Kitabı oku: «Die Toten von Rottweil»
Herbert Noack
Die Toten von Rottweil
Kommissar Zellers erster Fall

Zum Buch
Rache unterm Schwarzen Tor Hauptkommissar Zeller versteht seine Heimatstadt Rottweil nicht mehr. Noch nie wurden so viele Menschen innerhalb kürzester Zeit ermordet. Die erste Leiche ist der Richter Linus Schuhmacher. Ermordet und verstümmelt abgelegt auf dem Hofgerichtstuhl, vis-à-vis des Landgerichts. Doch es ist erst der Anfang einer beispiellosen Mordserie in der Stadt. Kurze Zeit später wurden die nächsten Leichen gefunden, hoch über der Stadt im TK Elevator Testturm. Ein Zusammenhang ist auf den ersten Blick nicht erkennbar. Handelt es sich um einen oder mehrere Täter? Der Kommissar und sein Team tappen im Dunkeln und gehen bei ihren Ermittlungen bis an ihre Grenzen. Nichts wird mehr so sein wie vor den schrecklichen Morden. Und dann bekommt Zeller plötzlich einen Anruf. Der Unbekannte nennt sich »Narrenengel« und kündigt ihm den nächsten Mord an. Werden Zeller und sein Team dem Täter rechtzeitig auf die Spur kommen?
Herbert Noack, geboren 1961, lebt seit vielen Jahren am Rande des Schwarzwalds und hat sich ganz dem Krimi-Genre verschrieben. Oft und gern ist er in der freien Natur unterwegs. In dieser Umgebung kommen ihm die besten Ideen und meisten Anregungen für seine Bücher. Er ist begeisterter Autor zeitgenössischer Krimis und spannender Unterhaltung. Mehr von ihm erfahren Sie auf seiner Webseite unter: www.herbert-noack.de
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Susanne Tachlinski
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Andreas Göllner / Pixabay.com
ISBN 978-3-8392-6872-8
Kapitel 1
Es hätte ein ganz normaler Tag werden können, wie es schon unzählige normale Tage in dieser ältesten Stadt Baden-Württembergs gegeben hatte und immer wieder geben würde, an denen nichts passierte. Rottweil war das Tor zum Schwarzwald und nicht Stuttgart. Kein Verkehr brummte um diese frühe Morgenstunde. Nur ein paar Busse schluckten mit weit geöffnetem Maul bereitwillig wenige Fahrgäste und ließen sie in ihrem Inneren verschwinden, um sie kurze Zeit später an irgendeiner nahen oder entfernten Haltestelle wieder auszuspucken.
Einige Elstern balgten sich auf dem gepflasterten Weg um die Reste einer Mahlzeit, die ein nächtlicher Passant achtlos weggeworfen hatte. Allerdings waren sie nicht allein bei ihrem Festmahl. Sie mussten es mit weiteren, eilig herbeigeflatterten Vögeln teilen, denn auch diese Horde von aufgeregten, hin und her wuselnden Spatzen wollte etwas zum Frühstück ergattern. Da kam diese üppige Mahlzeit gerade recht. Erst eine neugierig herbeigelaufene Katze bereitete dem Treiben ein Ende. Ihre bloße Anwesenheit reichte aus. Die Vögel flüchteten und flogen ohne einen Bissen im Schnabel ärgerlich zwitschernd davon.
Ein junger Angestellter des italienischen Cafés unterhalb des Schwarzen Tors stellte missmutig die gekippten Stühle aufrecht um die Tische. Seine gegelten Haare glänzten in der aufgehenden Sonne. Man sah ihm an, dass er seine Arbeit nicht besonders schätzte und sie widerwillig erledigte. Sein Gesicht hellte sich erst auf, als ein hübsches junges Mädchen in einem karierten Minirock an ihm vorbeilief. Interessiert unterbrach er seine Arbeit und pfiff ihr verhalten hinterher. Sie schien es nicht zu bemerken und eilte weiter in Richtung Königsstraße. Enttäuscht schaute er ihr nach. Dafür hatte sein Chef das Gepfeife gehört und rief ihm aus dem Inneren des Lokals ärgerlich etwas auf Italienisch zu. Es wirkte augenblicklich. Der junge Mann riss sich zusammen und erledigte im erhöhten Tempo seine Aufgabe.
Auch in den angrenzenden Buchladen kam Bewegung. Ein ungefähr 40-jähriger Mann schloss die Ladentür von innen auf, öffnete sie schwungvoll und trat entschlossen auf die Straße. Als Erstes schaute er zum Himmel hinauf. Der Tag würde schön werden, dachte er, lächelte vergnügt und rieb sich die Hände. Alles sah nach viel Laufkundschaft aus. Zwei seiner Angestellten schlenderten soeben auf den Laden zu – er winkte sie heran und zeigte auf die Verkaufstische und Bücherständer im Inneren des Geschäftes. »Guten Morgen, Vera und Sabine. Beeilt euch ein wenig! Alles muss sofort nach draußen. Ich kümmere mich um die neue Bestsellerliste des SWR am Schaufenster.«
Die beiden schienen es gewohnt, so empfangen zu werden. Rasch warfen sie ihre Taschen in die Ecke, packten einen Verkaufstisch und schleppten ihn nach draußen.
Die Besitzerin des gegenüberliegenden Buchladens sah interessiert auf die Aktivitäten ihres Mitbewerbers. Sie rief etwas in den Laden hinein und kurze Zeit später erschien ihr Ehemann in der Tür. Auch er schaute zuerst zum Himmel hinauf und schmunzelte. Es würde ein schöner Tag werden, meinte er zu seiner Frau, es würden viele Menschen unterwegs sein. Beide taten es ihrem Gegenüber nach und trugen den großen Büchertisch ins Freie. Außerdem rollerten sie noch zwei Postkartenständer dazu und positionierten sie an den Seiten des langen Tisches.
So erwachten langsam alle Geschäfte auf der Straße zum Schwarzen Tor. Als Letztes öffnete das »Schweizer Lädeli«. Das war keine Überraschung. Seine Kundschaft kam später.
Alles war wie immer. Friedlich, verschlafen und harmonisch. Fast schon langweilig. Nichts deutete darauf hin, dass etwas Außergewöhnliches passieren würde an diesem Tag. Etwas, mit dem niemand gerechnet hatte. Das das Leben in der Stadt in Atem halten würde. Obwohl es kaum etwas geben konnte, was Rottweil noch nicht erlebt oder gesehen hatte.
*
Man erkannte nicht gleich, was es war, das da auf dem gedrungen wirkenden und aus rotem Sandstein bestehenden Hofgerichtsstuhl nahe der Steinmauer im Schatten der mächtigen Bäume bewegungslos lag. Der Mann sah aus, als ob er betrunken wäre und seinen Rausch ausschlafen würde. Nicht so, als ob er dringend Hilfe benötigte. Er war sehr gut gekleidet, der maßgeschneiderte schwarze Anzug schien nicht billig gewesen zu sein. Den Kopf hatte er auf die Brust gesenkt. Der Hut war herabgefallen und lag im Schmutz vor ihm. Vielleicht war er ein wenig zu luftig angezogen, das Sakko zu dünn für die Temperaturen um diese frühe Uhrzeit.
Um den Hals trug er ein dunkles, mit einem dezenten Muster besticktes Seidentuch. Es war ein schönes, modisches Accessoire, passend zu seinem Anzug. Sicherlich hatte er es vorbeugend gegen eine Erkältung umgebunden, mochte der Passant denken, der gerade mit raschem Schritt an ihm vorbeieilte und den Mann dabei nur mit einem flüchtigen Seitenblick bedachte.
Glück für ihn, dass er nicht genauer hingesehen hatte. Wer weiß, wie sein weiterer Tag sonst verlaufen wäre? Wenn er durch Zufall erkannt hätte, wer der Mann war, der dort regungslos lag. Denn er war beileibe kein Unbekannter. Als oberster Richter hatte er schon Urteile mit weitreichender Bedeutung am Landgericht gefällt, welches schräg gegenüber stolz und eindrucksvoll, vielleicht sogar ein wenig einschüchternd stand wie ein uneinnehmbares Bollwerk des Rechtes gegen das Unrecht.
Aber der Mann schlief nicht und hatte auch keinen Rausch. Es sah nur auf den ersten Blick so aus. Er war tot.
Kapitel 2
Zeller konnte es nicht glauben, als das schrille Klingeln seines Smartphones ihn am heutigen Samstag weckte. Der Blick zur Uhr ließ ihn erschaudern. Er hatte gerade mal drei Stunden geschlafen. Es war spät geworden gestern Nacht, zuerst im »Kapuziner«, dann im »Goldenen Becher« und zum Schluss im »ZiZ«. Er hatte seinen Ärger herunterspülen müssen. Wieder einmal war er allein losgezogen. Sie hatte nicht mitgewollt.
Und jetzt riefen sie ihn um sechs an. Dachten seine Kollegen etwa, Zeller konnte man immer erreichen, bei Tag und bei Nacht? Er hatte weder Bereitschaft noch normalen Dienst. Eigentlich wäre er gar nicht da. Hätte Anne ihre gemeinsame Reise nicht gecancelt, dann säßen sie in diesem Moment am Stuttgarter Flughafen und würden auf ihre Maschine nach Wien warten. Und er hätte keinen Kater, weil er keinen Ärger gehabt hätte.
Doch jetzt lagen sie hier in ihrem Bett und Anne schlief tief und fest. Ihre Atemzüge gingen gleichmäßig, von dem flehentlichen Rufen seines Smartphones hatte sie nichts mitbekommen. Er gab ihr einen Kuss auf das unschuldige Gesicht und strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn. Sie fühlte sich gestört und drehte sich murrend auf die andere Seite. Zeller bedeckte ihren Rücken mit der heruntergerutschten Bettdecke und nahm das Smartphone in die Hand.
»Ja? Zeller hier.« Er gähnte laut ins Telefon. Der Kriminalhauptkommissar war nicht gerade für seine Freundlichkeit bekannt.
»Paul, wir haben einen Toten. Keinen Unbekannten, wenn du verstehst, was ich meine«, sagte eine Frauenstimme.
»Auch das noch. Es ist Samstag. Können die sich nicht am Montag gegenseitig umbringen und uns wenigstens das Wochenende in Ruhe lassen? Wer ist es denn?« Etwas Hoffnung schwang in seiner Stimme mit. Vielleicht war es doch nicht unbedingt notwendig, dass er dabei sein musste. Womöglich konnten das auch seine Kollegen lösen.
»Linus Schuhmacher. Der Richter.«
Zeller war augenblicklich hellwach. Jetzt verstand er, was sie damit gemeint hatte, er sei kein Unbekannter. Schuhmacher war tot? Er hatte ihn doch gestern Morgen noch gesprochen.
»Du machst Witze.«
»Paul, wach endlich auf.«
»Wie ist er umgekommen?«, fragte Zeller, und fügte noch hinzu: »Wurde er etwa ermordet?«
»Du kannst Fragen stellen, Zeller. Hätte ich angerufen, wenn er an Altersschwäche gestorben wäre? Los, raus aus den Federn.«
»Wohin soll ich kommen?«
»Zum Hofgerichtsstuhl«
»Carla, bitte. Wohin?«
»Kennst du den Hofgerichtsstuhl nicht? An der Königsstraße, Ecke Lorenz-Bock-Straße. Gleich in der Nähe vom Gericht. Also schwing dich in dein Auto und komm endlich her. Es ist wichtig. Hier ist jetzt schon großer Bahnhof. Sogar Bausinger ist da.«
Zeller quälte sich aus dem Bett. Das konnte ja heiter werden. Sein Chef schon im Einsatz? Er stellte sich seine Stimmung lebhaft vor. Eigentlich hatte er keine Lust darauf und überlegte einen Moment, sich lieber krankzumelden. Einfach wieder hinlegen, die Bettdecke über den Kopf ziehen und schlafen.
Als Zeller am Tatort eintraf, war immer noch »großer Bahnhof«, wie Carla Zimmermann ihn vorgewarnt hatte. Das Gelände um den Hofgerichtsstuhl, der seit dem Ende des 18. Jahrhunderts als Erinnerung an das kaiserliche Hofgericht hier stand, war weiträumig abgesperrt. Einige neugierige Fußgänger waren stehen geblieben und glotzten sich die Augen aus. Viele hatten Smartphones in den Händen. Wahrscheinlich war der Vorfall in Rottweil längst in aller Munde. Ein paar Leute von der Zeitung sah er auch. Als sie Zeller erblickten, rannten sie auf ihn zu und versuchten, ihm Fragen zu stellen. Der Kommissar winkte ab.
Ein junger Mann probierte, unter der Absperrung hindurchzuschlüpfen. Vergeblich. Ein Polizist bekam es mit, packte ihn an der Kapuze seiner Jacke und zog ihn hinter die Absperrung zurück. Er werde sich beschweren, hörte man den Mann schimpfen, die Hörer des Antenne 1 Neckarburg Rock & Pop hätten ein Recht auf eine aktuelle Berichterstattung. Der Polizist gab ihm trotzdem nicht die Erlaubnis.
Viel war für die Schaulustigen nicht zu sehen. Ein großer weißer Pavillon war von den Beamten über den Hofgerichtsstuhl gestülpt worden. Zeller klappte die Wand des Sichtschutzes beiseite und sah Ulrike Brenner zu, wie sie den toten Richter fotografierte. Einer ihrer Kollegen sicherte indes mit einem Pinsel unsichtbare Spuren auf dem Steinthron. Ein weiterer untersuchte die Sakkotaschen des Richters. Die Kriminaltechnik war gut vertreten, im Gegensatz zur Kriminalpolizei. Da war nur er da und sein Chef Bausinger.
Neben Bausinger stand eine junge Frau im weißen Overall. Sein Chef redete unaufhörlich auf sie ein, hatte einen Arm auf ihre Schulter gelegt und zeigte mit dem anderen auf den Toten. Zeller sah auf einen Blick, dass er sie beeindrucken wollte und sein Wissen mit einer großen Gießkanne über sie ausleerte. Er drehte sich ab und wandte sich an die Leiterin der Spurensicherung – der K8, wie sie hier dazu sagten. Vielleicht hatte sie Informationen für ihn.
»Hallo, Ulli. Schon was gefunden an diesem gottverdammten Tagesbeginn?«
»Ach, Paul. Wieso bist du so schlecht drauf? Heißt es nicht: Eine Leiche am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen? Oder so ähnlich.«
»Kannst du schon was sagen?«
»Männliche Leiche«, antwortete Doktor Ulrike Brenner spöttisch. Die gut 40 Jahre alte Frau mit dem etwas rundlichen Gesicht sah im Gegensatz zu Zeller ausgeruht und gut gelaunt aus. Ihr dezentes Make-up war sorgfältig aufgetragen.
»Prima! Ich wusste, du bist eine der Besten, die wir haben.«
»Man hat ihn erhängt, erdrosselt, stranguliert. Such dir was aus. Auf jeden Fall war es kein Selbstmord. Der Kehlkopf ist eingedrückt. Außerdem hat er die typischen Flecken im Gesicht.«
»Weißt du, wann es passiert ist?«
»Kann noch nicht lange her sein. Ich denke, keine drei Stunden, zwischen 2 und 4 Uhr. Die Leichenstarre ist noch nicht eingetreten.«
»Ist es hier geschehen?«
»Glaube ich nicht. Das hier ist nie und nimmer der Tatort.«
»Habt ihr noch was anderes gefunden?«, fragte Zeller in der Hoffnung, wenigstens einen kleinen Anhaltspunkt für seine Anfangsermittlungen zu bekommen.
»Später, Paul. Lass uns erst mal unsere Arbeit tun. Ich melde mich bei dir.«
»Aber nicht nur beim Zeller, werte Frau Doktor. Ich möchte auch informiert werden. Als Erster, bitte schön.«
Zeller schaute zu Bausinger hinüber, der offenbar den Chef vor der jungen Dame heraushängen lassen wollte, die ihn begleitete und die Zeller noch nicht kannte. Ein Umstand, der sich gleich ändern würde, denn die beiden kamen auf ihn zugelaufen.
»Paul, ich möchte dir unsere neue Mitarbeiterin vorstellen. Eine der Besten im Kurs ihres Jahrgangs an der Polizeihochschule in Böblingen. Ich hatte es dir vor einiger Zeit gesagt. Sie heißt … Ach, das kann sie dir alles selbst sagen. Bitte, junge Dame«, fügte er mit einem süßlichen Lächeln hinzu.
»Elli Jones. Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Herr Kriminalhauptkommissar«, sagte sie brav und streckte ihm die Hand entgegen.
Zeller musterte sie kritisch. Wer so eng verbandelt mit Bausinger war, konnte nichts taugen. Sie würde nicht lange bleiben. Sicherlich nur eine Praktikantin auf der Suche nach der Abteilung bei der Kriminalpolizei, die ihr am besten gefiel. Gerade als er der jungen Frau etwas erwidern wollte, rief Ulrike aufgeregt nach ihm.
»Paul, kommst du mal bitte? Wir haben da was, das wird dich interessieren.«
Als Zeller neben ihr stand, zeigte sie auf die rechte Hand des Toten. An ihr fehlte der Zeigefinger, abgetrennt mit einem sauberen Schnitt. Sie hätten nicht lange nach ihm suchen müssen, erzählte Ulli ihm weiter. Er hatte sich in der Innentasche seines Sakkos befunden.
Etwa zur gleichen Zeit ärgerte sich Berta Abele, als sie an diesem Samstag auf der Arbeit im TK Elevator Testturm erschien. Eigentlich war es ihr freier Tag. Doch gestern am späten Nachmittag hatte man sie angerufen und gefragt, ob sie nicht noch einmal Feuerwehr spielen könne. Genau wie schon die Wochen zuvor. Wieder war jemand plötzlich erkrankt. Es sei aber wirklich das letzte Mal in diesem Monat.
Na gut, hatte sie zu sich gesagt. Ihre Partnerin würde Ramona sein, das junge Ding. Mit ihr arbeitete sie gern. Sie würden rasch fertig werden, denn Ramona war genauso schnell wie sie. Keine Trödlerin wie so manche andere Kollegin. Da konnte man sich nebenbei auch noch ein wenig unterhalten.
Doch am späten Abend hatte Ramona sie zu Hause angerufen und sich bei ihr abgemeldet. Das war schon wirklich nett von ihr, ehrlich. Die Begründung dagegen weniger. Sie hatte schweren Durchfall und konnte unmöglich arbeiten kommen.
Als ob ganz Rottweil mit diesem Virus befallen wäre und eine Magen-Darm-Grippe hätte. Jetzt fehlte Ramona also auch noch! Wie schon so oft in der letzten Zeit. Da war etwas, was sie ihr verschwieg, war sich Berta sicher. Wahrscheinlich war sie doch schwerer erkrankt, als sie zugab.
Doch Berta machte sich nichts vor. Bestimmt war es die letzte Chance für Ramona gewesen. So etwas konnte sich niemand ewig erlauben. Egal, wie lange man schon in der Firma beschäftigt war. Der Chef hatte ihr bereits beim vergangenen Fernbleiben gedroht, dass sie sich nach einem anderen Job umschauen solle, nach einem, der ihre Gesundheit nicht so strapaziere. Es gebe genug Anfragen, sie würden vor seinem Büro geradezu Schlange stehen. Jeden Tag! Sofort würde er eine neue Putzkraft einstellen können. Unter Tränen hatte Ramona ihn angefleht, sie zu behalten. Sie brauche das Geld. Unbedingt! Er hatte sich erweichen lassen. Das letzte Mal, wie er gesagt hatte. Und nun fehlte sie schon wieder.
Seufzend öffnete Berta die Eingangstür zum Turm. Verwundert stellte sie fest, dass gar nicht abgeschlossen war. Das hatte sie noch nie erlebt, seitdem sie hier in der Frühschicht arbeitete.
Sie zog ihre Jacke aus und hängte sie an einen Haken neben ihrem Spind. Dann ging sie in den Nebenraum, in dem sich die Sanitärartikel befanden, und belud ihren Wagen mit den fehlenden Flaschen, Handtüchern und Lappen. Noch zwei weitere Toilettenreiniger aufgeladen und sie konnte loslegen. Berta schaute auch nach der Essigessenz und angelte sich einen neuen Wischmopp aus dem Ständer. Lieber ein bisschen mehr mitschleppen als zu wenig. Sie mussten schließlich später nach oben in den Konferenzraum. Der war heute dran, gestern hatte es eine Abendveranstaltung gegeben.
Den Aufstieg mit dem Fahrstuhl in diese luftige Höhe vertrug sie nicht gut. Schließlich war sie vergangene Woche stolze 70 Jahre alt geworden und hatte eigentlich nie im Leben daran gedacht, dass sie in diesem Alter immer noch arbeiten würde. Aber sie tat es gern. Die Putzerei war nicht besonders anspruchsvoll und der Lohn dafür nicht schlecht. Da blieb etwas für ihre Enkel übrig. Welche Oma steckte ihren Lieblingen nicht gern etwas zu?
Ein lautstarkes und übertrieben frisches »Guten Morgen« schlug ihr mit einem sächsischen Unterton brutal in den Magen. »Na, Berta, wie geht’s dir? Oh, mir geht’s gar nicht gut. Kurt war gestern Abend nämlich bei mir. Der hatte ein wunderbares Wässerchen dabeigehabt. Mann, war das gut. So richtig fruchtig. Jetzt geht’s mir schlecht. Hab ich einen Brand! Ich verdurste fast.«
Berta war bedient. Auch das noch, schoss es ihr durch den Kopf, diese vorlaute und primitive Kuh Gudrun Zetsche hatte man ihr zugeteilt. Es hätte nicht schlimmer kommen können. Der Tag war gelaufen. Wäre sie doch bloß zu Hause geblieben. Es gab nichts Schlimmeres als diese Kampfdrohne.
Wortlos hielt sie der drallen Frau ihre Wasserflasche hin. Gudrun griff hastig danach und trank sie in gierigen Zügen leer.
»Oh, danke, Berta. Das war meine Rettung. Habe ich heute einen schlimmen Schädel. Das hämmert wie verrückt«, jammerte sie weiter. Mit dem Handrücken wischte sie ihren Mund trocken und zog dabei geräuschvoll die Nase hoch.
»Nimm doch wenigstens ein Taschentuch. Das ist ja nicht zum Aushalten mit dir. Los jetzt! Wir sind spät dran.«
Sie begannen ihre Arbeit im Eingangsbereich, reinigten die Kassenschalter und wischten die Scheiben ab. Der Boden war schon fertig geputzt. Dafür gab es einen fahrbaren Kärcher. Das wäre ja auch noch schöner gewesen, jeden Morgen hier den Schmutz der vielen Besucher herauszuwischen. Da hätten sie schon um vier anfangen müssen.
Danach ging es in die Sanitärräume. Berta hatte es geahnt. Ihre Kollegin machte sich erst einmal aus dem Staub und verschwand im Frauenklo. Berta nahm sich stattdessen die Herrentoilette vor. Rasch putzte sie den Waschbereich, um dann die Kabinen mit ihrem Mopp zu beglücken. Als sie bei der letzten Kabine angelangt war, bemerkte sie neben der Kloschüssel auf dem Boden etwas Ungewöhnliches. Es war nichts Besonderes, wenn hier im Klo nach einem Abend mit viel Publikum etwas herumlag. Irgendjemand verlor immer etwas, aber das da war wohl eher selten. Ein schwarzes Schlüsseletui in Form eines Eishockeyschlägers mit einem großen K in einer dreizackigen Krone darauf. Seufzend bückte Berta sich und steckte das Etui in die Tasche ihres Arbeitskittels. Sie würde es unten am Empfang hinterlegen. Sicher würde bald jemand danach fragen.
Jetzt sah sie auch noch einen blassrosa Blutfleck auf dem Boden. Angestrengt versuchte sie, ihn zu entfernen, was gar nicht so einfach war. Mehrfach musste sie mit dem Lappen darüberschrubben, ehe er endlich verschwunden war. Wahrscheinlich hatte da gestern jemand Nasenbluten gehabt, dachte sie sich. Am Morgen des vorangegangenen Tages war der Fleck jedenfalls noch nicht da gewesen. Sie hätte ihn beim Reinigen bestimmt nicht übersehen. Im selben Moment hörte sie, wie jemand die Toilette betrat. Sie erschrak. Wer konnte das um diese Uhrzeit sein? Mit einem raschen Blick sah sie noch einmal nach dem Fleck. Er war nicht mehr zu sehen. Zufrieden schloss sie die Tür hinter sich.
Es war kein fremder Besucher, den sie gehört hatte, sondern ihre Kollegin. Als ob sie nichts anderes zu tun hätte, als ihr nachzuschnüffeln.
»Was hast du denn so lange in der Kabine gemacht? Hat da wieder einer rumgesaut?«, wollte Gudrun prompt von ihr wissen.
»Bist du endlich fertig mit deinem Geschäft?«, erwiderte Berta unwirsch und ging gleich in den Gegenangriff über: »Muss ich wieder alles allein machen? Jedes Mal, wenn ich mit dir arbeite, kommst du mit irgendwelchen Ausreden daher. Mal ist es dein Kreuz oder du hast dir dein Bein vertreten und kannst nicht mehr laufen. Oder du hast plötzlich ganz schlimmen Durchfall und kommst nicht vom Klo runter. Immer ist es etwas anderes. Aber nicht mit mir, meine Liebe. Mich verkaufst du nicht für dumm. Geraucht hast du auch schon wieder. Das rieche ich doch! Los jetzt, ab nach oben. Der Konferenzraum ist noch schmutzig. In ein paar Stunden kommen die Besucher. Da müssen wir fertig sein und alles muss glänzen. Ich hole jetzt geschwind den Schlüssel für den Aufzug.« Resolut marschierte sie an Gudrun vorbei.
»Berta, das dürfen wir nicht«, sagte die kleinlaut zu ihr.
»Papperlapapp. Sonst hast du immer die große Klappe, aber auf einmal kommen dir wegen dieser kleinen Fahrt Bedenken. Hättest du mal lieber auf die Uhr geschaut, als du gekommen bist.«
Sie nahmen den Panoramaaufzug trotz ausdrücklichen Verbots der Geschäftsleitung. Der war schön geräumig. In ihm konnte Berta einigermaßen entspannt bis nach oben fahren, ohne eine klaustrophobische Attacke zu bekommen. Die rasende Fahrt dauerte nicht lange. Am großen Konferenzraum ließen sie den Aufzug anhalten. Als die Tür sich öffnete, schlug ihnen ein erbärmlicher Gestank entgegen. Misstrauisch schaute Berta in den Gang, doch hier oben sah es aus wie immer. Gudrun schob den Wagen. Wie immer stellte sie sich tollpatschig an und hätte Berta nicht blitzschnell zugegriffen, wäre er umgekippt. Das wäre eine schöne Sauerei geworden.
Etwas verwundert stellte sie fest, dass der Aufzug sich in Bewegung setzte. Um diese Zeit war außer den Sicherheitsleuten niemand auf dem Testturmgelände zu finden, geschweige denn im Turm selbst. Sie hatte es noch nie erlebt, dass einer von ihnen um diese Zeit im Aufzug nach oben kam. Aber heute war alles anders.
Die Tür zum großen Konferenzzimmer stand offen. Je näher sie dem Raum kamen, desto stärker wurde dieser Gestank. Was war das nur, dachte sich Berta und hielt sich mit einer Hand die Nase zu. Gudrun stieß ihre Kollegin zur Seite und rannte ins Konferenzzimmer. Kaum war sie darin verschwunden, schrie sie fürchterlich. Berta folgte ihr augenblicklich. Auch sie stieß einen grellen Schrei aus. Der Anblick war einfach nur grauenhaft.
Die beiden Frauen machten augenblicklich auf dem Absatz kehrt und rannten zurück zum Aufzug. In der Aufregung stieß Berta gegen den Putzwagen. Er fiel krachend um und die verschiedenen Flaschen, Tuben und Dosen verteilten sich quer über den Flur. Endlich am Aufzug angekommen, drückte Berta wie wild auf den grünen Knopf. Immer wieder. Doch der Fahrstuhl war noch unterwegs. Hand in Hand standen die beiden Frauen dicht nebeneinander und warteten. Endlich kam der Lift in ihrer Etage zum Stehen. Die Tür öffnete sich mit einem zischenden Geräusch. Erschrocken riss Berta die Augen auf. »Nein! Bitte nicht«, rief sie aus und hob schützend ihre Arme über den Kopf. Doch vergeblich. Wuchtig krachten mehrere Schläge auf ihren Schädel nieder. Leblos sank sie zu Boden. Gudrun rannte schreiend davon. Doch es half nichts, sie war zu langsam. Auch sie bekam einen schweren Schlag auf den Hinterkopf. Weitere folgten. Doch die bemerkte sie nicht mehr. Auch sie war tot.
Kapitel 3
Kriminalhauptkommissar Paul Zeller stand stumm neben seiner neuen Assistentin vor dem Aufzug des TK Elevator Testturms und wartete. Was war heute nur los, überlegte er dabei, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Vor nicht einmal 100 Minuten waren sie beim ermordeten Richter Schuhmacher gewesen und nun gab es einen weiteren Fall. Wieder Mord. Zwei Tote. Warum nur war er nicht nach Wien geflogen? Vielleicht wäre er gerade um diese Uhrzeit im Café Central in der Wiener Herrengasse gesessen und hätte ein Stück Sachertorte mit einem großen Mokka vor sich stehen gehabt. Oder im Prater in einer Gondel des Riesenrades hoch über der Stadt. Es wäre so friedlich gewesen, so erholsam und inspirierend. Doch er war hier, in seinem Rottweil, welches er seit knapp zwei Stunden nicht wiedererkannte.
So viele Opfer gab es sonst nicht einmal in einem ganzen Jahr. War es Zufall oder Absicht? In Anbetracht der geringen Kriminalitätsrate in Rottweil hätte er eigentlich zu Ersterem tendiert. Aber etwas in ihm war skeptisch. In seinem langen Polizistenleben hatte er gelernt, dass es keine Zufälle gab. Wenn er den Gedanken weiterspann, wurde es noch fürchterlicher. Denn wenn es kein Zufall war, dann wäre alles akribisch geplant gewesen. Keine Bluttat im Affekt. Und vielleicht waren diese Taten erst der Anfang? Er hoffte inständig, dass es anders war. Der Beginn einer Mordserie, hier in dieser Stadt, überstieg seine Vorstellungskraft.
Noch immer warteten sie auf den Aufzug. Mit einem Seitenblick schaute er auf die junge Frau neben sich. Eigentlich hätte er etwas zu ihr sagen müssen. Doch er schwieg. Er hatte mit sich zu tun. Worüber sollte er sich auch mit ihr unterhalten? Die Themen dieser Generation waren nicht die seinen. Für Social Media war er zu alt. Für ihre Musik genauso. Überdies kam erschwerend hinzu, dass ausgerechnet sein Vorgesetzter diese Frau Jones ausgesucht hatte – wahrscheinlich um ihn zu bespitzeln. Also schwieg er lieber. Über das Wetter zu reden war für ihn pure Zeitverschwendung.
Zeller vermied es in der Folge krampfhaft, Jones anzuschauen, und blickte stur auf die Tür des Aufzuges. Als ob dort die Lösung ihres Falles geschrieben stünde. Jetzt bewegte sich was in dem Schacht. Der Aufzug hielt vor ihnen an, die Tür öffnete sich. Drei Männer standen darin, einer davon trug die rote Jacke des Notfallarztes, die beiden anderen die Uniformen der Rettungssanitäter. Sie nickten sich zu.
»Hallo, Paul. Auch schon auf? Hätte ich gar nicht gedacht von dir«, begrüßte ihn der Notarzt vertraut. Sie kannten sich seit vielen Jahren.
»Da fragst du noch, Lothar? Kennst mich doch. Du bist schon fertig? Nichts mehr zu tun da oben?«, entgegnete Zeller gleich mit mehreren Fragen und ahnte sogleich die Antwort. Die irrwitzige Hoffnung, dass es nicht so schlimm werden würde wie angenommen, war gegenstandslos. Wenn der Notarzt so rasch den Tatort verließ, dann gab es aus medizinischer Sicht nichts mehr zu tun. Jetzt erfolgte eine fließende Übergabe an die andere Zunft, die Bestatter. Sie würden die beiden Toten in einen Alu-Sarg packen und in die Rechtsmedizin nach Tübingen zur Obduktion bringen. Vorher musste sie der Staatsanwalt anordnen. Obduktionen waren teuer.
»Ich hätte mir den Weg sparen können. Leider. Da oben sieht es aus wie in einem Schlachthaus. Ich hoffe, ihr habt gut gefrühstückt. Schönen Tag noch.« Er machte eine grüßende Handbewegung an den nicht vorhandenen Hut und verschwand.
Zeller und Jones betraten die Kabine. Hinter ihnen schlossen sich die Türen. Die mitfahrende Angestellte des Testturms drückte einen Knopf und der Fahrstuhl setzte sich lautlos in Bewegung.
Unauffällig musterte Zeller seine neue Kollegin. Seine langjährige Erfahrung hatte ihm im Voraus gesagt, was er sehen würde in ihrem hübschen Gesicht: Diese Mischung aus Aufgeregtheit und Lampenfieber, verbunden mit der Freude, zu einem ersten richtigen Einsatz mitgenommen zu werden, und die zögerliche Angst vor dem, was sie erwarten würde. So war es bei allen gewesen, die er an seiner Seite eine Weile durch den Polizeialltag mitgenommen hatte. Keine hatte es bisher lange bei ihm ausgehalten. Außer Susanne, die war nicht unterzukriegen gewesen. Bis es nicht mehr gegangen war zwischen ihr und Zellers Chef. Dazu diese fatale Fehlentscheidung. Es hätte nie so weit kommen dürfen. Doch daran war nur Bausinger schuld gewesen.
Immerhin schien seine Neue ihre Aufregung gut im Griff zu haben und redete nicht pausenlos auf ihn ein. Oder hatte ihr das erste, unfreundliche Treffen mit ihm die Sprache verschlagen und sie war vorsichtig geworden? Fast tat es ihm leid, ihr nicht die Hand gegeben zu haben. Egal, sie würde es verkraften. Und wenn nicht, war es ihr Problem.
Er bemerkte nicht ohne einen Anflug von Sympathie, dass sie sich mit ihren Fragen tapfer zurückhielt. Es fiel ihr sicherlich nicht leicht. Erst Anfang letzten Monats hatte man ihm die Lehrgangsbeste an der Polizeihochschule Baden-Württemberg in Böblingen angekündigt. Nach ihrer Polizeiausbildung war sie kurze Zeit in Stuttgart gewesen und später auf diesem Lehrgang. Er hatte die Information gleich wieder vergessen und sich nicht weiter darum gekümmert. Schließlich hatte er anderes zu tun gehabt. Erst als Bausinger Jones heute Morgen vorgestellt hatte, war es ihm wieder eingefallen. Sein Chef hatte sie ihm damals schon angepriesen wie einen Rohdiamanten, den es galt, behutsam zu formen. Auch wenn es nicht der richtige Ausdruck für die Bearbeitung eines Diamanten war, gefiel Paul die Wortwahl besser. Ein Schleifer wollte er keinesfalls sein. Dafür konnte Bausinger andere nehmen.
»Sie heißen Elli Jones?«, ließ sich Zeller zu einer Frage hinreißen.
»Ja.«
»Woher?«
»Aus Triberg. Jedenfalls die letzten 20 Jahre.«
»Und vorher?«
»Israel.«
»Echt?«, gab er zurück und war kurz interessiert, fragte aber nicht weiter nach und so verebbte das gerade begonnene Gespräch wieder.
Während sie in einer enormen Geschwindigkeit nach oben brausten, schaute er versonnen durch die Panoramafenster nach draußen. Wie schön hätte diese Fahrt sein können, wenn man sich nur an der ständig verändernden fantastischen Aussicht hätte berauschen können. Ewig hätte er so weiterfahren können. Egal, wie hoch. Doch sein Wunsch blieb unerhört. Fast unmerklich wurde der Fahrstuhl abgebremst und die Fahrt war beendet. Als sich die Türen öffneten, zögerten sie zunächst, hinauszutreten. Die Worte des Notarztes hallten noch nach. Außerdem schlug ihnen ein erbärmlicher Gestank entgegen. Es roch wie in einem Schweinestall. Zeller gab sich einen Ruck und sagte zu seiner Kollegin, die ihn mit angstvollem Blick ansah: »Na los, Jones. Es wird schon nicht so schlimm werden. Bleiben Sie hinter mir. Ist besser so. Und halten Sie sich ein Taschentuch vor die Nase.«
Mehrere Kriminaltechniker, verhüllt in ihren weißen Ganzkörperanzügen, liefen, standen oder knieten um zwei Hügel mit abgedeckten Inhalten. Der eine direkt neben dem Aufzug, der andere um die 30 Meter weiter weg. Der Notarzt hatte nicht übertrieben mit seiner Warnung. Blut und Gehirnmasse waren weiträumig auf dem Boden des Korridors verteilt. Hier hatte ein wahres Gemetzel stattgefunden. Er konnte sich nicht erinnern, schon einmal etwas Ähnliches gesehen zu haben.
Als er sich die Leichen unter den Tüchern zeigen ließ, vernahm er einen dumpfen Aufprall hinter sich, wenige Meter vom Aufzug entfernt. Seiner Begleiterin war der Anblick um diese Uhrzeit wohl zu viel. Zeller tat so, als habe er es nicht bemerkt. Sie wird schon wieder hochkommen, dachte er nur. So etwas gehörte zum Anfang bei der Kripo dazu. Erst später würde man bei solch schrecklichen Bildern nicht mehr das Bewusstsein verlieren.
Er brauchte nicht lang hinzuschauen, um einen ersten Eindruck zu gewinnen. Beide Frauen hatten die gleiche Todesursache erlitten. Jeder von ihnen war der Schädel mit brachialer Gewalt eingeschlagen worden. Das konnte kein Mensch überleben. Keine Chance.
Er sah die Leiterin der Spurensicherung vor einem der Tücher knien und lief zu ihr. »Ulli, du schon wieder. Ich sehe dich seit Neuestem öfter als meinen besten Freund. Gegenüber dem Anblick heute Morgen allerdings sieht es ja hier echt schlimm aus. Da war der tote Richter eine wahre Augenweide.«
»Als ob du Freunde hättest, Paul. Die wenigen, die dafür infrage kämen, sind schon lange davongelaufen oder tot.«
»Ach, komm. So schlecht bin ich doch gar nicht«, versetzte er. »Hast du schon was Besonderes gefunden?«
Sie schüttelte zögernd den Kopf. »Noch nicht, Paul. Wir haben gerade erst angefangen. Es ist ein schrecklicher Tag, den ich bestimmt nicht so schnell wieder vergessen werde. Wir kommen mit der Arbeit kaum hinterher. Heute Morgen da draußen, jetzt hier drin. Meine Truppe musste sich teilen. Drei Kollegen sind beim Hofgerichtsstuhl, der Rest hier. Immerhin haben wir hier weniger Gaffer. Eines aber passt nicht und macht mich nachdenklich.«
»Was? Raus damit.«
»Die Ältere von den beiden, die vorn am Fahrstuhl liegt, trägt nur einen Unterrock. Sie wird wohl kaum so gearbeitet haben.«
»Das ist eigenartig. Habt ihr den fehlenden Arbeitskittel gefunden?«
»Noch nicht. Aber wenn es sein muss, krempeln wir den gesamten Turm nach dem Kleidungsstück um. Egal, wie lange er dann geschlossen bleiben muss.«
»Kannst du was zur Tatzeit sagen?«, versuchte Zeller erneut, Ulli ein paar Informationen zu entlocken.
»Es ist noch keine drei Stunden her. Der Notruf von hier kam um 6.40 Uhr. Viel früher wird man sie nicht getötet haben. Irgendwann zwischen ihrem Arbeitsbeginn und dem Anruf. Genauer geht’s nicht. Die Todesursache scheint klar, so eine rohe Gewalt überlebt niemand. Die jüngere Frau, da weiter hinten, versuchte zu flüchten. Sie kam nicht weit. Der Täter holte sie ein und erschlug sie. Dass kein Mensch ihr Schreien hörte? Man hat sie beide erschlagen wie räudige Hunde. Einfach nur grausam.«
»Die Tatwaffe muss stabil gewesen sein«, entgegnete Zeller und kauerte sich neben sie. »Ein Schirm oder ein Spazierstock wird es wohl eher nicht gewesen sein.«
»Auf keinen Fall! So eine Sauerei kann nur etwas Hartes anrichten wie ein Baseballschläger, eine Metallstange oder ein dicker Knüppel«, antwortete Ulrike Brenner und erhob sich.
»Oder ein Golfschläger«, sagte Zeller mehr zu sich selbst und schaute nachdenklich drein. Er meinte sich zu erinnern, im Foyer eine Tasche mit mehreren Golfschlägern stehen gesehen zu haben.
»Kann gut sein. Es gibt viele Möglichkeiten«, erwiderte die Kriminaltechnikerin dünnhäutig.
»Ich muss dir noch etwas zeigen. Du wirst erstaunt sein.« Er folgte ihr in den großen Konferenzraum. Der Gestank wurde immer grässlicher. Elli Jones, gerade ein wenig erholt, war zu ihnen gestoßen und hielt sich ein Taschentuch vor die Nase. Angewidert drehte sich die junge Frau bei dem Anblick gleich wieder weg.
Zeller traute seinen Augen nicht. Was sollte das sein? Eine Protestaktion mit Symbolcharakter? Hatte der Vortrag vom gestrigen Abend damit zu tun? Oder ging es gegen die Firma, die den Turm erbaut hatte? Mitten im Konferenzraum hing ein Schwein von der Decke. Der Bauch war geöffnet, aus ihm baumelten die Gedärme heraus. In die Schnauze hatte man dem Tier einen Packen Geldscheinattrappen gesteckt. »Zur Abwechslung wirklich was Neues, Ulli. Den Mord an einem Schwein habe ich bisher noch nie untersuchen müssen. Was soll Jones hier neben mir davon halten? Sie wird sich fragen, wo sie hineingeraten ist. Tierkadaver, ein ermordeter Richter und zwei erschlagene Frauen. Etwas viel für einen einzigen Tag.«
Er stellte seine blasse Kollegin und die Kriminaltechnikerin gegenseitig vor. Ulli Brenner lächelte Jones freundlich an. Irgendjemand musste ihr den Tag retten. Zeller würde es bestimmt nicht sein. »Ist für mich auch neu. Weder in der Ausbildung noch in Verbindung mit einem Mordfall habe ich so was schon gehabt. Allerdings hatte ich schon mit allerlei anderen Schweinen zu tun – unterschiedlichen Alters, beruflicher Position und Geschlechts. Wenn das nichts zu bedeuten hat … Ich habe die Sau extra für dich hängen lassen und hoffe, du dankst es mir einmal«, sagte sie zu Paul.
»Aber natürlich! Das weißt du doch. Ich bin gespannt auf den Todeszeitpunkt. Hing das Schwein schon, als die beiden Frauen den Raum betraten, oder hat man es später hier drapiert? Ich denke mal, es war schon da. Alles andere ergibt wenig Sinn.« Zeller hatte genug gesehen und verließ mit seiner neuen Kollegin den Konferenzraum. Draußen wandte er sich ihr zu: »Ich hoffe, der Tag heute wird Sie nicht von der Verwirklichung Ihres Berufswunsches abhalten. So etwas habe ich auch noch nicht erlebt. Glauben Sie mir. Und wahrscheinlich werden Sie das auch nie mehr erleben. Damit Sie auf andere Gedanken kommen, bringen Sie in Erfahrung, was hier gestern für eine Veranstaltung stattgefunden hat, wer referiert hat und wie viele Besucher da waren. Vielleicht ist eine Liste für Kartenvorbestellungen vorhanden. Dann haben wir Informationen darüber, wer anwesend war. Und lassen Sie bei den Bauern der Umgebung nachfragen. Ich will wissen, wem eine Sau abhandengekommen ist. Allerdings braucht derjenige nicht zu denken, dass er die zum Verwursten mitnehmen kann. Die geht nach Tübingen.«
»Jetzt gleich?«
»Nein, Jones, nächstes Jahr. Oder vielleicht übernächstes? Was stellen Sie für Fragen? Natürlich sofort! Wir brauchen Fakten.«
Sie nahmen den Panoramaaufzug nach unten. Eva, eine junge Polizistin, die gerade ihre Ausbildung beendet hatte, kam im Foyer auf Zeller zu. »Herr Kriminalhauptkommissar, im Raum zwei wartet die verantwortliche Turmmanagerin. Möchten Sie mit ihr sprechen? Sie heißt Elke Schatz.«
Er nickte und entschuldigte sich bei Jones. Dann folgte er der anderen Kollegin in das Zimmer neben dem zentralen Besuchereingang.
Dort stellte er sich kurz vor und setzte sich der Turmmanagerin gegenüber. Sie sah mitgenommen aus, weinte unaufhörlich und wischte sich ständig mit einem Taschentuch die Augen trocken. Das Make-up der adretten Frau um die 40 war verwischt. Schluchzend schnäuzte sie sich. Zeller wartete. Er wollte sie nicht drängen. Hier würde ein zu forsches Befragen das Gegenteil von dem bewirken, was er erreichen wollte. Er würde nichts erfahren. Als sie sich allmählich beruhigt hatte, sagte sie zu ihm: »Schrecklich. Einfach nur furchtbar. Berta war so eine treue Seele. Eigentlich hatte sie heute frei. Sie hätte gar nicht kommen müssen. Doch die Kollegin, die für heute eingeteilt war, musste sich krankmelden. Als ob sie es geahnt hätte. Berta ist deshalb kurzfristig eingesprungen. Man konnte immer auf sie zählen.«
»Sie waren zu zweit.«
»Ja, die andere Frau hieß Gudrun. Auch sie hat eine erkrankte Mitarbeiterin vertreten. Doch die Gudrun war das Gegenteil von Berta. Aber was soll man machen, es gibt nicht mehr viele gute Kräfte für diesen Job. Wer will sich denn heutzutage noch die Hände schmutzig machen! Da waren wir froh, dass …« Sie verstummte wieder. Der nächste Weinkrampf schüttelte sie. »Bitte entschuldigen Sie, Herr Polizist. Es ist einfach abscheulich. Ich muss immerzu heulen. Dagegen kann ich nichts machen«, sagte sie schließlich etwas gefasster.
»Kein Problem, Frau Schatz. Sie sagen uns, was Sie gesehen haben, wenn Sie es können. Lassen Sie sich Zeit. Das wird schon noch«, beruhigte er sie.
Sie nickte und wischte sich wieder mit dem zerknüllten Taschentuch über die Augen.
Der Kommissar versuchte es erneut. »Ist Ihnen etwas aufgefallen, als Sie den Turm betraten?«
Die Frau schüttelte den Kopf. »Nichts Ungewöhnliches. Es war wie jeden Tag. Die Schicht der Putzkräfte begann gegen 6 Uhr. Schließlich hätten wir heute unseren Turm ganz normal geöffnet und da kommen wirklich viele Leute zu uns. Da muss alles sauber sein. Es gab jede Menge Vorbestellungen für Führungen und Einzelbesuche. Die meisten Tickets werden über unseren Onlineshop geordert.«
»Gibt es einen Portier oder einen Sicherheitsdienst?«
»Nur einen Portier als Wachdienst in Personalunion. Der ist dann mit der Polizei verbunden. Zweimal die Nacht kommt eine Streife vorbeigefahren, einmal um Mitternacht, dann noch mal gegen vier.«
»Wer hatte Dienst in der vergangenen Nacht?«
»Eduard Seidel. Er war die gesamte letzte Woche zuständig. Es wird wöchentlich gewechselt. Bei großen Veranstaltungen hilft manchmal stundenweise Personal von einem anderen Sicherheitsunternehmen.« Wieder kamen der Frau die Tränen.
Zeller stand auf. Von ihr würde er heute nichts Verwertbares mehr erfahren. »Frau Schatz, es ist gut für heute. Kommen Sie morgen in mein Büro. Es ist zwar Sonntag, aber Ihre Aussage ist wirklich wichtig, das brauche ich Ihnen nicht extra zu sagen. Morgen können Sie mit mir oder mit einem meiner Kollegen über alles in Ruhe reden. Man wird sich jetzt um Sie kümmern und Sie gern nach Hause bringen, wenn Sie möchten.« Mit einem Kopfnicken gab er der soeben eingetroffenen Polizeipsychologin ein Zeichen.
Gerade als er den Raum verlassen wollte, rief die Managerin ihm aufgeregt hinterher: »Herr Kommissar, da war doch noch was. Fast hätte ich es vergessen. Als ich gleich nach dem Notruf gegen 7 Uhr zum Turm kam, war Ede Seidel vom Sicherheitsdienst nicht im Foyer an seinem Platz, wie sonst in aller Regel. Und trotzdem konnte ich eintreten, ohne den Pin eingeben zu müssen. Es war aber kein Mensch da. Erst nachdem ich laut nach Seidel gerufen habe, ist er erschienen.«
»Wo ist er gewesen?«
»Das weiß ich nicht. Er trug eine Papierrolle im Arm. Er sagte, er käme aus dem Raum für die Reinigungskräfte. Seine Jacke hatte einen deutlich sichtbaren nassen Fleck. Er hatte etwas verschüttet. Wenn Sie mich fragen, sah es wie Rotwein aus. Doch ich kann mich auch irren.«
»Ist die Tür um diese Uhrzeit immer nur über den Pin zu öffnen?«
»Oder mit dem Chip, den braucht man nur dranzuhalten. Meistens winke ich aber einfach nur dem anwesenden Sicherheitsbeamten zu und dieser öffnet mir dann die Eingangstür von seiner Theke aus. Der Betrieb geht ja erst viel später los. Heute war die Tür aber wie gesagt gar nicht verschlossen.«
Zeller dankte ihr und versuchte, freundlich zu lächeln, obwohl er mit seinen Gedanken längst woanders war. Der Hinweis auf Seidels Abwesenheit konnte wichtig sein. Was hatte der Mann gemacht, als Frau Schatz im Turm erschienen war? Hatte er wirklich etwas verschüttet und war gerade dabei gewesen, das Malheur zu beseitigen? Und konnte der Fleck nicht viel eher von Blut herrühren als von Rotwein? Er dankte der Turmmanagerin und versuchte, Jones zu finden. Doch sie war nirgendwo zu sehen.
Zeller lehnte sich an die Theke und wartete. Sein Smartphone fing an zu schellen. Es war Anne. Sie machte sich Sorgen um ihn. Normalerweise hätte er wenigstens einmal durchgerufen, wenn er schon so mir nichts, dir nichts verschwand. Ihre Stimme klang aufgeregt. Es war besser, wenn er sich beeilte, nicht, dass dieser Zustand sich noch hochschaukelte. Das wollte er unbedingt vermeiden. Er versuchte, sie zu beruhigen, was ihm ganz gut gelang. Jedenfalls hörte sie sich schon nach kurzer Zeit entspannter an. Es werde spät werden heute, sagte er ihr. Leider. Sie solle nicht auf ihn warten.
Beim Verstauen seines Smartphones in der Manteltasche fühlte er den Flachmann. Er verzog sich auf die Besuchertoiletten im Foyer, angelte sich den Schnaps aus der Innentasche seines Mantels und nahm einen tiefen Schluck daraus. Jetzt konnte es weitergehen. Anne würde schon klarkommen.
Kapitel 4
Zeller rief die junge Polizistin Eva zu sich. Sie schien in diesem Chaos den meisten Durchblick zu besitzen. Von ihr ließ er sich zum diensthabenden Wachmann führen. Nur eine Person als Nachtwache in einem millionenteuren Gebäude – das verwunderte den Kommissar. Reichte das im Zweifel aus?
Der Mann saß nicht allein in dem kleinen Besprechungszimmer. Ein Kollege passte auf, dass er nicht das Weite suchte. Mit einem Kopfnicken entließ der Hauptkommissar den Beamten aus dem Zimmer. Zeller stellte sich dem Wachmann vor, zeigte seinen Dienstausweis und fragte nach dessen Namen.
»Eduard Seidel«, kam die knappe Antwort. »Und das seit über 30 Jahren«, fügte der Mann patzig hinzu.
»Sind Sie schon lange hier angestellt? Oder andersherum, gehören Sie zu den Angestellten der ersten Stunde seit der Turmeröffnung?«, fragte der Hauptkommissar in einem vertraulichen Ton.
»Nein, ich kam später dazu. Jetzt werden es an die sechs Monate sein.« Seidel riss plötzlich den Mund auf und gähnte herzhaft.
»Wieso arbeiten Sie hier und nicht woanders?«, fragte Zeller weiter.
»Ach, Herr Kommissar. Was soll die ganze Fragerei? Kommen Sie auf den Punkt. Oder muss ich Ihnen um diese Uhrzeit meinen gesamten Lebenslauf erzählen? Ich bin müde.«
»Es dauert nicht lange, Herr Seidel. Dennoch muss ich Sie das fragen. Wenn Sie mir helfen, sind wir schneller fertig. Wieso also hier?«
»Es ist praktisch. Ich wohne in Rottweil. Vorher musste ich 50 Kilometer weit zur Arbeit fahren, jetzt nur noch fünf. Fast zwei Stunden weniger Fahrerei am Tag. Ist doch prima, nahe bei seinem Job zu wohnen, auch wenn ich hier weniger Geld verdiene. Aber man kann nicht alles haben im Leben«, erklärte Seidel und nieste. Umständlich kramte er ein Taschentuch aus der Hosentasche und schnäuzte sich dröhnend.
Zeller wartete so lange ab und fragte nun in einem schärferen Ton: »Was war los heute Morgen? Gab es etwas Ungewöhnliches während Ihrer Schicht? Etwas, das anders war als sonst?«
»Nicht, dass ich wüsste. Nur das, was da oben auf der Saalebene geschehen ist. Ich hab die abscheuliche Sauerei entdeckt und sofort die Elke, also Frau Schatz, angerufen. Gleich danach hab ich den Notruf der Polizei gewählt. Aber ich habe weder etwas gehört noch gesehen. Obwohl ich immer an meinem Platz war. Keine Ahnung, wie das passieren konnte«, antwortete Seidel und fügte hinzu: »Wie lange muss ich denn noch hier warten? Ich habe doch schon alles einem Ihrer Kollegen erzählt und bin einfach müde. Verstehen Sie mich?« Er war bedient. Sein ohnehin gerötetes Gesicht verdunkelte sich mit jedem gesprochenen Wort. Mit erhobener Stimme fuhr er fort: »Es war wie immer, wenn abends eine dieser zahlreichen Veranstaltungen stattfindet. Davon gibt es Jahr für Jahr mehr im Turm und wir sollen das alles stemmen. Viele Leute, viel Arbeit, viel Geschwafel, bis spät in die Nacht. So ein Halbdackel wollte, dass ich ein Taxi für ihn rufe. Als ob ich dafür zuständig wäre. Ich bin hier der Sicherheitsmann und nicht der Butler! Ein anderer Dummschwätzer fragte mich nach dem Turm in Dubai aus, diesem Buri kaliffa, oder wie das Ding heißt.«
»Burj Khalifa, meinen Sie«, verbesserte ihn Zeller.
»Meinetwegen. Der fragte doch allen Ernstes, ob der schon einen Aufzug von TK Elevator hat. Als ob ich das wüsste. Bin ich denn der liebe Gott? Ich hatte alle Hände voll zu tun. Gegen 22 oder 22.30 Uhr war die Veranstaltung vorbei. Ehe alle Gäste das Haus verlassen hatten, war es 23.30 Uhr. Danach räumten die Mädels das Geschirr und die Getränke weg. Erst nach 24 Uhr war alles ruhig.«
»Was haben Sie dann gemacht?«
»Eine geraucht.«
Zeller zog die Augenbrauen hoch. Hatte er nicht gerade behauptet, nie seinen Platz verlassen zu haben? Die Frage, wo er denn seine Zigarette geraucht habe, verkniff er sich. Stattdessen wollte er von ihm wissen: »Sind Sie immer allein? Die ganze Nacht?«
»Eigentlich nicht. Wir sind unterbesetzt. Viele sind krank, andere auf Fortbildung. Die sparen, wo sie können.«
»Und dann? Was passierte heute Morgen, als die beiden Reinigungsfrauen ankamen? Alles wie gehabt?«, hakte der Kommissar nach.
Seidel stieß mit einem lauten Zischen die Luft durch die zusammengepressten Lippen aus. Mit zunehmender Dauer des Gesprächs rutschte der Sicherheitsmann immer unruhiger auf seinem Stuhl hin und her. Wenn er in Richtung des Hauptkommissars ausatmete, ließ sein Mundgeruch Zeller den Atem stocken.
»Alles war wie immer. Nichts Besonderes. Die Mädels kamen um 6 Uhr, trugen sich in die Liste ein und nahmen sich aus dem Abstellraum, was sie brauchten. Es war alles wie an jedem Samstag.«
»Nein, das stimmt nicht! Es war nicht wie immer. Die Mädels, wie Sie sie nennen, wurden getötet. Und Sie hätten das verhindern müssen. Dafür hat man Sie angestellt. Wo waren Sie heute Morgen, als Ihre Chefin kam?«
»Wo soll ich schon gewesen sein! Hier am Tresen natürlich.«
»War die Eingangstür verschlossen?«
»Logisch. Ich hatte Ihnen gesagt, es war wie immer. Außerdem, was soll diese Befragung? Ist ja wie beim Verhör hier.«
»Sie sind Zeuge, Herr Seidel. Zeugen werden immer am Tatort befragt. Das ist Routine. Bitte nur noch eine Antwort auf meine letzte Frage.«
Der Wachmann stand auf und baute sich mit den Händen in den Hosentaschen breitbeinig vor Zeller auf. »Ich höre?«
»Wieso sagen Sie, dass die Tür verschlossen war? Frau Schatz behauptet das Gegenteil. Und wo kamen Sie her, als sie die Halle betrat? Sie waren nicht an Ihrem Platz!«
»Die Schatz, die spinnt doch. Wahrscheinlich hat sie noch nicht richtig ihre Äuglein aufbekommen, so verschlafen wie sie in der Früh hier manchmal erscheint. Natürlich war die Tür verschlossen. Ich selbst habe sie extra kontrolliert. Das mache ich jeden Tag so. Dabei habe ich draußen etwas gesehen. Da stand nämlich ein Auto auf dem Vorplatz. Wohlgemerkt nicht auf dem öffentlichen Parkplatz, sondern auf dem Platz gegenüber dem Mitarbeitereingang. Ich dachte schon, da wird aber lange gearbeitet. Darüber hatte ich mich gewundert. Alle Gäste und Mitarbeiter waren schließlich schon seit Stunden zu Hause.«
»Was für ein Auto? Fabrikat? Farbe? Haben Sie sich das Nummernschild gemerkt?«
»Dieses Auto kam mir bekannt vor. Ein Daimler. Rot. So einen, wie ihn der Schuhmacher fährt. Eine alte Kiste jedenfalls.«
»Wen meinen Sie mit Schuhmacher? Den Richter am Landgericht?«, fragte Zeller alarmiert.
»Na klar meine ich den Richter Unbarmherzig, der hat doch gestern hier referiert. Da drüben hängt noch ein Plakat. Hat man Ihnen das nicht erzählt? Es kam zu einem noch nie dagewesenen Vorkommnis.«
Zeller schaute in die Richtung, in die Seidel zeigte, und las: ›Demokratie und harte Strafen – ist das ein Widerspruch?‹ Er wunderte sich selbst darüber, dass es ihm nicht eher aufgefallen war. »Was für einen Vorfall?«
»Gegen 21.30 Uhr wurde ich gerufen. Da gab es im Konferenzsaal eine lautstarke Diskussion zwischen Schuhmacher und einem Mann. Der wollte sich nicht beruhigen und beschimpfte Schuhmacher als Richter ohne Mitleid, als rabiaten Schreckensherrscher, als Tyrannen in Robe. Da musste ich einschreiten und ihn rauswerfen.«
»Ich denke, Sie haben Ihren Platz nie verlassen?«, merkte Zeller an.
»Sorry, das hatte ich vergessen. Es war das einzige Mal. Ehrlich!«
Zeller machte sich eine Notiz in sein kleines Heft. Das war erstaunlich. Unvermutet ein erster Verdächtiger. Ob er die Personendaten wüsste, fragte Zeller den Wachmann. Seidel verneinte. Wieso auch, der Mann habe den Turm auf seine Bitte hin sofort verlassen.
»Wo ist das Auto des Richters jetzt?«
»Keine Ahnung. Als ich vor ein paar Minuten danach schaute, war es nicht mehr da. Er muss es abgeholt haben. Davor jedenfalls stand es die ganze Nacht da.«
»Das ist unmöglich. Schuhmacher ist seit heute Morgen nicht mehr unter den Lebenden. Befand sich nur dieses eine Auto heute Morgen hier?«
»Nein, drei«, antwortete der Wachmann.
»Drei?«, fragte Zeller verwundert.
»Na, das Auto von dem Richter und der Porsche vom Rechtsanwalt Hirsch«, antwortete Seidel mit Unschuldsmiene.
»Rechtsanwalt Hirsch?«
»Der war auch bei der Veranstaltung und ist danach wahrscheinlich zu Fuß nach Hause gelaufen. Doch auch sein Flitzer ist mittlerweile weg.«
»Und der dritte Wagen?«
»Das war mein Auto«, antwortete der Wachmann mit unverschämtem Grinsen.
Zeller grinste zurück und belehrte den Witzbold. Er könne jetzt gehen, vorerst seien sie fertig. Er solle seine Adresse bei den uniformierten Kollegen hinterlassen und sich verfügbar halten. Zeller störte Seidels freche Art. So obercool aufzutreten angesichts einer wenige Stunden zurückliegenden grausamen Bluttat, warf kein gutes Licht auf ihn. Wenn er annahm, damit durchzukommen, hatte er sich gewaltig geirrt. Da war noch recht viel unbeantwortet geblieben, was dringend geklärt werden musste. Doch die nächste Befragung würde nicht hier im Turm stattfinden. Dafür war das Polizeirevier besser geeignet.
Kapitel 5
»Haben Sie die Namen aller Teilnehmer? War die gestrige Veranstaltung gut besucht?«, fragte Zeller seine neue Kollegin, kaum hatte er sie im Foyer des Turms wieder angetroffen.
»Es gibt keine Liste der anwesenden Zuhörer. Die Karten wurden nicht online angeboten, sondern von den Veranstaltern ausgegeben. Es war eine Gemeinschaftsveranstaltung des Rotary und des Lions Clubs. Einmal im Jahr findet ein Abend zu einem bestimmten Thema mit einem geladenen Referenten statt. Als Ansprechpartner fungierte der Präsident des Rotary Clubs, ein gewisser Herr Stranger. Über ihn lief alles zusammen. Der Club buchte den Referenten und übernahm die Kosten. Was der Richter für den Vortrag ausgezahlt bekam, weiß ich nicht. Meistens spenden die Referenten den Betrag an eines der Hilfsprojekte ihrer jeweiligen Organisation. Es ist nicht billig, das große Konferenzzimmer im Turm zu mieten. Da legen Sie für vier Stunden schon ein paar Tausend Euro hin. Dazu noch Getränke, Fingerfood und ein kleiner Snack als Bewirtung – man hat sich nicht lumpen lassen. Gleichfalls gab es einen Spendenaufruf an die Gäste für ein Projekt in Südamerika. Das ist bei derartigen Veranstaltungen gang und gäbe. Rotary unterstützt soziale Hilfsprojekte in der ganzen Welt, da wird immer Geld benötigt.«
Zeller hegte schon die Befürchtung, dass Jones mit ihrem Monolog nie zum Ende kommen würde. Als sie eine kurze Pause einlegte, um Luft zu holen, nutzte er den Moment und sagte: »Haben Sie den Präsidenten vom Rotary kontaktiert? Ich kenne ihn persönlich. Er ist ein guter Mann.«
Elli schüttelte den Kopf. »Leider habe ich ihn nicht erreicht. Dafür den vom Lions Club, einen Herrn Brauer. Aus seinem Verein sind insgesamt 35 Leute gekommen. 40 waren ursprünglich angemeldet, also konnten noch fünf Personen aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis mitgebracht werden. Die Beschaffung dieser Namen wird etwas Zeit in Anspruch nehmen. Brauer hat versprochen, sich darum zu kümmern.«
»Gut gemacht, Jones. Danke.«
Die junge Kollegin reagierte verlegen auf das unerwartete Lob. Ein Hauch von Röte überzog ihr Gesicht.
Zeller sah ihrer beider Anwesenheit im Turm vorerst als nicht mehr notwendig an. Sie könnten nun verschwinden, beschied er Elli und strebte gemeinsam mit ihr dem Haupteingang zu.
Beim Verlassen des Gebäudes sahen sie sich einer größeren Menschenmenge gegenüber. Die Anzahl überraschte selbst Zeller. Waren Sie alle hierher nach Rottweil gekommen, um von der höchsten Besucherplattform Deutschlands in über 200 Metern einen wunderbaren Blick auf die Alb und das Umland zu riskieren? Dass sie aus Sensationslust wegen des Mordes an den beiden Frauen erschienen waren, bezweifelte er. So rasend schnell konnte sich das kaum in der Stadt herumgesprochen haben. Dafür hätte schon das Schwarze Tor einstürzen müssen. Wahrscheinlich hatte man seitens des Turmbetreibers noch nichts unternommen, potenzielle Besucher über die zeitweise Schließung zu informieren. Jetzt standen sie vor dem Gebäude und warteten. Sicherlich fragten sie sich, was der Rettungswagen bedeutete und warum die Einsatzwagen der Polizei vor dem Eingang standen. Die Leute brauchten eine Erklärung.
Zeller spürte die wachsende Unruhe. Er kehrte zurück in den Turm und ließ die Turmmanagerin rufen. »Sie müssen schleunigst den Leuten da draußen Bescheid geben«, forderte er sie auf. »Die stehen da und warten auf Einlass. Hier kommt an diesem Wochenende aber niemand mehr rein. Das wird Ihnen hoffentlich klar sein.« Frau Schatz würde auf der Stelle handeln müssen. Das war schließlich ihr Job. »Haben Sie etwas auf Ihrer Homepage vermerkt?«, setzte er nach. »Noch nicht? Dann machen Sie es bitte rasch. Wenn das so weitergeht, stehen da draußen in ein paar Stunden einige Hundert Menschen. Da kann es zu Problemen kommen. Geben Sie auch eine Mitteilung ans örtliche Radio, damit erreichen Sie ebenfalls viele Leute. Kommendes Wochenende sieht es wieder anders aus. Da bin ich mir sicher.«
Frau Schatz wandte sich gerade zum Gehen, als Zeller sie nach einem weniger belagerten Ausgang fragte. Sie führte die beiden zum seitlichen Mitarbeitereingang und ließ sie hinaus.
»Hier soll das Auto vom Richter gestanden haben. Ganz schön clever. Da denkt man doch, es gehört einem, der hier arbeitet«, meinte der Hauptkommissar zu seiner Kollegin.
Sie kamen ohne große Schwierigkeiten an ihren Dienstwagen und fuhren zurück in die Stadt. Zeller rief im Büro an und fragte nach der privaten Adresse von Schuhmacher. Sie war nicht weit weg von hier, zentral gelegen, unterhalb der Königsstraße. Als sie dort eintrafen, sahen sie bereits zwei Autos der K8 vor dem Haus parken. Die sind wirklich auf Zack, dachte sich Zeller, da wird nichts auf die lange Bank geschoben. Ulli Brenner hatte ihre Truppe gut im Griff.
Kaum waren sie an der Wohnungstür angelangt, flogen ihnen zwei weiße Overalls entgegen. Zum dritten Mal an diesem Tag quälten sie sich hinein.
»Ich fasse es nicht, Paul. Schon wieder du. Anscheinend verfolgst du mich«, begrüßte ihn Ulli scherzhaft. Natürlich hatte sie ihn längst erwartet.
Zeller lachte. »Das hättest du wohl gern. Aber leider muss ich dich enttäuschen, du bist nicht der Grund, warum ich hier bin.« Er sah sich um. »Auf den ersten Blick eine ganz normale Wohnung. Ich hätte eigentlich erwartet, dass Schuhmacher anders gelebt hat. Wesentlich mondäner, mit einem alten, aus dunklem Mahagoniholz und bequemen Sesseln bestehenden Herrenzimmer, wo er abends gerne eine Zigarre rauchte und ein Glas Whisky dazu trank. Der Richter bekleidete seinen Posten schließlich schon seit etlichen Jahren. Ob er hier illustre Gäste empfangen hat? Kann ich mir nicht vorstellen. Na, immerhin verfügt die Wohnung über einen Balkon.«
»Wusstest du nicht, dass er geschieden war? Wie es heißt, hat er dabei sein Haus in Zimmern ob Rottweil und nicht gerade wenig Geld verloren. Seine ehemalige Angetraute hat ihn ausgenommen wie eine Weihnachtsgans. Sie lebt jetzt auf Gran Canaria und lässt es sich gut gehen. Das hat ihn total aus der Bahn geworfen. Noch dazu musste er seine zwei Kinder unterstützen, die beide studieren.« Ulli kannte sich blendend aus. Immer wenn Zeller Hintergrundinformationen zu stadtbekannten Leuten benötigte, fragte er zuerst die Leiterin der Kriminaltechnik. Erst wenn sie nichts wusste, und das war äußerst selten der Fall, versuchte er, andere Quellen anzuzapfen.
»Sucht nach Fremdspuren. Vielleicht war der Richter gestern Abend nicht allein. Sein Auto jedenfalls hatte er am Turm stehen gelassen. Außerdem hatte es einen handfesten Streit bei seinem Vortrag gegeben. Von hier aus ist es nicht sonderlich weit bis zum Hofgerichtsstuhl, wo man ihn gefunden hat. Die Strecke könnte ein Mann alleine schaffen, ohne für den Transport der Leiche ein Auto nehmen zu müssen«, überlegte Zeller laut.
»Es ist immer wieder schön, wenn du uns sagst, wie wir unsere Arbeit zu machen haben. Was würden wir nur ohne dich anstellen, Paul«, parierte Ulli die Gedankenspiele des Kommissars.
»Ich meine ja nur«, knurrte der zurück und es war nicht zu übersehen, dass er der Frotzelei überdrüssig wurde. Er schaute noch etwas unschlüssig in der Wohnung umher und sagte dann zu Elli Jones: »Kommen Sie, wir gehen woanders hin. Hier sind wir unerwünscht. Der Tag war bisher schon hart genug, da wird uns eine kleine Pause guttun.«
Sie spazierten von der Wohnung des Richters aus zuerst auf die Königsstraße. Zeller hatte die Hände in den Taschen seines Mantels vergraben. Den schwarzen Borsalino aus Biberhaar hatte er tief ins Gesicht gezogen. Unmittelbar nach dem Café »Herz« blieb er ohne Ankündigung stehen und überquerte die Straße. Ein entgegenkommendes Auto musste abrupt bremsen. Der Fahrer zeigte dem Kommissar den Vogel und schimpfte wie ein Rohrspatz in seinem Fahrzeug. Zeller winkte ab und lief rasch weiter, so schnell, dass Jones Probleme bekam, mit ihm Schritt zu halten. Kaum auf der anderen Seite angelangt, sah die junge Polizistin das Park-Hotel, offenbar der Grund für die gefährliche Straßenüberquerung ihres Kollegen.
Zeller stürmte in das Gebäude und direkt zur Rezeption. Jones folgte ihm.
»Sind alle Ihre Gäste noch im Haus oder haben heute schon welche ausgecheckt?«, fragte der Kommissar, ohne sich lange mit Begrüßungsfloskeln aufzuhalten.
»Wer will das wissen?«, erkundigte sich die schwarzhaarige Frau hinter der niedrigen Theke anstelle einer Antwort. Auf einem weißen Schildchen am Revers ihrer roten Jacke stand »Martina Donatu«.
Zeller zeigte ihr seinen Ausweis und stellte sich vor.
Die Frau schaute in ihren PC. »Nein. Sie haben anscheinend Glück, es sind alle noch da. Ein Pärchen will morgen abreisen, zwei einzelne Herren bleiben bis Mittwoch. Sie sind zu dieser Zeit unterwegs. Keiner von ihnen ist im Augenblick im Hotel. Hier, sehen Sie, alle Gäste haben Ihre Schlüssel bei mir hinterlegt.« Sie zeigte mit einer ausholenden Geste zum Schlüsselregal hinter sich. Tatsächlich waren alle Fächer komplett belegt.
»Wer bewohnt die Zimmer mit den Fenstern zur Straße hinaus?«
Frau Donatu überlegte. »Lassen Sie mich kurz nachschauen. Ach, den Herrn hier hatte ich ganz vergessen. Er kam gestern spätabends unangemeldet an und bestand darauf, dass ich ihm noch ein Zimmer zuweise. Es gibt viele Hotels in Rottweil, da musste es doch nicht unbedingt meines sein, oder was sagen Sie? Er hat mich richtig in Stress versetzt und ich musste einiges umplanen. Dazu bezahlte er die Übernachtung im Voraus, also durfte ich ihm auch noch eine Rechnung ausstellen. Anschließend nahm er den Schlüssel entgegen, stellte seine Tasche ab und verschwand wieder. Einfach so.«
»Was ist ›spätabends‹ bei Ihnen?«
»Nach 19 Uhr.«
»Wissen Sie, wohin der Mann wollte?«, fragte Zeller gespannt.
»Er ist gleich zum Testturm gefahren. Da gab es wohl einen Vortrag oder so was Ähnliches. Warum fragen Sie, Herr Kommissar?«
»Haben Sie sein Auto gesehen?«
»Nur kurz. Es war ein SUV oder ein Kleinbus. Ich kenne mich da nicht aus. Die Farbe war jedenfalls dunkel«, antwortete die Rezeptionistin.
»Kann ich den Herrn sprechen?«
Das sei leider nicht mehr möglich, erklärte sie nach einem Blick in ihren PC. Der Gast sei in den frühen Morgenstunden abgereist.
Als Zeller wissen wollte, wann er denn nach dem Vortrag ins Hotel zurückgekehrt sei, konnte sie ihm keine Auskunft geben. Sie selbst habe ihn nicht mehr angetroffen und der Nachtportier, der ihm sicherlich weiterhelfen könne, erscheine erst heute gegen 22 Uhr wieder zum Dienst. Da könne Zeller gerne noch einmal wiederkommen und ihn selbst fragen.
Der Kommissar verlangte die Daten des Gastes. Umständlich schrieb die Rezeptionistin diese auf einen Zettel und versprach, sich bei ihm zu melden, sobald die anderen Herrschaften von ihren Ausflügen zurückkehren würden. Zellers Karte steckte sie sich dafür extra auf die Tastatur ihres PC.
Die beiden Kriminalbeamten verließen das Hotel. Zeller betrachtete den gerade mal 25 Meter entfernt liegenden Tatort von heute Morgen. Rechts daneben das Postamt, davor eine Bushaltestelle ohne einen wartenden Menschen. Am großräumig abgesperrten Ort des Verbrechens arbeiteten immer noch die Techniker aus Ullis Team. Mittlerweile dehnten sie die Suche auf die angrenzende Wiese aus, bis hin zur Post. Zwei andere überprüften die Parkplätze und den Bürgersteig der danebenliegenden Querstraße.
Zeller widerstand der Versuchung, zu den Kollegen hinüberzugehen und nach den bisherigen Ergebnissen zu fragen. Seine Neugierde kam nicht immer gut an. Manchmal wirkte es so, als ob er ungeduldig sei oder, schlimmer noch, die Techniker bei ihrer Arbeit kontrollieren wolle. Stattdessen fragte er Jones, ob sie Lust hätte, einen Kaffee mit ihm zu trinken.
Sie willigte ein. Dieser Tag war nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Da war ein Kaffee genau das Richtige.
Nach ein paar Metern wechselten sie beim Kreisverkehr in die Stadionstraße und liefen weiter geradeaus, bis Zeller plötzlich scharf links in einen Hof einbog und direkt in den Bioladen »b2« stapfte. Im dortigen Bistro angekommen, bestellte er sich bei der Verkäuferin mit den knallroten Haaren einen doppelten Espresso.
»Wie immer, Herr Kriminalhauptkommissar?«, fragte sie und lächelte ihn freundlich an. Zeller nickte. Sie stellte den Espresso auf ein Tablett und zwei große Gläser mit Wasser dazu. Seine Kollegin bestellte lieber einen Latte macchiato.
Die beiden Kommissare setzten sich an den einzigen freien Tisch. Durch das gegenüberliegende Fenster sahen sie hinaus auf den Hof. Es herrschte ein geschäftiges Treiben an diesem Tag, ein ständiges Kommen und Gehen. Immer wieder trafen Lieferfahrzeuge ein, luden volle Kisten, Körbe und Pakete ab oder leere Behälter auf und fuhren weg. Unter dem überraschten Blick von Elli Jones holte Zeller einen Flachmann aus der Innentasche seines Mantels und goss sich einen gehörigen Schluck in die Espressotasse.
Ungefragt streckte sie ihm auch ihre Kaffeetasse entgegen. »Genau das brauche ich jetzt, Herr Kriminalhauptkommissar.«
Er zögerte kurz, ehe er den Schnaps in ihre Tasse goss. »Wird uns beiden guttun nach diesem verrückten Tag. Prost«, sagte er dann. Mit einem einzigen Schluck trank er die schwarze, hochprozentige Kaffeemischung aus. Akribisch schälte er danach das beiliegende Keks aus der Verpackung und schob es sich zwischen die Zähne. Genüsslich zermalmte er das harte Gebäck. »Kennen Sie den Bioladen? Ja? Haben Sie schon mal hier gegessen? Nein? Das müssen Sie unbedingt nachholen. Die französischen Linsen aus der Auvergne sind ein Traum. Oder der Rotbarsch im Salzmantel, dazu ein Gemüseragout aus Auberginen, Tomaten und Sellerie. Alles frisch zubereitet. Ich liebe es.« Für Zellers Verhältnisse war das ein ungewohnter euphorischer Ausbruch gewesen. So was hörte man selten von ihm. Er ließ es auf sein Gegenüber wirken. Jones sollte sich den Moment einprägen, allzu oft würde sie ihn nicht erleben. Erst nach einer Weile sprach er weiter und fragte: »Wieso wollten Sie eigentlich unbedingt nach Rottweil? Sie hätten es sich aussuchen können. Bei Ihren Noten und der super Beurteilung hätte jede Dienststelle Sie mit Handkuss genommen. Leute wie Sie sind gefragt. Nur kann ich mir nicht vorstellen, wie man zu so einer großartigen Benotung kommt. Ist Ihr Vater Innenminister oder irgendein anderes hohes Tier? Sagen Sie mir, was Sie dafür getan haben.« Er grinste unverschämt.
»Mit dem Chef geschlafen natürlich, was sonst?«, gab sie zurück und sah ihn mit großen Augen an.
»Hören Sie auf, Jones. Mit dem alten Griesgram Kopella ins Bett? Ich habe viel Fantasie, aber da hört sie auf.« Er winkte der Bedienung, bestellte sich einen weiteren Espresso und seiner Kollegin eine Latte gleich mit. Ihre Antwort gefiel ihm. Die Frau war gar nicht so übel.
»Natürlich habe ich nichts mit Kopella gehabt, mit ihm nicht und auch mit keinem anderen.«
»So genau wollte ich es gar nicht wissen«, entgegnete Zeller und grinste wieder.
Sie bekam einen roten Kopf und war um Festigkeit in ihrer Stimme bemüht: »Was denken Sie denn von mir! Ich habe mich angestrengt. Es ist mein Traumberuf! Ich will was bewegen. Ich möchte dazu beitragen, dass sich jeder in unserem Land sicher fühlen kann, dass das Verbrechen keine Chance hat. Ich möchte mithelfen, dass es weniger Kriminalität in unserem Lande gibt.« Sie trank einen Schluck von ihrer zweiten Latte macchiato, die die Bedienung eben vor ihr abgestellt hatte. Langsam normalisierte sich ihre Gesichtsfarbe wieder.
»So kriminell ist es bei uns gar nicht. Zum Glück, und wir machen einiges dafür, damit es so bleibt. Unsere Zahlen sind gut. Also, warum Rottweil? In einer Großstadt wäre mehr los als hier. Bis heute Morgen war das jedenfalls noch so. Mit den aktuellen Mordfällen können wir es allerdings mit jeder Metropole aufnehmen. Bitte verraten Sie mir, warum Ihre Wahl nicht auf Stuttgart gefallen ist, wo alle guten Abgänger hinwollen, oder meinetwegen auf Heidelberg. Meines Wissens suchen die dort dringend jemanden.«
»Ich komme von Stuttgart. Dort habe ich meine dreijährige Ausbildung absolviert. Es musste aber unbedingt Rottweil sein. Ich wollte zu Ihnen.«
»Zu mir?« Er schaute sie erstaunt an. Das war mal etwas ganz Neues, dass jemand seinetwegen in die Stadt kam. Die meisten wollten wegen ihm so schnell es ging wieder weg.
»Genau. Sie haben einen wirklich guten Ruf. Da habe ich mir gedacht, wenn es irgendwie geht, will ich zum Zeller. Der kann mir was beibringen, bei dem lerne ich wirklich etwas. Wie Sie den Fall mit den Dutzenden Mafiosi gelöst haben – echt toll. So will ich werden.«
Zeller musste bei diesen Worten grinsen. Da hatte er ja gleich am Anfang viel dafür getan, um ihre schönen Vorstellungen von ihm zu zerstören. Als ob er ein Vorbild sein könnte! Sein Heiligenschein dürfte in ihren Augen dahin sein. Und das war gut so. Womöglich ohrfeigte sie sich schon jetzt im Stillen für ihre fixe Idee und überlegte panisch, wie sie aus dieser Nummer wieder rauskam, ohne einen negativen Eintrag in ihre Personalakte verpasst zu bekommen. Ihr polizeiliches Idol war ein Säufer. Das hatte ihr bisher niemand gesteckt. Alle hatten dichtgehalten und ihn nicht verraten.
Als eine Art Wiedergutmachung bot er ihr das Du an. Sie freute sich sichtlich darüber. Ihm erschien es schlicht unkomplizierter im Umgang miteinander. Zeller schmunzelte und goss sich einen Schluck aus seinem Flachmann in die leere Tasse. Genau wie in ihre.
Kapitel 6
Am Tisch hinter den beiden Kriminalbeamten saß scheinbar ein vollkommen in seine Zeitung versunkener junger Mann. Nichts in der Welt vermochte ihn von seiner Lektüre abzulenken. Es musste ein spannender Bericht sein, den er da las. Er wandte selbst dann nicht den Blick ab, als er sein Croissant nach französischer Art in einen großen Pott mit dampfendem Kaffee tunkte. Genussvoll und genau zum richtigen Zeitpunkt steckte er sich das aufgeweichte Plunderteiggebäck in den Mund. Nicht zu früh und nicht zu spät. Hätte er einen Augenblick länger gewartet, wäre es als teigige Masse im Kaffeepott versunken.
Mike Färber war stolz auf seine französische Vergangenheit. Er hatte seine gesamte Jugend unweit von Paris verbracht, war in der Hauptstadt zur Schule gegangen und hatte später sogar ein paar Semester Philosophie an der Sorbonne studiert. Das war eine tolle Zeit gewesen, intensiv und aufregend. Doch was gewesen war, war vorbei und allenfalls noch als nostalgischer Erinnerungskram etwas wert. Es war nicht alles schön gewesen und er war inzwischen froh, damals das Weite gesucht und in Deutschland eine neue Heimat gefunden zu haben. Aber immerhin hatte er in Frankreich gelernt, wie man richtig frühstückte. Er trank einen Schluck Kaffee und wischte sich mit dem Handrücken den Mund sauber.
Wieso sprachen die beiden so leise? Kommissar Zeller war sonst kein Mann der leisen Töne. Er sagte deutlich, was er wollte. Nicht immer gewählt formuliert, aber so, wie es sein sollte – klar, schonungslos und ehrlich. Bei ihm gab es kein großes Drumherumgerede, kein Wischiwaschi wie bei den anderen, die sich oft scheuten, Stellung zu beziehen. Er machte unmissverständliche Ansagen. Jedenfalls meistens.
Mike Färber saß nicht zufällig auf dieser Bank im Bistro des Rottweiler Bioladens. Die Zeitung interessierte ihn keineswegs. Sie diente nur der Tarnung, genau wie die Zelebrierung eines französischen Frühstücks. Ihn interessierte an diesem Samstagnachmittag nur, was der Kriminalhauptkommissar und seine ganz passable Begleitung zu besprechen hatten. Den Zeller kannte er gut, nicht persönlich zwar, aber von einigen Besuchen im Gericht und aus der Zeitung. Der Hauptkommissar stand öfter Rede und Antwort bei Prozessen, was er stets souverän und unaufgeregt meisterte. Färber hatte noch nie eine Situation erlebt, in der er aus der Ruhe gebrachte worden wäre. Zeller aufs Kreuz zu legen, wie es manche Verteidiger versuchten, war ein erfolgloses Unterfangen.
Färber wollte näher ran an den Kommissar, ihn am besten als Informanten gewinnen. Vor einiger Zeit hatte er ihn deshalb um ein Interview gebeten. Ganz groß hätte er ihn im Radio herausgebracht, zur gefragtesten Sendezeit. Er hatte sich intensiv darauf vorbereitet und einige schöne Ideen entwickelt. Sein Konzept war genial gewesen.
Doch es war anders gekommen. Zeller hatte ihm einen Korb gegeben. Kurz und knapp. Als ob er als Chefredakteur beim Radio Antenne 1 Neckarburg Rock & Pop in Rottweil überhaupt nichts zu melden hätte. Färber war beleidigt gewesen und hatte dies Zellers Vorgesetztem, Polizeirat Bausinger, gesagt. Der hatte nur mit den Schultern gezuckt und ihm erklärt, dass der Kommissar nun mal so sei. Da könne man nichts machen, weder er als sein Chef noch Färber als Starreporter. Er solle sich doch einen anderen bewährten Polizisten oder noch besser eine Polizistin suchen. Zeller sei nicht der Einzige hier. Aber der Beste, hatte er dem Polizeirat damals grimmig an den Kopf geworfen und die Polizeidirektion unverrichteter Dinge wieder verlassen. Dann würde er eben ein Interview mit einer Krankenschwester oder einem Feuerwehrmann führen. Die waren auch wichtig im städtischen Zusammenleben, genau wie die Kriminalpolizei.
Sein heutiger Tag, dachte sich Färber, während er die beiden heimlich beobachtete, war nicht erfolgreich gewesen. Er ärgerte sich richtig darüber. Zu der toten Person auf dem Hofgerichtsstuhl am frühen Morgen hatte man ihn nicht vorgelassen. Wie dumm auch von ihm, dass er den Presseausweis in der anderen Jacke vergessen hatte. So hatte er erst mal zurück nach Hause gemusst, um den Ausweis zu holen. Eilig war er anschließend wieder zum Hofgerichtsstuhl zurückgekehrt. Doch trotz Presseausweises bekam er auch diesmal nicht die Erlaubnis, den Toten zu sehen oder einen der anwesenden Polizeibeamten zu sprechen. Wütend war er zurück nach Hause gefahren. Dort hatte immerhin seine Freundin mit einem liebevoll zubereiteten Frühstück auf ihn gewartet. Kaum hatte er es sich mit ihr gemütlich gemacht, musste er jedoch schon wieder los zum Turm. Sein Informant hielt ihn auf Trab. Als er endlich dort angekommen war, wurde bereits alles abgesperrt. Aber auch hier war es ihm unmöglich gewesen, in den Turm zu gelangen oder wenigstens etwas näher an das Geschehen. Die Leute, die er vor Ort befragt hatte, wussten genauso viel wie er, nämlich nichts, und stocherten im Dunkeln herum oder verloren sich in völlig absurden Verschwörungstheorien. Wenigstens konnte er einen Beitrag über die Stimmung der Menschen anfertigen, die man vergessen hatte, rechtzeitig über die Schließung des Turms zu informieren. Es kam viel Frust zum Vorschein. Zwar gefiel Färber nicht alles, was er hörte, aber es war ein toller Aufmacher für seine Sendung. Prompt griffen einige Radiohörer zum Telefon und spendeten Beifall.
Zeller hatte er nur kurz im Foyer des Turms gesehen, genau wie die unbekannte Kollegin an seiner Seite. Später hatte er beobachtet, wie sie den Turm durch den Personaleingang verlassen hatten und in ihren Wagen gestiegen waren. Er war ihnen gleich hinterhergejagt, hatte ihnen jedoch nicht lange folgen können. Mit seinem Fahrrad war er einfach zu langsam gewesen.
Er wusste aber, wo Zeller stets seinen Kaffee trinken ging. Oder seinen Flachmann auftanken. Es war schon bis zu ihm vorgedrungen, dass der Kommissar gerne einen schnäpselte, auch während des Dienstes. Im »b2« war er ihm schon öfter über den Weg gelaufen. So war ihm die Idee gekommen, dort auf ihn zu warten. Und die war goldrichtig gewesen, seine Journalistennase hatte sich nicht getäuscht. Leider waren die Informationen, die er bisher hatte aufschnappen können, spärlich. Da hatte er mehr erwartet. Wenigstens wusste er jetzt, dass die Frau an Zellers Seite seine Assistentin war. Wie hatte er sie genannt? Elli Jones? Das klang echt spannend. Färber hatte sofort gemerkt, dass sie nicht von hier sein konnte. Wahrscheinlich kam sie frisch aus den Staaten, nach einem Studium beim FBI oder vielleicht sogar bei der CIA. Bestimmt hatte man sie extra geholt, um der Rottweiler Kriminalpolizei unter die Arme zu greifen und die neuesten Ermittlungsmethoden beizubringen. War sie eine Forensikerin wie in dieser amerikanischen Fernsehserie? Oder war sie eine knallharte, in allen möglichen Kampfsportarten geschulte Kriminalerin mit den neuesten Waffen im Handgepäck? Zwar sah sie auf den ersten Blick nicht danach aus, aber er hatte sich schon oft in den Menschen getäuscht. Die Frau war anders als der sogenannte Sherlock Holmes von Rottweil. Sie würde Zeller Beine machen und Bausinger gleich mit. Da war er sich ganz sicher. An die würde er sich ranmachen, egal wie. Vielleicht als Verehrer, als potenzieller Liebhaber. Sie schien nicht verheiratet zu sein. Einen Ring an ihrer Hand hatte er jedenfalls nicht gesehen. Da müsste doch etwas zu machen sein.
Bei diesem Gedanken fiel ihm seine Freundin ein, mit der er seit ein paar Wochen zusammenwohnte. Hoffentlich würde sie ihm nicht auf die Schliche kommen. Ihre Eifersucht war nicht unerheblich. Egal, hier ging es um mehr. Sie würde es verstehen müssen. Ein investigativer Journalist musste flexibel sein und dabei mitunter gewisse Grenzen überschreiten.
Als die beiden Kriminaler sich nun voneinander verabschiedeten und Zeller in die eine Richtung und die Assistentin in die andere ging, stand er auf und folgte Jones unauffällig.
Kapitel 7
Fast hätte Jones ihn umarmt, als sie sich eben vorm »b2« getrennt hatten. Doch er hatte es rechtzeitig registriert und es verhindern können. So weit kam es noch! Er war immerhin ihr Vorgesetzter, nicht ihr Freund. Auch wenn sie einen zusammen getrunken hatten, änderte sich nichts daran. Das musste sie begreifen lernen.
Ein paar Straßen vom Bioladen entfernt blieb Zeller stehen, nahm sein Smartphone aus der Manteltasche und scrollte durch die Nummern des Adressbuches. Wenn er sich nicht täuschte, hatte er die von Edwin Stranger abgespeichert. Da war sie doch. Sauber unter »R« wie »Rotary« abgelegt. Er musste dringend sein Ablagesystem ändern. Die ewige Sucherei war anstrengend.
Der Hauptkommissar musste es nicht lange klingeln lassen, der Präsident des Rotary Clubs meldete sich schnell. Er hatte seinen Anruf erwartet und sich vorsorglich die nötigen Zahlen bereits von seinem Sekretär vorlegen lassen. Es waren nur 55 der 60 Mitglieder zu dem Vortrag erschienen. Dazu fünf Gäste. Er würde ihm die Namen mailen. Als Zeller ihn fragte, wie der Abend gewesen sei, meinte er nur lapidar: »Durchwachsen.« Einige Vorschläge und Ideen des Richters seien zwar gut gemeint gewesen, aber nicht durchsetzbar und abwegig. Sogar auf die Frage nach der Wiedereinführung der Todesstrafe habe er kein klares Statement dagegen abgegeben. Zeller solle sich das mal vorstellen. Ein Richter wie Schuhmacher, und dann so etwas. Er habe mehr von ihm erwartet.
Zeller gab sich damit nicht zufrieden und bohrte weiter. War da nichts anderes? Kein Eklat? Keine Streitereien?
Stranger zögerte kurz und meinte dann, dass Zeller es ja sowieso erfahren würde. Schließlich sei er bei der Kripo. Ja, es habe erheblichen Zoff gegeben. Ein unbekannter Mann habe Schuhmacher vorgeworfen, sein Richteramt zu missbrauchen. Grundsätzlich verhänge er die Höchststrafe. Außer bei einem einzigen Fall, als er »in dubio pro reo« entschieden habe. Kurz bevor er aus dem Saal geworfen wurde, habe der Mann dann noch gedroht, dass Schuhmacher ihm besser nie bei Nacht begegnen solle. »Den Mann hatte von meinen Leuten keiner eingeladen. Da bin ich mir absolut sicher«, erklärte Stranger.
Richter Schuhmacher habe verlegen reagiert, als der Unruhestifter endlich weg gewesen sei. Er habe gesagt, dass man es als Richter nicht einfach habe und manchmal sogar um sein Leben fürchten müsse. Prahlerisch habe er hinzugefügt, dass er sich zu wehren verstehe, es wäre nicht das erste Mal in seinem langen Leben als Gesetzeshüter, dass er bedroht würde, und immer habe er auf sämtliche Schutzmaßnahmen verzichtet.
Zeller dankte dem Rotary-Chef und hoffte, schon bald die Adressen der anwesenden Gäste von ihm zu bekommen. Stranger versprach es und legte auf.
Zellers heutiger Bedarf an kriminalistischer Arbeit war gedeckt. Er brauchte mehr Zeit, um nachzudenken, ohne jemanden an seiner Seite zu haben. Weder Elli Jones noch einen anderen seiner Kollegen. Auch schaltete er sein Smartphone ab. Er wollte keine Anrufe oder andere Ablenkungen seines Gedankenflusses. Scheinbar missmutig stapfte er mit tief in den Taschen seines Mantels vergrabenen Händen durch die Stadt. Den Kragen hatte er hochgeschlagen, obwohl die Temperaturen an diesem späten Mittag mild waren. Es war September und außer einem immer mal wieder böig auffrischenden Wind war es ein schöner Tag. Der Altweibersommer zeigte schon jetzt, dass er seinem Namen alle Ehre machen würde. Doch im Gegensatz zu den äußeren Umständen fröstelte es Zeller im Inneren. Ihm wurde einfach nicht warm. Die jüngsten Gewalttaten in seiner Stadt nahmen ihn mehr mit, als er es sich eingestehen wollte.
Plötzlich begann es zu nieseln und auf dem Bürgersteig bildeten sich kleine Pfützen, die ganz langsam vollliefen und sich zu größeren vereinigten. Zeller störte es nicht besonders. So ein Wetter hatte er ganz gern. Da konnte er sich selbst fühlen, wurde eins mit seiner Umwelt und der Natur und es waren nicht so viele Menschen auf den Straßen unterwegs. Noch lieber hatte er es, wenn ein richtig starker Wind um seine Nase pfiff, wenn er körperlich schwer dagegen ankämpfen musste und trotzdem kaum vorwärtskam. So ein Wind wie an der weiten französischen Atlantikküste. Dort war er aber nicht, sondern in Rottweil, rief er sich selbst ins Gedächtnis, mit einem großen Haufen Problemen am Hals. Deshalb würde er sich jetzt irgendwo unten im Stadtgraben auf eine Bank setzen und überlegen.
Eigentlich war sein erster Gedanke gewesen, ins Polizeirevier zu gehen und nach dem Stand der Ermittlungen zu fragen. Doch dafür war es noch zu früh und er würde kaum Neues erfahren. Was sollte er also dort? Sollten die mal in Ruhe ihre Arbeit erledigen. Dafür brauchten sie ihn nicht. Nachher hieß es wieder, dass er am liebsten alles selber mache und keinem vertraue. Das stimmte nicht und das wussten all diejenigen, mit denen er schon längere Zeit zusammenarbeitete. Aber er konnte ein Kontrollfreak sein, das gab er unumwunden zu, und wenn etwas nicht passte, und war es nur ein kleines Detail, dann hakte er bei den Kollegen nach. Immer wieder. Egal, wie es bei den anderen ankam.
Kurzfristig änderte er sein Vorhaben, machte kehrt und lief in die entgegengesetzte Richtung. Es war an der Zeit und längst überfällig. Lange hatte er sich davor gedrückt, doch jetzt musste es sein. Über einen seiner seltenen Besuche würde sich sein alter Herr sicherlich freuen. Vielleicht würde er ihn sogar erkennen. Gewiss war es jedoch nicht. An manchen Tagen schimmerte ein wenig Erinnerung durch die unüberwindbare Nebelwand in seinem Hirn. Zwar wurden diese lichten Momente immer weniger, aber man wusste nie, was in so einem Hirn letztendlich vor sich ging. Um dies herauszubekommen, musste er ihn sehen.
Bis zum Hospital war es nicht weit. Zeller würde nicht einmal 30 Minuten brauchen. Am Anfang schritt er kräftig aus und kam gut voran. Doch je näher er dem Rottenmünster und somit seinem Vater kam, desto langsamer wurde er. Tausende Ausreden fielen über ihn her, Tausende Entschuldigungen sausten durch seinen Kopf. Bei jedem Schritt rang er mit sich, ob er seinen Weg fortsetzen sollte oder lieber nicht.
Er besuchte ihn nicht gern, seinen alten Herrn, trat jedes Mal nur mit größter Mühe dem Mann gegenüber, der mal sein herrischer Vater gewesen war. Groß von Wuchs, egoistisch, unerbittlich und verbohrt. Es war ein Elend zu sehen, was aus ihm geworden war. Wie er nicht einmal mehr fähig war, Wörter zu zusammenhängenden Sätzen zu verbinden, und stattdessen in ein unverständliches Gebrabbel eines Kleinkindes verfiel. Allerdings ertappte Zeller sich dabei, und das gar nicht mal so selten, wie er bei sich dachte, dass es ihm recht geschehe, dem fürchterlichen Patriarchen. Dass es schade sei, dass er höchstwahrscheinlich nichts mehr von seinem eigenen Verfall mitbekam.
*
Als er das Hospital nach nicht mal 20 Minuten wieder verließ, war er verstört. Wieso hatte er nicht auf sein Innerstes gehört, sondern dieser törichten Blitzidee nachgegeben, von der er sich im Voraus hätte denken können, wie sie enden würde? Es war noch schlimmer gewesen als sonst. Er hatte das Zimmer seines Vaters fluchtartig verlassen müssen. Sein ohrenbetäubendes Geschrei war nicht zum Aushalten gewesen. Nichts hatte ihn zu beruhigen oder zu besänftigen vermocht. Es war furchtbar gewesen. Wie dieser Mann anschließend von zwei Pflegern fixiert wurde, hatte Zeller nicht mehr bis zum Ende mit anschauen wollen.
Der Kommissar spürte plötzlich, dass er hungrig war. Vor lauter Stress hatte er die Nahrungsaufnahme vollständig vergessen und musste schleunigst etwas zu sich nehmen. Egal wo. Es würde seine Laune wieder aufhellen. Nicht weit entfernt befand sich ein griechisches Restaurant. Vielleicht würde er dort sogar jemanden treffen, den er schon eine Zeit lang nicht mehr gesehen hatte.
Im Dionysos gab es genug freie Plätze um diese Uhrzeit, der Mittagsandrang war vorbei, die meisten Gäste hatten das Lokal bereits verlassen. Nur noch zwei junge Männer saßen an ihrem Gyros. Mit einem Kopfnicken begrüßte Zeller, nachdem er eingetreten war und sich die Regentropfen vom Mantel geschüttelt hatte, den Chef und setzte sich an den etwas abseits stehenden Zweimanntisch mit Blick auf den Innenhof. An diesem Tisch saß er meistens.
Möglicherweise war das Glück ihm heute hold und er würde kommen. Noch besser wäre es, wenn er nicht alleine käme, sondern in Begleitung seiner Frau. Da konnte er ihm nicht so schnell ausweichen wie sonst gerne, wenn er ihn gewollt zufällig traf. Egal, wo er sich gerade aufhielt, Zeller würde ihn finden. Dafür waren ihm die Vorlieben des Mannes zu bekannt. Und wenn er ihn hier nicht antraf, dann würde er als Nächstes seine Schritte in Richtung Stadtpark lenken oder in den Stadtgraben. Auch am Wasserturm hing er gerne ab und mit ihm eine ganze Menge ständig wechselnder jüngerer und älterer, stellenweise polizeibekannter Leute.
Allmählich wurde Zeller die Warterei zu lang. Er saß schon mehr als eine Stunde in dem Lokal und hatte zu den beiden vom Haus spendierten Ouzos noch zwei Gläser Rotwein getrunken. Warum noch warten? Wer wusste schon, ob er heute überhaupt kommen würde. Trotzdem, einen Versuch war es wert. Er gab sich weitere zehn Minuten. Die letzte Frist. Kurz bevor er sein Unterfangen aufgeben und bezahlen wollte, kam der lang ersehnte Gast, und er war nicht allein, genau wie Zeller es sich gewünscht hatte.
Seine Angetraute war bedeutend älter als er, auf den ersten Blick um mindestens zehn Jahre. Ihre wasserstoffblonden Haare und ihr knallroter Mund sollten dies kaschieren. Dazu trug sie heute einen karierten Minirock von verbotener Kürze, nicht nur für Frauen ihres Alters. Die weißen Beine staken wie Stelzen darunter hervor, die Knie wie seltsame, kugelartige Verdickungen an dünnen Stangen.
Der Kommissar kannte auch sie seit langer Zeit und musste bei ihrem Anblick lächeln. Michaela, in den einschlägigen Fachkreisen auch Michi oder Mausi genannt, musste zeitlebens einem inneren Drang gehorchen und als unwiderstehlicher Vamp durch die Straßen der ehemaligen Reichsstadt auf hohen Highheels über das Kopfsteinpflaster stöckeln, ohne sich dabei die Knöchel zu brechen. Anders ging es bei ihr nicht. So war sie schon immer gewesen. Zeller gab sich noch nicht zu erkennen, ließ die beiden zunächst an ihrem Tisch Platz nehmen und wartete ab, bis sie bestellt hatten. Dann erst erhob er sich und schlenderte zu ihnen hinüber, um sich unaufgefordert neben den Mann zu setzen.
»Ich hätte es mir denken können, dass Sie hier sind, Herr Kommissar. Aber ich weiß nichts! Weder von dem Toten auf dem Hofgerichtsstuhl noch von denen im Turm«, begann der in bekannter Manier auf Zeller einzureden, ohne dass der Kommissar ihm eine Frage gestellt hatte.
»Warum bist du so aufgeregt? Habe ich gesagt, dass ich etwas von dir wissen will, Rainer?«
»Sie sind nie ohne Grund hier. Das wissen Sie so gut wie ich. Wahrscheinlich werden wir bald das Stammlokal wechseln. Notgedrungen. Oder, Michi, was sagst du dazu? Dann sind wir den Kommissar los.«
Michi schwieg lieber.
»Ihr werdet mich nie los, das müsste euch eigentlich klar sein. Ist doch schön, wenn man so anhängliche Freunde im Leben hat wie mich. Da ist man nie allein. Oder? Also, Rainer, was willst du mir erzählen? Was drückt auf deinem kläglichen Rest von Gewissen? Komm, erleichtere dich. Ich bin ganz Ohr.« Zeller nutzte das Überraschungsmoment gnadenlos aus. Die Zeit, sich mit seiner Begleitung abzusprechen und eine Strategie festzulegen, gab er Rainer oder besser Fluppi, wie ihn die Szene nannte, nicht. Mit seinem Outfit erschien der Kerl wie aus einer anderen Zeit. Im Gesicht trug er bis zum Unterkiefer reichende geschwärzte Koteletten, die mit dem wuchtigen Schnauzer zusammenwuchsen und einen fließenden Übergang bildeten. Seine schmalen Lippen wurden von dieser Haarpracht eingerahmt. Rainers Kinn zierte ein dünner Zopf, der vernachlässigt wirkte und hin und her baumelte wie das Pendel einer alten Uhr. Seine Kleidung bestand aus einem bunten Hawaiihemd und einer beigen Schlaghose, die allerdings nicht mehr ganz sauber war.
So kannte Zeller ihn schon seit langer Zeit. Rainer blieb sich treu. Er hatte sein Outfit seit den 70ern nicht mehr groß verändert, wie er dem Kommissar einmal stolz erklärt hatte. Außer in den vielen Jahren, die er im Knast gesessen und notgedrungen etwas anderes hatte tragen müssen. Doch diese Phase schien vorbei. In der letzten Zeit war er erstaunlich stabil und es sah so aus, als ob er sein Geld auf ehrliche Art verdiente und nicht mehr durch das Verticken verschiedener Drogen. Vielleicht war es ja die fürsorgliche Überwachung durch Zeller, die Rainer von krummen Touren schon im Vorfeld abhielt. Nur Michi machte den Eindruck, als ob sie wieder anschaffen ging.
»Irgendetwas müsst ihr gehört haben. Es wird darüber gesprochen, da bin ich mir sicher.« Zeller brauchte nur in ihre Gesichter zu sehen. Die beiden wussten mehr, als sie ihn glauben machen wollten.
»Geredet wird doch immer, Herr Kommissar«, fing Rainer mit verlegenem Grinsen an und zeigte dabei seine schwarzen Stummel im Mund. »Aber nichts, was Sie als Polizist interessieren könnte. Es gibt Dummschwätzer aller Art. Die einen sagen das, die anderen jenes. Warum soll ich Sie damit langweilen?«
»Auch wenn du denkst, es ist nichts von Wert, sag es mir besser trotzdem. Ich kann schon alleine entscheiden, ob es wichtig ist oder nicht«, versetzte Zeller. Er hatte genug von den Spielchen.
Michaela räusperte sich. Der Kommissar nickte ihr aufmunternd zu. »Na, ich weiß nicht, ob ich es Ihnen sagen soll. Man will doch schließlich niemanden belasten.«
»Trau dich ruhig«, ließ Zeller sich vernehmen.
»Ich habe was gehört«, begann sie noch einmal und senkte die Stimme zu einem vertraulichen Flüstern, »der schöne Ede bekam Besuch. Wie schon öfter. Der ist Wachmann im Turm. Seit ein paar Wochen erst, nachdem er von seinem ehemaligen Chef in Neufra rausgeschmissen worden ist. Wahrscheinlich wegen irgendwelcher krummen Dinger, munkelt man. Wenn er Nachtschicht hat, ist immer was los. Auch Weiber sind dabei.«
»Was für Weiber? Geht’s vielleicht ein bisschen verständlicher? Ist es eine Beziehungskiste, hat er eine Geliebte?«
»Eine Geliebte?« Michaela prustete los. »Das erlaubt der sich nie und nimmer. Der ist doch nicht lebensmüde. Da würde ihn seine Babbs so richtig fertigmachen. Ritsch, ratsch, ab wäre sein Schwanz. Aber so was von … Ohne Babbs kann der nicht existieren. Sie ohne ihn schon.«
»Was ist es dann?«, fragte Zeller weiter.
»Die treffen sich seit Neustem regelmäßig im Turm. Es sind mehrere. Immer wieder sind andere dabei. Der Hirsch ist dort, der Rechtsanwalt, den kennen Sie doch auch. Der ist oft bei Gericht. Dann noch einer von der Stadtverwaltung und einer vom Landratsamt. So genau weiß ich das auch nicht. Ich bin doch keine 20 mehr.« Michaela lachte ihr dreckiges Lachen so lange, bis sie einen Hustenanfall bekam und nach Luft schnappte. Instinktiv griff sie nach ihrer Zigarettenschachtel. Doch ehe sie eine davon herauszog, besann sie sich und verstaute die Schachtel wieder in ihrem billigen Gucci-Handtaschenplagiat.
Die Kellnerin brachte das bestellte Essen. Der Kreta-Teller war für Michi bestimmt, während Rainer einen auf Vegetarier machte und nur einen Bauernsalat vorgesetzt bekam. Ungefragt stellte die Bedienung drei Ouzos auf den Tisch. Rainer schob einen davon in Zellers Richtung. Der lehnte ab und stand auf, nickte den beiden zu und verließ das Lokal. Er hatte fürs Erste genug gehört. Sie hatten ihm etwas gesagt, aber viel mehr verschwiegen, da war er sich sicher. Vielleicht wollten sie ihn nur auf eine falsche Fährte locken. Zuzutrauen war ihnen grundsätzlich alles, wenn es notwendig war. Hauptsache, die beiden kamen ungeschoren aus der Sache heraus. Er würde den Druck erhöhen müssen. Dann würde er schon sehen, was da noch im Verborgenen ruhte, dachte sich Zeller, während er seinen Hut mit beiden Händen zurechtrückte und in Richtung Innenstadt lief. Für den Anfang konnte er ganz zufrieden sein.
Kapitel 8
Zeller rief in seiner Dienststelle an und fragte nach dem aktuellen Stand. Es gab nichts Neues für ihn. Auch keinen vorläufigen Bericht aus der Rechtsmedizin. Die Leichen waren zwar mittlerweile in Tübingen angekommen, deren Obduktion dauerte jedoch noch an. Das brauchte seine Zeit. Drei Mordfälle auf einen Schlag hatte man hier nicht alle Tage.
Er bat um die Adresse von Wachmann Seidel und rief sich ein Taxi. Bis zu dessen Wohnung in der Oberndorfer Straße war es ein Stück und er wurde schließlich nicht fürs Wandern bezahlt, rechtfertigte er die Entscheidung vor sich selbst.
Nach kurzer Fahrt hielten sie vor der genannten Hausnummer. Seidel wohnte im dritten Stock eines Hauses aus den 50er-Jahren. Es sah sauber und gepflegt aus. Die Hauswände waren nicht beschmiert, die Abfalltonnen standen in einem Unterstand ohne herumliegende Papierreste oder Bananenschalen, ein paar Autos in den dafür vorgesehenen Parkbuchten. Keine Hinweise auf Vernachlässigung, auf Armut oder Kriminalität. Ein normales Haus, wie es in Rottweil Tausende andere gab. Wieso war er überhaupt davon ausgegangen, dass Seidel in prekären Verhältnissen lebte, fragte sich Zeller. Nur weil ihn seine Informanten mit Gaunereien in Verbindung brachten? Vorsicht, rief er sich zur Ordnung. Seidel hatte eine geregelte Arbeit, dazu Frau und Kinder.
Er klingelte an der Haustür. Eine weibliche Stimme meldete sich. Zeller stellte sich vor und bat um Einlass. Prompt öffnete sich die Tür. Das ging aber schnell, dachte der Kommissar, erkannte dann aber, dass das Öffnen der Tür nicht von der Dame an der Gegensprechanlage veranlasst worden war, sondern durch einen älteren Herrn, der gerade aus dem Haus trat und wohl zufällig mit angehört hatte, was durch die Anlage gesprochen worden war.
»Na, endlich kommt mal einer von der Polizei in diese abgelegene Gegend. Lange genug hat es gedauert. Es ist doch nicht mehr auszuhalten mit denen da oben!«, redete er sogleich Klartext mit Zeller.
»Wen meinen Sie mit ›denen da oben‹? Die Landesregierung oder die des Bundes?«, gab der ironisch zurück.
»Quatsch! Na, die Seidels im Dritten natürlich. Mit der Frau haben Sie doch gerade gesprochen? Da ist immerzu Krach und Streiterei und Remmidemmi zwischen den beiden. Dazu noch die Kinder. Dabei ist die Frau ja noch ganz nett. Barbara grüßt freundlich und ist schön anzusehen. Immer gepflegt und ordentlich gekleidet. Die hätte Besseres verdient als diesen Kerl. Der hat ein Problem. Schreit beim kleinsten Anlass wie wild durch die Gegend. Doch von mir haben Sie das nicht. Ich möchte keinen Ärger mit ihm haben.«
Ehe Zeller weiter nachfragen konnte, war der Mann in sein Auto gestiegen und davongefahren. Der Kommissar nahm immer zwei Stufen auf einmal und freute sich, dass er dabei nicht außer Atem kam. Dafür reichte seine Fitness also offenbar noch aus. Vielleicht sollte er trotzdem mal wieder zum Training gehen. Für die Seniorenmannschaft seines Rottweiler Rugbyvereins fühlte er sich allerdings viel zu jung.
Im obersten Stock angekommen, klingelte er an der Eingangstür unter einem von Kinderhand gemalten Namensschildchen. Eine Frau öffnete ihm. Er zeigte ihr seinen Dienstausweis. Sie stellte sich als Barbara Seidel vor und erklärte ihm, dass er ungelegen käme. Ihr Mann habe sich gleich nach der Arbeit hingelegt, eventuell solle der Herr Kommissar später wiederkommen. Es sei eine fürchterliche Nacht gewesen, habe Eduard zu ihr gesagt, ohne es weiter zu erklären. Anders als sonst. Jetzt könne man ihn unmöglich stören, außer, es sei etwas lebensbedrohlich Wichtiges.
»Frau Seidel, lassen Sie Ihren Mann ruhig schlafen. Ich würde Sie gern etwas fragen. Am besten gleich. Kann ich vielleicht reinkommen? Oder wir laufen ein paar Schritte nach draußen?«
Sie überlegte, blieb aber bei der Aussage, dass es in diesem Augenblick unmöglich sei. Die Kinder bräuchten ihr Mittagessen. Aber in zwei Stunden könne sie nach unten kommen, wenn es unbedingt sein müsse. Hauptsache, sie oder ihr Mann bekämen keine Schwierigkeiten.
Sie verabredeten sich auf dem nahen Spielplatz. Zeller wusste, wo er sich befand. Er war mit dem Taxi daran vorbeigefahren.
Frau Seidel hielt Wort und kam mit zwei Kindern im Schlepptau zum vereinbarten Treffpunkt. Noch war hier zum Glück nicht viel los, nur wenige Mütter und Väter mit ihren Sprösslingen waren zu sehen. Der Lärmpegel kam Zeller entgegen. Die Tochter der Seidels, sie mochte um die fünf sein, lief sogleich hinüber zum Sandkasten und begann mit roten, gelben und blauen Kunststoffformen Sandkuchen zu backen, die sie ständig der Mutter und dem Kommissar zum Probieren brachte. Das andere Kind, ein etwa siebenjähriger Junge, turnte mit zwei weiteren Kindern geschickt im Klettergerüst herum.
»Herr Kommissar, was hat mein Mann schon wieder ausgefressen, dass Sie nicht mit ihm selbst sprechen können? Hängt es mit dem zusammen, was heute im Turm passiert ist?«
»Was wissen Sie darüber?«, fragte Zeller prompt zurück. Vorhin hatte sie doch behauptet, dass ihr Mann so müde gewesen sei und sich sofort habe hinlegen müssen. Vielleicht hatte er ihr mehr erzählt, als sie ihn glauben ließ.
Es stellte sich heraus, dass sie keine Ahnung davon hatte, was geschehen war. Ihr Mann hatte nur angedeutet, dass der Turm für den Besucherverkehr gesperrt worden war und dies über das gesamte Wochenende. Es habe einen Unfall auf der Besucherplattform gegeben. Zeller ließ sie reden. Wortlos hörte er ihr zu und betrachtete sie dabei. Die Frau sprach unaufgeregt und gewählt. Ganz anders als ihr Mann. Er stellte sich vor, dass sie gut Lehrerin sein konnte oder Erzieherin. Den Umgang mit ihren Kindern meisterte sie souverän. Das gefiel ihm.
Allerdings ging es der Frau augenscheinlich nicht besonders gut. Sie sah erschöpft aus und blickte Zeller mit einem traurigen, resignierten Blick an. Sie hatte es offenbar nicht leicht. Zeller glaubte zu wissen, warum, er hatte Frauen wie sie schon oft zu Gesicht bekommen. Meistens wurden sie allein gelassen mit der Erziehung ihrer Kinder, während sich die Erzeuger entweder aus dem Staub gemacht hatten oder in Arbeit, Alkohol oder in andere Affären flüchteten. Diese Männer waren zumeist überfordert von den eigenen Ansprüchen und der unbarmherzigen Realität um sie herum. Zellers Mitgefühl ihnen gegenüber hielt sich in Grenzen.
»Wieso musste Ihr Mann seine besser bezahlte Arbeitsstelle vor ein paar Monaten verlassen?«, brach er das aufkommende Schweigen.
»Man hatte ihm gekündigt. Er wollte dort nicht von sich aus weg.«
»Warum ist er entlassen worden?«
»Er hat selten von der Arbeit erzählt. Seiner Aussage nach hatte man sich für einen anderen, billigeren Wachdienst entschieden. Da wurde er nicht mehr gebraucht. Man hat ihn abserviert und ihm einige Dinge vorgeworfen, die nicht stimmten. Ich glaube ihm. Eduard ist ein ehrlicher Mensch. Lügen ist nicht seine Sache.«
»Warum hat er sich keinen Anwalt genommen?«
»Dafür war er zu feige. Er hatte Angst, danach keinen neuen Job mehr zu finden.«
»Wenig später wurde er im Testturm angestellt. Nicht schlecht für Sie. Oder?«
»Wie man es nimmt. Er verdient dort weniger. Wir haben getrennte Konten, ist besser so. Er kann nicht mit Geld umgehen. In der Regel zahlt er einen festen Betrag auf mein Konto ein. Der ist gleich geblieben, es geht nicht anders. Aber er jammert darüber. Eduard kommt mit dem Wenigen schlechter aus als wir. Er ist leider mehr zu Hause, so komisch das klingt. Das ist nicht immer gut für uns. Wenn er von der Nachtschicht zurückkommt, dürfen wir nur auf Zehenspitzen durch die Wohnung schleichen, und wehe die Kinder sind einmal zu laut. Dann kommt es gleich wieder zu einer Streiterei. Aber es sind doch Kinder! Die kann man nicht immer für alles verantwortlich machen.« Die Züge der Frau wurden hart.
»Spielt Ihr Mann?«, fragte Zeller weiter.
Sie überlegte. Die Antwort schien ihr nicht leichtzufallen. »Ich weiß es nicht. Früher hatte er Probleme mit dem Spielen, mit Alkohol und Amphetaminen. Er war in einer illegalen Pokerrunde. Dazu drückte er sich oft in den Muckibuden herum, war Teil eines speziellen Freundeskreises. Erst Hanteln stemmen, dann in die Sauna und später noch ein wenig mit den Kerlen abhängen und saufen. Als wir uns kennenlernten, hat er mir davon erzählt. Er hat sich geändert. In die Muckibude geht er nur noch selten. Ist auch nicht billig da. Schon deshalb bin ich froh darüber.«
Zeller war unzufrieden. Ihre Aussage passte nicht zu denen der Turmmanagerin und seiner anderen Informanten. Warum sollten Rainer und Michi lügen? Da musste etwas am Laufen sein, wovon Frau Seidel nicht die geringste Ahnung hatte. Und wofür sich eine langweilige Nachtwache besonders gut eignete. Viel gab es nicht, was dafür infrage kam.
»War Ihr Mann in letzter Zeit verändert? Aufgeregter als sonst? Verunsichert? Ist Ihnen irgendetwas Besonderes aufgefallen?«
Wieder dachte sie über seine Frage nach. »Eigentlich war alles beim Alten. Eduard ist immer gereizt, bei der kleinsten Gelegenheit geht er hoch. Besonders seit der Geburt unserer Tochter. Er war nur am Anfang seines Jobwechsels anders. Da war er ausgeglichen und lieb. Hin und wieder brachte er den Kindern etwas mit. Er hat mich sogar ausgeführt, in die Villa Duttenhofer. Ich hatte gehofft, dass alles gut werden würde. Leider hielt dieser Zustand nicht lange an. Nach ein paar Wochen war alles wieder beim Alten. Manchmal schlimmer als vorher und kaum auszuhalten. Schade.«
»Hat Ihr Mann eine Geliebte?«
»Wie kommen Sie darauf? Das soll er sich getrauen! Dann fliegt er achtkantig zu Hause raus, der schöne Ede. Das würde ich ihm nie verzeihen.«
Genauso hatte es kurz zuvor Michi behauptet, erinnerte sich Zeller. Sie hatte also recht gehabt.
Barbara Seidel schaute auf die Uhr und rief nach ihren Kindern. Zeller war klar, dass er heute nichts mehr von ihr erfahren würde. Er dankte ihr für das offene Gespräch und gab ihr sein Kärtchen. Sie versprach, ihn anzurufen, wenn ihr etwas einfallen würde. Aber er solle sich nicht allzu große Hoffnungen machen. Vielleicht würde sich bald alles ändern, sagte sie beim Abschied zu ihm und ein flüchtiges Lächeln huschte über ihre Lippen.
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