Kitabı oku: «Insekten sterben, Menschen auch!», sayfa 3
„Hast du dir etwas getan?“, fragte Andy besorgt und stieg von seinem Rad ab, um zu helfen, während die Benders auf ihrem Rad verharrten.
„Nein!“, erwiderte Rosa, mehr verärgert über ihre Hilflosigkeit als über den Sturz. „Hilf mir nur mal hoch, heb mein Rad etwas an!“
Was Klaus jetzt äußerte, stieß erneut auf Unverständnis, obwohl er sicher nicht beabsichtigte, Rosa zusätzlich zu verärgern. Er war ja erleichtert, dass sie sich nicht ernsthaft wehgetan hatte. Nur sagte er etwas, was die absolut nicht hören wollte. „Wenn das mal nicht der Alkohol war!“
„Du bist so ein Arschloch, weißt du das!“, herrschte ihn Rosa, bereits wieder auf den Beinen, an, und jeder konnte ihre Empörung an ihrem heftigen Armrudern sehen. „Euch hätten wir gar nicht mitfahren lassen sollen.“
Damit stieg sie schon wieder auf ihr Rad und trat demonstrativ so scharf in ihre Pedale, dass ihr Hinterrad ein paar Mal regelrecht durchdrehte.
„Kam nicht so gut an“, bemerkte Andy in Richtung Klaus mit einem etwas ratlosen Gesichtsausdruck.
Dann war er fast hastig aufgestiegen und, ohne sich nochmals umzudrehen, weitergefahren. Auch Petra war ratlos und schüttelte den Kopf. „Du lernst es nicht, Klaus. Immer wieder provozierst du die mit deinen lockeren Sprüchen.“
Sie konnte das nicht nachvollziehen und wunderte sich über sein mangelndes Gespür der Runde gegenüber, was sie so bei ihm gar nicht kannte. Ob ihn vielleicht die Tour mit ihrem Zwang, sich einfügen zu müssen, überforderte?, fragte sie sich nicht ganz ernsthaft.
Bei der nächsten Rast bemerkten Klaus und Petra eine veränderte Stimmung bei ihren Mitfahrern. Die wichen ihnen aus oder reagierten abweisend auf ihre Äußerungen. Und sie beide hatten den gleichen Verdacht über die Ursache dieses Stimmungsumschwungs. Sie vermuteten, dass Rosa ihre Empörung über seine Bemerkung inzwischen weitergetragen hatte, sicher gefärbt von ihrer vorhandenen Antipathie. Selbst Paul schien sich etwas von ihnen fernzuhalten, was sonst nicht seine Art war. Nur einmal schüttelte er kurz den Kopf, als ihn Klaus’ Blick traf.
Am Abend erschienen die Benders als Letzte der Gruppe zum gemeinsamen Abendessen im Hotelrestaurant. Für sie waren nur die äußeren Plätze am langen Tisch frei geblieben. Bei ihrem Eintreten verstummte die Unterhaltung, die sie an der Tür zur Gaststube mitbekommen hatten.
„Haben wir etwas verpasst?“, fragte Petra, als sie schon eine Weile saßen und niemand redete. „Was ist mit euch?“
Paul räusperte sich, bevor er sich dann direkt an die Benders wandte. „Es ist so“, fing er umständlich an. „Wir wundern uns doch etwas über euer Verhalten. Ihr gebt den Anschein, als gefiele euch unser Umgang miteinander nicht so richtig.“
Klaus zögerte nur einen Moment, schaute kurz zu seiner Frau, um dann zu antworten.
„Wie sollen wir das jetzt verstehen?“, fragte er, was eher angriffslustig klang, zumindest sein Unverständnis ausdrückte. „Wir fühlen uns ganz wohl in eurer Runde. Wir dachten, dass ihr das auch seht. Vielleicht …“
Paul unterbrach ihn. „Es ist zum Beispiel eure Reaktion heute bei unserer ersten Rast. Und auch deine Bemerkung bei Rosas Sturz.“
„Das war ein Spaß!“ Klaus richtete sich direkt an Rosa. „Also das war doch nur ein Spaß von mir. Wir waren doch froh, dass dir nichts passiert war. Das kannst du uns glauben.“
Rosa blieb stumm, es trat eine Pause ein, in der auch keiner in der Gruppe etwas sagen wollte. Es war Rosas Mann Benno, der endlich die beklemmende Stille unterbrach.
„Okay!“, sagte er. „Wir haben verstanden und sollten es dabei belassen. Oder, Rosa?“
Was der durch den Kopf ging, blieb ihr Geheimnis, denn sie äußerte sich nicht. Stattdessen starrte sie nur zum gegenüberliegenden Wandgemälde. Dabei war ihr sicher nicht entgangen, dass jeder am Tisch auf ein Statement von ihr wartete. Sie vor allem hätte jetzt die Atmosphäre wesentlich entspannen können.
„Gut, da Rosa sich nicht äußert, möchte ich noch etwas sagen“, legte Lars los. „Dass ihr euch hier einfügen müsst, ist euch schon klar?“
„So, jetzt greife ich noch mal ein. Was du eben gesagt hast, das ist Klaus und Petra sicher klar, müssen wir hier nicht ansprechen“, unterbrach ihn Paul, der dessen Worte als unangebracht, ja, fast beleidigend für die Benders empfand. „Wir sollten jetzt mal unsere Gläser heben und mit unserem neuen Schlachtruf den Abend entspannt einläuten.“
Paul riss regelrecht sein Bierglas in die Höhe, wohl darauf hoffend, damit das ungemütliche Gespräch beenden zu können.
„Mit Plattfuß geht’s nimmer, ohne immer!“, rief er laut in die Runde, worin die Anwesenden aber nur zögerlich einstimmten, auch wenn sie alle den Schlachtruf wiederholten. Begeisterung hörte sich sicher anders an.
Als sich die Freunde etwas später in ihre Zimmer zurückgezogen hatten, die Stimmung war doch eher verhalten geblieben, konnten die Benders auch nicht sofort einschlafen. Noch mal kreiste ihr Gespräch um das, was in der Gaststube passiert war. Klaus redete sich in Rage, war aufgebracht und weigerte sich sogar, ins Bett zu gehen, lief stattdessen im Zimmer auf und ab. Selbst Petra steigerte sich unter seinem Einfluss in den Gedanken, sie könnten in der Gruppe nicht wohl-gelitten sein.
„Glaubst du, dass wir in dieser Runde wirklich willkommen sind?“, fragte Petra.
„Das ist gar nicht die Frage. Ich habe Paul gefragt, ob wir mal mitfahren könnten. Und der hat dem ausdrücklich zugestimmt, angeblich sogar mit Einverständnis der ganzen Gruppe.“
„Wenn die anderen aber gar nicht richtig mitziehen? Die sind vielleicht von Paul überrumpelt worden. Immerhin kennen die sich schon seit vielen Jahren und treffen sich wahrscheinlich alle naselang.“
„Mag sein, dass die Gruppe auch schon zu groß ist! Aber wir sind nun mal dabei, und wegen dieser blöden Rosa, die sich offensichtlich nicht genügend wahrgenommen fühlt, lassen wir uns nicht wieder hinausdrängen. Ich habe nicht vor, wegen der die Tour abzubrechen!“
Im Gegensatz zu Klaus zeigte sie sich unsicher. „Ich denke, dass wir uns mit kritischen Bemerkungen zurückhalten sollten, vor allem, weil wir die noch viel zu wenig einschätzen können. Durch unsere Äußerungen scheinen die sich oft angegriffen zu fühlen.“
„Das verstehe ich nun wiederum nicht! Wenn ich mal einen Witz mache, dann …“
„Deine Art, Witze zu machen, ist halt nicht jedermanns Sache“, suchte sie ihm zu erklären. „Und du solltest dich auch mehr von Rosa fernhalten. Die vor allem versteht dein ständiges Bemühen um sie falsch.“
„Du scheinst das auch falsch zu verstehen. Ich bemühe mich doch nicht um die. Im Gegenteil!“, behauptete er verärgert über Petras Unterstellung.
„Klaus, lass uns einfach zurückhaltender auftreten. Und wir sollten mehr auf Paul hören“, suchte sie ihre Meinung nochmals zu verdeutlichen.
Als sie sich schließlich doch zum Schlafen ausstreckten, hielt sich bei ihr der Zweifel, ob ihr Mann ihr wirklich zugehört hatte. Und in ihm blieb das Unverständnis über die negative Reaktion einiger Gruppenmitglieder ihnen gegenüber haften. Es war das unbefriedigende Gefühl, das sie nicht sofort einschlafen ließ. Bei ihr hielt sich das sogar bis weit nach Mitternacht.
***
Rosa, Beatrix und Benno waren die Ersten beim Frühstück. Vor ihm lag sein Navigationsgerät, womit er den Frauen die Tagesstrecke erklärte.
„Kannst du das den beiden vor der Abfahrt genauso verklickern wie gerade uns beiden?“, fragte Beatrix. „Wichtig, falls die uns heute wieder abhängen sollten.“
„Lass mich mal machen!“, erklärte Benno und steckte jetzt sein Navigationsgerät weg, noch bevor die anderen Freunde beim Frühstück erschienen.
„Wir haben uns gerade unsere heutige Tour angesehen“, erklärte er gegenüber Paul, der sich neben ihn gesetzt hatte.
„Und gibt’s da etwas, was wir alle wissen müssen?“, fragte der interessiert.
„Nee, Paul, wir müssen nur aufpassen, dass wir die Abzweigung nicht übersehen. Das Hotelpersonal sagte mir, dass die leicht zu übersehen ist, und die ist wichtig“, antwortete Benno.
„Das sollten wir auch noch mal den Benders klarmachen, damit die, wenn die uns vorausfahren, das auch wissen. Übernimmst du das?“
Benno nickte nur, er würde mit Klaus genau über diese Strecke reden.
Beim Frühstück schien in der Gruppe der gestrige Missklang abgehakt zu sein. Alle begrüßten sich, ohne die Diskussion vom Vorabend nochmals zu erwähnen. Die üblichen Bemerkungen flogen zwischen ihnen hin und her, manche witzig, andere aber so abgegriffen, dass sie sogar nahe an Blödeleien vorbeischrammten. Und Lars fragte, ob auf der anstehenden Etappe für genügend Wein vorgesorgt wäre. Nur Rosa hielt sich wieder zurück, reagierte kaum einmal auf einen Witz und vermied den Augenkontakt zu ihrer Umgebung. Sie verschwand auch bald, um sich angeblich in ihrem Zimmer für die Fahrt vorzubereiten. Ihr Verhalten fiel aber niemandem auf.
Als dann die anderen ihrem Beispiel folgten, hielt Paul die Benders am Treppenaufgang zurück.
„Hört mal zu, ihr versteht das doch, warum ich euch gestern Abend direkt ansprechen musste?“, fragte er sie. „Es schien mir notwendig, den Missklang zwischen euch und uns auszuräumen.“
Klaus war nicht sicher, ob er das gerne hörte, entschied sich aber, erst mal nur zuzuhören.
„Die Truppe kennt sich sehr lange, was ihr ja bemerkt habt. Da stellt sich schon eine besondere Vertrautheit untereinander ein, die es Neuen schwermacht, ohne Weiteres Anschluss zu finden. Einige, ihr wisst, an wen ich denke, sind dann auch etwas empfindlicher. Was wir untereinander gar nicht mehr sagen müssen oder einfach so hinnehmen, klappt mit euch dann nicht auf Anhieb.“
„Wir haben verstanden, Paul!“, reagierte ein leicht genervter Klaus. Was er hörte, weckte in ihm eher seinen Widerwillen, empfand er die Mahnung doch als unangemessen. Er hatte sich die gemeinsame Radtour anders vorgestellt, irgendwie im Umgang erwachsener und lockerer. Besonders Rosas Verhalten schien ihm reichlich kindisch zu sein, die ihn fast schon dazu zwang, jedes seiner Worte genau abzuwägen, damit sie ihm keine Beleidigung oder gar Anmache unterstellen könnte. Die verhielt sich ihm gegenüber wie eine Mimose, die dazu neigte, übertrieben zu reagieren. Dabei war sie ihm bei ihrer ersten Begegnung charmant und selbstbewusst entgegengetreten, was ihm gefallen hatte. Vielleicht hatte er sich sogar wegen ihr besonders auf die gemeinsame Radtour gefreut. Wie es sich tatsächlich entwickelte, war für ihn und Petra enttäuschend.
„Was soll diese Ermahnung? Der sollte sich lieber mal die Rosa vornehmen, anstatt uns so einen Vortrag zu halten“, schimpfte Klaus, als er mit Petra allein im Zimmer war. Das mochte die genauso empfinden, die nun ihre Arme um seinen Körper schlang und ihn kurz an sich drückte.
„Wir müssen los!“, sagte er und löste sich von ihr. Es klang resigniert und überhaupt nicht zufrieden. Wenn Körpersprache etwas ausdrückte, dann sprach sein Achselzucken gegen die Erwartung an eine entspannte nächste Etappe.
Wieder war es ein herrlicher Sonnentag, warm und trocken. Nur ein paar Wolkenschleier hingen kaum erkennbar am westlichen Horizont. Jeder vermutete, dass es auch am späten Nachmittag so bleiben würde.
Ihre Räder mussten sie erst aus dem Schuppen des Hotels herausholen, was einige Zeit kostete. Es gab ein regelrechtes Gedränge davor und auf dem Hof, sie waren nicht die einzige Fahrradgruppe, die sich zur Abfahrt fertig machte. Die Benders brauchten besonders Geduld, weil sie am Vorabend als Erste ihre Räder im Schuppen abgestellt hatten. Jetzt standen die eingekeilt von vielen anderen Fahrrädern an der hintersten Schuppenwand. Sie hatten darauf verzichtet, die durch ein gemeinsames Kettenschloss zu sichern, das hatten sie einfach offen über dem Lenker hängen lassen. Jedenfalls war Petras Rad damit an einem Pfosten angekettet worden.
„Du, Petra, ich kann dein Rad nicht rausholen!“, rief Klaus noch im Schuppen seiner Frau zu, die schon bei den anderen draußen wartete. „Wieso hast du denn das Kettenschloss abgeschlossen?“
„Was soll ich getan haben? Ich habe das Kettenschloss gestern Abend überhaupt nicht angefasst!“, entgegnete Petra überrascht und lief ihrem Mann hinterher.
„Wie auch immer, dein Rad ist an der Rückwand angeschlossen. Hast du den Schlüssel?“
„Ich habe auch keinen Schlüssel, der sollte doch noch im Schloss stecken“, erklärte Petra kopfschüttelnd. „Das kann doch nicht wahr sein. Irgendjemand muss mein Rad angeschlossen und den Schlüssel abgezogen haben.“
Beide, Klaus und Petra, kamen jetzt auf den Hof und schauten in die Runde.
„Petras Rad ist angeschlossen worden, und wir haben keinen Schlüssel“, erklärte ein ratloser Klaus. „Hat vielleicht jemand von euch den Schlüssel an sich genommen, in guter Absicht?“
„Warum sollten wir uns um eure Fahrräder kümmern?“, fragte Benno spöttisch. „Dafür müsst ihr schon selbst sorgen!“
Einige der Freunde zeigten sich amüsiert. Nur Paul bemerkte Klaus aufkeimenden Ärger und störte sich an der spöttischen Reaktion seiner Gefährten.
„Ihr seid also sicher, dass ihr das Rad nicht abgeschlossen und auch nicht den Schlüssel habt?“, erklärte er betont sachlich. „Es ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber vielleicht hat irgendein anderer Hotelgast oder jemand vom Personal das getan. Bleibt nichts anderes übrig, als an der Rezeption nachzufragen.“
Klaus hatte verstanden und lief ins Hotel zurück. Die Freunde beschäftigten sich jetzt bereits mit ihrer üblichen Diskussion der besten Fahrstrecke.
„Die wissen auch nichts, aber sie haben mir das hier gegeben“, erklärte ein grimmig blickender Klaus und hob einen wuchtigen Bolzenschneider in die Höhe.
Dann sprach ihn Benno an. „Klaus, das hast du nicht mitbekommen. Bei der Strecke gibt es eine kleine Schwierigkeit, wo wir aufpassen müssen. Entgegen dem Vorschlag des Veranstalters müssen wir hier an dieser Stelle nicht in einen Seitenweg abbiegen, wir folgen weiter der Landstraße.“ Er wies auf die Karte seines Navigationsgeräts. „Hier also nicht abbiegen.“
„Wieso denn das?“, fragte Klaus, der nur mit halbem Ohr zugehört und nicht auf das Navigationssystem geschaut hatte, weil er mit dem Durchschneiden des Kettenschlosses beschäftigt war.
„Das hat uns heute Morgen jemand vom Hotel erklärt. Angeblich ist die Straße nur wenig befahren, und die Abzweigung kostet mehr Zeit. Also nicht vergessen, nicht abbiegen.“
Ob Klaus Bennos Erklärung bewusst aufgenommen hatte, war unwahrscheinlich, zu sehr nagte in ihm der Vorfall mit dem Fahrradschloss. Und gegen seinen Ärger blieb auch Petras Zureden später auf der Strecke wirkungslos.
„Also ich weiß nicht!“, erklärte der maulend. „Gestern dieser platte Reifen und heute die Sache mit dem Schloss. Das ist alles sehr mysteriös.“
„Beruhige dich jetzt. Irgendwelche Unterstellungen helfen doch nicht weiter, die sind doch absurd!“
Paul setzte sich mit seinem Rad neben die beiden Benders. „Jetzt denkt bloß nicht an irgendeine Verschwörung. Bin sicher, dass jemand außerhalb der Gruppe da am Werk war. Wahrscheinlich in bester Absicht.“ Er klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter und nickte Petra zu.
„Lass mal, schon alles gut“, presste Klaus zwischen seinen Zähnen hervor und zeigte ein verzerrtes Lächeln. Auch Petra strich jetzt mit einer Hand über seinen Unterarm, bis ihr Mann etwas freundlicher dreinschaute.
„Hört mal, wenn wir heute bei diesem herrlichen Radfahrwetter nicht die Fahrt entspannt genießen, wann denn dann?“ Paul war der Gedanken an eine Verschwörung oder gar an Mobbing völlig fremd.
Die Hälfte ihrer Etappe war geschafft, und sie hatten in einem Gartenlokal schon eine erste Pause eingelegt, da stießen sie am Ortsausgang auf die Landstraße. Befolgten sie den Rat des Hotelpersonals, müssten sie bald bei der Abzweigung auf einen Feldweg in ein Waldgebiet abbiegen.
Der Autoverkehr auf der Straße zwang sie zwar, gelegentlich hintereinander herzufahren, aber er war so gering, dass sie mühelos ihre Gespräche fortsetzen konnten. Es bildeten sich zwischen ihnen bald stetig größer werdende Lücken, weil die vorn Fahrenden auf das Tempo drückten. Das lag vor allem an Klaus, der, nicht überraschend, gefolgt von Petra an der Spitze fuhr. Bald betrug deren Abstand zu den anderen schon einige Hundert Meter. Ihm fiel das gar nicht auf, er war so in Gedanken vertieft, dass er selbst Petras Mahnung überhörte, langsamer zu fahren.
„Die können’s nicht lassen!“, rief verärgert Beatrix der vor ihr fahrenden Rosa zu. „Jetzt sind die schon wieder kaum noch zu sehen.“
„Die passen gar nicht in unsere Gruppe!“, wiederholte sich Rosa laut. „Wollen mal sehen, ob die das nicht bereuen!“
„Die sehen wir sicher erst im Hotel wieder“, feixte Benno.
Den beiden Frauen schien der Gedanke, dass die Benders so weit davongezogen waren, zu amüsieren. Nur Lars hatte wohl keine Ahnung. „Gibt’s etwas, wovon ich nichts weiß?“
Klaus und Petra waren inzwischen so weit voraus, dass sie selbst lautes Rufen ihrer Freunde nicht hören würden. Immer noch vertieft in Gedanken, erinnerte sich Klaus nicht mehr so genau an das, was Benno über die Strecke erklärt hatte. Den scharf nach rechts abzweigenden Weg übersah er natürlich. Den musste er ja entsprechend dessen Hinweis gar nicht beachten. Stattdessen vertraute er seinem Navigationssystem, das ihn anwies, weiter der Landstraße zu folgen.
„Wie lange müssen wir denn noch auf dieser Straße fahren?“, fragte Petra ihren Mann.
Jetzt bedauerte Klaus, sich nicht mehr exakt an das Gespräch mit Benno am Morgen erinnern zu können. „Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, sagte Benno, dass wir der Straße erst mal folgen sollten. Angeblich hätte jemand im Hotel ihm das geraten. Aber nicht mehr lange, dann erreichen wir sicher eine Abzweigung, wo wir die Straße verlassen können. Das zeigt mir auch das Navigationssystem.“
Ihre Gefährten hatten keine Chance, Klaus noch zu beeinflussen. Sie sahen wegen einer langen Rechtskurve nicht einmal, dass der und Petra irrtümlich geradeaus radelten. Die Gruppe war so weit zurückgefallen, dass sie den Benders kaum etwa verständlich hätten hinterherbrüllen können. „Jetzt haben sie sich möglicherweise vertan“, sagte Benno leise zu Rosa, die ihm zunickte.
Als dann einige Mitfahrer die nächste Pause anmahnten, störte es die meisten wenig, dass die Benders fehlten.
„Das ist dumm!“, erklärte Paul, dem stets wichtig war, dass sie alle zusammenblieben. „Hat jemand Klaus informiert, dass wir nicht auf der Straße bleiben sollen, auch wenn das Navi etwas anderes vorschlagen sollte?“
Bevor Benno antworten konnte, polterte Rosa ihre Abneigung gegenüber Klaus heraus. „Die fahren immer voraus und machen dann auch noch blöde Sprüche. Die sollen fahren, wie sie wollen.“
„Paul, das ist völlig richtig! Wir sind auf jeden Fall nicht für die verantwortlich“, schloss sich Beatrix Rosas Meinung an.
„Jetzt mal langsam, Leute“, suchte Paul die Stimmung zu versachlichen. „Ich dachte, dass wir uns gestern einig waren. Wir sind als Team gestartet und fahren diese Tour auch bis zur letzten Etappe gemeinsam zu Ende.“
Niemand widersprach, sie teilten zwar die Kritik der beiden Freundinnen an Klaus, aber nicht deren scharfe Antipathie. Keiner hatte Interesse daran, dass diese Tour mit einem solchen Zerwürfnis, was sicher auch Paul hart treffen würde, endete.
Alle standen etwas ratlos im Kreis um ihn herum, und fast hätten sie den Zweck der Pause vergessen.
Paul beabsichtigte einen Moment lang, Klaus mit seinem Handy zu erreichen, steckte das aber gleich wieder kopfschüttelnd ein. Carmen erklärte er, dass er nicht einmal eine Handynummer von denen hätte.
„Die Benders sind also wohl eine andere Strecke als wir gefahren“, stellte Paul für alle nüchtern fest. „Aber die sind in der Lage, ihren Weg auch ohne uns zu finden. Spätestens im Hotel werden wir sie dann wiedertreffen. Und vielleicht ist es gerade ganz gut, wenn wir eine Weile ohne sie fahren können. Mit ist aber wichtig, dass wir diese Tour gemeinsam, das heißt auch mit Klaus und Petra, zu Ende fahren. So, wo ist der Wein?“
Jetzt breitete sich so etwas wie Erleichterung unter den Freunden aus. Gleich nach Pauls kurzer Rede öffnete Lars schon eine Weinflasche, und zusätzlich wurden Tüten mit Süßigkeiten herumgereicht. Fast erschien es ihnen, als unterschiede sich diese Tour überhaupt nicht von denen davor. Es wurde munter drauflosgequatscht, auch mal einige dumme Sprüche geklopft, worüber sie lachten oder den Kopf schüttelten. So verging diese Pause so vergnüglich, wie sie sich das alle von Anfang an gewünscht hatten.
Und diese Rast dauerte sogar länger als üblich. Keiner hatte damit Probleme, dass sie möglicherweise erst nach Einbruch der Dunkelheit ihr Hotel erreichen würden. Jetzt beschleunigten sie ihr Tempo so, dass selbst die Benders gestaunt hätten. Und sie entschlossen sich, auf eine weitere Unterbrechung zu verzichten.
***
„Sag mal, fahren wir nicht viel zu schnell? So holen die uns nie ein“, bemerkte endlich Petra, die sich nach einer Pause sehnte. „Lass uns doch mal warten.“
„Stimmt! Wir sind zu schnell gefahren. Wir halten hier erst mal an und warten einen Moment. Brauchst du Wein?“, fragte Klaus aus Spaß.
„Wasser brauche ich und ein paar Süßigkeiten“, erwiderte sie und hockte sich neben ihrem Rad auf die Böschung.
„Geht es dir gut?“, fragte er und schaute sie prüfend an. „Du bist so rot im Gesicht.“
„Alles in Ordnung. Aber bist du wieder runter von deinem Ärger?“, wollte Petra wissen.
„Irgendwie … Lass mal gut sein. Ich will nicht mehr darüber nachdenken. Hoffe, dass die anderen bald aufschließen können.“
„So richtig glücklich wirkst du nicht gerade auf mich. Dich wurmen diese häufigen Reibereien.“
„Zumindest die mit dieser Rosa“, erwiderte er und klang dabei nicht verärgert. „Ich habe mir etwas vorgemacht, nicht in Bezug auf Paul und Carmen. Die sind schon beide okay und verhalten sich meist souverän.“
„Ich mag die beiden Kleins auch. Gilt mit kleinen Einschränkungen für einige der anderen auch.“ Petra legte den Arm um ihren Mann. „Jetzt fahren wir diese Tour zu Ende, halten uns mit Kritik zurück und versuchen, uns in deren Runde besser einzufügen. Nur darum geht’s, Klaus.“
Er sah auf seine Uhr, weil er das Gefühl hatte, dass sie hier schon zu lange warteten, fast eine Stunde war vergangen. Er stand jetzt auf und schaute intensiv die Landstraße zurück.
„Das verstehe ich nicht! So weit können wir doch nicht vorausgefahren sein.“
„Sind wir denn überhaupt die richtige Strecke gefahren? Was sagt dein Navi?“, fragte Petra.
„Benno hatte mir vor der Abfahrt etwas von einer Abzweigung erzählt – oder war es eine Streckenänderung? Da habe ich vielleicht doch nur halb zugehört. Meines Erachtens sagte er, dass wir auf der Landstraße bleiben sollten, entgegen der Tourenempfehlung …“
„Was machen wir, wenn die doch anders gefahren sind?“, bohrte sie nach.
„Dann werden wir halt hier auf der Landstraße zunächst weiterfahren, die führt ja irgendwann zur Stadt, unserem Ziel. Allerdings: Schneller am Ziel wären wir dann höchstens mit einem Auto.“ Er lief zu seinem Rad und stieg auf. „Wenn Benno mich bewusst hat irreführen wollen, dann …“
„… werden wir auch die letzten beiden Etappen zu Ende fahren“, ergänzte sie seinen Satz. „Du bildest dir schon wieder etwas ein.“
Nach einer Weile hatte er eine Idee. „Weiß wirklich nicht, ob wir heute Abend auch noch mit denen zum Essen gehen sollten. Das Hotel soll sich nahe am Ortseingang befinden. Was hältst du davon, wenn wir einfach erst mal ins Zentrum fahren und dort bummeln gehen?“
„Das können wir machen, obwohl die Gruppe ein solcher Alleingang stören könnte. Ich weiß nicht. Zumindest müssen wir im Hotel eine Nachricht hinterlassen. Vielleicht könnten wir die sogar mal anrufen.“
***
„Da vorn müsste gleich das Ortsschild auftauchen. Ich sehe ja schon die ersten Häuser!“, rief Paul, der etwas vorausfuhr und jetzt ein Handzeichen gab.
„Wir haben’s gleich geschafft, da vorn beginnt die Stadt“, rief einer, der zu ihm aufgeschlossen hatte.
Keine Viertelstunde später standen sie vor dem Hoteleingangsportal, und Paul lief sofort in die Lobby. „So, jetzt frage ich gleich mal, ob Klaus und Petra schon eingetroffen sind!“ Er nahm gar nicht mehr wahr, wie Rosa und Beatrix ihre Augen verdrehten und sich dann angrinsten.
Es dauert, bis Paul zur Gruppe zurückkehrte und ein besorgtes Gesicht zeigte. Da hatten die anderen schon ihre Räder in der Tiefgarage des Hotels eingestellt.
„Die Benders sind angeblich noch nicht eingetroffen! Eine Nachricht hat der Mann am Empfang auch nicht erhalten“, erklärte er. „Das ist mir völlig unverständlich, die sind ja vorausgefahren, und wenn sie auf der Landstraße geblieben wären, heißt das nicht, dass sie dann unbedingt langsamer sein müssten, auch wenn es über die Straße länger ist.“
„Abgesehen davon, dass die ja kaum so lange Pausen gemacht haben dürften, haben die ja weniger Wein bei sich“, spottete Lars unpassend.
„Können wir die nicht per Handy erreichen?“, fragte Benno, der an das Naheliegende dachte.
„Na klar! Wenn jemand von euch eine Handynummer von denen hat“, nickte Paul und hielt erwartungsvoll sein Telefon hoch. Doch es meldete sich niemand. „Mist, ich habe nämlich auch nicht deren Handynummern, nur deren Nummer vom Festnetz und Klaus’ Firmennummer.“
Keiner von ihnen wusste mehr. „Wieso haben wir eigentlich nicht die Handynummern mit denen ausgetauscht? Das haben wir doch sonst immer gemacht“, meldete sich Benno nochmals. Es klang wie ein Vorwurf an Paul, der sich diesen Schuh auch anzog.
„Hinterher ist leicht jammern!“, wehrte er schwach ab. „Ich denke, dass wir erst mal unsere Zimmer einnehmen sollten. Wir warten noch bis zum Abendessen, also so bis etwa achtzehn Uhr. Wenn sie dann nicht erschienen sind, werde ich bei der Polizei nachfragen. Eventuell müssten wir uns sogar auf die Suche nach denen machen.“ „Wie, auf unseren Rädern?“, fragte Lars ungläubig.
„Unter Umständen ja! Oder hast du eine bessere Idee?“, schoss Paul genervt zurück. „Wir können ja nicht einfach zu Abend essen und die ihrem Schicksal überlassen, oder?“ Seine Reaktion ließ keine Zweifel, dass ihm die Gleichgültigkeit einiger seiner Mitfahrer nicht gefiel.
***
Es war schon nach achtzehn Uhr, und alle hatten sich in der Gaststube eingefunden, wo für die Gruppe ein großer Tisch eingedeckt worden war. Keiner der Freunde hatte Platz genommen, erst wollten sie hören, was Paul inzwischen in Erfahrung gebracht hatte.
Der erschien ungewohnt nervös. Carmen hatte er in ihrem Zimmer gesagt, dass er erstaunt sei, wie teilweise unpassend sich einige ihrer Freunde zeigten. Zwar gefiele ihm Klaus’ Verhalten ebenfalls nicht immer, aber das sei für ihn kein Grund, die beiden Benders abzulehnen.
Jetzt fiel ihm offensichtlich nichts ein, was er seinen Gefährten vorschlagen könnte. Inzwischen war klar, dass die Benders sich entweder verfahren hatten oder wegen einer Panne auf der Strecke liegen geblieben sein mussten. Ihre Koffer standen immer noch in der Lobby. Der Tourenveranstalter sorgte stets dafür, dass ihr Gepäck von Hotel zu Hotel transportiert wurde.
„Gemeldet haben sie sich weder bei mir noch hier an der Rezeption. Das Büro vom Veranstalter der Radtour habe ich versucht zu erreichen, war aber schon geschlossen, geht erst morgen früh wieder.“ Paul drehte sich fragend im Kreis, um zu sehen, ob jemand anderes etwas erfahren hatte.
„Wenn die Benders zunächst die Straße weitergefahren wären, könnten die auch noch später abgebogen sein, um dann irgendwann auf unsere Strecke zu stoßen. Auch so sollten die sich kaum verfahren haben. Klaus hat ja ein Navi dabeigehabt“, bemerkte Benno, dem die Warterei nicht gefiel.
„Dass die uns immer so abhängen, ist das wirkliche Problem“, beschwerte sich dessen Frau, die kaum Verständnis für die Benders aufbrachte.
„Entweder die warten auf uns, oder, wie jetzt wieder, wir warten auf die“, drückte Rosa aus, worüber die anderen in der Gruppe möglicherweise ähnlich dachten.
„Was können oder was sollten wir jetzt tun?“, lenkte Paul die Runde auf die seiner Meinung nach nächstliegende Frage.
„Du solltest die Polizei anrufen“, schlug Lars vor, den es auch zum Abendessen zog.
„Das kann ich machen. Aber was, wenn die nichts wissen?“, bohrte Paul nach.
Die allseitige Meinung war, dass er erst mal bei der Polizei anrufen sollte, und dann könnte man weiter- sehen.
Sein Telefonat mit dem Revier dauerte lange, da hatten sich seine Freunde schon an den Tisch gesetzt.
„Die Polizei hier weiß nichts, und weder deren Kollegen im Nachbarort noch das hiesige Krankenhaus wissen etwas über die Benders“, erklärte Paul nach seinem Telefongespräch. „Was machen wir jetzt?“
Wenn es ein Stimmungsbarometer gab, so waren es die Mienen der Freunde, die erkennen ließen, was die meisten empfanden. Jedem schien klar, dass sie nicht einfach ihr Abendessen fortsetzen könnten, wenn da zwei aus ihrer Gruppe vermisst wurden. Selbst Rosa und Beatrix schienen das einzusehen.
Insgeheim hofften sie vielleicht, dass sie die Vermissten nicht mit dem Rad in der Dunkelheit suchen müssten. Aber Paul schlug genau das jetzt vor.
„Also wer will mich begleiten? Allein möchte ich nicht die Strecke zurückfahren“, erklärte er.
„Du meinst aber nicht die ganze Strecke?“, meldete sich Beatrix, was Paul nur mit Kopfschütteln quittierte.
„Die Landstraße könnte man doch besser mit einem Taxi abfahren als mit unseren Rädern“, gab Benno zu bedenken. „Mit dem Fahrrad dauert es sehr viel länger, und wir wissen nicht einmal, welche Strecke die gefahren sind. Aber wenn du willst, werde ich dich natürlich auf dem Rad begleiten.“
„Die Straße mit einem Taxi abzufahren ist eine gute Idee, Benno! Könnten die Frauen übernehmen. Ansonsten würde ich unsere Strecke auf dem Schotterweg Richtung unserer letzten Rast zurückfahren wollen. Wer begleitet mich denn noch auf dem Rad?“
