Kitabı oku: «Das Erzählwerk Cécile Wajsbrots»
Herbert Huesmann
Das Erzählwerk Cécile Wajsbrots
Eine literarische Suchbewegung
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
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© 2017 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen
ePub-ISBN 978-3-8233-0034-4

Inhalt
Für M.J.A.
Die vorliegende Studie Das ...
Einleitung
ERSTER TEIL (A) CÉCILE WAJSBROT UND DIE BEDEUTUNG VON RAUM UND BEWEGUNG IN DER ERZÄHLENDEN LITERATUR
1 Cécile Wajsbrot 1.1 Biographischer Hintergrund 1.2 Grundpositionen Cécile Wajsbrots zur Bedeutung und Funktion des Romans 1.3 Überblick über den Forschungsstand zum Erzählwerk Cécile Wajsbrots 1.4 Anmerkungen zur Rezeption der Romane Cécile Wajsbrots in Frankreich und Deutschland
2 Darstellung des literarischen Raums 2.1 Von Ernst Cassirer zu einer kulturwissenschaftlich bestimmten Raumanschauung 2.2 Jurij M. Lotmans Konzept des künstlerischen Raums 2.3 Michail Bachtins Theorie der Chronotopoi
ZWEITER TEIL (B) ANALYSE DER LITERARISCHEN SUCHBEWEGUNGEN IM ERZÄHLWERK CÉCILE WAJSBROTS
1 Inhaltliche und methodische Entscheidungen 1.1 Aufteilung des Erzählwerks in inhaltlich definierte Themenfelder 1.2 Inhaltliche und methodische Schwerpunktsetzungen und Begründung des Themas
2 Themenfeld I2.1 Atlantique – Entfaltung eines personalen Beziehungsgeflechts in Raum und Zeit2.1.1 Auswahl der Orte der Vorder- und Hintergrundhandlung2.1.2 Das Gewebe örtlich-räumlicher und personaler Beziehungen2.1.3 Perspektivierende Zusammenfassung2.2 Le Désir d’Équateur – Eine Suchbewegung „zwischen Welten“2.2.1 Reale Schauplätze2.2.2 Reisebewegungen2.2.3 Der Äquator als virtuelles Ziel2.2.4 Die Figurenkonstellation im Spiegel chronotopischer Beziehungen2.2.5 Perspektivierende Zusammenfassung2.3 Mariane Klinger – Auf dem Rückweg von der Neuen in die Alte Welt2.3.1 Heidelberg und die Hinreise nach New York2.3.2 New York vs. Heidelberg2.3.3 Eine Reise in die Ungewissheit2.3.4 Perspektivierende Zusammenfassung2.4 Voyage à Saint Thomas – Suchbewegungen zwischen Paris und Saint-Thomas2.4.1 Zur raumkonstituierenden Funktion des ersten Kapitels2.4.2 Die Schauplätze – Auswahl und Entfaltung der wechselseitigen Beziehungen2.4.3 Die Chapelle Notre-Dame-de-Grâce als „image de la vie souhaitée avec Loïc“2.4.4 Medial vermittelte Räume2.4.5 Intertextuell vermittelte Räume2.4.6 Perspektivierende Zusammenfassung2.5 Zusammenfassung Themenfeld I
3 Themenfeld II3.1 La Trahison – Louis Mérians Suche nach der eigenen Vergangenheit3.1.1 Die Bedeutung von Raum und (Nicht-)Bewegung für die Charakterisierung des Louis Mérian3.1.2 Die Bedeutung von Raum und Bewegung für die Charakterisierung der Ariane Desprats3.1.3 Perspektivierende Zusammenfassung3.2 Nation par Barbès – Räume und „Nicht-Räume“ als handlungsauslösende und Gedanken und Gefühle widerspiegelnde Elemente3.2.1 Chronotopische Markierungen der familiengeschichtlichen Herkunft Lénas, Anielas und Jasons3.2.2 Die Métro – ein klassischer „non-lieu“ als „générateur de texte“3.2.3 Der Parc Monceau – ein heterotopisches Refugium in der „ville du dessus“3.2.4 Perspektivierende Zusammenfassung3.3 Beaune-la-Rolande – Annäherung an einen literarischen Erinnerungstext3.3.1 Beaune-la-Rolande – Annäherungen an einen Ort3.3.2 Von Beaune-la-Rolande nach Auschwitz – Orte der Identitätsstiftung3.3.3 Traumlandschaften3.3.4 Perspektivierende Zusammenfassung – die Literatur als „sinnlicher Erinnerungsraum“3.4 Mémorial – Die Erzählerin auf der Suche nach ihren familiären Wurzeln und dem Sinn ihres Lebens3.4.1 Warten auf einem Bahnsteig – Beginn eines „[…] voyage particulier, sur les traces d’une histoire, pour tenter de trouver une origine […]“3.4.2 Bahnfahrt nach Kielce – Fortsetzung und Vertiefung der „recherche de l’origine“3.4.3 Aufenthalt in Kielce3.4.4 Exkurse über die Schneeeule3.4.5 Perspektivierende Zusammenfassung3.5 Fugue – Die Geschichte einer Flucht- und Suchbewegung3.5.1 Entfaltung einer Seelenlandschaft in der Abfolge der Kapitel3.5.2 Perspektivierende Zusammenfassung3.6 Zusammenfassung Themenfeld II
4 Themenfeld III4.1 Une vie à soi – Anne Figuières’ Anverwandlung ihres Vorbildes Virginia Woolf4.1.1 Entdeckung einer Leitfigur4.1.2 Annes Annäherung an die Lebensräume Virginia Woolfs4.1.3 Annes Annäherung an die innere Befindlichkeit Virginias4.1.4 Perspektivierende Zusammenfassung4.2 Caspar Friedrich Strasse – Der Ich-Erzähler auf dem Weg zu einem von Caspar David Friedrich inspirierten Verständnis seiner „histoire personnelle“ und der „histoire collective“4.2.1 Die Klosterruine bei Greifswald und Eichbaum im Schnee – Bemühungen um Orientierung in Raum und Zeit4.2.2 Meeresküste bei Mondschein – rester ou partir?4.2.3 Das Riesengebirge – die Caspar-Friedrich-Strasse als Straße der Zukunft4.2.4 Perspektivierende Zusammenfassung4.3 Le Tour du lac – Das sonntägliche Kreisen um einen See als Methode und Symbol einer Suchbewegung4.3.1 Von Neuilly nach Paris – Schreiben als Akt der Befreiung4.3.2 Das Dilemma des jungen Mannes – „gefangen im Labyrinth einer unmöglichen Beziehung“4.3.3 Perspektivierende Zusammenfassung4.4 Conversations avec le maître – Die Ich-Erzählerin und ihre Begegnungen mit dem Maître und einer illegal eingewanderten Ukrainerin4.4.1 Der Maître in der Parallelwelt seines tatsächlichen und imaginierten Lebensumfelds4.4.2 Die Ukrainerin in der Parallelwelt einer illegalen Einwanderin4.4.3 Perspektivierende Zusammenfassung4.5 L’Île aux musées – Die vier Protagonisten als Zeugen einer „[…] fusion […] entre deux mondes, l’art et la vie’“4.5.1 „Suchbewegungen“ in der „realen Welt“ der vier Protagonisten4.5.2 Die Parallelwelt der Kunst als „[…] le miroir des temps“4.5.3 Perspektivierende Zusammenfassung4.6 Sentinelles – Die Vernissage eines Videokünstlers – Einladung zu einer künstlerisch-intellektuellen Suchbewegung unter erschwerten Bedingungen4.6.1 Die Phase vor Einbruch der Dunkelheit4.6.2 Die Phase der Dunkelheit4.6.3 Die Phase nach der Rückkehr des Lichts4.6.4 Perspektivierende Zusammenfassung4.7 Totale Éclipse – Über die existentielle und künstlerische Krise der Erzählerin-Fotografin4.7.1 Die „errance intérieure“ der Erzählerin4.7.2 Perspektivierende Zusammenfassung4.8 Zusammenfassung zum Themenfeld III
5 Die kurzen Erzähltexte 5.1 Einordnung der kurzen Erzähltexte in das Gesamtwerk Cécile Wajsbrots 5.2 La Ville de l’oiseau – Bindeglied zwischen vertrauter und neuer Thematik
DRITTER TEIL (C) ZUSAMMENFASSUNG UND VERTIEFUNG
1 Vorbemerkung
2 Entwicklungslinien der räumlichen und ideellen Zielsetzungen der SuchbewegungenThemenfeld IThemenfeld IIThemenfeld III
3 SchlussfolgerungenInhaltliche Schwerpunkte des Erzählwerks vor dem Hintergrund der literaturtheoretischen Positionen Cécile WajsbrotsDas den Haute Mer-Romanen zugrunde liegende Verständnis von KunstDas erzählerische Gesamtwerk Cécile Wajsbrots als Suchbewegung – eine inhaltlich- formale GesamtschauLeben und Kunst als Bewegung
ANHANG
Inhaltlich-strukturierte ZusammenfassungenThemenfeld IAtlantique (1993)Le Désir d’Équateur (1995)Mariane Klinger (1996)Voyage à Saint-Thomas (1998)L’Hydre de Lerne (2011)Themenfeld IILa Trahison (1997/2005)Nation par Barbès (2001)Beaune-la-Rolande (2004b)Mémorial (2005a)Fugue (2005b)Themenfeld IIIUne vie à soi (1982)Caspar Friedrich Straße (2002a)Le Tour du lac (2004a)Conversations avec le maître (2007)L’Île aux musées (2008a)Sentinelles (2013)Totale Éclipse (2014)Die kurzen ErzähltexteLa ville de l’oiseau (2010a)
LiteraturverzeichnisMehrfach zitierte SammelbändeCécile WajsbrotAndere PrimärtexteWeitere Internetquellen (geordnet nach Bezugstexten bzw. Anlässen)Sekundärliteratur zu Cécile WajsbrotInterviews (chronologisch geordnet)Ausgewählte Rezensionen zu einzelnen Werken Cécile Wajsbrots (Bezugstexte in eckigen Klammern)Weiterführende (Sekundär)literaturNachschlagewerke
Für M.J.A.
Die vorliegende Studie Das Erzählwerk Cécile Wajsbrots – Eine literarische Suchbewegung ist die leicht überarbeitete Fassung einer Dissertation, die ich im November 2015 beim Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Osnabrück eingereicht habe. Die Disputation hat am 8. Juli 2016 stattgefunden.
Dass es mir als Pensionär ermöglicht wurde, ein Forschungsprojekt im Rahmen einer Promotion durchzuführen, verdanke ich in erster Linie der Bereitschaft von Frau Prof. Dr. Andrea Grewe, mich trotz ihrer vielfältigen Verpflichtungen als Doktoranden über einen Zeitraum von annähernd fünf Jahren zu betreuen. Von ihrer immensen Erfahrung, ihren berechtigten Einsprüchen und konstruktiven Anregungen habe ich in allen Phasen der Arbeit in hohem Maße profitiert. Aufrichtigen Dank schulde ich auch Frau Prof. Dr. Susanne Schlünder für die Übernahme des Korreferats und hilfreiche Empfehlungen, die in die Schlussfassung des Textes eingegangen sind.
Sehr gerne richte ich meinen Dank an Herrn Prof. Dr. Asholt für seine Bereitschaft, meine Dissertation in die edition lendemains aufzunehmen, und Frau Heyng vom Narr Francke Attempto Verlag für ihre kompetente lektoratsmäßige Betreuung des Projekts.
Mein Dank gilt nicht zuletzt meiner Familie, die meine zeitintensive Beschäftigung mit dem Erzählwerk Cécile Wajsbrots mit großer Geduld und liebevoller Ermunterung begleitet hat. Danken möchte ich vor allem Veronika und Frank, die mir immer dann geholfen haben, wenn mir meine Unerfahrenheit in der digitalen Bearbeitung großer Textmengen im Wege stand.
(H.H.)
Einleitung
Margarete Zimmermann markiert im Titel ihres Artikels „Trop de mémoire – trop de silence. Schweigen und Vergessen im Werk von Cécile Wajsbrot“ jene „Pole“, „[…] zwischen denen sich das Werk der Cécile Wajsbrot bewegt“1. Tatsächlich stellen die Lasten der Erinnerung und die Unfähigkeit bzw. die mangelnde Bereitschaft, über die eigene Vergangenheit oder zurückliegende Kapitel der „großen“ Geschichte zu sprechen, ebenso wichtige Themen in den Romanen und Erzählungen Wajsbrots dar wie die Versuche der handelnden Figuren, verloren geglaubte Spuren, nicht zuletzt auch das rätselhaft Geheimnisvolle der persönlichen Herkunft aufzudecken, die eigene Sprachlosigkeit zu überwinden und Brücken in die Zukunft zu schlagen. Dabei sind, wie das Beispiel der Ich-Erzählerin in dem 2004 erschienenen Roman Le Tour du lac zeigt, die Bemühung um ein Gespräch mit einem – in diesem Fall fremden – Gegenüber und die Bewegung im Raum, und handle es sich nur um das sich sonntäglich wie ein Ritual wiederholende Umkreisen des Sees, immer auch „[…] Ausdruck der Suche nach einem ‚Ort‘ – als Individuum, als Schriftstellerin – in der Gegenwart und in der Zukunft“2. Dass Orte, Räume und die Suchbewegung zwischen den Orten, im Raum der Geschichte, für das Erzählwerk Cécile Wajsbrots von großer Wichtigkeit sind, betont Margarete Zimmermann auch noch an anderer Stelle, allerdings ohne diesen Aspekt zu vertiefen.3 Dies gilt für die ganze bisherige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Autorin, sieht man einmal davon ab, dass Ottmar Ette sie bereits 2005 in den Kreis jener Schriftstellerinnen und Schriftsteller eingeordnet hat, deren Schaffen er sehr treffend als ZwischenWeltenSchreiben. Literaturen ohne festen Wohnsitz4 charakterisiert hat. Diese geniale, aber gleichwohl globale „Verortung“ des Erzählwerks Cécile Wajsbrots vermag indes nicht das Desiderat einer Studie aufzuheben, die im Detail die Funktion und Bedeutung, die Raum und Bewegung in ihren Romanen und erzählerischen Kurztexten zukommt, analysiert und differenziert darstellt. Der Differenzierungsanspruch betrifft zu allererst den Begriff „Ort“, der im Hinblick auf das Erzählwerk Cécile Wajsbrots immer auch auf „innere Orte“, d.h. Standpunkte, Sichtweisen und Empfindungen zu beziehen ist.
Bei der Schwerpunktsetzung der vorliegenden Arbeit lässt sich der Verfasser nicht in erster Linie von jener Debatte über „Cultural Turns“ leiten, in deren Verlauf der Raum eine Aufwertung erfahren hat, die keineswegs nur die Literaturwissenschaften, sondern alle unter dem Dach der Kulturwissenschaften vereinten Disziplinen erfasst hat.5 Primär entscheidend ist vielmehr, dass die Suchbewegungen der handelnden Figuren im Erzählwerk Cécile Wajsbrots, die vielen ihrer Romane bzw. Erzählungen raum- bzw. ortsbezogene Titel gegeben hat, von besonderer Bedeutung sind. Dies drängt sich als Ergebnis einer ersten Lektüre der Texte geradezu auf. Zudem hat Cécile Wajsbrot inzwischen mehrfach, besonders deutlich in einem Gespräch mit Dominique Dussidour im Oktober 2005, erklärt, welche Funktion der Raum für ihr Schreiben hat:
Alors comment écrire, comment dire ce qu’on a à dire? En passant par des biais qui ne peuvent être ni tout à fait des personnages, ni tout à fait une action romanesque, ni un simple constat des choses. D’abord, il me semble que dans mes livres, cela passe par un ancrage, qu’il y a, à chaque fois ou presque, un lieu – au sens large du terme. La radio dans La Trahison, le métro dans Nation par Barbès, Berlin dans Caspar Friedrich Strasse, Kielce et la Pologne dans Mémorial, le bois de Boulogne dans Le Tour du lac. En même temps, ce lieu n’est pas donné, il est gagné (ou perdu), il est parcouru, constitué ou reconstitué. L’ancrage dans le lieu permet un ancrage dans le temps, car le lieu – souvent une ville – est imprégné de ce qui s’y est produit à différentes périodes et ce sont ces strates temporelles qui lui donnent existence. Les figures sans nom de mes romans les traversent et sont à leur tour traversées par ce qui s’y passe, ainsi y a-t-il une sorte d’échange entre le dedans et le dehors, une sorte de mécanique des fluides, un phénomène de vases communicants.6
Mit dem Bild des „[…] échange entre le dedans et le dehors […]“ bringt Cécile Wajsbrot zum Ausdruck, dass einerseits Orte und Räume durch geschichtliche Entwicklungen geprägt sind, andererseits die Figuren, die sie „durchqueren“, in ihrem Denken und Handeln durch die sich ebendort abspielenden Ereignisse beeinflusst werden. Die Metapher der kommunizierenden Röhren hebt somit die Interpendenz zwischen Raum, Zeit und handelnden Figuren als konstituierenden Elementen der erzählten Welt hervor. Diese Faktoren sind in einem Erzähltext wie die Fäden eines Gewebes, einer „texture“, miteinander verknüpft. Die Ankermetapher weist dem Ort/Raum gleichwohl eine besondere Bedeutung zu. So wie ein Anker immer nur das temporäre Verbleiben eines Schiffes an einem bestimmten Platz sichert, bevor es seine Fahrt fortsetzt, so hat man sich den Raum nicht als etwas unumstößlich Gegebenes, sondern eher, im Sinne eines dynamischen Prozesses, als ein stets neu zu gewinnendes und zu entdeckendes, aber zugleich als ein gefährdetes Gut vorzustellen. Die damit implizierte „Unbestimmtheit“ des Raumbegriffs bedeutet konsequenterweise auch, dass die Vorstellung von „Raum“ die Idee der „Bewegung“ geradezu voraussetzt, die beiden Begriffe also in einem komplementären Verhältnis stehen. Die Bedeutung und die Funktion des Raums werden dadurch in einen Bezugsrahmen eingeordnet, der auch im Titel der oben zitierten Studie von Ottmar Ette implizit zum Ausdruck kommt. Das Erzählwerk Cécile Wajsbrots kann daher, ungeachtet seiner thematischen Differenziertheit, in seiner Gesamtheit als eine literarische Suchbewegung bezeichnet werden.7
Der erste Teil der vorliegenden Arbeit präsentiert in Kapitel A 1 Informationen über die Biographie Cécile Wajsbrots sowie über ihre literarhistorischen und literaturtheoretischen Äußerungen zum Roman als literarischer Gattung (A 1.1 und A 1.2). Dabei wird keineswegs Vollständigkeit angestrebt, die Auswahl der Aspekte orientiert sich vielmehr an ihrer funktionalen Bedeutung für die Schwerpunkte der Analyse in Teil B. Ergänzt wird Kapitel A 1 durch einen Überblick über den Forschungsstand zum Erzählwerk Cécile Wajsbrots (A 1.3) und Anmerkungen zur Rezeption ihrer Romane in Deutschland und Frankreich (A 1.4). Auch die Ausführungen zur „Darstellung des Raums“ in Kapitel A 2 erheben keineswegs den Anspruch, den wissenschaftlichen Diskurs zu diesem Thema in seiner ganzen historischen Breite und Tiefe sowie in seiner komplexen theoretischen Differenziertheit abzubilden. Gleichwohl sollen die der Analyse zugrunde liegenden Fragestellungen und der methodische Weg der Erarbeitung in einer historisch und theoretisch fundierten Weise aufgezeigt werden.
Der zweite, der Hauptteil der Arbeit, führt in einem ersten Schritt (Kapitel B 1.1) zu einer inhaltlich-thematisch bestimmten Aufteilung des erzählerischen Werks auf drei Felder (B 2, B3, B4). (Die kurzen Erzähltexte werden in dem gesonderten Kapitel B 5 exemplarisch anhand der Erzählung La Ville de l’oiseau behandelt.) Eine Beschränkung auf eine exemplarische Auswahl im Bereich der Romane empfiehlt sich angesichts der inhaltlichen und formalen Verschiedenheit dieser Texte nicht. Unter Bezugnahme auf die Kapitel A 1 und A 2 werden sodann (Kapitel B 1.2) die inhaltlichen und methodischen Schwerpunkte der Untersuchung festgelegt und das Thema der Studie ausführlich begründet.
Grundsätzlich orientieren sich alle Werkanalysen an den in B 1.2 dargelegten Grundsätzen, passen sich aber immer auch der inhaltlichen und formalen Struktur der einzelnen Texte an. Aufgrund des kontextualisierenden Ansatzes der Analyse vermittelt die Studie trotz der konsequent eingehaltenen Konzentration auf die Thematik der literarischen Suchbewegung gelegentlich auch Einblicke in mit der zentralen Fragestellung verwobene inhaltliche und formale Details der Textgestaltung. Die wesentlichen Ergebnisse der Werkanalysen werden jeweils themenfeldbezogen zusammengefasst.
Der abschließende dritte Teil C arbeitet themenfeldbezogen und themenfeldübergreifend die Entwicklung der Suchbewegungen in ihrer räumlichen und ideellen Dimension heraus (C 2). In den Schlussfolgerungen (C 3) werden die Beziehungen zwischen dem Erzählwerk Cécile Wajsbrots und von ihr vertretenen literaturtheoretischen Positionen beleuchtet sowie das den Haute Mer-Romanen zugrunde liegende Kunstverständnis in Ansätzen eruiert, bevor der Begriff der literarischen Suchbewegung in einer vertiefenden Gesamtschau abschließend definiert wird.
Um das Verständnis der vorliegenden Studie für alle Leserinnen und Leser zu erleichtern, sind im Anhang strukturierte inhaltliche Zusammenfassungen aller analysierten Texte beigefügt.
ERSTER TEIL (A) CÉCILE WAJSBROT UND DIE BEDEUTUNG VON RAUM UND BEWEGUNG IN DER ERZÄHLENDEN LITERATUR
1 Cécile Wajsbrot
Cécile Wajsbrot gehört seit vielen Jahren zu den vielseitigsten und produktivsten Autorinnen und Autoren des extrême contemporain in Frankreich. Durch die Übersetzung einiger ihrer Romane und Erzählungen ins Deutsche1 hat sie auch in Deutschland eine Lesergemeinde gefunden. Gleichzeitig ist sie durch die Übersetzung deutscher Autoren ins Französische zu einer Brückenbauerin zwischen beiden Ländern geworden. Am Anfang einer Beschäftigung mit dem Erzählwerk Cécile Wajsbrots sollte ihr biographischer Hintergrund in dem Maße erhellt werden, in dem dies den Zugang zu ihren Romanen und Erzählungen erleichtert. Dasselbe gilt für ihre literaturtheoretischen, vor allem auch für ihre auf den Roman bezogenen Positionierungen, die sie in einem Essay und in Interviews dargelegt und erläutert hat. Ergänzt werden die Ausführungen durch einen Überblick über den Forschungsstand zum Erzählwerk Cécile Wajsbrots sowie durch Anmerkungen zur Rezeption ihrer Romane in Frankreich und Deutschland.
1.1 Biographischer Hintergrund1
Cécile Wajsbrot wurde 1954 in Paris geboren. Ihre Mutter, deren jüdische Eltern aus Polen stammten, galt zwar als „Ausländerkind“, war aber, da sie in Paris geboren wurde, Französin. Sie überlebte den Krieg im Département Lot-et-Garonne in einem von Nonnen geleiteten Mädchenpensionat. Ihr Vater, der im Alter von 17 Jahren mit seiner Familie aus Polen nach Frankreich emigriert war, fand während der Kriegszeit Schutz in einem Versteck in der Auvergne. Der Großvater mütterlicherseits wurde im Mai 1941 von Beaune-la-Rolande in ein Lager im Loiret verbracht und im Juni 1942 von dort nach Auschwitz deportiert, wo er einige Wochen später starb.
Cécile Wajsbrot hat nach dem Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft zunächst einige Jahre als Französischlehrerin und als Rundfunkredakteurin gearbeitet, bevor sie als freie Schriftstellerin und Übersetzerin deutscher und englischer Autorinnen und Autoren und als Mitarbeiterin der Zeitschriften Autrement, Les Nouvelles littéraires und Le Magazine littéraire einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde.2 Das umfangreiche literarische Werk Cécile Wajsbrots umfasst neben den in dieser Studie vorgestellten und analysierten Romanen und Erzählungen Biographien, Essays, Dialoge und Hörspiele.
Nachdem Cécile Wajsbrot erstmals 1995 bei einer Reise nach Litauen einige Tage in Berlin verbracht hat, erlebt sie fünf Jahre später bei einem eineinhalb Monate dauernden Besuch der Stadt „[…] un véritable coup de foudre“3, der ihr Leben verändern sollte: „J’ai aimé la ville et eu du mal à la quitter au point que j’ai trouvé la solution d’avoir eine zweite Wohnung à Berlin et de pendeln zwischen Paris und Berlin […]“4. Als Stipendiatin des DAAD lebt sie von März 2007 bis März 2008 ein Jahr ununterbrochen in Berlin. Während dieser Zeit und im Jahr 2012 entsteht ein als Berliner Ensemble5 erschienenes, facettenreiches Kaleidoskop literarischer Impressionen, die „[la] réflexion [de C.W.] sur les ravages causés par l’histoire du XXe siècle et, en particulier, sur les lieux de mémoire de la Seconde Guerre mondiale“6 widerspiegeln.
In einem FAZ-Gespräch mit Katharina Narbutovic erklärt Cécile Wajsbrot im April 2008 eine eindeutige Vorliebe für Berlin:
Ich fühle mich in Berlin besser als in Paris. In Berlin lässt es sich freier atmen. In Paris ist der Kulturbetrieb sehr eng, geschlossen, auch narzisstisch. Da denke ich, wenn ich in Frankreich schon außen vor stehe, dann kann ich mich auch noch weiter aus der Stadt zurückziehen.7
Ihr Gefühl, in Frankreich nicht in die Gesellschaft voll integriert zu sein, sondern als Außenseiterin betrachtet zu werden, erklärt sie in dem Gespräch mit Elke Richter und Natascha Ueckmann mit einer Lebenserfahrung, die der ungarische Schriftsteller Imre Kertész in seinem in deutscher Sprache unter dem Titel Ich – ein anderer sinngemäß folgendermaßen zum Ausdruck gebracht habe: „Es ist etwas anderes sich zu Hause heimatlos zu fühlen als in der Fremde, wo man in der Heimatlosigkeit ein Zuhause finden kann.“8 Cécile Wajsbrot erklärt sodann ausführlich, warum diese aphoristische Beobachtung ihr eigenes Lebensgefühl so treffend wiedergibt:
Je me suis toujours sentie un peu étrangère en France, en tout cas pas comme les Français de souche, comme on dit. Donc toujours un peu différente, étrangère alors que je suis née en France, que ma langue maternelle est le français. Si je sens une différence à Berlin, c’est normal parce que je suis vraiment étrangère, je suis réellement une Française à Berlin, une Française en Allemagne. En France, ce n’est pas normal que je ne me sente pas tout à fait française comme les autres. Il est plus confortable que la réalité coïncide avec le sentiment intérieur.9
Unter dem Einfluss der migratorischen Geschichte ihrer Familie und ihrer eigenen Biographie hat sich Cécile Wajsbrot im Laufe ihrer schriftstellerischen Entwicklung in der Auseinandersetzung mit und auf der Suche nach ihren eigenen Wurzeln, ihrer „origine“, immer wieder „zwischen den Welten“ bewegt, ohne dabei der Gefahr zu erliegen, die Perspektive ihres Schreibens auf Einzelschicksale, und sei es ihr eigenes Leben, zu fokussieren. Allerdings wurde für sie wie für viele andere Autorinnen und Autoren mit einem ähnlichen biographischen Hintergrund die eigene oder, wie in ihrem Fall, die durch den Abstand der Generationen nur noch mittelbar erlebte Erfahrung der Migration zu einem bestimmenden Movens ihrer „quête littéraire“ in sehr unterschiedlichen Lebens- und Erfahrungsräumen.10
1.2 Grundpositionen Cécile Wajsbrots zur Bedeutung und Funktion des Romans
Cécile Wajsbrot hat sich mehrfach in literaturhistorisch und literaturtheoretisch argumentierender Form zur Bedeutung und Funktion der Literatur geäußert, wobei sie sich im Wesentlichen auf den Roman bezieht.1 Schon 1999 beklagt sie, dass der klassische Begriff der „littérature“ der Vergangenheit angehöre und einer weitgehend sinnentleerten Vorstellung von „écriture“ gewichen sei.2 Sie versäumt nicht, ihre eigenen Vorstellungen von „littérature“ zu entwickeln. Dabei fühlt sie sich einerseits dem literaturgeschichtlichen Erbe verpflichtet, andererseits will sie sich aber auch nicht mit der Beibehaltung alter Strukturen und Erzählungen begnügen, sondern unter Berücksichtigung aller Brüche und neuer Entwicklungen Kontinuität pflegen und Eigenständigkeit leben.3
Den Vorwurf des literarischen und geschichtlichen Kontinuitätsbruchs richtet Cécile Wajsbrot an Theoretiker des Nouveau Roman, namentlich an Nathalie Sarraute und Alain Robbe-Grillet:
[…] Nathalie Sarraute dans l’Ère du soupçon et Alain Robbe-Grillet dans Pour un nouveau roman édifiaient la théorie des villes nouvelles du roman, réfutant toute narration, toute présence d’un récit, de personnages, pour accepter comme seul élément fiable de la littérature, comme base unique sur laquelle elle pourrait reposer, pour n’accepter que le langage.4
Nathalie Sarraute habe „bei vollem Bewusstsein“ (en pleine conscience) die Frage gestellt, wie man nach der Katastrophe des 20. Jahrhunderts noch an die „Menschheit“ bzw. an „Menschlichkeit“ (humanité) und an die den Roman bevölkernden literarischen Figuren glauben könne. Der vor der Katastrophe die Augen verschließende Robbe-Grillet habe im Namen des „Überdrusses und der Langeweile“ (ennui) die „Tyrannei der Sinnhaftigkeit“ (la tyrannie du sens) angeprangert, sich aber nicht im Gefolge Camus’ oder Becketts der Theorie des Absurden, sondern in gewisser Weise der „l’art pour l’art“- Bewegung des 19. Jahrhunderts verschrieben, mithin einer Literaturform „[…] dont l’élégance suprême serait de ne rien dire, de ne rien signifier“5.
Der Kontinuitätsbruch ist indes in einen größeren Rahmen einzuordnen. Die Schriftsteller – und die Intellektuellen – haben sich mit ihrer Haltung des „Wegsehens“, wie C. Wajsbrot 1999 feststellt, lange Zeit lediglich dem „mainstream“ der französischen Gesellschaft angeschlossen. So haben sie die Zeit von 1939 bis 1945, den Schrecken der Naziherrschaft mit der von allgemeinem Schweigen begleiteten systematischen Vernichtung der europäischen Juden, die Okkupation und Kollaboration und ihre Folgen, aber auch den Abwurf der ersten Atombombe von den 50er bis in die 70er Jahre und sogar „[…] jusqu’à aujourd’hui […]“6 ausgeblendet und stattdessen lieber gegen den Einsatz der USA in Vietnam protestiert. Die Autorin mag von der Idee des „péché originel“, der Erbsünde und ihrer Wirkungen, geleitet worden sein, wenn sie feststellt: „Notre scène originelle, c’est Vichy, et comme toute scène originelle, elle gît dans la pénombre d’un inconscient qui ne demande qu’à oublier.“7 Die Erinnerung an den Krieg sei zwar überall – „[…] sur les plaques des immeubles, dans les rues des villes et des grandes capitales, sur le calendrier et sur les monuments aux morts, partout […]“ – 8 gegenwärtig, nicht jedoch in der Literatur. Und wenn sich die zeitgenössische Literatur in Frankreich mit Vichy-hörigen faschistischen Autoren wie Céline oder Brasillach noch immer arrangiere, dann übersehe man geflissentlich die von ihnen vermittelten Inhalte, um sich an ihrem Stil zu delektieren: „[…] il faudrait écouter la musique et non les paroles.“9 Mit ihrer resignierenden Feststellung „Céline est à l’image de la France […]“10 schließlich bringt Cécile Wajsbrot zum Ausdruck, dass ihrer Meinung nach die zeitgenössische Literatur Frankreichs durch eben diese Negation des Inhalts auf die Stufe der reinen „écriture“ herabgesunken ist. Hingegen stehe die Erinnerung an den Krieg in den Literaturen Zentraleuropas, von Deutschland bis Russland
[…] au cœur des romans, au cœur de la réflexion de ceux qui l’ont vécue comme de ceux qui sont nés après, dans l’ombre portée du souvenir. Oui, il est des pays dont la littérature porte la trace de tout cela, le désarroi, l’interrogation, ou le silence, tandis que chez nous, alors que ce monde s’écroule à son tour, depuis la chute du mur, l’exploration vient à peine de commencer.11
Für Cécile Wajsbrot definiert sich der Roman – genauer: der literarische Roman (roman littéraire), den sie vom „Unterhaltungsroman“ (roman romanesque) unterscheidet – durch eine von ihr als „totalité“ bezeichnete Einheit aus Form und Inhalt: „Le roman est totalité – totalité de la forme, totalité du contenu, totalité de la forme et du contenu.[…] Le roman est totalité. C’est sa définition même.“12 Der Totalitätsanspruch des Romans beruht für Cécile Wajsbrot jedoch keineswegs nur auf der durchaus als klassisch-tradiert zu bezeichnenden Entsprechung zwischen Form und Inhalt, sondern ebenso auf der sich ins Unendliche öffnenden inhaltlich-thematischen Vielfalt unterschiedlicher Perspektiven, die sie mit dem Hinweis auf eine Auswahl von Romanen – von La Princesse de Clèves bis zu Anna Karenina – überzeugend zu belegen vermag. Welche Anforderungen an Autorinnen und Autoren mit diesem Anspruch einhergehen, erläutert Cécile Wajsbrot in der für sie fundamental wichtigen Form einer Raummetapher, die an Klarheit nichts zu wünschen übrig lässt:
Notre installation sur les terres du roman littéraire, le parcours de ses forêts ne peut se faire que dans le temps où nous sommes ou plutôt, ne peut se faire sans s’inscrire dans le temps où nous sommes, ce qui signifie à la fois connaître ce qui nous a précédés dans l’histoire et savoir que nous écrivons maintenant. Ni avant ni apres mais précisément dans le lieu et le temps où nous vivons.13
Beim Prozess des Schreibens sieht Cécile Wajsbrot die Autorinnen und Autoren eines Romans folglich in eine Tradition hineingestellt, die sich einerseits auf die Vergangenheit im Ganzen, andererseits jedoch auch auf die von ihnen selbst ge- und erlebte Zeit bezieht, mithin auf die jeweils aktuellen räumlich-örtlichen und zeitlichen Bedingungen, den Chronotopos. In demselben Text präzisiert Wajsbrot etwas später, dass sich die Verpflichtung gegenüber dem Erbe der Geschichte auch auf „[…] une succession de livres“ beziehe, dass sich das Schreiben gleichermaßen „[…] dans le temps biographique et le temps littéraire“ einfüge. Wohl auch unter dem Einfluss ihrer eigenen Biographie und der Geschichte ihrer Familie betrachtet sie daher das Schreiben als eine dreifache Verpflichtung: „[…] c’est aussi prendre la parole, rompre le silence, et porter témoignage“.14 In der bewussten Annahme dieses Auftrags der Literatur zur Stellungnahme und einer das Verschweigen überwindenden Zeugenschaft liegt wohl der eigentliche Grund für die Befreiung, die, wie Cécile Wajsbrot überzeugt feststellt, von der Beschäftigung mit der Vergangenheit ausgeht: „La connaissance des autres, de l’histoire […] la connaissance de l’histoire pourrait nous libérer.“15
Mit der Robbe-Grillet zugeschriebenen Inhaltsleere des Nouveau Roman vermag Cécile Wajsbrot dieses Konzept nicht in Einklang zu bringen.16 Demgegenüber verteidigt sie vehement die Comédie humaine Balzacs.17 Starke Sympathien hegt sie insbesondere für Marcel Proust, dessen Innovationen leider folgenlos geblieben seien, und Virginia Woolf.18 Gerne beruft sie sich auf Proust, um den Totalitätsanspruch des Romans und die ihm daraus erwachsende Aufgabe, die Zeit als vielschichtige Einheit aus Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem zu behandeln,19 hervorzuheben, hat Proust doch in seiner Recherche „[…] la totalité de l’iceberg, sa partie émergée et sa part immergée […]“20 erforscht. Dass sich der Roman als literarisches Genre mit der Zeit nicht in einer verkürzten, distanzlosen, unreflektiert abbildhaften und als „écriture“ einzustufenden Art und Weise auseinandersetzen sollte, unterstreicht die Autorin mit der folgenden programmatischen Erklärung:
Le roman travaille sur le temps, travaille le temps, c’est pourquoi se déposent en lui les travers de l’époque, le risque de l’éphémère mais aussi la possibilité de les transcender en dessinant le temps […] la possibilité de le configurer c’est-à-dire de le relier aux chaînes d’événements des époques passées et de le décrire non platement comme le ferait le journalisme […] mais dans ses trois dimensions comme un objet holographique.21
Cécile Wajsbrot ist sich sehr wohl bewusst, dass die Möglichkeiten der unmittelbar-direkten Zeitzeugenschaft aufgrund der Begrenztheit der eigenen Erfahrungen stark eingeschränkt sind. So gilt im Hinblick auf die Ereignisse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für sie, dass sie als Angehörige der „[…] génération venue après […]“ auf in unterschiedlichster Form vermittelte Erzählungen angewiesen ist, um sodann über eigene Fragestellungen – […] pas au sens d’un historicisme anachronique mais au sens d’un renouvellement […] – zu einer „[…] reconstitution de repères“ 22, d.h. zu einer Kontinuität sichernden, Orientierung ermöglichenden neuen Sicht auf Vergangenes zu gelangen.
Um dem an ihn gerichteten „Totalitätsanspruch“ gerecht zu werden, muss der Roman sowohl die „Innenwelt“ – le dedans –, also das die handelnden Figuren in ihrem Denken und Fühlen Bewegende, als auch die „Außenwelt“ – le dehors –, also die durch Raum und Zeit konstituierten Bedingungen darstellen. Zu diesen beiden elementaren Faktoren gesellt sich „[…] un troisième ingrédient qu’on peut appeler mystère ou secret, une chose qui crée la tension et qui repose autant sur l’art du récit – […] que sur la croyance en la littérature, un troisième ingrédient qui donne à l’œuvre sa troisième dimension.“23 Im Bilde des Eisbergs gesprochen, ist es der unter Wasser liegende Bereich, der die dritte Dimension des Romans ausmacht:
L’exploration est infinie, et le roman […] n’a encore découvert que la surface émergée de l’iceberg, n’a rien couvert encore de l’espace qui va du silence à la parole, de la vie à la mort, n’a rien franchi de cette distance infranchissable qui sépare Achille et la tortue.24
Gewiss mag man Cécile Wajsbrot vorwerfen, dass ihre Erklärungen bzgl. des „mystère de la littérature“ recht vage bleiben.25 Es ist für sie jedoch von entscheidender Bedeutung, dass es in einer durch und durch rationalisierten Zeit, in der man alle Fragen – bis in die „[…] zones obscures de la personnalité […]“26 – für erklärbar hält und den Tod nur noch als ursächlich genau zu bestimmende „Panne“ (accident de parcours) betrachtet, mit dem Roman einen poetischen Raum für das „Geheimnisvolle“ gibt. Das „Geheimnisvolle“, in welcher Form es sich auch äußern mag, bewirkt jedoch, wie Cécile Wajsbrot andeutet, etwas als angenehm Empfundenes: Das „grelle Licht“ einer umfassenden Erklärbarkeit aller Belange des Lebens wird von der das „Geheimnisvolle“ umgebenden Dunkelheit umhüllt und eben dadurch auch erträglicher:
Peu importe la forme ou le visage que prend le mystère, les agissements de quelqu’un, une venue, une disparition, une question d’identité, ce qui compte, c’est qu’il soit là, c’est qu’un peu de ses ténèbres vienne obscurcir enfin la lumière crue.27
Der Unterschied zwischen einer nur an Fakten orientierten, um Aktualität bemühten, abbildhaften „écriture“ und der aus einer zeitlichen und gedanklichen Distanz abwägenden, eine eigene Weltsicht vermittelnden und dabei um Antworten auf existentiell wichtige Fragen ringenden „littérature“ wird auch an dieser Stelle noch einmal besonders deutlich. Aufgrund der hier skizzierten Eigenschaften von „littérature“ kann Cécile Wajsbrot daher auch mit Fug und Recht von der „[…] universalité de la littérature […]“ sprechen, insofern, um eines ihrer Beispiele zu zitieren, Tolstois Krieg und Frieden nicht nur in nostalgischer Erinnerung an die napoleonische Zeit lebende Russen interessieren dürfte.28 Es macht den besonderen Charakter von Literatur aus, dass sich im Beispiel des Einzelfalles stets allgemein Menschliches spiegelt.
Für eine Studie über die Darstellung literarischer Suchbewegungen im Erzählwerk Cécile Wajsbrots liefern die hier zusammengefassten literaturtheoretischen und -historischen Überlegungen der Autorin verschiedene Anhaltspunkte. Dies gilt insbesondere für
ihre These, dass der Roman eine „[…] totalité de la forme et du contenu“ darstellt
ihre Überzeugung, dass das Schreiben eines Romans Vertrautheit einerseits mit der Geschichte und der literarischen Tradition, andererseits mit den örtlich-räumlichen und zeitlichen Rahmenbedingungen der Gegenwart (im Sinne der Entstehungszeit des Romans) voraussetzt
ihre Forderung, dass ein „roman littéraire“ dem Anspruch eines Zeitzeugnisses gerecht zu werden habe.
1.3 Überblick über den Forschungsstand zum Erzählwerk Cécile Wajsbrots
Einen überaus hilfreichen und gewinnbringenden Zugang zum Erzählwerk Cécile Wajsbrots eröffnet der bereits in der Einleitung erwähnte, 2010 erschienene, von Roswitha Böhm und Margarete Zimmermann herausgegebene Sammelband Du Silence à la voix – Studien zum Werk von Cécile Wajsbrot.1 Einer der Vorzüge des Buches ist, dass die Herausgeberinnen in ihrem einleitenden Aufsatz2 im Sinne einer „grobe[n] Typologisierung“ (S. 9) die thematischen Schwerpunkte des Werks der Autorin vor dem Hintergrund ihrer Familiengeschichte und ihres persönlichen Werdegangs herausarbeiten und es insgesamt treffend als „literarische Suchbewegung“ bezeichnen,
die zwar durchaus an historische Dokumente und überlebende Zeitzeugen anknüpft, deren Anliegen es aber ist, den Grenzbereich zwischen dem Sagbaren und dem Ungesagten, zwischen öffentlicher Geschichte und privater Erinnerung, zwischen Gedenken und Vergessen auszuloten.3
Dass neben der Beschäftigung mit historischen bzw. zeitkritischen Themen die Auseinandersetzung mit den Künsten ab Caspar-Friedrich-Strasse (2002) die Romane Cécile Wajsbrots beherrscht, stellen die Herausgeberinnen in einer kritischen Sichtung der bis zum damaligen Zeitpunkt erschienenen Werke dar, indem sie den Zusammenhang zwischen dem „Zyklus der Künste und ihrer Rezeption“ betonen.4 Verdienstvoll ist nicht zuletzt die beigefügte Bibliographie,5 die einen Überblick über die bis 2010 erschienenen Werke Wajsbrots (einschließlich der Hörspiele und einer Auswahl von Übersetzungen aus dem Englischen und Deutschen), Interviews, Rezensionen in der französisch- und deutschsprachigen Presse sowie über die Forschungs- und weiterführende Literatur bietet.
Ein weiterer Vorzug des Sammelbandes ist, dass im Kapitel I Cécile Wajsbrot nicht nur mit dem eigens für den Band verfassten kurzen Erzähltext La Ville de l’oiseau6, sondern auch mit dem literaturtheoretischen Text Traverser les grandes eaux7 und in einem Interview zu Wort kommt, das von Elke Richter und Natascha Ueckmann zum Thema „L’irréparable et la vie quotidienne“ geführt wird.8 Inhaltliche Schwerpunkte des an Pour la littérature (1999) anknüpfenden Essays Traverser les grandes eaux – der Titel wirkt wie ein Echo auf den Haute Mer-Zyklus – sind insbesondere die Auseinandersetzung der Autorin mit der Rolle der Sprache und Literaturgeschichte unter besonderer Berücksichtigung des Nouveau Roman, Probleme des eigenen Schreibens und die Bedeutung literarischer Vorbilder. Ein besonderer Akzent des Interviews liegt auf der Frage der Herkunft der Autorin und der sich daraus ergebenden Konsequenzen für ihr Werk und ihre Wohnsitze in Paris und Berlin.
Zwei Themenkreise, die für das Erzählwerk Cécile Wajsbrots von besonderer Bedeutung sind, werden in den Aufsätzen der Kapitel II – (Gegen) Das Schweigen schreiben – und III – Dialog der Künste – multiperspektivisch beleuchtet.
In Kapitel II arbeitet zunächst Dominique Dussidour in einer subjektiv-essayistischen Form wichtige Merkmale der Romane Nation par Barbès, Caspar-Friedrich-Strasse, Le Tour du lac und Mémorial heraus und gelangt zu dem Schluss, dass „[…] c’est bien d’un temps et d’un espace à eux, et à eux seuls, non partageables, qu’ont besoin les écrivains […] ils ont autant besoin, et même nécessité, d’un temps et d’un espace communs avec vous, avec tous“9.
Aus einer literarhistorisch-kulturwissenschaftlichen Sicht setzen sich Katja Schubert10 und Margarete Zimmermann11 mit Beaune-la-Rolande (Schubert, Zimmermann) bzw. Le Tour du lac, Mémorial, Conversations avec le maître und L’Île aux musées (Zimmermann) auseinander.
K. Schubert „ [zeichnet] die interne Bewegung des Textes zwischen Beaune-la-Rolande/Auschwitz als Ursprungs- und Gründungsereignis mit mythischen Konnotationen auf der einen und als radikaler universaler Frage auf der anderen Seite [nach]“. Neben einer historischen Kontextualisierung des Textes vermittelt K. Schubert wertvolle Einblicke in die ihn prägenden „Kompositions- und Schreibverfahren“.12
Margarete Zimmermann analysiert die Opposition zwischen „[…] Erinnern und Vergessen, Reden und Schweigen“ im konkreten Rückgriff auf „[…] eine Beschreibung der zu ihnen gehörenden semantischen Felder innerhalb des Wajsbrotschen Œuvres“. Darüber hinaus „[…] ergibt sich über diese Begriffe, vor allem über den des Schweigens, eine Positionierung Cécile Wajsbrots in ihrem Verhältnis zur Tradition der Moderne (hier vor allem zu Virginia Woolf); ferner ist es auf diese Weise möglich, sie präziser im Kontext der Gegenwartsliteratur, des extrême contemporain, zu situieren.“13 In der Literatur der Gegenwart seien Robert Antelme, Charlotte Delbo, Maurice Blanchot, Marguerite Duras und Primo Levi für C. Wajsbrot Autoren, die aufgrund der „[…] Rückholung einer geschichtlichen Substanz in die erzählende Literatur der Gegenwart […] vorbildlich und traditionsstiftend […]“ waren.14 Wichtige literaturtheoretische Positionen der Autorin arbeitet M. Zimmermann unter Bezugnahme auf die Essays Pour la littérature und Le Son du silence heraus.15
In seinem Beitrag „Geschichten vom Erinnern und Vergessen. Überlegungen eines Historikers zu Cécile Wajsbrots La Trahison“16 geht der Historiker Otto Gerhard Oexle, ausgehend von La Trahison, aus historisch-philosophischer Sicht auf die „[…] Problemgeschichte von Gedenken und Vergessen in der Moderne“17 ein. Nach einer historisch-systematischen Auseinandersetzung mit dem „[…]Problem der Historizität der Welt […]“18 skizziert Oexle, u.a. unter Bezugnahme auf die Causa Hans-Robert Jauß, welche Konsequenzen sich aus dem Konflikt zwischen Erinnern und Vergessen bis in die Gegenwart ergeben haben.
In Kapitel III lenken die Aufsätze von Marguerite Gateau – „La place de la radio dans l’œuvre de Cécile Wajsbrot“ –19 und Hans T. Siepe – „Le dégel des paroles gelées oder Das Schweigen erzählen. Zum Thema des Schreibens bei Cécile Wajsbrot“ – 20 die Aufmerksamkeit der Leserschaft auf die in Deutschland weniger beachteten fiktionalen Texte, die Cécile Wajsbrot für das Radio verfasst hat.
In „Mémorial oder die Verdichtung der Stimme(n)“21 beleuchtet Stephanie Bung einen wichtigen narratologischen Entwicklungsschritt innerhalb des Erzählwerks Cécile Wajsbrots.
In ihrem Beitrag „‚Rien ne retient mon regard‘ – Tex-Bild-Relationen in Fugue“22 erschließt Roswitha Böhm über eine Analyse der Text-Bild-Relationen die tieferen Bedeutungsschichten einer kryptischen Erzählung.
In seinem das Kapitel III beschließenden Aufsatz „’Caspar-David-Friedrich-Strasse’. Cécile Wajsbrot oder die Ästhetik der Abwesenheit“23 reflektiert Ottmar Ette zunächst über die Bedeutung verschiedener Phänomene der Abwesenheit in dem Roman, so z.B. die Abwesenheit des Namensteils „David“ im Titel; die Abwesenheit des jüngeren Bruders des Malers, der beim Versuch, seinen Bruder Caspar David vor dem Ertrinken zu bewahren, selber ertrank; oder aber die
materielle Abwesenheit der Bilder […] die vielleicht wichtigste Voraussetzung dafür, dass die stets gegebene Versuchung illustrativer Rückbindung an die Gemälde der Romantik gekappt beziehungsweise weitgehend reduziert und gleichsam eine Allgegenwart der Bilder suggeriert wird.24
Die Abwesenheit der Bilder und ‚Illustrationen‘ erlaube, wie Ette weiter ausführt, „ein freies transmediales Flottieren, in dem sich die ikonischen wie die literarischen Bildersprachen wechselseitig potenzieren.“25 Für Ette ist dies ein Anlass, über die Beziehung zwischen „Geschichte“ und „Leben“ und von diesem Punkt aus über die Funktion von Literatur – und damit über die Bedeutung des Schreibens – nachzudenken:
Literatur […] ist jener Diskurs, der Geschichte aus der Perspektive des Lebens und konkreter Lebensprozesse wahrnimmt und re-präsentiert; vor allem aber ist Literatur ein diskursiver Kosmos, der Geschichte in Leben übersetzt und die einander oft widersprechenden Blickwinkel verschiedenartigster Lebensgeschichten inszeniert. In diesem Sinne ist Literatur ein sich ständig verändernder und zugleich interaktiver, veränderbarer Speicher von Lebenswissen.26
Über das Leben des Schriftstellers-Erzählers in Caspar-Friedrich-Strasse schließlich sagt Ette, dass er versuche, „[…] eine Kunst des Raumes nicht nur in eine Kunst der Zeit, sondern zugleich auch in eine Kunst des Lebens zu übersetzen“27.
Es überrascht nicht, dass auch die übrigen auf verschiedene Publikationen verteilten Beiträge zum Erzählwerk Cécile Wajsbrots die im Themenfeld I dieser Arbeit vereinten Romane vernachlässigen und sich stattdessen schwerpunktmäßig auf die Thematik beziehen, die in den in den Themenfeldern II und III zusammengefassten Texte vorherrscht. In zwei weiteren Aufsätzen28 stellt Ottmar Ette die Hintergründe und Auswirkungen der „[…] inter- und transkulturellen Relationalität der Statuen […]“ in L’Île aux musées, „die unterschiedlichen Zeiten und Räumen, Gesellschaften und Kulturen entstammen“29, in den Mittelpunkt seiner Überlegungen.30 Überdies charakterisiert er die Welt der Kunst als eine von einer Ander-Logik beherrschte Parallelwelt, durch die „Zeit-Räume“ entstehen, die „[…] die Grenzen individuellen menschlichen Erlebens“31 sprengen. – In dem großen Kontext seines Buches ZwischenWeltenSchreiben32 betrachtet Ette Beaune-la-Rolande als eine „Vergegenwärtigung von Stimmen der Vergangenheit“33 und Mémorial als einen „Echoraum von Stimmen ohne festen Wohnsitz“34.
Cornelia Klettke erkennt in L’Île aux musées eine archipelartig-fraktale, heterotopische Parallelwelt der Kunst, in der die „Heterologie“ der Statuen „[…] une espèce de choralité qui rappelle le chœur des tragédies antiques“ ermöglicht.35 Die Bezüge zwischen dem gedanklichen Aufbau und der ästhetisch-formalen Struktur des Romans werden in einer tiefschürfenden Textanalyse beleuchtet, die den Austausch zwischen den „Inseln der Kunst“, den Protagonisten und den Leserinnen und Lesern folgendermaßen erklärt:
Dans le roman, c’est l’émotionalisation qui semble être la stratégie textuelle prépondérante pour la production du sens. Les œuvres d’art en tant que dépôts d’énergie sont chargées d’intensités émotionnelles qui se transmettent aux protagonistes pour ensuite refluer vers les œuvres d’art. Le roman se révèle empreint d’un mouvement circulaire de transmission d’énergie entre le texte, l’homme et l’œuvre d’art, un mouvement qui englobe également le lecteur.36
Von grundlegender Bedeutung für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema des Holocaust im Erzählwerk Cécile Wajsbrots sind weitere Arbeiten Katja Schuberts.37 Ausgangspunkt ihrer 2001 erschienenen Studie ist „[…] die Überzeugung, dass die Verfasserinnen als Opfer oder als Angehörige und Nachkommen von Opfern extremer Gewalt eine Deutungsautorität in Bezug auf das Geschehen der Shoah und deren Spätfolgen innehaben […]“38. Dabei gelangt Katja Schubert zu der Erkenntnis, dass, „da […] die konkreten Orte des Geschehens ‚Auschwitz‘ nicht mehr existieren, […] Topographien des Gedächtnisses und des Zeugnisses durch das Schreiben selbst geschaffen werden müssen.“39 Sie führt jedoch auch aus, dass „[d]ie nach 1945 geborenen Schreibenden […] dennoch auf verschiedene Weise [versuchen], mit den Orten verbundene Erfahrungen und die dazugehörigen Geschichten der Deportierten einzuholen“40. In ihren 2007, 2008 (und 2010) erschienenen Aufsätzen über Beaune-la-Rolande, La Trahison und Mémorial41 hat Katja Schubert detailliert entfaltet, dass und warum Cécile Wajsbrot als typische Repräsentantin dieser Gruppe von Schriftstellerinnen zu betrachten ist. Wenn Cécile Wajsbrot die Funktion von Literatur anhand der von Rabelais im Quart Livre erzählten Haute Mer-Episode Pantagruels erläutere,42 dann insistiere sie auf einer „[…] approche intertemporelle et intertextuelle malgré et avec Auschwitz“ und demonstriere damit, dass sie sich trotz „Auschwitz“, das den „[…] horizon culturel et politique en Europe […]“43 bis heute definiere, in die literarische Tradition einordne. Sie tue dies umso lieber, als sie hier, womöglich anders als im Bereich der Familie, eine „généalogie intacte“ vorfinde:
La lecture et le commentaire d’autres textes littéraires portent les siens, tissent aussi leurs trames à l’intérieur des siens et créent une polyphonie qui exprime appartenance, interaction et, qui sait, aussi une généalogie intacte, contrairement à la généalogie familiale avec ses multiples ruptures.44
Die Zahl der in Frankreich und in anderen europäischen Ländern erschienenen und für diese Dissertation relevanten Studien ist relativ gering. Zu erwähnen sind die Arbeiten von Matteo Majorano, Fabien Gris, Valeria Gramigna und Teresa Baquedano Morales.45
Sowohl Matteo Majorano als auch Fabien Gris setzen sich mit Caspar-Friedrich-Strasse auseinander. Matteo Majorano charakterisiert den Roman als „[…] un enchevêtrement d’histoire (l’écroulement du mur de Berlin), de réflexion sur l’art, à partir des tableaux de Caspar Friedrich (sic!), et d’un amour impossible, à cause du mur infranchissable qui existe en chacun de nous“46.
Am Ende seines gedanklich vielschichtigen Aufsatzes fasst Fabien Gris die Art und Weise, in der Cécile Wajsbrot die Reflexion über Kunst und Geschichte fiktionalisiert hat, folgendermaßen zusammen:
Avec la fiction élaborée dans Caspar Friedrich Strasse, Cécile Wajsbrot fait partie de ces auteurs qui ont contribué à redéployer les canons de l’histoire de l’art selon de nouvelles logiques – anachroniques, fantomales et figurales –, qui échappent a priori au seul décryptage des intentions du peintre. En cela, n’a-t-elle pas suivi Friedrich lui-même qui, fidèle à l’esprit du romantisme, donnait ce conseil: „L’un des plus grands mérites et peut-être le plus grand mérite d’un artiste [est] de stimuler intellectuellement et d’éveiller des pensées, des sentiments et des sensations chez le spectateur, quand bien même ce ne serait pas les siennes“?47
Valeria Gramigna arbeitet in ihrer Studie über Stadtromane die besondere Bedeutung heraus, die in Fugue der Beziehung zwischen dem Text und den Fotografien von Brigitte Bauer sowie der Funktion der „écriture“ für die Erzählerin-Protagonistin zukommt.48 In einem Aufsatz mit einer ähnlichen Thematik konzentriert sich Teresa Baquedano Morales in dem auf das Werk von Cécile Wajsbrot bezogenen Abschnitt in Anlehnung an Augés Theorie der „non-lieux“ auf die Art und Weise, in der in Nation par Barbès das Schicksal Anielas mit der Métro als einem klassischen „non-lieu“ verknüpft ist.49
Obwohl Cécile Wajsbrot die Bedeutung des Raumes für ihr Schreiben deutlich betont hat50 und R. Böhm und M. Zimmermann das Erzählwerk Wajsbrots bereits 2010 als „literarische Suchbewegung“ bezeichnet haben, hat die Forschung die Romane und Erzählungen der Autorin bislang nicht systematisch unter diesem Aspekt in den Blick genommen. Die vorliegende Studie erfüllt folglich ein Desiderat, das umso dringender erscheint, da die Bedeutung von Raum und Bewegung für die Literatur insgesamt seit geraumer Zeit verstärkt in den Mittelpunkt des Interesses gerückt ist.
1.4 Anmerkungen zur Rezeption der Romane Cécile Wajsbrots in Frankreich und Deutschland
Roswitha Böhm und Margarete Zimmermann haben bereits ihre Verwunderung darüber zum Ausdruck gebracht, dass sich bzgl. der Rezeption der Romane Cécile Wajsbrots deutliche Differenzen zwischen Frankreich und Deutschland abzeichnen.1 Da eine gründliche und belastbare Antwort empirische Studien, die im Rahmen dieser Arbeit nicht zu leisten sind, voraussetzte, seien hier nur zwei Beobachtungen zitiert, die erkennen lassen, dass die Erinnerung an den Holocaust in Frankreich und Deutschland bis in die jüngere Vergangenheit sehr unterschiedliche Reaktionen hervorrief.
Bereits 2001 vermutete Katja Schubert, dass ein Roman wie La Trahison aufgrund der „[…] direkte[n] Auseinandersetzung im Frankreich der 90er Jahre zwischen einer Jüdin und einem Nichtjuden […] von einem französischen Publikum auch als eine Provokation und als eine neuartige, jedoch weitgehende Hinterfragung der eigenen Geschichte gelesen werden [konnte]“2. Das besondere deutsche Interesse für jene Romane Cécile Wajsbrots hingegen, die sich mit einer historischen Thematik auseinandersetzen, mag sich aus einem Phänomen erklären, das sie selber sehr bewusst wahrgenommen hat. Im ersten Kapitel ihrer Essaysammlung Berliner Ensemble zeigt sich die zwischen Paris und Berlin pendelnde Autorin angesichts des Berliner Stadtbildes dermaßen beeindruckt „[…] par la présence du passé, des plaques commémoratives rapportant les événements les plus sombres et par la croyance – concrétisée par le nombre de grues et de chantiers – en un avenir“, dass sie sich fragt: „Où est le présent?“3 Und in einem Gespräch mit Hélène Cixous stellt sie in einem Rückblick auf ihre inzwischen dreizehn Berliner Jahre fest, dass es in dieser Zeit wohl keinen einzigen Tag gegeben habe, an dem die Zeitungen oder das Radio nicht auf den Nationalsozialismus oder die Judenvernichtung – l’extermination – hingewiesen hätten. Zumindest zu Beginn habe sie für diese Einstellung eine stärkere Affinität empfunden als für „[…] l’amnésie et la bonne conscience – ou faut-il dire l’inconscience mauvaise – françaises“4. Unstrittig ist, dass in Deutschland aufgrund der historischen Schuld des Landes die Sensibilität für Themen, die auf den Holocaust bezogen sind, stärker ausgeprägt ist als in Frankreich, das seine durch die Kollaboration herbeigeführte Verstrickung in den Holocaust bekanntlich lange verdrängt hat.
Im Hinblick auf L’Île aux musées, den zweiten Haute Mer-Roman, stellen R. Böhm und M. Zimmermann die Frage, ob die schwache Resonanz in Frankreich der „[…] allzu radikalen ‚Verstimmlichung‘ und ‚Entkörperung‘ der Protagonisten, die für manchen Leser blass und konturenlos bleiben“,5 geschuldet sei. Im Übrigen dürfe man „gespannt sein“, ob das Interesse für die Romane Cécile Wajsbrots auf französischer Seite wachse, sobald der – mittlerweile immerhin in vier Bänden vorliegende – als Pentalogie geplante Haute Mer-Zyklus vollständig vorliege. Angesichts der Experimentierfreudigkeit der Autorin, die sich im Laufe ihrer Entwicklung immer stärker einer abstrakt-theoretischen Thematik zugewandt hat und deren sich von Roman zu Roman verändernde Erzählweise dem Leser eine beträchtliche Verstehensleistung abverlangt, ist (leider) weder für Frankreich noch für Deutschland zu erwarten, dass die Romane Cécile Wajsbrots Auflagenrekorde erzielen werden.
2 Darstellung des literarischen Raums
Ansgar Nünning hat den Terminus „Raumdarstellung“ als „[…] Oberbegriff für die Konzeption, Struktur und Präsentation der Gesamtheit von Objekten wie Schauplätzen, Landschaften, Naturerscheinungen und Gegenständen in verschiedenen Gattungen“1 bezeichnet. Unter Bezugnahme auf Jurij Lotman weist Nünning darauf hin, dass die Funktion der Raumdarstellung in literarischen Texten sich keineswegs in einer „[…] Beschreibung der Landschaft oder des dekorativen Hintergrunds“2 erschöpfe, sondern, wie Natascha Würzbach betone, vielmehr auch als „[…] fiktionaler Baustein, kultureller Sinnträger, Ausdruck der Geschlechterordnung […]“3 fungiere. In ähnlicher Weise argumentiert Karin Wenz, wenn sie feststellt, dass der literarische Raum zwar „als Kulisse für Handlungen“ diene, aber darüber hinaus „[…] zum Resonanzboden für Emotionen und Stimmungen und somit zur Projektionsfläche geistig-seelischer Inhalte […] oder […] zum Medium für symbolische oder mythische Weltentwürfe [werde]“.4 Wenn man sodann berücksichtigt, dass der Begriff „Raum“ grundsätzlich zunächst auch philosophisch zu hinterfragen ist, tut sich ein überaus weiter Frage- und Problemhorizont auf, der eine Konzentration auf die für die Fragestellung und Zielsetzung der Arbeit relevanten Aspekte erfordert. Dabei geht es darum, jene Aspekte der Raumkonstitution zu beleuchten, die als Matrix für die Formulierung von Leitfragen im Hauptteil der Arbeit dienen können.
2.1 Von Ernst Cassirer zu einer kulturwissenschaftlich bestimmten Raumanschauung
„Raum“ bzw. „Räumlichkeit“ haben nicht nur die abendländische Philosophie seit ihren Anfängen beschäftigt,1 sie sind als eines der konstitutiven Elemente des Romans seit jeher auch Forschungsgegenstand der kulturwissenschaftlichen Disziplinen. Allerdings wurde das Erkenntnisinteresse der „[…] historischen, archäologischen und philologischen Wissenschaften […]“ nach 1800 – nicht zuletzt unter dem Einfluss Hegels und des deutschen Idealismus – in stärkerem Maße „[…] durch temporalisierende Wissensformen […]“2 gelenkt und geprägt. Vor diesem Hintergrund hält Birgit Neumann das Urteil Böhmes, dass der „Raum wie ein unreiner Stiefbruder der Königin Zeit behandelt wurde“, für nachvollziehbar.3 So spielt sowohl in älteren als auch in neueren Texten zur Erzähltheorie „Raum“ als eine der Grundkategorien der Erzähltheorie kaum eine Rolle,4 obwohl Doris Bachmann-Medick zu Recht darauf hinweist, dass „[i]n der Literaturwissenschaft […] der „erzählte Raum“– von der Phänomenologie bis zur Semiotik des literarischen Raums – schon längst vor dem spatial turn behandelt worden [ist]“5. Als unumstößliche Tatsache hat jedoch auch zu gelten, dass im Zuge der Integration der Philologien in den Bereich der Kulturwissenschaften die Bedeutung des Räumlichen in der Literatur im Allgemeinen und im Roman im Besonderen verstärkt in den Blick gerückt und neu akzentuiert und bewertet worden ist. Den ersten Anstoß dazu gab bereits im Jahre 1967 Michel Foucault in einem vor Architekten in Paris gehaltenen Vortrag über Heterotopien, den er mit einer klaren Abgrenzung des 20. vom 19. Jahrhundert einleitete:
Die große Obsession des 19. Jahrhunderts war bekanntlich die Geschichte: Themen wie Entwicklung und Stillstand, Krise und Zyklus, die Akkumulation des Vergangenen, die gewaltige Zahl der Toten, die bedrohliche Abkühlung des Erdballs. […] Unsere Zeit ließe sich dagegen eher als Zeitalter des Raumes begreifen. Wir leben im Zeitalter der Gleichzeitigkeit, des Aneinanderreihens, des Nahen und Fernen, des Nebeneinander und des Zerstreuten.6
Ein Wandel hat auch im Hinblick auf das Verständnis der Kategorie „Raum“ an sich stattgefunden. Wenn Doris Bachmann-Medick allerdings unter Berufung auf „[…] postmoderne Geographen […]“ wie z.B. Edward W. Soja feststellt, dass „[…] in der neuen Konzeptualisierung […] Raum gerade nicht Territorialität, Behälter von Traditionen [meint]“, sondern vielmehr zu verstehen ist als „[…] soziale Produktion von Raum als einem vielschichtigen und oft widersprüchlichen gesellschaftlichen Prozess, eine spezifische Verortung kultureller Praktiken, eine Dynamik sozialer Beziehungen, die auf die Veränderbarkeit von Raum hindeuten“,7 so mag man zwar die in der Definition durchscheinenden gesellschaftspolitischen Implikationen als Novität betrachten, der prozessual-dynamische Argumentationsansatz hingegen ist keineswegs neu. So hat Ernst Cassirer in seiner Philosophie der symbolischen Formen in einem großen philosophiegeschichtlichen Zusammenhang,8 in nuce in einem 1930 gehaltenen Vortrag zum Thema Mythischer, ästhetischer und theoretischer Raum in Anlehnung an Leibniz „[…] die wahre Natur von Raum und Zeit […]“ mittels des Begriffs der „Ordnung“ bzw. der „Beziehung“ erklärt.9 Raum und Zeit sind für Cassirer, anders als noch für Kant, der in ihnen apriorisch Bedingungen für die Möglichkeit von Erkenntnis erkannte und sie zu „[…] existierenden Undingen […]“10 erklärte, durch den Begriff der „Ordnung“ der metaphysischen Kategorie der „Substanz“, also dem „Sein“, übergeordnet. „Raum und Zeit sind keine Substanzen, sondern vielmehr ‚reale Relationen‘; sie haben ihre wahrhafte Objektivität in der ‚Wahrheit von Beziehungen‘, nicht an irgendeiner absoluten Wirklichkeit.“11 Die sich daraus ableitenden Konsequenzen sind eindeutig: Wenn Raum und Zeit keinen Seinscharakter haben, fehlt ihnen „[…] die absolute Identität, die Einheit und Einerleiheit in sich selbst, [die] den logischen Grundcharakter des Seins [bildet]“.12 Die Ordnung hingegen zeichnet sich aus durch „[…] das Moment der Verschiedenheit, der inneren Vielgestaltigkeit […]“ und der „[…] Mannigfaltigkeit […]“.13 Für Cassirer hat dies epistemologisch den großen Vorteil, dass „[u]nter der Herrschaft des Ordnungsbegriffs […]“14 Raum nicht mehr in seiner Dinghaftigkeit gesehen, sondern dass die Welt insgesamt als ein „[…] System von Ereignissen […]“ betrachtet wird, in dessen „[…] gesetzliche Ordnung […] Raum und Zeit als Bedingungen, als wesentliche und notwendige Momente [eingehen]“. 15 Damit praktiziert Cassirer eine große Offenheit des Denkens, deren anfängliche Unbestimmtheit und Unbegrenztheit jedoch durch den Ordnungsbegriff bestimmt und eingegrenzt werden. Dies geschieht einerseits auf der begrifflichen Ebene durch „[…] die reine Denkfunktion“, andererseits durch „[…] die Funktion der künstlerischen Anschauung und Darstellung“.16 Letztere erfüllt die kritische Funktion der „Sonderung“ und „Verknüpfung“ nicht begrifflich-theoretisch, sondern indem „[…] sie individuelle Gebilde erstehen [lässt], denen die schaffende Phantasie, aus der sie entstammen, den Atem des Lebens einhaucht, und die sie mit der ganzen Frische und Unmittelbarkeit des Lebens begabt“.17 Der autonome Charakter jedes einzelnen Kunstwerks könnte kaum stärker betont werden als durch die Hervorhebung seiner Individualität und Vitalität. Und so gilt für die Wahrnehmung und Gestaltung des Raums folgerichtig nicht eine „[…] schlechthin feststehende Raum-Anschauung […]“, vielmehr „[erhält] der Raum seinen bestimmten Gehalt und seine eigentümliche Fügung erst von der Sinnordnung […], innerhalb deren er sich jeweilig gestaltet“.18 Diese Sinnordnung ist nicht als eine „[…] schlechthin gegebene, ein für allemal feststehende Struktur […]“19 zu denken, sondern sie resultiert aus der jeweiligen Anschauungsweise, in und aus der sich Raum konstituiert. Cassirer unterscheidet den mythischen vom ästhetischen und theoretischen Raum. Der mythische Raum korrespondiert mit einer „Denkform“ und einem „Lebensgefühl“, die sich, wenn es z.B. darum geht, ein Oben und Unten oder die Himmelrichtungen zu unterscheiden, nicht an mathematisch-physikalischen Kategorien, sondern an „magischen Zügen“ und an der jedem Ort innewohnenden „eigentümlichen Atmosphäre“ orientieren.20 Sowohl die Ganzheit des mythischen Raumes als auch seine „[…] Gestaltung und Gliederung im einzelnen […]“ sind nur im Lichte der „[…] universellen ‚Sinnfunktion‘ des Mythos […]“21 zu verstehen. Der ästhetische Raum hingegen führt uns in „[…] die Sphäre der reinen Darstellung“. Und wiederum ist zu beachten, wie sich Cassirer die „Konstitution“ des ästhetischen Raums „[…] in den bildenden Künsten, in der Malerei, der Plastik, der Architektur […]“ (und sicherlich auch im literarischen Text) vorstellt. Auf keinen Fall handelt es sich um eine photographisch exakte Wiedergabe, „[…] ein bloßes passives ‚Nachbilden‘ der Welt […]“. Vielmehr entsteht „[…] ein neues ‚Verhältnis‘, in das sich der Mensch zur Welt setzt“.22 Cassirers Vorstellung vom (ästhetischen) Raum wird somit nicht von einem statischen Bild, von einer vorzufindenden Gegebenheit geprägt, vielmehr erwächst sie aus einer subjektbezogenen, das Verhältnis von Raum und Zeit systematisch aufeinander beziehenden Sichtweise.23 Verständlicherweise betont Cassirer daher auch, dass der ästhetische Raum im Unterschied zum theoretischen Raum, der nur „gedacht“ wird, echter „Lebensraum“ ist, der jedoch nicht „[…] aus der Kraft des reinen Denkens, sondern aus den Kräften des reinen Gefühls und der Phantasie aufgebaut ist“.24 Mit dem mythischen ist der ästhetische Raum insofern verwandt, als beide „[…] konkrete’ Weisen der Räumlichkeit sind“.25 Auch den künstlerischen Raum sieht Cassirer „[…] durchsetzt mit den intensivsten Ausdruckswerten“.26 Zugleich jedoch erkennt er eine gewachsene Distanz zwischen dem Subjekt und dem dargestellten Objekt, die darauf zurückzuführen ist, dass sich der Mensch durch „[…] zeitlich bestimmte, chronologische Reflexionsformen […]“ aus der „[…] Topologik des mythischen Lebensraums […]“27, d.h. aus dem „[…] Wechselspiel von Kräften, die [ihn] von außen her ergreifen und […] kraft ihrer affektiven Gewalt überwältigen“ 28, befreit. Dabei ist, wie Lüdeke betont,29 ästhetische Raumerfahrung nicht mit rational-analytischer Welterklärung zu verwechseln. Vielmehr liege der Vorzug des Ästhetischen darin, nicht der Zweckhaftigkeit und den Handlungszwängen alltäglicher Lebensbewältigung zu unterliegen, sondern „als Vermittlungs- und Reflexionsmedium“ zu dienen. Der Akt der ästhetischen Raumkonstitution ist ohne die Freiheit des Subjekts nicht vorstellbar. Cassirer hat jedoch auch die Konsequenzen im Blick, die sich aus dieser Freiheit ergeben:
Die echte ‚Vorstellung‘ ist immer zugleich Gegenüber-Stellung; sie geht aus vom Ich und entfaltet sich aus dessen bildenden Kräften; aber sie erkennt zugleich in dem Gebildeten ein eigenes Sein, ein eigenes Wesen und ein eigenes Gesetz – sie lässt es aus dem Ich erstehen, um es zugleich gemäß diesem Gesetz bestehen zu lassen und es in diesem objektiven Bestand anzuschauen. So ist der ästhetische Raum […] ein Inbegriff möglicher Gestaltungsweisen, in deren jeder sich ein neuer Horizont der Gegenstandswelt aufschließt.30
Mit dieser Definition der ästhetischen Raumkonstitution stellt Cassirer bereits eindeutig ein semiotisches Verständnis von Raum unter Beweis: Er formuliert die Vorstellung, dass ein schöpferisches Subjekt Raumsignifikation schafft oder, anders ausgedrückt, dass der Raum seine Struktur der sinnstiftenden, kreativen Tätigkeit eines „Ich“, also eines Künstlers verdankt, dann aber seins-, wesens- und gesetzmäßige Eigenständigkeit gewinnt.
Somit verdienen die folgenden Aspekte besondere Beachtung:31
Jeder Akt der Raumkonstitution ist ein subjektbezogener Prozess. Die Raumwahrnehmung und -darstellung wird subjektiv und intersubjektiv durch mannigfaltige Prozesse beeinflusst, die ihrerseits durch zeitbedingte Faktoren, aber auch durch arbiträre Entscheidungen und unterschiedliche Gefühlslagen gesteuert werden können.
Der im literarischen Text repräsentierte Raum wird bei jedem Leseakt neu konstituiert. Die daraus resultierende Vielfalt unterschiedlicher Raumdeutungen birgt insbesondere im Kontext der kolonialen und postkolonialen Literatur ein nicht unerhebliches Konfliktpotential.32 Dies gilt sicherlich mehr oder weniger für alle Texte, denen eine kontroverse historische Thematik zugrunde liegt.
Die Subjektivität, Aspektgebundenheit und Zeitbedingtheit der Raumdarstellung können zur Folge haben, dass jeder an der Raumsemiosis Beteiligte „Aktant im wahrgenommenen Wirklichkeitsraum“33 ist bzw. werden kann, d.h. konkrete Handlungsfunktionen bzw. -interessen vertritt.
Der Prozess der Raumwahrnehmung und -darstellung ist ein komplexer Vorgang, bei dem die einen (künstlerischen) Raum konstituierende Person eine Vielzahl von auditiven, visuellen, olfaktorischen und haptisch-taktilen Sinneseindrücken aufzunehmen, zu verarbeiten, zu ordnen und nicht zuletzt mit früheren Erfahrungen zu korrelieren hat.34 Zu unterscheiden ist dabei u.a. zwischen der Wahrnehmung von
Räumen, deren Erschließung Bewegung voraussetzt
Geräuschen und Klängen, Formen und Farben, Düften und Gerüchen, Gewichten und Oberflächen
Menschen und anderen Lebewesen, ihrem individuellen Aussehen und Verhalten
einer Vielfalt von – symbolisch oder sprachlich-diskursiv – vermittelten Anordnungen der Raumdeutung bzw. -nutzung
Angesichts der Fülle von Eindrücken, die in den Prozess der Raumsemiosis eingehen, muss man sich den Akt der Raumkonstitution „[…] als eine komplexe kognitiv-semiotische Tätigkeit und [einen] holistischen, synästhetischen und bedeutungssynthetisierenden Akt, der zudem […] sehr selektiv ist“35, vorstellen. Das Merkmal der Selektivität gilt gerade auch für die literarische Darstellung von Räumen, da die komplexe Wahrnehmung eines Raumes, die stets auf einer Vielzahl von Sinneseindrücken sowie kognitiv vermittelter Daten und Informationen beruht, nur so sprachlich angemessen „übersetzbar“ ist. Auch wird man ein inhaltlich-darstellerisches Interesse an der Selektion bzw. an der Hervorhebung von Besonderheiten und Details voraussetzen dürfen.
Die Erinnerung an jegliche sich aus vielfältigen Sinneseindrücken ableitende Raumwahrnehmung ist eindeutig dominant visuell gesteuert. Dies berichten bereits Cicero und Quintilian in einer Geschichte über den Dichter Simonides, der an einem Festbankett teilnahm, dann aber aus dem Saal gerufen wurde. Kurze Zeit später stürzte die Saaldecke ein, Gastgeber und Gäste waren unter den Trümmern begraben und bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Simonides vermochte jedoch mühelos alle Toten zu identifizieren, da er sich den Sitzplatz jedes Einzelnen eingeprägt hatte.36 Die Bedeutung der visuellen Wahrnehmung beschränkt sich jedoch nicht auf die detektivische Aufklärung spezieller räumlicher Gegebenheiten, sie dient vielmehr der Erschließung von Welt schlechthin. In welchem Maße dies für die Literaturwissenschaften relevant ist, hat insbesondere Jurij M. Lotman in seinen Überlegungen zur Semiotik des Raums aufgezeigt. Die Entwicklung seiner Gedanken soll daher in einem größeren Kontext nachgezeichnet werden.
2.2 Jurij M. Lotmans Konzept des künstlerischen Raums
Der 1922 geborene russische Literaturwissenschaftler Jurij M. Lotman, der ab 1954 bis zu seinem Tod 1993 an der Universität Tartu in Estland lehrte, hat sich in seinem Werk mehrfach mit dem Problem des künstlerischen Raums auseinandergesetzt. Dabei wird die Entwicklung seines Denkens durch die diesbezüglichen Darstellungen in seinem erstmals 1972 in deutscher Übersetzung erschienenen Standardwerk Die Struktur literarischer Texte1 und in dem erst 2010 in deutscher Sprache unter dem Titel Die Innenwelt des Denkens2 veröffentlichten Spätwerk markiert. Das in letzterem entwickelte Modell der Semiosphäre hat Lotman in kondensierter Form ebenfalls unter dem Titel „Über die Semiosphäre“ in einem Zeitschriftenaufsatz vorgestellt.3
Lotman geht – wie Cassirer – davon aus, dass im Kunstwerk „[…] ein endliches Modell der unendlichen Welt [dargestellt wird]“, die reale Welt dabei jedoch nicht kopiert, sondern in eine andere, künstlerische Wirklichkeit übersetzt wird.4 Die unterschiedlichen Künste bedienen sich dabei unterschiedlicher Kodierungen. So wurde in der Malerei die Perspektive zu einem Mittel, die Pluridimensionalität des Raumes der Wirklichkeit in die Zweidimensionalität eines in einen Rahmen eingefügten Bildes zu übertragen. Für Lotman wird jedoch auch „[…] die Struktur des Raumes eines Textes zum Modell der Struktur des Raumes der ganzen Welt […]“.5 Er begründet dies damit, dass „[…] die Denotate verbaler Zeichen in ihrer Mehrzahl irgendwelche räumlichen, sichtbaren Objekte sind […]“ und der Rezeption „verbalisierter Modelle“ ein ikonisches, Anschaulichkeit ermöglichendes Prinzip zugrunde liegt.6 Um diese Behauptung zu belegen und zu veranschaulichen, schlägt er eine Art Gedankenexperiment vor: Man stelle sich einen in höchstem Grade abstrahierten Begriff, „irgendein Alles“, vor und definiere seine Merkmale. Dabei werde man sich eines räumlich bestimmten Terminus wie „Unbegrenztheit“ bedienen, was durch die Beziehung zur räumlichen Grenze und die durch den Ausdruck evozierten Assoziationen naheliege. Nimmt man den – von Lotman nicht genannten – Begriff „Vollkommenheit“ als Beispiel, der landläufig mit den fünf „vollkommenen“ platonischen Körpern (Tetraeder, Oktaeder, Ikosaeder, Würfel, Dodekaeder) oder mit Kreis und Kugel in Verbindung gebracht wird, leuchten seine o.g. Erläuterungen ebenso ein wie seine Behauptung, dass der Begriff „[…] Universalität … für die Mehrzahl der Menschen einen deutlich räumlichen Charakter [habe]“.7
Für Lotmans Vorstellung des künstlerischen Raums als eines Modells der Wirklichkeit ist sodann eine von A.D.Aleksandrov aufgestellte Definition des Raums konstitutiv, die einerseits den Begriffsumfang sehr weit fasst, andererseits Relationalität als ein allgemein gültiges Merkmal des Raums bestimmt. Für Aleksandrov ist Raum
[…] die Gesamtheit homogener Objekte (Erscheinungen, Zustände, Funktionen, Figuren, Werte von Variablen u.dgl.), zwischen denen Relationen bestehen, die den gewöhnlichen räumlichen Relationen gleichen (Ununterbrochenheit, Abstand u.dgl.). Wenn man eine gegebene Gesamtheit von Objekten als Raum betrachtet, abstrahiert man dabei von allen Eigenschaften dieser Objekte mit Ausnahme derjenigen, die durch die gedachten raumähnlichen Relationen definiert sind.8
Diese Betrachtungsweise erlaubt die Übertragung räumlicher Vorstellungen auf Bereiche, die eigentlich nicht räumlich geprägt sind. So spricht man daher in der Mathematik und in den Naturwissenschaften z.B. vom „Zahlenraum“, „Farbenraum“ oder „Phasenraum“. Auch richten wir in unserem Alltag gerne „Freiräume“ ein und denken langfristig in größeren „Zeiträumen“. Zugleich aber bedienen wir uns verschiedener topologischer Gegensatzpaare wie „hoch – niedrig“, „rechts – links“, „nah – fern“, „offen – geschlossen“, „abgegrenzt – nicht abgegrenzt“, „diskret – ununterbrochen“ keineswegs nur zur Beschreibung räumlicher Beziehungen, vielmehr setzen wir sie auch ein, um z.B. im sozialen (‚eine offene/geschlossene Gesellschaft‘, ‚nahe/ferne Bekannte‘) oder politisch-ökonomischen (‚hohe/niedrige Gewinne‘) Bereich Beurteilungen und Wertungen vorzunehmen. Auch ist unser Denken durch vertikal strukturierte Hierarchisierungen, wie sie z.B. in der Unterscheidung zwischen „Himmel – Erde – Hölle/Unterwelt“ zum Ausdruck kommen, in einer räumlichen, zugleich jedoch wertmäßig differenzierenden Weise vorgeprägt.
Zum „[…] wichtigsten topologischen Merkmal des Raumes […]“ wird für Lotman jedoch die Grenze, die „[…] den Raum in zwei disjunkte Teilräume [teilt]“, deren „innere Struktur […] verschieden [ist]“. Die Grenze zeichnet sich zuvörderst durch ihre „Unüberschreitbarkeit“ aus, sie „[…] muss unüberwindlich sein […]“. Die „disjunkten Teilräume“ sind nicht notwendigerweise als aneinander grenzende, sich feindlich begegnende Territorien zu denken, vielmehr nennt Lotman beispielhaft „[…] eine Aufteilung in Freunde und Feinde, Lebende und Tote, Arme und Reiche oder andere […]“.9
In Lotmans Vorstellung vom künstlerischen Raum und damit auch in seiner Narratologie ist die Grenze auf das engste mit dem Begriff des „Sujet“ bzw. des „Ereignisses“ verbunden. Die Frage: „Was ist ein Ereignis als Einheit des Sujetaufbaus?“ beantwortet er folgendermaßen: „Ein Ereignis im Text ist die Versetzung einer Figur über die Grenze eines semantischen Feldes.“10 Angesichts der Charakterisierung der Grenze als einer unüberwindbaren Trennungslinie überrascht es nicht, dass Lotman ein „Ereignis“ als „[…] revolutionäres Element, das sich der geltenden Qualifizierung widersetzt“,11 bezeichnet. Da ein in diesem Sinne verstandenes „Ereignis“ also etwas gänzlich Unerwartetes bzw. Unwahrscheinliches darstellt, nimmt seine „Sujethaftigkeit“ zu, je geringer die Wahrscheinlichkeit seines Eintretens ist.12
Allerdings bedarf die Unterscheidung zwischen „Ereignis“ und „Nicht-Ereignis“ noch der Präzisierung, insofern ein Geschehen weder losgelöst von seinem „[…] sekundären semantischen Strukturfeld […]“ noch von den jeweiligen „[lokalen] Geordnetheiten […]“13 zu beurteilen ist. Der Kontext der Zitate lässt vermuten, dass Lotman damit den sozio-kulturellen Kontext eines Handlungsablaufs mitsamt seinen bis auf lokaler Ebene zu beobachtenden Differenzierungen meint. So weist er darauf hin, dass das „[…] Sujet […] organisch […] mit dem Weltbild [zusammenhängt], das den Maßstab dafür liefert, was ein Ereignis ist und was nur eine Variante, die uns nichts Neues bringt“14. Die Relativität der Einschätzungen gelte für künstlerische und nicht-künstlerische Texte gleichermaßen, stellt Lotman mit einem Blick auf die „[…] Rubrik der ‚Tagesereignisse‘ in Zeitungen verschiedener Epochen […]“15 fest und betont damit zugleich, dass Einstellungen und Wertmaßstäbe auch dem Wechsel der Zeiten unterworfen sind. Man mag Lotmans Gedanken daher mit folgendem Beispiel veranschaulichen: Ein Papstbesuch löst nicht nur in verschiedenen Ländern, sondern auch in jedem einzelnen Land angesichts der Unterschiede z.B. zwischen ländlichen Gebieten und (Groß-)Städten sowie – in unterschiedlichem Maße – konfessionell-kirchlich gebundenen und kirchenfernen Bevölkerungsschichten unterschiedlichste Reaktionen aus, die von begeisterter Zustimmung („Jahrhundertereignis“) bis zu entschiedener Ablehnung („unnötige Geldverschwendung“) reichen dürften, die darüber hinaus jedoch auch durch zeitbedingte Faktoren beeinflusst werden.
Wenn Lotman den Akt der – unerwarteten – Grenzüberschreitung als Ereignis bzw. Sujet eines Textes bezeichnet, dann sind die agierenden Figuren als bewegliche Helden zu bezeichnen. Er nennt beispielhaft Balzacs Rastignac, der sich – topologisch ausgedrückt – gesellschaftlich von „unten“ nach „oben“ emporarbeitet, und Shakespeares Romeo und Julia, die sich – ungeachtet der die Häuser Montague und Capulet wie eine hohe Mauer voneinander trennenden Erbfeindschaft – zu ihrer Liebe bekennen. Die Beispiele zeigen, dass Grenzüberschreitungen (a) topologisch markiert, (b) angesichts der aufeinander treffenden Einstellungen, Überzeugungen, Weltbilder zugleich semantisch aufgeladen und (c) selbstverständlich immer auch in einen topographisch mehr oder weniger genau bestimmten Rahmen eingefügt sind.16
Während sujethaften Texten geradezu revolutionäre Eigenschaften eignen, geht von sujetlosen Texten eine die bestehenden Verhältnisse bestätigende Wirkung aus, d.h. dass sie „[…] einen deutlich klassifikatorischen Charakter [haben]“ und die in ihnen agierenden Figuren unbeweglich sind.17
Lotmans Anliegen, die Bedeutung des Raums für die Kunst im Allgemeinen und die Literatur im Besonderen darzustellen und zu begründen, ist so plausibel wie seine Feststellung, dass „[…] die Sprache räumlicher Relationen […] eines der grundlegenden Mittel zur Deutung der Wirklichkeit“18 ist. Weniger zu überzeugen vermögen jedoch der rigoros binäre Charakter seines Raummodells sowie die sich daraus ableitende Unterscheidung zwischen sujetlosen und sujethaften Texten bzw. zwischen unbeweglichen und beweglichen Figuren, da sich die Frage aufdrängt, ob die komplexe Wirklichkeit ausschließlich in dieser schematisierten Form literarisch abgebildet bzw. übersetzt werden kann.19 Unerlässlich ist daher ein Blick auf das in seinem Spätwerk entfaltete Modell der Semiosphäre, in dem die Grenze als topologisches Hauptmerkmal zwar weiterhin von zentraler Bedeutung ist, aber zugleich neu definiert wird.
Lotman hat sein Modell der Semiosphäre in Anlehnung an Vladimir Vernadskijs Konzept der Biosphäre als ein organisches, holistisches Gebilde entwickelt.20 Er betont, dass der Raum der Semiosphäre zwar von abstrakter Natur sei, der Begriff aber nicht metaphorisch gebraucht werde.21 Entsprechend ihrem organischen Charakter „[…] ist […] die Semiosphäre zugleich Ergebnis und Voraussetzung der Entwicklung der Kultur“22. In seiner zuweilen sehr bildhaften Sprache bringt Lotman damit zum Ausdruck, dass die Semiosphäre jenen Nährboden bildet, aus dem kulturelles Leben hervorgeht. Holistisch ist Lotmans Ansatz, insofern für ihn „[…] jede einzelne Sprache […] von einem semiotischen Raum [umgeben ist]“ und „[der] kleinste Funktionsmechanismus der Semiose, ihre Maßeinheit, […] nicht die einzelne Sprache, sondern der gesamte semiotische Raum einer Kultur [ist]“23. Wenn Lotman hier offensichtlich von einer Vielzahl von in einer Semiosphäre nebeneinander existierenden Sprachen ausgeht, ist dies in hohem Grade missverständlich, solange man dabei nur an natürliche Sprachen denkt. Gemeint sind vielmehr
[…] auch Partialsprachen, Sprachen mit eingeschränkten kulturellen Funktionen und sprachähnliche, unausgeformte Gebilde, die zu Trägern der Semiose werden können, wenn sie in einem semiotischen Kontext stehen: Etwa wie ein Stein oder ein seltsam gebogener Baumstamm als Kunstwerk fungieren können, wenn man sie als solches betrachtet. Ein Objekt nimmt die Funktion an, die man ihm zuschreibt.24
Cornelia Ruhe betont, dass Lotman unter „Sprache“ in diesem Kontext „[…] nicht nur natürliche Sprache, sondern auch innerhalb einer Kultur geführte Diskurse, bestimmte kulturelle Phänomene [verstehe]“25. Konkret wird er neben bestimmten Fachsprachen oder Fachjargons z.B. auch verschiedene nonverbale künstlerische oder kunsthandwerkliche Ausdrucksformen im Blick gehabt haben, betrachtete er doch ganz offensichtlich auch „Kleidermoden“26 als „Sprachen“. Angesichts der „[…] unterschiedlichen Art und Funktion […]“27 dieser „Sprachen“ und ihrer stark divergierenden Lebensdauer diagnostiziert Lotman Heterogenität als „[…] Kennzeichen der Semiosphäre […]“28, da man bei synchroner Betrachtung immer „[…] verschiedene Sprachen in verschiedenen Entwicklungsstadien […]“ vorfinde.29 Wenn Lotman nun in eben diesem Zusammenhang überraschenderweise „[…] eine einheitliche Welt (der Semiosphäre) im synchronen Schnitt […]“ entdeckt, bedient er sich dabei eines Vergleichs mit einem Museumssaal, in dem „[…] Exponate aus unterschiedlichen Epochen […]“ mit darauf bezogenen Erläuterungen in „[…] bekannten und unbekannten Sprachen […]“ sowie organisierte Rundgänge und kunsthistorische Führungen „[…] einen zusammenhängenden Mechanismus […] und damit die Abbildung einer Semiosphäre ergeben, deren „[…] Elemente […] nicht in einem statischen, sondern in einem beweglichen, dynamischen Verhältnis zueinander stehen […]“.30 Für Lotman ist eine einheitliche Welt also eindeutig nicht eine symmetrisch-gleichförmige, sondern eine asymmetrische, vielfältig strukturierte Welt, in der permanente Prozesse der Übersetzung zwischen verschiedenen „Sprachen“, die „[…] in den meisten Fällen semiotisch asymmetrisch sind […]“, als „[…] Informationsgenerator […]“31 fungieren und damit innovativ-sinnstiftend wirken.
Asymmetrie ist innerhalb der Semiosphäre besonders stark ausgeprägt „[…] im Verhältnis zwischen dem Zentrum und […] ihrer Peripherie“32. Um diese Gesetzmäßigkeit zu verstehen, bedarf es jedoch eines Blickes auf die Grenze als das topologische Hauptmerkmal der Semiosphäre. In deutlicher Abkehr von seinen frühen Schriften, in denen er, wie oben dargelegt wurde, das Prinzip einer strikten Opposition zwischen aneinander grenzenden Räumen vertrat, definiert Lotman die Grenze in Die Innenwelt des Denkens wesentlich differenzierter. Zwar erinnert er an das binäre Modell mit dem Hinweis, dass „[am] Beginn jeder Kultur […] die Einteilung der Welt in einen inneren („eigenen“) und einen äußeren Raum (den der „anderen“) [stehe]“33, als wesentliches Charakteristikum der Grenze bezeichnet er jedoch ihre „Ambivalenz“:
Einerseits trennt sie, andererseits verbindet sie. Eine Grenze grenzt immer an etwas und gehört folglich gleichzeitig zu beiden benachbarten Kulturen, zu beiden aneinandergrenzenden Semiosphären. Die Grenze ist immer zwei- oder mehrsprachig. Sie ist ein Übersetzungsmechanismus, der Texte aus einer fremden Semiotik in die Sprache „unserer eigenen“ Semiotik überträgt; sie ist der Ort, wo das „Äußere“ zum „Inneren“ wird, eine filternde Membran, die die fremden Texte so stark transformiert, dass sie sich in die interne Semiotik der Semiosphäre einfügen […].34
Die Grenze, oder, genauer: der Grenzraum bzw. die Peripherie stellen somit für Lotman einen überaus produktiv-kreativen Bereich dar, in dem aus der dynamischen, oft auch spannungsreichen Begegnung unterschiedlicher „Sprachen“ und der damit notwendigerweise einhergehenden Vermittlung zwischen unterschiedlichen Kodierungen neue Ausdrucksformen („Sprachen“) hervorgehen. Die generative Kraft des Grenzraums könne so stark sein, dass sich im Laufe der Zeit das Verhältnis zwischen Zentrum und Grenze umkehre.35
Das Zentrum hingegen ist der Ort der Semiosphäre, an dem die „[…] am meisten entwickelten und strukturell am stärksten organisierten Sprachen“, also „[i]n erster Linie […] die natürliche Sprache der jeweiligen Kultur“36 dominieren und ihre die Kultur, die Rechts- und Wertvorstellungen einer Gesellschaft normierende Wirkung entfalten. Exemplarisch nennt Lotman den florentinischen Dialekt, der sich während der Renaissance als gesamtitalienische Literatursprache etablierte und, wie hinzuzufügen wäre, im Laufe der Jahrhunderte zur italienischen Hochsprache wurde; die Rechtsnormen, deren Geltungsbereich von Rom aus auf das ganze Imperium ausgeweitet wurde und die, wie einmal mehr zu ergänzen ist, bis heute das Rechtssystem in weiten Teilen Europas und der Welt mit prägen; die Etikette, die vom Hofe Ludwigs XIV. auf die Höfe Europas ausstrahlte.37
Neben den zwischen unterschiedlichen Semiosphären liegenden Grenzen erkennt Lotman jedoch auch Binnengrenzen innerhalb der Semiosphären, durch die „Sub-Semiosphären“ entstehen, deren wechselseitige Beziehung unterschiedlich strukturiert sein kann. Binnengrenzen kommen z.B. durch die in einer Semiosphäre nebeneinander bestehenden Sprachen zustande. Für Lotman kann jedoch auch „[d]ie Grenze der Persönlichkeit […]“ zur „semiotischen Grenze“ werden, wobei der Begriff „Persönlichkeit“ nicht in einer kulturübergreifend einheitlichen Weise interpretiert wird und keineswegs immer „mit den physischen Grenzen des menschlichen Individuums“ übereinstimmt.38
Konsequenterweise geht im Denken Lotmans mit der modifizierten Definition des Begriffs „Grenze“ eine Neudefinition des Sujet-Begriffs und der „beweglichen Figuren“ einher. Statt – wie bisher – von einer einen „inneren“ von einem „äußeren“ Raum trennenden Grenze zu sprechen, die „[…] eine Figur … überschreiten kann“, geht er nun von einer „[…] davon abgeleitete[n], komplexere[n] Situation“ aus. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass statt einer Figur „[…] ein paradigmatisches Bündel von Figuren […]“ auf eine „[…] Untergruppe von personifizierten Hindernissen […]“ bzw. auf „[…] unbewegliche Feind-Figuren […]“ trifft, so dass der „[…] Sujetraum […] mit zahlreichen, auf unterschiedliche Weise miteinander verbundenen oder widerstreitenden Helden „besiedelt“ ist“.39 Die mit der komplexen Wirklichkeit nicht zu vereinbarende, dogmatisch anmutende Rigidität des ursprünglichen Ansatzes wird damit überwunden, die Offenheit des Denkens nachdrücklich unterstrichen.40 Die „bewegliche Figur“ des binären Modells, die eine Grenze zwischen disjunkten Räumen überschreitet, mutiert zu einer „interkulturellen Übersetzerinstanz“ in einer Semiosphäre, die sich durch „[…] die stete Umformung des semiotischen Raumes […]“41 auszeichnet.
Weitaus weniger ergiebig hingegen ist Lotmans Beitrag zur Erforschung des Zusammenhangs zwischen der Raum- und Zeitdarstellung in der Kunst und in der Literatur. Zu diesem Thema findet man in seinem Werk allenfalls einige Randbemerkungen.42 Das Interesse der Literaturwissenschaft für diese Problematik wurde unterdessen neu geweckt durch Michail Bachtins Formen der Zeit und des Chronotopos im Roman.43 Die zentralen Gedanken dieser Studie seien daher kurz zusammengefasst.
2.3 Michail Bachtins Theorie der Chronotopoi
In der Einleitung zu Chronotopos kennzeichnet Bachtin das symbiotische Verhältnis zwischen Zeit und Raum „[i]m künstlerisch-literarischen Chronotopos […]“, indem er feststellt, dass „[d]ie Merkmale der Zeit […] sich im Raum [offenbaren], und der Raum […] von der Zeit mit Sinn erfüllt [wird]“1. Gerade auch für den literarischen Bereich sei der Chronotopos „von grundlegender Bedeutung“, allerdings sei „die Zeit das ausschlaggebende Moment“. Das von der Literatur gezeichnete „Bild vom Menschen“ sei immer „chronotopisch“2. Beim Chronotopos ist indes nicht von der „darstellenden realen Welt“ auszugehen, vielmehr bezeichnet der Begriff die vom Autor in seinem Werk geschaffene, modellierte, abgebildete Welt bzw. die vom Hörer/Leser im Rezeptionsprozess „wiedererschaffene“ Welt.3
In einer Fußnote trägt Bachtin eine philosophische Begründung für diese Auffassung vor.4 Er stimmt – anders als Cassirer – 5 mit dem von Kant in der Kritik der reinen Vernunft definierten apriorischen Charakter von Raum und Zeit überein, insofern auch für ihn jegliche Erkenntnis ohne die Bindung an Raum und Zeit unmöglich ist. Kant definiert Raum und Zeit als „[…] Bedingung der Möglichkeit der Erscheinungen, und nicht als eine von ihnen abhängende Bestimmung […]“6. Bachtin teilt Kants „[…] Einschätzung zur Bedeutung dieser Formen im Erkenntnisprozess“, versteht sie jedoch „[…] – im Unterschied zu Kant – nicht als ‚transzendentale‘, sondern als Formen der realen Wirklichkeit selbst“, und er will darstellen, „[…] welche Rolle diese Formen im Prozess der konkreten künstlerischen Erkenntnis (des künstlerischen Sehens) unter Bedingungen, die dem Romangenre eignen, spielen“7. Wenn Bachtin in diesem Zusammenhang von „der realen Wirklichkeit“ spricht, so denkt er dabei, wie Michael C. Frank und Kirsten Mahlke wohl zu Recht – übrigens auch unter Berufung auf den von Michel Foucault geprägten Begriff des „historischen Apriori“ – betonen, an die jeweils epochenspezifischen Voraussetzungen, unter denen jeder Autor seine Vorstellungen von Raum und Zeit entwickelt.8
In seinen Schlussbemerkungen analysiert Bachtin die wechselseitige Wirkung von Raum und Zeit in einigen der „[…] typologisch beständigen Chronotopoi […]“9, um im Anschluss daran die Funktion der Chronotopoi für das Ganze des Romans zu bestimmen. Beispielhaft sei hier auf das „Schloss“ hingewiesen, das „[…] angefüllt [ist] mit Zeit, und zwar mit historischer Zeit“ und „[…] in den verschiedenen Teilen seines Baues, im Mobiliar, in den Waffen, in der Ahnengalerie, in den Familienarchiven, in den spezifischen Beziehungen der menschlichen Erbfolge […]“10 von sichtbaren Spuren der Vergangenheit gezeichnet ist.
Die Funktion der Chronotopoi definiert Bachtin in einem ersten Ansatz nüchtern abstrakt, indem er sie als „[…] Organisationszentren der grundlegenden Sujetereignisse des Romans“11 bezeichnet. Sodann bedient er sich einer sehr anschaulich-bildlichen Sprache, indem er den Chronotopos im Hinblick auf seine „[…] gestalterisch[e] Bedeutung […]“ als „[…] Angelpunkt für die Entfaltung der Szenen im Roman […]“ kennzeichnet, um in einer weiteren Steigerung in einer beinahe enthusiastisch anmutenden Sprache festzustellen:
Somit bildet der Chronotopos als die hauptsächliche Materialisierung der Zeit im Raum das Zentrum der gestalterischen Konkretisierung, der Verkörperung für den ganzen Roman. Alle abstrakten Romanelemente – philosophische und soziale Verallgemeinerungen, Ideen, Analysen von Ursachen und Folgen und dgl. – werden vom Chronotopos angezogen, durch ihn mit Fleisch umhüllt und mit Blut erfüllt und werden durch ihn der künstlerischen Bildhaftigkeit teilhaftig.12
Neben der explizit genannten „gestalterischen Bedeutung“ haben die Chronotopoi somit als „Organisationszentren der grundlegenden Sujetereignisse“ zusätzlich eine wichtige erzähltheoretische Funktion. Auch wird durch die von Bachtin in der Einleitung als „[…] Form-Inhalt-Kategorie […]“13 bezeichneten Chronotopoi das den jeweiligen literarischen Text beherrschende Bild vom Menschen entscheidend mitgeprägt, insofern im Roman alles Abstrakte in konkrete „Bildhaftigkeit“ übersetzt wird.14
ZWEITER TEIL (B) ANALYSE DER LITERARISCHEN SUCHBEWEGUNGEN IM ERZÄHLWERK CÉCILE WAJSBROTS
1 Inhaltliche und methodische Entscheidungen
Bevor das Thema der vorliegenden Studie vor dem Hintergrund der in A 1 und A 2 vorgetragenen Überlegungen inhaltlich begründet und darauf abgestimmte Untersuchungsfelder und methodische Entscheidungen dargelegt werden können, ist zu klären, nach welchen Gesichtspunkten sich das umfangreiche erzählerische Gesamtwerk Cécile Wajsbrots ordnen und in ein Gliederungsschema übertragen lässt.
1.1 Aufteilung des Erzählwerks in inhaltlich definierte Themenfelder
Dass die Bedeutung des Raumes für die Autorin außer Frage steht, hat sie nicht nur in dem bereits in der Einleitung zitierten Gespräch mit Dominique Dussidour, sondern in einer stark verallgemeinernden Form ebenfalls in einem auf Haute Mer bezogenen Dialog mit dem Romancier Pierre Cendors betont: „Les lieux ont toujours beaucoup d’importance, pour moi. C’est comme s’il me fallait avant tout ancrer le roman, l’installer quelque part.“1
Stellen Raum und Bewegung als primäre konstitutive Elemente eines jeglichen Erzähltextes für Cécile Wajsbrot eine Konstante dar, so sind gleichzeitig in ihrem Werk inhaltlich-thematische und formale Entwicklungen zu beobachten, die allerdings nicht streng linear-chronologisch verlaufen. So erklärt sie gegenüber Pierre Cendors, dass die Abfassung und Veröffentlichung voneinander isolierter Romane sie nach einer gewissen Zeit nicht mehr zufrieden stellten. Vielmehr habe sie den Eindruck gehabt „[…] d’aller d’île en île, d’être dans la discontinuité, la dispersion“ 2. Zu diesem Thema äußert sie sich in ähnlicher Weise gegenüber Dominique Dussidour. Sie bewundere ihren Kollegen Frédéric-Yves Jeannet, der, ohne sich zu wiederholen, in jedem neuen den Faden des vorangegangenen Werkes wieder aufnehme. Ihre auf den Romanzyklus Haute Mer bezogenen eigenen Pläne präzisiert sie folgendermaßen: „C’est cette continuité que j’aimerais trouver, m’atteler à un ensemble cohérent […] écrire quelque chose qui serait le premier volet d’un ensemble de trois ou cinq livres autour de la question de la création, l’œuvre d’art et sa réception“.3
Beklagt Cécile Wajsbrot hier eindeutig einen Mangel an inhaltlicher Kohärenz in ihrem Werk, so kritisiert sie an einer anderen Stelle desselben im Jahre 2005 geführten Gesprächs ihren 2001 erschienenen Roman Nation par Barbès, da das zeitrelevante Thema der illegalen Einwanderung nicht in einem stimmigen Verhältnis zur traditionell-akademischen Form des Romans stehe.4
Als positives Element ihrer schriftstellerischen Entwicklung hingegen betrachtet Cécile Wajsbrot, wie sie 2005 gegenüber Dominique Dussidour erklärt, die – depuis plusieurs livres déjà – 5 praktizierte Anonymisierung der handelnden Figuren in ihren Romanen. Mit der auf diese Weise vollzogenen Abstraktion, die einer „Entindividualisierung“ der handelnden Figuren gleichkommt, bewirkt die Autorin eine Verallgemeinerung der geschilderten „histoires“.
Der von der Autorin beschriebene Prozess verläuft indes keineswegs ganz konsequent. In ihrem dritten, 1995 erschienenen Roman Le Désir d’Équateur wird die Vordergrundhandlung – die konfliktreichen Erfahrungen der namenlos bleibenden, bisexuell orientierten autodiegetischen Erzählerin – durch den zeitgeschichtlichen Hintergrund des Falls der Berliner Mauer reflektiert und damit auch verallgemeinert. Allerdings steht in dem zwei Jahre später publizierten Roman La Trahison die individuelle Geschichte des namentlich genannten Protagonisten Louis Mérian zweifellos auch beispielhaft für das Verhalten der zur Zeit der Vichy-Regierung recht zahlreichen Anhänger der Kollaboration. Im Hinblick auf den 2001 folgenden Roman Nation par Barbès ist vielleicht zu vermuten, dass die (oben erwähnte) Unzufriedenheit der Autorin mit der formalen Gestaltung u.a. ihrem Verzicht auf Anonymisierung der Charaktere geschuldet ist.
Zu berücksichtigen ist schließlich auch, dass Cécile Wajsbrot bereits in ihrem ersten, 1982 erschienenen Roman Une vie à soi mit dem Streben nach schriftstellerisch-literarischer Selbstverwirklichung ein auf Kunst und Literatur bezogenes und damit eigentlich eher für den sehr viel später konzipierten Zyklus Haute Mer geeignetes Thema in einer ihr heute vermutlich nicht mehr angemessen erscheinenden Form und mit namentlich genannten Figuren aufgegriffen hat.
Da die inhaltlichen und formalen Entwicklungen im Werk Cécile Wajsbrots zwar evident, aber nur in eingeschränktem Maße periodisierbar sind, sollte die Gliederung einer auf Suchbewegungen (und damit auch auf Räume) im Erzählwerk der Autorin bezogenen Untersuchung nicht primär und ausschließlich diachronisch angelegt sein. Um zu einem sachgerechten Gliederungssystem zu gelangen, ist es vielmehr notwendig, sich noch einmal genauer bewusst zu machen, dass Cécile Wajsbrot, wie in der Einleitung dargestellt, Raum nie als eine vorgegebene und damit nur noch quasi photographisch abzubildende Größe betrachtet, sondern dass Raumkonstitution sich von Werk zu Werk neu in einem dynamischen Prozess als Bewegung und Suche nach einer optimalen „Verankerung“ der Handlung bzw. als „quête du lieu idéal“ vollzieht. Die in allen Werken inszenierten Suchbewegungen lassen sich drei unterschiedlichen, in erster Linie inhaltlich-thematisch definierten Themenfeldern zuordnen. Die angedeuteten Entwicklungslinien im Werk der Autorin werden durch diese Anordnung keineswegs verdeckt.
Da Cécile Wajsbrot ihre größeren, als „roman“ oder „récit“ veröffentlichten Werke selten monothematisch konzipiert, ist allerdings auch die Abgrenzung von Themenfeldern nicht ganz unproblematisch. Dennoch bietet sich eine grobe Einteilung in Werke mit
vorrangig individuell geprägten Konflikten (histoires individuelles) (I)
Bezügen zu historischen und/oder aktuellen politisch-gesellschaftlichen Problembereichen (II)
Bezügen zu Literatur und Kunst (III)
an.
Ohne weitere Begründung sind folgende Zuordnungen möglich:
(I) Voyage à Saint-Thomas (1998), L’hydre de Lerne (2011)6
(II) La Trahison (1997), Beaune-la-Rolande (2004), Mémorial (2005)
(III) Conversations avec le maître (2007), L’Île aux musées (2008), Sentinelles (2013), Totale Éclipse (2014)
Nachfolgend soll die mit Vorbehalten erfolgende Einordnung der anderen Werke kurz begründet werden. Die Begründungen mögen nicht in jedem Einzelfall zwingend, sie sollten jedoch nachvollziehbar und vertretbar sein.
Dem Themenfeld I mit Einschränkungen zuzuordnen sind:
Atlantique (1993)Atlantique ist ein kompliziertes zwischenmenschliches „Beziehungsdrama“, in dem der Tod einer jungen Frau, die das einzige weibliche Mitglied eines Streichquartetts war, den Regisseur Gilles veranlasst, die drei anderen Mitglieder des Quartetts zu einem privaten Gedenkkonzert einzuladen, bei dem Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ (Text: Matthias Claudius) aufgeführt werden soll. Das von der Renaissance bis in die Gegenwart in der Malerei (Hans Baldung Grien), Musik (Schubert) und Literatur (Walser, Michel Tournier) aufgegriffene und verarbeitete Thema wird von Cécile Wajsbrot in sehr eigenständiger Art bearbeitet. Die von den vier Satzbezeichnungen des Streichquartetts übernommenen Kapitelüberschriften bilden ein vornehmlich formales Bindeglied und spiegeln allenfalls teilweise die steigende Dramatik der Handlung wider.
Le Désir d’Équateur (1995)In ihrem Roman Le Désir d’Équateur behandelt Cécile Wajsbrot das Thema Bisexualität primär aus individualpsychologischer und nicht aus gesellschaftskritischer Perspektive. Die zeithistorischen Bezüge – der 09.11.1990 als erster Jahrestag des Mauerfalls markiert das Ende der hetero- und homoerotischen Beziehungen der autodiegetischen Erzählerin – dienen der zeitlichen Strukturierung des Handlungsablaufs, sind jedoch darüber hinaus chronotopische Spiegelungen eines existentiellen Neuanfangs.
Mariane Klinger (1996)Im Zentrum der Handlung steht die Bemühung der Titelheldin, sich aus der „Gefangenschaft“ eines „mariage arrangé“ durch die Rückkehr von New York nach Europa zu befreien. Ihre Lektüre von Thomas Manns Joseph und seine Brüder, die Anwesenheit Thomas Manns an Bord des Schiffes, die Begegnung mit anderen Passagieren, die zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und Gegenwart führen, dienen dazu, die individuelle Suche Mariane Klingers nach einem Ort, der für sie Glück bedeuten könnte, zu perspektivieren. Entscheidend für die Zuordnung zum Themenfeld I ist jedoch, dass der Entschluss Marianes und auch Judiths, im Jahr 1929 in einen „mariage arrangé“ einzuwilligen, nicht eindeutig politisch motiviert war.7 Die Entscheidung Marianes, 20 Jahre später ihren Mann und Sohn zu verlassen und nach Europa zurückzukehren, ist zwar nicht monokausal erklärbar, primär jedoch auf das Scheitern des Ehe- und Familienlebens zurückzuführen.
Für die Zuordnung der drei o.g. Romane zum Themenfeld I sprechen überdies die im Kapitel C 2 genannten inhaltlichen und formalen Parallelen sowie – in diesem Fall – die Tatsache, dass sie kurz nacheinander erschienen sind und somit – gemeinsam mit Voyage à Saint Thomas (1998) – einer zusammenhängenden Schaffensperiode angehören, in der allerdings auch der sich durch eine Thematik sui generis auszeichnende Roman La Trahison (1997) entstanden ist.
Dem Themenfeld II mit Einschränkungen zuzuordnen sind:
Nation par Barbès (2001)In Nation par Barbès werden die Glückssuche der in Paris beheimateten und sehr zurückgezogen lebenden Léna und der im Suizid endende Existenzkampf der sich illegal in Paris aufhaltenden, nach Arbeit und Wohnung suchenden Bulgarin Aniela zunächst parallel dargestellt und dann durch Jason, eine zwischen den beiden Frauen stehende dritte Person, miteinander verschränkt. Da Léna eindeutig für Aniela Partei ergreift, ist der Roman weniger im Hinblick auf die individualpsychologischen als vielmehr die gesellschaftskritischen Implikationen bedeutsam.
FugueDer Text liest sich bei nur oberflächlicher Betrachtung wie die Erzählung einer psychopathisch veranlagten autodiegetischen Erzählerin, die nach den für sie nicht genau einzuschätzenden, u.U. jedoch tragischen Folgen eines weitgehend unmotivierten Steinwurfs von der fünften Etage eines Mietshauses von Paris nach Berlin geflohen ist, um sich dort von der Last der Erinnerungen zu befreien und noch einmal „bei Null anzufangen“. Roswitha Böhm weist sicherlich zu Recht darauf hin, dass der Text einerseits „[…] eine Auseinandersetzung mit Schuld und Verstrickung […]“ ist, andererseits jedoch, wie schon zuvor Beaune-la-Rolande, auf „[…] das Gewicht der Geschichte[…]“8, anspielt, das angesichts des Ausmaßes der Verbrechen nicht von nur einer Generation zu tragen sei.
Dem Themenfeld III mit Einschränkungen zuzuordnen sind:
Une vie à soi (1982)Une vie à soi ist allenfalls auf den ersten Blick nur die persönliche Geschichte der (fiktiven) ehrgeizigen Journalistin Anne Figuières. Durch ihre Nachforschungen über das Leben und das Werk Virginia Woolfs und ihre Suche nach einem der Dichterin zugeschriebenen, aber vielleicht gar nicht existierenden Text wird das die beiden Frauen verbindende Streben nach schriftstellerischer Selbstverwirklichung bzw. Identifikation mit Literatur als zentrales Lebensziel zum Ausdruck gebracht. Die emanzipatorischen Parallelen in der persönlichen Lebensführung unterstreichen die Individualität der Charaktere, die sich wesentlich über ihre Entscheidung für das Schreiben definieren.
Caspar-Friedrich-Strasse (2002)Vom zentralen fünften Kapitel an gewinnt eine gescheiterte Liebesgeschichte zwischen dem in Ostberlin beheimateten Erzähler und einer aus Westberlin stammenden Frau an Bedeutung. Da sich in der „histoire individuelle“ die Tragik der deutschen Teilung als „histoire collective“ widerspiegelt, käme grundsätzlich eine Zuordnung zum Themenfeld II in Frage. Allerdings ist die Fokussierung auf Caspar David Friedrich im ganzen Roman von überragender Bedeutung. Jedes der neun Kapitel trägt den Namen eines seiner Bilder. In historisch-philosophisch grundierten Reflexionen thematisiert der autodiegetische Erzähler, der Dichter ist, die Bedeutung der Bilder C.D.Friedrichs für die heutige Zeit. Die Allegorie der fiktiven Caspar-Friedrich-Strasse als ein in eine unbelastete Zukunft führender Weg wird zum Leitbild des Textes, der daher dem Themenfeld III zuzurechnen ist.
Le Tour du lac (2004)Der Text nimmt sich zunächst wie eine Episode im Leben der autodiegetischen Erzählerin aus: Die Schriftstellerin, die seit drei Jahren mit dem Schreiben aufgehört hat, trifft auf sonntäglichen Spaziergängen einen jungen Mann, den sie ermutigt, sich von seinen Eltern zu emanzipieren und sich zu seinen homosexuellen Neigungen zu bekennen. Da ihr jedoch durch die Gespräche bewusst wird, dass es für sie selbst existentiell notwendig ist, ihr Schweigen zu brechen und zum Schreiben zurückzukehren, wird der Text zu einer persönlichen und zugleich exemplarischen Auseinandersetzung mit den Aufgaben und gesellschaftlichen Verpflichtungen einer Schriftstellerin.
Die Aufteilung der Texte auf die drei Themenfelder im Überblick:
| I | II | III |
| Atlantique (1993)Le Désir d’Équateur (1995)Mariane Klinger (1996)Voyage à Saint-Thomas (1998) | La Trahison (1997)Nation par Barbès (2001)Beaune-la-Rolande (2004)Mémorial (2005)Fugue (2005) | Une vie à soi (1982)Caspar Friedrich Strasse (2002)Le Tour du lac (2004)Conversations avec le maître (2007)L’Île aux musées (2008)Sentinelles (2013)Totale Éclipse (2014) |
Bzgl. der unter dem Titel Le Visiteur (1999) bzw. Nocturnes (2002) erschienenen kürzeren Erzähltexte verweise ich auf das Kapitel B 5.
1.2 Inhaltliche und methodische Schwerpunktsetzungen und Begründung des Themas
Cécile Wajsbrot hat, wie der Überblick in B 1.1 ausweist, vielen ihrer Romane bzw. Erzählungen raum- bzw. ortsbezogene, z.T. auch Bewegung andeutende Titel gegeben. Orte und Räume scheinen an entscheidenden Stellen der Werke die Figuren in ihrer Denk- und Handlungsweise zu beeinflussen und im wahrsten Sinne des Wortes Suchbewegungen zu provozieren.
Der Raum gehört wie die Zeit, die handelnden Figuren und das Geschehen bzw. die Handlung zu den konstitutiven Elementen eines jeden Erzähltextes, deren Interdependenz Gerhard Hoffmann als „[…] einen abstrakten Bedingungszusammenhang […]“1 bezeichnet hat. So unstrittig einerseits die wechselseitige Bezogenheit der Komponenten aufeinander ist, so unstrittig ist andererseits die Tatsache, dass sie „[…] eigene semantische Kohaerenzen [bilden], die an der immanenten Konsistenzbildung, der Sinnproduktion des Textes teilnehmen“.2 In eine einfache Sprache übersetzt bedeutet dies, dass jede Komponente je eigene Bedeutungsmuster hervorbringt, die in den Prozess der Sinnkonstitution eingehen. Dies macht eine Hervorhebung eines einzelnen Elements wie z.B. des Raumes nicht nur möglich, sondern lässt sie als sinnvoll erscheinen, insbesondere dann, wenn man die funktionale Bedeutung dieser Komponente mit in den Blick nimmt. Im Sinne der Stringenz der Gedankenführung ist dabei jedoch auch das dieser Studie zugrunde gelegte, von Cassirer und Lotman inspirierte Raumverständnis zu berücksichtigen. Cassirer betont, wie in A 2.1 dargestellt, dass Raum nicht auf seine Dinghaftigkeit zu reduzieren sei, sondern die Welt als ein ‚System von Ereignissen‘ betrachtet werden müsse, in das Raum und Zeit als Bedingungen eingehen. Auch Lotmans relational geprägte Raumvorstellung ist prozesshaft-dynamisch angelegt. Dies gilt sowohl für die „bewegliche Figur“ des frühen binären Modells, die in einem „revolutionären Akt“ eine als unüberwindlich geltende Grenze überquert, als auch für die „interkulturellen Übersetzerinstanzen“ der vielgestaltigen Semiosphären, in denen Teilräume (auch) über ihre Beziehungen zu benachbarten Räumen definiert werden. Die Pflege von Beziehungen setzt jedoch die Fähigkeit und Bereitschaft zur Bewegung voraus, das Scheitern von Beziehungen hingegen löst oft mit Bedacht geplante oder aber fluchtartige Bewegungen aus. Für diese Arbeit gilt daher, dass „Orte“ und „Räume“ als relational zu definierende Konstituenten des Erzähltextes stets mit „Bewegung“ und „Suche“ zu assoziieren sind. Zu bedenken ist ferner, dass „Räume“ und „Orte“3 immer durch ihre Vergangenheit und Gegenwart, also durch Zeit, geprägt, Raum und Zeit mithin auf das engste miteinander verflochten sind. Bei der Fokussierung auf „Raum“ und „Bewegung“ darf folglich der Faktor „Zeit“ nicht ausgeklammert werden. Nur unter Einbeziehung dieses Aspekts kann die (funktionale) Analyse einer literarischen Raum- und Suchbewegungsdarstellung zufriedenstellend gelingen. Im Sinne der Interdependenz aller konstitutiven Elemente eines Erzähltextes gilt natürlich auch umgekehrt, dass die Zeit durch den Raum, aber auch durch migratorische Phänomene beeinflusst wird und mit Fug und Recht gesagt werden kann: „Kultur ist ein Chronotopos.“4
Das in dem hier skizzierten Sinn „dynamisierte“ Raumverständnis steht im vollen Einklang mit den Vorstellungen, die Cécile Wajsbrot mit dem literarischen Raum verbindet, den sie nicht als etwas fertig Abgeschlossenes, sondern als ein zu „konstituierendes“ und kontinuierlich zu „rekonstituierendes“ Grundelement, als „ancrage“ der Diegese betrachtet. Da sich dieses Konstituens in das Ganze des literarischen Genres „Roman“ einfügt, das die Autorin als „[…] totalité de la forme, totalité du contenu, totalité de la forme et du contenu […]“, kurzum als „totalité“5 definiert, muss die Fokussierung auf dieses Element in einer den Kontext in angemessener Weise einschließenden Weise erfolgen. Da Cécile Wajsbrot „Raum“ nicht um seiner selbst willen, also im Sinne eines lediglich dekorativen Hintergrunds, gestaltet, sondern – in gezielter Hinordnung auf die handelnden Figuren – als „générateur de mouvements“ einsetzt, ist ihr inhaltlich und formal vielgestaltiges Erzählwerk in seiner Gesamtheit als „literarische Suchbewegung“ zu charakterisieren. Da eine „literarische Suchbewegung“ sich jedoch über eine Analyse der Beziehung zwischen unterschiedlichen Orten bzw. Räumen erschließt, bietet sich Lotmans „relational“ zu verstehende Raumsemantik, sei es in ihrer frühen, streng binären oder der späteren, integrierenden Auslegung, als Analysemodell geradezu an.
Im Hinblick auf die Wahl des Themas dieser Arbeit legen die vorangegangenen Überlegungen die Schlussfolgerung nahe, die Idee der „literarischen Suchbewegung“ als das „tertium comparationis“ aller Romane (und Erzählungen) Cécile Wajsbrots in das Zentrum des Erkenntnisinteresses zu rücken. In einer Studie mit dem Titel „Das Erzählwerk Cécile Wajsbrots – eine literarische Suchbewegung“6 werden Räume in ihrer Bezogenheit aufeinander und damit in ihrer Funktionalität, aber auch in ihrer Beschaffenheit, die immer auch funktionalisiert wird, analysiert. Mit der Fokussierung auf Raum und Bewegung lässt die Untersuchung thematische Schwerpunkte und Entwicklungen hervortreten, die für das literarische Schaffen C. Wajsbrots von zentraler Wichtigkeit sind.
Hermeneutischer Arbeitsweise gemäß soll im Zuge einer „relecture guidée“ ermittelt werden, ob und ggf. in welchem Maße bzw. in welcher Weise die vorangegangene globale Charakterisierung des Erzählwerks C. Wajsbrots bestätigt werden kann. Die Lektüre wird gelenkt durch die nachfolgend genannten narratologischen, semiotischen und traditionell-hermeneutischen Kriterien, die nicht der Reihe nach schematisch abgearbeitet, sondern – in Abhängigkeit von ihrer textbezogenen Relevanz – bei einer kritischen, kontextualisierenden Gesamtschau der Texte berücksichtigt werden sollen.7
Zu unterscheiden sind – in freier Anlehnung an das semiotische Modell Nünnings8 – die Auswahl und die Relationierung der Schauplätze (paradigmatische/syntagmatische Achse) sowie eine Achse der Perspektivierung, die in der vorliegenden Arbeit anders als von Nünning definiert wird. Hier ist jeweils abschließend zu klären, ob und warum ein Text als „literarische Suchbewegung“ zu betrachten ist und in welcher Weise Lotmans Raumsemantik sich als Analyseinstrumentarium bewährt. Der Aspekt der „erzählerischen Vermittlung“9, den Nünning auf einer diskursiven Achse ansiedelt, wird in dieser Studie auf die syntagmatische Achse verlagert, auf der somit nicht nur „[…] das Ergebnis der Verknüpfungen sowie die Relationen zwischen mehreren Schauplätzen greifbar“10 wird, sondern auch die Art und Weise, in der diese Zusammenhänge sprachlich vermittelt werden.
Zu überprüfen ist, ob und ggf. in welcher Art und Weise handelnde Figuren durch die Wahl des sie umgebenden Raums und/oder durch bestimmte Raumerlebnisse und Bewegungen im Raum geprägt und in ihrer Denk- und Handlungsweise beeinflusst werden.
In diesem Zusammenhang zu beachten ist die Interdependenz zwischen Raum und Zeit, wie sie sich in klassischen Chronotopoi wie dem Heidelberger Schloss (Mariane Klinger), aber auch in den von Erinnerungsspuren gekennzeichneten „lieux de mémoire“ und beliebigen anderen, durch spezifische Zeitfaktoren beeinflussten Orten bzw. Räumen manifestiert.
In formaler Hinsicht gilt bzgl. der Modi der Erzählweise und Beschreibung ein besonderes Augenmerk der Verräumlichung von Zeit.
Angesichts der von Cécile Wajsbrot angestrebten „totalité de la forme et du contenu“ stellt sich die Frage, welche inhaltlichen und formalen Entwicklungen sich in der Darstellung literarischer Suchbewegungen im erzählerischen Werk der Autorin abzeichnen.
2 Themenfeld I
Trotz aller Abweichungen bzgl. der inhaltlichen und formalen Gestaltung sind die zwischen 1993 und 1998 erschienenen Texte des Themenfeldes I arbeitshypothetisch als – im Verlauf der Untersuchung näher zu analysierende – Suchbewegungen der handelnden Figuren zu bezeichnen. Dies wird in drei Fällen – in jeweils unterschiedlicher Art und Weise – bereits durch die Titel der Romane signalisiert: Atlantique (1993) evoziert, als den amerikanischen und europäischen Kontinent miteinander verbindender und voneinander scheidender Ozean, eine Menschen zusammenführende Brücke, aber auch einen sie verschlingenden tiefen Abgrund. Le Désir d’Équateur (1995) benennt ein konkretes Ziel und insinuiert zugleich, dass dieses Ziel möglicherweise gar nicht angesteuert oder zumindest nicht erreicht wird. Voyage à Saint-Thomas (1998) kündigt eine konkrete Handlung an, ohne ihren Ausgangspunkt zu benennen. Mariane Klinger (1996) hingegen fokussiert das Leserinteresse eindeutig auf eine einzige Person, ohne deren singuläres Schicksal anzudeuten.
Erzähltechnisch hebt sich Le Désir d’Équateur durch eine autodiegetische Erzählinstanz und eine assoziative, durch die „stream of consciousness“-Technik inspirierte Erzählweise von den drei anderen Texten ab, die von einer heterodiegetischen Erzählinstanz präsentiert werden. Anders als Mariane Klinger folgt Atlantique keiner chronologisch-linearen Darstellungsform, vielmehr werden Vordergrund- und Hintergrundhandlung konsequent miteinander verschränkt und vereinzelt surrealistisch gefärbte Erzähltechniken verwandt.
Die werkbezogenen, leitfragenorientierten Analysen der Funktionen von Raum und Bewegung setzen exemplarische Schwerpunkte, berücksichtigen aber alle bzgl. des methodischen Ansatzes (in abgewandelter Form) die in B 1.2 vorgestellte, von A. Nünning vorgeschlagene Differenzierung zwischen einer paradigmatischen und einer (jeweils neu definierten) syntagmatischen und perspektivierenden Achse.1 Die Erzählmodi werden nur insoweit in die Betrachtung einbezogen, als dies im Hinblick auf das zentrale Thema der Untersuchung zu vertieften Erkenntnissen führt.
Dass Voyage à Saint-Thomas als letzter der innerhalb des Themenfeldes I erschienenen Romane einer umfassenderen Analyse unterzogen wird, obwohl die Autorin ihn offensichtlich nicht mehr besonders schätzt,2 hat folgende Gründe: Die Hauptfigur Agathe und die dem Text zugrunde liegende „histoire“ spiegeln, in ungleich stärkerem Maße als die zum Teil konstruiert wirkenden Charaktere und „Geschichten“ der drei anderen Texte, einen zwar auf den ersten Blick mitunter banal und sentimental anmutenden, aber insgesamt realistischen Ausschnitt der Alltagswirklichkeit wider. Die Protagonistin verkörpert die Suchbewegungen einer auf die Erfüllung ihrer Liebe hoffenden Frau durchaus wirklichkeitsnahe, da die Erzählstimme die weitgehend aus der Perspektive Agathes dargebotene „histoire“ mit ihren Bezügen zu den semantischen Feldern „Reise“ und „Unterwegssein“ in einer für das Lesepublikum unmittelbar und leicht nachvollziehbaren Weise erzählt. Auf diese Weise wird deutlich, dass menschliches Denken, Sprechen und Handeln nicht nur in durch besondere Bedingungen geprägten Konstellationen, sondern auch in keineswegs singulären bzw. außergewöhnlichen Auseinandersetzungen und Konflikten durch räumliche Faktoren beeinflusst wird. Aus diesem Grunde ist eine ausführliche Textanalyse gerechtfertigt, durch die im Übrigen nachgewiesen wird, dass die Trivialität der Handlung in Voyage à Saint-Thomas durch eine durchaus anspruchsvolle Erzählweise kompensiert wird.
2.1 Atlantique1 – Entfaltung eines personalen Beziehungsgeflechts in Raum und Zeit
Ein Überblick über die Auswahl der wichtigen Schauplätze der Handlung (paradigmatische Achse) hat die den gesamten Text kennzeichnende Verschränkung der Vorder- und Hintergrundhandlung, d.h. des auf die Anbahnung und Durchführung des von Gilles angeregten Erinnerungstreffens und der vergangene Ereignisse reflektierenden Retrospektiven zu berücksichtigen. Das enge Gewebe von Abhängigkeiten zwischen örtlich-räumlichen und personalen Beziehungen wird sodann auf der syntagmatischen Ebene thematisiert, bevor in der perspektivierenden Zusammenfassung die „Beweglichkeit“ der handelnden Figuren (im Lotman’schen Sinn) und damit die Sujethaftigkeit des Romans angesprochen werden. Die Suchbewegungen der Protagonisten werden auf diese Weise von ihren Ursprüngen bis zu den Endphasen transparent.
2.1.1 Auswahl der Orte der Vorder- und Hintergrundhandlung
Zentraler Ort der Vordergrundhandlung ist neben Paris1 ein an der Mündung der Somme gelegenes Haus am Meer, das das durch den Hinweis auf die in der Nähe gelegenen kleinen Seebäder Saint-Valéry und Le Crotoy relativ genau zu lokalisieren ist.2
Für die Vorder- und Hintergrundhandlung ist insbesondere der mit zahlreichen Spiegeln ausgestattete Antiquitätenladen François’ in Paris relevant.
Rückblickend lenkt die Erzählinstanz den Blick vornehmlich auf
das Archiv Hugos (S. 7f.)
die Wohnung Hugos als Ort einer Begegnung mit der Schwester Vincents
(S. 145–149)
„le café de l’avenue calme“ (s. inbesondere S. 28–32)
die Räume eines Empfangs, zu dem François seine Frau begleitet und bei dem sie auf Gilles trifft (S. 32–36)
eine Strandszene in Brasilien, in der Vincent auf seine Schwester trifft (s. insbesondere S. 96–103)
2.1.2 Das Gewebe örtlich-räumlicher und personaler Beziehungen
Gilles lädt die drei noch lebenden Mitglieder des Quartetts zu einem Wiedersehenstreffen nicht an einen neutralen Ort in Paris, sondern in sein „Haus am Meer“ ein, um dort mit ihnen Schuberts Quartett Der Tod und das Mädchen zu spielen. Die Entfernung zwischen den Schauplätzen und die sich aus der Lage des Hauses ergebenden Unterschiede zwischen ihnen signalisieren eine Zäsur, die folgendermaßen definiert werden kann: Paris ist der Ort, an dem sich – in dem der Vordergrundhandlung vorgelagerten, retrospektiv vermittelten Zeitraum – das Beziehungsdrama zwischen der namenlos bleibenden Frau1, dem mit ihr verheirateten François, ihrem Bruder Vincent und Hugo angebahnt hat. Zusätzlich involviert, wenn auch nur als Randfigur, ist der Theaterregisseur Gilles. Offenkundig werden die Spannungen durch die Entscheidung der Frau, das Quartett zu verlassen2 und Vincent in Brasilien aufzusuchen.
Dass mit der Auflösung des Quartetts, der Reise Vincents und der seiner Schwester nach Brasilien und mit ihrem Tod die Beziehungen zwischen François, Vincent und Hugo keineswegs geklärt, sondern eher noch zusätzlich belastet werden, wird erst durch die innerhalb der Vordergrundhandlung stattfindende Bewegung, die Verlagerung der Handlung von Paris in Gilles’ Haus am Meer, bewirkt. Das Haus und seine Umgebung werden zu einer Bühne, auf der auch die Verstorbene noch immer anwesend zu sein scheint, die Akteure ihre unterschiedlichen Interessen und Ansprüche vertreten oder aber eine letzte verzweifelte Begegnung mit „ihr“ suchen.
Um die Beziehung zwischen den Handlungsorten und das Verhältnis zwischen Raum und Bewegung angemessen beurteilen zu können, ist nun zunächst zu untersuchen, in welcher Weise die Erzählstimme in Paris gelegene Orte als den Gang der Handlung bzw. das Verhalten der Figuren beeinflussende Faktoren inszeniert. Sodann sind die sich aus den Reisebewegungen zu ergebenden Konsequenzen zu betrachten. Die Differenzierung zwischen der im ganzen Roman verschränkten Vordergrund- und Hintergrundhandlung ergibt sich dabei jeweils aus dem inhaltlichen Kontext und wird deswegen in der Gliederung des Textes nicht zusätzlich hervorgehoben.
Schauplätze der Handlung in Paris
Da eine Lokalisierung der in Paris gelegenen Schauplätze nicht erfolgt, können topographische oder topologische Bezüge zwischen ihnen nicht hergestellt werden. Ob und ggf. in welcher Art und Weise – in ihrer Einzelwirkung oder in ihrem wechselseitigen Verhältnis – die in Paris situierten Orte die handelnden Figuren beeinflussen, ist gleichwohl zu analysieren.
Das Archiv – Hugo
Der Arbeitsort Hugos sind „[l]es archives de la ville.“ Dort werden, wie wir zu Beginn des Romans erfahren, die Geschichten seit langem Verschollener sowie in Vergessenheit geratene Pläne und Ideen aufbewahrt und „[…] Hugo les classait, les cherchait, il les trouvait, un travail d’archéologue, travail de géologue pour dessiner sous la ville apparente, présente, une autre ville, surgie des refus et des destructions, et qui n’existait pas.“1 Von „ihr“ hingegen, der von ihm begehrten Frau, gibt es keinerlei Hinterlassenschaft. In einem traumhaft anmutenden Dialog mit „ihr“ versichert er jedoch, dass er die Erinnerung an sie, die niemand vergessen könne, bewahren werde.2 Obwohl Hugo als Archivar Dokumente der Vergangenheit konserviert, wie ein Archäologe oder Geologe die verschütteten Schichten vergangener Zeiten aufdeckt und so das Bild einer anderen, in der Vergangenheit lebenden Stadt entstehen lässt, ist dies offensichtlich nicht sein wichtigstes Anliegen: „[…] rien de ce qui était conservé ne lui importait et ce qui lui importait n’était gardé nulle part.“3 Seinen eigentlichen Daseinszweck offenbart er, wenn er auf „ihre“ Frage „Tu seras ma mémoire?“ spontan „Je serai ta mémoire“4 antwortet. Er bietet sich ihr also nicht mehr nur als „gardien de sa mémoire“ an, sondern verschreibt sich ihrem Gedenken mit seiner ganzen Existenz und bekundet damit seine bedingungslose Hingabe. Was diese Aussage in letzter Konsequenz bedeutet, wird in 2.1.3 dargelegt.
Antiquitätengeschäft – François und Hugo
François bewegt sich als Inhaber eines Antiquitätengeschäftes in einem sein Leben prägenden Arbeitsraum, in dem Objekte der Vergangenheit wie geronnene Zeit präsentiert und zum Kauf angeboten werden. Alterungs- und Abnutzungsprozesse haben seit Eröffnung des Ladens nicht nur die Gegenstände wie z.B. seinen hohen Sitzhocker, sondern auch ihn selbst erfasst. Der Verlauf der Zeit wird im Ambiente der „boutique d’antiquités“ materialisiert, wobei sich sowohl die Gegenstände als auch François selbst nicht in ihrem Wesen, sondern nur in ihrem äußeren Erscheinungsbild verändert haben.1
Bei der Beschreibung des Antiquitätenladens lässt die Erzählinstanz der Wirkung von Spiegeln, die den Raum in ein „[…] labyrinthe de reflets […]“2 verwandeln, besondere Bedeutung zukommen. „Ihr“ erstes Erscheinen in seinem Laden erlebt François keineswegs in unvermittelter Direktheit, sondern unter den besonderen Bedingungen eines Spiegelkabinetts:
En poussant la porte, on ne pouvait que se voir, mais elle était entrée sans hésiter. François avait aperçu son reflet dans le miroir vénitien qui lui faisait face, reflet encadré d’or vieilli, troublé par la patine d’un autre temps, qui lui allait bien. Après, levant les yeux, il l’avait vue, tellement présente. Ses yeux bleu océan l’avaient frappé – dans un miroir on ne remarque pas la couleur des yeux.3
Der erste Anblick der Frau, der sich François bietet, kommt durch die Reflexion eines Spiegelbildes zustande, das in einen Rahmen aus gealtertem Gold eingefasst und durch eine Patinaschicht eingetrübt ist. Der ihrem Abbild dadurch offensichtlich verliehene besondere Charme geht einher mit einem Mangel an Klarheit. Dies wird François bewusst, als er, ihr gegenüberstehend, die im Spiegelbild nicht wahrnehmbare Farbe ihrer Augen erkennt, die bezeichnenderweise als „bleu océan“4 beschrieben wird, ein erstes proleptisches Signal, das beim Wiederlesen des Textes unschwer als Hinweis auf den Atlantik verstanden werden kann, in den das Flugzeug, mit dem „sie“ von Brasilien nach Europa zurückfliegt, abstürzt. Doch nicht nur der im Eingangsbereich der Boutique aufgestellte, sondern „[t]ous les miroirs renfermaient quelque chose d’elle.“5 François erlebt diese geheimnisvolle Aura als „[u]ne présence impalpable, invisible, impossible, sans réalité mais combien plus vraie que les objets qui l’entouraient, présence qui l’accompagnait et le jour et la nuit“. Darüber hinaus entfaltet „das erste Mal“, die besondere Atmosphäre ihres ersten Erscheinens, auch weiterhin eine nachhaltige Wirkung „[…] dans chacun de ses gestes ou dans chaque pensée, et construisait le pont d’une rive à l’autre de sa vie – sa vie dévastée.“6 Mit „ihr“ ist somit eine Frau in den innersten Bezirk seines Lebens vorgedrungen, deren über Spiegel vermittelte Präsenz eine einem Vexierbild ähnliche Täuschung hervorruft: Einerseits verflüchtigt sich ihre Anwesenheit bis ins Unwirkliche, andererseits ist sie von ungleich größerer Authentizität als die der sie umgebenden Exponate, zumal der Eindruck ihres ersten Erscheinens in seinem „aufgewühlten Leben“ (sa vie dévastée) zunächst eine grundsätzliche Veränderung bewirkt und einen neuen Horizont eröffnet.
Auf den Besuch Hugos reagiert François mit einer Geste eindeutiger Distanzierung, die die Erzählinstanz durch die Beschreibung des Sitzarrangements, also durch eine räumliche Konstellation, klar zum Ausdruck bringt. Bereits die Ladentheke trennt die beiden klar voneinander. Der Abstand wird zusätzlich dadurch betont, dass François seinem Überraschungsgast einen unbequemen, niedrigen Stuhl zuweist, während er selbst auf seinem hohen Hocker hinter der Ladentheke Platz nimmt und sich mit der Hand oder dem Ellenbogen aufstützt. Die Szene erinnert an die Situation in einer Bar, in der ein Gastwirt einen Gast mit unbekannter Herkunft und unbekanntem Ziel empfängt und ihn beiläufig nach seinen Wünschen fragt.7
Hugo seinerseits fixiert François mit einem prüfenden Blick, als ob er ihn zum ersten Mal sähe. Bei ihrer ersten Begegnung beeindruckte François ihn nicht durch besondere Ausstrahlung oder Ausdrucksstärke, vielmehr wirkte er auf ihn in seiner Schwerfälligkeit und mit seinem Mangel an Charme wie eines jener zahlreichen gewöhnlichen Exponate, die in seinem Laden ausgestellt und nicht zu übersehen waren, gleichzeitig jedoch die Kommunikation behinderten: „[…] il était posé là comme un vase au milieu d’une table, impossible à ignorer, qui obligeait sans arrêt à tourner la tête pour éviter de le voir […]“. Ein „inspirierender Funke“ ging von ihm nicht aus, eher gewann Hugo den Eindruck, dass auch „sie“, in der er bislang „[…] une ombre de quelque chose […]“ wahrzunehmen meinte, in seiner geradezu monsterhaft-animalischen Natur aufzugehen schien: „[…] elle-même […] se fondait aussi dans l’animal monstrueux, l’incompréhensible chimère, le couple, cet être hybride sans destinée.“8 So vermochte Hugo nicht zu entscheiden, ob „sie“ sich in dem auf jedem Quadratmeter von Objekten überbordenden Laden für eines der präsentierten Möbelstücke bewusst entschieden oder aber ob sie sich „[…] dans l’univers étranger de François […]“9 tatsächlich eingerichtet hatte.
Le café de l’avenue calme – Begegnung zwischen Hugo und „ihr“
Für die Darstellung der Beziehung zwischen Hugo und „ihr“ wird die „terrasse intérieure“, also der Wintergarten in einem „café de l’avenue calme“, zu einem wichtigen Ort.1 Zu dem vereinbarten Treffen erscheint „sie“ bewusst als erste, um zu vermeiden, dass ihr Kommen beobachtet wird. Ihre frühe Ankunft verschafft ihr den Vorteil, sich selbst, „[…] réfugiée comme un chat sous le dernier soleil“, als Abwartende wirkungsvoll „in Szene zu setzen“, was Hugo auch so empfindet.2 Die Erzählstimme schafft damit von vornherein eine räumliche Konstellation zwischen den handelnden Figuren, die Dominanz und Abhängigkeit klar hervortreten lässt. Dieses Verhältnis wird sogleich in einer Bildfolge wasser-, raum- und stadtbezogener Metaphern entfaltet:
Elle plongea en lui, traversant d’une coulée les remparts, les forteresses, les barrages accumulés par les épreuves du temps – ils se couchaient sur son passage, dociles ou vaincus, sans résister – accumulés ils se couchaient – et lui ne se sentait plus, devant elle, qui n’avait encore rien dit, rien demandé, qu’une place-forte désertée, une immense ville ouverte dont le centre, la place où convergeaient les avenues vides, se transformait en question, tendue vers elle, impossible à formuler, ou en termes si vains, qu’il ne pouvait la poser, quelque chose comme qui êtes-vous.3
Unter „ihrem“ durchbohrenden Blick, mit dem sie in sein Innerstes „eintaucht“, fallen Hugos Abwehr- und Schutzmechanismen, sein innerer „Selbststand“, in sich zusammen. Die Erzählinstanz, die mit der „[…] terrasse intérieure […]“4 (Hervorhebung H.H.) einen mit dieser Szene inhaltlich optimal korrespondierenden Schauplatz gewählt hat, übersetzt Hugos Hilflosigkeit und Isolation in Bilder einer verlassenen Festung und eines leblos-leeren Stadtzentrums, die in ihm die Frage nach „ihrer“ Identität aufkommen lassen, die er indes nicht angemessen zu formulieren vermag. Verschärft werden die Verzweiflung und Vereinsamung Hugos noch dadurch, dass in der Mittagszeit der elegante Vincent erscheint, in dessen Nähe er sich selbst als „[…] épais, maladroit […]“5 empfindet. Ausgerechnet in einem Moment, da François in den Hintergrund zu rücken scheint, glaubt Hugo zu erkennen, dass ihm in Vincent ein Rivale gegenübertritt, der sich ihm wie eine „[…] tour de garde ronde et médiévale, de pierre pleine […]“6 in den Weg stellt.
Überdies spiegelt das konfrontative Gegenüber der Sitzordnung die Erstarrung wider, in der Hugos Werben um „sie“ ins Leere läuft: „Une seule chose lui tenait à cœur, lui parler, et au-delà, la saisir, et au-delà, la garder. Ils se plaçaient d’emblée de part et d’autre et leurs mains posées signifiaient l’immobile, l’image nette du statu quo.“7 Mit seinem schließlich in großer Schroffheit und Direktheit im Gespräch mit „ihr“ formulierten Ansinnen, das sonntägliche Quartett aufzulösen und auf ein aus ihm und „ihr“ bestehendes „Duett“ zu reduzieren,8 brüskiert er nicht nur sein Gegenüber, vielmehr richtet er eine Barriere auf, die durch ihn selbst verläuft, insofern sie ihn blind werden lässt für die fatale Wirkung seiner Worte und seines Handelns. Bedient sich die Erzählinstanz verschiedentlich eines Spiegels, um die gleichermaßen unwirklich und authentisch wirkende Präsenz der „Frau“ zu vermitteln, so versinnbildlicht sie die Verblendung Hugos, indem sie vor seinen Augen eine dicke, beschmutzte, für ihn undurchsichtige und unzerstörbare Scheibe errichtet, die – ein Gegenbild des Spiegels – für Hugo auf dem Weg zu „ihr“ ein größeres Hindernis darstellt als François und Vincent oder aber auch „sie“ selbst, die ihm im Café gegenüber sitzt:
Entre ce qu’il avait imaginé et ce qui se produisait, entre lui et ce qu’il voulait dire, une vitre épaisse était tombée, sale, opaque, il avait beau tendre le poing pour heurter, vouloir casser […] et l’obstacle devenu invisible prenait plus de place que François, que Vincent, plus que les deux ensemble, plus de place encore qu’elle, en face de lui […]9
Die Erzählinstanz schließt die „Café-Szene“ der Begegnung zwischen Hugo und „ihr“, indem sie Hugos blinde Entschlossenheit, sein Ziel zu erreichen, mit einem jener Bilder beschreibt, mit denen sie die Szene eröffnet hat. So wie „sie“ Hugo mit ihren Blicken durchbohrte, quasi in ihn „hineintauchte“, so versucht nun Hugo vergeblich, nach seiner plumpen Frage „Que faites-vous avec François?“10 „sie“ für sich mit seinen Blicken gefangen zu nehmen. Dass Hugo den Blick für die Realitäten und damit jegliche Bodenhaftung verloren hat, wird in einer isotopischen, vom Wasser bestimmten Bildfolge dargestellt, die zeigt, wie der sich nicht auf festem Grund bewegende, sondern „schwimmende“ Hugo erfolglos nach einem sicheren Halt sucht: „À son tour de plonger, mais malgré son élan, l’intensité de ses yeux dans les siens, il avait beau nager, toujours au plus profond, traverser les étendues bleues et puis vertes puis bleu sombre […] il n’avait – il n’y avait – aucune prise.“11
Le salon d’une réception – Annäherung zwischen Gilles und „ihr“
Zu den für die Hintergrundhandlung wichtigen Schauplätzen in Paris gehören auch jene Räumlichkeiten eines Empfangs, in denen Gilles auf „sie“ trifft und sich spontan für sie begeistert.1 Sie durchschreitet den Salon, der „[…] périlleux comme un étang gelé […]“2 ist und sie zwingt, ihre Bewegungen und Gesten zu kontrollieren. Die Erzählstimme lässt den „Parcours“ an einer zweiflügeligen gläsernen Tür beginnen und an dem den Kamin verdeckenden Buffet enden. Bezeichnenderweise trifft Gilles in der Nähe der gläsernen Tür auf „sie“, um ihr – […] devant le grand miroir qui répétait la scène […] – zu erklären: „Je vous tiens […] je ne vous lâche plus.“3 Nachdem „sie“ sich für eine Weile absentiert hat, kehrt sie in Begleitung François’ zurück, den sie Gilles vorstellt. Gilles hat den Eindruck, als ob „sie“ François „[…] comme une évidence, un rempart“4 betrachte, und er fragt sich, wovor sie Angst haben mag. Er spricht sie dann „[à] l’abri de l’immense miroir qui reflétait la scène“ mit den Worten „Vous êtes belle […]“ an. Der Spiegel wacht wie eine „[…] tour de garde solitaire […]“ über die Gesellschaft, und das Gewirr von Stimmen hüllt wie ein unsichtbares, durchsichtiges Gewebe – une toile diaphane – alle Gäste ein, die auf diese Weise „[…] opaques, résistants, inaccessibles […]“ werden. Gilles wendet sich nun erneut an „sie“ mit den Worten: „[…] vous êtes belle […] l’êtes-vous plus de ce côté ou de l’autre, je ne sais pas.“ Auf ihre Frage: „L’autre côté de quoi?“ antwortet er: „Du miroir.“5 Als er sie dabei beobachtet, wie sie sich im Spiegel betrachtet, gewinnt er den Eindruck „[qu’] [i]l émanait d’elle quelque chose d’irréel, d’étranger, qu’il ne reconnaîtrait nulle part“ und er ergänzt seine Antwort mit den Worten: „De l’autre côté […] j’y serais entré, avec vous.“6 Ausgerechnet Gilles, der Theaterregisseur, reagiert damit auf die von „ihr“ erzeugte, durch die Virtualität des flüchtigen Spiegelbildes verstärkte Ausstrahlung des spielerisch Unwirklichen, indem er den Wunsch äußert, mit ihr gemeinsam durch einen Schritt „hinter den Spiegel“ in die Wirklichkeit zu gelangen. Damit wird jedoch auch verständlich, dass, nachdem François gegangen ist, zunächst „[…] le refuge d’un miroir […] les renvoyait chacun à sa solitude“7. Erst nachdem sie zu den gläsernen Türen zurückgekehrt sind, wenden sie ihren Blick in die Zukunft, indem „sie“ ihm verspricht, sein Theaterstück, in dem sie eine Rolle übernehmen soll, zu lesen.8
So erklärt sich, dass die Erzählstimme im Rückblick auf die theaterhaft gespiegelte Szenerie des Abends nur fragmentarische Erinnerungen an sich rasch verflüchtigende Eindrücke – [d]es débris d’une soirée ruinée par l’éphémère […] – 9 notiert. Erkennbar ist jedoch auch, dass aus der Sicht Gilles’ zumindest etwas Konkretes, ein Versprechen, Bestand haben mag.10
Le café de l’avenue calme und Hugos Wohnung – Hugos Abschied von „ihr“
Als „sie“ und Hugo kurz vor ihrer Abreise nach Brasilien noch einmal im „café de l’avenue calme“ – ihrem üblichen Treffpunkt – zusammenkommen, sprechen sie zunächst über die „réunions du dimanche“ des Quartetts, die auf „ihre“ Anregung zurückgehen.1 Als Hugo „ihr“ gesteht, dass er nur „ihretwegen“ daran teilnehme,2 antwortet sie sinngemäß, dass dies für die anderen genauso gelte.3 Im Übrigen erklärt „sie“, dass „sie“ der „regards de biais“, konkret: der ihm, Hugo, geltenden Verdächtigungen ihres Mannes François, der amusierten Beobachterattitude ihres Bruders Vincent und seiner, Hugos, zur Verschleierung seiner Verliebtheit vorgetäuschten Kälte überdrüssig geworden sei und die sonntägliche Veranstaltung, die es nicht länger geben werde, für reine Heuchelei halte.4 Nicht ein einziges Mal habe „sie“ den Eindruck gehabt, dass er in „sie“ verliebt gewesen sei, nie habe er mit „ihr“ aufbrechen (partir) wollen und sich für „sie“ Zeit genommen. Als Hugo erwidert, dass „sie“ nie bereit gewesen sei, das Ende eines Nachmittags mit ihm in seiner Wohnung zu verbringen, fragt „sie“ ihn, ob er beim „Verliebtsein“ sofort „an das Bett denke“.5 Als Hugo auf „ihre“ Frage, ob er jeden Sonntag mit dieser Hoffnung gekommen sei, mit „Nein“ antwortet, demütigt und verletzt sie ihn mit schneidenden Worten.6 Völlig überrascht, aber zugleich sehr glücklich reagiert Hugo, als „sie“ ihm in eben diesem Moment vorschlägt: „C’est bien ça que tu veux, alors écoute, viens, emmène-moi chez toi.“7 In seiner Wohnung, so scheint es, beglückt sie ihn, indem sie sich ihm hingibt und ihm sagt, ihn zu lieben, doch bereits beim Abschiedskuss wird ihm klar, dass „[c]ette rencontre était faite pour s’effacer et s’il la retenait, ce serait pour subir l’humiliation brûlante de s’être laissé duper.“8 Und als sie bei einem – angeblich unter Zeitdruck getätigten – Anruf am Tag danach den Eindruck erweckt, als wolle sie das Geschehene ungeschehen machen, gelangt Hugo, wie die von der Erzählinstanz gewählte Form der internen Fokalisierung eindeutig zu erkennen gibt, zu einer für ihn ernüchternden Schlussfolgerung:
Beaucoup à faire, songeait-il à présent, préparer des bagages pour deux semaines ne dure pas des journées entières, et elle n’avait rien d’autre à faire. Tout était faux, depuis le début, le hasard du café n’était pas un hasard, elle l’avait attiré comme les sirènes ensorcellent les marins par leur chant, faux, la musique, tout, jusqu’à la visite chez lui, il avait vu une victoire, ce n’était que défaite, la reddition totale, après lui avoir donné cela, elle ne devait plus rien, elle avait réglé ses dettes avant de partir. Quelles dettes? Il n’en avait aucune idée. La route était barrée et derrière l’éboulis attendait le néant.9
So wird Hugos Wohnung zu einem Ort des Betrugs und des Selbstbetrugs. Aus der von ihm erhofften Erwiderung seiner Liebe wird eine ihn demütigende Pervertierung intimer Nähe. Bereits im Moment „ihres“ übereilten Abschieds steigen Vorahnungen einer abgrundtiefen, unendlichen Leere in ihm auf,10 die sich wie ein düsterer Schatten über sein Leben legen.
Reisebereitschaft der handelnden Figuren
Als Gilles im Gespräch mit „ihr“ erstaunt feststellt, dass „sie“ sich innerhalb von drei Tagen entschlossen habe, „au bout du monde“ zu reisen, erwidert sie kühl, dass sie für diese Entscheidung nur eine Viertelstunde benötigt habe und es übertrieben sei, Brasilien mit dem „Ende der Welt“ gleichzusetzen.1 Die Erzählstimme lenkt das Leserinteresse somit bereits zu Beginn des ersten Kapitels – Allegro – auf „ihre“ Bereitschaft zum Aufbruch. Daran anknüpfend greift sie das Thema zu Beginn des zweiten Kapitels – Andante con moto – erneut auf, indem sie Vincents Schwester das an Hugo gerichtete Wort „Partir“ in den Mund legt und sodann ihrerseits hinzufügt: „[…] et dans son regard bleu océan déferlaient les vagues du voyage, du départ, de l’exil.“2 Mit der dreiteiligen, als Klimax angelegten Aufzählung „[…] les vagues du voyage, du départ, de l’exil“ deutet die Erzählinstanz unzweideutig an, dass sich „ihr“ Wunsch nach Aufbruch nicht aus schlichter Reiselust, sondern aus dem Gefühl einer wie auch immer gearteten Gefährdung erklärt. Weiterhin an Hugo gewandt, fügt „sie“ hinzu, dass sie aus einem anderen Land – la ville d’Ys – 3 stamme, also einer sagenumwobenen bretonischen Stadt des 4./5. Jahrhunderts, die der Legende nach von Fluten verschlungen worden sein soll.4 Neben der erneut genannten Augenfarbe „bleu océan“ ist die Erwähnung der legendären „ville d’Ys“ zwar kein expliziter, aber doch ein eindeutiger, subtextuell vermittelter proleptischer Hinweis auf den Flugzeugabsturz über dem Atlantik, bei dem Vincents Schwester zu Tode kommen wird.
Von den drei anderen Mitgliedern des Quartetts ist Vincent, der einige Monate in der Millionenstadt Belem an der Mündung des Amazonas im Holzhandel gearbeitet hat, der einzige, der seiner Schwester bereits angeboten hat, ihn zu begleiten.5 Hugo antwortet auf „ihre“ Frage, ob er bereit sei, mit „ihr“ aufzubrechen, mit dem durch die überraschende Direktheit der Frage provozierten, reflexartig, aber nicht reflektiert hervorgebrachten Satz „Je partirais“, den er unter „ihrem“ ihn herausfordernden prüfenden Blick mit einem zwanghaft vorgebrachten „Vraiment“ bekräftigt.6 François reagiert auf „ihren“ Vorschlag „Partons“ eindeutig ablehnend, wobei sich die von ihm gesehenen Hindernisse „comme une chaîne de montagne“7 vor ihm auftürmen. Auch von Gilles wird „sie“ enttäuscht, als er ihr erklärt, dass er mit seiner Theatertruppe keine Tourneen unternehme, sondern immer in demselben Theater spiele.8
Dass Vincent, dessen vom lateinischen Verb „vincere“ abgeleiteter Name der ‚Siegende‘ bedeutet, angesichts seiner beruflichen Tätigkeit von der Erzählinstanz als flexible, reisefreudige Figur präsentiert werden kann, ist leicht nachvollziehbar. Gleichwohl mag es auf den ersten Blick überraschen, dass er auf die Einladung Gilles’ zu einem von ihm als Hommage an „sie“ verstandenen Wiedersehenstreffen zunächst mit entschiedener Ablehnung reagiert, die er folgendermaßen begründet: „Savez-vous une chose, Gilles? Elle avait horreur de ce qui restait, horreur des traces, de la durée, horreur du passé, mais surtout des écrits. Lui rendre hommage, c’est une idée ridicule, on ne l’emprisonne pas, il n’y a rien à ressaisir.“9
Aus der Sicht Vincents ist das von ihm entworfene Bild seiner Schwester positiv, insofern er suggeriert, dass eine Gedenkveranstaltung zu ihren Ehren der vergebliche Versuch wäre, sie im Rückblick klischeehaft auf eine bestimmte Rolle festzulegen und damit gleichsam ihrer Freiheit zu berauben. Für ihn steht fest, dass man damit einer Frau, die stets als nonkonformistische Außenseiterin gelebt hat, nicht gerecht wird. Gleichzeitig betont er durch das dreimal geäußerte „Elle avait horreur […]“10 ihren Abscheu und ihr Entsetzen vor allen Zeugnissen und Spuren der Vergangenheit. Damit gibt er jedoch auch seine Befürchtung zu erkennen, dass bei dem geplanten Treffen sein inzestuöses Verhältnis zu seiner Schwester ans Licht kommen mag. Sein und seiner Schwester hohes Maß an „innerer Beweglichkeit“, das in beider Bereitschaft zum Inzest zum Ausdruck gelangt, steht durchaus im Einklang mit seiner anfänglichen Abwehr in seiner Reaktion auf die Initiative Gilles’. Dafür bedarf es weder psychologisierender noch moralisierender Erklärungen, sondern nur der Erinnerung daran, dass die Erzählinstanz den Schauplatz des Tabubruchs sicherlich bewusst nach Brasilien verlegt hat, um die Grenzen überschreitende Qualität der Handlung zu unterstreichen. So lässt die Erzählinstanz zu Beginn des Romans eine Vorstellung der Schwester Vincents entstehen, die in der Folge mehrfach durch ihr über einen Spiegel reflektiertes Auftreten, durch das sie sich genauerer Beobachtung und Einordnung entzieht, bestätigt und ergänzt wird.
In welchem Maße die Erinnerungen an die mit seiner Schwester in Brasilien verbrachte Zeit in Vincent nachwirken, vermittelt in besonders intensiver Weise die Beschreibung seiner Fahrt zu Gilles’ Haus am Meer.11 Die Erzählung wird in einer surrealistisch anmutenden Weise verschmolzen mit Rückblicken auf eine Autofahrt durch den brasilianischen Dschungel, bei der Vincent und seine Schwester in der Nähe eines Hafens eine Szenerie erleben, die, wie die großen Schwärme schwarzer und weißer Vögel „[…] qui s’apprêtaient au festin funèbre de leurs becs“12 signalisieren, durch eine Fülle von Gegensätzen gekennzeichnet ist: Exotische Farben unbekannter Spezies rufen Bewunderung hervor, der Anblick von Fäulnis und eiternden Wunden erregt Ekel. Auf der einen Seite wirkt das Marktgeschehen anziehend auf die Menschen, auf der anderen Seite locken Schlamm und Dreck die Vögel an. Die detaillierte Beschreibung des Nebeneinanders von Leben und Tod gipfelt in einem sich fast über eine ganze Seite erstreckenden Satzgefüge, in dessen Schlussteil Vincents Angst vor tödlicher Bedrohung zum Ausdruck gelangt:
[…] d’un côté la vie – une vie de masse et de grouillement […] une vie nue ni pire ni meilleure que d’autres mais dure et coincée entre deux grands espaces, la forêt et le fleuve […] d’un côté la vie et de l’autre la mort, les charognards présents, massés, serrés, les pattes engluées dans les boues rouges, à attendre, à guetter, le suivant, flottant parmi les eaux, prêts à partir le chercher.13
Die Schilderung der Erinnerungen Vincents an die morbide Atmosphäre des brasilianischen Dschungels wird von der Erzählinstanz nahtlos übergeleitet in die Beschreibung eines lebensgefährlichen Überholmanövers, bei dem Vincent – auf der Fahrt zu Gilles’ Haus am Meer – glaubt, eine seiner Schwester täuschend ähnliche Frau erkannt zu haben.14 Wenn in den Gedanken Vincents die Realität durch traumähnlich-halluzinatorische Zustände verdrängt wird, so macht dies deutlich, mit welcher Intensität die Schwester auch nach ihrem Tod – völlig unabhängig von räumlichen Veränderungen – für ihn präsent ist. Zugleich jedoch verbindet die Erzählinstanz mit Vincents Schwester Gedanken der Sterblichkeit und des Verfalls.
Die Sehnsucht Vincents nach Freiheit, Aufbruch und Weite manifestiert sich auch bei der Ankunft im Haus am Meer, als er in der Nähe der Kaimauer mit Gilles über den Kampf zwischen Land und Meer streitet:15
C’est la terre qui l’emporte, Vincent.
C’est l’eau.
La terre, les constructions. Regardez les maisons, là où courait le fleuve, au siècle dernier, construire est finalement plus durable.
Non, c’est détruire.16
Der kurze Redeausschnitt lässt die disparaten Standpunkte klar hervortreten. Gilles sieht sich durch den Prozess der Landgewinnung in seinem Glauben und Vertrauen auf die konstruktiven Kräfte des Menschen bestätigt und in seiner Suche nach Sicherheit und einem festen Grund ermutigt. Konsequenterweise hält er die schützende Bucht für „menschlicher“ als das bedrohlich wirkende Meer.17 Durch die Lage des Hauses mit seiner Nähe und seinem Abstand zum Meer ist Gilles prädestiniert, zwischen den extremen Positionen Vincents und François’ zu vermitteln. Während letzterer explizit erklärt: „Je n’aime pas la mer […]. Je ne l’avais pas revue, depuis.“18, fühlt sich Vincent von der Macht des Wassers und der unendlich anmutenden Weite des offenen Meers – le large – angezogen. Die unterschiedlichen Positionierungen der beiden letztgenannten Figuren korrespondieren mit ihren schon zuvor deutlich gewordenen Einstellungen zum Aufbruch.
Im Haus am Meer – Aufklärung und tragisches Ende eines Beziehungsdramas
Die Erzählinstanz nutzt das Treffen im Haus am Meer, um das zwischen den vier beteiligten Figuren entstandene Beziehungsdrama aufzuklären. Die Bedeutung von Raum und Bewegung ist dabei einerseits im Rückblick auf den Aufenthalt Vincents und seiner Schwester in Brasilien von Bedeutung, andererseits im Hinblick auf die von Hugo gewählte Art des Suizids.
Auf das in Brasilien offenbar gewordene und vollzogene inzestuöse Verhältnis zwischen Vincent und seiner Schwester wurde bereits verwiesen. Vincent bekennt sich zu dem Geschehenen gegenüber Hugo in einer umfangreichen Erklärung während eines Spaziergangs, der die beiden vom Strand zurück zu Gilles’ Haus führt.1 Für die Analyse ist entscheidend, ob und ggf. wie Vincent in seiner Erzählung einen Einfluss räumlicher bzw. den Raum prägender Faktoren auf das Geschehene geltend macht.
Vincent und seine Schwester befinden sich an einem Strand in Rio, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft sich ein Armenviertel befindet. Die aus den Favelas die Hügel hinab-steigenden ausgehungerten Kinder wirken auf die beiden „[…] comme des animaux sauvages pour bondir sur leur proie, mais leur proie, ce n’est qu’un peu de viande à manger, du pain, un peu de sel, n’importe quoi pour remplir le vide […]“2. Als Vincent und „sie“ einen ganz in Weiß gekleideten Mann erblicken, der soeben seinem Segelboot entstiegen ist, die Straße überquert und dann in der Masse der Armen verschwindet, vermuten beide, dass dies seinen Tod bedeutet. Eine Bestätigung haben sie indes nie bekommen. Und in genau diesem Moment setzt eine Entwicklung ein, die Vincent als eine Abfolge schicksalhaft vorbestimmter, unabwendbarer Ereignisse beschreibt:
La même idée nous habitait au même moment et, à quel point un geste peut paraître stupide quand on le dit, nous nous sommes pris la main. C’était la veille de son départ, Hugo. La suite était inévitable, inévitable depuis le commencement, la seule surprise était que ce ne soit pas arrivé plus tôt. Nous avons eu vingt-quatre heures ensemble […] vingt-quatre heures de vérité contre une vie de faux-semblants. Il ne sert à rien de se cacher les choses, tout finit par se découvrir et par arriver, les désirs les plus fous savent attendre leur heure, même le délire a de la patience.3
Unausgesprochen bleibt, weshalb sich Vincent und seine Schwester ihrer – wohl seit langem gespürten – intensiven Zuneigung füreinander in einem Augenblick voll bewusst werden, in dem sie das unmittelbare Nebeneinander von Armut und Reichtum, den Aufeinanderprall zweier Welten erleben. Insinuiert wird, dass der bezeichnenderweise weiß gekleidete und damit Reichtum und vermeintliche Unschuld verkörpernde Mann den hungrigen Kindern, die „[…] la faim mène à tout, au désespoir, au vol, au meurtre […]“, im Schmutz der Favelas zum Opfer fallen wird. Denn „[…] si quelqu’un s’interpose entre le pain et la faim […] il faut l’éliminer.“ (Hervorhebung H.H.)4 Dass das unmittelbare Erleben bzw. Erahnen sozialer Ungerechtigkeit und daraus resultierender Gewaltakte in Vincent und seiner Schwester als Beobachtern den Wunsch nach Schutz und Nähe, Geborgenheit und Liebe weckt, ist plausibel. Naheliegend ist jedoch auch ein durch das binnenreimähnliche phonetische Echo zwischen „le pain“ und „la faim“ hervorgerufener Bezug zwischen der instinkthaft-triebgesteuerten Handlung der qualvoll hungernden Kinder, die den in makellosem Weiß gekleideten Mann aus schierer Verzweiflung töten, und der sich am Strand zwischen den Geschwistern abspielenden Szene, in der sich in einem enttabuisierenden Ambiente ein über Jahre verdrängtes erotisch-sexuelles Verlangen – la faim – triebhaft Bahn bricht. Zur Geltung gelangt somit hier die im Werk Cécile Wajsbrots an vielen Stellen zu beobachtende Überzeugung, dass „…Räume und Raumkonstellationen immer auch handlungsauslösende oder -determinierende Faktoren [sind], und zwar allein schon wegen der in und zwischen ihnen stattfindenden Bewegungen“5.
Die Erzählinstanz bedient sich sodann einer raummetaphorischen Bildersprache voll intensiver Emotionalität, um Vincents Verstört- und Aufgewühltsein über den unwiderruflichen Verlust seiner Schwester zum Ausdruck zu bringen.6 Dabei beschäftigt ihn die Frage, ob „[…] la scène qui le hantait depuis l’accident[…]“7, also der Vollzug der inzestuösen Liebe, eine Fortsetzung gefunden hätte und „sie“ dies gewünscht hätte. Er erinnert sich, dass er sich vor der intimen Begegnung mit ihr täglich darum bemüht hatte, sich der von ihr ausgehenden erotischen Faszination zu entziehen, indem er das sich wie eine „forteresse“ ausnehmende Verhältnis zu ihr nur umkreiste oder sich weit entfernte, um sie nicht zu sehen, die Gedanken an sie zu verdrängen. Dies erwies sich jedoch als ebenso aussichtslos wie der Versuch, „den Horizont zu überschreiten“, und in Brasilien führten alle Wege unweigerlich bis in das Zentrum – vers le cœur – ihrer sich bislang festungsartig verschließenden, sich nun aber öffnenden und frei entfaltenden Beziehung:
[…] car les chemins détournés construisaient la route pour y parvenir, et trouver le pont-levis baissé, les lourdes portes grandes ouvertes, aucun soldat pour garder les salles, avancer avec précaution vers le cœur, portes ouvertes, aucun soldat, avancer encore et enfin la trouver elle, seule, abandonnée, prête à ce qu’elle avait toujours refusé, ignoré – comme lui – prête à prendre au sérieux ce qu’elle feignait de croire un jeu, et lui, Vincent, désemparé par l’évidence, pris au dépourvu, continuait le chemin, avançait […] la rejoignait avec la sensation, dans ses bras, d’être arrivé pour la première fois, l’unique.8
Die Bilderfolge gelangt an dieser Stelle zu einem isotopisch-konsistenten Höhepunkt. Der erinnerte, metaphorisch verfremdete Ort der Begegnung des sich liebenden Geschwisterpaars – la chambre où ils se trouvaient – entzieht sich jeglicher Vorstellung von Realität, sowohl dem geschlossenen Raum der aus der Fantasie der Erzählstimme geborenen „forteresse“ als auch der als grenzenlos gedachten Welt:
Les portes lourdes se refermaient d’un coup brutal. La forteresse était coupée du monde, comment tant de chemins comment tant de détours avaient pu y mener, et la chambre où ils se trouvaient était coupée de la forteresse coupée du monde.9
Man muss sich Vincent im Haus am Meer als einen einsamen, trauernden Menschen vorstellen, der sich verzweifelt fragt „[…] pourquoi son avion, à une semaine de distance, n’avait pas eu la même défaillance, comme ils disaient, au-dessus de l’océan, pourquoi pas le sien, si elle était restée, au lieu de lui, que penserait-elle, à sa place, quels regrets?“10
Das Treffen am Meer bahnt Hugo, der die Frage François’: „Tu l’aimais?“ für alle hörbar mit „Oui“11 beantwortet, den Weg zum Suizid.12 Die Erzählinstanz wählt für das tragische Ende einen angesichts des Ortes der Handlung im Wortsinn naheliegenden, vor allem aber eine den Gefühlen und Sehnsüchten Hugos im höchsten Maße entsprechenden Ausgang. So beginnt der letzte Abschnitt des Schlusskapitels – Presto – mit den Worten:
Hugo se releva […] il avait besoin de la mer. […] Quelle heure pouvait-il l’être, il s’en moquait, midi, une heure, deux heures, il était en retard, mais en retard pour quoi, il n’avait pas l’intention de revenir. Le soleil était haut, il entendait la rumeur de la mer et le reste – le reste n’existait pas.13
Hugo nähert sich dem Meer und befindet sich „[…] à la limite des terres et de l’océan bleu“14 – eine Formulierung, die sofort die Erinnerung an „ihre“ Augenfarbe wachruft und darüber hinaus eine gedankliche Verbindung zum Flugzeugabsturz über dem Atlantik evoziert. Hugo erinnert sich an sein letztes Telefonat und Treffen in einem Café mit „ihr“ und wirft sich vor, „sie“ nicht vor der Nähe Vincents bewahrt und von der Reise nach Brasilien zurückgehalten zu haben. Als er schließlich den Ruf „Hugo“ vernimmt, fragt er sich: „[…] était-ce elle encore, déjà?“15 Als ob er von „ihr“ gerufen würde, scheint er ihr geradezu entgegengehen zu wollen, um zumindest im Tod für immer mit „ihr“ vereint zu sein. Dabei lässt die Erzählinstanz in der Schwebe, ob er das Rufen seiner Gefährten noch wahrgenommen hat:
Hugo! Ils l’avaient repéré, enfin, il s’enfonçait dans la mer, eux étaient loin encore.16
2.1.3 Perspektivierende Zusammenfassung
Abschließend soll die Bedeutung, die der Suchbewegung der Figuren und dem wechselseitigen Verhältnis zwischen den Schauplätzen über die Ebene der „histoire“ hinaus zukommt, näher betrachtet werden.
Paris ist der Ort, an dem sich – in der in Rückblicken erfassten Hintergrundhandlung – das sich regelmäßig sonntags treffende Quartett konstituiert hat und später auflöst. Die Auflösung der Gruppe ist, wie oben ausgeführt, „ihrem“ Überdruss an den „regards de biais“1 der drei männlichen Mitglieder des Quartetts geschuldet, deren Verhalten durch ihren Lebens- und Arbeitsraum maßgeblich geprägt ist:
François als „ihr“ Ehemann scheint in seinem Antiquitätenladen durch die Beschäftigung mit „toten“ Gegenständen der Vergangenheit sowohl der Gegenwart als auch der Zukunft entrückt. Umgeben von Spiegeln, steht er in der Gefahr, die ihm begegnenden Personen nur in reflektierten Ausschnitten wahrzunehmen. Aus der Sicht Vincents ist er „[…] un sédentaire […] un sédentaire dans l’âme, incapable de changer d’avis une fois qu’il se fixait sur un objet, un lieu, une personne […]“2. Dass er der Einladung Gilles’ zu einem Treffen in seinem Haus am Meer ohne Begeisterung folgt, sie aber für notwendig hält,3 ist ein Zeichen für seine pragmatisch motivierte Einsicht in seine Lage. Der Tod seiner Frau, die ihn telefonisch aus Brasilien über ihre Scheidungsabsichten informiert hat,4 ist für ihn offensichtlich nicht mehr als der Schlussstrich unter einer ohnehin abgestorbenen Beziehung. Im Sinne Lotmans ist er eine „unbewegliche Figur“.
Der Archivar Hugo, dessen Liebe von „ihr“ nicht angemessen erwidert wird, betrachtet sich als „Archäologen, Geologen“ der Zeit, eine bildhafte Formulierung, in der sich seine Sicht der Verräumlichung von Vergangenheit, aber auch sein forschendes Suchen manifestieren. Sein „ihr“ gegebenes Versprechen „Je serai ta mémoire“ löst er auf „seine“ Art ein, indem er „ihr“ im (Frei)tod bis auf den Grund des Meeres folgt, um so einerseits auf ihr Sterben und andererseits auf seine Liebe zu ihr aufmerksam zu machen. Seine Erinnerung an „sie“ findet ihren Ausdruck in seiner symbolischen Bemühung um räumliche Nähe im Tode. Aufgrund der Radikalität seines Handelns, seines selbstbestimmten Überschreitens der Grenze zwischen Leben und Tod ist er eine im Lotman’schen Sinn „bewegliche Figur“.
Vincent, der als geschäftlich Reisender und somit von vornherein als Bewegungsfigur vorgestellt wird, „umwirbt“ seine Schwester zu einem frühen Zeitpunkt mit der Einladung, ihn auf Reisen zu begleiten. „Sie“ möchte nicht von ihm verlassen werden, doch
[…] il était parti, Vincent, le premier, la mort dans l’âme, le voyage dans
les yeux.
Vers où? Les continents ne pouvaient pas l’assouvir, il partait pour le che-
min le plus long, la recherche de ce qu’il avait, la recherche de ce qu’il
fuyait.“5
Vincent wird zu Beginn des Romans von der Erzählinstanz kryptisch als eine suchende Person beschrieben, die, wie wir durch sein Gespräch mit Hugo erfahren, das, was sie sucht, nämlich die Liebe zur Schwester, bereits besitzt, aber davor zunächst zu fliehen scheint. Während seiner und ihrer Reise von Paris nach Brasilien, die Gilles als Reise „au bout du monde“6 betrachtet, kommt es erst unter dem Einfluss der oben geschilderten Bedingungen vor Ort zum Tabubruch. Dadurch entstehen zwei durch den Atlantik und tiefe sozio-kulturelle Unterschiede getrennte „disjunkte Räume“ im Sinne Lotmans. Vincent und seine Schwester haben somit im wörtlichen und übertragenen Sinn „Grenzen“ überschritten und sind dementsprechend als „bewegliche Figuren“ zu betrachten. Auf ihre Grenzüberschreitung folgt die Katastrophe des Flugzeugabsturzes über dem Atlantik, bei dem die Schwester ihr Leben lässt. Die „doppelte Grenzüberschreitung“ des Geschwisterpaars bildet den „Sujetkern“ des Romans. Auf Hugo wirkt Vincents Offenlegung des inzestuösen Verhältnisses zu seiner Schwester wie eine reinigende Katharsis, die in der von Hugo gesuchten „Vereinigung“ mit ihr im Wasser des Atlantik symbolisch vollzogen wird.
Der Theaterregisseur Gilles, der „sie“ zwar kennen lernt, sich von ihrer blendenden und im Spiegel reflektierten Schönheit beeindruckt zeigt und vergeblich versucht, „sie“ für ein Theaterprojekt zu gewinnen, scheint als Nichtmitglied des (ursprünglichen) Quartetts zwar nur eine Randfigur zu sein. Aufgrund seines Berufes ist er jedoch prädestiniert, zu dem Wiedersehenstreffen von Paris aus an einen Ort einzuladen, der sich durch die Nähe und Distanz zum Atlantik gleichermaßen auszeichnet und so zwischen „le large“, der Sehnsucht nach Weite und Entgrenzung des Lebens einerseits und der Gebundenheit an den Ort, vertraute Verhältnisse und Konventionen andererseits vermittelt. Er wird als Initiator des Treffens am Meer zum Regisseur einer Rekonstruktion der Suchbewegungen, die erst dort transparent und gleichzeitig beendet werden.
2.2 Le Désir d’Équateur1 – Eine Suchbewegung „zwischen Welten“
Eine summarische Analyse der Suchbewegungen in dem 1995 erschienenen Roman Le Désir d’Équateur sollte der Frage nachgehen, ob und ggf. wie Raum und Bewegung angesichts der Verschränkung realer und virtueller Ziele und der zeitgeschichtlichen Umbrüche das Verhalten der handelnden Figur(en) beeinflussen oder aber in welcher Form die Verhaltensweise der agierenden Figur(en) durch räumliche Konstellationen oder eine räumlich geprägte Bildersprache versinnbildlicht wird. Da die namenlos bleibende autodiegetische Erzählerin sich selbst in den Mittelpunkt der als Suchbewegung inszenierten Diegese rückt und alle anderen – ebenfalls namenlos bleibenden – Personen, insbesondere die Frau und der Mann, mit denen sie über einen längeren Zeitraum über eine intime Beziehung verbunden ist, nur durch ihr Verhältnis zu ihr definiert werden, ist es naheliegend, in einem perspektivierenden Rückblick die Frage der „Beweglichkeit“ auf die Erzählerin zu fokussieren.
2.2.1 Reale Schauplätze
„Je préfère aller à la piscine pour pleurer […]“1 – mit diesen Worten eröffnet die Erzählerin die Schilderung ihrer gescheiterten Beziehungen und erklärt – mit einer unüberhörbaren alliterativen Hervorhebung – das Schwimmbad zu ihrem bevorzugten Aufenthaltsort, an dem sie Trauerarbeit leistet, indem sie mit jedem Schwimmzug ihre Erinnerungen zu verdrängen versucht.2 Ihr ist sehr wohl bewusst, dass sie beim Schwimmen auf jegliche Bodenhaftung verzichtet. Beunruhigend findet sie dies jedoch nicht, vielmehr stört sie, dass sie – im Schwimmbad und andernorts – völlig unvermutet von Erinnerungen an „sie“, ihre Geliebte, heimgesucht wird.3 Gleichwohl kennzeichnet es ihre Verlorenheit und Verzweiflung, dass sie in ihrem von Krisen und Brüchen beherrschten Leben ein Schwimmbad, konkret: das Wasser als die einzige Kontinuität versprechende Umgebung betrachtet.4 Der durch das Wasser erzeugte Eindruck des Liquiden, nicht Greifbaren kennzeichnet in inhaltlicher Hinsicht die innere Instabilität, den Mangel an Beheimatung und Verortung der Erzählerin, deren Gegenwart, also die Zeit des Erzählens, überdies durch einen Eindruck der Leere und die ernüchternde mediale Wirkung des II. Golfkriegs verdunkelt wird.5 Gleichwohl generieren das Wasser, das Schwimmen und Tauchen im Verlauf des Textes eine Fülle von Bildfolgen, die eindeutig erotische Konnotationen evozieren.
Über den Wohn-, Arbeits- bzw. Aufenthaltsort ihrer bzw. ihres Geliebten teilt die Erzählerin relativ wenig mit. Um zu „ihr“ zu gelangen, fährt sie innerhalb von Paris vom Norden in den Süden und legt diese große Strecke offensichtlich hochmotiviert zurück: „Ces parcours, du nord au sud, je m’en souviens. Tout traverser, aller d’un bout à l’autre, je sais pourquoi.“6 Von „ihm“ wird „sie“ einmal in der kalten Apparateatmosphäre einer nicht lokalisierten Arztpraxis empfangen, in der sie – zunächst allein gelassen – eine „[…] tentation de partir […]“7 spürt, um unmittelbar nach seinem Erscheinen bereitwillig seinen überfallartigen sexuellen Avancen nachzugeben.8
Näher beschrieben werden die o.g. Schauplätze genauso wenig wie die sowohl mit „ihm“ als auch mit „ihr“ aufgesuchten Ziele „[…] à la mer […]“9. Dies bedeutet, dass diese Orte ausschließlich funktional als Verankerung der Handlung dienen. Eine Ausnahme allerdings bildet die Reise, die die Erzählerin mit „ihm“ nach Istanbul unternimmt.10 In der Europa und Asien verbindenden Stadt verwischen sich die Grenzen zwischen den Kontinenten – […] l’Europe comme l’Asie prenaient des contours imprécis […] – 11 und die Erzählerin stellt erfreut fest „[…] qu’il était possible de rêver ensemble, de regarder dans la même direction – la main dans la main, vouloir la même chose“12. Sowenig Europa und Asien am Bosporus in Opposition zueinander stehen, sowenig trennt die unterschiedlichen Geschlechter: „[…] la traversée nous unissait, entre Europe et Asie, dans l’un de ces villages […] nous aurions pu vivre […].“13 Die Erzählerin betont sehr bewusst die „Normalität“ der persönlichen Beziehung, indem sie dem gemeinsam genutzten Hotelzimmer mit einem „[…] lit ancien […]“ und fehlendem Anrufbeantworter den Anstrich des Altertümlichen und obendrein des sittlich Unbedenklichen verleiht: „[…] la fenêtre donnant sur le jardin abrita notre envie, enlacés nous roulions vers les rivages du soir, le village de pêcheurs et sa vie, où nous aurions abandonné la nôtre.“14
Gleichwohl gelingt es der Erzählerin in Istanbul nicht, ihre Aufmerksamkeit ungeteilt nur auf „ihn“ zu lenken. Bei der Ankunft in der Stadt am Bosporus hat sie, erotisch sensibilisiert, in seiner Begleitung mit dem Anblick von Minaretten gerechnet, schaut nun aber auch auf „[…]les coupoles des mosquées […]“15 und „[…] des dômes largement étalés […]“16, die in ihr nicht nur Erinnerungen an „sie“, sondern geradezu das sehnsüchtige Verlangen nach „[…] ses bras, son étreinte, ses mains, et, au-delà, son corps […]“17 wecken. Dass es sich dabei um einen, wie sie sagt, einer „Obsession“ ähnelnden Zustand handelt, verdeutlicht ihre Feststellung: „S’il m’avait laissée seule, j’aurais erré, je crois, de mosquée en mosquée, à sa recherche, et je serais tombée, quelque part, en extase.“18
2.2.2 Reisebewegungen
Reiseziele und Bewegungsvorlieben des geliebten Mannes und der Erzählerin
Indem die Erzählerin sich im Kontext der Schilderung der Reise nach Istanbul über ihre eigenen und die Bewegungsvorlieben des von ihr geliebten Mannes äußert, entwirft sie rudimentäre Charakterskizzen:
Il aimait les îles désertes, les endroits isolés, les rochers escarpés, les pentes abruptes, surtout l’aridité, l’escalade – il recherchait l’exploit. Moi, je préférais le large et la navigation – qu’il appelait errance – les grandes étendues, mais pas arides […]1
Eine kurze Zeit nach der Rückkehr aus Istanbul vervollständigt die Erzählerin das Bild:
Quelque temps après le retour du pays d’été, lui me faisait peur, la vie tracée qu’il m’offrait m’intimidait, m’ennuyait, je l’avais refusée, il m’avait dit on ne peut pas passer sa vie à naviguer quand j’avais dit que j’avais besoin de naviguer, et à force de ne plus le voir, je commençais à me demander s’il n’avait pas raison.2
„Sein“ Verhalten ist – aus der Sicht der Erzählerin – folglich dadurch gekennzeichnet, dass „er“ zwar durchaus abenteuerähnliche Herausforderungen sucht, sich dabei aber stets in überschaubaren, eng umgrenzten Räumen bewegt. Wenn sein Leben dementsprechend in „vorgezeichneten Bahnen“ verläuft, ist es ihrer Meinung nach risikoarm, wenig überraschungsanfällig, langweilig. Ebendies jedoch und „seine“ Mahnung „[…] on ne peut pas passer sa vie à naviguer […]“ wirken auf die freiheitshungrige, auf eine Entgrenzung ihrer Erfahrungen bedachte Erzählerin abschreckend und frustrierend, obwohl seine Worte, sobald sie „ihn“ längere Zeit nicht sieht, ihre Wirkung auf sie nicht ganz verfehlen. Wenn sie jedoch ihre Bahnen schwimmt, schweifen ihre Gedanken in die Wüste Namibias mit ihren in den südlichen Atlantik ragenden Sanddünen oder in die Gewässer zwischen Feuerland und die Antarktis, wobei sie die letztgenannte geographische Präferenz mit einem auf der Homonymie des Lexems „glaces“ beruhenden Wortspiel begründet: „[…] ah, les glaces, je les préfère en mer plutôt que dans les cœurs.“3
„[…] ce voyage si loin hors de mes frontières […]“ – die Erzählerin und ihre Geliebte
Die Erzählerin erkennt zwar einen wesentlichen, von ihr als Rollenumkehr verstandenen Unterschied zwischen ihren Beziehungen zu „ihm“ und „ihr“,1 bedient sich aber bei der Beschreibung beider Verhältnisse einer stark räumlich bestimmten Bildersprache. Auffällig ist die dabei sehr früh offenbar werdende Ambivalenz ihrer Empfindungen, insofern sie sich bereits beim Anblick der ihr unbekannten „[…] familles dans les rues […]“ unwohl und ausgegrenzt fühlt: „[…] j’étais mal à l’aise, je ne voulais pas de leur vie mais je me sentais au bord du monde, en dehors de tout.“2 In ungleich stärkerem Maße setzt jedoch das intime Zusammensein mit „ihr“ in der Erzählerin widerstreitende Reaktionen frei. Um zu verdeutlichen, welch außergewöhnliche Gefühle der Genuss grenzenlos erlebter Freiheit dabei in ihr auslöst, bedient sich die Erzählerin eines ganzen Arsenals isotopisch aufeinander bezogener Metaphern, um sodann zu einer abstrahierenden Schlussfolgerung zu gelangen:
Entre les murs nous étions bien, d’une liberté sans frein, tous les rôles étaient permis, et les explorations sur les rives interdites, nous accostions, dans cette forêt nul encore n’avait pénétré, nous écartions les branches, les broussailles, marchant entre les serpents qui rampaient, fuyant notre venue, forêt de la confusion, de la perte, je me rendais compte que je n’étais pas pareille avec elle et avec les autres, parce qu’elle était femme et eux hommes, mais il y avait autre chose j’allais dire de plus profond, la transgression, ce serait peut-être plus proche, mais il y a autre chose encore, avec elle, j’oubliais quelque chose de moi, avec les autres, avec lui, j’oubliais ce que j’étais avec elle.3
Die Erzählerin beschreibt intime Begegnungen mit „ihr“ hier als Akte zügelloser Freiheit, die gleichwohl nur in der abgeschirmten Sicherheit eines geschlossenen Raumes vollzogen werden können. Wenn sie diese Akte bildhaft als gemeinsame Erkundungsreisen zu einem „verbotenen Ufer“ schildert, so erhöht sie damit unweigerlich den Reiz der Spannung, den sie noch zu steigern vermag, indem sie in ihrer Phantasie mit „ihr“ auf der anderen Uferseite einen undurchdringlich scheinenden Wald betritt und dort obendrein auf Schlangen trifft, die vor ihr und ihrer Begleiterin fliehen. Eine an dieser Stelle möglicherweise erwartete triumphierende Reaktion tritt nicht ein, vielmehr wähnt sie sich in einer „[…] forêt de la confusion, de la perte […]“. So schafft die Erzählerin mit Anklängen an eine abenteuerliche Dschungelepisode und – in stark abgewandelter Form – einer Anspielung auf die Selbsterkenntnis Adams und Evas und ihre Vertreibung aus dem Paradies im Buch Genesis sowie nicht zuletzt mit dem Topos des dunkel-undurchdringlichen Waldes4 eine Atmosphäre, in der sie die Erfahrung ihres Andersseins als „transgression“, als eine Grenzüberschreitung und darüber hinaus als ein „Sich Verlieren“ darstellen kann. Noch deutlicher formuliert sie diese Erfahrung an anderer Stelle:
[…] cherchant son corps et son désir, je ne savais plus ce qui était elle et ce qui était moi, j’ai oublié ma peur à cette dépossession, ce voyage si loin hors de mes frontières, ces secondes où j’avais quitté mon corps et mon âme pour rejoindre le sien ou flotter entre deux […]5
Die Erzählerin erlebt die intime Nähe zu „ihr“ jedoch nicht nur als eine die Grenzen ihrer eigenen Persönlichkeit aufhebende Extase, sondern zugleich als eine Form innerer Gefangenschaft:
Entre les murs, aussi, nous étions prisonnières de l’éternel recommencement, l’extrême liberté et l’extrême prison se confondaient, inéluctablement, au bout d’une semaine, d’un mois, un an, je prenais sa main ou elle prenait la mienne et après, il n’y avait plus rien à faire. Et puis au cœur de la forêt, il y avait ce territoire, abordé une fois, et depuis, jamais reconnu, quelques semaines passées, du printemps à l’été, l’extrême péril.6
So mutiert der abschirmende, Intimität ermöglichende geschlossene Raum im Laufe der Zeit zu einer Zelle, in der die Erzählerin und ihre Geliebte ihre zunächst als „extrême liberté“ erlebte und gelebte gegenseitige Hingabe als „extrême prison“, d.h. als einen äußersten Mangel an innerer Freiheit oder als eine Form von Abhängigkeit erfahren.7 Ohne dass die Entwicklung zu diesem Punkt hin restlos klar wird, verdeutlicht die in drei Nominalphrasen einmündende Syntax den dramatischen Prozess, der die Erzählerin vom vermeintlichen Gipfel des Glücks zur Einsicht in die für sie lebensbedrohende Gefährdung führt.
2.2.3 Der Äquator als virtuelles Ziel
Die zwischen „ihr“ und „ihm“ schwankende Erzählerin – […] je veux elle, je veux lui, elle pour me perdre et lui pour me sauver, ou l’inverse je ne sais pas […] – 1 glaubt, ein ideales Reiseziel gefunden zu haben, um der Kalamität ihrer Unentschiedenheit zu entkommen:
Quelque chose me guidait vers l’équateur, presque machinalement, comme les mouvements que je fais sur le ventre – sur le dos, l’effort est plus grand, les gestes moins familiers – après, on peut reconstruire, analyser, l’équateur me mettait à équidistance du pôle Nord et du pôle Sud, Quito, quitter, pour ce que je voulais quitter, il y avait l’embarras du choix. J’imaginais, davantage que les hauts-plateaux, les côtes du Pacifique, et bien sûr, l’archipel des Galapagos, malgré l’avertissement de Melville, la sinistre découpe de ses Encantadas, „royaume de la solitude“.2
Der Äquator, Ecuador und Quito – die Aussprache des Namens der Hauptstadt klingt in dem zweifachen Echo des französischen Verbs „quitter“ nach – stellen für die Erzählerin ein Ziel dar, das eine ihren „embarras du choix“ neutralisierende Wirkung ausüben könnte. Die Anspielung auf Herman Melvilles aus zehn philosophischen „Sketches“ bestehende Novelle The Encantadas or Enchanted Isles – der achte Sketch handelt von der lange Zeit auf der Norfolk Isle in völliger Isolation lebenden Mestizin Hunilla – bringt zudem die Suche der Erzählerin nach Einsamkeit und Unabhängigkeit zum Ausdruck. Dieser Eindruck scheint sich jedoch schnell zu relativieren. Wenn sie nämlich feststellt: „Au Nouveau Monde, croyais-je, disparaîtraient les questions de l’ancien“3, so verbindet sie damit durchaus auch hoffnungsvolle Gedanken an eine gemeinsame Zukunft mit der erträumten Idealfigur eines „[…] Andin au teint sombre, aux cheveux noirs, aux lèvres épaisses […]“, der ihre erotischen Phantasien auf lebhafte Weise anregt.4 In dem heruntergekommenen Ambiente des für die Einreisegenehmigung zuständigen Verwaltungsgebäudes fühlt sie sich dann jedoch wieder „[…] loin de l’Andin, à vrai dire loin de tout.“5
Nach einem sich über mehrere Tage erstreckenden Zögern beschließt die Erzählerin, nicht nach Ekuador zu reisen, ohne dies konkret zu begründen. Allerdings erfahren wir in demselben Kontext über das Verhältnis zu „ihr“, dass „[…] la distance de Paris à Quito n’était rien face à celle qu’elle instaurait entre nous“.6 So bleibt Ekuador für die Erzählerin ein Ziel, das durch seinen rein virtuellen Charakter ihre Lage als ausweglos erscheinen lässt. Die Entfremdung von „ihr“ empfindet sie daher als „[…] la chute dans le gouffre, la sensation de vide, l’arrachement physique à une chaleur douce, le rejet dans un monde froid […]“7. Mit den raum- und bewegungsbezogenen Metaphern der „chute dans le vide“ und des „rejet dans un monde froid“, aber auch der plastischen Beschreibung des „arrachement physique à une chaleur douce“ – der metonymisch gebrauchte Ausdruck „chaleur“ ist ungleich ausdrucksstärker als eine pronominale Referenz – verleiht die Erzählerin ihrem Gefühl, ausgegrenzt, verstoßen und vereinsamt zu sein, eine geradezu dramatische Intensität.
Wenn die Erzählerin die Welt am Ende der Diegese mit „[le] vide, l’océan, l’île et mon appartement muet“ assoziiert,8 mag dies neben totaler Vereinsamung (le vide, mon appartement muet) zugleich die Sehnsucht nach dem Gegensatz zwischen der Weite des Ozeans und der Geborgenheit einer Insel und damit einen latenten „désir de départ“ offenbaren. Allerdings bekräftigt sie zugleich ihren Willen, den Verführungskünsten jener „[…] qui me piègent avec leurs yeux clairs et leurs fausses hésitations, leurs mains fines qui effleurent la vie et qui portent des gants, leurs tourments intellectuels […]“9 nicht länger nachzugeben, da sie nicht mehr von ihnen fehlgeleitet und instrumentalisiert werden will und sich zudem ihrer eigenen Schwächen bewusst ist:
[…] je ne les suivrai pas, les yeux clairs sont des gouffres infinis où rien n’arrête la plongée, je n’irai plus, ils boiront leurs alcools sans moi, je ne fais plus semblant d’être un repère dans leur longue traversée, en ne dévoilant rien de moi, surtout pas mes faiblesses, en n’affichant que certitudes, je ne suis pas plus solide qu’eux.10
Gleichwohl fühlt sie sich beim Schwimmen im Hallenbad von Erinnerungen an „sie“ und „ihn“, ihre Hoffnungen und Illusionen, die Mauer (mit ihrer symbolischen Bedeutung) eingeholt und hofft, sie mit jedem Schwimmzug verdrängen zu können.11 Dies wird ihr jedoch nicht gelingen, da, um im Bilde zu bleiben, die Erinnerungen sich wie das nach jedem Schwimmzug zurückflutende Element Wasser immer nur für einen sehr begrenzten Zeitraum beiseite schieben lassen. Auch denkt sie zurück an Reisen, die sie allein unternommen hat und bei denen sie weit in das offene Meer hinausgeschwommen ist in der Annahme, es befinde sich niemand am Strand. Als sie jedoch einmal zum Strand zurückkehrte, traf sie auf eine alte Dame, die ihr sagte: „[…] vous étiez allée loin, un moment, je ne vous voyais plus – il y a toujours quelqu’un qui veille“12, eine Erfahrung, die ihre Überzeugung, auf sich allein gestellt zu sein, zumindest in Frage stellt. Gleichwohl tun sich vor ihren Augen Traumbilder auf, die eine von Melancholie nicht freie Sehnsucht nach Weite und Freiheit und den Wunsch ungehinderter Bewegung zum Ausdruck bringen.13 Die Suche nach dem „irdischen Paradies“ ist, wie die von der Erzählerin aufgezählten legendären Beispiele belegen, ein uralter Menschheitstraum:
On a cherché les continents engloutis, le paradis terrestre, le pays des rois mages, le royaume du prêtre Jean, l’Eldorado, sur terre, sur mer, on a voulu perdre de vue l’étoile polaire et franchir, toujours, tracer la ligne d’équateur qui partage le monde et la franchir.14
Sie macht sich diesen Traum zu eigen, wenn sie im Schlusssatz des Textes sagt: „Un jour, un navigateur viendra, et il découvrira un autre monde.“15 Ihre Hoffnung auf einen „Nouveau Monde“, in dem „les questions de l’ancien“16 verschwinden, hat sie also keineswegs aufgegeben.
2.2.4 Die Figurenkonstellation im Spiegel chronotopischer Beziehungen
Die Erzählerin rückt ihre Trennung von „ihr“ – […] il fallait que je cesse de la voir […] – und ihre Überzeugung, dass „er“ an einer Beziehung zu ihr nicht mehr interessiert ist – […] de lui, il n’y avait pas grand-chose à attendre […] – 1 in einen chronotopisch geprägten Rahmen. Sie berichtet, am Jahrestag des Mauerfalls in einer grenznahen, aber „in ihrem Land“ gelegenen Stadt gewesen zu sein „[…] où des écrivains parlaient d’exil“.2 An demselben Tag trifft sie im Nachtzug auf eine Frau, die ihr eine abenteuerliche Geschichte über ihren Sohn erzählt, und des Nachts plagen sie Alpträume, in denen sich eine absurde und ansonsten blutrünstige, in ihr Schuldgefühle wachrufende Szenen abspielen.3 Der Moment ihrer Entscheidung, sich von „ihr“ und „ihm“ zu trennen, wird somit in den Kontext eines realen, umstürzenden historischen Ereignisses und erdachter, von der alltäglichen Normalität stark abweichender Geschehnisse gerückt. Die in ihrem Traum aufkommenden Schuldgefühle mögen durch ihre Trennungsentscheidung hervorgerufen werden.
Angesichts der zum Teil wortgleichen Wiederholung der auf den Jahrestag des Mauerfalls bezogenen Erinnerungen und eines erneuten Verweises auf dieses Ereignis am Ende des Romans ist davon auszugehen, dass die Erzählerin die Zäsur in der Diegese des Romans auf diese Weise nicht nur zeitlich situieren, sondern in einen auf ihr persönliches Dilemma bezogenen Rahmen stellen will. Da der Fall der Mauer jedoch weit über Deutschland und Europa hinaus überwiegend als ein glückliches historisches Ereignis betrachtet wird, wirken die von der Erzählerin imaginierten negativen Konnotationen auf den ersten Blick irritierend. Hilfreich für das Verständnis ist die bereits in B 2.2.2 zitierte Beobachtung der Erzählerin, dass für sie und ihre Geliebte „Entre les murs […] l’extrême liberté et l’extrême prison se confondaient […]“.
Für die Erzählerin dürften die beiden Teile des wiedervereinigten Deutschlands den von ihr in ihrer Beziehung zu „ihr“ erlebten Gegensatz zwischen „liberté“ und „prison“ widerspiegeln. Der Westen steht dabei für „extrême liberté“, der von Mauer und Stacheldraht eingehegte Osten für „extrême prison“. Diese Gegenüberstellung ist allerdings nicht auf eine Opposition zwischen „Gut“ und „Böse“ zu reduzieren, sondern bedeutet vielmehr den Gegensatz zwischen bis ins Extreme gesteigerten Haltungen.4 So werden die oben erwähnten Konnotationen verständlich: Prostitution und Mord, wo immer sie geschehen mögen, dienen als Beispiele für libertäres und kriminelles, die Würde des Menschen und sein Recht auf Unversehrtheit verachtendes Verhalten. In der Konsequenz bedeutet dies, dass die Erzählerin die Teilung Deutschlands, deren Ende sich mit dem Fall der Mauer ankündigt und tatsächlich zum Zeitpunkt des ersten Jahrestages besiegelt ist, als Spiegelung der Spaltung ihrer eigenen Person betrachtet. Diese manifestiert sich einerseits in ihrem sowohl „ihr“ als auch „ihm“ zugewandten erotischen Interesse, andererseits jedoch in ihrer sich zwischen den extremen Polen der „extrême liberté“ und der „extrême prison“ bewegenden Beziehung zu „ihr“ oder, anders ausgedrückt, ihrer zwischen „[…] l’ivresse d’errance et la gravité du destin“ bzw. „[u]ne liberté extrême, une solitude infinie“5 schwankenden Emotionalität. Wenn sie sich daher „[…] en exil de [sa] vie, de lui […] et elle“ sieht, so bedeutet dies – am Ende einer einjährigen Klärungsphase – „[…] que c’était terminé“ 6. Sie erlebt den Abschied von ihrem bisherigen Leben als eine Zeit des Rückzugs und Sich Verschanzens, des „[…] se barricader, se retirer sur ses terres, dans ses meubles, ne pas oublier de verrouiller les portes pour être sûr de verrouiller les cœurs“7. Für sie, die „le large, la navigation“ liebt und von sich selbst sagt „[…] que rien nulle part ne [la] retenait, dans aucun pays, ni celui que j’allais quitter ni celui où j’allais arriver. Une liberté extrême, une solitude infinie.“8, scheint diese Form der Immobilisierung und Abschottung zunächst den Verzicht auf jegliche Form einer „terre promise“ oder, anders gewendet, eine neue Art des selbstgewählten Exils zu bedeuten. „Beweglich“ hingegen sind die Schriftsteller, die über Exil sprechen, nicht im politischen Zentrum des Landes, sondern in einer grenznahen Stadt, um politischer Einflussnahme zu entgehen und grenzüberschreitendes Denken, das auch zur Aufgabe der Heimat führen mag, zu praktizieren. Unklar bleibt allerdings nicht nur, um welche Grenze es sich handelt, sondern auch, warum die Schriftsteller das Thema zu diesem Zeitpunkt aufgreifen. Ohne dass der Text einen Beleg dafür liefert, mag man – angesichts der spezifischen historischen Situation – nicht ganz ohne Grund spekulieren, dass die Erzählerin an Schriftsteller denkt, die – an der Grenze zwischen den ehemals getrennten Teilen Deutschlands – für einen „dritten“ gesellschaftlichen Weg plädieren und sich aus diesem Grunde von der Hauptstadt an die Peripherie begeben. Dies entspräche der Lotman’schen Theorie von der Ambivalenz der Grenze, die nicht nur trennt, sondern auch verbindet und zwischen den Kulturen der aneinander grenzenden Semiosphären vermittelt.9
2.2.5 Perspektivierende Zusammenfassung
Die Frage, ob die Erzählerin, die nicht von einem festen Ausgangspunkt, sondern schwimmenderweise über ihr Leben reflektiert, als eine im (frühen) Lotman’schen Sinn „bewegliche“, also die Grenze zwischen „disjunkten Räumen“ überschreitende Figur betrachtet werden kann, erfordert eine differenzierte Antwort. Ohne sich auch nur ansatzweise in expliziter Form mit den Moral- oder Wertvorstellungen der Gesellschaft, in der sie lebt, auseinanderzusetzen, betrachtet sie ihr eigenes Sexualverhalten als eine „transgression“. Sie überschreitet also eine, wie sie zu glauben scheint, durch anerkannte Normen gesetzte Grenze. Diese Wertung erfolgt unter Bezugnahme auf die durch die Erzählerin implizit vorgegebenen Normvorstellungen. Sie möchte sich als bisexuell lebende Frau jedoch aus ihrer Notlage befreien, indem sie sich in eine topographisch symbolisierte Äquidistanz zu beiden Geschlechtern begibt. Der ihren Wünschen gerecht werdende Ort liegt in in der Nähe von Quito, der Hauptstadt Ekuadors. Ungefähr zwanzig Kilometer nördlich befindet sich ein „La mitad del mundo“ genanntes Denkmal, an dem eine gelbe Linie den Äquator und damit den, wie man bei der Errichtung des Denkmals annahm, exakt gleichen Abstand zum Nord- und Südpol markiert.1 Wenn sie in diesem Kontext an Touristen denkt „[qui] se font photographier un pied de part et d’autre, un pied dans chaque hémisphère“2, verdeutlicht dieses Bild ihre illusionäre Wunschvorstellung eines durch eine „naturgegebene“ Linie normierten, quasi legalisierten Verhaltens. Somit ist es gerechtfertigt, ihren – nicht realisierten – „désir d’Équateur“ als eine angestrebte Form der Grenzüberschreitung im Lotman’schen Sinn zu betrachten, insofern ihr Ausgangs- und ihr Zielort zwei nach ihrer Vorstellung unterschiedlichen Wertvorstellungen verpflichtet sind. Da sie jedoch am ersten Jahrestag des Falls der Berliner Mauer die Beziehungen zu „ihr“ und „ihm“ beendet, scheint sie auf den ersten Blick zu einer „unbeweglichen Figur“ geworden zu sein. Dieser Eindruck ist jedoch im Lichte des Romanendes zu relativieren, insofern ihr „désir d’Équateur“ keineswegs erloschen ist, vielmehr in ihren Träumen weiterlebt. So mag man angesichts des Erscheinungsdatums des Romans (1995) und der damals allgemein vorherrschenden Intoleranz gegenüber „besonderen“ sexuellen Orientierungen durchaus vermuten, dass die autodiegetische Erzählerin in Le Désir d’Équateur mit diesem von ihr nicht für realisierbar gehaltenen „Wunsch“ (auch) die Hoffnung auf eine Änderung der Haltung der Gesellschaft gegenüber dieser Frage zum Ausdruck bringt, ohne dass der individuelle Charakter ihrer Suchbewegung in Frage gestellt wird.
2.3 Mariane Klinger1 – Auf dem Rückweg von der Neuen in die Alte Welt
Die Vordergrundhandlung ist auf einen einzigen Schauplatz, die legendäre Queen Mary2, den Ozeandampfer, mit dem Mariane Klinger innerhalb von sechs Tagen von New York nach Southampton reist, konzentriert. Aufgrund der Bewegung des Schiffes auf ein bestimmtes Ziel hin ist der Rückweg Mariane Klingers von den USA nach England in Anlehnung an K. Lewin und O.F.Bollnow durchaus als hodologischer Raum bzw. als „Wegeraum“ zu bezeichnen, obwohl der Begriff i.d.R. nicht auf Seewege bezogen wird.3 Für die Frage nach der Funktion von Raum und Bewegung für die Handlungsweise der Figuren, insbesondere der nach einer Neuorientierung ihres Lebens suchenden Titelheldin, ist dies bedeutsam, da ihr Nachdenken über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht von einem fixen, unbeweglichen Punkt, sondern von einem sich stetig auf ein Ziel hin bewegenden Schiff seinen Ausgang nimmt.
Für Mariane Klinger, die sich die Zeit im Rückblick verräumlicht als eine Kreuzung unterschiedlicher Straßen und Flüsse vorstellt, ihre ihr aufgezwungene Wahlheimat in New York fluchtartig verlassen hat und nicht weiß, ob sie ihren Sohn verloren hat, bedeutet sein Verschwinden eine todesähnliche Erfahrung.4 Vor diesem auch durch andere Faktoren belasteten persönlichen Hintergrund und angesichts der chronotopischen Bedingungen vier Jahre nach dem Ende des II. Weltkriegs ist ihre Suche nach einem neuen Leben in der Alten Welt nicht vergleichbar mit ihrem abenteuerlichen, von großen Hoffnungen begleiteten Aufbruch in die Neue Welt im Jahre 1929.
Im Rahmen einer summarischen, die wesentlichen Leitfragen (B 1.2) integrierenden Analyse soll die Suchbewegung Marianes transparent dargestellt werden. Die Erinnerungen und die Zukunftsplanung der Protagonistin werden durch örtliche Fixpunkte oder zumindest durch grobe Zielvorstellungen gelenkt. Die von ihr reflektierte Vergangenheit gliedert sich in ihre der Abfahrt nach New York vorausgehende Zeit in ihrer Heimat Heidelberg und die Hinreise nach New York einerseits und die zwanzig in den USA verbrachten Jahre andererseits. Ergänzt wird die Retrospektive durch Reflexionen über Gegenwart und Zukunft.
2.3.1 Heidelberg und die Hinreise nach New York
Die Erzählinstanz widmet Heidelberg als der Herkunftsstadt Marianes und ihrer Freundin Judith nur wenige Zeilen, die sich gleichwohl im Tenor deutlich unterscheiden.1
Im ersten und zweiten Kapitel erscheint die Stadt im Kontext der Erinnerungen an die Abfahrt. Hier ist zu erfahren, dass die beiden Mädchen nur wenige Häuser voneinander entfernt in derselben Straße wohnten2 und gelegentlich die Neckarbrücke überquerten „[…] pour parvenir jusqu’au chemin des philosophes et là, en voyant les ruines du château sur l’autre rive veiller sur la ville comme un memento mori, elles se racontaient la vie qu’elles imaginaient, des voyages et des rêves“3. Das „romantische“ Heidelberg wird auf diese Weise konnotiert mit einer Erinnerung an die Vergänglichkeit allen Seins, zugleich aber auch mit den Zukunftsplänen und -träumen Marianes und Judiths, die durch den Anblick der Schlossruine nicht nur nicht unmöglich gemacht, sondern sogar angeregt werden. Die Zeugnisse der Vergangenheit fungieren in der Gegenwart als Brücken in die Zukunft. Positive Erwartungen weckt überdies der Neckar. Wenn die Mädchen sich auf dem Philosophenweg in südlicher Richtung auf seine Quelle zu bewegten, wandten sich ihre Gedanken und Träume gleichwohl in die umgekehrte Richtung, weit über jenen Punkt hinaus, an dem der Fluss bei Mannheim in den Rhein einmündet. Es scheint, als ob sich ihr Aufbruch in die Ferne, aber auch ihre Suche nach einem eigenen Weg bereits am Horizont abzeichneten:
Remontant vers la source, le fleuve approchait de la mer pourtant, s’élargissait, et les bateaux convergeaient, plus nombreux, pour aboutir au port où les chantiers navals construisaient les paquebots qui viendraient hanter d’autres mers, habités de passagers à la recherche d’eux-mêmes et de fuites, émigrants, voyageurs.4
In einem seltsamen Kontrast zu dem zwar nur sehr skizzenhaft, aber unmissverständlich positiv dargestellten Ambiente Heidelbergs, das dem stark verbreiteten „Image“ der zum Träumen einladenden Stadt entspricht, steht das Projekt der „mariages arrangés“, die, wie nur aus Randbemerkungen zu erfahren ist, auf Seiten beider Familien wirtschaftlich motiviert sind.
Mariane und ihre Freundin Judith sind, als sie im Februar 1929 nach New York aufbrechen, 18 Jahre alt. Die Erzählungen eines Passagiers, dass sich zu dieser Jahreszeit riesige, sich von den Gletschern Grönlands abspaltende Eisberge den Schiffen auf der Transatlantikroute in den Weg stellen könnten, und sein Hinweis auf historisch belegte Havarien vermögen sie nicht zu beunruhigen, wirken im Nachhinein jedoch wie eine proleptische Ankündigung künftigen Unheils. Den beiden jungen Frauen vermag dies nichts anzuhaben. „[…] pendant la traversée de l’Atlantique, entre l’Ancien et le Nouveau Monde, sur le bateau, j’ai cru à la liberté […]“5, erinnert sich Mariane auf der Rückreise. Und als die beiden Freundinnen – noch vor dem von Judith angeregten Tausch der ihnen zugedachten Ehemänner – beim Anblick der Fotos ihrer künftigen Partner wohl nicht so recht an „[…] l’aventure avec lui […]“6 zu glauben vermögen, zerstreut Judith alle Bedenken mit ihrem Lachen und der Bemerkung: „[…] il y aura plus d’air qu’à Heidelberg“7, einer Aussage, die vermuten lässt, dass das geistige Klima in der Stadt nicht nur durch ökonomische Zwänge eingeengt, sondern obendrein durch den autoritären Erziehungsstil der Eltern belastet war. Die Unbekümmertheit und Sorglosigkeit der beiden jungen Damen scheinen indes während der Überfahrt keine Grenzen zu kennen – Elles riaient de tout, du passager du Gallia ou de leur fiancé […] – 8, allerdings deutet die Erzählinstanz auch feine Unterschiede zwischen den beiden an:
Judith laissait ses cheveux flotter, et sous la bise de février elle se sentait au printemps, et quand elle se penchait pour regarder l’océan, ses yeux se teintaient d’un vert plus sombre, un peu de mystère voilait son regard – à la recherche de quelque chose. Elle relevait la tête et Mariane lui enviait la force qu’elle paraissait puiser dans les eaux tumultueuses.9
Die Umstände der Überfahrt lassen nicht nur Judiths größere Härte und Belastbarkeit hervortreten, es umgibt sie auch ein Schleier des Geheimnisvollen, Undurchdringlichen und Unberechenbaren. Der sich zwei Jahre nach der Ankunft in New York vollziehende Bruch zwischen den beiden Frauen wird damit proleptisch vorweggenommen.
2.3.2 New York vs. Heidelberg
Ein weiteres Mal taucht Heidelberg im zweiten Kapitel auf.1 Mariane erinnert sich, dass ihr Sohn John sie einige Male gebeten hat, ihm von Heidelberg zu erzählen. Allein der Name der Stadt habe ihr Herz höher schlagen lassen und in ihr den Wunsch geweckt, mit jemandem Deutsch zu sprechen. Da dies mit John nicht möglich war, vermochte sie seine Fragen nicht so zu beantworten, wie sie es eigentlich wollte: „[…] elle ne parvenait pas à lui répondre […].“2 Sie lieferte nüchterne Informationen, ohne in ihrer Muttersprache „ihr Herz sprechen lassen“ zu können. So wurde Heidelberg in ihrer Antwort zu „[…] une ville comme une autre […]“3 degradiert. Wenn John besonders drängte, erwähnte sie auch noch die Schlossruine, den Neckar und den Philosophenweg und sogar das etwas weiter stromaufwärts gelegene Tübingen mit Hölderlins berühmtem Turm. Und wenn John Worte wie Hölderlin und Tübingen wiederholte, als schlössen sie ein Geheimnis ein, dann hatte Mariane den deprimierenden Eindruck „[…] qu’elle aussi, comme le poète, se trouvait enfermée dans une tour, depuis bien des années“4. In diesen Momenten begreift sie, wie stark sie sprachlich und kulturell in ihrer Heimatstadt Heidelberg verwurzelt und wie radikal sie in New York von dieser sie prägenden Verbindung getrennt ist.
Das Beispiel Heidelbergs zeigt sehr deutlich, wie sich Marianes Blick auf die Welt durch ihr Leben in New York verändert hat. Dass sie ihre innere Mitte verloren hat, wird ihr – unter dem noch frischen Eindruck der von Judith angeregten und von ihr hingenommenen Vertauschung der ihnen zugedachten Ehemänner – bereits bewusst, als sie Harry Loom zum ersten Mal sieht. Am Tag ihrer Hochzeit ist sie davon überzeugt „[…] que ce oui ne lui était pas destiné, qu’elle vivait en dehors de sa vie – mais sa vie, où était-elle?“5. Den Namen „Mariane Loom“ empfindet sie als „[…] un masque supplémentaire posé sur sa vraie vie“6. Im Rückblick auf die sie frustrierende Helferinnentätigkeit in der Praxis ihres Mannes bilanziert sie, dass „[…] de vingt années à New York il ne lui restait rien, pas une rue, une maison, un magasin, pas un être à qui elle se serait attachée, pas une aventure, la grande ville était un grand désert, l’erreur était plus vaste“7. Die von ihr erlebte Wirklichkeit steht somit in schärfstem Kontrast zur Erwartung eines „[…] espace inconnu, qui laissait cours à l’inspiration“, die Judith in Heidelberg im Anblick eines „[…] horizon […] bas, cerné par la forêt […]“8 auch in ihr geweckt hatte. Die Begriffe „espace inconnu“ und „un grand désert“ veranschaulichen, dass Marianes Hoffnungen auf eine ihren Geist anregende, ihr Leben bereichernde Zukunft in einer Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten und ihre Bewertung der erlebten Zeit in krassem Gegensatz zueinander stehen. Durch den Gebrauch einer räumlichen Begrifflichkeit unterstreicht die Erzählerin, dass Mariane, wie oben bereits angedeutet, ihre zwanzig Jahre in New York als eine Zeit der inneren Gefangenschaft betrachtet.
2.3.3 Eine Reise in die Ungewissheit
Inspiriert durch die endlos wirkende Weite des Meeres, erlebt Mariane den Beginn ihrer Rückreise als einen fast sakral anmutenden Akt der Reinwaschung ihres Lebens, als eine Auslöschung der bedrückenden Erinnerungen an ihr persönlich-berufliches Umfeld und als ein Einatmen von Freiheit.1 In einem Gespräch mit dem Engländer John Dee erklärt sie dieses Gefühl der Befreiung mit den Worten: „[…] j’ai l’impression de sortir de prison et de voir le soleil pour la première fois […].“2 Nachdem sie eine Rückkehr nach Amerika kategorisch ausgeschlossen hat und John Dee sie daraufhin auf ihren zurückgebliebenen Mann anspricht, erklärt sie unmissverständlich: „Il fait partie de ce que je ne veux plus retrouver […].“3 Gänzlich unbestimmt bleibt indes zunächst das Ziel ihrer Reise. Mit nur einem Koffer unterwegs – […] moins chargée qu’au départ – et plus libre – stellt sie lapidar fest: „[…] je ne vais vers rien.“4
Es entspricht Marianes Bedürfnis nach Übereinstimmung mit der natürlichen Ordnung des Lebens, dass die Rückreise nach Europa, anders als die Hinreise, „[…] dans le sens du temps […]“5 gerichtet ist. Gleichzeitig jedoch wird sie sich ihrer Unsicherheit bewusst, die von der Erzählinstanz in räumlich inspirierter Metaphorik zum Ausdruck gebracht wird. So spürt sie in der Nähe des Exilanten Thomas Mann „[…] l’immensité du gouffre qui séparait la vie qu’elle avait menée de la vie que menaient d’autres, l’impossible rencontre des sphères […]“6, und bei der Frage Peter Lemms, ob sie etwas in New York zurückgelassen habe, fühlt sie sich, eingeholt von der Erinnerung an den von ihr verlassenen Ehemann und den Sohn, wie von einem mächtigen Strudel in einen tiefen Abgrund gezogen.7
Mariane leidet jedoch nicht nur unter der aus „[…] vingt années de mensonge […]“8 resultierenden Veränderung ihrer Persönlichkeit, sondern auch unter den gravierenden Folgen des Krieges, die sie bis in den Schlaf verfolgen:
Dans les draps blancs où elle ne dormait pas, elle voyait le monde se diviser en deux, les gens plutôt, les innocents et les autres, ceux qui avaient cédé à la tentation et ceux qui n’avaient pas cédé […] Harry était un innocent, John Dee aussi, mais pas elle, pas Judith […] Et dans ce bar où elle avait vu Thomas Mann, elle se demandait à cet instant si la division n’était pas entre vainqueurs et vaincus, de la guerre, certes, mais d’une autre guerre aussi, plus intérieure.9
Die Teilung der Welt lässt sich, folgt man der Argumentation Marianes, durchaus unterschiedlich erklären, je nachdem, ob man Kriterien der persönlichen Schuld bzw. Unschuld anwendet oder aber sich an der durch das Ergebnis der Kriege geschaffenen Unterteilung in Sieger und Besiegte orientiert. Dass Mariane davon ausgeht, dass die Sieger gemeinhin als unschuldig, die Besiegten als schuldig gelten, erhellt aus ihrer an Dee gerichteten Bemerkung: „[…] la vie est simple pour vous, vous faites partie d’un pays vainqueur.“10 Als Dee ihr entgegnet: „Vous aussi […] l’Amérique“11, distanziert sich Mariane von dieser – sicherlich freundlich gemeinten – Zuordnung mit den Worten: „En vingt ans, il n’est pas une seconde où je me sois sentie chez moi. J’ai vu disparaître la statue de la Liberté avec un soulagement, vous ne pouvez pas imaginer.“12 Auf den ergänzenden Hinweis Dees, dass sie während der fraglichen Zeit nicht in Deutschland gewesen sei, gibt Mariane zu bedenken: „Je n’étais pas là-bas mais je suis de là-bas, de ce pays, de cette langue.“13 Und sie fügt hinzu, dass sie sich gedrängt fühle, ihr in Ruinen liegendes Land, das von amerikanischen Offizieren mit Pompei verglichen werde, zu besuchen. – Mit ihren Äußerungen beklagt sie nicht nur erneut die von ihr als eine Zeit der Gefangenschaft empfundenen Jahre in New York, sie distanziert sich darüber hinaus von dem ganzen Land, dem sie implizit vorwirft, seinen Einwanderern bei ihrer Ankunft mit dem in Bronze gegossenen Pathos der Freiheitsstatue ein utopisches Bild vom Leben in den USA zu vermitteln. Gleichzeitig identifiziert sie sich mit ihrem Herkunftsland Deutschland und seiner Sprache als einem wesentlichen Merkmal kultureller Identität und lässt damit deutlicher erkennen, was sie unter jener in dem Gespräch mit John Dee erwähnten „guerre intérieure“ versteht. Sie war zwar während der Schreckensjahre nicht in ihrer Heimat, betrachtet diese Zeit jedoch als eine „[…] vie de fausseté“14 und sucht daher nach einem neuen Weg.
Dabei erweist sich für Mariane ein Blick auf die Gesellschaft an Bord des Schiffes eher als verwirrend.15 Während Joan Hawks und andere Angehörige der Schickeria sich in oberflächlicher Selbstzufriedenheit einem trivialen musikalischen Vergnügen hingeben – […] chacun paraissait se contenter de la surface sans chercher à voir dessous – 16, diskutieren Hans Vögli und John Dee ernsthaft über die Einheit Deutschlands, die der Eine befürwortet, der Andere strikt ablehnt. Mariane entdeckt Bezüge zwischen dieser röntgenhaft „unter die Haut gehenden“, tiefschürfenden Analyse und der europäischen Trümmerlandschaft und sieht sich selbst als Gefangene, eingeschlossen und ohne Hoffnung auf Befreiung: „[…] elle se sentait cernée, entourée de grillages ou de fils barbelés, et frapper à une porte qui ne s’ouvrirait pas puisqu’elle n’existait pas.“17 Ihre Suche nach Wahrheit droht zu scheitern, auch angesichts ihrer eigenen Vergangenheit und im Anblick einer lächelnden, alle Umgangsformen respektierenden Gesellschaft: „Sa quête de vérité se désintégrait – quelle vérité, vingt années de mensonge et les ruines, partout – et au milieu du désastre, tout le monde souriait, en tenue impeccable.“18
In ihrem eigenen Innern tobt eine „guerre intérieure“ um die Frage nach persönlicher Schuld und Verantwortung, die in einen Entschluss zum Handeln einmündet. Für Mariane bedeutet dies die Verpflichtung zum Aufbruch in die Richtung ihrer alten Heimat. Die Erinnerung an ihren Sohn John wirkt immer wieder belastend, vermag sie aber nicht zurückzuhalten.
Wie sehr die Teilung der Welt in zwei Hälften gerade auch die Deutschen in ihren konkreten Lebensvollzügen treffen wird, sagt John Dee voraus, wenn er der sich nach dem Gebrauch ihrer Muttersprache sehnenden Mariane erklärt: „[…] et dans votre pays, Mariane, ce qui va se passer, un pays coupé en deux, une ville coupée en deux. Il y aura des familles, des amis qui ne pourront plus se voir ou qui devront traverser une frontière, présenter des papiers pour parler la même langue.“19
Mariane, die zum Zeitpunkt ihrer Rückreise seit 20 Jahren nicht mehr Deutsch gesprochen hat, erinnert sich, vor sechs oder sieben Jahren die Bände I und II von Thomas Manns Joseph und seine Brüder in einer Bücherei in Manhattan erstanden zu haben.20 Für sie war dieser Kauf, obwohl es sich um eine englische Übersetzung handelte, „[…] le signe qu’elle attendait depuis des années, une lumière dans ses ténèbres […] comme la terre d’un nouveau continent que l’on va aborder“21. An Bord des Schiffes ist der Exilant Thomas Mann, Autor eines Romans über den alttestamentarischen Exilanten Joseph, dessen Auslieferung durch seine Brüder an einen ismaelitischen Sklavenhändler der Exilant Peter Lemm mit den „mariages arrangés“ Marianes und Judiths vergleicht, für sie eine Person, deren Anwesenheit „[…] lui indiquait la voie à suivre“22. Als einziges Buch hat sie diesen Roman mitgenommen, da die in ihm bezeugte „[…] existence de voies impénétrables, de chemins détournés […]“ ihrer „[…] vision du monde […]“23 entspricht. So stellt sie sich vor, dass, sollte sie Thomas Mann auf der Schiffsbrücke treffen, sie ihm folgendes sagen würde:
C’est en lisant Joseph […] que j’ai compris qu’il fallait partir pour vivre. […] Joseph est parti, il a quitté son père, et puis ses frères, et lui qui, dans son pays, n’était qu’un membre de la famille, là-bas, en Égypte, descendu au plus bas il montait au plus haut, il observait les dieux, leurs coutumes et leurs songes, il expliquait les choses autrement, et son regard étranger éclaircissait le monde. Car le départ ne suffit pas, il faut en faire quelque chose, et moi, je n’ai rien décidé au cours de ma vie – ma première décision (Hervorhebung H.H.), je l’ai prise il y a quelques jours, et ce fut de partir, aussi. Vous voyez, c’est pour cela que je crois que John a eu raison.24
Mariane fühlt sich dem Schicksal Josephs verbunden, insofern sie und er im Alter von 18 Jahren ihre Heimat verlassen mussten. Darüber hinaus wird er für sie zu einem beneideten Vorbild, da er sich, anders als sie, die sich in ihrer Ehe und in ihrem ganzen Leben in New York unfrei fühlte, in seiner neuen Heimat Ägypten nicht von der Gesellschaft isolierte, sondern die Autoritäten und Bräuche des Landes achtete und bekanntlich bis zum angesehenen Berater des Pharaos aufstieg. Als seine Brüder in einer Zeit der Hungersnot nach Ägypten kamen und ihn um Hilfe baten, fanden sie bei ihm „[…] la nourriture matérielle et spirituelle […]“25, also eine nicht nur den leiblichen, sondern auch den geistigen Hunger stillende Nahrung. Und als die Brüder ihn schließlich zu ihrem Vater Jakob kurz vor dessen Tod in die Heimat zurückführten, bedeutete dies für alle, dass „[…] l’unité s’était reformée […]“26. Vor diesem Hintergrund bedeutet die Entscheidung Marianes zum Aufbruch ihren – verspäteten – Eintritt in die Selbstständigkeit des Erwachsenenalters. Ihre verständnisvolle Hinnahme des Verschwindens ihres Sohnes ist nur nachvollziehbar vor dem Hintergrund ihrer eigenen Biographie: Da sie ihrem Sohn ein Leben des Stillstands und der Erstarrung ersparen will, das dem ihrigen ähnelt, heißt sie seinen unangekündigten, die Eltern in Ratlosigkeit stürzenden Aufbruch nachträglich gut.
2.3.4 Perspektivierende Zusammenfassung
Die Reise Marianes (und Judiths) von Heidelberg nach New York bedeutet für die Mädchen einen Wechsel in einen anderen Kulturraum, insofern sie eine Grenze überschreiten, die als topographisch, sprachlich und semantisch kodiert einzustufen ist. Die Grenze ist jedoch nicht von vornherein als „unüberwindlich“ im Sinne Lotmans zu bezeichnen, da vor der – von den Eltern veranlassten – Reise weder erkennbare Hindernisse institutioneller Art noch eine Weigerungshaltung der Mädchen erkennbar sind. Wohl aber erweist sich der Aufenthalt in New York für Mariane von Anfang an als krasses Gegenteil der erhofften Befreiung aus der (vermeintlichen) provinziellen Enge Heidelbergs. In einem von ihr auf der Rückfahrt nach Europa an Bord des Schiffes imaginierten Dialog mit Judith sagt sie: „[…] car tu ne t’imagines pas à quel point ma vie était fermée, de tous côtés […].“1 Mit dem räumlich inspirierten Bild der „vie fermée“ suggeriert sie, dass die Jahre in New York für sie eine Zeit der Unfreiheit und Fremdbestimmung waren. Zu einer eindeutig „beweglichen Figur“ wird Mariane erst durch die in B 2.3.3 zitierte „première décision“, die erste bewusst von ihr selbst getroffene Entscheidung, mit der sie sich, zusätzlich belastet und beunruhigt durch das plötzliche Verschwinden ihres Sohnes, aus ihrer zwanzigjährigen Gefangenschaft losreißt, indem sie sich zum Aufbruch, zur Rückkehr nach Europa entschließt.
Wenn sie auf der Rückfahrt an Bord des Schiffes in dem o.g. „Zwiegespräch“ mit Judith auch an Heidelberg denkt, nicht an das Heidelberg ihrer Jugend, sondern an das Heidelberg ihrer Gegenwart, in dem die Ruine des Schlosses die Ruinen des Weltkriegs überragt und wie ein mächtiges chronotopisches Signal Zukunft verheißt, in dem sie sich über den Fluss beugen möchte, um aus ihrem Spiegelbild einen Hinweis auf ihre Zukunft abzulesen, „verräumlichen“ sich ihre Zeit- und Zielvorstellungen in einer traumhaft anmutenden Rückbesinnung auf die Stadt ihrer Herkunft. Gleichzeitig erinnert sie sich neidvoll an die Heidelberger Studenten, deren Leben mit seiner Freiheit und geistigen Entdeckerfreude sie gerne geteilt hätte: „Et moi, je les enviais, j’aurais voulu faire des études, un jour, comme eux, passer ma vie avec les livres, les lire et les expliquer.“2 Obwohl der Text keine definitive Auskunft darüber gibt, wohin dieser Aufbruch Mariane führen wird, ist ein Gespräch aufschlussreich und richtungweisend, das Hans Vögli, dessen ebenfalls Mariane heißende Frau vor Jahren verstorben ist, mit ihr führt. In einer durch interne Fokalisierung geprägten Passage stellt die Erzählinstanz – aus der Perspektive Vöglis – die Frage, ob Mariane begriffen hat, was sie verloren hat, um sogleich eine Zukunftsperspektive zu eröffnen:
Mais savait-elle ce qu’elle avait perdu? Il y avait tant de choses, Heidelberg, ses
parents, John, Judith, sa vie, le sens de sa vie […] elle allait retrouver, oui, et elle saurait alors ce qu’elle avait perdu.3
Dass die Erzählinstanz „le sens“ hier in der doppelten Bedeutung ’direction, orientation dans laquelle se fait un mouvement’ und ‚raison d’être de qqch; ce qui justifie et explique qqch, signification‘4 gebraucht, wird durch die Hervorhebung im Anschluss an „sa vie“ deutlich. Und die unmittelbare Reaktion Marianes: „Je reviens pour cela, pour tenter de trouver l’unité de ma vie“5 unterstreicht, dass sie Vöglis Botschaft verstanden hat: Wenn ihr Aufbruch sie aus ihrer Gefangenschaft befreien soll, müssen sich ‚Sinn‘ und ‚Richtung‘ ihres Lebens ergänzen, um es in seiner Ganzheit wiederherzustellen. Im Übrigen findet der Gedanke der Wiederherstellung der „unité de la vie“ eine Parallele in der Biograhie des in seine Heimat zurückkehrenden Joseph.6
Mariane gibt durch ihre starke Identifikation mit dem Werk Thomas Manns, das sich ihr über Joseph und seine Brüder zu erschließen beginnt, zu erkennen, mit welcher Gesinnung und Absicht sie auf der Suche nach einer Neuausrichtung ihres Lebens vom Nouveau in den Ancien Monde zurückkehrt. Auch wenn die Erinnerung an ihre Heimatstadt Heidelberg in ihr sehnsuchtsvolle Gefühle wachruft und die Stadt auf sie eine große Anziehungskraft ausübt, wird sie auf der Suche nach einer geistigen Heimat insbesondere den Spuren des mit ihr gemeinsam nach Europa zurückkehrenden Thomas Mann folgen. Sie hat erkannt, dass die Beschäftigung mit seinem Werk ihr Leben verändert hat und ihr auch in Zukunft entscheidende Orientierungshilfen liefern kann. In einem imaginierten Zwiegespräch mit ihm erklärt sie:
J’ai lu vos livres et je les garde en moi, chaque lecture m’a rendue différente, je tournais les pages dans des draps blancs et vides qui s’emplissaient de vie […] j’ai reçu quelque chose de vous que je garde […] Vous poursuivez votre chemin […] Je lirai les comptes rendus de votre visite en Allemagne, ou j’irai peut-être vous écouter, à Francfort […] et puisque vous souhaitez que votre visite s’adresse à l’Allemagne entière, elle s’adressera un peu à moi.7
Anders als vor zwanzig Jahren hat Mariane gelernt, den Sinn und die Richtung ihrer Suchbewegungen selbst zu bestimmen, da sie eine geistige Beheimatung gefunden hat und zu einer – im Lotman’schen Sinn – „beweglichen“ Figur geworden ist.
2.4 Voyage à Saint Thomas1 – Suchbewegungen zwischen Paris und Saint-Thomas
Die insgesamt ereignisarme Handlung des Romans Voyage à Saint Thomas ist, orientiert man sich lediglich am oberflächlichen Ablauf der Geschehnisse, im Wesentlichen auf zwei Orte, nämlich Paris und Saint Thomas, beschränkt. Trotz dieser eher sparsamen Aufteilung des literarischen Raums entfaltet der Roman ein komplexes System räumlicher Vorstellungen sowohl in der Erzählweise als auch in der Imagination der Charaktere, insbesondere Agathes, deren Blickwinkel die heterodiegetische Erzählinstanz fast im ganzen Roman einnimmt. Diese Form der dominant internen Fokalisierung kündigt sich bereits zu Beginn des ersten Kapitels an. Sie wird unterstrichen durch einen ungewöhnlichen Erzählmodus, wie er zum Beispiel zu Beginn des zweiten Absatzes zu beobachten ist: Die Beschreibung des Dorfes Saint-Thomas erfolgt eindeutig aus dem Blickwinkel Agathes, die den Ort jedoch noch nicht aus eigener Anschauung kennt, sondern sich auf die Erzählungen Marcs bezieht, sich mit seiner schwärmerischen Darstellung identifiziert und hofft, nach einer langen Zeit des Wartens dort in der Begegnung mit Loïc ihr persönliches Glück zu finden.2
2.4.1 Zur raumkonstituierenden Funktion des ersten Kapitels
In welcher Weise Kapitel 1 eine grundlegende raumkonstituierende Funktion zukommt, sei anhand folgender Aspekte erläutert:
Agathe empfindet ihr bisheriges Leben als einen ansteigenden Weg, den sie notwendigerweise hat zurücklegen müssen, um mit ihrem Geliebten zu einer Reise aufbrechen zu können. Die Erwartung dieser Reise bedeutet für sie „das Leben schlechthin“. Nach dem Aufschub der Reise stellt sich ihr Dasein wie ein in seine Einzelteile zerfallenes, ausdrucksloses Puzzle dar.1 – Die im Roman an vielen Stellen wieder aufgenommene metaphorische Umschreibung des Lebens als Weg bzw. Reise erinnert an Sartres Interpretation des hodologischen Raums. Anders als K. Lewin, für den der hodologische Raum einen „ausgezeichneten“, d.h. bestimmten Bedingungen genügenden, nachvollziehbaren Weg zu einem Ziel bezeichnet, sieht Sartre darin lediglich „[…] eine[r] irgendwie unbestimmt gedachte[n] Beziehung zu einem räumlich entfernten Menschen (oder Ding)“.2 Damit ist die Ausgangssituation, in der sich Agathe zu Beginn des Romans befindet, charakterisiert: Datum und Ziel der vereinbarten Reise verlieren durch den (ersten) Aufschub (dem bald ein zweiter folgen wird) jenen sternenartigen Glanz, der ihr Leben zuvor erhellte. Ihre Beziehung zu Loïc schließlich wird durch ihre Vermutung belastet, dass er vor der gemeinsamen Reise angesichts der damit verbundenen Bedeutung Angst habe.3
Die den Roman kennzeichnende Opposition zwischen Paris und Saint-Thomas ist in der Vorstellung Agathes bereits in Kapitel 1 deutlich ausgeprägt. Sogar bei Sonne, einem blauen Himmel und einer ruhigen Umgebung, also bei optimalen äußeren Bedingungen, die in ihr eigentlich eine friedliche Stimmung hätten erzeugen können, hinterlässt die namentlich noch nicht genannte Stadt, in der Agathe lebt, in ihr einen Zustand der Lustlosigkeit.4 Durch die Platzierung am Anfang des ersten Kapitels erhält dieser Satz ein besonderes Gewicht. Demgegenüber verbindet Agathe – unter Bezugnahme auf Erzählungen Marcs – den als Ziel der geplanten Reise vorgesehenen, zunächst mit dem Hinweis „[…] près de la baie du Mont-Saint-Michel […]“5 nur grob lokalisierten, aber nicht namentlich erwähnten Ort mit bis ins Extreme gesteigerten positiven Vorstellungen bzgl. seiner geographischen Lage und Beschaffenheit sowie der leitsternähnlichen Bedeutung6, die er für sie – bis zum Aufschub der Reise – besitzt. In einer asyndetischen, viergliedrig gesteigerten Aufzählung führt eine aufsteigende Linie von „[…]des plages désertes immenses […]“ über „[…]des marées infinies[…]“ und „[…] les reflets de la lune sur la mer […]“ bis zu „[…] le ciel étoilé d’autant plus vaste qu’il était bas comme il devait l’être près des pôles […]“.7 Darüber hinaus zeichnet sich der Ort aus als „[…] le lieu secret qui abritait ceux qui s’aiment et se cachent […]“8. Er besitzt mithin eine Qualität, die Agathe – bis zu Loïcs Absage der Reise – in ihrer Entschlossenheit zum Aufbruch bestärkt und in ihr verschiedenste Träume geweckt hat, die im Wunsch einer Legalisierung der Beziehung zu ihrem Geliebten gipfeln.9 In einem krassen Gegensatz zu diesen Traumvorstellungen steht jedoch die von Agathe täglich erlebte Realität, die, metaphorisch als „[…] jours de désert […]“ umschrieben, die regelmäßige Wiederkehr einer Arbeit bedeutet, bei der „[…] l’ennui succédait à l’ennui, où toutes les vérifications, les contrôles qu’elle devait faire, s’alignaient comme les colonnes d’une armée dans le désert à des milliers de kilomètres d’un objectif dont on se demandait s’il existait […]“10. Agathe sieht sich somit in Paris mit einer Arbeitswelt konfrontiert, in der sich in ihrer Vorstellung die von ihr vorzunehmenden Kontrollaufgaben zu Armeekolonnen verselbständigen, die, aufgereiht in einer Wüstenlandschaft, nach einem weit entfernten, nicht einmal mit Sicherheit existierenden Ziel suchen. So bedient sich die Erzählstimme bereits im ersten Kapitel einer räumlich bestimmten Bildersprache, um die von Agathe erlittene Entfremdung, Vereinsamung und Frustration, d.h. ihre Erfahrung eines als absurd und sinnlos empfundenen Lebens zum Ausdruck zu bringen.
In den Träumen Agathes gewinnt Saint-Thomas obendrein eine proleptische Bedeutung. So wie sich Marc nach dem Aufenthalt ebendort von seiner damaligen Partnerin trennte, um sich mit Véronique zusammenzuschließen, hofft Agathe – nach dem Ende der kurzen Beziehung zu Marc – auf eine klare Entscheidung Loïcs für sie.11 An dieser Stelle gelangt die im Werk Cécile Wajsbrots an vielen Stellen zu beobachtende Überzeugung zur Geltung, dass Handlungen durch Räume bzw. Raumkonstellationen ausgelöst und mitbestimmt werden.12
Schließlich spricht das erste Kapitel auch bereits die Bedeutung der Literatur für Agathe an. Wenn der Erzähler unter Bezugnahme auf den von Agathe gelesenen Roman Le marin rejeté par la mer des Japaners Mishima sinngemäß erklärt, dass selbst eine präzise Zusammenfassung dem Buch nicht gerecht werde, da „[…] chacun y trouve ce qui lui convient, comme un miroir qu’on promènerait dans le monde […]“, so manifestiert sich hier neben einem rezeptionsaesthetisch bestimmten Literaturverständnis die Überzeugung, dass Literatur eine die Selbsterkenntnis und damit die Orientierung in Raum und Zeit fördernde Funktion hat.13
Nachdem die grundlegende Bedeutung, die das erste Kapitel bzgl. der Raumkonstitution für den ganzen Roman hat, dargestellt worden ist, soll die Funktion von Raum und Bewegung nun in einer kapitelübergreifenden Analyse in Anlehnung an das in Kapitel B 1.2 vorgestellte, modifizierte narratologische Modell Nünnings untersucht werden.
2.4.2 Die Schauplätze – Auswahl und Entfaltung der wechselseitigen Beziehungen
Im Hinblick auf Voyage à Saint-Thomas bietet sich auf der paradigmatischen Achse eine Differenzierung in von den handelnden Figuren unmittelbar bzw. nur medial erlebte Orte und Räume an. Während Paris der Ort ist, an dem alle Figuren beheimatet sind, bleiben die Reise nach Saint-Thomas und der Aufenthalt ebendort und auf den benachbarten Inseln Agathe und Marc vorbehalten. Agathe sucht als einzige die – museal vermittelte – Begegnung mit der Landschaft der (Ant-)Arktis. Der Überblick über die Handlungsorte in Paris lässt erkennen, dass die Zusammenkünfte größtenteils jeweils an einem neutralen Ort stattfinden. Dass Beschreibungen der Wohnungen der handelnden Personen fehlen, unterstreicht das bereits im Titel des Romans zum Ausdruck gelangende „Unterwegssein“ der Protagonisten.
Die der syntagmatischen Achse zuzuordnende Betrachtung der Relationierung der Orte bzw. Räume ist zugleich eine Analyse der Beziehung zwischen den Handlungsträgern. Das für die Diegese zentrale Spannungsverhältnis zwischen Paris und Saint-Thomas spiegelt die Problematik des Verhältnisses zwischen Agathe und Loïc bzw. Marc wider. Die diachronische Form der „histoire“ legt es nahe, die Analyse textchronologisch zu strukturieren und dabei inhaltliche und formale Aspekte zu integrieren. Die Überlegungen, die auf die Chapelle Notre Dame als sakralen Ort, der nicht in den Handlungsablauf integriert ist, bezogen sind, sowie die Beobachtungen zu den von Agathe nur medial erlebten Landschaften (der Ant-Arktis) werden aus heuristischen Gründen ausgegliedert. Inhaltlich und formal bleiben sie eng auf die zentrale Beziehungsproblematik bezogen.
Paradigmatische Achse – Auswahl der Orte
An erster Stelle sind die mit einem unterschiedlichen Grad an Genauigkeit referentialisierbaren, von den handelnden Figuren erlebten Orte zu nennen. Zu dieser Gruppe gehören
(1) die Stadt Paris mit mehreren Schauplätzen, von denen die nachfolgend genannten (relativ) präzise lokalisiert werden können:
„[…] le grand café près de Beaubourg […]“, in dessen Nähe eine elektronische Uhr mit grünen Ziffern den zeitlichen Abstand bis zum Beginn des Jahres 2000 anzeigt1
der Jardin du Luxembourg2
der Jardin des Plantes mit der vermutlich im – namentlich nicht erwähnten – Muséum national d’Histoire naturelle zu situierenden Ausstellung über den Polarkreis3
der Ort der ersten Begegnung zwischen Agathe und Loïc in einer Wohnung auf der Île Saint-Louis im Zentrum von Paris4
Andere Orte in Paris werden nur durch die dort stattfindenden Handlungen definiert. Dies gilt für
bestimmte, namenlos bleibende Cafés5
die Wohnung Loïcs, der „de chez lui“6 telefoniert
die Straßen von Paris („ […] dans les rues de Paris […]“)7
(2) die Chapelle Notre-Dame de Grâce oberhalb von Honfleur8
(3) der Ort Saint-Thomas, sofern man davon ausgeht, dass er identisch ist mit dem in der Baie du Mont-Saint-Michel gelegenen Dorf Saint-Jean-le-Thomas, sowie die von dort leicht erreichbaren Inseln9 und der Mont-Saint-Michel10.
An zweiter Stelle zu erwähnen sind referentialisierbare, von den handelnden Figuren medial erlebte Räume wie
die (beim Besuch Agathes) in der o.g. Ausstellung präsentierten Orte und Räume11
die in Verbindung mit berühmten Entdeckern genannten Ziele12
Auf eine Nennung der intertextuell vermittelten Räume wird aus dem in B 2.4.1, S. 119, Anm. 216, genannten Grund verzichtet.
Syntagmatische Achse – Relationierung der Orte
Paris – Saint Thomas: Etappen einer Entwicklung
Abkehr von Paris: Saint-Thomas als Agathe und Loïc verbindendes Ziel
Die bereits in Kapitel 1 angelegte Opposition zwischen Paris und Saint-Thomas wird im Verlauf der Romanhandlung schrittweise weiter entwickelt. Agathe erlebt das Stadtviertel von Paris, das sie nach dem Verlassen eines Cafés gemeinsam mit Jeanne betritt, als einen Kontrast zu dem ihr bisher unbekannten, in ihrer Vorstellung gleichwohl präsenten Küstenort Saint-Thomas:
Il faisait beau, Jeanne lui [à Agathe] proposa de sortir du café, et par une série de rues tranquilles, tandis qu’Agathe se demandait quel temps il faisait, à Saint-Thomas, tandis que la plage et la mer qu’elle n’avait jamais vues et qu’elle imaginait, immenses et vides, d’une sérénité apaisante, se substituaient aux rues étroites et sombres qui contournaient des églises sans âme d’une architecture lourde et banale, elles arrivèrent au jardin du Luxembourg où subsistaient, en cette fin de journée, quelques havres de paix […]1
Die Erzählstimme fokalisiert das Leserinteresse von vornherein nicht auf eine sachliche Gegenüberstellung dieser disparaten Orte, sondern auf die subjektive Sehweise Agathes. Dies gelingt ihr durch die hypotaktische Verschränkung einer auktorial präsentierten Abfolge von drei Hauptsätzen – Il faisait beau, Jeanne lui proposa de sortir du café, et par une série de rues tranquilles […] elles arrivèrent au jardin du Luxembourg […] – mit einem komplexen Gefüge untergeordneter Nebensätze, die sie zwischen die den dritten Hauptsatz eröffnende adverbiale Ergänzung und die Kernaussage einfügt. So werden für Agathe die „rues tranquilles“ des Erzählers zu „rues étroites et sombres“, welche Kirchen umgeben, die sie offensichtlich als Beispiele einer seelenlosen, dumpfen Architektur empfindet. Strand und Meer in Saint-Thomas hingegen evozieren in ihr ein Gefühl der Weite und einer friedlich stimmenden Heiterkeit. Einige hingegen als „havres de paix“ erlebte Orte in Paris, die Agathe im Jardin du Luxembourg findet, genießt sie nicht um ihrer selbst willen, sondern weil ihre Helligkeit eine Vorstellung jenes Lichts vermittelt, in das die Bucht des Mont Saint-Michel vor Sonnenuntergang getaucht ist.2 Obwohl ein gemeinsames Leben mit Loïc Agathe wie ein unerreichbarer Stern erscheint, ist sie realistisch genug zu erkennen, dass für diejenigen, die das Ziel des Zusammenlebens erreicht haben, „[l’étoile] n’avait plus rien d’une étoile et rien d’inaccessible […]“3, und das Miteinander kaum miteinander kommunizierender Paare erscheint ihr eher langweilig und beklemmend.4
Agathes Sehnsucht nach Saint-Thomas verbindet sich mit ihrer Sehnsucht nach Loïc, mit dem sie in den drei Jahren ihrer Bekanntschaft noch keinen gemeinsamen Sonntag hat verbringen können.5 Als sie eines Nachts an ihn denkt, verkörpert er auf eine zugleich unwirkliche und verheißungsvolle Art ihre Hoffnungen auf diesen Ort, und seine tiefblauen Augen werden für sie gleichermaßen zu den Lichtern eines Schiffes auf hoher See und des Dorfes Saint-Thomas.6 Wenn die Erzählinstanz hier noch bildhaft zwischen Trennung und Angekommensein unterscheidet, so unterstreicht der syntaktisch-lexikalische Parallelismus in der resumierenden Feststellung „Oui, cette nuit, elle croyait à Saint-Thomas et elle croyait à Loïc […]“7, dass Agathe Saint-Thomas und Loïc gleichsetzt, Ort und Person für sie gleichsam miteinander verschmelzen.
Innerlich bewegt, aber auch überrascht reagiert Agathe auf Loïcs Drängen, die Reise nach Saint-Thomas zum ursprünglich geplanten Termin, aber begrenzt auf vier Tage, anzutreten:
Agathe le regardait, émue par tout ce qui venait de lui, ses yeux, sa voix, ses mains, le fait qu’il ait l’air de tenir à ce départ, qu’il y revienne, elle se disait – cela lui arrivait parfois – qu’il y avait quelque chose de miraculeux dans cette histoire, et l’émerveillement qu’une telle chose existe, qu’un homme comme Loïc avec une telle expérience de la vie, une telle allure, montre de cette façon qu’il tenait à elle, l’illuminait d’une telle certitude qu’elle dit: bien sûr, on part. Quatre jours avec Loïc, c’était le bout du monde, le but de sa vie, l’important n’était pas la durée, le temps n’était pas aux additions, aux soustractions.8
Wiederum spiegelt eine stark hypotaktische Syntax die Verästelungen der Gedanken und Gefühle Agathes wider. Die Erzählstimme gibt die Gedanken Agathes zunächst in einer auktorial knapp kommentierten Form der indirekten Rede – […] elle se disait – cela lui arrivait parfois – que […] – wieder, um die Erzählung sodann durch eine kurze, entschiedene Aussage Agathes in direkter Rede, durch die die interne Fokalisierung des auktorialen Erzählstils noch verstärkt wird, fortzusetzen – […] qu’elle dit: bien sûr, on part –. Angesichts der sich konkretisierenden Aussicht auf den Aufenthalt in Saint-Thomas zählt für Agathe nicht die Dauer, sondern der Ort des Aufenthalts, wobei das alliterierende „b“ – […] le bout du monde, le but de sa vie […] – verdeutlicht, dass Saint-Thomas für Agathe ein weit außerhalb der ihr vertrauten und verhassten Wirklichkeit gelegenes, aber wohl auch deswegen zutiefst herbeigesehntes Ziel ist. Der Ort, an dem das Gespräch stattfindet, ein Café, das lediglich durch einen seine Funktion für Agathe und Loïc definierenden Relativsatz näher beschrieben wird – […] où ils prenaient leur petit déjeuner quelquefois […] – 9 ist im Vergleich dazu völlig unbedeutend.
Nachdem Agathe Loïc erklärt hat, dass sie eine Hotelreservierung in Saint-Thomas veranlassen werde,10 wird die Bedeutung des Seebades in einem Telefonat zwischen Agathe und Marc erneut hervorgehoben. Als Kenner des Ortes assoziiert Marc Saint-Thomas in überschwänglicher Begeisterung mit unendlicher Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten: „Tu verras, c’est magnifique, tout cet espace qui s’ouvre donne une impression d’infinie liberté, l’impression que tout est possible.“11 Die Aussage Marcs und der sich anschließende Wortwechsel sind aus zwei Gründen bedeutsam: Zum einen findet der besondere Charakter von Saint-Thomas eine durch persönliche Erfahrungen untermauerte Bestätigung. Zum andern wird die Aussage Marcs – […] tout est possible – von Agathe sogleich wortgleich wiederholt – Et tout est possible –. Diese Bekräftigung seiner eigenen Äußerung schränkt Marc spontan mit den Worten „Par moments, oui.“ ein.12 Das Telefongespräch zwischen Agathe und Marc erfüllt somit eine eindeutig proleptische Funktion, insofern es auf die sich in Saint-Thomas ergebende – kurzfristige – intime Beziehung zwischen den beiden hindeutet. Durch die Hinweise Marcs auf die Belastungen seines Verhältnisses zu Véronique13 wird die proleptische Wirkung verstärkt. Zugleich provozieren sie eine nachhaltige Verunsicherung Agathes, die in sich und um sich herum, ganz konkret in den Straßen von Paris, eine große, als beunruhigend empfundene Leere und Apathie verspürt, die sie veranlasst hat, die Hotelreservierung vorzunehmen. Danach, aber auch unter dem Eindruck des Gesprächs mit Marc weicht die Vorstellung, dass das Zimmer am Ufer des Meeres „[…] l’avant-poste d’un autre monde, la promesse d’un voyage sans retour, de quelque chose qui créerait une situation irréversible […]“14 sei, der Empfindung, sich wieder am Anfangspunkt, in einer Sackgasse, zu befinden, da sie die Nachricht von der Hotelreservierung nicht telefonisch an Loïc weiterleiten kann. Paradoxerweise ist er gleichzeitig an- und abwesend. In ihrer formal durch den „discours indirect libre“ bestimmten Reflexion lässt sich Agathe zunächst von geopolitischen Szenarien der Trennung inspirieren, um im Sinne einer finalen Steigerung ihren aktuellen Zustand mit dem völligen Alleinsein zu vergleichen:
Quelqu’un était à portée de main et hors d’atteinte, quelqu’un était là sans être là, à quoi cela servait, en quoi la solitude avec Loïc au loin, à l’horizon comme un bateau dont on apercevait les lumières en sachant qu’on ne pouvait pas monter à bord malgré la beauté de sa forme, son élégance, comme les lumières d’Aqaba qu’on voyait à Eilat, autrefois, qui signalaient la présence de la ville et son inaccessibilité, à l’époque où la frontière était infranchissable, comme Berlin ouest que les Berlinois de l’est pouvaient voir du sommet de la tour de la télévision, à Alexanderplatz, ville offerte et ville interdite, c’était cela, Loïc était offert et interdit; en quoi cette solitude différait-elle de l’autre solitude, celle absolue, quand il n’y a personne, n’était-elle pas pire lorsqu’on connaissait le nom qui pouvait y mettre fin?15
Zunächst evoziert der von ihr getrennte Loïc die – bereits vertraute – Vorstellung eines Schiffes, das zwar mit seinen Lichtern und der Schönheit und Eleganz seiner Formen am Horizont erkennbar ist, aber unerreichbar bleibt. Die Lichter des Schiffes wiederum wecken die Assoziation der Lichter der Stadt Akaba, die in früheren Zeiten von Eilat aus gesehen werden konnten, ohne dass die Stadt zugänglich war. Damit vergleichbar war die Situation der auf der Spitze des Fernsehturms auf dem Alexanderplatz stehenden Ostberliner, deren Blicken sich Westberlin darbot, ohne dass es betreten werden durfte. Westberlin blieb somit „[…] ville offerte et ville interdite […]“, ein Paradoxon, das die Erfahrungen Agathes mit Loïc widerspiegelt: „[…] c’était cela, Loïc était offert et interdit[…]“. Für Agathe stellt sich an diesem Punkt ihrer Überlegungen die Frage, ob eine solche, mit ihrer aktuellen Situation in Paris übereinstimmende Form des Getrenntseins, das nicht geographisch, sondern durch „den menschlichen Faktor“ bedingt ist, nicht noch gravierender sei als eine „[solitude] absolue“, also der Zustand, niemanden zu kennen. So steigert Agathe ihren Leidensdruck in der schlimmst möglichen Form. Paris soll für sie noch unerträglicher werden, die Konstellation zwischen Paris und Saint-Thomas jedoch erfährt eine deutliche Änderung.
Saint-Thomas: ein Reiseziel, das nicht einigend, sondern trennend wirkt
Nachdem Jeanne gegenüber ihrer Freundin Agathe in zwei räumlich-bildlich bestimmten Vergleichen erläutert hat, dass sich ihre zeitweilig gestörte Beziehung zu Éric zu erneuern scheine,1 teilt Loïc Agathe telefonisch kurz und bündig mit, dass er nicht mit ihr wie geplant nach Saint-Thomas reisen könne, da Lucie nicht im Mai zu ihren Eltern fahre, sondern ihr Vater in Paris operiert werde.2 In einem Gespräch mit Marc über die erneute Absage Loïcs antwortet Agathe auf die Frage, was sie nun zu tun gedenke, lakonisch: „Attendre“.3 In einem sich an diese Aussage direkt anschließenden inneren Monolog lässt sie den Leser jedoch wissen, dass „[…] l’attente n’est pas un but, n’est pas un mode de vie […]“4. Einige Momente später fragt Agathe Marc unvermittelt, ob er sich eine gemeinsame Reise mit ihr nach Saint-Thomas vorstellen könne, und Marc bejaht spontan. In Anspielung auf Loïcs zweifache Absage fügt er kokettierend hinzu: „Pour une fois, ce serait nous qui ne pourrions pas.“5
Die innere Zerrissenheit Agathes tritt deutlich hervor, als Loïc sie anruft und um ein Gespräch bittet.6 Ohne den Namen „Lucie“ ein einziges Mal zu erwähnen, macht Agathe unmissverständlich klar, dass es Lucie ist, die wie eine Grenze, eine Mauer, ein Hindernis zwischen ihnen steht.7 Die Erzählstimme betont, dass Loïc darunter ebenso oder sogar noch stärker als Agathe leidet.8 Als Loïc erfährt, dass Agathe am Vorabend mit Marc, dem „Entdecker“ von Saint-Thomas, gespeist hat, glaubt Agathe, sein Schweigen so interpretieren zu müssen, dass er eine genaue Vorstellung vom Verlauf dieses Abends habe. Als ihr bewusst wird, dass er seine Anrufe nur von zu Hause tätigen kann, wenn seine Frau Lucie schläft, und dass damit ihr Leben vom Schlaf Lucies abhängt, empfindet Agathe ihre Aufforderung an Marc, mit ihr nach Saint-Thomas zu reisen, erstmals als „[…] une réaction saine […]“.9
Das telefonisch vereinbarte Treffen findet in dem bereits zuvor erwähnten Café im Quartier Beaubourg statt, in dessen Nähe der o.g., inzwischen entfernte elektronische Zeitmesser den Sekundenabstand bis zum Jahr 2000 markiert hatte.10 Wenn man dieses auch die Lage des Ortes definierende Detail als Hinweis auf eine deutliche zeitliche Zäsur in Verbindung mit dem plus-que-parfait betrachtet, so signalisiert dieser Agathe und Loïc vertraute, neutrale Ort, dass ihre gemeinsame „histoire“ inzwischen in ein neues Stadium eingetreten ist. Gleichwohl erschließt allein der Name „Loïc“ für Agathe „[…] la force de ce qui les unissait, le désir d’être avec lui – et, dans ce nom, il y avait tout le présent“.11 Dass der Ort auf Agathe und Loïc gleichermaßen anziehend wirkt und in ihnen ein intensives sexuelles Verlangen auslöst, dem allerdings jegliche Erfüllung versagt bleibt, ist der Neutralität und Öffentlichkeit des Ortes geschuldet. Überrascht und irritiert ist Agathe, wie die knappe Kommentierung „pire encore“ der Erzählstimme verrät, über die in ihr aufblitzende Vorstellung, „jemanden anders“ zu treffen, womit die bevorstehenden Ereignisse in Saint-Thomas wiederum angedeutet werden.12
Die Opposition zwischen Agathe und Loïc spiegelt sich zu Beginn ihrer Auseinandersetzung im Gegenüber des Sitzarrangements wider, mit dem die Gegensätzlichkeit im Denken der beiden korrespondiert. Formal wird dies durch einen lexikalisch-syntaktischen Parallelismus unterstrichen: „[…] Loïc s’était rassis, elle s’asseyait à son tour et ils se retrouvaient de part et d’autre de la table, de part et d’autre d’une pensée.“13 Loïc zeigt Verständnis dafür, dass er – nach zweifachem Rücktritt von den gemeinsamen Reiseplänen – in den Augen Agathes seine Vertrauenswürdigkeit verloren hat. Gleichzeitig bekundet er Agathe seine Liebe und beteuert, immer ehrlich gewesen zu sein und unter seinen Lebensbedingungen genauso wie Agathe zu leiden.14 Warum Agathe Saint-Thomas eine so große, ihm unangemessen erscheinende Bedeutung beimesse, könne er nicht nachvollziehen. – Agathe widerspricht keineswegs der Aussage Loïcs, die Wahrheit bzgl. seiner ehelichen Beziehungen nie verborgen zu haben, vielmehr gesteht sie sich selbst ein: „[…] c’était elle qui changeait, qui était infidèle à quelque chose […]“.15 Zugleich betont sie jedoch: „Le fond du problème, ce n’est ni Saint-Thomas ni toi ou moi – elle n’arrivait pas à dire notre amour comme lui, naturellement, simplement – c’est Lucie.“16 Loïc ist für sie mal ein „[…] héros tragique victime de circonstances contre lesquelles il ne pouvait rien, enfermé dans une vie avec Lucie et sa mystérieuse maladie […]“, mal ist er „[…] enfermé en lui-même, barricadé dans une vie qui, finalement, lui convenait comme elle était, avec d’un côté une part de stabilité peut-être un peu trop stable et de l’autre, une aventure aux risques limités […]“17.
Agathe gelangt daher zu der Schlussfolgerung, dass „die Geschichte von Saint-Thomas“ für sie und Loïc zunächst einen weiten, sich von der Gegenwart abhebenden Zukunftshorizont erschlossen habe. Die Vorstellung, dass er selbst sich für etwas öffnen könne, habe Loïc sodann jedoch veranlasst, sich dem Neuen endgültig zu verschließen, was schwer zu ertragen sei.18 Hatte Agathe Saint-Thomas bislang mit Loïc identifiziert, insofern sie hoffte, dort zumindest für kurze Zeit die in Paris trennend zwischen ihnen stehende „Mauer“19 überwinden und das Leben uneingeschränkt und „exklusiv“ mit ihm teilen zu können, wendet sie sich nun mit dem Eingeständnis: „Je ne peux plus, Loïc, je ne peux plus continuer“20 grußlos und ohne zurückzuschauen von ihm ab. Die Erzählung lässt allerdings in der Schwebe, ob Agathes Erklärung nur für den Augenblick oder für immer gilt. Verstärkt wird diese Unsicherheit durch den Hinweis darauf, dass Agathe Loïc in jenem Café verlassen habe, in dem Jeanne und Eric wieder zueinander gefunden haben. Somit werden die Lesererwartungen implizit einerseits bereits auf das Ende der Romanhandlung gelenkt. Andererseits jedoch wird das Leserinteresse auf die unmittelbare Gegenwart fokussiert und damit auf die nun anstehende, in ihrer Bedeutung noch unbestimmte Reise Agathes und Marcs nach Saint-Thomas. Dass in der Vorstellung Agathes beim Verlassen des Cafés „[l’image] d’exilés silencieux chassés de quelque part et se dirigeant vers nulle part […]“21 auftaucht, unterstreicht, dass Saint-Thomas für sie weiterhin das Ziel einer immer schon als Flucht aus Paris verstandenen Reise ist.22 Diese hat jedoch nicht mehr jenen besonderen Reiz und die klare Funktion, die sie ursprünglich für Agathe besaß.
Agathe und Marc auf dem Weg nach bzw. in Saint-Thomas
Der Wandel in den Erwartungen, die Agathe mit der Reise verbindet, wird bereits im ersten Absatz des in der Mitte des Romans platzierten 7. Kapitels deutlich, in dem die Fahrt nach Saint Thomas und der Beginn des Aufenthalts ebendort erzählt werden. In einer Mischung aus auktorialem Erzählstil und erlebter Rede vermittelt der Text einen Einblick in die Gedanken und Gefühle, von denen Agathe im Moment der Abreise nach Saint Thomas beherrscht wird. Als sie vor ihrer Haustür auf Marc wartet, freut sie sich keineswegs auf die nun beginnende Reise mit ihm, sondern stellt sich vor, wie kostbar ein gemeinsamer Aufbruch mit Loïc gewesen wäre:
Qu’aurait été cette journée, cette matinée, ce réveil, si au lieu de partir avec Marc, elle était partie avec Loïc, se demandait Agathe, quelle excitation aurait-elle éprouvée au lieu de ce calme en l’attendant sur le trottoir, devant chez elle sous un ciel mitigé qui annonçait la pluie, une pluie prévue pour les jours à venir […]1
Die gezielte Zuspitzung auf „ce réveil“ in der als Trikolon formulierten Aufzählung des ersten Satzes, der Agathes Resignation und Enttäuschung ausdrückt, erinnert an ihre Hoffnung auf den Anfang eines gänzlich neuen Lebensabschnitts und einer anderen Lebensweise. In der Begleitung Marcs jedoch verkümmert das Projekt zu einer von Leere gekennzeichneten „Ersatzreise“, die obendrein durch Regen beeinträchtigt zu werden droht.2 Mit und für Loïc hätte dies kein Problem bedeutet, da er, ähnlich wie „das fremde Kind“ in E.T.A.Hoffmanns gleichnamigem Märchen, dem Regen etwas Magisches abzugewinnen vermag.3
Mit der Präsenz Loïcs in den Gedanken und Gefühlen Agathes und dem äußerlich atmosphärischen Element des Regens sind leitmovische Elemente genannt, die in allen Abschnitten der Reise – von der Hinfahrt bis zum Abschied von Saint-Thomas – integraler Bestandteil der Darstellung sind.
Die Situation Agathes und Marcs bei der Abfahrt nach Saint-Thomas ist insofern vergleichbar, als sie Loïc bzw. Véronique jeweils nicht darüber informiert haben, wohin und mit welcher Begleitung sie zu reisen gedenken. Während Marc darin kein Problem sieht, ist Agathe irritiert: „[…] la superposition de la présence de Marc et l’absence de Loïc, donnait un caractère étrange à ce départ.“4 Als belastend empfindet sie auch, dass sie das von ihr für Loïc und sich selbst vorbestellte Zimmer – […] cette chambre vers laquelle ses désirs convergeaient […] qui devait être le prélude à d’autres chemins ensemble […] – nun mit Marc wird teilen müssen, dessen Wohlbefinden jedoch, wie er zweimal betont, durch diese Erwartung mitnichten beeinträchtigt wird.5
Im Hinblick auf die konkrete Situation des Aufbruchs skizziert die Erzählinstanz den Vorzug der Distanzierung von Gewohntem und der Öffnung für neue Lebensweisen, um sogleich die von den „Loïcs, Lucies und Vätern von Lucie“ bevorzugte Alternative eines „einzigen“, immer in denselben Bahnen verlaufenden, Sicherheit garantierenden Lebens vorzustellen. Führt schon die unbedeutendste Reise zu einem möglicherweise irritierenden Vergleich zwischen dem „ici“ und „là-bas“, also den Vorzügen und Nachteilen des Herkunfts- und Zielorts, so bleibt den Nichtreisenden jegliche aus einer solchen Gegenüberstellung resultierende Irritation erspart.6
Diese in die Darstellung des Handlungsablaufs eingefügte auktoriale Reflexion spiegelt die von Agathe bereits durchlebten und sie auch weiterhin quälenden Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Reise nach Saint Thomas wider. Gleichwohl entfernen sich Agathe und Marc mit zunehmendem Abstand von Paris auch von ihrem dort geführten Leben. Mit der Nähe zu Saint-Thomas erreichen sie einen Punkt, an dem „[…] l’espace et le temps se confondent pour former une sorte de pont suspendu entre un aller et un retour, entre deux rives d’une même vie […]“.7 Mit der Brücken- und Ufermetapher gelangt sowohl das Vorübergehende als auch das qualitativ Besondere dieses Augenblicks zum Ausdruck. Die Wirklichkeit wird zwar keineswegs ausgeblendet, aber von beiden Figuren anders wahrgenommen. Loïc und Véronique scheinen entrückt „[…] comme les silhouettes d’une ville lointaine, les habitants d’une contrée délaissée […] les personnages d’un roman qu’on aurait commencé de lire mais qu’on reposerait quelque temps pour en entreprendre un autre, plus facile d’accès“.8 Wird somit die von Agathe und Marc real erlebte Vergangenheit als romanhaft bezeichnet, da sie von beiden in der Rückschau des von der Nähe zu Saint-Thomas beherrschten Augenblicks als unwirklich empfunden wird, so präsentiert sich auch die unmittelbare Zukunft in all ihrer vagen Unbestimmtheit als romanhaft und unwirklich. Mit welcher Entschiedenheit Agathe und Marc sich von Vergangenem zu lösen versuchen, unterstreicht in diesem aus ihrer gemeinsamen Perspektive erzählten Abschnitt der Übergang von der dritten zur ersten Person Plural des Personalpronomens (Ils > nous) bzw. zum indefiniten Pronomen „on“, ein Vorgang, der die interne Fokalisierung zusätzlich steigert und damit die innere Befindlichkeit Agathes und Marcs im Moment der Ankunft in Saint-Thomas unmittelbar zum Ausdruck bringt.9
Aufenthalt in Saint-Thomas
Vor diesem Hintergrund wirkt die – aus dem Blickwinkel Agathes erfolgende – Beschreibung der Ankunft in Saint-Thomas wie ein inhaltlicher Kontrapunkt. Wohl unter dem Eindruck einer heranbrandenden Welle wird das Meer mit einer aufbrausenden Musik verglichen. Sodann weckt das Meer, darin vergleichbar mit Eisbergen, die aus dem Nichts auftauchen und an denen Segelschiffe vorbeigleiten, „[…] la sensation contradictoire d’une exaltation et d’un apaisement, d’être ailleurs et en même temps, au fond de soi“.1 Diese überschwängliche Begeisterung einerseits und innere Befriedung andererseits, das gleichzeitige Außer-sich und Ganz-bei-sich-Sein sind jedoch nicht dem Zusammensein Agathes mit Marc geschuldet, denn schließlich enthüllt ein Bewusstseinsbericht, in welchem Maße Agathe, schweren und bedrückten Herzens und mit einem an Verzweiflung grenzenden Schmerz, auch in Saint-Thomas in Gedanken Loïc verbunden bleibt: „[…] Agathe se dit qu’elle aurait aimé voir cela avec Loïc, qu’elle avait cru un peu trop facilement avoir laissé à Paris.“2
Marc hingegen erweckt bei der Ankunft in Saint-Thomas mit seiner Behauptung „Rien n’a changé […]“3 den Eindruck, als habe sich aus seiner Sicht seit seinem Aufenthalt im Herbst nichts geändert, als sei die Zeit stehen geblieben. Trotz der chaotischen, ungeklärten Verhältnisse, in denen er lebt, scheint er zu hoffen, dass sich, wie im Herbst, seine sich mit dem Ort verbindenden Erwartungen, welcher Art sie auch seien, erfüllen mögen. Er betrachtet Saint-Thomas ganz offensichtlich als einen aus dem Verlauf der Zeit herausgenommenen Garanten des Glücks.
Die erhoffte Befreiung von der „Gegenwart“ Loïcs vermag der Ort Saint-Thomas in Agathe einstweilen nicht zu bewirken. Ihr Warten (l’attente), im Fluss der Erzählung metaphorisch konkretisiert zum „[…] lieu des espoirs permis, de ce qu’on imaginait, qui allait se produire, l’accomplissement était la fin des espoirs, le début du décalage entre ce qu’on imaginait et ce qui se produisait“4, projiziert sie in ihrem Bewusstsein einstweilen eindeutig weiterhin auf Loïc, wobei sie offensichtlich nicht mehr an eine Erfüllung ihrer Hoffnung zu glauben vermag. Dafür sprechen folgende Indizien:
Liebe ist für Agathe nicht mehr ein Dialog, sondern „[…] une série de monologues alternés […]“5.
Das Bild „Der Kuss“ von Gustav Klimt wird von der Erzählstimme mit der morbiden, im Kontext auf Agathe projizierten Vorstellung in Verbindung gebracht, dass die Frau im Moment der völligen Hingabe dem Tode nahe ist.6
Und schließlich reagiert Agathe auf den Vorschlag Marcs, mit Loïc nach Saint-Thomas zu reisen, abweisend, da sich vor ihr eine Mauer aufzutürmen scheint: „Je n’y crois plus […] J’ai l’impression d’un mur […] qui se dresse devant moi […]“7
Es ist kennzeichnend für die Befindlichkeit Agathes, dass sie sich in eben diesem Moment bewusst macht, dass sie sich „mit anderen“ (avec les autres) in einer Sackgasse (une impasse) wähnt, während ein Gespräch mit Loïc bewirkte „[qu’] elle voyait le monde s’ouvrir, l’horizon s’éclaircir“.8 Und trotz aller Bemühungen Agathes, sich von Loïc innerlich zu lösen, bleibt er gegenwärtig. Verstärkt drängt sich ihr Gefühl seiner anhaltenden Präsenz insbesondere „[…] dans cette chambre […]“ auf, wo „[…] tout ce qui aurait eu un sens avec Loïc n’en avait pas avec Marc […]“.9 Für „dieses Zimmer“, mit dem sich ursprünglich so viele Hoffnungen Agathes verknüpften, trifft die Beobachtung Gerhard Hoffmanns zu, dass „[…] die Anwesenheit bestimmter Personen ein Zimmer, ein Haus ‚eng‘ oder ‚weit‘ machen kann“, so dass eine „Gestimmtheit des Raumes“ entsteht.10 Zur „Gestimmtheit des Raumes“ im weiteren Sinne tragen daneben die wiederholten Hinweise auf den Regen bei, der auf dem Höhepunkt der Entwicklung ein sintflutartiges Maß annimmt, den Horizont verschließt und in Agathe und Marc den Eindruck einer „vie sans issue“ aufkommen lässt.11 In eben diesen Kontext platziert die Erzählstimme auch die in Agathe aufsteigende Erinnerung an den Suizid Virginia Woolfs, Robert Schumanns und einiger berühmter Schriftsteller. Ausgelöst wird diese Erinnerung durch ihre Beschäftigung mit dem Roman Soleil couchant von Ozamu Dazai, der 1948, ein Jahr nach Erscheinen dieses Buches, den Freitod wählte.
Gleichzeitig gibt es eindeutige Signale für eine sich anbahnende neue Entwicklung: Als Agathe beim Anblick des Gewitters ausruft: „Et voir l’orage de notre chambre […]“,12 erschrickt sie darüber, dass sie anstelle des bestimmten Artikels „la“ den Possessivdeterminanten „notre“ verwendet und so den Eindruck erweckt hat, als spräche sie mit Marc wie mit Loïc. Sobald Marc den Namen „Loïc“ ausspricht, hat sie zwar den Eindruck, als ob Loïc das Zimmer beträte und sich zwischen sie setzte. Dass sie dabei Loïc jedoch inzwischen als „Eindringling“ empfindet, ist ein klares Indiz dafür, dass sich ihre Gemütsverfassung ändert.13 Schließlich denkt Agathe inzwischen auch darüber nach, dass bzw. warum sie und Loïc stets nur ihre Zweisamkeit gepflegt und sich nie gegenseitig ihre Freunde vorgestellt haben. Das „[être] seuls au monde, sans passé, sans attache […]“ bedeute auch „[être] sans avenir […]“, eine Diagnose, die zur Veranschaulichung noch durch eine Insel-Metapher ergänzt wird, die eine Haltung der Selbstgenügsamkeit und der bewussten Isolation von der persönlichen Umgebung als Ursache für Vitalitätsverlust benennt: „[…] une île isolée en plein océan qui n’est reliée à aucun continent est vouée à rester une île, belle, protégée mais sans vie […]“.14
Zusätzlich sind es atmosphärische Signale, konkret das Nachlassen des Regens und die sich andeutende Öffnung des Horizonts, die eine Zäsur in der Romanhandlung ankündigen. Nach einem Strandspaziergang befinden sich Agathe und Marc in ihrem Zimmer. Der Regen hat aufgehört, der Himmel verfärbt sich, die sich auflösenden grauen und schwarzen Wolken weichen einer orangefarbenen Kulisse, hinter der die Sonne verborgen bleibt, aber doch mal ihre Präsenz erahnen lässt und mal ihre Absenz demonstriert. Auf die dieses Schauspiel aus ihrem Zimmer betrachtenden Agathe und Marc wirkt dieses Phänomen verwirrend, versinnbildlicht es doch einen Zustand der Unklarheit und Unentschiedenheit.15 Es folgen Signale der Klärung und Befreiung: der Schrei der Mutter aus Soleil couchant,16 der Hinweis auf Polarforscher wie Amundsen und Ross, die „[…] un horizon inconnu […]“ und bisher unberührte Zonen entdeckt und erforscht haben, und schließlich die Nachricht bzgl. der reinigenden Wirkung des Regens: „C’était la nuit, la pluie avait lavé le monde et le ciel dégagé brillait de mille étoiles […].“17
Auch als Agathe und Marc aus ihrer ersten Liebesnacht erwachen und das Licht des Tages in ihr Zimmer dringt, präsentieren sich das Meer und der Himmel von ihrer besten Seite.18 Agathe jedoch ist angesichts ihres eigenen Verhaltens irritiert und verunsichert. Erzählerisch wird ihr Empfinden durch eine Fülle von in der Mehrzahl räumlich bestimmten Bildern wiedergegeben, die ihre innere Zerrissenheit und Desorientierung zum Ausdruck bringen:
Sie glaubt, mit Loïc und Marc in jeweils zwei parallelen Universen zu leben, die sich in ihrer Person treffen.19
Agathe sieht sich selbst zwar nicht in zwei Persönlichkeiten gespalten, erkennt aber in ihrem Innersten eine Grenze, deren Verlauf kurvenreich und hochgradig unstet ist und zwei einander nicht unähnliche, aber auch nicht zur Übereinstimmung gelangende Teile ein und derselben Person voneinander trennt.20
Hatte Agathe bislang den Eindruck, sich in ihrer Beziehung zu Marc auf einem „festen Grund“ zu bewegen, so empfindet sie nach der Liebesnacht das exakte Gegenteil. In zwei unmittelbar aufeinander folgenden Metaphern findet ihr Gefühl des Bedrohtseins in Bildern von Naturkatastrophen einen sehr plastischen Ausdruck.21
Nicht zuletzt erinnert sie sich an die vielfältigen Gefahren der Seefahrt. Von dem sie umgebenden Schweigen fühlt sie sich wie von Packeis eingeschlossen, und sie vergleicht ihre Situation mit der von überwinternden Booten, die auf das Schmelzen der Eisschollen warten, dabei auch durch den auf dem Rumpf lastenden Druck zum Kentern gebracht werden können.22
In ihrer von Selbstzweifeln und -vorwürfen bestimmten Haltung unterscheidet sich Agathe deutlich von Marc, „[…] qui semblait tout considérer avec naturel“.23 Unter dem Eindruck der Besichtigung der Abbaye Mont-Saint-Michel, deren Wirkung auf die Besucher nicht zuletzt auch durch eine Jahrhunderte umspannende Geschichte geprägt wird, die ganz wesentlich den Genius des Ortes ausmacht, fühlt sich Agathe „[…] comme si elle n’était pas faite pour ce monde, pas faite pour la vie […]“.24 In ihrer Erinnerung an ihre Kindheit sieht sie sich in eine arktische Landschaft versetzt, in der sie als Einzelne von einem isolierten Boot aus Eisberge und unbekannte Gegenden an sich vorbeiziehen sieht. Als wie abweisend und abwehrend sie ihre Mitmenschen empfunden und wie schutzlos sie sich selbst erlebt haben muss, vermittelt die folgende, vom Erzähler auf sie fokalisierte Beobachtung, in der sich Raum-, Natur- und Kriegsführungsmetaphern zu einer ins Extreme gesteigerten Bedrohungskulisse vereinen: „C’était cela, les autres étaient des terres inconnues, des masses compactes, des blocs de glace, des citadelles imprenables, des murailles sans prise, et elle, au milieu d’eux, se sentait sans défense comme un homme nu au milieu de chevaliers en armes.“25 Auf ihre berufliche Tätigkeit anspielend, erinnert sich Agathe daran, dass ihr – wohl im Rahmen einer kontrollierenden Tätigkeit – die Zahlen (chiffres) als „Rüstung“ gedient, sich aber als „[…] une armure fragile […]“26 erwiesen hätten. Was ihr als elementarer Schutzschild, als Quelle der Kraft und Energie, als „protection de fond“ gefehlt habe, sei „[…] celle de l’éducation, celle du milieu, celle de l’adéquation parfaite entre ce qu’on est et ce qu’on fait, entre soi et les autres, la protection de ceux qui ne sont pas des transfuges mais des héritiers et des continuateurs[…]“27. Agathe leidet unter ihrer Vereinzelung, dem Nichteingebundensein in die Tradition und Geschlechterfolge einer auf eine lange Reihe von Ahnen zurückblickenden und auf ihre Nachkommenschaft bauenden Familie und allen Nachteilen, die daraus für ihr Leben erwachsen sind. Wenn sich diese Identitätskrise Agathes in der „[…] sur la roche et les temps lointains […]“28 erbauten Abtei durch die Anwesenheit Marcs und ihr Gefühl, dass sie nicht mit ihm als Liebespaar Hand in Hand an diesem Ort sein sollte, verstärkt, so liegt dies daran, dass der Ort in ihrem Bewusstsein den Konflikt zwischen ihrem aktuellen Verhalten und einem tradierten Verhaltens- und Moralkodex, der ihr zumindest nicht gleichgültig ist, verstärkt.
Die auf die erste Liebesnacht folgenden Tage in Saint-Thomas sind für Agathe und Marc eine vom Liebesrausch beherrschte Zeit, die Agathe gleichwohl nicht als ungetrübtes Glück empfindet. Mag man die von der Erzählstimme vorgenommene Gleichsetzung des Paares mit „[…] une île au large de toute terre […]“ 29 für einen durchaus situationsadaequaten und genregemäßen Topos halten, so wird die Ambivalenz der Metapher sehr bald deutlich. Als Agathe mit Marc von Granville, einem Ort, von dem aus in früheren Zeiten Entdecker in See gestochen sind, zu den „Inseln“30 aufbricht, ist dies auch für Agathe zunächst ein Abenteuer.31 Auf der Insel jedoch wird der alle Grenzen aufhebende Eindruck des räumlich und zeitlich scheinbar Unendlichen durch die Übersichtlichkeit des leicht fußläufig zu „erobernden“ Raumes, eine mithin sehr alltägliche Erfahrung, relativiert. In eben diesem Ambiente, das zur Entdeckung und zum Abenteuer einlädt, aber zugleich von engen natürlichen Grenzen eingehegt wird, die Realitätssinn einfordern, stellt Agathe die sie zutiefst bewegende, über den Tag hinausgehende Frage: „Marc, qu’allons-nous faire?“ 32, der Marc zunächst gezielt ausweicht, indem er sie auf die unmittelbare Gegenwart bezieht.33 Auf das Drängen Agathes hin stellt er dann klar: „Tu ne comprends pas […] je veux être avec toi, pleinement […]“, um sogleich präzisierend hinzuzufügen: „[…] sans que rien vienne s’interposer, ni le passé ni l’avenir, je veux être avec toi“.34 Mit dem Ausschluss der Vergangenheit und Zukunft beschränkt Marc seine Beziehung zu Agathe auf die kurze „Gegenwart“ der Tage in Saint-Thomas, die er allerdings „voll“ auszuleben gedenkt. Agathe hat dies wohl auch verstanden, insofern sie zu Beginn eines längeren, durch ein „verbum dicendi“ eingeleiteten Gedankenberichts feststellt: „L’amour est une île […] une succession d’îles qui forme au mieux un archipel, mais pas un continent“.35 Das Bild der Insel evoziert in ihr sodann die Vorstellung der Diskontinuität, da schon die Annahme „[…] que le trajet et l’instant peuvent se confondre ou s’unir dans une continuité […]“36, illusorisch sei. Folglich ist Zeit für sie eine „[…] succession d’instants, et pour aller de l’un à l’autre, il fallait sauter, de rocher en rocher […]“37. Mit der Aufhebung von Kontinuität und Verlässlichkeit geht die enge Befristung und Unverbindlichkeit von Beziehungen einher. Agathe ist sich bewusst „[qu’] on ne pouvait prendre appui sur rien, le passé ne garantissait aucun avenir […] on n’était lié par rien, par aucune promesse […] il n’y avait aucun rapport entre une promesse et un rapport“.38 Auf die Frage Marcs, ob sie die Insel geliebt habe,39 antwortet Agathe zitternd, dass sie gerne geblieben wäre. Dabei bemerkt sie jedoch in ihren eigenen Worten eine erste Spur von Verzicht, und sie wird sich bewusst, dass sie sich der von ihr nicht geschätzten Haltung Marcs, den Augenblick zu genießen, annähert.40 Und als Marc ihre Frage, ob er nie an Véronique denke, glatt verneint,41 fragt sie sich, dabei auch an Loïc denkend, ob Männer im Unterschied zu Frauen in der Lage seien, „dichte Trennwände“ in ihrem Leben zu installieren.42 Im Übrigen ist sie sich nicht im Klaren darüber, welche Bedeutung Loïc für sie noch hat, kommt er ihr doch momentan eher wie „[…] un bel objet […]“ vor, das sie „bei sich“ aus Gründen des Stils nicht unterbringen kann, was wiederum die Frage aufwirft, ob sie daher einen Ortswechsel vornehmen sollte.43 Diese Haltung der Unentschiedenheit ist bei Agathe auch auf der Rückfahrt von der Insel nach Saint-Thomas zu beobachten. In einem eindeutig intern fokalisierten, metaphorischen Erzählmodus wird berichtet, dass das Leben für Agathe wie ein Boot sei, das zwar einen Hafen ansteuere, sich dabei jedoch auch treiben lasse und geduldig darauf warte, dass sich der Himmel öffne.44
Rückfahrt und Neuanfang in Paris
In den Gedanken Agathes bleibt Loïc auch in den letzten in Saint-Thomas verbrachten Stunden und auf der Rückfahrt nach Paris präsent. In der Nacht vor der Abfahrt erscheint Loïc Agathe in einem Traum und lässt sie wissen, dass er sie und Marc auf der Insel gesehen habe.1 Agathe, die so viele Hoffnungen mit Saint-Thomas verbunden hatte, befindet sich nun in einem Zustand der Orientierungslosigkeit – Je ne sais plus où je suis –, der völligen Erschöpfung – Elle se sentait à bout, à bout d’elle-même […] – und einer inneren Zerrissenheit, die dem „[…] partage, l’un et l’autre au lieu de l’un ou l’autre […]“, also ihrer „double vie“ geschuldet ist. Das Doppelleben bedeutet für sie, dass zwischen sie und die anderen, zwischen sie und die Welt etwas Trennendes getreten ist. Und schließlich wird ihr bewusst, dass „[…] entre elle et Loïc il y aurait ce silence, entre elle et elle-même, ce décalage qui l’empêcherait d’être entièrement d’un côté ou de l’autre“.2 Marc hingegen, der nach Saint-Thomas gereist ist „pour [se] distraire“, gesteht angesichts des unerwarteten Ablaufs immerhin ein: „[…] j’ai été surpris autant que toi par ce qui arrivait, il y avait quelque chose d’inéluctable.“3 Mit ihrer Reaktion „C’est Saint-Thomas“4 gibt Agathe zu verstehen, dass der Ort wohl eine Magie ausübt, der man sich nicht entziehen kann. Allerdings scheint deren Wirkung begrenzt zu sein, lässt die Erzählstimme uns im Moment des Abschieds doch wissen: „[…] il n’y avait pas de pont jeté vers l’avenir, peut-être pas d’avenir, et ils rentraient chacun chez soi.“5
Im Moment der Rückkehr nach Paris befindet sich Agathe in einem Zustand anhaltender Orientierungslosigkeit, aus dem ihr auch Jeanne nicht herauszuhelfen vermag. Mit ihrem Rat, Loïc nicht über ihre Affäre mit Marc zu informieren,6 erschwert sie Agathe die Rückkehr zu ihm. Zu einem späteren Zeitpunkt wird sie ihr jedoch erklären, dass sie sich nicht von Marc als Person, sondern von dem, was er repräsentiere, anziehen lasse. Er verkörpere die „transgression“, also die Überschreitung einer Grenze, in diesem Fall der Grenze zwischen Freundschaft und verbotener Liebe.7 In demselben Gespräch entlockt Jeanne ihrer Freundin Agathe Details über ihre ersten Begegnungen mit Loïc bzw. Marc, die im Nachhinein einige Merkmale der späteren Beziehungen widerspiegeln. Agathe lernt Loïc „bei Freunden von Freunden“ in einer offensichtlich großbürgerlichen Wohnung im Herzen von Paris kennen.8 Außer den sie begleitenden und die Gesellschaft früh verlassenden Freunden kennt Agathe niemanden, bricht daher selber früh auf und trifft im Moment des Abschiednehmens im Hausflur auf Loïc. Er bestätigt ihre Vermutung, dass er gehen müsse, fragt aber, ob er sie anrufen dürfe „[…] pour qu’on se voie un peu plus au calme“.9 Ob Lucie zur Gesellschaft gehörte, ist ungewiss. Charakteristisch ist diese Szene insofern, als Agathe und Loïc eine von allen Freunden und Bekannten abgeschirmte Zweierbeziehung pflegen werden und jedes Zusammentreffen immer bereits auch durch die Erwartung des Aufbruchs geprägt ist.10 – Die erste Begegnung mit Marc geht auf gemeinsame Studienzeiten zurück. Man traf sich während eines Studentenstreiks in einer nur kurze Zeit existierenden Gruppe, die weder politisch noch gewerkschaftlich geprägt war. Marc wirkte auf Agathe nicht sonderlich anziehend, zumal er ein Verhältnis mit einer mindestens zehn Jahre älteren, ihn, wie Agathe meint, stark, wenn nicht zu stark bewundernden Frau pflegte und er, als E.N.A.-Kandidat ehrgeizig vertieft in seine Studien, auch kein Interesse an Agathe erkennen ließ. So liefert das erste Zusammentreffen der beiden keinerlei Indiz für ein möglicherweise entstehendes engeres Verhältnis. Wohl aber zeichnen sich bei Marc – im Hinblick auf seine berufliche Karriere – ein Zug elitärer Ambitioniertheit und – bezüglich seines Verhältnisses zu Frauen – eine verführerisch anmutende Ausstrahlung ab, auch wenn Agathe ihr damals nicht erlegen ist.
Was Agathe in der Erinnerung an Saint-Thomas als „[…] le reliquat du voyage, l’apparence que prennent les rêves qui ont tenté de se réaliser, la différence entre l’attente et l’accomplissement […]“11 vorfindet, fasst die unerwartete Entwicklung des Aufenthalts in Saint-Thomas, durch die sie in ein Doppelleben geraten ist, zusammen. Der Prozess, der durch die von Marc angekündigte Fortführung seiner Beziehung zu Véronique und das bislang ungeklärte, durch die Ereignisse in Saint-Thomas zusätzlich belastete Verhältnis zwischen Agathe und Loïc ausgelöst wird, steht, anders als die Geschehnisse in Saint-Thomas, nicht mehr unter dem Einfluss oder gar der Magie des Ortes. Wohl aber werden die (vornehmlich) aus der Perspektive Agathes erzählten Entwicklungen in der Wahrnehmung ihrer Beziehung zu Loïc und Marc im Wesentlichen als Raumerfahrungen dargestellt. Dies wird bereits am Abend ihrer Heimkehr deutlich, als sie den gleichermaßen erwarteten, erhofften und befürchteten Anruf Loïcs entgegennimmt und den Eindruck gewinnt „[…] d’appartenir à un autre monde, d’être partie longtemps, et d’être revenue changée ou de n’être pas encore revenue“12.
Von ähnlichen Empfindungen wird sie eingeholt, als sie unmittelbar danach ihrerseits Marc anruft und – […] parce que tout était question de vie ou de mort […] – 13 atemlos auf seine Reaktion wartet. Seine routinemäßig gestellte Frage „Comment tu vas?“ erinnert sie an „[…] le monde stable qu’elle avait quitté, où elle savait qu’elle aimait Loïc et personne d’autre, dans ce monde où des mots comme amour, amitié, avaient un sens défini, où rien ne risquait de se superposer, de se confondre – de troubler“.14 Aufgegeben hat sie diesen sicheren Grund, um sich – wie der Fliegende Holländer der Legende – auf „[…] une errance, une navigation perpétuelle […]“15 zu begeben. Dabei hat sie jedoch den Eindruck, nicht nur aus eigenem Antrieb gehandelt zu haben, sondern fremden Kräften ausgeliefert gewesen zu sein, während Marc mental stets in seiner „alten Welt“ verblieben war. Darum befindet er sich auch wieder auf dem sicheren Ufer, d.h. auf dem Weg zurück zu seinem alten Leben und damit abseits all jener Abgründe von Gefahren, die Agathes Vorstellung wie danteske Höllenbilder gefangen nehmen und sie zu verschlingen drohen.16 Für ihn ist es, wie er Agathe im Telefongespräch und später noch einmal bei einem Treffen in einem Café erklären wird, nicht „vernünftig“, das den „circonstances de Saint-Thomas“ geschuldete „Sich-gehen-lassen“17 über den Ort und den begrenzten Zeitraum hinaus fortzusetzen. Mit den Worten „Là-bas, c’était comme ça, ici c’est autrement“18 bringt er in lakonischer Kürze zum Ausdruck, dass es für ihn durch den jeweiligen Ort und die Umstände beeinflusste, letztlich von seiner Interessenlage bestimmte Verhaltenskodices gibt, die auf Empfindlichkeiten anderer Personen, in diesem Falle Agathes, keine Rücksicht nehmen.
Agathe, die nach der Rückkehr nach Paris den Kontakt zu Marc sucht, wird ihrerseits von Loïc angesprochen, der ihr seine Absicht „[…] de tout dire à Lucie“ mitteilt.19 Loïc wirkt danach so befreit, als verlasse er ein Gefängnis, während Agathe angesichts dieses Entschlusses zwar von tiefem Mitgefühl für ihn und seine Handlungsweise ergriffen wird, zugleich jedoch angesichts des „Schiffbruchs ihrer Liebe“20 und aller vergangenen und zu erwartenden Widrigkeiten ihres Verhältnisses zu Loïc eine Katastrophe erwartet, die sich in ihrer Vorstellung in dramatischen Bildern darstellt: „Elle contemplait les morceaux de l’avion écrasé, les restes de la ville bombardée, les façades sans fenêtres qui se dressaient encore, les murs sans intérieur, et des larmes coulaient.“21 Die Metapher des Flugzeugabsturzes und seiner Folgen, die in ihrer Wucht die Schiffbruchmetapher noch übertrifft, übersetzt zunächst das Empfinden Agathes, aus einer großen Erwartungs- und Erlebnishöhe jäh abgestürzt zu sein. Sodann bringt sie die von Agathe in und um sich herum empfundene Leere zum Ausdruck, von der sie sich „aufgesogen“ und fast um ihr Bewusstsein gebracht sieht.22 Gesteigert wird ihre Irritation schließlich noch dadurch, dass sie sich im Moment des Abschieds von Loïc auf unwiderstehliche Weise zu Marc hingezogen fühlt, wobei ihr durchaus bewusst ist, dass dabei „[…] l’attrait de l’impossible face à la certitude du possible, l’inconnu face au connu […]“23 eine Rolle spielen dürfte.
Dieser Reiz der Suche nach dem Äußersten, der risikoreiche Versuch, das Unmögliche möglich zu machen, evozieren ein Bild aus dem Bereich der Seefahrt: Agathes – nicht erwiderte – Hinwendung zu Marc gleicht dem „[…] besoin d’affronter les mers du Sud quand tant d’autres océans sont assez vastes et moins extrêmes […]“24. Der in dieser bildhaften Gegenüberstellung zum Ausdruck gelangende innere Zwiespalt Agathes wird erneut sichtbar, nachdem Loïc sie über ein Gespräch mit seiner Frau in Kenntnis gesetzt hat. Er hat Lucie eröffnet, dass er in der Beziehung zu ihr nicht mehr Liebe, sondern nur noch „[…] la force de l’habitude, le sens du devoir, quelque chose lié à la situation plutôt qu’à la personne“25 erkenne. Agathe ist angesichts dieser Mitteilung, die Loïcs Liebe zu ihr und das ganze Ausmaß seines Verzichts und seines Leidens offenbart, tief berührt, zugleich löst die Möglichkeit eines Anrufs Marcs in ihr jedoch eine Mischung aus Furcht und Hoffnung aus. Sie empfindet den Unterschied zwischen diesen emotionalen Zuständen nicht als „simple écart“, sondern als „[…] un gouffre, un abîme, deux rives d’un fleuve qui n’appartenaient pas au même pays“26, mithin als Spaltung ihrer eigenen Persönlichkeit. In einem späteren Kontext wird das Bild des wankenden Bodens, der „sables mouvants“ variiert, wenn Agathe sich in ihrer Orientierungsnot in der Nähe eines kurz vor dem Ausbruch stehenden Vulkans wähnt und ihre einstmals klaren Leitvorstellungen und Wertmaßstäbe – [l]a netteté en laquelle elle avait toujours cru […] – in einer „[…] dans les brumes épaisses et humides […]“27 eingehüllten Landschaft verschwinden. Die innere Isolation Agathes entwickelt indes eine rasante Eigendynamik, insofern eine direkte, ungefilterte Kommunikation mit ihren Mitmenschen für sie nicht mehr möglich ist.28 Zwischen sie und ihre Kommunikationspartner hat sich eine Art innerer Prüf- und Vermittlungsinstanz eingeschlichen, die ihre Sprechbereitschaft auf ein Minimum einschränkt.29 Sodann werden ihre Treffen mit Loïc zu einem „[…] combat intérieur […]“30, der, wie sie hofft, Loïc verborgen bleibt, denn „[…] chacune de ses avancées, de ses propositions, déclenchait comme la rupture, en elle, d’un barrage que les flots emportaient et qu’il fallait à tout prix reconstruire“31. Agathe erlebt einen Auflösungs-und Desintegrationsprozess ihrer Person, durch den sie sich selbst so stark verändert fühlt, dass sie sich nicht mehr für wiedererkennbar hält. Der Vergleich ihrer inneren Verfasstheit mit dem Bruch eines Staudamms drückt auf überaus drastische Weise aus, in welchem Maß sie jeglichen Halt und jegliche Verhaltenssicherheit verloren hat. Die Ursache dieser pathologisch zu nennenden Persönlichkeitsstörung wird im auktorialen Erzählmodus und daher mit besonderer Autorität auf sehr einfache Weise so erklärt: „Quelque chose s’était perdu qu’on pouvait appeler l’innocence, le droit de juger les autres, de se sentir entière et sans faille […].“32
Nachdem Lucie Loïc ultimativ aufgefordert hat, sich innerhalb von zwei Wochen zwischen ihr und Agathe zu entscheiden,33 wird Agathe ihrerseits von Loïc vor die Wahl gestellt. Agathe fühlt sich einerseits gedemütigt,34 andererseits möchte sie Loïc zwar nahe sein und ihm „alles erzählen“, meint aber, dazu nicht berechtigt zu sein.35 So bleibt es Loïc, der, anders als Agathe, durch eine klare Entscheidung seine „Unschuld“ wiedererlangt hat, vorbehalten, das Thema Saint-Thomas anzusprechen und Agathe seine Hilfe anzubieten. Agathe jedoch vermag nicht mehr ihre Worte und Taten in Übereinstimmung zu bringen und damit die Voraussetzungen der „Unschuld“ zu erfüllen. Sie gesteht, dass sie infolgedessen den Eindruck einer völligen Auflösung ihrer selbst hat:
[…] j’ai l’impression, si je me lève, que tout va s’écrouler, que les différentes parties de mon corps n’appartiennent plus au même corps, que mes pensées ne sont plus totalement les miennes, que certaines appartiennent à quelqu’un d’autre qui loge à l’intérieur de moi. Je ne peux plus rien dire.36
2.4.3 Die Chapelle Notre-Dame-de-Grâce als „image de la vie souhaitée avec Loïc“
Nach einem Gespräch mit Jeanne, das Agathe nach Loïcs erster Reiseabsage geführt hat, erinnert sich Agathe, allein in ihrer Wohnung, daran, dass sie vor einiger Zeit an einem Sonntagabend mit ihrer Freundin Éliane an einer Messe in der Chapelle Notre-Dame-de-Grâce in Honfleur, deren hölzerne Dachkonstruktion einem umgedrehten Schiff gleicht, teilgenommen hat.1 Vom Licht, der schlichten Schönheit der Architektur der Anfang des 17. Jahrhunderts von Bürgern und Fischern errichteten Kapelle, von den Votivtafeln, die im Namen von vor dem Schiffbruch geretteten Matrosen angebracht waren, aber auch vom Gesang der versammelten Gemeinde fühlt sich Agathe zu Tränen gerührt. In diesem Moment erwacht in ihr, und in ihrer Freundin gleichermaßen, ein Gedanke, dessen Unerfüllbarkeit sie sich sofort bewusst wird: „[…] elle aurait souhaité être avec eux, habiter là, être femme de pêcheur et croire en Dieu pour assister à cette messe et rentrer chez elle […] faire partie de quelque chose, mais sa vie n’était pas là, cette paix n’était pas pour elle […].“2 Ihre Wunschvorstellung, aus ihrer persönlichen und gesellschaftlichen Isolation auszubrechen, sowie ihre Sehnsucht nach einem einfachen, auf einem sicheren Wertefundament gegründeten Leben durchschaut Agathe bereits beim Verlassen der Kapelle als etwas nicht zu ihr Passendes. Gleichzeitig jedoch wirkt das für die Rückfahrt bereit stehende Auto auf sie wie „[…] l’instrument d’une errance stupide“3, d.h. dass sie die Fortsetzung ihres Lebens in der bisherigen Form für eine ziel- und damit sinnlose Angelegenheit hält. Die tiefere Ursache für ihre durch die Chapelle Notre-Dame-de-Grâce ausgelöste emotionale Bewegung hat sie indes nach einer Zeit des Schweigens erkannt: „La chapelle éclairée était un peu à l’image de la vie qu’elle entrevoyait avec Loïc […].“4 So vermag ein realer Ort, dessen konfessionell-religiöse Prägung keineswegs mit dem Weltbild Agathes übereinstimmt, gleichwohl ihre Träume von einem gemeinsamen Leben mit Loïc zu konkretisieren, und sie schließt eine Änderung ihres Lebens nicht aus für den Fall, dass Lucie Loïc verlässt. Als sie über eine solche Perspektive nachsinnt, glaubt sie, für einen Moment durch das Autofenster im Halbschatten zu erkennen, wie „jemand“, also eine nicht identifizierte Person, unbekümmert über das Dach (der Kapelle) spaziert – eine Illusion, die das Unwirkliche des sehnlich Erwünschten unterstreicht.5
2.4.4 Medial vermittelte Räume
Die Mitteilung über die von Agathe getätigte Hotelbuchung für Saint-Thomas wird kontextuell eingerahmt von einem Exkurs über ihre Begeisterung für den Vendée Globe, die größte, mit zahlreichen Risiken und Gefahren verbundene Einhand-Segelregatta der Welt, und ihren Besuch einer Ausstellung über Polarexpeditionen im Jardin des Plantes, bei dem sie von Jeanne begleitet wird.1 Erzähltechnisch wird auf diese Weise eine Konstellation geschaffen, bei der disparate Ereignisse wie die in Sables-d’Olonne endende Weltumseglung einerseits und eine Wochenendreise von Paris nach Saint-Thomas andererseits durch die interne Fokalisierung in eine wechselseitige Beziehung gebracht werden. Die Länge und die Herausforderungen der Regatta, an die sich jeder Teilnehmer nur „[…] avec un mélange d’effroi et de nostalgie […]“2 erinnert, werden formal bereits durch die extrem mäandrierende Syntax widergespiegelt. Sodann werden die realen Gefahren durch die Erwähnung des im Januar 1998 verschollenen kanadischen Seglers Gerry Roofs und den Hinweis auf die Ursachen der existentiellen Gefahren untermauert: „[…] les certitudes n’existaient plus, […] les limites s’estompaient, entre les océans, entre l’eau et la glace, entre le ciel et l’eau, la surface et le fond, et même l’ultime limite, entre la vie et la mort.“3 Agathe ist von den „[…] récits de terreur apaisée […]“4 gleichermaßen fasziniert und erschüttert. Sie geben Grenzerfahrungen wieder, die von der „[…] alternance des pics et des abîmes, ce vertige du très haut et du très bas […]“5, mithin sehr gegensätzlichen Erlebnissen, geprägt sind und beim Hörer zwar ein gewisses Behagen, vor allem jedoch das Gefühl auslösen, dass das eigene Leben „[…] peu de choses au regard des terrifiantes aventures […]“6 bietet. In ihrer sie verzehrenden Vereinsamung einer schlaflosen Nacht erkennt Agathe jedoch eine Parallele zum Lebensgefühl der Segler, die durch die Orientierung an einem angestrebten Zielort zum Ausdruck gebracht wird: „[…] dans la nuit où le sommeil se dérobait, Saint-Thomas paraissait aussi lointain et irréel que les Sables-d’Olonne à ceux qui se trouvaient au bord de l’Antarctique.“7
Das Naturkundemuseum des Jardin des Plantes ist ein Ort, der Agathe aus folgenden Gründen besonders anspricht und in ihrer Nachdenklichkeit bestärkt:
Vor dem Hintergrund des Schicksals des französischen Seefahrers Binot Paulmier de Gonneville, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts glaubte, die legendäre Terra Australis entdeckt zu haben, in Wirklichkeit jedoch in Brasilien gelandet war, stellt sich ihr die Frage, ob die Menschen nicht auch in der fortschrittsgläubigen Gegenwart, in der durch die Möglichkeiten der Vermessung von Raum und Zeit Forscher- und Entdeckergeist geweckt wird, Dinge als „certitudes“ betrachten, die sich in zwei oder drei Jahrhunderten als „[…] le comble du ridicule ou de la naïveté […]“ herausstellen.8
Trotz der Gegensätzlichkeit der beiden Pole, des bewohnten Nord- und des nicht bewohnten Südpols, haben „gewisse Forscher“ – […] certains explorateurs […] – 9 bewusst die Herausforderung dieser beiden „Extreme“ gesucht.
Die „[…] blancheur absolue […]“10 der polaren Landschaft, die Unterschiedlichkeit der Pole, kurzum: „[…] cette étrangeté extrême […]“11 gebietet, wie Agathe im Unterschied zu ihrer sich in Banalitäten flüchtenden Freundin Jeanne meint, ehrfurchtsvolles Schweigen. Noch verstärkt wird diese Haltung staunender Bewunderung in Agathe durch Bilder der Erinnerung an berühmte Polarforscher wie den Norweger Roald Amundsen und den Franzosen Jean-Baptiste Charcot, die beide verschollen sind. Obwohl Agathe die in der Ausstellung präsentierten Darstellungen der Polargegenden zuvor nicht gesehen hatte, glaubt sie, dass sie seit langem „ihrem Herzen innewohnten“.12 Vielleicht spürten jenes “ […] serrement de cœur […]“, die durch die Pole ausgelöste Beklemmung, sogar alle Menschen, denn „[…] ces terres désolées […]“, diese vom ewigen Eis bedeckten Zonen seien „[…] l’image des zones intérieures auxquelles on ne pourrait jamais avoir accès, gelées dès le commencement, dès avant le début, et qui faisaient que, malgré toute la chaleur qu’on pouvait trouver auprès de quelqu’un, malgré le réconfort, on se sentait cruellement seul en pleine nuit, en pleine maladie – en pleine vie“13.
Besteht das vom Vendée Globe ausgehende Faszinosum vor allem aus dem Mut des einzelnen Individuums zum Aufbruch in ein Abenteuer, das höchste Risiken bis zur Gefahr des Todes einschließt, so zeichnen sich die Expeditionen der Polarforscher zusätzlich durch das Erlebnis der Besonderheit der polaren Landschaften, nicht zuletzt auch durch die Konfrontation mit der abweisenden Undurchdringlichkeit des ewigen Eises aus. Nicht zu unterschätzen ist schließlich auch jener Reiz, der davon ausgeht, dass sich das Vertrauen in die durch technischen Fortschritt erlangten „certitudes“ als trügerisch erweisen könnte. Wenn Agathe den Zustand ihrer eigenen „Seelenlandschaft“ mit Erfahrungen von Individualisten in Verbindung bringt, die außergewöhnliche Herausforderungen suchen und alle damit verbundenen Entbehrungen und Nöte, von der extremen Einsamkeit bis zur Todesangst, in Kauf nehmen, so verdeutlicht dies einerseits das Ausmaß ihrer Vereinsamung und ihres Leidensdrucks, andererseits jedoch auch ihre geradezu heroisch anmutenden, in Wirklichkeit wohl eher verzweifelten, mit Ahnungen des Scheiterns verbundenen Anstrengungen, die Not der Isolation zu überwinden.
2.4.5 Intertextuell vermittelte Räume
Welche Bedeutung Literatur insbesondere für Agathe hat, wurde bereits bei einem Blick in das erste Kapitel deutlich.1 Neben dem ebenda und an mehreren anderen Stellen zitierten Roman Le marin rejeté par la mer von Yukio Mishima nimmt die Erzählinstanz auf zahlreiche andere literarische Werke, insbesondere von Agathe gelesene japanische Romane, Bezug.2
In welchem Maße Agathe sich in Literatur „behaust“ fühlt, offenbart eine Szene, in der sie nach einem Gespräch mit Jeanne eine Buchhandlung betritt und dies von der Erzählstimme folgendermaßen kommentiert wird: „[… ] elle entra – et parfois, entrer dans une librairie, c’était entrer dans un autre monde, une autre dimension.“3 In dieser Welt sind die Bücher nicht tote Gegenstände, sondern
[ils] attendaient comme des animaux au repos dans la jungle, ils avaient l’air anodins, inoffensifs, qu’est-ce que c’était, un peu de papier, du carton et de l’encre […] mais l’apparence était trompeuse, comme la tranquillité des bêtes de la jungle est trompeuse. Il suffisait de quelque chose qui donne l’éveil […] et l’animal bondissait, on était à la fois l’animal et la proie, le combat sans merci qui déchire les savanes écrasées de chaleur, qui s’enfonce au cœur des forêts les plus épaisses, on était la savane, les ténèbres, la forêt, on croyait seulement se distraire, lire un livre, et voilà qu’on devenait un personnage de l’histoire, l’histoire même, voilà que le chemin sur lequel on marchait et qui paraissait sûr se perdait dans les broussailles […]4
Der kühne Vergleich von Büchern mit im Dschungel sprungbereit wartenden Tieren, sodann die Übernahme verschiedenster Rollen durch den Leser simulieren eine kampfähnliche, überfallähnliche Situation, die den Lesevorgang in bester rezeptionsaesthetischer Manier bildhaft-dramatisch als eine Auseinandersetzung zwischen Text und Leser, die hier in eine ausführliche Wegemetapher einmündet, erscheinen lässt. Für den Zweck dieser Untersuchung entscheidend ist die Erkenntnis, dass die Herausforderungen des Leseprozesses in räumlichen Kategorien vermittelt werden.
2.4.6 Perspektivierende Zusammenfassung
Abschließend soll die sich im Titel des Romans andeutende und in seinem ersten Kapitel in einigen Punkten bereits entfaltende Bedeutung, die der „Reise nach Saint-Thomas“ und damit der Suchbewegung der Protagonistin über die Ebene der „histoire“ hinaus insbesondere im Hinblick auf die Beziehungen zwischen den Handlungsorten und der Figurenkonstellation zukommt, zusammengefasst werden.
Paris und Saint-Thomas (Saint-Jean-le-Thomas) werden – bei objektiver Betrachtung – natürlich nicht durch eine „klassifikatorische“ Grenze im Sinne Lotmans getrennt, zumal der kleine Ort in der Normandie (auch) für viele Pariserinnen und Pariser ein attraktives Ausflugs- und Urlaubsziel sein dürfte. Die in Voyage à Saint-Thomas gleichwohl vom ersten Kapitel an deutlich werdende Opposition zwischen den beiden Orten erklärt sich daher aus den ihnen im Verlauf der Diegese zugewiesenen Funktionen bzw. der Bedeutung, die sie für Agathe haben.
Im Hinblick auf die in Voyage à Saint-Thomas stattfindenden „Ereignisse“, also die „Sujethaftigkeit“ des Textes, sind drei unterschiedliche Aspekte zu unterscheiden:
1 Zu Beginn der Diegese sind Agathe und Loïc geeint in dem Wunsch, vier Tage in Saint-Thomas zu verbringen. Für Agathe würde mit dem Aufenthalt in Saint-Thomas ein von ihr seit langem gehegter Wunsch in Erfüllung gehen. Sie hätte damit, wie in Kapitel 2.4.2 gezeigt wurde, „[…] le bout du monde, le but de sa vie […]“ erreicht. Das hyperbolische „bout du monde“ signalisiert, welch immense Bedeutung Agathe dem Ort Saint-Thomas beimisst, der sich durch seine periphere Küstenlage und sein dörfliches Gepräge in markanter Weise von Paris unterscheidet. Angesichts dieses asymmetrischen Verhältnisses und aufgrund ihrer existentiell hohen Erwartungen käme die Realisierung der Reise für Agathe einer „Grenzüberschreitung“ im Lotman’schen Sinne gleich, bedeutete sie doch – u.a. – die drei Jahre lang für unmöglich gehaltene öffentliche Manifestation einer bislang nur in privater Abgeschiedenheit gepflegten Beziehung.Loïc wird im Unterschied zu Agathe nicht nur durch berufliche bzw. familiäre Verpflichtungen an der Reise gehindert. Da er seine Ehefrau Lucie einstweilen noch nicht über sein Verhältnis mit Agathe informiert hat, wäre für ihn angesichts seines zwar an keiner Stelle explizit definierten, sondern nur aus seinem Verhalten ableitbaren Verhaltenskodex eine nicht schlüssig erklärte längere Abwesenheit ein eindeutiger Tabubruch und damit eine Grenzüberschreitung.Von Saint-Thomas geht – nach Loïcs Reiserücktritt – eine das Verhältnis zwischen Agathe und Loïc keineswegs festigende, sondern, wenn nicht entzweiende, so doch stark belastende Wirkung aus. Sodann beeinflusst der Ort die Figurenkonstellation einerseits und die Befindlichkeit Agathes andererseits in einer tiefgreifenden Weise.
2 Nicht mit Loïc, sondern mit Marc nach Saint-Thomas zu reisen, kommt Agathe zunächst wie eine „fugue“1 bzw. ein „voyage de remplacement“2 vor. Saint-Thomas und die Ereignisse, für die der Ort wie eine Chiffre verwendet wird, bewirken in Agathe, wie in B 2.4.2 herausgearbeitet wurde, einen Zustand innerer Zerrissenheit, einen Verlust ihrer „innocence“ in ihrer nach- und fortwirkenden Beziehung zu Loïc, zugleich jedoch eine leidenschaftliche Hinwendung zu Marc. So geht der Ortswechsel von Paris nach Saint-Thomas für Agathe mit einer sicherlich nicht geplanten, aber psychologisch folgenreichen „Grenzüberschreitung“ (in einem übertragenen Sinn) einher. Ihre Lage wird noch dadurch kompliziert, dass Marc zu einer gänzlich anderen Bewertung der mit ihr in Saint-Thomas verbrachten Zeit gelangt. Für ihn haben die den „circonstances“ geschuldeten Begegnungen keine über den örtlichen und zeitlichen Rahmen hinausgehende Wirkung. Daraus wird ersichtlich, dass, wie in Kapitel A 2.2 ausgeführt wurde, die Bewertung eines Vorgangs als „Grenzüberschreitung“ nur in Relation zu den für die betroffenen Personen gültigen Weltbildern erfolgen kann. Da Agathe und Marc aus einem sich durch die Pluralität der Meinungen und Wertvorstellungen auszeichnenden Raum kommen, ist dies leicht nachvollziehbar.
3 Mit der Bereitschaft, sich von Lucie zu trennen, gewinnt Loïc gegenüber Agathe seine innocence“ zurück. In der Schlussszene geschieht, was, wie die Erzählstimme anmerkt, Agathe für unmöglich gehalten hatte,3 also ein im Sinne Lotmans „sujethaftes Ereignis“, das über zarte Gesten vermittelt wird. Wenn Agathe ihren Kopf auf Loïcs Schulter legt und dabei in Tränen ausbricht, während er ihr Gesicht streichelt, ist dies als Zeichen der Versöhnung und der Befreiung Agathes aus der Sprachlosigkeit zu verstehen. Auf eine gänzlich unerwartete Weise hat der Ort „Saint-Thomas“, auf den Agathe und Loïc zu Beginn der Diegese wie auf ein Fanal der Hoffnung blickten und den sie dennoch nicht gemeinsam erreichten, dazu beigetragen, beide über alle sie trennenden Grenzen zusammenzuführen.
2.5 Zusammenfassung Themenfeld I
Die in den Romanen des Themenfeldes I erzählten „errances“ zeichnen sich durch – mehr oder weniger große – Wirklichkeitsnähe der Figuren und Handlungen aus. Topographisch nachvollziehbar sind die Aufbrüche und Suchbewegungen allesamt, so unterschiedlich sie motiviert und ausgerichtet sein mögen. Sie sind als Geschichten einzelner Individuen, in gewisser Weise als „Privatangelegenheiten“ konzipiert und nur in begrenztem Maße verallgemeinerbar. In Mariane Klinger kündigt sich jedoch die das Themenfeld II beherrschende Thematik „Krieg und Holocaust“ an.
Die auch gesellschaftlich relevante Frage der Ausgrenzung von Menschen mit besonderer sexueller Orientierung (Atlantique, Le Désir d’Équateur) wird im Wesentlichen in ihren Auswirkungen auf die betroffenen Figuren beschrieben.
Die Protagonisten der Romane des Themenfeldes I bewegen sich jedoch alle auf ein – mehr oder weniger konkretes – Ziel zu, das sich in Le Désir d’équateur, obwohl es sich bei Quito bzw. dem Denkmal La mitad del mundo um eindeutig referentialisierbare Orte handelt, virtualisiert. Sie haben ihren jeweiligen Ausgangspunkt verlassen und leben – zwischen zwei Welten – in der hoffnungsvollen Erwartung, dass sie ihr Glück an ihrem jeweiligen Wunsch- oder Sehnsuchtsort finden. Für Vincent und seine Schwester erfüllt sich diese Hoffnung in einem auf 24 Stunden begrenzten Zeitraum.
3 Themenfeld II
Auch die im Themenfeld II vereinten, zwischen 1997 und 2005 erschienenen Erzähltexte können arbeitshypothetisch als Suchbewegungen bezeichnet werden. Der Aspekt der Bewegung wird bei vier von fünf Texten erneut bereits durch die Titel mehr oder weniger deutlich signalisiert. Nation par Barbès (2001) verweist auf eine mehrere Stationen verbindende Strecke der Metro in Paris. Beaune-la-Rolande (2004) – der Name des ca. 100 km südlich von Paris gelegenen Dorfs dient als metonymische Bezeichnung des 1941 eingerichteten Durchgangslagers für Juden, die nach Auschwitz deportiert wurden – suggeriert als Titel eines Erzähltextes gleichermaßen ein Ankommen und Abfahren. Der doppeldeutige Titel Mémorial (2005) insinuiert in der Bedeutung ‚monument commémoratif‘1, dass an einem Erinnerungsanlass Interessierte sich auf den Weg zu einem Denkmal machen. Mit Fugue schließlich (2005) assoziiert man spontan einen Ausgangs- und Zielort und die Frage nach dem Grund für die Fluchtbewegung. Lediglich der Titel La Trahison (1997) gibt keinen direkten Hinweis auf Bewegung, weckt dafür jedoch die Erwartung nach Suche und Aufklärung eines wann auch immer begangenen Verrats.
Da La Trahison und Nation par Barbès Probleme behandeln, die für die Zeit der Okkupation und die Nachkriegszeit bzw. die Gegenwart repräsentativ sind, sollen die in diesen Werken erzählten Suchbewegungen zumindest in ihren Grundzügen analysiert werden. Angesichts der Bedeutung, die der Holocaust für das Gesamtwerk Cécile Wajsbrots hat, sollen jedoch die thematisch eng verwandten, durch die Familiengeschichte und Biographie der Autorin beeinflussten Texte Beaune-la-Rolande und Mémorial im Mittelpunkt der Untersuchung stehen. Obwohl Fugue aufgrund der Verbindung von Text und Fotografien sich eher als Gegenstand einer intermedialen Analyse anbietet, sollen die für das Thema dieser Arbeit relevanten Aspekte doch einer gründlichen Betrachtung unterzogen werden.2
3.1 La Trahison1 – Louis Mérians Suche nach der eigenen Vergangenheit
Die Begegnung der Protagonisten Louis Mérian und Ariane Desprats weckt in Louis Mérian die Bereitschaft und den Wunsch, seine bislang verdrängte Vergangenheit aufzuarbeiten und nach seiner wahren Identität zu suchen. Die anfänglich große Distanz zwischen den beiden in unterschiedlichen Semiosphären lebenden Figuren resultiert keineswegs nur aus dem zwischen ihnen bestehenden Altersabstand von dreißig Jahren, sondern vorrangig aus jenen Unterschieden, die durch die Besonderheiten der familiären Herkunft und die Prägung ihrer Weltanschauung bedingt sind. Der zu Beginn des zweiten Weltkrieges 17 Jahre alte Louis Mérian entstammt einer Familie von „spectateurs“, deren „seul combat“ im Krieg und in der Zeit danach stets darin bestand „[…] d’avoir assez de pain, ou assez de viande […]“2 und die in ihrer Überlebensstrategie und vor allem in ihrer Entscheidung, Paris während des Krieges nicht – wie so viele andere – zu verlassen, einen Nachweis ihres Heldentums erblickten. Die 1952 geborene Jüdin Ariane Desprats, deren Großeltern mütterlicherseits deportiert wurden, betrachtet Frankreich nicht als ihre Heimat, sondern als ein Land, das die Wahrheit über die aus Kollaboration und Denunziation erwachsene Schuld bis in die Gegenwart konsequent verschweigt. Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Familiengeschichte sieht sich Ariane aufgrund dieser Art der Geschichtsfälschung als „Gefangene“.3 Für sich zieht sie daraus die Konsequenz, in ihrem Beruf als Journalistin gegen Verschleierung und Verdrängung anzukämpfen. Ihr Wunsch, den von ihr in ihrer Kindheit als Radiojournalist verehrten Louis Mérian nach seiner Tätigkeit während des Krieges zu befragen, mag sich psychologisch aus ihrer Hoffnung erklären, dass er die ihm von ihr entgegengebrachte Wertschätzung auch durch ein aus ihrer Sicht tadelloses Verhalten während der Okkupationszeit rechtfertige.
Wichtige Phasen der „histoire“ der beiden Protagonisten werden durch chronotopische Markierungen hervorgehoben. In der nachfolgenden Analyse soll herausgearbeitet werden, in welcher Weise die Suchbewegung des Louis Mérian, sein Denken und Empfinden auf der Ebene des „discours“ durch die Darstellung von Raum und (Nicht-)Bewegung widergespiegelt werden.
3.1.1 Die Bedeutung von Raum und (Nicht-)Bewegung für die Charakterisierung des Louis Mérian
À travers les stores à demi baissés flottait une lumière douce, et les bruits de la rue paraissaient atténués. […] il aimait cette période où la ville se vidait peu à peu, s’apaisait doucement, s’endormait comme il parvenait quelquefois à le faire en début d’après-midi, à cette heure-ci, précisément, quand la chaleur s’abattait lourdement et qu’il n’y avait qu’à attendre que cela passe.
Venait-il de se réveiller ou était-il dans cet état intermédiaire qu’il n’aimait pas, entre veille et sommeil, et qui gagnait, d’année en année, qui se confondait presque avec sa vie? La nuit, c’était comme s’il courait sans cesse après quelque chose, comme s’il courait sur une route qui s’interrompait soudain, se perdait au milieu d’elle-même et le laissait hors d’haleine, au matin, épuisé d’une recherche dont il ignorait l’objet mais qu’il recommençait la nuit d’après. Le jour, il n’y avait pas de but, pas de recherche mais les lambeaux de vie épars qui s’assemblaient sans former une image d’ensemble, et qu’il regardait avec perplexité.1
Louis Mérian, dessen Name – wie der seiner Gesprächspartnerin Ariane Desprats – im Sinne einer Spannungssteigerung erst in einer nachträglich eingefügten Erwähnung der gegenseitigen Begrüßung2 genannt wird, befindet sich, wie der Textauszug und ein späterer Hinweis3 belegen, zu Beginn der Diegese in einer von ihm seit etwa 20 Jahren gemieteten Wohnung. Dem weiteren Verlauf des Textes ist zu entnehmen, dass es sich um eine Wohnung in der von ihm bevorzugten fünften Etage eines modernen, an einer verkehrsarmen Straße im Westen von Paris gelegenen Wohnhauses handelt, die mit einem Balkon ausgestattet ist und einen Ausblick auf den Invalidendom bietet.4 In starkem Kontrast zu den lichtdurchfluteten, in einer Vorzugslage befindlichen Räumlichkeiten stand die Behausung seiner Kindheit und Jugend. Aufgewachsen ist er in einer engen Straße in der Nähe des Louvre, und
[…] de toute cette période, il gardait l’impression d’une absence de lumière, d’un long tunnel, peut-être parce que les circonstances l’avaient obligé à rester chez ses parents plus de temps qu’il ne l’aurait voulu, peut-être parce que sa chambre donnait sur une petite cour et les autres pièces sur une rue obscure […]5
Mit diesen auszugsweise zitierten Beschreibungen verfolgt die Erzählinstanz keineswegs nur das Ziel einer atmosphärischen Schilderung der Lebensumstände Louis Mérians, die sich im Laufe der Jahre offensichtlich stark verändert haben. Vielmehr spiegeln verschiedene chronotopische Details in symbolischer Form Hintergründe der Biographie des Protagonisten, die im Hinblick auf die Entwicklung der Diegese eine eindeutig proleptische Funktion ausüben. In chronologischer Anordnung sei zunächst auf die durch das Bild des Tunnels veranschaulichte räumliche Enge und Dunkelheit hingewiesen, die das Lebensumfeld seiner Kindheit und Jugend kennzeichnen und nicht nur auf bescheidene materielle Voraussetzungen schließen lassen, sondern auch einen Mangel an Offenheit und Weite im Denken und Empfinden der Familie Mérian widerspiegeln. Die aktuelle und alle von ihm seit der Zeit seiner beruflichen Tätigkeit bevorzugten, niemals unter dem vierten Stockwerk gelegenen Wohnungen zeichnen sich hingegen durch Helligkeit und den Vorzug aus, ihm durch ihre Höhe einen weiten Blick, zugleich jedoch einen hinreichenden Abstand zum Geschehen auf der Straße zu verschaffen. Beachtenswert ist darüber hinaus, dass die Erzählinstanz den Roman mit den Worten „À travers les stores à demi baissés […]“ eröffnet. Dieses auf den ersten Blick gänzlich unauffällige, sich scheinbar durch die natürlichen Umstände der nachmittäglichen Sonneneinstrahlung erklärende Detail gewinnt im Kontext eine besondere Bedeutung.
Der Wechsel von Tag und Nacht geht, wie der oben zitierte Textauszug belegt, für Louis Mérian einher mit der Abfolge eines auf keinerlei Ziel zusteuernden und um keinerlei Aufklärung bemühten Lebens – le jour – und einer albtraumähnlichen, ihn in Atemlosigkeit versetzenden, plötzlich abbrechenden Suche und Jagd nach einem geheimnisumwobenen, in Vergessenheit geratenen Ereignis in seiner Vergangenheit – la nuit –. In welch starkem Maße diese Verunsicherung, zumal nach Arianes Frage, ob er auch während des Krieges für das Radio gearbeitet habe,6 ihn in Verwirrung stürzt, wird deutlich, als Louis Mérian sich nach dem ersten Gespräch mit der Journalistin an einem typischen Schwellenort, nämlich im Hausflur vor dem Aufzug von ihr verabschiedet und sich vor seiner Wohnung „[…] comme un étranger devant une porte inconnue […]“7 wähnt. In diesem Moment lässt ihn ein zwar diffuser, von der Erzählinstanz gleichwohl in einprägsamer Raummetaphorik zum Ausdruck gebrachter Eindruck erahnen „[…] qu’il existait en lui des zones ignorées, des zones inconnues de sables mouvants où depuis si longtemps qu’il vivait, il ne s’était encore jamais aventuré“8. So dienen die zu Beginn des Gesprächs mit Ariane Desprats noch immer halb heruntergelassenen Rollos9 offensichtlich nicht nur dazu, Louis Mérian vor den eindringenden Sonnenstrahlen zu schützen. Vielmehr deutet die Erzählstimme damit symbolisch an, dass er sich nicht dem hellen Licht der vollständigen Wahrheit auszusetzen bereit ist, sich mithin in einen Innenraum zurückzieht, der ihn vor von außen eindringenden Einflüssen und Gefahren abschirmt. So ist es folgerichtig, dass er am Tag danach, nachdem Ariane Desprats telefonisch um ein weiteres Gespräch gebeten und er sein Einverständnis erklärt hat, eine über sich selbst hinausweisende Handlung, über deren Folgen er sich noch nicht im Klaren sein kann, vollzieht: „La voix s’était tue, il avait relevé le store […]“.10 Das Geheimnis wird gelüftet werden, die Wahrheit ans Licht des Tages geraten.
Louis Mérian führt als Rentner ein Leben in einer beinahe monadenhaft wirkenden Abgeschiedenheit. Er verlässt seine Wohnung selten, verreist nicht gerne, verbringt nur jedes Jahr im Juli einige Tage in dem unweit von Paris gelegenen Haus seiner verwitweten Schwester Anne, um danach „[…] avec un goût renouvelé de la solitude“11 zurückzukehren.
In gewisser Weise außerhalb von Zeit und Raum – […] en dehors du temps et en dehors du monde […] – 12 vollzog sich das Berufsleben Louis Mérians, wenn er in seinem fensterlosen Radiostudio in seiner spätabendlichen Sendung seinen Auftrag erfüllte „[…] d’aller du soir à la nuit, de mener ses passagers sur l’autre rive, dans des contrées nocturnes inhabitées où parfois une silhouette errante cherche le sommeil“13. Mit der Metapher des Fährmanns, der seine Passagiere „auf das andere Ufer“, in jene unbewohnten nächtlichen Gegenden übersetzt, überträgt er die Vorstellung des Übergangs vom Abend zur Nacht in ein anschauliches räumliches Bild. Wie stark er seine Rolle als Fährmann verinnerlicht hatte und wie sehr er von seinem Auftrag, seine Zuhörerschaft in die Stille der Nacht zu entlassen, überzeugt war, zeigt seine anfängliche Enttäuschung, als sein Sender das Programm nicht mehr mit seinen Interviews beendete, sondern auch noch während der Nachtstunden fortsetzte. Die Erzählinstanz überträgt die Vorstellung einer ununterbrochenen Abfolge nächtlicher Sendungen in räumliche Bilder und gibt mittels interner Fokalisierung, d.h. durch ihre Identifizierung mit der Sichtweise Louis Mérians, zu verstehen, dass die Illusion bevölkerter Landschaften, bewohnter Dörfer und Städte sowie erleuchteter Autobahnen, die durch die nach Mitternacht ausgestrahlten Sendungen erzeugt wird, nicht den Wert des zuvor den Zeitraum der Nacht beherrschenden „silence“ aufwiegt:
Pendant des années, son émission fermait l’antenne, puis la nuit s’était peuplée, on avait construit des maisons isolées, des villages, c’étaient des villes, maintenant, qui s’étendaient d’un bord à l’autre de la nuit, des barres d’immeubles, des autoroutes éclairées plus monotones que le vide, mais même s’il avait eu l’impression, les premières fois qu’on avait ôté à sa mission une part d’absolu en supprimant le silence qui suivait, il avait fini par s’habituer à céder l’antenne au lieu de la rendre.14
Louis Mérian sah sich selbst während seiner Zeit als Radiojournalist jedoch keineswegs nur in der Rolle des Fährmanns, vielmehr glaubte er, noch eine andere Mission erfüllen zu müssen. So erinnert er sich in einem Dialog mit seiner „inneren Stimme“15 an ein Interview mit einem Experten, der sich darauf spezialisiert hatte, gesunkene Schiffswracks zu lokalisieren und anschließend zu bergen. Auf die Frage, was ihn an einer solchen Aufgabe reize, habe der Mann geantwortet:
[…] l’exhumation des secrets. Remonter des choses restées au fond des mers pendant des siècles, ou seulement des années, voir le travail du temps, sous les eaux, le temps enlève, le sel ronge et les objets s’érodent, et ils rouillent, mais le temps ajoute, aussi, des choses s’agglomèrent, des coquillages, des algues, d’autres substances qui finissent par former une matière unique et belle […] qui fait corps avec l’objet et qui […] en fait partie.16
Zeit und Raum, hier der Meeresboden mit dem von Rost angefressenen und von Muscheln und Algen überwucherten Schiffswrack, treten in dem Bericht des Bergungsfachmanns eindeutig in ein symbiotisches Verhältnis ein. Fasziniert spricht der Experte jedoch auch über Schiffe, die neben ihrer offiziell erklärten auch noch eine geheime Fracht beförderten,17 um, wie Louis Mérian sich in seinem Selbstgespräch erinnert, abschließend folgende Schlussfolgerung zu ziehen: „[…] la vie est pareille, chacun de nous a une mission apparente et une mission cachée mais la plupart du temps, les gens ne le savent pas et ne prennent pas la peine de chercher l’objet de leur mission cachée.“18 Es grenzt an tragische Ironie, dass die Erzählstimme Louis Mérian, der einen entscheidenden Abschnitt seiner eigenen Biographie konsequent verdrängt hat und von sich sagt, dass sein Leben erst mit dem Radio begonnen habe,19 als journalistischen Vermittler bei der Enthüllung von über Jahrhunderte auf dem Meeresboden verborgenen Geheimnissen auftreten lässt.
Raum und Bewegung spielen auch im Kontext der in das Gedächtnis Louis Mérians zurückgekehrten Sarah Lipsick eine bedeutende Rolle. So verwandelt Sarah beim ersten Rendezvous mit Louis auf den von ihm zuvor nicht sehr geschätzten Champs-Élysées die Prachtstraße in seinen Augen mit ihrer bloßen Gegenwart in eine „approche du paradis“20. In welch radikaler Weise die Beziehung zu der Jüdin Sarah Lipsick das Leben Louis Mérians in eine andere Richtung hätte lenken können, erhellt aus der Beschreibung ihrer ersten Begegnung. Sarah vermag offenbar allein mit ihrem Blick alle Hindernisse, die den Zugang zum „Herzen“, d.h. zum Kern der Persönlichkeit Louis Mérians versperren, zu überwinden. Die Hindernisse werden bezeichnenderweise sowohl durch konkret räumliche als auch durch zeitbezogene Assoziationen evoziert: „Dès le premier regard Sarah avait traversé tous les barrages, toutes les couches déposées par le temps, pour s’installer au cœur de Louis […] Sarah était directement venue frapper là, au cœur de l’idéal.“21
Die Auswirkungen, die Sarahs Gegenwart auf Louis Mérian ausübt, erfassen den ganzen Menschen, lassen ihn zu sich selbst, zu seiner eigentlichen Wesenheit gelangen: „Par Sarah, il devenait, il était lui.“22 Für die Louis bislang prägende Beziehung zu seinen Eltern bedeutet seine „Umkehr“ jedoch, dass er sich „[…] à l’opposé de leurs valeurs […]“23 befindet. Diese Spannung nicht ausgehalten, die von Sarah vorgelebten und ihm ans Herz gelegten Ideale verraten zu haben, macht die Tragik seines Lebens aus, der er vergeblich zu entkommen sucht, indem er behauptet, sein Leben habe mit seiner Radiotätigkeit begonnen.24
Die Wiederbelebung dieser und anderer verschütteter Erinnerungen im Gedächtnis Louis Mérians wird von der Erzählstimme wie die „Wiederauferstehung“ eines in Ruinen daniederliegenden Schlosses beschrieben:
[…] Sarah Lipsick, un nom qu’il n’avait pas prononcé depuis des années […] ce nom ne remontait pas seul, il venait avec un flot de paroles et d’événements oubliés, comme un château dont il ne restait que des ruines, quelques murs effondrés, reviendrait d’un seul coup à la vie avec non seulement tous ses murs mais aussi tous ses meubles, ses tapisseries, ses habitants, et encore ses remparts, son pont-levis, son fossé, et la rivière d’autrefois qui s’était asséchée au fil du temps.25
Sarah Lipsick wird als eine Person präsentiert, die Louis Mérian mit ihrer Liebe und der an ihn gerichteten Aufforderung, ihr „[…] sur le chemin de la révolte […]“26 in die Résistance bis nach London zu folgen, zum Aufbruch aus der erstickenden geistig-ideologischen Enge seines bisherigen Lebens bewegen will. Obwohl er sich dafür zwischenzeitlich zu begeistern scheint, wirken die von seinem Elternhaus ausgehenden Beharrungskräfte auf ihn und seine Schwester Anne ungleich stärker und bilden „[…] un pays sûr de lui qui ne regardait jamais en arrière pour ne pas voir les cadavres qu’il laissait en avançant sur sa route […]“27. Diese Haltung des Wegsehens sollte auch das weitere Leben Louis Mérians prägen. In einem Gespräch mit seiner Schwester, das er nach seiner „Wiederentdeckung“ Sarahs führt, spricht Louis Mérian im Hinblick auf seine Radiotätigkeit, also die Gespräche mit bald narzisstischen, bald erfolgsabhängigen, bald untalentierten Künstlern, die sich alle für eine oberflächliche Existenzweise entschieden haben, von seinem eigenen Leben als einer „[…] fuite en avant“28. Nicht umsonst habe er sich bei seiner Sendung für die Nachtzeit entschieden „[…] parce que la nuit, on ne voit rien […]“29.
Auch die Probleme Louis Mérians, die Gründe für sein Vergessen zu verstehen, werden von der Erzählstimme in einer raum-zeitlich geprägten Bildersprache geschildert. So sieht sich Louis nicht in der Lage, jene Kreuzung – le carrefour – bzw. jenen Moment zu benennen, der zum Bruch seines Verhältnisses mit Sarah geführt hat.30 Und an einer anderen Stelle heißt es:
[…] il était impossible de se souvenir de l’oubli, de repérer, dans l’étendue du temps, dans ce paysage de prairies et de déserts, la frontière, le passage du souvenir à l’oubli, de la prairie au désert, l’instant précis où tout avait commencé à s’effacer, où tout s’était effacé.31
Von großer Bestimmtheit geprägt ist das Verhalten Louis Mérians bei der Vorbereitung seines Suizids, die von der Erzählinstanz ausführlich in Szene gesetzt wird. Er steht am Fenster und schaut in eine„[…]clarté dorée“, einen „[…]ciel bleu ponctué de légères traînées de chaleur […]“ und genießt eine Phase des Übergangs, in der er, wie viele Male zuvor, „[…] le soleil qui baissait à l’horizon et qui disparaissait derrière les immeubles […]“32 beobachtet. Das einen Ausblick bis zum Invalidendom bietende Fenster, die klare Atmosphäre und die Erwartung des Sonnenuntergangs bilden jenen verklärten, alle Enge überwindenden raum-zeitlichen Rahmen, in dem Louis Mérian sich anschickt zu sterben, während er Ariane einen Abschieds- und Dankesbrief schreibt. In diesem Brief spricht er einleitend von jener (oben erwähnten) Sendung mit dem Experten für die Bergung von Schiffswracks, die ihn in einen „[…] état second […]“ versetzt und habe verstehen lassen, dass er das Leben nicht nach oberflächlichen Eindrücken beurteilen dürfe, sondern „[…] qu’il fallait chercher ailleurs, au fond […]“33. Er dankt Ariane ausdrücklich, da sie aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit Sarah Lipsick und ihrer Frage „[…] qu’avez-vous fait pendant la guerre […]“ jene „remontée“ von Erinnerungen ausgelöst habe, die ihn nun befähige, das zu tun, was er tun müsse: „ – […] suivre la route abandonnée il y a cinquante ans, la reprendre enfin et rejoindre Sarah là où elle est aujourd’hui.“34 Mit dieser Entscheidung beweist er – aus seiner Sicht – jenen Mut zum Aufbruch aus einer selbstverschuldeten Isolation und Verweigerungshaltung, der ihm fünfzig Jahre vorher gefehlt hatte.
3.1.2 Die Bedeutung von Raum und Bewegung für die Charakterisierung der Ariane Desprats
Anders als im Falle Louis Mérians wird die Pariser Wohnung der Ariane Desprats an keiner Stelle des Romans lokalisiert geschweige denn beschrieben. Lediglich ein knapper Passus, der nicht ein Zu-Hause-Sein und Geborgenheit, sondern in gespenstischer, an die Geschichte des Fliegenden Holländers erinnernder Seefahrts- und Reisemetaphorik ihre Einsamkeit und Gefährdung, aber auch ihr missionarisches, ruheloses Unterwegs-Sein evoziert, verweist auf einen Wohnsitz.1 Überaus aufschlussreich ist zudem ein Gespräch zwischen Ariane und ihrem ehemaligen Gefährten Léo, in dem sie ihm von der Geschichte ihrer Familie – ihre Großeltern mütterlicherseits wurden deportiert, ihr Vater, angeblicher Résistancekämpfer, verließ die Familie, als Ariane acht Jahre alt war – und ihrer Kindheit erzählt. Obwohl nach dem Krieg geboren, habe sie stets „[…] dans le souvenir de cette période […]“2 gelebt. Ihre Mutter habe an die Kriegszeit sogar gedacht, wenn sie nicht darüber gesprochen habe, während im alltäglichen Leben ansonsten niemand zu wissen schien, worum es sich dabei handelte. Dieser Zustand führte dazu, dass Ariane sich, wie sie Léo erklärt, in ihrem engsten Umfeld fremd fühlte: „Quand je sortais de chez moi, c’était comme si je passais une frontière pour aller dans un autre pays.“3 Ihre im Mädchenalter wohl im Wesentlichen emotional wahrgenommene Sonderstellung und die innere Verfasstheit Frankreichs vermag Ariane als Erwachsene genau zu analysieren. So erinnert sie sich an Gespräche, die Louis Mérian in seiner Sendung mit Künstlern führte, die sie zwar nicht zum Sendezeitpunkt, wohl aber heute nur noch ironisch als „[…] les piliers de la France nouvelle et ancienne, de la France éternelle […]“4 betrachten kann. Wie Ariane die von Louis Mérian interviewte Künstlerelite, mit der sie sich einst glaubte identifizieren zu können, heute einschätzt, lässt die Erzählinstanz in einer – die Sichtweise Arianes wiedergebenden – intern fokalisierten Passage durchscheinen:
Mais le château qu’habitaient les chansonniers, les comédiens de théâtre de boulevard, les acteurs de la Comédie-Française ou les chanteurs populaires, était aussi irréel que celui de la Belle au bois dormant, et le pays entier dormait sous l’effet d’un sort qu’une mauvaise fée lui avait jeté – et aujourd’hui, il n’était pas encore sorti de son sommeil.5
Arianes einstiges Bild märchenhaft idolisierter Schlossbewohner ist mittlerweile einer kritischen Sicht gewichen. Ihr ist bewusst geworden, dass Mérians Interviews jenen „[…] dicussions de café du commerce […]“ glichen, die sich durch „[…] quelque chose de paisible et de rassurant, une image réconfortante du pays qui était le sien“6 auszeichneten. Konsequent verschwiegen und verdrängt wurden dabei in dem in einen Dornröschenschlaf versunkenen Land die belastenden Momente der eigenen Vergangenheit. Ariane begreift ihr eigenes Leben daher
[…] comme un effort, une tentative permanente de se dégager de cette histoire qui l’emprisonnait, la guerre et la déportation, l’attitude des uns et des autres, et qui l’empêchait de se sentir vraiment chez elle dans un pays où elle était pourtant née, à cause de la collaboration, de la dénonciation, mais aussi à cause du silence qui se prolongeait aujourd’hui, à cause de cette volonté farouche de détourner les yeux, de poser le regard ailleurs […]7
Die Erzählstimme verstärkt diesen Gedanken noch, indem sie, wiederum aus dem Blickwinkel Arianes, die als Alibi für die „Abwendung des Blicks“ dienende Wiederaufbauphase in Frankreich mit den Voraussetzungen und Folgen der Überplanung des Ghettos in Warschau vergleicht. Dort habe man aus Zeitgründen „[…] sur les ruines de l’ancien ghetto […]“8 ein neues Stadtviertel errichtet, das ein Meter höher liege als der Rest der Stadt. Dies habe zur Folge „[…] que cette dénivellation marquait à la fois la volonté d’oubli et l’impossibilité de l’oubli“9. So sei auch ganz Frankreich wiederaufgebaut worden „[…] avec ce mètre de décalage que les gens feignaient d’ignorer mais qu’ils ne pouvaient pas ne pas remarquer“10. Für die erwachsene Ariane bedeutet dies, dass sie nicht mehr wie in ihrer Kindheit, als sie glaubte, beim Verlassen der Wohnung „[…] un autre pays“11 zu betreten, annimmt „[…] qu’il y avait deux mondes […]“12. Vielmehr ist sie zu der Erkenntnis gelangt, dass die Trennlinie nicht „[…] dans la réalité mais dans l’appréhension de la réalité […]“13 verläuft. Entscheidend sei vielmehr
[…] la question de vouloir ou de ne pas vouloir être en accord avec la réalité, et l’accord, contrairement à ce qu’Ariane avait toujours pensé, n’était pas du côté de ceux qui se taisaient mais du côté de ceux qui, comme elle, voulaient parler et parlaient. Le silence menait à la mort de Louis Mérian et la parole, elle ne savait pas au juste mais elle menait quelque part.14
Vor diesem Hintergrund werden die das Leben Arianes kennzeichnende Ruhelosigkeit, ihr Aufklärungsdrang und ihre Fähigkeit, im Leben Louis Mérians als „[…] l’instrument du souvenir […]“15 zu dienen, verständlich. So wie Ariadne – Ariane ist die französiche Form dieses griechischen Namens – es Theseus ermöglichte, nach dem Sieg über den Minotaurus mit Hilfe eines Wollfadens den Ausgang der labyrinthischen Kampfstätte zu finden, so gelingt es Ariane Desprats, mit ihren bohrenden Fragen Louis Mérian dazu zu bewegen, sich aus dem Gespinst seiner Selbsttäuschungen und Lebenslügen zu befreien. Immer und überall ist sie auf der Suche nach Klarheit. Dies ist auch der Grund für ihre starke Abneigung gegen „[…] les rues qui grimpaient […] vers les hauteurs de la ville […]“, wo sie sich als „[…] prisonnière de ces arcanes étroites et sombres“16 fühlt. Eine Anwandlung von Unentschiedenheit und Lähmung, die Arianes häufig auftretende Unfähigkeit, Straßenkreuzungen zu überqueren, verursacht, wird von der Erzählinstanz mit dem Unvermögen der Personen in Buñuels Film Der Würgeengel, nach einer nächtlichen Party das Haus der Gastgeber zu verlassen, verglichen.17 Völlig im Einklang mit ihrem Entdeckungsdrang steht hingegen ihre Begeisterung für einen im Garten der Maison de Balzac befindlichen Stadtplan, der das Paris des 19. Jahrhunderts darstellt und dazu einlädt, Balzacs unterschiedliche Adressen und die Abweichungen zwischen den damaligen und heutigen Straßennamen herauszufinden. Zu begeistern vermag sich Ariane nicht zuletzt für die Maison de Balzac selbst, die für sie „[…] l’unique havre de paix dans la succession de façades austères des années vingt ou trente […]“18 darstellt. Eine besondere Faszination geht von den auf drei Wänden in einem Zimmer des Hauses angebrachten genealogischen Tafeln mit den Namen aller Personen der Comédie humaine aus, die – […] emprisonnés dans le papier et les rayons des bibliothèques […] – auf diesem Wege „[…] le statut de personnes existantes […]“19 erlangen. Wenn die Wirkung der Maison de Balzac in ihrer Gesamtheit von der Erzählstimme als „[…] preuve matérielle du pouvoir de la littérature“ 20 eingeschätzt wird, so vermittelt damit implizit auch die Autorin Cécile Wajsbrot eine wichtige Botschaft: Die Literatur eröffnet ihr als einer Angehörigen der dritten Generation polnisch-jüdischer Einwanderer einen Raum der Erinnerung und damit eine eigene Art des Holocaust-Gedenkens. Dabei strebt sie keine reproduzierende Wiedergabe historischer Ereignisse an, vielmehr sieht sie in einer aus der Sicht der heutigen Zeit erfolgenden selbstständigen literarischen Reflexion über einen für ihre eigene Familie so verhängnisvollen Abschnitt der Geschichte die ihr gemäße Form der Erinnerungsarbeit.
3.1.3 Perspektivierende Zusammenfassung
Zu Beginn der Diegese ist es, wie bereits in B 3.1 festgestellt, evident, dass die beiden Protagonisten Louis Mérian und Ariane Desprats in unterschiedlichen Semiosphären leben. Die Begegnungen zwischen Louis Mérian und Ariane Desprats bewirken jedoch, dass die Unterschiede zwischen ihren „Sprachen“, im Lotman’schen Sinne verstanden als Unvereinbarkeit der Diskurse und der Wahrnehmung von Wirklichkeit,1 eingeebnet werden.
Durch die Begegnungen mit Ariane gelangt Louis Mérian zu der ihn befreienden Einsicht, dass er nach der Trennung von Sarah ein Leben der „Uneigentlichkeit“ geführt hat. Angesichts der äußeren Ähnlichkeit und der „inneren“ Verwandtschaft zwischen Sarah und Ariane ist es in sich schlüssig, dass Ariane Louis bereits bei ihrem ersten Gespräch aus seiner inneren Erstarrung zu befreien vermag. Die Erzählinstanz bringt dies zum Ausdruck, indem sie die heilenden Auswirkungen der Anwesenheit Arianes auf die Befindlichkeiten Louis’ beschreibt. Wiederum bedient sie sich dabei einer zeitlich-räumlich geprägten Bildersprache, durch die das Sarah und Ariane Verbindende zusätzlich unterstrichen wird. Mit einem Lächeln vermag Ariane Louis von der nachwirkenden Erinnerung an seine albtraumähnliche nächtliche Unruhe zu befreien:
Elle avait souri et c’était à ce moment-là que quelque chose s’était ouvert en lui, il avait tressailli, oh, pas à cause d’un charme auquel il aurait été sensible, non, c’était la poursuite de la nuit qui s’apaisait, la route brusquement interrompue qui reprenait, une image qui se dessinait enfin, qu’il allait ressaisir et qui s’évanouit dès qu’il tendit le bras pour lui servir du jus de fruit.2
Am Ende seines Läuterungsprozesses, der erfolgreichen Aufklärung seiner für ihn selbst unter dem Schleier des Vergessens lange Zeit verborgenen Vergangenheit, beschließt Louis Mérian, sich das Leben zu nehmen. Die Erzählstimme inszeniert die Vorbereitungen seines Suizids als eine Art Wiederbegegnung zwischen Louis und Sarah.3 Für Louis ist die Entscheidung zum Suizid die radikale Konsequenz aus seinem Wunsch, sich von der Last seiner Lebenslüge, seines „Verrats“ an den von Sarah vertretenen und gelebten Idealen zu befreien, um mit ihr, wie Hugo in Atlantique, zumindest im Tode vereint zu sein. Eine Wegemetapher fasst diese Verkettung prägnant zusammen, indem sie sein ganzes Leben als eine ihn zu Sarah zurückführende Suchbewegung darstellt: „[…] sa vie avait été un long chemin pour trouver Sarah, pour la perdre et puis la retrouver.“4 So ist Louis Mérian am Ende eines langen Lebensweges dank der Hilfe der als „instrument du souvenir“ wirkenden Ariane doch noch von einer „unbeweglichen“ zu einer „beweglichen“ Figur geworden.
3.2 Nation par Barbès1 – Räume und „Nicht-Räume“ als handlungsauslösende und Gedanken und Gefühle widerspiegelnde Elemente
Der Roman Nation par Barbès handelt von den Suchbewegungen der Protagonistinnen Léna und Aniela sowie der männlichen Hauptfigur Jason, die sich bzgl. ihrer Herkunft stark unterscheiden und deren Wege zur Erfüllung ihrer individuellen Wünsche und Sehnsüchte sich gleichwohl kreuzen.
Die Analyse folgt einem deduktiven methodischen Ansatz, insofern als bekannt vorausgesetzt wird, dass die Handlung mit dem Suizid Anielas und der von Léna vollzogenen Beendigung ihres Verhältnisses zu Jason ein tragisches Ende nimmt. Ebenso ist davon auszugehen, dass die räumliche und familiengeschichtliche Herkunft der drei Figuren (B 3.2.1), die Métro (B 3.2.2) und der Parc Monceau (B 3.2.3) jene Räume, „non-lieux“ und Orte bilden, die entweder den Gang der Handlung beeinflussen oder aber verschiedene Gedanken, Empfindungen und Eigenschaften der handelnden Figuren widerspiegeln. Aus diesem Grunde erscheint es sinnvoll, die Gliederung der Analyse an den drei genannten Räumen bzw. Orten zu orientieren, da so einerseits ihre auf die Handlung bezogene Wirkmächtigkeit, andererseits ihre Bedeutung für die Personenzeichnung am besten darzustellen sind.
3.2.1 Chronotopische Markierungen der familiengeschichtlichen Herkunft Lénas, Anielas und Jasons
Léna lebt mit ihrer Mutter in einer Wohnung in der Nähe des Parc Monceau.1 Ihr aus Spanien eingewanderter Vater ist früh verstorben und hat seine Frau und seine Tochter in einem „[…] face à face implacable […]“2 hinterlassen. Obwohl Léna sich kaum an ihren früh verstorbenen Vater erinnert,3 hat sie nicht vergessen, was dieser über seinen Vater berichtet hat. Er habe erzählt, dass in der Zeit des Bürgerkriegs das plötzliche Verschwinden eines Menschen immer ein Indiz für eine Sammelhinrichtung gewesen sei. Diese Erinnerungsbilder sind, wie die Erzählinstanz berichtet, für Léna ebenso Teil ihrer Kindheit gewesen wie „[…] une autre forme de guerre civile [qui] s’était déclarée, entre la voix de son père et la voix de sa mère, entre la génération de ses parents et la sienne, entre ce qu’elle percevait du monde et ce dont elle avait envie […]“.4
Die hier angedeuteten familiären Disharmonien, die Léna während ihrer Kindheit offensichtlich stark belastet haben, beeinträchtigen in veränderter Form und in einem gravierenden Maße auch das Verhältnis zwischen der Mutter und ihrer erwachsenen Tochter. Infolge eines – von der Erzählinstanz zeitlich nicht situierten – Unfalls ist die Mutter irreversibel gelähmt und von fremder Hilfe abhängig. Léna ist damit eine Aufgabe zugefallen, die neben ihrer sie offensichtlich nicht wirklich befriedigenden beruflichen Tätigkeit „son autre vie“ ausmacht,
[…] celle qu’elle avait en horreur, qu’elle repoussait de toutes ses forces mais qui revenait à chaque fois qu’elle ouvrait la porte et qui durait jusqu’au lendemain matin, jusqu’au moment où, après avoir pris le petit déjeuner en compagnie de sa mère, dans sa chambre, sur le bord de son lit, elle rouvrait la porte.5
Die von der kranken Mutter und ihrer Tochter Léna geteilte Wohnung beschreibt die Erzählstimme aus dem Blickwinkel Lénas als einen Ort quälender Spannungen und Auseinandersetzungen, den die Mutter gleichwohl wie eine „[…] forteresse imprenable […]“6 behaupte. Die Tochter, die bei den gemeinsamen Mahlzeiten mit der gierig ihr Essen verschlingenden Mutter den Blick angeekelt von ihr abwendet7 und – anders als die als Pflegekräfte engagierten Nachbarinnen und Krankenschwestern – für ihren Einsatz nicht nur keinerlei Dankbarkeit erfährt, sondern Vorwürfe und Tadel hinnehmen muss, verlässt das als Konfliktfeld erlebte Zimmer der Mutter jedes Mal als „Besiegte“.8 In ihrer Abhängigkeit empfindet sie sich als „[…] prisonnière de sa mère“9. Die Bedeutungsinhalte „Gefangenschaft“ bzw. „Gefängnis“ überträgt die Erzählinstanz in einem anderen Kontext indirekt auch von der Person Lénas auf ihre jetzige Wohnung, insofern Léna in einem Gespräch mit Jason mit großem Bedauern feststellt, dass sie in einer früheren Wohnung – manchmal sogar von ihrem Bett aus – den Mond habe betrachten können. Da der Mond für Léna zu einem „[…] signe lointain de son indépendance, mais d’une indépendance sous protection […]“10 geworden ist, das sich ihrem Blick nun gänzlich entzogen hat, weckt ihre an einer wiederum anderen Stelle der Diegese aus ihrer eigenen Perspektive als „sombre“11 beschriebene derzeitige Wohnung Assoziationen mit einer dumpfen, dunklen Gefängniszelle, sodass eine kontextübergreifende, als isotopisch zu qualifizierende Vorstellung des „Gefangenseins“ bzw. der „Unfreiheit“ entsteht. Zusätzlich gestützt wird diese Leitidee durch Lénas Erinnerung an jene „[…] appartements lumineux et spacieux […]“, die sie in ihren Kindertagen anlässlich seltener Einladungen als scharfen Kontrast zu ihrer eigenen Behausung kennen gelernt hat.12 Im Erwachsenenalter, auch und gerade in der Zeit ihrer Bekanntschaft mit Jason, hasst sie ihre Wohnung, die sie als „[…] les murs étroits d’une vie qu’elle n’avait pas choisie“13 betrachtet, also als äußeres Abbild eines durch Einschränkungen und Einengungen beeinträchtigten Lebens. Und wenn die Erzählstimme schließlich anmerkt „[…] qu’elle restait cloîtrée chez elle et qu’elle n’en sortait que pour prendre le métro et se rendre à son travail“14, so verbindet sie mit der Anspielung auf eine klösterliche Behausung sicherlich nicht die Vorzüge wohltuender kontemplativer Ruhe, sondern die Last monotoner, sich täglich wiederholender, frustrierender Pflichterfüllung.
Eine Wende in Lénas Zusammenleben mit ihrer Mutter scheint sich anzubahnen, als sie sich entschließt, sie über ihre Bekanntschaft mit Jason zu informieren. Als die Mutter auf Lénas Mitteilung „J’ai rencontré quelqu’un“15 weder verbal noch mit einer Änderung ihres Gesichtsausdrucks reagiert, deutet Léna die „immobilité“ der Mutter zunächst als
[…] un refus d’avancer dans la vie et dans l’âge […] une façon de s’arcbouter sur le passé dans une position immuable, une stagnation qui refusait le temps comme tout le monde autour refusait le temps, dans un pays où on avait l’impression que la piqûre au doigt de la Belle au bois dormant avait plongé le château dans le sommeil.16
Wenn Léna ihrer Mutter und Frankreich gleichermaßen unterstellt, sich in einem Zustand der Stagnation einzurichten, d.h. sich dem Voranschreiten der Zeit entgegen zu stemmen, so evoziert dies zugleich die Vorstellung, dass die Vergangenheit im Raum, d.h. im Falle der Mutter in der Beengtheit der mit der Tochter geteilten Wohnung, konserviert und gleichsam „eingesperrt“ wird. Raum und Zeit durchdringen sich gegenseitig. Frankreich hingegen ist, wie Léna meint, zu einem Land ohne jegliche Zukunftsvisionen geworden, da das Interesse der Politiker sich in der Erhaltung ihrer Macht erschöpft und jegliche Weiterentwicklung des Landes, einschließlich der Gestaltung des Raumes, unterbleibt. Aus welchem Grunde sowohl ihre Mutter als auch Frankreich in einen Dornröschenschlaf versunken sind, bleibt für Léna letztlich rätselhaft. Überrascht ist sie jedoch, als ihre Mutter mit einem scheinbaren Einverständnis, einer „[…] apparente acceptation […]“17, auf ihre Nachricht reagiert. Für Léna scheinen sich damit völlig neue Perspektiven zu eröffnen, die von der Erzählinstanz in einer dreigliedrigen Steigerung räumlicher Metaphern skizziert werden: „L’horizon était libre, la voie ouverte, et tant d’espace lui faisait peur, tout à coup, à elle qui avait l’habitude de marcher à pas comptés sur une bande de terre étroite.“18
Auf die spontan aufkommende Begeisterung folgen vage, böse Vorahnungen, die, wie die von der Mutter am Abend des nächsten Tages gestellten „[…] questions insidieuses […]“19 beweisen, keineswegs unbegründet sind.
Die Bulgarin Aniela unterscheidet sich zwar bzgl. ihrer Herkunft und Lebensweise recht deutlich von der gleichaltrigen Léna, ist ihr jedoch auch in mancherlei Hinsicht ähnlich. Da sie seit ihrer Kindheit den Wunsch hegte, nach Frankreich, „[…] vers un pays de rêve […]“20, aufzubrechen, war es für sie selbstverständlich, Französischlehrerin zu werden. Beim Erlernen der französischen Sprache, also auf dem Weg zu ihrem Berufsziel, überwand sie mühelos „[…] tous les obstacles […]“21. Sie lebte drei Jahre in einem spartanisch einfach eingerichteten Zimmer in einem Heim für Mädchen in der an der Donau gelegenen Großstadt Ruse,22 bevor sie sich bei einer Busreise nach Frankreich in Paris von ihrer Reisegruppe absetzt.
Obwohl Aniela – im Unterschied zu Léna – nicht in einer Großstadt, sondern in einem Dorf aufgewachsen ist, in dem ihre Eltern noch immer einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb bewirtschaften, litt sie in ihrer Kindheit und Jugend unter der das dortige Leben kennzeichnenden Stagnation und Isolation,23 mithin unter Zuständen, die unter anderen Voraussetzungen ebenfalls Léna belasten. Auch nach der Öffnung der Grenzen hält Aniela an ihrer Absicht fest, Bulgarien zu verlassen und nach Frankreich zu ziehen. Für sie ist Bulgarien „[…] un pays à l’abandon […]“24 bzw. „[…] un pays déshérité, un pays oublié de tous, oublié de Dieu […]“25 und Ruse eine Stadt „[…] d’une richesse passée […]“26. Die Erzählinstanz lässt Aniela in einem als Apostrophe an die politische Klasse formulierten Gedankenzitat ihre Verurteilung des alten Gesellschaftssystems und ihre Empfindungen in einer anklagenden Art und Weise zum Ausdruck bringen, die in ihrem Kern, dem Vorwurf der Freiheitsberaubung, an die – aus gänzlich anderen Umständen resultierenden – Befindlichkeiten Lénas erinnert:
Vous n’aviez pas le droit, avait-elle envie de crier, de nous emprisonner dans cette grisaille, cette noirceur déguisée en pompe, toutes les cérémonies, la glorification de l’héroïsme, y avez-vous vraiment cru ou n’était-ce que le masque de votre impuissance?27
In einem anderen Kontext erinnert die Erzählinstanz an eine Begegnung Anielas mit französischen Touristen, die ihr erklärten, dass sie nach Reisen auf die Balearen und nach Griechenland Bulgarien als Ziel ausgewählt hatten, da sie es als warmes Land mit langen Stränden und zudem günstigen Preisen zu schätzen wussten. Aniela, die sich in diesem Moment als „[…] prisonnière à l’intérieur de terres reléguées à l’extrémité d’un continent […]“28 fühlte, vermochte auf diese oberflächliche, die „Ungerechtigkeit des Schicksals“ ignorierende Einschätzung ihres Heimatlandes nur mit stillschweigendem inneren Protest zu reagieren.29 Ihre Abwendung von ihrer bulgarischen Heimat richtet sich daher keineswegs gegen ihr Land als solches, sondern gegen die dort – là-bas – 30 in der Vergangenheit lange vorherrschende und noch immer nachwirkende, von ihr als heuchlerisch und verlogen empfundene Ideologie.31 Ihre Begeisterung für Frankreich als ihr „pays de rêve“ bzw. eine „[…] terre mythique […]“32 wird indes auch nicht durch die ernüchternde Begegnung mit einigen mehr an ihren eigenen materiellen Vorteilen als an der inneren Verfasstheit Bulgariens interessierten französischen Touristen geschmälert. Genauso wenig vermag ihre Familie sie aufzuhalten, weil sie sich sowohl von ihrem Bruder als auch von ihren Eltern verraten fühlt. Dem Bruder wirft sie vor, noch vor ihr Bulgarien verlassen zu haben, um illegal in Italien zu arbeiten. Die Eltern kritisiert sie, weil sie den Bruder dabei finanziell unterstützt haben.33 Anders als ihr Bruder, der in Italien illegal als Mechaniker arbeitet, möchte sich Aniela nicht heimlich, sondern „[…] au grand jour […]“34 auf den Weg nach Frankreich machen.
Angezogen fühlt sie sich von diesem Land, das sich vor allem durch „[…] l’image d’une patrie des droits de l’homme […]“35 auszeichnet, daneben aber durch die von der Erzählinstanz anhand vieler Beispiele bewusst klischeehaft beschriebene Attraktivität der französischen Hauptstadt und Provinz, durch die Aniela zu der Überzeugung gelangt „[…] qu’en France […] tout était fait, accompli, chaque chose à sa place“36. Konsequenterweise repräsentiert für Aniela Paris noch vor Wien „[…] la véritable Europe […]“37, und die dort lebenden Menschen stilisiert Aniela zu stolzen, selbstbewussten, sorglos und beschützt lebenden Lichtgestalten eines freien Landes von Weltgeltung.38 Angesichts der Grobheit und Mediokrität der ihr in Ruse begegnenden Männer geht sie selbstverständlich davon aus, in Frankreich „[…] l’amoureux dont parlaient les chansons […] celui qui correspondait à ses rêves […]“39 zu finden. Gleichzeitig mischt die Erzählstimme in die enthusiastische Aufbruchstimmung Anielas jedoch proleptische Signale einer zutiefst pessimistischen Erwartung. Bei der Beaufsichtigung ihrer still arbeitenden Klasse erinnert sie sich an eine Strophe aus Lamartines Gedicht À Une Jeune Personne Qui Prédisait L’Avenir, die mit folgenden Versen endet:
Le destin n’a pour tous qu’une même réponse,
L’oubli, le silence et la mort!40
Und als sie, am Ufer der Donau stehend, sehnsuchtsvoll an die Seine und die herrschaftlichen Stadtvillen denkt, die als Zeugnisse einer glänzenden Vergangenheit die Ufer säumen, erinnert sie sich an die folgenden Verse aus Lamartines Gedicht L’Isolement:
Je parcours tous les points de l’immense étendue,
Et je dis: Nulle part le bonheur ne m’attend.41
Jason als die einzige männliche Hauptfigur der Diegese entstammt – im Unterschied zu Léna und Aniela – einer wohlhabenden Familie.42 Seine ursprüngliche Absicht, an der Sorbonne Geschichte zu studieren, hat er zugunsten eines Englischstudiums als Vorbereitung auf eine Dolmetschertätigkeit aufgegeben. Sein an mehreren Stellen der Diegese erwähntes Interesse an der Geschichte43 sieht er jedoch auch in einem Sprachenstudium berücksichtigt, da er – wie Wilhelm von Humboldt – Sprache offensichtlich nicht nur als Verständigungsmittel, sondern als ein erkenntnisförderndes, „Weltsicht“ vermittelndes Medium betrachtet: „[…] car il aimait passer d’une langue à une autre, d’un univers à un autre, comme il pouvait voir le passé à l’aune du présent ou le présent à l’aune du passé.“44 Mit seiner Begeisterung für Fremdsprachen und für Geschichte sowie seiner Entscheidung, sein Sprachenstudium in England zu intensivieren,45 ist Jason eher Aniela als Léna wesensverwandt. Während Aniela sich seit ihrer Jugend intensiv mit der französischen Sprache und Frankreich beschäftigt hat, war Léna weder an Fremdsprachen noch an einem Studium interessiert.46
Jason bewohnt als Student in Paris eine seinen Eltern gehörende „chambre de bonne“ mit einem daran angrenzenden, von den Eltern als Rumpelkammer genutzten weiteren Raum, den er der verzweifelt nach einer Schlafgelegenheit suchenden Aniela auf unbestimmte Zeit zur kostenlosen Nutzung anbietet.47 Zu den wenigen in den Text eingestreuten Angaben über die Beschaffenheit der Wohnung gehört die Beschreibung der spontanen Reaktion Lénas, als sie zum ersten Mal die Wohnung Jasons betritt:
[…] Léna eut un choc en découvrant la vue, le ciel restitué dont elle avait fini par oublier l’existence, à force de ne plus le voir, et c’était comme si l’immensité noire parsemée d’étoiles – mais où était la lune? – lui montrait la voie, lui disait l’horizon existe, il suffit de lever les yeux.48
In der Wohnung Jasons öffnet sich für Léna, der jeglicher Blick zum Himmel von ihrer eigenen Wohnung aus versperrt ist, im wörtlichen und übertragenen Sinn der verloren geglaubte Horizont. Gleichwohl setzt die Erzählinstanz mit der eingefügten Frage nach dem (nicht erkennbaren) Mond, der für Léna Freiheit und Unabhängigkeit bedeutet, ein das traurige Ende der Beziehung zwischen ihr und Jason vorausdeutendes Signal.
3.2.2 Die Métro – ein klassischer „non-lieu“ als „générateur de texte“1
Le quai du métro ressemblait à un vaste débarcadère où venaient échouer ceux qui avaient embarqué pour un plus long voyage et qui se voyaient obligés d’interrompre leur périple pour une raison qui leur échappait. Des flots de gens se déversaient des escaliers, des rames qui arrivaient, repartaient, avec une cargaison insuffisante pour qu’enfin le quai se vide.2
Das Ankommen und die Abfahrt von Zügen, das Ein- und Aussteigen der Passagiere, Massen von Menschen auf den Treppen und Bahnsteigen, kurzum: eine alltägliche Transit-Situation – mit diesem allgemein vertrauten Bild der Métro eröffnet die Erzählstimme den Roman Nation par Barbès, in dessen Titel zwei Métrostationen, als Zielort und als Knotenpunkt, einen für die Diegese wichtigen Streckenabschnitt markieren. Für den Anthropologen Marc Augé ist die Métro, wie z.B. auch Flughäfen, Supermärkte oder Autobahnen, ein „non-lieu“, ein Nicht-Ort, dem die entscheidenden Merkmale des Ortes fehlen: „Si un lieu peut se définir comme identitaire, relationnel et historique, un espace qui ne peut se définir ni comme identitaire, relationnel et historique définira un non-lieu.“3
Augé bezeichnet die Nicht-Orte als „[…] l’espace de la surmodernité […]“4, also der „Übermoderne“, „[…] einer Spätphase und Steigerungsstufe der Moderne, die durch eine Überfülle an Ereignissen, an Raum und an Sinn gekennzeichnet ist“5. Für das einzelne Individuum bedeutet dies jedoch, dass „[l’]espace du non-lieu ne crée ni identité singulière, ni relation, mais solitude et similitude“6. Den auf diese Weise abstrakt zum Ausdruck gebrachten Gegensatz zwischen den Nicht-Orten und den „anthropologischen“ Orten bringt Augé konkret auf den Punkt, indem er „[…] les réalités du transit […]“ und „[…] celles de la résidence ou de la demeure […]“7 gegenüberstellt. Der zutiefst persönlichen Beziehung der Bewohner zu einem „anthropologischen“ Ort entspricht ein quasi vertragliches Verhältnis der Nutzer zum Nicht-Ort, das – im Falle der Métro – durch den Kauf eines Fahrscheins in Kraft gesetzt wird.8
Obwohl die ersten Sätze von Nation par Barbès die Erwartung wecken, dass der Roman ein der Theorie Augés entsprechendes Bild der Métro vermitteln wird, trifft dies nur in einem eingeschränkten, noch genauer zu definierenden Maße zu. In gewisser Weise ist nämlich auch der Analyse Patricia Osters zuzustimmen, dass Cécile Wajsbrot die Métro nicht im Sinne Augés als einen „[…] transitorischen sozialen Raum […]“, sondern als einen „[…] Ort des Erlebens von Geschichten“ inszeniert.9 Die Métro wirkt zweifellos als „générateur de texte“, insofern sie nicht primär als ein Passagiere zu einem gewünschten Ziel beförderndes Transportmittel, sondern vielmehr als ein Menschen zusammenführender Ort dargestellt wird. Dies deutet sich bereits im ersten Kapitel an. Léna, die sich auf einem der wenigen zur Verfügung stehenden Sitzplätze niedergelassen hat und durch die unablässige Bewegung – […] le mouvement incessant […] – 10 des Zuges angeekelt wird, kann, von einer Menschentraube eingekreist, nichts mehr sehen und steht auf, da sie eine ganz bestimmte Erwartung hegt: „[…] elle se releva, scrutant la foule à la recherche du visage qu’elle espérait et qui ne venait pas.“11 Und kurze Zeit später erfährt man, dass die enttäuschte Léna sicher ist, dass Jason nicht mehr kommen wird.12 So wird Léna zwar zunächst als Teil einer anonymen Menschenmasse vorgestellt, dann aber aus ihr bewusst herausgehoben als eine Frau, die hoffnungsvoll auf eine nun auch namentlich genannte männliche Person wartet und offensichtlich davon ausgeht, dass ihr dies in der Métro, die somit bereits zu Beginn der Diegese als ein Beziehungen anbahnender „Ort“ präsentiert wird, gelingen mag.
Der Eindruck, dass Léna die Métro, nachdem sie Jason kennen gelernt hat, in veränderter Weise erlebt, wird im Verlauf der Erzählung durch die Schilderung der Annäherung zwischen den beiden konsequent verstärkt. Als sie bei ihrer zweiten Begegnung auf der abendlichen Heimfahrt nebeneinander sitzen, provoziert die Einfahrt des Zuges in einen Tunnel in Lénas Gedankenwelt die folgende Assoziation: „[…] et tandis que le métro pénétrait dans le tunnel, délaissant la lumière, Léna se demanda où allait sa vie.“13 Ihr Nachdenken über ihre eigene Zukunft scheint sich in der Finsternis des von der Métro durchquerten Tunnels zu verlieren. Léna wird sich jedoch auch eines grundlegenden Wandels ihrer täglichen Métro-Erfahrungen bewusst, den die Erzählstimme in einer die Ambivalenz ihrer Empfindungen ingeniös beschreibenden Art und Weise wiedergibt. In einem sich über dreiundzwanzig Zeilen erstreckenden, aber nur aus zwei hypotaktisch konstruierten syntaktischen Perioden bestehenden Passus werden die von Léna bei der Nutzung der Métro durchlittenen Schrecken und Ängste detailliert beschrieben. Exakt in der Mitte des Absatzes werden die durch die endlos langen, düsteren Gänge der Station Stalingrad evozierten Vorstellungen eines die Einwohner von Paris verschlingenden Ungeheuers erwähnt. Während sich in der verästelten Syntax die spinnenartige Vernetzung der unterirdischen Gänge widerspiegelt, evoziert der Name der Station, ähnlich wie Nation und Barbès, palimpsestähnliche historische Erinnerungen, in diesem Fall an eine der grausamsten Schlachten des zweiten Weltkriegs.14 Dass Léna ihre täglichen Métrofahrten gleichwohl in einer grundsätzlich anderen Stimmungslage absolviert, signalisiert die Erzählinstanz an drei markanten Stellen: Nachdem sie zu Beginn des Absatzes feststellt: „Désormais, le métro était habité […]“, erklärt sie am Ende der ersten syntaktischen Einheit: „[…] entre Monceau et Barbès, Léna entendait l’écho des paroles de Jason, revoyait son sourire.“ Die zweite Hälfte eröffnet sie mit einer nur durch das Adverb „Même“ am Satzanfang angedeuteten Veränderung jener bislang von den „[…] couloirs sans fin de la correspondance de Stalingrad“ ausgehenden Wirkungen, um erst in dem an das Ende der Periode platzierten Hauptsatz Lénas „neuen“ Blick auf die Métro zu erläutern: „[…] le trajet fastidieux s’estompait et la monotonie des allées souterraines rectilignes ou de leurs virages soudains qu’elle connaissait par cœur se trouvait illuminée de l’éclat de leurs retours ensemble.“15
Die Bekanntschaft mit Jason führt bei Léna indes keineswegs zu einer Einbuße an Sensibilität. Als nach dem gewaltsamen Tod eines Bediensteten der RATP (Régie autonome des transports parisiens) ein Schuldiger unter den Schwarzhändlern gesucht wird, ist Léna entsetzt, da sie es für absurd hält, dass diese als Täter in Frage kommen. Sie sieht in den Verdächtigungen vielmehr ein Zeichen der
[…] pollution […] des pensées qui s’exprimaient dans la rue, les cafés, les bureaux, et des pensées qui ne s’exprimaient pas mais qui suivaient leur cours comme un fleuve souterrain qui soudain voit le jour et ressort, à la surprise des géographes, comme les gens s’étonnent qu’advienne une dictature alors qu’il suffit d’écouter et de regarder […]16
Der als Gedankenbericht Lénas gestaltete Textabschnitt ist in seiner Bildhaftigkeit sehr stark durch die verborgene Welt der Métro beeinflusst. In ihrer Vorstellung sammelt sich das gewaltige Potential schädlicher Gedanken, die Menschen in ihrem Alltag austauschen, in einem unterirdischen Fluss, der, sofern man versäumt, „hinzuhören“ und „hinzuschauen“, unversehens ans Tageslicht hervortreten und verheerende Wirkungen zeitigen kann, die durch das wie ein Schreckbild wirkende Beispiel einer Diktatur konkret veranschaulicht werden.
Die Konsequenzen, die sich für Jason aus seiner Bekanntschaft mit Léna ergeben, werden ebenfalls durch Hinweise auf seine Einstellung zur Métro angedeutet. Wenn die Erzählstimme die Strecke über sieben Stationen zwischen Barbès und Monceau, die Léna und Jason gemeinsam zurücklegen, aus der Perspektive Jasons als „[…] chemin initiatique“17 bezeichnet, so mag man dieses Bild in erster Linie als angemessenen Ausdruck eines sich zwischen den beiden anbahnenden Verhältnisses verstehen. In ihrem Kontext bringen diese Worte jedoch zugleich Jasons wachsendes Verständnis für das auf ihn zunächst befremdlich wirkende Verhalten Lénas zum Ausdruck.
Angesichts der Unsicherheit, mit der Léna auf seine Avancen und sein Werben reagiert, übt sich Jason im Warten. Im Kontext der Diegese kann sein Warten auf die Métro nicht selten als eine Anspielung auf sein Warten auf Léna eingeschätzt werden, insbesondere dann, wenn auf die Konfrontation mit der Dunkelheit Zeichen des Lichts folgen:
Jason attendait le métro depuis un temps qui paraissait anormalement long […] Il regarda dans l’obscurité du tunnel, d’un côté, de l’autre, scrutant au-delà du visible dans l’espoir d’apercevoir la lumière rassurante des deux phares, d’entendre le grondement familier du moteur, mais rien ne venait.18
Der ehrgeizige Versuch Jasons, jenseits des Möglichen – au-delà du visible – das „beruhigende Licht“ der zwei Scheinwerfer zu erkennen, mag als Indiz dafür gelten, dass sich seine Hoffnungen nicht auf die Ankunft des Zuges beschränken, sondern in ungleich stärkerem Maße auf Lénas Kommen bezogen sind. Beachtung verdienen die „deux phares“ und das wie eine Bedrohung wirkende, durch das Epitheton „familier“ gleichwohl abgemilderte „grondement du moteur“ indes noch aus einem anderen Grund. Berücksichtigt man, dass die Erzählstimme an die oben zitierte Passage in indirekter und erlebter Rede eine Reflexion Jasons über die Motive für die sich oft in der Métro ereignenden Suizide anschließt und die „deux phares“ in der Suizidszene am Ende der Diegese mit den „deux yeux jaunes“19 eines zuvor mit einem Monster assoziierten Wesens20 verglichen werden, dann lassen sich die oben zitierten Zeilen, sofern sie in ihrem Kontext betrachtet werden, im Sinne eines „hermeneutischen Zirkelschlusses“ durchaus als ambivalenter Ausdruck der Hoffnung einerseits und eines proleptischen Hinweises auf nahendes Unglück andererseits lesen.
Über die Figur des historisch interessierten und gut informierten Jason vermittelt die Erzählinstanz Einblicke in die Geschichte der Métro, die nach einem ersten Leseeindruck nicht im Zusammenhang mit der Diegese zu stehen scheinen, aber sehr wohl auf sie bezogen sind. Erinnert wird, aus dem Blickwinkel Jasons, an die Entstehung der Métro, die nach den ursprünglichen Plänen des Staates an das bestehende Eisenbahnnetz angeschlossen werden sollte. Dies scheiterte jedoch am Widerstand der Stadt Paris, die unbedingt das Einströmen einer großen Masse von „banlieusards“ in das Stadtzentrum verhindern wollte und aus diesem Grunde darauf bestand, für die Métro einen anderen Gleisabstand zu wählen und ein separates unterirdisches Verkehrsnetz zu schaffen, das die über der Erde befindlichen Verbindungslinien nachahmte. Ähnliche Widerstände habe es noch einmal bei der Verbindung mit den neuen Linien des RER (Réseau express régional) in dem großen unterirdischen Bahnhof der Halles gegeben.21 Die wiederholten Anstrengungen der Stadt Paris, eine Abschottung vor unerwünschten Eindringlingen zu erreichen, wirken im Kontext der Diegese wie ein historisches Echo auf den bereits im ersten Kapitel zu findenden Hinweis, dass die Sitzplätze aus den Métrozügen entfernt worden seien „[…] pour éviter que les sans-abri, les SDF, les clochards, ceux qui changeaient de nom selon les époques mais pas de vie, ne puissent venir s’y endormir“22. Darüber hinaus verweisen sie auf das Schicksal Anielas, deren Bemühungen, in Paris eine neue Heimat zu finden, tragisch scheitern.
In einem Gespräch mit Léna erklärt Jason ein anderes Detail des Métrosystems. Ursprünglich habe man nach dem Vorbild der Londoner U-Bahn eine „[…] ligne circulaire […]“ bauen wollen, dann habe man sich aber für „[…] deux semi-circulaires“23 entschieden. Eine Übertragung dieser Struktur eines Wegenetzes auf das Verhältnis zwischen Jason und Léna ist zwar keineswegs zwingend, aber angesichts der engen Verquickung der Entstehung und Entwicklung ihrer Beziehung mit der Métro doch naheliegend: So wie sich „deux lignes semi-circulaires“ berühren und ergänzen, von ihrem Namen her jedoch einen Status der Selbstständigkeit suggerieren, so finden Jason und Léna zwar in einem „Komplementärverhältnis“ zueinander, ihre Beziehung reift dabei jedoch nicht zu jener Ganzheit und Vollkommenheit, die durch die Form eines Kreises dargestellt wird.
Als Aniela sich von ihrer Reisegruppe absetzt, steigen in ihr – zehn Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer – Erinnerungen an ihre – nicht allzu zahlreichen – Landsleute auf, die einst versucht haben, den Eisernen Vorhang zu überwinden.24 Mit dem Gefühl „[…] d’être la seule à être seule […]“25 sucht sie nach Orientierung, um dabei festzustellen, dass es ihr nicht gelingt „[…] la ville du dessus et celle du dessous […]“26 in einer einheitlichen Schau zu erfassen. Zwischen den „zwei Welten“ scheint es – trotz aller Treppen und Rolltreppen – keinen wirklichen Übergang, keine Vermittlung zu geben, sodass sich in ihr der zutiefst erschreckende, die „Grundlagen des Lebens“ – [le]fondement de la vie – in Frage stellende Eindruck verfestigt „[…] que les uns – à ciel ouvert – se promenaient, heureux de vivre tandis que les autres – dans les tunnels – étaient accablés, asservis“.27 Damit korrespondiert die Beobachtung, dass
[…] la ville entière signifiait ce mélange de terreur et d’attrait, avec ses quartiers riches et ses quartiers pauvres, avec ses règles secrètes indéchiffrables, une alternance de certitudes et d’inquiétudes, la beauté des monuments témoins du passé comme cet arc de triomphe qui l’avait fascinée, la pierre blanchie, et d’autres murs plus gris, couverts d’inscriptions jetées à la peinture comme des hiéroglyphes, signes d’une époque difficile à comprendre, la ville entière mais le métro en était la quintessence.28
Für Aniela ist die auf den ersten Blick wahrnehmbare Vielgestaltigkeit der Stadt Paris mit ihren Gegensätzen zwischen reichen und armen Stadtvierteln, den in hellem Stein ihre Schönheit zur Schau stellenden Zeugnissen der Vergangenheit auf der einen und den von unverständlichen Graffiti bedeckten Häuserwänden auf der anderen Seite ein Faszinosum. Das Wesentliche, „la substantifique moelle“ im Charakter der Stadt entdeckt sie jedoch in der Métro, jenem Ort, an dem sie, die aus der Heimat des Orpheus stammt, auf Jason trifft, dessen Name an den mythischen Helden erinnert, der – gemeinsam mit Orpheus – das Goldene Vlies von Kolchis nach Thessalien zurückgeholt hat.29 Die Métro erscheint ihr nach einem Blick auf den Streckenplan wie ein Spinnennetz, das sich unter der Stadt tentakelhaft in alle Richtungen ausbreitet. Die rhizomatische Struktur der Métro, die Verbindungsmöglichkeiten zwischen allen Stationen garantiert, relativiert daher die Bipolarität zwischen Arm und Reich, zwischen einer in imponierenden Denkmälern und Bauwerken idealisierten Vergangenheit und einer durch Obdachlose und Illegale personifizierten Gegenwart. Sie schafft auf diese Weise auch die notwendigen Voraussetzungen dafür, dass sich drei Menschen mit so unterschiedlichen Biographien wie Jason, Léna und Aniela begegnen können.
Die rhizomatisch-spinnennetzähnliche Struktur der Métro zeichnet sich jedoch auch auf dem tragischen Höhepunkt der Handlung ab. Im Moment des von Aniela in tiefster Verzweiflung gewählten Todes tritt an einem Ort permanenter Bewegung in sich überkreuzenden Richtungen ein Moment der Erstarrung ein, die nicht auf den begrenzten Bereich eines Bahnsteigs beschränkt bleibt, sondern sich auf das ganze „Netz“ ausbreitet: „La mort d’Aniela atteignait d’autres lieux que cette portion de rail où elle avait vu son corps recroquevillée, elle s’étendait à toute la ligne, à l’ensemble du réseau […].“30
Zuvor hat eine vor einer Métrostation stattfindende zufällige Begegnung zwischen Léna und Aniela jedoch eine gewisse emotionale Nähe zwischen den beiden Frauen herbeigeführt.31 Nachdem Aniela, allein gelassen und tief enttäuscht über die Indifferenz, die Jason nach der gemeinsam verbrachten „nuit de douceur“32 ihr gegenüber an den Tag gelegt hat, in der Métro von vier grün uniformierten Kontrolleuren nach ihrem Fahrausweis, ihren Papieren und ihrer Adresse gefragt worden ist, ergreift sie in ihrer Angst vor einer Festnahme die Flucht. Die von ihr zunächst als „la quintessence de la ville“33 geschätzte Métro empfindet sie inzwischen mit den Kontrollen, die, wie sie meint, einen Mangel an Vertrauen ausdrücken, als genauso unerträglich wie die Vorstellung, in ihre Heimat zurückzukehren. So hat sie einen Punkt erreicht, an dem sie „nichts mehr erträgt“34. Die Gründe für diese extreme Verletzlichkeit analysiert Léna sehr klar, nachdem Aniela ihr angekündigt hat, dass sie ihre Eltern anrufen werde, um deren Stimme zu hören. Auf die Ankündigung Anielas: „Je vais les appeler […] Chez nous, c’est déjà le soir“35 lässt die Erzählstimme das folgende auf Léna bezogene Gedankenzitat folgen:
Léna hocha la tête […] ces quelques mots, chez nous, lui avaient fait entrevoir à la fois la place d’Aniela dans une autre vie, son insertion dans un pays dont elle n’avait aucune image, aucune idée, mais qui existait autant que le sien, et son absence de place ici, le sens du mot déracinement, les faux-semblants du mot transplantation, la difficulté du départ […]36
Angesichts des Scheiterns all ihrer Bemühungen, sich in ihrer Wahlheimat Paris einzuwurzeln, assoziiert Aniela beim Herannahen des Zuges in ihrer tiefen Verzweiflung und Verlorenheit die von zwei Scheinwerfern beherrschte Vorderfront der herannahenden Lokomotive mit einem Gesicht mit zwei großen gelben Augen, und es scheint, als ob sie von ihnen wie von einer unwiderstehlichen Macht angezogen würde: „[…] elle les regardait, hypnotisée, ils étaient tout près, une force l’attirait vers eux, une poussée, un vertige.“37 Aniela überschreitet damit die Grenze zwischen Leben und Tod, nachdem sie ihre Heimat aufgegeben hat und in ihrem „Traumland“ nie wirklich „angekommen“ ist.
So präsentiert sich die Métro am Ende der Diegese als ein Ort, der Begegnungen herbeigeführt hat, zugleich aber zum Fokalisationspunkt der Anonymisierung und Indifferenz der Gesellschaft sowie zum Schauplatz eines tragischen Einzelschicksals und einer gescheiterten Beziehung geworden ist. So makaber es ist, bleibt festzustellen, dass die Métro damit letztendlich doch auch wieder zu einem Ort des Transits, zu einem „Nicht-Ort“ geworden ist.
3.2.3 Der Parc Monceau – ein heterotopisches Refugium in der „ville du dessus“
Der 1769 eröffnete Parc Monceau hat in dem langwierigen Prozess der Annäherung zwischen Jason und Léna, aber auch für die in Paris angekommene, nach Orientierung suchende Aniela eine bedeutende Funktion. Er stellt in der „ville du dessus“ eine Gegenwelt zu der mit einem „[…] antre mystérieux d’un monstre […]“1 verglichenen Métro der „ville du desssous“ dar. Mit seinen Nachbauten fremdländischer Architekturbeispiele, seiner „[…] nature artificielle […]“2 und seiner „[…] grille monumentale […]“3 hebt er sich deutlich von der ihn umgebenden städtischen Umwelt ab. Jason gelingt es erst nach mehreren Versuchen, Léna zu einem gemeinsamen Besuch des Parks zu bewegen,4 der von der Erzählstimme als „abgegrenzter, verbotener Bezirk“5 bezeichnet wird und somit eindeutig eine heterotopische Insel in der Pariser Stadtlandschaft bildet.
Léna betritt mit Jason einen Ort, den sie als Kind ausgiebig besucht und schließlich gehasst hat, da sie „[…] les limites étroites qui venaient se confondre avec l’ennui et les limites de sa vie […]“ ebenso wenig ertrug wie „[…] les ruines mensongères et les statues anonymes ou porteuses de noms oubliés […]“ bzw. „[…] les petites filles sages en jupe plissée et les garçons en culotte courte signe d’une appartenance sociale qui l’avait toujours blessée parce qu’elle en était exclue […]“.6 Wie bereits in der Métro erlebt sie jedoch auch im Parc Monceau, dass sich ihr Blick auf die Welt im Beisein Jasons verändert, also ein ihr aufgrund seiner räumlichen Enge und seines Mangels an Authentizität verhasster und darum lange Zeit gemiedener Ort zu einem begehrten Refugium werden kann: „[…] toute cette vision, tandis qu’elle marchait avec Jason, s’était évanouie pour faire place à un sentiment de bonheur et de reconnaissance envers la vie qu’elle voyait comme une récompense pour avoir supporté les longues années d’obscurité.“7
Jason ist sich seines Einflusses auf die ihm rätselhaft und verschlossen erscheinende Léna bewusst und sieht sich daher in der Rolle des Orpheus, wobei er allerdings beansprucht, sich auf der Suche nach Eurydike-Léna umwenden zu dürfen.8 Als er, von erotischen Wünschen erfüllt, mit Léna „[…] dans la partie la plus sauvage du parc Monceau […]“ vordringt, wird er, stark verunsichert, von zwiespältigen Gefühlen heimgesucht:
[…] tout semblait aventure, et ces allées étroites auraient pu mener jusqu’au cœur de la jungle tant Jason se sentait en pays inconnu, dans une contrée où chaque pas était une découverte, mais une découverte à deux voies, l’une allant vers le bonheur, l’autre vers le malheur. À cet instant, par exemple, il aurait été incapable de dire à quoi elle pouvait penser, sur laquelle des deux voies elle cheminait, tant son visage était impénétrable, lointain.9
Das dschungelhaft-unzugängliche Ambiente des Parc Monceau wird als eine Spiegelung jenes undurchdringlichen Gesichtsausdrucks Lénas beschrieben, den Jason nicht zu deuten weiß. So wähnt er sich bei seinem Versuch, Léna zu verstehen und so zur Erkenntnis über die weitere Richtung seines Lebensweges zu gelangen, auf einer abenteuerlichen Entdeckungsreise, die, wie er zu ahnen scheint, ihn alternativ ins Glück oder Unglück führt. Leichte Anklänge an die Geschichte vom Baum der Erkenntnis im Buch Genesis (Kapitel 2 und 3) sind nicht zu überhören und werden noch deutlicher wahrnehmbar, wenn man auch Anielas Reaktionen auf den Parc Monceau berücksichtigt. Nachdem sie mit Jason durch den Park flaniert ist und seine Einladung in ein Café angenommen hat, stellt sie sich selbst in einer teilweise als „discours indirect libre“ wiedergegebenen Reflexion die Frage, ob sie sich „au paradis“ befinde.10 Und aus einem anderen Kontext wird ersichtlich, dass der Parc Monceau für sie durch ihre „[…] promenade avec Jason dans les allées de sable […]“ schließlich „[…] un lieu particulier, le symbole du ressourcement, un endroit bienfaisant […]“11 geworden ist. Schließlich ist sie auch davon überzeugt, dass Jason ihr mehr als nur materielle Hilfe bieten möchte, d.h. ein erotisches Interesse an ihr haben könnte.12 Sowohl für die Beziehung zwischen Jason und Léna als auch für das Verhältnis zwischen Jason und Aniela wird der Parc Monceau somit zu einem Ort, der erotische Wünsche verstärkt, Zukunftshoffnungen weckt und zugleich Entscheidungen reifen lässt. In welchem Maße die Erzählstimme zudem die „grilles“ des Parc Monceau, also die den heterotopischen Charakter des Ortes unterstreichende Abgrenzung von der ihn umgebenden Stadt, symbolisch instrumentalisiert, illustriert die folgende Szene: Als Jason aus den Ferien zurückkehrt, Léna wiedersieht und beide in inniger Umarmung den Eindruck haben, dass die Welt sich für sie „vollendet“ habe, befinden sie sich bezeichnenderweise nicht im Parc Monceau, sondern in der Nähe der eisernen Gitterstäbe.13 Einer spontanen Eingebung folgend, lädt Léna just in dieser Situation Jason in ihre Wohnung – […] l’appartement sombre […] – 14 ein, um diese Entscheidung, kaum dass sie geäußert war, auch schon zu bedauern.15
Die symbolische Bedeutung der Gitterstäbe ist übrigens auch bereits in einem früheren Kontext hervorgetreten. Als Jason Léna – auf ihre Frage hin – nach einer gemeinsamen Métrofahrt über seinen familiären Hintergrund unterrichtet, wird ihr bewusst, dass sie und Jason durch eine hohe soziale Schranke voneinander getrennt sind. Die Erzählstimme veranschaulicht dies durch eine Anspielung auf die den Parc Monceau einfassenden schwarz leuchtenden Gitterstäbe mit ihren vergoldeten, aber Risse verursachenden Spitzen16 und erinnert damit an die abschreckende Wirkung, die der Park in seiner exklusiven und exkludierenden Wirkung als heterotopische Insel auf die junge Léna ausgeübt hat, um sie sodann lakonisch feststellen zu lassen: „Nous ne sommes pas du même monde […]“.17
Die Erzählstimme weist mit der Abfolge der Handlungsorte und dem Hinweis auf die innere Unsicherheit Lénas auf die Fragilität ihres Glücks hin. Ihr Weg führt nicht mehr auf eine von der lähmenden Frustration ihres alltäglichen Lebens abgetrennte Insel, sondern zurück in die höhlenhafte Dunkelheit einer Wohnung, in der nur noch „[…] quelques vestiges de sa vie indépendante […]“18 zurückgeblieben sind.
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