Kitabı oku: «1919»
Zum Buch
1919. Deutschland unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Aufstände. Räterepubliken. Freikorpskämpfe. Versailler Vertrag. Politischer Mord, Revanche und Nazismus: Hätte Geschichte anders verlaufen können?
Soldaten, Rückkehrer, Revolutionäre, Minister, Freikorpskämpfer, Gymnasiasten, Matrosen, Monarchisten, Vertriebene, Verliebte, Vagabunden, eine Zeitungsverkäuferin: In ihren Geschichten präsentieren sich die tausendfachen Probleme einer Zeit, die von den Explosionen des Krieges erschüttert und von der katastrophalen Niederlage geprägt ist, von Hunger, Massenelend und Kriegsgewinnlern, von fanatischem Nationalismus und sozialrevolutionären Ideen, von militärischer Gewalt und Fantasien freier Liebe.
In 1919 fließen Hunderte von Splittern, Szenen und Handlungsverläufen aus zeitgenössischen Romanen, Berichten und Aufsätzen zusammen. Ein Erzählstrom in 128 Kapiteln, der aus den Ideen und Kämpfen der Zeit schöpft, aus trivialen, völkischen, utopischen, dadaistischen, reaktionären, politischen, literarischen und fotografischen Quellen. Ein Spiel mit historischen Möglichkeiten und literarischen Figuren, imaginierten Geschichten und realen Ereignissen, kollektivem Wahn und individuellen Wirklichkeiten. Eine Fiktion, die extreme Positionen vorführt und die Widersprüche der Weimarer Republik zuspitzt, die von Kaiser Wilhelms Glück und Ende erzählt, von der Bruderschaft der Vagabunden und dem Untergang einer Flotte, von den Träumen der Kunst und der Rückkehr deutscher U-Boote.
Ein kühnes, überraschendes, ungeheuerliches Werk wider Geschichtsvergessenheit, Fatalismus und blinden Gehorsam. Ein wegweisendes Buch über ein Weltende, das eine Zukunft war.
Über den Autor
Herbert Kapfer, 1954 in Ingolstadt geboren, ist Autor und Publizist. Von 1996 bis 2017 leitete er die Abteilung Hörspiel und Medienkunst im BR. 2017 erschienen die Bücher „Verborgene Chronik 1915–1918“ (mit Lisbeth Exner) und die Essaysammlung „sounds like hörspiel“.
Herbert Kapfer
1919
Fiktion
Verlag Antje Kunstmann
Fiktion
aus zerschnittenen und zusammengesetzten Texten jener Zeit
von Stephan Berghoff, Karl Matthias Buschbecker, Theophil Christen,
Hermann Cordes, Joseph Delmont, Frateco, Gregor Gog,
Oskar Maria Graf, Agnes Harder, Georg Hermann,
Rudolf Herzog, Sophie Hoechstetter, Max Hoelz,
Richard Huelsenbeck, Nathanael Jünger, Arthur Kahane,
Emil Ludwig, Erich Mühsam, Gustav Noske,
Ludwig von Reuter, Hans Roselieb,
Ernst von Salomon, Werner Scheff,
Eduard Stadtler, Ernst Toller
mit einer Schwundversion des nie aufgeführten Lustspiels
10 Tage Rätefinanzminister
von Karl Polenske
einem Privattelegramm und Skandalberichten zum Stummfilm
Kaiser Wilhelms Glück und Ende
von Willy Achsel, Ferdinand Bonn und Alfred Funke
Aufnahmen von C. W. Burrows, O. Gramkow,
Adam Hofmann, Theodor Jürgensen, Hans Mehlert
und der unbekannten Fotografin
Kommentaren von Hugo Ball für Die Freie Zeitung
Abfertigungen aus dem Kleinen Briefkasten
in Franz Pfemferts Wochenschrift Die Aktion
Glossen aus dem Panoptikum des Bücherwurms
und einigen Zeilen von Heiner Müller aus späterer Zeit
I.
So sei hier eine Geschichte aus dem Jahre 1897 so wiedergegeben
wie sie damals von einem Zeugen aufgezeichnet worden ist. Dies ist der Originalbericht:
»Zu der seinerzeitigen Meldung, daß Kaiser Wilhelm II. auf einer Nordlandsfahrt eine Verletzung des Auges erlitt, und der späteren Meldung, daß Leutnant von Hahnke, als er, auf dem Zweirade an Bord spazieren fahrend, in das Meer gefallen war, nachstehende Details.
Kaiser Wilhelm hatte den Leutnant von Hahnke radfahren gesehen. Als der Kaiser den Offizier, der vom Rade sprang und sofort grüßte, bemerkte, rief er ihm zu: ›Melden Sie sich sofort beim Kommandanten zum Hausarrest.‹ Darauf entfernte sich der Kaiser, auf die Kommandobrücke zuschreitend. Leutnant von Hahnke schritt hinter dem Kaiser, um dem Befehl nachzukommen und sich beim Kommandanten zu melden. Der Kaiser, welcher bemerkte, daß der Offizier hinter ihm schritt, kehrte sich um und rief: ›Warum gehen Sie hinter mir? Sie sind unwürdig, dahin zu treten, wo mein Fuß schreitet.‹ Der Leutnant wurde durch diese Worte ungemein erregt: das Blut schoß ihm in die Wangen, und er rief: ›Eure Majestät, mein Adel ist so alt wie der Ihre, und ich muß mich nicht von Eurer Majestät beleidigen lassen.‹ – Kaiser Wilhelm, der bereits einige Stufen zur Kommandobrücke emporgestiegen war, schrie ihn laut an: ›Unwürdiger Bengel, ich reiße dir die Epauletten herab und lasse deinen Degen zerbrechen.‹ – Kaum hatte Kaiser Wilhelm diese Worte Hahnke zugedonnert, konnte letzterer seiner Erregung nicht mehr Herr werden und rief: ›Was, ich bin ein unwürdiger Bengel?‹ Er sprang auf den Kaiser zu, stürzte sich auf ihn, erfaßte ihn mit einer Hand beim Genick und versetzte ihm mit der zweiten Hand einen Schlag ins Gesicht, direkt in das Auge, so daß das Blut sofort hervorstürzte. Der aufs höchste erregte Offizier wurde bald darauf durch herbeistürmende Seeleute vom Kaiser getrennt und abgeführt. Der Kaiser forderte hierauf den Schiffskommandanten auf, sofort ein Militärgericht einzuberufen, aber dem Kommandanten gelang es, die Angelegenheit in die Länge zu ziehen. In der Nacht öffnete sich plötzlich die Kabine, in welcher Leutnant von Hahnke inhaftiert war, und von diesem Augenblicke – verschwand von Hahnke überhaupt. Man glaubte auf dem Schiff, daß von Hahnke Gelegenheit gegeben worden war, durch .. Selbstmord dem Militärgericht zuvorzukommen, welches gewiß auf Todesstrafe erkannt hätte und welches nicht hätte verschwiegen werden können. Allen an Bord Befindlichen ist strengste Geheimhaltung dieses Vorfalls anbefohlen worden …«

1897. Der Bericht sagt nichts darüber, ob Wilhelm II. sich für seinen Sieg über von Hahnke einen Extraorden verliehen hat.
II.
Gott als Verfasser
Bekanntlich gilt der liebe Gott als der persönliche Autor des Alten Testaments. Diese Hypothese kann vor der Textkritik wohl kaum standhalten. Es ist, zu seiner Allweisheit, Allgegenwart und Allgüte auch Alltalent vorausgesetzt, unmöglich, daß der liebe Gott so ungleichmäßig arbeitet und solche Verschiedenheiten der Handschrift, ja solche Niveauschwankungen der Begabung aufweist. Es ist unmöglich, daß ein und derselbe Autor zugleich der Frauenkenner, der Eva und Delila decouvriert, und der Nichtsalsjurist sein soll, der Levitikus und Deuteronomium formuliert hat.
Der liebe Gott gilt aber nicht bloß als der anonyme Verfasser, sondern ist auch der eigentliche Held des Alten Testaments. So daß dieses Buch sozusagen als Autobiographie, als Selbstbekenntnis und Selbstdarstellung anzusehen ist; als Ich-Roman in der dritten Person geschrieben. Tatsächlich geht die Figur durch, spielt die größte Rolle und verschwindet nie vom Schauplatz. Trotzdem ist es eigentlich kein aktiver Held, sondern mehr ein zuschauender, beobachtender, der immer über der Situation steht, es vorzieht, unsichtbar zu bleiben und der nur ab und zu von oben her in die Handlung einzugreifen scheint. Es geht ihm wie jedem Autor, er hat die Welt verfaßt, aber dann hat sie sich selbständig gemacht, wie das Werk jedes Dichters, und lebt auf eigenen Füßen weiter: der Autor sieht kopfschüttelnd zu, versteht sein eigenes Werk nicht mehr und nur, wenn’s ihm gar zu bunt wird, erinnert er sich, daß er ja nicht bloß der Verfasser, sondern auch die Hauptperson ist und greift mit einem heiligen Donnerwetter über Sodom und Gomorrha mit einer Sintflut oder einem Weltkrieg ein.
Einwandfreies, ausgesuchtes Menschenmaterial
Im August 1916 kreuzte Kapitänleutnant Mader mit seinem U-Boot im Mittelländischen Meere. U. 10 war kein Kampfboot, sondern eine schwimmende Werkstätte.
Am 9. August, morgens gegen 5 Uhr, bei unsichtigem, diesigem Wetter schlüpfte U. 10 unter dem Minenkranz des Golfs von Genua durch, wo an der riffigen Küste zwischen Spotorno und Bergeggi, in der Tiefe von zehn Metern ein flacher Felsen lag, an dem vor einiger Zeit durch die zwei geschicktesten Taucher der U-Bootflottille, Schröder und Maxstadt, eine Verankerungsvorrichtung für U-Boote nach monatelanger schwerer Arbeit fertiggestellt worden war. Die Boote wurden dort festgemacht und repariert, soweit dies unter den gegebenen Umständen möglich war. Kapitänleutnant Mader stand am Steuer und sichtete mit dem Unterwasserperiskop, dem ein Scheinwerfer den Weg auf fünfzig Meter vorleuchtete. Der Ankerfelsen kam in Sicht und sachte legte sich U. 10 auf dem glatten Felsen fest. Die Maschine stoppte. Die Mannschaften machten sich an ihr Frühstück und verteilten sich rings auf ihren Plätzen. Mader stellte Periskop und Steuer fest, gab dem jungen Leutnant Gerber einige Befehle, als er plötzlich stockte und taumelte. Auch einige Matrosen rollten nach achtern aus. Mader sprang zum Steuerapparat. Im gleichen Augenblick legte sich U. 10 ganz backbord und ging kielhoch, so daß alle losen Gegenstände herumkollerten, dann trieb das Boot ab. Es hatte sich von seiner Verankerung losgerissen.

Plötzlich wurde das Boot hin und her geschleudert. Wer sich nicht festzuhalten vermochte, schlug der Länge nach hin. Alle glaubten, eine Mine wäre an das U-Boot herangetrieben und explodiert. Mader hielt sich am Steuerapparat fest. Der Scheinwerfer warf trotz Umschaltens kein Licht. »Kurzschluß oder kaputt« schrie der den Apparat bedienende Maschinist. Die Magnetnadel drehte sich im Kreise. Mader blickte auf seine Uhr. Sie stand still. Der Zeitmesser über dem Pumpgehäuse ging auch nicht mehr. Leutnant Gerber zog seine Uhr, – sie war ebenfalls stehengeblieben. »Seebeben«, sagte kurz Kapitänleutnant Mader und gab Befehl, die Maschinen anzulassen. Der Tiefenmesser zeigte 18 Meter. Das Boot trieb an, schwankte aber immer noch ein wenig. Die Magnetnadel im Kompaß begann sich wieder wie rasend im Kreise zu drehen. An ein Dirigieren des Bootes war nicht zu denken. Plötzlich spürte man, wie das Boot steuerbord an dem Felsen entlangstrich. Es gab ein klirrendes Geräusch, das bald wieder verstummte. Mader gab Befehl, die Wasserventile zu öffnen. Langsam hob sich das Boot. Aufmerksam beobachtete der Kapitänleutnant den Periskopspiegel. Alles schwarz. Die Tiefenmesser zeigten nur mehr zwei Meter Tiefe an. Langsam hob sich das Boot weiter. Nach kurzem Schwanken lag es still.
Hätte die Insel- oder Landwache das Boot entdeckt, so würde man schon zu feuern begonnen haben. Auch das Radio-Horchperiskop gibt nur ein plätscherndes leises Wellengeräusch wieder. Als nach weiteren fünf Minuten alles ruhig bleibt, gibt Mader den Befehl, die Einsteigluke zu öffnen. Die dazu kommandierten Matrosen klettern in den Tubus. Leise und langsam öffnet sich der Deckel des Turmes. »Die Welt ist untergegangen. Alles ist schwarz und eiskalt!« Schreckensbleich kommen die beiden Leute die Steigleiter herunter. Mader klettert selbst nach oben. Es ist stockdunkel. Das Decklicht brennt, doch durchdringt es nicht die Finsternis. »Den kleinen Handscheinwerfer herauf!«
Neben Mader steht ein Matrose mit dem kleinen Handscheinwerfer. Der Lichtkegel fällt über den schwarzen Wasserspiegel und beleuchtet weit hinten feuchte, glitzernde Felswände. Mader dirigiert den Lichtkegel nach oben. Auch dort, vielleicht in vierzig Meter Höhe funkelt eine große Felsenkuppe. Sie waren durch einen Unterwasserkanal in eine Riesenfelsenhöhle getrieben.
Der grelle große Lichtkegel zeigte die Riesenausdehnungen des Höhlensees. Weit über fünfhundert Meter zog er sich der Länge nach hin, während die Breite mindestens dreihundert Meter maß. Die Tieflotung ergab fünfzig Meter und darüber. Mader, gefolgt von zwei Leuten mit Stricken, Werkzeugen und Taschenlampen, sprang auf ein Felsplateau, eine Fläche von dreißig bis fünfunddreißig Meter Breite. Seitlich davon drang Mader mit seinen Leuten in einen riesigen Dom ein. Mächtige Tropfsteingebilde hingen von der Decke herab oder standen am Boden. Stalaktiten- und Stalagmitengebilde bizarrster Form. Säulen, hunderttausende von Jahren alt. Alabasterweiß. Kleine Stalagmiten kauerten wie Gnome und tückische Zwerge am Boden. Und jetzt, o Wunder! Ein klarer, zwei Meter breiter Bach stürzt über eine Silberwand in einen kleinen See hinab. Blinde Molche, rosig gefärbt, schwimmen träge in dem eisig kalten Wasser.
Die Mannschaften harren am Plateau und betrachten forschend ihren Kommandanten. »Wir sind durch ein Elementarereignis in ein vielleicht zwei bis drei Jahrhunderttausende altes Wunder der Mutter Natur geraten. Die Strömung hat uns hier hineingetrieben. Wir müssen jetzt versuchen, zurückzufinden!«
Aller Augen haften an Maders Mund. Von den Wänden des Domes hallen die letzten Worte lauter wider, als sie gesprochen wurden. Auch das mutigste Herz schlägt schneller.
»Können wir auf dem Unterseewege unseren Ausweg nicht finden, so müssen wir versuchen, durch den Berg hindurch zu kommen. Wenn uns diese Wege verschlossen sind, – dann müssen wir uns in das Schicksal ergeben. Noch ist es nicht so weit. Verpflegung ist für sechs Wochen und noch länger vorhanden, wenn wir die Vorräte einteilen. Betriebsstoff für Licht haben wir genug, um auf Wochen die Akkumulatorenbatterien zu laden. – Und jetzt, alle Mann an Bord!«
Langsam schiebt sich U. 10 durch die nachtdunklen Wassermassen. Mader ruft Ulitz mit überlauter Stimme plötzlich ein Kommando zu. Steuerbord! Back! Back! Schrill gehen die Klingelsignale. Ein Knirschen und Reiben wird von Backbord außen hörbar. Der Scheinwerferkegel ist länger geworden, das Wasser durchsichtiger. Das Licht kommt von oben. Das ist der Tag.
Im Marineministerium wurde hinter verschlossenen Türen verhandelt. Endlich hatte Mader es durchgesetzt, selbst gehört zu werden. Mader stand vor dem Marineminister und Obersten Chef der Flotte. Der Plan des Kapitänleutnants war gigantisch. Ein Konteradmiral mit einem großen technischen Stab begleitete U. 10 und U. 79 zum Golf von Genua.
Der Konteradmiral kam aus dem Staunen nicht heraus. Mader hatte eine Lichtleitung in dem großen Dom und den anschließenden Räumen legen lassen. Die Kabel wurden an die Dynamos im U. 10 angeschlossen. Neun große Höhlen lagen in einer halbkreis förmigen Strecke von zwölf Kilometern Länge. Auf dem Plateau hatte Mader eine kleine Reparaturwerkstätte eingerichtet. Die Höhlen hatten Namen oder Zahlen erhalten. In Nummer 4 fiel ein großer Wasserfall zwanzig Meter in die Tiefe. Durch die Höhlen 5, 6 und 7 ging ein reißender Bach von sieben bis zehn Meter Breite. Trinkbares, eisiges, keimfreies Quellwasser. In Höhle 8 gab es drei heiße Springquellen, die dicke, heiße Wasserstrahlen bis zu neun Metern hochschleuderten.
Im Dom 1, der Madersee genannt, waren weit über zwanzig Exzellobogenlampen an der Decke angebracht. Das Licht spiegelte sich im Madersee und beleuchtete zehn U-Boote, die teils zur Reparatur, teils zur Aufnahme von Munition und Ladung eingefahren waren. In Dom 2 hatte sich wenig verändert. Die wunderbaren Tropfsteingebilde sollten erhalten bleiben. Dom 3 hatte sich in eine große Maschinenhalle verwandelt. Drehbänke, Fräsmaschinen, Schneide-, Bolzen-, Nieten- und Stiftenmaschinen standen in regelmäßigen Reihen. Dom 4 war auch eine Schlosser- und Schmiedewerkstatt. Holzbearbeitungsmaschinen, wie Gatter-, Kreis- und Bandsägen, Fräs-, Hobel- und Falzmaschinen standen in Dom 5, während am großen Wasserfall die Turbinenanlage angebracht war, die sämtlichen Maschinen in der Felsenhöhlenstadt als Antriebskraft diente. Dom 6 war in zwei Teile geteilt. Hier waren die Speisesäle und der allgemeine Aufenthaltsraum errichtet. Eine Abteilung diente als Magazin und Lagerraum. Abteil 2 enthielt die große elektrische Küche. Nummer 7 umfaßte die Schlafräume für Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften. Im Mannschaftsschlafraum standen Holzbetten in Reih und Glied. Die Riesenhalle besaß im Mannschaftslogis zwei Reihen zu 45 Doppelbetten, wie in den Schiffskabinen, also Raum für 180 Mann. Außerdem waren 100 Hängematten an den Felswänden entlang aufgespannt. Dom 8 diente als Badeanstalt mit Wannen-, Schwimm-, sowie Dampf- und Heißluftbädern. Im rückwärtigen Teile war ein Lazarett mit zwanzig Betten hergerichtet worden. Die letzte und allergrößte Höhle, die ungefähr 650 Meter lang und gegen 400 Meter breit war, diente als Sportplatz. Für Fußballspiele waren zwei regelrechte Tore vorhanden.
Die einlaufenden U-Boote brachten von den versenkten Schiffen alle möglichen Dinge mit. Die Mannschaften arbeiteten täglich zehn Stunden. Zweimal wöchentlich konzertierte eine Kapelle, die sich aus zwölf Mann der Besatzung gebildet hatte. Ein Maurerklavier, oder, wie der schnoddrige Berliner Koch, der Stübbecke, sagte, eine Quetschkommode, gab den zwei Gigerln der Besatzung, Lehmann I und Hansen, Gelegenheit, ihre neuesten Schieber zu tanzen. Der Schrittenbacher Max, ein Feinmechaniker ersten Ranges aus Feldafing in Bayern, hatte einen Gesangverein gegründet und in Stimmung gebracht. Dieser Max plattelte, wenn Stübbecke ihm den Heitauer Doppelschlag auf der Ziehharmonika vorspielte.
Mader stand nackt in seiner Badekoje und ließ die kalte Dusche über seinen Kopf brausen. In der Nebenkoje plätscherte Ulitz. »Möchte gerne einmal wissen, wie die liebe Sonne aussieht. Wir werden noch eine Haut über die Pupille bekommen, – wie die Molche.« Mader mußte über den ewigen Brummhumor des kleinen Ulitz lachen. Er wurde aber gleich wieder nachdenklich. Draußen ging das blutige Ringen weiter. Die Menschen zerfleischten sich, und ein Ende war nicht abzusehen. Wie schwierig war es doch gewesen, hier tief unter der Erde all dies erstehen zu lassen. Die Kunst der Marineingenieure hatte hier ein Wunderwerk vollendet. Wie schwer war das Finden der richtigen Leute gewesen. Jeder Einzelne mußte ein Vollkommener in seinem Fache sein. Die Leute hatten sich für die Zeit des Krieges zu verpflichten. Es wurde keinem gesagt, wohin es ging. Jeder erfuhr nur, daß er nach einer Werkstätte käme, die versteckt im Lande des Feindes läge, und daß es keinen Urlaub gäbe. Jedem Manne wurde zwei Tage Bedenkzeit gelassen. Erklärte er sich dann einverstanden, so wurden ihm zwei Wochen Urlaub bewilligt und strengste Verschwiegenheit aufgetragen. Da nur ganz einwandfreies, ausgesuchtes Menschenmaterial in Frage kam, so war ein Verrat kaum zu erwarten. Den Angehörigen ward eine Adresse im Marineministerium aufgegeben. Dorthin mußte alle Post gesendet werden, und von dieser Stelle ging sie erst wieder auf Umwegen zur Stadt unter dem Meere.
In der ganzen Welt wurde von einer geheimen U-Boot-Basis im Mittelmeer gesprochen. Ganze Geschwader der Gegner suchten die Küsten immer und immer wieder ab. Nichts! Nichts! Niemand in Italien hatte eine Ahnung, daß sich im eigenen Lande eine unterirdische deutsche Werkstätte befinde, die Granaten und Torpedos herstellte. Kein Mensch vermutete, daß ein kleiner Typ feindlicher U-Boote sich unter heimischer Erde im Bau befand und daß eine kleine Schar von Menschen in treuester Pflichterfüllung seit Jahren nicht mehr die Sonne sah und fern von ihren Liebsten weilte, die nicht wußten, wo sich Vater, Sohn, Bruder, Gatte oder Bräutigam aufhielten.
Millionenheere können nicht an einem Tag erledigt werden
In Aachen hielt Kaiser Wilhelm im Sitzungssaale der Stadtverordneten folgende Ansprache:
»Im Westen habe ich das halbverwüstete Frankreich besichtigt. Da gewinnt man erst den richtigen Eindruck von dem Grausigen, von dem unser Vaterland verschont geblieben. Wer etwa kleinmütig werden sollte, der möge einmal einige Tage an die Front gehen und sich die Verwüstungen ansehen. Dann wird er nicht mehr klagen und mit seinem Los zufrieden sein. Die Offensive geht gut vorwärts; 600 000 Engländer sind bereits außer Gefecht gesetzt, 1600 Geschütze erbeutet. Die Franzosen müssen überall einspringen. Hart werden die Gegner mitgenommen; sie haben’s auch nicht besser verdient. Die Sache im Westen wird gemacht; aber wir müssen Geduld üben. Millionenheere können nicht an einem Tag erledigt werden. Wir werden unser Ziel erreichen. Schwere Arbeit ist zu leisten; aber dafür haben wir ja auch tüchtige Schmiede. Den Osten haben wir geöffnet. In der Krim geht es auch vorwärts. Aus der Ukraine sind die ersten Lebensmittelzüge in Berlin eingetroffen. Dadurch wird unsere Lebensmittelversorgung gebessert. In Sebastopol haben wir eine starke, reich beladene Handelsflotte erbeutet; dort werden wir uns den Verkehr auf dem Schwarzen Meer wieder ermöglichen. Also es steht gut.«
Begriff der Propaganda
Das Wort selbst stammt aus der altkirchlichen Institution Collegium de propaganda fide und wurde als Gerundium in den Sprachgebrauch übernommen. Der Verbreitung des Glaubens diente dieses Collegium und dem Worte der Heiligen Schrift. Heute ist es nicht mehr die Kirche, sondern der Staat, der es für wichtig hält, Prinzipien durch eine organisierte Verbreitung zur Geltung zu bringen. Und nicht Gottes und der Völker, sondern abkommandierter Skribenten Stimme ist es, die den Begriff der Propaganda in Verruf gebracht hat. Moral oder Unmoral der Propaganda hängen von den moralischen oder unmoralischen Absichten des Staates ab.

Ganz klar sah die Reichsleitung von Anfang an ein, daß sie vor der Alternative stand: entweder alles zu gewinnen, um, im Rausche des materiellen Erfolges vergöttert, über die Schuldfrage hinwegzukommen, oder, nach einer Niederlage in ihrem Betruge durchschaut, unterzugehen. Deshalb von Anfang an die Behauptung, Deutschland führe einen Verteidigungskrieg. An einen Mittelweg kann und konnte diese Regierung nicht denken. Deshalb auch ist ein Verständigungsfrieden nicht möglich. Er würde gewisse Freiheiten bringen, die für das alte System verhängnisvoll wären. Wenn die hermetisch verschlossenen Landesgrenzen wieder geöffnet, der Belagerungszustand mit all seinen Unfreiheiten aufgehoben wären; wenn die Zensur und die Bedrohung mit Schutzhaft wegfielen: die brutal und mit allen Mitteln unterdrückte Wahrheit würde sich elementar einen Weg zum Lichte schaffen. Kein Friede ist möglich, der nicht einen vollständigen Sieg der Moral oder der Unmoral mit sich bringt.
Nun endete der Krieg mit einer zerschmetternden Niederlage
die der rücksichtslose U-Bootkrieg nicht hatte aufhalten können. Manchem Seemann mag es danach verlangt haben, mit seinem Schiff beim letzten Schlag nach dem Gegner in den Fluten unterzugehen. Für eine solche heroische Geste, die am Ausgang des Krieges nichts mehr ändern konnte, war die Mannschaft nicht zu haben. Antimilitaristische Agitation in beträchtlichem Umfange war schon im Jahre 1917 auf den Großkampfschiffen betrieben worden. Zwei Mann büßten für den Plan einer Erhebung mit dem Leben, andere mit schweren Zuchthausstrafen. Den Schiffsbesatzungen wurde der öde Dienst etwas erleichtert und das Essen verbessert. Auf den Geist der Truppe verstand man aber nicht richtig einzuwirken. Nach beendetem Dienst ging der Offizier in seine Räume, der Unteroffizier in sein Abteil, in drangvoller Enge saßen die durch vierjährigen Dienst mißmutig gemachten Leute ohne Aufsicht beieinander. Die Agitation war leicht und fand einen günstigen Nährboden. Für eine verlorene Sache zu sterben, in dem Augenblick, wo die Entlassung zur Familie bevorstand, waren die vielen verheirateten Leute nicht gewillt. Als am 28. Oktober die Flotte in See gehen sollte, rissen Heizer die Feuer heraus und verhinderten dadurch die Ausfahrt. Eine größere Anzahl der Meuterer wurde verhaftet. In Kiel fand am 1. November eine große Versammlung von Marinesoldaten statt, in der die Freilassung der Inhaftierten gefordert wurde. Deputationen wurden von den Kommandanten abgewiesen. Eine zweite Versammlung am Sonnabend den 2. November wurde durch Truppenaufgebot verhindert. Jedoch kamen schon Gehorsamsverweigerungen vor. Mannschaften versammelten sich auf dem Exerzierplatz; es wurde lebhaft diskutiert, wobei sich Mitglieder der unabhängigen Sozialdemokratie beteiligten. Verabredet wurde eine neue Versammlung für Sonntag nachmittag 5½ V Uhr auf dem Exerzierplatze. Durch Handzettel wurde dazu eingeladen. Nachmittags 2 Uhr ließ das Stadtkommando Alarm schlagen; Patrouillen forderten alle Soldaten auf, sich sofort zu ihren Truppenteilen zu begeben. Der Befehl wurde nicht befolgt. In der Versammlung wurde zur Befreiung der Gefangenen aufgefordert. Ein großer Demonstrationszug setzte sich in Bewegung. Patrouillen und einzelne Offiziere wurden entwaffnet. Schließlich feuerte eine starke Patrouille auf die Meuterer. Es gab eine Anzahl Tote und Verwundete.
Sie brauchten keinen Fahnenjunker mehr
Der Novemberhimmel, von Wolken überfetzt, grau, melancholisch und trübe, brachte dem kein Lustgefühl, der hoffte, draußen im Freien könnte es besser sein.
Waldemar näherte sich wieder der Stadt. Die Menschen hatten ein paar flackrige Tage lang geglaubt, ihre Rufe nach Amerika würden mit Engelsstimmen beantwortet. Ein gepeinigtes und halb verzweifeltes Volk schien plötzlich den Verstand verloren zu haben. Es bekannte sich zu Idealen, deren Träger es gestern noch verlacht hatte, und hoffte, wenn es sich nun mit seiner wunden und zerquälten Seele den Pazifisten entgegenwarf, wäre ein Fest wie einst in biblischen Zeiten bei der Heimkehr des Sohnes.
So fühlte Waldemar Ring. Er ging durch die Straßen von Danzig. Es war nun nichts mehr mit den Husaren. Sie brauchten keine Fahnenjunker mehr. Waldemar merkte an der Leere in seinem Innern, wie sehr er sich eingerichtet hatte auf den Krieg. Er war so bereit gewesen, seine achtzehn Jahre hinzugeben, weil es nicht anders ging, weil man seinem Vaterlande angehörte.
Gewiß, die Bücher, von jungen Deutschen aus schönen Alpentälern oder Städten der Schweiz heraus gegen den Krieg geschrieben, würden große Kulturdokumente bleiben. Waldemar besaß ein starkes Selbstgefühl und der Krieg war ihm nie anders als ein Ungeheuer erschienen. Doch zu einer Sicherheitsreise in die Schweiz mußte man aus traditionslosen Gegenden stammen.
Es war völlig sinnlos für ihn, noch in Danzig zu bleiben. Es galt, sich anderswie einzurichten. Ein Studium natürlich. Aber was denn, wie denn? Wie können die Weisheiten noch wahr sein, die man vor diesem Zusammenbruch für richtig hielt? Waldemar erfuhr, abends um neun Uhr würde wahrscheinlich ein Zug nach Berlin gehen. Den wollte er benutzen. Das Vaterland hatte sich seines Stolzes begeben, die Mutter heiratete einen neuen Mann. Ganz frei, ganz allein ging man nun seines Weges.
Der Zug war angstvoll überfüllt. In den Korridoren kauerten ermüdete Soldaten auf hochgeschwollenen Gepäckstücken. Manche trugen die rote Kokarde an der Mütze, anderen waren die Achselstücke abgerissen. Aber auch die Revolutionäre besaßen kein Feuer. Stumpf und dumpf, mit geschlossenen Augen und offenen Mündern lehnten die meisten da, erschöpft von langer Fahrt oder von dem Entsetzlichen, dem sie entronnen.
Waldemar zwängte sich durch die Korridore. Es waren auch viele Flüchtlinge im Zuge. Die Wagen hatten schlechte Beleuchtung, eine trübselige Kälte breitete sich aus, Gerüche aller Art beklemmten den Atem. Waldemar fand endlich am Durchgang zu einem andern Wagen noch ein Stückchen leere Wand, an die er sich lehnen konnte. In trauriger Finsternis lag draußen das westpreußische Land. Der Zug hatte wohl ein- bis zweimal gehalten, und es entstand ein Geschrei um Plätze, die es nicht mehr gab. Die Soldaten fuhren dann für einen Augenblick aus ihrem Schlaf und sanken erleichtert zurück, als kein Weckruf kam und kein Feuergeknatter. Ein Herr zwängte sich durch den Harmonikaweg des Zuges, stieß Waldemar unsanft mit einem Koffer an und bat dann um Entschuldigung. Der Herr hatte blanke, dunkle Augen und sprach Thüringisch. Ob er erfahren könne, wie die nächste Station hieße? Weit und breit sei kein Schaffner zu finden. Doch der Fremde, der schon seit Königsberg mitführe, könne es im Zuge nicht mehr aushalten. Lieber bleibe er im elendesten Gasthaus eines bis jetzt noch unbekannten Ortes. Ob der junge Herr so gut sein möge, ihm sein Gepäck hinaus zu reichen, sobald der Zug mal wieder hielte? Der Zug hielt nach einer Weile. Der Herr schlüpfte an einem schnarchenden Soldaten vorbei zur Türe hinaus und Waldemar reichte ihm das Gepäck. Er sah flüchtig, daß auf den Koffern und Taschen eine Krone war, und er bemerkte auch, die gelbliche Pelzdecke, die er als letztes Stück beförderte, hatte ein sehr schönes, lichtblaues Futter. Waldemar hörte noch ein Weilchen den Singsang der Räder, dann schlief er stehend ein.
Dann stand Waldemar vor einem Schaffner, der den Gang versperrte. Neben diesem wuchtigen Mann befand sich eine junge Dame. Ihre seltsam großen Augen waren bernsteinfarben und blickten über die Dinge hinweg, während sie mit einer dunkeln, eintönigen Stimme sagte: »Die Koffer sind mit einer Krone und v. E. gezeichnet, die Pelzdecke ist mit hellblauem Tuch gefüttert.« Es ging wohl nicht an, daß Waldemar sein ihn bestürzendes Wissen zurückhielt. Der Dieb war erst an der vorigen Station ausgestiegen. Die junge Dame wandte in einer fast trägen Bewegung ihr Gesicht Waldemar zu. Er fühlte sich unter ihrem Blick erröten, überstürzte sich in bedauernden Worten, wurde aber von dem Schaffner unterbrochen, der eine Beschreibung der gestohlenen Sachen in sein Notizbuch machte. Wie die Damen hießen? Frau und Fräulein von Envers. Woher sie kämen? Von einem Landgut bei Riga. Gut, der Schaffner würde von der nächsten Station telegraphieren, daß man die Koffer, wenn sie ermittelt, an den Anhalter Bahnhof, Berlin sende.
Aus dem Halbabteil, vor dem Waldemar noch unschlüssig neben der jungen Dame stand, kam eine etwas ängstliche Stimme: »Ellen, es ist kalt. Gib mir doch die Decke.«
Da zog Waldemar Ring seinen Überzieher aus. Es war eine kurze, hübsche, pelzgefütterte Jacke und sein ganzer Stolz. Doch er entledigte sich dieses Beweises seiner Eleganz beglückt. Denn die junge Dame war überaus apart, und er konnte zeigen, daß es ihm nicht an Ritterlichkeit gebrach. Er blieb vor der Türe des Abteils stehen und überlegte, was nun weiter seine Pflichten gegen die Damen waren, an deren Beraubung er sich mitschuldig fühlte. Da kam Fräulein v. Envers und bat Waldemar, einzutreten.
Das Abteil war schwach beleuchtet – in der Ecke schlief sitzend eine Dame, die weißes Haar hatte, und das Gesicht in ein Kissen versteckt. Waldemars Überzieher lag auf den Knien der alten Dame. Die junge Dame an seiner Seite schlief ein. Sie bog sich ein wenig von ihm weg, nach einer Stütze für den Kopf, legte ihre Hände sonderbar still und langgestreckt in den Schoß und schloß die Augen. Er betrachtete die Hände. Sie waren schmal, sehr weiß und vollkommen ringlos. Von den Händen ging der Blick zu der Schlafenden. Sie hatte sehr dunkles Haar mit einem sehr reingezeichneten Stirnansatz. Es fiel in einer schlichten Welle über die Schläfen. Der Mund, schmal und mit sehr roten Lippen, hob sich in starker Abgrenzung aus dem blassen Gesicht. Der junge Mensch fühlte sich lebhaft erregt und wartete angestrengt auf ihr Erwachen, bis er selbst schlief.
Es mochte viele Stunden später sein, als ihm Worte ans Ohr klangen. »Du warst noch nicht in Großpapas Wohnung am Augustaufer, Ellen. Aber wir gehen nicht gleich zu ihm. Was würde er erschrecken, wenn wir so ohne Gepäck ankommen. Wir steigen im Kaiserhof ab –«
»Ohne Gepäck, Mama?«
»Wir fahren erst in Läden, ich habe etwas deutsches Geld, es ist eingenäht.«
Eine Pause entstand. Waldemar besann sich, ob er nun aufstehen sollte. Da klang die angstvolle Stimme wieder: »Wir müssen uns ein paar farbige Dinge kaufen. Wir dürfen nicht vor Großpapa hintreten, schwarz wie Raben von einem Schlachtfeld.«
»Aber liebe Mama – wir können ihm doch nicht etwas vortäuschen –«
»Doch – doch. Ich kann nicht so vor meinem alten Vater stehen und ihm sagen: Meinen Mann und Ellens Vater, den haben die Bolschewisten mit einer Axt in Stücke gehauen, und mich hielten vier von den Teufeln fest, und ich mußte zusehen –«
Die arme Frau bekam von ihren Worten einen Weinkrampf – der klang noch schrecklicher, als die Worte. Waldemar verließ das Abteil. Ihn schauderte. War das eine Irre? Aber dann fiel ihm ein, solche fürchterlichen Dinge hatte man ja so oft in den Zeitungen gelesen – gefühllos fast, stumpf, wie die Menschen in den vier Kriegsjahren geworden waren, weil kein Hirn und kein Herz imstande war, auch nur den tausendsten Teil all des Fürchterlichen, was geschah, sich ganz begreiflich zu machen. Er drängte sich durch die Korridore. Es ging dem Morgen zu. Waldemar stieß auf eine Gruppe von bärtigen Landwehrmännern, die gerade ihre Stullen auspackten. Er bot Zigaretten und Geld an und erhandelte ein paar Brote. Die befreite er von schmutzigem Zeitungspapier, in das sie gewickelt waren und riß Notizblätter aus seinem Taschenbuch ab, welche die Teller vorstellen sollten. Frau v. Envers hatte sich beruhigt. Sie sah Waldemar durch eine Stielbrille flüchtig an und sagte: »Mein Herr, ich wäre Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, wenn Sie uns an der nächsten Station etwas Kaffee besorgen würden.«
Waldemar stand an der Wagentür – öffnete das Fenster und fand, die Kälte, die eindrang, war immerhin besser als die verbrauchte Luft des Wagens. Das Land lag noch im Dämmern. Plötzlich fühlte Waldemar einen leichten Aufstrom, eine Frische in sich – und wußte sofort, was es sei: Fräulein v. Envers war zu ihm herausgekommen. Dunkel und schlank, fast ebenso groß wie er, stand sie neben ihm.
»Sie müssen Ihre Frau Mutter nicht in ein Hotel bringen, sondern gleich zu dem Großvater,« sagte er und errötete, denn er verriet sein Zuhören. Die sonderbare Entgegnung kam: »Haben Sie sich nicht auch die Befreiung anders gedacht? Der Anfang war nicht schön. Aber vielleicht wird es in Berlin anders sein. Wir warten doch alle so –«
Er sah in das blasse Gesicht des jungen Mädchens, fühlte sich von rätselhafter Anziehung erregt, und blieb doch gehemmt, sich zu äußern. Sie standen minutenlang stumm nebeneinander, den Blick voneinander gerichtet, hinaus auf die dämmernde Ebene, über der ein trauriger Himmel stand, dessen Gestirne erloschen. Da fuhr der Zug in einen Bahnhof ein und Waldemar gedachte des Wunsches nach Kaffee, sagte hastig, er wolle mal nachsehen und sprang aus dem Wagen. Es war eine Station, von der eine andre Linie abzweigte, und die Bewirtung befand sich auf einem Bahnsteig, der erst durch eine Unterführung zu erreichen war.
Als Waldemar wieder durch den Tunnel rannte, rollte sein Zug über ihm hinweg. Er hatte gerade noch den Anblick des letzten Wagens und sah seine roten Lichter in den Morgennebel hineinfahren. Waldemar blickte dem Zuge nach, als sei er ein entschwindendes Phantom. Dann, um doch etwas zu tun, trank er wenig von dem schrecklichen Kaffee und schleuderte Glas und Inhalt achtlos über den Bahnsteig hinweg. Sechs Stunden später ging ein andrer Zug und kam am frühen Nachmittag in Berlin an.
Unsinn! Die Truppe steht zu mir
»Unter seinen Führern und Generalen wird das Heer in Ruhe und Ordnung in die Heimat zurückmarschieren, nicht aber unter dem Befehl Eurer Majestät.«
»Schwarz auf weiß will ich die Meldung aller kommandierenden Generale haben, daß das Heer nicht mehr hinter seinem Obersten Kriegsherrn steht. Hat es mir nicht den Fahneneid geschworen?!«
»Der ist in solcher Lage eine Fiktion.«
Niemand kann das alte Preußen mehr retten
Waldemar nahm eine Droschke und fuhr nach dem Kaiserhof. Er sagte sich vor, daß er alles Recht besäße, den Damen, die durch seine Mithilfe ihr Gepäck verloren hatten, seinen Beistand anzubieten. Im Kaiserhof war ein alter, höflicher Portier. Ja gewiß, die Damen waren heute morgen vorgefahren. Jedoch wäre jedes Zimmer besetzt, der letzte Winkel, die unmöglichste Kammer. Wohin die Damen sich gewendet, könne er leider nicht sagen. Der alte Mann bekam ein Trinkgeld, wußte auch ein Hotel zu nennen, das dem Augustaufer gegenüber, ganz nahe am Kanal lag.
Waldemar hatte ein wenig ausgeschlafen, sich gewaschen, umgekleidet, schön frisiert, er schritt in den kleinen Speisesaal hinunter. Er überblickte den Raum. Es saßen viele Marineherren mit ihren Damen da. Dann überflog er den Anzeigenteil der Zeitungen, um endlich bei der Ankündigung eines Vortrags zu haften. Doktor August Wilhelm Ring: Siedlungspläne. Für Siedlungspläne hatte Waldemar nicht das geringste Interesse. Aber August Wilhelm Ring? Natürlich, das mußte Papas jüngster Bruder sein.
Der Saal, in dem der Vortrag sein sollte, lag ganz nahe, an der Lützowstraße. Es war eine Kleinigkeit, hinüber zu gehen. Waldemars Unerschrockenheit bahnte sich einen Weg bis in die Nähe des Redners, obwohl der Vortrag schon im Gange war. Oh, dachte Waldemar, gefesselt von einer schönen Stimme, mein Onkel sieht ja sehr anständig aus. Und er hat ein Kreuzbändchen, also war er im Feld. Und Waldemar begab sich in der tändelnden Sicherheit seiner achtzehn Jahre am Schluß der Sache in das sogenannte Künstlerzimmer. Dort hatte der Onkel noch eine Weile mit Fremden zu reden.
Sie schritten am Kanal entlang und Waldemar fiel ein, daß da der alte Herr wohnen müsse, zu dem Ellen v. Envers gegangen. Er sah nach den Fensterscheiben hinauf, aber überall war es schon dunkel. Morgen mußte er Ellen v. Envers suchen.
Der ältere Ring schien seinen Gefährten vergessen zu haben. »Niemand kann das alte Preußen mehr retten,« sagte er dann. »Denn es hat seine Mission beendet. Millionen von Menschen werden es im Erinnern behalten, wie Heldenlieder und einen frommen Glauben.«
»Soll man es beklagen?« fragte Waldemar. Aber er möchte gerne noch wissen, ob es denn mit uns so schlecht stünde, daß man fürchte, alles wäre in einer Auflösung begriffen – und es würde eine Epoche kommen, die alle bisherigen Gliederungen verschöbe. Er stünde im Augenblick vor einer Berufswahl. Und nach diesem unglücklichen Krieg wisse man nicht, wo beginnen. »War das königliche Preußen nicht schon lange dahin? Ist das Kaiserreich nicht ein Aufputz von Großtuerei und irgendwo sehr unwahr. Denn wie könnte es sonst so aus der Liebe des Volkes gestürzt sein –«
»Ach, das Volk,« antwortete Ring und ließ seine Worte in der Luft hängen.
Keine Disziplin mehr
Die beiden Leutnants sind noch sehr jung. Der eine fuchtelt, leise sprechend, dem anderen mit der Hand vor dem Gesicht herum. Aber diese Hand hat nur den Daumen und die beiden anderen Finger daneben. Der kleine und der vierte Finger sind so sauber und so glatt, wie mit einem Rasiermesser abgeschnitten.
»Also wie es vorjehn soll, raus aus’n Wald, da schmeißt sich doch der eine Kerl, so ein dickes Schwein … ein Familienvater von mindestens achtunddreißig, statt dessen im Dickicht hinter einen Baum, und is nich von der Stelle zu bringen. Und der Russe funkt so mit seinen beiden Maschinengewehren, einfach wie ‘n Fächer, janz niedrig über ’n Boden hin. Also, es war jradezu ein Anblick für Jötter: wie nun das dicke Schwein da, wie ein Kahn, den sie an den Pfahl jebunden haben, und der nu in der Strömung hin und her schwankt, mit den Jarben so mitgeht. Ich zieh’ meinen Dienstrevolver und halt ’n über ihn. Aber in dem Augenblick kommt eine neue Garbe. Und der Mann, der sich schon halb aufgerichtet hat, schmeißt sich wieder hin. ›Auf, du Hund‹, schreie ich und will abdrücken. Ehe ich also noch den Finger krumm machen kann, geht der Kerl hoch wie so ’ne Spannerraupe, und dann streckt er sich. Ich wundere mich noch, mein Revolver liegt auf seinem Rücken. Aber mit den zwei Fingern hier dran. Beide Schüsse also erstmal durch den dicken Baum. Ihm der eine mitten in die Stirn und hinten an der Wirbelsäule wieder raus. Und mir haut’s meine zwei Finger hier weg.«
Ein Matrose steigt am Savignyplatz ein und setzt sich still in die Ecke. Er hat keine Fahrkarte. Aber das macht nichts mehr. Die beiden jungen Leutnants sehen zu ihm hinüber. Er grüßt nicht, sieht über sie fort. In Charlottenburg klettert er wieder heraus mit Bewegungen, als ob das Abteil ein Mastkorb wäre.
»Also ich sage dir«, meint der Dreifingrige: »Diese Schweineflotte hält keine Disziplin mehr. Das kann den schönsten Kladderadatsch noch jeben.«
In einem fernen Rückblick war vielleicht diese Stunde einmal schön
Es lag so etwas Sonderbares, Tragendes, Unruhiges in der Atmosphäre. Der Alexanderplatz war von erregten Menschen bestanden. Waldemar hörte immer wieder den Ruf: der Kaiser. Kam der Kaiser? Was ging vor? Wie, der Kaiser sollte gezwungen werden, abzudanken? Waldemar begriff nichts. Es hatte sich in ihm festgeankert, daß er Ellen v. Envers suchen müsse. Jemand sagte ihm, das Augustaufer begänne in der Nähe der Von der Heydt-Brücke. Ein Auto fuhr ihn die Leipziger Straße hinunter. Es stoppte am Potsdamer Platz, eingekeilt in schreiende, verwahrloste Soldaten. Eine Menschenflut war da, wie sie Waldemar noch nie gesehen hatte. Ihm schauderte vor allen diesen ärmlichen, schlechtgekleideten, mühseligen und erregten Hungergestalten. Und in einem heftigen Gefühl dachte er wieder: wenn Fräulein v. Envers unter diesen Menschen sein mußte!
Berlin lag in dem fieberhaften Aufruhr einer ungeheuerlichsten Erwartung. Man hatte dem Kaiser noch zwei Stunden Frist gegeben zu seinem Verzicht. War es noch eine Höflichkeit, daß man ihm gestattete, selbst die fünfhundertjährige Geschichte seines Hauses zu beenden? Wie beispiellos mußten diese Stunden für ihn sein! Und wenn er alles wäre, was ihm Feinde und Widersacher tausendmal vorgeworfen: ein schlechter Schauspieler, ein Schuldbeladener und ein Feigling: wie mußte ihn selbst dann diese Stunde treffen. So dachte August Wilhelm Ring. Er stand auf der Straße, las Extrablätter, eingekeilt in eine tobende Menge, unter Portier- und Waschfrauen, unter rüden Jungens, die sich amüsierten, und er vernahm die Stimmen kleiner Ladenmädchen, die ihren Esprit an »Aujustens« Spitzenwäsche verschwendeten. O ja doch, alle großen Revolutionäre mußten sich schlechter Gesellschaft bedienen, ihr Ziel zu erreichen. Wer gegen die Korruption der Ehe schreibt, findet feurige Anhänger in hysterischen Jungfrauen. Wer gegen Gewissenszwang der Kirche redet, bekommt all die Mißratenen zu Freunden, die den Gottesbegriff als einen Mumpitz erkennen. Und wer heute ging, ein Kaiserreich zu stürzen – der fand Mithelfer, die sich von einem Freistaat die Zügellosigkeit versprechen. In einem fernen Rückblick war vielleicht diese Stunde einmal schön. Im Freskenstil der Geschichte sah man vielleicht diesen 9. November als den Beginn einer großen Erneuerung.
August Wilhelm Ring bahnte sich den Weg in eine stillere Straße, stieg mehrere Treppen eines Hauses hinauf und wurde in eine alte, weitläufige Wohnung eingelassen. In einem großen, hellen Gelehrtenzimmer, dessen Wände fast nur aus Büchern bestanden, saß ein schöner, weißhaariger Herr.
»Oh, Sie kommen August.« Welche Höflichkeit, dachte Ring, dem Mann brennen Fragen auf den Lippen, aber zuerst denkt er dran, daß mir eine Zigarette brennen muß.
»Bis vier Uhr – eine Stunde noch – hat der Kaiser Zeit, seinen Entschluß zu fassen. Ich möchte diese Stunde mit Ihnen verleben, wenn Sie erlauben, Herr Geheimrat.«
Die Hände des alten Mannes begannen zu zittern. Er fuhr sich hilflos über die Augen.
»Wo ist der Kaiser?«
»Im großen Hauptquartier.«
»So. Und ist er nicht auf dem Weg nach Berlin? Friedrich Wilhelm der Vierte war in Berlin bei der Revolution. Er ist von seinem Schloßhof hinunter gestiegen und hat vor den Leichen der Aufrührer salutiert. Ein bitterer Weg für einen König. Warum ist heute der König nicht da?«
August Wilhelm Ring antwortete: »Er ist bei seinen Generalen.« Der alte Herr fragte in der Hartnäckigkeit seiner Greisenjahre: »Warum ist der Kaiser nicht in Berlin? Warum ist er nicht auf seinem Platz?« Und er hob seine Stimme: »Warum ist er nicht da, und steht auf dem Schloßbalkon, wo er am 1. August gestanden hat? Und sagt: Hier stehe ich, ich kann nicht anders? Dreißig Jahre habe ich mich von Gottes Gnaden auf meinem Platz gefühlt, und diesen Platz verlasse ich nicht als ein Lebendiger.«
Der alte Herr sah leer in die Luft. Die alte Wirtschafterin stürzte ins Zimmer. Ihre hagere Gestalt schien in dem doch so dürftigen Kleid zu schlottern: »Herr Geheimrat –«
Hinter der Wirtschafterin erschien eine junge Dame, schlank, groß, in dunkeln Kleidern – mit einem sehr weißen Gesicht, aus dem ein roter Mund und bernsteinfarbene Augen sonderbar leuchteten.
»Wo kommst du her, Kind – wo sind deine Eltern?« Wieder hörte August Wilhelm Ring in sonderbarer Betroffenheit diese Stimme, die wie aus einer tiefen Ferne klang.
»Mama und ich mußten fliehen. Um dich nicht zu erschrecken, wollte Mama in ein Hotel.«
August Wilhelm Ring versuchte, die Türe zu erreichen und unbemerkt sich zu entfernen. Da rief ihn der alte Mann: »Ich kann nicht zu meiner Tochter – lieber August Wilhelm, würden Sie nicht in das Hotel gehen und meine Tochter holen?«
August Wilhelm war mit der fremden Dame auf der Straße. Die Dämmerung lag über Berlin. Schreiende Menschenhaufen zogen die Potsdamer Straße hinunter. Weit und breit sah man kein Gefährt. Diese Menschenknäuel ließen sich nicht durchrasen. Man stand Brust an Brust mit feindselig oder frech Blickenden – man kam ihnen nahe, als wollte man sie küssen, man wurde wie ein Quirl gedreht und sah andern in die müden, heischenden oder flackrigen Gesichter. Auf dem Potsdamer Platz johlten Soldaten. Sie trugen denselben grauen Rock, in dem die Todgeweihten des August einst auszogen. Jetzt barg der Rock Gesindel oder verzweifelt Enttäuschte, Straßenläufer, Aufwiegler, Zerbrochene. Die Entscheidung des Kaisers mußte noch nicht da sein, fühlte Ring. Er drängte hinunter nach der Bellevuestraße. Sie war ein wenig leerer – und der Weg der Siegesallee gestattete wieder ein leidliches Gehen. Vom Brandenburger Tor her hörte man das Knacken der Maschinengewehre.
»Es ist Revolution,« sagte sie. »Das große Wecken, das große Erwachen, Weltreveille. Sie bangen um einen einzelnen Menschen – um Wilhelm. Und es ist doch Menschheitsfrühling.«
Pathos. Altes Pathos. Neu von jungen Lippen, dachte August Wilhelm Ring. Und begriff plötzlich, das war nicht Phrase bei seiner Begleiterin. Mit ihren Augen, die in der Farbe des Bernsteins, der im Meeresgrund liegt, über alle Dinge so blicklos forschten, konnte sie wohl einen Menschenfrühling erträumen. In Hunderte von Gesichtern hatte er heute schon geblickt. Gab es einmal den Glauben, die germanische Rasse sei schön?
Sie waren in der Nähe des Brandenburger Tores. Gebrüll, Lärm, Schüsse hallten von den Linden herüber. »Ich würde Sie nicht bemühen,« sagte Fräulein v. Envers, »wenn es möglich wäre, mit meiner Mutter die kommende Nacht hier Unter den Linden zu verbringen. Wir sind Flüchtlinge. Unser Landhaus, unser Park bei Riga brennt vielleicht noch. Mein Vater ist ermordet worden, trotzdem er so fest an die Menschenrechte glaubte. Er begriff nur nicht, daß die Tiere, die das heilige Wort brüllten, Geld damit meinten – «
Verwirrt blickte August Wilhelm Ring in das blasse Gesicht mit dem roten Mund. Was für ein Singsang, fühlte er. Unser Haus brennt, mein Vater ist ermordet, die heiligen Menschenrechte – oh, nun begriff er plötzlich, warum alles, was dieses Mädchen sagte, so aus weiter Ferne klang. Sie hatte es gesehen, zuschauend mitgelebt, aber es war noch nicht zu ihrem Herzen gedrungen.
Durch die Linden rasten Lastautos, mit Maschinengewehren besetzt. Zum Schloß – zum Schloß. Durch das Brandenburger Tor rasten Autos mit treulosen Soldaten, die auf die Volksgenossen schossen. Wo waren Seiner Majestät Offiziere? Noch an den Grenzen? Wo war der Bürger von Berlin? Ein Flackerrot stieg in August Wilhelms kühnes Gesicht. Und wo bin ich? Ich tue das nächste – ich beschütze ein junges Mädchen. Vorher stand ich müßig in den Gassen. Vorher war ich bei Hindenburgs Fahnen und dann mit dem lahmen Arm ein Kriegsberichterstatter! Wir konnten nicht schreiben, was wir wollten. Sonst hätten wir geschrieben: Gebt euren letzten Pfennig, damit ihr noch euer Haus behaltet. Gebt dem Volk den Traum der Freiheit, sonst gibt es euch den Terror. Man mußte schreiben: Wir siegen auch im Rückzug.
Ein Matrose versperrte Fräulein v. Envers den Weg. Das wüste Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. Man mußte stehen bleiben, die Menschenmauer gab keine Möglichkeit, sie zu durchdringen. Der Matrose hatte ein feistes Gesicht und bläuliche Backen. »Du willst wohl Wilhelm beistehen,« sagte er durchaus nicht spöttisch, nur wie feststellend zu Ring. »Da biste zu weit weg, der türmt. Der tigert.«
»Er türmt nicht,« antwortete Ring.
Der Matrose lächelte. »Wirste sehen, daß er türmt. Du – du Freilein – ist der dein Schatz? Haste dich schon versprochen für den hübschen Abend –«
Ein Rätselhaftes geschah. Fräulein v. Envers sah den Matrosen an. Sie hob den Kopf, streckte das sonderbar geformte Kinn ein wenig vor und blickte dem Matrosen in die Augen. Er verfärbte sich. Wich zurück – Und wie in einer Spukgeschichte schien sich die Menschenmauer zu öffnen und doch nicht zu öffnen – sie nahm den Matrosen auf. Er war nicht mehr da.
Also, nu gibt’s erst Mal zur Abwechslung son bißchen Revolution
zum Schluß wird der arme Hund wieder in die Gefängnisse wandern und an die Mauer gestellt werden, genau wie in der Kommune einundsiebzig. Denn das haben die andern immer noch besser gekonnt. Aber wat jeht des mich an?! Ich bin Arzt. Ich verbinde de Weißen wie de Roten. Ich kenne keine Parteien, nur Patienten!!
Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser
Waldemar erwachte sehr spät. Er hatte viel und heftig geträumt. Der Kellner stand da. Er war von großer Jugend und sah wie ein Konfirmand aus. So feierlich in dem schwarzen Anzug, dem Vorhemdchen und dem wässerigen Scheitel. Seine Augen glitzerten, seine Hände fuhren in die Luft, seine Stimme war von Aufregung erfüllt. »Es ist Revolution! Der Kaiser hat abjedankt. Der Kronprinz ooch. Überall hängen schon die roten Fahnen heraus. Und ich habe gleich Ausjang. Es ist Revolution.«
Revolution! Von dem Wort ging eine Bezauberung aus. Waldemar stürzte den gräßlichen, bitteren Kaffee hinunter, zerkaute ein wenig muldrig schmeckendes graues Brot und war voll Eile. Und der junge Mensch lief die Siegesallee hinunter, lief dem Knacken der Maschinengewehre nach, frei von Nervosität und Furcht. Er wollte die kommenden Dinge sehen. Das Volk war auf den Platz gezogen, wo Bismarck, Moltke und der eiserne Hindenburg von der Geschichte des letzten halben Jahrhunderts erzählten. Kam die Menge hierher, diese Geschichte auszulöschen? Das Schießen wurde heftiger. Ab und zu wichen mit lautem Kreischen Frauengruppen zurück. Aber die Lücken, die sie ließen, schlossen sich rasch wieder. Unter dem Knattern von Maschinengewehren, die den Platz überstrichen, drängten sich die Menschen dem Reichstagsgebäude zu. Waldemar kam nahe genug heran, um einzelne Sätze zu hören, die ein Redner stoßweise in die Menge warf.
»Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser, hat der Kaiser gesagt, der als siegreicher Held hier nach dem furchtbaren Krieg durch das Brandenburger Tor einziehen wollte. Und Matrosen sind es gewesen, die von Hamburg aus die Befreiung, die Revolution über Deutschland trugen.« Ein neues Knattern und Krachen von Schüssen ließ die Stimme des Redners zerflattern.
Deutschland muss untergehen!
Die Matrosen lassen sich nicht lumpen. Jahrelange Unterdrükkungen, rücksichtslosester Menschenmord, ein Nebel von Gemeinheit und Lüge, der jedes menschliche Wort im Munde erstickte, werden in einem Anlauf erledigt, und die Masse, seit langer Zeit durch die Entbehrungen aufs äußerste erschüttert, klatscht Beifall und macht Revolution. Das Ding ist zu groß, als daß man es sogleich glauben könnte. Brüder, ist endlich die Stimme der Instinkte erwacht, habt ihr euch endlich auf euern gesunden Haß gegen die Kerle besonnen, die Deutschland repräsentieren, gegen die »Immer feste druff«, die Reuter und Forster, die Kindermörder Belgiens, die U-Bootskommandanten, die ihre Brigantenzüge in gefälligen Ullstein-Bändchen verherrlichen? Ist es eine Revolution der Wahrheit, ein Aufstand des Geistes gegen den zum Himmel stinkenden Lügenberg der vierjährigen Kriegspresse, gegen die Hindenburgs, Ludendorffs, gegen die Aufrufe »An mein Volk«, die Denkmalsnagelungen, gegen die Sieger insgesamt, die Handhaber der Macht, die Unterdrücker von Beruf, die niemals auch nur einen Augenblick Zeit fanden, Geistiges zu werten, Menschliches, und sei es von Ferne, zu verstehen? Ist es ein Aufstand des guten Geschmacks gegen die schimmernde Wehr, die uns mit offizieller Kunst und offiziellerer Religion versah? Es scheint, daß die große Abrechnung gekommen ist. Das ganze Land steht auf. In Bayern wurde der Trottel und Jesuiter, der nach mittelalterlichem System sein Volk in Dunkel und Unwissen halten wollte, vom Thron gejagt. In ganz Deutschland fallen die Dynastien wie Jahrhunderte alte Gebäude, die nur eines Anstoßes bedürfen, um in sich zusammenzukrachen. Und die Matrosen immer vorne weg. Schienen aufgerissen, Bahnhöfe gestürmt, Maschinengewehre gerichtet. Die Matrosen sind die wahren Hüter der Revolution, sie sind die Einzigen, die die vollkommene Nebensächlichkeit des menschlichen Lebens in dieser Angelegenheit erfaßt haben, sie lassen sich von der Macht ihrer Instinkte werfen, sie brüllen Wut. 1916 hat man sie zu maßlosen Zuchthausstrafen verurteilt, als sie sich gegen den Massenmord wehren wollten: sie haben gelernt, Blut spielt keine Rolle. In Köln genügen fünfzig Mann, um die Stadt in Aufruhr zu bringen. – Hannover, die Erzzitadelle der Lutherpfaffen und Dunkelmänner ist schon von ihnen besetzt. Aber Berlin harrt noch der Eroberung. Berlin, wo man den Weltkrieg losrasen ließ, das Hauptnest der unmenschlichsten Banditen und Bluthunde, der Zentralpunkt des Völkerschlachthauses, von wo aus Millionen um Millionen in den Tod gejagt wurden, das »Spreeathen«, in dem die Menschen wie Eulen und die Eulen wie Menschen lebten. – Berlin ist noch nicht frei. Von allen Seiten werden Vorstöße versucht. Kein Zug darf herein, rings um die Hauptstadt sind die Schienen verbarrikadiert; man kann es nicht glauben, daß ein Volk, das immer auf Befehl stramm gestanden hat, gegen seine Herren und Meister zu den Waffen greift. Man denkt noch im letzten Moment, wo im Lande schon über das fernere Schicksal der Nation entschieden ist, sich hier, wo der Unteroffizier seine tollsten Orgien gefeiert hat, einen Altar rein kaiserlicher Anschauung zu bewahren. Noch am Rande des Grabes, bedroht von dem Wutgeschrei der ganzen Welt, haben die Linsingen das Vertrauen, die Welt nochmals von Berlin aus zu unterdrücken. Ludendorff mußte gehen, aber jeder Leutnant macht sich eine Ehre daraus, ein Vertreter dieser Eisenfresser-Weltanschauung, ein Priester der Religion der »Realpolitik« zu sein, auf die man schwört, als ein heiliges Vermächtnis Bismarckischer Generationen. Aber es zeigt sich die Wahrheit, daß gegen eine Idee und wäre es eine falsche, alle Schußwaffen machtlos sind. So sind die Generäle am Ende gezwungen zu kapitulieren, rote Fahnen über der Menge, die Revolution siegt. Nur selten fallen Schüsse, der Reichstag wimmelt von Abenteurern und Stellungsjägern, die mit der Geste lange verkannter Fähigkeiten eine neue Regierung stützen möchten, um möglichst viel für sich dabei zu gewinnen. Der Elan des Volkes erscheint elementar, sodaß alle diejenigen, die den Deutschen nichts zutrauten, am wenigsten ein revolutionäres Gefühl, an ihre Brust schlagen und plötzlich an die Erscheinungen der deutschen Geschichte glauben möchten, die in geistigem Sinne etwas bedeutet haben. Das Bild der Stadt ist für uns Phantasten nicht weniger bunt als Paris zur Zeit seiner klassischen Revolution, und die Autos, die Maschinengewehre, die Bahnhöfe machen das Ganze furchtbarer, unheimlicher, wüster. Die Autos mit Bewaffneten werden zum Charakteristikum: vor dem Schloß stauen sich Menschen und Wagen zu unübersehbarem Knäuel, aus dem die Gracchen und Catilinas, die sich an Laternenpfosten hochziehen, blecherne Stimmen schmettern. Schon sieht man die befreiten Sträflinge und die Kriegsgefangenen, die sich mit deutschen Soldaten photographieren lassen – dann ein Schuß oder das beginnende Gehämmer eines Maschinengewehrs und die Menge ist verschwunden. Es ist keine Hyperbel, wenn man sagt, sie fliehen schneller als der Wind. Das staut, ballt und klebt wieder zusammen, sobald sich der Nachklang der Schüsse verliert.

Schamloser, empörender Verrat!
»Die Folgen für die Marine sind unabsehbar, wenn sie keinen höchsten Kriegsherrn mehr hat.«
»Ich habe keine Marine mehr!«
Wir schießen die Hafenstädte in Grund und Boden und sterben einfach mit unseren Booten
Mader, inzwischen zum Kapitän befördert, befand sich in größter Unruhe. Seit zwei Tagen war kein Boot eingelaufen. Plötzlich klingelte die Signalleitung. Von Dom 1 wurde das Einfahren von U. 174 gemeldet. Mader und Ulitz setzten sich auf die elektrische Dräsine und fuhren eiligst ab. Kapitän Zirbeltal zog sich mit Mader sofort zurück. Mader stand mit weit offenen Augen vor dem Kameraden. Er konnte es nicht fassen. »Revolution?! Waffenstillstand?! Rückzug?!« Stoßweise kamen die Worte aus seinem Munde. Man mußte leise sprechen. Ulitz blieb am Rande des Plateaus und unterhielt sich flüsternd mit einem Offizier von U. 174. Innerhalb der nächsten sechs Stunden liefen weitere vier U-Boote ein. Die Arbeit ruhte. Nur die Lichtanlage und die Küchen arbeiteten. Die Offiziere berieten. Möller hatte am Fußballplatz die gesamte Besatzung zusammen gerufen und in kurzen Worten einige Erklärungen abgegeben. Noch wüßte man nichts Gewisses; aber jetzt hieße es: Kopf hoch halten. Keiner sollte murren, innerhalb von ein oder zwei Tagen würde sich alles entscheiden. Der Schrittenbacher Maxl fühlte sich auch veranlaßt, einiges zu sagen: »A Haxen reiß’ i an jedem aus der wo sie a nur trauet und dö Goschen aufmacht. Weißwürscht mach i aus eahm. Kimmt’s her, wenn’s eich traut’s!«
Bis zum folgenden Mittag waren im ganzen elf U-Boote im Domsee eingefahren. Die Mannschaften blieben eingeschlossen. Möller hatte seine Getreuen bewaffnet, um auf alle Fälle gerüstet zu sein. Mader hielt mit den Offizieren eine Versammlung ab. Man hatte U. 174 wieder hinausgeschickt und wartete auf Nachricht. Endlich ertönte das Signal. Die Funker von U. 174 brachten die letzten Neuigkeiten. Zusammenbruch. Rückzug. Revolution im Reich – und was das Schlimmste von allem für die Offiziere war – die Flucht des Kaisers. Tiefe Stille herrschte im Kreise, als diese Botschaft kund ward. Flucht! Flucht des obersten Kriegsherrn. Die Herren von der Marine waren im Grunde niemals so außerordentlich kaiserlich wie die Landarmee. Dies lag wohl daran, daß das Landheer viel eher Berührungspunkte mit dem Herrscher hatte, und daß die Herren von der Kriegsmarine durch ihre Auslands- und Überseereisen einen weiteren Gesichtskreis bekamen und überdies auch gebildeter waren. Insbesondere die U-Boot-Offiziere waren ausgesuchtes Material.
Mader blickte im Kreise der Offiziere umher. »Wer von den Herren in die Heimat will, der möge sich entscheiden. Ich muß dies nachher auch meinen Mannschaften anheimstellen! Ich bleibe hier, bis weitere Nachrichten aus der Heimat eintreffen. Ich kann diesen Posten nicht verlassen!« Die Herren schwiegen und warteten auf weitere Erklärungen.
»Ich schlage vor, wir fahren alle aus, schießen die nächsten befestigten Hafenstädte in Grund und Boden und sterben einfach mit unseren Booten,« rief ein exaltierter junger Leutnant.
»Das wäre eine böse Geschichte. Die Oberste Heeresleitung hat einen Waffenstillstand geschlossen. Wir täten unserer armen Heimat keinen Gefallen mit einem solchen Streich.«
Tags darauf verließen am frühen Morgen fünf Boote die Stadt unter dem Meere. Alle U-Boote hatten ihre überflüssigen Lebensmittel, Uniformstücke und alles sonst Entbehrliche für die Kameraden in der Höhle zurückgelassen. Im Dom 9 standen die Höhlenbewohner, die sich entschlossen hatten, in die Heimat zurückzukehren, in Reih und Glied auf einer Seite, während die anderen, die bleiben wollten, zwanglos auf dem rechten Flügelende hielten. Kurz darauf fuhr die Miniaturbahn mit Kapitän Mader und den anderen Offizieren ein. »Stillgestanden! Augen rechts!«
Mader trat vor und ließ »Rührt euch« kommandieren. Die Männer blickten schweigend auf ihren Kommandanten.
»Was auch geschieht, gedenkt eures Eides. Also verratet uns nicht. Grüßt unser armes Vaterland. Eins, zwei, drei!« Und brausend hallte es, von über zweihundert Männerstimmen, zur Decke des Domes empor: »Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!« Viele konnten nicht weitersingen. Tränen traten ihnen in die Augen. Jeder einzelne Mann trat vor und gab seinem Kapitän die Hand. In Maders Brust war ein wehes Gefühl.
»Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!«
»Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!«
Möller hatte sich davongeschlichen, saß im Ziegenstall und weinte wie ein Kind. Er hatte sich entschlossen, hierzubleiben. Seine Mutter war vor Monaten gestorben und sonst besaß er niemanden. Mader umarmte seine Offiziere, die in die Heimat zurückkehrten, dann schlossen sich die Einsteigluken, und ein Boot nach dem andern verschwand in der Tiefe.
Erwartungsvoll blickten die Mannschaften auf ihren Kommandanten. Mader holte tief Atem und sprach mit ruhig sachlicher Stimme: »Es gibt keine Armee und auch keine Kaiserliche Marine mehr. Ihr seid also freie Männer und keine Untergebene.«
Aufmerksam lauschten die Leute, zum Teil mit Entsetzen. Mader machte eine kurze Pause.
»Da Ihr euch aber entschlossen habt, zu bleiben, so muß naturgemäß eine Einteilung unseres ferneren Lebens hier unten geregelt und beschlossen werden! Es muß gearbeitet werden, und es muß auch eine Befehlsstelle geben.«

Zustimmend nickten die Leute.
»Wir haben Lebensmittel für über zwei Jahre in Konserven, Hülsenfrüchten und Gewürzen; wir haben unsere Ziegen- und Kaninchenzucht und unseren Geflügelhof, die uns auf lange Zeit hinaus mit frischem Fleisch, Eiern und Milch versorgen. Es sind noch Zigarren, Zigaretten und Kautabak in großer Menge vorhanden! Was die Arbeit betrifft, so werden wir in kleinerem Maßstabe weiter fabrizieren. Wir müssen uns eine kleinere Turbinenanlage herstellen und den Betrieb mit den Motoren vereinfachen. Seid Ihr einverstanden mit meinen Ausführungen?« »Jawohl,« tönte es von allen Seiten überzeugt zurück.
Man stand hier außerhalb des Gesetzes.
Es waren keine Memmen, sondern ganze Männer.
J’attends, antwortete sie lässig
Über Berlin stand der graue Novemberhimmel. Die Straßen sahen aus, als wären sie wochenlang nicht gekehrt worden. Mit dem Sieg des Volkswillens schien sich eine Schicht von altem Papier, von verwehtem Schmutz, von Unwirtlichkeit herabgesenkt zu haben. Der besiegte Bürger hat noch nicht gelernt, daß er nun die Straßen fegen soll, dachte Waldemar. Aber vielleicht griffen viele erlöste Volksgenossen bald wieder lieber zu einem Besen, als zu Schreibfedern und Büchern, war seine leichtsinnige Meditation. Die schmutzigen Straßen, die plötzlich die reinlichste Stadt der Welt zeigte, machten ihm Unbehagen. Auch die verwahrlosten Soldaten, die Menge schlechtgekleideter, nachlässiger Müßiggänger. Dann fiel ihm wieder ein: das Volk glaubt, es hat seine großen Tage. Die rissen es aus Druck, Sorge, Not, aus aller Tiefe von greifbarstem Elend. So schnell war das gekommen, daß sie keine Feierkleider herbeisuchen konnten und keine frohen und lichten Gebärden unter diesem Novemberhimmel erfassen. Waldemar überschritt die Potsdamer Brücke und bog in die Straße am Ufer ein. Es blieben ihm, wie er sich auf einem Stadtplan unterrichtet hatte, vielleicht noch zwanzig Häuser zu besuchen. Wenn er da Ellen v. Envers nicht fand, mußte ihre Existenz ein Traum gewesen sein, oder sie hatte die Stadt wieder verlassen, in neuer Flucht. Dieser Gedanke begann ihn zu peinigen. Wieder war das vergebliche Treppensteigen, das sinnlose Fragen, die erschrockenen oder mürrischen Antworten. Endlich sah Waldemar an einer Straße einen Blumenkeller. Chrisanthemen standen vor seinen Stufen in die Tiefe und Grabkränze aus tiefrotem Buchenlaub und Moos und bunten Tuffs luden zu pietätvollen Handlungen ein. In der Tiefe des Verkaufsraumes roch es heftig nach Thujazweigen, die Waldemar peinlich waren. Eine Frau unterhandelte mit der Inhaberin und erging sich in entsetzten Ausrufen über den Preis von Totenblumen. Die kam auch schon heran. Sie hatte den wie ausgeleierten Mund der Berliner Portierfrau, der viel redet, viel keift, viel jammert, glattes schwarzes Haar und schiefes Lächeln. Waldemar hatte nicht mehr die Kraft, neue Frische in seine Frage zu legen. Sein: »Wohnt hier ein alter Herr, zu dem dieser Tage zwei Damen, Flüchtlinge gekommen sind,« klang matt und wie ohne Interesse. Doch über das Gesicht von Frau Brandenburg breitete sich ein Lichtschein.
»Die Damen sind aus Rußland, aus Riga, nicht wahr? Und es ist ihnen alles gestohlen, nur det nackte Leben haben sie noch.«
Er stürzte mit Chrisanthemen behaftet zwei Stockwerke des Hauses hinauf. Ein paar Minuten später stand er in einem unbeschreiblich ruhigen, altmodischen und hellen Zimmer vor der Gefährtin der sonderbaren Nacht. Er fühlte bei ihrem Anblick, er hatte es nicht mehr für möglich gehalten, sie wieder zu finden. Er hatte geglaubt, sie wäre ein Phantom. Und in der sonderbaren Nacht war der Wunsch, sie möchte ihn küssen, wie eine Flamme über ihn hingeflogen. Es war sein erster solcher Wunsch gewesen. Sekundenlang sah er die Fremde an. Er machte ein paar Schritte vorwärts, lächelte kindlich, breitete seine Arme aus und umfaßte die Schultern des schönen Mädchens. Er konnte nichts dafür. Bei Gott, nein. Taumelnd trat er zurück, halb fröhlich, halb entsetzt über sich selbst. »Verzeihen Sie tausendmal, ich habe Sie so sehr gesucht. Wie ein Verfolger lief ich hinter Ihnen her.« »Kind,« antwortete sie mit leisem Erblassen. Es störte ihn nicht, daß in diesem Wort, das sein Ungestüm verzieh und verwischte, eine große Überlegenheit lag. Er sah die Fremde mit seinen lebhaften, unruhigen, blauen Augen an. Wohlgefühl überkam ihn. Das Phantom war ganz Dame. Kleidung, Haltung, Gebärde, nichts störte seine Verwöhntheit. Fräulein v. Envers fragte: »Wie heißen Sie denn? Neulich dachte ich, Sie wären ein Erwachsener, ein Student. Nun sehe ich – –«
Aber sie mußte lächeln. »Es ist doch hübsch, ein Junge zu sein. Waldemar Ring?« Mit ihrer Stimme, die so aus Fernen klang, wiederholte sie ein paarmal den Namen. Es war ein sonderbares Lächeln um ihren Mund dabei.
»Bleiben Sie zum Tee,« sagte sie. »Ich kann Ihnen freilich keine Soldatenbutterbrote geben.« Sie klingelte. Der Tee kam ins Zimmer. Sie bot Waldemar Zigaretten an, sie behandelte ihn als Knaben. Er nahm das hin. Er fragte nach dem Ergehen der Mutter und blieb noch, als schon die müde Dämmerung des Novembertages an die Scheiben geschlichen kam.
Waldemar fühlte, er wäre ganz allein mit der Fremden – irgendwo im Grundlosen jenseits der Konvention, des Zwangs. »Sie kamen von einer Revolution in eine andre – aber hier werden Sie bleiben, nicht wahr? Sie werden nicht wieder fliehen. Nicht in Ihr schreckliches Land zurückgehen?«
Sie senkte das Gesicht. »Mein Vater begriff die Zeit nicht. Er war so streng mit den Leuten. Er hatte die Ideale eines andern Jahrhunderts. Er ist an ihnen gestorben.« Ihre Stimme klang suchend. »Ist es nicht so, daß die Masse immer liebt, weil sie verkennt? Welche Liebe ertrüge ganze Erkenntnis und ganze Nähe?«
Er antwortete pathetisch und aus der Vergangenheit herüber, in der ihm sein siebzehntes Lebensjahr lag. »Ich habe den Abgrund noch nicht gefunden, in den ich mein ganzes Gefühl stürzen könnte –« aber er wurde rot dabei.
»Noch nicht?« antwortete Fräulein v. Envers. Und er sah die Bernsteinfarbe ihrer Augen leuchten.
Sie lächelte schwer und ihm unerträglich. Unerträglich überlegen, unerträglich fern. Er wurde dringlicher. Er warf Worte aus Knabenjahren in die Stunde. Jene Worte, die lächerlich für solche sind, die sie nie gefühlt haben. »Was tun Sie hier?« fragte er dann. »Sehen Sie den Menschen zu, die die Straßen erfüllen? Oder wollen Sie Redner hören?«
Sie hatte sich zurückgelehnt. Er sah das weiße Gesicht sonderbar erhoben. Stark verschönt durch die Schatten der Dämmerung. Er sah die Bernsteinfarbe der Augen leuchten.
»J’attends,« antwortete sie lässig. Es war nicht das deutsche: ich warte. Es war das siegessichere Beharren fanatischer Menschen. Wie in einem Zorn ging er nahe zu ihr. Was quälte sie ihn? Was peinigte sie ihn? Warum hatte ihn das Erinnern an sie seit jener Nacht zwischen Danzig und Berlin nicht verlassen, ihn unstet gemacht, ihm alles andre so nichtig gemacht? Böse Knabenfinger umfaßten die schmalen Gelenke des jungen Mädchens. Es war Zorn in diesem Griff.
»Ich kann Sie auf der Stelle fortschicken lassen,« sagte das junge Mädchen mit herrischer Stimme. »Was fällt Ihnen ein?« Der Zorn löste sich in eine weiche, süße Welle. Waldemar kühlte seine Lippen an kühlen Händen. Er war taumelnd vor Glück, daß ihm diese Hände gelassen wurden.
»Sie müssen gehen, Waldemar Ring.«
Wieder stürzten hundert Worte hervor. Er wollte Bücher bringen. Er wolle Blumen bringen. Er müsse von einem Plan erzählen, den er soeben gefaßt. Der Plan beträfe ein neues Drama. Er wolle den Schatten Wilhelms des Zweiten auf die Bühne bringen. Ob sie wisse, was er damit meine? Einen Menschen, der das unentrinnbare Geschick habe, immer anders zu wirken, als er sei. Oder er wolle die Revolution malen.
Vor dem kleinen Schauspieler, der sein Hirn ausrasen ließ, um zu gefallen, um eine Zärtlichkeit zu erbetteln, stand kühl und schlank, schmalhüftig und unberührt, aus tiefer Ferne ein melancholisches Lächeln holend, das russische Mädchen.
»Auf Wiedersehen,« sagte sie.
Waldemar kam von der Wannseebahn her gegen den Potsdamer Platz. Er fand Menschenaufläufe, ein Getriebe, das die Straßen verstopfte. »Was ist denn?« fragte er jemand und hörte, – es war ja heute die Beerdigung der Revolutionsopfer. Der große Demonstrationszug ging durch die Stadt. Er würde wohl gleich auf dem Potsdamer Platz eintreffen. Waldemar drängte sich durch die Menge. Vielleicht war es noch möglich, den Platz zu überschreiten. Doch es gelang ihm nicht. Er ließ sich zwar wie einen Quirl vorwärts treiben und hatte seine Schultern an hundert andern gerieben, doch zuletzt gab es eine Mauer von kleinen Tischen, Buden, die man nicht wie Menschen beugen konnte. Soldaten der großen Armee standen da als Straßenbummler, als Leierkastenmänner, als Ausrufer. Da kam ein andrer Ton. Ein Trauermarsch klang auf – rote Fahnen zogen heran – Reiter des Sicherheitsdienstes sprengten vor: Der Leichenzug der Revolutionsopfer kam von der Königgrätzer Straße her auf den Potsdamer Platz. Schwarz oder bunt gekleidete Männer gingen in müder, lässiger Haltung, sie trugen Kränze mit roten Schleifen. Sie trugen oft zu dreien und mittels frischer, greller Latten Kränze wie kolossale Räder, mit Schleifen von Menschenlänge. Dann kamen Wagen. Alle alten Droschken von Berlin, mit armseligen und mageren Rossen schienen aufgeboten, Deputationen zu ziehen. Frauen und Mädchen folgten diesen Wagen, Ladenmädchen, Arbeiterinnen, in den kurzen Röcken der Mode, die schonungslos die schiefgetretenen Stiefel enthüllten. Kleine Mädchen mit ein bißchen Ernst, andre mit der unzerstörbaren Frechheit derer auf den Gesichtern, die seit frühesten Kindertagen im Menschen den Feind und Konkurrenten sehen sollten. Männer gingen, die wickelten ihre Stulle aus Zeitungen und bissen in das freudlose Brot. Andre rauchten ihre Zigarettenstummel neu an. Die kleinen Mädchen aus den Fabriken trugen die Köpfe hoch und schauten unter grünen, blauen, roten Hüten ermunternd auf die Menge. Sie waren vollhüftig, breit, kurz, oder sie waren aufgeschossene, haltungsarme Gestalten in Mänteln und Jacken mit ausgebeulten Taschen. Zuweilen kam eine neue Musikkapelle. Kläglich klangen die jammervollen Töne einer süßlichen Melodie, die Mendelssohn erfunden, Gefühl zu peinigen: »Es ist bestimmt in Gottes Rat –« Durfte man Logik verlangen? War die Revolution in Gottes Rat bestimmt? »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt,« blies die nächste Musik. Es gab noch keine Revolutionstrauermärsche.
Plötzlich schossen Waldemar Tränen in die Augen. Er fühlte vor all diesen schrecklich gekleideten, körperlich häßlichen, mit stumpfen oder gemeinen Gebärden Behafteten, die den Särgen ihrer Genossen voranschritten, die Armut, das Elend, die jammervolle Gebundenheit des Proletariats. Er hatte noch niemals solche Menschenmassen gesehen. Und niemals eine ähnliche Demonstration. Da gingen sie, jeder einzelne in seinem Wesen vielleicht doch betroffen oder verändert vom Gefühl der Stunde: und waren so erbarmungslos vom Fluch der körperlichen Niedrigkeit gezeichnet. Dies ist ein Teil des Volkes, das wir berufen glauben, um die höchsten Güter der Menschheit zu ringen? Knechtsgestalten, ohne Anmut, ohne Würde – und doch in ihrem Empfinden Vereinte zu einem gewollten Gefühl? Oh, es war eine Demonstration. Es war eine Heerschau von greller Deutlichkeit für den, der vielleicht noch nie begriffen, was es heißt, der Tiefe anzugehören – –
Ein flacher Spediteurwagen zog heran. Er war mit rotem Stoff eilig umwunden, er hatte Gerüste aus frischen weißen Brettern: auf denen standen drei Särge. Armselig und wie nackt, trotzdem die Kränze mit den roten Blumen, den roten Schleifen um sie schwankten.
Zwei schwarze Särge, ein weißer Sarg.
»Das war ein Mädchen,« sagte ein Soldat neben Waldemar.
Ein Reiter der Sicherheitswache sprengte heran: »Hüte ab,« rief er –
Und dann kamen wieder die endlosen Wagen mit den müden, alten Pferden. Und es kamen wieder die kleinen Mädchen in den dünnen, kurzen Röckchen, durch deren elendes Gewebe man die Kälte eindringen fühlte –
Hanebüchen
Hauptmann Mandelsloh litt unsäglich. Hatte sein Haus, sein Volk dazu diese Opfer gebracht? Seine Schwiegertöchter merkten es ihm an, daß er das nahe Unglück seines Vaterlands bereits jetzt wie eigne Schmach empfand, daß ihn die Ohnmacht, es fernzuhalten, fast umwerfen wollte. Er flüchtete sich in seinen Goethe. Er las jetzt die Wanderjahre und fand im zweiten Kapitel des zweiten Buches eine Stelle: »Das israelitische Volk hat niemals viel getaugt, wie es ihm seine Anführer, Richter, Vorsteher, Propheten tausendmal vorgeworfen haben: es besitzt wenig Tugenden und die meisten Fehler anderer Völker. Aber an Selbständigkeit, Festigkeit, Tapferkeit und, wenn alles das nicht mehr gilt, an Zäheit sucht es seinesgleichen. Es ist das beharrlichste Volk der Erde; es ist, es war, es wird sein, um den Namen Jehovah durch alle Zeiten zu verherrlichen.«
Außerdem las Hermann Mandelsloh in diesen Tagen den Bericht über das Gespräch, das der Kanzler von Müller am 23. September 1823 mit Goethe gehabt hat, als im Großherzogtum Sachsen-Weimar ein in Preußen bereits seit über einem Jahrzehnt geltendes Gesetz eingeführt werden sollte, das die Eheschließung zwischen Juden und Christen gestattete. Im leidenschaftlichen Zorne hatte der alte Goethe sich über das neue Judengesetz geäußert. Im Judentum erkannte auch Hermann Mandelsloh die Wurzel des Elends, das sich mit verderbenschwangeren Wetterwolken über Deutschlands Erde zusammenballte. Schon Fichte hatte seine Stimme warnend erhoben, als er mit dem Blicke des Propheten die Staaten Europas überschaute. War es nicht wie für das Deutschland des zwanzigsten Jahrhunderts geschrieben? Er las am Familientische vor: »Fast durch alle Länder von Europa verbreitet sich ein mächtiger, feindlich gesinnter Staat, der mit allen übrigen im beständigen Kriege steht, das Judentum. Fällt euch denn hier nicht der begreifliche Gedanke ein, daß die Juden, welche ohne euch Bürger eines Staates sind, der fester und gewaltiger ist als die eurigen alle, wenn ihr ihnen auch noch das Bürgerrecht in euren Staaten gebt, eure übrigen Bürger völlig unter die Füße treten werden?«
Er besprach gerade diese Sätze Fichtes mit seinen Damen, als es draußen laut und herrisch schellte. Was war denn das? Wer erdreistete sich, in seinem Hause neue Sitten oder besser gesagt Unsitten einzuführen? Er sprang auf, öffnete die Tür und sah dem Eindringling mit gefurchter Stirn entgegen. Aber das Wort blieb ihm im Munde stecken, als er eine bekannte, jugendliche, in der letzten Zeit eigenartig männlich gewordene Stimme hörte: »Melde mich bei dem Herrn Hauptmann Mandelsloh wieder zur Stelle!«
»Junge,« schrie jetzt Hermann Mandelsloh, daß seine Damen im Zimmer auch aufsprangen und auf den Flur liefen: »Gerhard, wo kommst du denn auf einmal her? Ich denke, du bist in englischer Gefangenschaft?«
»War,« antwortete, ein Schelmenlachen im spitzbübischen Auge, der Junge. »Da bin ich ausgebüxt. Sie wollten mich nämlich nach England verschiffen, weil meine Wunde nachgerade selbst unter ihren Quacksalbern geheilt ist. Und da bin ich ausgebüxt und habe gar kein Lebewohl gesagt.«
»Kerl, Junge, Gerd, das ist ja famos,« rief der Vater. Er reichte ihm die Hand und wurde erst jetzt der Lage seines Sohnes inne, als dieser ihm zu kräftigem Drucke seine linke Hand entgegenstreckte und in gleicher Weise auch seine beiden Schwägerinnen begrüßte. Sie geleiteten ihn ins Zimmer. Wie sah er aus! Er mußte erzählen. »Als ich durch Berlin kam, habe ich Dinge erlebt, daß ich mich gefragt habe: Leben wir eigentlich noch in Deutschland? Und stehen wir noch in einem Kriege mit vier Fünfteln der Erde? Ich will mich wieder zur Verfügung stellen, denke besonders an Flandern, und bin nur gekommen, um euch erst einmal durch persönlichen Augenschein davon zu überzeugen, daß mich die Tommys doch nicht auf die Dauer geschnappt haben. Aber in Berlin! Hanebüchen, sage ich euch! Juden und Judengenossen. Um sie herum aber Volksversammlungen, Straßenaufläufe. Wo geputscht wird, steckt ein Jude dahinter und jüdisches Geld. Ganz Berlin macht ja den Eindruck, Neu-Jerusalem zu sein.«
Seine Beobachtungen trafen ins Schwarze. Juda herrschte schon jetzt in Berlin. Ganz Deutschland befand sich im Zustande eines Taumels, der Ordnung und Zucht beseitigte, die übelsten Erscheinungen an die Oberfläche brachte, die zuverlässigen Bürger von der Straße verscheuchte und Verbrechernaturen die Herrschaft einräumte. In den Zügen, auf den Bahnsteigen, – überall führten Matrosen mit roten Schleifen das große Wort, hetzten die fast tobsüchtigen Massen zu den verderblichsten Unbedachtsamkeiten auf und raubten ihnen den letzten Rest von Besinnung. In Berlin hatte der Janhagel am Bahnhof Zoologischer Garten einem der verdientesten Heerführer aus dem Kriege 1870/71 die Generalsachselstücke vom Rocke gerissen und dem völlig betäubten und wehrlosen Greise die unflätigsten Gemeinheiten nachgeworfen. Das war wie der Auftakt zu den unerhörtesten Ausschreitungen gegen jeden Offizier gewesen, der sich im Waffenrocke öffentlich blicken ließ. Und von Berlin pflanzten sich die Ausschreitungen bald durch das ganze Land fort.
Hauptmann Hermann Mandelsloh, der nach wie vor Dienst tat, – jetzt erst recht, – und die Genugtuung erlebte, daß seine Leute auf die sonst jetzt überall beliebte Wahl eines Soldatenrates verzichteten, ging nur noch mit entsicherter Dienstwaffe auf die Straße und trug eine überaus wirksame Reitpeitsche in der Hand. Eines Tages traten ihm drei Matrosen entgegen und forderten in unverschämtem Tone von ihm die augenblickliche Entfernung seiner Achselstücke. Er donnerte sie an, daß sie unwillkürlich zusammenzuckten, und schlug, als der eine von ihnen eine Bewegung machte, als ob er sich auf ihn stürzen wollte, diesem blitzschnell mit einem wuchtigen Schlage seiner nervigen Faust zweimal die Peitsche durch das freche und gedunsene Gesicht, daß er mit einem Wehlaut jegliche Angriffsabsicht aufgab. Im gleichen Augenblicke trat Mandelsloh drei Schritte zurück, holte seine entsicherte Dienstwaffe aus der Tasche, legte an, forderte die drei Gesellen barsch und schroff auf, sich auf der Stelle zu entfernen, widrigenfalls er unweigerlich von seiner Waffe Gebrauch machen werde, und erreichte, daß die dreifache Übermacht sich verzog. Das geschah so schnell, daß Leute aus seinen Mannschaften, die aufmerksam geworden waren und ihrem Hauptmann zu Hilfe eilten, nicht mehr einzugreifen brauchten. Er sagte nur: »Sie wollten eurem Hauptmann die Achselstücke herunterreißen, Leute. Da habe ich dem einen Gesellen mit meiner Peitsche zwei heruntergehauen. Und dann sind die feigen Hunde ausgerissen wie Schafsleder.«
Einer dieser Infanteristen sah den davongehenden Matrosen nach und bemerkte erbittert: »Natürlich mal wieder von die dicken Schiffe welche, Herr Hauptmann, die vom Kriege fast nix nich erlebt haben. Herr Hauptmann dürfen nicht denken, daß wir mit diese Brüder übereinstimmen.«
Am Abend besprach er mit den Seinen die Erlebnisse dieses Tages und die eben eingelaufenen Nachrichten aus Berlin. Sie zeigten, daß die Reichshauptstadt völlig in den Händen der Juden war. Allüberall waren Juden die leitenden Männer. Von Völkerbund, Weltverbrüderung, Abrüstung wurde gefaselt. »Dafür haben wir nun gekämpft und geblutet, Vater!« rief Gerhard Mandelsloh ingrimmig. »Dafür sind zwei Millionen deutscher Männer für ihr Vaterland in den Tod gegangen! Man möchte ausspucken vor seinem eignen Volk!«
Die deutsche Flagge ist um 3,57 nachmittags niederzuholen
Am 10. November war in Wilhelmshaven bekannt geworden, daß mit den Ententemächten der Waffenstillstand zum Abschluß gelangt sei. Die Kriegsschiffe der deutschen Hochseeflotte, welche die Alliierten und Vereinigten Staaten bezeichnen, werden sofort abgerüstet und alsdann in neutralen Häfen oder in deren Ermangelung in Häfen der alliierten Mächte interniert. Die Bezeichnung der Alliierten erstreckt sich auf: 6 Panzerkreuzer, 10 Linienschiffe, 8 kleine Kreuzer (davon 2 Minenleger), 50 Zerstörer der neuesten Typen. Alle zur Internierung bezeichneten Schiffe müssen bereit sein, die deutschen Häfen sieben Tage nach Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrages zu verlassen. Die Reiseroute wird ihnen durch Funkspruch vorgeschrieben. Die Nichterfüllung der Waffenstillstandsbedingungen würde von den Alliierten mit der Besetzung von Helgoland beantwortet werden. Einige Tage später wurde in Wilhelmshaven verbreitet, daß auch die der Nordseeflußmündungen angedroht sei.
Für die Abrüstung und für die Überführung mußten die Offiziere der Schiffe, die sich bis auf wenige Ausnahmen infolge ihrer Ablehnung durch die Mannschaften oder bei dem Hissen der roten Flagge von Bord begeben hatten, wieder in ihren Dienst eingesetzt werden. Voraussetzung war, daß ihnen ein gewisses Maß an Autorität zugesichert werden konnte, daß die Mannschaften nicht weiter Offiziere ablehnten und daß deren Verhältnis zu den regierungsseitig eingesetzten Soldatenräten ihrem Offizierstandpunkt entsprechend geregelt wurde. Der Flottenleitung gelang es, mit dem 21er Ausschuß in Wilhelmshaven ein Abkommen zu treffen: die Offiziere behielten nach ihm allein die seemännische Führung der Schiffe, in Angelegenheiten des inneren Dienstes hingegen mußte die Mitwirkung der Soldatenräte in Kauf genommen werden; den Mannschaften wurde das Recht, Offiziere selbständig abzulehnen, entzogen.
Die Forderung, die unbesiegte deutsche Hochseeflotte nach einem Hafen des Feindes zu überführen, stellte das Offizierskorps dieses Verbandes vor eine neue, eigenartige Aufgabe. Es wurde eine Dienstleistung von ihm verlangt, die außerhalb der durch Beruf und Stand übernommenen Pflichten lag. Sie stellte die Offiziere vor eine Gewissensfrage von außerordentlicher Bedeutung und Schwere! Die Beantwortung der Frage war davon abhängig, wie der einzelne Offizier den Begriff »Ehre« verstand: ist die Ehre des Offiziers ein Ding an sich oder ist sie mit dem Staatswohl verbunden, diesem untertan? Für beide sind Vorgänge in der Geschichte des preußischen Offizierskorps vorhanden. Für die erstere sei angeführt: das Verhalten des von der Marwitz, der im Siebenjährigen Krieg den Befehl Friedrichs des Großen, das Schloß Hubertusburg zu plündern, als gegen seine Ehre verstoßend ablehnt; er quittierte den Dienst. Für letztere: der Vertrag von Tauroggen, den York mit dem Feind, dem Russen, abschließt; das preußische Offizierskorps forderte vom König, York vor ein Ehrengericht zu stellen; der König lehnte das ab. Ich persönlich entschied mich, als die Frage durch Anforderung eines Admirals für Überführung des Verbandes nach dem Firth of Forth für mich brennender geworden war, dafür, daß die Ehre in diesem Falle dem Staatswohl zu dienen habe. Die Besetzung von Helgoland und der Nordseeflußmündungen hielt ich für so schwerwiegend, daß gegenüber dieser Schädigung des Deutschen Reiches, wenn ich sie verhindern konnte, meine Person keine Rolle spielen durfte.
Zunächst forderte die Entente nur, daß die Hochseeflotte zur Prüfung ihrer Entwaffnung nach einem englischen Hafen überführt würde. Von dort aus sollte sie zur Internierung in neutrale Häfen entlassen werden.
Der Verband erhielt die Bezeichnung Überführungsverband. Zum Flaggschiff wurde das Linienschiff Friedrich der Große genommen. Am Abend des 18. November schiffte ich mich mit meinem Stab auf Friedrich der Große ein. Er brachte uns noch in der Nacht nach Schilligreede. Am 19. November morgens wurde festgestellt, daß der Verband gesammelt sei. In einer Sitzung unterrichtete ich die Unterführer und Kommandanten der Schiffe kurz über die Grundsätze, nach denen der Verband geleitet werden würde. Eine noch ungeklärte Frage war bis dahin die Flaggenführung; kein Offizier wäre unter der roten Flagge in See gegangen; es wurde angeordnet, daß die Kriegsflagge zu setzen sei, nebenbei würde im Vortop wohl ein rotes Zeichen geheißt werden, es sei nach Vorgang des Flaggenschiffes niederzuholen. Nach dieser Sitzung fand noch eine solche der Soldatenräte statt, um den Verband-Soldatenrat zu wählen. Gewählt wurden ein Obmann mit zwei Mitgliedern. Ersterer war noch nie an Bord gewesen. Er soll durch irgendwelche Machenschaften der revolutionären Gewalt in Wilhelmshaven mit einem gefälschten Befehl des Hochseekommandos an Bord des Flaggschiffes geschmuggelt worden sein.
Für die Auffassung, die die Soldatenräte von ihrer Stellung hatten, sind die Worte charakteristisch, mit denen er sich dem Chef des Stabes nach der Wahl vorstellte: »Also ich habe jetzt den Verband übernommen und Sie sind mein technischer Berater.« Der Chef des Stabes klärte die Soldatenräte über die Folgen, die ein Führen der roten Flagge mit sich brächte, auf: sie sei Piratenflagge und zöge sofortige Beschießung und Vernichtung des Schiffes nach sich, welches sie auf hoher See führe. Diese Aussicht schwächte die Begeisterung, unter roter Flagge die Nordsee zu befahren, erheblich ab, und die Soldatenräte kehrten reumütig zu der besseren Schutz gewährenden alten Kriegsflagge zurück; nur auf ein rotes Zeichen im Vortop glaubten sie nicht verzichten zu können; auch für dieses war bereits beim Verlassen der Jade die Begeisterung geschwunden, und es wurde niedergeholt.
Die lange Reihe der Schiffe und Torpedoboote setzte sich in Formation, an der Spitze die fünf Panzerkreuzer Seydlitz, Moltke, Hindenburg, Derfflinger und v. d. Tann, dann das IV. und III. Geschwader, geführt von Friedrich der Große, ihm folgten die kleinen Kreuzer und diesen die Torpedoboote. Sie dampften wie so oft im Kriege hinaus in die Nordsee, lautlos, majestätisch, nur diesmal nicht zum Kampf für Land und Volk. Beleuchtet von den Strahlen der sinkenden Herbstsonne wurde Helgoland passiert – es glühte in allen Farben. Dann ging es über das Gefechtsfeld vom 17. November 1917, immer weiter englandwärts – – –
Der uns vorgeschriebene Weg führte durch minenverseuchte Gewässer. Er war kurz vorher für unsere Fahrt auf Minen abgesucht und durch ausgelegte Feuerschiffe für die Nacht fahrbar gemacht worden. Trotzdem stieß das Torpedoboot V 30 auf eine Mine und sank. Der Verlust betrug 2 Tote und 3 Verwundete; die Besatzung wurde von anderen Torpedobooten aufgenommen.
Und nun graute der Morgen des 21. heran, des Tages, der uns zum Einlaufen im Firth of Forth gesetzt war. Auch er war sonnig, aber doch auch stark diesig. Pünktlich acht Uhr war die Verbindung mit den englischen Streitkräften, die uns durch die Sperren geleiten sollten, hergestellt. Ein englischer Kreuzer setzte sich an die Spitze der Linie von großen Kreuzern und Linienschiffen, und mit gesteigerter Fahrt ging es dem Firth of Forth entgegen. Immer mehr englische und Ententeschiffe tauchten aus dem nebligen Hintergrunde hervor, sich vor uns setzend oder uns auf beiden Seiten umschließend und geleitend. Sogar ein französisches Kriegsschiff wurde sichtbar, ein ungewohnter Anblick in der Nordsee. Über uns kreisten Luftschiffe und Flugzeuge. Alle englischen Schiffe waren gefechtsklar. Immer wieder trug der Wind die englischen Hurras zu uns herüber. Gegen 3 Uhr nachmittags ankerte der Verband auf dem für ihn bestimmten Ankerplatz; das Ankern selbst verlief ohne weitere Störung.
Gegen 4 Uhr nachmittags traf der Funkspruch vom englischen Flottenchef ein: Die deutsche Flagge ist um 3,57 nachmittags niederzuholen und darf ohne Erlaubnis nicht wieder gehißt werden. Des Ansehens des Verbandes wegen und weil es nach den bisherigen internationalen Gepflogenheiten, z. B. im japanisch-russischen Krieg, nicht üblich gewesen war, internierten Schiffen die Flagge zu nehmen, wurde mündlicher und schriftlicher Protest gegen das Flaggenstreichen eingelegt. Wir beriefen uns in ihm auch auf das Ritterlichkeitsgefühl, daß zwischen sich achtenden Gegnern eine derartige Zumutung nicht üblich sei. Gleichzeitig wurde der deutsche Hochseechef mit Funkspruch in Kenntnis gesetzt: Englischer Flottenchef hat am 21. November angeordnet, daß die deutsche Kriegsflagge mit Flaggenparade niederzuholen und ohne Erlaubnis nicht wieder zu setzen sei. Ich habe hiergegen protestiert: es handle sich um eine Internierung. Englischer Flottenchef hat ablehnend geantwortet: Nur Feindseligkeiten seien eingestellt, Kriegszustand bestehe weiter.
Die Untersuchung auf Entwaffnung wurde gründlich durchgeführt. In den Bunkern wurden z.B. die Kohlen umgeschaufelt, in den Munitionskammern zufällig dort stehende Kisten und Kasten geöffnet. Die Soldatenräte hatten sich mit weißen Armbinden und roten Schleifen an den Fallreeps aufgestellt. Ihr Vordrängen fand seitens der englischen Offiziere und Mannschaften absolute Ablehnung. Während der Tage unseres Aufenthaltes auf dem Firth of Forth hüllte uns meist ein mehr oder weniger dicker Nebelschleier ein, der unsere Schiffe den Augen des englischen Publikums entzog. Es zeigten sich nur wenige Vergnügungsdampfer. Das englische Publikum verhielt sich, soweit wir es vom Flaggschiff aus beurteilen konnten, still und zurückhaltend; nur eine »Lady«, die an uns vorüberfuhr, erhob drohend die Faust.
Die Bucht von Scapa Flow
wird von sieben größeren und kleineren Inseln der Orkney-Gruppe umschlossen. Das Becken ist geräumig. Mehrere enge Straßen verbinden es mit der See. Der außen herrschende außergewöhnlich starke Strom macht sich innerhalb der Bucht kaum bemerkbar. Die Inseln sind bergig und felsig. Die unteren Partien des Landes zeigten etwas kümmerlichen Ackerbau, Bäume und Sträucher waren nirgends wahrzunehmen; die mittleren waren mit Heidekraut bewachsen, über sie hinaus herrscht rauher Felsen. Mehrere Fischerdörfer waren an Land, in weiter Ferne von uns, sichtbar – sonst stand hier und da an der Küste ein aus grauen Feldsteinen erbautes, unfreundlich aussehendes Bauernhaus. Mehrere militärische Bauten, wie Baracken, Flugzeugschuppen oder Ballonhallen fristeten ein einsames Dasein. Eine Wetterwarte ziert die Koppe eines der vielen Hügel. Die deutschen Schiffe und Torpedoboote waren um die kleine Insel Cava im südwestlichen Teil der Bucht verankert oder an Bojen gelegt worden. Zu ihrer Bewachung lag ständig ein englisches Geschwader und eine Zerstörerflottille in der Bucht. Eine Anzahl armierter Drifter und Fischdampfer, die Tag und Nacht um unsere Schiffe herumfuhren, bildeten die engere Bewachung. Schon das stärkere Qualmen eines Schornsteins konnte ihren Argwohn erregen. Ohne viel Aufsehen nach außen war aus dem Überführungsverband nach dem Firth of Forth der Internierungsverband Scapa Flow geworden.
Den Post- und Personenverkehr erhielten kleine Kreuzer oder Torpedoboote aus der Heimat aufrecht. Sie sollten wöchentlich einmal zum Postaustausch Scapa Flow anlaufen. Zur Erhaltung der Fahrtbereitschaft der Schiffe wurden Kohlen, Wasser, Öl, Materialien und Inventarien aller Art benötigt. Kohlen und Wasser lieferte England gegen Bezahlung, alles übrige mußte von Deutschland herangeschafft werden. Den deutschen Besatzungen war englischerseits jeder persönliche Verkehr untereinander und mit den englischen Besatzungen sowie mit dem Lande verboten. Für den Verkehr mit dem Engländer bot sich wenig Gelegenheit: die den Postverkehr vermittelnden englischen Fahrzeuge legten nicht an den Schiffen an, sondern warfen die Postbeutel im Vorbeischeren an Bord, sofern sie nicht ins Wasser fielen; nur längsseits des Flaggschiffes lagen vormittags englische Verkehrsfahrzeuge. Hier hatte sich dann bald auf Grund eines üppig emporschießenden Tauschhandels ein gewisser Verkehr zwischen den Besatzungen der beiden feindlichen Länder angebahnt, und als im weiteren Verlauf der Internierung sich die strenge Ordnung englischerseits etwas abgeschliffen hatte, kam es nicht selten vor, daß einzelne Bewachungsfahrzeuge nachts an deutschen Schiffen längsseit gingen und mit den Besatzungen Handel trieben.
Die revolutionäre Propaganda, die von einem Teil der deutschen Schiffsbesatzungen betrieben wurde, insbesondere das Hetzen gegen die Offiziere, hatte die Verbandsleitung das Verbot des Verkehrs von deutschem Schiff zu deutschem Schiff nicht gerade drückend empfinden lassen, diente es doch zur Aufrechterhaltung einer, wenn auch bescheidenen, Zucht und Ordnung. Dagegen empfand ich mit jedem einzelnen der Besatzungen das herabwürdigende Gefühl, das im Versagen des Landganges lag.
Um die Schiffe in unserem Besitz zu erhalten, mußten die englischen Anordnungen befolgt werden. Dies war nur zu erreichen, wenn der Offizier wieder die Leitung der Besatzung voll zurückerhielt und seine Autorität wieder hergestellt wurde. Die Soldatenräte mit ihrem radikalen Anhang würden aber derartigen Bestrebungen nicht nur feindlich gegenüberstehen, sondern sie bis aufs Messer bekämpfen.
Briefpost unterlag der geheimen Überwachung radikaler Elemente. Diese Überwachung hat mich u. a. veranlaßt, von jeglicher Art schriftlicher Berichterstattung an die Heimatbehörde abzusehen. Unser Schriftverkehr nach außen und innerhalb des Verbandes wurde, dem Talleyrandschen Spruch folgend: »Ein geschriebenes Wort – und ich bringe den Mann an den Galgen!« auf das äußerste eingeschränkt und das Unvermeidliche auf etwaige politische Wirkung hin scharf nachgeprüft.
Ich nahm mir vor, bei allem Überlegen und Tun den Blick auf die englische Admiralität gerichtet zu halten – sie würde in letzter Linie doch immer den Ausschlag geben. Sie mußte in uns Offizieren das England feindliche und in den Radikalen das im Ententesinne arbeitende Element sehen. Auch mußte mich ein leidliches Verhältnis zum englischen Admiral in meiner Stellung stärken, während ein schlechtes die radikalen Elemente im Verband zu Herren über mich gemacht hätte. Vor die Wahl, welche Art von Verhältnis ich zum englischen Seebefehlshaber und zu dem Obersten Soldatenrat wählen wollte, war ich bereits gestellt worden. Der Obmann des letzteren hatte mir einige Tage nach dem Einlaufen in Scapa Flow gemeldet, daß die ersten Schritte zur Annäherung an ihn von englischen Unteroffizieren und Mannschaften getan seien, ob er nun zur Aufwiegelung der englischen Flotte die nötige Propaganda treiben sollte. Wir Offiziere hatten mit der Revolution nichts gemein, wir wollten auch mit ihren Machern, die unser Land in unabsehbares Unglück und in tiefste Schande gestürzt hatten, nichts gemein haben. So verbot ich die Propaganda.
Die neue Zeit
So heißt der Titel einer Broschüre, die soeben aus München eintrifft. Sie enthält die Reden Kurt Eisners, Ministerpräsidenten des bayrischen Volksstaates, vom Ausbruch der Revolution, 8. November, bis zur Versammlung der bayrischen Soldatenräte am 30. November, und ist das erste authentische Programm einer größeren Gruppe Sozialisten und Demokraten, die die provisorische Regierung einer deutschen Provinz übernommen haben. Wo nichts zu sozialisieren da ist, da hört der Marxismus von selbst auf. Diese so einfache Wahrheit ist keineswegs Allgemeingut, und man braucht nur nach Berlin zu sehen, um keinen Augenblick darüber im Zweifel zu sein, daß man, wie Eisner sagt, in Berlin zwar radikaler redet, in München aber radikaler handelt. Eisner kennt keine Angst vor dem Bolschewismus. In Süddeutschland liegen ja wohl die Verhältnisse auch anders als in Berlin, dem eigentlichen Herde der Intelligenz. »Meine Herren«, sagt Eisner, »Bolschewismus! Ich will Ihnen sagen, worin der Gegensatz der äußersten Linken mit mir besteht. Wenn einmal die Not groß ist, und wenn Hunger ist, und Arbeitslosigkeit, dann nimmt sich eben jeder seinen Unterhalt, wo er glaubt, ihn zu finden. Der Verhungernde plündert die Bäckerläden. Das ist aber kein Bolschewismus, weder theoretisch, noch praktisch, das ist die Verzweiflung vor dem Untergang. Der theoretische Unterschied zwischen mir und den Bolschewisten besteht darin, daß ich mir gar kein Hehl daraus mache, daß es mir utopisch erscheint, wenn wir im gegenwärtigen Augenblick des Zusammenbruchs die Produktion, die Industrie und die Produktionsmittel zu vergesellschaften anfangen.«
Er fühlt einen neuen Enthusiasmus des Schaffens rings im Lande, als ob die Millionen nur darauf gewartet hätten, um befreit vom Druck nun mitzuhelfen. »Wir rufen über unser Land hinaus zu den Völkern, die gestern noch unsere Feinde waren: Wir bekennen unsere Schuld! Und bahnen damit den Weg zu innerer Verständigung und Versöhnung.«
Man darf nicht vergessen, daß so zu den Leuten noch niemand in Deutschland gesprochen hat. Eisner rechnet ganz richtig: Würden die Massen in Berlin erwachen – sie sind entkräftet und unterernährt, außerstande zu handeln –, so ließe sich rasch eine Verständigung über ganz Deutschland im Eisner’schen Sinne erzielen. Aber die in Berlin machen Weltrevolution und haben nicht einmal die Kraft, das Auswärtige Amt auszuräuchern, bekämpfen den Weltkapitalismus und brauchen doch auswärtige Kredite, wenn sie nicht verhungern wollen.
Das Volk mit Bajonetten wieder zur Arbeit treiben
Waldemar stand in der Nähe des Brandenburger Tors. Es war ein graukalter Dezembertag. Schon lange, lange wartete Waldemar mit tausend, tausenden andrer Menschen. Die Truppen hatten den Einzug durch das Brandenburger Tor gefordert. Inschriften schwankten im Wind – sie sprachen von Brot und Frieden, vom Gruß der Heimat. Die Menschen standen wie Mauern. Der Platz mit den schrecklichen Steinbildern Friedrichs und Viktorias war von Menschen erfüllt – in der alten Triumphstraße, den Linden, drängten sie sich und warfen ihre Fülle bis gegen die Häuser: auf Treppen, Gesimse, ja bis auf die flachen Dächer des Pariser Platzes. Die Bäume trugen sonderbare Früchte: kleine Jungen. Die schönen Kugelbuchse des Platzes wurden bestiegen, als seien sie aus Malachit. Ganz aus weiter Ferne hörte man das Aufklappen von Hufen, das Rollen der Geschütze – den Tritt der Mannschaften. Die Kinder auf den Bäumen wurden wie flinke Eichkatzen, die Menschen an den Fenstern sehen aus, als wollten sie sich herunterstürzen, die Leute auf der Straße wuchsen höher. Musik zog heran. Hinter ihr die Soldaten. Waldemar sah nur Helme, Gesichter und Fahnen. Die fröhlichen, leuchtenden Sommerhimmelsfarben der Bayern, Württembergs schwarz-rot, Sachsen-Ernestinerfarben und die Banner Preußens. Das Bundesbataillon eröffnete den Einmarsch. Sie standen fest vorm Brandenburger Tor, wie es zu grüßen. Es gelang Waldemar, ein wenig näher zu kommen. Da sah er, Männer, die ihre Kinder mit auf den Pferden gehabt, ließen sie absteigen. Hier, vorm Brandenburger Tor. Und die Menge jubelte – vielleicht sah sie in dieser Geste die neue Freiheit – sah es wie einen alten Germanenzug – der Weib und Kind umfaßte. Und Waldemar sah, diese begrüßenden Menschen weinten – fassungslos manche, die andern so still. Sie sahen dieses Heer heimkommen zu unglücklichster Stunde – sie sahen schöne und kühne Gesichter unter den Stahlhelmen – sie sahen aufrechte Gestalten im Sattel.
Waldemar schlängelte, drehte sich durch die Massen – kam an den Mauern des Tores vorbei – kam wie ein Quirl durch die Aufgeregten des Pariser Platzes bis in die Nähe der großen Tribüne. Friede und Freiheit grüßten Worte in die Luft. Die Soldaten faßten wieder Tritt, und zogen auf dem alten Königsweg herein nach dem Pariser Platz. Sie machten Halt an der großen Tribüne. Dort waren die Vertreter der neuen Regierung, die Volksbeauftragten, die Männer, denen heute die Mehrzahl der Nation ihr Vertrauen gegeben. Waldemar sah einen Untersetzten, Lebhaften, Temperamentvollen den Zylinder schwenken – er verstand auch ein paar Worte der Begrüßungsrede: »Eure Opfer und eure Taten sind ohne Beispiel.«
Es klang warm, stark empfunden, bewegt – gewiß dachte er nicht der Geschichte, die Preußen groß gemacht hat. Und plötzlich begriff Waldemar: aus Tradition und Treue wird nie eine neue Gesellschaftsordnung, nie eine Umwälzung des Staates geboren. Die Erneuerer müssen immer erst Zerstörer sein.
Es drängte ihn zu Ellen. Sie saß mit dem Großvater beim Tee. Es war ein hübsches Bild, der weißhaarige Alte und die seltsame Enkelin in dem stillen, wie weltabgeschiedenen Zimmer. Wie hält es Ellen hier aus, fühlte Waldemar und ihr »j’attends« kam ihm in den Sinn.
Waldemar schilderte den Einzug des Heeres. Dies interessierte den alten Herrn sehr. Er wurde belebt, angeregt und begann nun seinerseits von politischen Erinnerungen zu sprechen. »Ich bin schon dreiundachtzig Jahre alt. Als vierzehnjähriger Gymnasiast habe ich die Märzrevolution von achtundvierzig in Berlin miterlebt. Sie scheint vielleicht wie ein Kinderspiel gegen die furchtbaren Umwälzungen von heute. Aber damals waren es Ideen, die die Menschen trieben, Ideen für ein neues Deutschland, Bildungsideen verknüpft mit freiheitlichen Wünschen. Es war doch Klang und Schwung im Jahre Achtundvierzig. Heute ist es nur der Schrei nach Geld und Macht – –«
Die Enkelin lächelte unmerklich. »Der Bolschewismus ist wohl eine große Idee –« sagte sie, aber der alte Herr verstand sie wohl nicht, er fuhr fort. »Preußen haben seine Bajonette groß gemacht, das läßt sich nicht leugnen. Und gegen die Crapule, die heute obenauf ist, werden die Machthaber, die heute von Freiheit und Gleichheit reden, auch wieder die Bajonette gebrauchen. Sie werden sonst endlich eine unübersehbare Horde von frechen Müßiggängern sehen – denn keiner von den Arbeitern wird mehr arbeiten wollen, wenn er erst merkt, der Staat bezahlt auch das Nichtstun –«
Waldemar wurde interessiert. Konnte es in Deutschland wirklich so weit kommen, daß man das befreite Volk mit Bajonetten wieder zur Arbeit treiben mußte?
Der alte Herr kam wieder auf seine Erinnerungen von Achtundvierzig. »Wie hat das die Menschen erschüttert! Der König wurde gezwungen, die toten Revolutionäre zu grüßen. Sie schleppten die Leichen der Märzgefallenen in den inneren Schloßhof und Friedrich Wilhelm mußte vor ihnen salutieren. Es war so unerhört.«
Sie waren allein. Der alte Herr hatte sich in sein Zimmer zurückgezogen, um ein wenig zu schlafen. Nun stand sie mitten im Raum – sie bog die Schultern ein wenig zurück – die Linie ihres Halses stand steil und reckte das Kinn. Ein Ton von Hochmut und Überdruß war in ihrer Stimme: »Oh, wie ihr euch alle einspinnt in Erinnerungen – das ewige Gestern ist euer Glück –« Er stand neben ihr, verliebt, heftigen Wollens, in hingelöster Empfindung.
»Ich habe keine Erinnerungen. Mein Leben geht an in der Nacht von Danzig nach Berlin –«
Und von ihrem Lächeln kühn gemacht, breitete er seine Arme aus wie beim erstenmal des Wiedersehens – lachte kindisch und glücklich auf und riß ihr Gesicht an seinen Mund. Feuer sprang von einem zum andern.
»Du bist so jung,« sagte sie.
Dann wieder losgelöst, von Lebhaftigkeit erfüllt, begann Waldemar plötzlich wie ein Händler seine Waren auszulegen. Gebärdenvoll, wie ein Akteur durch das Zimmer laufend, schilderte er seinen heranfließenden Reichtum, sprach er von dem Strom der Möglichkeiten, die kamen, die alles eröffneten, was man vom Leben wollen konnte. »Magst du das?« fragte er zärtlich. Und er fabelte: »Der Friede wird sein – die Grenzen der Länder schwinden. Wir können durch das ganze alte Europa fahren zu all den kostbaren Städten, die es gibt – «
Doch Ellen saß plötzlich zusammengeknickt da, hatte das Gesicht in den schmalen Händen und schwieg zu all den stürzenden Erzählungen des Erben. Sie fragte nicht einmal, wieso und warum er plötzlich ein so reicher Jüngling sein würde.
»Was hast du, Liebste?« Sie erhob ein wenig das Gesicht. Ihre Augen waren ganz dunkel geworden. »Denkst du nicht an die tausend Brüder, die in Ketten liegen? Denkst du nicht daran, wie sich durch die Welt die Wüste dehnt? Die Wüste der Gleichgültigkeit? Was ist denn am Ende von all dem Sein?«
»Was gibst du dich dem Fremden so hin?« fragte er weich. »Alles, außer uns ist doch das Fremde. Wenn sich die Wüste durch die Welt dehnt, glaubst du nicht, daß sie eine Bestimmung hat? Daß alles Unglück und Quälen Namenloser, Vergangener, Künftiger nur wie der Nebel ist, der manchmal zur Nacht unser eigenes Licht ersticken will? Alles Leben ist ein Kampf mit diesem Nebel. Verstehst du, ganz im Unbewußten.«
»Woher weißt du solche Dinge?« fragte sie erstaunt.
Er stand in der großen Ahnung seiner achtzehn Jahre vor ihr, lächelte und sagte: »Von dir.«
Und dann bog er sein Gesicht zu dem ihren.
Als er ging, waren die Straßen schon stiller.
»Auf morgen,« hatte Ellen zu ihm gesagt – auf morgen –
Freiwillige für M.G.-Ss.-Abteilung
Dringender Bedarf an Schützen, Unteroffizieren und Waffenmeisterpersonal für neuaufzustellende M.G.-Ss.-Abteilung im Ostschutz. Abzeichen der Abteilung: Silbernes Eichenlaub am Kragen, M.G-Ss.-Abzeichen am linken Arm. Bedingungen: wie bei den übrigen Grenzschutzformationen; straffste Disziplin und Unterordnung ist Vorbedingung. Eiserne Kreuze werden wieder verliehen.
Frh. v. Liliencron, Hauptmann, im Felde Kommandeur der M.GSs.-Abt. 31.
In Berlin, der Stadt wovon man bisher wohl sagen hörte, daß sie das Hirn wäre
woher das deutsche Volk geleitet würde, hatten sich die Hauptstraßen und Plätze verwandelt. Wo früher der Strom eines bunten Verkehrs in der Großartigkeit eines ebbenden und steigenden Lärms wie von einer unsichtbaren Hand geregelt dahin floß, stauten sich jetzt die strömenden Menschenmassen, bildeten kleine, wimmelnde Gruppen, stoben auseinander zu der Wirrheit eines Haufens schwarzer Punkte, wohinein eine Handgranate geplatzt ist. Verhandelt zu werden schien nur, was nach den noch bestehenden Gesetzen verboten war: Lebens- und Genußmittel aller Art zu Wucherpreisen und zum Nutzen jener, die sich alles kaufen konnten, gegen die aber die Staatsumwälzung gerichtet war. Dieser Handel wurde an allen Ecken und Plätzchen, in allen Kaffeehäusern und Wirtschaften schamlos betrieben, sodaß Geschäftshäuser ihre Bedeutung verloren zu haben schienen. Laster, die ehedem nur in den dunkelsten Winkeln und Vierteln oder an anderen Orten ganz geheim unter den spitzfindigsten Vorsichtsmaßregeln sich selbst förderten, entfalteten sich in ihrem blendenden Glanz und giftigen Dunst im Zentrum der Riesenstadt. An Tischen, die aus den nahen Kaffeehäusern, Bars und Wirtschaften geholt waren, wurden Haufen Papiergeldes verspielt, verloren und gewonnen, und Soldaten der Regierung, spartakistische Hetzer, Greise, Frauen, Jünglinge, ja Knaben standen trotz der beginnenden Winterkälte gierig herum, schrien, wenn einer verlor oder gewann, bis daß sie selbst einen freigewordenen Platz wie im Rausch einnahmen, setzten eine Summe, deren Papierbetrag sie krampfhaft in der Hand hielten, verloren oder gewannen. Mädchen, behangen von blinkendem Geflitter, strömten unnennbare Parfüme aus und boten sich mit bedeutungsvollen Blicken oder mit vieldeutigen Worten der Männerwelt an. In gewissen Raumabständen stand ein Mann oder eine Frau in einem Kreise, worum es sich wie um den Sitz eines Bienenschwarmes bewegte, und sprach heftig mit vernichtenden Gebärden gegen das, was um hundert Meter weiter eine andere Person in einem ähnlichen Kreise als das Heil für Deutschlands Errettung anpries mit derselben Leidenschaftlichkeit oder Schlauheit, wie in nächster Nähe die Schieber ihre erschacherten und die Gauner ihre gestohlenen Waren feilboten. Auf den Fahrdämmen zwischen dem sausenden Gewirre spiegelblanker Schieberautos und verbrauchter Mietskutschen rasselten gewaltige Lastautos, bewaffnet mit Maschinengewehren und besetzt mit finsteren oder grinsenden Gesichtern unter Stahlhelmen, ohne daß sich jemand, der ihnen nicht ausweichen mußte, sonderlich darum gekümmert hätte. So schamlos, so würdelos war dieses Treiben, daß der verächtliche Blick, womit Offiziere in französischer, englischer und italienischer Uniform hie und da die Menge streiften, berechtigt schien.
Auf beiden Bürgersteigen schossen sich vorwärtsstoßend, sich windend, jetzt stillstehend, wie um zu handeln, dann aufspringend und sich bückend durch die gehenden, auseinanderlaufenden, sich ballenden, sich drängenden Menschen ein paar Jungen. Da, wo sie liefen, stieg eine lang schrillende Stimme auf. »Freiheit! Freiheit!« rief sie. Merkwürdig zauberhafte Worte, denn jeder hörte sie trotz des Lärms, und jeder bekam einen Augenblick lang einen anderen Zug ins Gesicht – wie ein Spottlächeln war es oder wie eine Hoffnung oder wie eine Zuversicht, stets aber geheimnisvoll. Freiheit! Freiheit! schwebte es schrill, aber herrschend über allem Betriebe. Die Schattenrisse der Jungen verschwanden. In der Hand flatterte ihnen ein Fetzen Papier – eine Zeitung.
Wir sind jung, sagte Waldemar Ring. Zerbrich, was hinter dir liegt
Der Bürger las mit Schaudern in den Morgenblättern, daß die Matrosen die Nacht zum Christtag benutzt, aufs neue das Schloß zu stürmen. Der Bürger las voll Grauen, daß man den Stadtkommandanten mit den Leichen der gefallenen Aufrührer in dieser Nacht im Marstall eingesperrt habe. Las man diese Zeitungen in der Provinz, so mußte man denken, die Berliner hätten sich in dieser Nacht gefühlt, wie die Unglücklichen einer beschossenen Festung. Man mußte denken, niemand schlief im Aufruhr der Kannonade, niemand dachte mehr, seines Lebens sicher zu sein. Doch die Bürger von Berlin, soweit sie nicht in der Nähe des Schlosses wohnten, erfuhren das Gräßliche durch die Zeitung.
Waldemar ging am Schloß vorüber, sah die neuen Zerstörungen aus den Weihnachtsnächten, sah die alten vornehmen Plätze von Neugierigen bestanden und doch wie verödet. Er kam in die Gegend hinter dem Schloß, las, eine schmutzige, belebte, ihm unbekannte Straße hieß Rosenthalerstraße – und ging weiter, plötzlich von einer Neugier befallen. Er war immer nur im schönen, eleganten, stillen, vornehmen Berlin gewesen. Ein enger, häßlicher Platz kam. Von dem zweigten Straßen ab, die Grohmann-, die Gipsstraße. Drehorgeln klangen auf, mit heiseren Stimmen boten Verkäufer Eßwaren an. Kleine Buden waren da mit abscheulichen, fast grellroten Würsten, Pferdeware, um die sich die Leute rissen. Grüne Torten von einer scheußlich schillernden Farbe, mit rosa Schaum bekrönt, Gebilde, bei deren Anblick es einem übel wurde, waren von Arbeiterfäusten umkrampft, von Mädchen mit glänzenden Augen gegessen. »Der Mensch ist, was er ißt,« dieses Wort fiel Waldemar ein, er war angeekelt, und doch wie festgebannt, diese Leute anzusehen.

Soldaten mit roten Kokarden, Matrosen mit den Gesichtern von Seeräubern standen hier, verwahrlost, verschmutzt, wie eine Horde Zuchthäusler anzusehen und boten Dinge zum Verkaufe aus: alte Stiefel, alte Hosen, Frauenstrümpfe, Hemden, Nähfaden. Zuweilen fuhr eine Hand in die Tasche und zog aus den grauen Kleidern irgend ein Wertstück: Silberzeug, Schmuck, eine Uhr und dergleichen. In der Mitte der Gasse stand ein Glücksrad. Lachend warfen Männer und Frauen schmutzige Scheine hin. »Ich habe schon zweihundert Mark verloren,« sagte ein wenig kläglich ein junger Mensch zu einem Soldaten. Der antwortete wegwerfend: »Ich habe sechshundert verloren, was macht det denn? Du kannst dir ja doch nischt koofen –«
Und die schmutzigen, stumpfen Hände warfen neue Geldzettel hinüber zu dem freudigen Rad. Waldemar faßte sich ein Herz. Er sprach einen Burschen an, der ihm ein besseres Gesicht zu haben schien als seine Umgebung. »Was machen Sie denn hier?« sagte er. »Wir warten auf die russischen Brüder.«
»Aber glaubt ihr denn, die russischen Brüder meinen es besser mit euch, als die Berliner?«
Der Soldat lachte freundlich. Er war nicht auf Dialektik eingerichtet. Mit einem kindlich frohen Gesicht sah er gutmütig auf Waldemar und wiederholte: »die russischen Brüder.« In Waldemar erwuchs der Drang zu einer Verständigung. »Sind Sie in Berlin zu Hause? Finden Sie keine Arbeit?«
Der Soldat verlor nicht die freundlichen Züge. »Wollen Sie rauchen?« fragte er und bot Waldemar eine Zigarette –
Beschämt lief er die Gasse hinunter. Er sah in Gesichter, vor denen ihm ein leiser Schreck kam: feiste, freche Matrosengesichter, mit grell lichternden Augen – trübselige Landwehrmänner, jämmerliche, verbeulte Gestalten, die eine Hand an die Tasche gekrampft hielten, in der wohl Wertvolleres zum Verkauf bereit lag, als die alte Hose, welche die andre Hand schwenkte –
Das waren die Soldaten des großen Krieges – –
Waldemar rannte davon –
Er überschritt die Potsdamerbrücke. Er stürzte hinauf zu Ellen. Sie empfing ihn wie einen sehnlich Erwarteten. Wärme, Heiterkeit, Lachen ging von ihr aus. Lachend erwiderte sie seine stürmische Umarmung. Der Grund dieser rätselhaften Heiterkeit war ein Brief von Rosa Luxemburg. Sie forderte Ellen auf, ihre Erfahrungen aus Rußland in einem Vortrag auszusprechen. Waldemar erregte sich. Nein, er wolle nicht, daß sie das täte. Sie gehöre ihm. Sie sei seine Herzliebste und sollte nicht zu vielen Leuten ihre schöne Stimme reden lassen. Ellen v. Envers lachte. Er hatte sie noch nie so herzlich und froh lachen sehen. Er küßte sie stürmisch und von dem Brief der Luxemburg war nicht weiter die Rede.
Waldemar hielt in seinen schmalen und sehr schlanken Händen Ellens Gesicht. So nahe war er ihr, daß die Linien fast erloschen, nur noch die Farben wirkten. Der rotrote Mund, die bernsteinfarbigen Augen. Sie hatten heute den Blick in die Ferne verloren. Sie gehörten der Stunde und spiegelten Waldemars Augen.
»Wir sind jung,« sagte Waldemar Ring. »Zerbrich, was hinter dir liegt. Wie ich es zerbreche. Wir wollen auf einen fernen Stern miteinander ziehen und alles neu beginnen.«
Sie lächelte, entzog sich seinen Händen, ließ spielerisch die ihren durch sein braunes Haar gleiten und fragte ihn, was er denn zu zerbrechen habe. Es waren so unzählige Dinge, daß Waldemar nicht ein einziges nennen konnte.
Sie neigte ihm ihre Lippen zu –
Aber er küßte sie nicht. Aller Wille in ihm spannte seine Züge, sein Bewußtsein.
»Wirst du mir angehören – ganz – ganz angehören –«
»Ich will,« antwortete sie.
Er mochte nicht heim die Nacht.
Die Braut des wahren Revolutionärs! Hebt sie nach vorn!
Es war gegen 10 Uhr morgens, als unter einem grauen Schneedunste, den man als feuchten Schleier fühlte, eine ordnende Bewegung unter den Wirrwarr von Menschenströmen und Menschengruppen, Autos und Wagen der Straße Unter den Linden kam. Sie nahm die Richtung nach dem Denkmal des Alten Fritz, wo ein Mann in Matrosenkleidung hinaufkletterte bis zum Sockel, worauf die stolz trabenden Beine des Pferdes standen. Zwischen das rechte Vorderbein, das in die Erde gestemmt, und das linke Vorderbein, das mit seinen bewegten Muskeln die Luft mit ihren Widerständen majestätisch zu verachten schien, stellte sich der Matrose, nahm seine Mütze mit den wehenden Bändchen ab, und sie in der Luft schwenkend, rief er mit einer Riesenstimme, die nach den ersten Lauten die Menschenmasse des großen Platzes zu einer seltsamen Ruhe zwang: »Freunde der Freiheit! Genossen! Wenn wir auf allen Straßen Schieber am Werke sehen, die Fleisch, Mehl, Zucker, Fett, Öl, Tabak, Zigarren, Zigaretten, Schokolade, Kleider, Wolle an die Reichen verhandeln, obgleich dies alles den Armen zugute kommen sollte, dann gibt es dafür eine Ursache. Wenn wir auf allen Straßen schon morgens die Geilheit in verführerischen Kleidern Opfer werben sehen aus Furcht, sonst für den Abend leer auszugehen, dann gibt es eine Ursache dafür. Wenn auf allen Straßen Soldaten und Zivilisten gehen und heimlich oder offen Waffen tragen, wenn man nicht weiß, ob man in der nächsten Minute in einem blutigen Zusammenstoße von Menschen derselben Sprache, derselben Herkunft, derselben Not seinen Tod finden wird, dann gibt es dafür ebenfalls eine Ursache. Der Mensch ist gut! Er ist gut von Geburt. Aber dann wird er nicht gleichmäßig zum Guten erzogen, sondern zum Bösen; dann wird das Kind reicher Leute zum Genuß, zur Herrschgier, zur Ungerechtigkeit, zur Grausamkeit herangezüchtet; dann lernt das Kind armer Leute den Neid, die Habgier, den Trotz, das Mißtrauen, den Haß, die Rache. Die Klassengegensätze, die ungerechte Verteilung des Besitzes, die Wohnställe der Armen, die Paläste der Reichen, die ungerechte Ausbildung der Menschen, die nicht etwa nach der Größe der Begabung, sondern nach der Größe des Geldhaufens vorgenommen wird, das hat den Menschen böse gemacht. Und das ist die Ursache unseres Zusammenbruchs, unseres Aufruhrs, unserer Hoffnung …«
Er warf seine Sätze wie Feuerbrände in die Gesichter der Lauschenden, und es war, als ob er tiefste Abgründe damit grauenhaft erhelle. Er schien ganz ruhig, groß und gewaltig wie eine vor den grünlichen Bronzeleib des Denkmalpferdes aufgerichtete ebenfalls aus Bronze gegossene Gestalt, denn nur die Lippen bewegten sich aus nächster Nähe sichtbar an diesem Redner. Er forderte die Gleichheit der Klassen, die Aufteilung der Vermögen, die Sozialisierung der Wirtschaft; er kämpfte gegen die Revolutionsregierung, denn diese paktiere mit den Kapitalisten, weil sie zu schwach wäre, den ganzen Sozialismus zu wollen.
Niemals konnte ein Redner so lange unwidersprochen reden. Zwar schienen die Zuhörer nicht jene zu sein, die sich sonst auf den Straßen herumtrieben und nur danach lüsterten, wie sie sich vergnügten und wie sie das Geld dazu bekommen könnten. Die Gesichter, die der Rede lauschten, waren nicht zügellos vor Habgier, Wollust und Herrschgier; solche Gesichter gab es ja auch, aber in ihnen war alles zu einem Grinsen verzogen. Die meisten Gesichter waren voll abgehärmter, zerbissener Linien und Furchen, waren nichts wie fleischlose Muskeln, die eine sonderbare Hoffnung strafft, die ein harter Wille spannt, waren entweder Sorgengesichter, mit Augen leuchtend wie die von Kindern, die die Wirklichkeit eines Märchens erwarten, oder waren entschlossene Gesichter, die für das Leiden vieler Jahrzehnte Entschädigung heischten und mit finsterer Unerbittlichkeit darauf bestehen wollten wie auf einen Schein. Die Menschen stammten aus fernen Vierteln der Millionenstadt, aus armen, kalten Wohnungen, die mehr Schlupfwinkel des Elends als Wohnzimmer für Menschen sind. Seit der Staatsumwälzung waren sie gewohnt, ihre Meinung ohne Furcht hinauszubrüllen, wenn es sein mußte. Warum schwiegen sie jetzt und preßten die Lippen fester aufeinander? Lag es daran, daß des Redners blaue Matrosengestalt, von Ferne gesehen, sich mit dem grünen Bronzeleib des Denkmalpferdes in der Farbe verwischte, daß man sie also nicht erblickte, sondern nur vom Denkmale her eine rätselhaft gewaltige Stimme erhitzende Gedanken durch grauen Schneedunst niederwerfen hörte, eine Stimme, deren Gesicht geheimnisvoll blieb, furchtbar drohend, Seelen aufreißend – eine Stimme aus der Höhe, so klar und wuchtig – Posaunenstöße – eine Rede wie ein Gericht?
Da fiel durch den Schneedunst, der alles verschleierte, von der Sonne her ein gelbroter Lichtstreifen auf den in eiserner Ruhe stehenden Matrosen. In demselben Augenblick schrie, ohne daß sich der Redner dadurch im mindesten stören ließ, eine Mädchenstimme grell auf: »Das ist er ja! Er, er! Jan!«
Sofort wurden zischende und fluchende Stimmen laut, um das Mädchen, das so außer aller Gepflogenheit ihr Begegnis und plötzliches Wiedererkennen hinausschrie, zur Ruhe anzuweisen. Ein junger Mann, der auf das Fräulein einen Blick gerade im Augenblicke geworfen hatte, als es außer sich ihre Rufe ausstieß, und der dabei den außerordentlichen, fast blendenden Jubelglanz in seinen Augen gesehen hatte, wendete sich zu ihm und meinte, um den Zorn der Umstehenden erklärend zu mildern, daß sie alle nichts von den Worten des größten Redners der Revolution verlieren wollten, und daß das Fräulein aus diesem Grunde ruhig bleiben möge. Als er darauf sah, wie das Fräulein versuchte, sich zwar langsam und geschickt, aber dennoch vergebens mehr nach vorn zu schieben, augenscheinlich um dem, den sie mit viel Freude wiedererkannte, näher zu kommen, vielleicht gar um ihn nach der Rede sprechen zu können, flüsterte er ihm zu, daß es die Mühe nur lassen solle, denn es wäre leichter, durch eine steinerne Mauer zu brechen als durch die Mauer von Menschenleibern, die vor ihnen wäre und die so dick und fest wäre, daß man es nicht sagen könne. In dem Gesichte des Fräuleins sah er da plötzlich eine solche Angst und Sorge, daß er in einem flinken Entschlusse sagte, es solle den wiedergefundenen Liebsten trotz alledem nach der Rede sprechen können. Er nahm dabei sein rotes Asternblümchen, das er als Sinnzeichen der Revolution im Knopfloche trug, und steckte es ohne Umschweife dem darüber erstaunten und verlegenen Fräulein zwischen die blaßroten Lippen, ergriff die jugendlich sehnige Gestalt unter die Arme, hob sie im Schwung seiner kräftigen Arme vergnüglich hoch und rief seinen Vordermännern zu: »Achtung, die Liebe unseres Jan Wetter! Die Braut des wahren Revolutionärs! Hebt sie weiter nach vorn! Sie will bei ihm sein!«
Und schon fühlten die Vordermänner eine weiche Frauenlast auf ihren Schultern, lachten leise und hoben sie schäkernd trotz der Schimpfe einiger Frauen etwas mehr nach vorn. Obgleich überall einige da waren, die diese seltsame Beförderung eines jungen Mädchens über das Köpfemeer der Versammelten hinweg der dadurch entstehenden Störung wegen empörte, ging es immer weiter nach vorn, bis die durch tausend starke Männerarme wie auf Federn vorwärts Geschnellte am Sockel des Denkmals vom Alten Fritz, da wo Jan Wetter von seinem hohen Sitz heruntersteigen mußte, sich wieder fand, noch immer das rote Asternblümchen zwischen den Lippen gepreßt, den Hut verschoben, die Züge aus Freude und Scham lieblich verwirrt. Nachdem sie ihre Kleider, die durchaus in Ordnung waren, nach Frauenart bestrichen hatte, ordnete sie ihre schwarzen lockigen Haarsträhnen, die ihr ins heiße Gesicht fielen, und fand sich dann, ohne zu bedenken, daß ihr Hut schief sitzen und der ordnenden Hand am meisten bedürfen könne, langsam in eine ruhige, abwartende Haltung, indem sie ihren glänzenden Blick hinauf zum gewaltig ansteigenden Reiterstandbilde richtete und nach dem Matrosen spähte. Aber sie erblickte nur eine große, blutrote Fahne, die eine kleine, überaus kräftige Hand in der grauen Schneeluft, die kein Sonnenstrahl mehr durchleuchtete, mit Leidenschaft hin und her flattern ließ, und sie hörte eine Stimme, die sie wegen ihres orgelnden Brausens kaum als die ihres Jan wieder erkannte, mächtig rufen: »Vergesset nie, Proletarier, daß ihr zum ersten Male seit Jahrhunderten die ganze Macht über eure Zukunft in Händen habt!«
Während der Redner an der Hand des Alten Fritz die rote Fahne befestigte, schrie eine Stimme aus der Menge. »Wir handeln! Waffen! Waffen!« und ein Arm wies auf die Panzerautos, die den Platz umstanden. In demselben Augenblicke geschah es, daß tausend und aber tausend Werbezettel, die bestrickende Einladungen zum Beitritt zu der spartakistisch-kommunistischen Partei als das erste Erfordernis zum tatkräftigen Handeln enthielten, alle zehn Meter, wie aus einem Füllhorn von einer Hand geworfen, über das Köpfemeer flatterten. Während zahllose Arme sich wie Fänge danach ausstreckten und die verschiedensten Rufe die Luft in einem betäubenden Lärm durchschwirrten, war Jan Wetter vom Denkmal heruntergeklettert.
Als das junge Mädchen den strammen Burschen, der eine große Persönlichkeit geworden war, nicht weit von sich auf Beinen, die leise bebten, stehen, die offene, nackte Brust heftig atmen, das eckige Gesicht mit dem Bocksbarte ganz grau und mit Schweiß bedeckt der wogenden Menge zugerichtet sah, entfloh ihr eine Gebärde des Schreckens. Da kam er auf sie zu, schaute sie, als ob ihre Anwesenheit ihn weder erstaunte noch erfreute, an mit starren, glanzlosen Augen, die von ganz etwas anderem wie von Liebe erfüllt schienen, rückte ihr mit einer rauhen Handbewegung den Hut, der ihr lächerlich schief saß, gerade und sagte mit heiserer Stimme, die das verlangende Mädchen so schmerzte, daß sich die glatte, anmutig gewölbte Stirn vielfach und häßlich runzelte: »Warum bist du aus dem Kohlenrevier nach Berlin gekommen? Du Kleine! Ich werde in ein paar Tagen bei euch sein und den Willen der Bergarbeiter organisieren.« Hastig rief sie, denn die Menge sang rauschend die Internationale, daß sie alle in Sorge um ihn gewesen wären, da er als Hochverräter in Kiel im Gefängnis gesessen und hingerichtet werden sollte, sie ihn doch noch einmal sehen, sprechen … da unterbrach er sie mit einer zerschneidenden Handbewegung und befahl ihr: »Du fährst gleich wieder heim. Du grüßest alle und sorgst dafür, daß ihr euch beruhigt.« Begierig auf ein wärmeres Zeichen der Liebe, flehte sie ihn mit den Augen an, aber er schoß mit den Blicken schon nach verschiedenen Gruppen von Männern, die sich aus den auseinandertreibenden, singenden Menschenwogen gebildet hatten und die auf ihn zu warten schienen, und mit den Lippen murmelte er, wie unbewußt ergriffen, die Worte des Liedes, das Tausende von Stimmen sangen: »Das Recht wie Glut im Kraterherde nun mit Macht zum Durchbruch dringt!« Da drückte sie ihm schnell die Hand, die leise bebte, und rief des allgemeinen Lärmens wegen laut und dann noch lauter: »Jan, Jan, mach alles gut, wir lieben dich noch immer!« Dann verschwand sie in der Menge, ehe er, der mit den Gedanken wo anders weilte, es bemerkte.
Seine Lieblosigkeit beklomm sie so, daß sie wie in einem Schauer, der kälter war als der Schneedunst in der Luft, fröstelnd ausschritt. Sie mußte sich den richtigen Weg nach ihrem Hotel des öfteren neu erfragen, irrte doch und gelangte mühsam an. Dort ordnete sie ihr geringes Reisegepäck, zwang sich, etwas aus ihren Vorräten zu essen und fuhr dann mit dem nächsten Zuge, der, ein Bummelzug, so überfüllt war, daß sie zwischen Tür und Angel stundenlang stehen mußte, nach Hause. Schneeblaken fegte ein eisiger Wind durch die offene Tür eines alten Wagens vierter Klasse gerade ihr in den Nacken oder ins Gesicht, wenn ihr der Nacken zu kalt geworden war und sie sich deswegen umgedreht hatte; Qualm von Rauchern, vermischt vom Atem und Dunst vieler Menschen schwadete stinkend und würgend an ihr vorüber in den Zug des Winterwindes. Um sie herum saßen, hockten, standen, preßten sich Soldaten, Zivilisten, Männer, Frauen, türmten und klemmten sich große und kleine, runde und eckige Säcke, Beutel, Kisten, Kasten, Tornister. Hitzige Gespräche über Politik, heftiges Gerede über die Fragen des Streiks, der Putsche, Drohungen mit Totschlag, Bombenwurf, Brand, Vernichtung der Eisenbahnen, Giftworte über einen neuen Krieg, den die Revolutionsregierung heimlich vorbereite, Entrüstungsstürme über die zurückkehrenden Frontsoldaten, die noch nicht genügend revolutioniert wären, Verwünschungen über die schlechte Ernährung, Flüche gegen die Kapitalisten, gegen die Gebildeten, gegen jeden, der einen besseren Anzug trug, Prophezeiungen von Plünderungen der Villenviertel in den Städten, der Höfe in den Bauerndörfern; das platzte, schwirrte, bohrte durcheinander, und ihm, dem Fräulein, das seinen vom Tod bedrohten Geliebten gesucht hatte, war es, als ob es unter einem Geschwirre von Säbeln, Messern, Granaten stände.
Es ist eine Freude zu leben
Es herrscht eine Nervosität, die man miterlebt haben muß, um sie zu begreifen. Es darf nur jemand auf der Straße ein lautes Wort rufen, sogleich flüchtet die Menge in die Eingänge der Häuser, es ist ein Laufen ums Leben, gleich kann das Maschinengewehrfeuer aus einer versteckten Luke hämmern oder eine Handgranate fällt von einem Dach und ihre Splitter reißen Dir den Bauch auf. Die Straße ist überfüllt mit fliegenden Händlern. Es ist ein Jahrmarkt von Händlern, wie man ihn nur auf Kirmessen und Volksfesten sehen kann. Die Kerle mit den heißen Würsten, die einen heizbaren Blechkasten schleppen müssen, können nur mit Mühe und unbeholfen in die Hauseingänge hinein. Halb lachen sie, halb hat sie die Todesangst gepackt. Das Maschinengewehrfeuer kann gleich die Straße herabrattern und der ganzen Herrlichkeit ein vorzeitiges Ende machen. Es liegt die Atmosphäre eines großen Geschehens über der Stadt. Man sieht, sie werden nur Menschen, wenn ihnen der Tod im Nacken sitzt, sie wissen ihre primitiven Bedürfnisse nur primitiv auszudrücken, wenn der Tod ihren Ärmel streift. Es ist eine Freude zu leben. Das Bürgerschwein, das während des ganzen vierjährigen Mordens nur seinen Bauch gepflegt hat, kann sich der Situation nicht mehr entziehen, es steht mit prallen Beinen mitten in der Hölle. Und die Hölle rast: es ist eine Lust zu leben. Leben ist Qual, Leben ist Angst, Hast und Gemeinheit; nie hat man es mehr erfahren, darum sei das Leben gelobt. Die Kerle werden durch ihre Nervosität fast zu edlen Bestien, ihre Augen, die stets erloschen wie Kieselsteine in den Höhlen gelegen haben, werden aufmerksam und rege. Sie werden alle zu Schülern des großen Weltgeschehens, sie begreifen dunkel, daß sich etwas abwickelt, daß etwas passiert außerhalb der engen sozusagen von Gott gegebenen Privat- und Familienzirkel. An Ecken, auf dem Fahrdamm, überall, wo der Zufall einen freien Fleck ließ, hacken sie mit giftigen Reden aufeinander los. Ein Publikum bildet sich rasch um jeden Dialog. Hier, meine Herren, werden Dramen agiert. Wir befinden uns in homerischen Zuständen.
Aber vielleicht verstehen Sie, daß manches schlimmer ist als sterben
Waldemar wanderte ziellos durch die Straßen. Er sollte heute abend nicht zu Ellen. Nun, was sollte er denn dann? Ins Theater gehen? Er las die Ankündigungen an den Litfaßsäulen, entschied sich für Peer Gynt, war überzeugt, auch wenn er nicht nach einer Karte anstand, würde für ihn schon noch ein Platz sein – und sah noch zwei leere Nachmittagsstunden vor sich. Ob er ins Zeitungsviertel ging? Sie schossen dort. Es gab noch Kämpfe um Mosse und Scherl. Leichtsinnig machte er sich auf den Weg. Da kam er an einem Blumenladen vorüber, der die wundervollsten dunkelroten Rosen hatte. Die Geldscheine flatterten auf einen Tisch. Ein Fräulein begann erst zu lachen, dann wurde sie von stiller Hochachtung erfüllt. Sie reichte Waldemar die letzten roten Rosen ihres Ladens mit einer Verbeugung. Gab es Prinzen der Revolution, dachte vielleicht das Fräulein.
Waldemar hatte die Arme voll dunkelroter Rosen. Ihr Duft stieg auf. Es waren die feinen und süßen Arten, die etwas von ihrem Blühen und Duften auch in die Blätter geben. Aus diesem Geruch kam Waldemar eine seltsame Faszination. Er wollte sie Ellen bringen. Aber er fühlte, sie war nicht zu Hause, er würde sie nicht finden. Er hatte das Gefühl, sie war zu dieser Stunde an einem Ort, den er nicht kannte. So ging er mit seinen Rosen weiter, bis er auf eine der Brücken kam, die den Kanal überspannen. Dort blieb er stehen und sah auf das dunkle Wasser hinab, bis langsam ein Spreekahn gezogen kam. Sein Kiel schnitt eine weiße, schaumige Furche – machte das Wasser zu fröhlichen Wellen. Da fiel Waldemar ein, diese hellen Wellen zogen an Ellens Haus vorüber. Oh, sie war wohl glücklich. Sie liebte es doch so, wenn Aufruhr in der Luft lag. Die Revolutionäre zogen durch die Stadt, er sah mit den Augen Ellens ein Volk im Aufbruch zur Freiheit. Und überflammt, von dem Fluidum fortgerissen, das über Berlin lag, von dem Rausch ergriffen, den das Wort Freiheit vermittelt, hob er ein wenig die Arme. Ein paar der roten Rosen fielen auf das Brückengeländer, die schweren Blütenkelche neigten sich, glitten, taumelten dem Wasser zu in die hellen Wellen.
Da wurde er von einer knabenhaften Leichtigkeit erfüllt. Das Wasser trug die roten Rosen an Ellens Haus vorüber – Und da er ihr Bett noch nicht mit Rosen bekränzen durfte, gab er die Blumen den lichten, frohen Wellen – er warf sie aus vollen Händen – die Wellen nahmen sie auf und trieben sie wieder hoch – und führten sie in schneller Bahn dem Zug des Schiffes nach –
Die Klingel hatte ein seltsames Schrillen, als töne sie in einer Leere.
»Wo ist Ellen?«
Sie war fort. Sie hatte bald nach dem Mittagessen das Haus verlassen, um ins Kunstgewerbemuseum zu gehen, wo sie alte Vasen ansehen wollte, um eine Nachbildung zu formen. Jetzt, abends hätte sie längst, längst zurück sein müssen. Im Kunstgewerbemuseum? An der Albrechtstraße? Dem Zeitungsviertel der Straßenkämpfe so nahe? Wie leicht hatte sie Bekannte treffen können! Die Stadt war voll von Balten. Es mochten Freunde aus Riga, aus Libau, aus Mitau des Wegs gekommen sein und sie mit in ein Kaffee- oder Speisehaus genommen haben. Nicht wahr, hier in der Wohnung gab es doch kein Telephon. Sie hätte natürlich sonst vom Kaffeehaus angeklingelt.
Der Beamte nahm das Tuch ab und trat taktvoll zur Seite.
»Heute nachmittag, etwa nach vier Uhr, ist ein Fräulein auf der Treppe des Kunstgewerbemuseums von einem versprengten Maschinengewehrgeschoß in den Rücken, in die Lunge, getroffen worden. Als sie hierher gebracht wurde, war sie nicht mehr bei Bewußtsein. Sie ist bald darauf gestorben.«
Die Leiche, die da auf dem Holzschragen lag, hatte nur das Gesicht verhüllt.
Sie begruben Ellen v. Envers um die Mittagsstunde, und ein seltsam hellblauer Himmel stand über Berlin. In den Zeitungen waren nicht nur die Anzeigen des Großvaters, sondern auch Reporternotizen von dem schönen jungen Mädchen, das von bolschewistischen Horden aus der Heimat vertrieben, hier einer Kugel der Revolution zum Opfer gefallen. Es hatte sich ein großes Gefolge von Menschen auf dem Kirchhof versammelt.
Wohin sollte man Waldemar nach dem Begräbnis bringen? Zu seiner Mutter, die neben ihm stand, auffallend in ihrer hochgewachsenen Gestalt, in ihrer formalen Vornehmheit? Würde er mit zu dem Großvater gehen? Doch Waldemar tat nichts dergleichen. Vor der Friedhofstür stieg er wortlos in ein Auto, grüßte kaum und fuhr davon.
Waldemar hatte irgendwo das Auto halten lassen. Er befand sich in einem Teil des Tiergartens, der ihm nicht geläufig war. Kleine, kümmerliche Steinbilder standen da, und an der Seite der Straße floß der Kanal. Er wollte den Chauffeur entlohnen und es zeigte sich, daß er kein Geld bei sich hatte. Er zog seine Uhr heraus und gab sie. Der Mann bat um die Adresse, er wollte die teure Uhr nicht behalten.
»Warum, das ist doch ein ganz gutes Geschäft?«
»Ich bin ein königlich preußischer Leutnant außer Dienst,« sagte der Chauffeur. Waldemar griff unwillkürlich an seinen Zylinder. Vielleicht sah der Fremde das Verzweifelte durch Waldemars Augen irren. Er sagte: »Verzeihung. Die Leute sagten es. Verlobte von Spartakisten erschossen. Ein Wort: ich habe meine Verlobte in Mainz wiedergesehen. Ich kam aus Etappenlazarett. Sie saß dekolletiert und mit einem französischen Offizier in einer Theaterloge. Man kann jemand um ein Grab gewiß nicht beneiden – aber vielleicht verstehen Sie, daß Manches schlimmer ist als Sterben.«
»Wie heißen Sie?« fragte Waldemar. Der Leutnant verzog den Mundwinkel. »Bitte nehmen Sie Ihre Uhr. Seinen Namen muß man zu einer solchen Geschichte nicht sagen –«
Er kurbelte los. Waldemar war plötzlich ganz wach, er las die Nummer des Wagens ab. Langsam ging er weiter. Er dachte an Ellen. Er dachte, wo ist sie? Aber dabei sah er immer einen jungen Offizier, der in eine Theaterloge hinaufstarrte und dort seine Verlobte mit nackten Schultern neben einem französischen Freund sah. Die Besiegten zu lieben, ist nicht jedermanns Sache, dachte er hohnvoll.
Er kam nach einer Weile durch die Bellevuestraße nach dem Kemperplatz. Er achtete nicht auf den Weg, nicht auf Menschenansammlungen, denn sie waren das Alltägliche in der Stadt. Erst als ihn ein Soldat mit einer roten Binde um den Arm, höflich fragte, ob er sich dem Trauerzug anschließen wollte, wurde er aufmerksam. Nein – er wolle sich nicht anschließen. Dann müsse er hier auf der Trottoirinsel stehen bleiben, sagte sehr freundlich der Soldat. Und Waldemar sah die Siegesallee hinunter: Die steinerne Galerie Wilhelms des Zweiten schien zum Spuk, zum Wahnbild geworden.
Unter den weißen Marmorbildern standen Kopf an Kopf unzählbare Menschen. Über ihnen aber schwebten in der Farbe des Blutes, in der Farbe von Kirschen, in der Farbe leuchtenden Zinnobers die Banner der Revolution. Es war ein Strom, ein Meer von Rot – eine Aufhäufung aller Abtönungen der Farbe. Dunkelrote Flecke, glänzende Zinnoberstücke, von Goldborten umflackert, mit goldenen Inschriften versehen, leuchtend, schreiend, aufdringlich, triumphierend die Apotheose eines Willens zur Macht. Die weißen Marmorbilder leuchteten. Die roten Banner waren wie ein Mohnfeld unter sie gebreitet. Und über dem Aufzug des Proletariats, das heute den weißen toten Hohenzollern seine blutroten Banner zeigte, stand ein Frühlingshimmel, hellblau, licht, von weißen Wölkchen überschwommen. »Liebknecht spricht,« hörte Waldemar jemand neben sich sagen. »Auch Rosa Luxemburg spricht. Dann geht der Zug die Linden hinauf.«
Waldemar stand wie ein Hypnotisierter vor diesem Jubelbild der Farben. Der weiße Marmor, die mohnroten Banner, der blaue Himmel – es war ein so unerhörter Eindruck für seine Augen, daß er hinsah wie ein Andächtiger. Bewegung kam in das Bild. Die roten Banner begannen zu schaukeln, sich scheinbar noch zu vermehren, zu wachsen. Nun sah man auch noch rote Kränze, riesenhaft, Räder an Größe, geschleift von Pöbelgestalten – von Menschen, mit dem Stigma der körperlichen Niedrigkeit. Sie waren zu einem Begräbnis da. Und es schien doch, daß sie einen Freuden- und Triumphtag hatten.
»Kränze, wenn du lebtest, dir beschieden
Nie erreichte – –«
Oh, all diese Menschen hier, sie mochten tausendmal Leidende, tausendmal Geknechtete, des Rechts beraubte sein: Ekel stieg in Waldemar hoch. Ihre schöne, schöne Revolution hatte Ellen den Tod gebracht. Ihre schöne, schöne Revolution hatte ein Mädchen – nein, seine Geliebte, seine Verlobte, den Sinn seines Lebens als ein totes Nichts in die nasse, kalte Erde geworfen. Haß flackerte in seinen Augen auf. Haß krampfte seine Hände zusammen. Ein so brennender, so wühlender Haß, wie ihn der Mensch nur für das findet, was ihn einmal bezaubert hat.
Am 8. Januar starb den Heldentod
auf dem Rückmarsche des Regiments aus der Ukraine von feigen Bolschewisten überfallen unser lieber, braver Sohn, Bruder und Enkel
Max Freiherr von Lerchenfeld
Leutnant I. Bayr. Ulanen-Regiments Ord.-Offizier 4. Kav.-Brig. im Alter von 23 Jahren.
Mit Begeisterung hat er 4½ Jahre für sein Vaterland gekämpft, dessen selbstverschuldeter Ohnmacht er jetzt zum Opfer fiel. Wohl ihm, daß die Heimkehr ihm erspart blieb.
Die Hinterbliebenen.
Aber Edu! Das war für mich Weltgeschichte!
Am 9. Januar, vormittags, fand im Auditorium Maximum der Berliner Universität eine antibolschewistische Kundgebung statt. Überfüllter Saal. Über 1000 Studenten. Viele, wie es den damaligen Verhältnissen entsprach, in feldgrauer Soldatenuniform. Ich hielt eine fulminante Rede gegen Spartakus und rief die Studenten zu den Waffen auf. Alles meldete sich zu den Freikorps. Gleich im Anschluß daran fuhr ich mit Freund Siebel per Auto nach Dahlem, wo die frischen Truppen konzentriert wurden, und hielt vor dem neugebildeten Studentenbataillon der Technischen Hochschule Charlottenburg einen weiteren zündenden Vortrag. Aber das Erlebnis des Tages war die gegen Abend auf 5 Uhr angesetzte Unterredung mit dem Oberbefehlshaber Noske in Gegenwart seines Stabschefs v. Gilsa. Siebel und ich wurden in einem kleinen verräucherten, barackenähnlichen Zimmer eines Sanatoriums empfangen. Da saß Noske mit seinem Stabschef v. Gilsa. Nervös war er auch: beim Zigarettenrauchen klopfte er ununterbrochen die Asche auf ein leeres Blatt Papier ab, auch wenn gar keine Asche daran war. Ich ging gleich in medias res. Das deutsche Volk sehe in ihm einen Erretter. Er müsse das Vertrauen des Volkes durch den Willen zur Nationalen Diktatur der sozialen Revolution in geschichtlichen Taten wahr machen. Er müsse nicht nur mit den Truppen einmarschieren, sondern sofort nach der Eroberung Berlins feierlichst von seiner eigenen Partei sich lossagen und die nationale und soziale Solidarität des deutschen Volkes in einer unabhängigen diktatorischen Staatsführung realisieren. Noske hörte immer gespannter zu und sagte dann zum Schluß: »Das ist eine große Aufgabe, die Sie mir zuweisen, ich werde sehen.« Freund Siebel, mein begeisterter und treuer Mitkämpfer, war von der Unterredung so bewegt, daß er mir im Korridor in überschwenglicher Freude um den Hals fiel und ausrief: »Aber Edu!« – wir duzten uns – »Was hast du diesem Mann in dieser Unterredung beigebracht! Das war für mich Weltgeschichte!«
Am Tag darauf bekamen die Truppen von Dahlem von Noske den Befehl zum Einmarsch. Am gleichen Tag fand die nicht minder bedeutsame Sitzung des Führertums der Wirtschaft im Flugverbandshaus statt. Als ich Punkt 4 Uhr nachmittags im kleinen Saal erschien, waren etwa 50 Herren da: Hugo Stinnes selbst, Albert Vögler, Ernst Borsig, Siemens, Geheimrat Deutsch, Mankiewitz, Salomonsohn, Gen.-Direktor Otto Henrich usw., die ganze haute volée der Industrie-, Handels- und Bankwelt. Als einziger Punkt auf der Tagesordnung stand: Referent Dr. Eduard Stadtler über Bolschewismus als Weltgefahr. Ich habe in meinem Leben Tausende von politischen Vorträgen gehalten. Aber eine der größten rednerischen Leistungen, die ich je vollbracht, war jene mehr als zweistündige Rede vom 10. Januar 1919 vor den Führern der deutschen Wirtschaft. Ich war für sie alle »irgendein« Dr. Stadtler, der da, aus russischer Gefangenschaft zurückgekommen, sehr wirksam die bolschewistische Gefahr zu schildern wisse, und der eben »Berliner Sensation« geworden war.
Ich ließ nun eine Kampf- und Mahnrede auf die 50 Herren niedersausen, wie sie es in dieser Form wohl ihr ganzes Leben hindurch noch nicht vernommen hatten. Zuerst setzte ich ihnen das Wesen und die Entwicklung der russischen Revolution auseinander, schilderte den Übergang von der Kerenski-Revolution zum Bolschewismus, den Zusammenhang des Bolschewismus mit den Zusammenbruchserscheinungen des Weltkrieges, den schleichenden bolschewistischen Charakter der deutschen Revolution, die Gefahr, daß jeden Augenblick das gemäßigte mehrheitssozialistisch-demokratische Regime in Deutschland in ein radikal bolschewistisches Regime ausarten könnte, den kommenden Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft, die unerhörten außen- und innenpolitischen Gefahren dieses Zusammenbruchs für die Nation, die besondere Gefahr des Umstandes, daß die besten Soldaten noch alle an der Front, die »Etappenschweine« aber als »Revolutionäre« in der Heimat seien, die Notwendigkeit des sofortigen und großzügigsten Handelns. Ich rüttelte und schüttelte sie durcheinander und sank nach der großen rednerischen Leistung erschöpft zusammen. Nun war, das fühlte ich, der historische Moment eingetreten. Stille herrschte im Saal. Alle waren sichtlich betroffen. Da erhob sich in der Ecke rechts hinter mir ein kleiner Mann. Auf der kurzen, gedrängten Gestalt saß ein energischer, mächtiger Kopf, darinnen wundervolle, ja seltsam dunkle Augen glänzten. Der Mann sah äußerlich aus wie ein mittlerer Kaufmann, aber sein Wesen strömte ein geheimnisvolles Fluidum aus, das sofort auf die ganze Versammlung übersprang. Ich kannte ihn nicht, aber die Anwesenden zeigten mir sofort durch ihr Verhalten, daß sie ihn nicht nur kannten, sondern respektierten, irgendwie als Autorität empfanden. Es war Hugo Stinnes. In die geheimnisvolle Stille des Saales hinein sagte er mit einem Minimum von rednerischem Aufwand, aber mit einer sehr klaren und bestimmten Stimme: »Ich bin der Meinung, daß nach diesem Vortrag jede Diskussion überflüssig ist. Ich teile in jedem Punkte die Ansicht des Referenten. Wenn deutsche Industrie-, Handels- und Bankwelt nicht willens und in der Lage sind, gegen die hier aufgezeigte Gefahr eine Versicherungsprämie von 500 Millionen Mark aufzubringen, dann sind sie nicht wert, deutsche Wirtschaft genannt zu werden. Ich beantrage Schluß der Sitzung und bitte die Herren Mankiewitz, Borsig, Siemens, Deutsch usw. usw. (er nannte etwa acht Namen), sich mit mir in ein Nebenzimmer zu begeben, damit wir uns sofort über den Modus der Umlage klarwerden können.«
Zivilisten waren nicht zu sehen
Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg sind am Abend des 15. Januar 1919 in das Eden-Hotel beim Stabe der Garde-Kavallerie-Schützen-Division eingeliefert worden. Sie waren von der Wilmersdorfer Bürgerwehr unter Führung zweier Mitglieder, Lindner und Möhring, festgenommen worden. Es bestand kein Haftbefehl. Rosa Luxemburg ist bereits beim Eintritt ins Hotel beschimpft worden. Ein Hauptmann Hoffmann tat sich besonders hervor dabei. Er war es, der zuerst die geplante Tat ankündigte. Er erklärte in der Halle des Hotels: »Den beiden wird heute abend das Maul gestopft.« Karl Liebknecht wurde gegen halb 11 Uhr vom Hotel weggebracht. Er sollte, wie man erklärte nach Moabit gebracht werden. Er wurde begleitet von dem Kapitänleutnant Horst von Pflugk-Hartung, dem Leutnant Stiege, dem Leutnant Liepmann, dem Leutnant v. Ritgen, dem Leutnant zur See Schulze, dem Leutnant Heinz von Pflugk-Hartung (einem Bruder des Kapitänleutnants) und dem Jäger zu Pferde Clemens Friedrich. Die sämtlichen waren schwer bewaffnet, trugen Handgranaten und entsicherten ihre Pistolen, die Liebknecht gezeigt wurden. Zu derselben Zeit standen als Doppelposten vor dem Hotel die Jäger zu Pferde Runge und Träger. Gegenüber dem Hotel hielt ein Automobil, dessen Führer ein Chauffeur namens Göttinger war, nebst einem Beifahrer. Sie besprachen, die zwei dürften nicht lebendig aus dem HoteI. Sie besprachen, man dürfe sie nicht erschießen, das mache zuvieI Lärm. Sie besprachen, man müsse sie mit dem Kolben erledigen. Sie besprachen, man müsse das Gewehr entladen, damit beim Zuschlagen kein Schuß losgeht. Karl Liebknecht kam aus dem Hotel. Er wurde nicht durch den Hauptausgang am Kurfürstendamm geführt, sondern durch einen Nebenausgang in der Kurfürstenstraße. Runge lief um das Hotel herum und schlug den bereits im Auto sitzenden Liebknecht zweimal von hinten mit dem Kolben auf den Kopf. Liebknecht sank halb bewußtlos zusammen. Auf der Straße war kein Mensch. Nur ein paar Soldaten. Die Offiziere standen und saßen um Liebknecht herum.
Am 15. Januar, abends, hatte ich Wachdienst als Befehlsempfänger bei der Garde-Kavallerie-Division im Eden-Hotel. Als ich in der Wachstube auf meinem Lager lag, hörte ich plötzlich ein Geräusch, als wenn sich Menschen ansammeln. Meine Kameraden und ich stürzen vor die Tür, wo wir dann hörten, daß man soeben Karl Liebknecht fortgebracht hätte.
Das Auto fuhr weg. Es fuhr nicht den Weg nach Moabit. Es fuhr am neuen See entlang in der Richtung nach der Charlottenburger Chaussee. Der geplante Mord vollzog sich in der Weise, daß das Automobil an der Stelle, von der ein völlig unbeleuchteter Fußweg abging, hielt, daß Liebknecht in diesen Fußweg hineingeführt und nach etwa zwanzig Schritt aus allernächster Nähe erschossen wurde. Den ersten Schuß gab der Kapitänleutnant von Pflugk-Hartung ab.
Ich hörte ferner noch von den Mannschaften, daß auch Frau Rosa Luxemburg in dem Hotel sein sollte. Deshalb hörte ich bei den wachhabenden Kameraden herum, wo sich denn Frau Rosa Luxemburg befände. Zu dieser Zeit kam ein Offizier herein, welcher zwei Mann der Wache aufforderte, mitzugehen. Ich vermutete sofort, daß diese beiden Leute zur Abführung der Frau Luxemburg verwandt werden sollten, deren Abführung durch den Hinterausgang erfolgen sollte, wie mir vorher die Kameraden sagten. Ich ging nun gleich mit hinaus. Rosa Luxemburg kam die Haupttreppe des Hotels herab und schritt durch den Hauptausgang.
Vor der Tür stand ein Auto und um das Auto herum etwa 15 bis 20 Soldaten.
Dicht hinter ihr ging der Oberleutnant Vogel, der den Transport führen sollte.
ZiviIisten waren nicht zu sehen, da ja sämtliche Zugangsstraßen für den Verkehr gesperrt waren.
Vor der Drehtür standen Runge und Träger. Als sie durch die Drehtür schritt, drehte Runge das Gewehr um und schlug ihr auf den Kopf. Sie sank um. Runge schlug ein zweites Mal auf den Kopf. Von einem dritten Schlag sah er ab, weil er sie für tot hielt. Ob sich im Hotel Zivilpersonen befunden haben, kann ich nicht sagen. Der vor der Ausgangstür des Hotels stehende Posten hob in dem Augenblick, als er Frau Luxemburg herauskommen sah, sein Gewehr und schlug mit dem Gewehrkolben auf sie ein. Frau Luxemburg stürzte nach hinten über, der Posten holte trotzdem zu einem zweiten Schlage aus, den er auch ausführte. Der Posten hatte sich immer noch nicht beruhigt und wollte auch noch ein drittes Mal zuschlagen, kam aber nicht mehr dazu, da man den fast leblosen Körper bereits in das Auto legte. Aus der Menge der Soldaten fiel ein Ruf: »Ihr seid wohl verrückt.« Hierauf erfolgte der Abfahrtsbefehl. Die 15 bis 20 Mann, die das Auto umstanden, setzten sich hauptsächlich aus Offizieren, Aspiranten usw. zusammen. In dem Augenblick, als das Auto sich in Bewegung setzte, sprang ein Soldat, wahrscheinlich ein Chargierter, von hinten auf das Auto und schlug mit einem Gegenstand, anscheinend einem Revolver, auf den leblosen Körper der Frau Luxemburg ein. Wie das Auto 100 Meter entfernt war, fiel ein Schuß. Das Auto verschwand in der Richtung Halensee.
Der Oberleutnant Vogel hat unterwegs der Leblosen alsdann die Pistole gegen die Schläfe gehalten, ihr noch einmal eine Kugel in den Kopf gejagt. Man fuhr mit der Toten zwischen Landwehrkanal und Zoologischem Garten entlang. Auf der Straße war kein Mensch. Rosa Luxemburg hatte, als sie leblos in das Automobil gezerrt wurde, einen Schuh verloren. Dieser Schuh wurde von Soldaten im Edenhotel als Trophäe herumgezeigt.
Ich war 16 Jahre alt und Obersekundaner der Königlich Preußischen Hauptkadettenanstalt
Aufrufe hingen an den Straßenecken. Freiwillige wurden gesucht. Formationen sollten zusammengestellt werden für den Grenzschutz im Osten.
Ich wurde genommen, ich wurde eingekleidet, ich war Soldat.
Wir standen einsatzbereit in langer, grauer Kolonne. Ein Auto kam, ein Herr erhob sich aus den Polstern und musterte uns. Der Herr war groß, vierschrötig, mit eckigen, etwas hochgezogenen Schultern und einer ulkigen kleinen Brille unter dem Schlapphut. Unsere Offiziere grüßten mit betonter Nonchalance und wandten sich mit verzogenen Mundwinkeln um. Einer sagte, das sei der neue Oberbefehlshaber, Noske.
Das Haus, das wir absuchen sollten, war eine Mietskaserne im Norden der Stadt, mit vier Höfen und Hunderten von Bewohnern, hoch, grau, mit Wänden, von denen der Putz abgefallen war, und mit unzähligen, nicht eben blanken Fensterscheiben. Die Straße war noch in der Dunkelheit von beiden Seiten abgeriegelt worden durch je zwei Gruppen, dann war noch ein Bereitschaftszug da, von dem wir jeden Augenblick Verstärkung anfordern konnten.
Der Unteroffizier sagte im Torweg: »Immer zusammenbleiben, niemals einer allein in einen Raum. Alle Schränke und Betten nachsehen. Wände abklopfen. Zwei Mann bleiben immer im Treppenflur. Verschlossene Türen aufbrechen, wenn die Leute nicht freiwillig aufschließen. Die Leute ausfragen, wer im Hause noch im Besitz von Waffen ist. Keine Provokationen! Im Falle der Gefahr: einen Schuß zum Fenster hinaus.«
Wir verteilten uns. Die Gruppe Kleinschroth sollte in den hintersten Hof. Wir stolperten über das buckelige Pflaster und merkten es kaum, wenn wir aus dem Torbogen in einen Hof kamen, denn die finsteren, steilen Schächte ließen das Licht des Morgenhimmels nicht bis zur Erde gelangen. Das Haus war noch ganz still, und wir verhielten an einer kleinen, schmalen Tür. Kleinschroth klopfte an ein Fenster, das Fenster klirrte, eine Frau schaute heraus und fuhr zurück, als sie unsere Stahlhelme sah. »Aufmachen!« sagte Kleinschroth. Und im selben Augenblick war das Haus lebendig.
Es war in den ersten Sekunden lebendig, wie etwa ein Bienenstock, in den eine Hand hineinfuhr. Da war ein bedrohliches Summen, das klein begann, dann plötzlich sich zu schrillem, gefährlichem, bis zur Hysterie gesteigertem Vibrieren schraubte, zu einer bösartigen Bereitschaft in höchstem Diskant. Da trat der Unteroffizier mit dem Stiefel die Tür ein. Das war, als stöhnte das Haus. Fenster klirrten, Türen schlugen hallend zu, auf einmal begann ein Grammophon zu jaulen und hoch oben schrie eine Frau. Sie schrie gellend, daß es in den Höfen hallte, daß es die finstersten Ecken und Winkel wie mit spitzen Nadeln füllte, und die Luft begann zu zittern, diese feuchte, dumpfe Luft voll muffiger, gemischter Gerüche. Das drang uns in die Brustkästen, spritzte unerträgliche Spannung in die Adern, so daß sich das Blut mit kurzen und harten Stößen gegen die Haut drängte. Wir stießen die Helme in die Stirn und rannten in den dunklen Schlund, der sich vor uns geöffnet. »Die Noskes kommen! Die Noskes kommen!« so schrie nun die Frau und ein Fenster schepperte und ein Geschirr krachte herab, barst und schleuderte dunkle Tropfen und Wellen üblen Gestanks.
Wir waren im Hause. Der Treppenflur war so dunkel, daß ich über einen Eimer stolperte. Hoffmann riß eine Tür auf, sprang in das Zimmer, und ich hörte ihn sagen: »Mach keine Dummheiten, Mensch, gib die Knarre her!« Da drinnen saß ein Mann, eben aus dem Bette gefahren, und hatte ein Gewehr in der Hand. Das drehte er einen Augenblick unschlüssig und sah uns an. Er saß auf dem Rande eines wackeligen Bettgestells, das Stroh unter buntgewürfeltem Überzug ragte zerzaust, Strohhalme hingen ihm noch im Haar. Die Stube war klein, ein winziges Fenster, mit halbblinden Scheiben, ließ kaum einiges Licht herein, ein Herd war noch in der Stube, an dem feuchte Wäsche hing, und in der Ecke stand eine noch junge Frau, in einem langen, zerknitterten, an den Säumen schmutzigen Hemd; sie stand wie gepreßt an der Wand und sagte nichts. Über dem Bett aber hing ein gerahmtes Bild, wie es die Reservisten nach Hause nahmen, in Buntdruck ein Soldat, der Kopf eine aufgeklebte Photographie. Der Mann gab zögernd das Gewehr herüber, dann sprang er plötzlich auf, ergriff das Bild und schmiß es uns vor die Füße, daß der Rahmen sprang und das Glas splitterte. Dann hob er beinahe bedächtig den nackten Fuß, als wolle er noch einmal das Bild mit der Ferse zermalmen, hielt aber inne und sagte nur: »Nun aber hinaus!« Wir gingen.
Wir suchten Wohnung für Wohnung ab. Wir drangen in jede Kammer, wir klopften an jeden Verschlag. Da waren dunkle Flure, in denen Eimer standen und zerbrochene Besen, Lampen hingen rußgeschwärzt so niedrig, daß mehr wie eine gegen unsere Helme pendelte, die Dielen stöhnten bei unseren Tritten und knackten, der Fuß trat zuweilen in Mörtel und Sparren, von den Decken – und wie niedrig waren die Decken – hing nacktes Mauerwerk, bröckelte der Kalk. Tür stand neben Tür. Wenn uns eine geöffnet wurde, dann fuhren auch die anderen auf, und plötzlich stand der Gang dicht voll Menschen. Männer, Frauen und viele Kinder, Kinder in allen Größen, halbnackt die meisten und unsäglich schmutzig und mit Gliedern, so dünn, daß man meinen könnte, sie müßten zerbrechen, packte man sie an, Kinder mit unheimlich großen Köpfen und wirren, stacheligen blonden Haaren, – sie standen an den Schwellen ihrer kargen, düsteren Stuben, und viele Augenpaare starrten uns an. Wenn die anderen hineingingen, dann stand ich allein vor der Tür, stand allein ihnen gegenüber, und der Haß prallte mir entgegen wie eine Wolke, entgegen prasselte mir das Gezischel höhnischer Rufe, Weiber strichen an mir vorbei und lachten und spuckten dann auf den Boden, und die Männer, mit offenen Hemden daß man die krausen Haare ihrer Brust sah, riefen einander zu: »Totschlagen müßte man die Bande!« und »Nehmt dem Affen doch die Knarre ab!«
Unten begannen sie die Internationale zu singen. Das griff von Tür zu Tür, das drang durch alle Wände und teilte sich den Höfen mit. Dazu trampelten sie im Rhythmus mit den Füßen auf den Boden, so daß das Haus zitterte und wir umbraust im finsteren Gange standen. Und wir suchten weiter. In ein Zimmer kamen wir hinein, da saß ein alter Mann am Tisch und eine alte Frau stand am Fenster. Und der alte Mann erhob sich langsam und trat mit zitternden Knien auf uns zu. Dicht vor uns stand er und hob dann langsam die Hand und röchelte: »Hinaus!« und noch einmal »Hinaus!« und kroch mit Augen, in denen rote Äderchen schwollen, immer näher und hob den Arm mit einer schwärzlichen, zerfurchten Greisenhand und öffnete wie mit letzter Anstrengung den faltigen Mund und keuchte heiser: »Hinaus!« Der Unteroffizier wollte den Mann beruhigen, da taumelte der plötzlich und schwankte und drehte sich und fiel mit dem Oberkörper auf den Tisch. Die Frau aber nahm den Unteroffizier am Arm, wie man ein unfolgsames Kind am Arme nimmt, und führte ihn schweigend hinaus.
Der Unteroffizier war sehr bleich, als er mit uns sich zur nächsten Tür wandte. Wir pochten, und es öffnete niemand. Wir pochten nochmals und pochten stärker, wir klopften mit nervöser, immer mehr gesteigerter Hast, dann sprang Hoffmann vor und trat die Tür ein.
Doch wir, wir klammerten uns an den Befehl, wir schritten mit stumpfen Gesichtern durch die Räume, wir griffen gleichmütig in die Strohsäcke, stocherten unter die Betten, öffneten die Schränke, fuhren mit dem Arm durch die armseligen Kleidungsstücke, und doch war es so, als handelten wir wie die Diebe. Unter der Prüfung stets starrender Augen, die uns im Rücken brannten und das Kreuz steiften, klopften wir an die Wände, pochten an die Türen, rissen Bettzeug auseinander und suchten. Und fanden nichts. Fanden nichts im ganzen, vielstöckigen Hause, außer dem einen Gewehr.
Am 20. Januar 1919, am Tage nach der Wahl zur verfassunggebenden Nationalversammlung, kamen die Kommandeure der in Berlin stehenden Truppen zum Oberbefehlshaber Noske. Sie erklärten, sie könnten für den Bestand der Truppen keine Garantie übernehmen. Die Agitation der Unabhängigen und Spartakisten unter den Soldaten sei derart intensiv, daß ein längeres Verbleiben der Formationen in der Stadt für den Geist der Truppe gefährlich sei. Es sei zu erwägen, ob die Formationen nicht wieder auf die Übungsplätze, Vororte und Dörfer zurückzunehmen wären.
Die Regierung der Volksbeauftragen beschloß, die Nationalversammlung in Weimar tagen zu lassen.
Das Freiwillige Landesjägerkorps Maercker galt als die bestdisziplinierte Truppe, und es sollte wohl eine Anerkennung bedeuten, daß General Maercker den Auftrag bekam, die Tagung der Volksvertreter in Weimar zu schützen. Der Arbeiter- und Soldaten-Rat von Thüringen aber war nicht einverstanden mit dieser Anerkennung und sandte ein gekränktes Telegramm an den Oberbefehlshaber Noske. Die Garnisonen von Thüringen seien allein imstande, die Sicherheit der Volksvertreter zu garantieren, und fremde Truppen seien in Thüringen durchaus unerwünscht.
Die Unabhängigen und Spartakusleute sahen im Zusammentreten der Nationalversammlung eine unmittelbare Bedrohung der revolutionären Errungenschaften. Der von ihnen erstrebte und in den Anfängen durchgeführte Räteaufbau des Staates mußte, das wurde scharf erkannt, dem bürgerlich-demokratischen Prinzip gegenüber, durch welches allein die Nationalversammlung und die in ihr zu schaffende Verfassung ihre Geltung erhalten konnte, mit allen Mitteln behauptet werden, sollte nicht aus der Revolution ein Gebilde erwachsen, das deren Sinn verfälschte.
Im Reiche war die Herrschaft der Räte noch fast völlig unangetastet. Nur in Berlin war sie gebrochen. Aber schon marschierten Truppen nach Bremen, schon schufen in Wilhelmshaven Offiziere und Soldaten unter dem Korvettenkapitän Ehrhardt eine neue Ordnung, in der die Räte ausgeschaltet waren. Es beruhte jedoch die Macht der Arbeiter- und Soldaten-Räte im Reiche einfach auf der Tatsache, daß sie ihnen bislang noch niemand streitig gemacht hatte. In den Betrieben waren die Belegschaften zersplittert und die Arbeiter-Räte keineswegs einer unbedingten Gefolgschaft sicher, die bewaffneten Kampfkräfte klein an Zahl und nicht gehärtet. Selbst in Berlin waren es immer nur die Einzelnen, die den letzten Einsatz für die Revolution wagten, Versprengte, Unbestechliche, und freilich konnten sie unter günstigen Umständen die Masse mit sich zwingen. Aber es rief niemand anders sie, als die Stimme ihres Blutes, sie fanden sich auf den Barrikaden zusammen, wie sich diese Männer immer zusammenfinden dort, wo Gefahr ist, aber sie waren nicht geeignet als blitzende Werkzeuge einer zu bildenden Macht, sie erkannten keine Führung an, sie gehorchten keinen Räten.

Die Freikorps aber, geworben für den Schutz der Grenze im Osten, der Stamm der Frontsoldaten, freiwillige Studenten, Schüler, Kadetten, Offiziere, Arbeiter, Bauern, Handwerker und ewige Soldaten, sie standen im Solde der Regierung, marschierten, wie es Noske befahl.
Als die kleine Gruppe der Quartiermacher des Landesjägerkorps nach Weimar kam, befahl der Weimarer Soldatenrat, sie zu entwaffnen. Aber die Quartiermacher eilten vor das Hauptquartier des Rates; der Vorsitzende, zwischen zwei Maschinengewehren stehend, erklärte, er weiche nur der Gewalt. Da warfen die Landesjäger die Maschinengewehre um und drangen in das Gebäude. Der Vorsitzende des Soldatenrates Weimar aber wich. Dies war die einzige kriegerische Handlung, die in Weimar geschah.
Wir erfuhren davon, als wir in die schlafende Stadt einrückten. Am Bahnhof mußten wir die Seitengewehre aufpflanzen. Unsere Quartiere lagen in Ehringsdorf, wir zogen fröstelnd und übermüdet von der langen, nächtlichen Fahrt durch die dunklen Straßen. Am Nationaltheater machten wir Halt. Wir setzten die Gewehre zusammen und warteten. Neugierig standen die Soldaten um das Denkmal herum. Der Leutnant Kay kletterte auf den Sockel und setzte sich zwischen die Füße der beiden Bronzegestalten. Das Theater stand weiß und geruhig, mit einfachen Linien, wie ein klarer, stiller Tempel in der Nacht. Leutnant Kay sagte: »Der Tag ist wirklich zu absurd. Konfuse, verwirrende Lehren und verwirrter Handel walten über der Welt.« Und klopfte Goethe kameradschaftlich auf den Schenkel.
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