Kitabı oku: «Der Fall Monika Stark»
Heribert Weishaupt
Der Fall
Monika Stark
Ein Troisdorf-Krimi

Heribert Weishaupt
Der Fall Monika Stark
Ein Troisdorf-Krimi
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Inhalt
Über den Autor
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Anmerkung und Dank
Über den Autor:
Heribert Weishaupt wurde 1949 in Stolberg im Kreis Aachen geboren. Über vierzig Jahre arbeitete er in der deutschen Sozialversicherung im Bereich Krankenversicherung. Mit Beginn des Ruhestandes erfüllte er sich seinen Wunsch und begann mit dem Schreiben von Kurzgeschichten und Kriminalromanen. Dies ist sein sechster Kriminalroman.
Heribert Weishaupt ist verheiratet und hat zwei Söhne und vier Enkelkinder. Seit vierzig Jahren lebt er in Troisdorf im Rhein-Sieg-Kreis.
Eine Träne zu trocknen ist meist ehrenvoller, als Ströme von Blut zu vergießen.
George Gordon Byron 22.01.1788 – 19.04.1824 englischer Dichter
Aus Gefälligkeit werden weit mehr zu Schurken, als aus schlechten Grundsätzen.
Johann Gottfried Seume 29.01.1763 - 13.06.1810 Deutscher Schriftsteller und Dichter
Prolog

Die dunkel gekleidete Person beobachtete bereits seit mehreren Stunden das Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Es war ein neueres Haus, zumindest war es nicht älter als zehn Jahre. Vier Mietparteien wohnten dort. Die Aufmerksamkeit galt aber nur einer Mietpartei. Dem Mieter im Parterre rechts. Genauer gesagt, interessierte nicht der Mieter, sondern vielmehr dessen heutige Besucherin. Deren protziger Schlitten, den sie sich, nach Meinung der beobachtenden Person, gar nicht leisten konnte, stand bereits vor dem Haus, als sie mit der Beobachtung begann.
Allmählich begannen die Beine zu schmerzen. Erschwerend kam das Wetter hinzu. Regenschauer, die, je später es am Tag wurde, in Graupel übergingen. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen und die Hände trotz Handschuhe in die Jackentasche vergraben, kroch die Kälte und Nässe bis in die Knochen. Die frierende Person stand vor zufälligen Blicken der Nachbarn und Passanten geschützt hinter einer Reihe Sträucher und Bäume. Aber wer ging bei einem solchen Wetter vor die Haustür oder interessierte sich für jemanden auf dem Bürgersteig außerhalb der eigenen, warmen Wände?
Und wenn doch, niemand hätte das Wesen hinter den Sträuchern erkannt oder hätte es später beschreiben können. Eine Jeans, eine Regenjacke, wie sie fast jeder trug. Die Kapuze eines Shirts, die unter der Regenjacke getragen wurde, ließ gerade mal Augen, Nase und Mund frei. Darüber war zusätzlich die Kapuze der Regenjacke gezogen. Man hätte nicht einmal sagen können, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelte. Ein menschliches Neutrum.
Inzwischen war die Dunkelheit hereingebrochen. Im diffusen Licht der Straßenlaternen verschmolz es beinahe mit seiner Umgebung und war kaum noch auszumachen. Auch hinter dem Fenster im Parterre rechts brannte jetzt Licht.
Das fortwährende Treten auf der Stelle und das langsame Hin- und Hergehen brachte der Gestalt bei diesem Wetter auch nicht die entscheidende Besserung des Wohlbefindens.
Auf keinen Fall durfte der Hauseingang aus den Augen gelassen werden. Sollte in der nächsten Viertelstunde der Mieter nicht, wie erwartet, die Wohnung verlassen haben, würde das Vorhaben aufgegeben.
Die vermummte Person hatte sich entschieden. Sie musste handeln. Sie konnte nicht sagen, wann dieser Gedanke in ihrem Kopf entstanden war. Er hatte sich wie ein Samenkorn eingepflanzt. Die Frau hatte den Bogen des Erträglichen überspannt, zu viel Schaden hatte sie angerichtet. Ein großzügiges Tolerieren war nicht mehr möglich.
Im Laufe der Zeit wuchs das Samenkorn im Unterbewusstsein heran und wurde zu einem nicht mehr entfernbaren Geschwür, das fast das gesamte Denken ausfüllte. Bis heute, bis zu dem Augenblick, wo die Person ihren Beobachtungsposten vor dem Haus einnahm. Jetzt würde sie durch ihr Vorhaben das Geschwür entfernen können. Heute war sie bereit. Diese Schlampe würde das bekommen, was sie verdiente. Es käme einer Katastrophe gleich, wenn das Vorhaben aufgegeben werden müsste.
Viele Samstage und Sonntage hatte sie ihre Zeit in die Beobachtung des Mieters und seiner Besucherin investiert. Sie bildete sich ein, seine und ihre Gewohnheiten genau zu kennen.
Jeden Samstag- und jeden Sonntagnachmittag besuchte ihn die Frau. Was die beiden dann trieben, konnte sich die Person hinter den Sträuchern eindeutig vorstellen. Wenn diese Vorstellung von ihr Besitz ergriff, verursachte die dadurch entstehende Wut eine innere Hitze, der sogar das nasskalte Wetter nichts anhaben konnte. Doch dieses Gefühl, diese Wut, durfte nicht Oberhand gewinnen. Das Herz musste kalt bleiben, kalt wie Eis. Nur ein kaltes Herz konnte das geplante Vorhaben realisieren. Die Erinnerungen an manche unliebsamen Ereignisse im Leben ließen ein bitteres Lächeln um die harten Gesichtszüge spielen.
Plötzlich öffnete sich die Haustür und der Mieter stand im Eingang. Die Baseballkappe tief in die Stirn gezogen, schaute er zum grauen Himmel hoch. Er zog seine viel zu weite Jogginghose am Bund hoch, schlug den Kragen seiner Jacke hoch und lief los.
Die Person, die ihn von der anderen Straßenseite beobachtete, grinste. Das war das typische Laufen einer viel zu schwergewichtigen Person. Bei weitem kein sportliches Joggen. Nach fünfzig Metern ging das Joggen erwartungsgemäß in leichtes Gehen über.
Das Ziel war bekannt: Das China-Restaurant, drei Straßen weiter.
Die dunkel gekleidete Person verließ ihren Beobachtungsposten und überquerte mit ruhigen Schritten die düstere Straße. Vor der Haustür vergewisserte sie sich mit einem kurzen Blick nach rechts und links, dass niemand sie beobachtete. Sehr gut, keine Menschenseele war zu sehen. Unaufgeregt betätigte sie den Klingelknopf.
„Hast wohl etwas vergessen. Warst wohl mit den Gedanken noch irgendwo anders“, ertönte es aus der Sprechanlage.
Einen Augenblick später summte auch schon der Türöffner.
Aus der Person, die bisher nur geduldig beobachtet und abgewartet hatte, wurde jetzt eine Person, die eiskalt ihr Vorhaben umsetzte. Ohne Gefühl, ohne Gewissen.
Eine junge Frau öffnete kopfschüttelnd die Wohnungstür.
„Hast du deine Schlüssel und deine Geldbörse vergessen? Das wird ja immer schlimmer mit dir.“
Mit einer Hand hielt sie ein Bettlaken fest, das sie um ihren Körper geschlungen hatte. Ohne genau hinzusehen, wem sie die Tür geöffnet hatte, drehte sie sich um und ging zurück in die Wohnung. Sie war überzeugt, dass sie ihren Freund hereingelassen hatte.
Auf ihre Frage erhielt sie keine Antwort. Stattdessen wurde sie rücksichtslos weiter zurück in die Wohnung gestoßen. Immer wieder Stoß auf Stoß. Das Bettlaken war ihr inzwischen aus der Hand geglitten. Nackt war sie der eindringenden Person hilflos ausgeliefert, die ihre Nacktheit und Hilflosigkeit total ignorierte. Sie wollte etwas sagen, protestieren, schreien. Doch dazu kam sie nicht.
Sie landete auf dem Bett, in dem sie kurz vorher noch so viel Spaß mit ihrem Freund gehabt hatte. Kräftige Hände schlossen sich um ihren Hals und nahmen ihr die notwendige Atemluft.
Kein Entkommen, keine Gegenwehr, keine Gnade. Es war kein Kampf – es glich einer Hinrichtung.
Scheinbar gefühllos verließ die dunkel gekleidete Person die Wohnung.
1

Samstag, 19:17 Uhr.
Das Telefon läutet.
„Ronni Kern, guten Abend.“
„Ronni, du musst mir helfen.“
„Hier ist Ronni Kern, mit wem spreche ich denn?“
„Du musst mir helfen, Ronni.“
„Wenn ich Ihnen helfen soll, müsste ich zuerst einmal wissen, wer Sie sind. Nur eines sage ich Ihnen: Ich kaufe nichts und ich nehme auch an keiner Verlosung teil.“
„Hier ist Hubert, du weißt schon. Ich brauche unbedingt deine Hilfe, und zwar sofort!“
„Hubert Duweißtschon? Kenn ich nicht. Also, mit Hilfe ist da nichts. Tut mir leid.“
Aufgelegt.
Samstag, 19:21 Uhr.
Das Telefon läutet.
„Ronni Kern, guten Abend. Was kann ich für Sie tun?“
„Hier ist nochmal Hubert. Du musst mir helfen, Ronni!“
„Nun hören Sie mal zu, Sie Hubert Dumusstmirhelfen. Ich kenne Sie nicht und ich werde Ihnen garantiert nicht helfen. Wenn Sie Hilfe benötigen, rufen Sie die Polizei oder die Feuerwehr an.“
Aufgelegt.
Das Telefon läutet erneut.
„Leg bitte nicht wieder auf. Hier ist Hubert. Ich brauche dich doch – deine Hilfe, Ronni. Du bist doch bei der Polizei. Du kannst mir bestimmt helfen.“
„Verdammt noch mal! Wer sind Sie? Ich kenne keinen Hubert. Haben Sie vielleicht auch einen Nachnamen?“
„Dumm.“
„Wie bitte? Ich bin dumm? Was erlauben Sie sich? Das muss ich mir nicht sagen lassen. Ich lege jetzt wieder auf, wenn …“
„Nein, nein. Nicht auflegen, Ronni. Mein Nachname ist Dumm. Ich bin`s doch: Hubert Dumm. Du kennst mich doch.“
„Hubert? … Berti? … Berti Dumm? Gymnasium, Abiturklasse. Sitzengeblieben … Entschuldigung. Du bist es?“
„Na, endlich. Du hast es begriffen. Hilfst du mir jetzt?“
„Berti Dumm. Wir haben uns doch Jahre, fast Jahrzehnte, nicht mehr gesehen. Und jetzt soll ich dir helfen? Ich glaube es nicht.“
„Ja, natürlich. Du bist doch Kommissar. Wenn du mir nicht helfen kannst, wer dann?“
„Wo wohnst du jetzt? Du bist doch damals mit meiner Susi nach Itzehoe durchgebrannt. Hast dich noch nicht mal verabschiedet. Und jetzt rufst du aus heiterem Himmel bei mir an und verlangst, dass ich dir helfen soll. Du spinnst vielleicht!“
„Das mit Susi ist doch längst vorbei. Tut mir auch leid. Ich bin vor einiger Zeit nach Bergheim gezogen und du bist der Einzige, den ich hier in der Gegend kenne, der mir helfen kann – dem ich vertraue. Wir waren doch immer die besten Freunde. Sind durch Dick und Dünn gegangen und haben alles geteilt. Du hilfst mir doch?“
„Du bist nach Bergheim an die Erft gezogen? Das ist nicht meine Gegend.“
„Nicht Bergheim an der Erft. Troisdorf-Bergheim. Da kennst du dich doch bestens aus. Hab` in der Zeitung von deinen Fällen in Troisdorf gelesen. Bist wohl ein toller Hecht bei der Polizei.“
„Oh, mein Gott. Du wohnst in Troisdorf.“
„Nicht ‚oh mein Gott‘. Gott sei Dank! Daher bin ich doch wieder auf dich gestoßen.“
„Du bist tatsächlich verrückt. Das mit der Freundschaft ist lange her. Und alles geteilt haben wir beileibe nicht. Wir haben uns Susi nicht geteilt, du hast sie mir weggenommen und bist mit meiner Freundin in die Diaspora nach Itzehoe verschwunden, ohne mir ein Wort zu sagen. Und jetzt willst du von mir Hilfe? Wobei soll ich dir eigentlich helfen?“
„Sie bewegt sich nicht mehr. Sie atmet nicht mehr. Ich glaube, sie ist tot.“
Pause.
Ronni sagte kein Wort mehr. Auch Berti schwieg. Ronni aus Entsetzen, aufgrund dieser Aussage seines ehemaligen Freundes – Berti, weil er nicht wusste, was er noch hätte sagen sollen. Vielleicht auch ein wenig aus Respekt vor Ronni, der diese Botschaft erst einmal verarbeiten musste.
Ronni schluckte.
„Von wem sprichst du denn überhaupt?“
„Von meiner Freundin natürlich. Ronni, sie ist tot! Was soll ich tun?“
„Tot? –- Was ist denn passiert?“
„Na ja, wir hatten einen schönen Nachmittag. Wir lagen im Bett und haben …“
„Verschon‘ mich mit deinen Bettgeschichten. Wieso atmet sie nicht mehr?“
„Sagte ich doch schon. Weil sie tot ist.“
„Aber wieso ist sie tot? Ist sie an einem Herzinfarkt gestorben?“
„Nein … ich … denke nicht.“
„Ja, woran denn? Man stirbt doch nicht einfach so.“
Kurze Pause.
„Oder… hast du … sie. Du weißt schon?“
„Nein! Was denkst du von mir?“
„Nochmal. Was ist denn passiert? Wieso ist sie tot?“
„Wir hatten Hunger. Danach haben wir immer Hunger. Du verstehst. Ich habe mich angezogen und bin um die Ecke zum Chinesen gegangen – wie jedes Mal danach. Sie blieb im Bett liegen. Wir beiden mögen chinesisch sehr gern, und dieser Chinese …“
„Weiter! Eure Essgewohnheiten interessieren mich nicht.“
„Ja, als ich dann nach Hause kam, lag sie da und atmete nicht mehr. Dann habe ich dich angerufen.“
„Und woher hast du meine Nummer?“
„Von deiner Dienststelle in Bonn.“
„Verdammt. Das darf doch nicht wahr sein.“
„Doch, die Dame war sehr nett. Als ich ihr sagte, dass du mein Freund bist und dass es dringend sei, hat sie mir deine Nummer gegeben.“
„Na gut. Hast du sie untersucht? Vielleicht atmet sie doch noch und ist gar nicht tot.“
„Nein, das kann ich nicht. Ich habe sie nicht angefasst. Ich bin geschockt.“
„Wieso hast du nicht sofort einen Arzt gerufen, anstatt mich anzurufen?“
„Sie ist tot. Mausetot, du verstehst? Da bin ich mir total sicher. Was soll da ein Arzt noch machen? Die Würgemale am Hals sind doch eindeutig. Da hätte ich auch direkt die Polizei rufen können. Die hätten mich dann sofort verhaftet.“
„Sie wurde erwürgt? Wenn nicht von dir, von wem sonst? Wart ihr nicht allein in der Wohnung?“
„Na klar waren wir allein, oder glaubst du, wir wollten Zuschauer oder wir hätten einen flotten Dreier gemacht?“
„Ja, ich meine nein. Aber es muss doch jemand in der Wohnung gewesen sein, wenn du sie nicht erwürgt hast. Du hast doch bestimmt die Wohnungstür hinter dir geschlossen, als du zu diesem Chinesen gegangen bist?“
„Na klar. Ich habe sie zugezogen.“
„Aha, nur zugezogen hast du sie!“
„Ja, genau. Mach’ ich immer so.“
„War irgendetwas außergewöhnlich, am Nachmittag und als ihr im Bett gewesen seid?“
„Nein, eigentlich nicht. Außergewöhnlich …? Na gut, wenn du meinst, ob sie außergewöhnlich war, dann ja. Sie war außergewöhnlich gut. Aber das lag daran, weil sie etwas gutzumachen hatte. Sie hatte mich vorher extrem geärgert – daher hatte sie etwas gutzumachen.“
„Wieso hatte sie dich geärgert? Nun lass dir doch nicht alles aus dem Mund ziehen, verdammt noch mal.“
„Okay, okay. Wir hatten uns gestritten. Alles war gut, bis sie diese Anrufe bekam. Allein dieser Klingelton. Mark Forsters
„194 Länder“ nervte ungemein. Zuerst sagte sie, es wäre ihre Freundin und legte einfach auf. Beim nächsten Anruf sagte sie „falsch verbunden“. Und beim dritten Mal habe ich ihr das Handy aus der Hand gerissen. Doch der Anrufer hatte bereits aufgelegt. Es war aber immer die gleiche Nummer. Nix Freundin, nix falsch verbunden. Es war mit Sicherheit ihr Liebhaber. Du verstehst?“
„Aber das muss doch nicht unbedingt ihr Liebhaber gewesen sein.“
„Als ich ihr das auf den Kopf zugesagt habe, hat sie nur gelacht. Immer nur gelacht. Die Tränen liefen ihr vor lauter Lachen die Wangen hinunter. Und ich stand da wie ein Depp.“
„Ja und dann?“
„Dann war sie ganz lieb zu mir und hat gesagt, ich wäre doch ihr einziger Liebhaber und noch viele andere schöne Sachen hat sie gesagt. So lieb wie danach, war sie lange nicht mehr. Sie hat …“
„Ja, ja, ja. Weiter will ich gar nichts hören. Ich kann es mir vorstellen. Wo ist sie jetzt?“
„Na, wo wohl? Bei mir … im Bett … nackig. Wir waren seit heute Nachmittag … im Bett … du verstehst?“
„Ja, ja, das verstehe ich.“
„Sag schon, was soll ich machen?“
„Deck’ sie zumindest zu, damit du nicht immer den Anblick deiner toten Freundin ertragen musst.“
„Ja, mach’ ich. Aber das kann doch nicht alles sein. Und was mach’ ich dann?“
„Du musst die Polizei rufen.“
„Ich glaube, jetzt spinnst du. Soll ich mich für fünf Jahre ins Gefängnis setzen? Diesen tollen Rat konnte ich mir selbst geben. Dafür habe ich dich nicht angerufen. Du sollst mir helfen und mich nicht in den Knast bringen.“
„Fünfzehn!“
„Was, fünfzehn?“
„Ich meine: Vielleicht gehst du für fünfzehn Jahre ins Gefängnis. Ich kann dir keinen anderen Rat geben. Ich bin schließlich Polizist.“
„Aber auch mein Freund. Ich muss sie entsorgen. Ich meine: Sie darf nicht bei mir gefunden werden. Was mach` ich da am besten? Du musst das doch wissen. Du hast doch Erfahrung in solchen Dingen.“
„Mit ‚solchen Dingen‘ habe ich keine Erfahrung. Bei mir lag noch keine tote Frau im Bett.“
„Ich habe einen großen Koffer, aber der ist nicht groß genug. Und sie klein machen … nein, das kann ich nicht. Ich habe auch an einen Müllsack oder so einen Jutesack gedacht. Du kennst die Säcke. Diese für den Biomüll. Nur, wohin mit dem Sack? Kannst du nicht bei mir vorbeikommen?“
„Du bist tatsächlich irre. Ich glaube, ich rufe die Kollegen an.“
„Die Kollegen, die Kollegen! Wieso kannst du denn nicht kommen?“
„Ich bin nicht zu Hause. Ich bin in Urlaub.“
„Du bist gar nicht zu Hause? In Urlaub? Wo bist du denn?“
„Auf Borkum.“
„Auf Borkum? Kenn ich. Ja, wo denn da?“
„Direkt am Deich. Eine Ferienwohnung in der Straße ‚Hinter dem Deich‘ …“
Ronni schlug sich mit der Hand auf den Mund. Das war ein Fehler. Er hätte besser Berti nicht verraten, wo er war. Aber es war zu spät.
„Besser ist es, du stellst dich. Das wirkt sich immer positiv auf das Urteil aus. Mord im Affekt. Dann wird aus dem Mord vielleicht Totschlag und du bekommst weniger als fünfzehn Jahre.“
„Na, das sind ja tolle Ratschläge und Aussichten. Aber ich war es doch gar nicht.“
„Wer ist sie überhaupt?“
„Meine Freundin natürlich. Wir haben uns im vorigen Jahr in Troisdorf kennengelernt. Auf dem Weihnachtsmarkt. Sie war mit einem Freund dort. Du verstehst?“
„Einen Freund in Troisdorf. Und du hast sie ihm ausgespannt. Ja, das verstehe ich. Wie heißt sie denn?“
„Moni.“
„Ah, Moni, heißt sie. So hieß auch einmal eine frühere Freundin von mir.“
„Du hast eine Freundin – ich dachte, du wärest verheiratet? Habe ich irgendwann in der Presse gelesen.“
„War ich mal. Aber das ist schon lange her. Auch das mit Moni ist schon eine sehr lange Zeit her.“
„Und deine ehemalige Freundin hieß auch Moni? Welch ein Zufall. Du hast sie aber bestimmt nicht in Troisdorf kennengelernt?
„Doch habe ich, meine Moni.“
„Wie ist denn der Nachname deiner Moni?“
„Stark.“
„Stark? Das ist ja stark. Wie meine Moni.“
„Nein, nicht deine Moni – meine Moni.“
„Das ist ja verrückt. So ein Zufall. Meine Moni scheint auch deine Moni zu sein. Warum hattet ihr euch denn getrennt?“
„Ich glaube, ich bin im falschen Film. Meine ehemalige Freundin Moni ist, beziehungsweise war, bis jetzt deine Freundin und sie liegt jetzt nackt und tot in deinem Bett?“
„Wahrscheinlich ist das so, Ronni.“
Pause. Ronni musste erneut schlucken.
„Ich werde jetzt die Kollegen anrufen. Oder ist vielleicht jemand von der Sendung ‚Verstehen Sie Spaß‘ am Apparat?“
„Quatsch, ich bin`s, Berti. Nicht das Fernsehen.“
„Du bist es tatsächlich, Berti? Keine Verarsche?“
„Nein, natürlich nicht. Nun sag schon: Warum hattet ihr euch getrennt?“
„Das ist doch jetzt nicht wichtig. Aber wenn du es unbedingt wissen willst: nach der Kur. Sie hatte während der Kur einen Kurschatten.“
„Ich bin kein Kurschatten von ihr. Ich habe sie auf anständige Art und Weise bekommen. Ist doch klar: Sie war auch deine Freundin. Du steckst mit in dieser Sache drin. Du musst mir helfen – und keine Polizei!“
„Werde ich nicht. Ich rufe die Polizei.“
Keine Antwort.
Stille, völlige Stille, das Gespräch war beendet.
Berti hatte aufgelegt.
Ronni betrachtete sein Smartphone in der Hand. Berti, sein früherer Freund, hatte einfach aufgelegt.
Er musste die Polizei in Troisdorf anrufen. Aber was sollte er seiner Kollegin oder seinem Kollegen dort sagen?
„Berti Dumm hat mich angerufen. Er sagte, in seinem Bett liegt eine Leiche. Seine Freundin, Moni Stark. Sie wurde erwürgt. Nicht von Berti. Von wem, weiß er nicht. Aber sonst gibt es niemand in der Wohnung. Er wohnt in Bergheim. Nein, eine genaue Anschrift kenne ich nicht. Ich habe Berti Dumm seit Jahren nicht mehr gesehen. Wieso er mich nach all den Jahren anruft, weiß ich auch nicht so genau. Wahrscheinlich, weil er meinen Namen in der Zeitung gelesen hat.“
„Ja, ja, und Ihr Freund heißt Dumm und seine Freundin Stark und Sie sind der Osterhase“, würde seine Kollegin oder sein Kollege antworten und schmunzeln.
Wie dumm wäre das!
Den Anruf bei der Polizei musste er sich verkneifen. Zumindest vorerst.
2

Ronni ging unablässig im Wohnzimmer der Ferienwohnung auf und ab. Die Wohnung befand sich im Parterre und war nicht sehr groß. Wohnzimmer mit integrierter Küchenzeile, Bad und Schlafzimmer. Kleine Terrasse mit angrenzender, großzügiger Rasenfläche. Kein Baum, kein Strauch, keine Blumen. Ihn störte diese Kargheit nicht sonderlich. Es war März und an Bäumen und Sträuchern waren sowieso noch keine Blätter und es gab sicherlich nur wenige Blumensorten, die dem rauen Nordseeklima und den Stürmen in dieser Jahreszeit standhalten würden.
Seine Gedanken kreisten um Berti und die tote Moni.
Sofort nachdem Berti aufgelegt hatte, versuchte Ronni, ihn zurückzurufen. Durch Bertis Anruf war dessen Nummer in seinem Smartphone gespeichert. Aber Berti ging nicht ans Telefon. Auch spätere Versuche waren ohne Erfolg. Es schien, als wolle Berti seine Hilfe nicht mehr. Irgendwie konnte er verstehen, dass sein ehemaliger Freund Angst vor dem Besuch der Polizei hatte. Und er konnte und wollte ihm nur helfen, indem er seine Kollegen anrief.
Wieder einmal nahm er sein Smartphone vom Tisch, um es nach wenigen Augenblicken wieder hinzulegen.
Er hatte sich entschieden, die Polizeidienststelle in Troisdorf oder Bonn nicht anzurufen. Jetzt überlegte er, ob er seinen Freund und Kollegen Frank Eisenstein anrufen sollte. Ihm könnte er diesen mysteriösen Anruf in Ruhe erklären und Frank würde ihn mit Sicherheit nicht auslachen oder ihm Vorwürfe machen. Wieso eigentlich Vorwürfe? Er hatte keinen Fehler begangen. Er hatte sich nichts vorzuwerfen. Okay, er hätte Berti nach dessen Anschrift fragen sollen. Nein, fragen müssen. Er war sich sicher, dass er das auch noch getan hätte, wenn Berti nicht so plötzlich aufgelegt hätte.
Nein, er würde auch Eisenstein nicht anrufen – nicht jetzt.
Er blieb vor der Terrassentür stehen und schaute hinaus. Zu dieser Jahreszeit war es bereits seit Stunden dunkel. Nur das Licht seines Wohnzimmers erhellte die Terrasse und die ersten Meter des Rasens. Er war in diesem Haus der einzige Feriengast. Die Wohnungen neben ihm und über ihm standen leer. Als er das beim Einzug erfahren hatte, hatte es ihn erfreut. Keine lästigen Nachbarn, die einem bei jedem Zusammentreffen ein Gespräch aufzwingen wollten. Kein Kindergeschrei und kein Fußgeklapper und Möbelrücken über ihm.
Jetzt hatte er das Gefühl, die Wohnung ersticke ihn. Alles engte ihn hier ein. Er konnte keinen klaren Gedanken und schon gar keinen endgültigen Entschluss fassen. Er musste raus, raus an die frische Luft.
Ronni steckte sein Smartphone in die Hosentasche, schnürte seine hohen Wanderschuhe und zog seine gefütterte, wasserdichte Winter-Regenjacke an. Dann verließ er die Wohnung.
Es war kalt und hinter dem Deich war der Wind zwar kräftig, aber erträglich. Der Weg führte leicht bergauf zur Strandpromenade. Als er aus dem Windschatten des schützenden Deichs heraus auf die Promenade trat, nahm ihm die erste Böe fast den Atem. Er musste sich gegen den Wind stemmen, um vorwärts zu kommen. Schnell zog er die Kapuze hoch und schnürte sie eng um den Kopf, sodass nur noch sein Gesicht hervorlugte.
Der Wind peitschte den Sand über das Pflaster der Promenade und verursachte auf seiner Gesichtshaut ein Gefühl von tausend Nadelstichen. Darüber hinaus erzeugte das Heulen des Sturms und das kräftige Rauschen der Wellen einen riesigen Lärm. Außer ihm war niemand unterwegs.
Nach vielleicht dreihundert Metern wurde ihm bewusst, dass sein Versuch, in der frischen Luft einen klaren Gedanken fassen zu können, gescheitert war.
Auf kürzestem Weg verließ er die Promenade und ging hinunter in den kleinen Ort Borkum. Hier zwischen den Häusern war es erträglicher. Der Ort wirkte wie ausgestorben. Nur selten begegnete ihm ein menschliches Wesen. Und wenn, konnte er kaum erkennen, ob es sich um eine Frau oder um einen Mann handelte. Alle waren wie er dick verpackt und lediglich Augen, Nase und Mund waren unter den Kapuzen und Mützen auszumachen. Auch in den Lokalen, an denen er vorüberkam, befanden sich nur wenige Gäste, die nur etwas speisten oder tranken. Er überlegte kurz, ob er irgendwo einkehren und etwas essen sollte. Doch dann verwarf er diesen Gedanken wieder. So richtig hungrig war er nicht. Vielleicht würde er sich später zu Hause eine Scheibe Brot und ein Spiegelei oder sonst etwas, was sich noch im Kühlschrank befand, zubereiten.
Ziellos wanderte er durch die Straßen.
Und jetzt waren sie wieder da. Die Gedanken an das Telefonat, an Berti und an die tote Moni.
Er stellte sich Moni vor, wie sie da lag. Nackt, die blonden Haare, die zerzaust über ihre Schulter hingen, ihre helle, makellose Haut mit den Würgemalen am Hals und die blauen Augen, die starr gegen die Zimmerdecke blickten.
Nein, das wollte er sich nicht weiter ausmalen. Er wollte sie so in Erinnerung behalten, wie er sie als lebendige Frau gekannt hatte.
Dann dachte er: Wie mag dieser Berti heute aussehen? Damals war er ein Frauentyp gewesen. Schwarze Haare, braune Augen und eine durchtrainierte Figur. Und heute? Vielleicht hatte er Haarausfall und bereits eine ausgedehnte Tonsur und hatte vom Bierkonsum einen ausgeprägten Bauch.
Wenn Berti Moni nicht erwürgt hatte, wer konnte es denn sonst getan haben? Konnte jemand, während Berti zum Chinesen unterwegs war, in die Wohnung eingedrungen sein? Wie sollte er in die Wohnung gelangt sein? Berti hatte doch, wie er sagte, die Wohnungstür zugezogen, als er gegangen war. Kannte Moni womöglich ihren Mörder, und hatte sie ihm selbst die Tür geöffnet?
Oder stimmte das alles nicht, was Berti ihm gesagt hatte? Wollte er ihn veralbern, einen Scherz mit ihm machen? Schlechter Scherz, dachte er und verzog automatisch sein Gesicht.
War das tatsächlich Berti, sein Freund aus Jugendjahren? An den Klang seiner Stimme konnte er sich nicht mehr erinnern und sagen „ich bin Berti Dumm“, das kann jeder. Aber auch wiederum nur derjenige, der Berti und mich kennt und weiß, dass wir Freunde waren, überlegte er weiter.
Fragen über Fragen, auf die er keine Antwort fand und auch in der restlichen Zeit dieser Nacht nicht finden würde.
Er könnte morgen nach Hause fahren und versuchen, die Angelegenheit aufzuklären, dachte er, als er auf die Hauptstraße einbog und in Richtung seiner Ferienwohnung ging.
Morgen war Sonntag und die erste Fähre nach Eemshaven ging um 13:30 Uhr. Nach Emden übersetzen konnte er nicht, da er in Eemshaven sein Auto abgestellt hatte.
Noch eine Woche hatte er geplant, auf Borkum zu bleiben. Die Mordermittlungen in und um Troisdorf in den letzten Jahren, sowie die Sache mit seiner Frau Isabelle, hatten ihn viel Kraft gekostet. Er hatte das Gefühl, einmal richtig ausspannen zu müssen. Allein, ohne viele Menschen um sich herum. Nur er, das Meer, der Strand und die frische Luft. Borkum im März fand er, sei dafür der richtige Ort. Und der war es auch – bis heute.
Als er den Schlüssel zur Wohnungstür umdrehte, stand sein Entschluss fest. Morgen früh würde er, nachdem er gefrühstückt hatte, seine Koffer packen und die Wohnungsschlüssel zurückbringen. Dann mit der Borkumer Kleinbahn zum Hafen fahren und die Fähre nach Eemshaven nehmen und nach Hause fahren.
Er freute sich schon auf das verdutzte Gesicht von Frank Eisenstein, wenn er am Abend bei ihm auftauchen und ihm von dem Telefonat berichten würde. Wer weiß, vielleicht hatte Berti doch noch die Polizei informiert und seine Kolleginnen und Kollegen ermittelten bereits in dem Fall Monika Stark.
Bis dahin würde er versuchen, nicht mehr an Berti und Moni zu denken – zumindest wollte er jeglichen Denkansatz im Keim ersticken.
Als er sich müde ins Bett legte, fiel er sofort in einen tiefen aber nicht traumlosen Schlaf: Kräftige Männerhände legten sich um den Hals einer blonden Frau. Sie versuchte zu schreien, aber kein Ton kam aus ihrem Mund. Verzweifelt strampelte sie mit den Beinen und dann sah er das Gesicht des Mannes – es war sein Gesicht. Er erwachte und saß augenblicklich aufrecht im Bett. Trotz intensiver Bemühungen, gelang es ihm nicht mehr, dauerhaften Schlaf zu finden und er war froh, als der Morgen hereinbrach und er aufstand.
3

Ronni ging zum Fenster des Schlafzimmers, zog die Gardine beiseite und schaute hinaus. Der Wind hatte sich gelegt und abgesehen von einigen wenigen weißen Wolken schien es ein schöner Tag zu werden.
Bis zur Abfahrt der Fähre um 13:30 Uhr hatte er genug Zeit. Nach dem Duschen zog er sich warme Kleidung an und spazierte wie jeden Morgen zum Bäcker.
Die zu dieser Jahreszeit tief stehende Sonne schien ihm ins Gesicht und eine frische Brise wehte ihm um die Nase. Es schien, als wolle sich das Wetter bei ihm in unvergessliche Erinnerung bringen. Im Ort herrschte sonntägliche Ruhe. Kein Auto, kein Motorrad, nur hin und wieder begegnete ihm ein Fahrradfahrer. Es war schon richtig, dass er sich diese Insel als Urlaubsort ausgesucht hatte, auf der er einen wunderbaren Abstand zum Stress seiner täglichen Arbeit fand.
Noch einmal schaute er sich bewusst die Landschaft, die Häuser und den Leuchtturm, der sich majestätisch über das reizvolle Städtchen erhob, an. In seinem Leben hatte er sooft Abschied nehmen müssen. Von lieben oder nicht so lieben Menschen, von Gewohnheiten, von guten, wie von schlechten, und von Dingen, die einem ans Herz gewachsen waren.
Heute war sein letzter Tag auf dieser Insel und er wusste, dass der heutige Abschied von Borkum kein Abschied für immer war.
Er war über sich selbst erstaunt, dass er die Gelassenheit hatte, diese letzten Augenblicke zu genießen. Den gesamten Weg zum Bäcker hatte er nicht eine Sekunde an Berti und Moni gedacht.
Beim Bäcker stand die Menschenschlange von der Theke bis in die Fußgängerzone. Als er endlich seine beiden frischen Brötchen erhalten hatte und sich auf den Rückweg machte, schlug die Realität mit geballter Macht zu. Das gestrige Telefonat war wieder Bestandteil seines Denkens.
Wieder in der Wohnung, musste er sich dazu zwingen, zumindest in Ruhe zu frühstücken. Aber bereits beim anschließenden Aufräumen und Säubern der Wohnung und Packen der Koffer hatte eine völlig unnötige innere Anspannung von ihm Besitz ergriffen.
Da er noch genügend Zeit hatte, ließ er die gepackten Koffer in der Wohnung stehen und ging nochmals in den Ort, um bei der Wohnungsverwaltung Bescheid zu sagen, dass er heute noch abreisen und einen der Wohnungsschlüssel zurückgeben werde. Den zweiten Schlüssel würde er in den Briefkasten werfen. So war es mit dem Vermieter vereinbart. Danach wollte er mit den Koffern ins Zentrum des kleinen Städtchens zum Abfahrtspunkt der Inselbahn gehen, die ihn zum Fährhafen bringen würde.
Hätte er in die Zukunft blicken können, hätte er mit Sicherheit die Koffer bereits auf den Weg zur Schlüsselrückgabe mitgenommen. Diese Zeiteinsparung wäre vielleicht der entscheidende Schlüssel für eine unproblematische Heimreise gewesen.
Aber da er diese Fähigkeit nicht besaß, musste er aus diesem Spruch, der manche Sonnenuhr ziert, lernen:
In die Zukunft blicken – in der Gegenwart leben – aus der Vergangenheit lernen.
4

Ronni hatte den Schlüssel bei der Wohnungsverwaltung abgegeben und schlenderte gemütlich zu seiner Wohnung zurück. Er hatte alles erledigt, was vor der Abreise zu erledigen war. Es gab jetzt kein Zurück mehr.
Als er in die Straße einbog, in der sich seine Wohnung befand, stutzte er. Auf dem privaten Parkplatz vor dem Haus parkte ein ihm unbekannter PKW.
Das konnte unmöglich bereits ein Mitarbeiter der Wohnungsverwaltung sein, der die Wohnung reinigen wollte. Der PKW hätte an ihm vorbeigemusst und das hätte er bemerkt. Es handelte sich um ein neueres Modell eines großen Kombis und der Wagen trug keine Aufschrift einer Firma. Er vermutete daher, dass es sich um eine private Person handelte, die dort widerrechtlich geparkt hatte und zum Strand gegangen war. In der vergangenen Woche war das einige Male vorgekommen und es stellte auch grundsätzlich kein Problem dar. Er war der einzige Mieter im Haus und der Parkplatz war immer frei, da sein Wagen in Eemshaven stand.
Trotzdem beschleunigte er unwillkürlich seine Schritte. Als er nahe genug herangekommen war, konnte er das Kennzeichen lesen.
Es begann mit SU …
Die Buchstaben und Zahlen dahinter sagten ihm nichts. „SU“ bedeutete, der Wagen war eindeutig im Rhein-Sieg-Kreis zugelassen.
Sollte ihn jemand unverhofft besuchen wollen? Eine Überraschung womöglich?
Na, derjenige hätte kein Glück. Er hätte die Fahrt vergeblich unternommen. Er, Ronni, würde sich nicht aufhalten lassen. Er musste zurück nach Hause.
Als er noch näher herangekommen war, erkannte er hinter dem Steuer einen Mann. Dieser schien Ronni ebenfalls bemerkt zu haben und stieg aus.
Als Ronni nur noch fünf, sechs Meter von ihm entfernt war, blieb er stehen und betrachtete den Mann, der sich keinen Schritt von der noch geöffneten Autotür entfernte. Ronni musterte sein Gegenüber von Kopf bis Fuß. Nein, diesen Mann kannte er nicht.
Sein Gegenüber glotzte ihn mit starren Augen an, sagte aber kein Wort.
„Warten Sie auf mich?“, fragte Ronni, ohne sich dabei dem Mann weiter zu nähern.
„Ja natürlich, mein Freund. Erkennst du mich denn nicht mehr?“
Ronni kniff die Augen zusammen und musterte den Mann nochmals von oben bis unten. Ungefähr 1,90 Meter groß und breitschulterig. Unter seiner blau-weißen Windjacke wölbte sich unverkennbar der Bauch, so schien es jedenfalls. Der Mann hatte fast eine Glatze. Nur am äußeren Rand spross ein Kranz spärlicher Haare, die der Wind in alle Richtungen wehte. Sein Gesicht hatte eine unnatürlich rosa, ja fast rote Hautfarbe.
Nein, diesen Mann hatte er noch nie gesehen.
Diesen Mann kannte er nicht. Da war er sich vollkommen sicher.
„Nein, ich kenne Sie nicht. Wer sind Sie denn?“
„Aber Ronni, ich bin`s doch. Berti aus Bergheim.“
Mit diesen Worten löste sich der starre Blick, mit dem er sein Gegenüber anschaute und er eilte mit großen Schritten auf Ronni zu und schloss ihn in seine Arme.
„Bin ich froh, dass ich dich antreffe. Du hast dich überhaupt nicht verändert, mein Freund. Außer, dass du im Gesicht etwas dicker geworden bist.“
Ronni hatte keine Chance, der Umarmung von Berti zu entgehen, es sei denn, er hätte Gewalt angewendet. Aber das schien ihm im Augenblick etwas überzogen zu sein. So ließ er diesen Akt der Herzlichkeit über sich ergehen und sagte nichts.
„Erkennst du mich denn nicht mehr? Okay, ich habe ein paar Haare verloren. Aber sonst bin ich noch der Alte, so wie früher.“
Ronni konnte nicht glauben, was er da hörte. Von dem Berti, an den er sich erinnerte, waren nur die braunen Augen geblieben und die schienen auf dem besten Weg zu sein, von der fleischigen Umgebung verschlungen zu werden.
„Ja, ja, tatsächlich. Ich hätte dich fast nicht erkannt. Ich habe aber auch nicht damit gerechnet, dich hier zu treffen“, antwortete Ronni höflicher, als er eigentlich wollte.
„Da siehst du mal. Einmal Freund, immer Freund. Ich vergesse nie jemanden.“
Und wieder schlossen sich die Arme um den Oberkörper von Bertis Freund.
Als Ronni endlich wieder atmen konnte, stellte er ganz langsam und deutlich die für sich entscheidende Frage:
„Was … willst … du … hier?“
„Du wolltest mir doch helfen …“
„Nein, das wollte ich nicht. Ich wollte die Polizei anrufen“, unterbrach ihn Ronni scharf.
„Ja, ja. Ich weiß. Du hast dich am Telefon ein bisschen geziert. Da du nicht zu mir kommen konntest, komme ich zu dir. Und glaub mir, es war eine Scheißfahrt. Ich musste um 8:30 Uhr die Fähre in Emden erreichen und bin fast die ganze Nacht durchgefahren. Na ja, zumindest ab drei Uhr. Dann saß ich über zwei Stunden auf der Fähre herum. Und bevor ich losfuhr, musste ich doch noch alles in den Kofferraum verstauen – und das hat auch noch einige Zeit gedauert. Du verstehst?“
Berti machte eine kurze Pause um Luft zu holen, denn durch diesen Redeschwall wurde er atemlos, und seine Gesichtsfarbe hatte sich in tiefes Rot verwandelt.
Ronni nutzte diese kurze Pause.
„Dann bedeutet das, dass du die Polizei nicht angerufen hast?“
„Genau, habe ich nicht. Ich bin doch jetzt bei dir und du bist doch die Polizei, oder …?“
„Ja, natürlich. Daher habe ich auch meine Koffer gepackt und wollte heute mit der Fähre um 13:30 Uhr nach Hause fahren. Zu Hause werde ich mich um den Fall kümmern.“
„Das wolltest du für mich tun?“
Als Berti erneut auf Ronni zukam, um ihn wahrscheinlich erneut dankbar zu umarmen, streckte dieser die Arme aus und zeigt ihm damit an, auf Distanz zu bleiben.
„Damit ich die Fähre noch erreiche, werde ich jetzt meine Koffer in der Wohnung holen und du könntest mich zur Fähre fahren. Was hältst du davon?“
Ronni ging an Berti vorbei zur Haustür. Bevor er den Schlüssel ins Schloss steckte, blieb er wie angewurzelt stehen. Alle seine Bewegungen schienen eingefroren zu sein.
„Moment mal.“
Er drehte sich abrupt zu Berti um und starrte ihn mit bangem Blick an.
„Was ist mit Moni? Was hast du mit der Leiche gemacht?“
Berti bemerkte den ängstlichen Blick seines von ihm auserwählten Freundes und sagte gar nichts.
„Was hast du mit Moni gemacht?“, fragte Ronni noch eindringlicher und ging auf Berti zu, packte ihn mit beiden Händen an der Jacke und schüttelt ihn.
Bevor Berti antwortete, befreite er sich aus Ronnis Griff und ging schnell hinter das Heck seines Autos, als flüchtete er vor ihm.
„Die habe ich mitgebracht!“
Ronni konnte nicht glauben, was er soeben hörte.
„Du hast was? Du hast Monis Leichnam …“ Er hielt mitten im Satz inne und versuchte sich zu sammeln, bevor er nochmal mit dem Satz begann, den er vorher nicht beenden konnte.
„Du hast Monis Leichnam im Auto mitgebracht?“
Ronni lief auf Berti zu, um ihn erneut zu packen. Dieser achtete aber darauf, dass sein Auto immer zwischen ihm und dem aufgebrachten Freund blieb.
„Ja. Bleib endlich stehen und lass mich in Ruhe, dann zeig ich sie dir.“
„Das glaube ich jetzt nicht“, stöhnte Ronni und schüttelte immer wieder seinen Kopf, als wäre er ein kleines Kind, dem man sagt, dass es keinen Nikolaus gibt.
Er beugte sich zum Seitenfenster des Autos herunter und schaute in den Innenraum. Da lag keine Leiche.
„Hast du Moni im Kofferraum?“
„Ja, natürlich. Ich konnte sie doch nicht auf den Beifahrersitz setzen. Wenn du mich in Ruhe lässt, zeig ich sie dir.“
„Mach schon die Heckklappe auf.“
Ronnis anfängliche Bestürzung war jetzt in Wut umgeschlagen.
Berti ging zur Rückseite des Autos, wobei er den Blick nicht von Ronni abwendete. Als er die Heckklappe anhob, trat sein ehemaliger Freund neben ihn.
Vor ihnen lag ein in blauen Plastiksäcken verschnürtes großes Paket.
„Das darf doch wohl nicht wahr sein“, stöhnte Ronni.
„Ich glaube es nicht.“
Berti war zwei Schritte zurückgetreten und sagte gar nichts.
Ronni begann an den Plastiksäcken zu zerren. Er wollte feststellen, ob sich darin tatsächlich Moni befand. Doch das war schwierig. Er ertastete zwar etwas, das ein Kopf sein konnte, aber der Sack ließ sich nicht so einfach entfernen, da er mit einer Kordel fest verpackt war. Einfach den Sack aufreißen, dazu konnte er sich nicht überwinden. Das wäre ihm wie Leichenfledderei vorgekommen, wenn denn tatsächlich Moni in dem Sack steckte. Daher begann er umständlich die Knoten der Kordel zu lösen und danach vorsichtig den blauen Sack wegzuziehen.
Als Kommissar des Morddezernates hatte er bereits eine Menge Menschen gesehen, die auf die eine oder andere unschöne Art ums Leben gekommen waren. Die einen mehr, die anderen weniger mit Blut befleckt. Manche waren, vor allem, wenn es sich um Wasserleichen handelte, völlig entstellt. Immer musste er sich überwinden, den Körper anzusehen.
So war es auch in diesem Fall. Unwillkürlich wich er zwei Schritte zurück. Den blauen Sack in den Händen, starrte er die vor ihm liegende tote Frau aus einiger Entfernung an. Dann ein fast hilfesuchender Blick zu Berti. Doch der stand inzwischen mindestens zehn Meter entfernt, hatte sich abgewandt und schaute zu den Dünen hoch. Von ihm konnte er keine Unterstützung erwarten.
Ronni schaute in die weit aufgerissenen Augen der Toten, deren Bindehaut fast schwarz war. Er hatte Mühe, seinen Blick von den Augen abzuwenden. Das Gesicht der Toten war bleich und die Haut schien bereits total ausgetrocknet zu sein. An einigen Stellen der Wangen hatten sich rötliche Totenflecken gebildet. Wahrscheinlich durch den Druck des fest verschnürten Sackes.
Das sollte Moni sein? Diese hübsche, blonde Frau mit dem netten Lächeln. Der Tod hatte sie so entstellt, dass er nur wenig Ähnlichkeit mit der Frau feststellen konnte, die er gekannt hatte. In der jetzigen Situation erleichterte ihn dieser optische Abstand ein wenig.
Langsam näherte er sich wieder dem Kofferraum und somit der Toten. Er befühlte so behutsam wie möglich die Haut. Sie fühlte sich kalt an. Er wusste, das lag an der Erwartung, die der Mensch bei der Berührung nackter Haut hat. Es bedarf daher keiner großen Abkühlung, damit bereits ein unangenehmer kalter Eindruck entsteht.
Der Hals der Toten war mit ausgeprägten Würgemalen bedeckt. Das bestätigte Bertis Aussage, dass sie erwürgt wurde.
Dann versuchte er, den Körper ein wenig zu drehen, um den Arm der Toten zu bewegen und festzustellen, ob die Totenstarre bereits eingesetzt hatte. Doch sofort war ihm klar, dass die Totenstarre vollständig ausgeprägt war und er sah von seinem Vorhaben ab.
Nach seinen Erfahrungen wusste er, dass die Totenstarre nach etwa acht Stunden voll ausgeprägt war. Moni musste demnach mindestens acht, wenn nicht noch einige Stunden länger tot sein.
Ronni trat zurück und atmete mehrmals tief ein, bevor er sich zu Berti umdrehte und rief:
„Ich werde jetzt die hiesige Polizei anrufen. Die muss den Fall aufnehmen und die Spurensicherung hierherschicken.“
Sein früherer Freund gab keine Antwort. Er schaute weiterhin zu den Dünen hoch, als suche er dort im Sand nach einer Antwort oder Lösung für diese Situation.
Ronni ließ ihn in Ruhe, nahm sein Smartphone, entfernte sich ein Stück vom Auto und drehte sich mit dem Rücken zu Berti. Er wollte nicht, dass Berti sein Gespräch mit den Kollegen mithörte.
Er kannte natürlich die Rufnummer des Polizeireviers auf Borkum nicht, daher wählte er die Notrufnummer 110. Auch wenn „Not“ in diesem Fall vielleicht das falsche Wort war, denn ein Zustand des Mangels oder eine lebensbedrohliche Situation lag bei Moni bestimmt nicht mehr vor.
„Moin, was kann ich für Sie tun?“, fragte eine freundliche Frauenstimme am anderen Ende der Leitung.
Ronni schilderte die Situation, dass er nach Hause fahren wollte und sein Freund gerade mit dem Wagen angekommen sei und sich im Gepäckraum seines Wagens die Leiche einer Frau befand, die offensichtlich ermordet worden war.
Die Frau rang offenbar nach Luft. Ein Mord! So etwas hatte es auf Borkum scheinbar noch nicht gegeben.
Nachdem Ronni seinen Namen und die Adresse genannt hatte, gab die Beamtin ihm mit hörbar aufgeregter Stimme noch einen Hinweis, dessen erster Teil aber bereits zu spät kam:
„Rühren Sie nichts an und bleiben sie am Tatort. Meine Kollegen sind in wenigen Minuten bei Ihnen.“
„In Ordnung“, sagte Ronni und beendete das Gespräch.
Hätte er der Kollegin erklären sollen, dass er die Tote und den PKW bereits angefasst hatte und dass es sich hier nicht um den Tatort handelte?
Nein, das hätte nur zu unnötigen Fragen geführt und seine Glaubwürdigkeit untergraben. Er wollte das Eintreffen der Kollegen abwarten und dann die ganze Geschichte erzählen und erklären. Wobei er sich darüber klar war, dass ihm eine Erklärung schwerfallen würde. Aber wenn er dann klarmachen würde, dass er selbst ein Kriminalkommissar aus Bonn ist, würde sicherlich manche Erläuterung einfacher werden.
Ronni drehte sich um. Er wollte Berti von dem bevorstehenden Eintreffen der Polizei informieren. Aber sein früherer Freund war nirgendwo zu sehen.
Er lief nach rechts, nach links und in Richtung der Dünen. Berti war wie vom Erdboden verschwunden.
„Ist der Kerl doch tatsächlich abgehauen“, dachte er.
„Ist vielleicht doch nicht so unschuldig, wie er sich immer dargestellt hat. Na ja, weit kann er nicht kommen. Ohne Auto zur Fähre ist es sicherlich für ihn zu weit. Und schließlich ist Borkum eine Insel, die kann er nicht so schnell verlassen“, beruhigte er sich.
Die Polizeiwache befand sich im Zentrum von Borkum, direkt in der Fußgängerzone und war nur wenige hundert Meter von der Ferienwohnung entfernt. Ronni wartete neben Bertis PKW auf das Eintreffen der Borkumer Kollegen.
Nach gefühlt einer Minute bog der Streifenwagen mit Blaulicht in die Straße ein und hielt mit quietschenden Reifen nur wenige Meter vor Ronni an. Zum Glück hatten die Polizisten nicht das Martinshorn angestellt und schalteten auch das Blaulicht sofort aus. Daher blieb der von Ronni befürchtete Menschenauflauf erfreulicherweise aus.
Drei Beamte in Uniform sprangen fast gleichzeitig aus dem Wagen und rannten auf Ronni zu.
„Haben Sie uns angerufen? Wie heißen Sie? Wo befindet sich der Wagen mit der Leiche?“, schleuderten die Beamten ihre Fragen heraus.
„Nun mal langsam. Der PKW mit der Leiche steht hier.“
Ronni deutete mit der Hand auf Bertis Auto direkt neben sich.
„Und ja, ich habe Sie angerufen. Mein Name ist Ronni Kern. Ich …“
Weiter kam er nicht, die Polizisten liefen an ihm vorbei zum geöffneten Laderaum von Bertis PKW.
Alle drei beugten sich in den Laderaum, bis einer der drei einen Schritt zurückging und mit Kennerblick zu Ronni gewandt erklärte: „Die Frau ist tot!“
Die beiden anderen Polizisten schauten ebenfalls Ronni an und nickten zustimmend.
„Welch eine überraschende Erkenntnis!“, dachte Ronni, sagte aber nichts.
„Wieso liegt diese Frau in Ihrem PKW?“ fragte der Polizist, der anscheinend der Sprecher der drei war.
„Das ist nicht mein Wagen. Hören Sie …“
„Das hier ist nicht Ihr PKW? Wem soll das Auto denn gehören, wenn nicht Ihnen? Ich sehe hier niemand anderes.“
„Der PKW gehört Berti Dumm. Ich meine, Hubert Dumm.“
„Berti Hubert Dumm. So, so. Und wo ist dieser Berti Hubert Dumm?“
„Der ist abgehauen, als ich mit Ihrer Kollegin telefonierte.“
„So, so, abgehauen ist er. Es ist offensichtlich, dass die Frau erwürgt wurde. Der Täter war sicherlich auch dieser Berti Hubert Dumm.“
Provozierend lächelnd schaute der Polizist Ronni an.
„Wahrscheinlich nicht. Der Täter muss jemand anderes gewesen sein. Die Frau ist Bertis Freundin. Berti hat die Leiche mit seinem Wagen lediglich nach Borkum gebracht.“
„Hat die Leiche so einfach nach Borkum gebracht.“
Der Polizist stand Ronni bereits so nahe, dass dieser seinen Atem spüren konnte.
„Zu Ihnen wahrscheinlich, um sie mit Ihnen zusammen in den Dünen zu verscharren? Mann, ich glaube Ihnen kein Wort. Festnehmen!“
Die beiden anderen Beamten stürzten sich auf Ronni, als hätten sie nur auf diesen Befehl gewartet. Ehe sich dieser versah, waren seine Hände auf dem Rücken mit Handschellen gefesselt.
„So, jetzt wollen wir uns einmal Ihren Ausweis ansehen.“
Die beiden Polizisten tasteten den Festgenommenen ab und fanden sofort seine Geldbörse und den darin befindlichen Personalausweis.
„Mensch Männer, was soll das. Ich bin doch auch Polizist. Kriminalkommissar in Bonn.“
„Ja, ja und ich bin der Sohn des Papstes. Wo ist denn Ihr Dienstausweis? Ich finde keinen.“
Der Sprecher der drei Polizisten hatte die Geldbörse an sich genommen und suchte direkt vor Ronnis Augen nach dem Dienstausweis.
„Den habe ich nicht dabei. Ich bin hier auf Borkum in Urlaub.“
„So, so. In Urlaub. Hier auf Borkum. Kennen Sie die Tote?“, fauchte der Polizist ihn an, dass Ronni eine Salve seiner feuchten Aussprache abbekam.
„Ja, das ist Monika Stark.“
„Woher kennen Sie die Frau, wenn sie doch angeblich im PKW von diesem Dumm liegt?“
„Wir waren einmal befreundet.“
„So, so, befreundet waren Sie einmal. Und jetzt ist sie tot und dieser Dumm verschwunden. Welch ein Zufall.“
„Ich habe die Papiere. Sie lagen im Handschuhfach.“
Einer der beiden anderen Polizisten reichte dem Sprecher der dreien ein kleines Plastiketui.
„Ich sehe, der PKW ist nicht auf diesen ominösen, angeblich verschwundenen Dumm zugelassen, sondern tatsächlich auf eine Monika Stark, unserer Leiche. Wie erklären Sie sich das?“
„Keine Ahnung. Dann ist es halt der Wagen von Moni. Auf jeden Fall ist Berti mit dem Wagen nach Borkum gekommen.“
„Wo ist eigentlich Ihr Wagen?“
„Der steht in Eemshaven. Ich habe hier auf Borkum kein Auto.“
„So, so. In Eemshaven. Soll ich Ihnen sagen, was hier geschehen ist?“
„Da bin ich aber mal gespannt“, entgegnete Ronni und stellte sich demonstrativ lässig vor den Polizisten.
„Sie sind mit dieser Frau in deren PKW nach Borkum gekommen. Es kam zum Streit und Sie haben sie dabei erwürgt. Dann haben Sie sie in den PKW gelegt und wollten Sie irgendwo verscharren. So war es. Punkt.“
„Nein, so war es nicht. Wieso habe ich Sie denn angerufen?“
„Keine Ahnung. Vielleicht waren Sie das gar nicht. Vielleicht hat Sie jemand beobachtet, der Sie kennt und hat uns dann angerufen.“
„Das ist doch völliger Unsinn. Ich bin selbst Polizist …“
„Der sich nicht ausweisen kann.“
Der Beamte lachte herausfordernd laut.
„Bringt den Mann zur Wache und sperrt ihn ein. Dann ruft ihr die Spurensicherung und fordert den Kommissar aus Emden an. Danach kommt ihr wieder hierher. Ich warte dann hier“, wies er seine beiden Kollegen an, die Ronni packten und ihn in den Polizeiwagen verfrachteten.
„Das dauert doch bestimmt ewig, bis die Spurensicherung hier ist. Sie können mich doch nicht solange einsperren.“
„Doch das können wir. Sicherungsgewahrsam heißt das Zauberwort. Außerdem werden der Kommissar und die Kolleginnen und Kollegen der Spurensicherung eingeflogen. So einfach geht das hier bei uns“, antwortete der Polizist, der sich neben Ronni auf den Rücksitz setzte.
Ab ging die Fahrt zur Borkumer Polizeiwache.
5

„Ist schon gut, mein altes Frauchen. Lass uns eine Runde drehen, dann geht es dir wieder besser“, sagte Franz Zimmermann zu seiner alten Golden Retriever Hündin.
Nelli war elf Jahre alt und die Haare um ihre Schnauze waren bereits ein wenig grau. Immer wieder lief sie zur Wohnungstür, um ihrem Herrchen anzuzeigen, dass sie raus musste.
Franz Zimmermann war Witwer. Seine Frau war vor drei Jahren verstorben, als sie gerade einmal dreiundsechzig Jahre alt gewesen war. Nelli war seine einzige Ansprechpartnerin zu Hause. Seitdem er in Rente war, benötigte er nicht mehr so viel Schlaf, wie zu Zeiten, als er noch beschäftigt gewesen war. Seitdem er allein lebte, begann sein Tag um 5:30 Uhr. Täglich ging er spätestens um sechs mit Nelli Gassi, egal bei welchem Wetter. Den Rest des Tages beschäftigte er sich mit Hausmeistertätigkeiten im Mehrfamilienhaus, in dem er wohnte. Dafür hatte ihm der Vermieter einen Abschlag der Miete eingeräumt. Im Sommer fielen die Arbeiten wie Rasenmähen, Hecken schneiden oder Fegen der gepflasterten Eingangsflächen und des Bürgersteigs an. Im Winter war er für das Fegen vom Schnee zuständig oder erledigte kleinere Reparaturen im Haus. Er war als guter Geist der Hausgemeinschaft bekannt und beliebt. Oft nahmen die Mieter oder sogar die Nachbarn sein Geschick und seine Fähigkeiten für ein kleines Entgelt in Anspruch.
Franz zog sich seine warme Winterjacke an, denn um diese Uhrzeit war es morgens nicht nur dunkel, sondern auch noch recht frisch draußen. Sein Weg sollte wie jeden Morgen durch den Ort hinunter bis zum Siegufer an der Siegfähre führen. Hier konnte Nelli nach Herzenslust toben und ins Wasser gehen.
Beim Verlassen des Hauses war die Straße menschenleer, schließlich war es Sonntag und es herrschte kein werktägiger Berufsverkehr.
Als er um die Hausecke bog, sah er im spärlichen Licht der Straßenbeleuchtung, wie am Ende der Straße eine Person in den Vorgarten eines Hauses stieg. Das plötzliche Klirren der Fensterscheibe erschreckte ihn und Nelli. Franz wusste sofort, dass hier etwas geschah, das nicht rechtens war. Als er dann einen Feuerschein in Richtung der Hausfassade fliegen sah, beschleunigte er seine Schritte und rief: „He, was machen Sie da?“
Er erhielt keine Antwort. Das hatte er auch nicht erwartet. Stattdessen lief die Person über die Straße, sprang in einen PKW und raste mit quietschenden Reifen davon.
Noch bevor er das Haus erreichte, sah er, dass die Vorhänge und die Gardinen bereits Feuer gefangen hatten. Franz lief das letzte Stück und riss noch während er lief, sein Smartphone aus der Hosentasche. Als er das Haus erreichte, blieb er kurz stehen und wählte die 112 der Feuerwehr. Dann stürmte er zur Haustür und klingelte bei allen Mietparteien Sturm. Es dauerte wenige Augenblicke, bis der Türsummer mehrfach ertönte. Zu Nelli sagte er nur kurz und bestimmt
„Platz“. Er wusste, sie würde sich nicht von der Stelle rühren. Dann lief er in den Hausflur.
„Hilfe, es brennt im Haus! Hilfe!“
Er vernahm, wie sich mehrere Wohnungstüren öffneten und wie immer lauter werdendes Stimmengewirr erklang.
„Kommen Sie sofort aus Ihren Wohnungen! Wer einen Feuerlöscher hat, bringt ihn mit!“, rief er aufgeregt.
Mehrere Männerstimmen riefen, dass sie kommen würden. Bereits nach wenigen Sekunden kam ein junger Mann mit einem Feuerlöscher die Treppe hinuntergerannt. Die letzten Stufen übersprang er.
„Wo brennt es?“, rief er und schaute sich nach allen Seiten um.
„Hier im Parterre.“
Franz zeigte mit der Hand zur entsprechenden Tür.
Der junge Mann lief zur Tür und rüttelte am Türknauf. Die Tür war verschlossen.
„Kommen Sie mit nach draußen. Das Fenster wurde eingeschlagen. Wir müssen von dort versuchen, das Feuer zu löschen. Die Feuerwehr wird bestimmt auch jeden Augenblick da sein.“
Franz eilte hinaus. Der Mann mit dem Feuerlöscher folgte ihm. Ohne auf eine Anweisung zu warten, kletterte der junge Mann auf einen Mauervorsprung unterhalb des Fensters. Von dort betätigte er den Feuerlöscher. Immer weiter lehnte er sich in das Fenster hinein, bis die Löschkraft des Feuerlöschers erschöpft war. Trotzdem konnte er das Feuer an Gardinen und Vorhängen vollständig löschen. Allerdings brannte es inzwischen im Inneren des Zimmers. Es handelte sich um das Schlafzimmer der Wohnung und wahrscheinlich hatte das Bett Feuer gefangen.
Sowohl Franz als auch der junge Mann hatten durch ihre Anspannung und Adrenalinausschüttung nicht bemerkt, dass die Feuerwehr eingetroffen war.
Die Feuerwehrleute hatten Atemschutzmasken angelegt und rannten mit mehreren Feuerlöschern und mit einer Leiter zum Fenster, wo zwei Männer in Windeseile einstiegen.
Nach vielleicht einer Viertelstunde war das Feuer gelöscht.
„Gute Arbeit geleistet, Männer. Können Sie uns schildern, wie der Brand entstanden ist?“, fragte der Leiter des Löschzugs Franz und den jungen Mann, der frierend neben Franz stand.
Franz zog seine Jacke aus und legte sie dem jungen Mann um die Schultern. In seinem dicken Pullover war ihm warm genug. Inzwischen standen alle anderen Bewohner des Hauses und Menschen aus der Nachbarschaft auf dem Bürgersteig.
„Gerne“, erwiderte Franz und zum jungen Mann sagte er: „Geh du mal rein und zieh dir etwas Warmes an, sonst holst du dir noch eine Erkältung.“
Der Mann befolgte dankbar den Rat. Franz folgte währenddessen dem Feuerwehrmann zu seinem Einsatzwagen und berichtete, was er gesehen hatte.
Inzwischen war auch die Polizei eingetroffen, denen Franz und sein junger Helfer, der sich inzwischen eine warme Jacke übergezogen hatte, ebenfalls ihre Story erzählen mussten.
Sowohl die Polizei, als auch der Einsatzleiter der Feuerwehr lobten die umsichtige Handlungsweise von Franz und selbstverständlich auch den mutigen Einsatz des jungen Mannes. Dadurch sei ein Übergreifen des Feuers auf das Haus und die übrigen Wohnungen vermieden worden.
Die beiden Männer waren unbestritten in Bergheim die Helden des frühen Morgens. Auch Nelli wedelte freudig mit dem Schwanz, da sie ihr Herrchen wieder für sich hatte.
6

Die eiserne Tür der einzigen Zelle der Polizeiwache schloss sich quietschend hinter Ronni. Ein Zeichen dafür, dass die Zelle nicht oft genutzt wurde.
Der Raum war länglich und nicht sehr groß. Am Ende sickerte durch ein hochgelegenes, vergittertes Fenster ein wenig des letzten Lichts des Tages hinein. Gerade einmal so viel, dass er seine neue Unterkunft in Augenschein nehmen konnte.
Eine Art Feldbett, ein kleiner, schmuckloser Tisch, zwei Stühle. Eine Deckenlampe und eine Leselampe über dem Bett. In einer Ecke, durch eine mobile Wand vom übrigen Raum abgeschirmt, eine Nasszelle mit Toilette und Waschbecken. Die Wände und der Boden waren einheitlich mit hellen Fliesen gekachelt. Wahrscheinlich diente die Zelle auch als Ausnüchterungszelle.
Ronni legte sich resigniert auf das Bett.
„Na, das ist ja toll. Jetzt liege ich hier in einer Ausnüchterungszelle auf einer Pritsche und starre gegen die Decke“, dachte er.
Bevor er eingesperrt wurde, hatte er noch darum gebeten, ein Telefonat zu tätigen. Er wollte Frank Eisenstein, seinen Kollegen, anrufen. Der würde den hiesigen Beamten in seiner dominanten Art sicherlich klarmachen, dass sie den falschen Mann festhielten. Aber die Polizisten vor Ort wollten zuerst die Ankunft des Kommissars aus Emden und dessen Einschätzung abwarten. Hierzu wiederum sollten die Ergebnisse der Spurensicherung herangezogen werden.
Bisher war Ronni das ausführende Organ, das Menschen in Gewahrsam nahm. Zum ersten Mal in seinem Leben befand er sich selbst als Verdächtiger eines Verbrechens in Polizeigewahrsam und spürte am eigenen Leib und eigener Seele, was Menschen in dieser Situation fühlen.
Nie hätte er gedacht, dass er in eine solche Lage geraten würde. Einfach nur deprimierend.
Er haderte mit sich. Wie konnte er sich nur so unprofessionell verhalten? Hatte seinen Dienstausweis zu Hause liegen gelassen. Ließ sich von Streifenpolizisten einfach festnehmen.
„Wie konnte ich mir das gefallen lassen?“, schimpfte er in Gedanken mit sich.
Wo war sein selbstsicheres Auftreten geblieben? Was hatte er nur für tölpelhafte Antworten und Erklärungen gegeben. Den Polizisten blieb doch gar nichts anderes übrig, als ihn mitzunehmen und einzusperren. Was hätte er an ihrer Stelle unternommen? Wahrscheinlich das Gleiche.
„Ich bin tatsächlich in Urlaubsstimmung und habe meine Tätigkeit als Kommissar wahrscheinlich vergessen“, versuchte er, sich vor sich selbst zu entschuldigen.
Aber was soll`s. Wenn er Eisenstein angerufen hatte, würde der dafür sorgen, dass er mit erhobenem Haupt die Polizeiwache verlassen könnte.
Er schaute auf seine Armbanduhr, die man ihm „aus Güte“, wie sie gesagt hatten, gelassen hatte. Fast neunzehn Uhr. Draußen war es jetzt bereits dunkel. Und noch immer hatte sich der Kommissar aus Emden nicht bei ihm gemeldet. Und noch immer durfte er Eisenstein nicht anrufen.
Er sprang auf und trommelte mit den Fäusten gegen die Tür. Einer der drei Polizisten von vorhin öffnete.
„Machen Sie nicht solchen Lärm. Das hilft Ihnen auch nicht.“
„Ich hätte gerne den Kommissar aus Emden gesprochen. Außerdem möchte ich meinen Kollegen in Bonn anrufen. Der wird Ihnen bestätigen, dass ich Kriminalkommissar bin.“
„Das geht jetzt nicht. Der Kommissar ist noch beschäftigt. Ihre Fingerabdrücke müssen noch mit den Abdrücken, die wir auf dem Sack, in dem die Leiche lag, und den Abdrücken im und am PKW verglichen werden. Wenn wir alle Ergebnisse der Spurensicherung ausgewertet haben, wird der Kommissar mit Ihnen sprechen. Dann können Sie auch Ihren angeblichen Kollegen anrufen.“
„Und wie lange dauert das noch?“
„Heute gibt das nichts mehr. Es ist schließlich Sonntag. Der Kommissar ist noch in Emden. Außerdem ist wieder Sturm aufgezogen und ansonsten ist es bereits dunkel. Daher fliegt der Hubschrauber heute nicht mehr.“
Mit diesen Worten verschloss er die Zellentür und Ronni war wieder allein.
In der folgenden Nacht schlief er nur wenig. Zum einen war es der Sturm, der um das Gebäude wehte, zum anderen ließen ihn seine Gedanken nicht schlafen. Die meiste Zeit lag er wach auf seinem Bett, schaute zu den wenigen Sternen, die er durch das Fenster erblicken konnte und ließ seine Gedanken wandern.
Isabelle, mit der er jahrelang glücklich gewesen war, tauchte in seinen Erinnerungen auf. Dann dieser verdammte Seitensprung mit Lisa Brenner, seiner Kollegin, die später von einem Verrückten ermordet wurde. Seine Ehe mit Isabelle war danach nicht nur zu Ende, nein, Isabelle hatte auch noch tatenlos zugesehen, wie er in den Bergen auf Mallorca nur knapp einen Mordanschlag überlebt hatte.
Und jetzt Moni, eine ehemalige Freundin aus seiner „wilden Zeit“, wie er die damalige Zeit in seinen jungen Jahren selbst nannte.
Er musste schnellstens mit Eisenstein sprechen und hier raus. Bevor er wieder in Bonn sein würde, könnte Eisenstein bereits mit den Ermittlungen beginnen. Er würde die Wohnung von Berti in Bergheim finden und alle Spuren sichern. Damit er den Verdacht gegen ihn tatsächlich entkräften konnte, musste er den wirklichen Täter finden, der Moni erdrosselt hatte.
Dann war da noch Berti. Die Polizei sollte ihn unbedingt auf Borkum finden. Auf keinen Fall durfte er mit der ersten Fähre am Morgen die Insel verlassen.
Er sprang auf und donnerte erneut mit den Fäusten gegen die Tür. Es war gerade einmal fünf Uhr.
Ein Polizist, den er bisher noch nicht gesehen hatte, öffnete die Tür und sah ihn mit verschlafenen Augen an.
„Was soll der Lärm? Wieso schlafen Sie nicht?“
„Wie soll ich schlafen, wenn mir niemand glaubt und der einzige Mensch, der meine Geschichte bezeugen kann, sich auf der Insel versteckt und wahrscheinlich um acht Uhr mit der ersten Fähre verschwindet? Sagen Sie Ihrem Chef, dass er unbedingt den Zugang zur Fähre überwachen und diesen Berti Dumm daran hindern soll, die Insel zu verlassen.“
„Wer soll das denn sein, Berti Dumm? Habe nie von ihm gehört. Wie sieht der denn aus?“
„Ihr Chef weiß, wer das sein soll. Hören Sie zu und schreiben Sie sich das genau auf und rufen Sie Ihren Chef an. Hubert, genannt Berti Dumm ist circa 1,90 Meter groß, breitschultrig, wahrscheinlich dicken Bauch und rosafarbige Gesichtshaut. Dann hat er nur noch einen Haarkranz und er trägt eine Jeans und eine blau-weiße Windjacke.“
Der Mann hatte sich einen Zettel besorgt und schrieb Ronnis Angaben gewissenhaft auf.
„Und rufen Sie sofort Ihren Chef an. Er darf diesen Mann nicht entkommen lassen.“
„Ja, mach ich. Hoffentlich reißt mein Chef mir nicht den Kopf ab, wenn ich ihn so früh am Morgen anrufe. Er hat schließlich gestern noch lange bis in die Nacht gearbeitet und will sicher heute ausschlafen.“
„Danke. Sagen Sie mir Bescheid, was Ihr Chef unternimmt?“
„Ja, ja. Kann ich machen. Jetzt bin ich sowieso wach und kann nicht mehr schlafen. Um acht Uhr kommen die Heike und die anderen Kollegen.“
Die Heike wird wohl die Frau in der Zentrale sein, dachte Ronni und die Bekanntschaft mit den anderen Kollegen hatte er leider zur Genüge „genossen“.
Die Tür fiel wieder ins Schloss und er legte sich erneut auf sein Bett und wartete. An Schlaf war nicht zu denken.
Es war gerade einmal eine halbe Stunde vergangen und der Kollege aus dem Nachtdienst öffnete wieder die Zellentür.
„Moin, moin. Hab` mit dem Chef gesprochen. Der war vielleicht sauer, dass ich so früh angerufen habe. Dann aber hat er gesagt, dass dieser Kerl … wie heißt er nochmal?“
„Berti Dumm.“
„Also, dass dieser Berti Dumm, wenn es ihn denn geben sollte, die Insel nicht verlassen wird. Dafür würde er sorgen.“
„Vielen Dank, dann bin ich beruhigt.“
Und schon war die Tür wieder geschlossen.
Ronni kam es vor, als wenn die Zeit wie im Schneckentempo verging. Manchmal nahm er Geräusche wahr, die er nicht deuten konnte. Manchmal war da nur die Stille. Trotz aller widrigen Umstände fiel er irgendwann in einen traumlosen Schlaf.
Erst als der Polizist, der auf der Hinfahrt neben ihm im Polizeiauto gesessen hatte, ihn an der Schulter rüttelte, schlug er die Augen auf. Mit einem Ruck setzte er sich aufrecht auf das Bett. Er schaute auf seine Uhr. Montag, acht Uhr dreißig.
Im Türrahmen stand ein Mann, den er nicht kannte. Groß, sportlich, vielleicht um die fünfzig. Leger gekleidet: blaue Jeans, einfaches, schwarzes T-Shirt. Auffallend waren seine hellen, blauen Augen.
Auf den ersten Blick war der Mann Ronni sympathisch. Menschen mit stahlblauen Augen sind meisangeblichtens besonders ordentlich, absolut pünktlich und zuverlässig, hatte er einmal gelesen. Diese Charaktereigenschaften mochte er sehr.
„Ich bin Hauptkommissar Hajo Martens. Wir sollten uns einmal unterhalten.“
Und zu dem Polizisten gewandt: „Bringen Sie den Mann ins Verhörzimmer.“
Der Polizist fasste Ronni am Oberarm und führte ihn durch einen kurzen Flur zum Verhörzimmer. Als Ronni das Zimmer betrat, fühlte er sich fast wie im Präsidium in Bonn.
Wahrscheinlich sehen die Verhörzimmer in ganz Deutschland ähnlich aus, dachte er.
„Setzen Sie sich.“
Ronni wusste, was jetzt folgen würde: Das Gespräch wird aufgenommen, sagen Sie Ihren Namen, Geburtsdatum, Anschrift, Beruf und so weiter.
Und genau so begann dann auch das Gespräch. Lediglich als er seinen Beruf als Hauptkommissar in Bonn nannte, konnte sich sein Gegenüber ein ungläubiges Grinsen nicht verkneifen.
Ronni kam sich vor wie ein Schwerverbrecher.
„So, nun berichten Sie, was geschehen ist. Von Anfang an, langsam und ausführlich. Versuchen Sie erst gar nicht, zu lügen und sich eine Geschichte zurechtzubasteln. Sie würden sich nur in Widersprüche verstricken und ich merke sofort, wenn jemand lügt.“
Ronni begann mit dem Anruf von Berti und erzählte dem Kommissar möglichst emotionslos und sachlich, was geschehen war. Der Kommissar hörte konzentriert zu und unterbrach ihn nicht ein einziges Mal.
„So, nun kennen Sie den gesamten Ablauf. Sie haben doch bestimmt Erkundigungen eingezogen und wissen, dass ich wie Sie Kommissar bin und in der Dienststelle in Bonn arbeite.“
„Ja, haben wir. Und das macht die Sache nicht leichter. Die Tatsache, dass Sie bei der Polizei beschäftigt sind, schließt nicht aus, dass Sie Frau Stark erdrosselt haben.“
„Das kann doch wohl nicht wahr sein.“
Ronni sprang von seinem Stuhl auf. Mit seiner Emotionslosigkeit war es vorbei.
Aufgeregt wanderte er im Raum hin und her, fluchte und ergoss Beschimpfungen über die Borkumer und Emdener Polizei. Zum Glück nicht so laut, dass der Kommissar sie verstehen konnte. Vielleicht wollte er die Unmutsäußerungen auch nicht verstehen.
„Setzen Sie sich wieder hin“, sagte Kommissar Martens in ruhigem Tonfall, nachdem Ronnis erste Wut verpufft zu sein schien.
„Die Spurensicherung ist mit der Untersuchung der Leiche und des PKWs inzwischen fertig. Und siehe da, überall sind Ihre Fingerabdrücke. Außen am Lack, rund um die Ladefläche, auf den Plastiksäcken, in denen die Leiche eingewickelt war. Außerdem haben wir Haare und jede Menge Hautschuppen gefunden, die nicht der Leiche zugeordnet werden konnten. Wahrscheinlich sind die ebenfalls von Ihnen. Der DNA-Abgleich steht allerdings noch aus.“
„Selbstverständlich finden Sie meine Fingerabdrücke. Ich habe doch gar nicht bestritten, den PKW, das Innere des Autos und die Plastiksäcke sowie die Leiche angefasst zu haben. Aber Sie haben doch bestimmt auch Fingerabdrücke gefunden, die Sie nicht zuordnen konnten?“
„Natürlich, jede Menge. Insbesondere im Inneren des Autos. Also Lenkrad, Armaturenbrett, Sitze und so weiter. Aber auf den Säcken sind nur Ihre.“
„Dann hat Berti wahrscheinlich Handschuhe getragen, als er die Frau in den Wagen geschafft hat.“
„Möglich. Aber noch wissen wir nicht, ob es diesen Berti überhaupt gibt. Tatsache ist: Sie waren als Einziger beim Eintreffen der Kollegen am Auto, wir haben Ihre Fingerabdrücke gefunden und Sie kennen die Frau. Laut Ihrer eigenen Aussage war sie sogar einmal Ihre Freundin.“
„Ja, sie war meine Freundin und ich meine tatsächlich ‚war‘. Das ist ewig her.“
„Aufgrund der Untersuchung der Leiche und anhand der Totenflecken und Leichenstarre konnten wir feststellen, dass die Frau wahrscheinlich am Samstag zwischen siebzehn und zwanzig Uhr ermordet wurde und danach die letzten zehn Stunden im Laderaum des Autos gelegen hat. Alles in allem muss ich sagen: Es sieht nicht gut für Sie aus.“
„Dann möchte ich meinen Kollegen Frank Eisenstein anrufen.“
„Okay, genehmigt. Aber wäre es nicht besser, einen Anwalt anzurufen?“
„Einen Anwalt? Nein, ich benötige keinen Anwalt. Ich bin kein Mörder. Frank wird das alles klären.“
Der Polizist, der unbeweglich neben der Tür gestanden hatte, führte Ronni in einen kleinen Raum, in dem sich lediglich ein leerer Schreibtisch, davor ein hölzerner Stuhl und dahinter ein Drehstuhl befand. Auf dem Schreibtisch stand ein altmodisches Telefon.
„Hier können Sie anrufen. Wählen Sie zuerst die Null, dann die Telefonnummer, die Sie anrufen möchten. Ich warte vor der Tür.“
Ronni war froh, dass er allein und ungestört Eisenstein anrufen konnte und wählte seine Handynummer, die er auswendig kannte.
„Hallo Frank, hier ist Ronni.“
„Nein, es geht mir nicht gut und mein Urlaub ist zu Ende“, antwortete er auf die Frage, wie es ihm gehe.
Eisenstein fragte sofort nach, was denn los sei.
„Das ist eine lange Geschichte. Ich benötige schnellstens deine Hilfe.“
„Du brauchst meine Hilfe? Ich dachte du wärst in Urlaub. Dann schieß mal los mit deiner Geschichte. Ich habe Zeit.“
„Okay, hör zu. Ich gebe dir eine Kurzfassung.“
Er berichtete seinem Freund und Kollegen in knappen Sätzen was vorgefallen war und dass er in der Borkumer Polizeiwache im Gefängnis saß.
„Versuche alles über diesen Berti, mit richtigem Namen Hubert Dumm und seiner Freundin Moni oder Monika Stark in Erfahrung zu bringen. Dann schau dir die Wohnung von Berti an – irgendwo in Bergheim.“
„Moment mal,“ stutzte Eisenstein.
„Da hat es gestern am frühen Morgen einen Brandanschlag in einer Wohnung in Bergheim gegeben. Soviel ich mitbekommen habe, untersuchen die Kollegen sogar, ob es sich um ein Attentat mit rechtsradikalem Hintergrund handelt. Der Mieter war nicht zu Hause und seinen Aufenthalt konnte man noch nicht ermitteln. Hoffentlich ist das nicht die Wohnung von diesem Berti. Ich kümmere mich darum und morgen bin ich bei dir auf Borkum und hol dich da raus.“
„Die Wohnung ist ausgebrannt? Das wird ja immer toller.“
„Abwarten. Ich weiß nichts Genaues. Morgen früh bin ich bei dir und kann dir Näheres sagen. Vielleicht schaffe ich es noch bis heute Abend, falls ich eine Fähre bekomme. Wenn das klappt und wenn ich richtig Gas gebe, bin ich in dreieinhalb Stunden in Emden.“
„Danke, Frank.“
„Ist doch selbstverständlich. Und halt den Kopf hoch. Die spinnen doch, dir einen Mord zuzutrauen. Das ist doch Schwachsinn.“
„Ich weiß, es ist Schwachsinn. Aber trotzdem sitze ich hier im Gefängnis. Im Moment habe ich keine Ahnung, wie es weitergehen wird.“
„Mach dir keine Sorgen. Ich bin bald da und hole dich da raus.“
Leicht zu sagen: Mach dir keine Sorgen, dachte Ronni.
Aber er kannte Eisenstein lange genug um zu wissen, dass das seine Art war. Immer optimistisch, kein unnötiges Gerede, keine Sentimentalitäten, nur Fakten zählten und danach handeln – sofort, ohne Wenn und Aber.
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