Kitabı oku: «Henry Morton Stanley: Im dunkelsten Afrika»
Henry Morton Stanley
Henry Morton Stanley: Im dunkelsten Afrika
Band 152 in der gelben Buchreihe
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort des Herausgebers
Der Autor Henry Morton Stanley
Henry Morton Stanley: Im dunkelsten Afrika
Vorreden – Brief an F. A. Brockhaus in Leipzig
Brief an Sir William Mackinnon als Vorrede
Erstes Kapitel – Einleitung
Zweites Kapitel – Ägypten und Sansibar
Drittes Kapitel – Zur See nach dem Kongo
Viertes Kapitel – Nach dem Stanley-Pool
Fünftes Kapitel – Vom Stanley-Pool nach Jambuja
Sechstes Kapitel – In Jambuja
Siebentes Kapitel – Nach den Panga-Fällen
Achtes Kapitel – Von den Panga-Fällen nach der Station Ugarrowwa’s
Neuntes Kapitel – Von der Station Ugarrowwa’s bis zur Station Kilonga-Longa’s
Zehntes Kapitel – Bei den Manjema in Ipoto
Elftes Kapitel – Durch den Wald bis zu Masamboni‘s Pic
Zwölftes Kapitel – Ankunft am Albert-See und Rückkehr nach Ibwiri
Dreizehntes Kapitel – Leben in Fort Bodo
Vierzehntes Kapitel – Zum zweiten Mal nach dem Albert-Njansa
Fünfzehntes Kapitel – Zusammentreffen mit Emin Pascha
Sechzehntes Kapitel – Mit dem Pascha zusammen
Siebzehntes Kapitel – Persönliches von Emin Pascha
Achtzehntes Kapitel – Aufbruch zum Entsatze der Nachhut
Neunzehntes Kapitel – Ankunft in Banaja – Barttelot’s Tod
Zwanzigstes Kapitel – Die traurige Geschichte der Nachhut
Anhang – Major Barttelot’s letzter Bericht über die Ereignisse in Jambula
Die maritime gelbe Buchreihe
Weitere Informationen
Impressum neobooks
Vorwort des Herausgebers
Vorwort des Herausgebers

Von 1970 bis 1997 leitete ich das größte Seemannsheim in Deutschland am Krayenkamp am Fuße der Hamburger Michaeliskirche.

Dabei lernte ich Tausende Seeleute aus aller Welt kennen.
Im Februar 1992 entschloss ich mich, meine Erlebnisse mit den Seeleuten und deren Berichte aus ihrem Leben in einem Buch zusammenzutragen. Es stieß auf großes Interesse. Mehrfach wurde in Leser-Reaktionen der Wunsch laut, es mögen noch mehr solcher Bände erscheinen. Deshalb folgten dem ersten Band der „Seemannsschicksale“ weitere.
Hamburg, 2021 Jürgen Ruszkowski

Ruhestands-Arbeitsplatz
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Der Autor Henry Morton Stanley
Der Autor Henry Morton Stanley

Sir Henry Morton Stanley wurde am 28. Januar 1841 als John Rowlands in Denbigh, Wales geboren und starb am 10. Mai 1904 in London. Er war ein britisch-amerikanischer Journalist, Afrikaforscher und Buchautor. Er wurde bekannt durch die Suche nach David Livingstone und die Erforschung sowie die Erschließung des Kongo im Auftrag des belgischen Königs Leopold II. Stanleys Literaturagent war G. W. Appleton.
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Henry Morton Stanley: Im dunkelsten Afrika
Henry Morton Stanley: Im dunkelsten Afrika

Im dunkelsten Afrika
Erster Band
Aufsuchung, Rettung und Rückzug Emin Pascha’s, Gouverneurs der Äquartorialprovinz
Autorisierte deutsche Ausgabe
Aus dem Englischen von H. von Wobeser.
Erschienen bei F. A. Brockhaus Leipzig 1890 – mit 150 Abbildungen und 3 Karten

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Stanley und seine Offiziere
Dr. Parke, Nelson, Stanley, Stairs, Jephson
Ich will nicht aufhören, vorwärts zu gehen,
bis ich zu der Stelle komme,
wo die beiden Seen sich begegnen,
selbst wenn ich neunzig Jahre reise.
Koran, XVIII. Kapitel, Vers 62.
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Vorreden – Brief an F. A. Brockhaus in Leipzig
Vorreden – Brief an F. A. Brockhaus in Leipzig
34, De Vere Gardens, 27. Mai 1890.
Mein lieber Freund!
Allwöchentlich schreiben mir eine Anzahl Deutsche und Österreicher, leider aber in ihrer eigenen Sprache, von der ich, zu meiner Schande sei's gesagt, kein Wort verstehe. Wenn ich erst mit einer gewissen schönen Dame verheiratet bin, werde ich, da sie eine fast ebenso große Linguistin ist wie Emin, besser imstande sein, die Gesinnungen der Briefschreiber zu würdigen; bis dahin muss ich mich damit begnügen, die deutschen Ergüsse in den Papierkorb zu werfen, ohne zu wissen, ob dieselben Segnungen oder Verwünschungen sind. Denn ich erliege tatsächlich der Last der täglich eintreffenden Briefe und den Scharen von Besuchern. Das Buch ist, Gott sei Dank, aus meinen Händen und ich würde gern eine nette Summe für ein Privilegium langen Schlafes bezahlen, den ich zu verdienen glaube. Ich brauche absolute Ruhe, denn von dem Tage, an welchem ich Emins wegen nach Afrika aufbrach, habe ich mich dieses süßen Balsams für den ermüdeten Körper, den ich so sehnlich zu erlangen wünschte, nicht erfreut. Hoffentlich ist meine geliebte Braut von kräftiger Disposition und trägt mich mit sich hinweg in die Gefilde träumerischen Glückes, wo die Verheirateten Ruhe finden sollen.
Carlyle pflegte zu sagen, die Deutschen seien ein philosophisches Volk, doch habe ich das nicht gefunden. Sie sind ebenso leicht erregbar und leidenschaftlich wie die Franzosen. Was waren die Deutschen beispielsweise in der Sache Emins diesem oder er ihnen, ehe er von uns aus dem Negerlande gebracht wurde? Emin war seiner Gesinnung nach Engländer, wenn auch seine Natur im Wesentlichen deutsch war. Er strebte danach, was er jetzt auch sein mag, in den Dienst Englands zu kommen, das beweisen seine Briefe an das Britische Auswärtige Amt. Allein was kümmerte das mich nach der einen oder anderen Richtung hin? Ich habe mich nicht aufgemacht, um einem Deutschen oder einem Engländer, sondern um einem idealen Gouverneur zu helfen, der sich in meiner Phantasie festgesetzt hatte als ein des Beistands ganz besonders würdiger Mann. Er war ein Statthalter von Gordon, war tief nach Äquatoria hineingeschickt worden und, wie ich glaubte, von den Mahdisten belagert. Mit etwas Munition hoffte ich ihn in den Stand zu setzen, auszuhalten, bis weitere Aufklärung über seine Lage einen noch allgemeineren Wunsch, ihm zu helfen, zur Folge gehabt hätte.
Sie erinnern sich wohl, welche albernen Ansichten über Livingstone herrschten.

David Livingstone – 1813 – 1873
Zu meiner Freude konnte ich bei meiner Rückkehr von ihm der Lesewelt ein anderes Bild von ihm geben, wie er sich als Mann, als Christ, als guter Kamerad und als Gentleman zeigte. Weshalb sollte ich nicht dasselbe für Emin tun, da ich doch mit einer vorgefassten Vorliebe und einem günstigen Vorurteil für ihn aufgebrochen war? Einfach, weil Emins Verhalten mir dies nicht gestattete. Es gelang ihm in der erstaunlichsten Weise, meine Zuneigung zu ihm zu zerstören. Nachstehend Einiges von ihm, was mir heute noch ebenso rätselhaft an ihm ist wie je. Nachdem ich ihn von unserm Kommen in Kenntnis gesetzt hatte, begreife ich nicht, weshalb er nicht auf dem See neun Stunden weiter nach Süden hätte dampfen sollen, um den Eingeborenen mitzuteilen, dass er uns erwarte. An demselben Tage, dem 25. März 1888, an welchem er so zuversichtlich an mich schrieb, schreibt er an Petermann: „Kommt Stanley nicht bald, so sind wir verloren.“ Als ich sechs Wochen später mit ihm zusammentreffe, sagt er mir nichts von allem diesen, und als ich mich von ihm trenne, um die Nachhut aufzusuchen, befinde ich mich in vollständiger Unkenntnis über seine wirkliche Lage, während ein wenig Offenheit viel hätte helfen können. Als ich neun Monate später zu ihm zurückkehre, ist er ein Gefangener. Wenn ich eine Seite an mir entdecken könnte, die in irgendeiner Weise, Gestalt oder Form in ihm Ärgernis erregen durfte, würde ich mit mir streng ins Gericht gehen, allein bis jemand mir dieselbe nachweist, muss ich mich damit begnügen, dies Rätsel ungelöst zu lassen. Ich war bei meinem ersten Besuche 26 Tage mit ihm zusammen und mein Tagebuch ist voll von angenehmen Dingen, fröhlichen Plaudereien am Ufer des Sees und wohltuender Ruhe. Es findet ein ziemlich reger Briefwechsel zwischen uns statt und jedes Schreiben kennzeichnet das gegenseitige Vergnügen aneinander. Je entgegengesetzter unsere Anschauungen über Menschen und Denkweise sind, umso mehr dient dies dazu, das Vergnügen, welches der eine an der Gesellschaft des anderen empfindet, zu steigern und ein herzliches Lachen beendet den Meinungsaustausch. Nichtsdestoweniger erregte manches den Argwohn in mir, dass an Emin etwas sehr seltsam sei, doch gehörte, was dies sei, zu den unentdeckten Dingen, bis ich mit der letzten Abteilung der Entsatz-Expedition zurückkehrte. Dann ist Emin aber Gefangener und es ist zu spät. Ich finde, dass das Geheimnis darin besteht, dass Emin weder eine wirkliche Regierung ausübte, noch eine Provinz besaß und nur von seinen rebellischen Offizieren geduldet gelebt hatte. Vermutlich hatte Stolz ihn schweigen lassen, allein es war ein Fehler, dass er nicht offen genug war, während noch etwas hätte geschehen können. Als er Gefangener war, blieb ihm nichts weiter übrig, als fortzugehen. Wie er fortgegangen ist, wird das Buch am besten schildern, das über die Ereignisse eines jeden Tages Aufklärung gibt. Ich muss jedoch der Wahrheit gemäß sagen, dass er mir von meinem Gesichtspunkte aus heute so unbegreiflich bleibt, wie damals im Lager von Kavalli. Jeder wird sich sein eigenes Urteil über ihn bilden, der eine ein freundliches, der andere ein strenges. Ich will nur das reflektierende Medium sein, und da ich mich bemüht habe, ihn in wohlwollender Weise zu schildern, werden die meisten Leser zu gleichgültig sein, um über die Sache weiter nachzudenken, und zufrieden, in Ruhe gelassen zu werden. Und sie werden weise daran tun.
Was nun Emins Eintritt in deutsche Dienste betrifft, so hat meiner Ansicht nach niemand ein Recht ihn zu tadeln. Ich hoffe, er wird reichen Erfolg erzielen, jedenfalls kann ihm nicht mehr Erfolg beschieden sein, als ich ihm wünsche. Allein die Art und Weise seines Eintritts ist mir ebenso unbegreiflich wie irgendein Teil seiner Geschichte. Ich vermag nicht zu verstehen, weshalb er sich nicht hätte nach Kairo begeben, dem Khedive danken, sein Entlassungsgesuch in gehöriger Form einreichen und nach Europa kommen können, um ebenso viele Festmahle in London wie in Berlin zu genießen und so viele goldene Medaillen zu erhalten, wie er nur weg zu stauen vermochte. Wenn er je den Wunsch nach Festmahlen oder Medaillen ausdrückt, werde ich mein Möglichstes tun, um ihm alles, was er wünscht, zu verschaffen. Er kann alle die meinigen bekommen, sobald er sie wünscht. Wahrscheinlich sind nur seine krankhafte Empfindlichkeit und sein Stolz bei dieser wie bei anderen Gelegenheiten sein größtes Hindernis gewesen. Jedenfalls hat sein Sturz in Bagamoyo jegliche Theorie, die ich mir je über ihn gebildet hatte, über den Haufen geworfen. Als er ins Hospital kam, trat zwischen ihn und mich ein Schatten so dichter und handgreiflicher Art, dass die angenehmen Beziehungen, welche, wie ich glaubte, beständig zwischen uns herrschen sollten, vollständig verdunkelt wurden. Alle unsere Offiziere – und selbst Casati – sind verblüfft, und keiner von uns wagt es, sich eine Ansicht über die Ursache zu bilden.
Über die Bestrebungen der Deutschen in Ost- und Zentralafrika möchte ich nicht viel sagen. Ich habe kein materielles, aber ein ziemlich starkes Gefühlsinteresse an der Angelegenheit. Während ich den Wunsch hege, dass die Deutschen das ernstliche Bestreben zeigen möchten, in ihrem ungeheuren wertvollen Gebiet zwischen den drei Seen, dem Victoria, Tanganjika und Njassa, Gutes zu schaffen, ist es nicht meines Amtes, eine Beschränkung ihres Ehrgeizes zu versuchen, wenn es ihnen belieben sollte, den ganzen Kontinent zu annektieren. Mir ist es keinen Pfifferling wert, wer Afrika gewinnt, aber da ich zahlreiche Freunde bei der Britisch-Ostafrikanischen Gesellschaft besitze, kann ich nicht untätig zuschauen, wenn sie bei den Versuchen, mit dem Deutschen Reiche zu rivalisieren, ihre Tausende nutzlos ausgeben. Ich habe ihnen gesagt, dass sie bis zur Feststellung der Grenzen ihres Gebiets das Geld einfach vergeuden auf Aussendung von Expeditionen, solange sie nicht wissen, wie bald sie in einem Anfall von Überdruss die Deutschen auffordern werden, ihnen das Ganze abzunehmen. Die bei ihnen anzuwendenden Argumente sind auch bei den Deutschen anwendbar. Wenn die Kolonialfreunde in Deutschland der Meinung sind, mehr Geld verdienen zu können, wenn sie die Engländer erst aus Afrika vertreiben, befinden sie sich in einem großen Irrtum. Die gesunde Rivalität zwischen den beiden Nationen ist es, die Ostafrika Wert verleiht.
Wenn die Engländer sich im Überdruss aus Afrika zurückziehen, wird das deutsche Interesse an dem Kontinent untergehen, und wenn die Deutschen infolge irgend eines Zufalles aus einem ähnlichen Grunde Afrika verlassen müssten, würde das britische Interesse daran absterben. Ich würde mich freuen, beide Nationen zu einer gerechten und ehrenhaften Verständigung gelangen zu sehen, dann würden beide prosperieren und ihre beiderseitigen Gebiete nutzbringend machen. Erwägen Sie selbst diesen Gedanken sorgfältig und Sie werden zu demselben Schlusse kommen. Ganz Afrika ist für Großbritannien nicht das wert, was ein Streit mit Deutschland ihm kosten würde, noch wiegt der Kontinent für Deutschland die Kosten eines Bruches mit England auf. Um daher ein gesundes, eifriges Interesse an Afrika anzuregen, sollten beide Nationen sich über ihre Grenzen verständigen; der Reibungsprozess des Einen am Anderen würde hervorbringen, was ich, als Verehrer Afrikas, von ganzem Herzen zu sehen wünsche. England kümmert sich beispielsweise nicht im geringsten mehr um den Kongostaat, weil es keinen Teil daran hat und haben kann; es wird sich, wenn es aus Ostafrika vertrieben wird, auch darum nicht mehr kümmern, und auch die Deutschen werden dann das rege Interesse verlieren, welches ihr Stolz, ihre Eigenliebe usw. jetzt an Ostafrika in der Nachbarschaft einer reichen, starken und unternehmenden Macht nimmt.
Ihr ergebener
Henry M. Stanley.
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Brief an Sir William Mackinnon als Vorrede
Brief an Sir William Mackinnon als Vorrede

Sir William Mackinnon – 1823 – 1893
– schottischer Schiffseigner und Geschäftsmann
Mein lieber Sir William!
Es gereicht mir zu großem Vergnügen, Ihnen dieses Werk zu widmen. Dasselbe soll für Sie selbst sowie für das Komitee zum Entsatze Emins ein offizieller Bericht sein über das, was wir während unserer Entsatz-Mission, die durch die Verhältnisse in eine Rettungsmission umgewandelt wurde, erlebt und erduldet haben. Sie wollen den Bericht als eine wahrhafte Schilderung der Märsche der Expedition betrachten, deren Führung Sie und das Komitee mir anvertraut haben.
Ich bedauere, dass ich nicht imstande gewesen bin, alles das zu erfüllen, was auszuführen ich vor Begier brannte, als ich im Januar 1887 von England abreiste. Allein der vollständige Zusammenbruch der Regierung von Äquatoria bürdete uns die Pflicht auf, so viele alte und kranke Leute in Hängematten zu befördern und so viele hilflose und entkräftete Menschen zu beschützen, dass wir aus einem kleinen kampfbereiten Corps erprobter Männer in eine reine Hospitalkolonne umgewandelt wurden, welcher tatkräftige Abenteuer versagt waren. Der Gouverneur selbst, halb erblindet, besaß viel Gepäck; Casati war schwächlich und musste getragen werden, und 90 Prozent des Gefolges waren bald nach unserm Aufbruch wegen Alters, Krankheit, Schwäche oder großer Jugend kaum imstande zu marschieren. Ohne unsere, den Zweck der Expedition bildende, unverletzliche Aufgabe, Hilfe zu leisten, zu opfern, konnten wir weder nach rechts noch links von der allerdirektesten Route nach der See abweichen.
Sie haben während Ihres langen und abwechslungsreichen Lebens standhaft an den Gott der Christen geglaubt und öffentlich Ihre inbrünstige Dankbarkeit für die Ihnen zuteil gewordenen vielen Gnadenbeweise ausgesprochen, und Sie werden daher besser als viele andere das Gefühl verstehen, welches mich beseelt, nun ich mich, ohne Schaden an Leben und Gesundheit genommen zu haben, wieder inmitten der Zivilisation befinde, nachdem ich so stürmische und kummervolle Zeiten durchgemacht habe. Als ich in der dunkelsten Stunde gezwungen war, demütig einzugestehen, dass ich ohne Gottes Hilfe verloren sei, da tat ich in der Waldeinsamkeit das Gelübde, dass ich seine Hilfe vor den Menschen bekennen wolle. Rund um mich herum herrschte Todesstille; es war Mitternacht; ich war durch Krankheit geschwächt, lag vor Erschöpfung darnieder und quälte mich mit Sorgen um meine weißen und schwarzen Gefährten, deren Schicksal für mich damals ein Geheimnis war. In dieser physischen und geistigen Not flehte ich zu Gott, dass er mir meine Leute zurückgeben möge. Neun Stunden später frohlockten wir in höchster Freude. Vor uns allen zeigte sich die rote Flagge mit dem Halbmond und unter ihren wehenden Falten die lange vermisste Nachhut.
Alsdann waren wir, nachdem wir Erfahrungen gemacht hatten, deren gleichen es in den Annalen sämtlicher afrikanischen Reisen nicht gibt, aus dem Walde in das offene Land hinausgetreten. Wir näherten uns der Gegend, wo der Gouverneur, unser Ideal, belagert sein sollte. Alles, was wir von den durch unsere Patrouillen gefangen genommenen Eingeborenen hörten, bereitete uns auf verzweifelte Kämpfe mit großen Scharen vor, über deren Stärke und Eigenschaften uns niemand verlässliche Mitteilungen machen konnte. Als dann die Bevölkerung von Undussuma in Myriaden von den Hügeln herabschwärmte und die Täler von Kriegern lebendig geworden zu sein schienen, da glaubten wir in unserer vollständigen Unwissenheit bezüglich ihres Charakters und ihrer Stärke tatsächlich, dass wir diejenigen vor uns hätten, welche den Pascha im Westen umzingelt hatten. Wenn er mit seinen 4.000 Soldaten um Hilfe bat, was konnten wir dann mit 173 Mann ausrichten? Am Abend vorher hatte ich die Ermahnung Mosis an Josua gelesen. War es nun die Nachwirkung dieser kraftvollen Worte, oder war es eine Stimme, ich weiß es nicht, doch glaubte ich zu hören: „Sei stark und guten Mutes; fürchte dich nicht und habe keine Furcht vor ihnen, denn der Herr dein Gott ist bei dir; er wird dich nicht verlassen.“ Als Masamboni am nächsten Tage den Befehl erteilte, uns anzugreifen und zu vernichten, gab es keinen einzigen Feigling im Lager, während wir am Abend vorher, als wir vier unserer Leute vor einem einzigen Eingeborenen fliehen sahen, voller Bitterkeit ausgerufen hatten: „Und das sind die Wichte, mit denen wir bis zum Pascha dringen müssen!“
Und ferner. In der Nähe des Zusammenflusses des Ihuru und des Dui hatten wir im Dezember 1888 150 unserer besten und stärksten Leute ausgesandt, um Lebensmittel aufzusuchen. Dieselben waren schon viele Tage länger fort, als sie hätten sein sollen, und inzwischen befanden sich 130 Männer, außer den Knaben und Frauen, dem Verhungern nahe. Um den Tod solange wie möglich fernzuhalten, bekamen sie täglich eine Tasse warmer, dünner Brühe, welche aus Butter, Milch und Wasser hergestellt war. Als die Lebensmittel derart auf die Neige gegangen waren, dass nur noch so viel übrig war, um 13 Mann zehn Tage lang mit der dünnen Brühe und vier kleinen Stücken Zwieback täglich zu versehen, wurde es für mich zur Notwendigkeit, die vermissten Leute aufzusuchen. Möglicherweise waren dieselben, weil sie keinen Führer hatten, sorglos gewesen und wurden von einer überwältigenden Menge der bösartigen Zwerge belagert. Mein Gefolge bestand aus 66 Mann, einigen Weibern und Kindern, welche, tatkräftiger als die übrigen, die dünne Flüssigkeit mit den Beeren des Phrynium und des Amomum, sowie mit an feuchten Stellen entdeckten Schwämmen verbessert hatten und deshalb noch ein wenig Kraft besaßen, obwohl die armen Burschen fürchterlich abgemagert waren. 51 Mann nebst Knaben und Weibern waren vor Erschöpfung und Krankheit dermaßen entkräftet, dass keine Hoffnung war, sie am Leben zu erhalten, wenn nicht innerhalb weniger Stunden Lebensmittel eintrafen. Mein weißer Gefährte und 13 Mann hatten die Gewissheit, genügend Nahrung zu besitzen, um den Kampf gegen einen peinvollen Tod noch zehn Tage in die Länge zu ziehen; wir, die wir zur Aufsuchung der Vermissten bestimmt waren, besaßen nichts. Wir konnten uns von Beeren ernähren, bis wir vielleicht eine Pflanzung zu erreichen vermochten. Auf dem Marsche kamen wir im Laufe des Nachmittags an mehreren Leichen in verschiedenen Stadien der Verwesung vorüber, und der Anblick der dem Tode Geweihten, der Sterbenden und Toten rief in meinen Nerven ein solches Gefühl der Schwäche hervor, dass ich derselben fast erlag. Jeder im Lager war durch Mutlosigkeit und Leiden gelähmt, die Verzweiflung hatte alle stumm gemacht und kein Laut unterbrach das Todesbrüten. Es war eine Gnade für mich, dass ich kein vorwurfsvolles Murren hörte, kein Zeichen des Tadels bemerkte. Ich fühlte aufs tiefste die Schrecknisse der Stille von Wald und Nacht. Schlaf war unmöglich. Meine Gedanken verweilten bei dem wiederholten Ungehorsam, welcher so viel Elend und Sorge verursacht hatte. Halsstarrige, aufrührerische, unverbesserliche menschliche Natur, die stets ihr tierisches, brutales Wesen zeigt – mögen die Elenden für ewige Zeiten verdammt sein! Ihre vollständige Gedankenlosigkeit, ihre Vergesslichkeit und das fortwährende Nichthalten von Versprechen töten mehr Menschen und verursachen mehr Elend, als das Gift der Wurfspieße, die Widerhaken und Spitzen der Pfeile. Wenn ich sie treffe, werde ich… – Aber ehe ich den Entschluss gefasst hatte, tauchten in meiner Erinnerung die Leichen am Wege, die dem Tode Geweihten im Lager und die Verhungernden in meiner Nähe auf, und ich dachte an die 150 Mann, die in dem unbarmherzigen Walde rettungslos verirrt oder ohne Hoffnung auf Rettung von Wilden umzingelt waren. Wundert es Sie, dass die natürliche Verbitterung des Herzens sich milderte und dass ich wiederum meine Sache Ihm empfahl, der uns allein helfen konnte? – Am nächsten Morgen, kaum eine halbe Stunde nach dem Aufbruche, trafen wir die Fouragierer wohlbehalten, gesund, kräftig und mit vier Tonnen Paradiesfeigen beladen. Sie können sich denken, welches Freudengeschrei diese wilden Kinder der Natur ausstießen, wie dieselben sich auf die Früchte stürzten, wie rasch sie die Feuer anzündeten, um zu rösten, zu kochen und zu backen, und wie schnell wir, nachdem sie sämtlich gesättigt waren, nach dem Lager zurückeilten, um auch die bei Herrn Bonny zurückgebliebenen Unglücklichen zu erfreuen!
Wenn ich die vielen schrecklichen Episoden im Geiste vorüberziehen lasse und über die wunderbare Rettung vor vollständiger Vernichtung nachdenke, welche uns während der verschiedenen Hin- und Hermärsche durch den dunkeln, ungeheuren Urwald bedroht hat, so bin ich außer Stande, unsere Errettung einer anderen Ursache zuzuschreiben, als der gnadenreichen Vorsehung, welche uns zu ihren eigenen Zwecken beschützt hat. Die gesamte Kriegsmacht Europas würde in der schrecklichen Not, in welcher wir in jenem Lager zwischen dem Dui und Ihuru uns befanden, uns keine Hilfe haben leisten können; eine Armee von Forschungsreisenden hätte, wenn wir bei dem letzten Kampfe umgekommen wären, unsere Spur bis zu dem Schauplatz desselben nicht verfolgen können, denn wir würden sicherlich tief, bis zur vollsten Vergessenheit tief unter dem Humus der weglosen Wildnis begraben gewesen sein.
In diesem demütigen und dankbaren Gefühle beginne ich die Schilderung des Verlaufs der Expedition von ihrem ersten Entwurf durch Sie bis zu dem Tage, als der Indische Ozean, so klar und blau wie der Himmel, sich zu unseren Füßen ausdehnte und wir mit Recht ausrufen konnten: „Es ist zu Ende!“
Ich habe niedergeschrieben, was das Publikum erfahren sollte, doch gibt es viele Dinge, welche murrende, zynische, ungläubige und gemeine Menschen nicht zu wissen brauchen. Ich schreibe für Sie und Ihre Freunde und für diejenigen, welche mehr Licht über das dunkelste Afrika wünschen, sowie für diejenigen, welche Interesse an allem nehmen, was die Menschheit berührt.
Mein Glaubensbekenntnis war, ist und wird, wie ich hoffe, auch bleiben: für das Beste zu wirken, den richtigen Gedanken zu fassen und das richtige Wort zu sprechen, soweit gute Beweggründe dies gestatten. Wenn mir eine Mission anvertraut wird, wenn mein Gewissen dieselbe als edel und recht billigt und ich das Versprechen gegeben habe, sie nach meinen besten Kräften dem Buchstaben und dem Sinne nach zur Ausführung zu bringen, dann trage ich ein Gesetz in mir, dem zu gehorchen ich gezwungen bin. Und wenn meine Gefährten mir durch ihr Benehmen und ihre Taten den Beweis liefern, dass dieses Gesetz für sie ebenso zwingend ist, dann erkenne ich sie als meine Brüder an. Es macht mir daher ein unbeschreibliches Vergnügen, die unschätzbaren Dienste meiner Freunde Stairs, Jephson, Nelson und Parke zu bezeugen, vier Männer, die sich ihren verschiedenen Pflichten in so vollkommener Weise gewidmet haben, als die menschliche Natur überhaupt dessen fähig ist. Da man einem Menschen einen Nachruf eigentlich erst schreiben kann, wenn er in seinem Grabe ruht, habe ich es während der Reise selten versucht ihnen zu sagen, wie hoch ich den stets bereiten Gehorsam schätzte, welchen Stairs bewies, den Ernst, welcher Jephson bei der Arbeit auszeichnete, den tapferen, soldatischen Charakter Nelson's und die zarte, sorgsame Liebe, welche unser Arzt seinen leidenden Patienten zuteilwerden ließ. Jetzt aber, nun die beschwerlichen Märsche vorüber sind und sie ohne Murren die ganze lange Zeit hindurch geduldet und gearbeitet haben, fühle ich, dass meine Worte zu arm sind, um die dauernden Verpflichtungen, die ich gegen einen jeden von ihnen habe, vollständig auszudrücken.
Dass jeder derjenigen, welche gefallen sind oder wegen Krankheit oder wegen eines Unfalls zurückgesandt wurden, solange er sich in meiner Gesellschaft befand, vollständig fähig zu sein schien, den höchsten Erwartungen zu entsprechen, gebe ich mit Vergnügen zu. Ich habe niemals an irgendeinem von ihnen gezweifelt, bis Herr Bonny mir die traurige Geschichte von der Nachhut vortrug. Während ich positive Beweise dafür besitze, dass Major Barttelot und Herr Jameson während des monatelangen Aufenthalts in Jambuja von Pflichteifer und Tatenlust durchdrungen waren, habe ich mich vergeblich bemüht, festzustellen, weshalb sie nicht ihrer schriftlichen Instruktion gemäß vordrangen, oder weshalb die Herren Ward, Troup und Bonny nicht den Vorschlag machten, in kleinen Märschen vorwärts zu marschieren, anstatt in Jambuja wie die 100 gestorbenen Leute zu verkommen, wozu offenbar Gefahr vorhanden war. Auf diese einfache Frage gibt es keine Antwort. Ihre acht Reisen nach den Stanley-Fällen und Kasongo belaufen sich insgesamt auf über 1.900 km; ihre Tagebücher, Logbücher und Briefe enthalten zahlreiche Beweise, dass sie die Elemente des Erfolgs in sich trugen. Ich vermag nicht zu verstehen, weshalb die fünf Offiziere, welche die Mittel zum Vordringen besaßen, eingestandenermaßen begierig waren den Marsch anzutreten und vom höchsten Mute beseelt waren, sich nicht auf unserer Route fortbewegten, wie es ihnen befohlen war; oder weshalb die Offiziere, obwohl sie immer noch glaubten, dass ich noch am Leben sei, mein Privatgepäck den Fluss hinabschickten und ihren Oberbefehlshaber in einen Zustand der Not versetzten; oder weshalb sie den europäischen Proviant in Konservenbüchsen und zwei Dutzend Flaschen Madeirawein flussabwärts sandten, während sich 33 kranke und hungrige Leute im Lager befanden; oder weshalb Herr Bonny gestattete, dass seine eigenen Rationen während seiner Anwesenheit fortgesandt wurden; oder weshalb Herr Ward mit einer Depesche flussabwärts geschickt und ihm auch noch ein Befehl nachgesandt wurde, der seine Rückkehr zur Expedition verhindern sollte. Das sind einige der Fragen, welche mir rätselhaft sind und für die ich befriedigende Lösungen nicht habe erhalten können. Hätte mir irgend sonst jemand mitgeteilt, dass solche Dinge sich ereignet hätten, ich würde dieselben bezweifelt haben, aber ich schöpfe meine Kenntnis einzig und allein aus dem offiziellen Berichte des Majors Barttelot (vgl. Anhang). Das Telegramm, welches Herr Ward nach der See hinabbrachte, verlangte von dem Komitee in London Instruktionen. Die Herren in London erwiderten jedoch: „Wir verweisen Sie auf das Instruktionsschreiben des Herrn Stanley“. Es wird jedem verständlich sein, dass hier ein Geheimnis vorliegt, für welches ich keine vernünftige Lösung finden kann; möge jeder Leser dieser Erzählung sich deshalb seine eigene Meinung bilden, das Ganze aber in milder Weise beurteilen.
Nach der Auffindung des Herrn Bonny in Banalja hatte ich häufig Gelegenheit, ihm gegenüber zu bemerken, dass seine Bereitwilligkeit und Ergebenheit nicht hinter derjenigen der übrigen zurückstehe, und was Tapferkeit anbelangt, so glaube ich, dass er davon so viel besaß wie der tapferste der anderen. Ich habe nie Ursache gehabt, wegen der Ausführung einer ihm übertragenen Arbeit unzufrieden zu sein, und da er von Banalja bis zum Indischen Ozean sich bei uns stets in vorzüglicher Weise geführt und den vollständigsten und respektvollsten Gehorsam bewiesen hat, so verschleiert sich das Geheimnis des Lebens in Jambuja noch mehr, denn mit 2.000 Soldaten wie Bonny, unter einem tüchtigen Führer, könnte man den ganzen Sudan unterwerfen, beruhigen und regieren.

Teilnehmer der Rettungsexpedition, 1890, ganz rechts Artur Jephson
Bei Erwägung der Unglücksfälle der Nachhut darf man jedoch nicht außer Acht lassen, dass ich der festen Überzeugung bin, dass wenn es das Los Barttelot's oder Jameson's gewesen wäre, den Platz von Stairs oder Jephson einzunehmen und uns bei der Vorhut zu begleiten, sie sich in gleicher Weise ausgezeichnet haben würden; denn eine Gruppe von jungen Leuten, die wie diese zu jeder Zeit, bei Nacht und bei Tage, erpicht auf Arbeit sind und dieselbe so lieben, wie Barttelot, Jameson, Stairs, Nelson, Jephson und Parke, ist selten zu finden. Müsste ich nochmals die Gründung eines Staates in Afrika unternehmen, dann würden solch unermüdliche, wackere Charaktere für mich geradezu unschätzbar sein. Die Unglücksfälle der Nachhut waren die Folge des am 17. August gefassten Beschlusses, zu bleiben und auf mich zu warten, und des Zusammentreffens mit den Arabern am nächsten Tage.
Was in diesem Werke von Emin Pascha berichtet ist, wird, wie ich hoffe, dem hohen Begriffe von unserm Ideal nicht im geringsten Abbruch tun. Wenn die Wirklichkeit etwas von demselben abweicht, so kann ihm deshalb keine Schuld beigemessen werden. Solange seine Leute ihm treu waren, stand er hinter dem Ideal nicht zurück; als seine Soldaten sich empörten, hörte seine Brauchbarkeit als Gouverneur auf, gerade wie ein Kunsttischler, welcher Werkzeug besitzt, vorzügliche Holzarbeiten herstellen, ohne Werkzeug aber nichts ausrichten kann. Wenn der Pascha keine solche riesenhafte Gestalt besitzt, wie wir angenommen hatten, so kann er dafür gewiss nicht verantwortlich gemacht werden, ebenso wenig wie für sein unmilitärisches Äußere. Wenn der Pascha imstande gewesen war, seine Provinz fünf Jahre lang zu behaupten, so kann er gerechterweise nicht für die Woge des Wahnsinns und die Epidemie des Aufruhrs verantwortlich gemacht werden, welche seine bisher getreuen Soldaten in Rebellen verwandelte. Sie werden in dieser Erzählung zwei besondere Stellen finden, in denen der Pascha beide male mit der strengsten Unparteilichkeit geschildert wird; seine Unglücksfälle vermindern nicht unsere Hochachtung vor ihm, wenn wir auch mit dem Überfluss an dem ihn beseelenden Gefühl für so unwürdige Subjekte wie geschworene Rebellen nicht einverstanden sein mögen. Als Verwaltungsbeamter hat er die schönsten Eigenschaften bewiesen; er war gerecht, taktvoll, treu und mild und liebte die Eingeborenen, welche sich unter seinen Schutz gestellt hatten, und man kann keinen schöneren und besseren Beweis für die Hochachtung, welche seine Soldaten für ihn hegten, wünschen, als die Tatsache, dass er dem Rufe, den er sich durch seine Gerechtigkeit und Milde erworben hatte, sein Leben verdankt. Kurz, jede Stunde, welche er dem Schlafe abdarbte, war vor seiner endgültigen Absetzung irgendeinem nützlichen Zweck gewidmet, der geeignet sein konnte, seine Kenntnis zu vermehren, die Lage der Menschheit zu verbessern und der Zivilisation neues Feld zu erobern. Sie dürfen dies nicht vergessen und es selbst dann nicht außer Betracht lassen, wenn Sie lesen, welche Eindrücke wir von ihm erhalten haben.
Ich muss glauben, dass Herr Mounteney Jephson den höchst wohlwollenden Bericht über die Ereignisse während der Gefangennahme und Haft des Paschas und seiner selbst aus reiner Ergebenheit, Sympathie und Mitgefühl für seinen Freund geschrieben hat. In der Tat tritt das Wohlwollen und die Sympathie, welche er für den Pascha hegt, so offen zu Tage, dass ich ihn scherzweise beschuldige, entweder Mahdist, Arabist oder Eminist zu sein, während man eigentlich unwillig sein könnte, wenn man in eine Falle gelockt wird mit der Aussicht, ein Sklavenleben in Khartum zu führen! Als dem Pascha die Briefe des Herrn Jephson vorgelegt wurden, bestätigte er, wie Sie sehen werden, deren Inhalt. Spätere Beobachtungen haben die Wahrheit der von Herrn Jephson gemachten Bemerkung auch bewiesen, welcher sagte: „Das Gefühl ist der schlimmste Feind des Paschas; Emin hält hier nichts zurück, als Emin selbst“. Was ich an Jephson am meisten bewundere, ist der offenbare Konflikt in ihm zwischen seiner Pflicht mir gegenüber als mein Vertreter und seiner Freundschaft für den Pascha.
Während wir natürlich bedauern müssen, dass Emin Pascha auf seine Truppen nicht den erforderlichen Einfluss besaß, der ihren vollständigen Gehorsam, ihre Zuverlässigkeit und ihre Treue veranlasst hätte, sie folgsam gegen die Gesetze und Gebräuche der Zivilisation gemacht, sie gezwungen hätte, die Eingeborenen als Mitgeschöpfe zu achten und zu Wächtern und Beschützern des Friedens, des Eigentums zu machen, ohne welche es keine Zivilisation gibt, werden viele der Ansicht sein, dass, da der Gouverneur hierzu nicht imstande war, es vielleicht ganz gut sei, dass die Ereignisse den jetzigen Verlauf genommen haben. Den afrikanischen Eingeborenen kann man nicht die Lehre beibringen, dass die Zivilisation ein Segen ist, wenn man gleichzeitig gestattet, dass sie von einer zügellosen Soldateska nach Belieben unterdrückt, in menschenunwürdiger Weise behandelt, beraubt und in die Sklaverei getrieben werden! Die Gewohnheit, die Eingeborenen für nicht besser als heidnische „Abid“ oder Sklaven zu halten, datiert von Ibrahim Pascha und muss vollständig abgeschafft werden, ehe man außerhalb der Militärniederlassungen irgendetwas wird sehen können, was Ähnlichkeit mit der Zivilisation hat. Wenn jedes Getreidekorn, jedes Stück Geflügel, jede Ziege, jedes Schaf und jede Kuh, welche die Truppen brauchen, mit gutem Gelde oder dessen Wert in Notwendigen Waren bezahlt wird, dann wird der Einfluss der Zivilisation unüberwindlich sein und dann kann sogar die christliche Lehre eingeführt werden; ohne unparteiische Rechtspflege sind aber beide unmöglich, und sie werden sicherlich niemals zur Einführung gelangen, wenn die Rechtspflege von Raub begleitet wird oder ihn im Gefolge hat, wie es nach meiner Befürchtung im Sudan nur zu allgemein Brauch gewesen ist.
Diejenigen, welche die wahre Gerechtigkeit hochhalten, mögen einigen Trost finden in dem Gedanken, dass, bevor die Zivilisation in ihrer wahren und wirklichen Form in Äquatoria eingeführt wird, die Eingeborenen jetzt einige Zeit Ruhe und Frieden haben werden, und dass, wie auch das Land ausgesehen haben mag, doch alles mit Ausnahme einiger Orangen- und Zitronenbäume unter höheren, besseren und dauernderen Auspizien innerhalb eines Monats ersetzt werden kann.
Wenn ich während der Expedition meiner wirklichen Freundschaft und Ergebenheit für Sie und meine Freunde vom Emin-Entsatz-Komitee nicht genügend Ausdruck gegeben habe, so schreiben Sie dies, bitte, dem Mangel an Gelegenheit und der Macht der Verhältnisse zu, nicht aber einer Lauheit und Unaufrichtigkeit meinerseits. Wenn Sie und meine Freunde aber etwa überzeugt sind, dass ich, soweit es in meiner Macht lag, die mir anvertraute Mission getreulich und loyal in demselben Sinne und zu demselben Zwecke erfüllt habe, wie Sie selbst es getan haben würden, wenn Sie physisch und moralisch imstande gewesen wären, uns zu begleiten, dann bin ich in der Tat zufrieden, und das höchste Lob würde meiner Ansicht nach nicht der einfachen Anerkennung gleichkommen, welche in den Worten liegen würde: „Es ist gut gemacht.“
Mein lieber Sir William, ein nobles, edelmütiges und treues Herz, wie das Ihrige, zu lieben, ist nur natürlich. Nehmen Sie die Versicherung meiner Liebe entgegen, die ich Ihnen seit langer Zeit voll und ganz zu eigen gegeben habe.
Henry M. Stanley.
Herrn Baron Sir William Mackinnon,
von Balinakill und Loup,
Grafschaft Argyleshire,
Vorsitzendem des Emin-Pascha-Entsatz-Komitee etc.

William Mackinnon (Mitte) mit HM Stanley und F. de Winton
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Erstes Kapitel – Einleitung
Erstes Kapitel – Einleitung
Der Khedive und der Sudan. – Arabi Pascha. – Hicks Pascha's Niederlage. – Der Mahdi. – Sir Evelyn Baring und Lord Granville über den Sudan. – Valentine Baker Pascha. – General Gordon, seine Tätigkeit im oberen Sudan. – Eduard Schnitzer (oder Emin Effendi Hakim) und seine Provinz. – General Gordon in Khartum und Bericht über die Expedition im Jahre 1884 unter Lord Wohlseley. – A. M. Mackay, der Missionar in Uganda. – Briefe von Emin Bey an Mackay, C. H. Allen und Dr. R. W. Felkin, seine Provinz betreffend. – F. Holmwood's und A. M. Mackay's Ansichten über den geplanten Entsatz Emins. – Vorgeschlagene Marschrouten für die Expedition zum Entsatze Emins. – Sir William Mackinnon und J. F. Hutton. – Der Entsatz-Fonds und Einzelheiten über die Vorbereitungen zur Expedition. – Oberst Sir Francis de Winton. – Auswahl der Offiziere für die Expedition. – König Leopold und die Kongo-Route. – Abreise nach Ägypten.
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Nur ein Carlyle, der in seiner reifsten Periode die Schrecknisse der fürchterlichen Französischen Revolution in düsteren Farben beschrieb, kann der langen Reihe von Unglücksfällen, welche die Verbindung zwischen England und Ägypten im Gefolge gehabt hat, gerecht werden. Es ist dies vom Anfang bis zum Ende ein so schreckliches Thema, dass Engländer vermeiden, es zu berühren. Diejenigen, welche irgendetwas bezüglich dieser Schrecknisse geschrieben haben, beschränken sich auf rein historische Darstellung. Niemand kann sie durchlesen, ohne über die Gefahren zu schaudern, welche England und die Engländer während dieser Periode jämmerlicher Missverwaltung bedroht haben. Nach dem ägyptischen Feldzuge gibt es in monatelanger beängstigender Dunkelheit nur einen hellen Sonnenstrahl, und das ist derjenige, welcher die Unsterblichen von Abu-Klea und Gubat trifft, wo jene kleine Truppe heldenmütiger Engländer auf dem todbringenden Wüstensande Schulter an Schulter kämpfte und einen Ruhm erwarb, der demjenigen gleichkommt, welchen sich die Leichte Brigade bei Balaklawa gewinnen musste. Das waren in der Tat Kämpfe, welche eine Reihe von Fehlern, wie man in einem Jahrhundert der Geschichte ihresgleichen nicht findet, zum großen Teile wieder gutmachen. Wenn diejenigen, welche für die Folge der Ereignisse verantwortlich sind, nur einen Teil des bei Abu-Klea gezeigten zweckbewussten, ernsten Willens bewiesen hätten, dann würde der Mahdi bald eine groteske Figur zur Verzierung eines Bilderbogens oder zur Verstärkung einer sprichwörtlichen Redensart geworden sein, nicht aber die fürchterliche Schreckensfigur der neuesten Zeit, deren Gegenwart jede Spur von Zivilisation im Sudan zu Asche zerstört hat.
Um eine passende, aber kurze Einleitung zu dem wesentlichen Gegenstande dieses Werkes zu haben, muss ich Notwendigerweise die Ereignisse flüchtig berühren, welche den letzten am Leben befindlichen Statthalter Gordon's veranlasst haben, aus seiner harten Bedrängnis in der Nähe des Äquators um Hilfe zu rufen.
Dem kühnen Projekte des Khedive Ismail verdanken wir im Grunde all das, was Ägypten und den Sudan betroffen hat.
Er unternahm mit 5 Millionen Untertanen und einem sich rasch leerenden Staatsschatze die Erweiterung des ägyptischen Khediviats zu einem ungeheuren ägyptischen Reiche, dessen Gesamtflächenraum ein Areal von über 2½ Millionen Quadratkilometer umfasst, und von dem Leuchtturme von Alexandrien bis zum Südende des Albert-Sees, und von Massaua bis zur Westgrenze von Darfur reicht.

Khedive Ismail
In seiner Hauptstadt fanden sich Abenteurer aus Europa und Amerika ein, welche die wahnsinnigsten Pläne machten und sich als Leiter der wildesten Unternehmungen anboten. Die ruhige Zeit, als die ägyptische Herrschaft bei Gondokoro aufhörte und der Nil die natürliche Straße für den Verkehr bildete, der durch den sanften Druck der langsamen Entwickelung entstand, war zu Ende, als Kapitän Speke, Grant und Sir Samuel Baker ihre enthusiastischen Berichte mitbrachten von prächtigen Seen und Gegenden, die an Fruchtbarkeit und Produktivität ihresgleichen nicht hatten. Die Beendigung des amerikanischen Bürgerkrieges drängte zahllose Offiziere aus ihrer Tätigkeit, und viele von ihnen strömten nach Ägypten, um dem modernen Pharao ihr Genie zur Verfügung zu stellen und seine großartigen Träume von einem Reiche zu verwirklichen. Ebenso erschienen auch Engländer, Deutsche und Italiener, um an den Ehren, mit welchen die Kühnen und Tapferen überschüttet wurden, teilzunehmen.
Wenn ich die Annalen dieser Periode sorgfältig und leidenschaftslos durchlese und dabei die weitausschauenden Ideen des Khedive, seinen Enthusiasmus, die fürstliche Freigebigkeit in seinen Belohnungen, seine militärischen Taten, die plötzliche Ausdehnung seiner Macht und die stetige Erweiterung seiner Herrschaft nach Süden, Westen und Osten bewundere, stößt mir die überraschende Tatsache auf, dass sein Erfolg als Eroberer in Afrika sich mit dem Alexanders in Asien vergleichen lässt, nur mit dem Unterschiede, dass Alexander seine Armeen persönlich anführte, während der Khedive Ismail den Luxus seiner Paläste in Kairo vorzog und die Führung der Kriege seinen Paschas und Beys überließ.
Dem Khedive erscheint die von ihm eingeschlagene Eroberungslaufbahn als eine edle; die europäische Presse zollt ihm Beifall; es verlautet von so vielen Dingen von großartiger Wichtigkeit für die Zivilisation, dass sie ihm zu Ehren Lob- und Triumphlieder singt; die beiden Meere sind vereinigt und die Handelsflotten ankern in stattlichen Reihen im Schifffahrtskanal; nach Süden werden die Eisenbahnen ausgedehnt, und man prophezeit, dass eine Linie bis nach Berber reichen wird.

Port Said um 1880
Allein während dieser ganzen herrlichen Zeit scheint man die Bevölkerung des neuen Reiches nicht einmal der Beachtung Wert gehalten zu haben, außer als Steuerobjekt und Hilfsmittel, den Staatsschatz zu füllen. Die Steuern sind höher als je; die Paschas werden geldgieriger, die Gesetze schärfer, der Elfenbeinhandel wird monopolisiert, und schließlich wird, um die bereits wachsende Unzufriedenheit noch weiter zu vermehren, im ganzen Gebiet, wo die ägyptische Autorität Geltung hat, der Sklavenhandel verboten. Im Laufe von fünf Jahren hat Sir Samuel Baker die Äquatorialprovinz, Munzinger Sennar erobert, Darfur ist annektiert und Bahr-el-Ghasal nach fürchterlicher Vergeudung von Menschenleben unterworfen. Die bei allen diesen Großmacht-Projekten sich zeigende Kühnheit ist geradezu wunderbar, fast so wunderbar, wie der vollständige Mangel an gesundem Menschenverstand. An einer Gebietslinie von nahezu 1.300 km Länge befinden sich nur drei Militärstationen in einem Lande, welches, ausgenommen wenn der Nil hoch angeschwollen ist, nur Kamele als Beförderungsmittel zur Verfügung hat.

Im Jahre 1879 wurde der Khedive Ismail, der zu häufig Wechsel auf die europäischen Banken gezogen und die ägyptische Staatsschuld bis auf 128 Mill. Pfd. St. vermehrt hatte, sich aber die Beschränkungen nicht gefallen lassen wollte, welche ihm von den Mächten, deren Untertanen das so freigebig von ihm vergeudete Geld geliefert hatten, auferlegt werden sollte, abgesetzt und an seiner Stelle der gegenwärtige Khedive, sein Sohn Tewfik, zum Herrscher unter der Vormundschaft der Mächte erhoben. Kurze Zeit nachher entstand eine Militärrevolte, doch wurde dieselbe von einer 13.000 Mann starken englischen Armee unter Lord Wohlseley bei Kassassin, Tell-el-Kebir, Kairo und Kafr-ed-Dauar unterdrückt.
Während der kurzen Herrschaft Arabi Pascha's, des Führers der Militärrevolte, wurde viel Unheil dadurch verursacht, dass man die verfügbaren Truppen aus dem Sudan zurückzog. Während der englische General die Rebellentruppen bei Tell-el-Kebir schlug, marschierte der Mahdi Mohammed Achmet zur Einschließung von El Obeid; am 23. August wurde er bei Duem mit einem Verlust von 4.500 Mann angegriffen. Am 14. wurde er von der Besatzung von Obeid zurückgeschlagen, wie es heißt mit 10.000 Mann Verlust. Diese ungeheuren Verluste an Menschenleben, welche vom 11. August 1881, dem Tage, an dem der Mahdi es zuerst unternahm, die Bevölkerung des Sudan über die Schwäche der ägyptischen Macht zu belehren, sich beständig fortsetzten, wurden zum großen Teile durch Stämme, denen die vom Mahdi verkündete Religion gleichgültig war, die aber von den ägyptischen Beamten ausgeplündert, von der Regierung über alle Gebühr besteuert waren und verhindert wurden, Sklaven zu verkaufen, um die Mittel zur Bezahlung der Abgaben zu erhalten, sowie durch die Hunderte von Sklavenhändler-Karawanen verursacht, deren Verkehr Gordon und sein Statthalter Gessi Pascha durch die energische Unterdrückung des Sklavenhandels ein Ende gemacht hatten.
Vom 11. August 1881 bis zum 4. März 1883, als Hicks Pascha, ein früherer Offizier der indischen Armee, als Generalstabschef der Sudanarmee in Khartum eintraf, hatte Missgeschick aller Art die Regierungstruppen in fast ununterbrochener Reihe verfolgt; und inzwischen hatte die meuterische ägyptische Armee sich erhoben, war überwältigt und aufgelöst worden, worauf eine neue Armee unter Sir Evelyn Wood gebildet ward, die nicht über 6.000 Mann zählen sollte. Und dennoch beschließt Hicks Pascha, obwohl ihm die ungeheure Macht des Mahdi, der nahezu an Raserei grenzende Fanatismus in Verbindung mit dem seine Legionen beseelenden Hasse, sowie die Unzuverlässigkeit, die mangelnde Disziplin und die Feigheit seiner Truppen bekannt waren, während er die ägyptische Regierung um eine Verstärkung von 5.000 Mann oder von vier Bataillonen von der neuen Armee des Generals Wood bittet, Kordofan zu erobern und marschiert dem siegreichen Propheten entgegen, der mit seinen Horden noch über den kürzlich erfochtenen Sieg über Obeid und Bara triumphiert. Sein Stab und sogar die ihn begleitenden Zivilisten prophezeien Unglück, allein Hicks tritt seinen letzten Marsch mit einer Armee von 12.000 Mann, 10 Gebirgsgeschützen, 6 Nordenfelt-Kanonen, 5.500 Kamelen und 500 Pferden an. Jeder weiß, dass die Elemente der Schwäche in den Truppen selbst liegen, dass viele von den Soldaten Bauern sind, welche man von den ägyptischen Feldern weggeschleppt und in Ketten geworfen hat, dass andere sich zum Mahdismus bekennen, dass unter den Offizieren Uneinigkeit besteht und dass nichts in der richtigen Verfassung ist. Allein trotzdem marschieren sie auf Obeid los, stoßen mit den Legionen des Mahdi zusammen und werden vernichtet.
England dirigiert jetzt die Geschäfte Ägyptens mit Zustimmung des jungen Khedive, dem es bei der Besteigung auf den beinahe königlichen Thron behilflich gewesen ist und den zu schützen es ein Interesse hat. Englands Soldaten befinden sich in Ägypten, die neue ägyptische Armee steht unter dem Befehle eines englischen Generals, die Militärpolizei unter dem Kommando eines früheren englischen Kavallerieobersten; Englands diplomatischer Agent leitet die auswärtige Politik und die wichtigsten Staatsämter sind fast alle in den Händen von Engländern.
Der Sudan ist der Schauplatz der schrecklichsten und blutigsten Kämpfe zwischen den schlecht geführten Truppen der ägyptischen Regierung und den siegreichen Stämmen gewesen, welche sich unter dem heiligen Banner des Mahdi gesammelt haben, und wenn dem Vordringen des Propheten nicht bald kräftiger Widerstand geleistet wird, dann wird, wie viele Leute in England einsehen, dieses ungeheure Gebiet und das fruchtbare Becken des oberen Nils Ägypten verloren gehen, falls nicht Truppen und Gelder geschickt werden, um dies zu verhindern.

Nach der Ansicht des gesunden Menschenverstandes ist es klar, dass England, nachdem es die Leitung der Regierung und die Handhabung der Geschäfte Ägyptens übernommen hat, nicht umhin kann, sich über seine Politik bezüglich des Sudan zu erklären. Auf eine im englischen Parlament an den Premierminister gerichtete Frage, ob der Sudan als ein Teil von Ägypten betrachtet werde und, wenn dies der Fall, ob die englische Regierung Schritte tun werde, um die Ordnung daselbst wiederherzustellen, erwiderte Herr Gladstone, der Sudan sei in den Kreis der englischen Operationen nicht mit einbegriffen und die Regierung sei auch nicht geneigt, ihn in den Kreis der englischen Verantwortlichkeit einzuschließen. Als politische Erklärung kann gegen diese Antwort kein Vorwurf erhoben werden; sie bezeichnet die Gladstone'sche Politik, und als solche kann nichts gegen dieselbe gesagt werden; sie ist sein Prinzip, das Prinzip seiner Kollegen in der Regierung und seiner Partei, und als Prinzip verdient diese Erklärung Berücksichtigung.
Während das Schicksal des Generals Hicks Pascha und seiner Armee noch unbekannt ist, aber schon der unglückliche Ausgang befürchtet wird, schickt der politische Agent in Ägypten, Sir Evelyn Baring, der englischen Regierung wiederholt Warnungen und schlägt Mittel und Wege vor, um die Schlusskatastrophe zu verhüten.

Sir Evelyn Baring 1841 – 1917
„Wenn Hicks Pascha geschlagen wird, ist Khartum in Gefahr; durch den Fall von Khartum wird Ägypten bedroht.“

Khartum
Lord Granville erwidert während der Monate November und Dezember 1883 zu verschiedenen malen, die Regierung rate zur Räumung des Sudan innerhalb gewisser Grenzen; die ägyptische Regierung müsse die alleinige Verantwortung für alle Operationen außerhalb des eigentlichen Ägypten übernehmen; die englische Regierung beabsichtige nicht, englische oder indische Truppen im Sudan zu verwenden; unwirksame Anstrengungen seitens der ägyptischen Regierung zur Sicherung des Sudan würden die Gefahr nur vergrößern.
Sir Evelyn Baring Teilt darauf Lord Granville mit, dass keine Überredung und kein Argument die ägyptischen Minister veranlassen könne, die Politik der Räumung des Sudan zu akzeptieren. Ferner benachrichtigt der Premierminister Cherif Pascha Lord Granville, dass der Aussage Valentine Baker Pascha's zufolge die zur Verfügung stehenden Mittel durchaus unzureichend seien, um den Aufstand im Sudan niederzuwerfen.
Darauf erklärte Lord Granville durch Sir Evelyn Baring, es sei unerlässlich, dass, solange noch englische Soldaten Ägypten provisorisch besetzt hielten, dort der Rat der Minister Ihrer Majestät befolgt würde, und dass er auf der Annahme desselben bestehe. Nunmehr wurden die ägyptischen Minister gewechselt und am 10. Januar 1884 wurde Nubar Pascha Premierminister.
Am 17. Dezember 1883 reiste Valentine Baker von Ägypten nach Suakin ab, um die militärischen Operationen für die Aufrechterhaltung der Verbindung zwischen Suakin und Berber zu beginnen und die Beruhigung der Stämme in jener Gegend vorzunehmen. Während man in England absolut sicher war, dass die Truppen Baker's eine vernichtende Niederlage erleiden würden, und man dies auch in Ägypten befürchtete, scheint der General keine Gefahr geahnt oder, wenn dies doch der Fall war, mit derselben geliebäugelt zu haben. In der Befürchtung, dass ein Kampf für seine Truppen unheilvoll sein werde, schreibt der Khedive privatim an Baker Pascha: „Ich verlasse mich auf Ihre Klugheit und Tüchtigkeit und erwarte, dass Sie den Feind nur unter den günstigsten Verhältnissen angreifen.“ Baker besaß Klugheit und Tüchtigkeit im Überfluss; aber die Folge zeigte, dass es ihm in diesem Falle ebenso sehr an Klugheit und Urteilsfähigkeit fehlte, wie dem unglücklichen Hicks. Baker's Truppe bestand aus 3.746 Mann. Am 6. Februar 1884 verließ er Trinkitat an der Meeresküste in der Richtung auf Tokar; nach einem Marsche von 10 km stieß man auf die Vorhut der Rebellen, und bald nachher waren beide Armeen im Kampfe. Es heißt, „dass die Rebellen den Ägyptern die äußerste Verachtung gezeigt hätten, dass sie dieselben beim Genick packten und ihnen den Hals abschnitten, dass die Regierungstruppen, vor Furcht gelähmt, kehrt machten und sich lieber töten ließen, als den Versuch wagten, ihr Leben zu verteidigen; dass Hunderte ihre Waffen fortwarfen, niederknieten und mit erhobenen Händen um Gnade flehten“.
Die Gesamtzahl der Getöteten betrug 2.373 von 3.746. Herr Royle, der vorzügliche Geschichtsschreiber des ägyptischen Feldzuges, sagt: „Baker kannte die Zusammensetzung der von ihm befehligten Truppen oder hätte sie wenigstens kennen sollen; solche Leute in den Kampf zu führen, hieß einfach das Unglück heraufbeschwören.“ Was soll man dann von Hicks sagen?
Wir kommen jetzt zu General Gordon, der von 1874 bis 1876 im oberen Sudan auf den von Sir Samuel Baker begonnenen Linien tätig gewesen war, die Eingeborenen zu versöhnen, die Sklavenkarawanen zu vernichten, die Sklavenstationen zu zerstören und die ägyptische Herrschaft vermittelst einer Kette von Forts bis zum Albert-Njansa auszudehnen.

Sklavenkarawane
Nachdem er vier Monate außer Dienst gewesen war, wurde er zum Generalgouverneur des Sudan, von Darfur und der Äquatorialprovinzen ernannt. Unter anderen Personen, welche Gordon als Gouverneure der verschiedenen unter seiner vizeköniglichen Herrschaft stehenden Provinzen anstellte, befand sich auch Eduard Schnitzer, ein am 28. März 1840 in Oppeln in Schlesien geborener Deutscher, welcher im Gefolge von Ismail Hakki Pascha, des früheren Generalgouverneurs von Skutari und Muschir des Reiches, in der Türkei, Armenien, Syrien und Arabien Dienste getan hatte. Nach dem Tode seines Gönners begab Schnitzer sich nach Neiße, wo seine Mutter, Schwester und Verwandten lebten, und blieb dort einige Monate, bis er nach Ägypten reiste. Von dort ging er nach Khartum, und da er Medizin studiert hatte, wurde er von Gordon Pascha als Arzt angestellt. Er nahm den Namen Emin Effendi Hakim – der getreue Arzt – an, wurde als Lagerverwalter und Arzt nach Ladó gesandt, später in einer politischen Mission zu König Mtesa geschickt, dann nach Khartum zurückberufen, darauf mit einer ähnlichen Mission zu König Kabba-Rega von Unjoro gesandt und schließlich, 1878, zum Bey befördert und zum Gouverneur der Äquatorialprovinz Hatt-el-Estiva (Äquatoria) mit einem Gehalt von 50 Pfd. St. monatlich ernannt. Ein Steuermann eines Dampfers der Peninsular- und Oriental-Dampfschifffahrts-Gesellschaft, namens Lupton, wurde zum Gouverneur der an Äquatoria stoßenden Provinz Bahr-el-Ghasal erhoben.
Als Gordon im Jahre 1879 von der Absetzung Ismail's hörte, gab er sein hohes Amt dem neuen Khedize Tewfik zurück und teilte ihm mit, dass er nicht beabsichtige, dasselbe wieder anzunehmen.
Im Jahre 1880 übernahm er den Posten eines Sekretärs des Marquis von Ripon, legte ihn aber schon innerhalb eines Monats wieder nieder.
Im Jahre 1881 befindet er sich in Mauritius als Befehlshaber der königlichen Genietruppen; schon nach zwei Monaten gibt er diesen Posten wieder auf, um den Behörden am Cap der Guten Hoffnung in ihren Schwierigkeiten mit den Basuto zu Hilfe zu eilen, Indessen findet er schon nach kurzer Zeit, dass seine Ansichten mit denen der Capregierung nicht übereinstimmen, weshalb er den Dienst verlässt.
Inzwischen arbeitete ich am Kongo. Unsere Erfolge in jenem ungeheuren Gebiete des westlichen Afrika haben schwere Verantwortlichkeit in so ausgedehntem Maße gebracht, dass sie unkontrollierbar zu werden droht. Wenn ich den Unterkongo besuche, geraten die Geschäfte am Oberkongo in Unordnung; begebe ich mich an den Oberkongo, dann finden am Unterkongo Reibungen statt.


König Leopold II. von Belgien
Bei meinem regen Interesse an dem rasch sich zu einem Staate entwickelnden Gebiete schlug ich daher schon im September 1882 und dann nochmals im Frühjahr 1883 Sr. Majestät dem König Leopold vor, eine Persönlichkeit von Verdienst, Rang und Arbeitslust, wie General Gordon, zu meinem Assistenten zu ernennen. Derselbe sollte die Verwaltung entweder des oberen oder des unteren Kongo übernehmen, während ich in dem anderen Teil arbeitete, weil ungeheuer viel wertvolle Zeit mit dem Reisen flussauf- und abwärts von einem Gebiete zum anderen verloren ging und die jungen Befehlshaber der Stationen nur zu geneigt waren, meine Abwesenheit auszubeuten. Se. Majestät versprach mir, General Gordon um seine Mitwirkung zu bitten, doch lauteten die Antworten lange Zeit ungünstig.
Schließlich erhielt ich im Frühjahr 1884 einen Brief in der mir wohlbekannten Handschrift des Generals Gordon, der mir mitteilte, ich möge ihn mit dem nächsten Postdampfer erwarten.
Er scheint jedoch, gleich nachdem er sein Schreiben an mich zur Post gegeben und sich von Sr. Majestät verabschiedet hatte, von seinen Landsleuten mit Aufforderungen, der ägyptischen Regierung bei der Rettung der eingeschlossenen Garnison von Khartum vor dem ihr drohenden Schicksal Hilfe zu leisten, bestürmt worden zu sein. Persönlich weiß ich nichts von dem, was vorgefallen ist, als er von Lord Wohlseley Lord Granville vorgestellt wurde, ich habe aber erfahren, dass General Gordon die Überzeugung hegte, er könne die ihm anvertraute Mission durchführen. Bezüglich des Umfangs dieser Mission besteht ein ernstlicher Widerspruch. Die ägyptischen Behörden wünschten nur den Entsatz Khartums, und möglicherweise brauchte Lord Granville die Dienste Gordon's nur für diese humane Aufgabe, während alle übrigen Garnisonen ihrem Schicksal überlassen bleiben sollten, weil man die Befreiung derselben für unmöglich hielt. Die Blaubücher, welche die betreffenden offiziellen Noten enthalten, scheinen die Richtigkeit dieser Annahme zu bestätigen. Sicher ist jedoch, dass Lord Granville General Gordon angewiesen hat, nach Ägypten zu gehen und über die Lage des Sudan, sowie über die zu ergreifenden besten Mittel zur Sicherung der ägyptischen Garnisonen und zur Rettung der europäischen Bevölkerung in Khartum zu berichten. Außerdem sollte er noch weitere Aufgaben übernehmen, welche die ägyptische Regierung ihm etwa zu überweisen wünschte. Er sollte von Oberst Stewart begleitet werden.
Nach einer längeren Unterredung mit Sir Evelyn Baring erhält Gordon von diesem seine endgültigen Instruktionen namens der britischen Regierung.
Der Hauptinhalt derselben lautet wie folgt:
1) Sichern Sie den Rückzug der europäischen Bevölkerung von 10-15.000 Seelen und der Garnison von Khartum. Die Instruktionen 1 und 3 widersprechen sich einigermaßen, Khartum und der Sudan sind keine gleichbedeutenden Bezeichnungen, die Entfernung der Garnison von Khartum ist eine leichte Aufgabe, die Räumung des Sudan für eine einzelne Person aber eine Unmöglichkeit.
2) Sie wissen am besten, wann und wie dies zu bewirken ist.
3) Vergessen Sie nicht, dass der Hauptzweck (Ihrer Mission) die Räumung des Sudan ist.
4) Bemühen Sie sich, wenn Sie glauben, dass es geschehen kann, unter den Eingeborenenstämmen einen Bund herzustellen, welcher an die Stelle der ägyptischen Autorität tritt.
5) Beim Finanzdepartement ist Ihnen ein von 100.000 Pfd. St. eröffnet.
Es ist Gordon gelungen, den ägyptischen Ministern, welche vorher von einer Panik befallen waren und nur um die Räumung Khartums gefleht hatten, Vertrauen einzuflößen. Nachdem sie ihn gesehen und gehört haben, atmen sie freier und auf sein eigenes Verlangen belehnen sie ihn mit der General-Gouverneurschaft. Der ihm erteilte Ferman ermächtigt ihn, die betreffenden Gebiete (des Sudan) zu räumen, die Truppen, Zivilbeamten und sonstigen Einwohner, welche sich nach Ägypten zu begeben wünschen, zurückzuziehen und nach beendigter Räumung (die aber eine absolute Unmöglichkeit war) wenn tunlich eine organisierte Regierung einzurichten. Mit diesen Instruktionen war Lord Granville einverstanden.
Indessen meinte man, wie ich höre, dass er tun sollte, was er konnte, dass er alles Notwendige tun sollte, wenn es möglich war; konnte er nicht den ganzen Sudan räumen, so sollte dies ohne Zeitverlust nur mit Khartum geschehen. Dies ist jedoch bis zum 23. März 1884 ihm nicht offiziell mitgeteilt worden, und man weiß nicht, ob er das bezügliche Telegramm je erhalten hat. Dies ist die einzige klar ausgedrückte Depesche, welche ich in dem auf diese Periode bezüglichen Blaubuche gefunden habe.
General Gordon reiste am 26. Januar 1884 nach Khartum ab und traf am 18. des nächsten Monats in der genannten Stadt ein. Auf der Reise schickte er häufig telegraphische Depeschen ab, welche von Vertrauen überflossen, und Herr Konsul Power, der Korrespondent der „Times“, sandte seinem Blatte folgendes Telegramm: „Die Bevölkerung (von Khartum) ist General Gordon ergeben, der die Garnison retten und den Sudan – wie es Notwendigerweise geschehen muss – den Sudanesen für immer überlassen will.“
Die englische Presse, welche bezüglich der Chancen Valentine Baker Pascha's so weise gewesen war, befand sich ziemlich in derselben Lage wie die Bevölkerung von Khartum, d. h. sie war General Gordon ergeben und zuversichtlich in Bezug auf seinen Erfolg. Er hatte in China solche Wunder vollführt, hatte die Vernichtung des Sklavenhandels im Sudan so wirksam betrieben, hatte sich die Zuneigung der tückischen Sudanesen erworben, dass die Presse es für durchaus nicht unwahrscheinlich hielt, dass Gordon mit seinem weißen Stabe und sechs Dienern die dem Verderben geweihten Garnisonen von Sennar, Bahr-el-Ghasal und Äquatoria, insgesamt 29.000 Mann außer den Zivilbeamten, Frauen und Familien, retten und nach Erledigung dieser bei ihrer Unmöglichkeit mehr als herkulischen Aufgabe eine organisierte Regierung einrichten könnte.
Am 29. Februar telegraphiert Gordon: „Es ist nicht viel Aussicht auf Besserung, vielmehr wird jede Chance schlechter“, und am 2. März meldet er: „Bezüglich des Verbleibens in Khartum habe ich keine Wahl, sie ist meinen Händen entschlüpft.“ Am 16. März prophezeit er, dass „wir binnen kurzem blockiert sein werden“, und gegen Ende März telegraphiert er: „Wir haben Lebensmittel für fünf Monate und sind eingeschlossen.“
Offenbar hat ein ernstliches Missverständnis bei dem Entwurf der Instruktionen durch Sir Evelyn Baring und der Auslegung derselben durch General Gordon obgewaltet, denn letzterer spricht sich ersterem gegenüber folgendermaßen aus:
„Sie fordern mich auf, Ursache und Grund meiner Absicht, in Khartum zu bleiben, anzugeben. Ich bleibe in Khartum, weil die Araber uns eingeschlossen haben und uns nicht hinauslassen wollen.“
Inzwischen befürwortete die öffentliche Meinung bei der englischen Regierung dringend die Notwendigkeit, eine Expedition zur Befreiung des Generals Gordon aus Khartum auszusenden. Da Indessen zwischen General Gordon und Lord Granville vereinbart worden war, dass die Mission des erstem zu dem Zwecke unternommen werden solle, um die englischen Truppen im Sudan entbehrlich zu machen, und da die Regierung ferner ihre Politik dahin erklärt hatte, dass keine englischen oder indischen Truppen in jener Gegend verwendet werden sollten, so zögerte sie natürlich, die Forderung des Publikums zu erfüllen. Als jedoch das Geschrei immer mehr zunahm und das Parlament und das Publikum gemeinsam behaupteten, es sei die Pflicht des Landes, den tapferen Mann zu retten, der sich freiwillig bereit erklärt hatte, seinem Lande einen so wichtigen Dienst zu leisten, da erhob sich Herr Gladstone am 5. August im Hause der Gemeinen, um einen Kredit für die Operationen zum Entsatze Gordon's zu beantragen.
Es wurden zwei Wege vorgeschlagen, auf denen die Entsatz-Expedition sich Khartum nähern könne, der eine kürzere quer durch die Wüste von Suakin nach Berber und der andere auf dem Nil. Da Gordon der Nilroute den Vorzug gab, so wählte der die Entsatz-Expedition befehligende General diese letztere.
Am 18. September erlitt der Dampfer „ABBAS“, auf welchem Oberst Stewart, der Begleiter Gordon's, der „Times“-Korrespondent Power, der französische Konsul Herbin und eine Anzahl Griechen und Ägypter, insgesamt 44 Personen, sich befanden, bei dem Versuch, den Katarakt von Abu-Hammed zu passieren, in dem Wasserfalle Schiffbruch, worauf die am Lande befindlichen Araber die Schiffbrüchigen aufforderten, in Frieden zu landen, aber ohne Waffen. Stewart kam dieser Aufforderung nach; er, die beiden Konsuln (Power und Herbin) und Hassan Effendi begaben sich ans Land und traten in ein Haus, wo sie sofort ermordet wurden.
Am 17. November meldet Gordon an Lord Wohlseley, der sich damals in Wadi Halfa befand, dass er sich noch 40 Tage halten könne, die Mahdisten seien im Süden, Südwesten und Osten, aber nicht im Norden von Khartum.
Am Weihnachtstage 1884 war ein großer Teil der Expeditionstruppen in Korti versammelt, da der kommandierende General die Expedition so rasch hatte vordringen lassen, wie seine Energie und Geschicklichkeit dies möglich machten. Wahrscheinlich hat es noch nie eine so zahlreiche Schar gegeben, welche von so edlem Eifer und Streben beseelt war, wie diese unter Lord Wohlseley's Oberbefehl zum Entsatze des hochherzigen einsamen Engländers in Khartum ziehende.
Am 30. Dezember setzt sich ein Teil der Kolonne des Generals Herbert Stewart von Korti aus mit 2.099 Kamelen in der Richtung der Oase von Gakdul in Bewegung; in 46 Stunden 50 Minuten sind die Brunnen von Gakdul erreicht und 11 Stunden später tritt Sir Herbert Stewart mit sämtlichen Kamelen den Rückmarsch nach Korti an, wo er am 5. Januar eintrifft. Am 12. war Sir Herbert Stewart wieder in der Gakdul-Oase und am 13. 2 Uhr nachmittags wurde der Marsch in der Richtung auf Abu-Klea von neuem aufgenommen. Am 17. wurde die berühmte Schlacht von Abu-Klea geschlagen, welche zu einem schwer erkämpften Siege der englischen Truppen führte, die bei 1.800 Mann einen Verlust von 9 Offizieren und 65 Mann an Toten und 85 Verwundete hatten, während vom Feinde 1.100 Tote vor dem Karree lagen. Wären die 3.000 Engländer, welche den Nil hinauf gesandt waren, bei dieser tapferen kleinen Truppe gewesen, so würde der Feldzug wahrscheinlich ein einfacher Vormarsch der englischen Armee gewesen sein. Nach einer weiteren Schlacht am 19. in der Nähe von Metämmeh, wo von den Engländern 20 getötet und 60 verwundet wurden und der Feind 250 Mann verlor, wurde ein auf einer Kiesterrasse stehendes Dorf in der Nähe des Nils besetzt. Am 21. trafen vier dem General Gordon gehörende Dampfer ein, deren Befehlshaber berichtete, dass die Schiffe einige Wochen in der Nähe einer Insel gelegen und auf die Ankunft der britischen Kolonne gewartet hätten. Den 22. und 23. verwendete Sir Charles Wilson dazu, eine Rekognoszierung zu unternehmen, zwei Forts zu erbauen, die Bemannung der Dampfer auszuwechseln und Feuerungsmaterial herbeizuschaffen. Am 24. brachen zwei von den Dampfern, die nur 20 englische Soldaten an Bord hatten, nach Khartum auf. Am 26. kamen zwei Männer an Bord und berichteten, dass in Khartum gekämpft worden sei, und am 27. rief ein Mann am Flussufer, Khartum sei gefallen und Gordon getötet worden. Diese letzteren Nachrichten wurden am nächsten Tage von einem anderen Manne bestätigt.
Sir Charles Wilson fuhr dann weiter, bis seine Dampfer zur Zielscheibe der Geschütze von Omdurman und Khartum, sowie der in einer Entfernung von 75-200 m stehenden Büchsenschützen wurden, und kehrte erst um, als er die Überzeugung erlangt hatte, dass die traurige Meldung nur zu wahr sei. Er setzte dann mit voller Kraft die Fahrt stromabwärts fort, bis er Tamanieb erreichte, wo er für die Nacht haltmachte. Von dort aus sandte er zwei Boten aus, um Nachrichten zu sammeln; der eine behauptete bei der Rückkehr, dass er von einem Araber erfahren habe, Khartum sei in der Nacht des 26. Januar durch die Verräterei von Farag Pascha besetzt und Gordon getötet worden; der Mahdi sei am nächsten Tage in die Stadt gekommen, habe sich in eine Moschee begeben, um ein Dankgebet zu verrichten, und dann die Stadt wieder verlassen, nachdem er die Plünderung derselben für drei Tage gestattet habe.

Sir Charles Wilson – 1836 – 1905
In dem Berichte des Majors Kitchener findet man die Resultate der Einnahme von Khartum zusammengefasst. „Das Gemetzel in der Stadt dauerte sechs Stunden, wobei mindestens 4.000 Personen ermordet wurden. Die Baschi-Bosuks und meisten Regulären, 3.327 an der Zahl, und die Schaigia-Irregulären, 2.330 Mann, wurden, nachdem sie sich ergeben hatten und entwaffnet waren, fast sämtlich kalten Blutes niedergemetzelt.“ Die überlebenden Einwohner wurden aus der Stadt hinaus beordert, beim Passieren des Tores untersucht und dann nach Omdurman geführt, wo die Frauen an die Mahdistenhäuptlinge verteilt und die Männer ausgeplündert und fortgejagt wurden, um so gut wie möglich das Leben zu fristen. Ein griechischer Kaufmann, welcher aus Khartum entkam, behauptet, die Stadt sei von den Kaufleuten, welche mit dem Feinde Verbindungen anzuknüpfen wünschten, nicht aber von Farag Pascha verraten worden.
Darfur, Kordofan, Sennar, Bahr-el-Ghasal und Khartum waren in den Besitz des Feindes gelangt; bald folgte auch Kassala, und im Sudan war der ganzen Länge und Breite nach nur noch die Äquatorialprovinz übrig, deren Gouverneur Emin Bey Hakim – der getreue Arzt – war.
Wenn das englische Volk die Pflicht zu haben glaubte, seinen wackeren Landsmann und einen so tapferen, berühmten und klugen General wie Gordon zu retten, so musste es selbstverständlich auch ein reges Interesse an dem Schicksal des letzten der Gouverneure Gordon's nehmen, der durch seine kluge, dem Beispiel des Fabius Kunktator nachgebildete Politik dem Schicksal entgangen war, welches die Armeen und Garnisonen des Sudan betroffen hatte. Und wenn die Engländer ferner um die Rettung der Garnison von Khartum besorgt waren, so folgt daraus, dass sie auch um das Schicksal eines tapferen Offiziers und seiner kleinen Armee fern im Süden sich ebenfalls kümmern würden, und dass, wenn diesen mit nicht zu gewaltigen Kosten Hilfe geleistet werden könnte, keine Schwierigkeit vorhanden sein würde, um einen Fonds zur Erreichung des erwünschten Zweckes zusammenzubringen.
Am 16. November 1884 teilt Emin Bey dem in Uganda weilenden Missionar Herrn Mackay in einem in Ladó geschriebenen Briefe mit, „der Sudan sei der Schauplatz eines Aufstandes geworden; seit 19 Monaten sei er ohne Nachrichten aus Khartum, und er sei deshalb zu der Überzeugung gekommen, dass die Stadt von den Insurgenten genommen worden oder dass der Nil blockiert sei“. Aber er sagt:
Was die Wahrheit auch sein möge, teilen Sie gefälligst Ihren Freunden und durch sie der ägyptischen Regierung mit, dass wir bis zum heutigen Tage wohl sind und dass wir auszuhalten beabsichtigen, bis uns Hilfe erreicht oder bis wir untergehen.
Eine zweite Note Emin Bey's an denselben Missionar und vom gleichen Datum, wie die vorige, enthielt folgenden Passus:
Nachdem die Provinz Bahr-el-Ghasal verloren gegangen und der Gouverneur Lupton Bey nach Kordofan geschleppt worden ist, sind wir nicht mehr imstande, unserer Regierung mitzuteilen, was hier passiert. Seit 19 Monaten haben wir keine Verbindung mehr mit Khartum, sodass ich annehme, dass der Fluss blockiert ist.
Ich bitte Sie deshalb, der ägyptischen Regierung auf irgendeine Weise mitzuteilen, dass wir bis heute wohl sind, aber dringend Hilfe brauchen. Wir werden aushalten, bis wir diese Hilfe erhalten, oder untergehen.

Charles Herbert Allen – 1848 – 1934
An den Sekretär der Antisklaverei-Gesellschaft Herrn Charles H. Allen schreibt Emin Bey unterm 31. Dezember 1885 aus Wadelai wie folgt:
Schon seit dem Monat Mai 1883 sind wir von jeder Verbindung mit der Welt abgeschnitten. Von der Regierung vergessen und verlassen, sind wir gezwungen gewesen, aus der Not eine Tugend zu machen. Seit der Besetzung des Bahr-el-Ghasal sind wir heftig angegriffen worden, und ich weiß nicht, wie ich Ihnen die bewunderungswerte Ergebenheit meiner schwarzen Truppen während eines langen Krieges schildern soll, der ihnen mindestens keinen Vorteil gebracht hat. Obwohl es ihnen schon seit langer Zeit an den allernotwendigsten Dingen mangelt und sie keinen Sold erhalten haben, fochten meine Leute doch tapfer, und wenn der Hunger sie schließlich geschwächt hatte, wenn nach 19tägigen unglaublichen Entbehrungen und Leiden ihre Kraft erschöpft und das letzte Stück Leder des letzten Stiefels verzehrt war, dann bahnten sie sich noch einen Weg mitten durch die Feinde, und es gelang ihnen, sich in Sicherheit zu bringen. Sie haben alle diese Strapazen ohne den leisesten Hintergedanken ertragen, ja selbst ohne die Hoffnung auf eine nennenswerte Belohnung, und sich nur von ihrem Pflichtgefühl und dem Wunsche leiten lassen, den Feinden männliche Tapferkeit zu zeigen.
Das ist eine von edlem Mut und militärischer Tugend erfüllte Schilderung. Ich erinnere mich noch an den Eindruck, den dieser Brief auf mich und meine Freunde machte, als er von der „Times“ veröffentlicht wurde. Schon wenige Tage nach der Veröffentlichung begannen wir, über die Mittel und Wege zum Entsatz des Schreibers zu beraten.
Auch der folgende Brief machte einen großen Eindruck auf mich; derselbe ist am selben Tage, 31. Dezember 1885, geschrieben und an Dr. R. W. Felkin gerichtet.

Sie werden aus den Tagesblättern wahrscheinlich erfahren haben, dass der arme Lupton, nachdem er die Provinz Bahr-el-Ghasal so wacker behauptet hat, durch die Verräterei seiner eigenen Leute gezwungen worden ist, den Emissären des früheren Mahdi sich zu ergeben, und von denselben nach Kordofan geschleppt wurde.
Meine Provinz und mich selbst habe ich nur durch eine Kriegslist vor dem gleichen Schicksal bewahrt, allein schließlich wurde ich angegriffen; infolge dessen erlitt ich viele Verluste an Leuten und Munition, bis ich endlich den Rebellen bei Rimo, in Makraka, einen so schweren Schlag zufügte, dass sie gezwungen waren, mich in Ruhe zu lassen. Ehe dies aber geschah, teilten sie uns mit, dass Khartum im Januar 1885 gefallen und Gordon getötet worden sei.
Selbstverständlich bin ich auf Grund dieser Ereignisse gezwungen gewesen, unsere entfernteren Stationen zu räumen und die Soldaten nebst ihren Familien zurückzuziehen, immer noch in der Hoffnung, dass unsere Regierung uns Hilfe senden würde. Es scheint jedoch, dass ich mich in dieser Beziehung getäuscht habe, denn seit April 1885 habe ich keinerlei Nachrichten aus dem Norden erhalten.
Die Regierung in Khartum hat sich uns gegenüber nicht schön benommen. Ehe sie Faschoda räumte, hätte sie sich daran erinnern sollen, dass hier (in den Äquatorialprovinzen) Regierungsbeamte leben, welche ihre Pflicht erfüllt, aber nicht verdient haben, ohne weiteres ihrem Schicksal überlassen zu werden. Selbst wenn es die Absicht der Regierung war, uns unserm Schicksal zu überlassen, wäre das Wenigste, was hätte geschehen können, doch gewesen, uns unserer Pflicht zu entbinden; wir würden dann gewusst haben, dass man uns als wertlos betrachtet.

Jedenfalls war es für uns Notwendig, irgendein Mittel zum Entkommen zu suchen, und vor allen Dingen war es dringend erforderlich, Mitteilung von unserer Existenz nach Ägypten zu senden. Zu diesem Zwecke begab ich mich, nachdem ich die nötigen Vorbereitungen im Lande getroffen hatte, nach Süden und kam nach Wadelai.

Was meine Pläne für die Zukunft betrifft, so beabsichtige ich dies Land so lange wie möglich zu behaupten. Hoffentlich erhalte ich, wenn unsere Briefe in Ägypten eintreffen, in sieben oder acht Monaten über Khartum oder Sansibar Antwort. Wenn die ägyptische Regierung im Sudan noch existiert, erwarten wir selbstverständlich, dass sie uns Hilfe schickt. Ist der Sudan aber geräumt worden, dann werde ich alle meine Leute nach Süden führen. Ich werde sämtliche Beamten aus Ägypten und Khartum über Uganda oder Karagwe nach Sansibar schicken, selbst aber mit meinen schwarzen Truppen bei Kabba-Rega bleiben, bis die Regierung mir ihre Wünsche mitteilt.

Emin Pascha
Es ist also ganz klar, dass Emin Pascha damals beabsichtigte, sich der ägyptischen Beamten zu entledigen, während er selbst nur bleiben wollte, bis die ägyptische Regierung ihm von ihren Wünschen Mitteilung machte. Diese „Wünsche“ bestanden darin, dass er seine Provinz, weil die Regierung nicht imstande war, sie zu behaupten, räumen und die Eskorte benutzen möge, um Afrika zu verlassen.
In einem vom 6. Juli 1886 datierten Briefe an Herrn Mackay schreibt Emin:
Vor allen Dingen glauben Sie mir, dass ich keineswegs Eile habe, von hier aufzubrechen oder diese Länder, in denen ich jetzt zehn Jahre gearbeitet habe, zu verlassen.

Alle meine Leute, namentlich aber die Negertruppen, sind sehr stark gegen einen Marsch nach Süden und von dort nach Ägypten eingenommen und beabsichtigen hier zu bleiben, bis man sie nordwärts führt. Inzwischen werde ich, wenn uns keine Gefahr droht und unsere Munition noch einige Zeit aushält, Ihrem Rate folgen und hier bleiben, bis uns von irgendeiner Seite Hilfe naht. Unter allen Umständen können Sie aber sicher sein, dass wir Ihnen in Uganda keine Störungen verursachen werden.
Zu dem Marsch nach der Küste werde ich mich nur im Falle dringender Not entschließen. Außerdem stehen mir auch noch zwei weitere Routen offen, die eine von Kabba-Rega direkt nach Karagwe, die andere über Usongora nach den Stationen am Tanganjika. Hoffentlich werde ich jedoch weder die eine noch die andere einzuschlagen brauchen.

Meine Leute sind infolge der langen Verzögerung ungeduldig geworden und warten sehnsüchtig auf endliche Hilfe. Sehr wünschenswert wäre es auch, dass ein Kommissar von Europa hierher käme, entweder direkt auf der Massai-Route, oder von Karagwe durch das Land Kabba-Rega's, damit meine Leute sehen, dass man tatsächlich Interesse an ihnen nimmt. Ich würde alle Unkosten einer solchen Kommission mit Elfenbein bezahlen.
Wie ich nochmals wiederhole, ich bin bereit zu bleiben und diese Länder so lange wie ich kann zu behaupten, bis Hilfe kommt, und ich bitte Sie dringend, Ihr Mögliches zu tun, um die Ankunft der Hilfe zu beschleunigen.
Versichern Sie Muanga, dass er von mir und meinen Freunden nichts zu fürchten habe und ich als alter Freund Mtesa's nicht die Absicht hätte, ihn zu beunruhigen.

Die vorstehenden Briefe enthalten die Ansichten Emin Bey's und es geht daraus hervor, dass seine Leute treu sind, d. h. dass sie seinen Befehlen gehorchen, dass aber, nach dem Inhalt der Schreiben zu urteilen, außer den Ägyptern keiner von ihnen Neigung zeigt, nach Ägypten zurückzukehren. Gleichzeitig denkt er darüber nach, auf welchen Wegen ihm der Rückzug möglich ist; an einer Stelle schlägt er die Monbuttu-Route nach der Westküste vor, während er in den letzten Briefen auf den Weg durch das Massai-Land oder durch Unjoro und westlich von Uganda nach Usongora und von dort nach dem Tanganjika hinweist! Wenn seine schwarzen Truppen ihm nicht zu folgen beabsichtigten, war es ihm selbstverständlich nicht möglich, allein mit den ägyptischen Beamten und deren Familien diese Route einzuschlagen.
Aus den folgenden Briefen des Generalkonsuls F. Holmwood vom 25. und 27. September 1886 an Sir Evelyn Baring lassen sich die Ansichten des ersteren ersehen, der infolge seiner Stellung und Lokalkenntnis zur Erteilung von Rat in Bezug auf das, was betreffs des beabsichtigten Entsatzes geschehen könnte, durchaus kompetent ist.
In seinen Briefen an mich berichtet Emin nur über seine Lage bis zum 27. Februar 1886, an welchem Tage er beabsichtigte, seine Provinz in Abteilungen zu räumen, und zwar wollte er die erste derselben bei Schluss der Regenzeit gegen Ende Juni in Bewegung setzen; dagegen teilen sowohl Dr. Junker wie Herr Mackay mir mit, dass sie seitdem von Emin gehört hätten, der größere Teil der 4.000 loyalen ägyptischen Untertanen, welche während der ganzen Zeit Ägypten treu geblieben sind und ihn bei den beständigen Angriffen seitens der Anhänger des Mahdi und trotz der drohenden Gefahr des Verhungerns unterstützt haben, weigere sich, das Land zu verlassen; er habe sich deshalb entschlossen, wenn es ihm möglich sei, auf seinem Posten auszuharren und die ägyptischen Interessen noch weiter zu schützen, bis Hilfe eintreffe.

Wäre Uganda von diesem Tyrannen (Muanga) befreit, dann würde die Äquatorialprovinz, selbst wenn das gegenwärtige elementare Kommunikationssystem unverbessert bliebe, innerhalb acht Wochen mit der Post von Sansibar zu erreichen sein und ein sicheres Depot am Albert-Njansa eine Basis bieten, von der aus man alle weiteren Operationen unternehmen könnte, zu denen man sich etwa entschließen würde.
Dr. Junker berichtet, dass das Land östlich von den Ripon-Fällen (Diese Route würde durch das Massai-Land führen.) sich als unpassierbar erwiesen und Emin bei den Versuchen, eine Verbindung durch dasselbe herzustellen, viele Truppen verloren habe. Wenn dies wirklich der Fall ist, dann würde man auf der anderen Route, auf welcher Dr. Fischer Junker zu entsetzen versuchte, und die er, wie ich glaube, noch jetzt empfiehlt, ebenfalls nicht darauf rechnen können, Uganda und die von diesem abhängigen Gegenden im Osten zu umgehen, vielmehr würde der wohlbekannte Weg durch Uganda für eine Expedition von mäßiger Größe die einzige ausführbare Route sein.
Soweit ich, ohne eine besondere Berechnung aufzustellen, zu beurteilen imstande bin, würden 1.200 Träger das Minimum des Ausreichenden sein; außerdem wäre noch eine Begleitmannschaft von mindestens 600 wohlbewaffneten Eingeborenen nötig.
General Mathews, mit dem ich über die für die Sicherheit der Expedition erforderliche Truppe gesprochen habe, ist der Ansicht, dass meine Schätzung eine bei weitem zu niedrige sei, Indessen muss ich nach reiflicher Erwägung der Aussagen vieler in Uganda bekannter Leute an meiner Meinung Festhalten, dass 500 mit modernen Feuerwaffen ausgerüstete Soldaten unter Führung von erfahrenen Persönlichkeiten vollauf genügen würden, wenn sie durch Irreguläre ergänzt würden.

Sir Lloyd William Mathews
Ein amerikanischer Offizier von der Regierung des Khedize weist in einem Briefe an Herrn Portal darauf hin, dass durch die Araber aus Sansibar eine Verbindung mit Emin hergestellt werden könne, während es unmöglich sei, ihm Vorräte und Munition zu senden; vielleicht könnten die Araber für seinen Rückzug tätig sein, die sicherste Marschlinie führe ihn aber nach Westen, zum Kongo.
Herr Fred Holmwood schreibt in seiner vom 23. September 1886 datierten Note an das Auswärtige Amt: „Die Frage des Entsatzes Emins würde, wenn die drohende Haltung des Königs von Uganda nicht wäre, einzig und allein vom Kostenpunkt abhängen, der in Kairo erledigt werden könnte; unter den gegenwärtigen Verhältnissen kommen aber andere ernstliche Erwägungen in Betracht, welche der Regierung Ihrer Majestät vorgelegt werden müssen.
„Ich möchte hier auf den Bericht des Herrn Mackay aufmerksam machen, welcher sich in seinem Schreiben über die zweite Route nach Wadelai ausspricht, welche Dr. Fischer einzuschlagen suchte und, wie ich glaube, noch jetzt empfiehlt. Wenn die Behauptung des Herrn Mackay richtig ist, dann würde jeder Versuch, Uganda und die von demselben abhängigen Länder im Osten auf dieser noch unerforschten Linie zu umgehen, vermutlich fehlschlagen.“
Am 14. Mai 1886 schreibt Herr A. M. Mackay aus Uganda:
Aus dem Schreiben Dr. Junker's werden Sie erfahren haben, dass Emin Bey das Glück gehabt hat, die Loyalität der von ihm beherrschten Leute sich zu erhalten. Emin scheint das Geheimnis Gordon's, sich die Zuneigung seiner Untertanen zu erwerben, gelernt zu haben, und hat wacker bei ihnen ausgehalten. Darüber kann überhaupt kein Zweifel sein, dass wenn er den dringenden Wunsch gehabt hätte, fortzukommen, er mit einigen hundert seiner Soldaten leicht einen Vorstoß nach der Küste hätte machen können, entweder durch das Massai-Land oder hierher, ohne dass er Muanga (den König von Uganda) oder sonst jemand um Erlaubnis zu fragen brauchte. Er weiß, dass keine Truppenmacht hier imstande ist, ihn aufzuhalten. Tatsächlich hat er mir schon vor Jahren geschrieben, es würde ihm keine Mühe machen, dies elende Dorf zu stürmen und das Vieh fortzutreiben.
Aber was würde das Schicksal der Tausende von Leuten sein, welche am oberen Nil treu geblieben sind? Dr. Junker spricht von Tausenden. Sie wollen aus ihrem eigenen fruchtbaren Lande nicht fort und nach den Wüsten Oberägyptens gebracht werden.
Von allen Seiten wird zugestanden, dass Dr. Emin ein weiser und tüchtiger Gouverneur ist. Aber er kann nicht immer dort bleiben, wo er sich jetzt befindet, und ebenso wenig kann er sich selbst helfen, selbst wenn die Truppen des Mahdi ihn in Zukunft unbelästigt lassen. Unser Land, welches die Befreiung der Garnisonen des Sudan unternommen hat, sollte seine seltsame Lage berücksichtigen.

Das Verhalten Muanga's bezüglich der ihm gesandten Briefe für Dr. Emin ist so respektwidrig wie möglich gegen die britische Regierung gewesen, welche die Gesandten seines Vaters so freundlich aufgenommen hat. Wir baten ihn nur, die Briefe zunächst weiter zu befördern, bis er von Emin Mitteilung erhielte, ob er hierher zu kommen beabsichtige oder nicht, allein Muanga behielt das Packet vollständig zurück.
In einem Briefe vom 28. Juni 1886 an Sir John Kirk bemerkt Herr Mackay:
Die Schwierigkeiten Dr. Fischer's würden in Wirklichkeit auch erst hinter Kawirondo beginnen, da er dann das Land der gefürchteten Bakedi zu durchkreuzen hätte, und Dr. Junker erzählt mir, dass ganze Abteilungen von Dr. Emins Soldaten wiederholt von ihnen ermordet worden sind.
Wie erinnerlich sein wird, war Dr. Fischer von Dr. Junker's Bruder beauftragt worden, sich nach der Äquatorialprovinz zu begeben und den genannten Reisenden aufzusuchen; er hatte die Route an der Ostküste des Victoria-Sees gewählt und kehrte, nachdem er die Nordspitze des Sees erreicht hatte, nach der Küste zurück.
Herr Mackay fährt dann fort:
Dr. Junker befindet sich hier bei uns. Er überbrachte mir einen Brief von Emin Bey vom 27. Januar (1886). Emin beabsichtigte damals, seine Leute – etwa 4.000 – sofort in kleinen Abteilungen hierher zu schicken. Das würde eine verhängnisvolle Politik sein. Er bat mich auch, ihm entgegenzukommen, damit er zwei Dampfer mitbringen könne, die er sonst im Stiche lassen müsse. Einen derselben beabsichtigte er dem König, den anderen der Mission zu überlassen.
Seitdem hat er aber gefunden, dass seine Leute, Offiziere und Mannschaften, sich weigern, den Sudan zu verlassen, und er ist deshalb entschlossen, noch einige Jahre bei ihnen zu bleiben, vorausgesetzt, dass er Zufuhren von Zeugen usw. erhalten kann.
Herr Mackay schreibt immer verständig; ich habe aus seinen Briefen eine Menge verlässliche Informationen erhalten.
Selbstverständlich schreibt er in der vollen Überzeugung, dass die Truppen Emins treu sind. Wir alle teilten diese Überzeugung, sehen jetzt aber, dass wir uns stark getäuscht haben und dass Emin zu keiner Zeit mit Leuten aus solchem Stoffe, wie seine unwissenden, dummen Sudanesen, durch Uganda oder irgendein anderes Land sich einen Weg nach der Küste hätte bahnen können.

Joseph Thomson – 1858 – 1895 – Entdecker und Afrikareisender
Herr Joseph Thomson schlug in einem Briefe an die „Times“ eine Route durch das Massai-Land vor und wollte sich für das sichere Geleit einer Entsatz-Expedition durch dieses Land verantwortlich machen.
Herr J. T. Wills vertrat die Ansicht, dass der Mobangi-Uëlle sich als eine vorzügliche Route zu Emin erweisen werde.
Herr Harrison Smith sprach seine Überzeugung dahin aus, dass sich ein Weg über Abessinien als ausführbar erweisen werde.
Ein anderer Herr, welcher an der Afrikanischen Seen-Gesellschaft interessiert war, schlug vor, die Expedition solle die Route Sambesi-Schire-Njassa einschlagen und sich von dort nordwärts über den Tanganjika nach dem Muta Nsige und dem Albert-See wenden, was auch von einem Missionar vom Tanganjika-See befürwortet wurde, da dieser Weg nicht mehr Schwierigkeiten böte als jeder andere.

Dr. Felkin kam in einer Besprechung im „Scottish Geographical Magazine“ nach sorgfältiger Prüfung der verschiedenen Routen zu dem Schlusse, dass ein Weg westlich vom Victoria-See und Karagwe durch Usongora nach dem Albert-See einige Vorzüge vor den anderen Routen besitze.

Ost-Afrika zur Kolonialzeit um 1887
Zu Anfang Oktober 1886 hatten Sir William Mackinnon und der frühere Vorsitzende der Handelskammer zu Manchester, Herr J. F. Hutton, mit mir über die Möglichkeit gesprochen, Emin Entsatz zuzuführen, damit er in den Stand gesetzt werde, seine Lage zu behaupten. Ihrer Meinung nach schien er nur Munition nötig zu haben, und ich teilte diese Ansicht, worauf sie ganz ernstlich die Absicht aussprachen, die erforderlichen Fonds für die ihm nötige Hilfe zu sammeln. Allein viele von ihren Freunden befanden sich nicht in der Stadt, und ohne mit denselben zu beraten, konnten sie keinen bestimmten Entschluss fassen. Wir besprachen dann die Voranschläge und Routen, und Herr Hutton äußerte sich dahin, dass die flüchtige Schätzung, welche ich ihm geliefert hatte, die wirklichen Kosten der Expedition um 500 Pfd. St. überstiege.
Was die Routen anlangte, so deutete ich darauf hin, dass es deren vier gebe, welche fast gleich gut ausführbar seien.
Gegen die erste, durch das Massai-Land, waren entschieden Einwände zu erheben, wenn ein großer Vorrat von Munition mitgeführt wurde, der Emin unter allen Umständen erreichen musste. Herr Thomson hatte diese Route versucht und sein Bericht über die Verlegenheit, in welche er bei der Rückkehr vom Victoria-See durch den Mangel an Wasser und Getreide gebracht worden war, lautete außerordentlich ungünstig. Auf dem Marsche nach dem See waren seine Leute entmutigt und desertierten in solchen Scharen, dass er gezwungen war, eine kurze Strecke nach dem Kilimandscharo zurückzukehren, dort sein Lager zu lassen und mit einigen wenigen Leuten nach der Küste zurückzumarschieren, um neue Träger anzuwerben. Falls bei uns eine ähnliche dringende Notwendigkeit eintreten sollte, würde es nach Antritt des Marsches höchst unklug sein, auch nur einen Kilometer zurückzugehen. Ein weiterer Nachteil war die Neigung der Sansibariten zum Davonlaufen, denn die Desertionen von den von der Ostküste ausgehenden Expeditionen hatten, da die Leute mit ihren Gewehren und Lasten ungestraft davonlaufen konnten und sich ihnen hierzu oft genug Gelegenheit bot, in neuerer Zeit einen geradezu besorgniserregenden Umfang angenommen. Viele der Sansibariten hatten ein Geschäft daraus gemacht, mit dem Vorschuss durchzubrennen, und je größer die Expedition war, desto größer waren auch die Verluste an Geld, Gewehren und Vorräten.
Die zweite Route, über den Victoria-Njansa und Uganda, welche von Natur aus die beste war, wurde einer kleinen Expedition durch die Feindseligkeit Ugandas unmöglich gemacht. Indessen konnte diese Feindseligkeit vermieden werden, wenn auf dem Victoria-See genügend Fahrzeuge vorhanden waren, um eine Expedition, wie man sie brauchte, über den See zu befördern. Die Gefahr der Desertionen war ebenso drohend wie auf der ersten Route.
Die dritte Route führte über Msalala, Karagwe, Ankori, Unjoro und den Albert-See. Jeder Versuch von der Ostküste aus musste unter allen Umständen ungeheure Verluste von Menschenleben und Waren im Gefolge haben; 50 Prozent Verluste waren unvermeidlich und keine Vorsichtsmaßregeln würden die Desertionen verhindern können. Außerdem war Karagwe von den Waganda besetzt, und es konnte keine Expedition dieses Land passieren, ohne fortwährend von der Feindseligkeit der Waganda belästigt zu werden. Wären wir so glücklich gewesen, unseren Weg durch Karagwe zu erzwingen, dann würden wir mit den Wanjankori zu rechnen gehabt haben, welche 200.000 Speerträger zählen, aber die Aussichten würden für uns sehr düster gewesen sein, wenn wir uns mit den Kämpfen gegen die Karagwe-Eingeborenen bei ihnen eingeführt hätten. Ein Marsch durch ein anderes Land westlich von Karagwe, um die Waganda zu vermeiden, war unmöglich, ausgenommen mit Kosten, welche meiner Ansicht nach die Unterzeichner des Fonds nicht zu zahlen gewillt sein würden.
„Die ganze Angelegenheit löst sich in eine Geldfrage auf. Mit genügend Geld ist jede Route möglich; allein wie ich die Sache verstehe, beabsichtigen Sie nur einen mäßigen Betrag zu zeichnen, und deshalb gibt es nur eine Route, welche für das vorhandene Geld sicher und offen ist, und das ist der Kongo (4.374 km lang).

Zentral-Afrika: Kongo-Becken und Ost-Afrika
Der Strom hat den Nachteil, dass er auf seinem oberen Teile nicht genügend Transportschiffe besitzt. Ich würde deshalb vorschlagen, die Flottille des Oberkongo durch 15 Walfischfängerboote zu ergänzen, welche eine Expedition mindestens bis 320 km vom Albert-Njansa bringen würden. Es wird eine schwere Arbeit sein, die Boote vom unteren nach dem oberen Kongo zu transportieren, allein wir können sie leicht bewältigen, wenn wir sofort Agenten hinschicken, um Träger zu besorgen. Eins muss jedoch geschehen, und das ist, die Genehmigung des Königs Leopold zu erhalten.
„Vielleicht sind wir aber allzu voreilig, dass wir die Angelegenheit überhaupt besprechen. Sie wissen, dass über viele Projekte diskutiert und über jedes derselben viel ‚geschwatzt‘ worden ist. Möglicherweise wird sich auch dieses in Rauch auflösen – deshalb sammeln Sie erst die Gelder und dann rufen Sie mich, wenn Sie mich brauchen. Bedürfen Sie, nachdem ich Ihnen meine Ansichten dargelegt habe, meiner nicht, dann lassen Sie Thomson die Expedition durch das Massai-Land führen und notieren Sie mich in der Subskriptionsliste für dieselbe mit 500 Pfd. St.“
Gegen Mitte November bat mich Sir William Mackinnon, ihm einen Brief über die Angelegenheit zu schreiben, damit er denselben seinen Freunden, die demnächst nach der Stadt zurückkehren würden, vorlegen könne.
Einige Tage nach der Absendung dieses Briefes reiste ich nach Amerika ab, wo ich nach der Ankunft in New York meine sogenannte „Vorlesungs-Tournee“ begann. Allein schon am 11. Dezember, am 15. Tage nach meiner Ankunft, erhielt ich folgendes Telegramm:
London.
Ihr Plan und Anerbieten angenommen. Regierung billigt sie. Fonds beschafft. Geschäft dringend. Kommen Sie sofort. Antwort.
Mackinnon.
Aus St.-Johnsbury, Vermont, bis wohin meine Vorlesungen mich geführt hatten, antwortete ich wie folgt:
Erhielt soeben Ihr Telegramm vom Montag. Vielen Dank. Alles in Ordnung. Werde am Mittwoch 8 Uhr früh mit der „EIDER“ absegeln. Treffe, wenn gutes Wetter und keine Unfälle, am 22. Dezember in Southampton ein. Es ist immerhin nur eine Verzögerung von einem Monat. Bitten Sie die Regierung, Holmwood (Generalkonsul) in Sansibar und Seyid Bargasch (Fürst von Sansibar) vorzubereiten. Beste Grüße an Sie.
Stanley.
Mein Agent war in Verzweiflung; die Zuhörerschaft war so freundlich, überall wurde ich mit Ovationen empfangen, allein alle Argumente und Bitten waren vergeblich.
Am Tage vor Weihnachten traf ich in England ein, und schon wenige Stunden nach meiner Ankunft sprach ich mit Sir William Mackinnon über die Expedition.
Ich war selbstverständlich ohne den geringsten Schatten eines Zweifels fest überzeugt, dass die Kongo-Route bei weitem die beste und sicherste sei, vorausgesetzt dass ich meine Flottille von Walfischfängerbooten, sowie die Erlaubnis des Königs Leopold, sein Gebiet mit einer bewaffneten Macht zu passieren, erhielt. Ich kannte eine Route von der Ostküste und war ebenfalls mit derjenigen von der Westküste vertraut. Von dem weitesten Punkte, den ich im Jahre 1876 auf dem Marsche von der Ostküste erreicht hatte, betrug die Entfernung nach dem Albert-See nur 160 km, während die Distanz von den Jambuja-Flussschnellen bis zum See in der Luftlinie 620 km war. Und dennoch war die Kongo-Route nach meiner besten Überzeugung vorzuziehen. Wir würden Überfluss an Wasser haben, welches längs des Weges von Osten so spärlich und schlecht war; Lebensmittel mussten ebenfalls vorhanden sein, da ich nach meinen Erfahrungen als selbstverständlich annehmen konnte, dass die unübertroffene Fruchtbarkeit, wie sie die Regionen am Oberkongo besitzen, von den Eingeborenen längst entdeckt sein musste, während wir aus den von Thomson, Fischer und Hannington gemachten Erfahrungen wussten, dass die Lebensmittel im Massai-Lande knapp sind. Und endlich wurden die an der Ostküste so häufigen Desertionen ganzer Trupps an der Westküste vermieden.
Und dennoch war das Komitee, obwohl es zugab, dass ich Recht haben könnte, der Ansicht, dass es besser sei, die östliche Route zu wählen.
Sehr gut, das ist mir vollständig gleichgültig. Lassen Sie uns die Route von der Ostküste, via Msalala, Karagwe, Ankori und Unjoro, beschließen. Wenn Sie aber manchmal von harten Kämpfen hören, dann erwarte ich von Ihnen, dass Sie mich in meiner Abwesenheit verteidigen. Wenn ich die Munition aus einem Luftballon in das Lager Emins fallen lassen könnte, so würde ich das sicherlich tun und es vermeiden, mit diesen kriegerischen Eingeborenen in Berührung zu kommen; allein die öffentliche Meinung hat beschlossen, dass Emin die Verteidigungsmittel überbracht werden sollen, und Sie haben mich mit der Aufgabe betraut, dieselben zu eskortieren. Sei es so.
Zu dem gesammelten Entsatz-Fonds waren folgende Beiträge eingegangen:
Um den Fonds noch zu vermehren und für dringende Notfälle die Mittel zu schaffen, erklärte ich mich bereit, aus Afrika Briefe zu schreiben, welche das Komitee, wenn es dies für passend hielt, bei der Presse verwerten könnte; die eingehenden Gelder möchte es als meinen Beitrag zu dem Fonds betrachten.
Die Schätzung der Zeit, welche wir brauchten, um Emin Pascha zu erreichen, war nach sorgfältiger Berechnung auf Grundlage der Tatsache, dass ich in den Jahren 1874-75 in 103 Tagen eine Entfernung von 1.160 km zurückgelegt hatte, wie folgt aufgestellt:


Die wirkliche Zeit, welche die Expedition gebraucht hat, stellt sich dagegen wie folgt:

In einem Schreiben vom 31. Dezember 1886 erhielt ich die formelle Mitteilung, dass ich mit meinen Vorbereitungen beginnen könnte.
Der erste Befehl, den ich bezüglich der Expedition zum Entsatze von Emin Bey erteilte, war auf telegraphischem Wege an meinen Agenten in Sansibar, Herrn Edmund Mackenzie, von der Firma Smith, Mackenzie u. Co., gerichtet und lautete dahin, in Bagamoyo 200 Wanjamwesi-Träger zu engagieren, um ebenso viele Lasten Reis (= 6 Tonnen) nach der Missionsstation in Mpuapua zu befördern. Letzteres liegt etwa 300 km westlich von Sansibar; die Kosten betrugen 2.700 Rupien.

Das Stahlboot „ADVANCE“
Der zweite Befehl war, nachdem ich die Zustimmung Sr. Hoheit des Sultans von Sansibar erhalten hatte, 600 sansibarische Träger anzuwerben und die folgenden Waren einzukaufen, gegen welche wir von den Eingeborenen Lebensmittel, wie Getreide, süße Kartoffeln, Reis, Mais, Bananen, Paradiesfeigen usw., eintauschen wollten.

Außerdem wurden 3.600 Pfund Glasperlen und eine Tonne Messing-, Kupfer- und Eisendraht angekauft.
Der dritte Befehl ordnete den Ankauf von 40 Pack- und 10 Reiteseln mit ebenso vielen Sätteln an, wofür die Kosten sich auf 400 Pfd. St. beliefen.
Die Herren Forrest und Son erhielten die Zeichnung und den Auftrag zum Bau eines Stahlbootes von 8½ m Länge, 1,8 m Breite und 76 cm Tiefe; dasselbe sollte aus galvanisiertem Siemens-Stahl hergestellt werden und in 12 Abteilungen von je zirka 75 Pfund Gewicht zerlegbar sein. Die vorderste und hinterste Abteilung wurden mit einem Deck versehen und wasserdicht gemacht, um dem Boote im Falle eines Unfalls Schwimmkraft zu verleihen.
Von Ägypten wurden 510 Remington-Gewehre, 2 Tonnen Pulver, 250.000 Zündhütchen und 100.000 Remington-Patronen nach Sansibar geschickt; das englische Kriegsministerium lieferte mir 30.000 Gatling-Patronen und von den Herren Kynock u. Co. In Birmingham erhielt ich 35.000 besondere Remington-Patronen. Die Herren Watson u. Co. in London, 4 Pall Mall, verpackten 50 Winchester-Repetiergewehre und 50.000 Patronen, und Hiram Maxim, der Erfinder des selbsttätigen Maxim-Geschützes, stiftete als Geschenk eine seiner wundervollen Waffen, die mit dem dazugehörenden Schilde auf einer leichten, aber dauerhaften Lafette montiert war.

Hiram Maxim, Erfinder des selbsttätigen Maxim-Geschützes – 1840 – 1916
Ferner schickten wir 100 Schaufeln, 100 Hacken zum Bau von Brustwehren, 100 Äxte zur Herstellung der Palisaden um das Lager, und 100 Haumesser zur Errichtung von Seriben nach Sansibar.
Die bekannte Chemikalienfirma der Herren Burroughs u. Welcome in London, Snowhill Buildings, lieferte uns umsonst neun schöne Kisten mit allen erforderlichen Arzneimitteln zur Bekämpfung der Afrika eigentümlichen endemischen Krankheiten. Alle Medikamente waren in Pillenform hergestellt und mit einem raschwirkenden Auflösungsmittel versehen, und jede Abteilung der Kisten mit allem Nötigen für Arzt und Wundarzt reichlich versorgt. Nichts war vergessen, und wir schulden daher diesen Herren großen Dank, nicht nur für den inneren Wert der Arzneikästen und Medikamente, sondern auch für die persönlich vorgenommene Auswahl des Besten, was London zu bieten vermochte, und die Sorgfalt bei der Verpackung, welche es uns ermöglichte, die Kisten ohne jegliche Beschädigung nach Jambuja zu transportieren.
Die Herren John Edgington u. Co. in London, Duke Street, waren mit der Herstellung unserer Zelte beauftragt und fertigten dieselben aus Segeltuch an, das in eine Kupfervitriol-Lösung getaucht war, welche die Zelte für die Dauer von drei Jahren haltbar machte. Obwohl dieselben 300 Tage dem Regen ausgesetzt waren, besaß ich zum ersten Male während meiner in Afrika gemachten Erfahrungen ein Zelt, welches nach der Ankunft in Sansibar im Jahre 1889 noch weitere 200 Regentage sehr gut hätte aushalten können.
Die Herren Fortnum und Mason, Piccadilly, packten 40 Trägerlasten des feinsten Proviants zusammen. Jeder Gegenstand war ausgezeichnet; der Tee behielt seinen guten Geschmack bis zum letzten Augenblick, der Kaffee war der reinste Mokka, der Liebig'sche Fleischextrakt von der allerbesten Sorte und die Verpackung bei sämtlichen Artikeln vorzüglich.
Ich brauche wohl nicht aufzuzählen, was wir sonst noch ankauften. Vier frühere Expeditionen nach Afrika und die mir vorliegenden Listen der einzelnen notwendigen Dinge setzten mich in den Stand, die verschiedensten Gegenstände auszuwählen, und in Sir Francis de Winton und Kapitän Grant Elliott hatte ich wertvolle Assistenten, welche die Bezugsquellen sehr gut kannten und die Lieferungen kontrollieren konnten.

Sir Francis de Winton – 1835 – 1901
Oberst Sir Francis de Winton war mein Nachfolger am Kongo; er teilte mir freiwillig und aus reiner Freundschaft das Beste aus seiner reichen Erfahrung mit und unterstützte mich mit seiner meisterhaften Geschäftskenntnis bei der Erledigung der mit der Expedition verknüpften vielen Geschäfte, namentlich auch bei der Beantwortung der Briefe und der Auswahl der wenigen Offiziere für den zu bildenden Stab aus den Hunderten, welche sich zur Mitgliedschaft der Expedition gemeldet hatten.

Leutnant W. Grant Stairs
Der erste, welcher erwählt wurde, war Leutnant W. Grant Stairs vom königlichen Ingenieurcorps, der sich brieflich gemeldet hatte. Der knappe Stil und die Geradheit seines Gesuchs sprachen sehr zu seinen Gunsten; wir ließen ihn kommen und engagierten ihn nach kurzer Unterredung unter der Bedingung, dass er Urlaub erhalten würde. Letzterer wurde ihm von Lord Wohlseley freundlichst erteilt.
Der nächste war Herr William Bonny, der, nachdem es ihm bei früheren Expeditionen nicht gelungen war, auf schriftliche Bewerbung hin angenommen zu werden, es diesmal für am besten gehalten hatte, sich zum Dienst in irgendeiner Eigenschaft persönlich vorzustellen. Der Herr wollte eine milde Abweisung nicht annehmen. Seine Brust war mit Medaillen geschmückt, die, wenn auch stumm, doch in sehr beredter Weise für seine Verdienste sprachen. Das Ende war, dass wir Herrn Bonny, der soeben seinen Posten in einem Hospital des ärztlichen Departements der Armee aufgegeben hatte, als Assistenzarzt engagierten.

William Bonny
Der dritte war Herr John Rose Troup, der bereits am Kongo gute Dienste geleistet hatte. Er war mit dem Kisuaheli, der Landessprache in Sansibar, vertraut, zierte sich nicht bei der Arbeit und verfuhr genau und methodisch bei der Aufstellung der Rechnungen. Auch er wurde angenommen.
Als vierter stellte sich uns Major Edmund Musgrave Barttelot, vom 7. Füsilier-Regiment, vor. Er kam in Begleitung eines meiner Bekannten, der ihn sehr rühmte. Was bei der Unterredung geschah, wird später noch erwähnt werden. Nach einigen Bemerkungen wurde er ebenfalls engagiert.

Edmund Barttelot – 1859 – 1888

Kapitän R. H. Nelson
Der fünfte war Kapitän R. H. Nelson, von Metuen's Kavallerieregiment, der sich bereits in den Zulu-Kriegen besonders ausgezeichnet hatte. Schon seine Züge ließen seine Verdienste erkennen. Kapitän Nelson war gleichfalls zur Unterzeichnung des Engagements-Vertrags bereit.
Der nächste Freiwillige war Herr A. J. Mounteney Jephson, der bisher noch vollständig unerfahren in Bezug aus Reisen im Auslande und an das raue Leben in der Wildnis durchaus nicht gewöhnt war. Auf einige Mitglieder des Komitees machte Herr Jephson den Eindruck, als sei er für eine Expedition dieser Art vollständig untauglich, weil er ihrer Ansicht nach zu „vornehm“ war. Allein die Gräfin von Noailles hatte zu seinen Gunsten 1.000 Pfd. St. zu dem Entsatz-Fonds gezeichnet, und dies war ein Argument, welchem das Komitee nicht zu widerstehen vermochte. Infolgedessen unterschrieb Herr Jephson mit unerschütterten Nerven den Kontrakt. Der arme junge Jephson! Er ist nach verschiedenen schweren Prüfungen, über die später berichtet werden wird, aus Afrika zurückgekehrt.

1 J. Mounteney Jephson – 1859 – 1908
Einer der letzten, welche sich meldeten, als die Liste schon geschlossen werden sollte, war Herr James S. Jameson. Derselbe hatte Reisen in den Maschona- und Matebele-Ländern in Südafrika gemacht, um auf der Jagd auf wilde Tiere Trophäen zu sammeln, die Vogelwelt zu studieren und Skizzen aufzunehmen. Er schien uns nicht besonders kräftig zu sein, jedoch verteidigte er, als wir ihm dies vorhielten, rasch sein zartes Aussehen und wies uns nach, dass, da er schon so lange Zeit in Afrika zugebracht habe, seine Erfahrungen unsere Befürchtungen widerlegen. Außerdem war er bereit, für das Vorrecht, Mitglied der Expedition zu werden, 1.000 Pfd. St. zum Fonds beizutragen und getreu und loyal Dienste zu tun, sodass es für die Expedition unerlässlich war, ihn zu engagieren. Herr Jameson bestand auf seinem Wunsche und Unterzeichnete ebenfalls den Kontrakt.
Als wir bereits in voller Arbeit waren, um alles Notwendige für den Überlandmarsch von Sansibar ostwärts nach dem Victoria-Njansa vorzubereiten, wurde es erforderlich, bezüglich der Route nochmalige Erwägungen anzustellen, wie der Inhalt des nachstehenden Briefes beweist.

Zentral-Afrika – Kongo-Flussgebiet bis zum Viktoria-See
Palast zu Brüssel, 7. Januar 1887
Lieber Herr Stanley!
Der Kongostaat kann nichts dabei gewinnen, wenn die Expedition zum Entsatze Emin Pascha's durch sein Gebiet marschiert. Der König hat diesen Weg nur vorgeschlagen, damit Sie der Expedition Ihre Dienste widmen können, was unmöglich sein würde, wenn dieselbe von der Ostküste aufbricht. Nach Ihrer eigenen Schätzung würde eine von der Ostküste ausgehende Expedition etwa 18 Monate dauern. Se. Majestät ist der Ansicht, dass er seine Pflicht dem Staate gegenüber verletzen würde, wenn er ihn Ihrer Dienste beraubte, die sicherlich noch vor Ablauf der genannten Zeit gebraucht werden dürften.
Wenn die Expedition den Weg über den Kongo antritt, verspricht der Staat, derselben in jeder Beziehung seine Unterstützung zu leihen. Der Staat stellt der Expedition auch sein gesamtes Schiffsmaterial zur Verfügung, soweit die Arrangements für den Betrieb der eigenen Verwaltung, die er, wie Sie wissen, möglichst sicher zu stellen wünscht, es gestatten. Der „STANLEY“ ist der größte Dampfer auf dem Oberkongo. Wir schicken einen zweiten mit dem am 15. d. M. abgehenden Postdampfer hinaus und werden uns so viel wie möglich beeilen, um diesen Dampfer in Stanley-Pool vom Stapel laufen zu lassen; derselbe wird ein wertvolles und sehr Notwendiges Glied unserer Flottille bilden. Inzwischen würde der Missionsdampfer „PEACE“ ohne Zweifel gewisse Transporte unentgeltlich übernehmen.
Wenn die Expedition es wünscht, würden wir ihr die Anwerbung von Bangala erleichtern; wir sind mit den letzteren sehr zufrieden, da sie vorzügliche Soldaten sind und sich nicht, wie die Sansibariten, vor den Arabern fürchten.
Sie werden bemerkt haben, dass die in dieser Woche in Berlin veröffentlichten Schriftstücke das Territorium Sansibars auf einen schmalen Streifen Landes längs der Seeküste beschränken. Jenseits dieses Streifens ist das ganze Gebiet deutsch. Wenn die Deutschen der Expedition gestatten, durch ihr Gebiet zu ziehen, würden die Sansibariten, genau wie am Kongo, sich auf fremdem Boden befinden.
Mit freundlichen Grüßen verbleibe ich, lieber Herr Stanley,
Ihr ganz ergebener
Comte de Borchgrave.
Dass dies kein leichter Fall war, der sich rasch entscheiden ließ, geht aus folgender Note hervor, die Sir William Mackinnon mir sandte:
Western-Club, Glasgow, 4. Januar 1887
Mein lieber Stanley!
Ich erhielt einen angenehmen kurzen Brief vom König, der erkennen lässt, wie dringend er wünscht, dass wir die Kongo-Route wählen, und wie wenig geneigt er ist, in den fortdauernden Beziehungen zwischen Ihnen und dem Kongostaate eine Unterbrechung eintreten zu lassen, da er Sie als einen Pfeiler des Staates betrachtet. Er bittet mich, alle abweichenden Meinungen zu zerstreuen und alle Parteien dazu zu bringen, dass sie mit der Kongo-Route einverstanden sind. Ich habe ihm ausführlich auseinandergesetzt, was geschehen ist und geschieht, sowie auch die Schwierigkeiten mitgeteilt, welche es machen würde, die eingegangenen Verpflichtungen wieder zu lösen und die Regierungen hier und in Ägypten, sowie den Sultan von Sansibar zu veranlassen, zu einer solchen Abänderung ihre Zustimmung zu erteilen. Ich habe auch die großen Mehrkosten erwähnt, welche die Absendung von 600 Mann und die Rückbeförderung derselben verursachen würde, selbst wenn der Sultan seine Zustimmung dazu geben sollte, dass die Leute von Sansibar nach dem Kongo gehen.
Indessen habe ich das Versprechen gegeben, festzustellen, ob alle an den jetzigen Arrangements Interessierten damit einverstanden sein würden, dass wir die Kongo-Route einschlagen.

In meinem Tagebuche finde ich unter dem 5. Januar kurz die Geschäfte erwähnt, welche ich an diesem Tage erledigt habe.
Nachdem ich, dem Vorschläge Mackinnon's gemäß, an den König Leopold über die Kongoroute geschrieben hatte, suchte ich Sir Percy Anderson auf und kündigte ihm den Wunsch des Königs an, dass die Expedition vom Kongo ausgehen möge. Auf seine Bitte, ihm mitzuteilen, welche Vorteile die Kongo-Route biete, erwiderte ich:
1) Die Gewissheit, Emin zu erreichen.
2) Den Transport mit den Staatsdampfern den Kongo aufwärts bis zu einem 620 km vom Albert-See entfernten Punkte.
3) Die Zerstreuung des seitens der Deutschen gehegten Argwohns, dass unserm Vorgehen politische Motive zu Grunde liegen.
4) Die Zerstreuung der angeblichen Befürchtungen der französischen Regierung, dass unsere Expedition das Leben der französischen Missionare gefährden würde.
5) Wenn französische Missionare gefährdet werden, dann würden die englischen Missionare sicherlich ihr Schicksal teilen.
6) Selteneres Vorkommen von Desertionen der Sansibariten, welche in der Nachbarschaft der arabischen Niederlassungen wankelmütiger seien.
Lord Iddesleigh schreibt mir, der französische Botschafter sei angewiesen worden, ihm mitzuteilen, dass, wenn die Expedition zum Entsatze Emin Pascha's eine östlich vom Victoria-Njansa gelegene Route einschlage, dies sicherlich das Leben der französischen Missionare in Uganda gefährden werde. Er schlägt mir vor, die Sache zu überlegen.
Ich besuchte die Admiralität und erkundigte mich bei Admiral Sullivan über die Möglichkeit, dass man ein Schiff hergäbe, um die Expedition nach dem Kongo zu befördern. Er erklärte, dies würde, wenn die Regierung den Befehl dazu erteilte, leicht, anderenfalls aber unmöglich sein.
Ich schrieb an den König und bat ihn dringend, mir mitzuteilen, wie weit seine Unterstützung beim Transport auf dem Oberkongo gehen würde.
8. Januar. Erhielt Briefe vom König. Er erhebt Ansprüche auf meine Dienste. Er erbietet sich, sein ganzes Bootsmaterial zum Transport herzuleihen mit Ausnahme dessen, was für den Gebrauch der Verwaltung notwendig ist. Telegraphierte an Mackinnon, dass die Klausel mich unruhig mache und sich kaum mit der gewünschten Dringlichkeit vertrüge. Oberst de Winton schrieb in demselben Sinne.
Die Ausrüstungsgegenstände der Expedition treffen im Gewicht von vielen Zentnern ein.
De Winton arbeitete bis spät abends mit mir.
9. Januar. Oberst J. A. Grant, Oberst Sir Francis de Winton und ich berieten über den Brief des Königs und erwiderten denselben schließlich mit der schriftlichen Bitte, er möge gnädigst mit größerer Bestimmtheit bezüglich der Menge der Transportmittel und der Zeit, für welche dieselben uns geliehen werden sollten, antworten. Da sehr viele Fragen, wie die Anwerbung von Sudanesen, das Zurückhalten des Postdampfers zur Verladung der Munition usw., von der raschen Antwort abhängen, schicken wir einen besonderen Boten mit dem Schreiben ab.
10. Januar. De Winton stattete dem Auswärtigen Amte einen Besuch ab und erhielt das Versprechen, dass die Angelegenheit betreffend die Zurückhaltung des Postdampfers und bezüglich des Regierungsdampfers zum Transport um das Cap der Guten Hoffnung so rasch wie möglich berücksichtigt werden solle.
Die Herren Gray, Dawes u. Co. schreiben, der Generalpostmeister sei bereit, den nach Sansibar bestimmten Postdampfer in Aden bis zur Ankunft des „NAVARINO“ aufzuhalten, der am 20. Januar mit der Munition und den Offizieren von London abgeht. Ich hole den „NAVARINO“ in Suez ein, nachdem ich die Geschäfte der Expedition in Ägypten erledigt habe.
12. Januar. Die Antwort traf gestern Abend ein. Herr Guy Dawnay, Oberst Sir Lewis Pelly, Oberst Sir Francis de Winton und ich berufen eine Versammlung ein. Da die Antwort befriedigend ausgefallen ist, wird die Kongo-Route beschlossen und dieser Beschluss einstimmig angenommen.
Erhielt um 2 Uhr nachmittags vom Earl of Iddesleigh die Mitteilung, dass er mich um 6 Uhr zu sprechen wünsche. Allein um 3 Uhr 13 Min. verstarb der Earl plötzlich infolge eines Herzleidens.
13. Januar. Bekam von Sir J. Pauncefote eine Note des Auswärtigen Amtes, welche ein Telegramm von Sir E. Baring übermittelt, sowie Briefe bezüglich eines Transportschiffes der Admiralität. Keine Unterstützung seitens der Admiralität.
Die Waren treffen rasch ein; dieselben füllen fast mein Haus.
Fuhr mit der Baronin Burdett-Coutts nach Guildhall und kam um 12 Uhr 45 Min. dort an. Ich erhielt das Ehrenbürgerrecht der City von London und werde der jüngste Bürger genannt. Später Frühstück im Mansion-House, wo eine vornehme Gesellschaft versammelt war; die Sache verlief höchst befriedigend.
Telegraphierte nach Brüssel, um zu erfahren, ob dem König mein Kommen am Freitag passen würde. Antwort: Ja, um 9½ Uhr vormittags.
14. Januar. Fuhr gestern Abend über den Kanal und via Ostende nach Brüssel, um König Leopold zu sprechen. Sprach ihn und sagte ihm Lebewohl. Er war sehr liebenswürdig. Reiste abends um 8 Uhr nach London ab.
Bekam ein Telegramm aus Sandringham (Landsitz des Prinzen von Wales), welches um meinen Besuch bat.
15. Januar. Sir Percy Anderson bat um eine Unterredung.
Herr Joseph Thomson hatte an die Geographische Gesellschaft geschrieben und so spät noch den Wunsch ausgedrückt, die Expedition mitzumachen.
Traf eine Vereinbarung mit Ingham behufs des Sammelns von Trägern am Kongo. Er reist in Kürze dahin ab.
Telegraphierte nach Sansibar, dass die Reisträger von Mpuapua zurückberufen werden sollten. Das wird weitere 2.500 Rupien kosten.
Schrieb vor einigen Tagen an den Schenker des Missionsdampfers „PEACE“ auf dem Kongo, und bat ihn, uns das Schiff für die Expedition zum Entsatze Emin Pascha's zu leihen. Erhielt folgende merkwürdige Antwort:
Leeds, 15. Januar 1887
Lieber Herr Stanley!
Ich hege für Sie persönlich große Hochachtung, wenn ich auch nicht alle Ihre Handlungen gutheißen kann und darf.
Es tut mir sehr leid, dass ich Ihre Bitte nicht erfüllen kann; aber ich glaube fest, dass Sie durch den Umstand, dass Sie den Dampfer „PEACE“ nicht haben, nichts entbehren werden. Gestern bin ich imstande gewesen, zu einem Entschlusse zu kommen.
Herr Baynes, von der Baptisten-Missionsgesellschaft in Holborn, wird, wie er hofft, Ihnen jegliche Mitteilung machen, die er für geeignet hält. Wenn Sie irgendwelche Ehrerbietung für den „Mann der Sorge“ hegen, dann möge der „Friedenskönig“ Ihre Expedition gnädig behüten und retten.
Bezüglich der Sicherheit Emins habe ich keinen Zweifel, bis sein Werk beendet ist. Ich glaube, er wird diese Prüfung in voller Sicherheit bestehen. Gott scheint Ihnen eine edle Seele gegeben zu haben (die augenblicklich durch schlimme Sünden und Irrtümer verdeckt wird), und es würde mich freuen, wenn Sie im richtigen Sinne „Buße tun und an Gottes Wort glauben“ und dann in Glückseligkeit, im Lichte und in Freude für immer leben. Hier ist bei Ihnen die Zögerung viel gefährlicher als die Zögerung für Emin.
Ihr getreuer Freund
Robert Arthington.
16. Januar. Oberst J. A. Grant hat sich erboten, mit Herrn J. S. Keltie, dem Herausgeber der „Nature“, wegen des Anerbietens des Herrn Thomson zu sprechen.
Die Briefe sammeln sich zu Dutzenden an; wir sind alle Mann beschäftigt, sie zu beantworten.
17. Januar. Schrieb an Sir Percy Anderson, dass ich ihn Mittwoch um 2 Uhr nachmittags besuchen würde. Die Korrespondenz nimmt zu.
Berieten über das Anerbieten des Herrn Joseph Thomson. Herr J. S. Keltie soll ihm privatim den Beschluss des Komitee mitteilen.
Trafen mit G. S. Mackenzie Vereinbarungen wegen der Angelegenheiten in Sansibar. Er sandte zwei Telegramme ab. General Brackenbury schrieb, dass die Lieferung von Kohlen der Genehmigung des Schatzamtes bedürfe.
18. Januar. Erledigte die Morgengeschäfte.
Reiste mit Oberst de Winton nach Sandringham, um Se. Königl. Hoheit zu besuchen. Hielt mit einer Karte von Afrika vor mir Ihren Königl. Hoheiten einen kurzen Vortrag über die zur Erreichung Emin Pascha's in Aussicht genommene Route. Hatte eine sehr aufmerksame Zuhörerschaft.
19. Januar. Sir William Mackinnon versammelte seine Freunde im Burlington-Hotel zu einem Abschiedsbanket für mich.
Habe heute einer großen Zahl von Freunden Lebewohl gesagt.
20. Januar. Der Dampfer „NAVARINO“ segelte heute Nachmittag mit den Waren und den Offizieren der Expedition, Leutnant Stairs, Kapitän Nelson und Herrn Mounteney Jephson, ab. Herr William Bonny verließ heute früh um 8 Uhr mit dem Negerknaben Baruti meine Wohnung, um sich nach der Fenchurch-Station zu begeben. Nach der Ankunft daselbst verlässt er Baruti nach einer kleinen Weile und geht nach dem Tower! Bei der Rückkehr zur Station um 2 Uhr nachmittags fand er nach seiner Behauptung, dass der Dampfer abgefahren war. Er begab sich dann zu den Schiffsmaklern Gray, Dawes u. Co., und erfuhr zu seiner Bestürzung, dass die Sache sich nicht mehr ändern ließ. Baruti wird verlassen, sehr hungrig und frierend von Oberst J. A. Grant in der Fenchurch-Station aufgefunden und wieder zu mir gebracht.
21. Januar. Schicke Herrn Bonny mit der Bahn nach Plymouth, um einen nach Indien bestimmten Dampfer einzuholen; weise ihn an, sich mit dem Knaben in Suez auszuschiffen und mich zu erwarten.
Reiste abends 8 Uhr 5 Min. von London nach Ägypten ab. Am Bahnhofe hatte sich eine große Menge versammelt, um mir nochmals die Hand zu drücken und mir freundlichst eine glückliche Reise zu wünschen.
* * *
Zweites Kapitel – Ägypten und Sansibar
Zweites Kapitel – Ägypten und Sansibar
Dr. T. H. Parke. – Ansichten Sir Evelyn Baring's, Nubar Pascha's, Professor Schweinfurth's und Dr. Junker's über die Expedition zum Entsatze Emins. – Einzelheiten über Emin Pascha und seine Provinz. – General Grenfell und die Munition. – Frühstück beim KHEDIZE Tewfik und Botschaft an Emin Pascha. – Abreise nach Sansibar. – Beschreibung der Stadt Mombasa. – Besuch beim Sultan von Sansibar. – Absendung eines Briefes an Emin Pascha durch Uganda. – Übereinkommen mit Tippu-Tib. – Emin Pascha's Elfenbein. – Die Unterstützung der Entsatz-Expedition durch die Herren Mackenzie, Sir John Pender und Sir James Anderson.
* * *
27. Januar 1887. Traf um 6 Uhr früh in Alexandrien ein.

Thomas Heazle Parke
Dr. T. H. Parke, vom ärztlichen Departement der Armee, kam zu mir ins Hotel und bewarb sich um die Stellung des Arztes der Expedition. Das war der einzige Posten, welcher noch nicht zu meiner Zufriedenheit besetzt war. Ich betrachtete ihn als einen mir von Gott Gesandten, wenn ich auch etwas zurückhaltend zu sein schien, da ich zwei höchst unangenehme Erfahrungen mit Ärzten gemacht hatte, die beide in England hinterlistig und unverträglich gewesen waren. Ein äußerst hübscher junger Herr, etwas nachlässig, aber von sehr einnehmendem Wesen. Um zu prüfen, ob er es ernstlich meinte, sagte ich: „Wenn Sie mir nach Kairo folgen wollen, werde ich weiter mit Ihnen sprechen. Ich habe keine Zeit, um mich hier länger in Erörterungen einzulassen.“
Reiste um 10 Uhr vormittags von Alexandrien nach Kairo ab. Am Bahnhofe traf ich Sir Evelyn Baring, von dem ich in den Tagebüchern Gordon's gelesen hatte. Wir fuhren nach der Wohnung Sir Evelyn's, der mir in seiner höchst aufrichtigen und offenen Weise erklärte, dass irgendwo ein Hindernis sei. Der KHEDIZE und der Premierminister Nubar Pascha zweifelten, ob es klug sei, die Kongo-Route zu wählen.

Georg Schweinfurth
Siehe auch Band 149e in dieser gelben Buchreihe – im Herzen Afrikas
Professor Schweinfurth und Dr. Junker seien beide bestürzt gewesen und hätten durchblicken lassen, dass sie die Idee für absurd hielten.
„Nun, Sir Evelyn“, sagte ich, „glauben Sie nicht, dass es in England ebenso erfahrene Männer gibt wie die Herren Schweinfurth und Junker? In dem Entsatz-Komitee haben wir Oberst James Augustus Grant, den Gefährten Speke's, Oberst Sir Francis de Winton, den früheren Generaladministrator des Kongo, Oberst Sir Lewis Pelly, den früheren politischen Vertreter in Sansibar, Herrn Guy Dawnay, vom Kriegsministerium, Sir John Kirk, den früheren Generalkonsul in Sansibar, den Rev. Horace Waller und andere hervorragende, verständige Leute. Wir haben nichts beschlossen ohne Mitwirkung und Zustimmung des Auswärtigen Amts. Wir haben alles erwogen, und ich bin mit dem festen Entschlusse hierhergekommen, das Projekt in der Weise zur Ausführung zu bringen, wie das Komitee und ich übereingekommen sind.“

Dr. T. H. Parke
Und dann gab ich Sir Evelyn die für und gegen die Routen sprechenden Gründe an, die ihn befriedigten. Darauf fuhren wir zum Premierminister Nubar Pascha, bei welchem ich dieselben Erklärungen vorzutragen hatte. Nubar verwies mich mit freundlichem, wohlwollendem Lächeln an das bessere Urteil Sir Evelyn's; er erkannte die Klugheit und die Vorsicht der Abänderung an und lud mich zur Belohnung zum Frühstück am nächsten Tage ein.

Nubar Pascha
28. Januar, Kairo. Ich frühstückte bei Nubar Pascha, der mich mit Mason Bey, dem Umschiffer des Albert-Sees im Jahre 1877, Frau Nubar und seinen drei Töchtern, seinem Schwiegersöhne Tigrane Pascha, sowie dem früheren Legationssekretär in Brüssel Herrn Fane bekannt machte. Während des Frühstücks unterhielt Nubar Pascha sich über verschiedene Dinge, namentlich aber über Ägypten, den Sudan, Afrika und Gordon. Er ist offenbar kein Bewunderer von Gordon, sondern schreibt ihm den Verlust des Sudan zu. Seine Ansicht von Baker ging dahin, dass derselbe ein Kämpfer, ein eifriger Pionier, ein Mann von großer Kraft sei.
Nach dem Frühstück zeigte ich Nubar die Karte. Er prüfte sorgfältig die verschiedenen Routen und kam zu der Überzeugung, dass die Kongo-Route die beste sei. Er beabsichtigt, an Emin die schriftliche Instruktion zu senden, dass er nach Ägypten zurückkehren solle, da dieses den Sudan unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht mehr zu behaupten vermöge. Er erlaubt uns, die ägyptische Flagge als Banner der Expedition zu führen, und sagt, er würde es gern sehen, wenn Emin mit so viel Elfenbein wie möglich zurückkehrte und seine Makrakas mitbrächte. Sollten wir Elfenbein mitbringen, so wird er einen Teil des Geldes für die ägyptische Regierung beanspruchen zum Ersatz der 10.000 Pfd. St., welche dieselbe hergegeben hat. Für Emin Pascha und seine hervorragendsten Offiziere sind Uniformen bestellt worden, die der Entsatz-Fonds zu bezahlen haben wird. Der jedem Offizier zukommende Rang und Gehalt sind gesichert.
(Siege Band 151e in dieser gelben Buchreihe)
Ich sah Schweinfurth und Junker, welche hier als Fachmänner betrachtet werden, und ich hatte eine lange und interessante Unterhaltung mit ihnen, deren Hauptinhalt ich nachstehend wiedergebe.
Schweinfurth und Junker haben sich, wie es scheint, die Idee gebildet, dass die Expedition, weil sie mit mehreren hundert Remington-Gewehren und einer Schnellfeuerkanone neuester Erfindung bewaffnet werden sollte, eine nach streng militärischen Regeln zu führende Offensivtruppe sein werde.
Schon der Name unserer Expedition wies darauf hin, dass dies ein Irrtum war; der Charakter der Leute, welche den größten Teil des Fonds gezeichnet haben, musste überzeugen, dass diese Auffassung von der Expedition weit vom Ziele vorbeiging. Der Entsatz Emin Pascha's bildet den Zweck der Expedition, und zwar besteht dieser Entsatz in der Zuführung einer genügenden Menge von Munition, um Emin in den Stand zu setzen, sich aus seiner gefährlichen Lage in Zentralafrika sicher zurückzuziehen, oder, wenn er das vorzieht, seinen Posten so lange zu behaupten, wie er es für tunlich hält. In Anbetracht der Qualität der in der Hauptsache aus Sansibariten oder befreiten Sklaven bestehenden Begleitmannschaft würde es voreilig sein, zu viel von ihr zu erwarten. Man weiß in Sansibar bereits, dass Uganda feindlich gesinnt ist, dass Muanga einige sechzig von den Anhängern des Bischofs Hannington niedergemetzelt hat, dass die Massai-Route Gefahren bietet, dass Karagwe dem Muanga tributpflichtig ist, dass die Wahha zahlreich und angriffslustig sind, dass noch niemand in Ruanda eingedrungen und dass sowohl auf der Massai- wie auf der Karagwe-Route über eine gewisse Linie hinaus Gefahr vorhanden ist; und mit welcher Freudigkeit sie auch in Sansibar ihre Bereitwilligkeit erklären, jedem Kriegführenden Trotz zu bieten, die Afrikareisenden wissen doch sehr gut, wie schwächlich sie sich im Anblicke der wirklichen Gefahr erweisen. Aber auch angenommen, dass diese Truppe von 600 Sansibariten treu sei, so bedenke man doch ihre Unerfahrenheit mit diesen neuen Waffen, ihr wildes, zielloses, harmloses Feuern, ihren Mangel an Disziplin und Elastizität, ihre Neigung, beim Anblick der Folgen des Kampfes zu schaudern; man bedenke, dass sie in Wirklichkeit nur Träger sind und gar keine Krieger sein wollen – und man wird begreifen, wie sehr wenig solche Leute ihren Pflichten bei der Verteidigung von Kriegsvorräten gegen einen Feind gewachsen sind. Nur durch eine Kriegslist sicherte ich mir ihre Dienste, als ich das verzweifelte Werk der Entdeckung der Mündung jenes großen Stromes, an dem wir mit Tippu-Tib entlang gezogen waren, unternahm, als der jetzt berühmte Araber mich mitten in Afrika verließ. Nur weil es kein anderes Mittel zum Entkommen gab, war ich imstande, mit ihrer Hilfe einen friedlichen Rückzug aus dem wilden Inneren zu bewerkstelligen. In vielen anderen Fällen haben sie den Beweis geliefert, dass man sie durch Bedrohung mit sofortigem Tode brauchbar machen kann, um bei der Erhaltung ihres eigenen Lebens zu helfen; aber es wäre zu viel von ihnen erwartet, dass sie, mit der Verführung von Unjamwesi und Sansibar im Rücken, getreulich vorwärts marschieren sollen, um die Gefahren des Kampfes herauszufordern. Bei dieser Expedition können wir uns nicht wie bei früheren Gelegenheiten im Anblick offenkundiger Feindseligkeit zur Seite wenden und friedlichere Länder aufsuchen, sondern das Endziel muss erreicht, das Wagnis unternommen und die Munition zu den Füßen Emin Pascha's niedergelegt werden. Es ist deshalb nicht genug, diese Leute mit Remington-Gewehren oder Schnellfeuerkanonen auszurüsten, sondern man muss ihnen auch alle Mittel zum Rückzuge abschneiden und ihnen kein Loch zum Entkommen lassen – dann werden sie wie Männer zusammenhalten und wir dürfen hoffen, den Zweck der Expedition zu erreichen, selbst wenn wir hin und wieder Bogen, Speeren und Schießgewehren entgegenzutreten haben.

Eduard Karl Oskar Theodor Schnitzer (rechts), bekannt als Emin Pascha
1844 als Isaak Eduard Schnitzer in Oppeln (Oberschlesien) geboren,
verstorben 1892 in Kinena im Kongogebiet
Was Emin Pascha anlangt, so lauteten meine Informationen verschieden.
Von Dr. Junker erfahre ich, dass Emin Pascha groß (Wir ließen deshalb vom Schneider lange Beinkleider anfertigen, die sich als volle 14 cm zu lang erwiesen.), mager und außerordentlich kurzsichtig ist; er ist ein großer Sprachkenner, da er mit dem Türkischen, Arabischen, Deutschen, Französischen, Italienischen und Englischen vertraut ist, zu welchen Sprachen noch einige afrikanische Dialekte kommen. Er scheint Junker mit seinen kriegerischen Eigenschaften nicht imponiert zu haben, ist dagegen als Verwaltungsbeamter scharfsinnig, taktvoll und klug. Seine lange Isolierung scheint ihn entmutigt zu haben. Er sagt: Ägypten kümmert sich nicht um uns und hat uns vergessen; Europa nimmt kein Interesse an dem, was wir tun. Er ist Deutscher von Geburt und etwa 47 Jahre alt.
Seine Truppen sind über acht Stationen mit je 200-300 Mann verteilt, und zählen insgesamt etwa 1.800 Mann. Die Garnisonen der vier nördlichsten Stationen waren nach den letzten Berichten unzufrieden und meuterisch. Sie beantworteten den Rat Emins, sich zu vereinigen, mit Vorwürfen und erwiderten seine Vorschläge, sich aus der Äquatorialprovinz über Sansibar zurückzuziehen, mit der Anklage, er beabsichtige nur, sie als Sklaven nach Sansibar zu verkaufen.
Junker vermag die genaue Stärke seiner Truppen oder der bei Emin befindlichen Ägypter, Beamten oder Dongolaner nicht anzugeben, teilte mir aber auf weiteres Befragen nach Einzelheiten mit, annähernd werde die Zahl derer, die vermutlich mit der Expedition zurückkehren würden, sich folgendermaßen stellen:
Weiße ägyptische Offiziere 10; schwarze Unteroffiziere 15; weiße Beamte (Kopten) 20; schwarze aus Dongola, Wadi Halfa usw. 300, zusammen 345 Männer; weiße Frauen 22; schwarze Frauen 137; zusammen 159; Kinder der Offiziere 40; Kinder der Soldaten 60, zusammen 100. Insgesamt 604 Personen.
Außerdem werden die eingeborenen Truppen, wenn sie den allgemeinen Rückzug sehen, vielleicht den Wunsch äußern, mit ihren Freunden und Gefährten nach Ägypten zurückzukehren. Welche Wirkung das Erscheinen der Entsatz-Expedition auf sie haben wird, ist unmöglich zu sagen. Die Entscheidung Emin Pascha's, ob zu bleiben oder abzumarschieren, wird vermutlich bei den meisten von Einfluss sein.
Ich erwarte das Eintreffen meiner Leute von Wadi Halfa heute Nachmittag. Sie sollen in der Zitadelle bewaffnet, ausgerüstet und mit Rationen versehen werden und am Donnerstag mich nach Suez begleiten. Am nächsten Tage wird vermutlich der „NAVARINO“ in Suez eintreffen, worauf wir uns einschiffen und die Reise antreten werden.
Erhielt Telegramme aus London. Die Zeitungen veröffentlichen Nachrichten von einer in Kairo wohlbekannten Persönlichkeit, wonach Emin Pascha nach verzweifelten Kämpfen sich einen Weg durch Uganda gebahnt und die ägyptische Regierung der Expedition Schwierigkeiten in den Weg gelegt hätte. Erwiderte, dass davon in Kairo nichts bekannt sei.

Khedize Mehemet Tewfik
Erhielt Telegramme aus London. Die Zeitungen veröffentlichen Nachrichten von einer in Kairo wohlbekannten Persönlichkeit, wonach Emin Pascha nach verzweifelten Kämpfen sich einen Weg durch Uganda gebahnt und die ägyptische Regierung der Expedition Schwierigkeiten in den Weg gelegt hätte. Erwiderte, dass davon in Kairo nichts bekannt sei.
1. Februar. Besuchte um 10¾ Uhr vormittags Sir Evelyn Baring und begleitete ihn zum Khedize Tewfik. Se. Hoheit ist sehr liebenswürdig und sah gut aus. Das Innere des Palastes ist schön und besitzt Überfluss an Raum, an Dienern usw. Wurde vom Khedize für morgen Mittag zum Frühstück eingeladen.
Später wurde ich von Sir Evelyn zum Büro des Generals Grenfell gebracht, da Valentine Baker Pascha mich am Abend vorher bei General Stephenson darauf aufmerksam gemacht hatte, ich müsse mich davon überzeugen, dass die von der ägyptischen Regierung gelieferte Munition für die Remington-Waffen auch brauchbar sei; er selbst habe die Erfahrung gemacht, dass 50 Prozent davon schlecht sei. „Stellen Sie sich vor“, sagte er, „in welchem Zustande die Munition infolge der Feuchtigkeit der Tropen sein wird, wenn Sie nach etwa einem Jahre Emin erreichen, sofern sie jetzt schon so schlecht ist.“
General Grenfell erklärte, er habe die Munition bereits untersucht, werde sie aber, da Valentine Baker Pascha eine so schlechte Meinung von derselben habe, nochmals prüfen.
2. Februar. Frühstück bei dem Khedize Tewfik. Er versichert seinen Patriotismus; er liebt sein Land. Er ist sehr offen und natürlich.
Bevor ich den Khedize verließ, erhielt ich den folgenden Ferman oder Hohen Befehl mit der englischen Übersetzung:
„Abschrift eines hohen arabischen Befehls an Emin Pascha, datiert den 8. Gamad Aual 1304 (1. Februar 1887. Nr. 3).
Wir haben Ihnen und Ihren Offizieren bereits gedankt für die mutige und erfolgreiche Verteidigung der Ihrer Verwaltung anvertrauten Äquatorialprovinzen und für die Festigkeit, welche Sie mit den unter Ihren Befehlen stehenden Offizieren bewiesen haben.
Und wir haben Sie deshalb belohnt, indem wir Ihren Rang zu dem eines Lewa Pascha (Brigadegenerals) erhöht haben. Wir haben auch die Beförderungen genehmigt, welche Sie für die unter Ihren Befehlen stehenden Offiziere für Notwendig gehalten haben, wie ich Ihnen bereits am 29. November 1886 geschrieben habe, welches Schreiben (Nr. 31) nebst anderen Schriftstücken, die der Präsident des Ministerrats, Se. Excellenz Nubar Pascha, Ihnen gesandt hat, Sie erreicht haben muss.
Und da es unser aufrichtigster Wunsch ist, Sie mit Ihren Offizieren und Soldaten aus der schwierigen Lage, in der Sie sich befinden, zu befreien, hat unsere Regierung sich über die Art und Weise schlüssig gemacht, wie Sie mit den Offizieren und Soldaten aus Ihren Schwierigkeiten errettet werden können.
Und da unter dem Befehle des Herrn Stanley, des berühmten und erfahrenen Afrikaforschers, dessen Ruf in der ganzen Welt bekannt ist, eine Entsatz-Expedition gebildet worden ist, und er seine Mission mit allen Ihnen nötigen Vorräten anzutreten beabsichtigt, um Sie mit den Offizieren und Mannschaften auf dem ihm geeignet erscheinenden Wege nach Kairo zu bringen, so haben wir diesen Hohen Befehl an Sie erlassen. Derselbe wird Ihnen durch die Hand des Herrn Stanley übermittelt, damit Sie wissen, was geschehen soll, und ich beauftrage Sie, sobald dieser Befehl Sie erreicht, den Offizieren und Mannschaften meine besten Wünsche zu bestellen. Sie haben vollständige Freiheit, entweder nach Kairo abzumarschieren oder mit den Offizieren und Mannschaften dort zu bleiben.
Unsere Regierung hat beschlossen, Ihnen sowie den Offizieren und Mannschaften das Gehalt zu bezahlen.
Diejenigen von den Offizieren und Mannschaften, welche zu bleiben wünschen, können dies auf ihre eigene Verantwortung hin tun, dürfen aber in Zukunft keine Hilfe von der Regierung erwarten.
Versuchen Sie den Inhalt dieses Befehls genau zu verstehen und machen Sie ihn allen Offizieren und Mannschaften gut bekannt, damit sie wissen, was sie zu tun haben.
(Gez.) Mehemet Tewfik.“
Am Abend brachte mir Tigrane Pascha das Schreiben des Premierministers Nubar Pascha, welches Emin zurückberuft. Nachdem mir dasselbe vorgelesen war, wurde es versiegelt.
Die Sache liegt folgendermaßen. Junker glaubt nicht, dass Emin die Provinz aufgeben wird. Die Zeichner des Entsatz-Fonds in England hoffen, dass er es nicht tun wird, sprechen aber keine Meinung aus und überlassen Emin die Entscheidung. Die englische Regierung würde es lieber sehen, wenn er sich zurückzöge, da seine Provinz unter den gegenwärtigen Verhältnissen fast unzugänglich ist und er in so großer Abgeschiedenheit jedenfalls Ursache zur Besorgnis gibt. Der Khedize schickt in vorstehendem Befehl Emin die Anweisung, unsere Begleitung anzunehmen, sagt aber: „Du kannst tun, was du willst. Wenn du die von uns gebotene Hilfe ausschlägst, hast du keine weitere Unterstützung von der Regierung zu erwarten.“ Das Schreiben Nubar Pascha's enthält die Wünsche der ägyptischen Regierung, welche mit denen der englischen Regierung, wie Sir Evelyn Baring sie ausgesprochen hat, übereinstimmen.
3. Februar. Reiste von Kairo nach Suez ab. Auf dem Bahnhofe hatten Sir Evelyn und Lady Baring, die Generale Stephenson, Grenfell, Valentine Baker, Abbate Pascha, Professor Schweinfurth und Dr. Junker sich eingefunden, um mir besten Erfolg zu wünschen. Dr. Junker und 61 sudanesische Soldaten aus Wadi Halfa begleiteten mich. In es-Sakasik stieß Dr. T. H. Parke, welcher jetzt ebenfalls engagiertes Mitglied der Expedition war, zu uns, und in Ismailia wurde unsere Gesellschaft noch durch Giegler Pascha vergrößert. In Suez trafen wir Herrn James S. Jameson, den Naturforscher der Expedition. Herr Bonny und Baruti werden morgen mit dem Dampfer „GARONNE“, von der Orient-Linie, eintreffen.
6. Februar. Frühstückte bei dem Agenten der Britisch-Indischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft, Kapitän Beyts. Um 2 Uhr nachmittags schiffte sich derselbe mit uns auf dem „ROB ROY“, einem neuen für ihn gebauten Dampfer, ein, und wir dampften nach dem Hafen von Suez, wo der von London gekommene Dampfer „NAVARINO“ vor Anker lag. Um 5 Uhr nachmittags trat der „NAVARINO“ die Reise nach Aden an, nachdem Kapitän Beyts und mein guter Freund Dr. Junker, den ich seines wirklichen Wertes wegen sehr liebgewonnen habe, uns nochmals ihre besten Wünsche mit auf den Weg gegeben hatten.
8. Februar. Das Wetter wird warm. Das Thermometer in der Kapitänskajüte zeigt um 8 Uhr früh 19° R. Mein europäischer Diener fragt mich, ob es das Rote Meer sei, durch welches wir fahren. „Ja“, erwidere ich. „Nun, Herr, das sieht mehr wie das Schwarze als wie das Rote Meer aus“, ist seine tiefsinnige Bemerkung.
12. Februar. Erreichten Aden um 2 Uhr nachmittags. Wir wechseln hier den Dampfer; der „NAVARINO“ geht nach Bombay, der „ORIENTALl“ bringt uns nach Sansibar. An Bord des letzteren Dampfers trafen wir Major Barttelot. Ich schicke folgendes Telegramm nach Sansibar:
Mackenzie, Sansibar.
Ihr Telegramm sehr befriedigend. Engagieren Sie gefälligst 20 junge Burschen als Offiziersdiener zu geringerem Lohne, als die Männer erhalten. Wir fahren mit 8 Europäern, 61 Sudanesen, 2 Syriern, 13 Somali heute ab. Rüsten Sie den Transportdampfer dementsprechend mit Proviant aus.
Unter den Passagieren der ersten Kajüte befinden sich außer mir Barttelot, Stairs, Jephson, Nelson, Parke, Bonny und Graf Pfeil mit zwei deutschen Gefährten, welche nach dem Rufidjiflusse reisen.
19. Februar. Trafen um 3 Uhr nachmittags auf der Höhe von Lamu ein. Bald darauf kam der Dampfer „BAGDAD“ an, auf welchem sich der österreichische Reisende Dr. Lenz befand, welcher sich zu Emin Bey hatte begeben wollen und, als ihm dies nicht gelungen war, statt dessen quer herüber nach Sansibar gekommen war. Er ist auf der Heimreise begriffen.
20. Februar. Kamen in Mombasa an, wo ich erfuhr, dass kürzlich zwischen den Galla und Somali eine große Schlacht geschlagen worden sei. Die ersteren sind für die Deutschen, die letzteren geschworene Feinde derselben. Wir hören auch, dass Portugal Sansibar den Krieg erklärt hat oder etwas Ähnliches.
Die beste Stelle für eine kaufmännische Niederlassung befindet sich zur rechten Seite der nördlichen Einfahrt an der ersten Spitze innerhalb des Hafens; letztere ist felsig und fällt steil ab in tiefes Wasser, wo Holz am Fuße des Felsens vorbeitrieb. Mit am Rande des Felsens aufgestellten langarmigen Kränen könnten Dampfer bequem die Waren laden und löschen. Kokospalmen sind im Überfluss vorhanden. Von der Spitze hat man einen hübschen Blick auf die See hinaus. Wenn Mombasa ein englischer Hafen werden sollte, was hoffentlich bald geschehen wird, würde die beste Lage für eine neue Stadt längs eines der See zugekehrten Felsens auf einer Insel sein, gerade da, wo der alte portugiesische Hafen ist. Eine leichte Eisenbahn und einige Maultiere zum Ziehen würden die Güter auf Waggons vom Hafen weiter befördern.
22. Februar. Ankunft in Sansibar, wo Generalkonsul Holmwood uns in herzlicher Weise Gastfreundschaft anbot.
Beauftragte die Offiziere, sich an Bord unsere Transportdampfers „MADURA“, von der Britisch-Indischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft, zu begeben und die Aufsicht über die Somali und Sudanesen zu übernehmen, und wies Mackenzie an, 40 Esel und Sättel von dem „MADURA“ wieder zu landen, da wir wegen der veränderten Route nicht mehr so viele Tiere gebrauchten.
Erhielt Grüße von dem Sultan von Sansibar und Besuche von dem berühmten Tippu-Tib, Djaffar, einem Sohne von Tarja Topan, seinem Agenten, und vom Kandji, dem Wekil (Vertreter) von Tarja.
Sansibar hat sich während meiner achtjährigen Abwesenheit etwas verändert. Man hat jetzt ein Telegraphenkabel, einen hohen Glockenturm, einen neuen Palast des Sultans, ein sehr hohes, weithin sichtbares Gebäude mit breiten Veranden. Das Zollgebäude ist vergrößert worden. General Lloyd Mathews hat eine neue Kaserne erhalten; die Promenade nach „Fiddler's Grave“ ist zu einer breiten Fahrstraße erweitert worden, welche sich bis zum Palast des Sultans jenseits Mbueni ausdehnt. Man hat Pferde und Wagen, Dampfwalzen, Laternenpfähle, welche in passenden Entfernungen voneinander aufgestellt sind und Öllampen zur Erleuchtung des Weges tragen, wenn Se. Hoheit von einem ländlichen Ausfluge nach der Stadt zurückkehrt.
Im Hafen liegen sechs deutsche Kriegsschiffe unter dem Befehl von Admiral Knorr, sowie die englischen Kriegsschiffe „TURQUOISE“ und „REINDEER“, zehn Handelsdampfer und einige Dutzend arabischer Dhaus, Baggalas, Kandjehs und Boote.
23. Februar. Machte Sr. Hoheit eine sogenannte Staatsvisite. Als besondere Ehrenbezeugung waren die Truppen unter dem dicken General Lloyd Mathews in zwei Reihen von etwa 300 m Länge aufgestellt. Eine ziemlich gute Militärkapelle begrüßte uns mit kriegerischen Weisen, während mehrere hundert Einwohner sich hinter die Soldaten gedrängt hatten. Am häufigsten hörte ich, als ich mit Konsul Holmwood durch die Menge passierte, die Worte: „Ndio huju“ – „Ja, das ist er“, woraus ich schloss, dass sich unter der Menge eine große Zahl meiner früheren Begleiter befand, welche mich ihren Freunden zeigten.
Staatsvisiten sind sich fast immer gleich: das Kommando des Generals Mathews „Präsentiert das Gewehr!“ die kriegerischen Weisen, die starken Gruppen hervorragender Araber unter den Bogen der Vorhalle, der Aufstieg auf der hohen, breiten Treppe, an deren oberster Stufe der Sultan steht, die feierliche Verbeugung, der herzliche Händedruck, das Begrüßungswort, das höfliche Winken mit der Hand als Einladung zum Eintreten, der langsame Marsch nach dem Throne, die nochmalige Verbeugung nach allen Seiten, das Platznehmen des Fürsten, zum Zeichen, dass man diesem Beispiel folgen darf, die gereichten Erfrischungen, Scherbet nach dem Kaffee, einige Bemerkungen über Europa und das gegenseitige Wohlbefinden. Dann der zeremoniöse Abschied, nochmals die kriegerischen Weisen, das mit sonorer Stimme gegebene Kommando des Generals „Präsentiert das Gewehr!“ und wir verlassen den Schauplatz, um unseren Londoner Gesellschaftsanzug abzulegen und ihn mit Kampfer zum Schutze gegen die Motten einzupacken, bis wir nach jahrelangen Märschen „durch den dunkeln Weltteil“ und „aus dem dunkelsten Afrika“ zurückkehren.
Nachmittags stattete ich dem Sultan einen geschäftlichen Besuch ab und übergab ihm zunächst das folgende Empfehlungsschreiben:
An Se. Hoheit Seyid Bargasch ben Said,
Sultan von Sansibar.
Burlington Hotel,
Old Burlington Street, London, W.
28. Januar 1887
Eure Hoheit!
Ich darf keine weitere Post abgehen lassen, ohne Ihnen schriftlich meine innigste Dankbarkeit auszusprechen für Ihre freundliche Antwort auf mein Telegramm bezüglich der Unterstützung der Expedition, welche unter der Führung von Herrn H. M. Stanley zum Entsatze Emin Pascha's abgeht. Das herzliche Entgegenkommen, mit dem Sie Ihre Offiziere angewiesen haben, bei der Auswahl der tüchtigsten Leute behilflich zu sein, ist in der Tat ein der Expedition geleisteter sehr wichtiger Dienst, und ich weiß sehr genau, dass derselbe in England große Befriedigung hervorgerufen hat. Herr Stanley wird in ungefähr vier Wochen in Sansibar eintreffen. Er ist als Führer der interessanten Expedition voll Enthusiasmus; seine Hauptgründe für die Wahl der Kongo-Route bestehen darin, dass er imstande sein dürfte, die Leute, bei deren Besorgung Eure Hoheit in so freundlicher Weise mitgewirkt haben, ohne Strapazen und Gefahr über See nach dem Kongo zu bringen, und dass dieselben frisch und kräftig, anstatt durch die Beschwerden eines langen Landmarsches erschöpft und abgemattet ungefähr 600 km von dem Endziele eintreffen werden. Er wird seine Dienste während des ganzen Verlaufes der Expedition nur dieser widmen und kann von seinem Wege nicht abweichen, um Dienste für den Kongostaat zu tun.
Vermutlich wird er auf dem Rückwege die Route nach der Ostküste einschlagen, und da ich weiß, dass ihm die Prosperität und die Wohlfahrt Eurer Hoheit aufs tiefste am Herzen liegt, so bin ich überzeugt, dass wenn er auf dem Rückmarsch nach der Küste Eurer Hoheit irgendwelche Dienste leisten kann, er dies mit Freuden tun wird. Ich habe sehr viele Unterredungen mit ihm gehabt und stets gefunden, dass er den Interessen Eurer Hoheit sehr freundlich gesinnt war. Ich glaube auch, dass unser gegenseitiger guter Freund Vertrauen verdient, und bitte Sie unter diesen Umständen Herrn Stanley über alle Punkte eingehend Mitteilungen zu machen, so eingehend, als wenn ich die Ehre hätte, selbst dort zu sein und die Mitteilungen entgegenzunehmen.
Mit der wiederholten Versicherung meiner herzlichsten Sympathie in allen die Interessen Eurer Hoheit betreffenden Angelegenheiten verbleibe ich
Ihr ganz gehorsamer Diener und Freund
W. Mackinnon.
Wir besprachen dann eifrig unsere Geschäfte; wie absolut Notwendig es sei, dass er rasch ein Abkommen mit den Engländern innerhalb der von dem Englisch-Deutschen Vertrage festgesetzten Grenzen treffe. Es würde mich zu weit führen, die Einzelheiten der Unterredung zu schildern, ich erhielt aber von ihm die erwünschte Antwort:
So Gott will, werden wir zu einer Vereinbarung kommen. Sobald Sie die Papiere fertig haben, werden wir sie lesen und ohne weiteren Verzug unterzeichnen; damit ist die Sache zu Ende.
Abends schrieb ich folgenden Brief an Emin Pascha, um ihn am nächsten Tage durch Eilboten, welche insgeheim den Marsch über Land durch Uganda nach Unjoro machen, befördern zu lassen:
An Se. Excellenz Emin Pascha,
Gouverneur der Äquatorialprovinzen.
Britisches Konsulat in Sansibar, 23. Februar 1887
Geehrter Herr!
Ich habe die Ehre Ihnen mitzuteilen, dass die Regierung Sr. Hoheit des Khedize von Ägypten nach Empfang Ihrer Briefe, in welchen Sie dringend um Hilfe und Instruktionen bitten, es für angebracht gehalten hat, mich mit der Ausrüstung einer Expedition zu beauftragen, welche nach Wadelai gehen, Ihnen die Hilfe, welche Sie nach Ansicht der Regierung brauchen, bringen und Ihnen in anderer Weise entsprechend den geschriebenen Instruktionen, welche mir für Sie übergeben worden sind, behilflich sein soll.
Nachdem ich mich aus der Durchsicht Ihrer Briefe an die ägyptische Regierung ziemlich genau über die Beschaffenheit Ihrer Wünsche informiert hatte, ist die Expedition in der Weise ausgerüstet worden, dass dieselbe allen ihren Bedürfnissen genügen dürfte. Wie Sie aus den an Sie gerichteten Schreiben Sr. Hoheit und des ägyptischen Premierministers, die ich mitbringe, ersehen werden, ist alles, was zur Befriedigung Ihrer Bedürfnisse geschehen konnte, mit Freuden getan. Aus der Übersetzung der mir übergebenen Briefe bemerke ich, dass dieselben Ihnen außerordentliche Befriedigung gewähren werden. Es sind mehr als 60 Soldaten aus Wadi Halfa beordert worden, mich zu begleiten, um die unter Ihren Befehlen stehenden Soldaten zu ermutigen und den Inhalt der Schreiben zu bestätigen. Wir marschieren auch unter der ägyptischen Flagge.
Die Expedition umfasst 600 Eingeborene aus Sansibar und wahrscheinlich ebenso viele arabische Begleiter aus Zentralafrika.
Morgen segeln wir von Sansibar nach dem Kongo und am 18. Juni hoffen wir am obersten Ende der Schifffahrt auf dem Oberkongo zu sein. Die Entfernung von dem Punkte, wo wir uns ausschiffen, bis zum südlichen Ende des Albert-Sees beträgt in gerader Linie 620, auf dem Landwege etwa 900 km, sodass wir vermutlich zu dem Marsche nach dem südwestlichen oder südlichen Ende des Sees bis in die Nachbarschaft von Kavalli 50 Tage brauchen werden.
Wenn Ihre Dampfer in der Nähe jenes Ortes sein sollten, werden Sie mir vielleicht in Kavalli oder dessen Umgegend Nachricht von Ihrem Aufenthalte zukommen lassen können.
Die Gründe, welche mich gezwungen haben, für die Beförderung Ihrer Vorräte diese Route einzuschlagen, sind verschiedener, hauptsächlich aber politischer Art. Ich habe auch den Eindruck, dass diese Route mehr Sicherheit und größere Gewissheit auf den Erfolg unsere Unternehmens, sowie geringere Schwierigkeiten für die Expedition und weniger Belästigung für die Eingeborenen bietet. Muanga ist im Süden und Südosten ein starker Gegner. Die Wakedi und andere kriegerische Stämme im Osten von Fatiko bilden ein ernstliches Hindernis, die Eingeborenen von Kischakka und Ruanda haben Fremden noch niemals den Eintritt in ihr Gebiet gestattet. Unterwegs erwarte ich nicht viele Schwierigkeiten, da es im Kongobecken keine mächtigen Häuptlinge gibt, welche unseren Marsch aufzuhalten fähig sind.
Außer Überfluss an Munition für Ihren Bedarf, den offiziellen Schreiben der ägyptischen Regierung, einer starken Post von Ihren zahlreichen Freunden und Bewunderern bringe ich Ausrüstungsgegenstände für Sie persönlich, sowie für Ihre Offiziere, dem Range eines jeden entsprechend, mit.
In der Hoffnung, dass ich das Vergnügen haben werde, Sie wohl und sicher anzutreffen, und dass nichts Sie veranlasst, Ihr Leben und Ihre Freiheit in der Nachbarschaft von Uganda voreilig aufs Spiel zu setzen, ohne die von mir eskortierten ausreichenden Mittel zu haben, um sich und Ihren Leuten Achtung zu verschaffen, bitte ich Sie mich zu betrachten als
Ihren ganz ergebenen
Henry M. Stanley.
24. und 25. Februar. Bei der Ankunft in Sansibar fand ich, dass unser Agent, Herr Edmund Mackenzie, alles so wohl vorbereitet hatte, dass die Expedition beinahe zur Einschiffung fertig war. Der Dampfer „MADURA“ lag im Hafen und war für die Reise mit Proviant und Wasser ausgerüstet; die Tauschwaren und Lasttiere befanden sich am Bord. Indessen mussten noch einige Angelegenheiten erledigt werden, namentlich eine Vereinbarung mit dem berühmten Tippu-Tib über unsere gegenseitige Stellung zueinander. Tippu-Tib ist heute ein viel größerer Mann als im Jahre 1877, wo er meine Karawane vor der Talfahrt auf dem Kongo begleitete. Er hat sein schwer erworbenes Vermögen in Waffen und Pulver angelegt. Abenteuersüchtige Araber haben sich unter seine Fahne geschart, bis er jetzt der ungekrönte König der Region zwischen den Stanley-Fällen und dem Tanganjika-See geworden ist und viele Tausende an die Kämpfe und das wilde Leben am Äquator gewohnter Männer befehligt. Wenn ich feindselige Absichten bei ihm entdeckte, dann beabsichtigte ich mich weit entfernt von ihm zu halten, denn wenn die Munition, welche ich Emin Pascha zuführen sollte, von ihm erobert und benutzt wurde, geriet die Existenz des noch in seiner Kindheit befindlichen Kongostaates in Gefahr und waren alle unsere Hoffnungen bedroht. Zwischen Tippu-Tib und Muanga, dem König von Uganda, bestand nur eine Wahl wie zwischen der Bratpfanne und dem Feuer. Tippu-Tib war der „Sibehr“ des Kongobeckens und als Feind ebenso gefährlich, wie letzterer an der Spitze seiner Sklaven gewesen wäre. Zwischen mir und Gordon musste in Bezug auf das Verhalten unseren eigenen Sibehrs gegenüber ein Unterschied gemacht werden; der meinige hatte gegen mich persönlich keine Abneigung, meine Hände waren frei, meine Bewegungen ungehindert. Ich sondierte deshalb Tippu-Tib am ersten Tage unter gehöriger Vorsicht und fand, dass er für jede Eventualität, entweder mit mir zu kämpfen oder von mir angestellt zu werden, vollständig vorbereitet war. Ich wählte das letztere und wir gingen ans Geschäft. Ich brauchte seine Hilfe nicht, um Emin Pascha zu erreichen oder mir den Weg weisen zu lassen. Es gibt vier gute Straßen von Wadelai nach dem Kongo; eine derselben war in der Gewalt Tippu-Tib's, die drei anderen waren noch frei von ihm und seinen Myrmidonen. Allein Dr. Junker hatte mir mitgeteilt, dass Emin Pascha im Besitze von etwa 75 Tonnen Elfenbein sei. Ein solches Quantum Elfenbein würde, das Pfund zu 8 Mark gerechnet, einen Wert von 1.200.000 Mark repräsentieren. Die Beteiligung Ägyptens am Fonds zum Entsatze Emin Pascha's ist in Anbetracht der schlechten Finanzen des Landes eine bedeutende; in diesem Quantum Elfenbein hatten wir möglicherweise das Mittel, um den Staatsschatz wieder aufzufüllen, und behielten noch eine große Summe zur Deckung der Unkosten und vielleicht auch zu einem hübschen Geschenk für die überlebenden Sansibariten übrig.
Weshalb sollten wir nicht den Versuch machen, dieses Elfenbein nach dem Kongo zu befördern? Ich wünschte deshalb Tippu-Tib und seine Leute zu engagieren, damit sie mir bei dem Transport der Munition zu Emin Pascha und auf dem Rückwege beim Tragen des Elfenbeins behilflich seien. Nach langem Feilschen schloss ich mit ihm einen Vertrag ab, nach welchem er sich verpflichtete, 600 Träger zu 6 Pfd. St. für jeden belasteten Mann und jede Rundreise von den Stanley-Fällen nach dem Albert-See hin und zurück zu liefern. Auf diese Weise würde, da jeder Mann 70 Pfund Elfenbein trägt, jede Rundreise dem Fonds die Summe von 13.200 Pfd. St. netto an den Stanley-Fällen zuführen.
Nach Abschluss dieses Vertrages, der in Gegenwart des englischen Generalkonsuls vereinbart wurde, brachte ich im Namen Sr. Maj. des Königs Leopold bei Tippu-Tib einen anderen Gegenstand zur Sprache. Ich hatte die Station Stanley-Fälle im Dezember 1883 angelegt; später ist dieselbe von verschiedenen Europäern befestigt worden, und es war Herrn Binnie und dem schwedischen Leutnant Wester gelungen, sie zu einer geordneten und ansehnlichen Niederlassung zu machen. Sein Nachfolger Kapitän Deane geriet mit den Arabern in Streit und steckte bei seiner zwangsweisen Abreise von dem Schauplatze seiner Tätigkeit die Station in Brand. Der Zweck bei Anlegung der Station war gewesen, die Araber an der Fortsetzung ihrer verwüstenden Tätigkeit unterhalb der Fälle zu verhindern, weniger durch Gewalt, als durch Takt, oder eigentlich durch eine glückliche Vereinigung beider. Durch den Rückzug der Beamten des Kongostaates von den Stanley-Fällen wurden die Schleusen geöffnet und die Araber drängten flussabwärts. Da Tippu-Tib selbstverständlich der leitende Geist der Araber westlich vom Tanganjika-See war, so war es ratsam, zu versuchen, wie weit man sich seiner Hilfe versichern könne, um diesen Strom der Araber an der Zerstörung des Landes zu hindern. Nach Austausch telegraphischer Depeschen mit Brüssel am zweiten Tage meines Aufenthalts in Sansibar unterzeichnete ich mit Tippu-Tib einen Vertrag, in welchem dieser zum Gouverneur der Stanley-Fälle gegen ein regelmäßiges Gehalt ernannt wurde, das monatlich zu Händen des englischen Generalkonsuls in Sansibar ausgezahlt werden sollte. Seine Pflicht wird hauptsächlich in der Verteidigung der Stanley-Fälle im Namen des Staates gegen alle Araber und Eingeborenen bestehen. Die Station wird die Flagge des Kongostaates führen. Unter allen Umständen soll er jeden, der auf dem Gebiete Raubzüge auf Sklaven unternimmt, angreifen und gefangen nehmen und alle größeren Trupps, welche im gerechtfertigten Verdacht gewalttätiger Zwecke stehen, vertreiben. Er muss sich selbst unterhalb der Fälle jeglichen Sklavenhandels enthalten und auch alle unter seinen Befehlen Stehenden an diesem Geschäft verhindern. Zur Sicherstellung der getreuen Ausführung dieses Vertrages wird ein europäischer Offizier zum Residenten an den Fällen ernannt. Sobald eine Verletzung irgendeines Artikels des Vertrages gemeldet wird, hört die Zahlung des Gehalts auf.
Während ich mit diesen Verhandlungen beschäftigt war, hatte Herr Mackenzie inzwischen den für die Entsatz-Expedition angeworbenen 620 Männern und Knaben einen Vorschuss auf vier Monate, insgesamt 12.415 Dollars, ausbezahlt, und sobald ein Trupp von 50 Personen seine Zahlung in befriedigender Weise erhalten hatte, wurde ein Leichter herangeholt, der die Leute aufnahm und dann von einer Dampfbarkasse nach dem Transportdampfer geschleppt wurde. Um 5 Uhr nachmittags waren alle Mann an Bord, worauf der Dampfer nach einem entfernteren Ankerplatze hinausfuhr. Gegen Mitternacht befanden sich Tippu-Tib und seine Leute, sowie jeder, der sonst noch zur Expedition gehörte, am Bord, und mit Tagesanbruch wurde am folgenden Morgen, dem 25. Februar, der Anker gelichtet und wir dampften nach dem Cap der Guten Hoffnung ab.
Bis soweit hatte sich bei den Arrangements noch keinerlei Hindernis gezeigt; die Schwierigkeiten wurden wie von Zauberkraft geebnet und jeder hatte den höchsten Eifer gezeigt und prompt die gewünschte Hilfe geleistet. Die Offiziere der Expedition waren vom Morgen bis zum Abend mit der schwierigen Aufgabe, die Munition für die Truppen Emin Pascha's umzupacken, vollauf beschäftigt.
Bevor ich diese Bemerkung schließe, möchte ich noch der liberalen Unterstützung gedenken, welche Sir John Pender und die Eastern Telegraph Company unserer Entsatz-Expedition haben zuteilwerden lassen. Alle meine Telegramme aus Ägypten, Aden und Sansibar, die sich zusammen auf mehrere hundert Worte beliefen, wurden kostenfrei befördert, und da sonst jedes Wort von Sansibar nach Europa 8 Schilling kostet, so kann man sich einen Begriff von dem pekuniären Werte der uns erzeigten Gefälligkeit machen. Bei meiner Rückkehr aus Afrika wurde mir dieses große Privilegium aufs neue zuteil, und da ich mehrere Tage täglich Dutzende von Telegrammen, auf welche man Antwort erwartete, erhielt, so würde ich für die glückliche Befreiung Emin Pascha's bald teuer haben bezahlen und meine aufregende Laufbahn vermutlich vor dem Bankrottgericht haben enden müssen, wenn Sir John Pender und Sir James Anderson mich nicht rasch beruhigt hätten. Unter den Namen derjenigen, welche zu dem Entsatz-Fonds einen sehr hochherzigen Betrag gezeichnet haben, darf ich deshalb mit Recht auch die von Sir John Pender und Sir James Anderson für die Eastern Telegraph Company aufführen. Ferner muss ich noch erwähnen, dass dieselben sich erboten, mir den Kabeldampfer in Sansibar zu leihen, um meine Trägertruppe und Soldaten nach dem Kongo zu befördern, für den Fall, dass wir bei der Charterung des Dampfers „MADURA“ mit der Britisch-Indischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft Schwierigkeiten gehabt hätten.
* * *
Drittes Kapitel – Zur See nach dem Kongo
Drittes Kapitel – Zur See nach dem Kongo
Der Sultan von Sansibar. – Tippu-Tib und die Stanley-Fälle. – An Bord des Dampfers „MADURA“. – Ein „Schindi“ zwischen Sansibariten und Sudanesen. – Skizzierung meiner Offiziere. – Tippu-Tib und Kapstadt. – Ankunft an der Mündung des Kongo. – Antritt der Fahrt den Kongo aufwärts. – Besuch von zwei Mitgliedern des Exekutivkomitee des Kongostaates. – Unangenehme Gedanken.
* * *
Folgender Privatbrief an einen Freund gibt Aufklärung über einige Dinge von allgemeinem Interesse:
Dampfer „MADURA“, 9. März 1887
In der Nähe des Cap der Guten Hoffnung.
Mein lieber –
außer dem Inhalt der Schreiben an die Presse, welche zu Gunsten des Entsatz-Fonds veröffentlicht werden sollen und alles das enthalten, was das Publikum gerade jetzt wissen sollte, habe ich Ihnen und anderen Freunden noch einiges zu sagen.
Der Sultan von Sansibar empfing mich mit ungewöhnlicher Freundlichkeit, die ich zum großen Teile der Einführung durch Herrn William Mackinnon und Sir John Kirk verdanke. Er schenkte mir einen schönen Säbel, meiner Ansicht nach eine Schirasi-Klinge, reich mit Gold ausgelegt, und einen prachtvollen Diamantring, welcher die Augen Tippu-Tib's feucht erglänzen ließ. Bei dem Säbel befindet sich der goldene Gürtel Sr. Hoheit, dessen Schnalle seinen Namen in arabischen Buchstaben trägt. Derselbe wird mir, wenn ich mit Arabern zusammenkomme, von Nutzen sein als ein Beweis von dem guten Einvernehmen zwischen dem Fürsten und mir; und wenn ich die ägyptischen Offiziere, von denen manche vermutlich ungebildet sind, erreiche, müssen sie den Säbel als Zeichen anerkennen, dass wir keine Händler sind.
Aus den Zeitungen werden Sie ersehen haben, dass ich 61 sudanesische Soldaten mitgenommen habe. Der Zweck hiervon ist, dass sie zu den Sudanesen in Äquatoria für mich sprechen sollen. Vielleicht werden die Ägypter sich stellen, als glaubten sie nicht an die Fermans und die Schreiben Nubar's, in welchem Falle diese Sudanesen als lebendige Beweise meines Auftrags vorgeführt werden sollen.
Ich habe in Sansibar mehrere kleine Aufträge in befriedigender Weise erledigt. Der eine bestand darin, den Sultan zur Unterzeichnung der Konzessionen zu veranlassen, welche Mackinnon schon vor langer Zeit vergeblich zu erhalten versucht hat. Da die Deutschen westlich von Sansibar prächtiges Gebiet besitzen, war es nicht mehr als gerecht, dass England für den Schutz, den es seit 1841 Sansibar hat angedeihen lassen, ebenfalls seinen Teil erhielt. Die Deutschen scheinen dies auch eingesehen zu haben, wie Sie aus der kürzlich abgeschlossenen englisch-deutschen Vereinbarung bemerken werden. Frankreich hat bereits ein ungeheures Areal in Westafrika erhalten. Die ganze Welt hat der Konstituierung des Dominium des Königs Leopold, für welche er eine Million Pfd. St. verausgabt hat, als unabhängigen Kongostaat zugestimmt. Portugal, das ewig missvergnügt ist und wenig tut und das Wenige auch nur in hochfahrender, engherziger Weise, ist ebenfalls von den Mächten gnädigst bedacht worden; nur England, welches seine Forscher, Livingstone, Burton, Speke, Grant, Baker, Keith Johnston, Thomson, Elton usw., aussandte, hat nichts bekommen, obwohl wahrscheinlich kein anderes Land ein solches Interesse an dem dunkeln Weltteil genommen und solche Opfer für die Eingeborenen gebracht hat wie England. Seine Kreuzer haben während der letzten 20 Jahre an den Küsten des Ozeans die Seepolizei ausgeübt, um den Sklavenhandel zu unterdrücken, die Zahl seiner Missionen zwischen Ost- und Westafrika beträgt 22. Die Konzession, welche wir zu erhalten wünschten, umfasste einen Teil der ostafrikanischen Küste, wovon Mombasa und Malindi die wichtigsten Städte waren. Soviel ich weiß, hat die Angelegenheit Sr. Hoheit bereits acht Jahre vorgelegen, doch war die Unterschrift des Sultans schwer zu erlangen.
Bei der Ankunft in Sansibar fand ich, dass der Sultan gealtert war und nicht lange mehr zu leben hatte. Seyid Bargasch ist sechs Monate später gestorben. Die Engländer konnten in der vorbehaltenen „Interessensphäre“ keine Kapitalien anlegen, bis einige solcher Konzessionen unterzeichnet waren.
„Wenn es Gott gefällt, werden wir zu einer Vereinbarung kommen“, sagte der Sultan, „daran kann weiter kein Zweifel sein.“ Allein seine politischen Sorgen reiben ihn rasch auf, und wenn diese Angelegenheit nicht bald zu Ende geführt wird, wird es zu spät sein.
Die andere Angelegenheit betraf Tippu-Tib. Derselbe hatte tatsächlich drei ungeladene Krupp'sche Granaten im Besitz, welche er von den Stanley-Fällen am Oberkongo nach Sansibar mitgebracht hatte, um seinen Freunden die Art der Geschosse zu zeigen, mit denen die Belgier seine Niederlassungen bombardierten. Er war außerordentlich zornig und brütete im Inneren über Wiedervergeltungsplänen. Ich brauchte längere Zeit, um die Ausbrüche seines Zorns zu besänftigen. Wütenden Leuten muss man Zeit lassen, um ihrem Ärger Luft zu machen. Als er eine Zeit lang seinem Unwillen Ausdruck gegeben hatte, fragte ich ihn in aller Ruhe, ob er nun fertig sei, und sagte ihm in mildem Tone, ich wisse sehr gut, wie groß und mächtig er sei usw. Dann bemerkte ich, es sei kaum gerecht, allen Europäern und dem König Leopold einen Vorwurf zu machen, weil es einem Offizier an den Stanley-Fällen beliebt habe, seine Ansiedelungen mit Krupp'schen Granaten zu bewerfen; die Schwierigkeit sei durch den Übereifer eines Mannes bei der Verteidigung einer Sklavin, welche seinen Schutz aufgesucht hatte, verursacht worden, in derselben Weise, wie sein Neffe Raschid sich durch jugendliche Leidenschaft habe hinreißen lassen, seine Rechte zu verteidigen. „Der Gouverneur des Kongostaates war mehr als 2.400 km flussabwärts entfernt, und Tippu-Tib, der Eigentümer der Niederlassungen, befand sich viele hundert Kilometer ostwärts auf dem Wege nach Sansibar. Nun, ich betrachte die Angelegenheit als die Folge eines Streites zwischen einem jungen Weißen und einem jungen Araber. Die Grauköpfe, welche den Streit ohne Kampf entschieden haben würden, waren abwesend, aber die Jugend will bekanntlich immer ihre Kraft messen.
„Wissen Sie“, fuhr ich fort, „dass die Station uns sehr viel Schwierigkeiten bereitet hat? Wie Sie sich erinnern werden, schickten wir Amelot hin. Kaum hatte er die Station ohne Befehl verlassen, als er irgendwo in der Nähe von Njangwe starb. Der nächste, der Schwede Gleerup, folgte seinem Beispiel und marschierte quer durch Afrika; dann schickten wir Deane, der zur Abwechslung Krieg mit den Arabern haben wollte.

Tippu-Tib
Dem König Leopold ist wegen alles dessen kein Vorwurf zu machen. Es ist schwer, Leute zu finden, welche stets weise handeln und immer vollständig begreifen, wie ihre Befehle lauten. Hätte König Leopold Deane hingeschickt, um Krieg mit Ihnen zu führen, dann würde er ihn, davon können Sie überzeugt sein, nicht mit nur 30 Mann gesandt haben.
„Nun merken Sie auf. Er schlägt Ihnen den Versuch vor, jene Station mit eigener Hand zu regieren; er wird Ihnen jeden Monat dasselbe bezahlen, was ein europäischer Offizier erhalten würde. Jedoch gibt es gewisse kleine Bedingungen, welche Sie erfüllen müssen, ehe Sie Gouverneur werden.“
Tippu-Tib schlug die Augen auf, bewegte dieselben rasch, wie er zu tun pflegt, und fragte: „Ich?“
„Ja, Sie. Sie lieben das Geld; ich biete Ihnen Geld. Sie grollen darüber, dass dort Weiße sind; nun, wenn Sie Ihre Pflicht richtig erfüllen, dann braucht man dort keine Weißen mehr, außer dem Einen, welchen wir unter Ihrem Befehl dorthin schicken müssen, um zu sehen, dass nicht gegen die Bedingungen verstoßen wird.“
„Nun, worin bestehen dieselben?“
„Sie müssen die Flagge des Kongostaates aufhissen. Sie müssen einem Residenten, der Ihre Berichte an den König schreiben wird, gestatten, bei Ihnen zu bleiben. Sie dürfen weder Sklavenhandel treiben, noch irgendjemand erlauben, unterhalb der Stanley-Fälle mit Sklaven zu handeln. Ebenso darf, wie Sie begreifen werden, keine Sklavenjagd stattfinden. Dagegen können Sie mit Elfenbein, Gummi, Guttapercha, Vieh und allen anderen Dingen so viel handeln, wie es Ihnen beliebt. Es darf aber unterhalb Ihrer Station kein den Eingeborenen gehörendes Eigentum irgendwelcher Art geplündert werden. Ihr Monatsgehalt wird an Ihren Agenten in Sansibar ausgezahlt werden. Geben Sie mir nicht sofort eine Antwort, sondern gehen Sie hin und beraten Sie sich mit Ihren Freunden und denken Sie darüber nach, was ich Ihnen biete. Mein Schiff segelt in drei Tagen. Bringen Sie mir morgen Ihre Antwort!“
Da die Antwort günstig lautete, wurde von dem Generalkonsul ein passender Vertrag aufgesetzt, den wir beide unterzeichneten.
Eine weitere Vereinbarung traf ich mit ihm bezüglich der Anwerbung von Trägern, welche die Munition vom Kongo nach dem Albert-See befördern sollen. Gibt es dort kein Elfenbein, dann werde ich Tippu-Tib die Summe von 3.600 Pfd. St. schulden. Es muss aber Elfenbein dort sein, da Emin Pascha und Dr. Junker beide behaupten, es sei ein großer Vorrat davon da. Indessen möchte ich des Elfenbeins wegen die Expedition nicht in Gefahr bringen.
In Anbetracht dieser Dienste, zu deren Leistung Tippu-Tib sich feierlich verpflichtet hat, habe ich ihm für sich und 96 seiner Begleiter freie Fahrt von Sansibar nach dem Kongo, einschließlich Beköstigung, zugestanden. Auch habe ich die Verantwortung übernommen, die ganze Truppe wohlbehalten nach den Stanley-Fällen zu transportieren, wodurch ich nicht geringe Kosten verursacht habe, welche jedoch mit den in den einzelnen Artikeln des Vertrages erwähnten Diensten, wenn dieselben getreulich zur Ausführung gelangen, reichlich bezahlt werden. Diese Verhandlungen mit Tippu-Tib sichern uns auch einen friedlichen Marsch vom Kongo durch sein Gebiet, der ohne ihn keineswegs möglich gewesen wäre, da seine verschiedenen Horden von Beutejägern über ein weites Gebiet zerstreut sein werden und es kaum wahrscheinlich ist, dass sie in ihrem erklärlichen Rachegefühl wegen des jüngsten Bruches mit Deane uns in Frieden passieren lassen würden. Nachdem ich mir Tippu-Tib verpflichtet habe, fühle ich mich einigermaßen sicher vor der beständig zu befürchtenden Desertion der Sansibariten. Jetzt wird kein Araber die Leute überreden, davonzulaufen, wie sie es sonst zu tun pflegen, wenn die Expedition eines Weißen in der Nähe ihrer Niederlassungen vorbeikommt. Tippu-Tib darf ein solches Verfahren jetzt nicht billigen.
Der „MADURA“ ist ein bequemer Dampfer, während der „ORIENTAL“ und der „NAVARINO“ in unangenehmer Weise überfüllt waren. Das Zwischendeck quer ab von den Kesseln ist für die Leute allerdings ein ziemlich heißer Raum, allein wir haben angenehmes Wetter und sie ziehen es daher vor, anstatt in der Bratitze unter Deck in den Booten, zwischen den Eseln und auf Deck sich schlafen zu legen.
Zwei Stunden nach der Abfahrt von Sansibar fand ein sogenanntes „Schindi“ zwischen den Sansibariten und Sudanesen statt, und kurze Zeit schien es, als ob wir mit vielen Toten und Verwundeten würden nach Sansibar zurückkehren müssen. Der Kampf entstand aus einem Streit um den Raum. Die Sudanesen waren direkt neben den Sansibariten untergebracht worden, die, weil sie um das Zehnfache zahlreicher waren, Platz zum Atmen gebrauchten. Sie waren sämtlich Bekenner des Islam, allein kein einziger dachte an seine Religion, als sie Brennholz und Stücke von Planken ergriffen, um aufeinander loszuschlagen und zu prügeln. Die Schlacht hatte bereits einige Zeit gedauert, ehe ich davon hörte. Als ich in die Luke hinabsah, bot sich mir ein fürchterlicher Anblick; das Blut Floß in Strömen an den Gesichtern von Dutzenden von Leuten herab, und es flogen sehr lebhaft gewaltige Brennholzstücke umher. Befehle waren in diesem Aufruhr nicht zu hören, sodass sich einige von uns selbst mit Knitteln an dem Kampfe beteiligten, wobei wir unsere Angriffe auf die lautesten Schreier richteten. Es bedurfte unserer ganzen Überredungskunst in Verbindung mit scharfen Hieben, um die streitbaren Parteien zur Ordnung zu bringen, namentlich bei der sudanesischen Minorität, welche aus großen Burschen besteht. Die Sudanesen wurden aus ihrem Winkel fortgetrieben und hinten untergebracht, während die Sansibariten die ganze vordere Hälfte des Schiffes für sich behielten. Nachdem wir uns von Blut und Schweiß gereinigt hatten, beglückwünschte ich die Offiziere, und besonders Jephson, Nelson und Bonny, wegen des Anteils, den sie an dem Streit genommen hatten. Sie hatten sich höchst wacker benommen. Das Resultat des Scharmützels sind zehn Armbrüche, fünfzehn ernstliche Speerwunden im Gesicht und am Kopf, einige nicht nennenswerte Verletzungen an den Schultern und am Rücken und verschiedene Abschürfungen an den unteren Gliedmaßen.
Dr. Parke hat mit der Impfung der sämtlichen am Bord befindlichen Leute sehr viel zu tun gehabt. Glücklicherweise hatte ich nach den früher gemachten bösen Erfahrungen zu diesem Zwecke einen großen Vorrat von Lymphe besorgt.
Wir teilten unterwegs die Leute in 7 Kompanien von je etwa 90 Mann ein.
Ich habe meinen Agenten beauftragt, 200 Lasten verschiedener Waren der Expedition nach Msalala am Südende des Victoria-Sees entgegenzuschicken; dieselben werden ungefähr im Oktober oder November 1887 abgehen und im Februar oder März 1888 in Msalala eintreffen, da wir, wenn alles nach meinen Wünschen geht, nicht allzulange nach dem genannten Tage in der Nähe dieses Ortes eintreffen werden.

Seitdem ich von Aden abgereist bin, habe ich mich in Gesellschaft meiner Offiziere befunden und sie in der Stille beobachtet. Ich werde Ihnen skizzieren, wie dieselben mir bis jetzt vorgekommen sind.
Major Barttelot ist etwas zu eifrig und muss gezügelt werden. Es steckt Überfluss von Arbeit in ihm, was eine höchst schätzenswerte Eigenschaft sein würde, wenn sie stets auf die erteilten Befehle Rücksicht nähme. Am wertvollsten würde für mich ein Mann sein, welcher Barttelot's Mut und Trieb in sich hätte, aber mich kennen und fragen würde, ob diese oder jene Arbeit nicht getan werden müsste. Ein solches Verhalten erfordert Nachdenken und Bereitwilligkeit nebst dem gehörigen Respekt.
In Mounteney Jephson steckt sehr viel, obwohl er für weibisch gehalten wurde. Er wird tatsächlich wild, wenn er gereizt wird, und seine Züge werden gefährlich fest und bestimmt. Ich beobachtete ihn während des jüngsten Kampfes an Bord und war nahe daran ihm „Bravo, Jephson!“ zuzurufen, obwohl ich selbst meinen Knittel schwingen musste, der, wie die Sansibariten sagen, so groß wie ein Mast ist. Sein Verhalten war höchst wacker und mutig. Wenn er lange genug bei dieser Expedition bleibt, wird er entweder ganz tüchtig sein oder Schaden nehmen.
Kapitän Nelson ist ein guter Junge und ohne das Gespenst eines Steckenpferdes; er bleibt sich überall und zu jeder Stunde gleich.
Stairs, vom königlichen Ingenieurcorps, ist ein prächtiger Mensch; er gibt sich Mühe, ist bereitwillig, aufmerksam und fleißig, ein unschätzbares Mitglied unsere Stabes.
Jameson ist noch immer der nette Bursche, der er früher war. In ihm hat sich keine Spur verändert; er ist verträglich und gut.
Bonny ist Soldat. Er ist kein Neuling und scheint sich unter der Fuchtel eines strengen Kriegsmanns befunden zu haben.

16. März 1887.
In Kapstadt sagte Tippu-Tib, nachdem er die Prosperität und das geschäftige Leben in der Stadt bemerkt und die Geschichte derselben von mir gehört hatte, er hätte früher geglaubt, dass alle Weißen Narren seien.
„Wirklich“, erwiderte ich, „weshalb denn?“
„Das war meine Ansicht.“
„In der Tat! Und was halten Sie jetzt von ihnen?“ fragte ich.
„Ich glaube, es steckt etwas in ihnen und sie sind noch unternehmender als die Araber.“
„Was veranlasst Sie, dies zu glauben, und namentlich jetzt?“
„Nun, ich und meine Freunde haben uns diese Stadt, die großen Schiffe und Hafendämme angesehen und gefunden, um wie viel besser diese Dinge sind im Vergleich zu denen in Sansibar, das vor der Erbauung dieser Stadt von den Portugiesen erobert worden ist, und ich habe mich gewundert, weshalb wir es nicht ebenso gut hätten machen können, wie die Weißen. Ich fange an zu glauben, dass sie sehr gescheit sein müssen.“
„Wenn Sie das erst entdeckt haben, Tippu-Tib, dann sind Sie auf dem besten Wege, noch mehr zu entdecken. Die Weißen müssen erst sehr viel studiert werden, ehe man dieselben vollständig zu begreifen vermag. Schade, dass Sie niemals zum Besuch nach England gekommen sind.“
„Ich hoffe, vor meinem Tode noch hinzugehen.“
„Seien Sie uns auf dieser langen Reise treu, dann werde ich Sie hinbringen und Sie sollen mehr sehen, als Sie sich jetzt träumen lassen.“
„Inschallah! Wenn es Allahs Wille ist, werden wir zusammen hingehen.“

Am 18. März lief der Dampfer „MADURA“ in die Kongomündung ein und ließ etwa 200 m gegenüber der sandigen Landspitze, Banana genannt, den Anker fallen.

Wenige Minuten später befand ich mich bei Herrn Lafontaine Ferney, dem Hauptagenten der Holländischen Gesellschaft, an den unser Dampfer konsigniert war. Infolge einer Verzögerung hatte Herr Lafontaine Ferney noch nicht erfahren, dass wir schon so früh einzutreffen beabsichtigten. Jeder schien überrascht zu sein, da man uns nicht vor dem 25. erwartet hatte, allein dieser glückliche Zufall war einzig und allein dem Kapitän und unserm guten Dampfer zu verdanken. Indessen gelang es mir, ein Abkommen zu treffen, nach welchem der der Holländischen Gesellschaft gehörende Dampfer „K. A. NIEMAN“, der nach einem netten, vor kurzem in S. Paolo de Loanda verstorbenen, jungen Manne benannt war, mir zur Beförderung von 230 Mann nach Matadi am nächsten Tage zur Verfügung gestellt wurde.
Bei der Rückkehr zum Schiffe sah ich meine Offiziere zwei englische Händler umstehen, welche zur Britischen Kongo-Gesellschaft in Banana gehören. Dieselben erzählten unangenehme Dinge über den Zustand der Dampfer des Kongostaates. „Dort am Lande liegt jetzt ein Stück von dem „STANLEY“, das Ihnen einen Begriff von dem Dampfer geben wird. Der „STANLEY“ ist, wie wir hören, vollständig Wrack. Aber wie wollen Sie vom Pool weiter kommen? Der Staat hat keinen einzigen Dampfer in Betrieb. Dieselben sind sämtlich ans Ufer gezogen zur Reparatur, die Monate dauern wird. Wir begreifen nicht, wie Sie in weniger als sechs Wochen von hier fortkommen wollen! Sehen Sie dort den großen Dampfer auf der Sandbank! Derselbe ist soeben von Europa gekommen, der Narr von einem Kapitän ließ ihn auf den Strand laufen, anstatt auf den Lotsen zu warten. Das Schiff hat die einzelnen Teile eines Dampfers im Raum. Die beiden Staatsdampfer „HERON“ und „BELGIQUE“ müssen natürlich jenes Schiff erst wieder abschleppen. Sie sind wirklich in einer netten Lage, das können wir Ihnen versichern.“
Selbstverständlich waren diese Nachrichten für unsere Offiziere höchst entmutigend, und zwei von ihnen beeilten sich, auch mir den Trost dieser Unglücksbotschaften zu bringen. Sie waren mit den Manieren der „Eingeborenen“ am Unterkongo nicht so wohlvertraut wie ich, und ich wunderte mich nur, dass ihre neuen Bekanntschaften sie nicht höflich zur Begleitung nach dem Friedhofe aufgefordert hatten, um die ausgezeichnete Genugtuung zu haben, ihnen die gemalten hölzernen „Denksteine“ zu zeigen, welche den Tod so vieler prächtigen jungen Leute melden, die einst ebenso viel versprachen wie sie.
Ich wandte mich an den Agenten der Britischen Kongo-Gesellschaft und bat ihn um die Erlaubnis, seinen Dampfer „ALBUQUERQUE“ chartern zu dürfen. Der Herr gab freundlichst seine Zustimmung, sodass uns Transportgelegenheit für 140 Mann und 60 Tonnen Ladung gesichert war. Dann bat ich ihn und seine Freunde um ihre Vermittlung betreffs Charterung des großen Raddampfers „SERPA PINTO“, und da ihre Bemühungen vollständig erfolgreich waren, wusste ich noch vor Abendwerden, dass wir Banana Point am nächsten Tage mit 680 Mann und 160 Tonnen Ladung verlassen würden. Der dem Staate gehörende Dampfer „HERON“ würde, wie man mir sagte, nicht vor dem 20. abfahren können.
Am 19. März verließen die Dampfer „K. A. NIEMAN“, „ALBUQUERQUE“ und „SERPA PINTO“ Banana Point, und vor Abend waren dieselben bei Ponta da Lenha verankert. Am nächsten Tage fuhren die ersteren beiden Dampfer direkt hinauf nach Matadi, während der „SERPA PINTO“ an dem Hafendamm in Boma anlegte, damit ich eine offizielle Ankündigung der Tatsache, dass der neue Gouverneur der Stanley-Fälle sich am Bord befinde, ans Land schicken und einen kurzen Besuch von zwei Mitgliedern des mit der Verwaltung des Kongostaates beauftragten Exekutivkomitees entgegennehmen konnte.
Wir hatten nur Zeit zum Austausch weniger Worte, allein es gelang ihnen, mir in diesen kurzen Augenblicken mitzuteilen, dass „eine Hungersnot im Lande“ herrsche, „die Dörfer an der Straße nach dem Pool verlassen seien“; „der ‚STANLEY‘ sei ernstlich beschädigt“; die Missionsdampfer befänden sich irgendwo in unbekannten Regionen des Oberkongo“; „der ‚EN AVANT‘ sei gestrandet und ohne Maschinen und Kessel“; „der › A.I.A.‹ liege 800 km oberhalb des Stanley-Pool“; „der ‚ROYAL‘ sei vollständig verrottet und seit einem Jahre nicht mehr benutzt worden“; kurz, das ganze uns versprochene Bootsmaterial existiere überhaupt nur in der Einbildung der Herren vom Büro in Brüssel. „Übrigens“, sagte einer der Herren, welcher der Chef des Exekutivkomitees zu sein schien, mit überlegenem Nachdruck, „sollten die Boote Sie nur unterstützen, wenn wir sie Ihnen ohne Nachteil für den Staatsbetrieb geben könnten.“
Der portugiesische Kapitän des „SERPA PINTO“ beorderte mit rauer Stimme die Herren ans Land, und wir setzten die Fahrt den Kongo aufwärts fort.
Meine Gedanken waren nicht sehr angenehmer Natur. Mit meiner Flottille von 15 Walfischfänger-Booten wäre ich unabhängig gewesen, allein man hatte Einwände gegen die Kongo-Route erhoben und dieses Projekt deshalb aufgegeben. Kaum hatten wir uns für die Route von der Ostküste entschieden, als der Herrscher des Kongostaates die Expedition einlud, sein Gebiet zu passieren; die Deutschen hatten gemurrt und die französische Regierung gegen den Gedanken unsere Marsches durch Ostafrika Protest erhoben. Als es zu spät war, um die Bootflottille noch bei den Herren Forrest u. Sohn zu bestellen, hatten wir die Kongo-Route angenommen, um, nachdem wir Vorkehrungen für den Transport den Unterkongo hinauf, für das Trägerwesen nach dem Stanley-Pool und die Anleihe von Dampfern auf dem Oberkongo getroffen hatten, zu finden, dass letztere gestrandet, ruiniert, ohne Maschinen und Kessel oder zerstreut und unerreichbar sein sollten. Vor den Ohren klang mir der in England erhobene Ruf: „Beeile dich, oder du kommst vielleicht zu spät“, und im Gedächtnis tauchten mir die Worte Junker's auf: „Emin wird verloren sein, wenn man ihm nicht sofort Hilfe bringt“, sowie Emins Hilferuf: „Wenn wir keine Hilfe erhalten, werden wir umkommen.“
Nun, die Aussichten für unser Unternehmen sind nicht sehr günstig. Es ist aber nicht meine Schuld, und was wir zu tun haben, ist einfach genug. Wir haben das Versprechen gegeben, mit unseren besten Kräften das Ziel zu erstreben. Wir haben keine Zeit zum Bedauern, sondern müssen kämpfen und geradeaus steuern. Wir müssen, nachdem wir die Verpflichtung einmal übernommen haben, jeden Paragraphen unsere mündlichen Vertrags erfüllen, und von der Art und Weise, wie dies geschehen ist, will ich jetzt berichten.
Ich will die Erzählung nicht mit Schilderungen der Überlandroute nach dem Pool oder des Oberkongo und seiner Ufer aufhalten, da dieselben in meinen Werken „Durch den dunkeln Weltteil“ und „Der Kongo und die Gründung des Kongostaates“ genügend behandelt worden sind, und auch bezüglich der Ereignisse auf unserm Marsche nach Jambuja, am oberen Ende der Schifffahrt auf dem Aruwimi, gedenke ich nur sehr kurz zu sein.
* * *
Viertes Kapitel – Nach dem Stanley-Pool
Viertes Kapitel – Nach dem Stanley-Pool
Einzelheiten der Reise nach dem Stanley-Pool. – Sudanesen und Somali. – Zusammentreffen mit Herbert Ward. – Lager bei Congo la Lemba. – Freundliche Aufnahme bei Herrn und Frau Richards. – Briefe vom oberen Fluss. – Schreiben an Rev. Bentley und andere um Beistand. – Ankunft in Muembi. – Notwendigkeit einer strengeren Disziplin. – Marsch nach Vombo. – Vorfall bei der Station Lukunga. – Die Sansibariten. – Zank zwischen Jephson und Selim am Inkissi. – Eine Reihe von Klagen. – Rev. Bentley und der Dampfer „PEACE“. – Eintreffen im Dorfe Makoko's. – Leopoldville. – Schwierigkeiten bei der Benutzung der Missionsdampfer. – Verhandlungen zwischen den Herren Liebrechts und Billington. – Besuch bei Herrn Swinburne in Kinshasa. – Befehle für die Offiziere und Pflichten der letzteren.
* * *
Am 21. März schiffte sich die Expedition am Landungsplatze des portugiesischen Handelshauses Joda Ferrier d'Abreu in Matadi, 175 km vom Atlantischen Ozean, aus. Sobald die Dampfer ihre Passagiere und Ladungen gelöscht hatten, warfen sie die Taue los, um flussabwärts nach dem Seehafen von Banana oder dem Flusshafen zurückzukehren.
Gegen Mittag kam das portugiesische Kanonenboot „KACONGO“ in Sicht. Dasselbe brachte Major Barttelot, Herrn Jephson und eine Anzahl Sudanesen und Sansibariten mit, und bald darauf traf der dem Staate gehörende Dampfer „HERON“ mit dem Rest der an Bord des „MADURA“ zurückgebliebenen Ladung ein.
Wir schlugen die Zelte auf, lagerten die ungeheuren Mengen von Reis, Zwieback, Hirse, Salz, Heu usw., und entwickelten eine so rege Tätigkeit, wie Leute, die eine unabsehbare Arbeit vor sich haben. Jeder Offizier zeichnete sich aus und die Sansibariten bewiesen durch ihre Behändigkeit, wie sehr sie sich freuten, wieder am Lande zu sein.
Unsere europäische Gesellschaft bestand jetzt aus den Herren Barttelot, Stairs, Nelson, Jephson, Parke, Bonny, welche die Reise von Aden mit mir gemacht hatten, dem Maschinisten Walker, der sich uns am Cap der Guten Hoffnung angeschlossen hatte, Herrn Ingham, einem früheren Gardeoffizier, welcher beim Sammeln von Trägern am Kongo als unser Agent fungierte, Herrn John Rose Troup, welcher mit der Oberaufsicht der eingeborenen Träger auf dem Wege von Manjanga nach dem Pool beauftragt war, und einem europäischen Diener.
Am nächsten Tage brachen 171 Träger mit 7 Kisten Zwieback = 420 Pfund, 157 Säcken Reis = 10.205 Pfund, und Perlen von Matadi nach Lukunga auf, wo die Vorräte bei der Ankunft der Expedition als Reserve dienen sollten. Außerdem waren 180 Säcke von je 170 Pfund = 30 600 Pfund bereit, sobald sich Träger anboten, vor oder nach uns abzugehen und unterwegs an verschiedenen Orten und am Pool gelagert zu werden. Auch sandten wir Boten nach dem Pool an den Kommandanten ab mit der Bitte, die Reparatur sämtlicher Dampfer zu beschleunigen.
Am zweiten Tage nach unserer Ankunft erschien Herr Ingham mit 220 Trägern, welche er zu einem Pfund Sterling per Last für den Transport nach dem Pool engagiert hatte.

Maxim-Schnellfeuerkanone
Leutnant Stairs stellte Übungen mit der Maxim-Schnellfeuerkanone an, welche 330 Schüsse in der Minute abgab, was bei Tippu-Tib und seinen Leuten die größte Bewunderung hervorrief.
Am Morgen des 25. März um 5¼ Uhr ertönten im Lager der Sudanesen die Signaltrompeten. Gegen 6 Uhr waren die Zelte zusammengefaltet, die Kompanien unter ihren Hauptleuten aufgestellt, die Waren in der Nähe derselben aufgehäuft, und um 6¼ Uhr marschierte ich mit der Vorhut ab. Das gesamte Expeditionscorps folgte Kompanieweise im Gänsemarsche und führte 466 einzelne Lasten oder Trägerladungen von Munition, Waffen, Perlen, Draht, Proviant in Büchsen, Reis, Salz, Maschinenöl, Messingstangen und Eisendraht mit sich. Der Abmarsch war vortrefflich, allein schon nach einstündigem Marsche wurden die Berge so steil, schien die Sonne so heiß, wurden die Lasten so schwer, die Leute durch die nach dem herrlichen Leben an Bord des „MADURA“ ungewohnte Arbeit so erschöpft, dass die Expedition, da auch wir uns in einem solchen überfütterten Zustande befanden, in einer für Leute, die auf einen derartigen Anblick nicht vorbereitet waren, höchst entmutigenden Weise sich zerstreute. Bei der Ankunft am ersten Fluss, dem Mposo, war der „ADVANCE“ bereits zusammengefügt und wir wurden in Trupps von je 50 Mann nach dem anderen Ufer befördert, wo wir das Lager aufschlugen.
Die Sudanesen boten einen jämmerlichen Anblick dar. Die Somali waren erträglich, obwohl sie stark darüber gebrummt hatten, dass keine Kamele da waren. Erstere zeigten bemerkenswert schlechte Laune. Eingehüllt in ihre mit Kapuzen versehenen Mäntel, hatten sie eine schreckliche Atmosphäre auszuhalten gehabt, und die Wirkungen der Hitze, Ermüdung und anderer kleiner Unannehmlichkeiten traten deutlich zu Tage.
Am nächsten Tage lagerten wir auf dem der Livingstone-Inland-Mission gehörenden Gebiet bei Palaballa, wo wir von dem Superintendenten Herrn Clarke und seinen Damen sehr gastfrei aufgenommen wurden. Da unseren Leuten die Arbeit noch durchaus ungewohnt war, machten wir den nächsten Tag Rast. Aus den Berichten der Offiziere ersah ich, dass seit der Abreise von Sansibar 9 Mann gestorben waren und 17 sich so schlecht befanden, dass wir sie zur Wiedergenesung in Palaballa zurückzulassen gezwungen waren.
Erst am 28. nahmen wir den Marsch wieder auf und erreichten Masa Mankengi.

Herbert Ward – 1863 – 1919
Unterwegs trafen wir Herrn Herbert Ward, der sich freiwillig zum Mitgliede der Expedition anbot; er wurde engagiert und nach Matadi geschickt, um Herrn Ingham bei der Organisierung des Trägerdienstes zu helfen. Herr Ward hatte während der letzten Jahre in den Diensten des Kongostaates gestanden, früher Reisen in Neuseeland und Borneo gemacht und war von mir stets für einen vielversprechenden jungen Mann gehalten worden.
Gegen Mittag am 29. März befanden wir uns mit dem Lager in Congo-la-Lemba an einer Stelle, wo früher, wie ich wusste, ein blühendes Dorf gestanden hatte. Der Häuptling desselben stand damals in seinem Glanze und war der unbestrittene Herrscher des Distrikts; das Glück verdarb ihn jedoch und er begann, von den Karawanen des Staates Abgaben zu erheben. Da die Route durch seine Frechheit blockiert wurde, schickte der Staat eine Abteilung Bangala gegen ihn aus, welche ihn gefangen nahmen und enthaupteten. Das Dorf wurde niedergebrannt und die Bewohner flüchteten nach anderen Gegenden. Der Platz, wo das Dorf gestanden hatte, war jetzt mit hohem Gras bedeckt und die Gujavenbäume, Palmen und Zitronenbäume waren vom Schilfrohr überwuchert.
In der Marschordnung war eine kleine Besserung eingetreten, aber bei einer Expedition ist die Anfangszeit immer aufreibend. Die Sansibariten tragen 65 Pfund Munition, 9 Pfund für jedes Gewehr, viertägige Rationen Reis und ihre eigene Ausrüstung an Stoffen und Schlafmatten, im Gewicht von vielleicht 4-10 Pfund. Wenn sie sich erst akklimatisiert haben, scheint eine solche Last leicht für sie zu sein; aber während des ersten Monats muss man sehr vorsichtig sein, keine zu langen Märsche machen und sehr viel Geduld üben.
In den frühen Morgenstunden des nächsten Tages hielt ein heftiger Regen uns auf, doch setzten wir uns bald nach 9 Uhr in Bewegung, bis wir den Lufu-Fluss erreichten. Es war ein schrecklich ermüdender Marsch. Bis um Mitternacht trafen die Leute ein, müde, mit geschwollenen Füßen und brummig. Die Offiziere schliefen in meinem Zelte und erhielten zum Abendessen Hartbrot und Reis.
In der Nähe des Masamba-Waldes trafen wir den Baron von Rotkirch, welcher eine Abteilung Kabinda beaufsichtigte, welche die Welle des Dampfers „FLORIDA“ schleppten. Nach der Geschwindigkeit ihres Vorwärtskommens zu urteilen, würden sie wahrscheinlich im nächsten August den Pool erreichen. Ferner trafen wir bei der Bembesi-Furt einen französischen Händler, welcher mit einer hübschen Partie Elefantenzähnen flussabwärts marschierte.
Am 31. passierten wir den Mangola-Fluss, wo ich infolge des Genusses von Gujaven in Congo-la-Lemba einen leichten Krankheitsanfall hatte; am 1. April marschierten wir nach Bansa Manteka. Auf der Station der Livingstone-Inland-Mission wurden wir von Herrn und Frau Richards sehr freundlich aufgenommen. Einige Jahre Missionstätigkeit hat an diesem Orte eine große Veränderung hervorgerufen. Fast die gesamte eingeborene Bevölkerung bekennt sich zum Christentum und besucht pünktlich mit der Inbrunst eines Sektenbruders den Gottesdienst. Einige Leute, welche ich als berüchtigte Schnapstrinker gekannt hatte, waren nüchterne, anständige Menschen geworden und hatten ein höchst manierliches Wesen angenommen.
Vom oberen Laufe des Flusses erhielt ich hier drei Briefe, je einen von Troup aus Manjanga, Swinburne aus Kinshasa und Glave aus der Äquator-Station, die sämtlich betrübende Nachrichten über die Dampfer „STANLEY“, „PEACE“, „HENRY REED“ und „EN AVANT“ meldeten. Der erste ist meinen Gewährsleuten zufolge durch und durch beschädigt, die Missionsdampfer erfordern eine gründliche Ausbesserung, und der „EN AVANT“ ist zu einem Leichter umgewandelt. Herr Troup schlägt vor, einen oder zwei Leichter von Manjanga nach dem Pool zu tragen, ein Ding der Unmöglichkeit, da wir durch den Reis, welchen wir zum Unterhalt von fast 800 Mann auf dem Marsch durch ein Hungersnot leidendes Land mitnehmen müssen, bereits überlastet sind. Um uns die Arbeit etwas zu erleichtern, schickte ich die Herren Jephson und Walker mit unserm Stahlboot „ADVANCE“ auf dem Kongo nach Manjanga.
Wir überschritten den Lunionso-Fluss am 3. April und lagerten am nächsten Tage an der Stelle des verlassenen Dorfes Kilolo. Auf dem Marsche bemerkte ich, wie ein Sudanese einen Sansibariten zu erdrosseln versuchte, weil der ermüdete Mann mit seiner Kiste den anderen leicht an der Schulter berührt hatte. Wir sind erbittert über die üble Laune der Sudanesen, müssen aber noch eine Weile Geduld üben.
Ein dreistündiger Marsch mit dem gewöhnlichen Auf und Ab an den Hügeln, was die Karawane so sehr ermüdet, brachte uns nach dem Kuilu. An diesem gegen 100 m breiten Fluss, der eine starke Strömung besitzt, fanden wir ein Kanu ohne Eigentümer, das wir in Besitz nahmen, worauf wir mit dem Übersetzen der Vorhut in Abteilungen von zehn Mann begannen.
Ich benutzte die mir durch das Übersetzen mit der Fähre gebotene Gelegenheit, um dem Kommandanten am Stanley-Pool in einem Schreiben dringend ans Herz zu legen, dass er die Befehle des Herrn Strauch, des Ministers des Inneren, in dem hochherzigen Sinne auslegen möge, welchen König Leopold bekundet habe, als er uns aufforderte, Emin Pascha auf der Kongo-Route aufzusuchen. Ein anderes Schreiben richtete ich an den Rev. Bentley von der Baptisten-Mission, den ich bat, der Unterstützung zu gedenken, welche ich den Baptisten in den Jahren 1880 bis 1884 hatte angedeihen lassen, und sich darauf vorzubereiten, dass er uns den Dampfer „PEACE“ leihen müsse, damit ich die Expedition schleunigst aus der verarmten Gegend um den Stanley-Pool fortbringen könnte. Einen weiteren Brief ähnlichen Inhalts sandte ich an den Inspektor des „HENRY REED“, Herrn Billington, den ich darauf aufmerksam machte, dass ich es gewesen sei, der ihnen am Stanley-Pool Grund und Boden geschenkt hätte. Ein Schreiben an den Befehlshaber der Station Lukungu ersuchte diesen, mir 400 Träger zur Erleichterung der Arbeit meiner Leute anzuwerben.
Bei der Ankunft in Muembi am 6. April wurde ich durch die zunehmende Demoralisation in der Karawane besonders überrascht. Um die Leute nicht anzutreiben, hatte ich mich bisher sehr ruhig verhalten und die Arbeit, die Zerstreuten zu sammeln, den jüngeren Offizieren überlassen, damit dieselben eigene Erfahrung sammelten bezüglich der Schwierigkeiten, mit denen Expeditionen in Afrika zu kämpfen haben; allein namentlich auf diesem Marsche zeigte sich mir die Notwendigkeit, die Disziplin strengstens aufrecht zu erhalten. Kaum hatten die Sansibariten die Zelte ihrer Offiziere aufgeschlagen, als sie wie Wilde in die benachbarten Dörfer stürzten und das Eigentum der Eingeborenen zu plündern begannen, wobei ein gewisser Chamis-ben-Athman von einem mutigen Eingeborenen erschossen wurde. Dieser fatale Unfall ist einer der deutlichsten Beweise dafür, dass die Disziplin der beständigen Nachsicht vorzuziehen ist, und wie bald selbst eine ganze Armee von zügellosen, ungehorsamen und widersetzlichen Leuten vernichtet werden würde.
Die große Masse der Leute war vermutlich zu dem Glauben gekommen, dass ich schon zu alt geworden sei, um den Marsch wie in früheren Zeiten zu überwachen; allein auf dem Wege nach Vombo am 7. April wurden sie sämtlich aus ihrem Irrtum gerissen. Der letzte Mann der in die Länge gezogenen Karawane war gegen 11 Uhr vormittags im Lager, und alle Offiziere konnten sich mittags zum Essen niedersetzen in dem frohen und beruhigenden Gefühle, ihre Pflicht getan und einen guten Tagemarsch gemacht zu haben. Es gibt kein angenehmeres Gefühl als dasjenige, wenn man einen tüchtigen Tagemarsch in kurzer Zeit ausgeführt hat. Wir haben uns eine gute Tagesrast gesichert; der Rest des Tages gehört uns, um zu lesen, zu essen, zu schlafen, den Luxus der Untätigkeit zu genießen und über das Morgen nachzudenken; während es kaum etwas Unangenehmeres gibt, als zu wissen, dass, obwohl der Marsch nur ein kurzer ist, das Nachlassen der Strenge jenes grausame Zeitvergeuden in dem erstickenden hohen Grase und in den sengenden Strahlen der glühenden Sonne am Wege gestattet. Die lange Linie der Träger hat sich in schwitzende Fragmente aufgelöst; Wasser ist, wenn man es am Notwendigsten braucht, weit entfernt, kein schattenspendender Baum befindet sich in der Nähe der Straße, die Lasten werden beraubt und sind über mehr als fünfzehn Kilometer Weges zerstreut, die Träger verstecken sich zwischen dem Röhricht oder suchen unter entfernteren Baumgruppen Kühlung, und die Offiziere, hungrig und ärgerlich, sind in Verzweiflung darüber, dass das Ende des Tages so nahe und sichere Aussicht auf eine Wiederholung dieser Schwierigkeiten morgen und am folgenden Tage vorhanden ist. Ein in der Nähe unserer Marschlinie befindlicher, nicht weiter nachdenkender Zuschauer könnte vielleicht glauben, dass wir unnötigerweise grausam seien, allein einige Hiebe, welche die regelmäßigen Nachzügler erhalten, sichern etwa 800 Leuten und ihren Offizieren eine 18stündige Ruhe und retten die Waren vor der Plünderung, da die Tagediebe oft gerade zu diesem Zwecke zurückbleiben: der Tag endet für alle glücklich und der morgige Marsch hat seine Schrecken verloren.
Am 8. April wurde die Expedition auf der Station Lukungu von den Herren Francqui und Dessauer willkommen geheißen, zwei gastfreien Belgiern, welche aus eigenem Antriebe vier Tagesrationen von Kartoffeln, Bananen, Eierpflanzen, Mais und Palmnüssen für unsere 800 Mann gesammelt hatten.
Kaum waren wir alle vereinigt, als die Sudanesen in Masse herbeikamen, um mehr Lebensmittel zu verlangen. Sie hatten in 15 Tagen je 20 kg pro Mann Zwieback und Reis verzehrt und kündigten ihre Absicht an, nach dem Unterkongo zurückzukehren, wenn ihnen nicht weitere Rationen zugeteilt würden. Die viertägigen Gemüserationen verschmähten sie anzurühren. Ich hatte den Entschluss gefasst, sehr geduldig zu sein, und es war auch noch zu früh, um selbst den Wunsch zu zeigen, anders zu sein. Infolge dessen erhielten sie Extrarationen an Reis und Zwieback.
Zum Glück für mich persönlich hatte ich gute Offiziere bei mir, welche mich der Notwendigkeit entheben konnten, mit solchen eigensinnigen Burschen, wie diese mürrischen, halsstarrigen Sudanesen, in Konflikt zu kommen. Ich behielt mir die Rolle des Vermittlers zwischen den erbitterten Weißen und den eigensinnigen Schwarzen vor. Vorausgesetzt, dass man durch das den ganzen Tag anhaltende Schelten mit dickköpfigen Leuten nicht selbst erschöpft ist, ist es eine höchst angenehme Arbeit, Vergehen zu beschönigen und Ärger zu beschwichtigen. Vielleicht wenden ärgerliche Leute sich ab mit der leisen Bemerkung, wir seien parteiisch, während die Gegenpartei ihrerseits ebenfalls mehr Sympathien finden will; allein der Vermittler muss darauf vorbereitet sein, dass er selbst hin und wieder einen Stich abbekommt.
Um den Sudanesen weniger Gelegenheit zu geben, unterwegs ihre Wut an den Sansibariten auszulassen, ersuchte ich Major Barttelot, mit seinen Sudanesen einen Tagemarsch vor den Sansibariten zu bleiben.
Es wird nicht überraschen, dass wir alle mehr Sympathie für die beladenen Sansibariten hatten. Sie bildeten unsere Kundschafter und Fouragierer, unsere Lebensmittelerwerber, schlugen unsere Zelte auf, sammelten Brennmaterial und trugen die Vorräte; die Hauptstärke der Expedition bestand in ihnen; ohne sie wären die Europäer und Sudanesen, und wenn ihre Zahl noch zehnmal so groß gewesen wäre, zum Entsatze Emins vollständig außerstande. Die Sudanesen trugen nichts als ihre Gewehre, Kleidung und Rationen. Wenn sie uns von wirklichem Nutzen wurden, waren wir wieder ein volles Jahr älter; vielleicht fehlten sie uns in der Stunde der Not, wenn wir dies auch nicht hofften, und bis dahin kam es allein darauf an, dass wir sie mit möglichst wenig Schwierigkeiten für sie, die Sansibariten und uns vorwärts brachten. Der Major wurde hier ohne Zweifel in schwere Versuchung geführt; aber wenn er in dieser Zeit gezwungen wurde zu schlagen, so waren die Sudanesen, wie ich zugeben muss, außerordentlich provozierend. Sogar Hiob würde ärgerlich geworden sein und gescholten haben.
Die Hitze war am 10. April – Ostern – an welchem Tage wir Lukungu verließen, schrecklich. Die Leute fielen auf allen Seiten, und Anführer wie Mannschaften erlagen der Hitze. Wir holten die Sudanesen wieder ein, und die unglückliche Folge war wieder das übliche Raufen und Schelten.
Am Ostermontag, den 11. April, wurde die Sudanesen-Kompanie vom Fieber befallen, das Lamentieren war allgemein, und mit Ausnahme von zwei Somali lagen alle darnieder. Barttelot war in einer fürchterlichen Wut über seine unglückliche Kompanie und wünschte, dass er dafür Jephson's Dienst im Boote hätte. Abends erhielt ich einen Brief von Jephson, in welchem dieser schrieb, er wünschte, er wäre bei uns oder sonst irgendwo, nur nicht auf dem verräterischen, reißenden Kongo.
Als wir am nächsten Tage im elendesten Zustand vereinzelt ins Lager kamen, sahen wir die Karawane beinahe Schiffbruch leiden. Die Sudanesen waren meilenweit voneinander entfernt; die Somali waren krank, und einer der Leute, welche sich mit Herrn Jephson im Boote befanden, war gestorben. Es mussten große Mengen von Fleischsuppe gekocht werden, sodass jeder schwach gewordene Mann, wenn er ins Lager wankte, mit einer Tasse voll erquickt werden konnte.
Am nächsten Tage erreichten wir Lutete, nachdem wir auf dem Marsche weitere ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Jeden Tag erlitten wir Verluste, und zwar an Leuten durch Desertion und Krankheit, sowie an Gewehren, Konserven-Proviant und schussfertiger Munition.
In Nselo am Inkissi trafen wir Jephson, der auf der Fahrt über die Kongoschnellen nach Manjanga das Leben von einigen neuen Seiten kennen gelernt hatte.
Die Sonne hat begonnen, unseren Zügen eine hochrote Färbung zu geben; ich sehe in dem Gesichte eines jeden Offiziers zwei entzündete Kreise, welche in glühendem Rot unter beiden Augen erglänzen, und es kommt mir vor, als ob die Augen größeren Glanz zeigen. Einige von den Offizieren haben es für malerischer und mehr dem idealen Typus eines Forschers entsprechend gehalten, die Arme ebenfalls gefärbt zu haben; sie haben ihre milchweißen Glieder entblößt, bis dieselben in Flammen gebadet zu sein scheinen.
Den 16. April verwendeten wir, um die Expedition über den Inkissi zu befördern, und um 5½ Uhr nachmittags waren alle Mann, sowie unsere 20 Esel und unsere Herde Kap-Ziegen am anderen Ufer.
Während der Überfahrt wechselten Selim, der Sohn Massud's und Schwager Tippu-Tib's, und Herr Mounteney Jephson, welcher als Kapitän des Bootes fungierte, hitzige Worte. Selim will, seitdem er die Schwester Tippu-Tib's geheiratet hat, über jeden Vorwurf erhaben sein, seine Einbildung macht ihn abscheulich frech. In Matadi beliebte es ihm, dem Leutnant Stairs gegenüber seine Meinung in höchst arroganter Weise geltend zu machen; hier geschah dasselbe gegen Herrn Jephson, der ihm kurz erwiderte, wenn er sich nicht um seine eigenen Angelegenheiten bekümmere, würde er gezwungen sein, ihn in den Fluss zu werfen. Selim trug ihm dies wütend nach, bis Tippu-Tib seinen Zorn gemäßigt zu haben schien.
Im nächsten Lager erhielt ich weitere Briefe vom Stanley-Pool. Leutnant Liebrechts, der Befehlshaber des Stanley-Pool-Distrikts, schrieb, der Dampfer „STANLEY“ würde mir zur Verfügung stehen und ebenfalls ein Leichter! Der „EN AVANT“ könne vor sechs Wochen nicht fertig sein. Ein zweiter Brief war von Herrn Billington, der es positiv ablehnte, uns den „HENRY REED“ zu leihen.
Eine meiner ernstlichsten Pflichten nach dem Marsche bestand darin, dass ich aller Art Beschwerden anzuhören hatte. Auch an diesem Tage wurde eine Reihe von Klagen erhoben. Ein Eingeborener, welcher von einem hungrigen Sansibariten eines Cassavebrots beraubt war, musste Ersatz haben; der Ziegenhirte Binsa glaubte sich zurückgesetzt, weil man ihm nicht erlaubt hatte, von den leckeren Eingeweiden einer Ziege mit zu schmausen, und bat mich um meine Verwendung, damit er dies Vorrecht erhielte; ein schwächlicher Sansibarite, welcher inmitten eines gut verproviantierten Lagers und unter mit Reis ernährten Leuten verhungerte, bat mich, seinen knurrenden Magen zu berücksichtigen und ihm Gerechtigkeit zu verschaffen, damit er von seinem gefräßigen Chef seine richtigen Rationen erhalte. Selim, der Knappe Tippu-Tib's, beklagte sich darüber, dass meine Offiziere ihn nicht genügend bewunderten. Er sagte, sie sollten nicht vergessen, dass er kein Mann der Königin, sondern jetzt der Schwager Tippu-Tib's sei. (Selim war früher Dolmetscher auf einem britischen Kreuzer gewesen.) Ferner wurden mir Klagen gegen gewisse unverbesserliche Spitzbuben über den Diebstahl eines Wetzsteins, eines Messers und eines Rasiermessers vorgetragen.
In unserm nächsten Lager am Nkalama-Flusse, den wir am 18. April erreichten, erhielt ich durch einen Eilboten ein Schreiben von Rev. Bentley, welcher mir mitteilte, es sei ihm von England aus nicht verboten worden, mir den Dampfer „PEACE“ der Baptisten-Mission zu leihen; es werde ihm, falls ich ihm die Versicherung gäbe, dass die Sansibariten nichts gegen den Charakter der Mission täten, den er als Missionar zu bewahren wünschte, großes Vergnügen machen, mir den „PEACE“ für den Dienst der Expedition zum Entsatze Emin Pascha's auszuhändigen. Obwohl ich Herrn Bentley sehr dankbar bin und seinen Edelmut vollständig anerkenne, hat er mit seinem Hinweis auf die Sansibariten, sowie durch die versteckte Andeutung, dass wir für alle ihre Exzesse verantwortlich seien, doch den Beweis geliefert, dass es ihm einen Kampf gekostet hat, uns den „PEACE“ leihweise zu überlassen. Er hätte nicht vergessen sollen, dass er das Vorrecht, seine Stationen in Leopoldville, Kinshasa und Lukolela zu erbauen, durch die Arbeit der gutmütigen Sansibariten erhalten hat, die sich zuweilen allerdings versucht fühlten, sich Freiheiten herauszunehmen, im allgemeinen aber sich so gut betrugen, dass die Eingeborenen sie den Haussa, Kabinda, Krunegern und Bangala vorzogen.
Am 19. April waren wir nur imstande, einen kurzen Marsch zu machen, da sich jeden Tag heftige Regengüsse einstellten und der Luila, in dessen Nähe wir das Lager aufgeschlagen hatten, gefährlich reißend geworden war.
Am 20. April erreichten wir das Dorf Makoko's. Wir bemerkten, dass die Sansibariten rasch schwächer wurden. Sie hatten in der letzten Zeit von verkürzten Rationen leben müssen, und ihre Gewohnheit, den Maniok roh zu verzehren, erwies sich als von sehr verderblichen Folgen. Ein Pfund Reis täglich ist für Leute, welche arbeiten müssen, keine große Ration, allein wenn sie mit dieser knappen, aber gesunden Nahrung eine Zeit lang zufrieden gewesen wären, würden sie allerdings nicht in einem kräftigen Zustande geblieben sein, sicherlich aber weniger unter Krankheit zu leiden gehabt haben. Während des Marsches vom Unterkongo hatten wir bis zu diesem Tage 12.500 kg – nahezu 13 Tonnen – Reis verzehrt, sodass die Hilfsquellen der ganzen Gegend stark in Anspruch genommen waren, um für diesen Extravorrat Träger zu erhalten. Die Flucht der Eingeborenen aus der Nähe der öffentlichen Straßen und unsere Befürchtungen, dass die Sansibariten Räubereien begehen möchten, wenn wir sie in größerer Entfernung von dem Lager furagieren ließen, waren der Hauptgrund davon, dass sie die giftigen Maniokknollen herausrissen und sich Krankheit und Elend zuzogen. An diesem Tage waren etwa 100 Mann nicht als Soldaten oder Träger zu verwenden.
Bei unserer am 21. April zur größten Freude aller erfolgten Ankunft in Leopoldville war eine meiner ersten Entdeckungen, dass der „STANLEY“, ein kleiner Leichter, unser Stahlboot „ADVANCE“ und der Missionsdampfer „PEACE“ die einzigen Fahrzeuge waren, welche für den Transport der Expedition zur Verfügung standen.
Ich füge hier einige Aufzeichnungen aus meinem Tagebuche ein:
Leopoldville, 22. April. Wir befinden uns jetzt 555 km vom Meere angesichts des Stanley-Pool, und vor uns liegt der Fluss, der 1.800 km, bis hinauf nach Jambuja, von wo ich den Landmarsch nach dem Albert-See wieder aufzunehmen beabsichtige, frei von Stromschnellen ist.
Heute erhielt ich den Besuch der Herren Bentley und Whitley. Wir sprachen über den „PEACE“, und sie behaupteten, dass das Schiff vieler Reparaturen bedürfe. Ich bestand darauf, dass die Sache dringend sei, und nach langer Beratung kamen sie endlich zu der Überzeugung, dass die Reparaturen bis zum 30. April beendet werden könnten.
Nachmittags zog ich Major Barttelot und Herrn Mounteney Jephson ins Vertrauen, erzählte ihnen, in welchen Schwierigkeiten wir uns befänden, erklärte ihnen meine Ansprüche auf die Rücksicht der Missionare, sowie die Notwendigkeit einer baldigen Abfahrt aus diesem nahrungsarmen Distrikt, und sagte ihnen, dass der Proviant so knapp sei, dass der Staat nur 60 volle Rationen für 146 Mann zu beschaffen vermöge; um die übrigen zu versorgen, müssten die Beamten des Staates zur Jagd auf Flusspferde im Pool ihre Zuflucht nehmen, und wir wären gezwungen, dasselbe Verfahren einzuschlagen, um mit dem Reis etwas länger auszukommen. Und wenn die Staatsbehörden für 146 Mann nur 60 Rationen beschaffen können, wie sollen wir dann für 750 Leute sorgen? Ich beauftragte sie dann, sich zu Herrn Billington und Dr. Sims zu begeben; aber da letzterer sich vergeblich um eine Stellung bei unserer Expedition bemüht hatte, sich namentlich an ersteren zu wenden und ihm die Lage der Dinge offen auseinanderzusetzen.
Sie waren etwa anderthalb Stunden fort und kehrten dann niedergeschlagen zu mir zurück – sie hatten keinen Erfolg gehabt. Armer Major! Armer Jephson!
Herr Liebrechts, welcher früher in Bolobo unter meinem Befehle Dienste am Kongo getan hatte, war jetzt Gouverneur des Stanley-Pool-Distrikts. Er speiste abends bei mir und hörte den Bericht, den Major Barttelot und Herr Mounteney Jephson mir erstatteten. Wir verschwiegen ihm nichts, doch war ihm manches schon bekannt. Er war mit unseren Ansichten über die Lage vollständig einverstanden und gab zu, dass hier eine große Dringlichkeit vorliege. Jephson sagte: „Ich stimme dafür, dass wir den ‚HENRY REED‘ wegnehmen.“
„Nein, Freund Jephson; wir dürfen nicht vorschnell handeln. Wir müssen Herrn Billington Zeit lassen zur Überlegung; er wird sicherlich wissen, wie viel seine Mission mir verdankt, und keine Schwierigkeiten machen, sondern mir seinen Dampfer für das Doppelte des Preises, den der Kongostaat ihm bezahlt hat, vermieten. Diejenigen, welche von der Wohltätigkeit anderer leben, wissen natürlich nicht, wie man wohltätig sein muss. Wir wollen morgen nochmals einen Versuch machen, und ich werde dann eine noch formellere Anfrage stellen und liberale Bedingungen anbieten; überlässt man uns dann den Dampfer nicht, so müssen wir überlegen, was unter diesen Umständen weiter geschehen kann.“
23. April. Heute Morgen war ich mit verschiedenen wichtigen Angelegenheiten beschäftigt. Aus allen Teilen der Umgegend kamen die Eingeborenen herbei, um unsere alte Bekanntschaft zu erneuern, und es wurde 10 Uhr, bis ich frei war.
Ngaljema hielt mich mit einer ausführlichen Geschichte über Kummer, den er geduldig ertragen, und Beleidigungen, die er ohne zu klagen hingenommen habe, ziemlich lange auf. Er beschrieb mir die Veränderungen, welche mit den Weißen vorgegangen, dass ihr Wesen in letzter Zeit immer herrischer geworden sei, und dass er und andere Häuptlinge in der Besorgnis, dass diese Veränderung nichts Gutes für sie bedeute, sich furchtsam von den Stationen entfernt hielten; die Märkte seien verlassen und infolge dessen Nahrungsmittel knapp und sehr teuer geworden.
Nachdem ich den alten Freunden mein Mitgefühl ausgesprochen hatte, rief ich Barttelot und Jephson, und las ihnen eine Aufzählung der Gefälligkeiten vor, welche wir der Livingstone-Inland-Mission erwiesen hatten. „Wenn Sie gesprochen haben, dann bitten Sie Herrn Billington im Namen der Wohltätigkeit, der Humanität und Hochherzigkeit, dass er mir gestatten möge, ihm für die Vermietung des ‘HENRY REED’ für die Dauer von 60 Tagen liberale Bedingungen anzubieten.“
Barttelot schwelgte in dem Gedanken, dass es seiner Beredsamkeit gelingen werde, den Dampfer zu erhalten, und bat, ihn noch einen Versuch auf seine Weise machen zu lassen.
„Sehr gut, Major, gehen Sie hin, und ich wünsche, dass Sie Erfolg haben mögen!“
„Ich bin überzeugt, das wird mir sehr rasch gelingen“, erwiderte der Major vertrauensvoll.
Er begab sich nach dem Missionsgebäude, und Herr Jephson begleitete ihn, um Zeuge der Verhandlungen zu sein. Bald darauf erhielt ich einen charakteristischen Brief von dem Major, der mir schrieb, er habe mit den Missionaren vergeblich verhandelt, namentlich mit Herrn Billington, aber in Anwesenheit des Dr. Sims, der auf einem Stuhl saß und sich darauf beschränkte, gelegentlich einige Bemerkungen dazwischenzuwerfen.
Leutnant Liebrechts wurde von dem Vorfall unterrichtet, worauf er selbst zu mir kam und sagte, in dieser Angelegenheit handle es sich um eine Pflicht des Staates.
Herr Liebrechts, der ohne Zweifel einer der ausgezeichnetsten Offiziere des Kongostaates ist und den schon in einem meiner früheren Werke beschriebenen hohen Charakter sich bewährt hat, widmete sich mit Eifer der Aufgabe, Herrn Billington von der Unvernunft seines Benehmens zu überzeugen und seine Halsstarrigkeit in der Weigerung, uns aus Schwierigkeiten herauszuhelfen, in welche wir durch die Schuld der Verhältnisse gelangt waren, zu beseitigen. Den ganzen Tag ging er hin und her, sprach, erklärte und verhandelte, bis es ihm nach zwölf Stunden endlich gelang, Herrn Billington zur Zulassung der Vermietung des Schiffes zu den angebotenen liberalen Bedingungen zu veranlassen, nämlich 100 Pfd. St. monatlich.
24. April. Wir musterten die Expedition und fanden, dass uns 57 Mann und 38 Remington-Gewehre fehlten. Unsere wirkliche Zahl beträgt jetzt 737 Mann und 496 Gewehre. An Haumessern, Äxten, Schaufeln, Kochgeschirren, Speeren usw. haben wir mehr als 50 Prozent verloren – alles während eines 28tägigen Marsches.
Einige der Leute werden vielleicht zu ihrer Pflicht zurückkehren, aber wenn schon eine so große Zahl 5.000 km von ihrem Heimatlande davonläuft, was würden wir dann zu erwarten gehabt haben, wenn wir die Route von der Ostküste eingeschlagen hätten. Die Anführer der Sansibariten erklärten mir mit zynischer Bitterkeit, die Expedition würde sich aufgelöst haben; sie sagen: „Diese Leute von den Nelken- und Zimtpflanzungen in Sansibar sind nicht besser als Tiere – sie haben keine Spur von Gefühl. Sie verabscheuen die Arbeit, wissen nicht, was Silber ist, und haben weder Eltern noch Heimat. Diejenigen Männer, welche eine Heimat besitzen, desertieren niemals; täten sie es, so würden sie von den Nachbarn so lange verspottet werden, bis sie sich nicht mehr sehen lassen könnten.“ In diesen Bemerkungen liegt sehr viel Wahres, doch gibt es bei dieser Expedition Dutzende von Leuten, welche ausgesprochenermaßen mit dem Vorschuss durchbrennen, sobald die Gelegenheit dazu sich bietet. Als ich heute die Leute inspizierte, gewann ich die Ansicht, dass nur etwa 150 freie Männer unter ihnen und alle übrigen entweder Sklaven oder Verbrecher waren.
Herr J. S. Jameson hat sich freundlichste erboten, auf die Flusspferdjagd zu gehen, um Fleisch zu beschaffen. Wir gaben jedem Manne täglich ½ kg Reis, gerade die halbe Ration. Für die Offiziere und unsere arabischen Gäste haben wir eine Ziegenherde, etwa 30 Stück stark. Die Geschenke an Nahrungsmitteln von den verschiedenen Häuptlingen der Umgegend bezifferten sich auf etwa 500 Rationen und waren sehr annehmbar.
Kapitän Nelson ist mit den Äxte-Trägern eifrig beschäftigt, Heizmaterial für die Dampfer vorzubereiten. Der „STANLEY“ muss morgen mit den Kompanien des Majors Barttelot und Dr. Parke abfahren und die Leute oberhalb des Wampokoflusses ausschiffen, von wo sie den Marsch nach Msuata antreten werden. Ich muss jedes Mittel benutzen, um vom Stanley-Pool fortzukommen, ehe die Leute vom Hunger derart gepeinigt werden, dass sie unkontrollierbar werden.
25. April. Der Dampfer „STANLEY“ ist mit 153 Mann unter Major Barttelot und Dr. Parke den Fluss aufwärts gefahren.
Ich besuchte Kinshasa, um meinen alten Sekretär Herrn Swinburne aufzusuchen, der jetzt Verwalter einer Elfenbein-Handelsgesellschaft, der Sanford-Exploring-Company, ist. Da der Rumpf seines Dampfers „FLORIDA“ der Vollendung entgegengeht, so machte er, wenn wir ihm behilflich sein wollten, das Schiff ins Wasser zu bringen, den Vorschlag, dasselbe der Expedition zu leihen, da es niemand von Nutzen war, bis Maschine und Welle mit dem Baron von Rotkirch einträfen, der vermutlich nicht vor Ende Juli ankommen würde. Ich war nur zu froh, und schickte sofort eine Anzahl Leute ab, um die Arbeit der Verlängerung des Helgens bis zum Uferrande zu beginnen.
Unser Maschinist, John Walker, wurde zum Dienst auf dem „HENRY REED“ beordert, um das Schiff zu reinigen und für die Fahrt nach dem Oberkongo vorzubereiten.
Heute sind ein Sudanese und ein Sansibarite gestorben.
27. April. Von den wegen Krankheit auf verschiedenen Stationen zurückgelassenen Leuten sind 13 Sansibariten und ein Sudanese angekommen. Sie berichten, dass sie ihre Gewehre und Sappeur-Gerätschaften verkauft hätten.
28. April. Wir schlagen das Lager ab und marschieren mit der Expedition nach Kinshasa, damit ich den Stapellauf des Dampfers „FLORIDA“ persönlich überwachen kann, der hoffentlich übermorgen stattfinden wird, da der Rumpf dann vollendet ist. Wir werden inzwischen von Herrn Antoine Greshoff, von der Holländischen Gesellschaft, und Herrn Swinburne, von der Sanford-Company, freundlich aufgenommen.
29. April. Im Lager bei Kinshasa unter den Affenbrotbäumen. Die Dampfer „STANLEY“ und „HENRY REED“ sind mit dem Leichter „EN AVANT“ im Schlepptau angekommen.
(Im Jahre 1890 fuhr Joseph Conrad als 1. Offizier des Flussdampfers „ROI DES BELGES“ den Kongo aufwärts – Band 83e dieser gelben Buchreihe)
30. April. Der Rumpf der „FLORIDA“ ist heute Morgen vom Stapel gelassen worden; 200 Mann zogen denselben stetig auf dem bis in den Fluss hinein verlängerten Helgen ins Wasser, worauf das Schiff nach dem Landungsplatze der Holländischen Gesellschaft gebracht und an dem Dampfer „STANLEY“ befestigt wurde.

Stapellauf des Dampfers „FLORIDA“
Jeder Offizier erhielt den Plan bezüglich der Einschiffung und den Befehl, mit dem Beladen der Dampfer dem Programm gemäß zu beginnen.
Ferner erteilte ich folgende Ordres:
„Die Offiziere, welche Kompanien befehligen, sind:

„Herr William Bonny übernimmt die Aufsicht über die Transport-, Reit- und sonstigen lebenden Tiere und hilft im Notfalle Dr. Parke.
„Jeder Offizier ist für das gute Verhalten seiner Kompanie und den Zustand der Waffen und Ausrüstung persönlich verantwortlich.
„Die Offiziere haben die Patronentaschen ihrer Leute oft zu inspizieren und genau Buch darüber zu führen, um den Verkauf der Munition an die Eingeborenen oder Araber zu verhüten.
„Für geringere Vergehen darf nur eine leichte körperliche Strafe auferlegt werden, und auch nur so selten wie möglich. Die Offiziere haben in dieser Beziehung Besonnenheit zu üben und müssen sich hüten, die Leute durch allzu große Strenge und unnötiges Antreiben aufzuregen.
„Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, große Nachsicht walten zu lassen; möge daher in der Regel gegen eine Bestrafung dreimal verziehen werden.
„Die Offiziere werden gefälligst bedenken, dass die Leute harte Arbeit haben, ihre Lasten schwer, das Klima heiß, die Märsche ermüdend und die Rationen schlecht und oft knapp sind. Unter solchen Umständen ist die menschliche Natur äußerst empfänglich, und es sollten deshalb die Bestrafungen wohl überlegt und nicht zu Quälereien werden, um die Geduld nicht zu stark anzuspannen. Nichtsdestoweniger muss den Leuten Disziplin gelehrt und zum allgemeinen Besten im Notfalle mit Gewalt aufrechterhalten werden.
„Ernstliche Vergehen gegen die Expedition werde ich im Allgemeinen selbst aburteilen.
„An Bord wird jeder Offizier angewiesen, die Arbeiten des Tages zu übernehmen. Er hat auf die Verteilung der Rationen, die Reinigung des Schiffes zu achten und Obacht zu geben, dass keine Prügeleien oder Raufereien vorkommen, da, wenn man sie nicht verhindert, Messeraffären daraus entstehen, und dass die Tiere regelmäßig Futter und Wasser bekommen. Wegen aller unwichtigen Kleinigkeiten wende man sich an den ältesten Offizier, Major Barttelot.“
* * *
Fünftes Kapitel – Vom Stanley-Pool nach Jambuja
Fünftes Kapitel – Vom Stanley-Pool nach Jambuja
Szenerie am Oberkongo. – Unfall des „PEACE“. – Die Dampfer erreichen Kimpoko. – Einsammlung von Brennmaterial. – Der untaugliche „PEACE“. – Der Unfall des „STANLEY“. – Ankunft in Bolobo. – Teilung der Expedition in zwei Kolonnen. – Major Barttelot und Jameson werden zu Befehlshabern der Nachhut gewählt. – Ankunft an der Äquator-Station und in Bangala. – Die Basoko-Dörfer. – Desertion Barutis. – Ankunft in Jambuja.
* * *
Wie ich bei der Schilderung der Szenen am Unterkongo bereits näher auseinandergesetzt habe, beabsichtige ich alle Eindrücke, welche wir während unserer nahezu 1.700 km langen Fahrt nach Jambuja je nach der verschiedenen Gemütsstimmung erhalten haben, mit Stillschweigen zu übergehen. Ich werde mich darauf beschränken, die Ereignisse zu erzählen.
Die Tage vergingen uns rasch genug. Die frühen Morgenstunden boten uns jeden Tag ein Panorama von Waldland, Myriaden bewaldeter Inseln und breiter Kanäle mit totenstillem Wasser, die so von der Sonne beschienen wurden, dass sie Flüssen aus Quecksilber glichen. Im Allgemeinen hätte man wohl sagen können, dass alles außerordentlich einförmig war, d. h. insofern als man Tag für Tag dieselben Szenerien in solcher Entfernung passierte, dass es unmöglich war, Einzelheiten zu erkennen. Doch steuerten wir auch an dem einen oder dem anderen Ufer entlang oder fuhren, um das tiefe Wasser zu benutzen, nahe an eine Insel hinan, sodass uns die Langeweile der Einförmigkeit erspart blieb.
Während wir kaum 12 m vom Lande in einem Armsessel saßen, ließ jede Umdrehung der Schraube uns neue Eigenschaften des Blattwerkes, des Ufers, der Bäume, Gesträuche, Pflanzen, Knospen und Blüten erblicken. Der Charakter oder die Eigenschaften der verschiedenen Pflanzen und der mannigfaltigen Vegetation, welche wir erblickten, mochten uns gleichgültig oder unbekannt sein, kein Teil des Ufers Interesse für uns haben, aber dennoch vergaßen wir das Schwinden der Zeit, während wir die äußern Formen betrachteten, und wurden oft zu lebhafterem Interesse angeregt, wenn ein Bewohner der Lüfte oder des Wassers sich in unserm Gesichtsfelde zeigte. Diese wunderschönen Ausblicke auf die vollständig ruhigen Gewässer, die lebhaft grünen Wälder, in denen jeder Zweig und jedes Blatt so still wie der Tod war, die fast ununterbrochene Frontlinie des dichten, mit Schmetterlingen, Motten und Insekten gesprenkelten blattreichen Gebüsches, die glänzenden Gewässer der breiten Flüsse werden uns doch länger in der Erinnerung bleiben, als die stürmischen Bewegungen, welche die außerordentliche Ruhe der Natur fast jeden Nachmittag störten.
Von Mitte März bis Mitte Mai war die Regenzeit, und täglich kündigte der Himmel kurz nach 2 Uhr nachmittags das Herannahen eines drohenden Gewitters an. Die Sonne verbarg sich hinter den dunkeln Vorboten des Sturmes, und bald darauf zerriss der Donner die düstere Stille, zuckten Blitze und ergoss sich Regen in tropischer Fülle, worauf allgemeine Niedergeschlagenheit vorherrschte und die Dunkelheit der Nacht eintrat.

Stanley-Pool
Natur und Zeit taten ihr Bestes für uns. Der Fluss war weder zu hoch noch zu niedrig. In ersterem Falle hätten wir auf dem überschwemmten Terrain Schwierigkeiten gefunden, in letzterem würden wir durch die flachen Stellen in langwieriger Weise aufgehalten worden sein. Wir vermochten im allgemeinen uns etwa 40 m vom linken Ufer zu halten und konnten uns ununterbrochen mehr als 1.600 km weit an den veränderlichen Färbungen und Formen einer Pflanzenwelt erfreuen, welche, was Mannigfaltigkeit, Schönheit des Grüns, Reichtum und Wohlgeruch der Blüten anbetrifft, in der ganzen Welt ihresgleichen nicht findet. Während des größten Teils des Tages traten Gewitterstürme selten auf, wodurch wir vielen Schrecken und Gefahren entgingen; dieselben suchten sich meist den Abend oder die Nacht aus, wenn wir sicher vertäut am Ufer lagen, und da die Moskitos, Mücken, Vieh- und Tsetsefliegen weniger bissig als früher waren, hatten wir schon mehr als die Hälfte der Reise zurückgelegt, ehe wir durch einige unverbesserliche Vagabunden von diesen verschiedenen Spezies an ihre Existenz erinnert wurden. Die kampflustigen Flusspferde und Krokodile zeigten sich diesmal wohlgesittet, die Eingeborenen waren bescheiden in ihren Forderungen, gaben uns in vielen Fällen Ziegen, Geflügel, Eier, Bananen und Paradiesfeigen und begnügten sich mit Anweisungen auf Herrn John Rose Troup, der uns später folgen würde. Unsere Gesundheit war ausgezeichnet und in der Tat wunderbar gut im Vergleich zu früher; ob die Engländer sich in physischer Beziehung besser eigneten oder sich nicht besiegen lassen wollten, weiß ich nicht, doch hörte ich auf dieser Expedition weniger Klagen als auf allen früheren.
Am 1. Mai fand der Aufbruch zur Reise den Kongo hinauf mit der Abfahrt des „HENRY REED“ und zwei Leichtern mit Tippu-Tib und 96 Begleitern, sowie 35 von unseren Leuten statt. Bald nachher folgte der „STANLEY“ und dessen Gefährte, die „FLORIDA“, mit 336 Leuten, sowie 6 Eseln und Warenladungen, und eine halbe Stunde später versuchte der „PEACE“ mit 135 Passagieren abzugehen; allein die guten Wünsche der Leute am Lande waren kaum verklungen, als das Ruder plötzlich entzweibrach, während wir gegen die rasche Strömung ankämpften. Der Kapitän befahl, die Anker fallen zu lassen, was gerade an einer Stelle geschah, wo der Grund außerordentlich zerrissen war und die Strömung mit einer Geschwindigkeit von sechs Knoten dahinschoss. Das Boot legte sich platt auf die Seite, die Ketten rissen das Deck auf, und da die Anker an den Klippen auf dem Grunde festgeraten waren und nicht wieder gehoben werden konnten, mussten wir sie kappen und nach dem Landungsplatze bei Kinshasa zurückkehren. Kapitän Whitley und der Maschinist David Charters machten sich an die Arbeit, um das Ruder zu reparieren, und um 8 Uhr abends war ihre Aufgabe vollendet.
Am nächsten Morgen hatten wir mehr Glück, und in gehöriger Zeit erreichten wir Kimpoko am oberen Ende des Pool, wo die übrigen Dampfer auf uns warteten.
Der „PEACE“ fuhr am 3. Mai voran, doch überholte uns der „STANLEY“ und erreichte den Lagerplatz anderthalb Stunden früher als wir. Der „HENRY REED“ war wegen mangelnden Verständnisses des Kapitäns der letzte.
Der „PEACE“ war mit Krämpfen behaftet; er fuhr eine kurze Zeit ganz gut, dann aber verringerte er plötzlich seine Geschwindigkeit. Nachdem wir eine halbe Stunde gewartet hatten, nahm er einen neuen Anlauf. Sein Kessel besteht aus einem System schlangenförmig übereinander liegender Röhren; die Schrauben sind in doppelten zylindrischen Umhüllungen unter dem Heck eingeschlossen und müssen mit einer fürchterlichen Geschwindigkeit getrieben werden, ehe man raschere Fahrt mit dem Schiffe machen kann. Dasselbe wird uns wahrscheinlich noch viele Schwierigkeiten bereiten.
Sobald wir das Lager aufgeschlagen hatten, was gewöhnlich um 5 Uhr nachmittags geschah, musterte jeder Offizier seine Leute, die dann mit dem Hauen von Brennmaterial für den Bedarf am folgenden Tage beginnen mussten. Das war manchmal sehr schwere Arbeit und dauerte stundenlang bis in die Nacht hinein. Eine Anzahl Leute musste das Holz der abgestorbenen Bäume sammeln und zu den Holzhauern am Landungsplatze hin transportieren. Für einen Dampfer wie der „STANLEY“ brauchte man 50 Mann, die zwei Stunden lang Holz suchen und weiter befördern mussten, während ein Dutzend Leute es mit Äxten in ¾ m lange Stücke für den Feuerrost spalteten. Der „PEACE“ und der „HENRY REED“ brauchten halb so viel Äxte und die gleiche Zeit, um ihren Bedarf an Heizmaterial fertigzustellen. Letzteres musste dann in den Dampfern verstaut werden, damit am nächsten Morgen kein Aufenthalt entstand; darauf mussten noch einige weitere Arbeiten erledigt werden, ehe das der Nacht geziemende Schweigen eintrat. Inzwischen beleuchteten die angezündeten Feuer den Schauplatz, und lustig klang das Geräusch beim Brechen, Spalten und Zersplittern der Baumstämme.
Der zu nichts brauchbare „PEACE“ fuhr auch am 4. Mai fort uns zu ärgern. Dies ist einer der langsamsten Dampfer, den man nur bauen konnte; die beiden anderen Dampfer ließen uns meilenweit zurück. Alle Dreiviertelstunden mussten wir haltmachen, um die Maschine zu ölen; manchmal mussten wir auch anhalten, um die Zylinder der Schrauben zu klaren, oder stoppen, um wieder mehr Dampf zu bekommen, oder den Rost von den verbrannten Kohlen zu reinigen. Wenn fünf Minuten später der Dampfdruck wieder auf 60° gestiegen war, fiel er gleich darauf wieder auf 40°, dann auf 35°, worauf unser armes, elendes Fahrzeug mit der Geschwindigkeit von einer Seemeile in der Stunde wieder stromabwärts trieb. Wir verloren durch den „PEACE“ sieben Tage im Stanley-Pool und einen weiteren Tag, als das Ruder brach; es war einmal unser Schicksal, überall Verzögerungen zu haben.
Am folgenden Tage, 5. Mai, langten wir am Landungsplatze bei Msuata an. Der Major und Dr. Parke waren schon vier Tage vorher angekommen und hatten Mengen von Heizmaterial vorbereitet, sowie einen großen Haufen von Lebensmitteln, Brote aus Maniokwurzeln und Mais, angekauft.
Am 6. Mai erteilte ich dem Major und seinen Gefährten den Befehl, mit ihren Leuten nach Kwamouth zu marschieren und den Dampfer dort zu erwarten. Der „STANLEY“ erhielt Ordre, nach Bolobo zu fahren, seine Passagiere dort auszuschiffen und dann nach Kwamouth zu gehen, um Barttelot und seine Leute zu holen, während wir die Kompanie in Bolobo reorganisierten.
Am nächsten Tage erblickten wir den Dampfer „STANLEY“ ganz auf dem linken Ufer in der Nähe von Tschumbiri, und als wir herankamen, um uns nach der Ursache des Unfalls zu erkundigen, erfuhren wir, dass er auf ein Felsenriff gelaufen und schwer beschädigt war. Die zweite Abteilung war an vier verschiedenen Stellen durchlöchert, mehrere Nieten waren herausgestoßen und andere hatten sich gelöst. Wir machten uns daher mit den Maschinisten aller Dampfer an die Reparatur, wobei sich namentlich die Herren Charters und Walker, beide Schotten, durch ihre Tüchtigkeit auszeichneten. Wir zerschnitten einige alte eiserne Ölkannen und stellten daraus Platten her, welche an der Außenseite des Schiffes festgeschraubt wurden. Es war das eine sehr missliche Arbeit, deren Ausführung Geduld und große Sorgfalt beanspruchte, da im Schiffsraum zwei Fuß Wasser standen und man deshalb erst immer nach den Schrauben fühlen musste, ehe man die Mutter aufsetzen konnte. Dasselbe gilt von dem Durchschlagen der Löcher im Boden des Dampfers, wobei der Maschinist, bis zum Leibe im Wasser stehend, erst durch das die Kraft brechende Element auf seinen Meißel schlagen musste, sowie bei der Vorbereitung der Platten, die in Bezug auf die Bohrlöcher genau den Löchern im Schiffsboden entsprechen mussten, und dem Aufstreichen der Mennige, auf welche eine Lage Segeltuch und nochmals eine Schicht Mennige kam. Wenn alles zur Befestigung der Platte bereit war, wurde ein Taucher hinabgeschickt, welcher die Eisenplatte mit dem Segeltuch und den Mennigeschichten in die eine, das Ende eines an einem Loch der Platte befestigten Bindfadens in die andere Hand nahm. Der Taucher musste nun an der Außenseite des Schiffes das entsprechende Loch am Dampfer suchen, während der Maschinist im Raum bis zu den Hüften im Wasser stand und das Ende des Bindfadens zu ergreifen versuchte, worauf er, wenn dies gelungen war, letzteren langsam anzog und die Platte vorsichtig an ihre richtige Lage führte, sodass ein Bolzen durchgeschoben und er die Mutter anschrauben konnte. Diese langwierige Arbeit nahm viele Stunden in Anspruch, bis am Abend des 7. Mai der ein großer Riss repariert war, doch vergingen noch zwei weitere Tage, bis der Dampfer seine Fahrt fortsetzen konnte.
Bereits am 10. Mai holte der „STANLEY“ den asthmatischen „PEACE“ ein und passierte zugleich mit dem „HENRY REED“ an uns vorüber. Einige Stunden später brach der „PEACE“ vollständig zusammen und wollte nicht mehr vorwärts. Wir konnten nur 30 Pfund Dampf halten und waren deshalb gezwungen, das Schiff am Lande festzulegen. Zu dieser Zeit hatte das Gesicht des Herrn Charters mehr Interesse für uns als sonst etwas in der Welt; wir horchten auf seine Worte, als ob sie ein Evangelium gewesen wären. Er war ein sanguinischer, fröhlicher kleiner Herr, der uns außerordentlichen Trost gab, da er überzeugt war, dass wir rechtzeitig in Bolobo eintreffen würden, obwohl wir nicht gerade sehr rasch vorwärts zu kommen schienen, solange wir am Ufer festlagen.
Am nächsten Tage machten wir nochmals einen Versuch; wir brachen um 4 Uhr morgens auf und waren entschlossen, uns auszuzeichnen. Eine Stunde machte der „PEACE“ sich sehr gut, endlich zeigte er aber wieder Symptome des bevorstehenden Zusammenbruchs. Der Dampf fiel immer tiefer, und da wir schließlich keine 5 Pfund mehr halten konnten, ließen wir die Anker fallen. Als unsere Lage gegen 10 Uhr vormittags hoffnungslos zu sein schien, sandte ich Herrn Ward mit dem Walfischfänger-Boot nach dem „HENRY REED“, um Beistand zu holen, und um 8 Uhr abends traf dieser ein und ging etwa 60 m von uns vor Anker, nachdem wir den ganzen Tag mitten im Strom, ungefähr 500 m von den beiden Ufern und jeder Insel entfernt stillgelegen, müßig den dunklen braunen Strom dahinfließen und nur Flusspferde, grasartige Massen, Tang und Holztrümmer hatten vorbeitreiben sahen.
Am 12. Mai trafen wir schmachvoll im Schlepptau des „HENRY REED“ in Bolobo ein.
Hat der Reisende Ujansi erreicht, dann ist etwas wie eine Hungersnot kaum möglich, denn Bolobo ist, was Mannigfaltigkeit und Überfluss an Lebensmitteln anlangt, einer der besten Häfen am Fluss. Hier, wo wir uns in einem Distrikt befanden, in welchem die Leute sich wieder erholen und das Elend der verkürzten Rationen seit der Abreise von Lukungu vergessen konnten, war also der Platz, wo unsere Expedition in zwei Kolonnen geteilt werden musste.
Da die Truppe nicht auf einmal nach dem Oberkongo befördert werden konnte, beschloss ich, die gesündesten Leute auszuwählen und nach Jambuja zu schicken, während die Schwächlichen als eine Abteilung der Kolonne des Majors Barttelot unter dem Befehl der Herren Herbert Ward und William Bonny in Bolobo zurückbleiben sollten, bis der Dampfer „STANLEY“ von Jambuja zurückkehren würde. Wir hatten noch den Ruf nach Eile, welcher uns bei der Abfahrt von England ins Ohr geklungen hatte, im Gedächtnis, und es geziemte uns daher, die Reise unter dem Gebot der Notwendigkeit so viel es die Verhältnisse gestatteten zu beschleunigen, in der Hoffnung, dass die Nachhut in 6 oder 7 Wochen unserer Route würde folgen können.
Wir suchten demgemäß 125 Mann aus, welche die geringste Körperkraft zu haben schienen, und ließen sie in Bolobo zurück, damit sie sich an den Bananen, dem ausgezeichneten Brote der Eingeborenen, und an Fischen, die dort leicht zu beschaffen waren, mästeten, während der „STANLEY“ in der Zwischenzeit mit Major Barttelot, Dr. Parke und 153 Mann nach Kwamouth hinabgefahren war.
Hier wurde auch die verwickelte Frage entschieden, wer den Befehl über die Nachhut übernehmen sollte. Da dieser Posten der nächstwichtigste nach dem meinigen war, richteten sich sämtliche Augen selbstverständlich auf den ältesten Offizier, Major Barttelot. Er soll eine Kolonne von 1.000 Mann von Kosseir am Roten Meer nach Kenneh am Nil geführt und sich auch in Afghanistan und im Sudan-Feldzuge ausgezeichnet haben. Wenn das auf Wahrheit beruhte, war er ohne Zweifel derjenige, welcher sich von den Offizieren am besten zum Befehlshaber der Nachhut eignete. Hätte ich noch eine Persönlichkeit von gleichem Range bei mir gehabt, so würde ich diese wahrscheinlich mit dem Posten betraut haben, nicht weil ich Barttelot für ungeeignet hielt, sondern weil dieser dringend wünschte, die Vorhut zu begleiten. Nachdem ich die Fähigkeiten und den Rang der übrigen Herren, deren Eifer mir wohlbekannt war, in Betracht gezogen hatte, teilte ich dem Major mit, ich könnte wirklich nicht die Verantwortung auf mich nehmen, jugendliche Leutnants zu einem Posten zu ernennen, der ihm seines Ranges, seiner Erfahrungen und seines Rufes wegen zukäme.
„Noch ein weiterer Dampfer wie der ‚STANLEY’ würde vollständig genügt haben, lieber Major“, sagte ich freundlich zu dem jungen Offizier, der ernstlich niedergeschlagen war. „Von der Expedition bleiben nur 125 Mann und eine Ladung Waren zurück, alles Übrige ist bequem an Bord untergebracht. Wenn Sie eine Persönlichkeit finden können, welche Ihren Platz zwischen hier und Jambuja besser ausfüllen würde als Sie, möchte ich sie gern kennen lernen. Hoffentlich werden Sie sich die Sache nicht allzu sehr zu Herzen nehmen. Und was kommt auch darauf an? Sie, der Sie die Nachhut heraufbringen, haben ebenso viel Recht auf Anerkennung, wie wir bei der Vorhut. Wenn Tippu-Tib mir treu ist, werden Sie kaum sechs Wochen hinter uns zurück sein; Sie können uns leicht einholen, weil wir bei der Aufsuchung der Route und dem Bahnen eines Weges durch allerlei Hindernisse selbstverständlich sehr viel Aufenthalt haben werden. Sie folgen uns auf einem Ihnen vorgezeichneten Wege und können oft in einem Tage zwei von unseren Märschen machen. Vereinigt Tippu-Tib sich nicht mit Ihnen, dann sind Sie Herr Ihrer Kolonne und werden mit Ihrer Aufgabe so beschäftigt sein, dass die Zeit Ihnen schnell genug verfliegen wird. Und zu Ihrem Troste will ich Ihnen noch mehr sagen, lieber Major; es liegt noch viel Arbeit vor uns, von der Sie den wichtigsten Teil haben sollen. Nun sagen Sie mir, wen Sie zum Nächstkommandierenden haben möchten.“
„O, das möchte ich Ihnen überlassen.“
„Nein, ich habe es lieber, wenn Sie sich selbst einen Freund zum Gefährten aussuchen, damit derselbe Ihre Hoffnungen und Gedanken teilt. Wir alle haben, wie Sie wissen, Vorliebe für diesen oder jenen.“
„Nun, dann wähle ich Jameson.“
„Gut, Herr Jameson soll zu dem Posten ernannt werden. Ich werde selbst mit ihm sprechen und dann auch Herrn Rose Troup, den ich für einen prächtigen Burschen zu halten Grund habe, sowie den jungen Ward und Bonny bei Ihnen zurücklassen. Sowohl Troup und Bonny sprechen Kisuaheli und sie werden Ihnen gute Dienste leisten.“
Nachdem die Angelegenheit in dieser Weise erledigt war, setzte die Flottille am 15. Mai mit 511 Personen von der Expedition, sowie Tippu-Tib und 90 seiner Leute die Fahrt flussaufwärts fort.
Am 16. Mai hatten wir eine gute Reise, da die an dem Dampfer „PEACE“ vorgenommenen Reparaturen seine Fahrgeschwindigkeit verbessert hatten, und am 19. machten wir in der Nähe der Baptisten-Missionsstation Lukolela das Boot am Lande fest, wo der „STANLEY“ sich erst spät am Abend einstellte.
Den nächsten Tag blieben wir bei Lukolela liegen, um Lebensmittel für die Fahrt nach der Äquator-Station einzukaufen, und wir waren den Missionaren dieser Station sehr dankbar für die uns bewiesene gütige Gastfreundschaft.
Am 24. Mai kamen wir an der Äquator-Station an, die jetzt Eigentum der Sanford-Company ist, als deren Vertreter Herr E. J. Glave, ein tüchtiger junger Mann aus Yorkshire, fungiert. Auch Kapitän Van Gèle befand sich hier, nachdem er kürzlich mit fünf Haussasoldaten von einem fruchtlosen Versuche, den Mobangi noch höher aufwärts zu fahren, als es dem Missionar Grenfell einige Monate vorher gelungen, zurückgekehrt war.
Die Station Bangala erreichten wir am 30. Mai. Der Platz war jetzt eine sehr große, gedeihende Niederlassung mit einer Garnison von 60 Mann und zwei Krupp'schen Geschützen zur Verteidigung. Es werden hier Ziegelsteine von vorzüglicher Qualität hergestellt, von denen bereits 40.000 Stück fertig waren. Die Niederlassung macht Zentralafrika in jeder Beziehung große Ehre. Der Chef, van Kerckhoven, war nicht anwesend und befand sich in Langa-Langa. Es war ihm kürzlich gelungen, 29 Haussasoldaten aus der Sklaverei zu befreien. Bei der Flucht Deane's von den Stanley-Fällen hatten die Haussa sich voreilig in ein Kanu geworfen und waren bis Upoto hinabgetrieben, wo die Eingeborenen sie als Deserteure gefangen genommen hatten.
Außer sonstigen guten Eigenschaften, die Bangala besitzt, fehlt es dort niemals an Lebensmitteln. Die Station hatte 130 Ziegen, sowie ein paar hundert Hühner, welche die Offiziere mit frischen Eiern versorgten. Zehn Acker Landes versprachen mit ihrem Grün eine schöne Reisernte. Die Offiziere erquickten sich an Palmen- und Bananenwein, sowie gegorenem Bier aus Zuckerrohr, das, wie ich fand, äußerst kräftig war.
In Bangala befahl ich Major Barttelot, sich mit Tippu-Tib und dessen Leuten direkt nach den Stanley-Fällen zu begeben, nachdem ich zuvor 35 Sansibariten aus den Booten entfernt und durch 40 Sudanesen ersetzt hatte, damit keinem der Sansibariten bekannt würde, dass die Stanley-Fälle nur wenige Tagemärsche von Jambuja entfernt waren.
Abgesehen von einigen Unregelmäßigkeiten in dem Benehmen des Dampfers „STANLEY“, der unter dem Vorwande, genügend Heizmaterial der richtigen Sorte aufzusuchen, durch geheimnisvolle Manöver in ein wirres Netz von Kanälen verschwand, dampften wir ohne irgendwelche Unfälle zum Aruwimifluss hinauf und trafen am 12. Juni bei unserm alten Lager gegenüber den Basoko-Dörfern ein.
Die Basoko waren die Landsleute von Baruti oder „Schießpulver“, der im Jahre 1883 als Kind von einigen Karema geraubt und von Sir Francis de Winton nach England gebracht worden war, um die Vorzüge des Zivilisierten Lebens kennen zu lernen. Aus der Obhut von Sir Francis gelangte Baruti in die meinige. Hier befanden wir uns endlich im Angesichte seines heimatlichen Dorfes und Stammes, dem er sechs Jahre fern gewesen war.
Als ich sah, wie Baruti den Ort seiner Geburt mit außerordentlichem Interesse betrachtete, forderte ich ihn auf, die Basoko anzurufen und sie zu einem Besuch bei uns aufzufordern. Meine früheren Versuche, das Vertrauen dieser Waldbewohner zu gewinnen, waren sämtlich fehlgeschlagen, obwohl ich überzeugt war, dass dies mit der Zeit doch gelingen würde. Für mich war es lange eine interessante Frage gewesen, weshalb die Eingeborenen des Waldes unzugänglicher und scheuer waren, als die Bewohner des offenen Landes. Alle Methoden, wie das Zeigen eines glänzenden oder buntfarbigen Tauschartikels, von glänzendfarbigen Perlenschnüren, die wir geduldig hin- und herschwangen, geschicktes Zureden, überzeugendes Lächeln und beruhigende Zeichen wurden stundenlang angewandt, endeten aber stets mit Enttäuschung und der Verschiebung des Verkehrs auf eine bessere Gelegenheit. Der Grund davon besteht aber darin, dass der Wald stets einen bequem zu erreichenden Rückzug bietet, während der Argwohn des Fremden und die die Eingeborenen begünstigende Tiefe der weglosen Wälder stark gegen jedes unbestimmte Risiko sprechen. Das geringste Vorwärtsgehen hat sofort die eilige Rückwärtsbewegung des Eingeborenen zur Folge, bis dieser die Grenzen des Waldes erreicht, in dessen Dunkelheit er nach einem letzten Blick auf den Fremden schließlich verschwindet, mit einer Miene, als wollte er sagen: „Es hilft euch nichts, mich könnt ihr doch nicht einholen.“ Dagegen hat der Eingeborene auf dem offenen Lande gewöhnlich irgendeinen Vorteilhaften Winkel, einen hervorragenden Punkt, einen Baum oder Ameisenhügel, von dessen Spitze er seine Beobachtungen macht und über den Charakter der Fremden sich vergewissert oder warnen lässt. Im Walde steht dem Bewohner des Dickichts ganz plötzlich der Fremde gegenüber, der aus unbekannten Gegenden zu unbegriffenen Zwecken gekommen ist. In den Zügen des einen malt sich Überraschung, in denen des anderen Schrecken.

Baruti findet seinen Bruder
Baruti rief die Eingeborenen an, worauf die Kanus in ganz langsamer Fahrt herbeikamen, bis sie sich endlich bis auf gute Rufweite näherten. Er erkannte einige der Bootsleute wieder und teilte ihnen mit, sie brauchten keine Ursache zur Furcht zu haben. Dann fragte er nach einem Mann, dessen Namen er nannte, worauf die Wilden das Wort mit prachtvoller, kräftiger Lunge über den Fluss schrien, bis jemand antwortete, ein Kanu bestieg und heranruderte. Es war dies ein älterer Bruder Baruti's. Baruti wollte von ihm wissen, wie es ihm während seiner eigenen sechsjährigen Abwesenheit gegangen sei. Der Bruder starrte ihn dumm an, vermochte die Züge Baruti's nicht wiederzuerkennen und äußerte in grunzendem Tone seine Zweifel.
Baruti nannte darauf die Namen seiner Eltern, erst denjenigen des Vaters und dann den der Mutter, worauf sich in den Zügen des Bruders größeres Interesse zeigte und er geschickt mit dem Kanu näher heransteuerte.
„Wenn du mein Bruder bist, so nenne mir etwas, woran ich dich erkenne.“
„Du hast eine Narbe am Arm – dort am rechten. Erinnerst du dich noch des Krokodils?“
Das genügte. Der junge breitbrüstige Eingeborene ließ einen Freudenschrei erschallen und rief seine Entdeckung den entfernteren Landsleuten am Ufer zu, und Baruti vergoss zum ersten Mal in seinem Leben Tränen. Der junge Eingeborene kam nahe an das Schiff heran, vergaß jegliche Furcht vor den Fremden und umarmte Baruti außer sich vor Freude, während die übrigen Kanus heransteuerten, um an dem Glück der wieder vereinigten Brüder teilzunehmen.
Abends stellte ich Baruti die Wahl frei, ob er in dem Dorfe bei seinem Stamme bleiben oder unserm abenteuerlichen Marsche folgen wolle; gleichzeitig riet ich ihm aber, uns nicht zu verlassen, da das Leben unter den Basoko wegen der großen Nähe der Araber an den Stanley-Fällen doch ein sehr unsicheres sei.
Der Junge schien auch so zu denken und lehnte es daher ab, zu seinem heimatlichen Lande und Stamme zurückzukehren; allein einen oder zwei Tage nach der Ankunft in Jambuja änderte er seine Meinung, kam nachts heimlich in mein Zelt, bewaffnete sich mit einem Winchestergewehr und einem Paar Revolver von Smith u. Wesson, nebst einem Vorrat von Gewehr- und Revolverpatronen, nahm eine silberne Reise-Uhr, einen silbernen Schrittmesser, einen hübschen Gürtel nebst Patronentasche und eine kleine Summe Geldes, stahl dann ein Kanu und verschwand nach unbekannten Regionen flussabwärts, höchst wahrscheinlich zu seinem Stamme. Jedenfalls haben wir seitdem nichts wieder von ihm gesehen oder gehört. Friede sei mit ihm!
Am 15. Juni trafen wir gegenüber den am linken Ufer des Aruwimi liegenden Dörfern von Jambuja ein, 154 km oberhalb des Zusammenflusses des Aruwimi mit dem Kongo.
* * *
Sechstes Kapitel – In Jambuja
Sechstes Kapitel – In Jambuja
Landung bei den Jambuja-Dörfern. – Der „STANLEY“ verlässt die Äquator-Station. – Besorgnisse wegen des Majors Barttelot und des „HENRY REED“. – Glückliche Ankunft. – Instruktionen für Major Barttelot und Jameson betreffs der Nachhut. – Major Barttelot's Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit Tippu-Tib's. – Eine lange Unterredung mit Major Barttelot. – Memorandum für die Offiziere der Vorhut. – Krankheit des Leutnants Stairs. – Die letzte Nacht in Jambuja. – Übersicht über unsere Mannschaften und Ausrüstung.
* * *
Wir befanden uns jetzt über 2000 km von der See. Uns gegenüber lagen die Dörfer, welche wir bei dem guten Willen der Eingeborenen zeitweilig als Depot für die in Bolobo und Leopoldville zurückgelassenen Leute und Vorräte, 125 Mann und 600 Trägerlasten Waren, benutzen wollten; waren die Eingeborenen nicht gutwillig bereit, uns das Vorrecht zu verkaufen, sollte es mit Gewalt genommen werden.
Bei einer Forschungstour im Jahre 1883 hatte ich versucht, die Einwohner zu versöhnen, ohne aber dauernden Erfolg damit zu haben. Jetzt hatten wir einen sehr ernsten Zweck vor uns. Vor unserm geistigen Auge standen die fernen Häfen des Nils und des Albert-Njansa, die von Leuten verteidigt wurden, welche mit ängstlichen Blicken die Hauptrichtungen des Kompasses musterten, aus denen sie Hilfe erwarten konnten, da sie um diese Zeit durch unsere Boten von Sansibar aus bereits von unserm Kommen in Kenntnis gesetzt sein mussten; allein zwischen uns und ihnen lag noch eine breite Region, welche auf den besten vorhandenen Karten immer nur ganz weiß gelassen war. Als wir auf die schwarze Waldmauer blickten, welche die hohen Bäume dem ganzen Ufer entlang von Bolobo bis hierher bilden, nur dort unterbrochen, wo sie von majestätischen, ihre gewaltigen Wassermassen in den Hauptstrom ergießenden Flüssen zerteilt wird, da hatte wohl jeder von uns seine eigenen, im tiefsten Grunde des Herzens verborgenen Gedanken. Die meinigen richteten sich, wie ich jetzt nicht mehr zu verheimlichen brauche, auf den mir als Ziel vorschwebenden Gouverneur, der inmitten seiner Garnisonen seine tapferen Soldaten tröstet und ermutigt und mit ausgestreckter Hand nach der Richtung zeigt, aus welcher der erwartete Entsatz sicher kommen wird, wenn es Gottes Wille ist; und darüber hinaus in der Ferne sah ich in meiner Phantasie die Mahdistenhorden mit wütendem Geschrei und dem frenetischen, gellenden Rufe „Jallah, Jallah!“ vordringen, bis letzterer von einem Ende der schwankenden Linie bis zur anderen sich fortpflanzte und durch die ganze Horde der hitzigen fanatischen Krieger erklang; und auf der anderen Seite erblickte ich die Scharen der mit der Zeit dem Untergange geweihten Eingeborenen, und zwischen ihnen und uns das ungeheure unbekannte Gebiet, in dem es weder Weg noch Steg gibt.

Typisches Dorf am unteren Aruwimi
Die Hauptleute der verschiedenen Kompanien teilten die Munition aus und erhielten Befehl, auf ihren Schiffen Dampf bereit zu halten, damit wir die erste wichtige Bewegung zur Vorbereitung des Marsches nach dem Albert-Njansa unternehmen könnten.
Um 6 Uhr morgens am 16. Juni glitt der „PEACE“ von seinem Liegeplatz, bis er querab von dem „STANLEY“ war, dessen Offiziere ich, als wir nahe genug waren, um verstanden zu werden, aufforderte, mein Signal zu erwarten. Dann dampften wir langsam über den Fluss und versuchten, die Furcht der Eingeborenen zu beruhigen und ihre Aufregung dadurch zu besänftigen, dass wir gegenüber einer großen Schar derselben, welche auf dem steil abfallenden Ufer 15 m über uns standen und uns mit Verwunderung und Neugier betrachteten, liegen blieben. Unser Dolmetscher vermochte sich sehr gut verständlich zu machen, da die Eingeborenen am unteren Aruwimi sämtlich nur eine Sprache reden. Nachdem wir eine Stunde lang Komplimente und freundliche Redensarten gewechselt hatten, veranlassten wir sie, einige ihrer Kühnsten nach dem Rande des Flusses zu senden, während die Strömung den Dampfer infolge einer leichten Bewegung bis nahe ans Ufer führte, wo mit Bitten und Überredung unserer- und Abschlagen und Ablehnen andererseits eine weitere Stunde verging; doch gelang es uns dann, ihnen ein Messer für eine reichliche Menge Perlen abzukaufen! Hierdurch ermutigt, begannen wir Unterhandlungen über die Erlaubnis, gegen Zahlung eines in Stoffen, Perlen, Draht oder Eisen bestehenden Preises einige Wochen in ihrem Dorfe wohnen zu dürfen, doch wurde dies nach nochmals einer Stunde fest und bestimmt abgelehnt.

Landung in Jambuja
Es war jetzt 9 Uhr. Meine Kehle war trocken, die Sonne wurde heiß und ich signalisierte daher dem Dampfer „STANLEY“, er solle herüberkommen und sich uns anschließen. Auf ein zweites Signal ließen beide Dampfer, als der „STANLEY“ nahe genug gekommen war, die Dampfpfeifen ertönen und unter dem, durch die hohen Waldmauern verstärkten, betäubenden Lärm wurden beide Schiffe ans Ufer gesteuert und die Sansibariten und Sudanesen kletterten wie Affen an dem steilen Ufergehänge empor, auf welchem, als sie oben ankamen, kein einziger Bewohner des Dorfes mehr zu sehen war.
Wir fanden, dass die Niederlassung von Jambuja aus einer Reihe von Dörfern mit kegelförmigen Hütten bestand, welche sich auf dem oberen Uferrand hinzogen, von wo man einen weiten Blick auf- und abwärts auf den Aruwimi hatte. Die Kompanien marschierten nach den ihnen angewiesenen Quartieren, und es wurden auf allen aus dem Dorfe führenden Pfaden Wachen ausgestellt. Einige der Leute wurden beauftragt, Holz für Palisaden zu hauen, andere mussten Heizmaterial sammeln und noch andere Abteilungen wurden ausgeschickt, um die Ausdehnung und Lage der Felder zu untersuchen.
Nachmittags stellten zwei Eingeborene aus einem abwärts von Jambuja gelegenen Dorfe sich mit für uns schmeichelhaftem Vertrauen bei uns ein. Dieselben waren von den Baburu-Stämmen, denen die verschiedenen Fragmente der Stämme zwischen den Stanley-Fällen und dem unteren Aruwimi angehören. Sie verkauften uns einige Bananen und wurden dafür gut bezahlt und aufgefordert, mehr Lebensmittel zu bringen, unter der Versicherung, dass sie nichts zu befürchten brauchten.
Am nächsten Tage wurden Leute ausgesandt, um auf den Feldern Maniok zu sammeln, während andere mit dem Bau von Palisaden und der Herstellung eines Grabens beschäftigt wurden; weitere Arbeiter mussten einen Schanzgraben zur Aufstellung des Palisadenzauns herrichten, die Holzhauer wurden ausgeschickt, um die Vorbereitungen für das Beladen der Dampfer mit Brennholz zu treffen, damit dieselben mit den geschwächten Bemannungen auf der Rückfahrt nach dem Pool nicht in Verlegenheit kämen; überall herrschte Leben und Tätigkeit.
Im Walde wurden mehrere Eingeborene gefangen genommen, denen wir alles zeigten und eine Hand voll Glasperlen schenkten, damit sie den übrigen die Versicherung überbrächten, dass sie von uns nichts zu befürchten hätten und ihnen nichts zu Leide geschehen würde.
Am 19. Juni war genügend Brennholz gehauen, sodass der „STANLEY“ für sechs Tage Fahrt versehen war und die Reise nach der Äquator-Station antreten konnte. Ich stellte für den Kapitän einen Check über 50 Pfd. St. aus, sowie einen zweiten für den Maschinisten über einen ähnlichen Betrag auf Ransom, Bouverie u. Co. und gab die Scheine in Gegenwart der beiden Herren an Jameson mit der Weisung, dass dieselben, falls jene ungefähr um Mitte August Jambuja sicher erreichten, ihnen bei der Rückkehr vom Stanley-Pool ausgehändigt werden könnten. Ein wertvolles Schmuckstück sandte ich an Leutnant Liebrechts als Zeichen meiner großen Hochachtung für ihn. Am nächsten Morgen ging der „STANLEY“ mit meinen Briefen an das Entsatz-Komitee ab.
Der „PEACE“ wurde noch zurückgehalten, um seinen Gefährten, den „HENRY REED“, zu begleiten, den wir nach den Instruktionen, die Major Barttelot erhalten hatte, jetzt stündlich erwarteten, da derselbe am 19. bei uns hätte eintreffen müssen.
In einem wilden Lande wie dieses, wo man auf allen Seiten im Walde Kannibalen und Tausende von Sklavenräubern so nahe an den Stanley-Fällen hat, ist man natürlich leicht geneigt, ernstliche Ereignisse zu befürchten, wenn die gehegten Erwartungen sich nicht prompt und pünktlich erfüllen. Barttelot hatte die Mündung des Aruwimi als Befehlshaber des „HENRY REED“ am 11. passiert, um Tippu-Tib und seine Leute nach einer Niederlassung zu befördern, von welcher ein englischer Kommandant und die Garnison über Hals und Kopf vertrieben worden waren. Allerdings war der arabische Häuptling sehr zuversichtlich in seinem Benehmen und sehr ernsthaft in der Versicherung gewesen, dass er sich neun Tage nach der Ankunft in seiner Niederlassung entsprechend unserer Vereinbarung mit 600 Trägern in Jambuja einstellen werde, und ich hatte ungern glauben wollen, dass er für dieses Ausbleiben des Majors in irgendeiner Weise verantwortlich sei. Allein der Major hätte die Stanley-Fälle am 13. erreichen, am Abend des 14. wieder an der Mündung des Aruwimi und am 16. in Jambuja sein müssen, d. h. wenn er die Eigenschaft besaß, die Befehle buchstäblich auszuführen und sich durch nichts zu einer Verzögerung verleiten zu lassen. Wir hatten jetzt den 21. Die Offiziere waren überzeugt, dass weiter nichts eingetreten sei, als die durch die Verhältnisse des Lebens in Afrika bedingte natürliche Verzögerung; allein stündlich wanderte ich an den Uferrand, um mit meinem Glase den Fluss hinab zu blicken.
Am 22. Juni war meine Unruhe so groß geworden, dass ich Leutnant Stairs den schriftlichen Befehl gab, mit 50 unserer besten Leute und dem Maximgeschütz am Morgen des 23. auf dem Dampfer „PEACE“ stromabwärts zu fahren und den „HENRY REED“ aufzusuchen, sowie, wenn er nichts weiter höre, nach den Stanley-Fällen zu dampfen. Nach der Ankunft bei dieser Niederlassung sollte er, sobald das Schiff vom Landungsplatze zu sehen wäre und seine freundschaftlichen Signale nicht beantwortet würden, sofort alles zum Angriff vorbereiten, den Dampfer zurückerobern und, wenn ihm dies nicht gelänge, rasch mit der Meldung zu mir kommen.
Um 5 Uhr nachmittags erhoben die Sansibariten das mir höchst willkommene Geschrei: „Schiff in Sicht!“ Barttelot war wohlbehalten und es war kein Unfall eingetreten; Tippu-Tib hatte den Dampfer nicht erobert, die Sudanesen hatten sich nicht gegen den Major empört, die Eingeborenen nicht das schlafende Lager in der Nacht überfallen, der Dampfer war nicht auf einen treibenden Baumstamm geraten und gesunken oder gestrandet, und das Boot, für welches wir der Mission moralisch verantwortlich waren, befand sich in ebenso guter Ordnung und ebensolchem Zustande, wie bei der Abfahrt vom Stanley-Pool. Allein das Leben in Afrika ist zu aufreibend, als dass man das Opfer solcher Sorgen werden möchte.
Der Major war einfach durch verschiedene Zufälligkeiten – Kampf mit den Eingeborenen, Palaver mit Tippu-Tib und seinen Leuten usw. – aufgehalten worden.
Zwei Tage später waren die Dampfer „PEACE“ und „HENRY REED“ mit Heizmaterial beladen und wurden stromabwärts nach Hause geschickt, und wir hatten damit das letzte Band, welches uns mit der Zivilisation verknüpfte, auf viele Monate hinaus zerschnitten.
An diesem Tage richtete ich an Major Barttelot folgendes Instruktionsschreiben, von dem ich Herrn J. S. Jameson, dem Nächstkommandierenden, eine Abschrift übergab:
24. Juni 1887.
Herrn Major Barttelot.
Geehrter Herr! Als Ältestem der auf der Expedition zum Entsatze Emin Pascha's mich begleitenden Offiziere fällt das Kommando dieses wichtigen Postens selbstverständlich Ihnen zu. Es ist auch im Interesse der Expedition, dass Sie diesen Befehl übernehmen, und zwar aus dem Grunde, weil Ihre Sudanesen-Kompanie, welche nur aus Soldaten besteht und sich mehr für den Garnisondienst eignet als die Sansibariten, hier besser verwertet werden kann als auf dem Marsche.
Der Dampfer „STANLEY“ ist am 22. d. M. von Jambuja nach dem Stanley-Pool abgefahren. Wenn ihm kein Unfall zustößt, müsste er am 1. Juli in Leopoldville sein. In zwei weiteren Tagen wird er mit etwa 500 Lasten unserer Waren, die wir unter der Aufsicht des Herrn J. R. Troup zurückgelassen haben, beladen sein. Dieser Herr wird sich auf dem Dampfer einschiffen, der, wie ich annehme, am 4. Juli seine Bergfahrt antreten und am 9. in Bolobo eintreffen wird. Wenn das Heizmaterial fertig ist, werden die 125 Mann, die sich unter Führung der Herren Ward und Bonny jetzt in Bolobo befinden, sich einschiffen, worauf der Dampfer die Reise fortsetzt. Er wird am 19. Juli in Bangala sein und am 31. Juli hier ankommen. Selbstverständlich kann der niedrige Wasserstand des Flusses in jenem Monat den Dampfer vielleicht einige Tage aufhalten, Indessen können Sie, da ich großes Vertrauen zu seinem Kapitän habe, ihn mit Sicherheit vor dem 10. August erwarten. Der Dampfer wurde durch das Auflaufen auf einen treibenden Baumstamm einige Tage aufgehalten und traf am 14. August ein.
Die Nichtankunft dieser Waren und Leute ist es, welche mich zwingt, Sie zum Befehlshaber dieses Postens zu ernennen. Da ich aber binnen kurzem das Eintreffen einer großen Verstärkung von Leuten, die 600 Träger Tippu-Tib's erwarte, welche die Zahl der Vorhut, die unter allen Umständen zur Rettung Emin Pascha's vordringen muss, erheblich übersteigt, so hoffe ich, dass Sie nach der Abfahrt des „STANLEY“ auf seiner endgültigen Rückkehr nach dem Stanley-Pool im August nicht länger als wenige Tage aufgehalten werden.
Inzwischen kommt es Ihnen zu, bis zur Ankunft unserer Leute und Waren in dem Kommando über dieses befestigte Lager sehr aufmerksam und vorsichtig zu sein. Obwohl letzteres eine günstige Lage besitzt und von Natur fest ist, würde ein tapferer Feind doch keine schwierige Aufgabe darin finden, es zu erobern, wenn der Befehlshaber es an Disziplin, Kraft und Energie mangeln lässt. Ich bin deshalb überzeugt, dass ich eine gute Wahl getroffen habe, als ich Sie beauftragte, unsere Interessen während unserer Abwesenheit hier zu schützen.
Die Ihnen jetzt anvertrauten Interessen sind von allergrößter Bedeutung für diese Expedition. Die Leute, welche Sie unter Ihren Befehlen haben werden, machen mehr als ein volles Drittel der Expedition aus, die Güter, die hierher gebracht werden, sind das für den Marsch durch die Regionen jenseits der Seen nötige Geld; außerdem wird ein ungeheurer Vorrat von Munition und Proviant da sein, die von gleicher Wichtigkeit für uns sind. Der Verlust dieser Mannschaften und Waren würde sicherer Ruin für uns sein und die Vorhut dann ihrerseits selbst um Entsatz bitten müssen. Ich hoffe daher, dass Sie in voller Berücksichtigung dieses Umstandes keine Mühe scheuen werden, um die Ordnung und Disziplin in Ihrem Lager aufrecht zu erhalten, Ihre Verteidigungswerke zu vervollständigen und sie in solchem Zustande zu halten, dass kein Feind, wie tapfer er auch sein mag, Erfolg über dieselben erringen kann. Zu diesem Zwecke würde ich Ihnen empfehlen, einen künstlichen Graben von 6 Fuß Breite und 3 Fuß Tiefe herzustellen, welcher von dem natürlichen Graben an, in dem sich die Quelle befindet, um die Palisaden herum führt. Die Anlage einer Plattform, ähnlich wie diejenige auf der Südseite, in der Nähe des östlichen sowie des westlichen Tores würde für die Stärke des Lagers von Vorteil sein. Denn vergessen Sie nicht, es sind nicht nur die Eingeborenen, die Sie vielleicht angreifen wollen, sondern möglicherweise werden auch die Araber und ihre Begleiter aus dem einen oder anderen Grunde Streit mit Ihnen suchen und einen Angriff auf Ihr Lager unternehmen.
Unser Kurs wird von hier nahezu astronomisch genau Ost oder nach dem Kompass Ost zu Süd sein. Vielleicht werden die Pfade zu Zeiten nicht genau in dieser Richtung führen, doch ist die südwestliche Ecke des Albert-Sees in der Nähe von oder bei Kavalli unser Bestimmungsort. Bei unserer Ankunft daselbst werden wir in der Umgegend ein festes Lager aufschlagen, unser Boot zu Wasser bringen und nach Kibiro in Unjoro steuern, um von Signor Casati, falls derselbe sich dort befindet, Nachrichten über die Lage Emin Pascha's zu erhalten. Ist letzterer am Leben und in der Nachbarschaft des Sees, dann werden wir uns mit ihm in Verbindung setzen; unser späteres Verfahren muss sich nach dem richten, was wir über die Absichten Emin Pascha's erfahren. Wir können annehmen, dass wir nicht länger als 14 Tage bei ihm bleiben, bis über unsere Rückkehr nach dem Lager auf der von uns bereits zurückgelegten Straße entschieden worden ist.
Wir werden uns bemühen, durch Zeichnen von Bäumen und Anschneiden von jungen Stämmen am Wege genügende Spuren der Route zu hinterlassen, welche wir eingeschlagen haben. Bei allen Kreuzungspunkten, wo Pfade sich schneiden, werden wir den Boden auflockern und auf den nicht von uns benutzten Pfaden einen einige Zoll tiefen Graben herstellen, sowie auch die Bäume bezeichnen, wenn dies möglich ist.
Vielleicht werden Sie, wenn Tippu-Tib die volle Zahl der versprochenen erwachsenen Leute, nämlich 600 Mann, welche Lasten zu tragen vermögen, geschickt hat und der „STANLEY“ mit den in Bolobo von mir zurückgelassenen 125 Leuten wohlbehalten eingetroffen ist, sich stark genug fühlen, um die Kolonne mit allen von dem Dampfer überbrachten und den von mir in Jambuja zurückgelassenen Waren längs des von mir eingeschlagenen Weges in Bewegung zu setzen. In diesem höchst wünschenswerten Falle werden Sie genau meiner Route folgen und werden wir in nicht zu langer Zeit sicherlich zusammentreffen. Ohne Zweifel werden Sie unsere Bomas unberührt und noch stehend finden; Sie sollten Ihre Märsche daher so einzurichten suchen, dass Sie jene unterwegs benutzen können. Bessere Führer als diese Bomas würden auf unserer Route nicht zu erlangen sein. Wenn Sie während eines zweitägigen Marsches keine solche finden, können Sie überzeugt sein, dass Sie sich nicht auf unserer Route befinden.
Vielleicht hat Tippu-Tib auch nur einige Leute geschickt, aber nicht genug, sodass Sie die Waren mit Ihrer eigenen Truppe tragen müssen. In diesem Falle muss es natürlich Ihnen überlassen bleiben, welche Waren Sie entbehren können, um imstande zu sein, den Marsch anzutreten. Zu diesem Zwecke würden Sie Ihre Liste aufmerksam durchzusehen haben.
1. Munition, namentlich schussfertige, höchst wichtig.
2. Perlen, Messingdraht, Kauris und Stoffe kommen in zweiter Linie.
3. Privatgepäck.
4. Pulver und Zündhütchen.
5. Europäischer Proviant.
6. Messingstangen, wie sie am Kongo gebraucht werden.
7. Lebensmittel (Reis, Bohnen, Erbsen, Hirse, Zwieback).
Sie müssen daher, nachdem Sie für Taue, Säcke, Werkzeuge, wie Schaufeln (vergessen Sie auch nie eine Axt oder ein Haumesser) gesorgt haben, überlegen, wie viele Lasten mit Proviant Sie unter Ihre Leute verteilen können, sodass sie zu marschieren imstande sind, und ob nicht die Hälfte der Messingstangen in Kisten ebenfalls entbehrt werden und zurückbleiben kann. Sollten Sie dennoch nicht marschieren können, dann würde es besser sein, zweimal täglich zwei Märsche von etwa 10 km zu machen, als allzu viel Gegenstände fortzuwerfen, falls Sie es vorziehen sollten zu marschieren, anstatt auf unsere Ankunft zu warten.
Bei der endgültigen Abfahrt des „STANLEY“ von Jambuja wollen Sie es nicht unterlassen, an Herrn William Mackinnon unter der Adresse von Gray, Dawes u. Co., 13, Austin Friars, London, einen Bericht zu senden über das, was während meiner Abwesenheit und nachdem ich den Marsch nach Osten angetreten habe, vorgefallen ist; ob Sie von mir überhaupt gehört haben, ob Sie Nachrichten von mir zu erhalten hoffen und was Sie zu tun beabsichtigen. Sie wollen ihm auch eine genaue Abschrift dieses Befehls senden, damit das Entsatz-Komitee selbst beurteilen kann, ob Sie angemessen gehandelt haben oder zu handeln beabsichtigen.
Gegenwärtig wird Ihre Garnison aus 80 Gewehrträgern und 40-50 Überzähligen bestehen. Der „STANLEY“ wird Ihnen binnen wenigen Wochen weitere 50 Gewehrträger und 75 Überzählige unter den Befehlen der Herren Troup, Ward und Bonny überbringen.
Ich bestimme Herrn J. S. Jameson für jetzt zu Ihrem Kameraden; außerdem werden die Herren Troup, Ward und Bonny unter Ihren Befehlen stehen. Bei den gewöhnlichen Verteidigungsarbeiten und der Führung der Leute im Lager und auf dem Marsche gibt es nur einen Chef, und das sind Sie; sollte aber ein sehr wichtiger Schritt in Aussicht genommen werden, dann bitte ich Sie, auch den Rat des Herrn Jameson zu hören; und wenn die Herren Troup und Ward hier sind, dann bitte ich, auch sie ins Vertrauen zu ziehen und sie frei ihre Meinungen aussprechen zu lassen.
Ich glaube ganz klar über alles geschrieben zu haben, was mir notwendig dünkt. Ihre Behandlung der Eingeborenen sollte, wie ich meine, gänzlich von deren Benehmen gegen Sie abhängen. Lassen Sie sie in Frieden nach den benachbarten Dörfern zurückkehren, und wenn Sie durch Mäßigung, gelegentliche kleine Geschenke von Messingstangen usw. auf irgendeine Weise einen freundschaftlichen Verkehr beschleunigen können, dann würde ich Ihnen empfehlen, dies zu tun. Verlieren Sie keine Gelegenheit, jegliche Art von Information über die Eingeborenen, die Lage der verschiedenen Dörfer in Ihrer Nachbarschaft usw. einzuziehen.
Ich habe die Ehre zu sein Ihr ergebener
Henry M. Stanley,
Befehlshaber der Expedition.
* * *
Der Major zog sich zurück, um das Schreiben durchzulesen, und bat dann Herrn Jameson, einige Abschriften davon anzufertigen.
Gegen 2 Uhr kam der Major zurück und ersuchte mich um eine Unterredung. Er sagte, er wünsche über Tippu-Tib mit mir zu sprechen.
„Ich möchte gern noch etwas mehr über diesen Araber wissen. Als ich vor einigen Tagen bei den Fällen aufgehalten wurde, beliebte es Ihnen, Leutnant Stairs ziemlich energische Befehle zu erteilen. Es fällt mir auf, dass Sie bezüglich jenes Arabers außerordentlich argwöhnisch sind, und deshalb begreife ich nicht recht, weshalb wir mit einem solchen Manne überhaupt etwas zu tun haben wollen.“
„Gut, ich will gern darüber oder über irgendeinen anderen Gegenstand offen mit Ihnen reden“, erwiderte ich.
„Ich muss bekennen, dass ich drei Tage, bevor Ihr Dampfer den Fluss herauffahrend in Sicht kam, sehr besorgt um Sie gewesen bin. Sie befehligten einen Dampfer, der anderen Leuten gehörte, denen gegenüber wir uns verpflichtet hatten, das Schiff innerhalb einer gewissen Zeit zurück zu liefern. Als Begleitung hatten Sie eine Truppe von 40 Sudanesen. Das Schiff war gut ausgerüstet und vollständig in Ordnung. Wir kannten die Zeit, welche Sie hätten gebrauchen müssen, vorausgesetzt dass kein Unfall eintrat, und wussten, dass Sie den bestimmten Befehl hatten, abzufahren, sobald die von unserm Freunde Ngaljema versprochene Kuh am Bord war, oder flussabwärts zu dampfen, wenn dieselbe nicht innerhalb einer Stunde käme. Falls sich kein Unfall ereignet hatte und Sie den Befehlen nachgekommen waren, hätten Sie am Abend des 16. oder spätestens am 17. hier sein müssen. Sie trafen aber erst am 22. um 5 Uhr nachmittags ein.
„Wir haben hier keine Telegraphen oder Posten. Da wir keine Nachrichten von Ihnen erhalten konnten, und als ein Tag nach dem anderen verstrich, entstanden aus meiner Sorge um Sie Zweifel, ob nicht irgendetwas Unerklärliches passiert sei. Waren Sie auf einen treibenden Baumstamm gestoßen, auf Grund geraten, wie es dem ‚STANLEY’ und dem ‚ROYAL’ ergangen war und es fast allen Dampfern passiert? Waren sie nachts von Eingeborenen angegriffen worden, wie Deane auf dem ‚A. I. A.‘ in Bunga? Hatten Ihre Sudanesen sich empört, wie sie es schon in Lukungu gedroht hatten? Waren Sie erschossen worden, wie einst sämtliche weißen Offiziere eines sudanesischen Regiments im Sudan? Wurden Sie mit Gewalt zurückgehalten, weil Tippu-Tib sich von den jungen arabischen Feuerfressern an den Fällen hatte überreden lassen? Hatten Sie mit den jungen Leuten, den beiden Selim, Streit bekommen, wie Stairs und Jephson unterhalb der Stanley-Fälle? Wenn alles das nicht, was war dann geschehen? Konnte ich, konnte sonst jemand etwas anderes annehmen?“
„Ich musste aber –“
„Einerlei, mein lieber Major, sprechen wir nicht mehr davon. Suchen Sie sich nicht zu verteidigen. Ich erwähne diese Dinge nicht, um Ihnen Vorwürfe zu machen, sondern um Ihnen auf Ihre Frage Antwort zu geben. Ende gut, Alles gut.“
„Nun was Tippu-Tib betrifft. Ich würde mit Tippu-Tib nichts zu tun haben, wäre nicht die Notwendigkeit in Ihrem Interesse wie in dem meinigen vorhanden. Er beansprucht dieses Territorium als sein Gebiet. Wir befinden uns hier als seine Freunde. Angenommen, wir hätten kein Abkommen mit ihm getroffen, wie lange würde es uns gestattet sein, unsere Vorbereitungen für den Marsch nach dem Albert-See zu treffen, oder wie lange würde man uns erlauben hier zu bleiben, bis wir die Frage zu beantworten hätten, was wir auf seinem Gebiet wollten? Durfte ich Sie allein hier lassen, während ich weiß, wessen die Leute fähig sind? Mit 80 Büchsen gegen wahrscheinlich 3.000 und vielleicht 5.000 Gewehre? Ja, Herr Major, es überrascht mich, dass Sie, der Sie die Stanley-Fälle und einige hundert Araber gesehen haben, diese Frage stellen.“
„Sie haben Tippu-Tib und fast hundert seiner Leute von Sansibar her begleitet! Sie haben gesehen, welche kindliche Freude ihnen ihre Waffen, die Winchestergewehre und wertvollen Doppelflinten machten! Sie kennen die Geschichte von dem Kampfe Deane's bei den Stanley-Fällen! Sie wissen, dass Tippu-Tib rachsüchtig ist und dass seine heißblütigen Neffen den Kampf dem Frieden vorziehen würden. Sie wissen, dass er den Krieg gegen den Kongostaat beabsichtigte und dass ich mit meiner Expedition einen Teil seines Gebiets passieren muss. Wie können Sie nun, der Sie zum Range eines Majors emporgestiegen sind, solche Fragen stellen und das Warum und Weshalb bezweifeln von Dingen, die so klar wie der Tag sind?“
„Unser Transportdampfer ‚MADURA‘ lag im Hafen von Sansibar. Der Eigentümer dieses Distrikts, wie er sich nennt, brütete, sich beleidigt fühlend und auf Rache sinnend, über Plänen gegen alle Weißen am Kongo. Würde es klug von mir gewesen sein, diesen Mann in solchem Zustande zu lassen? Dass er sich zum Kriege gegen den Staat vorbereitete, erregte mich nicht sehr, aber dass er ihn beabsichtigte, während ich in einer humanen Mission durch sein Gebiet und dessen Nachbarschaft passieren musste, war von Bedeutung. Deshalb war ich an diesem Zusammenflicken eines Friedens zwischen dem Kongostaate und König Leopold mit dem Araber ebenso sehr interessiert wie Se. Majestät selbst und noch mehr.“
„Ich glaube, Sie werden mich zunächst fragen, was das mit Ihren persönlichen Interessen zu tun hat. Haben Sie mir nicht immer wieder gesagt, dass es Ihr sehnlichster Wunsch ist, uns zu begleiten, und dass Sie es weit vorziehen würden, zu marschieren, anstatt hier zu warten? Und ist es – nach Ihrem Instruktionsschreiben – nicht ausgemacht, dass Sie, wenn Tippu-Tib nicht mit 600 Trägern erscheint, lieber doppelte oder dreifache Märsche machen, als in Jambuja bleiben sollen?“
„Sehen Sie diese Bleistiftnotizen an – nein, Sie können dieselben behalten, wenn Sie wollen. Die Notizen zeigen, was Sie mit Ihren eigenen Leuten leisten und was Sie tun können, wenn Tippu-Tib wirklich seinem Kontrakte buchstäblich nachkommt.“
„Nun, ich habe meine Instruktionen namentlich wegen der ungestümen Antwort begründet, die Sie mir in Bolobo gegeben haben: ‚Bei Gott! ich werde keinen Tag in Jambuja bleiben, wenn ich meine Kolonne beisammen habe!‘“
„Sehen Sie hier! Das Schreiben besagt: ‚Vielleicht hat Tippu-Tib auch nur einige Leute gesandt, aber nicht genug; alsdann haben Sie nach Ihrem eigenen Ermessen zu handeln; entäußern Sie sich des Proviants Nr. 7, wie Reis, Bohnen, Erbsen, Hirse, Zwieback.‘ Sehen Sie zu, wie viele Säcke mit Proviant Sie Ihren Leuten aufbürden können; sie werden denselben rasch genug verzehren, das garantiere ich Ihnen.“
„Das Schreiben fährt fort: ‚Sollten Sie dennoch nicht marschieren können, dann würde es besser sein, zweimal täglich zwei Märsche von etwa 10 km zu machen‘, d. h. einen Marsch von 10 km zu machen, dann zurückzukehren und ein zweites Quantum zu holen und darauf wieder vorwärts zu gehen. Das tat ich auch am Kongo, als ich mit 68 Mann 33 doppelte Märsche machte, um 2.000 Lasten und 5 ungeheure Wagen eine Strecke von 85 km Weges zu befördern, eine Wagenstraße anzulegen, Brücken zu bauen usw. Jene Bleistiftnotizen in Ihrer Hand teilen Ihnen mit, wie viele Kilometer Sie auf diese Weise in sechs Monaten zurücklegen können.“
„Darin geht aber mein Pakt mit Tippu-Tib Sie persönlich an. Hält Tippu-Tib seinen Kontrakt getreulich, dann können Sie einen oder zwei Tage nach der Ankunft des ‚STANLEY’ mit den Herren Ward, Troup und Bonny nebst Ihren Leuten von Jambuja aufbrechen und uns vielleicht einholen, anderenfalls würden wir auf der Rückkehr vom Albert-See nach wenig Tagen zusammentreffen.“
„Was zu tun würden Sie nun persönlich vorziehen? Hin und her von Lager zu Lager zwei oder vielleicht dreimal zu marschieren oder Tippu-Tib mit 600 Trägern, welche Ihren 200 Leuten helfen, bei sich zu haben und raschen Schrittes auf unserer Spur direkt nach dem Albert-Njansa vorzudringen?“
„Oh, darüber kann kein Zweifel sein. Ich würde vorziehen, direkt durchzumarschieren und zu versuchen, Sie wieder einzuholen. Natürlich.“
„Gut, fangen Sie nun an zu begreifen, weshalb ich milde, gut und freigebig gegen Tippu-Tib gewesen bin? Weshalb ich ihm und seinen Leuten freie Fahrt und Beköstigung von Sansibar nach den Stanley-Fällen bewilligt habe? Weshalb ich Zicke und Lamm mit ihm geteilt habe?“
„Vollständig.“
„Noch nicht ganz, fürchte ich, Major, denn sonst würden Sie nicht Zweifel in mich gesetzt haben. Es ist noch ein weiterer ernsthafter Grund vorhanden.“
„Angenommen z. B., ich hätte Tippu-Tib nicht hierher gebracht, und die Araber an den Stanley-Fällen seien wegen der Deane'schen Affäre nicht erbost gegen die Weißen oder hätten Furcht, Sie anzugreifen. Sie brauchten nur Freundschaft mit Ihnen zu heucheln, Ihnen Ziegen und Lebensmittel zu verkaufen und dann Ihren Sansibariten zu sagen, jene Niederlassung, wo sie Reis und Fische im Überfluss hätten, sei nur 6 oder 7 Tagemärsche entfernt, um innerhalb weniger Tage drei Viertel Ihrer Leute zur Desertion zu veranlassen, während Sie ganz ruhig auf das Eintreffen des Kontingents von Bolobo warten; und die übrigen Burschen würden, kaum hier eingetroffen, von der Desertion ihrer Kameraden nach den Stanley-Fällen hören und entweder alle aus einmal oder zu Zweien, Dreien, Sechsen und Zehnen dem Beispiel folgen, bis Sie vollständig Schiffbruch gelitten haben. Ist nicht die Besorgnis vor Desertionen einer der Gründe, weshalb ich die Kongo-Route wählte? Jetzt, wo ich Tippu-Tib zum Freunde und mir verpflichtet habe, ist der Möglichkeit einer Desertion im Großen ein Ende gemacht.“
„Halten Sie sich diese Gründe gut vor Augen, mein lieber Major. Und trotz alledem kann Ihre Kolonne vernichtet werden, wenn Sie nicht sehr vorsichtig sind. Seien Sie mild und geduldig gegen Ihre Leute, denn sie sind störrisch wie junge Fohlen. Und doch bin ich mit diesen oder ähnlichen Leuten quer durch ganz Afrika gezogen, habe den Lauf des Kongo bis zum Meere verfolgt und den Kongostaat gegründet.“
„Nun sagen Sie mir, glauben Sie, dass Tippu-Tib seinen Kontrakt halten und seine 600 Leute mitbringen wird?“ fragte der Major.
„Das müssten Sie so gut wissen wie ich selbst. Was hat er Ihnen gesagt, ehe Sie ihn verließen?“
„Er sagte, er würde in 9 Tagen hier sein, wie er Ihnen schon in Bangala erklärt habe. Inschallah!“ entgegnete der Major, den Araber nachahmend.
„Wenn Tippu-Tib in 9 Tagen hier ist, wird es das größte Wunder sein, das ich kenne.“
„Weshalb?“ fragte der Major, etwas erstaunt aufblickend.
„Weil 600 Träger eine große Zahl ausmachen. Er wird in 15 und selbst in 20 Tagen nicht hier sein. Bei diesem Manne müssen wir vernünftig sein. Er ist kein Europäer, der gelernt hat, dem Versprechen aufs strengste treu zu bleiben. Inschallah! sagte er? Also morgen – Inschallah bedeutet den Tag darauf – oder in 5 oder 10 Tagen. Was macht es für Sie aber aus, wenn er innerhalb 20 Tagen nicht kommt? Der ‚STANLEY’ wird nicht vor dem 10. oder vielleicht erst Mitte August hier sein, das sind etwa 7 Wochen – 42 Tage – von heute. Er hat also reichlich Zeit. Weshalb wollen Sie, während Sie auf den Dampfer warten, auf 600 Mann, die nichts tun in Ihrem Lager, aufpassen? Müßige Leute sinnen auf Unheil. Warten Sie geduldig auf ihn, bis der ‚STANLEY’ eintrifft, und wenn er dann noch nicht da ist, kommt er überhaupt nicht.“
„Es wird aber, wenn er überhaupt nicht erscheint, für uns ein schweres Stück Arbeit sein, mit 200 Mann 5-600 Lasten Tag für Tag hin und her, vorwärts und rückwärts zu schleppen!“
„Unzweifelhaft ist das eine keineswegs leichte Aufgabe, mein lieber Major. Allein was würden Sie vorziehen: hier zu bleiben und auf unsere Rückkehr vom Albert-See zu warten, oder, in Anspruch genommen von der Arbeit, nach und nach weiter vorwärts zu dringen und jeden Tag etwas zu gewinnen?“
„O mein Gott! Ich glaube, monatelang hier zu bleiben wäre verteufelt viel schlimmer.“
„Genau dasselbe, was ich glaube, und deshalb habe ich diese Berechnungen für Sie aufgestellt. Ich versichere Ihnen, lieber Major, wenn ich überzeugt wäre, dass Sie den Weg zum Albert-See finden könnten, würde ich lieber diese Ihre Arbeit selbst tun und Sie zum Befehlshaber der Vorhut ernennen, als in Sorge um Sie sein.“
„Aber sagen Sie mir, Herr Stanley, wie lange glauben Sie, dass es dauern wird, bis wir zusammentreffen?“
„Das weiß nur Gott. Niemand kann mir sagen, was vor uns liegt und wie weit ins Land hinein der Wald sich ausdehnt, ob es Straßen gibt und welcher Art die Eingeborenen sind, Kannibalen, unverbesserliche Wilde, Zwerge oder Gorillas. Ich habe nicht die geringste Idee davon. Ich wollte, ich hätte sie, und würde eine hübsche Summe nur für diese Kenntnis zahlen. Aber die Berechnungen aus dem Stück Papier, welches Sie in der Hand halten und das Ihnen sagt, wie lange ich zu dem Marsche nach dem Albert-Njansa gebrauche, sind auf folgender Tatsache basiert. In den Jahren 1874 und 1875 marschierte ich 1.150 km in 103 Tagen. Die Entfernung von hier nach dem Albert-Njansa beträgt etwa 610 km, in gerader Linie; nun, in 1874/75 marschierte ich 610 km von Bagamoyo nach Winjata in Ituru in 64, und 610 km vom Uhimba-See nach Udjidji in 54 Tagen. Dies waren allerdings alles offene Länder mit erträglich guten Straßen, während diese Gegend absolut unbekannt ist. Ist hier alles Wald? Dann wird es eine fürchterliche Arbeit werden. Wie weit reicht der Wald ins Land hinein? Zweihundert, dreihundert, vierhundert Kilometer? Darauf fehlt uns die Antwort. Nehmen wir an, dass wir die Reise nach dem Albert-See in drei Monaten machen können, dass ich 14 Tage Aufenthalt habe und in drei Monaten von da ab zurück sein werde. Ich denke, Sie werden mir, wenn Tippu-Tib nicht bei Ihnen ist, in der letzten Hälfte des Oktobers oder im November entgegenkommen. Aber das steht alles auf jenem Papier.
„Das ist jedoch alles Nebensache; jedenfalls muss alles durchgeführt werden. Wir werden vordringen, die Bäume zeichnen und unsere Route durch den Wald für Sie markieren. Wir werden alle Vorteile benutzen; jeder Pfad, der ostwärts führt, wird mir recht sein, und ich werde mich hindurchbohren und auf den Ebenen oder Weideländereien herauskommen. Und wo wir zu gehen imstande sind, können Sie auch gehen; können Sie es nicht, dann werden Sie auf irgendeine Weise von uns hören. Sind Sie jetzt befriedigt?“
„Vollständig“, erwiderte er. „Ich habe alles hier“ (seine Stirn berührend) „und dies Papier und das Schreiben werden mich immer an alles erinnern. Es ist nur noch eins, worüber ich sprechen möchte; es bezieht sich auf etwas, was Sie in London zu mir sagten.“
„So? Was habe ich denn Merkwürdiges gesagt?“ fragte ich.
„Nun“ (hier zögerte er ein wenig), „erinnern Sie sich daran, als Herr – vom Indischen Amte mich Ihnen vorstellte? Die von Ihnen gebrauchten Worte klangen seltsam, als ob jemand Sie vor mir gewarnt hätte.“
„Mein lieber Barttelot, ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich mich nicht erinnere, jemals den Namen Barttelot gehört zu haben, ehe Sie kamen. Aber das interessiert mich. Was könnte ich vielleicht Seltsames gesagt haben, dass es so fest in Ihrem Gedächtnis haftet?“
„Ich erinnere mich des Umstandes sehr genau. Es war so“, fuhr er fort, „Sie sagten etwas von ‚Langmut‘, und das erinnerte mich daran, dass ich das Wort schon früher gehört hatte, als General – mir Vorwürfe machte, als ich während des sudanesischen Feldzuges in der Wüste einen aufrührerischen Somali züchtigte. Als die Somali sich gegen mich wandten, war ich allein; schließlich, als es kein anderes Mittel mehr gab, um sie wieder ganz in meine Gewalt zu bekommen, sprang ich auf den Rädelsführer los und schoss ihn mit der Pistole nieder, worauf die Somali sofort ruhig wie die Lämmer wurden. Ich dachte, General –, der mir nicht besonders wohl will, hätte Ihnen die Geschichte erzählt.“
„In der Tat, ich habe die Geschichte noch nie gehört und begreife nicht, wie General – mich hätte warnen können, da er nicht wissen konnte, dass Sie sich zu unserer Mitgliedschaft zu melden beabsichtigten. Ihre eigenen Züge waren es, die mir das Wort ‚Langmut‘ eingaben. Ihr Freund stellte Sie mir als einen ausgezeichneten Offizier voll Mut und Tapferkeit vor, worauf ich sagte, diese Eigenschaften seien charakteristisch bei englischen Offizieren, doch möchte ich lieber von einer anderen hören, die für einen besonderen Dienst in Afrika von gleichem Werte sei, und das sei Langmut. Sie werden mich hoffentlich jetzt entschuldigen, dass ich große Entschlossenheit und etwas wie Kampflust in Ihren Zügen las. Nun, ein kampflustiger Mann mag, wie Sie wissen, zu Zeiten sehr brauchbar sein; bei einer Expedition, welche wie diese innerhalb einer Atmosphäre von Reizbarkeit arbeiten muss, ist er aber nicht ganz so nützlich, wie ein Mann, der nicht nur weiß, wie und wann er kämpfen muss, sondern auch wie er Langmut zu üben hat. Denn es gibt hier tausend Ursachen, welche Reizbarkeit und Reibungen zwischen ihm und seinen Kameraden, seinen Leuten und den Eingeborenen und oft zwischen sich und seinem eigenen Inneren hervorrufen können. Oft ist die Nahrung schlecht, manchmal ist gar keine vorhanden, die Lebensweise ist eine höchst elende, man hat keine Reizmittel, nur unaufhörliche Arbeit und Ermüdung, ungeheure Unbequemlichkeit, erschlaffte Muskeln, an Ohnmacht grenzende Erschöpfung und, das Schlimmste von allen, fürchterlich schmerzhafte Fieber, welche einen veranlassen, den Tag zu verfluchen, an dem man zuerst an Afrika gedacht hat. Ein streitsüchtiger Mann ist von Natur aus missgestimmt, und wenn er seine Instinkte nicht zügeln und seine Impulse nicht beherrschen kann, befindet er sich jede Minute seines Lebens in heißem Wasser und stößt bei jedem Pulsschlage seines Herzens auf Schwierigkeiten. Um imstande zu sein, Langmut zu üben und alle bitteren Gefühle aufs strengste zu unterdrücken, muss der Gedanke an Pflicht und Stellung ihn daran hindern, sich seinen Leidenschaften hinzugeben. O, das ist eine Eigenschaft, welche den Mut nicht verringert, aber das Vergeuden der natürlichen Kraft verhütet. Aber ich will Ihnen keine Predigt halten, Sie verstehen, wie ich es meine.
„Und nun zum Schluss noch ein Wort über Tippu-Tib. Sehen Sie dort das Maximgeschütz mit seiner drohenden Mündung; ich betrachte Tippu-Tib ungefähr wie jenes. Es ist eine vorzügliche Verteidigungswaffe; es kann einen Hagel von Geschossen entsenden, aber auch unbrauchbar werden, wenn der Mechanismus durch Rost oder Mangel an gutem Öl in Unordnung gerät. In diesem Falle verlassen wir uns auf unsere Remington- und Winchester-Repetiergewehre. Wenn Tippu-Tib gewillt ist, uns zu helfen, wird er ein höchst wertvoller Bundesgenosse sein, denn ein Fehlschlag wird dann unmöglich und wir werden unsere Aufgabe bewunderungswürdig lösen. Ist er aber nicht zur Hilfe geneigt, dann müssen wir tun, was wir mit unseren eigenen Leuten ausrichten können, und der gute Wille entschuldigt eine Menge Irrtümer.
„Erinnern Sie sich, dass Tippu-Tib im Jahre 1876 seinen Kontrakt mit mir brach, nach Njangwe zurückkehrte und mich allein ließ? Nun, trotz seines Hohnes setzte ich mit etwa 130 meiner eigenen Leute den Weg am Kongo hinab fort.

Dr. Oskar Lenz – 1848 – 1925
Sie sagten, Sie hätten in Lamu den österreichischen Reisenden Dr. Lenz getroffen, dem es nicht gelungen war, Emin Pascha zu erreichen. Weshalb hat er keinen Erfolg gehabt? Weil er sich allein auf Tippu-Tib verließ und keine eigene Reservetruppe hatte, auf die er zurückgreifen konnte. Sie haben mehr als 200 Träger und 50 Soldaten, außer den Dienern und Ihren tüchtigen Kameraden. Bei der Arbeit am Kongo hatte er ein Kontingent von Eingeborenen zu meiner Unterstützung versprochen; nur wenige kamen und diese desertierten wieder; allein ich hatte eine Reserve von 68 treuen Leuten, und das sind diejenigen, welche den Kongostaat gegründet haben. Sie erinnern sich wohl an mein Schreiben an die ‚Times‘, in welchem ich sagte: ‚Wir verlangen von Tippu-Tib nicht, dass er uns bei der Auffindung Emin Pascha's unterstützt; wir wollen, dass er Munition trägt und auf dem Rückwege Elfenbein mitbringt, das mit zur Deckung der Kosten der Mission dienen kann.‘ Alsdann, um Ihnen noch einen Beweis davon zu geben, wie ich über Tippu-Tib denke, vergessen Sie nicht, dass ich Leutnant Stairs vor einigen Tagen die schriftliche Ordre gegeben habe, bei dem ersten Anzeichen von Verräterei seine Niederlassung mit der Schnellfeuerkanone zu bombardieren. Sie haben das Schreiben gelesen und sollten wissen, dass man einem zuverlässigen Freund nicht den Fehdehandschuh ins Gesicht wirft.“
„Nun, mein lieber Major, seien Sie nicht töricht. Ich weiß, Sie sind verstimmt darüber, dass Sie uns nicht mit der Vorhut begleiten sollen. Sie glauben, Sie werden einige Kudo (Ausdruck für Anerkennung und Lob) verlieren. Aber keineswegs. Schon seit König David's Zeiten erhalten diejenigen, welche beim Gepäck bleiben, dieselben Ehren wie die, welche in den Krieg ziehen. Außerdem liebe ich das Wort ‚Kudo‘ nicht. Der ‚Kudo‘-Impuls ist wie der Puff einer Flasche Brauselimonade; er ist gut für eine Siegesmedaille, verfließt aber in Afrika schon nach einem Monat. Er ist wie eine feucht gewordene Rakete. Denken Sie lieber an den Ausspruch Tennyson's:
Wie oft war nicht in Großbritanniens Geschichte
Der Pfad der Pflicht zugleich der Weg zum Ruhme.
„Da, geben Sie mir die Hand darauf, lieber Major. Für uns gilt das Wort ‚Geradeaus vorwärts‘, für Sie ‚Geduld und Langmut‘. Jetzt muss ich aber meinen Tee trinken, ich bin vom Sprechen ganz trocken geworden.“
Am 25. Juni war der Palisadenzaun um das ganze Lager fertig und der Graben ging seiner Vollendung entgegen. Barttelot beaufsichtigte die Arbeiter auf der einen, Jephson, in Hemdärmeln, auf der anderen Seite. Nelson verteilte den europäischen Proviant zu gleichen Teilen, der Arzt baute fröhlich lachend und so eifrig, als ob er mit einer chirurgischen Operation beschäftigt wäre, ein Tor und führte die Zimmermannsarbeit so vorzüglich aus, dass ich abends in mein Tagebuch schrieb: „Er ist sicherlich einer der Besten, die es gibt.“ Jameson war eifrig mit der Abschrift des Instruktionsschreibens beschäftigt; Stairs lag an einem heftigen Gallenfieber erkrankt im Bette.
Ein sudanesischer Soldat hatte sich, so unschuldig wie ein Lamm, welches vor der Höhle des Fuchses grast, gegen den Befehl aus dem Lager entfernt, um in einem benachbarten Dorfe zu plündern, und dabei einen Speerstich in den Unterleib erhalten. Das ist der zweite Todesfall, welcher durch das Plündern herbeigeführt wird; es wird nicht der letzte sein. Wir stellen einen Sudanesen als Wache aus; ein Freund kommt daher, wechselt ein paar Worte mit ihm und geht ohne alle Ahnung irgendeiner Gefahr weiter. Wenn er nicht erschlagen wird, kehrt er mit einer schweren Wunde am Körper und den Vorzeichen des Todes im Gesicht zurück. Der Sansibarite wird beim Hauen von Holz oder Sammeln von Maniok beschäftigt; er stellt einen Augenblick die Arbeit ein, entschuldigt sich, dass er sich einen Augenblick entfernen müsse – ein Gedanke blitzt durch sein leeres Gehirn, und unter dem Impuls desselben eilt er fort, um demnächst als vermisst gemeldet zu werden.
Am 26. Juni setzte ich die folgende Instruktion für die Offiziere der Vorhut auf:
Ich beabsichtige, übermorgen, am 28. Juni 1887, den Marsch anzutreten.
Die zurückzulegende Entfernung beträgt etwa 610 km in der Luftlinie oder ungefähr 880 km für den Fall, dass wir nicht einen Pfad finden, welcher mehr als gewöhnliche Windungen besitzt.
Wenn wir täglich etwa 16 km zurücklegen, müssten wir imstande sein, den Albert-See innerhalb zwei Monaten zu erreichen.
Im Jahre 1871 legte meine Expedition zur Aufsuchung Livingstone's 580 km in 54 Tagen = etwa 10½ km täglich zurück.
Im Jahre 1874 machte meine Expedition quer durch Afrika 580 km, von Bagamoyo nach Winjata, in 64 Tagen = etwa 9 km täglich.
In 1874/75 erreichte dieselbe Expedition von Bagamoyo den Victoria-See, eine Entfernung von 1150 km, in 103 Tagen = 11 km täglich.
Im Jahre 1876 marschierte dieselbe Expedition vom Uhimba-See nach Udjidji, 575 km, in 59 Tagen = 10 km täglich.
Wenn wir also die Entfernung bis Kavalli, etwa 880 km, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von täglich ungefähr 10 km zurücklegen, müssten wir den Albert-See gegen den letzten September erreichen.
Einen Begriff von dem Charakter von mehr als der Hälfte des zu durchziehenden Gebietes bekommen Sie durch einen Blick auf unsere Umgebung. Es wird mit Busch und Wald bedecktes Land sein, in welchem ein mehr oder weniger gewundener Eingeborenenpfad die verschiedenen Ansiedelungen der dort lebenden Stämme miteinander verbindet.
Hin und wieder wird unser Pfad von anderen gekreuzt werden, welche die Stämme nördlich von unserer Route mit denen im Süden verbinden.
Die Eingeborenen werden mit Schild, Speeren und Messer oder mit Bogen und Pfeil bewaffnet sein.
Da ich einen raschen Marsch durch das Land zu machen beabsichtige, werden wir die Eingeborenen sehr überraschen. Sie können sich nicht verbinden oder uns mit einer größeren Macht entgegentreten, weil sie keine Zeit dazu haben. Die Feindseligkeiten, welche wir zu bestehen haben mögen, werden das Ergebnis eines plötzlichen Dranges und zwar desjenigen des Ärgers sein. Die Offiziere müssen daher derartige Angriffe prompt zurückweisen und zu jeder Zeit darauf achten, dass die Kammern ihrer Winchestergewehre geladen und die Träger derselben in ihrer Nähe sind. Seitengewehre sollten unter keinen Umständen abgelegt werden.
Die Marschordnung wird folgende sein:
Bei Tagesanbruch ertönt wie gewöhnlich die Reveille, zuerst durch den der ersten Kompanie zugeteilten sudanesischen Trompeter; zweitens durch den Hornisten der zweiten Kompanie des Hauptmanns Stairs; drittens durch den Trompeter der dritten Kompanie des Hauptmanns Nelson; viertens durch den Trompeter der vierten Kompanie des Hauptmanns Jephson.
Die Offiziere werden in der Frühe Kaffee und Zwieback zu sich nehmen und darauf achten, dass ihre Leute sich ebenfalls für den Marsch stärken.
Der Marsch beginnt um 6 Uhr morgens und wird von einer Truppe von Pionieren geführt, welche mit Büchsen, Haumessern und Äxten ausgerüstet sind und die unter meinem Befehl stehende Vorhut bilden.
Nach einer Viertelstunde folgt die Haupttruppe, die von demjenigen Offizier geführt wird, welcher an der Reihe ist. Seine Pflicht besteht besonders darin, dass er darauf achtet, dass die durch Zeichnen der Bäume oder auf andere Weise markierte Route verfolgt wird.
Diese Kolonne besteht aus sämtlichen Trägern, den Kranken und allen Gesunden, die nicht zur Nachhut kommandiert sind. Der größere Teil der drei Kompanien gehört zu dieser Kolonne. Dicht hinter derselben und sich ihr anschließend befindet sich der Offizier, an dem die Reihe ist, die Ordnung hinter der Hauptkolonne aufrecht zu erhalten.
Die Nachhut besteht aus 30 Mann unter einem Offizier, welcher für den Tag zum Schutz der Kolonne vor Angriffen im Rücken bestimmt ist. Diese Leute sind mit nichts weiter als ihrer Privatausrüstung belastet. Die Nachhut darf keinen Mann von der Expedition vorüberlassen. Alle Nachzügler müssen unter allen Umständen weiter getrieben werden, da jeder Zurückbleibende unwiederbringlich verloren ist.
An der Spitze der Hauptkolonne befinden sich die Zelte des Hauptquartiers und das Privatgepäck unmittelbar hinter dem befehligenden Offizier. Letzterer hat auch auf Trompetensignale zu achten, um sie an die hinter ihm marschierenden Truppen weiter zu befördern und Signale von der Front entgegenzunehmen, um sie weiter zu schicken.
Die Vorhut wird den von ihr verfolgten Pfad bezeichnen, die hinderlichen Schlinggewächse wegkappen und bei der Ankunft am Lagerplatze sofort mit dem Bau der Boma oder Seriba beginnen. Sobald die einzelnen Kompanien eintreffen, haben dieselben bei diesem wichtigen Verteidigungswerke Hilfe zu leisten. Kein Lager ist als fertig zu betrachten, solange es nicht mit Buschwerk oder Bäumen eingezäunt ist. Diejenigen, welche bei dieser Arbeit nicht beschäftigt werden, haben die Zelte aufzurichten.

Plan unserer Lager im Walde
Die Boma muss rund und mit zwei durch mindestens 5 m Buschwerk gut markierten Toren versehen sein.
Der Durchmesser des Lagers muss etwa 80 m betragen. Zelte und Gepäck werden in der Mitte untergebracht und von den Hütten umgeben, welche in einem inneren Kreise von etwa 65 m Durchmesser aufgebaut werden.
Obiges bezieht sich nur auf das Verfahren beim Durchmarsche durch ein gefährliches Land, wo keine weiteren als die durch etwaige plötzliche Angriffe der Eingeborenen bedingten natürlichen Schwierigkeiten vorhanden sind.
Selbstverständlich wird die Vorhut die Neigungen des zu durchwandernden Landes ausfindig zu machen suchen. Sind die bevorstehenden Hindernisse bedeutend und drohen sie mehr als ein plötzlicher oder vorübergehender Angriff zu werden, so erhält die Nachricht über die Sachlage.
Wo es tunlich ist, werden wir das Lager in Dörfern aufschlagen, welche die Eingeborenen verlassen haben, um Lebensmittel zu besorgen, doch müssen die Dörfer sofort in Verteidigungszustand gesetzt werden. Die Offiziere dürfen nicht vergessen, dass es in der Natur ihrer schwarzen Soldaten, der Sudanesen, Somali und Sansibariten, liegt, gedankenlos und gleichgültig zu sein und sich in der unvorsichtigsten Weise im Lande zu zerstreuen. Sie können meiner Versicherung glauben, dass auf diese Weise mehr Leben verloren gehen als im offenen Kriege. Nach meiner Ansicht liegt daher das Leben der Leute in den Händen der Offiziere, und jeder von ihnen, der in seiner Energie und der strengsten Beobachtung der Befehle nicht nachlässt, bis alles für die Nacht sicher gemacht und in Ordnung gebracht ist, wird für mich die wertvollste Hilfe bei dieser Expedition sein. Bei der Ankunft an dem in Aussicht genommenen Halteplatze für die Nacht soll der Offizier, wenn es ein Dorf ist, sein Augenmerk zunächst auf die Unterbringung der Leute richten und dabei solche Quartiere belegen, welche den von der vorher angekommenen Kompanie besetzten und von der nach ihm eintreffenden zu besetzenden entsprechen, dann sich an die Arbeit machen und alle außerhalb des bestimmten Kreises liegenden Hütten zerstören und alle Teile derselben, sowie das in der Nachbarschaft befindliche Material benutzen, um seine Quartiere gegen einen nächtlichen Angriff mit Feuer oder Speer zu sichern. Die Offiziere erhalten durch das Verfahren der Vorhut einen Wink, wann und wie die Sache gemacht werden muss, sie dürfen aber nicht unterlassen, diesen Wink auch zu benutzen, und müssen sich nicht jede einzelne Kleinigkeit sagen lassen. Der Offizier muss sich als Vater seiner Kompanie betrachten und stets handeln, wie es einem weisen Führer ziemt.
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