Kitabı oku: «Peer Gynt»
Henrik Ibsen
Personen
Aase, eine Bauerswitwe
Peer Gynt, ihr Sohn
Zwei Alte Weiber mit Kornsäcken
Aslak, ein Schmied
Hochzeitsgäste. Küchenmeister. Spielleute usw.
Ein Zugewandertes Bauernpaar
Solvejg und Klein Helga, dessen Töchter
Der Haegstadbauer
Ingrid, seine Tochter
Der Bräutigam und Seine Eltern
Drei Säterdirnen
Ein Grüngekleidetes Weib
Der Dovre-Alte
Ein Hoftroll. Mehrere andere Trolle. Trolljugend beiderlei Geschlechts
Ein paar Hexen, Erdgeister, Zwerge, Kobolde usw.
Ein Hässlicher Junge. Eine Stimme im Dunkel. Vogelschreie
Kari, eine Häuslersfrau
Master Cotton
Monsieur Ballon
Die Herren Von Eberkopf und Trumpeterstraale, Reisende. Ein Dieb und ein Hehler
Anitra, die Tochter eines Beduinenhäuptlings
Araber, Sklavinnen, tanzende Mädchen usw.
Die Memnons-Säule (singend)
Die Sphinx Von Gizeh (stumme Person)
Begriffenfeldt, Professor, Dr. phil., Vorsteher des Tollhauses zu Kairo
Huhu, ein Sprachreformer von der malebarischen Küste
Hussein, ein morgenländischer Minister. Ein Fellah mit einer Königsmumie
Mehrere Tollhäusler nebst ihren Wärtern
Ein Norwegischer Schiffskapitän und seine Mannschaft
Ein Fremder Passagier
Ein Geistlicher
Ein Leichengefolge. Ein Amtmann. Ein Knopfgiesser
Eine Magere Person
Das Stück, dessen Handlung im Anfang des 19. Jahrhunderts beginnt und gegen die sechziger Jahre hin endigt, spielt teils im Gudbrandstal und seinen Bergen, teils an der Küste von Marokko, in der Wüste Sahara, im Tollhaus zu Kairo, auf See usw.
(Sprich: Ohse, Pehr Günt, Solweig, Dowre, Kohre, Bohre, Trumpeterstrohle. — Säter heißt die Sennhütte der norwegischen Gebirge.)
Erster akt
Abhang mit Laubholz bei Aases Hof. Ein Bach schäumt hernieder. Auf der andern Seite eine alte Mühle. Heißer Sommertag.
Peer Gynt, ein kräftig gebauter Mensch von zwanzig Jahren, kommt den Steig herab. Aase, seine Mutter, klein und fein, folgt ihm zornig scheltend auf dem Fuße.
Aase. Peer, Du lügst!
Peer Gynt ohne sich aufzuhalten.
Nein, nein, ich lüg’ nicht!
Aase. Na, so schwör’ drauf: Ist es wahr?
Peer Gynt. Warum schwören?
Aase.
Pfui! Der früg’ nicht.
Dessen Schuld nicht klipp und klar!
Peer Gynt steht still.
Doch, ’s ist wahr, — ich schwör’ es Dir.
Aase vor ihm. Und Du schämst Dich nicht vor mir?
Bleibt man ganze Wochen aus,
Läuft man, just wann Gras zu schlagen,
Auf den Ferner, Renwild jagen,
Kommt zerrissen dann nach Haus,
Ohne Stutzen, ohne Bock, —
Um zum Schluß am hellerlichten
Mittag Mutter flugs ein Schock
Jägerlügen vorzudichten?
Also, wo hast Du ’n getroffen?
Peer Gynt. Links vom Gendin.
Aase lacht spöttisch.
Hm! Aha!
Peer Gynt. Kräftig blies der Wind von da;
Und so stand der Weg mir offen,
Mich durchs Holz hindurchzubirschen,
Hinter dem er grub —
Aase wie vorher.
Ja, ja!
Peer Gynt. Lautlos horchend, hör’ ich seinen
Huf im harten Firnschnee knirschen,
Seh’ vom einen Horn die Zacken,
Wind’ mich durch Geröll und Wacken
Vorwärts, und, verdeckt von Steinen,
Seh’ ich einen Prachtbock, — einen,
Wie man ihn seit Jahrer zehn,
Sag’ ich Dir, hier nicht gesehn!
Aase. Gott bewahre, nein!
Peer Gynt.
Ein Knall!
Und den Bock zusammenbrennen!
Aber knapp, daß er zu Fall,
Sitz’ ich auch schon rittlings droben,
Greif’ ihm in sein linkes Ohr,
Reiß’ mein Messer schon hervor,
Ihm’s gerecht ins Blatt zu rennen; —
Hui! da hebt er an zu toben,
Springt, pardauz, auf alle Viere,
Wirft zurück sein Horngeäst,
Daß ich Dolch und Scheid’ verliere,
Schraubt mich um die Lenden fest,
Stemmt ’s Gestäng’ mir an die Waden,
Klemmt mich ein wie mit ’ner Zang’, —
Und so stürmt er, wutgeladen,
Just den Gendingrat entlang!
Aase unwillkürlich. Jesus —!
Peer Gynt.
Mutter, hast Du den
Gendingrat einmal gesehn?
Wohl ’ne Meile läuft er drang
Hin, in Sensenrückenbreite.
Unter Firneis, Schuttmoränen,
Schnee, Geröll, Sand, kunterbunter,
Sieht Dein Aug’ auf jeder Seite
Stumme, schwarze Wasser gähnen,
An die fünf-, die siebenzehn-
hundert Ellen rank hinunter.
Dort lang stoben pfeilgeschwind
Er und ich durch Wetter und Wind!
Nie ritt ich solch Rößlein, traun!
Unsrer wilden Fahrt entgegen
Schnob’s wie Sonnenfunkenregen.
Adlerrücken schwammen braun
In dem schwindeltiefen Graun
Zwischen Grat und Wasserrande, —
Trieben dann davon wie Daun.
Treibeis brach und barst am Strande;
Doch sein Lärm ging ganz verloren;
Nur der Brandung Geister sprangen
Wie im Tanze, — sangen, schwangen
Sich im Reihn vor Aug’ und Ohren!
Aase schwindlig. O, Gott steh’ mir bei!
Peer Gynt.
Da stößt
Plötzlich, wie ein Stein sich löst,
Dicht vor uns ein Schneehuhn auf,
Flattert gackernd, aufgeschreckt,
Aus dem Spalt, der es versteckt,
Meinem Bock, bums! vor die Lichter.
Der verändert jach den Lauf —
Und mit einem Riesensatze
Nieder in den Höllentrichter!
Aase wankt und greift nach einem Baumstamm. Peer Gynt fährt fort.
Ob uns schwarzer Bergwand Fratze,
Nid uns bodenloser Dust! —
Durch zersplissne Nebelschichten
Erst, sodann durch einen dichten
Schwarm von Möwen, die, durchschnitten.
Kreischend auseinanderstritten, —
Nieder, nieder, nieder sauste es.
Aber aus der Tiefe grauste es
Weiß wie eine Renntierbrust. —
Mutter, das war unser eigen
Bild, das aus des Bergsees Schweigen
Tief vom Grund zum Spiegel eilte,
Umgekehrt, wie unser Sturz
Lotrecht auf ihn nieder pfeilte.
Aase schnappt nach Luft.
Peer! Gott helf’ mir —! Mach’ es kurz —!
Peer Gynt. Bock vom Berge, Bock vom Grunde
Stieß zur selbigen Sekunde!
Das Gespritz’ und das Geklatsche!
Na, da lag man in der Patsche. —
Nicht gar lang’ dann, und wir fanden
Irgendwo ’nen Fleck, zu landen;
Er, er schwamm, und ich umschlang ihn, —
Und hier bin ich nun —
Aase.
Und er?
Peer Gynt. Hm, der springt wohl noch umher; —
Schnalzt mit den Fingern, wippt sich auf den Hacken und fügt hinzu:
Wenn Du ’n laufen siehst, so fang ihn!
Aase. Daß Du nicht den Hals geknickt hast!
Und die Beine gleich dazu!
Ist Dein Rückgrat denn noch ganz?
Herrgott, — Lob und Dank, daß Du
Mir ihn wieder heim geschickt hast! —
Zwar die Hose hat ein Loch;
Doch davon ist nicht zu reden,
Denkt man, was weit Schlimmres noch
Sich bei so ’nem tollen Tanz —
Besinnt sich plötzlich, sieht ihn mit offenem Mund und großen Augen an und kann lange keine Worte finden. Endlich stößt sie hervor:
O, Du Teufelslügenschmied!
Kreuz noch ’n Mal! Solch ein Geflunker!
Was Du mir da singst — das Lied —
Als das aufkam — zu der Frist
Lief Dein Vater noch als Junker!
Gudbrand Glesne — dem — dem ist
Das geschehn, nicht Dir —!
Peer Gynt.
Mir auch.
Solcherlei kann oft geschehen.
Aase giftig. Ja, und Lügen kann man drehen,
Wenden und mit Putz benähen,
Bis von ihrem magren Bauch
Nichts vor Flicken mehr zu sehen.
Das hast Du zu Weg gebracht,
Alles wild und groß gemacht,
Ausstaffiert mit Adlerrücken
Und mit all den andern Nücken,
Abgestutzt und zugesetzt
Und mir so den Sinn verstört,
Daß man nicht mehr kennt zuletzt,
Was man hundertmal gehört.
Peer Gynt. Spräch’ ein andrer solchen Quark,
Wollt’ ich heillos grob ihm kommen!
Aase weinend. Läg’ ich doch im schwarzen Sarg!
Wär’ ich, Gott, doch nie geboren!
Bitten, Tränen, nichts will frommen, —
Peer, Du bist und bleibst verloren!
Peer Gynt. Liebes, süßes Muttchen mein,
Hast ja recht mit jedem Wort;
Sei nur wieder —
Aase.
Scher’ Dich fort!
Ist mir’s möglich, froh zu sein,
Hab’ ich solch ein Schwein zum Sohn?
Muß es mich nicht bitter schmerzen,
Wird mir armem Witwenherzen
Ewig Schande nur zum Lohn?
Fängt wieder an zu weinen.
Was verblieb uns, muß ich fragen,
Seit Großvaters Wohlstandstagen?
Wie hat sich der Wein verdünnt
Seit dem alten Rasmus Gynt!
Vater brachte ’s Gold ins Rutschen,
Warf’s hinaus wie Scheffel Sand,
Kaufte Grund im ganzen Land,
Karrte mit vergüldten Kutschen —.
Alles weg. Wo sind die Reste
Von dem großen Winterfeste,
Da sein Trinkglas männiglich
An die Wand warf hinter sich!
Peer Gynt. Hm, wo blieb der letzte Schnee?
Aase. Willst Du jetzt wohl schweigen, he!
Sieh den Hof an! Jedes zweite
Fenster ist verstopft mit Flicken,
Heck’ und Zaun liegt auf der Seite,.
Keiner will das Feld beschicken,
’s Vieh steht da in Mansch und Matsch,
Jeden Monat wird gepfändet —
Peer Gynt. Schweig doch, Alte, mit dem Quatsch!
Weil mal ’s Glück den Rücken wendet,
Heißt’s drum gleich: Und niemand sah’s mehr?
Aase. Nein; auf dem Fleck wächst kein Gras mehr.
Und Du bist doch was, Du Strick, —
Immer noch so keck und quick,
Schmuck und klug, wie, da der Pfaff, —
Der aus Kopenhagen, weißt Du, —
Dazumal Dich frug: Wie heißt Du?
Und, ob Deiner Antwort baff,
Sich verschwor, die schiene wert ihm
Eines Prinzen, — daß zum Dank
Vater Schlitten gleich samt Pferd ihm
Übern Tisch zu eigen trank.
Hei, da ging es lustig her!
Propst, Kap’tän, was drum und dran war,
Hing hier taglang, soff und fraß,
Bis kein Knopf am Wanst mehr saß.
Aber als dann Not an Mann war,
Ward’s hier öde, still und leer.
„Scheffel-Jon“, anjetzt Hausierer,
War nicht mehr ihr Pokulierer.
Trocknet die Augen mit der Schürze.
Ach, Du bist doch stark und groß, —
Solltest bessern Deiner alten
Armen Mutter elend Los,
Solltest Haus und Hof verwalten,
Daß Dein Erb’ nicht ganz zerfällt —
Weint von nenem.
Statt daß ich mich an Dir halten
Könnt’, verlumpst Du Zeit und Geld!
Hier verträumst Du und verdreckst Du
Dich mit in der Herdglut Wühlen;
Trittst Du in die Tanzsäl’, schreckst Du
Alle Mädels von den Stühlen,—
Machst mir üb’rall Schand und Tränen,
Raufst Dich mit den ärgsten Hähnen —
Peer Gynt geht von ihr. Laß mich sein.
Aase folgt ihm.
Du bist am Ende
Nicht gewesen bei der letzten
Großen Schlägerei zu Lunde,
Wo sie sich wie tolle Hunde
Überfielen und zerfetzten?
Hast Du nicht Aslak, dem Schmied,
Der Dir damals in die Hände
Fiel, verrenkt die halbe Lende, —
Oder war’s ein Fingerglied?
Peer Gynt. Dämliches Gefabulier’!
Aase hitzig. Häuslers Kari hörte ’s Heulen!
Peer Gynt reibt sich den Ellenbogen.
Ja, doch das, das kam von mir.
Aase. — Dir?
Peer Gynt. Denn ich — bekam die Beulen.
Aase. Was —?
Peer Gynt. Der haut Dir, sag’ ich Dir!
Aase. Wer —?
Peer Gynt. Na, wer! Den Aslak mein’ ich.
Aase. Pfui, o pfui! daß ich nicht spucke!
So ’ne alte Wirtshaushucke,
So ein Tagdieb, so ein dreister
Lügenschmied wird Deiner Meister?
Weint wieder.
Auch noch so was! Längst schon wein’ ich
Mir die Augen aus; doch das,
Das geht wahrlich übern Spaß.
Haut er Dich, so frag’ ich: haust
Du nicht auch ’ne gute Faust?
Peer Gynt. Ob ich Amboß oder Hammer, ’s bleibt dasselbichte Gejammer.
Lacht.
Tröst’ Dich, Mutter —
Aase.
Hätt’st Du wieder
Mal gelogen?
Peer Gynt. Diesmal, ja.
Schluck’ die Tränen fröhlich nieder; —
Ballt die linke Hand.
Schau, — mit dieser Kneifzang’ da
Hielt ich ihn, den ganzen Schmied, —
Ballt die Rechte.
Während die mein Hammer war —
Aase. Raufbold, Du! Du gibst nicht Fried’,
Bis ich nicht zur Grube fahr’!
Peer Gynt. Nein, doch, Du bist Bessres wert,
Tausend Male Bessres, Du,
Kleine, böse, süße Mu,
Trau mir nur und wart’ nur zu,
Bis Dich ’s ganze Dorf noch ehrt,
Wart nur, bis ich was gemacht, —
Recht was Großes, gib nur acht!
Aase spöttisch. Du!
Peer Gynt. Was kommen kann, weiß keiner!
Aase. Würd’ Dir doch nur eins bewußt:
Daß Du mal den Riß in Deiner
Eignen Hose stopfen mußt.
Peer Gynt hitzig. König, Kaiser will ich werden!
Aase Jetzt kutschiert ihm mit vier Pferden
Noch sein letzter Witzrest fort!
Peer Gynt. Laß mir Zeit nur, — und ich bin’s!
Aase. Laß mir Zeit, so werd’ ich Prinz,
Geht im Volk ein altes Wort!
Peer Gynt. Wirst schon sehen!
Aase.
Halt den Rand!
Bist ja völlig von Verstand. —
Übrigens, es hätt’ wohl schon
Etwas aus uns werden mögen,
Wenn wir nur nicht, mein Herr Sohn,
Allzeit Schnacks und Schnurren pflögen!
Die von Haegstad war Dir gut.
Hättest leicht die Dirn’ gewonnen,
Hätt’st Du’s recht nur angesponnen —
Peer Gynt. So?
Aase.
Der Alte, schwachgemut,
Ist der Tochter wohl gesonnen.
Zwar er ist ein arger Bocker,
Doch die Ingrid läßt nicht locker,
Und, wo sie geht, Schritt für Schritt,
Stapft er endlich knurrend mit.
Fängt wieder an zu weinen.
Ach, mein Peer, ein steinreich Mädel, —
Eingesessner Bauernstamm!
Hättest Du mehr Witz im Schädel,
Gingst Du jetzt als Bräutigam —
Statt auf abgetretnen Sohlen!
Peer Gynt rasch.
Komm, ich will mir ’s Jawort holen!
Aase. Wo?
Peer Gynt. Zu Haegstad!
Aase.
Armer Peer,
Deine Freite hilft nichts mehr.
Peer Gynt. Und warum?
Aase.
Verdienst den Stock,
Wie Du Dir Dein Glück verdorben!
Peer Gynt. Na?
Aase schluchzend.
Derweil Du dort vom Himmel
Niederkamst auf Deinem Bock,
Hat Matz Moen um sie geworben!
Peer Gynt. Was? Die Weiberscheuch’! Wie kann —!
Aase. Ja, die nimmt sie nun zum Mann.
Peer Gynt. Wart’ so lang, bis ich den Schimmel Angespannt —
Wendet sich zum Gehen.
Aase. Spar’ solch Gered’.
Wenn sie morgen Hochzeit feiern —
Peer Gynt. Ist’s heut nacht noch nicht zu spät!
Aase. Schäm’ Dich! Willst Du, daß sie Dir
Auch noch ihren Spott nachleiern?
Peer Gynt.
Pah! Man wird mir ’s Feld schon räumen.
Juchzt und lacht.
Heißa, Du! Der Gaul bleibt hier;
’s nimmt nur Zeit, ihn aufzuzäumen —
Schwingt sie hoch empor.
Aase. Laß mich!
Peer Gynt. Nein, auf diesen Armen
Trag’ ich Dich zum Hochzeitshaus!
Watet in den Bach.
Aase. Hilfe! Lieber Gott, Erbarmen!
Wir ertrinken —
Peer Gynt. Nein, der Schmaus
Lockt den Teufel noch nicht —
Aase.
Stimmt!
Weil er Dich gehängt erst nimmt.
Rauft ihn an den Haaren.
Untier, Du!
Peer Gynt. Na, gib jetzt Ruh’;
Hier der Grund ist glitschrig.
Aase.
Junge!
Esel!
Peer Gynt. Brauch’ Du nur die Zunge;
Wer ein Mann ist, lacht dazu.
So, das war die ärgste Müh’ —
Aase. Halt mich feste!
Peer Gynt.
Hottehü!
Peer kommt auf dem Bock geritten; —
Galoppierend.
Ich bin Bock, und Du bist Peer!
Aase. Ach, ich kenne mich nicht mehr!
Peer Gynt.
So, da wär’ der Bach durchschritten; —
Watet ans Land.
Gib dem Bock jetzt einen Schmatz
Für den trocknen Fährenplatz —
Aase gibt ihm eine Ohrfeige.
Da! Da hast Du ’s Fährgeld!
Peer Gynt.
Au!
Das war lumpig, schöne Frau!
Aase. Laß mich —
Peer Gynt.
Erst vorm Hochzeitshause.
Stell’ den alten Wiedehopf,
Gib dem Kerl ’ne kalte Brause,
Sag’, Matz Moen ist ein Tropf —
Aase. Laß mich los!
Peer Gynt.
Und hinterher
Sag’, was für ein Kerl Dein Peer!
Aase. Ja, des kannst Du sicher sein!
Dir brock’ ich ’ne Suppe ein;
Male Dich von vorn und hinten;
Alle Deine Schlich’ und Finten
Sei’n den Leuten vorgesetzt —
Peer Gynt. So?
Aase strampelt wütend mit den Beinen.
Solang’ sperr’ ich den Mund auf,
Bis der Bau’r zuletzt den Hund auf
Dich wie auf ’nen Stromer hetzt!
Peer Gynt. Hm; so geh’ ich halt alleine.
Aase. Ja, doch ich hab auch zwei Beine!
Peer Gynt. Aber nicht die Kraft dazu!
Aase. Nicht? Ich bin so wilde, Du, —
Steine könnt’ ich knacken, Steine!
Kiesel könnt’ ich fressen, hu!
Laß mich los!
Peer Gynt. Du mußt geloben —
Aase. Nichts! Du wirst schon sehen droben;
Wissen soll’n sie, wer Du bist!
Peer Gynt. Nimm Dir Überlegungsfrist!
Aase. Seine Hunde soll er hetzen —
Peer Gynt. Darfst nicht mit.
Aase.
Was willst Du tun?
Peer Gynt. Dich aufs Mühlendach hier setzen.
Setzt sie hinauf. Aase schreit.
Aase. Heb’ mich ’nunter!
Peer Gynt.
Willst Du ruhn —?
Aase. Schnickschnack!
Peer Gynt.
Muttchen, wüt’ nicht mehr! —
Aase wirft ein Rasenstück nach ihm.
Heb mich stracks hinunter, Peer!
Peer Gynt. ’s war ja so Dein eigner Wille.
Näher.
Sei nun klug und sitz fein stille!
Stoß’ und stampf’ nicht mit den Beinen,
Rück’ und reiß’ nicht an den Steinen,
Sonst, das singt Dir jede Grille,
Stürzt Du ab.
Aase.
Du Gernegroß!
Peer Gynt. Nicht so zappeln!
Aase.
Daß Du bloß
Wärst als Wechselbalg verschollen!
Peer Gynt. Schäm’ Dich!
Aase.
Pfui!
Peer Gynt.
Du hättst mir lieber
Deinen Segen geben sollen.
Willst Du nicht?
Aase.
Ich werd’ Dich walken;
Du machst mir noch lang’ nicht bang!
Peer Gynt. Leb’ denn wohl! Ich bleib’ nicht lang’. Halt Dich brav auf Deinem Balken!
Geht, wendet sich jedoch noch einmal um, hebt mahnend den Finger und sagt:
Also, bloß kein Zappelfieber!
Ab.
Aase. Peer! — Gott steh’ mir bei, da rennt er! Böckereiter! Lügenprinz!
Willst Du hören! — Nein, da brennt er
Durch —!
Schreiend.
Zu Hilf’! Ich krieg’ das Drehn!
Zweialte Weiber mit Säcken auf dem Rücken kommen den Weg herab nach der Mühle.
Erstes Altes Weib. Kreuz; wer schreit da?
Aase.
Ich, ich bin’s!
Zweites Altes Weib.
Aase! Schau’, — so hoch gestiegen?
Aase. Pah; hier ist nicht viel zu sehn; —
Bald werd’ ich gen Himmel fliegen!
Erstes Altes Weib. Glück zur Reise!
Aase.
Holt ’ne Leiter
Ich will ’runter! Dieser Peer —!
Zweites Altes Weib. Euer Sohn?
Aase.
Jetzt mögt Ihr weiter
Sagen, was der anstellt, der — —
Erstes Altes Weib. Gerne.
Aase.
Helft mir bloß hinunter;
Denn ich muß nach Haegstad machen.
Zweites Altes Weib. Ist er dort?
Erstes Altes Weib.
So könnt Ihr lachen;
Denn da duckt der Schmied ihn unter.
Aase ringt die Hände.
Gott, o Gott, was soll geschehn,
Wenn sie ihm ans Leben gehn!
Erstes Altes Weib.
Ja, der Tod hat lange Beine.
Will er wen, dem hilft kein Flitzen!
Zweites Altes Weib.
Je, sie fährt schier aus der Haut!
Ruft nach oben.
Ejvind, Anders! Kommt und schaut!
Eine Männerstimme. Was ist los?
Zweites Altes Weib.
Peer Gynt hat seine
Mutter auf dem Mühldach sitzen!
Eine kleine Anhöhe mit Büschen und Heidekraut.
Hinten, durch einen Zaun getrennt, führt die Straße vorüber. Peer Gynt kommt einen Fußsteig herauf, geht rasch auf den Zaun zu, bleibt stehen und blickt hinaus, wo die Aussicht sich öffnet.
Peer Gynt.
Dort liegt Haegstad. Bald werd’ ich’s haben.
Steigt halb über; dann bedenkt er sich.
Ob wohl die Ingrid allein ist, wer weiß?
Beschattet sich die Augen und lugt in die Weite.
Nein. Dort wimmelt’s von Leuten mit Gaben. —
Hm! Am schlausten, ich tät’ mich drücken!
Zieht das Bein wieder an sich.
Allweil da grienen sie dir hinterm Rücken
Und zischeln, — es wird einem kalt und heiß.
Macht einige Schritte vom Zaun hinweg und reißt gedankenlos Laub ab.
Wer jetzt was Starkes zum Heizen hätt’!
Oder wer da hingehn könnt’ unbemerkt —
Oder unbekannt wär’. — Irgendwas, das recht stärkt,
Wär’ am besten, — daß der Spott nicht so beizen tät’!
Sieht sich mit einem Mal wie erschrocken nach allen Seiten um und versteckt sich darauf im Gebüsch. Einige Leute mit Kostgaben gehen vorbei nach dem Hochzeitshof hinunter.
Ein Mann im Gespräch.
Sein Vater war ein Saufbold, seine Mutter hat’s im Kopf.
Ein Weib.
Dann wundert man sich, daß der Bursch’ solch ein Tropf!
Die Leute gehen weiter. Bald darauf kommt Peer Gynt hervor und guckt ihnen mit schamrotem Gesichte nach.
Peer Gynt leise.
Was, hat das von mir geschnackt?
Mit einer gezwungenen Geberde.
Ach, laß sie schnacken!
Sie könn’n mir ja doch wohl den Kopf nicht abhacken.
Wirft sich nieder ins Heidekraut, liegt lange auf dem Rücken, die Hände unterm Kopf, und starrt ins Blaue.
So ’ne schnurrige Wolke! Genau wie ein Pferd!
Und ein Mann ist auch drauf — und Sattel — und Zügel. —
Dahinter reitet ’ne Hex’ auf ’nem Prügel.
Lacht leise in sich hinein.
Das ist Mutter, die jammert und aufbegehrt:
Peer! Biest! — —
Schließt nach und nach die Augen.
Nun bangt ihr! — Voran seinem Trosse
Reitet Peer Gynt auf goldhufigem Rosse.
Die Mähr’ hat ’nen Federbusch zwischen den Ohren.
Selbst hat er Handschuh’ und Säbel und Sporen.
Der Mantel ist lang und mit Taft ausgeschlagen.
Wacker sind die, die hinter ihm jagen.
Er aber sitzt doch am stracksten zu Pferde,
Er aber strahlt doch am hellsten zur Erde.
Drunten die Leut’ stehn, ein schwarzes Gewimmel,
Ziehen die Hüt’ ab und gaffen gen Himmel.
Die Weiber verneigen sich. Alle gewahren
Kaiser Peer Gynt und seine Heerscharen.
Nickel und Silber, ein blankes Geriesel,
Streut er hinunter wie Hände voll Kiesel
Allen im Dorf geht’s von nun an zum besten.
Peer Gynt sprengt quer übers Meer gen Westen.
Engellands Prinz steht und wartet am Strande;
Mit ihm alle Schönen von Engellande.
Engellands Kaiser und Engellands Barone
Steigen die Stufen herab vom Throne.
Der Kaiser nimmt seine Kron’ ab und sagt —
Der Schmied zu einigen anderen Leuten, mit denen er jenseits des Zaunes vorüberkommt.
Sieh da; Peer Gynt, das betrunkene Schwein —!
Peer Gynt fährt halb in die Höhe.
Wie, Kaiser —!
Der Schmied lehnt sich an den Zaun und grient.
Willst Du nicht aufstehn? Nein?
Peer Gynt.
Was Teufel! Der Schmied! Was willst Du hier, he?
Der Schmied zu den anderen.
Von Lunde der Tanz sitzt ihm noch in den Knochen.
Peer Gynt springt auf.
Schmied, geh im Guten!
Der Schmied. Geh schon, geh.
Doch, Kerl, wo warst Du die letzten sechs Wochen? Warst bergverhext? Oder was hast Du gemacht?
Peer Gynt.
Ich hab’, Schmied, dir gar seltsame Taten vollbracht!
Der Schmied zwinkert den anderen zu.
Laß uns hören, Peer!
Peer Gynt. Dahin ist’s noch weit.
Der Schmied nach einer kleinen Weile.
Du willst wohl nach Haegstad?
Peer Gynt.
Nein.
Der Schmied.
Eine Zeit,
Da hieß es, die Dirn dort, die wär’ Dir nicht leid.
Peer Gynt. Du Kolkrabe —!
Der Schmied weicht etwas zurück.
Immer härm’ Dich nicht, Peer;
Hat Dich Ingrid verschmäht, — es gibt ja noch mehr.
Der Sohn von Jon Gynt; pah! Der treibt sie zu Paaren!
Du findest dort Lämmlein wie Witwen von Jahren —
Peer Gynt. Zur Hölle —!
Der Schmied. Da wird Dich schon eine wählen.— Guten Abend! Ich werd’ Dich der Braut empfehlen. —
Sie gehen unter Lachen und Geflüster ab.
Peer Gynt sieht ihnen eine Weile nach, macht eine wegwerfende Bewegung und wendet sich halb um.
Meinthalben teilt die Haegstad ihr Bette,
Mit wem sie Lust hat. Was mich das schiert!
Sieht an sich hinunter.
Die Hosen zerrissen. Zerlumpt, beschmiert. —
Wer bloß was Neues zum Wechseln hätte!
Stampft auf den Boden.
Könnt’ ich mit einem Schlächtergriff
Ihnen die Mißachtung aus der Brust reißen!
Sieht sich plötzlich um.
Was war das? War das nicht eben ein Pfiff?
Als möcht’ sich ein Mensch da sein Lachen verbeißen?
Ich will heim zu Muttern.
Geht, bleibt aber wieder stehen und horcht nach dem Hochzeitshof hinunter.
Da fängt der Tanz an!
Starrt und horcht; geht Schritt um Schritt wieder zurück; seine Augen leuchten; er reibt sich die Beine.
Dies Gewimmel von Mädels! Sieben, acht auf den Mann.
Ah, Tod und Teufel auch, — wen das nicht lockte! —
Wenn Mutter nur nicht auf dem Mühldach hockte —!
Seine Blicke werden wieder hinabgezogen; er hüpft und lacht.
Heißa, der Hallingtanz tollt über die Wiese!
Ja, ja, der Guttorm geigt die Waden in Gang!
Das stampft und das braust wie ein Sturzbach am Hang.
Und dann all diese schimmernden Mädels! Diese
Mädels! Zum Henker! Wer da nun noch stockte!
Setzt mit einem Sprung über den Zaun und den Weg hinunter.
Der Hofplatz auf Haegstap.
Im Hintergrund das Wohnhaus. Viele Gäste. Auf dem Wiesenplan wird lebhaft weiter getanzt. Der Spielmann sitzt auf einem Tisch. Der Küchenmeister steht in der Tür. Kuchenweiber eilen zwischen den Gebäuden hin und her, ältere Leute sitzen hier und dort im Gespräch zusammen.
Eine Frau nimmt Platz in einer Gruppe, die auf einigen Balken sitzt.
Die Braut? Ach Gott, das bißchen Gewein’,
Das macht nichts; so tun alle Bräute.
Der Küchenmeister in einem andern Haufen.
Da habt Ihr zu trinken, gute Leute!
Ein Mann.
Du meinst es zu gut; Du schenkst zu oft ein.
Ein Bursche zum Spielmann, während er, ein Mädel an der Hand, vorbeifliegt.
Heißa, Guttorm, in die Fiedel gewettert!
Das Mädel.
Streich, daß es über die Wiesen hinschmettert!
Mädels im Kreis um einen Burschen, der tanzt.
Fein war der Sprung!
Ein Mädel. Seine Knie’ haben’s weg!
Der Bursche tanzend.
Hier ist’s weit bis zur Wand und noch weiter bis zur Deck’!
Der Bräutigam nähert sich greinend dem Vater, der im Gespräch mit ein paar anderen steht, und zieht ihn an der Jacke. Sie will nicht, Vater; sie ist so voll Trotz.
Der Vater Sie will nicht?
Der Bräutigam.
Sie hat sich eingeschlossen.
Der Vater.
So find’ den Schlüssel, und werd’ nicht zum Possen!
Der Bräutigam. Wo soll ich ihn finden!
Der Vater.
Du bist ein Klotz!
Wendet sich wieder zu den anderen. Der Bräutigam trollt über den Hof ab.
Ein Bursche hinter dem Haus hervor.
Mädels! Juchheißa! ’s wird immer feiner!
Peer Gynt kommt!
Der Schmied, der eben dazugetreten ist.
Wer hat ihn gebeten?
Der Küchenmeister.
Keiner.
Aufs Haus zu ab.
Der Schmied zu den Mädels.
Spricht er Euch an, so laßt mir ihn stehn!
Ein Mädel zu den anderen.
Wir tun, als hätten wir ’n nie gesehn.
Peer Gynt kommt erhitzt und voller Leben daher, bleibt mitten vor dem Schwarme stehen und klatscht in die Hände.
Wer ist die Flinkste von Euch zum Drehn?
Eine Einzelne, der er sich nähert.
Ich nicht.
Eine Andere ebenso.
Ich auch nicht.
Eine Dritte.
Ich? Nicht um die Welt!
Peer Gynt zu einer vierten.
So komm denn Du, bis ’ne bessre sich stellt.
Das Mädel kehrt sich ab. Hab’ keine Zeit.
Peer Gynt zu einer fünften.
Na, denn Du!
Das Mädel, sich zum Gehen anschickend.
Muß nach Haus
Peer Gynt.
Heut Abend? Du bist wohl ganz von Verstand?
Der Schmied gleich darauf, halblaut zu Peer.
Da reicht sie ’nem alten Trottel die Hand.
Peer Gynt wendet sich rasch an einen älteren Mann.
Wo ist eine frei hier?
Der Mann.
Find’ sie heraus.
Geht von ihm fort.
Peer Gynt ist mit einem Male still geworden. Er blickt verstohlen und scheu auf die Gruppe. Alle sehen auf ihn, aber niemand spricht. Er nähert sich anderen Gruppen. Wohin er kommt, wird es stumm; sobald er sich wieder entfernt, lächelt man und blickt ihm nach.
Peer Gynt leise.
Höhnische Blicke; Gedanken wie Pfeile.
Das zischelt, wie Sägblätter unter der Feile!
Er drückt sich den Zaun entlang. Solvejg, mit klein Helga an der Hand, betritt den Hof, begleitet von ihren Eltern.
Ein Mann zu einem andern in der Nähe von Peer Gynt. Die sind zugewandert.
Der Andere. Die Leute da?
Der Erste. Jawohl, vom Westen her.
Der Andere.
Richtig! ja.
Peer Gynt vertritt den Kommenden den Weg, zeigt auf Solvejg und fragt den Mann.
Darf ich einen Tanz tun mit der Tochter von Dir?
Der Mann mit sanfter Stimme.
Gern; aber erst will der Wirt drin begrüßt sein!
Sie gehen ins Haus.
Der Küchenmeister zu Peer Gynt, indem er ihm den Krug anbietet.
Bist Du schon hier, soll Dir ’s Leben auch versüßt sein!
Peer Gynt unverwandt den Gehenden nachblickend.
Nein; ich will tanzen. Schönen Dank für Dein Bier.
Der Küchenmeister geht weiter. Peer Gynt blickt aufs Haus und lacht.
So ’ne saubere Dirn! So schmuck, — nicht zu sagen!
Und wie sie hinab auf ihr Brusttuch geschielt —!
Und wie sie an Mutters Schürze sich hielt,
Und ’s Gesangbuch trug, in ein Tüchel geschlagen —!
Ich muß sehn nach dem Mädel.
Will ins Haus.
Ein Bursche kommt mit mehreren anderen aus dem Hause heraus.
Peer, gehst Du schon
Vom Tanz weg?
Peer Gynt. Nein.
Der Bursche.
Also lauf nicht davon!
Faßt ihn an der Schulter, um ihn umzudrehen.
Peer Gynt. Laß mich vorbei!
Der Bursche. Bist Du bang vor dem Schmied?
Peer Gynt. Ich bang?
Der Bursche.
Daß Dir wieder wie auf Lunde geschieht?
Die Burschen lachen und gehen nach dem Tanzplatz.
Solvejg in der Tür.
Wolltest nicht Du mit mir tanzen vorhinnen?
Peer Gynt.
Jawohl wollt’ ich das; kannst Dich nimmer besinnen?
Faßt sie bei der Hand.
Komm!
Solvejg.
Doch, sagt Mutter, nicht lang! Nicht wahr?
Peer Gynt.
Sagt Mutter? Bist Du vom vorigen Jahr?
Solvejg. Du machst Dich lustig —!
Peer Gynt.
Du bist doch aufs Haar
Schon erwachsen?
Solvejg.
Im Mai war ich am Altar.
Peer Gynt.
Wie heißt Du denn, — daß wir bekannter werden?
Solvejg. Ich heiße Solvejg. — Und wie heißt Du?
Peer Gynt. Peer Gynt.
Solvejg entzieht ihm die Hand. O, Heiland!
Peer Gynt.
Was ist denn nu —?
Solvejg.
Mein Strumpfband macht mir solche Beschwerden.
Geht von ihm.
Der Bräutigam zieht seine Mutter am Kleid.
Mutter, sie will nicht —!
Die Mutter.
Will nicht? Was?
Der Bräutigam.
Sie will nicht!
Die Mutter.
Was denn?
Der Bräutigam.
Den Schlüssel umdrehn.
Der Vater leise und gereizt.
Du solltest im Stall an der Krippe stehn.
Die Mutter.
Er wird sich schon machen, — laß nur, laß!
Sie gehen nach hinten.
Ein Bursche, der mit einem ganzen Schwarm vom Tanzplatz herkommt.
Ein Schluck Branntwein gefällig, Peer?
Peer Gynt.
Nein!
Der Bursche.
Bloß ein Schluck!
Peer Gynt sieht ihn finster an.
Hast Du welchen?
Der Bursche. ’nen ziemlichen Posten.
Zieht eine Flasche hervor und trinkt.
Ah! wie das durchputzt! — Na?
Peer Gynt.
Laß mich kosten.
Trinkt.
Ein Anderer.
Nu machst Du auch noch bei mir einen Gluck.
Peer Gynt. Nein!
Derselbe. Ah! Wirst Dich nicht gleich bezopfen. Immer trink, Peer!
Peer Gynt So gib mir ’nen Tropfen.
Trinkt wiederum.
Ein Mädel halblaut.
Kommt, laßt uns gehn!
Peer Gynt.
Bist Du bang vor mir?
Ein Dritter Bursche.
Wer
Wär’ es vor Dir nicht?
Ein Vierter Bursche. Auf Lunde drüben Sahn wir ja jüngst Deine Künste Dich üben.
Peer Gynt.
Wenn ich erst einmal losleg’, dann kann ich noch mehr.
Erster Bursche flüsternd. Jetzt kommt er in Zug.
Mehrere, einen Kreis um ihn bildend.
Zähl’ her; zähl’ her!
Was kannst Du?
Peer Gynt. Morgen —!
Andere.
Nein, heut schon, Peer!
Ein Mädel. Kannst Du hexen?
Peer Gynt. Ich kann den Teufel beschwören.
Ein Mann. Dazu kannt’ Großmutter schon den Text.
Peer Gynt.
Lügner! Woher, das möcht’ ich bloß hören!
Ich hab’ ihn einmal in ’ne Walnuß gehext, —
Die war wurmstichtig, seht Ihr!
Mehrere lachend.
Das läßt sich denken!
Peer Gynt.
Er flucht’ euch und flennt’ euch und wollte mir schenken, Was immer ich mocht’ —
Einer.
Aber hinein mußt’ er doch?
Peer Gynt.
Das mußt’ er. Und dann verstopft’ ich das Loch.
Hei! Wie er da drinnen nun surrte und summte!
Ein Mädel.
Nein, so was!
Peer Gynt. Als ob eine Hummel drin brummte!
Ein Mädel.
Hast Du ihn noch in der Nuß?
Peer Gynt.
Nein, nein.
Jetzt ist er längst über Stock und Stein.
Der Kerl ist dran schuld, daß der Schmied mich nicht mag.
Ein Bursche. Wie das?
Peer Gynt.
Ich geh’ nach der Schmied’ hin und sag’,
Er soll mir doch mal die Nußschal’ aufknacken.
Soll geschehn! sagt Aslak und kriegt sie zu packen, —
Doch er faßt auch gleich alles so harthändig an —
Und kommt euch nicht aus ohne Hammerschlag —
Eine Stimme Aus Dem Haufen.
Erschlug er den Teufel?
Peer Gynt.
Er schlug wie ein Mann.
Der Teufel aber fuhr wie ein Brand
Quer durchs Dach und zerspliß die Wand.
Mehrere.
Und der Schmied —?
Peer Gynt.
Stand da mit versengten Händen.
Seit damals hat’s zwischen uns sein Bewenden.
Allgemeines Gelächter.
Einige. Nicht schlecht!
Andere. Bald die beste von seinen Geschichten!
Peer Gynt.
Glaubt Ihr, ich dicht’ was zusammen?
Ein Mann.
Du dichten?
Ach nein; wir kennen seit uralten Zeiten
Das meiste —
Peer Gynt. Ihr lügt! Das ist mir passiert.
Der Mann. Wie alles.
Peer Gynt. Wer kann durch die Luft hinreiten, Ohne daß er die Steigbügel verliert?
Ich kann’s und kann mehr! Ihr wagt’s zu bestreiten?
Gelächtersalve.
Einer in Der Menge.
Peer, reit durch die Luft!
Viele.
Ach, Peer, tu’s doch bloß!
Peer Gynt.
Ja, spielt nur mit dem Feuer und bettelt noch groß!
Und ich reit’ wie ein Wetter hin über Euch allen!
Der ganze Kreis soll zu Füßen mir fallen!
Ein Älterer Mann. Jetzt ist er übergeschnappt!
Ein Anderer Mann.
Das Schaf!
Ein Dritter Mann.
Der Prahlhans!
Ein Vierter Mann.
Der Lügner!
Peer Gynt droht ihnen.
Ja, wartet nur brav!
Ein Mann halbbetrunken.
Ja, wart’ nur, wir kriegen Dich schon noch am Kragen!
Mehrere.
Und werden Dir’s Fell gerben und ein Auge blau schlagen!
Der Schwarm zerstreut sich, die Älteren in zorniger Erregung, die Jüngeren unter Spott und Gelächter.
Der Bräutigam dicht an ihn herantretend.
Du kannst durch die Luft reiten, Peer, ist das wahr?
Peer Gynt kurz.
Ja, Matz. Wie Du willst, galoppier’ oder trab’ ich.
Der Bräutigam.
Und hast auch den Rock, der da macht unsichtbar?
Peer Gynt.
Den Hut, willst Du sagen, — jawohl, den hab’ ich.
Wendet sich von ihm ab. Solvejg geht über den Hofplatz, Helga an der Hand.
Peer Gynt ihnen entgegen, leuchtenden Auges.
Solvejg! Ach, das ist schön, daß sie da ist!
Faßt sie ums Handgelenk.
Jetzt will ich drehn Dich, was Mutter auch schilt.
Solvejg. Laß mich!
Peer Gynt.
Warum denn?
Solvejg.
Du bist so wild
Peer Gynt.
Auch der Renbock ist wild, wenn der Sommer nah ist Komm und sei nicht so halsstarrig, Kind!
Solvejg zieht den Arm an sich. Darf nicht.
Peer Gynt.
Warum nicht?
Solvejg.
Du hast getrunken.
Geht mit Helga weiter.
Peer Gynt. ’s Messer müßt’ man diesen Halunken Durch den Leib rennen, — wie sie da sind!
Der Bräutigam pufft ihn mit dem Ellenbogen.
Kannst Du mich nicht zur Braut hineinbringen?
Peer Gynt zerstreut.
Zur Braut? Wo ist die?
Der Bräutigam. Im Blockhaus.
Peer Gynt.
So, so.
Der Bräutigam.
Könnt’st Du’s, ich wär’ ja so seelenfroh.
Peer Gynt.
Nein, mir träumt jetzt von anderen Dingen.
Ein Gedanke blitzt in ihm auf; er sagt leise und heftig.
Ingrid im Blockhaus!
Nähert sich Solvejg.
Je, das Gesicht!
Solvejg will gehen; er vertritt ihr den Weg.
Du schämst Dich, weil ich wie ’n Lump angezogen.
Solvejg hastig.
Das ist nicht wahr, nein, das bist Du nicht!
Peer Gynt.
Ich bin auch nicht ganz mehr im Gleichgewicht.
Aber das war aus Trotz; denn Du hatt’st mich betrogen.
Na, komm jetzt!
Solvejg. Ich darf nicht, und wenn ich schon mag.
Peer Gynt. Vor wem bist Du bang?
Solvejg.
Meist vor Vater.
Peer Gynt.
Puh!
Der ist wohl von diesen stillen Christen,
Läßt die Ohren hängen? Was? Hab’ ich recht? Sag’!
Solvejg. Was soll ich sagen?
Peer Gynt.
Ihr seid Pietisten?
Der Vater, nicht? — und auch Mutter und Du?
Na, kannst Du nicht reden?
Solvejg.
Laß mich in Ruh’.
Peer Gynt. Nein!
Mit gedämpfter Stimme, aber heftig und schreckend.
Du, ich verwandel’ mich in einen Troll!
Ich komm’ an Dein Bett heut, wenn Mitternacht voll.
Hörst Du dann ein Geschab’ und Gekratze,
So denk nur nicht etwa, das wär’ bloß die Katze.
Da komm’ ich und trink’ ich Dein Blut wie ein Mahr;
Und Dein Schwesterlein fress’ ich mit Haut und mit Haar;
Ja, denn Du mußt wissen, ich bin Werwolf bei Nacht; —
Ich beiß’ Dich in Lenden und Rücken und Mark — —
Schlägt plötzlich einen andern Ton an und bittet wie in Angst.
Tanz’ mit mir, Solvejg!
Solvejg sieht ihn finster an. Jetzt warst Du arg.
Ab ins Haus.
Der Bräutigam kommt wieder des Wegs.
Ich schenk’ Dir ein Rind, wenn Du kommst!
Peer Gynt.
Abgemacht!
Sie verschwinden hinter dem Hause. Im selben Augenblick kommt ein großer Haufe Volks vom Tanzplatz her; die meisten sind betrunken. Lärm und Aufregung. Solvejg, Helga und ihre Eltern zeigen sich mit einer Anzahl älterer Leute in der Türe.
Der Küchenmeister zum Schmied, der der vorderste im Haufen ist.
Halt’ Frieden!
Der Schmied zieht die Jacke aus.
Nein, jetzt wird’s zum Austrag gebracht.
Peer Gynt oder ich soll am Platz hier bleiben!
Einige. Ja, laßt sie sich raufen!
Andere.
Nein, bloß sich reiben!
Der Schmied.
Die Faust muß hier reden; Worte sind Quark.
Solvejgs Vater. Beherrsch’ Dich, Mann!
Helga zur Mutter.
Sag’, woll’n sie ihn schlagen?
Ein Bursche.
Wir woll’n lieber unser Spiel mit ihm treiben!
Ein Anderer Bursche.
Ins Gesicht ihm spucken!
Ein Dritter Bursche. Vom Hof ihn jagen!
Ein Vierter Bursche zum Schmied.
Steckst Du’s auf, Schmied?
Der Schmied wirft die Jacke ab.
Die Schindmähre wird geschlachtet!
Solvejgs Mutter zu Solvejg.
Da siehst Du’s, so wird der Fant hier geachtet.
Aase kommt mit einem Stecken in der Hand.
Wo ist mein Sohn? Jetzt krieg’ er’s, der Schuft!
Ha, wie inbrünstiglich will ich ihn prügeln!
Der Schmied krempt die Hemdsärmel auf.
Für so ein Fell ist ein Stecken Luft.
Einige. Der Schmied will ihn prügeln!
Andere.
Bügeln!
Der Schmied spuckt in die Hände und nickt Aase zu.
Beflügeln!
Aase.
Was! Peeren? Versuch’s nur, so sollst Du sehn —!
Aase und ich haben Krallen und Zähn’!
Wo ist er?
Ruft über den Platz hin.
Peer!
Der Bräutigam kommt gelaufen.
’s ist um umzukommen!
He, Vater, Mutter —!
Der Vater.
Was ist im Werk?
Der Bräutigam. Peer Gynt, denkt —!
Aase schreit.
Habt Ihr ihm ’s Leben genommen?
Der Bräutigam.
Nein, Peer Gynt —! Seht dorthin, auf den Berg —!
Die Menge. Mit der Braut!
Aase läßt den Stock sinken.
Das Luder!
Der Schmied wie aus den Wolken gefallen.
Im schroffsten Gestein
Klettert der Kerl wie ein Geißbock hinauf.
Der Bräutigam weinend.
Er trägt sie, Mutter, wie ein Bär ein Schwein!
Aase droht hinauf zu ihm.
O, daß Du herabfielst —!
Schreit in Angst auf.
Tritt vorsichtig auf!
Der Haegstadbauer kommt barhäuptig und weiß vor Zorn.
Ich dreh’ ihm den Hals um für diesen Raub!
Aase. Gott straf’ mich, wenn ich Euch das erlaub’!
Zweiter akt
Ein schmaler Steig hoch oben im Gebirge. Es ist früher Morgen. Peer Gynt geht eilig und unwillig den Steig entlang. Ingrid, halb in Brautputz, sucht ihn zurückzuhalten.
Peer Gynt. Geh!
Ingrid weinend. Nach all dem, was geschehen! Und wohin?
Peer Gynt. Was kümmert’s mich!
Ingrid ringt die Hände. Welch ein Treubruch!
Peer Gynt.
Statt zu schmähen,
Wandre Deines Wegs wie ich!
Ingrid. Unsre Schuld muß uns vereinen!
Peer Gynt. Daß die Pest auf all das falle!
Hol’ die Pest Euch Weiber alle — —
Außer einer —!
Ingrid. Welcher einen?
Peer Gynt. Du bist’s schwerlich.
Ingrid.
Also wer?
Peer Gynt. Geh! Geh wieder heim, woher Du gekommen bist!
Ingrid.
Ach Peer —!
Peer Gynt. Schweig!
Ingrid.
Du kannst unmöglich meinen,
Was Du redest.
Peer Gynt. Kann ich doch!
Ingrid. Erst verführen, — dann erkalten!
Peer Gynt. Und was hast Du, mich zu halten?
Ingrid. Haegstad und manch andres noch.
Peer Gynt.
Hast Du ein Gesangbuch? Trägst Du
Goldhaar über Hals und Mieder?
Hältst Du Mutters Schürze? Schlägst Du
Fromm den Blick zur Erde nieder?
Ingrid Ich —?
Peer Gynt.
Bist Du vor hundert Tagen
Am Altar gewesen?
Ingrid.
Nein —
Peer Gynt. Kann Dein Auge züchtig sein?
Kannst Du mir ’ne Bitt’ abschlagen?
Ingrid. Peer, bist Du von Sinnen, he?
Peer Gynt. Wird der, der Dich ansieht, rein? Sag’!
Ingrid. Nein, aber —
Peer Gynt.
Also geh!
Will gehen.
Ingrid vertritt ihm den Weg.
Weißt Du, daß Dir das den Kopf
Kosten kann?
Peer Gynt. Und wenn’s auch wäre!
Ingrid. Geld und Gut wird Dein und Ehre, Bleibst Du treu!
Peer Gynt. Ich wär’ ein Tropf!
Ingrid bricht in Tränen aus.
Du betrogst mich —!
Peer Gynt. Du warst willig.
Ingrid. Trostlos war ich!
Peer Gynt.
Ich war toll.
Ingrid drohend. Doch Du zahlst den Preis mir voll!
Peer Gynt. Hier ist jeder Preis noch billig.
Ingrid. Also nicht?
Peer Gynt.
Komm mir nicht nah!
Ingrid. Gut! Du spürst noch meine Kralle!
Steigt hinab.
Peer Gynt schweigt eine Weile; auf einmal schreit er:
Daß die Pest auf all das falle!
Hol’ die Pest Euch Weiber alle!
Ingrid wendet den Kopf und ruft höhnisch herauf:
Außer einer!
Peer Gynt. Einer; ja.
Ab, ein jedes seines Wegs.
Bei einem Gebirgssee.
Der Boden ringsum ist weich und sumpfig. Ein Unwetter zieht auf. Aase, verzweifelt, ruft und sieht sich um nach allen Seiten. Solvejg hat Mühe, mit ihr Schritt zu halten. Ihre Eltern und Helga ein Stück dahinter.
Aase ficht mit den Armen und rauft sich das Haar.
Alles ist wider mich eifernd im Werk —
Himmel und Wasser und Wald und Berg!
Der Nebel möcht’ am liebsten ein Brett werden,
Der tückische Bergsee sein Totenbett werden,
Die Felswand ihn mit Steinschlag begraben!
Und gar die Menschen! Wenn die ihn erst haben!
Sie soll’n ihm nur an! Ich kann ihn nicht entbehren!
Mußt’ ihn der Teufel auch das just lehren!
Wendet sich zu Solvejg.
Ist es denn möglich! Das ist mein Sohn? —
Er, der nichts konnt’ als lügen und drohn,
Er, dessen Maul seine einzige Kraft, —
Er, der noch nie was Rechtes geschafft, —
Er —! Was soll man da? Weinen oder lachen?
O, wir zwei hatten was durchzumachen!
Denn wie Du wissen mußt, trank mein Mann,
Fuhr rings umher und gab Torheiten an;
’s Geld flog hinaus; mehr und mehr ging’s uns schlecht.
Derweil’ sind wir zwei denn daheim gesessen
Und haben gesucht, den Jammer zu vergessen;
Denn Widerstand leisten, das konnt’ ich nie recht.
Dem Schicksal ins Aug’ schaun, das ist kein Vergnügen;
Und man will doch auch mal seiner Sorgen bloß werden
Und die bösen Gedanken von Zeit zu Zeit loswerden.
Der eine braucht Branntwein, der andre braucht Lügen;
Na ja! Und so verfielen denn wir
Auf Prinzen und Trollspuk und allerhand Getier.
Auch Brautraub kam vor. Doch, frag’ ich, wer denkt,
Daß so was in solch einem Burschen festhängt.
Wieder voll Furcht.
Hu, was schrie dort! Ein Draug oder Zwerg!
Peer! — — Peer! — — Dort oben auf dem Berg —!
Sie läuft eine kleine Anhöhe hinauf und sieht über den See hin. Solvejgs Eltern mit Helga kommen dazu.
Aase. Nichts zu sehn auf dem ganzen Kamm!
Der Mann nachdenklich. Schlimm für ihn.
Aase weinend.
Mein verloren Lamm!
Der Mann nickt mild. Jawohl. Verloren.
Aase.
Nein, red’ nicht so!
Er ist ein Kerl! Da wär’ mancher froh —!
Der Mann. Du Törin!
Aase.
Mag ich Dir eine gelten!
Doch meinen Jungen, den lass’ ich nicht schelten.
Der Mann immer gedämpften Tones und mit milden Augen.
Er ist verloren; sein Herz ward zu Stein.
Aase angstvoll.
Nein doch! So hart wird der Herrgott nicht sein!
Der Mann. Kann er vielleicht seine Sünden bestreiten?
Aase eifrig. Nein, aber durch die Luft kann er reiten!
Die Frau. Seid Ihr verrückt?
Der Mann.
Was schwatzt Ihr da her?
Aase.
Nichts auf der Welt ist dem Jungen zu schwer.
Laß ihn nur erst seine Schalen ganz sprengen —
Der Mann.
Säht Ihr ihn nur erst am Galgen hängen!
Aase schreit. Jesus, nein!
Der Mann.
Wird ihn der Henker packen,
Krümmt ihm vielleicht doch noch Reue den Nacken.
Aase betäubt.
O, Ihr verwirrt noch mich armes Weib!
Kommt doch! Es gilt —
Der Mann.
Seine Seel’.
Aase.
Und seinen Leib!
Steckt er im Sumpf, wir betten ihn trocken, —
Ist er verhext, muß der Küster an die Glocken, —
Der Mann. Hm! — Hier ist Viehweg —
Aase.
Vergess’ Gott Euch nicht, Daß Ihr mir helft!
Der Mann. Das ist Christenpflicht.
Aase. So? Na, dann sind das Heiden, die andern! Auch nicht einer wollt’ mit uns wandern —
Der Mann. Man kennt ihn zu gut.
Aase.
Er konnt’ ihnen zu viel!
Ringt die Hände.
Und denkt Euch! Sein Leben steht auf dem Spiel!
Der Mann. Hier scheint ’ne Fährte —.
Aase.
So laßt uns eilen!
Der Mann.
Bei unserm Saeter dann woll’n wir uns teilen.
Er und seine Frau gehen voraus.
Solvejg zu Aase.
Erzähl’ mir noch etwas!
Aase trocknet die Augen. Von meinem Sohn?
Solvejg.
Ja; —
Alles!
Aase lächelt und trägt den Kopf mit einem Mal wieder hoch.
Alles? — Müd’ würd’st Du da!
Solvejg. Eher wohl würdet Ihr müd’, zu plauschen, Als ich, zu lauschen.
Niedrige baumlose Höhenunterm Hochgebirge.
Bergzinnen weiter hinten. Die Schatten fallen lang; es ist spät am Tage.
Peer Gynt kommt in großen Sätzen gesprungen und macht vor dem Abhang halt.
Die ganze Gemeind’ ist aus, mich zu fangen.
Sie haben sich bewaffnet mit Flinten und Stangen.
Allen voran hört den Haegstad man brüllen. —
Überall heißt’s jetzt: Peer Gynt, das wilde Füllen!
Das ist doch was mehr, als Gebalg mit ’nem Schmied;
Das ist Leben. Man fühlt sich wie ein Bär in jedem Glied.
Schlägt um sich und macht einen Luftsprung.
Brechen! Wälzen! Den Wasserfall stauen!
Tannen auswurzeln! Stoßen! Hauen!
Das ist Leben! Das kräftigt! Das schafft Genügen!
Zum Teufel mit all den wässrigen Lügen!
Drei Saeterinnen laufen über die Berghänge schreiend und singend.
Trond im Walgebirg! Kåre und Bår!
Wir schieben heut Nacht die Riegel nicht vor!
Peer Gynt. Was schreit Ihr da?
Drei Saeterinnen.
Jede nach ihrem Troll!
Erste Saeterin.
Trond! Komm mir schmachtend!
Zweite Saeterin.
Bår, komm mir toll!
Dritte Saeterin.
Im Saeter stehn alle Kammern leer.
Erste Saeterin. Toll ist schmachtend!
Zweite Saeterin.
Und schmachtend ist toll!
Dritte Saeterin.
Fehlt’ es an Burschen, so liebt man ’nen Troll.
Peer Gynt. Wo sind denn die Burschen?
Alle Drei Saeterinnen sich vor Lachen schüttelnd.
Die kommen nicht mehr.
Erste Saeterin.
Der meine, der nannt’ mich Verlobt’ und Verwandte, —
Da wurd’ er der Mann von ’ner alten Tante.
Zweite Saeterin.
Der meine, der traf ’ne Zigeun’rin im Norden, —
Da sind sie beide Landstreicher worden.
Dritte Saeterin.
Der meine vergab’s unserm kleinen Dinge, —
Jetzt grient sein Schädel wo aus ’ner Schlinge.
Alle Drei Saeterinnen.
Trond im Walgebirg! Kåre und Bår!
Wir schieben heut Abend die Riegel nicht vor!
Peer Gynt steht mit einem Sprung unter ihnen.
Ich bin ein Troll und ein Bursch für Euch drei!
Die Drei Saeterinnen. Bist Du so ’n Kerl?
Peer Gynt.
Steh’ der Himmel Euch bei!
Erste Saeterin. Zum Saeter!
Zweite Saeterin.
Wir haben Met!
Peer Gynt.
Laßt’s ein Meer sein!
Dritte Saeterin.
Die Samstagsnacht soll keine Kammer heut leer sein!
Zweite Saeterin küßt ihn.
Er glühet und sprühet wie glühheißes Erz.
Dritte Saeterin ebenso.
Wie ’s Aug’ einer Kindsleich’ im schwärzesten See.
Peer Gynt. Trübe der Sinn und frech das Herz.
Im Auge Lachen, im Halse Weh!
Die Drei Saeterinnen machen den Bergspitzen lange Nasen, schreien und singen.
Trond im Walgebirg! Kåre und Bår!
Wir schieben heut Nacht die Riegel doch vor!
Im Rondegebirge.
Sonnenuntergang. Schimmernde Schneegipfel rundum.
Peer Gynt kommt wirr und verwildert.
Luftschloß auf Luftschloß brückt es
Über die Tiefen hin!
Steh! Willst Du stehn! Da rückt es
Wieder aus Augen und Sinn!
Auf dem Turme der Hahn winkt
Mit seinen Flügeln zur Flucht; —
Und, ein entflatternder Wahn, sinkt
Alles ins Grauen der Schlucht. —
Was für Wurzeln und Stämme sprießen
Dort aus zerklüftetem Grund?
Das sind Riesen mit Reiherfüßen!
Da schluckt sie schon wieder ein Schrund. —
Wie Regenbogengeflimmer
Frißt sich mir’s ins Gehirn.
Was ist das für Glockengewimmer!
Was werkt da in meiner Stirn!
Der Schädel nimmt keinen Rat an.
Wie sollt’ er’s auch mit dem Band,
Dem brennheißen, um sich! Zum Satan!
Wer hat mir nur das umgebrannt!
Sinkt nieder.
Bocksritt über den Genden.
Wer Dir das glauben mag?
Hoch an den schroffesten Wänden
Mit der Braut, — und im Rausch einen Tag;
Stoßende Falken und Weihen,
Trollspuk und ähnlicher Prast,
Liebschaften gleich mit dreien; —
O, Du verruchter Phantast!
Starrt lange aufwärts.
Da segeln zwei braune Aare.
Gen Süden die Wildgäns’ ziehn,
Und hier soll ich armer Narre
Im Kot waten bis zu den Knien!
Springt in die Höhe.
Ich will mit! Will baden mich rein in
Des Winds allerwildester Wut!
Will hoch! Will tauchen hinein in
Der Sonne Taufstrahlenflut!
Ich will fort! Ich schwing’ mich zu Pferde;
Ich reit’ mich von Sinn und Verstand;
Ich stürm’ übers Meer und werde
Kaiser von Engelland;
Ja, glotzt nur, ihr Mädels da drunten!
Ich tu,’ was ich mag, annoch.
Was wartet ihr, dumme Tunten —!
Das heißt, — am End’ komm’ ich doch?! —
Halloh! Die Adler da droben, —
Die hat wohl der Schwarze verhext! —
Da hat sich ein Giebel erhoben!
Schau’, schau’, wie das wird und wächst!
Ein Bauwerk aus Berg und Wolke!
Haha, jetzt kenn’ ich mich aus!
Breit winkt die Tür allem Volke, —
Das ist Großvaters neugebaut Haus.
Dem alten Gebälk ging’s zuleibe,
Der Hecke gab man den Rest.
Das glitzert von jeder Scheibe,
Im großen Saal, da ist Fest!
Da messert die Plappertasche,
Der Propst, an sein Glas und girrt; —
Da schmeißt der Kapitän seine Flasche,
Daß der Spiegel in Scherben zerklirrt. —
Laß fahren dahin! Laß fahren!
Schweig, Mutter; wir machen’s nicht gut!
Der reiche Jon Gynt mag nicht sparen, —
Ein Hoch auf das Gyntische Blut!
Was ist das für ein Gezeter!
Was für ein Gelärm’ und Gejohl’!
Der Kapitän ruft nach Peter, —
Der Propst will ausbringen mein Wohl.
Hinein denn, entgegengenommen
Dein Urtel von jedem im Saal! —:
Von Großem, Peer, bist Du kommen,
Und Großes noch wirst Du einmal!
Springt vorwärts, rennt jedoch mit der Nase gegen einen Felsblock, fällt hin und bleibt liegen.
Eine Berglehne mit großen rauschen den Laubbäumen.
Sterne blinken durchs Laub; Vögel singen in den Baumkronen. Eis grüngekleidetes Weib geht auf der Lehne. Peer Gynt folgt ihm unter allerhand verliebten Gebärden.
Die Grüngekleidete bleibt stehen und kehrt sich um.
Ist’s wahr?
Peer Gynt schneidet sich mit dem Finger über die Gurgel.
Ich heiße nicht wahrer Peer, —
Und Du bist nicht wahrer eine bildsaubre Dirn!
Willst Du mich haben? Du bekommst es nicht schwer,
Sollst nichts zu tun haben mit Nadel und Zwirn,
Magst Dich mit Speisen nach Herzenslust stopfen,
Will Dich auch niemals beuteln oder schopfen —
Die Grüngekleidete.
Nie auch mich schlagen?
Peer Gynt.
Nein; so zu fragen!
Ein Königssohn wird doch nicht Weibsleute schlagen.
Die Grüngekleidete.
Ein Königssohn?
Peer Gynt. Ja!
Die Grüngekleidete.
Ich bin Dovrekönigs Kind.
Peer Gynt.
Bist Du? Schau’, schau’, was für Leute wir sind!
Die Grüngekleidete.
Drinnen in Ronde hat Vater sein Schloß.
Peer Gynt. Mutters Palast ist ein wahrer Koloß.
Die Grüngekleidete.
Kennst Du meinen Vater? Den König Brose?
Peer Gynt.
Kennst Du meine Mutter? Die Königin Aase?
Die Grüngekleidete.
Brüllt Vater, bersten die größten Blöcke.
Peer Gynt. Schilt Mutter, schießen sie Purzelböcke.
Die Grüngekleidete.
Vater, der springt dir im Tanz bis ans Dach.
Peer Gynt.
Mutter, die reitet durch den reißendsten Bach.
Die Grüngekleidete.
Hast Du keinen besseren Anzug als den?
Peer Gynt. Du solltest mal meinen Sonntagstaat sehn!
Die Grüngekleidete.
Ich geh’ auch Werktags in seidnem Kleide.
Peer Gynt.
Es sieht zwar wie Werg aus und Gras, nicht wie Seide —
Die Grüngekleidete.
Ja, Du, auf eines, da hab’ Du mir Acht:
So ist’s nun einmal bei uns hergebracht:
Alles beim Rondevolk hat zwei Seiten.
Wenn Du auf Vaters Schloß mit mir gehst,
Dürft’ Dich der Schein leicht zum Glauben verleiten,
Daß Du mitten in einer Geröllwüste stehst.
Peer Gynt.
Just wie bei uns! Daß man’s glauben sollt’!
Für Ruß und Rost möcht’st Du alles das Gold —
Und jede glitzernde Scheib’ für aus alten
Fetzen und Flicken zurecht gemacht halten.
Die Grüngekleidete.
Schwarz, das scheint weiß, und grob, das scheint fein.
Peer Gynt.
Groß, das scheint klein, und schmutzig, das scheint rein!
Die Grüngekleidete fällt ihm um den Hals.
Ja, Peer, so seh’ ich, wir geben ein Paar!
Peer Gynt.
Wie Bein und Hose, wie Kamm und Haar.
Die Grüngekleidete ruft nach hinten in die Berglehne.
Brautrößlein! Brautrößlein mein! Komm hervor!
Eine riesengroße Sau kommt gelaufen mit einem Tauende als Zaum und einem alten Sack als Sattel. Peer Gynt schwingt sich darauf und nimmt die Grüngekleidete vor sich.
Peer Gynt.
Heissa! Jetzt geht es durchs Ronde-Tor,
Sput’ Dich, sput’ Dich, mein Zelter brav!
Die Grüngekleidete zärtlich.
Ach, gestern noch ging ich als wie im Schlaf; —
Und heute — wer das mir gesagt hätt’! — und heute —!
Peer Gynt prügelt die Sau und trabt von dannen.
Am Reitzeug erkennt man die fürnehmen Leute!
Des Dovre-Alten Königshalle.
Große Versammlung von Hoftrollen, Erdgeistern und Kobolden. Der Dovre-Alte auf dem Hochsitz mit Krone und Szepter. Seine Kinder und nächsten Verwandten zu beiden Seiten. Peer Gynt steht vor ihm. Große Bewegung im Saal.
Die Hoftrolle.
Schlachtet ihn ab! Betört hat der Christ
Des Dovre-Alten wonnigste Maid!
Ein Junger Troll.
Ob ich ihn in den Finger schneid’?
Ein Anderer.
Darf ich ihn an den Haaren reißen?
Eine Trolljungfer.
Laßt mich ihn in den Schenkel beißen!
Trollhexe mit einem Kochlöffel.
Dafern er in Salzlaug’ zu pökeln ist —?
Eine Andere mit einem Schlächtermesser.
Soll ich ihn am Spieß braten oder im Hafen schmoren?
Der Dovre-Alte.
Eis Euch ins Blut!
Winkt seine Vertrauten näher zu sich heran.
Hört, sei’n wir keine Toren!
Mit uns geht’s die letzten Jahre zurück,
Wir haben den Halt, sozusagen, verloren,
Und Volkshilfe macht’ uns am End’ wieder flügg.
Zudem scheint der Bursche gesund geboren,
Und stark gebaut ist er auch, wie ich seh’.
Wohl wahr, Kopf hat er nicht mehr als einen,
Doch hat meine Tochter ja auch nicht meh.
Dreiköpfiger Trolle gibt’s schier mehr keinen,
Zweiköpfige kaum noch mal hier und da,
Und die sind denn auch soso lala.
Zu Peer Gynt.
Du willst, daß ich Dir die Tochter gebe?
Peer Gynt.
Die Tochter und ’s Reich als Mitgift dazu.
Der Dovre-Alte.
Das halbe mag Dein sein, solang’ ich noch lebe,
Das übrige, leg’ ich dereinst mich zur Ruh’.
Peer Gynt. Ich bin’s zufrieden.
Der Dovre-Alte.
Ja, stopp, mein Sohn!
Du mußt Dich auch durch Zusagen binden.
Und brichst Du nur eine, so kostet’s den Thron,
Und Du wirst nie mehr lebend von hier hinweg finden.
Zunächst hast Du nirgends herumzuscharlenzen,
Auch nicht in Gedanken, außer Rondanes Grenzen.
Tag sollst Du scheun und Tat und jeden Fleck Lichts.
Peer Gynt.
Wenn ich König genannt werd’, verschlägt mir das nichts.
Der Dovre-Alte.
Dann woll’n wir Dich mal bei den Hörnern packen —
Erhebt sich auf seinem Sitz.
Der Älteste Hoftroll zu Peer Gynt.
Wobei Deine Kunst sich erweisen soll,
Des Alten Rätselnüsse zu knacken!
Der Dovre-Alte.
Wodurch unterscheiden sich Mensch und Troll?
Peer Gynt. Die unterscheiden sich wohl nicht sehr.
Großtroll will zwicken und Kleintroll will zwacken; —
Ganz wie bei uns, wenn’s erlaubt nur wär’.
Der Dovre-Alte.
Wohl wahr, wir sind einig in dem und in mehr.
Doch gleicht sich auch Tag um Tag um ein Haar, —
Ein Unterschied bleibt denn doch immerdar. —
Hör’ zu denn, so wird er Dir offenbar.
Draußen im Sonnenstrahl ruft man sich zu
Als heimlichste Weisheit: „Mensch, sei Du!“
Hier aber unter uns Trollen heißt klug
Geredet: „Troll, sei Du — Dir genug!“ —
Der Hoftroll zu Peer Gynt.
Ist das nicht tief?
Peer Gynt. Mir ist’s noch nicht klar.
Der Dovre-Alte.
„Genug“, mein Sohn, dies mächtige Scheid’wort, Werde fortan Dein Leib- und Leitwort!
Peer Gynt kraut sich hinter dem Ohr.
Ja, doch —
Der Dovre-Alte.
Du mußt, willst Du Herr hier werden!
Peer Gynt.
Meinthalben; ’s gibt schlimmere Dinge auf Erden —
Der Dovre-Alte.
Sodann mußt Du Ehre, zu lernen, einlegen,
Wie wir daheim hier zu leben pflegen.
Er winkt. Zwei Trolle mit Schweinsköpfen, weißen Nachthauben usw. bringen Speise und Trank.
Die Kuh gibt Fladen, der Ochs gibt Met;
Frag’ nicht, ob’s sauer oder süß eingeht;
Die Hauptsach’ ist, daß man nie vergißt,
Daß es hausgemacht ist.
Peer Gynt weist die Sachen zurück.
Zum Teufel mit Euerer Hauskost auch!
Ich find’ mich wohl nie in den Landesbrauch.
Der Dovre-Alte.
Der Napf geht mit und der Napf ist von Gold.
Wer den Goldnapf hat, dem ist mein Töchterlein hold.
Peer Gynt überlegend.
Es steht freilich geschrieben: Du sollst Dich zwingen; —
Und man lernt’s mit der Zeit ja wohl leichter schlingen.
Meinthalben!
Fügt sich.
Der Dovre-Alte.
Sieh, Freund, das zeugt von Vernunft. —
Du spuckst?
Peer Gynt.
Man gewöhnt sich wohl noch in die Zunft.
Der Dovre-Alte.
Sodann mußt Du Deine Christentracht abwerfen;
Denn dies laß zu Dovres Ehren Dir einschärfen:
Hier ist nichts von jenseits der Felsenscheide,
Außer hinten am Wedel die Schleife von Seide.
Peer Gynt zornig. Ich hab’ keinen Wedel!
Der Dovre-Alte.
Geduld’ Dich, Mann!
Hoftroll, bind’ ihm meinen Sonntagsschwanz an.
Peer Gynt.
Wenn Du’s versuchst —! Das geht über den Scherz!
Der Dovre-Alte.
Du freist um meine Tochter mit nackichtem Sterz?
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