechenden Bauteile so elegant waren? Wegen der Verbindung von rotem Backstein und grauem Marmor? Weil sie im Licht auf dem First des Daches wie die Vögel hoch oben in den Bäumen sangen? Vielleicht. Tatsache ist, dass ich sie in dem Grau in Grau meines ersten Weihnachtsfests in Villefranche entdeckte und inmitten der für mich fast unendlichen Vielfalt der Verteidigungsanlage unterscheiden konnte.
Die südliche Befestigungsmauer zur Bergseite hin war noch länger als die zur Ebene, die mich am Vorabend so beeindruckt hatte, und bildete mit ihren Ausfallpforten, flankierenden Türmen und drei mächtigen Bollwerken einen Mauerwerksverband von furchterregender Wirkung. Das alles war sehr beeindruckend, doch der Gedanke, hinter diesen Mauern zu leben, von dieser massiven Ringmauer eingeschlossen zu sein, erfüllte mich mit Sorge. Vor allem, als ich feststellte, dass die Befestigungsmauer wirklich in sich geschlossen war.
»Kannst du folgen?«, fragte Agnès, als sie mein nachdenkliches Gesicht sah.
»So einigermaßen«, antwortete ich und richtete meinen Blick auf die zyklopische Mauer meines Gefängnisses.
»Es macht dir Angst, nicht wahr?«
Wie erriet sie meine Gefühle?
»Man gewöhnt sich daran, du wirst sehen.«
»Was wird man tun, wenn die Nationalisten mit ihren Panzern kommen? Sie werden die Tore blockieren und uns festnehmen, niemand wird überleben. In Tarragona gab es zumindest …«
Doch weder Agnès noch der Pfarrer glaubten, dass die Truppen jemals die Grenze überqueren würden. Falls sie es wider Erwarten doch tun würden, welchen Grund hätten sie, Villefranche anzugreifen?
»Wegen des Bahnhofs«, sagte ich.
Und ich sah, dass ich ins Schwarze getroffen hatte. Ja, der Pfarrer und sogar Agnès konnten verstehen, dass Franco oder sein Freund Hitler die Kommunikation zwischen der Ebene des Roussillon und der Cerdagne abschneiden wollten. Sie schätzten die Gefahr ab, doch es war Weihnachten, und die beiden hatten beschlossen, die Bilder vom Lager und den Bombardierungen aus meinem Kopf zu verscheuchen.
»Unmöglich!«, rief der Priester trotz der offensichtlichen Berechtigung meiner Befürchtungen aus.
»Was stellst du dir nur vor!«, bestärkte ihn Agnès schulterzuckend.
»Komm lieber her und schau dir das an!«, fuhr sie fort und zog mich in die Rue Saint-Jacques.
Sie führte uns zu dem kleinen Platz mit dem gelblichen Hund und zeigte mir dort, mit dem Café de la Poste im Rücken, über die Dächer der Straße hinweg die Steinmauern am Berghang auf der anderen Seite des Flusses, die Vorwerke und Schanzen des Fort Libéria. In der Tat eine großartige Festung, die in der Lage war, die schlimmsten Feinde des Sonnenkönigs aufzuhalten.
»Ich sehe keine Geschütze der Flugabwehr«, sagte ich in meiner Einfältigkeit.
Sie hatten keine Vorstellung, wie Flugabwehrgeschütze aussahen. Sie wussten nur, dass die Armee auf dieser Bergspitze, von der aus man beide Täler überblicken konnte, ein Telefon und zwei Reservisten stationiert hatte, mit dem Auftrag, den Himmel zu überwachen. Wenn sie eines Tages ein verdächtiges Flugzeug entdecken sollten, würden sie die Post in Villefranche anrufen und von dort mit dem militärischen Befehlshaber verbunden werden, der den Alarm auslösen würde. Und falls mit dem Apparat irgendetwas nicht funktionierte, könnten sie immer noch Signale in Richtung von Mont-Louis aussenden, tagsüber mit einer Art optischem Telegrafen und nachts mithilfe eines batteriebetriebenen Lampensystems. Als ob die deutsche Luftwaffe ihnen Zeit lassen würde, die Post anzurufen oder ihre Wimpel für den Signalmast hervorzuholen! Ich hatte die deutschen Geschwader gesehen, ich wusste, dass die Bomben fallen würden, ehe die Flugzeuge zu hören waren. Doch ich behielt meine Gedanken für mich und ließ mich durch eine Gasse unterhalb der Kirche zu einer Treppe leiten, die auf die Befestigungsmauer hinaufführte. Dort schob der Priester seine Mantelschöße zurück und wählte aus dem Schlüsselbund an seinem Gürtel einen übergroßen Schlüssel aus, wie man ihn an Statuen des heiligen Petrus in den Kirchen sieht.
Zunächst folgte ich ihnen in den halbkreisförmigen gewölbten Gang, der sich hinter einem Gitter auftat und durch eine Reihe kleiner gewölbter Fenster und das Spiel von Licht und Schatten auf den Steinen gegliedert war. Ganz am Ende befand sich eine Wendeltreppe, die in den überdachten Wehrgang führte, der die lange Befestigungsmauer zu beiden Seiten der Porte de France dominierte. Zur Linken wälzten sich weit unten die Fluten der Têt, der Cady floss am Fuße der Mauer entlang, und ich erkannte auch die Straße wieder, der wir vom Bahnhof aus gefolgt waren, als wir zum Dorf hinaufgingen, und die Steinbrüstung, auf die ich mich gestützt hatte.
»Die Têt, der Cady«, sagte ich und zeigte mit dem Finger auf sie.
»Na!«, sagte Agnès mit bewundernder Miene.
»Mein Wort, wir können Ihnen nichts mehr beibringen«, bekräftigte der Pfarrer. »Na ja, fast nichts.«
»Der ursprüngliche Verlauf des Conflent«, sagte er, als wolle er sich selber widersprechen, und zeigte mir den sich schlängelnden Weg tief unten in der Schlucht. »Eine der historischen Routen zur Überquerung der Pyrenäen.«
»Zur Römerzeit«, ergänzte Agnès.
Nun ging es darum, wer von beiden mir die vollkommenere Erklärung über die ›Via Confluentana‹ geben würde: über die Anordnung der Steinblöcke und ihre Markierung mit den Initialen der Steinbrucharbeiter, über den Schusswinkel und die Breite der Schießscharten, die Tiefe der Abhänge und die Anordnung der Mauerzinnen. Ich rechnete diese Rivalität dem heimlichen Einverständnis zu, das ich seit dem Vorabend zwischen den beiden beobachtete, und ich fragte mich, welcher Art ihre Beziehung war. »Ich mag Agnès sehr«, hatte der Pfarrer auf dem Weg in die Altstadt gesagt. Seine Äußerung hatte mich im ersten Augenblick nicht allzu sehr verwundert, er mochte Agnès so, wie der Hirte jedes seiner Schafe liebte, und das ›sehr‹ zeigte nur eine harmlose Zuneigung zu einem Schaf, das begabter oder liebenswürdiger als die anderen war. Doch der Glanz in seinen Augen und die Lebhaftigkeit, mit der er in Agnès’ Gegenwart sprach, eröffneten andere Vermutungen.
»Nicht schlecht, finden Sie nicht auch?«, fragte er, als sie mir das Prinzip der Gräben und Aufschüttungen erklärt hatte.
»Ja, das war gut verständlich«, erwiderte ich und zeigte meine ganze Bewunderung.
»Sie glauben Agnès Levêque vor sich zu sehen«, fügte er großtuerisch hinzu. »In Wirklichkeit haben Sie die Reinkarnation eines Festungsbaumeisters der klassischen Zeit vor sich! Einen Schüler des großen Vauban.«
»Wie haben Sie das erraten?«, fragte sie ihn und schenkte ihm ein Lächeln, das ihr ganzes Gesicht zum Leuchten brachte.
»Er hat an den bekanntesten Belagerungen des Sonnenkönigs teilgenommen«, sprach der Priester mit unerwartetem Feuer weiter, »bei der Erbauung von sechs Festungen, dem Ausbau von Villefranche, dabei will ich es belassen … ehe er einige Jahrhunderte übersprang, um sich mitten unter uns in den Zügen dieser jungen Schönheit wiederzuverkörpern.«
Ich wandte mich der Schönheit zu, und es fiel mir schwer, Agnès wiederzuerkennen. War es die Huldigung ihrer Jugend, das heimliche Einverständnis, das dieser Dialog zwischen ihr und dem Priester herstellte? Ich kannte sie erst seit gestern, und in keinem Augenblick hatte ich sie so strahlend gesehen.
»Könnte sie die Verteidigung von Villefranche gegen Francos Soldaten organisieren?«, schaltete ich mich stirnrunzelnd in das Spiel ein.
»Ohne den geringsten Zweifel«, antwortete sie schlagfertig.
»Da wäre ich mir nicht so sicher«, entgegnete der Pfarrer mit skeptischer Miene. »Einer Armee des 17. Jahrhunderts, ja, dem wäre sie gewachsen. Sie wüsste, wo ihre Leute stationiert und wann das Feuer eröffnet werden müsste, wann der richtige Zeitpunkt wäre, die Tore zu schließen und den Gegenangriff zu starten. Sie würde die Begeisterung ihrer Männer entfachen, und die schlimmsten Entbehrungen wären unter ihrer Führung ein Nichts für sie.«
»Dasselbe würde für den Kampf gegen die Faschisten des 20. Jahrhunderts gelten«, erwiderte die Schülerin von Vauban.
»Wenn ich es mir genauer überlege, gebe ich Ihnen doch recht. Ihr Erscheinen auf der Befestigungsmauer würde jeden x-beliebigen Feind, egal in welcher Epoche, entmutigen«, sagte er mit einem leisen Lächeln.
Ich folgte dem seltsamen Dialog des Gelehrten und seiner jungen Nacheiferin und fragte mich, ob ich mich in der Epoche geirrt hatte, ob der Zug von Perpignan mich nicht in die Zeit von Vauban, Louvois und den königlichen Ingenieuren zurückversetzt hatte, die diese Kanonengeschütze und Pechnasen entworfen hatten. Ich schaute nach oben, drehte den Kopf, und mein Blick traf nur Befestigungsmauern, Burgwarten und Steinbrüstungen.
»Drei Jahrhunderte, und nicht eine Falte«, sagte der Priester in diesem Moment, »und wenn es so sein soll, wird das alles in wenigen Tagen nicht mehr existieren.«
»Nicht mehr existieren?«
»Der Krieg, Sie vergessen den Krieg. Europa ist ein Pulverfass. Das ist nicht ganz neu, aber jetzt ist da ein Mann, ein gewisser Adolf Hitler, der eine Zündschnur bis zu diesen Tonnen gelegt hat und an ihrem Ende mit dem Feuerzeug in der Hand hämisch grinst.«
»Sie übertreiben«, sagte Agnès und zuckte mit den Schultern, vielleicht, um von dem Thema wegzukommen, das bei mir schlimme Erinnerungen wachrufen könnte.
»Ich glaube nicht! Wissen Sie, ich kenne die Deutschen ein bisschen. Zwei Jahre Schützengräben und ein Jahr Gefangenschaft!«
»Und?«
»Es sind Menschen wie Sie und ich. Doch es genügt, dass ein Fantast ein wenig ihren nationalen Stolz kitzelt, und auf einmal erkennt ihr sie nicht wieder, und sie sind zu allem bereit.«
Renée Levêque
Dunkelheit brach über die Rue Saint-Jacques herein, als der Rundweg auf der Befestigungsmauer uns wieder dorthin zurückführte.
»Und Sie, Marie?«, fragte der Priester, als er seinen Mantel wieder über dem Schlüsselbund zuknöpfte. »Sie haben bei sich zu Hause den Krieg erlebt. Den Krieg … wie soll ich sagen? Den Bürgerkrieg, den schlimmsten von allen, nicht wahr?«
Eine einfache Frage im Verlauf der Unterhaltung, doch sie erinnerte mich an Teresa und die schmerzhaften Ereignisse jener letzten Stunden. Teresa! Ich sah wieder ihr Gesicht vor mir, hörte ihre Stimme. Ich spürte das eiskalte Gewicht ihres Körpers an dem meinen, auf unserem Lager in der Baracke von Argelès.
»Kommen Sie mit und wärmen Sie sich im Pfarrhaus auf«, schlug der Priester vor, als er mich zittern sah.
»Oder bei mir zu Hause«, sagte Agnès und hakte sich bei mir unter.
Bei ihr, bei ihm, das war mir gleich. In Wirklichkeit wünschte ich nur, mein Zimmer und mein Bett aufsuchen zu können, um meine Verzweiflung im Schlaf und im Alleinsein zu ertränken. Doch Agnès bestand darauf, mich zu sich nach Hause mitzunehmen, zum Vauban, genauer gesagt in die Wohnung ihrer Eltern im ersten Stock des Hauses über dem Café. Man durchschritt das Café und öffnete eine Tür am Ende der Bar, stieg eine Steintreppe hinauf und befand sich in einer kleinen schmucken Halle. Eine Tür auf der rechten Seite führte in die Küche, die auf der linken zum Flur mit den Schlafzimmern, eine letzte lag gegenüber, und diese öffnete Agnès für mich.
Madame Levêque saß strickend in einem kleinen Sessel vor dem Fenster, und ich war von diesem ersten Anblick ihres heiteren Gesichtsausdrucks verblüfft. Heiter? Nein, es war etwas anderes, ein Ausdruck von Glück, fast von Glückseligkeit, der mich an Julia, unsere Nachbarin in Tarragona, erinnerte. Wenn sie wie jeder hier auf Erden ihren Anteil an Trauer und Widrigkeiten erlebt hatte, so hatten diese Unglücke sie nicht berührt, oder sie ließ sich nichts davon anmerken.
Monsieur Levêque spielte an dem großen Tisch mit den beiden Kindern, auf die Agnès auf jenem Platz aufgepasst hatte, als wir sie am frühen Nachmittag aufsuchten. Seine Gesichtszüge konnte ich im Halbdunkel nicht erkennen, aber er war groß, hielt sich aufrecht und vermittelte Sicherheit und Autorität.
Insgesamt herrschte eine wirklich gemütliche Atmosphäre, ganz anders als bei den Puechs. Alle begrüßten mich, sogar die kleine Hündin zu Füßen von Madame Levêque, und diese wies mir den Sessel zu, der neben ihr vor einem Fenster stand, das zur Rue Saint-Jacques hinausgehen musste. Sie stellte mir auf Katalanisch einige Fragen, bis Agnès mit einem großen Tablett voll dampfender Schalen aus der Küche zurückkehrte.
»Ich wusste, dass du sie belästigen würdest«, sagte sie in dem leicht scharfen Ton, der ihr eigen war. »Immer musst du unseren Gästen tausend Fragen stellen. Hast du dich nicht gefragt, ob die Leute wirklich Lust haben, solchen Verhören ausgesetzt zu werden?«
»Die Neugier …«, begann Madame Levêque.
»… ist ein schlimmer Fehler«, beendete ihre Tochter den Satz. »Was würdest du sagen, wenn Marie dich so ausfragen würde?«
»Ausfragen, ausfragen … Soviel ich weiß, haben wir nicht unsere Folterinstrumente herausgeholt.«
»Wir würden antworten«, entgegnete Monsieur Levêque, ohne den Blick von seinem Kartenspiel zu heben.
»Du würdest antworten? Du willst doch nicht einmal, dass man weiß, dass du Bürgermeister bist.«
»Nicht Bürgermeister, Agnès, wie oft muss man es dir noch wiederholen? Ich bin nicht Bürgermeister, nur Präsident der Sonderdelegation.«
»Ja, gut …«
»Das ist nicht das Gleiche. Ganz und gar nicht.«
In diesem Moment hob Madame Levêque den Blick von ihrem Strickzeug und berichtete mir in sehr einfachem Französisch, wie ihr Mann zum Stellvertreter des kommunistischen Bürgermeisters von Villefranche ernannt worden war. Das war für mich keine Überraschung. Die Ereignisse in Spanien hatten uns wider Willen politisiert. Die deutschen Sturzkampfflugzeuge und die Kanonen der Italiener hatten uns gelehrt, dass der Ausgang des Krieges von den internationalen geheimen Machenschaften abhing, aber ebenso – oder vielleicht sogar noch mehr – von den Auseinandersetzungen vor Ort. Und in Argelès waren wir über das Tagesgeschehen informiert, durch unsere Gewerkschaftskameraden insbesondere über die aktuelle französische Politik.
Die Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts im August 1939 hatte leidenschaftliche Diskussionen ausgelöst, und wir wussten, dass die französische Regierung Maßnahmen ergriffen hatte, um die Kommunisten und die Sympathisanten der spanischen Republik auszuschließen und durch Konservative zu ersetzen, doch all das schien sehr weit weg und blieb für uns quasi theoretisch. Die Geschichte der Absetzung des Bürgermeisters von Villefranche zeigte mir die praktische Seite dieser Frage.
»Villefranche ist eine rote Hochburg«, erklärte Madame Levêque, da ihr mein Interesse aufgefallen war. »Das freut meinen Mann nicht wirklich«, sprach sie mit leicht provozierendem Lächeln weiter, »aber es ist so.«
»Ich dachte, in Frankreich wären die Leute auf dem Land konservativ.«
»Ah! Ich sehe, dass Mademoiselle gut informiert ist«, entgegnete sie und strickte eine weitere Masche. »Nun, haben Sie sich einmal gefragt, liebe Marie, ob wir hier wirklich auf dem Land sind?«
»Villefranche ist ein Dorf, oder etwa nicht?«
»Ein Dorf sicher, wenn man die Einwohnerzahl bedenkt. Aber wie vielen Kühen und Schafen sind Sie seit Ihrer Ankunft begegnet? Keinem einzigen Tier, stimmt’s? Wie vielen Bauern? Ich wette, nicht einem.«
»Was tun die Menschen dann? Wovon leben sie?«
»Eine berechtigte Frage. Außer den Geschäftsleuten, dem Lehrer und den Angestellten im Rathaus sind die Menschen in Villefranche Arbeiter.«
»Arbeiter?«
»Das wundert Sie? Oh, Sie werden in dem Ort keine Fabrik sehen, außer der Limonadenfabrik meines Mannes, aber es gibt das Elektrizitätswerk, die Eisenminen, die Gießerei, die …«
»Die Eisenbahngesellschaft«, fiel Agnès ein und warf durch den Dampf ihrer Schale einen verstohlenen Blick zu ihrem Vater hinüber. »Der erste Arbeitgeber des Kantons. Ein Nest von Gewerkschaftlern.«
»Sehen Sie den Bahnhof vor sich, wo Sie ausgestiegen sind, den Bahnhof von Fuilla?«, fiel Renée ein, als wollte sie einen Streit im Keim ersticken.
»Ja, wir haben ihn auch oben von der Befestigungsmauer aus gesehen.«
»Das ist ein wichtiger Bahnhof. Ein Knotenpunkt des Eisenbahnnetzes zwischen den Linien der Ebene und denen der Cerdagne. Von dort aus werden diese Linien gewartet und verwaltet, mit zweihundert Angestellten. Und wo wohnen sie und ihre Familien?«
»In Villefranche?«
»Ja. Das ist für sie am nächsten. Fuilla, Ria, Corneilla … das ist alles viel zu weit weg. Nun verstehen Sie wohl, dass die Arbeiter der Fabriken und der Eisenbahngesellschaft nicht gerade diejenigen sind, die rechts wählen werden.«
»Daher kommt die kommunistische Mehrheit?«
»Genau. Und daher die Absetzung des Bürgermeisters nach der Unterzeichnung des Nichtangriffspakts, versteht sich. Frankreich ist im Krieg mit Deutschland, Deutschland hat sich mit Russland verbündet. Wir werden nicht Leuten die Führung überlassen, die Kontakte und vielleicht sogar Beziehungen zum Feind haben.«
»Und was ist aus dem Bürgermeister geworden?«, fragte ich.
»Er war reif für das Gefängnis, oder das Arbeitslager«, antwortete René Levêque und sammelte seine Karten ein, »aber machen Sie sich um ihn keine Sorgen, die Gewerkschaft hat ihn ins Grüne gebracht, er soll bei einem kleinen Bahnhof weit abseits von allem leben und Kohl pflanzen.«
»Ich lass mich nicht davon abbringen«, sagte Agnès. »Bürgermeister oder Präsident, das ist das Gleiche, nur die Bezeichnung ist eine andere.«
»Der Bürgermeister ist gewählt worden, der Präsident amtlich bestimmt«, antwortete ihr Vater schlagfertig. »Wenn es nur das wäre …«
Die politische Situation von Villefranche stand in jenem Augenblick wirklich nicht im Mittelpunkt unserer Sorgen, doch sie hatten versucht, mir meine Befangenheit zu nehmen und mich so auf mein neues Leben vorzubereiten. Es war ihre Art und Weise, mich zu empfangen, und deshalb berührte es mich.
Anschließend machte es sich Agnès zur Aufgabe, mir von der Geschichte ihrer Eltern zu erzählen, in ihrer Gegenwart und folglich gewissermaßen unter ihrer Kontrolle. René Levêque war in Algerien in einem Dorf bei Mostaganem geboren. Seine Eltern besaßen ein Stück Land, von dem sie nur schwer leben konnten, und so drängten sie ihren Sohn in andere Bahnen. Also studierte er ein wenig, um ihnen zu gehorchen, und von einem Tag auf den anderen hatte er sich bei der Reitertruppe der Spahis verpflichtet. Offizier im Ersten Weltkrieg, dann Jahre des Hin und Her zwischen Marokko, wo er seine Männer rekrutierte, und seiner Kaserne in Perpignan. Dann kam Renée.
»An einem 14. Juli auf dem Ball von Prades«, führte Madame Levêque die Erzählung weiter. »1921. Wir haben sofort geheiratet, und Agnès wurde neun Monate später geboren.«
»Am 23. April 1922«, warf eines der Kinder voller Stolz auf sein Wissen ein.
»Auf der Krankenstation der Kaserne«, sagte Agnès seufzend. »Wie ein Bühnenauftritt …«
»Wie bitte? Wie ein Bühnenauftritt? Die Armee bot uns eine Unterkunft an, und wir konnten diese Annehmlichkeiten doch nicht ausschlagen. Im Übrigen war die Krankenstation sehr sauber. Und außerdem – worüber beklagst du dich? Du hast an jenem Tag sehr glücklich ausgesehen, und ich muss es ja wissen. Du wurdest nach Strich und Faden verwöhnt.«
Der Vater von Renée war ein Jahr später gestorben, und daraufhin hatte René gebeten, vorzeitig entlassen zu werden, um die Geschäfte zu übernehmen: das Café, die Abfüllfabrik, die Wohnung … Und Renée war sozusagen in die ›Startposition‹ zurückgekehrt, in die Wohnung ihrer Mutter, in deren Sessel, sogar in ihr Bett, Lichtjahre von einem Leben des Reisens in fremde Länder entfernt, wie sie es sich erträumt hatte. Doch sie hatte die Wahl ihres Mannes bereitwillig akzeptiert. Denn Monsieur Levêque gefiel es in Villefranche. Hier fühlte er sich in Sicherheit. Die Befestigungsmauer erinnerte ihn an die Mauern seiner Kaserne und gab ihm dasselbe Gefühl von Schutz.
»Deshalb hat er mich geheiratet«, bemerkte Madame Levêque lachend, »wegen der Mauern von Villefranche.«
»Das ist nun alles vorbei«, erwiderte ihr Mann, ohne sich von seinem Tisch fortzubewegen.
»Was heißt vorbei? Was willst du damit sagen? Wir sind da und Villefranche auch.«
»Du weißt sehr wohl, was ich damit sagen will. Möchtest du, dass ich dich daran erinnere, wo ich letzte Woche war?«
Das Klappern der Stricknadeln verstummte. Die kleine Hündin seufzte in die anhaltende Stille hinein.
»René ist Reservist«, sagte Madame Levêque schließlich und warf mir einen hilflosen Blick zu. »Sie haben ihn zu einem Manöver einberufen.«
»Ich kann euch nur sagen, das ist nicht gerade einfach, gleichzeitig noch ein Unternehmen zu leiten. Also, an dem Tag, an dem ich meinen Einberufungsbescheid erhalte …«
»Aber nein, das wird nicht geschehen«, sagte seine Frau und hantierte nervös mit ihrem Wollknäuel herum.
»Und ich sage dir, dass es passieren wird, und zwar schneller, als wir denken. Wir sollten lieber die Augen offen halten.«
»Werden Sie gehen?«
»Natürlich werde ich gehen, was soll ich denn Ihrer Meinung nach sonst tun? In meinem Alter werde ich wieder durchwachte Nächte, Gewaltmärsche und Pausen inmitten von Schlamm durchmachen müssen. Tage und Monate lang. Von den Granaten und dem Pfeifen der Kugeln ganz zu schweigen.«
»Und Sie, Marie?«, fragte Madame Levêque mit zugeschnürter Kehle. »Erzählen Sie uns ein wenig von sich, das bringt uns Abwechslung.«
»Oh, das ist schnell erzählt. Ich bin in Tarragona geboren, habe dort meine Kindheit verbracht, und ohne den Staatsstreich der Nationalisten wäre ich noch immer dort.«
»In Tarragona!«, wiederholte Monsieur Levêque mit eigenartiger Stimme. »Ihre … Ihre Eltern waren von dort?«
»Papa, ja. Bei Mama ist es komplizierter. Ich glaube, sie ist wie Sie in Algerien geboren. Ihre Eltern hatten sich dort niedergelassen. Aber sie ist zurückgekommen, warum, weiß ich nicht genau. Sie hat nie darüber gesprochen.«
»Sie hat nie darüber gesprochen?«
»Darf ich dich daran erinnern«, fiel Agnès ihm unfreundlich ins Wort, »dass wir uns hier in einem Wohnzimmer befinden, in unserem Wohnzimmer, und nicht in einem Folterraum der 24. Kolonialtruppe?«
Monsieur Levêque ließ es sich gesagt sein, aber seine Frau wollte mehr darüber wissen und brachte mich unsensibel, mit einer Frage nach der anderen, dazu, meine Leidensgeschichte zu erzählen. Ich fürchtete diese Rückkehr zu den schwierigen Momenten meines Lebens, doch in Wahrheit brachte es mir Erleichterung. Ich hatte das alles für mich behalten, ohne das Gewicht abzuschätzen, das dieses Schweigen meiner Seele auferlegte. Zu Beginn ließ ich mich ein wenig bitten, doch bald floss mein Bericht nur so dahin. Sie hörten mir alle zu, sogar die Kinder, und ich spürte, wie die Last im Verlauf des Erzählens immer mehr von meinen Schultern fiel.
Sie wollten, dass ich den Abend über bei ihnen blieb, doch ich fiel vor Müdigkeit fast um und fühlte mich erneut unwohl. Der Anblick dieser Familie erinnerte mich daran, dass ich die meine verloren hatte, und dieses Mal war es stärker als Granados, stärker als Das Mädchen und die Nachtigall. Die Verzweiflung im Herzen und die Hitzewellen, die meinen Körper durchliefen, die Anfälle von Schüttelfrost und Niedergeschlagenheit raubten mir jede Kraft. Was würden zudem die Puechs sagen, wenn ich sie vom ersten Abend an allein ließ? Es gelang mir, mich aus dem Sessel von Monsieur Levêque hochzuziehen, genau genommen aus dem Sessel seines Schwiegervaters, und Agnès begleitete mich zu meinem ›Zuhause‹.
Als wir so Arm in Arm unter den kahlen Ästen der Bäume auf dem kleinen Platz dahingingen, begriff ich durch einen Druck ihrer Hand, einen kleinen Seufzer, der ihr entfuhr, dass das Leben für sie nicht immer einfach war, entgegen allem Anschein.
»Ich wusste, dass es so enden würde«, sagte sie wütend. »In einem regelrechten Verhör.«
»Einem Verhör? Aber nein«, murmelte ich und sammelte meine Kräfte, »ich habe es nicht so empfunden. Soll ich dir etwas sagen? Ich habe so einen Empfang nicht erwartet. Im Allgemeinen sind die Franzosen sehr hart gegenüber den Flüchtlingen. Vor allem den Dienstmädchen. Sie behandeln sie wie Nichtsnutze.«
»Wie kommst du darauf?«
»Einige Kameraden in Argelès, die in französischen Familien untergebracht wurden, haben uns geschrieben und erzählt, wie es war. Nein, glaube mir, deine Eltern sind sehr gut, du …«
»Hör auf, Marie. Mein Vater ist unerträglich, das hast du doch gesehen.«
»Unerträglich?«
»Ja. Im Übrigen reden wir kaum miteinander. Guten Tag, auf Wiedersehen, und manchmal nicht einmal das. Und du, wie war es mit dir und deinem Vater?«
»Wunderbar!«, sagte ich und trat vor Rührung auf der Stelle. »Aber das war etwas anderes, uns verband die Musik. Er war der Erste, der mich unterrichtete, verstehst du? Das hat uns einander sehr nahegebracht. Mama sagte, dass wir beide ein Clan wären, ein Clan im Clan. Ja, wir haben uns oft unterhalten. Sehr oft. Auf jeden Fall wusste er von allem, was in meinem Innern vor sich ging. Also war es auch sinnlos, ihm etwas zu verheimlichen, ebenso gut konnte ich es ihm erzählen.«
»Das gibt es, ein Vater, der seine Tochter versteht?«
»Natürlich gibt es das.«
»An dem Tag, an dem mein Vater sich die Zeit nimmt, mir zuzuhören, nichts tut, als mir zuzuhören … und was das Verstehen angeht …«
Der Weg vom Vauban zur Bäckerei der Puechs war nicht sehr weit. Der Platz vor der Kirche, eine kleine Seitenstraße, einige Schritte in der Rue Saint-Jean, dafür brauchte man nur wenige Minuten.
»Mostaganem, das sagt mir etwas«, meinte ich, als wir ankamen. »Das ist seltsam, ich kenne nur einen Städtenamen in Algerien außer Algier und Constantine, und das ist ausgerechnet die Stadt, in der dein Vater geboren ist.«
»Und was sagt es dir?«
»Nichts«, antwortete ich nach einigem Nachdenken. »Nichts. Vielleicht etwas von der Seite meiner Mutter her. Meine Mutter war wie dein Vater: Sie sagte nicht ein Wort über ihre Vergangenheit.«
Martha
Es sollte mehrere Wochen dauern, bis Agnès und ich uns wiedersahen. Hatte sie Villefranche nach Weihnachten verlassen? Verschloss Madame Puech ihre Haustür vor ihr? Ich weiß es nicht. Agnès’ Verschwinden in den letzten Tagen des Jahres 1939 und den ganzen Januar 1940 über ist und bleibt für immer eine Frage ohne Antwort. Ich selber befand mich mehrere Tage zwischen Leben und Tod, direkt nach meinem Besuch im Vauban, und jene Tage sind meinem Gedächtnis entschwunden. Im Grunde sehe ich mich zusammen mit ihr auf der Stadtmauer, im Wohnzimmer ihrer Eltern und dann ohne Übergang auf dem Sofa liegend, wo ich den restlichen Winter verbrachte. Aber in der Zwischenzeit hatte mein Schicksal das von Martha Soulas gekreuzt. Martha hat die ganze Zeit, in der ich zwischen Leben und Tod schwebte, über mir gewacht, und ohne sie gäbe es mich heute nicht mehr und ich könnte diese Erinnerungen nicht mehr weitergeben und dabei meine Tränen unterdrücken, wenn ich an alles denke, was sie für mich getan hat.
»Ah! Da bist du ja!«, rief sie aus, als ich wieder zu Bewusstsein kam. »Mach nicht so ein Gesicht, ich habe noch nie jemanden gefressen. Ich bin die Mutter von Félicie, die Mutter deiner Chefin. Du bist zu Hause«, fuhr sie angesichts meiner Bestürzung fort, »bei Madame und Monsieur Puech, erinnerst du dich? Die Bäcker.«
Ich hob den Blick und erkannte die Decke wieder, den Kristallleuchter und die Möbel des Esszimmers, in dem ich am Tag meiner Ankunft den Tisch gedeckt hatte, in der Zitadelle … von Villefranche, genau … am Abend meiner Ankunft in Villefranche-de-Conflent.
»O nein!«, sagte sie entschieden und unmissverständlich, als ich Anstalten machte aufzustehen.
»Dir ist Ruhe verordnet. Das ist jetzt dein Programm: Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe. Heute im Verlauf des Tages oder morgen kommt der Arzt vorbei. Solange wirst du dich nicht von der Stelle rühren. Nach all den Sorgen, die du uns bereitet hast …«
»Die Bäckerei …«
»Die Bäckerei?«, fragte sie lachend. »Die Bäckerei kann auf dich verzichten, mach dir keine Sorgen.«
»Aber … Madame Puech rechnet mit mir, ich muss …«
»Madame Puech, Madame Puech … Félicie kommt gut ohne dich klar, beruhige dich. Sie steht ein wenig früher auf, das tut ihr sehr gut.«
»Ich will nicht zurück nach Argelès«, sagte ich, griff nach ihrer Hand und drückte sie.
Das Erwachen im Esszimmer der Puechs markiert in meinem Gedächtnis den Beginn eines unüberschaubaren Zeitabschnitts, an dessen Ereignisse ich mich nicht mehr genau erinnere. Sie sind mir eher durch die Berichte von Martha und Pfarrer Raynal zu einem späteren Zeitpunkt bekannt.
Am Tag nach Weihnachten war ich nicht aufgestanden, und als Félicie nach mir schaute, hatte sie mich bewusstlos vorgefunden. Entweder hatte sie angesichts der Kosten eines Arztbesuchs gezögert, ihn zu holen, oder Dr. Durand hatte es nicht für nötig befunden, am Tag nach Weihnachten zu kommen. Jedenfalls kam er erst am folgenden Tag, nachdem er die Sprechstunde bei der Eisenbahngesellschaft in den Diensträumen des Bahnhofs absolviert hatte. Er diagnostizierte eine Lungenentzündung und verordnete Ruhe, viel Ruhe. Zu jener Zeit war es das einzige bekannte Heilmittel.
Anscheinend gab mein Zustand Anlass zur Sorge, denn Durand kam am nächsten Tag zusammen mit einem Doktor namens Puig aus Perpignan wieder, einem bekannten Arzt. Durand wollte seine Meinung hören, und ich glaube auch, dass er es war, der ihn von Prades aus mitnahm. Sie sprachen in ihrem medizinischen Kauderwelsch miteinander, doch ich verstand, dass Puig in Prades einen katalanischen Flüchtling behandelte, der ein berühmter Musiker war. War das nicht der Name dieses großen Bahnhofs, wo der Zug angehalten hatte, ehe er den Engpass ansteuerte, an dem Tag, als ich aus dem Lager kam, der Bahnhof mit dem Weihnachtsbaum? Und dieser katalanische Musiker, dieser Virtuose, um wen handelte es sich?
Auf diese Weise erfuhr ich von Pablo Casals Anwesenheit einige Kilometer von Villefranche entfernt.
»Kennen Sie ihn?«, fragte mich Dr. Puig, als er bemerkte, welche Wirkung allein der Name auf mich ausübte.
Ob ich Pau kannte? Ich hatte ihn 1934 in Barcelona spielen hören, und das hatte meine Begeisterung für die Musik ausgelöst. Ein Glücksfall. Als Instrumentenbauer und Cembalist erhielt mein Vater oft Karten für Konzerte. Dieses Mal hatte er Teresa, Mama und mich mitgenommen, als Paus Orchester spielte. Es war zudem meine erste Reise über die Grenzen von Tarragona hinaus, und alle meine Sinne waren hellwach. Pau hatte Papa und mich nach dem Konzert empfangen. Allein das! Später war er mein Lehrer am Musikkonservatorium in Barcelona. Er selbst war nur selten da, aber alle seine Unterrichtsstunden hinterließen bei uns Schülern einen bleibenden Eindruck.
»Flüchtig«, sagte ich errötend.
»Musikerin?«
»Ein wenig.«
»Instrument?«
»Klavier, Cembalo. Ein bisschen Cello«, fügte ich hinzu.
»Cello!«, murmelte er wie zu sich selbst.
Er zog seine goldene Uhr aus der Jackentasche, legte seinen Daumen an den Rand des Deckels und hob ihn mit einem Finger an, während er mit der anderen Hand die Pulsader an meinem Handgelenk suchte. Und ich dachte, dass Pablo Casals, der über sechzig Jahre alt war, ihn mehr brauchte als ich. Ich war weder zu etwas noch für jemanden nützlich. Sollte ich am nächsten Tag sterben, würden – wenn überhaupt – höchstens drei Verrückte meinem Sarg folgen. Bei ihm war das etwas anderes, die Welt brauchte ihn.
»Wie geht es ihm?«, fragte ich, als er sich endlich zu mir umdrehte.
»Sind Ihre Patienten alle so?«, fragte er Durand und lachte laut auf. »Sie wird durchkommen«, sagte er noch und wandte sich Martha zu, »aber sie braucht Ruhe, viel Ruhe, keine Anstrengung, keine Sorgen, keine Aufregung, natürlich keine Arbeit.«
Ich sollte zwei ganze Wochen lang das Bett hüten und danach nur sehr langsam wieder mit allem anfangen. Richtig gesund würde ich erst in zwei, vielleicht drei Monaten sein. Madame Puech machte ein langes Gesicht.
»Wir haben sie aufgenommen, damit sie uns hilft«, sagte sie.
»Vergessen Sie das«, entgegnete Durand schroff. »Die Kleine hat sehr gelitten. In ihrem Zustand würde die Arbeit sie umbringen. Sie würden ihren Tod auf dem Gewissen haben, lassen Sie sich das gesagt sein. Und die Polizei am Hals.«
Die Erwähnung der Polizei beschäftigte mich. War Madame Puech wirklich fähig, mich nach Argelès zurückzuschicken, in dem Zustand, in dem sie mich vor sich sah? Warum warnte dieser Dr. Durand, der sie gut zu kennen schien, sie auf so eindringliche Weise?
»Machen Sie sich keine Sorgen um Pau«, sagte Dr. Puig zu mir, als er sich verabschiedete. »Das Erstarken des Faschismus macht ihm große Sorgen, aber physisch wird er uns alle überleben. Sie werden es selber feststellen, wenn Sie ihn besuchen werden. Sobald es Ihnen besser geht. Das hängt nur von Ihnen ab, von der Ruhe, die Sie sich gönnen.«
»Spielt er?«
»Er weigert sich, öffentlich zu spielen, seit Spanien in Francos Händen ist, wissen Sie das nicht? Wohlgemerkt, manchmal macht er eine Ausnahme für Konzerte zugunsten von Flüchtlingen. Ich werde Ihnen Bescheid geben.«
Martha hätte ein Violoncello nicht von einer Viola da gamba unterscheiden können, aber sie wusste, dass Pablo Casals sich in Prades niedergelassen hatte und die Flüchtlingslager besuchte. Was den Priester anging, so sagte er, als ich mit ihm über ihn sprach: »Casals? Er ist in Prades im Grand Hôtel.«
Anscheinend war ich die einzige Person in der Region, die die Adresse von Pablo Casals nicht kannte.
»Haben Sie ihn spielen hören?«
Ich nickte zustimmend.
»Kennen Sie ihn?«
»Ja«, antwortete ich so ungezwungen wie möglich.
Ich kannte ihn natürlich nicht näher, aber ich verdankte ihm meine Leidenschaft für die Musik. Vor den politischen Ereignissen lasen ich und meine Kommilitonen aus dem Konservatorium alles, was über ihn erschien, zumindest alles, was uns zugänglich war. Er war für uns nicht nur ein unvergleichlicher Musiker, ein genialer Interpret, der Erneuerer des Cellos, sondern ebenso ein großer Denker und Pazifist. Auch ein Katalane: Er versäumte keine Gelegenheit, seinen Patriotismus zu beteuern, und diese Treue zu seiner Herkunft berührte uns, die Katalanen, sehr. Ich hatte immer davon geträumt, dass es, wenn ich einen Lehrer haben sollte, Pablo Casals sein würde. Lehrmeister der Musik, des Denkens, des Lebens. Er hatte sich geweigert, in Deutschland aufzutreten, als Hitler begann, Franco zu unterstützen. Ein erhebliches Opfer für ihn. Ein Land, in dem er so viele Freunde hatte! So viele Bewunderer! Das Land von Bach und Beethoven! Ich wusste noch nicht, dass er nach seiner Flucht aus Katalonien einige Konzerte bei der BBC gegeben und es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, seine Darbietungen als Zeichen der Würdigung und Ermutigung seiner Landsleute mit einer selbst komponierten Interpretation von El cant dels ocells – Der Gesang der Vögel – zu beenden, einem alten katalanischen Volkslied.
Durand hatte zwei Wochen komplette Bettruhe verordnet; es wurden zwei Wochen fast durchgehenden Schlafens. Eines Morgens fühlte ich mich besser, einfach so, als ich aufwachte, und als hätte Martha nur darauf gewartet, verlegte sie mich aus dem Esszimmer in die Küche hinüber. Sie stattete das Sofa mit Bettzeug aus, und so wurde dies bis Februar vom ersten bis zum letzten Sonnenstrahl meine Welt. Diese Küche unterschied sich nicht sehr von der unsrigen über der Werkstatt meines Vaters. Bis hin zu dem gusseisernen Herd, der mit großen Holzkohlen betrieben wurde, dem großen Bauerntisch und dem Kommen und Gehen all der Freunde und Nachbarn. Der Katalane des Conflent ersetzte im Wortschatz den aus Tarragona, die Hauptrolle von Mama nahm Martha ein, und auch die anderen Menschen waren fast austauschbar.
Martha hatte die Fähigkeit, die Kunden der Bäckerei am Klang der Eingangstür zu identifizieren. »Monsieur Soundso«, verkündete sie beim Läuten des Glöckchens. »Was bekommen Sie, Monsieur Soundso?«, hörte man Arlettes Stimme als Echo. Eine Leistung! Auf den ersten Blick schon, aber mit der Zeit stellte ich fest, dass die Leute immer ungefähr in derselben Reihenfolge und zur selben Uhrzeit kamen, und ich bemerkte ebenso, dass Martha immer den Außenspiegel im Blick hatte – er war hinter dem Fenster wie ein Rückspiegel am Kotflügel eines Autos angebracht. So hatte sie, ohne sich von ihrem Spülbecken wegzubewegen, den kleinen Platz und einen Großteil der Rue Saint-Jean im Blick. Man konnte auch sagen, ein Drittel von Villefranche.
Sie stand vor Tagesanbruch auf, machte sich sogleich an ihre Aufgaben und blieb bis zum Abend dabei. Ein arbeitsreiches Leben. Nicht eine Minute Pause. Sie herrschte über die Küche, über einen Garten, den sie irgendwo auf der Seite der Vorstadt hatte, und sie verwaltete die Vorräte, strickte, bügelte, stopfte, bohnerte, wischte Staub und wachste. Sie überließ Arlette nur die Wäsche und das Aufwischen der Böden am Freitag.
Eines Tages rief Arlette sie vom unteren Ende der Treppe: »Lucienne bittet Sie zu kommen.«
An jenem Tag erfuhr ich, dass sie auch als Hebamme tätig war, und ich sah sie von nun an mit anderen Augen. Ich betrachtete ihre Hände und sagte mir, dass diese Hände Neugeborene in dieser Welt empfingen und diejenigen holten, die nicht von alleine kommen wollten. Ich berichtete ihr von meinen Gedanken, und wie selbstverständlich kamen wir auf die Angelegenheiten des Lebens zu sprechen. Eine Art Wunder zu jener Zeit. Niemand verlor ein Wort darüber, das Thema war tabu. Am Morgen der Hochzeit nahm die Mutter ihre Tochter beiseite und sagte ihr, dass sie sich über nichts wundern solle. Der Vater tat dasselbe mit dem zukünftigen Ehemann, und das war alles. Ich hatte dieses Privileg, das mich lange Zeit von den jungen Mädchen meines Alters unterschied, in die Geheimnisse des Kinderkriegens von einer Frau eingeweiht worden zu sein, die nicht nur aus Sachkenntnis darüber sprach, sondern mit einer Art Staunen, das ihre alten Pupillen aufleuchten ließ.
Abgesehen von den Geheimnissen des Kinderkriegens weihte mich diese Zeit der Erholung auch ins Französische ein. In die Sprache und die Literatur. Ein bisschen durch die Unterhaltungen mit Agnès, ihren Eltern und dem Priester, vor allem aber durch die Bücher. Zunächst Marthas Bücher. Liebesromane: Le mariage de Mademoiselle Privat, La fiancée de Paul, La mariée était en rose … Sehr einfache Geschichten: Ein junges Mädchen läuft von zu Hause weg zu ihrem Geliebten, sie heiraten und haben viele Kinder; ein Waisenkind wird von seiner Stiefmutter geschlagen, dann in einem Schloss aufgenommen und heiratet am Ende den Sohn des Schlossherrn. Es waren auch Geschichten mit erzieherischem Aspekt darunter. In Le tour de la France par deux enfants lässt G. Bruno zwei kleine Brüder, die der Tod ihrer Eltern auf die Straße geworfen hat, das Land mit staunenden Augen durchstreifen und alles aufschreiben, was sie sehen. Doch bald lieh mir Agnès die Romane von Giono, die mich sehr fesselten. Jean le bleu – Jean der Träumer, Colline – Der Hügel, Un de baumugnes – Der Berg der Stummen … sie hatte sie alle gelesen, und ich las sie auch. Ebenso die Manifeste gegen den Krieg: Le grand troupeau – Die große Herde und Refus d’obéissance – Die Verweigerung des Gehorsams. Er hatte die jungen Leute angestiftet, ihren Einberufungsbescheid zurückzuschicken, und war deswegen im Gefängnis gewesen. In der allgemeinen Unruhe durch die Kriegserklärung blieb dies nahezu unbeachtet, doch Agnès wusste es. Sie wusste alles über ihn: über seine antimilitaristischen Erklärungen, die Liste seiner Werke, die wichtigsten Stationen seiner Biografie. Sie rezitierte auswendig ganze Passagen aus Le chant du monde – Das Lied der Welt, Le grand troupeau oder Jean le bleu: »Die Nacht hatte sanft ihren grünen Leib auf das reglose Geriesel der Hügelkette gesenkt, sie kratzte müde und gereizt wie ein großer Vogel mit ihren Krallen noch ein wenig an der Abendröte, und dann spreitete sie ihre Schwingen über den weiten Himmel aus, bedeckte ihn ganz und lullte ihn mit dem sanften Fächeln ihres Gefieders in Schlaf.« Nach all diesen Jahren erinnere ich mich noch genau daran.
Der Winter schritt voran, die Tage wurden länger und mit ihnen die Zeit, die ich in meinem Zimmer verbrachte. Natürlich mit Lesen. Die Worte ›Schlafzimmer‹ und ›Buch‹ waren unauflöslich miteinander verbunden. Hätte ich in der Küche lesen können? Nein, unmöglich. Nur wenn Martha und ich uns ganz allein dort befanden, aber das war sehr selten. Meistens waren viele Leute da, und dann kam es nicht infrage, sich in ein Buch zu vertiefen, denn was hätten die Leute gedacht? Man musste reden, zuhören, sich wundern, einen Standpunkt darlegen, wiederholen, was man seit dem Morgen schon drei- oder viermal gesagt hatte. Also las ich in meinem Zimmer. Zunächst abends vor dem Einschlafen und morgens nach dem Aufwachen beim Schein meiner Nachttischlampe. Dann immer längere Zeit, und als Martha begriffen hatte, dass ich es brauchte, schließlich Stunde um Stunde und ganze Nachmittage lang. Nicht so lange am Vormittag, weil Martha dann da war und ich mich in ihrer Gesellschaft wohlfühlte, in der Wärme und Sicherheit ihrer Fittiche. Ihrer mütterlichen Fittiche? Nun ja. Wenn es die Rolle der Mutter ist, das Kind vor der Härte und Dummheit der Welt zu beschützen, ja, dann war Martha eine Mutter für mich. Sie beobachtete mich aus dem Augenwinkel, fragte sich, was gut für mich war, für meine Gesundheit, für meinen Trost, und wenn sie verstand, dass es das Alleinsein und Lesen in meinem Zimmer war, machte sie mir keine Vorwürfe, sondern setzte es sogar gegen ihre Tochter und ihren Schwiegersohn und alle durch, die etwas dagegen sagen wollten. Sie bat nur darum, dass ich meine Tür offen ließ. Die Tür offen lassen? Etwas Besseres konnte mir nicht passieren. Denn es bedeutete, zu den Düften und Geräuschen des Hauses Zugang zu haben.
Dieses Zimmer wurde meine Welt, vor allem wenn ich Giono einlud. Es wurde mein ganz eigener Winkel, der weiche Kokon, in dem ich nach diesen Monaten, fast schon Jahren des Hin- und Hergestoßenwerdens wieder neu auflebte. War es nicht gemütlich, ein Zimmer unter dem Dach zu haben, mitten im Winter, am Fuße des Canigou? Aber ja. Die Wärme des Ofens stieg über die Mauern, die Treppe, den Kamin zu mir herauf, gemeinsam mit dem guten Duft nach Brot, der Appetit machte und daran erinnerte, dass es einem an nichts fehlte, dass Hunger und Kälte nur unschöne Erinnerungen waren.
Im Grunde habe ich mit Jean Giono Französisch gelernt. Mit Balzac sicher auch, und mit Flaubert, Baudelaire, Mallarmé … aber vor allem mit Giono. Giono hat mich wiederaufleben lassen. Er hat mich mit der französischen Sprache bekannt gemacht, und ich habe mich in sie verliebt. Unsterblich. Ich hörte Madame Puech nicht mehr, die mich zu den Mahlzeiten rief, trotz der offenen Tür, und wenn ich mich endlich an den Tisch setzte, wusste ich nicht, was ich aß. Ich hatte nur eines im Sinn: wieder nach oben zu gehen und die Hohlwege wiederzufinden, die Olivenhaine und Quellen in der Umgebung von Manosque. In Wahrheit verließ ich sie gar nicht, ich verbrachte drei Tage und zwei Nächte ohne Unterbrechung mit Jean le bleu und eine Woche mit Antonio. Eine Leidenschaft. Für Jean le bleu, Antonio und die anderen, für die Provence, für die von Düften erfüllte Heide, aber vor allem für die Musik der Sprache: »Er hatte den ganzen Tag beobachtet, wie der Fluss im Sonnenschein über die Muscheln strömte – diese weißen Pferdchen, die im Wasser galoppierten, mit blinkenden Schaumspritzern an den Hufen – und weiter oben den grauen Wasserrücken, am Ausgang der Schluchten, der sich hoch aufbäumte im Zorn über die Enge des eben verlassenen Felsenkorridors …« Man muss wissen, dass es außer der gesungenen Messe am Sonntag keine Musik in Villefranche gab. Kein Konzert, keinen Liederabend. Natürlich keine Schallplatte und keinen Plattenspieler. Und ich hatte meine ganze Kindheit und Jugend mit Musik verbracht. Sie war für mich so unentbehrlich wie das Wasser, das man trinkt, wie die Luft, die man atmet. Das Leben hatte mich von ihr entfernt und mir seit meiner Flucht aus Barcelona im Jahr 1938 nicht einmal die Zeit gegeben, daran zu denken. Nun aber lag der Kampf ums Überleben hinter mir, und ich spürte, wie sehr sie mir fehlte. Also ersetzten mir in der ersten Zeit meines Aufenthalts in Villefranche die Harmonien der Sprache die Musik.
Marcel
Das Abtauchen in die Bewusstlosigkeit hat einige Bilder aus meinen ersten Stunden in Villefranche und seiner Umgebung tief in meiner Erinnerung verankert: den Verlauf der Nationalstraße vom Bahnhof an, die Rue Saint-Jean bis zum Bergfried, den Platz vor der Kirche, den Rundweg auf der Befestigungsmauer … die Besucher, die nacheinander in Marthas Küche erschienen, kamen als Dekoration dazu. Natürlich war dieser Trubel nicht gerade ideal für eine Kranke, aber es bedeutete für mich nichts anderes als eine Wiederholung dessen, was ich in Tarragona gekannt hatte. Wir wohnten über Papas Werkstatt, und seine Kunden, meine Onkel und Tanten, ihre Kinder und die Nachbarn trafen sich bei uns, um zu reden und zu scherzen. Zu scherzen? Ja, bis die Nationalisten Katalonien angriffen. Auch dieser Bedrohung, die durch den Krieg in die Gespräche Einlass fand, begegnete ich in Villefranche wieder. Wir erlebten das, was als ›seltsamer Krieg‹ bezeichnet wurde, den Zweiten Weltkrieg vor der Invasion in Frankreich im Mai 1940. Frankreich und England hatten Deutschland nach dessen Angriff auf Polen den Krieg erklärt, doch der Schauplatz der Kampfhandlungen war weit weg, auf dem Balkan, in Finnland, in Dänemark …, und damit hatten sie etwas Unwirkliches an sich: All das hatte nichts mit dem offenen und schrecklich nahen Krieg zu tun, den ich in Spanien erlebt hatte. In Villefranche gab es keine Gefechte und Bombardierungen. Es herrschten lediglich einige Versorgungsengpässe, und man war verpflichtet, das Licht der Glühbirnen abzudämpfen oder diese zu bemalen, um zu vermeiden, dass man vom Feind ausfindig gemacht werden konnte.
Ende Januar bestätigte die Regierung offiziell die Absetzung der kommunistischen Abgeordneten, die den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt und Moskaus Pro-Hitler-Politik nicht ausdrücklich verurteilt hatten. Die Unterzeichnung des Paktes hatte im vorangegangenen Sommer stattgefunden; inzwischen war Deutschland mit Unterstützung der Sowjetunion in Polen eingefallen und hatte es annektiert, doch die Kammer hatte sich mit der Beratung und dem Abwägen des Für und Wider Zeit gelassen. Der Präfekt der Ostpyrenäen hatte nicht gezögert und den kommunistischen Bürgermeister von Villefranche im Monat nach der Unterzeichnung des Paktes abgesetzt.
Der Krieg stand im Mittelpunkt aller Unterhaltungen, er stellte alle gewöhnlichen Themen in den Schatten. Jeden Tag wurde am Tisch der Puechs darüber gesprochen. Émile las uns die Bekanntmachungen des L’Indépendant vor, und jeder äußerte seine Prognose, wer als Nächstes zur Zielscheibe der Wehrmacht wurde.
Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass der Krieg der Fronten vorbei war, dass die Maginot-Linie zum Gespött der deutschen Generäle geworden war. L’Illustration veröffentlichte Fotos von kleinen Wägen, die zehn bis zwanzig Meter unter der Erde gelegene Gänge durchfuhren, »uneinnehmbare« Festungen, Berge von Granaten »so weit man blicken konnte«. L’Indépendant zeigte die Fließbandproduktion eines hochmodernen Gewehrs namens ›Le mousqueton‹. In den Briefen der Einberufenen war großspurig von der sofortigen Einnahme Berlins die Rede. Doch Deutschland verlor keine Zeit, unterirdische Gänge auszuheben oder Granaten zu stapeln; es nahm Österreich, Polen und die Tschechoslowakei ein.
Eines Morgens gegen zehn Uhr waren unbekannte Schritte auf der Treppe zu hören, und ich wusste sofort, dass es so weit war: Die Faschisten hatten mich eingeholt. Sie waren zu zweit, groß und imposant in ihren blau-roten Uniformen der nationalen Gendarmerie. Sie bauten sich auf der Türschwelle zur Küche auf, und der Regen, der von ihren Mänteln tropfte, bildete zwei kleine Lachen auf den Fliesen, die sich bald zu einer großen vereinen würden.
»Maria Soraya?«
»Was will man von ihr?«, fragte Martha.
»Nichts. Ein einfaches Verhör bei der Brigade. Reine Routine.«
»Ist sie das?«, fragte sein Kollege und zeigte auf mich. »Zieh dich an, wir nehmen dich mit.«
»Sie mitnehmen? Das würde mich wundern. Seit sechs Wochen hat sie sich nicht vom Fleck gerührt.«
»Das sagen Sie.«
»Das sage ich? Wenn Sie mir nicht glauben, fragen Sie Dr. Durand. Oder Dr. Puig. Die behandeln sie beide.«
»Das stimmt«, bekräftigte Madame Puech, die aus dem Schlafzimmer herunterkam. »Seit ihrer Ankunft hat sie das Bett nicht verlassen.«
»Wir ernähren sie bald zwei Monate dafür, dass sie keinen Finger rührt«, fiel Monsieur Puech ein, der gerade dazukam, »und jetzt trifft es uns schon wieder. Ich habe es dir gesagt, Félicie, das wird alles ein bitteres Ende nehmen.«
Doch die Gendarmen hatten einen Befehl, und über einen Befehl wird bei den Gendarmen nicht verhandelt.
Vom Esszimmer aus, in dem Martha mich anzog, verfolgten wir das Gespräch in der Küche: »Ein Handstreich von Pétain«, murmelte einer der Männer.
»Der Marschall? Was hat der damit zu tun?«, fragte Monsieur Puech.
»Franco hat Barcelona am 26. Januar eingenommen, Frankreich hat dies am 27. Februar anerkannt, und am 2. März war Pétain in Madrid. Botschafter von Frankreich in Madrid, bitte schön. Seitdem machen sie ihre kleinen Geschäfte unter Freunden, Franco und er, und wir erhalten Anweisungen.«
»Ich dachte, Franco marschiert mit Hitler, und Hitler führt Krieg gegen Frankreich.«
»Ja, für dich und mich ist es so, absolut einfach, aber in der Politik läuft alles komplizierter, als man denkt. Zu kompliziert für uns, wenn du meine Meinung hören willst.«
Wir kamen aus dem Esszimmer, und ich fühlte mich nicht wohl in meiner Haut. Diese beiden Gendarmen sahen gutmütig aus, und vielleicht hatten sie jahrelang in Villefranche die Schulbank gedrückt, doch sie würden mich anderen Gendarmen übergeben, die niemand kennen würde, und von einem Gendarm zum nächsten würde ich schließlich wieder in Argelès-sur-Mer landen oder irgendwo in Spanien in einem nationalistischen Gefängnis. Keine Sorgen, keinen Ärger, hatte Dr. Puig gesagt. Davon waren wir weit entfernt.
»Du musst nur die Dumme spielen«, flüsterte mir Arlette, die unseren Aufbruch begleitete, in der Aufregung zu.
»Das wollte ich dir auch raten«, sagte Martha, als sie mich in die Arme schloss, »spiel die Dumme, und alles wird gut, du wirst sehen.« Sie lächelte, als ich den Kopf hob und sie anschaute, doch tief in ihrem Blick schimmerte etwas Sorgenvolles.
Die Gendarmen waren mit dem Zug gekommen, also mussten wir zum Verhör bei der Brigade auch mit dem Zug nach Prades hinunterfahren. Wir verließen die Bäckerei, bogen nach links in die Rue Saint-Jean ab und gingen dann zur Place du Génie. Die Leute wichen zur Seite, als wir kamen, einige drehten sich nach uns um, andere taten so, als würden sie mich nicht kennen. Es war ein trostloser Tag: Der Himmel war verhangen, ein feiner, eisiger Regen fiel. Die Wolken zogen eilig zwischen den Dachvorsprüngen vorbei, und durch den Wind rieselte mir der Regen stoßweise ins Gesicht. Der Wind, der Regen, die kalte Luft – ich fragte mich, wie ich ohne sie hatte leben können.
Als wir die Place du Génie erreichten, erblickte ich die Gestalt von René Levêque unter der Überdachung der Porte de France. Er hatte keine Schärpe mit den Farben der Tricolore umgelegt (war der Präsident der Sonderdelegation befugt, dieses Attribut des Bürgermeisters zu tragen? Ich war mir nicht sicher), ich hatte ihn seit unserer ersten Begegnung am Weihnachtsabend nicht wiedergesehen und erinnerte mich weder an sein Gesicht noch an seine Körperhaltung, aber es fiel mir überhaupt nicht schwer, ihn zu erkennen. Groß, schlank, fast elegant in seinem beigefarbenen Gabardinemantel und seinen hellen Lederschuhen, strahlte er Autorität und Sicherheit aus. Ein Soldat auf Mission. Sein Nachrichtendienst hatte ihn über eine verdächtige Aktion in seinem Sektor informiert, er hatte den Vorfall eingeschätzt, einen strategisch günstigen Ort auf der Route des Feindes ausgewählt und wartete dort mit der Sicherheit, im Vorteil zu sein.
»Was ist los, Marcel?«, fragte er, als wir an ihm vorbeikamen. Er stand unter der Überdachung des Tores, an der äußersten Grenze des Bauwerks, sodass der Gegner den Elementen ausgesetzt war.
»Ein Verhör«, entgegnete der Gendarm zu meiner rechten Seite. »Wir bringen sie zur Brigade.«
»Kann ich mal sehen?«
»Natürlich«, antwortete der andere und suchte in den Tiefen seiner Manteltasche nach der Vorladung.
Das nahm etwas Zeit in Anspruch, die Monsieur Levêque nutzte, um den Blick in meine Richtung zu wenden. Du hast nichts zu befürchten, sagten seine Augen, ich werde mir das von diesen Tölpeln nicht gefallen lassen; ein wenig Geduld, und du wirst schon sehen. Ich erinnerte mich weder an seinen millimetergenau gestutzten Schnurrbart noch an die von seiner Person ausgehende Sicherheit, und so schaute ich ihn wie zum ersten Mal an. Er griff nach dem Stück Papier, das der Gendarm ihm hinhielt, und nahm sich die Zeit, es zu lesen und wieder zusammenzufalten.
»Nicht einverstanden«, sagte er schroff. »Dieses junge Mädchen steht unter der offiziellen Vormundschaft einer Familie von Villefranche, also unter meiner Verantwortung. Als Präsident der Sonderdelegation kann ich es nicht verantworten, eine Kranke gehen zu lassen. Vor allem nicht bei diesem Wetter. Wenn ihr etwas zustoßen sollte, wird es auf mich zurückfallen. Es gab schon Bürgermeister, die für weniger als das im Gefängnis gelandet sind, dir muss ich das nicht sagen, Marcel.«
»Na ja, aber was soll ich tun? Ich habe die Anweisung.«
»Sag mir doch, von wem die Anweisung kommt«, entgegnete Monsieur Levêque und nahm den anderen beiseite.
»Weisungen aus Paris«, antwortete er halblaut. »Innenministerium, so scheint es. Auf Vorschlag unseres Botschafters in Madrid. Der Befehl, alle Flüchtlinge mit Sympathien für die Republik an die spanischen Behörden zu übergeben.«
»Ach ja? Und ›die spanischen Behörden‹, wie du sagst, was werden sie mit diesen Flüchtlingen machen, die Frankreich ihnen so zuvorkommend übergibt? Deiner Meinung nach?«
»Das geht mich nichts an. Jedem seine Arbeit.«
»Das geht dich vielleicht nichts an, aber ich werde es dir dennoch sagen.«
»Ich verlange nichts von dir, René.«
»Die spanischen Behörden bringen diese Unschuldigen in das erstbeste Gefängnis, und man hört nie wieder etwas von ihnen, verstehst du? Nie wieder. So läuft das. Du kannst nicht damit rechnen, dass ich das unterstütze, Marcel, das sage ich dir ganz deutlich. Dieses Mädchen bewegt sich nicht von hier fort. Wenn man dich fragt, was geschehen ist, sagst du, dass du sie krank und nicht transportfähig vorgefunden hast. Das ist sowieso die Wahrheit. Falls nötig, hätte ich zweihundert Leute, die das bezeugen. Seit ihrer Ankunft hat sie das Bett nicht verlassen, verstehst du? Das ist die Wahrheit.«
»Ich verstehe«, sagte der Gendarm seufzend.
»Jetzt werde ich dir unter uns sagen, was du nicht in deinen Bericht schreibst, aber trotz allem wissen kannst: Derjenige, der versucht, hörst du, nur versucht, dem Mädchen ein Haar zu krümmen, wird es mit mir zu tun bekommen.«
Ich stand direkt daneben. Und beobachtete die Wirkung von Renés Worten und seinem Tonfall auf Marcels Gesicht. Es ist immer seltsam, sein Schicksal aus den Gesichtern der Männer des Gesetzes zu erraten, in deren Händen es liegt. Doch ich hatte keine Angst und frage mich nur, ob ich nicht an jenem Tag im Regen vor der Porte de France gelächelt habe. Irgendetwas sagte mir, dass René sein Leben gegeben hätte, um meines zu retten, und dass dieser Elan, gestützt auf seine Autorität als Präsident und den Ruf, absolut integer zu sein, ihm so etwas wie einen kleinen Vorteil gegenüber einem Gendarmen verschaffte, der es eilig hatte, die Sache zu Ende zu bringen und nach Hause zu gehen. Abgesehen davon hatte ich bei meinem ersten Ausgang Besseres zu tun, als einer Unterhaltung zwischen einem Präsidenten und einem Polizisten zu folgen, selbst wenn es um mich ging. Die Porte de France, die Place du Génie, das Postgebäude … mein Dorf umgab mich in Sichtweite. Natürlich hatte ich mir ein Bild davon gemacht, wenn ich die Menschen in Marthas Küche davon erzählen hörte. Aber ich wurde gewahr, dass diese Vorstellung nicht an die Realität heranreichte: Sogar im Regen und bei verhangenem Himmel, mit der Befestigungsmauer, dem Tor, dem Rauschen des Cady direkt dahinter … sogar in diesem Moment wurde mir klar, dass das Schicksal mich wahrhaftig an einen außergewöhnlichen Ort geführt hatte.
Die Gendarmen kehrten ohne mich zurück, doch am nächsten Tag teilte der Briefträger in Villefranche drei Briefe in offiziellen Umschlägen aus. Der erste trug ganz offensichtlich den Stempel der Präfektur der Ostpyrenäen: Monsieur René Levêque, Präsident der Sonderdelegation, wurde noch am selben Tag um Punkt sechzehn Uhr von dem Präfekten erwartet. Der zweite Brief mit dem bischöflichen Wappen kündete Pfarrer Raynal, dem hauptamtlichen Priester der Gemeinde Villefranche-de-Conflent, den Besuch seines Vorgesetzten, des Priesters von Prades, für den Nachmittag an. Der letzte Brief mit dem Stempel der französischen Armee war von Charles. Sein erster Brief seit meiner Ankunft und vielleicht seit seiner Abreise an die Front. Es liefe alles gut, schrieb er. Wenn die Deutschen verrückt genug wären, anzugreifen, würden sie schneller bis Berlin zurückgedrängt werden, als man davon berichten könnte.
Bei Einbruch der Dunkelheit schaute René Levêque auf dem Rückweg von Perpignan bei uns herein. Ich war gerade hochgegangen, öffnete aber meine Zimmertür und spitzte die Ohren, sodass ich in groben Zügen dem Gespräch folgen konnte.
»Sie wollen das Mädchen ausliefern, das ist zumindest sicher. Im Moment haben sie nichts, was sie ihr vorwerfen können, aber sie werden etwas finden. Darauf kannst du dich verlassen.«
»Und was wollen sie von uns? Haben sie es dir gesagt?«
»Lagrasse ist für Franco. Das sagt alles.«
»Lagrasse?«
»Der Präfekt, der Präfekt Lagrasse.«
»Der dich zum Präsidenten der Sonderdelegation ernannt hat?«
»Das macht dich stutzig, nicht wahr? Genau das habe ich mir auch erklären lassen. Wenn man sich schon zur Präfektur begibt … Es scheint, als hätte er sich auf mein Ansehen bei den Spahis verlassen. Ich hätte rebellische Umtriebe abgewehrt, meint er zu wissen.«
»Spahis abgewehrt, du?«
»Lagrasse steht Pétain nahe, wie es scheint. Als Franco 1938 seine Offensive gegen Katalonien startete, hat er begriffen, dass es an der Grenze brenzlig würde, und sich für Perpignan beworben. Die Elendslager, die Schließung der Grenzen vor den Augen der Flüchtlinge, die Spanier im Schnee, das ist er.«
»Verstehst du das?«
»Dass er sich für einen heißen Posten bewarb? Ja, vollkommen. Wenn es bei der Armee irgendwo heiß hergeht, ist da immer ein Offizier, der in der ersten Reihe auf sich aufmerksam macht. Für Ruhm und Ehre, weil er vorwärtskommen will, weil er …«
»Gut, und was haben wir mit all dem zu schaffen?«
»Das ist entschieden.«
»Was ist entschieden?«
»Lagrasse wird mich absetzen und Marie zu seinem Kollegen nach Barcelona schicken.«
»Aber warum? Was hat er davon?«
»Warum? Um ein Exempel zu statuieren, um zu zeigen, wozu er fähig ist, um sich bei den Leuten in Francos Umkreis einen Namen zu machen und das Vertrauen seines Freundes Pétain zu gewinnen. Er positioniert sich für eine Stellung als Botschafter, als Minister, verstehst du?«
In diesem Moment waren Schritte auf der Treppe der Bäckerei zu hören. Auf Monsieur Puechs verlegenes Schweigen folgte die Stimme des Priesters: »Nun?«
»Nun«, erwiderte Monsieur Puech mit näselnder Stimme, die er bei Menschen annahm, die er nicht mochte. »Das Mädchen wird zur Folter geschickt und René in die Salzminen.«
»Warum muss es gerade uns treffen?«, sagte er ein wenig später, als Monsieur Levêque den Bericht von seiner Unterredung auf der Präfektur wieder aufgenommen hatte. »Es gibt zweihundert Gemeinden im Departement, sechshundert oder siebenhundert in den gesamten Pyrenäen, und es muss ausgerechnet uns treffen.«
»Villefranche liegt im Fadenkreuz der Rechten«, sagte der Pfarrer, »da erzähle ich Ihnen ja nichts Neues.«
»Nach zehn Jahren mit kommunistischer Mehrheit musste man wohl damit rechnen.«
»Das ist das eine, und zum anderen ist es das uralte Misstrauen der Mächtigen gegenüber allem Originären«, antwortete der Priester mit einem Nachdruck, als würde er eine Ansprache über die Wahrheit halten. »Bedenken Sie, dass Villefranche die einzige Siedlung des Departements ist, die noch in ihren ursprünglichen Mauern lebt, wie zu Zeiten ihrer Gründung …«
»Und was haben wir davon …«
»Bedenken Sie, dass unsere Einwohner quasi immer nur auf der Durchreise sind. Zu Zeiten der Grenzzitadelle waren sie Soldaten, Minenarbeiter bei der Erschließung der Eisenfundstätte, Eisenbahner bei der Errichtung der Bahnlinie der Cerdagne. Ein Soldat, ein Minenarbeiter, ein Eisenbahner, die bleiben nicht. Die arbeiten eine Zeit lang, nehmen ihr Geld und gehen wieder fort.«
Ich sah die Szene natürlich nicht, aber ich stellte mir sehr wohl die Gesten des Pfarrers vor, wie er den Eisenbahner mimte, und die Faszination der Zuhörer. Die Leute waren immer wie gefesselt, wenn er sich in Erklärungen erging.
»Kennen Sie viele Dörfer in den Pyrenäen oder irgendwo anders, wo Familien keine Wurzeln gefasst haben? Nein. Nun ja, wie man weiß, ruft so etwas Beunruhigung hervor, es irritiert. Bedenken Sie auch, dass Villefranche niemals einen Vertreter im Generalrat des Departements oder einen Abgeordneten oder einen Senator hatte. Niemals. Und warum? Weil dafür große Familien nötig sind, ein Netzgeflecht, ein Beziehungsgefüge durch die Generationen hindurch, um einen Mann auf diese Stufe der Macht zu bringen. Alles in allem sind wir atypisch und deshalb auch ohne Vertretung. Das ist ungefähr die Definition eines Sündenbocks. Wenn man einen braucht, trifft es uns. Unweigerlich.«
»Na gut. Würden Sie uns vielleicht erzählen, wie es bei dem Priester von Prades war?«
»Marie ist es untersagt, im Chor mitzusingen, das Harmonium zu spielen und das Gemeindehaus zu betreten … Es fehlte gerade noch, dass man mich gebeten hätte, ihr den Zutritt zur Kirche zu verwehren.«
»Und?«
»Was und?«
»Nun, was haben Sie gesagt, mein Gott?«
»Ich habe nichts gesagt, und außerdem: Monsignore wird es zum jetzigen Zeitpunkt wissen. Ich werde wahrscheinlich im Verlauf des morgigen Tages meine Versetzung erhalten.«
»Dann sitzen wir im selben Boot, wir beide«, murmelte Monsieur Levêque.
»Wir könnten versuchen, in dieselbe Gegend versetzt zu werden, wollen Sie?«
»Ich werde mir das nicht gefallen lassen, das sage ich Ihnen geradeheraus«, brummte Monsieur Puech. »Ich habe ganz regulär ein Lehrmädchen angenommen, habe mich bemüht, es auszubilden, und ich sehe nicht ein, mit welchem Recht man es mir wieder wegnimmt.«
»Bemüht, es auszubilden«, sagte der Priester lachend, »welch wahnsinnige Mühe haben Sie sich gegeben, Marie auszubilden. Und Sie vergessen eine Kleinigkeit: Nicht Sie sind ihr Vormund, sondern Ihre Frau.«
»Nun, du bist doch meiner Meinung, Félicie, oder?«
»Darüber muss ich erst noch nachdenken.«
»Ah, sehen Sie!«, sagte der Pfarrer. »Zählen Sie jedenfalls nicht auf die Unterstützung meines Nachfolgers. Sie werden sicherlich einen Griesgram, einen Nörgler oder einen Priester vom alten Schlag berufen, der Sie mit allem Möglichen ärgern wird.«
»Ich sehe nicht, wen sie an meiner Stelle einsetzen könnten«, warf Monsieur Levêque ein. »Als der Präfekt mich angeworben hat, gab es keine Kandidaten.«
»Eigenlob ist das beste Lob, du hast recht.«
»Das wollte ich nicht sagen, ihr habt mich schon verstanden. Und das angesichts meiner jetzigen Lage.«
»Du bist gar nicht so schlecht dran, worüber beklagst du dich?«
»Worüber ich mich beklage? Du würdest nicht so reden, wenn du Reservist wärst. Wenn es das Schicksal will, ist mein Einberufungsbefehl schon unterwegs, und morgen bin ich im Kugelhagel.«
In diesem Moment zog ein Knacken des Fußbodens meine Aufmerksamkeit auf sich, dann das Knistern von Stoff. Jemand ging an den Schlafzimmern vorbei den Flur entlang und erreichte die Treppe. Martha! Ich erkannte Marthas Schritt wieder.
»Es wäre besser, sie würde eine Zeit lang verschwinden«, sagte sie, als sie die Küche betrat. »Ehe sie sie holen kommen.«
»Was tust du hier?«, fragte Monsieur Puech überrascht.
»Was ich hier tue? Also sag mal, Émile, ich bin hier in meinem Haus, soviel ich weiß, und mit euren Diskussionen hindert ihr mich daran, zu schlafen. Seht ihr nicht, dass es um das Mädchen geschehen ist, wenn wir sie von hier fortgehen lassen?«
»Vielleicht. Aber was können wir tun?«
»Sie verstecken.«
»Sie verstecken? Und was wirst du sagen, wenn sie ihretwegen kommen?«
»Dass sie mich an ihrer Stelle mitnehmen sollen.«
»Wenn Lagrasse, so wie ich vermute, ein Exempel statuieren will und wenn wir Widerstand leisten, dann werden wir es zu spüren bekommen«, erwiderte René, ohne seine gewöhnliche Gelassenheit zu verlieren. »Wir haben Krieg, zwanzig Kilometer von der Grenze entfernt. Im Mittelalter hätte man eine Stadt für weniger als das dem Erdboden gleichgemacht.«
»Im Mittelalter? So weit müssen Sie nicht zurückgehen«, erwiderte der Pfarrer, »zur Zeit von Vauban …«
»Und heute: Guernica, Granollers, Tarragona …«
»Villefranche zerstören – ich kenne welche, denen das recht wäre.«
Es herrschte betretene Stille, und ich erinnerte mich, wie Agnès am Weihnachtstag berichtet hatte, dass im Zuge der Diskussion über den Verlauf der Nationalstraße Stimmen laut geworden waren, welche die vollkommene Zerstörung der Befestigungsmauer verlangt hatten.
»Wir könnten sagen, dass ihr Onkel gekommen wäre und sie zurückgefordert hätte.«
»Dass sie in der Têt ertrunken wäre.«
»Vor allem könnten wir schlafen gehen«, schloss Martha schroff. »Anstatt weiter Dummheiten von uns zu geben …«
»Schlafen wir eine Nacht darüber«, bekräftigte der Priester und erhob sich.
»Genau, geht ihr mal alle ins Bett. Für mich ist es Zeit zu arbeiten«, sagte Monsieur Puech müde.
Die Pendeluhr in der Küche schlug gerade Mitternacht. Ich glitt aus dem Bett und schloss ganz leise meine Zimmertür. Doch ich lag noch lange wach und lauschte auf die Geräusche im Haus. Würden sie in dieser Nacht kommen und mich festnehmen, ehe Martha mich verstecken könnte?
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