Kitabı oku: «Deutschenkind»

Yazı tipi:

Herbjørg Wassmo

Deutschenkind

Tora-Trilogie Band 1

Titel der norwegischen Originalausgabe:

Huset med den blinde glassveranda

© Gyldendal Norsk Forlag AS 1981. All rigths reserved

Vollständig überarbeitete deutsche Fassung von Gabriele Haefs auf Grundlage der Übersetzung von Ingrid Sack

Alle Rechte vorbehalten

© Argument Verlag 2012

Umschlaggestaltung: Martin Grundmann

Foto: © Dorothea Lange 1935

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018

ISBN 978-3-86754-866-3

Erste Auflage 2012

Herbjørg Wassmo

Deutschenkind

Tora-Trilogie Band 1

Deutsche Neufassung von Gabriele Haefs

Literaturbibliothek

Argument · Ariadne

1

Sie erinnerte sich nicht, wann sie ihr zum ersten Mal bewusst geworden war: die Gefahr. Sie war damals schon längst in die kleine Speisekammer hinter der Küche umgezogen, weil ihre Mutter meinte, sie brauche ein Zimmer für sich. Sie hatte schon längst angefangen, nachts von den lauten Stimmen in der Stube, in der Henrik und die Mutter schliefen, aufzuwachen. Sie wachte nachts auf und war in Schweiß gebadet. Als ob sie Fieber bekäme. Und sie wollte nach der Mutter rufen, sie nahe bei sich haben. Aber sie brachte keinen Laut heraus. Es war alles zusammen unmöglich und fremd, und die Dunkelheit war gefährlich. Das war sie immer häufiger. Besonders, wenn die Mutter Abendschicht in der Fabrik hatte und erst spät nach Hause kam.

Dann musste sie ganz richtig wach werden, obwohl sie es nicht wollte. Sie setzte sich im Bett auf und war wie eine leere Schale. Sie hatte das Gefühl, dass ihr Kopf angeschwollen war und über der leeren Schale im Raum schwamm. Die Ohren waren wie die Türen von Almars Bootsschuppen in Hestvika: die Angeln zerbrochen, so dass der Sturm an ihnen riss und zerrte.

Sie war einmal oben auf dem Hesthammeren gewesen. Ganz oben auf dem Gipfel. Dort gab es nichts anderes als Stein und Heidekraut. Henrik hatte sie an der Schulter gefasst und sie an den Abgrund geführt. Der Abhang fiel steil zum Meer ab und war bedeckt mit Steinen und Geröll.

Während sie dastand, hatte in ihrem Kopf ein Rauschen eingesetzt, wie dann, wenn der Wind durch die Türen von Almars Bootsschuppen fuhr. Sie konnte sich nicht rühren. Mutters Stimme klang ängstlich, als sie Henrik bat, zurückzukommen. An ihre Worte konnte Tora sich nicht mehr erinnern.

Damals hatte sie begriffen, dass Henrik sehr stark war. Denn er lachte. Wenn er die Luft einzog und eine Lachsalve in die Tiefe schickte, hallte es Schlag auf Schlag unten im Geröll wider.

Die Kinder in der Schule riefen ihr ab und zu nach, dass man ihr den Arbeitsplatz ihrer Mutter anriechen könne.

Aber nach Fisch rochen doch alle, meinte Tora. Sie kümmerte sich nicht weiter darum. Wenn sie nur sonst in Ruhe gelassen wurde.

Hände. Hände, die in der Dunkelheit kamen. Das war die Gefahr. Große, harte Hände, die zupackten und drückten. Nachher schaffte sie es kaum, noch rechtzeitig aufs Klo zu kommen. Manchmal wusste sie nicht, ob sie es wagen könnte, ihr Pipi in der Küche zu machen, wo der Eimer stand.

Da schlüpfte sie lieber in die Stiefel, zog den Mantel über das Nachthemd und lief auf den Hof hinaus, ob es nun Sommer oder Winter war. Der Hof war groß und sicher, und es gab einen Haken an der Klotür. Dort konnte sie dann lange sitzen bleiben. Manchmal, bis sie vor Kälte ganz steif war oder Mutters Schritte auf dem Schotterweg hörte.

An den Abenden, an denen die Mutter arbeitete, war auch Henrik nur selten zu Hause. Tora wachte auf, wenn die Tür ging und jemand zurückkam. Die Mutter hatte müde, aber leichte Schritte. Sie öffnete die Tür vorsichtig, als ob sie Angst hätte, die könnte zerbrechen. Henrik dachte weder an den Türrahmen noch an die Tür. Er machte keine richtigen Schritte, er schlurfte nur herein. Aber in der Wohnung war das anders, wenn Henrik wollte. Da machte er Schritte, die man fast nicht hörte. Lautlose, mit einem rauen Atem verbundene Schritte.

Ingrid begann plötzlich eines Tages, Tora auszufragen. Fragte, wann Henrik nach Hause komme. Wie er dann sei. Tora atmete den ekelhaften Geruch von Nelken ein und ihre Hände wurden ganz feucht. Von da an stand sie auf und half ihm ins Bett, wenn er kam, die Mutter sollte ihn nicht auf dem Sofa in der Küche finden. Er sonderte einen beißenden Geruch ab, und manchmal war er wirklich schwer. Aber er berührte sie niemals, wenn sie ihm half. Fuhr sich nur ab und zu mit dem Handrücken unter der Nase entlang. Er sah Tora nicht einmal an, starrte nur angestrengt in den dunklen Raum. Und alles war ruhig und ordentlich, bis die Mutter kam.

Eines Abends ging es aber trotzdem schief.

Henrik machte kein Licht, als er um elf Uhr nach Hause kam. In der Dunkelheit stieß er an die Gläser und Tassen, die umgedreht neben dem Spülstein zum Trocknen standen. Mehrere davon zerbrachen auf dem Schrank und auf dem Fußboden. Tora wurde vom Poltern und Klirren geweckt. Sie hörte, wie Henrik hinfiel und fluchte. Sie wagte nicht sofort, hinauszugehen. Ihr Herz schlug gleichsam außerhalb ihres Körpers. Sie brauchte eine gewisse Zeit, um es wieder hereinzuholen. Aber dann rief er leise und röchelnd, und Tora bekam Angst, dass Elisif vom Dachgeschoss heruntersteigen und den ganzen sündigen Raum entdecken könnte. Da würde ihre Mutter vor Scham sterben. Sie spürte, wie die feinen, kleinen Glassplitter sich in ihre Fußsohle hineinfraßen, als sie durch die Küche ging. Sie musste durch die ganze Küche, um an den Schalter neben der Flurtür zu gelangen.

Er saß mitten auf dem Boden und weinte.

Eine fremde Gestalt, umhüllt von Henriks Haut.

Tora nahm Kehrblech und Handfeger und fegte eine Art Weg bis zum Ausguss. Sie konnte die Blutspur ihres Fußes sehen, als sie zurückging. Sie holte einen Küchenstuhl und zog Henrik hinauf. Seine verstümmelte Schulter hing noch mehr herunter als sonst. Es sah so aus, als ob jemand den Jackenärmel mit Wolle ausgestopft hätte und nicht sehr sorgfältig dabei gewesen wäre. Den verkrüppelten Arm hielt er dicht an seinen Körper, wie einen Schatz, der vor Stößen und Gefahren geschützt werden musste. Die gesunde Hand blutete, aber darum kümmerte er sich nicht.

Er weinte nicht mehr. Sein Kopf war auf die Brust gesunken. Er schien Tora gar nicht zu bemerken.

Sie wusch das Blut ab, das ihm aus der Stirn lief. Über seiner rechten Augenbraue saß eine klaffende Wunde. Das Rieseln des Wasserhahns und die Reste seines heiseren Schluchzens waren die einzigen Geräusche, die Tora hören konnte.

Plötzlich wurde die Flurtür geöffnet, und Ingrid stand da. Die Augen waren wie zwei Löcher in grauweißem Fjordeis. Tora hatte das Gefühl, unter diesem Blick zusammenzuschrumpfen. Der ganze Raum schwankte leicht.

Sie begriff, dass ihre Mutter sie beide sah: Henrik und sie. Tora sah sich selbst und Henrik, vor Mutters Augen in Auflösung begriffen. Wie geplatzte Seifenblasen, die zum Küchenfenster hinausschweben. In tiefem Fall, schwerelos und ohne Wert.

Mama war Gott, der sie sah. Mama war der Pastor oder die Lehrerin. Mama war Mama – die sah! Tora war schuldig. Sie war in Henriks Bild. Sie war gefangen in Henriks Stärke. Sie war verloren. Ingrid setzte sich auf den alten, ständig quietschenden Küchenhocker. Dieses Geräusch ging ihr durch Mark und Bein.

Da überwand sich Tora, zerrte Henrik vom Stuhl hoch, schwankte einen Augenblick leicht, zusammen mit ihm. Sie gab ihm einen energischen Ruck, hielt sie beide mühsam auf den Beinen und bewegte sich langsam mit ihm in die Stube. Als sie wieder zurückkam, saß Ingrid immer noch da. Sie hatte die Augen auf den Boden gerichtet, und das war beinahe noch schlimmer, als wenn sie sie angesehen hätte, so schien es Tora. »So geht’s hier also zu, wenn so ein armes Wesen wie ich auf Arbeit ist?« Die Stimme klang plötzlich fremd und schien von unten aus dem Mantelkragen zu kommen.

»Das ist doch nur heut Abend so«, antwortete Tora. Sie war schrecklich froh, dass die Mutter redete. Aber Ingrid sagte nichts mehr. Sie hängte ihren Mantel in den Flur und schloss sorgsam die Tür hinter sich, wie sie es immer tat.

Den Kaffee, den Tora für sie in die Thermosflasche gefüllt hatte, rührte sie nicht an, und die Brote auf dem Teller würdigte sie keines Blickes. Sie schüttelte den Kopf, als Tora die Scherben aufkehren wollte, und nickte nur stumm zur Kammertür hin. Da erst bemerkte Tora, dass sie innerlich weinte. Dumpf und gequält wie von einer zerstörten Hoffnung.

Sie schlich sich in die Kammer, zog eine benutzte Socke über den verletzten Fuß, um die Bettwäsche nicht mit Blut zu verschmieren, und dann rollte sie sich unter der Decke in sich zusammen. Zitternd strich sie mit klammen, kalten Händen über ihren Körper. Diese Nacht war so merkwürdig still. Wie eine böse Warnung. Dann war sie allein auf der Welt. Nur sie, Tora, existierte.

Geruch von dunkler Nacht, Staub und Bett. Es war, wie nach einem langen Tag draußen im Regen hereinzukommen und Fleischsuppe zu essen. Der Schlaf wollte sich nicht einstellen, und der Fuß tat ein bisschen weh. Sie spürte, dass noch eine kleine Glasscherbe drinsteckte. Erst viele Stunden später kroch endlich die Wärme in sie hinein, sie wandte das tränennasse Gesicht dem blauen Licht zu. In ihrem Kopf rauschte und sauste es – wie in der großen Espe im Garten des Pfarrhauses.

2

Tora konnte sich noch gut daran erinnern, dass sie einmal auf einen Hocker geklettert war und einen schwarzen Knopf neben dem Türrahmen angefasst hatte. Eine ungeduldige Stimme hatte gesagt: »Nein, du musst drehen. Du musst drehen – so!« Die Stimme war tief und hart und machte alles um sie herum so merkwürdig leer, machte die ganze Welt tot. Die große Hand presste sich um ihren Handrücken.

Die Finger taten weh, als die große Hand drehte und sowohl ihre Hand als auch der Schalter gehorchen mussten.

Dann flammte grelles Licht im Raum auf. Füllte alle Ecken aus, schmerzte hinter den Augen, schmerzte so, dass es im Kopf rauschte. Da dachte sie an die große Muschel, die sie so oft ans Ohr gehalten hatte, um das Meeresrauschen aus dem Märchen zu hören, so wie die Großmutter es ihr gezeigt hatte, bevor sie starb. Es war aber nur eine Art Pfeifen in der Muschel, ein klagender, schmerzlicher Laut, ganz anders als das, was sie sich vorgestellt hatte. Das Märchen war weit entfernt von dem pfeifenden Geräusch, das sie in der Muschel hörte.

Ähnlich war es mit dem Licht, das von dem Schalter und der großen Faust beherrscht wurde. Es war auf keinen Fall so warm und nah wie das Licht der Petroleumlampe, die auf einer Kuchendose hoch oben auf dem Tisch stand. Tora wusste nicht, ob sie nach der Geschichte mit dem Schalter das Licht, das aus der Birne an der Decke kam, leiden konnte oder ob sie es nur hinnahm, weil es für manche Dinge nötig war. Die Mutter packte die Petroleumlampe weg.

Licht! Sie fühlte es im Frühling auf den Augenlidern, wenn noch Schnee lag. Es funkelte und flimmerte. Und sie schien noch auf dem Hocker zu stehen, mit der kleinen Hand an dem Knopf, ohne zu wissen, dass man alle Kraft einsetzen musste, wenn man klein war und doch Licht haben wollte. Sonst kam die große Faust und nahm einem alles weg. Machte es fremd und unangenehm wie der Sonnenschein im April, nachdem man eine ganze Woche mit Fieber im Bett gelegen hatte und plötzlich wieder kräftig genug sein sollte, um hinauszugehen.

Wenn die uralten Vogelbeerbäume vor dem Küchenfenster rot wurden und voller Beeren hingen, so dass sie nur die Hand durch das Ausstellfenster zu strecken brauchte, um sich eine Dolde zu holen, war die Zeit für die Fleischsuppe gekommen. Jedes Jahr lag dann eine Zinkbütte umgedreht auf dem Schrank im Flur. Darin holte die Mutter Kartoffeln und Gemüse. Sie ging in abgeschnittenen Gummistiefeln die Treppe hinunter, zur Haustür hinaus und hinter das Haus, von wo der Pfad zu den Fischtrockengestellen und zum Gemeinschaftsacker führte.

Manchmal ging Tora mit. Sie sah die Hacke zwischen Mutters Beinen. Die Hacke ragte deutlich heraus und war doch auf sonderbare Weise ein Teil der Mutter. Der Schaft bewegte den Rocksaum und grub seine Eisennase tief in die Erde. Hier und da traf die Hacke unerwartet eine Kartoffel und spaltete sie in zwei Teile. Dann seufzte die Kartoffel, und die Hacke hielt einen Augenblick inne, als ob sie sich ärgerte. Und die Mutter sagte: »Ach, haste das gesehn!« Dann machte sie weiter.

Die Möhren waren nach Toras Geschmack, wenn die Zähne sie zermahlen hatten und sie als ein süßlicher, grober Brei in der Mundhöhle lagen.

Sie hatte auch an den Kartoffeln genagt. Trotz Schale und Sand. Da musste sie wohl schrecklich klein und dumm gewesen sein. Aber sie konnte sich deutlich daran erinnern.

Der Suppentopf auf dem Tisch. Das Fett, das in Ringen und Blasen herumschwamm. Die Farben waren schön.

Am liebsten sah sie das gekochte Gemüse, denn es schmeckte abscheulich. Die tiefe Stimme drohte trotzdem etliche Löffel gekochte Möhren und wenigstens ein Kohlblatt in sie hinein. Mit den Kartoffeln ging es, die war sie gewohnt.

Mit dem Fleisch ging es auch. Aber es war ekelhaft anzusehen. Es stülpte sich beim Kochen vor ihren Augen gleichsam um und verdarb alles. Und im Mund war es zäh. Aber bevor es in den Topf kam, war es braunrot, mit einem Häutchen in allen Regenbogenfarben. Nichts anderes hatte eine so schöne rote Farbe wie das rohe Fleisch auf dem Brett.

Manchmal war noch Blut daran. Die Mutter schnitt das Fleisch vorsichtig in mäßig große Stücke. Und die Farben wechselten mit ihren Handbewegungen und den Schatten.

Das Messer blinkte immer so schön und gefährlich, wenn die Mutter damit schnitt.

Anschließend ging sie mit dem Brett zum Herd hinüber und schob die Fleischstücke schnell und geschickt in den Topf. Dann war Schluss. Tora wusste, dass die Fleischstücke bald grau und ausgelaugt und unansehnlich aussehen würden.

Möhren, Kohl und Kohlrüben indessen würden in der Fleischbrühe aufglühen und sich gegenseitig die Farben erhalten, so dass eine schöne Verwandtschaft daraus wurde.

Sie durfte eine Weile still bei Tisch sitzen und nur schauen und riechen, während sie darauf wartete, dass die Suppe abkühlte. Dann würde ihr die Stimme befehlen, alles aufzuessen, und sie würde das verhasste Kohlblatt Löffel für Löffel vorbeisegeln lassen, bis sie es endlich hinunterwürgen könnte.

Die Tobiashütte hatte schon immer da gestanden, das wusste Tora. Sie war alt und kalt, mit Säcken in den Fensterlöchern und einer schiefen Tür, die grauenhaft jammerte, wenn jemand kam oder ging. Die Hütte wurde nur benutzt, um Kisten und Gerümpel zu lagern oder um sich samstags zu einem Kartenspiel zu treffen, falls es warm genug und man ein Mann war.

Die Hütte stand für sich allein, hatte ein niedriges Dach und keine so steile Treppe wie andere Fischerhütten. Es war leicht, hineinzukommen und auch wieder hinauszutorkeln.

Einmal hatte Henrik sie in die Tobiashütte mitgenommen, weil die Mutter irgendwo gegen Bezahlung waschen musste. Das war vor langer Zeit, als man Tora noch nicht allein lassen konnte und die Mutter noch nicht in die Fabrik arbeiten ging.

Henrik hatte mit einem Glas dagesessen und Geschichten erzählt. Der Schweiß perlte auf seiner Stirn, wie immer, wenn er etwas zu trinken und zu erzählen hatte.

Er war in der Welt draußen gewesen, der Henrik – da, wo so allerlei geschah. Wenn er davon erzählte, schien er seine schiefe Schulter zu vergessen, die er gewöhnlich unter der Jacke zu verbergen suchte. Die anderen Männer saßen breitbeinig da, den Oberkörper hoch aufgerichtet. Henrik saß immer vornübergebeugt und ließ die verkrüppelte Schulter herunterhängen wie ein flügellahmer Kormoran.

Aber erzählen konnte er.

Manchmal schien er aus den erwartungsvollen Gesichtern um ihn herum Kraft zu schöpfen, so dass er die Schulter plötzlich hochzog und sie für einen Augenblick auf den kraftlosen Ellenbogen stützte. Das Sonderbare und Erschreckende an Henriks Oberkörper war jedoch nicht die verstümmelte Schulter. Es war die gesunde! Sie quoll gewaltig unter seinen Kleidern hervor. Die Hand und der Arm waren ein einziges Bündel trotziger Muskeln, in ruheloser Bewegung. Aber auf der linken Seite hingen Arm und Hand völlig unterentwickelt und passiv herunter und sprachen Henriks ganzem Wesen Hohn.

Dichter Rauch aus den Pfeifen und den selbstgedrehten Zigaretten hatte damals in der Tobiashütte um die Petroleumfunzel gelegen, die wie ein müdes, gereiztes Tier oben zwischen den Balken zischte. Der Glühstrumpf leuchtete bösartig in dem Glas und warf Blitze auf den blanken Metallgriff.

Tora merkte, dass sie aufs Klo musste, und zupfte an Henriks Ärmel, um es ihm zu sagen. Aber sein Gesicht war so weit da oben, und sie war so klein und ganz unten auf dem Fußboden. Er hob mit der gesunden, großen Hand das Glas und erzählte. Er war Samson und sah sie nicht. Da fing es an zu laufen. Erst war es warm und gut auszuhalten, aber es war fürchterlich schlimm. Einer von den Männern sah, was los war, und sagte es Henrik. Die anderen lachten. Sie zeigten auf Tora und schlugen sich auf die Knie und nannten Henrik ein unbegabtes Kindermädchen. Das Gelächter schwoll immer mehr an, bis es ihren ganzen Kopf ausfüllte und nicht von dieser Welt war. Sie kroch in ihre Schande hinein und war allein gegen alle. Aber das war nicht das Schlimmste.

Sie musste auch ein großes Geschäft machen. Es kam einfach. Sie konnte es nicht zurückhalten. Sie merkte, wie es drückte und herausfloss. Die Männer lachten noch mehr, schnupperten und rümpften die Nase und trieben ihre Scherze mit Henrik, weil er so schlecht auf Ingrids Kind aufpasste.

Innerlich zitterte sie. Aber nach außen war sie ganz ruhig. Es lief an den weißen Wollstrümpfen hinunter bis auf den Boden. Dünner, dünner Kot.

Sie hatte in der Tobiashütte ihr Gesicht verloren, deshalb ging sie nicht mehr gern dorthin. Es kam allerdings vor, dass sie dazu gezwungen war, wenn jemand sie mit einem Auftrag hinschickte. Da konnte sie spüren, wie es knackte, als ob sie etwas in sich hätte, was immer wieder zerbrechen würde. Sie hatte noch den Geruch in der Nase und sah die braunen Flecken auf den Strümpfen. Und die Erinnerung an das derbe Lachen aus den weit aufgerissenen Mäulern erfüllte sie immer noch mit Scham.

Elisif, die im Dachgeschoss wohnte, war sehr fromm, und sie hatte Tora erklärt, dass die Scham von Gott erfunden sei. Das machte das Ganze so hoffnungslos, denn unter diesen Umständen war es ja unmöglich, von der Scham loszukommen. Gott hatte es so eingerichtet, dass man sich schämen sollte, das tat den Menschen gut, sündig, wie sie nun einmal waren. Und Tora hatte begriffen, dass sie solch ein Mensch war. Sie log, wenn sie glaubte, dass es so einfacher wäre, und sie nahm ohne zu fragen mehr Pflaumen, als die Mutter erlaubt hatte. Aber es wunderte sie trotzdem, dass einige Menschen so aussahen, als ob sie sich wegen nichts in der ganzen Welt schämten, obwohl sie sich unerträglich aufführten.

3

Tora stand mit bloßen Füßen am Kammerfenster und sah, dass das Heidekraut braun und verblüht war. Die Überreste einer regenreichen Nacht hingen wie ein ausgewaschenes Gespenst über dem Veten und dem Hesthammeren. Weit draußen an der Fjordmündung, hinter Dahls Kai, lag dichter Nebel, leblos und ewig. Die kleinen Boote in der Bucht waren wie mit einem weichen Bleistift skizziert, und Tora wusste, dass an den dicken Johannisbeeren im Pfarrhausgarten große Tropfen hingen. In der Dachrinne gluckerte es.

Sie sah die scharfe Kurve, die der Weg unterhalb des Veten um die obersten Höfe machte, bevor er den Hang hinunterführte, um erst ganz draußen am Kai zu enden.

Eine Handvoll Häuser lag am Weg verstreut am Hang. Meist alte Häuschen mit niedrigem Dachstock und kleinen, verschämten Fenstern. Die Farbe blass wie bei verblassten Papierblumen und zum Teil auch abgeblättert. Ein paar moderne Klötze mit grellem Anstrich hocherhobenen Hauptes dazwischen. Einige hatten unverputzte Mauern, die sich mit bewundernswerter Sturheit im Lehmboden festkrallten.

Wie eine Verkündigung und wie eine Erinnerung an den Quell alles Guten brach plötzlich ein Strahl durch einen Spalt in der Wolkendecke. Die Sonne. Sie ließ die Zweige der Birkenallee, die zum Hof des Lensmanns hinaufführte, golden aufleuchten. Tora verfolgte den Schotterweg mit den Augen. Fing ganz oben in Bekkejordet an und wanderte dann vorbei an den Feldern und dem fröhlichen herbstbunten Heidekraut, vorbei an den Mooren und dem Birkenwäldchen, vorbei an den Trockengestellen und dem großen Stall, der nicht mehr benutzt wurde – wo verwahrloster, brachliegender Boden überging in kleine kahle Felsen und Tang und lebendiges, nasses Meer. Links, dort wo der Weg sich zu den Kais hin teilte, flog ihr Blick zurück in ihr eigenes Kammerfenster und war daheim. Im Tausendheim. Noch war es für einen Augenblick still im Haus. Dann brach es über ihrem Kopf los. Das waren Elisifs Kinder, die aufstanden und über den Boden polterten.

Die Geräusche waren weder angenehm noch unangenehm. Scharren, Trippeln, Elisifs gottesfürchtige Stimme, von der Tora wusste, dass sie kein bisschen böse war, auch wenn sie noch so sehr vom Jüngsten Gericht redete.

Sie hörte, wie die Mutter draußen in der Küche den Kaffeekessel mit Wasser füllte. Henrik würde noch nicht aufstehen. Bevor Tora in die Schule ging, gab es nur die Mutter und sie. Wenn Ingrid in der Fabrik war, dann war Tora mit den Brotscheiben und der Wanduhr allein.

Tora wusste, dass der Stärkste bestimmte und in allen Dingen recht hatte.

Es war wichtig zu wissen, wer der Stärkste war. Henrik war der Stärkste.

Denn er hatte zwar eine Schulter, über die die Leute ein wenig lachten und die keine richtige Schulter war, aber die andere war eben furchtbar stark. Und er sprach hastig und stoßweise, mit großem, offenem Mund.

Wenn er lachte, war es kein richtiges Lachen. Es hörte sich so an, als ob er traurig wäre. Wie eine Art Blubbern oder wie ein Unwetter in den Bergen. Henrik hatte oft schlechte Tage. Dann ging er nicht zu Dahl aufs Lager.

Mamas Tage waren weder gut noch schlecht, glaubte Tora. Sie sah immer gleich aus, nur manchmal etwas blasser. Gewöhnlich waren Mamas Augen groß und grünlich, mit einem dünnen Schleier davor, genau wie die Sommergardinen bei Tante Rakel. Aber plötzlich konnten sie die Farbe wechseln, die Gardinen wegziehen und Tora hineinsehen lassen.

Sie füllten sich mit Leben. Glichen Laubbäumen im Sommer, mit vielen kleinen Vögeln und schnell wechselnden Schatten. Es flatterte und lebte da drinnen in dem Grün. So war es fast immer, wenn Tora und die Mutter allein waren.

Henrik schlug härter als jeder andere, den Tora kannte. Mit der gesunden Hand. Es kam schon mal vor, dass Mama ihr eins mit der flachen Hand hintendrauf gab. Einen kleinen Klaps. Sie wollte Tora zu verstehen geben, dass sie traurig war. Die Klapse taten nicht weh. Mama schlug auch nicht oft. Nur wenn es sein musste. Tora durfte weinen, wenn die Mama schlug.

Wenn Henrik schlug, schrumpfte Tora ein. Wand sich gleichsam wie ein Lappen um seine Hand.

Sie hatte das Gefühl, keine Füße mehr zu haben, und es drückte so, dass sie beinahe Pipi gemacht hätte. Bis jetzt war es immer gut gegangen, denn sie erinnerte sich ja an die Tobiashütte.

Sie war wie die zerrupfte Katze, die die Jungen von Været zu Tode gequält hatten, weil sie niemandem gehörte. Sie hatten sie an einem Zaun gekreuzigt. Die Katze schrumpfte ein. War zum Schluss nur noch Fell und Pfoten.

Die Krähen hackten ihr schon am ersten Tag die Augen aus. Tora überlegte oft, ob die Katze genauso gefühlt hatte wie sie, dass sozusagen kein Platz zum Weinen da war. Es war alles zum Zerplatzen gespannt, aber es kam nichts heraus. Es war alles zu eng. Die Mutter sagte immer wieder, dass Henrik nicht böse sei. Tora hatte niemals gedacht oder gesagt, dass Henrik böse sei, deshalb verstand sie nicht, wieso die Mutter das sagte.

Es war, als ob sie Tora streng ansah und ihr in Erinnerung rief: »Henrik ist nicht böse!« Aber für Tora war Henrik weder böse noch gut, er war Henrik.

Tora zog Rock und Strümpfe an. Es war kalt in der Kammer, obwohl die Herbstsonne tat, was sie konnte. Aber es war noch früh am Morgen. Tora musste das Gesicht unter den kalten Wasserstrahl halten. Sie passte den Augenblick ab, da die Mutter mit irgendetwas draußen auf dem Gang beschäftigt war, dann brauchte sie nicht die Blechschüssel zu füllen. Ingrid war damit so genau. Sie sprachen beim Frühstück nicht viel. Aber die Stille war nicht bedrohlich, wie sie es wurde, wenn er dabei war. Wenn Henrik mit ihnen zusammen frühstückte, dann hielt Tora immer die Augen auf den Tisch gesenkt. Sie wusste, dass er sie beobachtete. Darauf wartete, dass sie etwas umstieß oder sonst etwas falsch machte. Sie hatte sich angewöhnt, nur das Allernötigste zu essen, wenn er dabei war. Und sie gab niemals Zucker oder Marmelade auf ihr Brot. Damit könnte sie doch kleckern. Käse war gut. Der klebte an der Butter fest, auf den war Verlass.

Das Milchglas war eine Heimsuchung. Sie hatte das Gefühl, dass es schon umkippte, wenn sie nur daran dachte. Als ob Henriks Augen ihre Hand dazu bringen konnten, alles Mögliche umzuwerfen.

Aber heute waren die Mutter und sie allein, und da nahm Tora sich Zeit und ließ ihre Augen wandern, wohin sie wollten. An einem solchen Morgen konnte Ingrid ihre Hand behutsam über Toras Schulter gleiten lassen, wenn sie mit dem Pappranzen fertig für den Schulweg dastand. Später sah Ingrid vom Fenster aus das magere kleine Mädchen mit den roten Zöpfen, die hinter ihr herwippten, an der Wegkreuzung verschwinden, zusammen mit den Kindern von Elisif und mit Rita vom ersten Treppenaufgang. Und Ingrid fühlte etwas wie Ohnmacht gegenüber allen Dingen.

Tora und Sol saßen im Laufe des Nachmittags in dem blau gestrichenen Klo, wenn die Erwachsenen Mittagsschlaf hielten oder mit ihren Dingen beschäftigt waren, so dass die Klobesuche nachließen. Die Mädchen schwatzten oder lasen Zeitung.

Das Phantom reitet auf seinem weißen Pferd durch den Dschungel, um Sala zu suchen. Die Trommeln haben gesagt, wo sie ist. Sol murmelt halblaut, während sie den gestreckten Zeigefinger gegen das Zeitungspapier und die Natur direkt unter dem molligen Hintern drückt. Es bläst oft sehr frisch dort unten. Bei Flut kommen kleine Wellen schmatzend den Hang hinauf, und der Kot fällt direkt ins Meer.

Bei Ebbe hört man beim Lesen kleine Plumpse und das Papier flattert heimatlos herum, bis es sich besinnt und seewärts zieht. Tora kann es nicht über sich bringen, sich mit Zeitungen abzuwischen, die nicht mehr als eine Woche alt sind. Sie können bei vielen Klobesuchen gelesen werden. Es gibt allerlei Sphären und Welten in den Zeitungen, die noch ergründet werden müssen, bevor die Zeitungen kassiert werden.

Hygieneartikel in geheimnisvollen Annoncen. Gabardinemäntel zu herabgesetzten Preisen.

Aber vor allem sind da das Phantom und Sala. Und Tora faltet die Zeitungen sorgfältig zusammen und legt sie zuunterst in den Stoß der Ablage. Unter die uralten Illustrierten, die zu steif sind, um sich damit abzuwischen. Unter die glitzernden Sommertitelseiten und eine Nummer von Allers von vorigem Ostern, wo das Küken auf dem Titel in zwei Teile zerrissen ist. Ab und zu reißen sie ein Bild heraus und befestigen es an der Wand. Aber es gibt nicht genug Reißnägel.

Das Klo war in grauer Vorzeit einmal weiß gewesen. Es hatte zwei Türen mit dreieckigen Fenstern, um Licht und Luft hereinzulassen, aber die Fenster waren in züchtiger Höhe angebracht, die einen Einblick unmöglich machte.

Ursprünglich waren das Pfarrhausklo und das Tausendheimklo beide weiß gestrichen und majestätisch gewesen. Nun lag über Letzterem eine wehmütige, abgeblätterte Größe – wie jemand, der schon auf bessere Klos gegangen war, schnell feststellen konnte. Die eine Klotür war für Männer, die andere für Frauen und kleine Kinder.

Das Männerklo wurde gelegentlich mit dem Schlauch vom Fischereibetrieb abgespritzt. Er wurde mit großer Aufregung und viel Geschrei den leicht geneigten Hang von der Anlegestelle bis zum Tausendheim hinaufgezogen. Das geschah nicht oft. Erst wenn es so fürchterlich war, dass die Männer freiwillig nicht mehr hingingen.

Die Frauen hatten ein Stück von einer alten Gardine vor dem Dreiecksfenster und einen Sack auf dem Boden. Im Sommer standen manchmal Glockenblumen und Margeriten in einer Blechbüchse auf dem Brett über den Sitzen. Es gab ein kleines Loch und zwei große. Ab und zu waren alle drei gleichzeitig besetzt. Besonders an späten Herbstabenden und wenn die Winterstürme und die Polarnacht Körper und Seele am schlimmsten belasteten.

Es war, als ob die Kälte weniger zubiss, wenn man in der Dunkelheit ein entblößtes Hinterteil und eine Stimme neben sich hatte. Es war der gleiche menschliche Geruch und der gleiche warme Dampf aus dem Inneren und Versteckten; das tröstete und schuf eine gewisse Gemeinschaft, über die man nicht zu reden und von der man kein Wesen zu machen brauchte.

Man klopfte diskret an die Tür auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs, flüsterte ein paar Worte durch den Türspalt zu der einen oder anderen. Und schon war die schwesterliche Gemeinschaft besiegelt, und der Gang zum Klo war klar. Geflüsterte Weltanschauungen, vertrauliche Mitteilungen aus dem Reich der Absonderungen oder über die unbändige Bosheit des Herzens gehörten dazu. Da wurden nicht nur die Abfallstoffe der Natur ausgeschieden. Auch Seelsorge und Trost wurden während der Dunkelzeit in dem kalten Kloraum gespendet. Die Menschen spürten den Wind, der vom Meer her in die offenen Löcher wehte, nicht so sehr, wenn sich mehrere Hinterteile dort niederließen.

Die Männer dagegen hatten einen einsamen Klogang. Aber sie hatten eine andere Gemeinschaft, von der die Frauen ausgeschlossen waren. Nämlich den Schwatz und das Schnäpschen auf den Dachböden der Fischerhütten und den Spaziergang in Været an Sonn- und Feiertagen.

Sie zeigten ihre Angst vor der Dunkelheit nicht so offen, die Kerle.

An dem Tag, als Einar in die Dachstube über der Veranda gezogen war, hatte er kritisch nacheinander beide Klotüren geöffnet. Und nachdem er festgestellt hatte, dass das Frauenklo gemütlicher und einladender war, ging er dort hinein und verriegelte vorsichtshalber die Tür. Das war ein großer Fehler, den Einar da im Tausendheim machte. Er wurde ihm nie richtig verziehen.

Als er wieder auf die Klotreppe hinaustrat, ohne sich die Hose anständig zugeknöpft zu haben, waren bereits drei Fenster zum Hof hin aufgerissen worden.

Drei Frauengesichter kamen zum Vorschein. Das eine erboster als das andere. Elisif war die Erste gewesen. Sie hielt die Strickjacke mit festem Griff über der üppigen Brust zusammen und öffnete den Mund zu einem spitzen Trichter. Ihr weißes Gebiss funkelte bedrohlich, und die Worte kamen wie Peitschenhiebe an diesem lichtblauen Tag.

»Was machste aufm Frauenklo, wenn ich fragen darf?«

Einar stand halb abgewendet auf der schiefen Holztreppe, die rechte Hand am Hosenlatz und die linke am Türhaken. Sein Unterkiefer klappte einen Augenblick herunter, als er den Kopf drehte und die drei Frauenköpfe an der unsauberen Hauswand entdeckte. Drei unversöhnliche, weiß gemeißelte Gesichter vor dem gespenstisch grauen Hintergrund.

Einar schluckte. Dann fasste er sich, zog blitzschnell die rechte Hand aus dem Hosenlatz und versteckte sie hinter dem Rücken. Er wagte nicht einmal, sie in die Tasche zu stecken, so verdutzt war er über diese enorme Kuckucksuhr von Haus, wo gleichzeitig drei Köpfe mit weit aufgerissenen Schnäbeln draußen waren und schrien. Einar schluckte noch einmal, bevor ihn der Zorn wie ein stechender Frostschmerz überfiel und er schwer atmend und mit rauer Stimme rief: »Was zum Teufel krähste da oben? Darf man hier nicht mal mehr scheißen?«

»Du warst aufm Frauenklo! Ich hab dich gesehn!« Elisif kannte keine Gnade. Eine strafende Donnerstimme in hoher Tonlage.

Aber Einar hatte sein Selbstvertrauen wiedergewonnen. »Ist da ein Unterschied zwischen Männer- und Frauenklo? So fein wie hier in Stranda war’s nicht mal beim Pastor, wo ich herkomm. Dem Pastor seine hatte keinen so piekfeinen Arsch, dass sie ein Klo für sich haben musste wie die Weiber hier im Tausendheim.« Und ohne sich weiter um Elisifs Gekeife zu kümmern, schritt er über den Hof und betrat den mittleren Eingang. Er schloss die Verandatür mit einem Knall und stapfte wütend die alte Holztreppe hinauf, so dass die Messingbeschläge ganz außen an jeder Stufe leicht zitterten.

Kurz darauf saß Einar auf seinem Sofa und blinzelte unfreundlich die Wand an. Der Teufel sollte die Weiber holen. Er wollte sich selbst nicht eingestehen, dass er immer noch Herzklopfen hatte.

Er benutzt das Frauenklo nie mehr. Trotzdem guckt er jedes Mal böse auf Elisifs Fenster, wenn er über den Hof geht, um seine Notdurft zu verrichten. Und wenn er irgendwo im Haus ihre hohe, dünne Stimme hört, bekommt er ab und zu ein ganz unangebrachtes Herzklopfen, dessen er nicht Herr wird. Das macht ihn rasend. Denn Einar ist ein Mensch, der in jeder Beziehung allein im Leben zurechtkommt. Er fürchtet weder Pastor noch Weiber.

4

Das Tausendheim! Der große Holzbau aus der Zeit der Jahrhundertwende zeigte Reste aus stolzer Vorzeit und Spuren menschlicher Dummheit.

Man konnte beides deutlich an den alten, verwitterten Dachvorsprüngen sehen. Von dem mit Steinen beschwerten Dach mit Moos und Möwendreck bis zu den dicken Grundmauern aus handbehauenen Steinen und bis zu einem Meter tief in die Erde hinein roch es nach einem Fischereibesitzer alten Stils und nach Großkapital. Das Haus hatte drei Etagen und einen Keller und eine Menge hohe, zugige Fenster.

Das Gartenhaus war eine vermooste Fallgrube geworden, in die Elisifs Fünfter eines Sommers hineinfiel und sich den Fuß brach. Aber an klaren, kalten Tagen lag der Rauch noch wie in alten Zeiten über dem geflickten Dach und kam aus drei Schornsteinen gleichzeitig. So flößte das Haus noch immer Respekt ein.

Aber Großverdiener gab es keine mehr. Sie waren bereits in den schwierigen dreißiger Jahren verschwunden. Und danach wurde das Haus dem Verfall und den Wunden überlassen, die das gemeine Volk ihm zufügte.

Denn in das Tausendheim kamen die Armen. Die, welche schwer zu tragen hatten und arm waren an irdischen Gütern. Und einige waren auch arm an Geist.

Sie drängten sich um die drei Treppenaufgänge zusammen, und manchmal brauchte man sie noch, wenn im Ort eine Lücke entstanden war. Ob das nun an den Kais war, bei den Hausbesitzern oder unter den verschmutzten Zimmerdecken bei anständigen Leuten zum Hausputz.

Die Leute im Tausendheim dachten nicht daran, dass sie das Erdenreich wegen ihrer Sanftmütigkeit besitzen sollten. Daran dachten sie am allerwenigsten.

Aber wenn im Spätherbst der Mond über Veten und Hesthammeren stand und die Mütter ihre Ältesten beauftragt hatten, die kärglichen Kartoffeln vom Gemeinschaftsacker zu ernten, mit dem jährlichen Streit, wo Elisifs Grenzen aufhörten und Arnas und Peders Grenzen begannen, beruhigten sie sich auf ihre Weise unter den Lampen. Wenn sie jung waren, lungerten sie in Været herum, und wenn sie noch jünger waren, spielten sie in dem dunklen Keller Verstecken.

Der Mond streute sein prächtiges Silber über den alten Drachenkopf am Südfirst (am Nordfirst war er bereits vor dem Krieg heruntergefallen), und die Gemüter im Tausendheim erhoben sich über ihre eigene graue Sanftmut.

Wenn die Sonne endlich wiederkehrte und auf das schneebedeckte alte Dach schien, kamen die Männer mit Kabeljau und Rogen heim. Die Mandelkartoffeln wurden aus dem Keller geholt, und der schwere, friedliche Dunst von gekochter Leber durchzog das Haus.

Da riefen sie sich durch die offenen Fenster zu, dass die dunkle Zeit vorbei sei, und die Frauen halfen einander mit den Schubkarren bis zur Flussmündung, wo sie die wintergelben Laken zum Bleichen auf den Felsen und den alten Schneewehen ausbreiteten.

Die Poesie lag in den Details. In den segensreichen Tropfen aus der abgebrochenen Dachrinne zum Beispiel. Aber sie war scheu, und sie wurde kaum beachtet, wie ein armes Kind, das keine stillen und dem niemand Liebe geben will.

Das Magische daran, überhaupt am Leben zu sein, ging einem armen Teufel selten auf. Das begriff er höchstens bei Sturm und Schiffbruch.

Es konnte passieren.

In der Dachstube über der Veranda im Tausendheim wohnte viele Jahre eine alte Witwe. Sie strickte für die Kinder im Haus und verprügelte sie der Reihe nach, wenn sie Unfug trieben. Sie warf Steine auf streunende Hunde und putzte die Treppen, ob sie dran war oder nicht. Da hatten die im mittleren Treppenhaus Glück. Aber dann fing sie an, die Küchentücher im Nachttopf zu waschen, und vergaß sich selbst und die Treppe. Schließlich musste sie ins Altersheim nach Breiland gebracht werden. Da war sie genau einen Tag und eine Nacht. Dann war es aus mit ihr.

So wurde die Dachstube frei für Einar, der von dem neuen Pastor vom Pfarrhof gejagt wurde, weil er die Eier unter den Hühnern und den Speck aus dem Vorratsspeicher stahl. Die Dachkammer befand sich oberhalb der alten Glasveranda. Da war übrigens nicht mehr viel Glas. Der Südwestwind hatte gewütet und die kleinen Glasscheiben eine nach der anderen zerbrochen. Die Männer hatten an der Südwestseite Holzteile und Platten davorgenagelt, um Wind und Wetter abzuhalten.

Wenn die Außenlampe eingeschaltet war und in dem schaumgekrönten, jähzornigen Meer glitzerte, sah die ganze Glasveranda wie ein blindes Auge aus. Nur zwei kleine Scheiben hatten überlebt. Sie schielten trotzig und verwundert in den Himmel.

Die Dachstube war ziemlich fußkalt.

Dagegen zog es kaum durch das Fenster. Das kleine Dachfenster ließ nämlich nicht den Wind durch, sondern weinte. Es tropfte und rann, wenn Schnee und Regen das Fenster blind machten.

Einar hatte schnell denselben Trick entdeckt, den auch die Kalla-Witwe angewandt hatte. Er stellte eine Waschschüssel darunter. Auf dem Boden unter dem Fenster war ein verschwommener, rostiger Kreis von der Witwenschüssel. Einar begriff den Sinn dieses Kreises sofort und setzte beim ersten Unwetter seine Schüssel dorthin. Durch das segensreiche Guckloch im Dach schaute Gottes uralter und launischer Himmel herein – falls das Wetter es zuließ. Man brauchte keine Vorhänge gegen neugierige Blicke, und es gab kein Fensterbrett für Topfpflanzen. Das war Einar nur recht.

Tobias A. Brinch und Waldemar E. Brinch hatten einstmals jedes Lebewesen und jede Bewegung auf Øya besessen. Sie steuerten aus der Ferne jedes Fischerboot südlich von Vagen und steuerten den Überschuss in die eigene Tasche.

Von zwei Herrschaftshäusern mit Dienstboten, Gesellschaften und Festlichkeiten aller Art gingen die Befehle über Leben oder Verhungern in fernen Zeiten aus. Der Pfarrhof war der dritte Machtfaktor, und der konnte wohl mithalten, auch wenn hier nicht von Kronen und Öre die Rede war.

Gegen Ende der dreißiger Jahre geschah das Unbegreifliche: Die Dorfbesitzer Brinch gingen in Konkurs. Die Kais, der Laden, der Grund und Boden, alles war beliehen und gepfändet. Schlechte Zeiten und Spekulation, sagten die, die mit so etwas Bescheid wussten.

Das Haupthaus war das größere und gehörte dem älteren der beiden Brüder, Herrn T. A. Brinch. Mit seinen geschnitzten Dachfirsten und der Glasveranda bot es unten in Stranda einen prächtigen Anblick. Zuerst war ein Herr aus Bergen gekommen und hatte einen Winter und einen Sommer lang die Konkursmasse verwaltet. Er wurde von einer Firma in Bergen bezahlt, um die Räder in Gang zu halten, aber es schien dem wohlhabenden Mann und Junggesellen da oben unter dem Nordlicht und bei Möwengeschrei allmählich zu einsam zu werden. Jedenfalls verschwand er an einem schönen Frühlingstag und ward nie mehr gesehen.

Jetzt beherbergte das Hauptgebäude so viel Menschengewürm und Dreck, dass es wohl zu Recht Tausendheim hieß.

Weiter oben am Hang stand der »Hof«, etwas kleiner zwar im Umfang als das Tausendheim, aber höher angesehen, nachdem die Fassade zweimal weiß angestrichen worden war. Er diente als Schule und wurde beheizt und instand gehalten von dem alten Almar aus Hestvika.

Während des Krieges entdeckten die Deutschen den Hof. Die zerbrochenen Tür- und Fensterangeln wurden in Ordnung gebracht, und die verblichene Seidentapete wurde übermalt. Derbes Gelächter und Gegröle erscholl unter dem Dachgebälk, und es setzte sich ein unausrottbarer Geruch nach Leder und Uniformjacken in den Räumen fest.

Es verging ein Friedensjahr, bis man es für moralisch vertretbar hielt, unschuldige Kinder in dieses Haus hinaufzuschicken, aber die Leute vermehrten sich wie verrückt, und das alte Schulhaus unten auf der Landspitze wurde zu klein. So kamen die Kinder und Almar und nahmen den Hof in Besitz. Aber für die alten Leute mit großem Respekt vor den Mächtigen früherer Zeiten war es ein schlimmes Zeichen, dass der Hof von Hand zu Hand ging. Und sie nahmen in Verbindung mit dem Hof auch niemals das Wort »Schule« in den Mund, ebenso wenig wie sie »Kaserne« oder »Deutschenlager« gesagt hatten.

Aber Almar war nicht von der Nostalgie ergriffen. Endlich hatte er einen sicheren Lebensunterhalt. Kinder produzierten die Leute bereitwillig drauflos, und geheizt werden musste, wenn die Rasselbande sich im Winter nicht zu Tode frieren sollte.

In den wunderbaren Sommermonaten hatte er dann seine Ruhe draußen im Fjord und konnte fischen.

Während der Schulmonate heizte Almar den meterhohen Ofen, leerte die Aborte und sammelte Abfall auf.

In dem großen, zugigen Klassenzimmer im zweiten Stock stand ein wackliger schwarzer Ofen und grübelte über die wahre Größe der guten alten Zeit.

Am Fußboden zog es vom Meer her, und in Gesichtshöhe schlug ihnen die Hitze entgegen wie glühendes Eisen. Den Kindern lief die Nase, wenn sie in der Nähe des Ofens saßen, und der Kopf schwitzte, aber die an der Tür froren am ganzen Körper. Öfen hätten keinen Verstand, deshalb könnten sie nicht nach unten wärmen, sagte Almar, wenn die Kinder sich, selten genug, beklagten. So tauten sie die Füße in den Schultaschen auf. Tora hatte ihren Platz direkt vor dem Katheder. Fräulein Helmersen hatte große Filzpantoffeln an und saß da oben wie eine rosa oder gelbe Blume über dem lackierten Tisch. Fräulein Helmersen hieß Gunn und war sehr jung. Jünger als einige von den Eltern. Sie hatte Grübchen und viele große weiße Zähne. Die sahen ganz echt aus.

Gunn war schön, fand Tora. Schöner auch als die Mutter, weil sie fröhlicher war.

Das Haar war blond und gelockt, wie bei dem Engel auf dem großen Glanzbild, das Tora eingerahmt über dem Bett hängen hatte. Die Kinder nannten Fräulein Helmersen Gunn und bekamen einen ganz sanften Blick, wenn sie von ihr sprachen. Bei vielen Vätern war das auch so.

Sie war fertig ausgebildete Lehrerin, obwohl sie noch so jung war. Man schuldete ihr großen Dank dafür, dass sie aus dem milden Süden und von frommen Eltern hier herauf nach Øya gekommen war, ans Meer, zu Kälte und Dunkelheit.

Elisif hielt es für eine göttliche Fügung, dass sie Gunn noch ein zweites Jahr behalten durften.

Die Kinder suchten einen Vorwand, um auch am Nachmittag hinauf zum Hof zu gehen, sie stellten neugierige Fragen und brachten Kabeljauzungen und selbstgebackenes Brot mit. Tora sah Gunn vor sich, wenn sie abends allein in ihrer Kammer lag und nicht schlafen konnte.

Sie sah sie immer mit großem, offenem Mund und mit tiefen Grübchen in den Backen. Es war so, als ob jemand den Zeigefinger in ihre Backen gedrückt hätte und die Druckstellen nie mehr verschwunden wären.

Tora träumte, dass sie Gunn war. Sie löste manchmal die Zöpfe und kämmte sich die Haare nach oben, damit es so aussah wie bei Gunn. Aber ihr Haar hatte eine ganz andere Farbe, und sie hatte einen ganz anderen Kopf. Sie kletterte auf einen Stuhl und betrachtete ihr Spiegelbild über dem Ausguss.

Es half nichts, soviel sie auch bürstete und sosehr sie auch lächelte. Toras Gesicht war und blieb schmal und grau mit dünnen Lippen und einer allzu großen Nase. Diese Nase war übersät mit Sommersprossen. Die Haare waren dicht und widerspenstig und gänzlich ohne Locken. Sie umrahmten das kleine Gesicht wie die Borsten einen abgenutzten Besen.

Sie war Tora. Da war nichts dran zu ändern. Elisif hatte ihr mehr als einmal gesagt, dass sie nicht verstehen könne, dass eine so schöne und gut gebaute Frau wie Ingrid sie bekommen habe. Es müsse das fremde Blut sein und der Sünde Sold, die das bewirkt hätten.

Tora verstand allmählich, was sie meinte, und wurde rot bis zu den Ohrläppchen.

Das fremde Blut war das Schlimmste, das gehörte zum Krieg, von dem die Mutter niemals sprach. Das mit der Sünde Sold nahm Tora nicht so schwer. Da konnte man schummeln, das hatte sie gesehen. Aber wenn auch der Spiegel über dem Ausguss Tora erzählte, wer sie war, so lebte sie doch ihr eigenes geheimes Leben unter dem Federbett in ihrer Kammer. In der Dunkelheit und allein mit sich war sie die, die sie sein wollte. Da streifte sie unter dem kleingeblümten Bettbezug ihre Haut ab, wärmte sich mit ihren eigenen kalten Händen, liebkoste sich selbst, während sie eine andere Tora heraufbeschwor. Wenn sie allein zu Hause war, konnte sie die eigentliche Tora vollständig vergessen.

Für eine Weile konnte alles, was am Tag an ihr nagte, verschwinden, als ob es nie da gewesen wäre. Die Gefahr? Die verschwand auch.

Sie war lieb zu ihrem eigenen mageren Körper, bis er glühte und zitterte und die Füße warm wurden. Sie war frei von allen Stimmen und Augen und bestimmte selbst, wer sie sein wollte. Sie wusste, dass sie »so etwas« mit sich eigentlich nicht machen durfte. Aber wenn sie es tat, ohne sonderlich viel dabei zu denken, dann konnte es wohl nicht so gefährlich sein.

5

Seit dem Tag, als Ole ihr erzählt hatte, dass sie aus der Fotze ihrer Mutter herausgekommen sei, musste Tora sich beinahe erbrechen, wenn sie daran dachte, dass die Leute so etwas machten … Dass die Mutter und Henrik … Oder der Pastor! Der Pastor hatte vier Kinder!

Und Elisif, die so fromm war, ließ sich von Torstein hereinlegen, so dass jedes Jahr ein neues kam.

Da war es besser, es selbst zu machen und die Gefahr zu vergessen. Trotzdem konnte sie lange im Dunkeln in der Kammer liegen und darüber nachgrübeln, wie sie es eigentlich machten, was Ole da erzählte.

Sie war einmal mit Jørgen und einigen anderen Kindern hinter dem Hügel gewesen, und sie hatten die Pferde beobachtet, die dort weideten.

Der Hengst vom Pastor wurde ganz wild und kam in den Pferch, um eine Stute zu besteigen. Tora konnte nicht verstehen, dass ein Hengst vom Pastor sich nicht besser benahm. Aber gleichzeitig wurde sie von dem seltsamen Wunsch ergriffen, zuzusehen. Der Hengst zeigte sein großes Glied, und Tora spürte die Gefahr und gleichzeitig eine quälende Neugier.

Die Pferde jagten eine Weile an der Einzäunung entlang, und als Tora merkte, dass es ernst war, tat sie so, als ob sie die Augen im Ärmel versteckte. Aber sie hätte sich die Mühe sparen können. Niemand hatte Zeit, auf sie zu achten. Alle standen mit offenem Mund und feuchten Augen da und starrten auf den Pferdepimmel. Als der Hengst ihn in der falben Stute verschwinden ließ und wieherte und schnaubte, konnte sie deutlich sehen, dass Elisifs Jørgen gleichsam in den Knien zusammensackte und Ritas Zungenspitze im einen Mundwinkel erschien.

Blitzartig wusste Tora, dass sie alle hier am Zaun auf den Hengst starrten, wie er bei der Stute pumpte, und dass alle das seltsame heimliche Ziehen im Unterleib verspürten wie sie selbst. Sie erlebten etwas gemeinsam, ohne dass sie es wagten, einander anzusehen. Tora versuchte sich vorzustellen, wie es wohl wäre, gerade jetzt die Stute zu sein. Erst hatte sie gezittert. Dann stand sie nur da. War gleichsam gar nicht beteiligt. Vielleicht schämte sie sich? Das musste es sein!

Sie mochte es wohl nicht, dass die Kinder zusahen. Es musste auch schrecklich wehtun, bei dem großen Pimmel.

Nein, so sah es nicht aus. Dann hätte die Stute nicht stillgestanden. Es liefen warme und kalte Schauer durch Tora hindurch. Es war wie so lange und so schnell zu laufen, dass sie Blutgeschmack im Mund hatte, wie an dunklen Herbstabenden Versteck zu spielen. Ja, das hier war beinahe aufregender, als auf den Eisschollen in der Bucht zu segeln.

Schließlich knickte der Hengst über der Stute zusammen und schnaubte. Er schleuderte den Kopf in die Höhe, dass die Mähne nur so flog.

Dann glitt er ermattet von der Stute herunter und zog auch den Pimmel mit. Das ging Tora zu schnell. Erst hatte sie geglaubt, dass alles schön sei. Der Hengst, der den großen braunen Kopf hochwarf, und die Mähne, die im Wind flatterte.

Nun schien der Hengst nicht mehr viel zu taugen. Der Pimmel schlenkerte schlaff von einer Seite zur anderen und schrumpfte vor den Augen der Kinder ein. Er tropfte ein wenig.

Rita glotzte noch eine ganze Weile, nachdem alles vorüber war, dann brach es aus ihr heraus: »Das Schwein! Hat in die Stute gepinkelt!«

Jørgen sah sie verächtlich an, spuckte aus und schleuderte ihr ins Gesicht: »Das ist Samen, kapierste, du doofe Nuss!«, und spuckte noch einmal.

Und dann hielt er einen kurzen Vortrag über allerlei Dinge. Und Ole mischte sich ein und sagte, dass sie alle aus der Fotze ihrer Mutter gekommen seien und dass man sich deswegen nicht zu schämen brauche.

Sie sprachen übrigens mit keinem Erwachsenen über dieses Ereignis. Und sie fragten niemals danach, was sie so gerne wissen wollten. Aber gelegentlich saßen sie auf der Kirchhofsmauer und stritten sich, was sie denn nun wirklich damals auf der Weide aus so kurzer Entfernung gesehen hatten.

Jørgen wollte den Pimmel des Hengstes immer noch größer machen, als er eigentlich gewesen war.

Rita schalt ihn einen Lügner. Sie zeigte mit gespreizten Fingern in der Luft die Größe, aber Jørgen beharrte auf seinem Standpunkt. Schließlich schubste Jørgen sie von der Mauer.

Es hätte ein Ende mit Schrecken nehmen können, wenn nicht die wortkarge und schüchterne Lina plötzlich gesagt hätte, dass sie einen richtigen Männerpimmel gesehen habe. Die Münder öffneten sich entzückt und erschrocken zugleich. »Ne-ee«, kam es ungläubig.

Lina warf triumphierend den Kopf zurück und entfernte mit einem Hölzchen den Dreck aus den abgetretenen Profilen ihrer Stiefel. Sie spitzte den Mund, bis er aussah wie ein kleiner Schnabel, und schaute in die Luft und wollte die anderen nicht ansehen.

»Bah, du lügst! Die sind kein bisschen blau. Du bist verrückt!« Jørgen war entrüstet. Ole und die Mädchen sahen ihn an. Es ging ihnen auf, dass er sich für sein Geschlecht schämte und um keinen Preis mit einem blauen Pimmel in Verbindung gebracht werden wollte.

Ole unterstützte Jørgen vorsichtig und winkte Lina ab. Aber sie behauptete: »Jungenpimmel sind eben nicht das Gleiche wie Männerpimmel, verstehste das nicht?«

Nein, Ole und Jørgen verstanden das nicht.

Allmählich gingen sie dann zu einem anderen Gesprächsthema über, denn die Argumente waren verbraucht, und sie wollten eigentlich auch lieber über die Sache reden, als darüber in Streit zu geraten.

Tora grübelte trotzdem darüber nach, was Lina gesagt hatte. Am Abend, unter dem Federbett, bekamen alle ihre Traumgesichte eine blaue Farbe, und die Phantasie kroch ihr sozusagen unter die Haut. Über dem Ganzen lagen der Ekel und die Gefahr und Zerstörung. Alles Geflüstere zwischen der Mutter und Tante Rakel, alle Geräusche aus dem Zimmer, wenn die Mutter und Henrik glaubten, dass sie schlief.

Alle nicht zu Ende erzählten Witze unten in den Fischerhütten, alle Geschichten, die nicht für ihre Ohren bestimmt waren. Sie konnte das nicht voneinander trennen, konnte nicht wissen, wo sie hingehörte. Sie wusste nicht, ob sie Ekel empfand oder …

Manchmal schämte sie sich über sich selbst und war froh, wenn niemand sie in der Dunkelheit sah.

Sie hatte das Gefühl, nicht mehr sie selbst zu sein. Die empfindlichen Kuppen auf der Brust schienen gar nicht richtig zu ihr zu gehören. Sie machte den Rücken krumm, damit niemand sie sah. Wollte sie gewissermaßen in sich verstecken. Aber das half wenig. Sie waren schuld daran, dass ihr alle Kleider oben zu eng wurden. Sie wünschte, sie wäre ein Junge. Lina und Rita waren noch flach. Sie konnten im letzten Sommer bei Ebbe unten am Strand nur in der Unterhose herumlaufen. Tora erfand alle möglichen Entschuldigungen, um nicht dabei sein zu müssen. Sie hatte nicht nur die kleinen Knospen, derentwegen sie sich schämte. Es schienen auch überall Haare zu wachsen. Und manchmal roch es nach alten Nelken, der Geruch kam sowohl von ihr als auch aus den Kleidern. Er erinnerte sie an eine Beerdigung. Ein widerlicher, süßlicher Geruch, jedes Mal, wenn es ihr warm oder wenn sie nervös wurde. Sie hielt sich jetzt meist an Sol, die beinahe zwei Jahre älter und die an manchen Stellen reichlich dicker geworden war. Samstags machte Tora in ihrer Kammer Feuer und trug das Waschwasser und die Handtücher hinein.

Im letzten Winter hatte sie noch in der Zinkwanne vor dem Küchenofen gebadet. Aber dann hatte sie sich ihrer Mutter widersetzt und sich geweigert. Es könnte ja jemand kommen. Einmal war Henrik gekommen, während sie in der Bütte saß. Er betrachtete sie. Es war nicht auszuhalten. Sie blieb sitzen, bis er wieder ging. Er hatte den Körper gesehen, der nicht der ihre war. Dann hatte sie wochenlang nicht gebadet. Die Mutter wurde böse und sagte, dass die Würmer sie noch auffressen würden. Schließlich ließ sie dann durchblicken, dass Tora in ihrer Kammer heizen und dort baden könnte, wenn sie wollte.

Tora fühlte dabei eine weiche, warme Zuneigung für die Mutter. Sie hätte sie am liebsten umarmt, konnte sich aber nicht dazu überwinden. Es schien ein Meer zwischen Mama und ihr zu liegen – in diesen Dingen.

Während des ganzen Frühlings und Sommers hatte sie sich in der Kammer gewaschen und ein Messer zwischen Tür und Türrahmen gesteckt. Das war das einzige Schloss, das sie besaß. Man konnte das Messer gut von außen wegdrücken, aber es war doch eine Art Verschluss, eine Ankündigung, dass sie allein sein wollte, ohne dass sie etwas zu sagen brauchte.

Vor dem großen Pult in der Schule konnte sie auch allein sein. Da hatte sie nur Gunn vor sich.

Alle Augen waren hinter ihr. Sie konnte so tun, als ob sie Gunn zuhörte, und dennoch ihre eigenen Gedanken denken. Sie konnte seelenruhig die wunderlichsten Dinge fantasieren. Gunn war sehr darauf bedacht, dass Ruhe im Klassenzimmer herrschte. Sie hatte eine seltsame Macht über die Kinderschar, um die sie sogar der alte Lehrer hätte beneiden können. Und sie ließ solche Kinder wie Tora mit ihren Gedanken in Frieden.

Ihre Autorität war nicht fassbar, weil sie so ganz anders war als die, welche die Kinder in Form von Ohrfeigen und Prügel von ihren Vätern kannten. Gunns Methode verwirrte vor allem die älteren Jungen. Sie sah sie an. Ließ sie mit dem Blick nicht los.

Manchmal legte sie ihre Hand auf den Nacken des Missetäters. Dann hob sie mit einer bestimmten Bewegung seinen Kopf und sah ihm in die Augen, bis es ganz still im Klassenraum wurde und der Schlingel aufgab.

Aber es dauerte nicht lange, bis Gunns Grübchen wieder zum Vorschein kamen, und alles war gut.

Tora ging gern in die Schule. Sie liebte den Geruch von Staub und Kreide. Man musste nur seine Arbeit ordentlich erledigen, dann hatte man seine Ruhe. Jedenfalls während des Unterrichts. Man konnte Gunn alles fragen – beinahe alles. Und man bekam eine Antwort.

Aber der Hengst des Pastors und die Gefahr gehörten zu den Dingen, nach denen man keinen Erwachsenen fragen konnte. Es war auch nicht so, dass man immer draußen auf der Straße fragen konnte. Das ging nur, wenn es sich gerade ergab. Wie damals auf der Weide.

Im Herbst war Tora in dieselbe Klasse gekommen wie Sol. Die beiden letzten Jahrgänge wurden zusammengefasst.

Sol hatte ein Jahr Vorsprung vor Tora, aber sie prahlte deshalb nicht. Eine vom Tausendheim konnte es sich nicht leisten, eine Freundschaft für Bagatellen zu opfern.

Tora fand Jørgen nicht mehr so aufregend wie die ganzen Jahre zuvor. Der Alltag und die Jahre veränderten sie alle. Und Jørgen schlug sein Wasser in ihre Schuhe ab und versteckte Sols Schulbücher, er fluchte, wenn die Mutter gerade nicht zuhörte, und es zog ihn immer wieder hinunter zu den Kais. Sol war schweigsam, aber sie kannte sich in den meisten Dingen aus, die zwischen den vier Wänden vor sich gingen und die in vielen Irrgängen des Lebens verborgen waren. Sie war die älteste von sieben Elisif-Kindern, und sie hatte mehr oder weniger unfreiwillig Geburt und Empfängnis mitbekommen, in den Nächten all der Wochen und Jahre im Tausendheim.

Aber Tora konnte Sol nicht danach fragen, worüber auf der Straße gesprochen wurde, sonst würde Sol sie am Ende für ein kleines Kind halten.

6

Deutschenkind! Sie hatte das Wort oft gehört. Es lag etwas Schlimmes darin. Ein Urteil.

Henrik hatte das Wort auch benutzt, nicht direkt ihr gegenüber, aber es war durch die dünnen Holzwände gedrungen. Sie hatte die Mutter fragen wollen, aber das Wort blieb ein Teil der Gefahr. Deshalb verdrängte sie es absichtlich, sie hätte es sonst nicht ausgehalten. Es konnten Wochen und Monate vergehen, ohne dass sie das Wort hörte.

Aber es kam immer wieder. Da hatte sie ein Gefühl wie damals, als die Jungen von Været sie hinterlistig dazu überredeten, auf Skiern einen steilen Hang hinunterzufahren, und sie nicht wusste, dass die Jungen mitten im Hang eine Schanze gebaut und den Aufsprung mit mehreren Eimern Wasser schön vereist hatten. Es gab keinen anderen Weg, wenn man erst einmal in der Luft war. Nur viel Sog und leeren Raum rundum. Das Einzige, was man wusste, war, dass man irgendwann landen musste.

Auf der Straße draußen galt ein eigenes Gesetz. Es war nicht immer dasselbe wie das der Erwachsenen. Und es war auch nicht dasselbe wie drinnen in der Küche.

Aber der Schmerz war von kurzer Dauer. Wie bei einem eingeklemmten Finger oder einer Schürfwunde. Es tat weh, so dass die Tränen liefen, egal. Das ging vorüber. Man brauchte sich nicht zu grämen, denn alle kamen an die Reihe.

Ole war der Stärkste und Größte, aber nicht der Schlimmste. Er hatte seine Schwächen. Er pinkelte nachts ins Bett. Und ab und zu roch es so, als ob er nicht genügend Zeit hätte, sich sauberzumachen, bevor er in die Schule ging. Der große Junge! Tora sammelte Schwächen – von anderen.

Sie sagte es ihnen nicht, denn das hätte nur zu Unfrieden geführt. Aber sie dachte daran.

Manchmal träumte sie davon, dass sie es ihnen zurückgeben würde, genau an der Stelle, wo sie am verletzlichsten waren. Aber es wurde nie etwas daraus. Tora war dünn und unansehnlich und klein. Das Einzige, wozu sie Kraft hatte, war der Ballweitwurf. Sie lief auch schneller als alle anderen, wenn es sein musste. Oder sie schlich sich fort, ohne dass jemand es merkte. Dann stieg ihr die Schamröte ins Gesicht. Sie bekam ihren Anteil von all den Schlägen, die auf der Straße ausgeteilt wurden. Aber die waren anders als die Prügel, die sie von Henrik bezog.

Auf dem gegenüberliegenden Ufer der Bucht, wo Heidekraut und niedriges Gehölz beinahe bis an den Wegrand wuchsen, konnte Tora das alte Jugendheim sehen. Es war eigentlich nicht alt, nur sehr verwahrlost. Einst war es rot angestrichen gewesen. Vor dem Krieg. Der Krieg war schon sehr lange her, aber Tora wusste, dass sie ein Teil von ihm war.

Sie hatte viele Geschichten über den Krieg gehört. Aus allem, was sie hörte, wuchs die schreckliche Erkenntnis, dass auch Mama ein Teil von ihm war.

Wenn Henrik vom Krieg sprach, ging Mama ans andere Ende des Zimmers und drehte denen, die gerade anwesend waren, den Rücken zu. Henrik verfluchte den Krieg mehr als jeder andere, denn er hatte ihm beinahe die linke Schulter abgequetscht und sie halbwegs in die Lunge gedrückt.

»Die verdammten deutschen Schweine!«, sagte er und bekam tiefe Furchen zwischen den buschigen Augenbrauen.

Alle waren einer Meinung mit ihm, trotzdem sahen sie weg und warfen Ingrid verstohlene Blicke zu, wenn sie Henriks Ausbruch miterlebten. Mama sprach niemals vom Krieg. Tante Rakel hatte einmal angedeutet, dass Toras Geburt die Großmutter das Leben gekostet habe. Das war nicht für Toras Ohren bestimmt gewesen, deshalb konnte sie auch nicht fragen. Tora fand es seltsam, dass ihre Geburt an Großmutters Tod schuld sein sollte, denn sie konnte sich noch deutlich an sie erinnern, an ein bleiches und mageres Gesicht auf einem weißen Kissen, drinnen in der Kammer bei Tante Rakel und Onkel Simon auf Bekkejordet. Tora wusste, dass alles rationiert gewesen war, so dass die Menschen wenig zu essen und anzuziehen hatten. Vielleicht hatte sie sich verhört, und die Tante hatte gesagt, dass dies die Großmutter das Leben gekostet habe.

Tora stellte sich öfter vor, wie Almar aus Hestvika während der Rationierungszeit auf dem Deck seines klobigen Fischkutters nackt und ausgehungert umhergewandert war. Das musste ein kalter und wunderlicher Anblick gewesen sein. Tora sah immer Almar vor sich und keinen anderen.

Auf der Heide stand also das Jugendheim. Es war auch ein Teil vom Krieg.

Dort hatte man einmal Mamas Haar bis zu der schneeweißen Kopfhaut abgeschnitten.

Tora hatte oft und von vielen davon gehört. Aber sie glaubte vor allem Sols Geschichte: Sie hätten der Mutter das Haar abgeschnitten, weil Tora im Krieg geboren worden war.

Tora dachte indessen, dass sie es sicher deshalb getan hatten, weil sie neidisch auf Mama waren. Denn sie konnte gut sehen, dass auch die neuen Haare ungewöhnlich dunkel und dicht waren. Mama hatte das schönste Haar in ganz Været. Aber dass die Leute so gemein sein konnten? Einmal hatte sie Tante Rakel gefragt.

Da hatte die Tante sie in den Arm genommen und gesagt, dass der Krieg viele Menschen schlecht gemacht habe und dass Tora die Mutter nicht quälen und nicht danach fragen solle.

Aber jedes Mal, wenn Tora an dem Jugendheim vorbeiging, war ihr, als ob sich unsichtbare Hände nach ihr ausstreckten und ihr Böses tun wollten. Das Haus hatte ängstliche kleine Fensteraugen und ein schiefes Muster auf den ausgeblichenen Gardinen, deshalb war es seltsam, dass sie solche Gefühle hatte. Und sie konnte sich nicht vorstellen, dass irgendeiner von den Menschen, die sie auf der Straße, in Ottars Laden oder auf dem Kai sah, die Mutter so gehasst haben könnte, dass er ihr das Haar abgeschnitten hatte. Da musste eher das Haus die Schuld tragen.

Dort war es passiert. Und dort konnte es nun stehen, allein mit seinem immer störenden, zum Moor hin niedergedrückten Drahtzaun und seinen ungestrichenen Wänden, sichtbar für alle Welt! Die Mutter ging niemals mit ihr dorthin. Am 17. Mai und an den Weihnachtsfeiern nahm Tora nicht wie die anderen Kinder teil, bevor sie in die Schule ging.

Tora bildete sich ein, wenn »das Haus« der Mutter nicht die Haare abgeschnitten hätte, dann würden sie bis zu den Hüften hinunterreichen. Sie konnte die Mutter vor sich sehen, im Wind über den Fluss gebeugt, während sie die Wäsche ausspülte. Das Haar schwamm zwischen den Steinen im Fluss direkt hinaus ins Meer. Sie erzählte es Sol.

Aber Sol war zwei Jahre älter und nahm das nicht ernst. »Keine bekommt so lange Haare. Das gibt’s nur im Märchen.«

Sol und der Rest von Elisifs Kindern wohnten genau über Toras Kopf. Morgens rauschte es lange und kräftig in den Rohren da oben. Es waren eben viele, die die Waschschüsseln füllen und sich waschen mussten, gebückt über die Torfkiste beim Ofen und bewacht von Elisifs strengen Augen.

Es scharrte und klopfte und hustete und weinte da oben. Und das musste auch so sein.

Aber es gab natürlich genug Leute, die meinten, es sei doch zu verrückt, dass Elisif die vielen Kinder hatte. Sie waren gezeugt von einem kleinen grauen Mann, der nie mit den Türen schlug oder zur Unzeit ein tadelndes Wort sagte. Ein sanfter Schatten, mit dem niemand an der Seite der starken, dominierenden Elisif rechnete. Indessen standen die Männer rundum an den Wänden in Ottars Laden und grinsten und überlegten, ob bei Elisif auch in diesem Jahr wieder vor Weihnachten etwas Kleines ankommen würde. Das war nicht immer so. Jørgen war jedenfalls am 18. Mai geboren. Tora schien es ein Trost, dass die Leute es für verrückt hielten, dass Elisif jedes Jahr ein Kind bekam. So war sie im Unglück nicht allein.

Als Tora klein war, saß sie bei Ebbe öfter unten am Strand und sah das Licht aus dem Grau und Blau aufsteigen und seinen Schein direkt in den Himmel hineingeben.

»Es ist der Himmel, der dem Meer und der Erde Licht gibt«, sagte Ingrid, als Tora versuchte, ihr verständlich zu machen, was sie sah. Sie saßen oft an der Flussmündung und aßen, während die Wäsche in dem mächtigen Waschkessel zwischen den Steinen kochte. Kaffeemulde nannten die Leute die Stelle. Dort konnte man im Kessel frisches Wasser aus dem Fluss holen und außerdem auf das Meer hinausschauen.

Tora glaubte nicht richtig, was die Mutter vom Licht und vom Himmel sagte. Denn das Meer war doch so unendlich tief. Ganze Schiffe und jede Menge Menschen konnte es verstecken wie nichts. Und doch war es so groß, dass es noch Platz hatte für alles andere, Fische und Tang, Netze und Steine.

Aber sie widersprach der Mutter nicht, sah nur verwundert auf das Glitzern dort unten im Brackwasser, folgte mit den Augen den Strömungen und Wirbeln bis dorthin, wo es das graue Salzwasser erreichte und unter zitternden Schaumkronen grünlich schimmerte. Tora hatte einmal Salzwasser getrunken, weil sie nicht begriffen hatte, dass ein Unterschied zwischen Meer- und Flusswasser besteht. Seitdem vergaß sie den Geschmack nie mehr. Deswegen hatte sie Angst, im Meer zu baden. Sie zog die Kolke im Fluss vor, auch wenn sie kälter waren. Und wenn sie hörte, dass jemand im Meer ertrunken war, hatte sie immer den salzigen, widerlichen Geschmack im Mund. Somit wusste sie ein wenig vom Sterben.

7

Der Herbst war die Zeit der Reisig- und Torffeuer. Die Leute bereiteten sich auf den Winter vor und waren im Haus beschäftigt.

Alle warteten mehr oder weniger auf die große Geschäftigkeit, wenn der Fisch an Land kam.

Da waren Nerven und Glieder angespannt, und man fragte nicht nach Tag oder Nacht, nach Arbeitslust oder Müdigkeit. Einige standen in der Fischfabrik oder in der Gischt. Andere standen am Küchenfenster oder mit dem Ohr dicht am Radio. Kinder weinten, und das Vieh musste gefüttert und der Stall ausgemistet werden, auch wenn die Frauen allein waren. Sie beklagten sich nicht. Es war wichtig, möglichst viel aus der Fischsaison herauszuholen. Da bekamen viele diese Chance zum Geldverdienen. Das war aber auch alles. Ottar und Grøndahl mussten ihr Geld für die Nahrungsmittel bekommen, die vielleicht schon als Mist ausgebreitet auf den kleinen, steifgefrorenen Äckern lagen oder an heimlichen, versteckten Stellen zwischen Tangbüscheln an der Flutgrenze schaukelten. Die Kinder brauchten neue Stiefel und Skihosen und Kleider für drinnen, damit sie sich sehen lassen könnten, wenn es Weihnachten wurde.

Den Torf nahm man nur zum Feueranmachen, dann kam der Kohlenhändler zum Zug. Wer später im Jahr schlachtreife Schafe im Stall hatte, konnte sich freuen, wer aber das Fleisch kaufen musste, konnte bluten. Solchen Leuten blieb nichts anderes übrig, als den Kopf über Wasser zu halten und das Leben weitergehen zu lassen. Schweinefleisch sollte der Teufel essen. Denn nur bessere Leute und solche mit einer tüchtigen Frau im Hause, die ein Schwein zu mästen verstand, konnten sich diesen Luxus leisten. Simon auf Bekkejordet behauptete, dass eine ordentliche Frau der halbe Lebensunterhalt sei.

Damit habe er recht, meinten alle, die Rakel kannten. Alle wussten, dass sie das Zeug zu mehr in sich hatte, als sich nur völlig zu verausgaben.

Rakel verwaltete Simons Besitz und seine Schulden. Ab und zu beschummelte sie ihn auch ein wenig. Aber niemals aus Bosheit. Nur um ihm das Bitten und Betteln um Geld zu ersparen, für Dinge, von denen er einfach nicht begriff, dass sie nötig waren.

Rakel hatte ihre Notgroschen in einer Schatulle. Mit der Zeit waren das übrigens nicht gerade wenige.

Wenn sie etwas davon nahm, so musste das sein, und sie trauerte dem Geld nicht nach. Aber sie war nie blank. Sie hatte schon schlechtere Zeiten erlebt als jetzt bei Simon. Simon erlaubte es sich, über Rakels Schatulle zu lächeln, er mischte sich jedoch in ihre Angelegenheiten nicht ein. Sie ihrerseits ließ ihn niemals merken, dass sie über Geschäft, Mannschaft und Boot Bescheid wusste.

Es gab auf Bekkejordet auch einen verborgenen Brunnen. In diesem Brunnen wäre Simon einmal beinahe ertrunken. Da war Rakel aus der warmen Stube herausgekommen und hatte ihn aus der Kälte geholt.

Im tiefsten Herzen wusste Simon, dass Rakel als Letzte untergehen würde, wenn etwas Schlimmes passierte und sie Schiffbruch erlitten. Rakels Stärke verwirrte und überraschte ihn, gerade deswegen, weil sie nicht in den Fäusten lag. Rakels Stärke war unantastbar.

Das hatte er vor allem begriffen, als sie aus der Stadt kam und ihm erzählte, dass sie keine Kinder bekommen könne. Sie hatte in dem neuen, großkarierten Mantel dagestanden und mit den Händen gestikuliert.

Der Doktor hatte es gesagt: nach siebenjähriger Ehe keine Hoffnung mehr auf Kinder. Da hatte sie sich eben einen Mantel gekauft. Sie sagte das ebenso verbissen und tränenlos, wie sie es hinnahm, dass sie noch einmal putzen musste, wenn die Arbeiter nach der Kartoffelernte da gewesen waren. Kein Kind! Es lag an ihr.

Sie hatte unten im Betrieb in der blauen Bürotür gestanden. In seinem Reich hatte sie sein Versagen auf sich genommen.

Denn es war kein Leben in Simon Bekkejordets Samen. Er war oft nahe daran gewesen, es ihr zu sagen, aber er brachte die Worte einfach nicht heraus. Wusste, dass sie sich sehnlichst ein Kind wünschte. Er überlegte genau, was er sagen wollte. Aber wenn der Augenblick kam, wurde es doch nicht gesagt. Es ging einfach nicht. Zuletzt bedrückte es ihn so, dass er anfing, sich von ihrem Bett fernzuhalten. Er machte sich mehr und mehr im Betrieb zu schaffen, so dass sie eingeschlafen sein musste, wenn er nach Hause kam.

Vielleicht hatte sie deshalb die Schatulle aufgeschlossen und war in die Stadt gefahren.

Rakel verwaltete das, was Simon nicht hatte, genauso gut wie das, was er hatte, so sah es jedenfalls aus.

Da hatte sie nun in dem neuen Mantel gestanden und ihm mit den ehrlichsten Augen der Welt ins Gesicht gelogen. »Ich kann keine Kinder kriegen, Simon. Wir müssen uns etwas anderes einfallen lassen oder kinderlos bleiben.«

Am Abend hatte er sie genommen, erst etwas schamhaft wie ein dankbarer Hund. Da hatte sie ihm zu verstehen gegeben, dass sie ihn so nicht haben wollte. Und er hatte sich tief in sie hineingegraben und die Sicherheit gefühlt, einen Menschen bei sich zu haben, der ihm mindestens ebenbürtig war im Körper und im Willen. Sie waren wach beieinander, bis der Tag kam und die Arbeit mit dem großen Vorschlaghammer vor dem Bett wartete. Beide lebten voller Wärme und Nähe füreinander. Beide wussten.

Rakel schaffte sich eine Katze an.

Der Regen hatte sie überfallen, und unter den Bergkämmen lag der Nebel, dicht wie alte Bosheit.

Die Berge im Süden gehörten nicht mehr zur sichtbaren Welt. Die Leute heizten ein, schlossen die Haustüren und maulten über die undichten Fenster. Sie suchten Wolljacken und -hosen hervor und grausten sich vor dem notwendigen Geschäft in dem kleinen Häuschen.

Man knöpfte alles gut zu, wenn man hinausging. Die Gesichter lugten weiß und leuchtend aus den Kleiderbündeln, wenn man unterwegs Menschen traf.

Am liebsten hockten sie dicht beieinander in den eigenen vier Wänden. Hielten Abstand zu allem, was außerhalb war. Da gab es kein Rufen mehr über Gartenzäune, von denen die Farbe abgeplatzt war, und über rostige, quietschende Wäschegestelle. Die Kartoffeln waren im Haus. Die paar Johannisbeeren, die noch an den Sträuchern hingen, sollten in Gottes Namen die kleinen Vögel fressen.

Einige Laken und Kissenbezüge hingen dort draußen zwischen den Unterhosen und tanzten im Wind. Aber am Morgen knackte es gewöhnlich in ihnen, wie sie da so in Reih und Glied hingen und sich steif hin und her bewegten. Sie baumelten wie vergessene Leichen in dem eisigen Luftzug.

In Bezug auf die Unterwäsche besteht ein großer Unterschied zwischen einem Nordnorweger und einem Südnorweger.

Der Wintermensch hat bedeutend weniger in sich, ist aber umso besser ausgerüstet.

Das Leben am Kai verlief träge. Es war, als ob beim Winterfischfang an Treibstoff gespart würde. Auf ihren Booten gingen die Männer rund um die Ladeluken und hatten nichts zu tun. Große Hände schlenkerten an der Ölhose entlang oder pusselten ein wenig mit dem Tabak und der Pfeife herum.

Ab und zu rissen die Männer sich zusammen und schlugen in rasendem Tempo die Arme über der mit der Arbeitsbluse bekleideten Brust zusammen, bis die Hände von der stärkeren Durchblutung und vom Frost glühten.

»Was treibst du dich denn hier rum?«, konnten die Männer irgendein Kind anschreien, das den Südwest nicht respektierte, sondern einen Spaziergang zwischen den Hütten oder hinter den Bootsschuppen machte.

Aber viele Männer waren auch um diese Zeit gutmütig und hatten nicht vergessen, dass sie selbst einmal jung gewesen waren. Diese Männer hatten oft leisen Spott im Auge und ein Scherzwort im Mundwinkel, wenn Tora und die Tausendheimbande vorbeikamen.

Regennasse, glühende Gesichter und quatschende Schuhe an dem einen Tag, eiskalte, schmerzende Finger und triefende Nase am anderen. So war das eben.

Galoschen mit einem Einmachgummi über dem Rist an dem einen Tag und dicke Socken am anderen.

Den ganzen Oktober und November war es grau und neblig, aber die Nächte waren trotzdem eiskalt und schlimm und hatten einen tückischen Mond, der für den nächsten Tag gutes Wetter versprach und log. Denn lange bevor die Hühner draußen im Schuppen der Kampfertropfen-Anna zu rumoren anfingen und allmählich an den Tag glaubten, goss es von einem lebensfeindlichen Himmel herunter und gluckste und rann in den morschen Dachrinnen vom Tausendheim. Die Männer trafen sich in dem neuen Laden in Nordvika oder in der alten, dunklen Hütte von Ottar. Sie schwatzten und blieben hängen. Nach ein paar Stunden kam vielleicht der eine oder andere darauf, dass er noch einkaufen musste. Das brauchte dann auch seine Zeit und hatte keine große Eile.

Ottar stand hinter dem Ladentisch und wog ein bisschen und maß ab. Er rechnete und beteiligte sich an den Klagen über das Wetter, wenn er gerade nichts anderes zu tun hatte.

»Der Teufel soll das Wetter holen«, konnte er ehrlich überzeugt und mit mühsam unterdrücktem Zorn sagen, wenn er den Südwester aufsetzen musste, um nach draußen zum Lager zu gehen und Heringe oder Sirup zu holen. Denn Ottar hatte einen »Scheitel«.

Die dünnen Haare von unbestimmter Farbe waren sorgfältig gekämmt, mit einem Scheitel auf der rechten Seite. Das hätten sie damals in Bodø so gehabt, als er dort als Verkäufer gearbeitet hatte, erklärte er stolz.

Bei den täglichen Anforderungen hatte er natürlich nicht die Zeit, sich dauernd zu kämmen, deshalb benutzte er einen großen Südwester, wenn er nach draußen musste. Dieser hing stets griffbereit auf einem Nähgarnröllchen hinten bei der Tür mit dem abgesprungenen Emailleschild, das die Aufschrift PRIVAT trug.

Aber lästig war es sowohl mit dem Südwest, der draußen wütete, als auch mit dem Südwester, der drinnen am Haken hing. Es konnte ihm passieren, dass er schon am Kai war, bevor er sich an seine Kopfbedeckung erinnerte. War es windig, was sehr oft der Fall war, dann war der ganze Scheitel zum Teufel. Dann musste er hinauf ins Private eilen und seine Haare in Ordnung bringen, während kostbare Verkaufsminuten sich in Luft auflösten. Denn die heimliche kleine Glatze musste vertuscht werden, koste es, was es wolle.

Das Wetter war nicht dazu angetan, dass ein armer Teufel wegen eines Mittagessens nach draußen schleichen mochte. Gute Mächte schienen zu meinen, sie sollten mit den Händen im Schoß dasitzen und sich zu Tode hungern, obwohl die Speisekammer gleich vor dem Kai lag. Die Männer spuckten in den großen Napf an der Tür, ob sie nun Tabak kauten oder nicht, und waren sich einig.

Tora saß auf einer Tonne hinten in der dunkelsten Ecke und wartete. Sie hatte eine Liste mit dem wenigen, was sie einkaufen sollte.

Die Wollstrümpfe kratzten. Die Mutter hatte sie ihr auch dieses Jahr wieder aufgezwungen. Jedes Mal, wenn jemand kam oder ging, spürte sie den Luftzug langsam herangleiten und genau die Stelle finden, wo die Hosenkante aufhörte und die bloße Haut zum Vorschein kam, weil sie im letzten Sommer so gewachsen war, dass die Strümpfe zu kurz geworden waren. Sie merkte die Kälte nicht sofort, die schlich gleichsam lauernd, wie mit Eisnadeln, die Schenkel herauf.

Ihr graute vor dem Augenblick, da Ottar ihr zunicken würde und sie an der Reihe wäre, denn sie hatte auch heute kein Geld mit. Nur den Zettel, feucht von den schweißnassen Händen und dem Regen. Auf dem Zettel stand in Ingrids Schrift:

¼ kg Kaffee

1 kg Margarine

1 kg Weizenmehl

100 g Hefe

1 l Sirup

Kannst du das bitte anschreiben, bis ich herunterkomme?

Ingrid

Ottars Gesicht warf Falten in der verkehrten Richtung und wurde ein wenig dunkler, als sie ihm den Zettel gab. Er räusperte sich und holte ihr die Waren. Danach nahm er das große, dicke Buch, das einmal grün gewesen war und ein marmoriertes Muster in allen Farbschattierungen aufwies.

Langsam und traurig suchte er Ingrid Tostes Namen, den Zeigefinger drohend vor sich haltend. Dann fügte er den neuen Betrag zu den vielen anderen, die schon dastanden. Zuletzt schlug er das Buch mit einem Knall zu und seufzte halblaut.

In dieser ganzen Zeit war Tora von einem Fuß auf den anderen getreten und hatte das Gefühl gehabt, Ameisen zwischen ihren Kleidern und dem Körper herumkrabbeln zu spüren.

Dauernd hätte sie Pipi machen können. Obwohl sie sich, bevor sie in den Laden gegangen war, noch hinter den hohen Holzzaun gehockt hatte.

Aber die Waren bekam sie, wie immer.

Es war noch nie vorgekommen, dass Ottar Lebensmittel verweigert hätte, die man zum Brotbacken brauchte.

Tora schlich sich zwischen den Männern durch, deren Gesichter hoch oben zusammenflossen. Augen und nochmals Augen. Münder, die kauten, Münder, die sich um den Pfeifenstiel zwischen gelben Zähnen schlossen oder halboffen und neugierig über ihr standen. Wenn die Messingglocke an der Tür leise klingelte, war das sowohl ein gutes als auch ein schlechtes Zeichen für Tora. Es kam darauf an, in welche Richtung ihre Nase und ihre Zehen zeigten. Hinein oder hinaus.

Zitternd und außer Atem hielt sie so schnell wie möglich hinter dem Holzzaun an und erleichterte sich. Dann eilte sie die Straße entlang und den Hang hinunter zum Tausendheim. Sie sprang über die Pfützen, und die Waren schlugen ihr gegen die Beine. Der alte schwarze Regenmantel hing wie ein Segel hinter ihr, weil sie sich nicht die Zeit genommen hatte, ihn zuzuknöpfen.

Eigentlich wusste sie nicht, was passiert wäre, wenn sie nicht mehr rechtzeitig aus dem Laden gekommen wäre, nachdem Ottar die Waren im Buch notiert hatte. Hier hörte die Phantasie auf. Und Ottar vom Laden wurde gleichsam Jesus und Gott und der Pastor und der alte Lehrer und Henrik in einer Person. Das hielt sie nicht aus. Sie musste fliehen.

Als sie nach Hause kam, schimpfte die Mutter nicht, weil sie die Treppe heraufgepoltert war und die Stiefel noch in der Wohnung anhatte. Sie nahm nur die Einkäufe entgegen und berührte Tora flüchtig mit der freien Hand. Sie lächelte schwach, als ob sie noch etwas sagen wollte.

Aber Tora rannte die Treppe hinunter, hinaus auf die Straße zu den anderen, die struppigen roten Zöpfe wie gefärbte Sisalstummel hinter sich und eine wunderbare, flüchtige Freude in sich. Sie war gerettet. Auch diesmal. Sie konnte die nächste Einkaufstour mit gutem Gewissen verdrängen. Runter in den Bauch damit!

Sicher, sie fühlte sie manchmal wie eine Ratte nagen, wenn der Tag sich näherte. Besonders wenn sie in der einsamen, warmen Dunkelheit ihres Bettes lag. Aber in dem Augenblick, wenn der Einkauf vorüber war, gab es keine Sorgen mehr.

Als sie abends mit steifen Händen und roten Ohrläppchen nach Hause kam, roch es im ganzen Treppenhaus nach Brot. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen, und sie sauste die Treppe hinauf. Ihre dünnen, geraden Beine waren unglaublich stark, wenn es darauf ankam. Die Brote lagen noch zum Abkühlen auf dem Küchenschrank. Nichts war dem Geruch von Mutters Brot vergleichbar. Sogar Henrik bekam ein gutes Gesicht, wenn er das Brot witterte. Er konnte sich dann neben den Küchenschrank setzen und seine Finger mit irgendetwas beschäftigen. Er war mit der einen Hand, in der er Kraft hatte, außerordentlich geschickt, und er half mit der anderen, soweit er es vermochte. Aber nur, wenn er wollte.

Tante Rakel meinte, dass er, geschickt wie er war, mit dem Reparieren von Netzen sehr wohl etwas verdienen könnte, wenn er nur nicht eine Frau hätte, die alles herbeischaffte, was sie brauchten. Aber Ingrid antwortete nie auf solche Bemerkungen. Sie stellte sich ganz einfach taub. Tora wusste, ohne Tante Rakel hätte es in den Zeiten, als die Mutter arbeitslos gewesen war, nicht sehr gut bei ihnen ausgesehen.

Abends waren sie allein, die Mutter und sie. Henrik saß unten in der Arntsen-Hütte. Tora hatte seine Stimme durch das offene Fenster gehört, als sie mit den anderen Kindern zwischen den Tonnen Versteck spielte und an dem Fenster vorbeigestrichen war. Es war Samstag, und einige Männer vertrieben sich dort die Zeit. Tora hängte ihr nasses Zeug zum Trocknen in die Nähe des Ofens. Sie legte noch ein paar Schaufeln Kohle auf, nur um der Mutter zu zeigen, dass sie ihr gerne zur Hand ging.

Ingrid nähte. Sie saß über die alte schwarze Nähmaschine gebeugt, die sie von ihrer Großmutter geerbt hatte.

Nun erhob sie sich langsam, reckte den Rücken und stützte ihn mit der rechten Hand. Sie sah blass und müde aus, aber sie lächelte. Es war ein richtiges Lächeln, als ob sie an etwas Schönes dächte. Dann ging sie hinüber zum Küchenschrank und nahm eines der frischen Brote heraus. Schnitt mit raschem, sicherem Griff in das weiche Brot, das jedes Mal nachgab, wenn sie das Messer durch die goldgelbe Kruste drückte. Die Kruste war knusprig und gab bei jedem Schnitt einen Laut von sich, als ob sie um Gnade bäte. Ingrid schmierte reichlich Butter auf die Brotscheiben und ließ den Zuckerlöffel darüber vibrieren, so dass es weiß und schön auf die ganze Scheibe rieselte.

»Was hat er gesagt, der Ottar?«, fragte sie und bestreute eine zweite Scheibe mit Zucker.

»Nee-ee, er hat nichts gesagt … Ich mein, er hat nur mit den Mannsleuten geredet, die da standen.«

Tora zögerte so lange, dass die Mutter sich umdrehte und Tora das Gesicht zeigte, das sie heute Abend am wenigsten sehen wollte. »Warum sagste das? Warum sagste nicht, wie es ist?« Das klang ärgerlich und ängstlich.

»Was soll ich da sagen?« Toras Stimme war zaghaft, aber sie streckte die Hand nach der Schnitte aus, die die Mutter ihr reichte.

»Setz dich ans Tischende und streu den Zucker nicht überallhin!«

Tora ließ sich am Küchentisch nieder und stellte einen Teller unter die Schnitte, so wie es die Mutter haben wollte. Dass sie es immer wieder fertigbrachte, die Mutter in schlechte Laune zu versetzen. Immer machte sie alles falsch. Es war wie verhext! Und das heute Abend, wo sie allein waren und es so schön hätten haben können.

»Der Ottar hat nichts zu mir gesagt. Das ist bestimmt wahr. Wenn du meinst, er hätt was zu mir sagen sollen, weil ich die Sachen hab anschreiben lassen, so hat er nichts gesagt, Ehrenwort!« Sie schwiegen beide. Ingrid hatte sich wieder dem Küchenschrank zugewandt. Der Zucker knirschte laut zwischen Toras Zähnen. Sie konnte es nicht ändern, denn es schmeckte so gut, und sie war hungrig.

Es trommelte jetzt gegen die Fensterscheiben. Der Regen schloss sie zusammen dort ein. Die Mutter schien das auch so zu sehen, dass nur sie einander hatten, denn plötzlich drehte sie sich um, sah Tora freundlich an und sagte: »Nein, es ist wohl so. Der Ottar ist nett. Du sollst übrigens nächste Woche mit Geld hingehn. Ich werd im Lensmannshof was kriegen fürs Extrawaschen. Ja, und dann krieg ich ja auch die Lohntüte, weißte. Du kannst damit gehn, du!«

Tora kaute und lächelte. Im Geiste sah sie mindestens zehn Zahlen in Ottars Buch vor sich. Aber sie sagte nichts. Rutschte nur unruhig hin und her und leckte den Zucker auf, der auf den Teller gefallen war. Sie nahm dazu den Finger, drückte ihn kräftig auf die Zuckerkrümel, so dass sie zum Mund mitkamen.

»Sitz nicht so da«, sagte die Mutter. »Es ist ekelhaft, beim Essen an den Fingern zu lecken.«

Tora senkte den Kopf und hörte auf, Zucker zu lecken. Sie bekam einen Knoten im Magen, und die Brotscheibe, die ihr gerade gereicht wurde, war zu groß. Sie fühlte sich so elend, dass sie keinen anderen Rat wusste, als die Mutter noch einmal anzulächeln. Aber es gelang nicht recht, und die Mutter sah es auch nicht, denn sie hatte sich wieder zum Küchenschrank umgedreht, um das Essen wegzuräumen. Dann ging Ingrid zu dem Tisch, auf dem die Nähmaschine stand. Immer mit dem Rücken zu Tora. Tora fühlte eine Leere in sich. Mamas Rücken schien ihr die ganze Zeit feindlich gesonnen zu sein.

»Soll ich dir Kaffee kochen?«, fragte sie nach einer Weile vorsichtig.

Ingrid wandte sich langsam um und sah das Mädchen an, als ob sie sie vorher nicht richtig gesehen hätte. Blinzelte, als ob sie schlecht sähe, nachdem ihre Augen sich an das starke Licht über der Nähmaschine gewöhnt hatten und nun plötzlich in die Dunkelheit hineinschauen sollten.

»Nein, Tora … Aber du kannst mir helfen, die Jacke anzuprobieren. Ich plag mich mit den Ärmeln. Die Rakel ist ja kleiner als ich. Schmaler. Deswegen muss ich Keile einsetzen, guck! Aber das Wenden ging gut. Die Jacke sieht wie neu aus.«

Sie hielt Tante Rakels abgelegte und gewendete Sonntagsjacke vor Tora hoch. Tora wischte sich den Mund ab und stürzte zu ihr hin. »Ja! Was soll ich machen?«

Die Mutter erklärte und dirigierte. Sie zog die Jacke an und drehte sich vor dem Spiegel, den sie aus der Stube geholt und gegen eine Stuhllehne gelehnt hatte. Tora steckte die Stecknadeln dorthin, wo Ingrid hinzeigte. Die nackte Birne über dem Tisch legte einen Glorienschein um die beiden einander zugeneigten Köpfe. Nach einer Weile war die Anprobe beendet, und Ingrid setzte sich wieder an die Nähmaschine. Es summte, wenn sie die Handkurbel in Bewegung setzte. Tora hing über dem Tisch und sah zu. Wagte es jetzt. Sie hatte den Stuhl herangezogen und konnte den ganzen Arbeitsablauf verfolgen.

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22 aralık 2023
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