Kitabı oku: «Tom Jones», sayfa 9
Fünftes Kapitel.
Enthält viel Materie, woran der Leser sein Urteil und sein Nachdenken üben kann.
Ich glaube, es ist eine wahre Bemerkung, daß wenige Geheimnisse nur einer Person mitgeteilt werden; aber wahrlich, es würde einem Wunderwerke sehr nahe kommen, wenn eine Begebenheit von dieser Art einem ganzen Kirchspiele bekannt sein und sich gar nicht weiter verbreiten sollte.
Und wirklich waren nur wenige Tage vergangen, als die Gegend umher über den Schulmeister vom kleinen Baddington, um mich eines Volksausdrucks zu bedienen, die Schandglocke zog und von ihm sagte, er habe seine Frau entsetzlich geprügelt. An einigen Orten ward sogar ausgesprengt, er habe sie ermordet, an andern, er habe ihr die Arme gebrochen, wieder an andern, er habe ihr die Beine entzwei geschlagen; kurz, es ließ sich kaum eine Beschädigung erdenken, die einem menschlichen Körper zugefügt werden kann, die nicht hie und da versichert wurde, Frau Rebhuhn habe solche von ihrem Manne erlitten. Die Ursache des Streits ward gleichfalls gar verschieden erzählt, denn wie einige Leute sagten, Frau Rebhuhn habe ihren Mann mit der Magd im Bette ertappt, so wandelten auch andere Ursachen von verschiedenem Inhalt umher; ja einige übertrugen die Verschuldung auf die Frau, und auf den Mann die Eifersucht.
Jungfer Wilkins hatte längst schon von diesem Zwist gehört, da aber eine andere Ursache desselben, als die wahre, zu ihren Ohren gelangte, so hielt sie für ratsam, davon zu schweigen, um so mehr vielleicht, als die Schuld durchgehends auf Herrn Rebhuhn gelegt wurde, und seine Frau, als sie noch in Herrn Alwerths Hause diente, die Jungfer Wilkins einigermaßen beleidigt hatte, und weil Jungfer Wilkins zum Vergessen und Vergeben nicht viel Anlage besaß.
Jedoch, Jungfer Wilkins, welche Dinge von weitem sehen und sehr gut einige Jahre in die Zukunft hinausblicken konnte, hatte als große Wahrscheinlichkeit wahrgenommen, daß Herr Kapitän Blifil wohl einst ihr Brotherr werden würde, und da sie sehr deutlich unterscheiden konnte, daß der Kapitän dem kleinen Findling nicht eben gar zu wohl wollte, so meinte sie, würde sie ihm einen angenehmen Dienst leisten, wenn sie etwas auskundschaften könnte, wodurch die Zuneigung geschmälert werden müßte, welche Herr Alwerth zu diesem Kinde gefaßt zu haben schien, und welche dem Kapitän so sichtbare Unruhen verursachte, daß er sie sogar nicht einmal so gänzlich vor Herrn Alwerth selbst verbergen konnte. Obgleich seine Gemahlin, die ihre Rolle öffentlich weit besser spielte, ihm verschiedenemal ihr eigenes Beispiel empfahl, um über die Thorheit ihres Bruders, die sie, wie sie sagte, wenigstens ebensogut einsähe und darüber ebenso unwillig wäre, als nur irgend ein anderer, ein Auge zuzudrücken.
Als derohalben Jungfer Wilkins zufälligerweise, obgleich lange nachher, das Wahre von der obigen Geschichte erfahren hatte, so ermangelte sie nicht, alle, auch die kleinsten dabei vorgefallenen Umstände auszuspähen, und hinterbrachte dann dem Kapitän, sie habe endlich den wahren Vater des kleinen Bankerts ausfindig gemacht, über dem es ihr so leid thäte, sagte sie, daß ihr Herr seinen guten Namen im Lande verlieren sollte, weil er soviel aus ihm machte.
Der Kapitän verwies ihr den Schluß ihrer Rede als eine unschickliche, vorlaute Beurteilung der Handlung ihres Herrn, denn hätte es auch des Kapitäns Ehre oder sein Verstand ihm zugelassen, mit Jungfer Deborah ein Bündnis einzugehen, so wollte sein Hochmut keineswegs darein willigen. Und die Wahrheit zu sagen ist keine Aufführung unpolitischer, als wenn man sich mit Bedienten seiner Freunde in eine Konföderation gegen ihren Herrn einläßt; denn dadurch wird man hernach zum Sklaven eben dieser Bedienten, und steht in übler Gefahr von ihnen verraten zu werden. Und diese Rücksicht war's vielleicht, welche den Kapitän Blifil verhinderte, gegen Jungfer Wilkins näher herauszugehen, oder sein Gefallen an ihren hämischen Anmerkungen über Herrn Alwerth zu bezeigen.
Allein, ob er gleich der Jungfer Wilkins kein Vergnügen über diese Entdeckung blicken ließ, so machte ihm solche doch innerlich nicht wenig Freude, und er beschloß den bestmöglichsten Gebrauch davon zu machen.
Er hielt die Sache lange Zeit in seiner Brust verschlossen, in der Hoffnung, Herr Alwerth würde sie von einer andern Seite her erfahren; Jungfer Wilkins aber, ob sie das Betragen des Kapitäns übel nahm, oder ob ihr seine List zu sein war, um sie zu merken, und sie wirklich fürchtete, die Entdeckung möchte ihn böse machen, kurz sie ließ nachher von der Sache weiter kein Wort fallen.
Bei weiterem Nachdenken habe ich's ein wenig befremdlich gefunden, daß die Hausjungfer ihre Neuigkeit nicht der Madam Blifil mitteilte, weil das weibliche Geschlecht geneigter ist, alle neue Zeitungen dem seinigen zuzutragen, als dem unsrigen. Der einzige Weg, wie es mir scheint, diese Schwierigkeit zu heben, ist, wenn man solche auf Rechnung der Entfernung setzt, welche zwischen der Dame und der Hausjungfer entstanden war: diese mochte wohl ihren Grund in der Eifersucht haben, die Madam Blifil darüber hegte, daß die Wilkins zu große Achtung für den Findling bezeigte; denn während diese damit umging, dem kleinen Kinde zu schaden, um sich beim Kapitän in größere Gunst zu setzen, lobte sie es doch von Tage zu Tage immer mehr und mehr in Gegenwart des Herrn Alwerths, weil seine Liebe zu demselben täglich zunahm. Dieses mochte ungeachtet aller Sorgfalt und aller Mühe, die sie sich zu andern Zeiten gab, vor Madam Blifil das gerade Gegenteil auszudrücken, vielleicht diese delikate Dame beleidigt haben, welche jetzt die Wilkins ganz gewiß haßte; und ob sie dieselbe gleich nicht völlig abschaffte oder vielleicht nicht abschaffen konnte, so fand sie doch Mittel, ihr das Leben herzlich sauer zu machen. Dies nahm Jungfer Wilkins endlich so übel, daß sie dem kleinen Tom alle mögliche Arten von Achtung und Liebe, aus Widersetzlichkeit gegen Madam Blifil, ganz öffentlich bewies.
Der Kapitän, welchem solchergestalt die Geschichte in Gefahr der Vergessenheit zu schweben schien, ergriff zuletzt eine Gelegenheit, sie selbst zu offenbaren.
Er war eines Tages mit Herrn Alwerth in einem Gespräche über die Liebe des Nächsten begriffen, in welchem der Kapitän mit großer Gelehrsamkeit dem Herrn Alwerth bewies, daß das Wort, Liebe des Nächsten, in der heiligen Schrift keineswegs Wohlthätigkeit oder Freigebigkeit bedeuten soll.
»Die christliche Religion,« sagte er, »wäre uns zu weit höheren Endzwecken gegeben, als uns eine Vorschrift einzuschärfen, welche viele heidnische Philosophen uns lange vorher schon gelehrt hätten, und welche, ob sie gleich vielleicht eine moralische Tugend heißen könnte, dennoch nur sehr wenig von der erhabenen Christus-Gesinnung, von der großen Erhebung der Gedanken enthielte, welche in ihrer Reinheit sich der Vollkommenheit der Engel näherte, und die man nicht anders erreichen, ausdrücken und empfinden könne, als vermittelst der Gnade. Diejenigen«, sagte er, »kämen der Meinung der Schrift näher, welche darunter die Sinneseinfalt verstünden, oder die Bereitwilligkeit, eine leutselige Meinung von unsern Brüdern zu fassen und über ihre Handlungen ein liebreiches Urteil zu fällen; eine Tugend, weit höher und viel umfassender, nach ihrer innern Natur, als eine erbärmliche Gabe an Almosen, welche, wenn wir es damit auch so weit trieben, daß wir dadurch den unsrigen wehe thäten, oder sie gar an den Bettelstab brächten, dennoch sich nicht auf sehr viele erstrecken könnte. Dahingegen die Liebe des Nächsten, in dem andern und wahrern Sinne, über das ganze menschliche Geschlecht ihren Einfluß hätte.«
Er sagte: »wenn man betrachtete, was für Männer die Jünger gewesen, so wäre es einfältig, sich vorzustellen, daß ihnen die Lehre von Freigebigkeit und Almosengeben habe gepredigt werden können. Und da wir uns nicht wohl einbilden könnten, daß diese Lehre von ihrem göttlichen Urheber solchen Menschen sollte vorgetragen worden sein, die sie nicht ausüben konnten, um so weniger dürften wir annehmen, daß sie von solchen Leuten, in dem Sinne verstanden werde, die sie ausüben können, aber es nicht thun.«
»Unterdessen, obgleich,« fuhr er fort, »wie ich besorge, wenig Verdienst bei wohlthätigen Handlungen ist, so möchte doch, ich gestehe es, für einen guten Menschen viel Vergnügen dabei sein, wenn es nicht durch eine gewisse Betrachtung sehr gemäßigt würde. Ich meine damit, daß wir dem Betruge ausgesetzt sind und unsere besten Wohlthaten denen erzeigen, die solche am wenigsten verdienen, wie es denn, wie Sie mir einräumen müssen, der Fall mit ihrer Freigebigkeit gegen den unwürdigen Rebhuhn ist; denn zwei oder drei solcher Beispiele müssen die innere Zufriedenheit um ein merkliches vermindern, welche sonst ein guter Mann im Wohlthun finden würde. Ja sogar könnten sie ihn schüchtern machen, seine milde Hand aufzuthun, aus Furcht der Sünde, dem Laster unter die Arme zu greifen und dem Gottlosen seinen Weg zu ebnen; ein Verbrechen von blutroter Farbe, und das dadurch keineswegs hinlänglich entschuldigt wird, zu sagen, wir hatten nicht die Absicht Böses zu stiften; wofern wir nicht die äußerste Behutsamkeit in der Wahl solcher Gegenstände angewendet haben, denen wir unsere Wohlthaten zufließen lassen. Eine Betrachtung, welche, wie ich nicht zweifle, überhaupt die Freigebigkeit manches frommen würdigen Mannes eingeschränkt hat.«
Herr Alwerth antwortete: »Er könne mit dem Kapitän nicht in griechischer Sprache disputieren, und könne deswegen auch nichts über den wahren Sinn des Wortes sagen, welches durch Liebe des Nächsten übersetzt wäre, aber er habe immer gedacht, es bestünde nach der besten Auslegung in Handlungen, und das Almosengeben sei wenigstens ein Zweig von dieser Tugend.«
»Was das Verdienstliche dabei beträfe,« sagte er, »wäre er mit dem Kapitän völlig einerlei Meinung; denn was könne bei bloßer Ausübung einer Pflicht für Verdienst sein; und daß es eine Pflicht wäre,« sagte er, »man möchte nun das Wort, Liebe des Nächsten, erklären wie man wolle, das erhelle aus dem ganzen Inhalt des Neuen Testaments, und so wie er es für eine unumgängliche Pflicht, nach den Gesetzen der christlichen Religion sowohl, als nach den Gesetzen der Natur hielte, so wäre solche außerdem noch so angenehm, daß, wenn man von einer Pflicht sagen könne, sie sei ihr eigener Lohn, oder sie vergelte uns durch ihre Ausübung selbst, man es von dieser sagen müsse.«
»Die Wahrheit zu gestehen,« sagt' er, »so gibt es einen Grad von Freigebigkeit (von Nächstenliebe, hätte ich lieber gesagt), welcher einigen Schein von Verdienstlichkeit hat, und dieser Grad ist, wenn wir aus Nächsten- und Christenliebe einem andern das geben, dessen wir wirklich selbst bedürfen; wenn, um die Not eines andern zu mindern, wir willig einen Teil davon über uns selbst nehmen, indem wir selbst von demjenigen hingeben, was wir nicht ohne wesentliche Unbequemlichkeit missen können. Dies ist, glaube ich, verdienstlich; aber unsern Brüdern bloß von unserem Ueberfluß ihre Not erleichtern; barmherzig sein oder Nächstenliebe üben (ich muß das Wort brauchen) mehr auf Kosten unseres Geldkastens als auf unsere eigenen; lieber einige Familien vom Elend retten, als ein köstliches Gemälde in unserem Hause aufhängen, oder sonst eine von unsern thörichten und lächerlichen Eitelkeiten befriedigen, damit ist man nichts weiter, als ein bloßer Christ; ja, eigentlich nichts mehr, als ein bloßes menschliches Geschöpf. Noch mehr, ich wag' es noch weiter zu gehen, man ist damit gewissermaßen ein Epikuräer: denn was könnte der größeste Wollüstling mehr wünschen, als mit viel Mäulern statt mit Einem Munde zu essen! und dies, glaub' ich, kann man von jedem Manne sagen, der es weiß, daß das Brod vieler seine eigene Gabe ist.«
»Was die Besorgnis betrifft, man möchte seine Wohlthaten an solche verschwenden, die ihrer nachher unwürdig befunden werden, wie das nicht selten geschehen sein mag, so kann solches gewiß keinen Mann abschrecken, freigebig zu sein: Ich denke nicht, daß ein paar oder auch viele Beispiele von Undankbarkeit einen Mann rechtfertigen können, wenn er sein Herz gegen die Leiden seiner Mitgeschöpfe verhärtet. Ich glaube auch nicht, daß sie auf einen wirklich wohlthätigen Mann jemals diese Wirkung thun werden. Nichts weniger als die Ueberzeugung von allgemeiner Verderbtheit der Menschen kann einem guten Mann die Liebe des Nächsten verleiden; und diese Ueberzeugung müßte ihn, wie ich denke, entweder zum Atheisten, oder zum Enthusiasten machen. Aber es ist gewiß unbillig, auf eine solche allgemeine Verderbnis aus dem fehlerhaften Betragen einiger wenigen Menschen zu schließen; auch hat es, glaube ich, noch nie ein Mann gethan, der, wenn er sein eigenes Herz untersuchte, darinnen nur eine einzige Ausnahme von der allgemeinen Regel bemerkte.« Hier beschloß er damit, daß er fragte, wer der Rebhuhn sei, den er einen unwürdigen Kerl genannt hatte.
»Ich meine,« sagte der Kapitän, »Rebhuhn, den Barbierer, den Schulmeister, und was weiß ich alles? Rebhuhn, den Vater des Kindes, das Sie in Ihrem Bette fanden.« Herr Alwerth zeigte ein großes Erstaunen über diese Nachricht, und der Kapitän schien ebenso sehr verwundert darüber, daß er sie noch nicht wisse, denn er sagte, er habe es schon seit länger als einem Monat gewußt, und er schien sich mit vieler Mühe zu erinnern, daß er es durch Jungfer Wilkins erfahren habe.
Hierauf wurde die Wilkins augenblicklich vorgefordert, und nachdem sie das, was der Kapitän gesagt, bestätigt hatte, ward sie von Herrn Alwerth, auf und mit des Kapitäns Rat, nach Kleinpaddington gesandt, um sich nach der Wahrheit der Sache zu erkundigen: denn der Kapitän bezeigte einen großen Widerwillen gegen hastiges Verfahren in Kriminalsachen, und sagte, er möchte um aller Welt willen nicht, daß Herr Alwerth einen Entschluß faßte, weder zum Nachteile des Kindes noch seines Vaters, bevor er nicht gewiß von der Schuld des letztern überzeugt wäre: denn, ob er gleich selbst für sich insgeheim diese Ueberzeugung von einem von Rebhuhns Nachbarn eingeholt hatte, so war er doch zu edelmütig, vor Herrn Alwerth dies Zeugnis abzulegen.
Sechstes Kapitel.
Des Schulmeister Rebhuhns Verhör in Puncto Sexti; Zeugnis seiner Ehefrau; eine kurze Bemerkung über die Gesetze des Landes nebst andern ernsthaften Materien, die denen am meisten gefallen werden, die solche am besten verstehen.
Man wundert sich vielleicht, daß eine so bekannte Geschichte, und welche so viel Geredes gemacht hatte, dem Herrn Alwerth selbst nie zu Ohren gekommen sei, welcher vielleicht der einzige in der ganzen Gegend war, der noch nichts davon vernommen hatte.
Um dies dem Leser einigermaßen zu erklären, finde ich nötig, ihm zu berichten, daß im ganzen Britischen Reiche keinem Menschen weniger dran gelegen war, die Lehre von der neueren Bedeutung des Worts, Liebe des Nächsten, zu bestreiten, welche aus dem vorigen Kapitel erinnerlich sein wird, als unserem guten Manne, Herrn Alwerth. Er hatte wirklich gleiche Ansprüche auf diese Tugend, in welchem Sinne man sie nahm; denn, so wie kein Mensch die Bedürfnisse anderer schneller fühlte, oder williger war, ihnen abzuhelfen, so konnte auch niemand behutsamer in Ansehung ihres Leumunds, oder langsamer sein, irgend etwas zu ihrem Nachteile zu glauben.
Verleumdung fand also niemals Zutritt bei seiner Tafel: denn so wie vorläufig schon bemerkt worden, wie man einen Mann aus seinem Umgang kennen kann; so erkühne ich mich zu sagen, daß, wenn man auf die Unterredung an den Tafeln eines vornehmen Mannes acht gibt, man sich von seiner Religion, seinem Patriotismus, seinem Geschmacke, mit einem Worte, von der ganzen Denkungsart des Mannes überzeugen könne; weil, obgleich einige Sonderlinge ihre Herzensmeinung allerorten frei heraussagen, doch die meisten Menschenkinder Hofschranzen genug sind, ihre Gespräche nach dem Geschmacke und den Neigungen ihrer vornehmen Gönner einzurichten.
Um aber wieder zur Jungfer Wilkins zu kommen, so brachte diese, nachdem sie ihren Auftrag mit großer Eile, ungeachtet sie einen Weg von fünfzehn englischen Meilen hatte machen müssen, besorgt hatte, eine solche Bestätigung von dem Verbrechen des Schulmeisters mit, daß Herr Alwerth beschloß, den armen Sünder vorfordern zu lassen, und ihn viva voce zu vernehmen. Rebhuhn ward also vorgeladen, um seine Notdurft wahrzunehmen, und seine Verteidigung (falls er dergleichen wüßte) gegen die Anklage vorzubringen.
Zur angesetzten Zeit erschien vor dem Herrn Alwerth, zu Paradise-Hall sowohl obgenannter Rebhuhn mit Anna seiner Ehefrau, als auch Jungfer Wilkins, seine Anklägerin.
Nachdem sich Herr Alwerth auf seinen Richterstuhl gesetzt hatte, ward Rebhuhn vorgeführt. Nach deutlich vernommener Anklage aus dem Munde der Jungfer Wilkins behauptete er, unschuldig zu sein, und zwar that er solches mit großem Beteuern.
Hierauf ward Anna Rebhuhn vernommen; die dann, nach einigem Lamentieren über den Notzwang, wider ihren eigenen Ehemann die Wahrheit bezeugen müssen, alle die Umstände erzählte, die dem Leser schon bekannt sind, und am Ende damit beschloß, daß ihr Mann gegen sie die That gestanden hätte.
Ob sie ihm verziehen hatte oder nicht, das wage ich nicht zu beantworten; gewiß aber ist's, sie war in dieser Sache ein unwilliger Zeuge, und würde sich aus gewissen anderen Ursachen niemals haben dahin bringen lassen, wider ihn vor Gericht zu treten, hätte nicht Jungfer Deborah in ihrem eigenen Hause mit großer Kunst alles aus ihr herausgeholt, und hätte die ihr nicht das ausdrückliche Versprechen gegeben, und zwar in Herrn Alwerths Namen, ihres Mannes Strafe solle so ausfallen, daß seine Angehörigen ganz und gar nichts darunter litten.
Rebhuhn verharrte beständig beim Leugnen, ob er gleich das oben von Zeugin erwähnte Geständnis als gethan erkannte, doch aber anders zu drehen suchte, indem er beteuerte, er sei dazu gezwungen worden, durch das unablässige Placken und Plagen, was er er leben müssen, wobei sie ihm noch zugeschworen hätte, sie wolle ihn, da sie gewiß wisse, er sei schuldig, so lange unaufhörlich quälen, bis ers gestünde, und dabei getreulich versprochen, ihm hernach kein Wort mehr darüber zu sagen. Hierdurch hätte er sich fälschlicherweise verleiten lassen, die That einzugestehen, ob er gleich unschuldig gewesen und noch sei; und glaubte er, sie hätte auf diese Art ihn zum Geständnis eines Mordes bringen können.
Anna Rebhuhn konnte diese Bezichtigung nicht mit Geduld ertragen; da sie aber, an dem Orte hier, kein ander Gegenmittel hatte, als Thränen, rief sie davon einen zahlreichen Beistand hervor; wendete sich dann an Herrn Alwerth und sagte, oder vielmehr schluchzte: »Gnädiger Herr Richter, glauben mir 'R Gnaden, alle ihr' Leb's tage ist kein' arme Frau so g'mißhandelt als ich's werde, von dem schändl'chen Kerl da: 's ist nicht das Einz'gste mal, daß 'r mir falsch und untreu ist. Nein mit 'R Gnaden Wohlnehm'! er hat mein Eh'bett oft und manchmal besudelt. Ich hätt' ihm sein Saufen und Schwelgen und Versäum'n seiner Arbeit noch hingeh'n lassen, wenn 'r nicht eins der heil'gen zehn Gebote übertreten hätte; und wenn's nur noch außerm Hause gewesen wäre, so hätt' ich noch nicht so viel draus gemacht; aber'st mit meiner eigenen Magd, in meinen eignen vier Wänden, unter mein'm Dach, mein eignes keusches Eh'bett zu verunreinigen, denn das hat 'r gewiß mit seinen ruppigen Stinkhaaren gethan. Ja, du Lump, du! Du hast mein Ehebett besudelt, das hast du, und denn willst du mich beschuldigen, ich hätt' dich verblüfft, die Wahrheit zu bekennen. Ja, 'R Gnaden, er sieht mir auch darnach aus, daß ich'n verblüffen könnte! Ich trage die Zeichen an meinem eign'n Leichnam, die ich von seiner ochsigen Grausamkeit aufweisen kann. Wär'st du ein rechtl'cher Kerl gewesen, du Halunke! so hätt'st dich wohl geschämt, ein schwaches Werkzeug so zu traktieren; aber, du bist nicht e'nmal ein halber Kerl, das weist du! Bist für mich nicht 'nmal ein halber Ehemann gewest, siehstu! Hast wohl not, d'n Huren nachzulaufen, hast wohl große Not! da ich doch weiß – – und da er mir's Maul aufreißt, so bin erbötig, mit 'R Gnaden Wohlnehmen ein'n körperlichen Eid vor fünf Geistlichen drauf zu thun, daß ich sie miteinander im Bett gefunden habe. Was, du hast's wohl vergessen, glaub' ich, als du mich prügeltest, daß ich davor eine Ohnmacht kriegte, und mir's Blut vom Kopfe rann, weil ich dir deine Ehebrecherei, so ganz in aller christlichen Sanftmut, vorhielt! Aber! alle meine Nachbar'n können mir's bezeugen! 's wird e'n Nagel zu meinem Sarge sein, das wird's! so wird's!«
Hier fiel ihr Herr Alwerth ein und bat sie, sich zu beruhigen; wobei er ihr versprach, ihr sollte Gerechtigkeit werden. Hierauf redete er den Delinquent Rebhuhn an, welcher ganz blaß dastand, und die Hälfte seiner fünf Sinne vor Bestürzung, und die andere Hälfte vor Furcht verloren hatte, und sagte: es thät ihm leid, daß ein so gottloser Mann in der Welt wäre. Er versicherte ihn, seine listigen Ausflüchte, sein Lügen hinter- und vorwärts vermehre seine Schuld um ein großes: und er könne solches durch nichts anders gut machen, als durch ein aufrichtiges Bekenntnis und inniges Bereuen. Er ermahne ihn also, damit auf der Stelle den Anfang zu machen, daß er die That gestünde, und nicht länger beharre etwas zu leugnen, dessen er durch seine eigene Frau so deutlich überwiesen worden wäre.
Hier, lieber Leser, bitte ich, sich eine Minute zu gedulden, derweil ich der Weisheit und Klugheit der Landesgesetze ein billiges Kompliment mache, welche das Zeugnis einer Ehefrau für oder gegen ihren Ehemann für unzulässig erklären. Dies, sagt ein gewisser gelehrter Autor, welcher, wie mich dünkt, wohl niemals bisher in irgend einem andern als in einem juristischen Buche angeführt worden, würde das Mittel sein, ewige Uneinigkeiten unter ihnen anzustiften. Es würde in der That viele Meineide und viele Staubbesen, Geldstrafen, Inhaftierungen, Landesverweisungen, Hängen und Köpfen veranlassen.
Rebhuhn stand eine Weile verstummt, bis er, da ihm zu reden geboten wurde, sagte, er habe bereits die Wahrheit gesagt, und berufe er sich auf den Himmel als Zeugen seiner Unschuld, und endlich auf das Mädchen selbst, die er seine Gestrengen bat, sobald als möglich vorfordern zu lassen; denn es war ihm nicht bekannt oder wenigstens stellte er sich so, daß sie diese Gegend des Landes verlassen hätte.
Herr Alwerth, dessen natürliche Gerechtigkeitsliebe, vereint mit seiner Kaltblütigkeit, ihn zu einem sehr geduldigen Richter machte, der alle die Zeugen anhörte, welche die beklagte Person zu ihrer Verteidigung beibringen konnte, willigte drein, das Endurteil in dieser Sache bis zu Hannchens Ankunft zu verschieben, nach welcher er auf der Stelle einen Boten abschickte; und dann, nachdem er Rebhuhn und seiner Frau Frieden geboten hatte, (ob er sich hierbei gleich vornehmlich an die unrechte Person wandte) beschied er sie auf den dritten Tag wieder vor; denn er hatte Hannchen Jones auf eine ganze Tagereise weit von seinem Hause weggeschickt.
Auf die bestimmte Zeit erschienen die Parteien coram: als der wiederkommende Bote Nachricht brachte, Hannchen Jones sei nicht zu finden; denn sie habe vor einigen Tagen in Gesellschaft eines Offiziers ihren Aufenthalt verlassen.
Hierauf erklärte Herr Alwerth, daß das Zeugnis eines so liederlichen Mädchens, als sie zu sein schien, keinen Glauben verdient haben würde; doch, sagte er, könne er nicht umhin, zu glauben, daß, wäre sie erschienen und hätte die Wahrheit ausgesagt, so könne sie nicht anders, als bekräftigt haben, was so manche Umstände benebst seinem eignen Geständnis und der Aussage seiner Ehefrau, (daß sie ihren Mann auf frischer That ergriffen) schon hinlänglich erhärteten. Er vermahnte also Rebhuhn noch einmal, sein Verbrechen zu gestehen; da er aber immer noch sich auf seine Unschuld berief, so erklärte sich Herr Alwerth, er sei von seinem Verbrechen überzeugt, und er, Rebhuhn, sei ein zu gottloser Mensch, um ferner einige Unterstützung von ihm zu verdienen. Er entzog ihm also seinen Jahrgehalt und empfahl ihm Reue in Hinsicht auf die zukünftige Welt, und Fleiß, um sich und seine Frau auf dieser zu ernähren.
Es gab vielleicht wenig unglücklichere Menschen als den armen Rebhuhn. Er hatte, durch das Zeugnis seines eignen Weibes, den besten Teil seiner Einkünfte verloren und doch rückte sie ihm unter vielen andern Dingen noch täglich vor, wie er schuld sei, daß sie dieser Wohlthat entbehren müsse; aber das war nun einmal sein Schicksal, und er war genötigt, sich darein zu finden.
Ich habe ihn zwar im vorigen Absatz den armen Rebhuhn genannt; aber ich wollte, der Leser möchte dieses Beiwort vielmehr dem Mitleiden meines Herzens zuschreiben, als es für eine Erklärung seiner Unschuld ansehen. Ob er unschuldig war oder nicht? das wird sich vielleicht in der Folge zeigen. Wenn mir aber auch die historische Muse einige Geheimnisse anvertraut hat, so will ich mir keineswegs die Schuld aufladen, sie früher zu entdecken, als bis sie mir es erlaubt.
Hier muß also der Leser seine Neugier an den Nagel hängen. Gewiß ist es, auf welcher Seite auch die Wahrheit liegen mochte, die Beweise waren mehr als hinlänglich für Herrn Alwerth, ihn straffällig zu finden. Gewiß würde für ein hochpreisliches Konsistorium in Ehe- und Ehebruchssachen weit weniger, zur Findung eines Urteils, hingereicht haben; und dennoch, ungeachtet Anna Rebhuhns standhafter Aussage, worauf sie das heilige Abendmahl zu nehmen bereit war, ist doch eine Möglichkeit vorhanden, daß der Schulmeister völlig unschuldig sein könne; denn, ob es gleich ganz klar schien, wenn man die Zeit, um welche Hanna Jones aus Kleinbaddington wegging, mit der Zeit ihrer Niederkunft zusammenhält, daß das Kind dort gezeugt sein müsse, so ist es doch noch keine notwendige Folge, daß eben Rebhuhn der Vater gewesen. Denn, andere Nebenumstände beiseite gesetzt, befand sich in demselben Hause ein Bursche von fast achtzehn Jahren, zwischen welchem und Hannchen genugsame Bekanntschaft obgewaltet hatte, um darauf einen nicht unvernünftigen Verdacht zu gründen; und doch, so blind ist Eifersucht! dieser Umstand kam dem tollen Weibe nicht ein einzigesmal in den Kopf.
Ob Rebhuhn sein Vergehn, nach Herrn Alwerths gutem Rate, bereute oder nicht, das liegt im Dunkeln. Gewiß ist's, daß seiner Frau das Zeugnis, was sie wider ihn abgelegt hatte, herzlich leid that; besonders als sie fand, daß Jungfer Deborah sie betrogen hatte und sich weigerte, bei Herrn Alwerth ein gutes Wort für sie einzulegen. Indessen hatte sie etwas bessern Trost bei Madame Blifil gefunden, welche, wie der Leser gemerkt haben muß, ein viel mitleidigeres Gemüt besaß, und es mit vieler Güte übernahm, bei ihrem Bruder zu bitten, daß er ihr den vorigen Jahrgehalt wieder bewilligen möchte. An welchem Mitleiden, obgleich Gutherzigkeit dabei ein wenig das ihrige thun mochte, doch eine viel stärkere und natürlichere Ursache den größten Teil hatte, wie aus dem nächsten Kapitel erhellen wird.
Diese Fürbitten waren indes vergebens; denn obgleich Herr Alwerth nicht dachte wie einige neuere Schriftsteller, daß Gnade bloß in Bestrafung der Verbrecher bestehe, so war er doch ebenso weit entfernt, zu denken, es gezieme dieser vortrefflichen Eigenschaft besonders, ein Verbrechen, ohne irgend einige Ursache, aus bloßer Willkür, zu verzeihen. Der geringste Zweifel bei der Thatsache oder irgend ein mildernder Umstand wurden allemal in Betracht gezogen: aber die Bitten eines Verbrechers oder die Fürsprachen von andern, erschütterten ihn nicht im geringsten. Kurz, er verzieh niemals deswegen, weil der Verbrecher oder seine Freunde es ungerne sahen, daß er bestraft würde.
Rebhuhn und seine Frau waren also beide genötigt, ihr Schicksal zu ertragen, welches wirklich schwer genug war: denn so weit war er davon entfernt, seinen Fleiß wegen verringerter Einnahme zu verdoppeln, daß er sich gewissermaßen der Verzweiflung überließ. Und weil er von Natur schon faul und träge war, so gewann dieser Fehler immer mehr Wachstum, und er verlor dadurch die kleine Schule, die er hatte. Solchergestalt würden weder seine Frau noch er einen Bissen Brod gehabt haben, wäre nicht die Barmherzigkeit irgend eines guten Christen ins Mittel getreten und hätte sie mit dem versorgt, was zur bloßen Unterhaltung ihres Lebens hinreichte.
Da ihm dieser Unterhalt von unbekannter Hand gereicht wurde, so bildeten sie sich ein, und das wird, wie ich nicht zweifle, der Leser gleichfalls thun, daß Herr Alwerth ihr heimlicher Wohlthäter sei; welcher zwar öffentlich kein Laster aufmuntern mochte, jedoch heimlich das Elend, selbst lasterhafter Personen, zu lindern trachtete, wenn es zu bitter, oder, verhältnismäßig gegen ihr Verschulden, zu groß ward. In welchem Lichte die Not dieser Leute dem Glücke selbst erschien; denn dieses erbarmte sich endlich des Elendes dieses Ehepaars und erleichterte den jammervollen Zustand Rebhuhns dadurch nicht wenig, daß sie das Lebensende seiner Ehefrau verkürzte, welche bald darauf die Kinderpocken bekam und starb.
Die Gerechtigkeit, mit welcher Herr Alwerth den Rebhuhn gerichtet hatte, fand anfangs allgemeinen Beifall: sobald aber hatte er nicht davon die Folgen empfunden, als seine Nachbarn begannen, weichherzig zu werden und seinen Zufall zu bedauern und bald darauf dasjenige als Härte und Strenge zu tadeln, was sie vorher als Gerechtigkeit gepriesen hatten. Nunmehr schalten sie auf das Strafen bei kaltem Blute und sangen Loblieder auf Barmherzigkeit und Gnade.
Dieses Geschrei ward um ein merkliches durch den Tod von Rebhuhns Frau verstärkt, welchen einige, ob sie gleich an der vorgenannten Seuche starb, welche keineswegs eine Folge von Armut oder Kummer ist, sich nicht schämten, auf die Rechnung der Strenge oder wie sie es jetzt nannten, Grausamkeit des Herrn Alwerth zu setzen.
Rebhuhn, der nunmehr seine Frau, seine Schule und sein Jahrgeld verlor, entschloß sich, nachdem die unbekannte Person die vorhin erwähnten milden Gaben nicht weiter fortsetzte, den Schauplatz zu verändern, und verließ, zum allgemeinen Bedauern seiner Nachbarn, das Land, in welchem er Gefahr lief, zu verhungern.
