Kitabı oku: «Wundersame Haustiere und wie man sie überlebt»

Yazı tipi:

Stefan Cernohuby und Henry Bienek (Hrsg.)

Wundersame Haustiere

& wie man sie überlebt

Eine Anthologie der Geschichtenweber


Inhaltsverzeichnis

Eine lange Nacht – Teil 1

Gerd Scherm

Der Traumbeutler

Damaris McColgan

Kuschel

Kassandra Schwämmle, Stefan Cernohuby

Das Speichermedium

Yann Krehl

Fischfutter

Rainer Wüst

Pelzibub

Agga Kastell

Tausend Türen

Ronja Scherz

Das Erbe

Eine lange Nacht – Teil 2

Agnes Sint

Die Königin

Julia Heuer

Ein Sturm zieht auf

Klaus Lichtenegger

MächTiger Ärger

Nadine Muriel

Jans Schweinehund

Christina Bittner

Marley

Barbara Petersmann

Carnivourus Egomanipitikus

Anke Höhl-Kayser

Stranger

Alisha Pilenko

Hippalektryons Kapriolen

Eine lange Nacht – Teil 3

Die Herausgeber

Stefan Cernohuby, geboren 1982 in Wien, studierte Elektronik und ist nach einigen Jahren im Ausland wieder in seiner Heimat ansässig. Er schreibt schon seit vielen Jahren kurze und lange Erzählungen in verschiedenen Genres. Neben seinen literarischen Aktivitäten war und ist er für unterschiedliche Medien als (Chef-)Redakteur tätig. Zahlreiche seiner Kurzgeschichten und Gedichte sind in unterschiedlichen Werken veröffentlicht worden. Er ist zudem Herausgeber von mittlerweile neun Anthologien, von denen zwei für den Deutschen Phantastik Preis nominiert wurden. Zuletzt erschienen mehrere Heftromane und ein Science-Fiction-Roman in der Reihe „Die neunte Expansion“. Er ist Mitglied der Geschichtenweber und zweiter Vorstand des Phantastik-Autoren-Netzwerks PAN.

Henry Bienek, geboren 1973 in Darmstadt und auch dort geblieben, fing schon in der 5. Klasse mit dem Schreiben an, ließ es dann aber aus Zeitgründen wieder sein. Erst mit Ende Zwanzig startete er einen neuen Versuch. Getrieben von zu vielen anderen Hobbys (drei Chöre, unzählige Filme, Serien und Bücher, diverse Pen & Paper-Rollenspielrunden) schafft er es nur selten selbst an die Tastatur, um auch mal wieder etwas zu schreiben.

In der Regel arbeitet er an düsterer Phantastik oder Humorvollem, versucht sich aber gelegentlich und bei ansprechenden Themen auch in anderen Sujets.

Sein bisher größtes Projekt war die Herausgeberschaft der Jugendbuchreihe 'Gaias Schatten' in sieben Bänden

(2014, TextLustVerlag).

Eine lange Nacht – Teil 1

von Henry Bienek, Nadine Muriel und Stefan Cernohuby

Martin trat heftig auf die Bremse. Das Reh, das mitten auf der Straße stand, schien ihm einen vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen, ehe es ins Gebüsch sprang und sofort wieder von der pechschwarzen Finsternis des Waldes verschluckt wurde. Verdammt, das war knapp! Obschon Martin ein geübter Autofahrer war, umkrallte er das Lenkrad wie ein Schiffbrüchiger eine Planke. Die Straße war eine Aneinanderreihung von Haarnadelkurven, noch dazu völlig unbeleuchtet. Die Leute vom Straßenbauamt, die für diese Strecke zuständig waren, mussten ausgesprochene Sadisten sein – genau wie sein Chef, der ihm den heutigen Kundentermin am anderen Ende der Republik zugeteilt hatte.

Das Geschäftsgespräch war zwar überraschend gut gelaufen, doch inzwischen wurde Martins Freude darüber von bleierner Müdigkeit erdrückt. Es war zehn Uhr nachts und er wollte nur noch heim. Bloß deswegen war er ja von der Autobahn abgefahren, um die deutlich kürzere Strecke durch den Odenwald zu nehmen. Eine Entscheidung, für die er sich inzwischen am liebsten ohrfeigen würde. Martin hatte keine Ahnung mehr, wo er sich befand, und seinem Handy, das er für das GPS verwendet hatte, war schon vor Stunden der Strom ausgegangen. Nun rollte er durch eine ihm unbekannte düstere Waldlandschaft. Wenn sich hier nicht Fuchs und Hase gute Nacht sagten, dann wusste er nicht, wo …

Martin hätte laut vor sich hin geflucht, wenn er nicht selbst dafür viel zu erschöpft gewesen wäre. Er merkte, wie ihm hinter dem Steuer langsam die Augen zuzufallen begannen. Die ungewohnte und kurvenreiche Gegend hielt seine Nerven momentan noch auf Trab und zwang ihn, sich zu konzentrieren. Aber wenn das so weiterging, würde er wohl eine Parkbucht im Wald ansteuern müssen, um sich dort ein paar Stunden aufs Ohr zu hauen.

Doch nach der nächsten Kurve tauchte am Horizont ein großes Haus auf, das in rotem und weißem Licht regelrecht gebadet wurde. Eine ausgeleuchtete Einfahrt führte direkt bis zur großen Eingangstür. Mit einer Übernachtungsmöglichkeit rechnete Martin zwar nicht, nichtsdestotrotz bremste er ab und bog in die Einfahrt. Jetzt sah er auch einen Wegweiser. Yollas Haus der Tiere stand darauf.

Nun gut, das klang definitiv eher nach einem Zirkus als nach einer Herberge. Aber vielleicht kannte dieser Yolla ja ein Hotel in der Gegend. Und bevor Martin noch länger umherirrte …

Mit diesen Gedanken stieg Martin aus seinem Wagen und ging zu dem Gebäude. Eine Klingel konnte er nirgends entdecken. Oder war er bloß zu müde? Egal, an der halb offenen Tür hing ohnehin ein Schild mit der Aufschrift „Hereinspaziert“ und aus dem Gebäudeinneren fiel ein heller Lichtschein. Also waren Besucher wohl trotz der späten Stunde willkommen. Erleichtert betrat Martin eine Welt der Tiere. Aber nicht irgendwelcher Tiere.

Gleich am Eingang befand sich eine riesige Voliere. Ein großer Vogel, der aussah wie eine Mischung aus Strauß und Kakadu, drehte den Kopf mit dem dreieckigen Schnabel in Martins Richtung und begann sich krächzend aufzuplustern. Dann flogen seine Federn wie ein explodierender Ball in alle Richtungen davon und wurden nur vom engmaschigen Gitter der Voliere aufgehalten. Eine kurze Zeit stand der Vogel nackt und ohne Federkleid da, bevor die eben noch von sich geworfenen Federn in einem wilden Tanz zurück an den Körper des Vogels strebten und sich wieder anlegten, als wäre nichts gewesen. Erneut begann das krächzende Aufplustern …

In einem großen Terrarium daneben befanden sich vier stromlinienförmige, unterarmlange Echsen in einem neonfarbenen Blauton mit einem orangefarbenen Strich in der Mitte. Offenbar machten sie Jagd auf die Riesenheuschrecken, mit denen sie ihre Behausung teilten. Dazu nutzten sie allerdings nicht ihre Zungen, stattdessen spie der orangefarbene Strich auf ihren Rücken in hohem Bogen einen gleichfarbigen Klumpen aus, der auf die Heuschrecken zuschoss und sie schmelzen ließ. Danach ging ein Ruck durch die Echsen, sie verschwanden vom jeweiligen Standort, tauchten direkt neben der getöteten Heuschrecke auf und schlürften deren Überreste in sich hinein.

Verwirrt rieb Martin sich die Augen. Halluzinierte er bereits vor Müdigkeit? Oder handelte es sich um irgendeinen Trick? Vielleicht waren diese merkwürdigen Kreaturen ja gar keine lebendigen Tiere, sondern täuschend echte Apparaturen? Er trat näher an das Terrarium, um die Echsen genauer zu inspizieren.

„Faszinierend, nicht wahr?”, ertönte genau in diesem Moment eine angenehm tiefe Stimme neben ihm. „Mangolesische Spuckechsen. Nur für Asbest oder ähnlich feuerfeste Terrarien geeignet. Und das nebendran ist ein Plustervogel. Sie können sich ja denken, wie er zu dem Namen kam. Er kann seine Federn bis zu zwei Meter weit schleudern. Diese sind übrigens hochgiftig für die meisten Tiere und auch für die meisten Terra-, äh, Menschen.”

Martin wandte sich um. Dort stand ein Mann, der Martin gerade mal bis zum Bauchnabel reichte. Er konnte kaum anderthalb Meter groß sein. Seine Kleidung – ein grüner Gehrock, eine lilafarbene Fliege, Lederflicken an der altmodischen Kniebundhose – schien aus einem anderen Jahrhundert zu stammen.

„Ich kann Euch beruhigen. Wir haben weitaus freundlichere Tiere in unserer Behausung als diese“, redete der Mann weiter. „Als Teil einer interdimensional agierenden Kette von Zoohandlungen mit zahlreichen Filialen innerhalb und außerhalb des Universums führen wir Wesen aus allen Welten. Auch Kreaturen, die gerade nicht vorrätig sind, können wir problemlos für Euch bestellen. Womit kann ich dienlich sein? Ein kuscheliges Nerztier für die Gemahlin? Ein Spielgefährte für die Kinder? Oder ein treuer Freund für Euch? Darf es ein kleiner Rundgang sein? Wenn Ihr mir folgen würdet …”

„Stopp!”

Wie ein Sturzregen war der Redeschwall auf Martin niedergeprasselt. Von all dem Gequassel über andere Welten, Dimensionen und Universen schwirrte ihm der Kopf. Zumindest stand jetzt fest, dass er nicht halluzinierte. Solche Absurditäten konnte er gar nicht herbeiphantasieren. Wahrscheinlich handelte es sich bei Yollas Haus der Tiere wirklich um ein Automatenkabinett mit ausgefeilten Special Effects. Für Familien, die in dieser Gegend Urlaub machten, mochten die phantastischen Haustiere eine tolle Attraktion sein. Aber er, Martin, war nicht in der Stimmung, sich jetzt eine lang andauernde Show anzusehen.

Der Ladenbesitzer blieb stehen, drehte sich um und musterte Martin indigniert. Klar, üblicherweise reagierten seine Besucher sicherlich mit deutlich mehr Enthusiasmus auf seine Darbietung.

Martins Gesicht rötete sich etwas. „Entschuldigung, aber ich bin nur auf der Durchreise und suche eine Unterkunft. Ich fahre schon seit einer gefühlten Ewigkeit durch die Gegend und hätte einfach nur gerne ein Bett zum Schlafen. Kennen Sie zufällig ein Hotel in der Gegend?”

Der beleidigte Gesichtsausdruck wich einem Stirnrunzeln, das wiederum einem breiten Lächeln Platz machte. „Eine Herberge? Oh, da hatte ich Euer Anliegen total missverstanden. Und Ihr seid auf der Durchreise?” Interessiert kam das Männchen ein paar Schritte näher. “Entschuldigt meine Neugier, aber ist Euer Ziel noch weit entfernt von diesem Ort, an dem Ihr Euch jetzt befindet?”

„Na ja”, grübelte Martin laut, während er die seltsame Wortwahl des Ladenbesitzers in eine einfache Sprache umzusetzen versuchte. „Ich schätze, irgendwas zwischen zweihundert und dreihundert Kilometer habe ich schon noch vor mir.”

Unvermittelt machte der fein Gekleidete einen Sprung in die Höhe und rief: “Potzblitz!” Als er den überraschten Gesichtsausdruck seines Gegenübers bemerkte, strich er seinen Gehrock glatt und sagte wieder mit der wohlklingenden Butlerstimme: „Dann solltet Ihr unbedingt Eurem inneren Begehren nachgehen und vorher eine Rast einlegen. Ich habe da genau das richtige Etablissement für Euch. Ich suche Euch die Informationen schnell heraus.”

Damit eilte das kleine Männchen einen langen Gang entlang, verschwand hinter einer Tür und werkelte an etwas herum, das Martin nicht sehen konnte. Es klang groß und wuchtig und nach Metall. Kurz darauf tauchte der Ladenbesitzer wieder auf, in der linken Hand ein zusammengerolltes Stück Pergament, in der rechten ein in edles Leder gebundenes Buch. Die Linke zuckte zuerst nach vorne.

„Ich habe Euch die Informationen schnell aufgeschrieben. Ihr könnt den Weg gar nicht verfehlen.”

Danach die andere Hand. „Und als Erinnerung an Euren Besuch in meinem bescheidenen Etablissement habe ich hier einen Band mit ein paar wunderlichen, aber wahren Tiergeschichten für Euch. Es sind Anekdoten, die meine Kollegen aus den anderen Filialen zusammengetragen haben.“

Verblüfft über so viel Freundlichkeit nahm Martin den Band entgegen. „Wundersame Haustiere und wie man sie überlebt” lautete der Titel. Soso, wahre Tiergeschichten … Der Kleinwüchsige spielte seine Rolle wirklich perfekt. Und das war wahrscheinlich das edelste Werbegeschenk, das Martin jemals erhalten würde. Es passte zu dem ganzen Aufzug des Ladenbesitzers. Eigentlich eine nette Idee und mal was anderes als all der billige und meist unnütze Schnickschnack. Also bedankte er sich höflich und ging wieder hinaus zu seinem Wagen. Sollte er unter stressfreieren Umständen mal wieder zufällig in diese Gegend kommen, würde er sich Yollas Haus der Tiere gerne anschauen.

Martin grinste, während er das Stück Pergament entrollte und die großen, geschwungenen Buchstaben las. Diese gesamte Inszenierung ließ nichts zu wünschen übrig. Zudem war die Beschreibung wirklich gut und nach weiteren fünf Minuten hatte Martin das kleine Bed & Breakfast gefunden, in dem er die Nacht verbringen konnte.

Allerdings hatte Martin ein Problem: Er war nicht mehr müde. Stattdessen kam er sich vor, als hätte er sich mehrere Tassen mit starkem Kaffee hintereinander gegönnt. Er spürte förmlich, wie sein Herz mit voller Kraft schlug und damit jeden Versuch, zu schlafen, zunichtemachte. Und auch das Fernsehprogramm sowie die damit verbundene Dauerwerbung nervten ihn zu sehr und machten ihn eher wütend als schläfrig.

Also griff er nach dem Buch, das er erhalten hatte. Das könnte eine geeignete Einschlafhilfe sein. Er strich kurz über den Einband, lächelte erneut über den seltsamen Titel der ach so wahren Tiergeschichten, schlug es auf und begann dann zu lesen:

Gerd Scherm

1950 in Fürth geboren, Schriftsteller und bildender Künstler. Er lebt seit 1996 in einem alten Fachwerkgehöft in Binzwangen auf der Frankenhöhe. Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen in mehr als 30 Ländern. Sein literarisches Schaffen umfasst Gedichte, Erzählungen, experimentelle Texte, Satiren, Essays, Romane, Dramen und Texte für Musik.

Scherm wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit zwei Stipendien des Auswärtigen Amtes, dem Wolfram-von-Eschenbach-Förderpreis, dem Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, dem Deutschen Phantastik Preis und zuletzt 2020 mit dem internationalen Gregor Calendar Award of Excellence.

Der Traumbeutler

Von Gerd Scherm

Sundance, der natürlich nicht so heißt, Manolito, der wirklich so heißt, und ich, der sich Cassidy nennt, hatten einen Job für den Sommer gefunden: Die Betreuung eines Bungalows am Strand von Santa Barbara in Kalifornien. Sollten wir das zur Zufriedenheit des Besitzers machen, so versprach er, gäbe er uns die Chance, in der nächsten Saison alle seine 20 Bungalows zu managen. Doch er erwartete von uns nicht nur einen Rund-um-die-Uhr-Service für seine Gäste, sondern auch ausgefallene Ideen, den Aufenthalt besonders angenehm und einzigartig zu gestalten. Denn sein Publikum sei anspruchsvoll und exzentrisch, Vorschläge wie Grillpartys oder freizügiger Eskortservice würden zu unserem sofortigen Rausschmiss führen.

So kam Sundance auf die Idee mit den Haustieren. Leute, die hier Urlaub machen, leisten sich als einziges „Bio-Spielzeug“ höchstens einen Chihuahua, der nur zum Fotoshooting und zum Pinkeln seine Taschenbehausung von Louis Vuitton verlässt. Zu allem anderen fehlen den Urlaubern die Zeit, die Lust und das Interesse. Es musste also schon etwas ganz Besonderes, etwas extrem Besonderes sein, um den Urlaub hier unauslöschlich ins Gedächtnis der Gäste zu brennen. Etwas, dass sie quasi süchtig macht, immer wieder hierher zurückzukommen und in einem der Bungalows unseres Auftraggebers zu wohnen.

Bei uns dreien gilt, wer einen Vorschlag macht, der muss ihn auch umsetzen. Also zog Sundance los, um in einer Zoohandlung geeignetes Material zu finden.

Viele unterschätzen unseren Freund Sundance, denken er sei einfältig und nicht besonders clever. Dabei folgt er nur seiner inneren, sehr geradlinigen Logik, die den meisten Menschen fremd ist. Seine Art zu denken ist, wenn wir besondere Haustiere suchen, dann müssen wir dahin, wo solche am wahrscheinlichsten angeboten werden. Deshalb ging er schnurstracks in den Laden ZOOSP – Zoo Sensational Pets nördlich des Golfclubs nahe der Küste.

Sundance war überrascht, denn von außen hatte der Laden gar nicht so groß ausgesehen. Er hatte Regale mit Futter, Pflegemitteln und Käfigen und Aquarien erwartet, doch vor ihm erstreckte sich ein riesiges Areal. Das war viel mehr als ein Shop, das war wirklich ein Zoo! Gehege reihte sich an Gehege, manche mit Absperrbändern, manche mit Gitterstäben, manche mit Sicherheitsglas. Das war kein Geschäft für niedliche Haustiere, das war ein Panoptikum mit allem, was kreucht und fleucht und läuft und schwimmt.

„Wonach steht dir der Sinn?“, riss ihn eine Stimme aus seinen Betrachtungen. Neben ihm stand ein freundlich lächelnder junger Mann, der laut Namensschild ZOOSP-Berater war und Mike hieß. Ohne eine Antwort abzuwarten, machte er eine überschwängliche Geste mit beiden Armen und forderte Sundance auf, ihm zu folgen. Was der sah, ließ ihn staunen. Als eifriger Fantasy-Leser kannte er von Illustrationen und Geschichten das Aussehen und die Namen einer Menge mythischer Tiere – Greif, Einhorn, Drache, Basilisk, Chimäre, Zentaur, selbst Zerberus und Hydra waren ihm vertraut. All das war hier und noch vieles mehr. Das sprengte alles, was ihm bisher an fantastischen, magischen, mythischen Wesen in Literatur, Comics und Film je begegnet war.

Er wandte sich an den Verkäufer und sagte leise, als hätte er Angst, die Monster könnten beleidigt sein: „Sehr beeindruckend. Doch ich suche etwas Kleines, Kuscheliges. Das Tier sollte familientauglich sein, anschmiegsam, vor allem auch für Kinder geeignet.“

„Ich verstehe“, erwiderte Mike. „Da haben wir doch gerade etwas ganz Bezauberndes hereinbekommen. Du wirst es mögen.“ Der Verkäufer deutete auf ein kleines Gehege hinter Sundance, der sich sicher war, dass es vor einigen Sekunden noch nicht dort war. Den Bereich trennte nur ein niedriger Holzzaun vom Rest des Ladens, es war also ungefährlich, beruhigte sich Sundance. Darin lag ein Tier, flach, platt wie eine Flunder oder ein Rochen und von der Größe eines zu klein geratenen Gästehandtuchs.

„Was soll das sein? Ist das überhaupt etwas Lebendiges?“

„Durchaus, du wirst überrascht sein. Es ist das anschmiegsamste Wesen, das ich je gesehen habe. Und ich habe wirklich viele gesehen“, fügte er hinzu und machte eine vielsagende Geste, die den ganzen Raum hinter ihm mit all seinen Monstern umfasste. Er hob das Tier hoch und zeigte die Unterseite. Sundance war überrascht. Er sah ein süßes Babygesicht, das ihn an einen Delphin erinnerte. Darunter zeichnete sich schwach ein kleiner Körper ab, nicht größer als der Kopf. Außerdem hatte das Tier zwei dicke Beinchen. Es entsprach absolut dem Kindchen-Schema.

„Ich habe keine Ahnung, wo das Tier herkommt“, sagte der Verkäufer. „Die einen sagen aus der Nähe von Ayers Rock, die anderen aus irgendeinem Chemielabor in China.“

„Das heißt Uluru“, verbesserte Sundance.

„Du weißt, wie das Chemielabor heißt?“

„Nein, ich habe keine Ahnung von dem Labor. Aber der heilige Berg in Australien wird jetzt in der Sprache der Aborigines Uluru genannt. Aus Respekt vor den Ureinwohnern.“

„Ach so. Aber ist eh egal. Wichtig sind die Tiere. Fass den Kleinen mal an, streichle ihn!“

Sundance tat es und spürte sofort eine beruhigende Wirkung. Je länger er das kleine Etwas streichelte, desto wohler fühlte er sich. Es tat ihm gut, so gut. Am liebsten hätte er nie mehr mit dem Streicheln aufgehört.

„Willst du es kaufen?“, riss ihn die Stimme des Verkäufers aus seinem Tagtraum.

Der Rücksturz in die Realität war ein kurzer Schock, doch dann war Sundance wieder völlig klar.

„Was soll das Schätzchen kosten?“

„Wie wäre es mit hundert Bucks?“

„Nein. Das ist viel zu viel für so wenig Tier.“

„Okay, gib mir achtzig und es gehört dir.“

„Das kann ich mir nicht leisten. Da kann ich meiner Kleinen leider nur ein Plüschtier kaufen.“

„Es ist für dein Kind?“

„Ja, sie hat morgen ihren zweiten Geburtstag und ich wollte ihr etwas ganz Besonderes schenken. Dieses süße Tierlein wäre optimal.“

„Hm. Wie viel kannst du ausgeben?“

„Zwanzig.“

„Mein Chef tritt mich in den Hintern. Aber du scheinst ein netter Kerl zu sein. Gib mir dreißig und du kannst es mitnehmen.“

„Okay. Abgemacht. Wie nennt man diese Tiere eigentlich?“

„In den Papieren steht ‚Papatahi‘, aber frag mich nicht, was das bedeutet.“

Sundance grinste. „Da ich der Papa bin, nenne ich das kleine Wesen Tahi.“

Als er beim Bungalow ankam, grinste er immer noch. Der Vatertrick hatte ihm eine Menge Geld gespart.


„Dieses Tier ist besser als jeder Happymaker! Wahnsinn!“, rief Manolito begeistert.

„Genau, es ist wirklich verrückt. Man sagt ja, dass Hunde und Katzen streicheln beruhigt, aber hier läuft viel mehr“, pflichtete ich ihm bei. „Mann, fühle ich mich gut, ach was, sauwohl. Alles ist so easy.“

„Wir könnten das Tier doch stundenweise gegen Geld vermieten“, schlug Sundance vor.

„Nein, nein! Dieses Tierlein ist unsere Eintrittskarte für den Superjob. Wir werden nächstes Jahr 20 Bungalows managen und unheimlich viel Kohle abräumen. Zu all unserem Gehalt kommt bestimmt eine Menge Trinkgeld von den Besuchern. Wenn die das erleben, gehen ihnen die Herzen und Geldbeutel auf“, prophezeite ich.

„Lasst uns den Boss anrufen und ihm die frohe Botschaft verkünden.“

Während des Telefonats ruhte meine rechte Hand ständig auf dem Tier und das gab mir das Gefühl, dass nichts schiefgehen konnte. Ich erzählte dem Boss, dass wir etwas ganz Tolles für die Gäste gefunden haben, ein absolutes Wohlfühl-Tier. Er war neugierig, aber wie immer misstrauisch. „Klingt gut. Ich schicke morgen meine Assistentin Jane vorbei, die soll sich das mal ansehen.“ Und schon war das Gespräch beendet. Verheiratete Firmeninhaber haben wohl immer eine Assistentin, zu der sie sehr viel Vertrauen haben, sogar in geschäftlichen Dingen.


Am nächsten Tag, so gegen Mittag, ertönte ein lautes Hupen vor dem Bungalow.

Sundance, Manolito und ich stürmten aus dem Haus. Bisher kannten wir Jane nur vom Hörensagen und wir waren gespannt, wie sie aussieht. Und was soll ich sagen? Vor uns sahen wir eine Inszenierung, ein Arrangement aus den Glanzzeiten Hollywoods: Eine blonde, fantastisch gutaussehende junge Frau in Weiß, umrahmt von einem roten Austin Healey Cabrio Oldtimer aus den frühen 1960ern – ein filmreifer Auftritt, Marilyn Monroe ließ grüßen.

Nachdem sie uns einige Sekunden schweigend gemustert hatte, sagte sie: „Hi Boys! Ich bin Jane.“

Wir rannten alle drei gleichzeitig los. Es war sicher der kürzeste Wettlauf aller Zeiten und dennoch gewann Manolito mit merklichem Vorsprung. Er errang unangefochten den Siegespreis und durfte die ausgestreckte Hand freudig ganz sanft drücken. Nach einer gefühlten Ewigkeit durften auch wir Jane begrüßen und ich bat sie ins Haus. Dadurch lag der Vorteil nun bei mir. Aber nur kurz, denn nun übernahm Sundance, der das Tier ja besorgt hatte. Zähneknirschend überließen wir ihm den Vortritt.

„Das ist das Kuscheltier des Jahres!“, begann er euphorisch. „So etwas hat die Welt noch nicht gesehen, nicht einmal im Fernsehen.“

Jane betrachtete das leicht pelzige, flache Etwas skeptisch, räusperte sich und meinte schließlich: „Besonders attraktiv wirkt es aber nicht. Zumindest nicht auf den ersten Blick.“

Ich bewunderte sie für ihre Zurückhaltung. Im Prinzip hatte sie ja recht. Unser Tier sah auf den ersten Blick aus wie ein liegengebliebenes Gästehandtuch. Doch Sundance ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. „Setz dich in den Sessel, Jane“, forderte er sie auf. Dann legte er ihr das Papatahi auf den Schoss. „Leg deine Hände auf das Tier und schließ die Augen. Entspann dich!“

Ich konnte ahnen, was nun mit Jane geschah. Und ich sah in ihrem Gesicht, dass es gut war.

„Wir sollten sie in Ruhe lassen und nicht stören“, sagte Manolito und wir verließen den Raum.


Jane war irritiert. So putzig, wie sie erwartet hatte, sah das Tier nicht aus. Eher nichtssagend, unauffällig, unscheinbar. Doch die Berührung mit dem zarten Fell empfand sie als überaus angenehm. Fast automatisch begann sie das kleine Wesen zu streicheln. Wohlbefinden durchströmte ihren Körper und ihr Geist entspannte sich. Ihre Gedanken entfernten sich aus ihrer eigenen Welt, jener Welt, die am Jetset und an der High Society schnupperte. Immer knapp davor und doch stets Lichtjahre davon entfernt. Im Gegensatz zu ihrem Sugar Daddy Billy the Boss war jene Welt nicht ihr Ziel.

Billys Gesicht in ihrem Geist wurde mehr und mehr von Ornamenten in allen Regenbogenfarben überlagert. Sterne streuten sich darüber, ab und zu flitzte ein Komet vorbei, Jane fühlte sich gut. Sie bemerkte nicht, dass das Tier durch ihre Zuwendung immer größer wurde, zu einer Art Decke wuchs, die sich um sie schmiegte. Alles, was sie bemerkte, war, dass es ihr so gut ging wie noch nie zuvor in ihrem Leben.


Sundance kehrte als Erster in das Zimmer zurück, um ihre Einschätzung zu hören. Immerhin war sie es, die der Boss zur Besichtigung geschickt hatte. Von ihrem Urteil hing die Zukunft der drei Freunde ab.

Zu seiner Verblüffung war Jane nicht mehr da. Das konnte nicht sein. Das Zimmer lag direkt hinter dem großen Aufenthaltsraum, hatte nur diese eine Tür, durch die er es gerade betreten hatte. Jane konnte den Raum nicht unbemerkt verlassen haben. Angst stieg in Sundance auf und er rief die anderen.

Ich checkte das Fenster zum Garten, es war geschlossen und fest verriegelt. So konnte sie den Raum also nicht verlassen haben. Wir gingen nach draußen. Der rote Austin Healey Cabrio strahlte mit der Sonne um die Wette, Jane war also auf keinen Fall heimlich abgehauen.

Wir gingen in das Zimmer zurück, in dem sie sich zuletzt aufgehalten hatte. Plötzlich sagte Manolito: „Hey! Sagt mal, habt ihr nicht auch den Eindruck, dass das Tier ziemlich gewachsen ist?“

„Ja, genau“, sagte Sundance, „Das Tier ist größer geworden! Es ist schon fast so groß wie ein Bettlaken. Stellt euch vor, es vermehrt sich und die netten Kuscheldecken fressen dann alle Menschen.“

Das fand ich nun doch zu drastisch. „Wie kommst du darauf, dass das Tier sie gefressen hat? Das ist doch Unsinn!“

Was mich viel mehr umtrieb, war die Angst vor unserem Boss. Wie sollten wir ihm erklären, dass seine Freundin nur ein paar Meter von uns entfernt aus einem geschlossenen Zimmer verschwinden konnte? Wir wussten es ja selbst nicht. Ich musste herausfinden, was geschehen war.

Vorsichtig näherte ich mich dem Sessel, in dem Jane zuletzt gesessen war. Das Tier bedeckte inzwischen wie eine Tagesdecke das gesamte Möbel. Als ich es mit einer Hand berührte, stellten sich sofort wieder die angenehmen Gefühle ein, die ich bei der kleinen Version gespürt hatte. Vielleicht ernährte sich das Wesen von Zuneigung? Immerhin gibt es Pflanzen, die besser wachsen, wenn man freundlich mit ihnen spricht. Und dass sich Tiere wohler fühlen, wenn man sie gut behandelt, das weiß man seit Menschengedenken. Ich konnte nichts Negatives spüren, nur Wohlbefinden. War das eine Falle? So wie Insekten vom betörenden Duft fleischfressender Pflanzen angelockt werden? Ich beschloss, einen Selbstversuch zu machen. Langsam hob ich das Tier an einer Seite hoch und schlüpfte wie bei einer Decke teilweise darunter.


„Also entweder die beiden verarschen uns und sind gemeinsam abgehauen oder …“

„Oder was?“, fragte Manolito.

„Oder das Vieh hat die beiden gefressen.“

„Wie gefressen?“, argwöhnte Sundance. „Du meinst, einfach so, mit Haut und Haar und allen Knochen?“

„Was bleibt denn für eine andere Möglichkeit?“

„Das ist krass!“, rief Sundance. „Und mir hat er das Monster als Kuscheltier für meine kleine Tochter verkauft.“

„Du hast eine Tochter?“, fragte Manolito erstaunt. „Das wusste ich noch gar nicht.“

„Nein, ich hab keine Tochter. Das war nur mein Trick, um das Vieh billiger zu bekommen. Verdammt noch mal, ich will meine dreißig Dollar zurück!“

„Ich denke, wir haben ein größeres Problem als deine dreißig Bucks. Stell dir vor, das Vieh ist irgend so ein Alien! Ich bin mir zu Hundert Pro sicher, dass es nicht von dieser Welt stammt. Vielleicht ist es ein einzelner Forscher, der die Erde erkundet und die anderen kommen noch. Oder …“ Manolito brach seinen Satz ab.

„Was oder?“

„Oder die anderen müssen gar nicht kommen. Ein Monster reicht für die Invasion. Es hat Nahrung gefunden, die ihm schmeckt, es ist größer geworden und jetzt kann es sich vermehren. So könnte es doch sein, oder meinst du nicht?“

Sundance schüttelte den Kopf. „Wie soll sich das Ding denn vermehren, es hat doch niemanden zum Vö…?“

„Ich sage nur: Sex-Kannibalismus! Ich habe darüber eine Doku im TV gesehen. Das Vieh hier ist doch erst gewachsen, als es in Kontakt mit einer Frau kam. Vielleicht ist das seine Art von Schwangerschaft“, erwiderte Manolito.

„Du meinst, das Ding vermehrt sich durch den sexuellen Kontakt mit Menschen und dann frisst es sie auf?“

„Genau! So denke ich mir das.“

„Weißt Du, wovor ich mich im Moment am meisten fürchte, Manolito?“

„Dass dem Biest lange Beine wachsen, es uns jagt und frisst?“

„Nein. Am meisten habe ich Angst davor, dass der Boss hier auftaucht. Er wird denken, Cassidy sei mit Jane abgehauen und dann wird er sich an uns rächen.“

Beim letzten Wort fuhr er mit dem Daumen über seine Kehle.

„Wir sind geliefert“, jammerte Sundance. „Was auch immer passiert ist, wir sind im Arsch, wenn wir nicht schleunigst die Fliege machen! Und zwar subito, bevor uns das Monster oder der Boss erwischt.“

Manolito nickte nur und die beiden begannen, alles an Lebensmitteln und Brauchbarem aus dem Bungalow zusammenzuraffen. Dann warfen sie alles samt ihrer Habseligkeiten in das Cabrio und flohen mit Janes Wagen.

„Du weißt schon, dass wir gerade einen Oldtimer geklaut haben?“, fragte Manolito.

„Klar weiß ich das! Na und? Das sind doch Peanuts. Wenn Du die Wahl hast, von einem Alien gefressen oder von einem amoklaufenden Boss erschossen zu werden, ist die Entscheidung einfach: Nimm das Auto und hau ab!“, antwortete Sundance und drückte das Gaspedal durch.


Ich erwachte. Mit geschlossenen Augen überprüfte ich meinen Körper, checkte die Beweglichkeit aller Gelenke vom Kiefer bis zu den Zehen. Alles schien in Ordnung zu sein. Mehr als in Ordnung, ich fühlte mich gut. Es war, als erwachte ich aus einem erholsamen Schlaf. Ich setzte mich auf, dann erst öffnete ich die Augen, – um sie gleich wieder zu schließen. Nach einigen tiefen Atemzügen wagte ich einen zweiten Blick und betrachtete die Landschaft. Ich war auf keinen Fall in Santa Barbara. Und auch nicht irgendwo anders in Kalifornien. Eigentlich durfte es solch eine Gegend gar nicht geben. Ich sah Bäume mit blauen Strahlen, ich sah in allen Farben schillernde Pfade, die kreuz und quer durch die Landschaft führten und ich sah in der Ferne einen Berg mit einer roten Aura.

„Auch schon aufgewacht?“, ertönte eine Stimme hinter mir.

Ich erschrak. Erst nach einigem Zögern drehte ich mich vorsichtig um – hinter mir stand Jane.

„Schön, dass ich nicht mehr alleine hier bin. Du hast sicher auch keine Ahnung, wo wir sind?“

„Nein, definitiv nicht.“

„Woher kommt eigentlich dieses Wohlfühl-Kuscheltier?“, wollte Jane wissen.

„Von ZOOSP – Zoo Sensational Pets in Santa Barbara, nicht weit von der Küste“, antwortete ich wahrheitsgemäß.

„Ja, und die Milch kommt aus dem Tetra Pak und das Steak vom Metzger! Ich will wissen aus welcher Gegend, welchem Land, welchem was-auch-immer dieses Tier kommt!“

Ich weiß nicht, ob ich rot geworden bin, aber meine unüberlegte Antwort war mir im Nachhinein ziemlich peinlich. Laut sagte ich: „Sorry, das hatte ich vergessen. Sundance erzählte, dass es entweder aus einem Labor in China oder vom Uluru in Australien stammt. In den Einfuhrpapieren stand die Bezeichnung ‚Papatahi‘.“

„Na geht doch! Man muss Dich nur nerven.“ Jane lachte.

Ich mochte dieses Lachen.

„Für ein verunglücktes Gen-Experiment halte ich das Tier nicht. Dazu ist seine Ausstrahlung viel zu positiv“, sagte sie. „Und nachdem ich beim exzessiven Streicheln und Kraulen eine Bauchtasche gespürt habe, bin ich mir absolut sicher, dass es aus Australien stammt.“

„Okay, klingt logisch und überzeugend. Aber wo sind wir? Nach Australien sieht die Gegend hier nicht aus.“

Ich deutete mit einer ausladenden Geste auf die bizarre Landschaft, die uns umgab.

„Real ist anders“, stimmte Jane mir zu. „Das ist wie auf einem LSD-Trip. Oder als ob man einen halluzinogenen Pilz gegessen hat.“

Ich wagte nicht zu fragen, woher sie wusste, wie LSD- oder Pilzvisionen aussahen.

Als langjähriger Phantastik- und Science-Fiction-Leser schlug ich eine drogenunabhängige Version vor: „Entweder sind wir auf einem anderen Planeten oder in einer Parallelwelt.“

Jane nickte. „Du hast doch mehr Grips, als ich von einem Bungalow-Aufpasser erwartet habe“, sagte sie anerkennend.

„Aber …“, setzte ich an, aber sie unterbrach mich sofort.

„Das war nicht böse gemeint. Ein Scherz. Sicher hast Du mehr in der Birne und jeder hat mal eine schlechte Phase im Leben und muss miese Jobs bei miesen Typen wie Billy machen. Für mich ist meine Anwesenheit bei ihm auch nur temporär.“

„Jetzt bist du ihm ja quasi durch einen Notausgang entkommen.“ Wir lachten beide. Dann schlug ich vor, einem der bunten Pfade zu folgen.

Nach einer Weile sahen wir in einiger Entfernung eine aufrechte Gestalt. Mutig gingen wir weiter auf sie zu. Sie hob den Kopf in unsere Richtung, blieb aber ansonsten unbeweglich stehen. Als wir nahe genug waren, um Details zu erkennen, rief Jane: „Das ist ein Känguru!“

Bald erreichten wir das Tier.

„Ihr seht mich also als Känguru? Interessant!“

Ich sah Jane fragend an, sie schüttelte den Kopf, ich zuckte mit den Achseln und wir wandten uns wieder dem sprechenden Tier zu.

„Es ist so“, erklärte es, „Die meisten sehen mich als Regenbogenschlange. Andere als Waran und wieder andere, so wie ihr, als Känguru. Das liegt aber nicht an mir, sondern an euch. Hat irgendetwas mit dem archaischen Gehirn zu tun, sind wohl frühe Prägungen durch eure Ahnen.“

Bei Regenbogenschlange regte sich etwas in meinen Erinnerungen und ich fragte mutig das Tier: „Du meinst, wir sind in der Traumzeit der Aborigines?“

„Mit Meinung hat das nichts zu tun. Das ist Realität, aber nicht in dem Sinn, wie ihr Realität definiert. Und Traumzeit ist auch nicht das, was sich die Weißen darunter vorstellen. Mit dem Träumen hat das nichts zu tun, sondern mit allem, was existiert hat, existiert und existieren wird. Hier ist die Quelle für alles, was entsteht und das Archiv für alles, was vergeht.“

Das Känguru schien eingeschnappt zu sein. Aber das war wohl zu menschlich von mir interpretiert. Das Wesen fuhr fort: „Ihr seid auf einer Songline, auf einem Traumpfad zu mir gelangt. Allein die Tatsache, dass ihr hier seid, beweist, dass es wichtig ist. Für das Gefüge, für die Ahnenwesen, für die Künftigen. Und natürlich für euch.“

„Das klingt aber sehr groß für zwei kleine Menschlein wie uns beide“, wandte Jane leise ein.

„Keiner ist klein und keiner ist groß! Jede und jeder ist wichtig. Die Traumzeit ist der Entstehungsort von allem und alles kehrt hierher zurück, um die Energie für Neues zu werden. Jeder eurer Atemzüge ist hier aufgezeichnet. Und alles, was noch kommen wird, hat hier seinen Ursprung. Seht diese Landschaft! Sie träumt. Sie ist die Verkörperung der mystischen Wirklichkeit“, erwiderte das Känguru, das die meisten als Regenbogenschlange sehen.

„Aber wir entstammen einer ganz anderen Kultur. Das ist alles so fremd“, versuchte ich mich zu rechtfertigen.

„Die Traumzeit ist mit allem und jedem verbunden. Es gibt in ihr kein fremd. Was sich auf der Erde bewegt, was kreucht und fleucht, alles hat eine Verbindung hierher. Auch ihr beide. Ihr habt zwei Möglichkeiten: Die eine, ihr bleibt hier und findet heraus, warum ihr hier seid. Ihr hättet die Chance, das Prinzip zu erkennen und zu verstehen. Oder ihr geht zurück in das, was ihr Realität nennt. Ich habe die Macht, euch das Tor zu öffnen. Die Entscheidung liegt bei euch!“

Das Wesen schaute Jane und mir lange in die Augen.

Jane ergriff meine Hand. „Lass uns bleiben“, flüsterte sie.

Und ich sagte: „Ja, wir bleiben.“

Damaris McColgan

Damaris ist in einem kleinen Dorf nicht weit von den Alpen aufgewachsen, wo sich Zwerg und Heinzelmann gute Nacht sagen. Sie hat Psychologie und Germanistik studiert und für eine Studierendenzeitschrift geschrieben. Gegen Ende des Studiums hat sie einen Welshman geheiratet. Mit diesem ist sie nach England gezogen, wo sie später in einer Bibliothek gearbeitet hat. Sie schreibt auf Deutsch und Englisch und träumt davon, ein Kinderbuch zu veröffentlichen. Vor knapp einem Jahr hat sie eine Tochter bekommen, die gleich einem wundersamen Haustier alles fressen will und zwei magische Fähigkeiten besitzt: Teleportation und hypnotische Niedlichkeit.

Kuschel

Von Damaris McColgan

Es klingelt zweimal. Ich tippe meinen Satz kurz zu Ende, bevor ich zur Tür gehe. Merkwürdig, ich erwarte kein Paket.

„Hallo.“ Die Postbotin hält einen einzelnen Brief in der Hand. Über uns strahlt die Sonne mit dem Blau des Himmels um die Wette.

„Guten Tag.“ Ich strecke meine Hand aus, um den Brief entgegenzunehmen, aber sie macht keine Anstalten, ihn mir zu reichen. „Muss ich noch unterschreiben oder so?”

„Nein, nein, ich wollte nur mal sehen, wer hier eigentlich wohnt.“

Erstaunt blicke ich auf und sehe, wie sie mich unter getuschten Wimpern anlächelt. Was meint sie damit? Ich deute auf das Schild neben der Klingel. „Den Namen wissen Sie ja bereits.“

„Ja. Und ich bin Julia.“

„Freut mich.“

Einen kurzen Moment schweigen wir beide. Die Postbotin, Julia, schaut mich an, als wolle sie etwas von mir. Es ist absolut windstill hier draußen und der Straßenlärm erreicht uns ungebremst. Ohne viel Nachdenken verschränke ich die Arme und lehne mich gegen den Türrahmen.

„Es ist superheiß“, setzt Julia wieder an und beginnt sich mit meinem Brief Luft ins Gesicht zu fächeln. Dabei tänzeln einzelne Strähnen, die sich aus ihrem Zopf gelöst haben, um ihre geröteten Wangen. Ihre Uniformmütze sitzt etwas schräg.

„Nicht anders zu erwarten, mitten im Sommer“, sage ich, weil ich gerade nichts Besseres zu sagen weiß.

„Könnte ich vielleicht ein Glas Wasser haben? Meine Lippen sind so trocken.“

Meine Augen wandern ohne mein Zutun zu ihren Lippen und mein eigener Mund wird plötzlich so trocken, dass ich denke, ich könnte wohl auch ein Glas mit kaltem Wasser gebrauchen.

„Sicher, kein Problem.“ Ich löse mich betont lässig vom Türrahmen und gehe in die Küche. Dass mir vorher die schmale Taille der Postbotin noch nie aufgefallen ist …

Als ich mit zwei Gläsern zurück in den Flur komme, sehe ich, dass sich meine neue Bekanntschaft bereits selbst hereingelassen hat. Mit einer fließenden Bewegung streift sie ihre Tasche von der Schulter. Ihre Finger gleiten zu den Knöpfen ihrer Uniformbluse und sie beginnt langsam, beinahe genüsslich, die Knöpfe zu öffnen.

„Ich glaube, ich nehme doch lieber ein kaltes Bad.“

Die Gläser rutschen mir fast aus den Händen. Nicht schon wieder!

„Halt! Stopp! Warte!“ Hastig stelle ich das Wasser auf der nächstbesten Oberfläche ab. „Ich helfe dir gleich!“

Mit drei großen Schritten bin ich bei ihr. Ich strecke meine Arme aus, als wolle ich sie bei den Schultern fassen, bewege sie dann blitzartig nach oben und reiße ihr die Mütze vom Kopf. Da ist er ja!

„Kuschel, du elendes Biest!“, rufe ich. Das Blut rauscht in meinen Ohren. „Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du das nicht machen darfst!“

Kuschel sieht alles andere als kuschelig aus, sondern eher wie eine Qualle; wenn Quallen ein breites Maul und darüber ein einzelnes Auge hätten. Seine feinen Tentakel lösen sich vom Kopf der Postbotin und diese sackt augenblicklich zusammen. Zum Glück habe ich damit gerechnet und fange sie auf. Kuschel nutzt seine Chance und schwabbelt durch die offene Haustür hinaus. Für eine Kreatur, die aussieht, als sollte sie in den Untiefen des Meeres leben, kommt er schnell vorwärts. Ich trage die Postbotin nach draußen und setze sie an die Wand gelehnt ab, um auch ihre Tasche und die Mütze zu holen.

„Sie werden sich in wenigen Minuten wieder richtig fit fühlen“, verspreche ich ihr. „Es hat keine ernsthaften Folgen.“ Ihre Augen sind immer noch von Benommenheit überschattet.

„Dieser Mistkerl!“, schimpfe ich laut und schaue mich nach Kuschel um. Wo hat er sich nun versteckt? Ich schiele in den Briefkasten, schüttle den Busch im Vorgarten. „Wenn ich dich kriege!“ Da, ein blauer Faden hängt aus dem Abfluss der Regenrinne!

Ich stecke meine Hand das Rohr hinauf, im Versuch, ihn zu erwischen, aber komme nur bis zum Ellbogen. Mit der anderen Hand hämmere ich gegen das Blech. „Komm raus, du mieses Vieh!“

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie die Postbotin ihre Dinge zusammenklaubt und Hals über Kopf davon sprintet. Daraufhin schlage ich mit noch mehr Nachdruck gegen das Rohr. „KUSCHEL!!“ Doch er weiß, dass er in Schwierigkeiten steckt.

Ich verschnaufe einen Moment. Dann stampfe ich immer leiser werdend, drücke mich neben der Rinne an die Wand und verhalte mich so ruhig wie möglich. Es dauert nicht lange, dann lugen ein paar fädige Tentakel hervor und bald darauf Kuschels Glubschauge. Er löst sich und plumpst auf den Boden. Meine Hand packt zu, bevor er merkt, was passiert.

„Wie oft habe ich dir schon eingebläut, dass du mir keine Menschen mehr bringen sollst?“ Er windet sich und schwabbelt unter meinem Griff. „Und schon gar keine Kinder oder hübsche Frauen! Kapierst du das denn nicht? Irgendwann bekomme ich wegen dir echt Probleme. Was, wenn jemand zur Polizei geht? Was, wenn die denken, dass ich ein Kidnapper bin?“

Kuschels Auge schaut immer noch überall hin, nur nicht zu mir. Seine Fadententakel zucken und kringeln sich, aber er tut mir nichts. Manchmal frage ich mich, ob ich immun gegen seine elektrischen Impulse bin. Wahrscheinlicher ist, dass er auf seine eigene Weise loyal ist. Obwohl er keine Hemmungen hat, mit den Gehirnen anderer zu spielen, hat er mir nie auch nur den kleinsten Schock verpasst. Ich seufze. Wer weiß, ob ich je wieder Post bekomme.

„So kann das nicht weitergehen.“ Ich erhebe mich, Kuschel noch immer fest in der Hand. Im Haus suche ich meine Schlüssel, den Geldbeutel und einen Plastiksack, den ich über Kuschel in meiner Hand stülpe. Mit dem Bus kann ich in einer Viertelstunde im Stadtzentrum sein.

Ich ernte einige verstohlene Blicke mit meiner Hand im Plastiksack, aber das ist mir lieber als etwaige Schreie. In der Altstadt steige ich aus und mache mich auf die Suche nach dem Eingang. Die Erinnerung daran ist verschwommener, als sie sein sollte. Unter den Alkoven sind all die malerischen, kleinen Kellergeschäfte; es muss eins von denen gewesen sein. Ich gehe die Straße auf und ab, versuche es auch bei den Parallelstraßen und Quergässchen, aber der Laden bleibt unauffindbar. Kuschel in meiner verkrampften Hand ist inzwischen völlig schlapp und reglos. Vielleicht stellt er sich tot und hofft, dass ich ihn loslasse.

Mir graust es beim Gedanken, was er als Nächstes anstellen könnte. Letzte Woche habe ich plötzlich ein wildfremdes Kind in meiner Küche gefunden. Glücklicherweise hatte Kuschel es beim Park um die Ecke aufgelesen und als ich es zu den Eltern zurückführte, nahmen diese an, es habe versucht, Reißaus zu nehmen und allein nach Hause zu kommen. Andere Eltern hätten nicht so gelassen reagiert.

Und doch ist mir Kuschel ans Herz gewachsen. Wenn ich außer Haus gewesen bin, schlabbert er um mich herum, um mich zu begrüßen, und dabei wird sein Grinsen so breit, dass man meinen könnte, es trifft sich auf der Hinterseite wieder. Ich würde seine Neugierde vermissen und die Begeisterung, die er an kleinen Dingen findet. Eine leere Kartonkiste, ein Würstchen, ein farbiger Käfer – alles muss untersucht und mit seinen Tentakeln bespürt werden.

Da ist er plötzlich auf der anderen Straßenseite, der Eingang, nach dem ich gesucht habe: eine doppelseitige Kellertür mit schweren Goldringen. Mit meiner freien Hand hieve ich den rechten Türflügel auf. Der linke lässt sich mit allem Ziehen und Rütteln, das ich aufbringen kann, nicht öffnen. Ich muss mich also durch einen halben Eingang quetschen, als sei ich nur halb willkommen.

Die ersten Stufen sind noch im Halbfinstern, dann springt mich der Keller auf einmal mit seinem grellen Licht an. Während meine Erinnerung an den Eingang viel von ihrer Klarheit verloren hat, sind die Bilder der Tierhandlung selbst noch frisch und knackig. Dieser Keller hier hat nichts mit ihnen gemeinsam, bis auf das fantastische Assortiment an Tieren. Als ich Kuschel hier kaufte, war das Kellergemäuer mit Samtvorhängen in Bordeauxrot bekleidet. Kronleuchter mit echten Kerzen hingen von der Gewölbedecke und ein schmaler Teppich schluckte jeden Schritt wie auf dem Weg zu einer Filmpremiere. Gehege und kleinere Käfige waren auf eine Art im Raum verstreut, als seien sie bewusst zufällig platziert worden. Jetzt aber ist der Boden mit weißen Kacheln ausgelegt, die Wände sind ebenfalls weiß verputzt und das Licht kommt von nackten Neonröhren. Die Gehege sind alle auf der linken Seite, eins ans andere gereiht. Sogar die Tiere, welche in handlichen Käfigen hausten, sind in größere Gehege oder Terrarien gestellt worden. Ich kann von meinem Standpunkt aus das Ende nicht erkennen.

Ich lasse den Plastiksack beim Eingang, sodass Kuschel die anderen Tiere sehen kann. Er wirkt jetzt kein bisschen mehr müde. Wenn ich von Tieren spreche, ist das vielleicht irreführend, denn wie Kuschel sind sie nicht unbedingt das, was man üblicherweise als Haustiere bezeichnen würde. Jedes der Abteile hat eine digitale Anzeige, auf der die Temperatur sowie andere Zahlen und sonderbare Symbole angegeben sind. Manche sind mit Scheiben, andere nur durch Gitter getrennt. Der Lärm hält sich trotz der vielen Lebewesen in Grenzen, aber die Gerüche sind betäubend. Ich lasse Kuschel endlich los und schüttle meine Hand aus, während er auf meine Schulter kriecht und sich interessiert umschaut.

Als Erstes passieren wir zwei kleine Vögel, die auf einem Nadelboden beisammenstehen. Sie sehen aus wie langbeinige Truthühner, deren Farben gebleicht worden sind. Eines öffnet den Schnabel und stimmt eine Arie an. Dann sind da fliegende Fische, deren Flossen wie leichte Tücher im Wind wehen, ein Riesenfrosch mit gruselig menschlichen Gesichtszügen und ein abgedunkeltes Terrarium mit Glühwürmchen, die in allen möglichen Farben leuchten und sich immer wieder zu neuen Mustern anordnen, wie ein nie endendes Feuerwerk. Da ich bisher niemanden zu Gesicht bekommen habe, rufe ich: „Hallo? Hallo?“

Eine Stimme antwortet, erst unverständlich, dann langsam vernehmlicher. „… nicht bemerkt, dass wir geöffnet haben.“ Die Worte scheinen aus einem der Gehege zu kommen. Ich gehe mit Kuschel ein paar Meter weiter, aber finde nur raschelndes, hüfthohes Gras. Ich sage noch einmal „Hallo“ und warte geduldig, bis eine Gestalt auftaucht. Diese ist auf allen vieren, rappelt sich dann aber auf und betätigt einen versteckten Mechanismus an der Seitenwand, worauf das Gitter quietschend auf und wieder zu gleitet.

„Bitte? Was wollen Sie?“ Der Inhaber klopft sich Grashalme von den Knien. Es ist definitiv der Gleiche. Verwirrend ist nur, dass er in den wenigen Wochen seit meinem ersten Besuch jünger geworden ist: Alles Grau ist aus seinem Haar gewichen und viele Fältchen haben sich geglättet. Doch die abwesende Miene und die scharfen Gesichtszüge sind dieselben. Seinen Umhang hat er mit einem Laborkittel getauscht, seine Vorliebe für Gummistiefel behalten.

„Als Sie mir dieses Vieh hier angedreht haben, ist Ihnen bequemerweise entfallen, dass es sich nicht nur von Strom ernährt, sondern mit seinen feinen Tentakeln auch elektrische Impulse erzeugen und Gehirne so stimulieren kann, dass er Kontrolle über die betreffende Person übernimmt.“

„In einem unendlichen Universum von unendlichen Möglichkeiten ist alles möglich“, antwortet er vage und pickt einen letzten Grashalm von seinem Arm.

Der Wissenschaftler in mir widerspricht automatisch: „Das beobachtbare Universum ist endlich.“

„Das liegt daran, dass die menschliche Kapazität, zu beobachten, begrenzt ist.“

Ich schüttle den Kopf. Auf diese Tangente hätte ich mich nicht einlassen sollen. „Egal, also das Problem ist, dass er dauernd andere Menschen zu uns nach Hause bringt. Gegen ihren Willen!“

„Und das erstaunt Sie?“

„Es erstaunt mich nicht nur, es schockiert mich! Er soll damit aufhören, sonst müssen Sie ihn zurücknehmen. Diese Fähigkeit, dieses Verhalten, ist gemeingefährlich und amoralisch.“

„Schauen Sie, das ist, wie wenn Sie eine Katze haben. Die bringt Ihnen dann Mäuse nach Hause.“

„Menschen sind keine Mäuse!“

Der Inhaber zuckt mit den Schultern, als ließe sich darüber streiten. „Wenn Sie sie nicht wollen, lassen Sie sie halt wieder frei.“

„Diese Mäuse bringen mich noch in den Knast!“

„Haben Sie versucht, es ihm auszureden?“

„Tausendmal!“ Ich bin nahe daran, ihm in den gekittelten Hintern zu treten. „Sie müssen doch wissen, wie ich ihn davon abbringen kann. Das oder er bleibt hier!“

„Leben Sie allein?“

„Ja …“, beginne ich, werde aber von einem Knistern abgelenkt. Die Haare in meinem Nacken stellen sich auf, als sammle sich eine Statik in der Luft. „Was ist das?“

Der Inhaber setzt zur Antwort an, doch hinter ihm im Gehege formt sich ein Kugelblitz, der von der Größe eines Golfballs auf die eines Fußballs und schließlich eines Gymnastikballs anschwillt. Rasch ducke ich mich weg, doch die Energieexplosion wird vom Gitter aufgefangen. Zwei zuckende, gestreifte Ohren schauen aus dem Gras. Kuschel schwabbelt auf und ab; er findet das Spektakel sehr unterhaltsam.

„Ah, die Blitzzebras sind aufgewacht. Ihre Streifen lösen sich manchmal vom Fell und zucken durch die Gegend. Je nach Wetterlage bilden sie auch Knäuel. Wussten Sie, dass diese Zebras aus der gleichen Welt stammen wie Ihr Freund hier?“ Ohne meine Antwort abzuwarten, fährt er fort: „Warum sind Sie ursprünglich in meinen Laden gekommen?“

„Ich wollte ein Haustier, das mir ein treuer Freund ist.“

„Und genau das ist er. Weil er sieht, dass Sie einsam sind, bringt er Ihnen mehr Menschen. Der Kleine ist nicht nur treu, sondern auch clever.“

Ich spüre mein Gesicht wärmer werden, ebenso mein Herz.

„Wenn Sie wirklich wollen, dass er aufhört, Ihnen Menschen zu bringen, sollten Sie selbst welche suchen und in Ihr Leben einladen.“

Auf meine Schulter schielend seufze ich leise. Bist ja doch ein guter Kerl.

„Das wäre dann zwei Golddukaten.“

„Wie?“

„Meine Zeit ist Geld wert. Ich habe Ihr Problem gelöst. Sie schulden mir zwei Golddukaten.“

„Das kann doch nicht Ihr Ernst sein? Ich habe für Kuschel schon viel bezahlt.“

„Guter Rat kommt nicht gratis.“ Der Inhaber begegnet meinem entrüsteten Blick mit Gleichmut. „Und da Sie heute nichts anderes gekauft haben, schulden Sie mir zwei Golddukaten für meine Zeit.“

„Das hat Sie gerade mal fünf Minuten gekostet!“

Ich will noch etwas hinzufügen, doch Kuschel beginnt zu vibrieren. Ob der Inhaber überhaupt ein Mensch ist, kann ich nicht sagen, aber ich bin ziemlich sicher, dass auch in seinem Schädel ein organisches Gehirn steckt. Ich nicke Kuschel kaum merklich zu. Für diesen Fall kann ich eine Ausnahme machen.

Wenig später verlasse ich die Tierhandlung mit zwei schönen fliegenden Fischen in einem Käfig, einer Packung Fischfutter und einem dickeren Geldbeutel als zuvor. Die Sonne scheint munter und Kuschel wippt auf meiner Schulter triumphierend auf und ab. Vielleicht kann doch noch ein Team aus uns werden.

Kassandra Schwämmle

Kassandra Schwämmle wurde 1992 im Süden der Bundesrepublik geboren, wo sie auch heute noch lebt. Als begeisterte Leserin, vor allem von phantastischen Geschichten, entdeckte sie auch schon in ihrer Kindheit das Schreiben für sich. Während ihres Studiums wurde es zu einem wertvollen Ausgleich und festen Bestandteil ihres Lebens. Seitdem besuchte sie Schreibseminare, um ihr Handwerk zu verfeinern. Auch als Testleserin hat sie schon mehrere Projekte begleitet. Außerdem liebt sie es, zu reisen und neue Orte zu erkunden, weshalb sie immer wieder auch auf der einen oder anderen Con oder Buchmesse zu finden ist.

Das Speichermedium

von Kassandra Schwämmle und Stefan Cernohuby

Das war es also, das große Wien. Hier sollte ich meinen Auftraggeber treffen.

Ich saß in einem der zahlreichen Cafés und ließ meinen Blick über die Barockfassaden schweifen, die den kleinen Platz säumten. Ein Blick auf meine Taschenuhr verriet mir, dass es nicht mehr lange bis zur vereinbarten Zeit war, zu der man mich abholen wollte. Komische Geheimnistuerei, aber da der Preis stimmte, war das zweitrangig. Ich wusste, dass es darum gehen sollte, ein seltenes Buch zu besorgen. Als weit bekannter Archivar und Schriftgelehrter sah ich darin keine große Sache. Ich hatte meine Kontakte, Mittel und Wege, das zu bekommen, was ich wollte. Aber ich war schon sehr gespannt, um was für ein Buch es sich handeln würde. Ich nahm einen Schluck Melange und schloss genießerisch die Augen.

Eine Stimme riss mich aus meinen Gedanken und ich schaute blinzelnd auf.

„Dr. Archibald, Dr. Heinrich Wilhelm Archibald?”

Ein junger Mann war an meinen Tisch getreten. Seine eisblauen Augen musterten mich abwartend.

„Der bin ich”, antwortete ich.

„Ich habe etwas für Sie.” Aus seinem edlen Sakko förderte der Fremde einen Umschlag zutage und reichte ihn mir. Dabei blitzte ein Ring mit einem ungewöhnlichen blauen Stein an seinem kleinen Finger auf.

Ich öffnete den Umschlag und las die eine Zeile, die auf dem hochwertigen Büttenpapier geschrieben stand: Folgen Sie Herrn Huber und stellen Sie keine Fragen.

„Ich nehme an, Sie sind Herr Huber?”

Mein Gegenüber setzte ein unverbindliches Lächeln auf und bedeutete mir, ihm zu folgen. Rasch leerte ich den Kaffee und folgte ihm. Als wir den Ober passierten, drückte ich ihm das Geld für den Kaffee inklusive eines großzügigen Trinkgelds in die Hand und beeilte mich, meinem Begleiter zu folgen.

Wir ließen das Café und den Platz hinter uns und bogen in eine kleine Gasse ein. Die Häuser standen enger beieinander, sodass ein sanftes Zwielicht herrschte. Schließlich näherten wir uns einem schmucklosen Gebäude, das durch seine Schlichtheit hervorstach. Noch bevor Herr Huber klopfen oder klingeln konnte, wurde die Tür schon geöffnet und wir traten ein.

„Kommen Sie, Sie werden schon erwartet.” Herr Huber winkte mich weiter und so folgte ich ihm durch den von Kerzen erhellten Flur in einen Salon. Bücherregale säumten die Wände und der schwache Duft nach Papier und Pergament stieg mir in die Nase. Ein etwas rundlicher Mann erhob sich aus einem roten Samtsessel und trat mir entgegen.

„Dr. Archibald! Welch eine Freude, Sie persönlich kennenzulernen.” Er ergriff meine Hand und schüttelte sie kräftig. Auch er trug einen Ring mit einem blauen Stein, wie ich erstaunt feststellte. „Ich habe ein mächtiges Werkzeug für Sie, das Ihnen bei Ihrem Auftrag wertvolle Dienste leisten würde.” Er deutete auf einen kleinen Käfig in einer dunkleren Ecke des Raumes.


Es war furchtbar langweilig in meinem Quartier. Dort war ich eingesperrt, seit meinem letzten kleinen Malheur mit einer Gutenberg-Bibel. Und auf Diät. Ja, ich hatte mir die heutige Tageszeitung schon zu Gemüte geführt und war zumindest auf dem letzten Stand, was die weltpolitische Situation, die aktuelle Wirtschaftslage und auch den Klatsch und Tratsch am kaiserlichen und königlichen Hof anging. Hatte ich schon erwähnt, dass mir langweilig war? Alle zerrissen sich immer noch das Maul, weil sich die Kaiserin etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte, was Ungarn anging – das war mir doch egal! Ansonsten hatte ich noch Romeo und Julia auf dem Dorfe intus, aber das war irgendwie lächerlich. Wer schrieb schon in einem Buch „plätscher, plätscher”, wenn es regnete? Ich hätte einiges dafür gegeben, endlich ein Ende meines Hausarrests, der ganzen Misere zu erleben. Und doch war ich etwas überrascht, als mein Gefängniswärter plötzlich mit einem Begleiter in meine Zelle kam.

„Ich habe ein mächtiges Werkzeug für Sie, das Ihnen bei Ihrem Auftrag wertvolle Dienste leisten würde.”

Werkzeug? Aber hallo … der würde doch nicht …

„Was für ein Werkzeug denn? Sie meinen doch nicht …”

„Doch, genau das meine ich. Nehmen Sie den Käfig. Machen Sie sich vertraut und glauben Sie mir, wenn ich sage, es gibt keinen besseren Freund, den Sie auf dieser Reise haben könnten.”

Man wollte mich einfach so weggeben. Irgendeinem dahergelaufenen Kerl und bezeichnete mich als Werkzeug. Das war doch die Höhe!

„Sie wissen, dass ich Experte für verschollene Schriften bin. Ein respektabler, in Fachkreisen hochangesehener Archivar und Schriftgelehrter?”, kam es empört von dem menschlichen Neuankömmling.

„Ja, natürlich.”

„Und das hier ist ein verdammter Hamster!“

Man könnte also sagen, unsere erste Begegnung stand nicht unbedingt unter dem besten Stern.


Mein Blick glitt über die kleinen Dörfer und Wäldchen, die unter mir vorbeizogen. Ich saß am Fenster eines der luxuriös ausgestatteten Luftschiffe der k. u. k. Staatsflotte. In wenigen Stunden würde ich Prag erreichen, das vorläufige Ziel meiner Reise. Und alles, was mir mein Auftraggeber mitgegeben hatte, um ein extrem seltenes Buch aus einer Privatsammlung zu besorgen, war ein Hamster. Ein Hamster? Was um alles in der Welt sollte ich denn nun mit einem Hamster anfangen? Auch wenn mein Auftraggeber mir versprochen hatte, das Tier sei etwas Besonderes und würde seinen Wert noch beweisen, war ich doch mehr als verwirrt. Mein Blick wanderte zu dem kleinen Käfig neben mir auf der gepolsterten Sitzbank. Das kleine, wenn auch putzige Nagetier hatte sich in einem Heuhaufen zusammengerollt und schien zu schlafen. Es trug kein Halsband mit so etwas wie einem Schlüssel oder einer Botschaft. Das goldbraune Fell wies keine Anomalitäten auf, es war dicht und glänzte seidig in den durch die Fenster einfallenden Sonnenstrahlen. Mein Auftraggeber hatte mir etwas Verpflegung für den Kleinen mitgegeben, doch auch daran hatte ich nichts Ungewöhnliches feststellen können. War er vielleicht als eine Art Suchhamster ausgebildet? Ich hatte davon gehört, dass man Hunde trainierte, aber noch nie von einem Hamster. Ich seufzte. Und wo war eigentlich meine Zeitung hin verschwunden? Ich hatte sie doch direkt neben den Käfig gelegt.

Es raschelte. „Jetzt mach mal nicht so ein langes Gesicht.”

Was war denn das gewesen? Ich blickte mich um, doch niemand befand sich in meiner Nähe. Die Passagierabteilung des Luftschiffes war nur spärlich besetzt und einer der in edle Uniformen gekleideten Bediensteten befand sich auch nicht in meiner Nähe.


Meine Güte. Der Kerl wirkte so verwirrt, als wäre er kein renommierter Archivar, sondern ein völlig weltfremder Bücherwurm. Ich hatte gerade die letzte Seite der Tageszeitung gehamstert, da rutschte mir der Kommentar einfach heraus. „Jetzt mach mal nicht so ein langes Gesicht.”

War das Gesicht vorher schon lang gewesen, nahm es jetzt schon beinahe Pferdecharakter an.

„Nein. Kalt. Eiskalt. Wärmer … nein, hier im Käfig!”

Als der Büchermensch seinen Kopf senkte, stand sein Mund so weit offen, dass ich ohne Probleme hineingepasst hätte.

„Ich sehe, du pflegst deine Zähne gut. Aber jetzt kannst du den Mund wieder schließen und wir können uns unterhalten. Gerne auch über tagesaktuelle Themen.”

Der Mann klappte den Mund zu.

„Tagesaktuelle Themen? So wie die kriselnde Stimmung in Ungarn?”

„Ich denke, die Zeitung übertreibt. Es gibt keine Geldgeber, die einen Aufstand anstacheln. Das schaffen die Beamten des Kaisers schon ganz allein.”

„Du hast die Zeitung gelesen?”

„Nein, nicht direkt”, antwortete ich. „Aber ich habe sie mir zu Gemüte geführt. Sozusagen.”

Da zuckte der Mann zurück, der auf den antiquierten Namen Dr. Archibald hörte.

„Ich fantasiere. Oder träume. Oder habe zu viel getrunken. Ich rede hier mit einem Hamster!”

„Unsinn. Zwei Fehler. Erstens rede ich mit dir. Und zweitens sollte dir längst klar sein, dass ich eine Hamsterdame bin, du ungehobelter Klotz. Mein Name ist Crice.”


Meine anfängliche Verwirrung wich einer eigentümlichen Faszination. Die Stunden flogen dahin, während wir uns austauschten. Der Hamster, pardon die Hamsterdame, so forsch und frech sie auch sein mochte, würde sich vielleicht doch noch als nützlich erweisen, vorausgesetzt es stimmte, was sie von sich gab. Sie erzählte mir, dass sie aus einer ungewöhnlichen Tierhandlung stammte. Den genauen Ort konnte sie mir nicht nennen, aber die Beschreibung der anderen Tiere erschien mir mehr als fantastisch. Wesen, die ich nur aus Geschichten und Legenden kannte, sollen dort untergebracht gewesen sein. Ich konnte mir nicht vorstellen, jemals einem brennenden Salamander zu begegnen, außer in Büchern natürlich. Doch die Kleine hatte mich zumindest ein wenig verblüffen können, so detailliert und glaubhaft schienen ihre Schilderungen. Allerdings stand der Test ihrer wirklichen Fähigkeiten, davon einmal abgesehen, dass sie sprechen konnte, noch aus.

„Meine sehr geehrten Damen und Herren!”, dröhnte die Stimme des Kapitäns aus den Lautsprechern. „Wir sind nun in den Sinkflug übergegangen und werden in Kürze Prag erreichen. Die Sonne scheint und die Windverhältnisse sind ruhig, es ist also nicht mit Turbulenzen zu rechnen, trotzdem möchte ich Sie bitten, sich nun auf Ihre Plätze zu begeben. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise mit der k.u.k. Prinz Eugen. Wir würden uns freuen, Sie bald wieder an Bord begrüßen zu dürfen! An dieser Stelle verabschiede ich mich von Ihnen und wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt in Prag.”

Ich nahm den Käfig und stellte ihn auf meinen Schoß.

„Ui, Prag! Ich war da noch nie!”, freute sich Crice.

„Ich würde dir vorschlagen, während der Zeit bis zum Hotel zu schweigen. Wir wollen nicht zu sehr die Aufmerksamkeit anderer auf uns ziehen.”

Sie warf mir noch einen etwas beleidigten Blick zu, wie es mir schien, und vergrub sich dann wieder in ihrem Heuhaufen. „Ich bin ohnehin müde“, murrte sie.

Wenig später verließ ich den Luftschiffhafen und winkte mir eine Droschke herbei, die mich in meine Unterkunft bringen sollte. Die Fahrt führte uns durch die halbe Stadt, über eine der zahlreichen Brücken über die Moldau. Sogar einen Blick auf die Prager Burg konnte ich werfen. Den Hamsterkäfig hatte ich auf das kleine Tischchen gestellt, das an der Seitenwand der Droschke angeschraubt war. Crice sollte auch etwas von der Fahrt haben und sich die Stadt anschauen können, wo sie sich doch vorher so gefreut hatte. Tatsächlich kam die Hamsterdame rasch wieder aus dem Heuhaufen herausgekrabbelt. Sie legte ihre Pfötchen um die Gitterstäbe und spähte neugierig hinaus.


„Wir sollten noch einen Abstecher machen, bevor wir ins Hotel fahren”, meinte ich, als die Kutsche über das Kopfsteinpflaster der Karlsbrücke ratterte. Unter uns floss die Moldau dahin. Sehr malerisch, fand ich. Vermutlich würde irgendwann jemand über sie ein Lied schreiben.

„Wohin denn?”, fragte Archibald.

„In die Nationalbibliothek. Ich glaube, wir sollten uns mit dem richtigen Wissen eindecken.”

„Klingt gut. Aber weißt du, wo die ist?”

„Natürlich. Ich habe noch im Zeppelin einen Stadtplan von Prag gehamstert. Sie ist direkt auf dem Weg und unmittelbar nach dieser Brücke. Glaubst du, dein Ruf ist gut genug, dass man dich hereinlässt? Mit Hamster?”

„Bücher über die Konstruktion und das Öffnen von Schlössern? Das ist, was wir deiner Meinung nach brauchen?”, fragte der Archivar reichlich verwirrt.

„Ich gehe davon aus, dass der Sammler seine wertvollsten Objekte sicher verwahrt hat. Das würdest du nicht anders machen. Und du bist derjenige, der ihn besser bequatschen kann, während ich die eigentliche Arbeit machen werde. Zusätzlich hätte ich gerne ein Buch, das die seltensten und wertvollsten Bücher im Besitz von Prager Sammlern listet. Das könnte dir dann einen Vorteil und Gesprächsstoff verschaffen.“

Nach einer Weile brachte mir Archibald die gewünschten Bücher und öffnete meinen Käfig. Dann sah er mich erwartungsvoll an.

„Umdrehen”, sagte ich. „Ich kann das nicht, wenn mir jemand zusieht.”

Archibald tat, wie ihm geheißen. Und ich gebe zu, das war mir sehr recht. Auch wenn meine Backen innen größer waren als außen, war die Hamsterei nicht sehr schön anzusehen. Das war eben der Preis für ein Dasein als tierisches Speichermedium.


Vorsichtig stellte ich den Hamsterkäfig auf den Mahagonitisch der Hotelsuite und setzte meine Tasche ab. Der Zimmerservice hatte auf meinen Wunsch auch schon eine kleine Erfrischung bereitgestellt.

„Ich würde vorschlagen, wir überlegen uns nun, wie wir weiter vorgehen.” Ich breitete eine Karte der Stadt auf dem Tisch neben dem Käfig aus.

„Würde es dir etwas ausmachen, mich rauszulassen?”, fragte die Hamsterdame, ihre Knopfaugen fest auf mich gerichtet. Ihre Backen waren zwar etwas größer als gewöhnlich, aber man würde nicht erwarten, dass sie drei ganze Bücher darin verstaut hatte.

„Läufst du mir auch nicht davon?”

„Jetzt denk mal nach, wenn ich dir nachher helfen soll, kannst du mich auch nicht die ganze Zeit im Käfig mitschleppen, oder was meinst du?” Es sah fast so aus, als ob sie ihre kleinen Pfötchen in die Seite stemmte.

Ein Seufzer entwich meinen Lippen. „Na gut.” Ich öffnete die Käfigtür und die Hamsterdame kam mit einem gemurmelten Danke herausgewuselt. Sie schnappte sich eine der Gurkenscheiben auf dem kleinen Teller.

„Hey, das ist mein Abendessen!”

„Hab dich nicht so, ich hab auch Hunger. Und ich kann so besser denken.” Mit der Gurkenscheibe in den Vorderpfoten lief sie langsam über die Karte.

Ich nahm mir eines der Canapés und ließ meinen Blick ebenfalls über die Karte gleiten.


„Also, wie du ja schon weißt, habe ich bereits eine Karte intus. Daher weiß ich, wo wir hinmüssen. Dort.”

Ich hinterließ einen etwas feuchten Pfotenabdruck. Die Gurke war saftig gewesen.

„Am besten wird sein, du trägst mich in deiner Westentasche hinein. Und ich werde mich dann an die Arbeit machen, wenn wir das Buch gefunden haben.”

„Klingt gut”, erwiderte Archibald.

Und dann stellte er die Gretchenfrage.

„Wo wir eigentlich gerade dabei sind. Was springt denn für dich bei der ganzen Sache heraus?”

„Was meinst du? Ich bin doch nur eine einfache, harmlose Hamsterdame mit einer Vorliebe für Bücher.”

„Sicherlich. Du bist Gefangene oder Angestellte einer geheimen Organisation, begleitest einfach den erstbesten Archivar und reist nach Prag, wo du dich in Gefahr begibst, nur um eine Handschrift des Rabbi Löw in die Finger zu bekommen. Sehr, sehr glaubwürdig.”

Verdammt. Der Mensch war schlauer, als er aussah.

„Würdest du mir glauben, wenn ich sage, dass ich einfach nur das ultimative Wissen erlangen will? Und das schaffe, indem ich die seltensten Bücher der Welt hamstere?”

„Nein, würde ich nicht.”

Ich seufzte. Als Hamster hatte ich das eine ganze Weile üben müssen, bevor es eindrucksvoll wirkte.

„Na gut, ich gebe mich geschlagen. Zuerst möchte ich dir eine Frage stellen. Wie viele sprechende und bibliophile Hamsterdamen kennst du?”

„Äh. Keine?”

„Abgesehen von mir, selbstverständlich nicht. Gibt es auch nicht. Also, die Sache ist die: Ich bin nicht von hier.”

Die Augen meines menschlichen Gegenübers weiteten sich ungläubig. „Was meinst du mit hier?”

„Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich dir das begreiflich machen kann. Von diesem Planeten. Aus dieser Realität. Ich weiß es selbst nicht genau. Aber ich möchte dahin zurück, wo ich herkomme.”

„Also so etwas wie ein anderer Planet? Wie, um alles in der Welt, bist du dann hierhergekommen? Ich meine auf die Erde, in diese Dimension … Realität?“ Archibald wedelte unbestimmt mit seinen Händen.

Ich seufzte. „Das ist eine lange Geschichte, die ich dir bei Gelegenheit mal erzähle. Aber jetzt lass uns auf die Aufgabe vor uns schauen. Wir haben nicht viel Zeit.“ Etwas leiser fügte ich hinzu: „Und ein wenig Heimweh hab ich schon.“

Der Archivar schien zu zögern, doch dann sah ich ihn nicken. „Na gut, wie willst du es erreichen, wieder nach Hause zu kommen?”

„Ich hoffe, dass der Sammler ein Buch in seinem Besitz hat, das mir die Gelegenheit zur Rückkehr gibt. Möglich, dass ich dafür deine Unterstützung brauche. Und du brauchst Hilfe, das Manuskript von Löw zu besorgen. Helfen wir uns gegenseitig?”

Ich streckte ihm meine kleine Hamsterpfote entgegen.


Nach einer erholsamen Nacht und einem ausgiebigen Frühstück in der Suite, damit die Hamsterdame mir Gesellschaft leisten konnte, brachen wir auf. Vor den mächtigen, goldverzierten Flügeltüren des Hotels stand ich und genoss die warmen Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht, während ich auf die bestellte Droschke wartete. Ich spürte, wie sich die Hamsterdame in meiner Manteltasche bewegte und ebenfalls ihre Nase herausstreckte.

„Pass auf, dass dich niemand sieht”, murmelte ich leise.

„Jaha, ist ja schon gut”, kam es nur ein wenig beleidigt zurück.

Hufgetrappel näherte sich und eine schwarze Droschke mit zwei Rappen hielt vor uns an. Der in eine rote Uniform gekleidete Kutscher tippte sich grüßend an seinen Hut. „Dr. Archibald?”

„Der bin ich.” Ich nannte ihm eine Adresse und stieg ein. Wieder ging es ein Stück durch die Stadt, vorbei an der Moldau, bis wir unser Ziel erreichten. Crice, die aus meiner Tasche gekrabbelt war und die Aussicht genossen hatte, verschwand wieder. Ich bezahlte den Kutscher großzügig und er verschwand mit zum Gruß erhobener Hand. Mein Blick glitt über das stattliche Herrenhaus und den geschmackvoll angelegten Garten, ein hoher Zaun umgab das Gelände.

„Na, dann wollen wir mal.”

Das große eiserne Tor stand offen und so schritt ich den gepflasterten Weg bis zum Eingang hinauf. Mir war etwas mulmig zumute und ich zögerte kurz, ehe ich den großen Klopfer, ein Metallring im Maul eines Löwenkopfes, betätigte. Die Schläge schienen im Haus widerzuhallen. Nach kurzer Zeit, die mir jedoch viel länger vorkam, öffnete sich die Tür und ein älterer Mann im Frack spähte heraus. „Sie wünschen?”

„Guten Tag, ich bin Dr. Heinrich Wilhelm Archibald, Archivar.” Ich setzte ein gewinnendes Lächeln auf und fuhr fort: „Ich hatte mit Herrn Andriç schon einmal vor einiger Zeit schriftlich korrespondiert und dachte mir, es wäre DIE Gelegenheit, nun da ich für einen Auftrag in Prag bin, ihm persönlich zu begegnen.”

Der Bedienstete musterte mich von oben bis unten mit kritischem Blick. Mein Herzschlag beschleunigte sich. Was, wenn er uns nicht vorlassen würde?

Doch meine Befürchtungen waren unbegründet. Er trat zur Seite und bedeutete mir mit einer einladenden Geste einzutreten. Mit gesenktem Haupt sagte er: „Willkommen, Dr. Archibald. Ich werde Magister Andriç Ihren Besuch melden. Machen Sie es sich in der Zwischenzeit doch bequem.” Er deutete auf eine gemütliche Sitzecke in der großen Eingangshalle.

Gemächlichen Schrittes ging ich hinüber und ließ meinen Blick durch die Eingangshalle gleiten. Eine große Treppe führte in die oberen Geschosse, vermutlich zu den Schlafgemächern und anderen privaten Räumen. Waren die Bibliothek und die kostbaren Bücher im Erdgeschoss?

„Ah, Dr. Archibald, welch eine Freude, Sie persönlich kennenzulernen.” Ein untersetzter Mann kam die Treppe herunter, die Arme ausgebreitet. „Was führt Sie in mein bescheidenes Heim?”

„Wie ich Ihrem Diener bereits berichtet habe, bin ich aus geschäftlichen Gründen in Prag und wollte die Gelegenheit für eine persönliche Zusammenkunft nutzen.”

Magister Thomas Andriç ergriff meine dargebotene Hand und schüttelte sie kräftig. „Oh, welch gute Idee, mein Bester!” Er legte einen Arm um meine Schulter und führte mich aus dem Empfangssaal.

„Kommen Sie! Mit einem Mann des Buches lässt es sich am besten in meinem Salon plaudern. Pawel, bringen Sie uns bitte ein paar Häppchen und eine Flasche des besten Rotweins!” Der Diener senkte den Kopf und verschwand.

„Ich habe Ihre Nachforschungen zu Ihrem letzten Projekt mit großem Interesse verfolgt und auch Ihre Arbeit dazu mit Begeisterung gelesen.”

Wir hatten die Bibliothek erreicht, die wir auf dem Weg zu unserem Ziel durchquerten.

„Faszinierend, ich hörte schon viel von Ihrer Sammlung”, brachte ich nur heraus. Alle Seiten des Raumes waren mit bis zur Decke reichenden Bücherregalen gefüllt. Einige Bücher und gar ein paar Schriftrollen und Tontafeln waren in speziellen Vitrinen untergebracht.

Ein breites Grinsen erschien auf Andriçs Gesicht. „Nur zu, Doktor, sehen Sie sich gern um.” Nur am Rande bemerkte ich, wie Pawel kurz den Raum betrat und ein Tablett in den angrenzenden Raum trug. Ich ging die Regale entlang und begutachtete hier und da einen der Folianten, mein Finger strich über die Buchrücken. „Sie haben eine wirklich außergewöhnliche Auswahl.”

„In der Tat, es hat lange gedauert, diese zusammenzutragen.”

„Fürwahr! Mein lieber Magister Andriç, Sie waren mir bei meinem letzten Projekt auch eine große Hilfe gewesen mit dem Material, das Sie mir zugesandt hatten. Vielen Dank nochmals dafür.”

Ich wandte mich einer der Vitrinen zu und beugte mich ein wenig herab, um das Buch darin zu betrachten. Ich merkte in meiner Tasche, wie sich die Hamsterdame bewegte. War das das gesuchte Buch?


Auch ich hätte mich gerne an den Erfrischungen gütlich getan, aber die Anwesenden hätten vermutlich nicht allzu angetan reagiert, wenn eine Hamsterdame sich am kalten Buffet bedient hätte. Aber zum Glück ließ Archibald das eine oder andere Gemüsestück in seine Westentasche plumpsen. So hatte ich genügend Häppchen, um mir die Zeit zu vertreiben, während die beiden Herren durch die Bibliothek spazierten und dabei platte Plattitüden über die Sammlung von Magister Andriç austauschten. Erst als ein ganz bestimmtes Buch zur Sprache kam, wurde ich plötzlich hellhörig.

„Ist das eine Handschrift von … Rabbi Löw?”, fragte Dr. Archibald. Meine Güte, das klang so gestelzt.

„Tatsächlich”, erwiderte der Mann. „Man sieht, Sie verstehen Ihr Fach. Ja, das sind seine persönlichen Aufzeichnungen. Einzigartig in der Welt. Unbezahlbar und … unverkäuflich.”

Er betonte das letzte Wort seltsam. Das nahm ich zum Anlass, mich äußerst dezent aus dem Staub zu machen. Vorsichtig krabbelte ich aus der Manteltasche. Als Archibald das bemerkte, drehte er sich zu einem der Regale, sodass ich unbemerkt darauf gelangen und hinter einem der Folianten in Deckung gehen konnte.

„Das ist sehr schade”, hörte ich die sich entfernende Stimme von Dr. Archibald. „Ich kenne einen Kurator in Wien, der eine geradezu unanständig hohe Summe zahlen würde, um das Werk in die Finger zu bekommen. Wo haben Sie es denn her?”

„Das kann ich mir sehr gut vorstellen”, hörte man Magister Andriç noch, als die beiden den Nebenraum betraten. „Ich habe eine geheime Bibliothek entdeckt, sehr abgelegen, sehr gut sortiert. Aber kommen Sie, lassen Sie uns darüber im Salon sprechen. Haben Sie irgendein Buch, in dem Sie gerne blättern würden?”

Dann waren die beiden weit genug weg. Endlich. Zeit, um an die Arbeit zu gehen.

Rasch kletterte ich seitlich an der Vitrine hoch und musterte das Glas. Drei Zentimeter dick. Das konnte ich nicht knacken. Auch das Schloss sah äußerst stabil aus. Egal. Derartige Vitrinen hatten eine andere Schwachstelle.

Ich ließ mich an der Rückseite herab und musste fast lachen. Spanplatten, kaum drei Millimeter dick. Also fasste ich in meinen Mund, wo ich neben dem Buch „Schlösser, Tresore und andere Sicherungen” auch ein kleines Werkzeugset gehamstert hatte. Es dauerte keine Minute, dann hatte ich auf der Rückseite ein kleines Loch geschnitten, groß genug für mich. Dann öffnete ich die Verriegelung der Vitrine von innen und kletterte zwei Etagen höher. Ja, da wurde es wirklich interessant.

Plötzlich hörte ich ein Fauchen und erstarrte. Das war ein Teil meines tierischen Ichs, den ich nie unter Kontrolle bekommen hatte.

Ich zwang mich, ruhig zu bleiben und wandte mich um.

Ein Kater. Grau gestreift, mit zerfetztem Ohr und riesigen Pranken. Und er sah mich direkt an. Noch einmal ließ er ein Fauchen ertönen, dann duckte er sich zum Sprung.

Ich reagierte blitzschnell, wirbelte herum, nahm das Werk von Rabbi Löw zu mir, nutzte meinen ganzen Schwung und spie es wieder aus.

Es gab ein Krachen, ein schmerzerfülltes Aufmiauen und dann war alles still.

Ich öffnete meine Augen wieder, die ich vor Angst geschlossen hatte, und sah die Katze unter dem Werk liegen. Ob tot oder ohnmächtig konnte ich nicht erkennen. Egal, ich hatte Wichtigeres zu tun. Die ganze Vitrine hatte die Beschriftung Mystische Werke getragen. Und ich war auf der Suche nach einem bestimmten.


Ein lautes Krachen und Knirschen ließ mich ebenso wie Magister Andriç herumfahren.

„Was war denn das?”, fragte mein Gastgeber beunruhigt. Er wollte in die Bibliothek zurücklaufen, doch da erschien wie aus dem Nichts Pawel. Seine Gesichtszüge schienen seltsam verzerrt, die Haut verfärbte sich schwarz und aus seiner Stirn sprossen kleine Hörner. Eisiger Schrecken packte mein Herz beim Anblick des ehemals menschlichen Dieners. Mein Verstand war seltsam leer, mein Körper wie gelähmt.

Das Wesen packte meinen Gastgeber am Hals und hob ihn mühelos in die Luft.

„Was … wer?”, krächzte Andriç, nach Luft ringend.

„Als du all die Bücher aus der Bibliothek von Celeano entwendet hast, haben wir das aus nur einem Grund zugelassen”, sprach es grollend. „Weil wir uns einen Vorteil davon versprachen, dass sie in deinem Besitz waren. Doch nun sind sie es nicht mehr.”

Der Magister gab gurgelnde Laute von sich und versuchte, sich aus dem Griff zu befreien. Ohne Erfolg.

„Zeit, zu sterben, menschlicher Abschaum!”

Bevor ich irgendetwas tun, irgendwie reagieren konnte, brach das Genick von Andriç mit einem trockenen Knacken. Achtlos ließ das Wesen den leblosen Körper fallen. Der Kopf ruckte zu mir herum. „Nun zu dir.”

Endlich schaffte ich es, mich aus meiner Starre zu befreien. Schnell weg hier! Aber ich durfte den Hamster nicht zurücklassen. Ich musste in die Bibliothek zurück, direkt an diesem Ungeheuer vorbei. Ich spannte die Muskeln an und stieß das Wesen aus dem Weg. Rasch lief ich durch den Durchgang in die Bibliothek. Es herrschte ein großes Chaos. Die Vitrine mit der Handschrift Löws lag in Trümmern. Ein regloses und verdrehtes Fellbündel lag inmitten eines Scherbenhaufens daneben. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Das Tier schien eine Katze zu sein. Was war mit Crice passiert?

Hektisch schaute ich mich um, konnte die Hamsterdame aber nirgends entdecken. „Verflixt”, entfuhr es mir. Ich würde sie auf keinen Fall zurücklassen. „Wo steckst du?” Hinter mir hörte ich die schweren Schritte des Wesens.

„Psst, hierher!” Die Hamsterdame war auf eines der Regale geklettert und begann Worte und Silben in einer fremden Sprache zu rezitieren. Gerade als die Luft zu flimmern begann, spürte ich, wie sich eine kalte Klaue um meinen Hals legte.


Tja, da waren die Aufzeichnungen von Löw am Boden gelandet. Egal, ich wollte sowieso keinen Golem bauen. Also kletterte ich weiter. De Vermis Mysteriis? Nein, ich wollte keinen Sternenvampir beschwören. Das Necronomicon in der lateinischen Übersetzung. Auch unbrauchbar. Aber da. Da waren sie, die Celeano-Fragmente. Nur mit ihrer Hilfe konnte es Andriç gelungen sein, die Grenzen zwischen den Welten zu durchbrechen. Also nahm ich all meinen Mut zusammen … und hamsterte das uralte Textfragment.

Mir wurde sofort schlecht, aber mir war nicht klar, ob es aufgrund des uralten Papiers oder doch wegen der düsteren Magie geschah, welche meine Backen von innen zu verätzen schien.

Aber ich sah. Ich verstand.

Ich kletterte auf eine Vitrine und begann die düstere Energie, die das Papier umgab, durch meine Pfoten strömen zu lassen. Als Archibald auftauchte, winkte ich ihn zu mir und begann, einen Spruch zu skandieren, der mich in meine Heimat bringen würde. Einen Planeten, am Ende des Universums.

Da wurde der Schriftgelehrte von hinten am Hals gepackt. Ich riss die Augen auf, während ich weiter einen Singsang von mir gab, der nicht für Hamsterstimmen erschaffen worden war. Ein Nightgaunt. Offenbar einer mit einer Spur von Intelligenz.

Blitzschnell überlegte ich. Ich konnte meinen Spruch beenden und mich aus dem Staub machen. Dann würde der gute Doktor hier zurückbleiben und sehr wahrscheinlich getötet werden. War ich ihm nicht etwas schuldig? Außer einer Gurkenscheibe und ein paar Snacks? Aber er hatte sich um mich gekümmert, war mir doch ans Herz gewachsen … zumindest ein wenig. Ich fluchte in einer Sprache, die ich vor wenigen Minuten noch nicht einmal beherrscht hatte und veränderte den Spruch, an dem ich gerade arbeitete. Die Energie zwischen meinen Pfoten veränderte sich.

Ein Portal materialisierte sich und trennte den Arm des Wesens direkt hinter dem Handgelenk ab.

„Komm schon!”, rief ich Archibald zu und hastete durch das Portal. Er stolperte hinterher. Dann waren wir hindurch. Ein weites Plateau. Zwei Monde.

Dann wurde es mir zu viel. Ich würgte das Fragment aus … und gleich noch drei andere Bücher, die ich gerade gehamstert hatte. Ade, Einbruchskünstlerin! Auf Nimmerwiedersehen, Gottfried Keller.

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Litres'teki yayın tarihi:
21 ocak 2026
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ISBN:
9783948695255
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