Kitabı oku: «Royal Baby»

Juli 2013. Was um alles in der Welt hat seine Frau mit „einer letzten Chance“ gemeint, als sie ihn kürzlich aus der gemeinsamen Wohnung warf, weil er vielmehr mit seiner Arbeit verheiratet zu sein scheint? Kameramann John, liebevoller Ehemann und Vater eines 5jährigen Sohnes, steht mit seinem Team inmitten von Kollegen aus aller Welt vor dem Krankenhaus St. Mary’s in London. Hier soll Herzogin Catherine of Cambridge in diesen Tagen ihr erstes Kind und sprich – nach Papa William – den dritten britischen Thronfolger zur Welt bringen.
Während John nach einer Lösung sucht, wie alles wieder gut werden kann und Kate sich fern vom Medienrummel im Kreise ihrer Familie auf die bevorstehende Geburt vorbereitet, taucht der Leser von Moment zu Moment nicht nur in derer beiden Leben ein, sondern in das von 48 weiteren Figuren innerhalb und außerhalb Europas, die alle auf eine Weise miteinander verbunden sind …
HENRIETTE GERBER, Jahrgang 1976. Dipl. Dramaturgin. Erfahrene Theaterpädagogin, Dozentin, Filmemacherin. Im Mai 2013 veröffentlichte sie ihr erstes Taschenbuch „L.eipzig SpuE.ren“. Mit der Vermarktung ihres Kurzspielfilmes „Vorstellungsgespräch“, einer Satire über Arbeitsbedingungen, kam das Angebot für einen weiteren Film. Angenommen hat sie diesen Auftrag für einen Lehrfilm zur Gewaltprävention in gastronomischen Betrieben, weil sie ihn in Form einer Komödie gestalten darf. Neben dem Schreiben richtet sie ihr berufliches Wirken auf einen alten neuen Weg. Als Beraterin, um Menschen bei der Bewältigung beruflicher und privater Krisen zu unterstützen …
Henriette Gerber
Royal Baby
Roman in 68 Kurzgeschichten
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2014
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Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig
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Titelbild: baby pacifier with uk flag © fabioberti.it
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Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
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Meinem Vater gewidmet
Die im Folgenden geschilderten Ereignisse sind fiktiv. Zum Teil jedenfalls. Etwaige Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig. Ich meine, wer weiß schon, was wirklich in einem anderen Menschen vorgeht. Sie vielleicht? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wage ich jedoch zu behaupten, dass Manches in diesem Buch tatsächlich belegt ist. Und zwar durch die wohl UNumstrittenste aller Quellen überhaupt – die Medienberichterstattung.
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Über die Autorin
Impressum
Widmung
Informationen zum Buch
Montag, 15. Juli 2013
11 Uhr 20 / London
11 Uhr 37 / London
12 Uhr 42 / Bucklebury. Vereinigtes Königreich
12 Uhr 42 / Bedford. Vereinigtes Königreich
15 Uhr 08 / Cobh. Irland
17 Uhr 27 / Perdika. Griechenland
20 Uhr 02 / Los Angeles. USA
23 Uhr 49 / Belfast. Nordirland
Dienstag, 16. Juli 2013
5 Uhr 05 / Koroljow. Russische Föderation
9 Uhr 14 / Berlin
10 Uhr 29 / Sydney. Australien
13 Uhr 03 / London
18 Uhr 35 / Killsroe. Vereinigtes Königreich
19 Uhr 24 / Bucklebury. Vereinigtes Königreich
20 Uhr 10 / London
21 Uhr 54 / London
Mittwoch, 17. Juli 2013
4 Uhr 17 / Bucklebury. Vereinigtes Königreich
8 Uhr 14 / Rom
12 Uhr 19 / London
12 Uhr 27 / Stratford-upon-Avon. Vereinigtes Königreich
14 Uhr 11 / Bangkok
16 Uhr 21 / Lavaudieu. Frankreich
20 Uhr 17 / Zürich. Schweiz
22 Uhr 18 / Pyrenäen. Frankreich
Donnerstag, 18. Juli 2013
6 Uhr 35 / London
10 Uhr 31 / Stockholm
11 Uhr 07 / Chester. Vereinigtes Königreich
11 Uhr 37 / Zgorzelec. Polen
14 Uhr 39 / London
16 Uhr 09 / Scarborough. Vereinigtes Königreich
20 Uhr 37 / Bucklebury. Vereinigtes Königreich
22 Uhr 15 / London
Freitag, 19. Juli 2013
5 Uhr 29 / Sheffield. Vereinigtes Königreich
7 Uhr 42 / Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch. Vereinigtes Königreich
9 Uhr 35 / Frankfurt / Main. Deutschland
13 Uhr 33 / Pyrenäen. Frankreich
15 Uhr 10 / Bucklebury. Vereinigtes Königreich
16 Uhr 04 / London
18 Uhr 59 / Szentmihály. Ungarn
21 Uhr 36 / London
Samstag, 20. Juli 2013
13 Uhr 12 / Quelenesse. Frankreich
14 Uhr 21 / Primorsko. Bulgarien
15 Uhr 03 / Ronda. Spanien
15 Uhr 12 / Tokio
17 Uhr 02 / London
19 Uhr 53 / Paris
20 Uhr 17 UTC / Haysville. USA
21 Uhr 55 / London
Sonntag, 21. Juli 2013
9 Uhr 45 / Hamm. Deutschland
10 Uhr 28 / London
11 Uhr 53 / Pyrenäen. Frankreich
13 Uhr 25 / Nokia. Finnland
15 Uhr 05 / London
18 Uhr 23 / Vaiaku. Tuvalu
Es war einmal, an einem Ort am Meer …
22 Uhr 24 / London
Montag, 22. Juli 2013
7 Uhr 31 / London
12 Uhr 13 / New York. USA
14 Uhr 38 / London
16 Uhr 21 / Leipzig. Deutschland
17 Uhr 12 / Brüssel
20 Uhr 43 / London
21 Uhr 34 / London
23 Uhr 08 / Eine Wiese. Vereinigtes Königreich
Dienstag, 23. Juli 2013
19 Uhr 09 / London
19 Uhr 13 / London
19 Uhr 30 / London
19 Uhr 33 / London
„Mögen alle Wesen glücklich sein.“

11 Uhr 20 / London
Vielleicht kommt das Baby heute! Ob Junge oder Mädchen – das wussten die werdenden Eltern selbst nicht. Hatten die Kollegen von der Presse jedenfalls verlautbaren lassen. Ihm war es egal, was es wird. Hauptsache gesund, so wie man es sich bei jedem neuen Kind wünscht, das das Licht der Welt erblickt. Hauptsache, es kommt endlich!
John drehte sich eine Zigarette. Schon die dritte heute. Eigentlich hatte er sich das Rauchen abgewöhnt, aber es stand einfach zu viel für ihn auf dem Spiel. Im Grunde alles. Da kann man schon mal nervös werden, sagte er sich. Sein Redakteur war vor fünf Minuten losgegangen, um Kaffee für sie alle drei zu holen. Ein feiner Zug. Mit dem sollte er öfter zusammenarbeiten. Wenn das Kind in diesem Moment besagtes Licht erblicken würde, dann dauerte es sowieso noch mindestens zwei Stunden oder mehr, bis die Nachricht offiziell den LINDO WING des St. Mary’s Hospital verlassen würde. Tony hätte dann noch Zeit genug, seine Meldung in Johns Kamera zu sprechen, während Jim alles daran setzen würde, den Pegel so zu steuern, dass nicht unbedingt gleichzeitig die Meldungen der anderen Journalisten an deren Nachrichtensender bei der Aufnahme zu hören sein würden. Aber vielleicht brauchte Tony auch länger als zehn Minuten. Seit einer Woche hatte der eine neue Flamme und vielleicht traf er sich gerade mit ihr.
John dachte daran, was Mary ihm gesagt hatte und für einen Moment war es ihm wieder klar, warum er sich seit zwei Wochen hier die Beine in den Bauch stand. Denn was um alles in der Welt bringt einen dazu, den lieben langen Tag vor einem Krankenhaus herumzulungern, die Kamera permanent im Standby-Modus zu halten, gleichzeitig mit einem Haufen anderer Journalisten. Reportern, Männern und Frauen, manche von ihnen wahrscheinlich selbst Mütter, andere vielleicht nicht, in der Londoner Sonne brutzelnd, die sich extra häufig zu zeigen schien, als wolle auch sie das anscheinend wichtigste Weltereignis live miterleben? Die von THE SUN würden demnächst sogar eine Webcam direkt gegenüber vom Eingang postieren, hielt sich das Gerücht. Damit jeder auf der Welt, der einen Internetzugang hat, dieses Zoo-Spektakel mitmachen durfte. John grübelte, ob die Passanten, die gemütlich vorbeischlenderten oder radelten oder in ihren Autos vorbeifuhren, sich nicht eher als Medienereignis nutzen ließen. Sie drehten auf HD, keine Sorge wegen vergeudetem Filmmaterial. Er liebte seine Arbeit ohne jeden Zweifel. Als Kameramann hatte er für die BBC an zahlreichen Dokumentationen mitgewirkt, für die er immer wieder wochenlang unterwegs war. Wegen Paul hatte er in den letzten Jahren des Öfteren Jobs bei den Nachrichten angenommen. Das war auch okay, er liebte seinen Sohn über alles.
Tony geriet ihm ins Blickfeld. Zu kurz, um sich … oder vielleicht ein Quickie auf der Bürotoilette. Sie arbeitete bei einer Reiseagentur, hatte er ihm erzählt. Tony blieb eine Weile an der Treppe zum Eingang stehen, winkte dann zu Jim und ihm herüber und vollführte eine Geste, als wiege er ein Baby im Arm, wobei er fast den Kaffee verschüttete.
Als sie gemeinsam das heiße Getränk schlürften, gab jeder von ihnen eine neue Prognose für diesen Tag ab. Die Kollegen rechts neben ihnen vermuteten ebenfalls, dass es auch heute nicht passieren würde. Der offizielle Geburtstermin des königlichen Babys von Herzog und Herzogin William und Kate war vor zwei Tagen.
Mary war damals mit Paul eine ganze Woche über dem Termin gewesen. Ob sie ihn wieder einziehen ließe, wenn er die royale Geburt oder wenigstens das Drumherum live für sie filmen würde? Sie war ein Fan der Königin und ihrer ganzen Sippe. Feine Leute, er hatte da nichts zu meckern. Was konnte er denn dafür, dass sich Kate einfach nicht blicken lassen wollte. Sein Blick folgte einem Pärchen, das in einem kleinen Bogen über die Straße an der Absperrung vorbei – hinter der die Horde Journalisten hockte – Hand in Hand an ihnen vorüberlief. Wer weiß, woher sie kommen und wohin sie gehen.
11 Uhr 37 / London
Claire trat ans Fenster und blickte hinaus auf die Straße, die vor der Klinik verlief. Für einen Montag war es seelenruhig, kaum mal ein Lieferwagen, kaum Autos, ein paar Fahrradfahrer. Vor dem St. Mary’s Hospital hatten sie schon vor fast zwei Wochen vier Parkbuchten für die Royals gesperrt, dabei ließ Kate sich noch längst nicht blicken. Claire nahm es gelassen, setzte sich zu den anderen und packte ihr Lunchpaket aus.
Alle waren irgendwie gut drauf. Jennys Sohn war am Wochenende das erste Mal ohne die Hilfe der Eltern geschwommen, Lester hatte einen Ausflug mit seinen Kumpels aus der Armeezeit gemacht, dabei sind sie in einem Tümpel gelandet, wo sie von Blutegeln angefallen worden. Das dachte er sich sicher bloß wieder aus, typisch Lester. Es schien ihm zu gefallen, dass Mia neben ihm angewidert ihr Sandwich beiseitelegte. Claire hatte in der letzten Zeit den Eindruck, er habe sich in Mia verliebt. So ein Kindskopf. Seine Patienten mochten seine lustige Art, ein guter Charakterzug für einen Krankenpfleger. Aber sie war elegant, fast zu zart für eine Krankenschwester. Wenn er sie beeindrucken wollte, musste er sich wohl etwas anderes einfallen lassen.
Es war ein Murmeln im Raum, das von einer ausgelassenen Stimmung herrührte. Sie hatten jetzt Pause, in ein paar Minuten würde sie alle wieder zur Arbeit antreiben. Auf ihre strenge, aber herzliche Art. Selbst die Patienten wirkten heute so fröhlich, als wären sie hier im Sanatorium. Vielleicht hatte es mit dem Baby zu tun, das alle Welt in diesen Tagen erwartete, wer weiß. Jeden Tag kommen Kinder zur Welt.
Hoffentlich geht bei dem Mädchen alles gut, mit ihren einunddreißig Jahren ist sie nicht mehr die Jüngste. Was das Kinderkriegen angeht. Und beim ersten – da fehlt diesen Kindern doch die Erfahrung. Oberschwester Claire, richtete die Schwesternschülerin Sophie direkt (so hatte Claire sie kennengelernt, als sie hier im letzten Jahr ihre Ausbildung angetreten hatte) und trotzdem mit Hochachtung das Wort an Sie, Madame, wie geht es Ihrer Enkelin? Ist ihr Kind schon zur Welt gekommen? Was sollte sie sagen, ihre Enkelin lebte oben im Norden, in Edinburgh. Noch hatte ihre Tochter sie nicht informiert. Das wäre das Erste, was (bei ihrer Stellung in der Familie und der langen Familientradition) nach der Geburt ihrer Urenkelin oder ihres Urenkels passieren würde.
Ich meine, es geht ihr den Umständen entsprechend gut. Seien wir froh, dass sie ihr Kind dort nicht unter den Augen der Öffentlichkeit bekommen wird. Und schätzen wir uns hier alle glücklich, dass die Herzogin von Cambridge im St. Mary’s entbinden wird und nicht in unseren heiligen Hallen. Ihr würdet euch umschauen, wenn ihr euch plötzlich schriftlich anmelden müsstet, um die Geburtsstation zu betreten oder wieder zu verlassen. Eine Vertraulichkeitsvereinbarung unterschreiben und wer weiß was hier noch so alles auf den Kopf gestellt werden würde.

12 Uhr 42 / Bucklebury. Vereinigtes Königreich
Wann wird mein Kind zur Welt kommen? Kate genoss es, hier bei ihren Eltern zu sein. Sie saß in der Küche und schälte Kartoffeln. Weit weg vom Mediengetöse, das in London lärmte. Ende letzten Jahres, als sich ihre Landsleute schon fragten, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, hatte ein Brendan Soundso etwas getwittert, dass ihr bis heute das Herz wärmte, wenn ihr das Medientamtam zu viel wurde. „Gnade euch Gott Journalisten, wenn die Folgen eures Tuns nachteilige Wirkung auf die Schwangerschaft der Herzogin haben sollte.“ Sie kannte ihn nicht, aber er sprach ihr aus der Seele. Wer wünscht sich schon so viel Aufmerksamkeit in dieser Zeit? Als eine Freundin von ihr schwanger wurde, hatte sie es außer ihrem Freund allen verheimlicht, bis ihr Babybauch ab dem 5. Monat deutlich zu sehen war. Zu viel, das passieren konnte, das schief gehen könnte, hatte sie es ihnen erklärt. Und Kate hatte es verstanden. Ihr war dieser Schutz nicht vergönnt. Die Leute erwarteten ein Kind von ihr. Nun würden sie es haben. Das dürfen sie sich zumindest einbilden. Es ist mein Kind, meins und Williams. – Kate, bist du fertig mit den Kartoffeln? Ihre Mutter holte sie in die Gegenwart des Moments zurück. Kate beeilte sich mit der letzten Kartoffel, deren Form sie an eines der ersten Ultraschallbilder erinnerte. Sie reichte ihrer Mutter die Schüssel mit dem Gemüse, das gelb leuchtete, wenn man es ins Wasser legte, nachdem es der braunen Schale entledigt war, nachdem man es aus der Mutter Erde gegraben hatte.

12 Uhr 42 / Bedford. Vereinigtes Königreich
Ein Schweißfleck breitete sich auf seinem Rücken aus. Im Nacken und an den Armen lugten seine Tattoos hervor. David Beckham hatte im Mai seine Fußballerkarriere beendet, doch die Kinder holten alles aus ihm raus. Als die Journalistin ihn fragte, warum er das „Sky“ Sport Programm für Kinder unterstütze, lag die Antwort für ihn so nahe wie die Ruhe, die sich seit wenigen Augenblicken über die Turnhalle breitete, in denen eben noch die Jungen und Mädchen der Bedford Academy mit ihm herumgetobt waren. Aufrecht saß er auf dem Stuhl, dessen Lehne weit nach hinten strebte. Alte Schule, modernes Design. Die Antwort war ganz einfach. Damals, als er selbst acht, neun Jahre alt war, suchte er nach einem Mentor. Jemand neben seinen Eltern, von dem er etwas fürs Leben lernen konnte. Sport war sein Leben. Durch das „Sky“ Programm können die Schüler, die daran teilnehmen, einen Mentor finden, indem sie Motivation erfahren und sich mit den Sportlern auch unterhalten.
Seit einigen Jahren war er gut mit William bekannt, nannte ihn sogar seinen Freund. Mit Sicherheit würde ihn die Journalistin darauf ansprechen, in diesen Tagen ganz klar. Mal abwarten, dachte er sich. Das Interview, das sie beide hier für „Sky“ führten, war schließlich Werbung in eigener Sache. Unterstützen, wo man es kann. Etwas an die nächste Generation weitergeben. Das macht jeder Einzelne, der heute lebt. Kommt eben bloß darauf an, was man weitergibt.
Seine eigenen Kinder? Seine Kinder, ja! Oh, er würde es toll finden, wenn sie zum Fußball fänden. Vielleicht eines von seinen vier. Vielleicht wäre es etwas für Harper, die Jüngste und einziges Mädchen. Käme darauf an, was Victoria dazu meint. Doch das Wichtigste ist schlicht, dass seine Kinder glücklich sind. Glücklich, gesund und natürlich fit.
Die royale Geburt? Na da hätten wir es ja, dachte er und grinste offen vor sich hin. William und Kate werden großartige Eltern sein! William kenne er besser als Kate, logischerweise. Ein bemerkenswerter Gentleman, der da herangewachsen ist. Ob er einen Namensvorschlag für den dritten Thronfolger nach Charles und William habe? Warum Stammbäume analysieren, schoss es ihm in den Sinn. David wäre ein guter Name.

15 Uhr 08 / Cobh. Irland
Der Touristenführer hatte sie beeindruckt. Auch die Freundin, mit der sie ein paar Tage durch Irland reiste und die Anderen hatten an seinen Lippen gehangen. Wenn sich die Zeit zurückdrehen ließe – wie viele Menschenleben würde man retten können?
Hier, in einem der weltweit größten Naturhäfen, hatte die Titanic am 11. April 1912 das letzte Mal angelegt, bevor sie aufbrach zu ihrer letzten Reise. Cobh war damals noch britisch und hieß Queenstown, aus Anlass des Besuches von Königin Victoria im Jahre 1849. Er erzählte von einem jungen Priester, der hier von Bord der Titanic gegangen war, dessen Fotos seinen Teil der Fahrt bis hierher bezeugen. Natürlich lebte der heute auch nicht mehr. Die letzte Station der Führung war die Anlegestelle gewesen, von wo aus die Leute in kleinen Booten abgeholt und rüber zum Schiff gebracht worden sind. Der Touristenführer beschrieb die Stimmung an diesem Tag, als würde er eine Geschichte erzählen und hob die Klassenunterschiede der Passagiere hervor. In sich ruhend, mit lebendiger Mimik und unterstreichender Gestik, ließ er sie alle an einem Stück britischer Geschichte teilhaben und nahm sich die Zeit, alle Fragen nach bestem Wissen zu beantworten. Erst zehn Jahre später wurde Irland unabhängig. Als Schweizerin wusste sie, was Unabhängigkeit bedeutet.
Sympathisch war ihr der Typ auch deswegen, weil er mit den Klischees um die Titanic aufräumte. Es handele sich um einen von Hollywood aufgeblasenen Mythos. Weder sei die Titanic das größte, noch das luxuriöseste Schiff aller Zeiten gewesen. Aber das sei eben typisch für die Medien. Heute können Journalisten entweder nicht mehr unterscheiden zwischen Fiktion und Fakten oder sie legen es schlicht darauf an, Informationen aus anderen Quellen aufzubereiten und als eigene auszugeben. Das kenne man ganz aktuell vom Rummel um die britische Herzogin Kate – falls die Leute Zeitung lesen oder Sonstiges. Mit der Titanic war es im Grunde genauso. Sie war schlicht die Kopie eines anderen Schiffes.
Julia und ihre Freundin aus der Primarschulzeit waren noch einmal zurückgegangen an Station Nummer Zwei, das Denkmal der Lusitania. Das wäre Stoff für Filme … Dieses Passagierschiff wurde am 7. Mai 1915 (während des Ersten Weltkriegs) ungefähr 40 Kilometer entfernt von einem deutschen U-Boot torpediert und war schnell gesunken. In viel kürzerer Zeit, als die Titanic sank, konnten hier viel mehr Menschenleben gerettet werden. Die Leute aus Cobh waren unter unermüdlichem Einsatz mit ihren eigenen Booten herbeigeeilt, um die Anderen vor dem Ertrinken zu bewahren.

17 Uhr 27 / Perdika. Griechenland
Führerschein! Fahrzeugpapiere! Der Polizist sah ihn sehr ernst an. Die Fahrzeugpapiere lagen feinsäuberlich im Regal (bei den Unterlagen für die Miete und den Strom), erinnerte sich Niko. Und der Führerschein? Glück gehabt, den fand er im Handschuhfach. Er sei 20 km / h zu schnell gefahren? Wie solle er das wissen?! Die Tachonadel spinnt schon seit mindestens drei Wochen, brachte er zu seiner Rechtfertigung hervor. Und meine Frau ist schwanger. Eben kam der Anruf. Ich bin auf dem Weg zu ihr, das ist doch verständlich, oder? Er habe eben keinen Hubschrauber wie dieser Herzog William in Großbritannien, der zu seiner Frau fliegt, wenn es soweit ist. Er sei froh, dass er sich dieses klapprige Auto leisten kann, versuchte Niko Milde zu erwirken bei Kosta, seinem Nachbarn. Pass mal auf, Niko. Du nimmst mich doch auf den Arm. Wie sollte deine Frau in den Wehen liegen? Prüfend sah Kosta ihn an, während er sich mit dem Führerschein etwas Luft zufächelte. Niko sog tief die Meeresluft ein, stieß sie mit einem Lächeln – das alle Gesichtsmuskeln in Anspruch nahm – wieder aus und fiel Kosta um den Hals. Sie ist schwanger Mann, endlich! Seit mehr als drei Jahren hatten sie versucht, Eltern zu werden. Hatten mehrere Ärzte konsultiert und alles schien vergebens, hatten die Hoffnung beinahe schon aufgegeben. Kosta erwiderte den Druck der Umarmung und klopfte ihm auf den Rücken. Klasse Mann, gut gemacht. Er gab Niko seinen Führerschein zurück. Du gibst morgen Abend einen aus. Und am Wochenende feiern wir bei uns im Garten!

20 Uhr 02 / Los Angeles. USA
Was ist denn nicht gut an diesem Stoff? Der (etablierte) Filmproduzent wunderte sich über die Antwort seines Lieblingsautors und bestellte noch zwei Drinks. Es war nicht üblich in der Branche, dass es zwischen den Hierarchien besonders ehrlich zu ging. Aber sie beide kannten sich seit vielen Jahren und hatten diverse Projekte erfolgreich zusammen gestemmt, an die zeitweise nur wenige geglaubt hatten. Ist dir dein Sinn fürs Risiko abhanden gekommen?
Mit der folgenden Antwort hätte er nun aber gar nicht gerechnet. Ich gehe nie ein Risiko ein, sagte er Autor. Ich mache dir aus jedem Thema etwas, das den Zuschauer bewegt.
Nur warum um alles in der Welt er dann nicht ein Drehbuch über das königliche Baby – das in diesen Tagen euphorisch in Großbritannien und vom Rest der Welt erwartet wurde – schreiben wollte, konnte der Boss (wie er den Produzenten mit einem ironischen Unterton nannte) einfach nicht begreifen. Die Leute werden scharenweise ins Kino rennen. Denk doch mal, welche anderen Projekte wir durch den Gewinn vorfinanzieren könnten. Der Autor schüttelte den Kopf. Im Grunde war alles möglich. Okay, nimm irgendeinen Ort, stelle eine Figur dort hin und gib ihr ein Ziel, eine Motivation und ein Hindernis. Damit hast du noch gar nichts, Boss.
Der Produzent lehnte sich zurück und lies ihn weiterreden. Was soll das werden? London, eine schwangere Herzogin, die will dass ihr Kind endlich gesund zur Welt kommt und dass es ohne Stress aufwachsen wird. Und das Hindernis? Vielleicht die Medienleute, die sie belagern? Da landest du eher bei Prinzessin Diana. Vielleicht der königliche Hof? Da bist du bei dieser deutschen Produktion von vor hundert Jahren über diese österreichische Kaiserin.
Der Produzent rieb sich das Kinn. Er hatte keine Ahnung, worauf sein Autor hinaus wollte. Okay. Nehmen wir erst mal nur London und die Herzogin. Und dann? Mit einer Geste forderte der Boss ihn auf weiterzusprechen.
Das ist alles noch keine Geschichte, was da gerade in London passiert. Du brauchst ein Thema, eine Grundfrage, etwas das du der Welt klarmachen willst. Selbst wenn du dich für einen britischen Regisseur entscheidest. Sam Mendes? Überleg mal … Der hat „REVOLUTI-ONARY ROAD“ gedreht. Eine lebensfrohe, kluge Frau, die in den Konventionen ihrer Ehe gefangen ist und deren erneute Schwangerschaft zu einer Katastrophe führt … Der würde dich auslachen. Und Ridley Scott? Ich meine, er ist der Größte. Du hast schon mal mit dem gedreht, ich weiß. Aber der würde sofort den Hörer auf die Gabel knallen.
Der Produzent fühlte sich ertappt und lachte drauflos, um seinen Status zu wahren. Er hatte zig Filme produziert, Niederlagen erlitten und Tiefschläge, aber bisher hatte der Erfolg des Großteils seiner Projekte ihn davor bewahrt, eine Hypothek auf seine Villa aufzunehmen. Manchmal vergisst man eben das Naheliegende. Vielleicht lag es daran, dass ihn dieser wildgewordene Medienrummel faszinierte. Wie konnte es sein, dass um eine Frau und deren Baby so viel Wind gemacht wurde?
Es ist die Hoffnung, die das Neugeborene in den Menschen nähert. Eine Projektion. Der Autor ergänzte seine Schilderung mit einem Vorschlag. Es ist ein bisschen wie bei „ROBIN HOOD“. Überleg doch mal. Lass uns was anderes zusammen machen. Russell Crowe hat mal gesagt, dass jeder Mann und sein Hund sich einen 2. Teil von „GLADIATOR“ wünscht. Ich habe eine Idee, wie das funktioniert. Lass mich das für dich schreiben.

23 Uhr 49 / Belfast. Nordirland
Eigentlich hatten sich alle versammelt, um auf Jamies neues Lebensjahr anzustoßen. Der stand mitten in der Menge der Schaulustigen (die vor lauter Überraschung gar nicht daran dachten, einen der beiden anzufeuern) und schrie die zwei Streithähne an, es sein zu lassen, bis ein paar der Gäste ihre Gläser abstellten und die beiden auseinanderrissen. Um diese Zeit hatten alle schon was getrunken. Später konnten sie nicht erst damit anfangen, morgen war ein ganz normaler Arbeitstag. Aber am Alkohol lag es nicht, dass dieser Streit so plötzlich entbrannt war.
Jamie hatte seine Freunde eingeladen und jeder durfte weitere Freunde mitbringen. Er liebte die große Runde und schließlich war es sein Dreißigster. Ausgelassen war die Stimmung in der ganzen Wohnung. Die Leute tanzten zur Musik von der Konserve. Im Nachbarzimmer hatte einer seine Fidel ausgepackt, ein anderer spielte Tin Whistle, die typisch irischen Instrumente. Keiner wusste genau, wie es angefangen hatte und noch nie – meinte einer – hätte er erlebt, dass wegen Musik ein Streit entbrannt wäre. Es ging wohl eher um Religion oder so, warf jemand ein. Jamie interessierte sich nicht für Religion. Genauso wenig tat das mit Sicherheit auch ein großer Teil der Leute, die in den vergangenen drei Nächten auf den Straßen seiner Heimatstadt randalierten, sagte er sich. Aber diese Scheiße findet nicht in meinem Wohnzimmer statt, packte er die beiden Jungs am Kragen, die soeben seinen Fußboden und sich gegenseitig die Fressen poliert hatten. Einer war sein Kumpel Patrick, den anderen sah er heute zum ersten Mal.
Ich hab dich gesehen letzte Nacht, halt’s Maul wenn ich mit dir rede, ging der Andere Paddy an, der sich den Schädel hielt. Wieso er seinen Freund beleidige, fragte Jamie mit dem letzten Fünkchen Ruhe, das ihm langsam aber sicher abhandenkam. Was war hier überhaupt los?!
Steine werfen und Benzinbomben, das ist was für euch! Auf welcher Seite stehst du eigentlich?! Bist du Katholik oder Protestant?, griff der Andere Paddy verbal an. Jamie verstand genauso wenig wie seine Gäste.
Ihr seid doch Idioten, lärmte der Andere weiter. Schlagt euch jedes Jahr und wir müssen es ausbaden. Ich hab ne Frau und drei Kinder zuhause. Die letzten drei Nächte haben die auf mich gewartet. Haben sich Sorgen gemacht! Als ich Polizist geworden bin, hab ich mir was anderes drunter vorgestellt, als ein Rollenspiel von 1690 nachzustellen, eure Scheißtradition. Wisst ihr eigentlich noch, warum ihr euch die Köpfe einhaut? Was seid ihr denn für Männer? Schlagt ihr auch eure Frauen?
Jamie konnte es kaum glauben. Sein Kumpel Patrick wird in wenigen Tagen selbst Vater. Es ärgerte ihn maßlos wenn Jamie prophezeite, dass sein Kind am selben Tag wie der Sohn von William – Herzog von Cambridge und Prinz von Großbritannien und Nordirland – zur Welt kommen würde. Gestern Abend meinte Paddy, dass er lieber bei Amy bleiben wolle anstatt in den Pub mitzugehen. War er stattdessen bei den Demonstrationen gewesen?

5 Uhr 05 / Koroljow. Russische Föderation
Leise schloss sie die Tür, hing ihre Jacke an die Garderobe, ging weiter auf Zehenspitzen ins Wohnzimmer, wo sie ihre Tasche abstellte und öffnete dann behutsam die Tür zum Kinderzimmer, wo Mascha, Sergej und Natascha friedlich schliefen. Eine Weile stand sie vor den Betten ihrer drei Kinder und lauschte deren Schlaf. Der Vorhang bewegte sich leicht im offenen Fenster, schnell zog sie ihn zu, vorsichtig, damit sie kein Geräusch verursache. Die Sonne schickte ihre ersten Strahlen ins Zimmer ihrer drei Gold-schätze. Doch sie hatten noch eine ganze Stunde und sollten nicht vor der Zeit wach werden. Selbst ein Kuss konnte sie aufwecken und so entschied sie, sich den für später aufzuheben. Zum Gute-Nacht-Sagen, bevor sie sich auf den Weg zur Arbeit machte.
Sie war froh, die Stelle vor zwei Jahren bekommen zu haben. Das Schichtsystem gehörte eben dazu. Alexej hatte bessere Arbeitszeiten. In Wochen wie dieser, brachte er die Kinder zu den Großeltern. Was würde sie nur ohne Mamuschka machen? Mascha war inzwischen zweieinhalb und noch immer bekamen sie keinen Platz in einem der wenigen Kindergärten. Natascha und Sergej waren gerne bei ihr zu Hause geblieben. Sergej hatte geweint, als sie damals die Stelle bei RKK Energija bekam. Aber inzwischen maulten alle drei, wenn sie ihre Babuschka mal zwei Tage nicht sehen konnten. Leise schlich sie sich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer und schloss die Tür, ohne dabei ein Geräusch zu verursachen. Gähnend rieb sie sich die Augen und ging ins Bad auf die Toilette. Hoffentlich weckte die Spülung keinen. Der Weg in die Küche, wo sie sich ein Glas mit Leitungswasser füllte und langsam austrank, war das letzte Ritual, bevor sie das Schlafzimmer betrat und sich an Alexej kuschelte. Er roch immer so gut, schloss sie müde ihre Augen. Er spürte ihren Körper und zog sie für einen Moment an sich. In einer Stunde würde er die Kinder wecken, Frühstück machen, dann auf dem Weg zu Arbeit bei seiner Schwiegermutter klingeln, jedem seiner Kinder einen dicken Kuss geben und einen zweiten von der Mama. Dankbarkeit erfüllte ihr Herz, einen Mann wie Alexej gefunden zu haben. Sie hätte keine Ahnung wie sie alles regeln würde, wenn sie alleinerziehend wäre, kam ihr kurz in den Sinn, bevor sie ins Reich des Schlafes glitt.

9 Uhr 14 / Berlin
Die Tränen stiegen unaufhaltsam in ihr auf, alles wurde schemenhaft. Nach mehr als drei Jahren und ohne Vorwarnung. Oder hatte sie es nur nicht bemerkt? Sie wollte es nicht wahrhaben. Sie verstand nicht, warum er sich gestern so plötzlich von ihr getrennt hatte, kaum dass sie es überhaupt zu fassen bekam. Es glitt ihr aus den Händen, die ihn sanft berührt hatten und über drei Jahre mit seinen fest verschlungen waren. Sie liebte ihn aus ganzem Herzen und er … hatte von sich nie das Gegenteil behauptet. Ob es daran lag, dass er gerade sein Abitur nachmachte und noch nicht wusste, wie es danach weitergeht? Weil sie gesagt hatte, dass sie selbst auch Kinder zur Welt bringen will, eigene? Für Anna brach eine Welt zusammen. Allein das stete Konzentrieren auf die Bücher, hatte sie in den letzten Wochen unter Anspannung gesetzt. – Entschuldigen Sie. Wenn Ihnen nicht gut ist, können wir einen neuen Termin anberaumen. Das wäre dann allerdings erst in zwei Monaten möglich. – Sie richtete sich auf und wischte sich die Tränen aus ihren Augen, von ihren Wangen und vom Hals. Langsam zeichneten sich die Gesichter der Hebammen-Prüfungskommission (einschließlich des Leiters des gesamten Ausbildungsbereiches) wieder vor ihr ab. Alle starrten sie an. Und sie starrte die Leute an. Dann schob sie tief aus ihrem Inneren ein Lächeln vor die Wolken. Was, wenn sie die Hebamme von Herzogin Catherine wäre? Da könne sie auch nicht rumheulen! Entschuldigung, wie lautete Ihre letzte Frage?

10 Uhr 29 / Sydney. Australien
Merinde war es nicht gerade leicht gefallen, wieder in die Schule zu gehen. Sie hatte aufregende Ferien gehabt und sich zum ersten Mal verliebt. Leider war der Urlaub mit den Eltern eines Tages zu Ende gegangen, doch die Erinnerungen konnte ihr keiner nehmen. Kauri. Wie der Baum, unter dem sie sich oft getroffen hatten. Es wurde nicht mehr daraus als Händchen zu halten, nachdem ihr doofer kleiner Bruder die beiden eines Abends entdeckte. Wegen ihm hatten sie Neuseeland ausgewählt für diesen Sommer. Merinde interessierte sich nicht für das Auenland, aber auf der Tour war sie Kauri begegnet und hatte sich im Stillen bei ihrem Bruder bedankt. Bis zu dem Moment (eine Woche darauf), als er plötzlich vor ihnen stand. Schnell hatte sie ihre Brüste wieder bedeckt und Eithan eine geknallt. Sicherheitshalber war sie ihm hinterher-gerannt, wer weiß was er den Eltern erzählen würde. Beim Frühstück hatte er es dann ausgeplaudert. Es waren nur noch drei Tage bis zur Abreise gewesen. Ihre beste Freundin, die seit gestern wieder neben ihr die Schulbank drückte, war seit einem halben Jahr keine Jungfrau mehr. Und sie?!
Merinde, hast du ein Beispiel, über das wir sprechen können? Sie zuckte zusammen, als die Englischlehrerin sie aus ihren Gedanken riss. Sie fand den Unterricht bei ihr ganz okay, Mrs Whitehead war modern und offener als viele ihrer anderen Lehrer. Das einzig Peinliche an ihrer Englischlehrerin war deren übergroßes Interesse am britischen Königshaus und neuerdings vor allem an dieser Kate. God Save the Queen.
Mrs Whitehead sah sie erwartungsvoll an. Merinde schaute erwartungsvoll zurück. Einen Ausdruck oder ein Sprichwort, an dem sich die feinen Unterschiede zwischen dem britischen und dem amerikanischen Englisch demonstrieren lassen, flüsterte ihre Freundin ihr zu. Merinde zuckte die Schultern. Amerikanisches Englisch? Ein Ausdruck? Hemingway fiel ihr ein, aus dem Bücherschrank ihrer Eltern. Die Bücher dort interessierten sie mehr als das Jugendregal in der Bibliothek. Hemingway war der einzige amerikanische Autor, den sie kannte. Eines Tages hatte jemand ihn herausfordern wollen. Und er hatte sich darauf eingelassen, seine Fähigkeiten als Schriftsteller in die Waagschale zu werfen. Man könne keine wirklich gute Geschichte in nur einem Satz erzählen, wollte man ihn provozieren. Nun?, hakte Mrs Whitehead nach. – „For Sale: Baby Shoes, Never Worn.“ („Zu verkaufen. Babyschuhe, nie getragen.“) Hemingway hatte die Prüfung bestanden. Allerdings war Merinde sich in diesem Moment nicht so sicher, ob es ihr genauso ergehen würde.

13 Uhr 03 / London
Geduldig lies John es klingeln. Hier passierte sowieso nichts. Jim flirtete gerade mit einer Fotografin (der lies aber auch gar nichts anbrennen) und Tony diskutierte mit anderen Redakteuren die aktuellen Namens-Hits, die von den Wettbüros sogar hier vor dem Sankt Mary’s auf Tafeln präsentiert wurden. Mary war bei Gott keine Heilige, dachte er und gab die Hoffnung auf, dass sie an ihr Telefon ginge. In diesem Moment hörte er Marys genervte Stimme am anderen Ende der Leitung. Was soll das, wieso lässt du es zwanzig Mal klingeln? Diese Frage hätte er IHR stellen können, aber das verkniff er sich. Offensichtlich war sie noch immer nicht gut auf ihn zu sprechen.
Ich dachte, es ist deine Mittagspause, antwortete John vorsichtig. Betreten suchte er den Anblick von jemand Freundlichem. Die Fotografin strich sich ihr Haar hinters Ohr, Jim schien ihr zu gefallen. Eben, es ist meine Pause. Da will ich mal abschalten. Was willst du?, unterbrach Mary diesen Gedanken. Nur mal hören wie es so läuft, sagte er schlicht und versuchte, zuversichtlich zu klingen.
Ob er denn nichts zu tun hätte, nicht irgendwo im Nirgendwo unterwegs sei mit einem Team vom BBC? Sie war überrascht zu erfahren, dass er sich in der Praed Street in London aufhielt. Das war der Moment, auf den John gewartet hatte. Aber sie reagierte nicht, wie er es sich ausgemalt hatte! Dabei war sie doch ein Fan der königlichen Familie! Müsste sie nicht ausflippen, dass er – ihr Ehemann und Vater ihres 5jährigen Sohnes – hier live von der Geburt des königlichen Babys berichtete?! Wie begeistert hatte sie sich damals vor zwei Jahren am Straßenrand gedrängt, Wochen vorher einen Urlaubstag beantragt, um einen Blick auf die Hochzeitskutsche zu erhaschen, auf William und auf Kate, an deren Kleidungsstil sie sich neuerdings zu orientieren suchte …
Mary war der einzige Grund, warum er sich um diesen Job hier in der prallen Sonne gerissen hatte. Tagelang hatte er seinem Chef in den Ohren gelegen und obendrein noch extra zwei beschissene Termine angenommen, die sie sonst nur Praktikanten aufdrückten. Sie würde ihn zurückhaben wollen, wenn sie davon erfuhr, dass er sich den ganzen Tag lang mit nichts Anderem beschäftigte als der Geburt des dritten Thronfolgers … Davon war er bis zu diesem Moment überzeugt gewesen. Es war seine letzte Chance. John, ich bin mit ein paar Kollegen zum Mittagessen verabredet. Ist noch was?
Er wünschte ihr einen schönen Tag und sie solle Paul einem Kuss von ihm geben. Und sackte in sich zusammen. Die Ärzte im Krankenhaus würden ihn sofort versorgen, aber es fühlte sich nur so an, als hätte eine Kugel aus Stahl sein Herz getroffen.

18 Uhr 35 / Killsroe. Vereinigtes Königreich
Es war erst die zweite Inszenierung der im letzten Frühling gegründeten Laientheatergruppe und schon beim ersten Treffen (noch vor der Leseprobe) zu „Der Widerspenstigen Zähmung“ von William Shakespeare kam es zu solch einer Diskussion unter den Hobby-Schauspielern, dass deren Gründer, Künstlerischer Leiter und einziger Regisseur zu bezweifeln begann, dass die Auswahl des Stückes eine lobenswerte Entscheidung gewesen sei. Vor einer Woche hatten sie sich das erste Mal getroffen, um die Termine für die Weihnachtsaufführung zu besprechen. Anschließend hatte Michael die dreizehn Exemplare ausgeteilt (für jeden eins) und sie nach Hause geschickt mit der Aufgabe, das Stück bis heute zu lesen. Michael hatte beschlossen, eine klassische Lesart auf die Bühne des Gemeindesaals zu bringen, aber da hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht.
Peter, der Wirt, war ganz und gar nicht damit einverstanden, den betrunkenen Kesselflicker zu spielen. Michael hatte nicht daran gedacht, dass er damit der Realität etwas zu nahe kam. Die Zuschauer wollen schließlich in eine Welt entführt werden, die sie träumen macht. Zu dumm aber auch. Was wäre wenn … Steven, genau, Steven wäre ein guter Ersatz, wurde ihm auf die Schnelle bewusst. Als Lehrer und jemand, der nur an Feiertagen trank, würde die Ironie der Rolle bereits in deren Besetzung stecken. Schnell griff er Peters Widerstand auf und gab ihm Stevens Rolle, der ursprünglich einen von Biancas Freiern spielen sollte. Aber Steven sprach sich entschieden dafür aus, die komplette Rahmenhandlung zu streichen. Sie lenke nur vom Wesentlichen ab, unterstrich er seine Meinung. Was ist denn das Wesentliche, fragte Peggy in das Gemurmel der anderen hinein.
Himmelherrgott, haltet die Klappe, sprach Michael ein Machtwort. Gekränkt verzog Peggy sich in eine Ecke des Raumes und blätterte in ihrer Zeitschrift. Oh Peggy, du warst doch nicht gemeint damit. Komm wieder her, du spielst Bianca, um die sich viele Männer bewerben. Mit verzogenem Gesicht, aber dennoch versöhnt, setzte Peggy sich wieder auf ihren Platz. Nachdem Phil sie vor vier Jahren wegen einer anderen verlassen hatte, war sie mehr und mehr zum Mauerblümchen geworden. Du hast Peggys Frage nicht beantwortet, meldete sich Patti zu Wort.
Immer wieder musste sie ihn provozieren! Michael vermutete, dass da mehr dahinter steckte, aber er war zu schüchtern, sie mal allein auf ein Bier (oder was die Frauen so trinken) einzuladen. Wie bitte?, fiel ihm als einzige Antwort ein. Peggy, bitte wiederhole deine Frage einmal, setzte Patti nach. Ich würde auch gerne wissen, was das Wesentliche an der „Widerspenstigen Zähmung“ ist, kam Marvin Peggy zuvor. Marvin hatte es wirklich drauf, sich immer wieder in den Vordergrund zu drängen. Zur Strafe hatte er ihm die Rolle des Grumio zugedacht, dem Diener Petruchios.
Okay Leute, okay. Vielleicht war es das Beste, den Inhalt des Stückes zusammenzufassen, bevor er die Rollen verteilte. Dann würde jeder von ihnen gleich wissen, wohin er in der Inszenierung gehörte. Also, da haben wir zuerst einmal Bianca. Sie hat eine Menge Verehrer. Peggy lächelte Michael dankbar an. Und sie hat eine ältere Schwester, Catherine. – Das ist dann wohl meine Rolle, fragte Patti dazwischen.
Anfangs waren es vier Frauen in der Gruppe gewesen, aber Stella war inzwischen im siebten Monat schwanger (das würde nichts werden mit der Weihnachtsaufführung) und Helen hatte sich die Masern zugezogen. Unmöglich sie für diese Inszenierung einzuplanen. Für die Rolle der Catherine kam eindeutig nur Patti in Frage. Zu Shakespeares Zeiten durften Frauen überhaupt kein Theater spielen, meldete sich Kevin zu Wort. Das war ja klar. Noch immer hatte Pattis Ex-Ehemann ein Problem damit, dass sie ihn verlassen hatte. Kevin hatte Michael eines Abends im Pub (nach zu vielen Guiness) gedroht, ja bloß aufzuhören mit dem Geflirte mit seiner Patti. Beschwichtigend hatte Michael ihm klarzumachen versucht, dass er noch niemals mit ihr geflirtet habe und Kevin hatte es gut sein lassen. Gerne würde er sich mal allein mit ihr treffen. Wenn sie bloß den ersten Schritt machen würde … Kevin, du bist hier in einer Theatergruppe im 21. Jahrhundert. Wenn es dir nicht passt, dass Frauen heute emanzipiert sind, dann geh doch nach Hause und lass uns hier weitermachen. Kevin setzte sich wieder auf seinen Stuhl und verschränkte die Arme vor der (durchtrainierten) Brust. Danke Kevin, jetzt hab ich den Faden verloren. Also, wo waren wir stehengeblieben?
Beflissen gab Chris ihm das Stichwort. Catherine, die große Schwester von Bianca. Chris war ihm einer der Liebsten in seiner Truppe. Der war mit jeder Rolle zufrieden, die Michael ihm gab. Das hatte er bewiesen. Zum einen in der ersten Weihnachtsaufführung im letzten Jahr und im Grunde täglich als Hausmeister in seiner Papierfabrik. Ihm wollte er die Rolle des Petruchio geben, als Dank für seine Treue und wegen seiner lauten Stimme.
Nehmt euch mal ein Beispiel an Chris, verdammt nochmal. Wenn mir jetzt noch einer dazwischenredet … dann könnt ihr euch einen anderen Regisseur suchen! Also … Bianca möchte nichts lieber als zu heiraten. Aber da gibt es dieses Gesetz, dass erst die ältere Schwester verheiratet sein muss, bevor die jüngere zum Zuge kommen darf. Und Catherine ist ein Weibsbild, das es den Männern mit ihrer vorlauten Art nicht leicht macht. Da kommt Petruchio wie gerufen, um Bianca den Weg frei zu räumen, indem er Catherine zeigt, wer die Hosen an hat. Vorsichtig meldete sich an dieser Stelle Peggy. Mit einem tiefen Seufzer und zum Himmel gerichteten Blick, knallte Michael sein Stückexemplar auf den Fußboden. Was zur Hölle … Peggy knaupelte nervös an ihren Fingernägeln, aber ihre Bedenken in diesem Moment waren so stark, dass sie alles riskieren musste.
Es hat ja vielleicht nichts mit unserer Aufführung zu tun, dass die Frau von Prinz William in diesen Tagen ein Baby bekommt, aber sie heißt eben Catherine und ist die ältere Schwester von Pippa Middleton, die noch unverheiratet ist. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können in diesem Moment. Niemand jedoch hätte es gerade Peggy Tintle zugetraut, dass sie den Mut hatte, Michael Fitzbutton zu widersprechen.

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