Kitabı oku: «Freitod»

Yazı tipi:

Heribert Weishaupt

Freitod

Ein Troisdorf-Krimi


Heribert Weishaupt

Freitod

Ein Troisdorf-Krimi

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ISBN 978-3-96136-120-5

E-Book 978-3-96136-121-2

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Inhalt

Über den Autor

Personen

Wie alles begann …

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Anmerkung und Dank

Über den Autor:

Heribert Weishaupt wurde 1949 in Stolberg im Kreis Aachen geboren. Über vierzig Jahre arbeitete er in der deutschen Sozialversicherung im Bereich Krankenversicherung. Mit Beginn des Ruhestandes erfüllte er sich seinen Wunsch und begann mit dem Schreiben von Kurzgeschichten und Kriminalromanen. Dies ist sein siebter Kriminalroman.

Heribert Weishaupt ist verheiratet und hat zwei Söhne und vier Enkelkinder. Seit über vierzig Jahren lebt er in Troisdorf im Rhein-Sieg-Kreis.

So mancher geht fort,

um ins Wasser zu springen,

kehrt aber wieder um,

weil es regnet.

Unbekannter Verfasser

Auch der Tod wird manchmal überrascht –

durch Selbstmörder.

Unbekannter Verfasser

Personen


Ronni Kern Hauptkommissar im Kriminalkommissariat in Bonn
Frank Eisenstein pensionierter Hauptkommissar
Sybille Baum Sekretärin von Ronni Kern und Frank Eisenstein
Susie Freundin von Ronni Kern
Susanne Ohlrogge Freundin von Frank Eisenstein
Julia Tochter von Frank Eisenstein
Jochen Lippmann Firmeninhaber und Kanufahrer
Margret Lippmann Ehefrau von Jochen Lippmann
Sarah Tochter von Jochen und Margret Lippmann
Mike Brünner Freund von Sarah Lippmann
Sven Jürgens Geschäftsführer in Jochen Lippmanns Firma
Herr Stierwald Vermieter von Mike Brünners Wohnung
Arnold Schregel Jäger und Eigentümer einer Hütte im Krabachtal
Jo Ullmann Neuer Mieter der Hütte im Krabachtal
Caroline Schwester in der Reha-Klinik in Bad Oeynhausen

Wie alles begann …

Im Rhein-Sieg-Kreis …

In Troisdorf oder in einem anderen Ort …

Vielleicht in der Straße, in der Sie wohnen.

Sie konnte ihn riechen. Seinen Schweiß, seine ungewaschenen Haare, seine Bierfahne.

Das war natürlich nicht möglich. Sie wusste, er war nicht mehr da. Sie war allein im Zimmer.

Aber der Ekel war allgegenwärtig.

Dann diese Furcht, dass er wiederkommen würde. Noch betrunkener als vorher. Wieder Schläge, wieder Gewalt, wieder diese schreckliche Erniedrigung. Sie würde es nicht noch einmal ertragen können.

Die Rollladen waren heruntergelassen. Die Dunkelheit im Zimmer steigerte noch die Ungewissheit, die Angst. Nur durch den Spalt unter der Tür drang ein Hauch von Licht ins Zimmer.

Sie wollte schreien. Manchmal half das, aber sie hatte Furcht vor den unberechenbaren Folgen.

Ihr Unterleib brannte, ihr Kehlkopf schmerzte jedes Mal, wenn sie schluckte.

Zu Beginn hatte sie so getan, als ob sie mitmachte, damit nicht noch Schlimmeres passierte. Als er ihre Arme ans Bett fesselte und ihr die Luft abdrückte, um seine und ihre vermeintliche Erregung noch zu steigern, wartete sie nur darauf, dass es vorbeigehen würde. Endgültig.

Irgendwann war es vorbei. Er hatte das Zimmer verlassen und sie hörte, wie er den Fernseher einschaltete. Abartig!

Dann klingelte es und sein Freund kam.

Er bot sie an wie eine Prostituierte. Die Erniedrigung war schlimmer als die Schmerzen, die er ihr zuführte.

Hämisch sagte er: „Als Lohn für deine Dienste.“

Dann tätschelte er ihre Wange und löste ihr als Belohnung die Fessel einer Hand.

Danach war nichts mehr so, wie vorher. Sie war wie gelähmt und konnte nicht aufstehen. Sie löste die Fessel der anderen Hand, hielt den Kopf aus dem Bett und erbrach sich.

In ihrem Kopf rasten die Gedanken durcheinander. Sie hatten sich doch einmal geliebt. Wie konnte es so weit kommen? Hätte sie das vorhersehen müssen? Hatte sie die Signale einfach nicht bemerkt oder hatte sie sie ignoriert? Womöglich war sie selbst schuld? Sie versuchte zu verstehen, was geschehen war – ein unmögliches Vorhaben.

Ein Gedanke kristallisierte sich heraus: Sie musste hier heraus, einfach nur weg.

Sie erhob sich und versuchte, die Schmerzen zu ignorieren. Sie kleidete sich so schnell wie möglich an, öffnete die Tür zum Wohnzimmer, durchquerte es und rannte aus der Wohnung. Sie hörte nicht die obszönen Worte, die Mike und sein Freund hinter ihr herriefen.

Schweißnass erreichte sie ihr Auto, startete den Motor und fuhr los. Sie hatte kein Ziel, sie wollte nur weg. Wohin war ihr gleich. Sie bog rechts ab, dann links ab, dann noch einmal links ab. Sie fuhr zu schnell. Die Ampel, die Rot zeigte, übersah sie. Zum Glück waren um diese Uhrzeit kaum Fahrzeuge unterwegs. Manchmal verschwamm die Fahrbahn vor ihren tränenvollen Augen.

Sie war völlig durcheinander.

Die Energie, die sie aufgebracht hatte, als sie die Wohnung fluchtartig verließ, war verpufft. Eine maßlose Traurigkeit und Selbstzweifel machten sich breit. Inzwischen war sie davon überzeugt, dass sie selbst schuld war. Sie fühlte sich schmutzig und nutzlos.

Ihres Freundes wegen hatte sie alle Freundschaften vernachlässigt, manche sogar aufgegeben. Jetzt war sie allein, mutterseelenallein.

Sie lenkte ihren Wagen wie in Trance. Vor sich sah sie die Brücke über die Sieg. Über sich die Brücke der Autobahn. Fast in voller Fahrt holperte sie über den Bürgersteig. Auf dem Standstreifen hinter dem Bürgersteig unter der Autobahnbrücke stieg sie voll in die Bremse. Sie stieg aus. Kein Auto, keine Menschenseele war hier. Ohne den Wagen abzuschließen, verließ sie im gleichen Trancezustand, wie sie gefahren war, den Standstreifen und ging in Richtung der Brücke über die Sieg.

1
April 2019

Es war so ein trister Samstagabend, so wie die letzten beiden vorher. Seit heute stand fest, dass noch einige weitere folgen würden.

Ronnis Freundin Susie befand sich seit mehr als zwei Wochen in einer Rehabilitationsmaßnahme. Die Scheidung von ihrem Mann, er war Gynäkologe und hatte es schamlos mit einigen Patientinnen getrieben, hatte ihr sehr zugesetzt. Ihr Arzt fand, dass für sie eine Kur angezeigt war. Nach reiflicher Überlegung hatte sie zugestimmt. Damals kannte sie Ronni noch nicht. Heute hatte sich entschieden, dass die ursprünglich für drei Wochen vorgesehene Reha-Maßnahme um weitere zwei Wochen verlängert wurde. Am Morgen hatte Susie Ronni angerufen und ihn informiert. Er war darüber nicht sehr begeistert.

Ronni lebte noch nicht offiziell mit Susie zusammen, aber was hieß das schon. Wenn er nach Dienstende sagte, ich fahre nach Hause, meinte er Susies Eigentumswohnung in Siegburg-Seligenthal. Natürlich war das Wohnen in ihrer luxuriösen, hundertvierzig Quadratmeter großen Wohnung wesentlich angenehmer als in seiner sechzig Quadratmeter großen Zweizimmer-Wohnung in Bonn.

Das war aber nicht der eigentliche Grund, weswegen er sich in Susies Wohnung so wohl fühlte. Er liebte Susie und er war glücklich, wenn er jeden Tag und jede Nacht mit ihr zusammen sein konnte.

Trotzdem wollte er seine kleine Wohnung in Bonn nicht aufgeben. Man weiß ja nie …, war so ein Gedanke in der hintersten Ecke seines Gehirns. Dafür hatte er in seinem Leben auch schon zu viel Negatives erfahren, als dass er alle Eventualitäten einfach zur Seite wischen konnte. In der Zeit, in der Susie sich in der Reha-Maßnahme befand, lebte er wieder in seiner kleinen Wohnung. Die Wohnung in Seligenthal war ihm einfach zu groß und dort würde er sich ohne seine Freundin noch einsamer fühlen.

Ohne besonderen Plan war Ronni mit dem Zug nach Troisdorf gefahren. Durch seine Ermittlungsarbeit in verschiedenen Fällen kannte er Troisdorf. Er mochte die Überschaubarkeit der Kleinstadt an manchen Tagen mehr als die Hektik in Bonn oder Köln. An diesem Abend war er lustlos durch die menschenverlassene Fußgängerzone geschlendert.

Jetzt saß er seit fast zwei Stunden an der Theke in einer der vielen Troisdorfer Bars und Kneipen. Schaute lustlos dem jungen Mann hinter der Theke bei dessen Tätigkeiten zu. Um ihn herum nur lachende, gut gelaunte Menschen. Manchmal drang ein frivoles Lachen einer Frau an sein Ohr, manchmal vernahm er irgendwelche Sprachfetzen und hin und wieder auch den Teil einer belanglosen Unterhaltung.

Der allgemeine, hohe Geräuschpegel im Lokal überlagerte grundsätzlich alles. Er machte sich jedoch auch nicht die Mühe, genauer hinzuhören, um etwas zu verstehen oder sogar zu analysieren. Er hatte einfach kein Interesse. Ein halbvolles Glas Bier stand vor ihm, inzwischen sein viertes. Er wusste, er trank zu schnell und er passte hier eigentlich nicht hin – zumindest nicht in seiner jetzigen Stimmung. Aber welche Alternative hatte er, wenn er nicht allein zu Hause vor dem Fernseher sitzen wollte und darauf warten, dass er irgendwann aus Langeweile oder Frustration einschlafen würde?

Als er noch beim ersten Bier war, setzte sich eine junge Frau auf den noch freien Barhocker neben ihm. Wallendes, blondes Haar, top Figur, die sie gekonnt zur Geltung brachte. Bereits nach wenigen Minuten sprach sie ihn an und sie kamen ins Gespräch. Belangloses, ob er öfter hier wäre? Er verneinte. Es wäre ihre Stammkneipe, ob er auch eine Stammkneipe hätte. Er verneinte erneut und konterte damit, dass es für April auch abends noch sehr warm sei. Wahnsinn!

Trotz des inhaltslosen Gesprächs fühlte er sich geschmeichelt, schließlich schien sie wesentlich jünger als er zu sein. Gehöre ich doch noch nicht zum alten Eisen? Habe ich bei jüngeren Frauen vielleicht doch noch eine Chance? Jetzt, beim vierten Bier, hätte er sich womöglich anders verhalten und wäre einem kleinen Flirt an der Theke nicht abgeneigt gewesen. Doch zu Beginn des Abends hatte er noch einen klaren Kopf und war vernünftig. Hatte er doch Susie, mit der er richtig glücklich war. Außerdem strengte ihn das nichtssagende Gespräch mit der jungen Frau zu sehr an. Mit jedem Satz, jeder Frage, schwand sein Interesse an der blonden Schönheit immer mehr. Beim zweiten Bier raffte er sich dazu auf, ihr freundlich, aber bestimmt klarzumachen, dass er allein sein wollte und sie ihren Charme nicht unnütz an ihn verschwenden sollte. Leicht pikiert suchte sich die junge Frau daraufhin ein zugänglicheres Opfer im inzwischen voll besetzten Lokal.

Danach genehmigte er sich zum Bier zusätzlich einen klaren Schnaps, sozusagen als Trost oder zur Bestätigung seines Alleinseins. Er wusste nicht genau, welcher Grund ausschlaggebend war, wahrscheinlich waren es beide Gründe.

Seitdem grübelte er darüber, weswegen er überhaupt die Bar aufgesucht hatte, wenn er doch grundsätzlich allein und für seine Mitmenschen unzugänglich sein wollte. Allein sein konnte er genauso gut zu Hause. Bier hatte er mit Sicherheit noch in ausreichender Menge im Kühlschrank.

Im Spiegel an der Wand ihm gegenüber sah er, dass die junge Frau inzwischen jemand anderes gefunden hatte, der ihren Charme bereitwillig konsumierte. Der Mann, schätzungsweise noch älter als Ronni selbst, hatte seinen Arm um ihre Schulter gelegt und beide kicherten um die Wette. So ist es nun einmal im Leben: Jeder Topf findet seinen Deckel, dachte er.

Als sie mit ihrem Auserwählten Arm in Arm das Lokal verließ, gestand er sich ein, dass es vergeudete Zeit für ihn war, weiterhin an der Theke zu sitzen und sich volllaufen zu lassen. Er trank sein Bier aus, bezahlte und verließ ebenfalls das Lokal.

Draußen standen die besagte, junge Frau und ihre Eroberung eng umschlungen in einer Hausecke und küssten sich.

Das hätte ich sein können, dachte Ronni nicht ganz ohne einen Funken Neid. Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass ihre Eroberung sicherlich am nächsten Morgen wieder allein sein würde. Er schätzte die junge Frau so ein, dass sie jemand gesucht hatte, der ihre Zeche zahlte und ihr für diese Nacht das Bett wärmte. Nein, das war schon gut so, wie es war. In zwei Wochen würde Susie wieder zurück aus der Reha sein und er brauchte keine Abenteuer. Lediglich das Alleinsein setzte ihm stark zu, was wiederum ein gutes Zeichen war, da ihm dadurch klar wurde, wie sehr er Susie vermisste.

Langsam schlenderte er auf dem Bürgersteig entlang der Siebengebirgsallee Richtung Sieg.

Inzwischen hatte er die letzten Häuser passiert und die Straße, die in einem Bogen um die Mannstaedt-Werke herumführte, war nur spärlich ausgeleuchtet. Dieses verdammte LED-Licht. Wer mag der Urheber dieser Idee gewesen sein und was mag die Umstellung aller Straßenlaternen auf dieses Schummerlicht die Stadt gekostet haben, regte er sich innerlich auf. Anschließend schlug der Ärger gegen sich selbst um, da er sich über solche Nichtigkeiten aufregte, die er eh nicht ändern konnte. Vielleicht war es doch im Nachhinein dumm von ihm gewesen, die Chance einer wunderbaren Nacht mit dieser Schönheit aus der Kneipe vertan zu haben und sein Ärger hatte darin seinen Ursprung.

Nur selten begegnete ihm ein Auto, das einen Moment lang für etwas mehr Licht sorgte. Auch wenn die Temperaturen tagsüber manchmal die Nähe von zwanzig Grad erreichten, sanken sie, sobald die Sonne untergegangen war, erheblich ab und am frühen Morgen zeigte das Thermometer öfter unter zehn Grad an. Er hatte den Reißverschluss seiner Windjacke bis zum Hals hochgezogen und die Hände tief in die Taschen vergraben. Auch wenn er es nicht direkt vor sich selbst zugeben wollte, hätte er jetzt lieber auf den Spaziergang verzichtet. Aber ich bin doch kein Weichei, dachte er, um sich ein wenig aufzumuntern.

In einiger Entfernung konnte er die Umrisse der Mendener Brücke sehen, die sich über die Sieg spannte und den Troisdorfer Stadtteil Friedrich-Wilhelms-Hütte mit dem Sankt Augustiner Stadtteil Menden verband.

Sein Plan sah vor, der Straße in Richtung Friedrich-Wilhelms-Hütte zu folgen und dort am kleinen Bahnhof auf den nächsten Zug nach Bonn zu warten. Vielleicht würde er auch ein Taxi rufen, falls die Wartezeit zu lange dauern sollte.

Als er sich auf Höhe der Brücke befand, stutzte er und strengte seine Augen an. Stand dort nicht in der Mitte der Brücke eine Gestalt auf dem Brückengeländer? Nein, Unsinn, das ist nicht möglich, dachte er.

Er zählte im Geiste noch einmal nach. Er hatte vier Bier und einen klaren Schnaps getrunken. So vernebelt konnte seine Wahrnehmung doch nicht sein. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, aber die erste Erkenntnis änderte sich nicht. Dort stand zweifelsohne eine Person auf dem Brückengeländer, die anscheinend im Begriff war, zu springen. Wenn er sich nicht völlig täuschte, war es eine weibliche Person.

Mit einem Mal war Ronni klar, was hier vor sich ging. Mit Sicherheit wollte sich eine Frau vom Brückengeländer in den Fluss stürzen. Ein Schauer lief ihm über den Rücken und erneut bahnte sich der Ärger in ihm seinen Weg in sein Gehirn. Wäre ich bloß nicht diesen Weg gegangen. Hätte ich mich doch auf die Frau im Lokal eingelassen, läge ich jetzt im warmen Bett und könnte die Nacht genießen, dachte er. Stattdessen stand er in der Dunkelheit an dieser Brücke und war gezwungen, einer Selbstmörderin bei der Ausführung ihres Plans zuzusehen. Wenn er noch einige Biere mehr getrunken hätte, würde er jetzt dem Ärger die Oberhand überlassen und einfach umkehren. Hätte, hätte, hätte – so war es aber nicht. Er stand hier und sah die Frau auf der Brücke. Er musste sich entscheiden, ob er weitergehen oder der Frau helfen sollte.

„Junge Frau sprang von der Brücke in den Tod. Kein Zeuge, der den Vorgang beobachtet hat“, könnte die Schlagzeile am nächsten oder übernächsten Tag in der Zeitung lauten.

Oder: „Frau stürzte von der Brücke in den Tod. War es Selbstmord oder Mord?“

Er würde die Antwort kennen. Er würde wissen, wie es tatsächlich gewesen war. Er wäre der Zeuge, den niemand kannte. Der nicht eingeschritten war, aber der wusste, dass die Frau Selbstmord verübt hatte. Vielleicht aus Verzweiflung, aus Angst oder einfach nur aus Müdigkeit am Leben. Niemand würde jemals den wahren Grund erfahren. Sie würde nur eine nichtssagende Ziffer in der Statistik der unaufgeklärten Todesfälle sein. Könnte er mit diesem Wissen, diesem Versäumnis und dieser Feigheit leben?

All diese Gedanken gingen ihm in Windeseile binnen weniger Sekunden durch den Kopf.

Das Leben geht manchmal eigene Wege und man ist halt so, wie man ist. Der Ärger hatte den Kampf um die Oberhand verloren. Die Vernunft und das Verantwortungsgefühl hatten gewonnen. Er konnte unter keinen Umständen umkehren und die Frau ihrem selbstgewählten Schicksal überlassen.

Allerdings wusste er nicht sofort, wie er die Situation in den Griff bekommen könnte. Hilfe war nicht zu erwarten. Ein vorbeifahrendes Auto anhalten? Wozu? Wann würde das nächste Auto über die Brücke fahren? Um diese Uhrzeit war auf diesen Straßen hier so gut wie kein Autoverkehr mehr. Wenn das nächste Auto die Brücke passieren würde, wäre es vielleicht bereits zu spät. Die nächste Frage war, würde überhaupt jemand anhalten? Falls er Glück hätte, dass ein Auto käme und der Fahrer anhalten würde, war immer noch die Frage, wobei ihm der Autofahrer helfen sollte. Gerade, als er das dachte, passierte ein Auto die Brücke und fuhr, ohne die Geschwindigkeit zu verringern achtlos an der Frau und ihm vorüber. Zu viele „hätte“ und „wäre“, fand er. Eine solche Aktion würde die Frau nur unnötig unter Stress setzen und dazu bringen, ihr Vorhaben sofort in die Tat umzusetzen.

Mit einem Mal war Ronni hellwach, als wenn man ihm einen Eimer mit Eiswasser über den Kopf gegossen hätte und er wusste, was er zu tun hatte.

Schnell überquerte er die Straße und ging langsam auf die Frau zu. Sie stand unbeweglich auf dem Brückengeländer und stierte in die Tiefe. Mit der linken Hand hielt sie sich am Stahl des Brückenbogens fest, der sich bis zur anderen Flussseite spannte. Ihm war klar, wenn sie diesen sicheren Halt losließe, würde sie unweigerlich in die Tiefe stürzen.

Noch ungefähr fünfzehn Meter bis zu der Frau. Er blieb kurz stehen.

„Warten Sie. Das nimmt kein gutes Ende, was Sie da vorhaben. Ich komme etwas näher, wenn Sie nichts dagegen haben“, rief er in ruhigem und nicht zu lautem Ton, denn er durfte die Frau auf keinen Fall erschrecken.

Die Frau schreckte sichtlich aus ihren Gedanken hoch, ohne in die Richtung zu schauen, aus der die Worte an ihr Ohr drangen. Sie drehte ihren Oberkörper ein wenig und legte auch die zweite Hand an den Stahl der Brücke. Dabei schwankte ihr Körper leicht nach vorne.

Er machte ein paar Schritte und redete ruhig weiter.

Noch zehn Meter bis zu der Frau.

„Ertrinken ist sowieso kein so schöner Tod, als wie er immer dargestellt wird. Es gibt da wesentlich bessere, schnellere und nicht so schmerzhafte Möglichkeiten.“

Die Frau war vielleicht Mitte zwanzig, schätzte er. Sie trug eine dunkle, dünne Jacke, Jeans und blaue Sneakers. Jetzt drehte sie das Gesicht zum ersten Mal langsam in seine Richtung und wurde von einer Straßenlaterne erhellt. Schwarze, zerzauste Haare umrahmten ein hübsches Gesicht, das aber grau und fahl im Licht der Laterne erschien. Lediglich die Lippen waren mit einem knallroten Lippenstift geschminkt. Auf ihn wirkte das Gesicht wie eine Maske. Die Frau betrachtete den Störer mit einer Miene aus Erstaunen und Feindseligkeit.

„Lassen Sie mich in Ruhe … sonst … springe ich“, sagte sie leise und stotternd.

Noch acht Meter.

„Das wollten Sie doch sowieso. Wenn Sie nicht gestört werden wollten, hätten Sie Ihr Vorhaben zu einem späteren Zeitpunkt, eventuell nach Mitternacht, planen sollen. Und wie gesagt, das was Sie vorhaben, nimmt kein gutes Ende.“

Er wusste, dass er weitersprechen musste, solange die Frau ihn anschaute. Aus einschlägiger Literatur wusste er auch, dass ein Selbstmörder im Regelfall keine Zuschauer bei seiner Tat haben möchte.

Noch sechs Meter, dann hatte er sie erreicht.

Vielleicht konnte er sie greifen und vom Geländer ziehen. Zum ersten Mal schaute er hinunter zur Sieg, die mit starker Strömung in Richtung Rhein floss. Er hörte, wie das Wasser gegen den Pfeiler der Brücke klatschte und die Geräusche der nahen Autobahn.

„Auch wenn durch den enormen Regen der letzten Woche der Wasserspiegel der Sieg stark gestiegen ist, werden Sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht ertrinken. Wenn Sie das vorhatten, hätten Sie den Rhein auswählen sollen. Sie werden lediglich unliebsam aufschlagen, sich alle möglichen Knochen brechen. Wenn Sie Glück haben, sogar das Genick, falls Sie den Mut aufbringen, kopfüber hinunterzuspringen. Dann wäre Ihr Plan aufgegangen. Wahrscheinlich aber werden Sie nicht sterben. Das Wasser ist zu dieser Jahreszeit sehr kalt. Mit Sicherheit werden Sie sich eine Erkältung holen und wahrscheinlich werden Sie schwerverletzt sein. Im schlimmsten Fall sogar querschnittgelähmt. Ist das Ihr Plan? Sicher nicht.“

Das mochte eine unpassende und zu lange Ansprache sein, aber es handelte sich noch nicht einmal um eine zweckdienliche Lüge. Er brachte sie zumindest dazu, sich auf ihn zu konzentrieren und ihr Vorhaben für einige Augenblicke hintenan zu stellen.

„Verschwinden Sie“, zischte die Frau und schaute wieder in die Tiefe.

Er machte erneut wenige, kurze Schritte.

Noch fünf Meter.

„Es gibt Schöneres, als ein Leben im Rollstuhl zu verbringen und auf die Hilfe fremder Menschen angewiesen zu sein. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich helfe Ihnen von diesem Geländer herunter und ich lade Sie zu einem Glas Wein ein. Was halten Sie davon?“

„Dummes Gerede von jemandem, der keine Ahnung hat. Gehen Sie nach Hause zu Frau und Kinder und lassen Sie mich in Ruhe“, entgegnete sie und wandte dabei wieder den Blick ihm zu.

Ihre Kiefer mahlten. War das ein Zeichen von Nervosität oder Unsicherheit? Unsicherheit, weil sie eventuell an ihrem Vorsatz, in die Tiefe zu springen, zweifelte?

Noch drei Meter.

Immer näher arbeitete er sich an sie heran.

„Falsch. Ich habe keine Frau und auch keine Kinder, aber ich habe Erfahrung in solchen Sachen, wie die, die Sie vorhaben. Ich habe leider schon zu oft den Tod, schwere Verletzungen und daraus resultierende Pflegefälle gesehen. Auch war ich selbst schon einmal an einem Punkt, wo ich dachte, es geht nicht mehr weiter.“

Er machte eine kurze Pause. Er wollte seine letzten Worte erst einmal wirken lassen. In seiner Ausbildung hatte er gelernt, dass man seinem Gegenüber Mitgefühl suggerieren soll, wenn man etwas von ihm erfahren möchte oder wenn man dessen Handeln ändern will. Von einem ähnlichen, eigenen Erlebnis zu berichten, kann dabei hilfreich sein.

„Meine damalige Frau hatte mich auf Mallorca in eine Schlucht gestürzt und ich bin nur mit knapper Not dem Tod entronnen, weil ich leben wollte. Ich weiß seitdem, wie schön das Leben sein kann“, fuhr er fort.

„Auch für Sie wird es einen neuen Anfang geben und irgendwann werden Sie rückblickend feststellen, dass Ihr jetziger Plan keine Lösung war und werden froh sein, ihn nicht umgesetzt zu haben“, schloss er mit einer positiven Aussicht.

Noch zwei Meter und er hatte sie erreicht.

Die Frau stand vollkommen still. Dachte sie über seine Worte nach?

„Nein, ich will nicht mehr zurück“, stammelte sie und wandte ihren Blick wieder dem Fluss zu.

Sie ließ die Hand, mit der sie zuletzt zusätzlich den kalten Stahl der Brücke ergriffen hatte, los. Nur mit einer Hand sicherte sie noch ihr Gleichgewicht und machte Anstalten, auch diesen unsicheren Halt loszulassen.

Anscheinend war seine Strategie nicht so erfolgreich, wie er erhofft hatte. Aber aufgeben war für ihn keine Option.

„Natürlich können Sie zurück. Was Sie davon abhält, mein Angebot anzunehmen, ist lediglich die Scham vor sich selbst, sich einzugestehen, dass Sie nachgegeben haben. Womöglich betrachten Sie es als Niederlage, einen gefassten Vorsatz zu ändern. Aber machen Sie sich keine Gedanken. Nur Sie und ich wissen von diesem Abend. Jetzt den Plan zu ändern und meine Hand zu ergreifen, ist keine Schwäche, sondern Stärke.“

Ronni, von der Frau unbemerkt, die letzten Schritte näher zu ihr vorgedrungen. Er konnte sie fast mit dem ausgestreckten Arm erreichen. Er streckte ihr seine Hand entgegen.

War es ein Geistesblitz, war es Eingebung oder war es seine Erfahrung? Er wusste, worauf man bei einem Gegner achten muss, wenn man erahnen will, wie er reagieren wird. Auf die Körperspannung! Bisher waren es immer nur Gegner, denen er gegenüberstand. Zum ersten Mal war es eine junge Frau, die sich das Leben nehmen wollte.

Als sie sich noch einmal zu ihm umdrehte und ihn ansah, wusste er, spürte er, dass sie sich entschieden hatte. Dass all sein Gerede und seine Bemühungen vergeblich gewesen waren. Dass sie sich fallen lassen würde.

Mit einem Ruck drehte die Frau ihren Kopf und schaute in das trübe Wasser der Sieg und ließ ihre Hand los. Ronni sah, wie sie ihre Arme nach oben riss und fast, wie in Zeitlupe nach vorne kippte.

Nur noch ein Meter. Ein lächerlicher Meter. Ronni schien diesen letzten Meter bis zu ihr zu fliegen. Dann packte er zu. Entschlossen, erbarmungslos und mit der ganzen Kraft, die er aufbringen konnte, fasste er ihren Arm und zog sie zurück. Bevor sie auf den rettenden Asphalt des Bürgersteigs aufschlug, fing er sie auf.

Er konnte nicht umhin, sie erleichtert in die Arme zu nehmen. Sie drückte ihren Kopf an seine Schulter und blieb lange in seinen Armen hängen. Sie weinte leise und zitterte, das konnte er deutlich durch die dünne Jacke spüren.

Ronni sog die Luft tief in seine Lungen ein und stieß sie wieder kräftig aus. Auch er benötigte einige Augenblicke, um seinen Puls wieder unter Kontrolle zu bringen.

„Da haben wir noch einmal Glück gehabt“, sagte er erleichtert.

Die Frau hob den Kopf und sah ihn mit tränenverschmiertem Gesicht an. War es Erleichterung, was er in ihren Augen sah?

Er wusste es nicht. Auf jeden Fall sah er keinen Zorn oder Wut darüber, dass er sie gerettet hatte.

„Nun wollen wir mal sehen, ob wir irgendwo ein warmes Plätzchen finden, wo wir uns von dem aufregenden Abend erholen können. Vielleicht können wir dort auch noch das versprochene Glas Wein trinken“, spielte er gute Laune vor, obschon er alles andere als gut gelaunt war.

Die Frau sagte nichts. Noch immer sah sie ihn an und hielt sich bei ihm mit beiden Händen fest, als würde sie befürchten, umzufallen, wenn er sie losließe. Auch Ronni hielt sie mit den Händen an den Schultern und schaute sie an.

Natürlich freute er sich, dass er die Frau davon abgehalten hatte, ihr Leben wegzuwerfen. Aber deshalb gute Laune? Nein, auch er war geschockt und musste zuerst einmal verarbeiten, was er erlebt hatte.

„Danke“, hauchte sie leise, fast unhörbar.

Dann löste sie sich von Ronni und trat einen Schritt zurück.

„Ich glaube, es ist besser, wenn ich nach Hause gehe“, sagte sie.

Ihre Stimme zitterte noch ein wenig, aber sie schien sich langsam zu erholen.

„Nein, ich lasse Sie jetzt auf keinen Fall allein nach Hause gehen. Wir werden uns einen Ort suchen, wo wir uns unterhalten können. Wir sollten das, was wir soeben erlebt haben, versuchen zu verarbeiten. Und das geht nur, wenn wir darüber sprechen. Irgendwo wird es hier eine ruhige Ecke in einem Lokal geben.“

„Ich habe leider kein Geld dabei. Ich denke, es ist besser, dass ich doch nach Hause gehe“, antwortete sie kleinlaut.

„Das kann ich verstehen. Wenn man von der Brücke springen will, nimmt man sicherlich keine Geldbörse mit. Ich habe heute meinen großzügigen Tag. Ich denke, der Wein geht auf meine Kosten“, antwortete Ronni locker.

Ohne Absprache mit der Frau schlug er den Weg über die Brücke nach Menden ein. Sie hakte sich wie selbstverständlich bei ihm ein und trottete recht langsam neben ihm her. Wahrscheinlich hatte die Aktion – und wer weiß wie lange sie bereits gedauert hatte, bevor er die Frau erblickte – sie-nicht nur mental, sondern auch körperlich eine Menge Kraft gekostet.

„Wenn ich diesen Ort so sehe, kann ich nicht versprechen, ob wir ein Lokal finden, welches um diese Zeit noch geöffnet hat“, gab er zu bedenken, als sie die ersten Häuser vom Ortsteil Menden auf der anderen Flussseite erreichten.

Sie gab keine Antwort, sodass er davon ausging, dass auch sie nicht ortskundig war. Nach vielleicht einhundert Metern sah er die Leuchtreklame eines Restaurants. Sie gingen hinein.

„Wir schließen in einer guten halben Stunde“, sagte der Wirt, als sie das Lokal betraten.

Er stand hinter der Theke und musterte die junge Frau mit einem kritischen Blick. Wahrscheinlich hatte er so viel Menschenkenntnis, dass er spürte, dass mit ihr etwas nicht in Ordnung war. Vielleicht waren es auch nur die zerzausten Haare und das noch immer blasse Gesicht.

„Ist in Ordnung. Wir wollen uns nur kurz aufwärmen und einen Wein trinken“, sagte Ronni und zog die Frau am Arm mit hinein.

Das Lokal war so gut wie leer und sofort umgab sie eine angenehme Wärme. Sie setzten sich in eine Ecke und Ronni bestellte zwei Rotwein.

„Ich hoffe, Sie trinken einen Rotwein?“, fragte er.

Sie nickte nur mit dem Kopf, schaute ihn nicht an, sondern starrte auf die Tischplatte vor sich.

Irgendwie muss ich es doch schaffen, ein Gespräch mit ihr zu führen, dachte er. Doch das schien nicht so einfach. Nachdem der Wirt die beiden Gläser vor ihnen auf den Tisch gestellt hatte, hob er sein Glas, schaute sie an und sagte: „Ich heiße übrigens Ronni. Ich finde, nach dem, was wir in der letzten Stunde gemeinsam erlebt haben, könnten wir du zueinander sagen. Findest du das nicht auch?“

„Mein Name ist Sarah“, sagte sie leise und hob vorsichtig das Weinglas, trank einen kleinen Schluck, schaute ihn aber nicht an.

So vorsichtig, wie sie das Glas angehoben hatte, stellte sie es auch wieder auf den Tisch. Das wird ja eine lustige Unterhaltung, dachte er. Sie saßen eine Weile schweigend zusammen. Vielleicht eine halbe Minute, vielleicht auch eine volle Minute. Jeder schaute vor sich auf sein Glas Wein.

„Wann haben Sie … wann hast du dich dazu entschlossen?“, fragte er.

„Wozu?“

„Von der Brücke zu springen. War das ein spontaner Entschluss oder hast du das bereits länger geplant?“

„Das war ganz spontan. Ich wollte einfach nicht mehr. Ich war fertig“, sagte sie und Ronni bemerkte, wie sie mit ihren Tränen kämpfte.

Sie klang erschöpft. Ronni hatte den Eindruck, dass sie etwas Schlimmes erlebt hatte. Er wollte sie dazu bringen zu reden. In vielen Fällen hilft es, wenn man sein Erlebtes jemandem erzählen kann. Er wollte dieser Jemand sein und zuhören.

„Was ist geschehen? Möchtest du darüber reden?“, fragte er und legte seine Hand zu ihrer Beruhigung auf ihre. Zum ersten Mal schaute sie ihn an und er blickte in wunderschöne, braune, aber verängstigte Augen. Ihre Augenlider zuckten. Ein Zeichen für Stress und Anspannung. Dann schaute sie wieder auf ihr Weinglas, atmete hörbar ein und begann:

„Ich bin von diesem Scheißkerl weggerannt. Immer diese Erniedrigungen, diese Gewalt. Ich habe ihn angebettelt, angeschrien er soll mich in Ruhe lassen – ich will nicht, habe ich geschrien – immer wieder. Dann hat er mich vergewaltigt und ist danach einfach ins Wohnzimmer gegangen und hat den Fernseher eingeschaltet, als wäre nichts gewesen.“

Sie stockte. Sie hatte sich beinahe in Rage geredet. Ronni konnte fast sehen, wie ihr Herz hämmerte. Er verstärkte den Druck auf ihre Hand, die er immer noch umfasste.

„Dann klingelte es und sein Freund kam“, fuhr sie fort.

Sie hielt erneut inne. Ronni ahnte, was dann geschah.

„Du musst nicht weitersprechen. Ich kann mir vorstellen, was dann geschah“, sagte er mitfühlend.

„Nein, das kannst du dir nicht vorstellen. Du hast keine Ahnung.“

Ihre Stimme war laut, ihr Körper straffte sich und sie schaute Ronni fast wütend an. Dann sank sie wieder in sich zusammen und schaute wie vorher ihr Glas an. Ronni wartete.

„Danach haben sie mich ausgelacht und Witze über mich gemacht. Ich habe mich schnell angezogen und bin aus der Wohnung gelaufen, zu meinem Wagen. Ich bin planlos umhergefahren, bis ich in Menden an der Brücke landete. Dort bin ich ausgestiegen.“

Sie brach ab. Sie wusste, dass Ronni den Rest kannte.

Nach diesem Gefühlsausbruch schaute sie Ronni wieder an. Ihre Augen waren voller Tränen, die unbeachtet ihre Wangen hinunterliefen.

Erst jetzt bemerkte Ronni die roten Striemen am Hals und auf den Händen. Sie hatte die Jacke nicht ausgezogen. Ronni wollte sich nicht vorstellen, welche Hinweise auf Gewaltexzesse sie noch unter der Jacke auf ihrem Körper verbarg.

„Wie kann er mir so etwas antun? Wir haben uns doch einmal geliebt“, stellte sie jetzt die Frage, die sie bereits vorher sich selbst gestellt und keine Antwort gefunden hatte.

„Ich verstehe,“ sagte Ronni, obschon er nicht verstand.

Er verstand nicht, wieso eine junge Frau ihr Leben auf diese Art wegwerfen wollte. Sei der Grund auch noch so schwerwiegend, schließlich hatte man nur ein Leben. Er war der Überzeugung, dass es immer einen Ausweg gab.

„Hat er dich vorher bereits öfter geschlagen?“

„Ja, wenn er getrunken hatte. Danach hatte er sich immer entschuldigt und ich habe ihm jedes Mal wieder verziehen.“

„Wirst du ihn anzeigen?“, fragte Ronni vorsichtig.

„Nein“, antwortete sie nach einigem Zögern und fügte resigniert hinzu: „Nein, ich denke nicht. Das bringt doch nichts.“

„Ich bin der Meinung, so solltest du nicht denken. Ich finde, eine Person, die dir so etwas antut, sollte ihre Bestrafung erhalten. Ich könnte dir dabei helfen. Ich kenne Polizeibeamtinnen, die mit Frauen, denen man so eine Straftat angetan hat – und eine Straftat ist es nun einmal – einfühlsam umgehen.“

„Nein. Ich möchte das nicht“, sagte sie bestimmt und Ronni sah ein, dass er diese Entscheidung akzeptieren musste. Zumindest für den Augenblick.

„Du hast so etwas Schlimmes erlebt und ich finde, du solltest mit einem Arzt, vielleicht auch Psychologen, darüber sprechen. Oft ist es besser, wenn man Hilfe bekommt und nicht allein damit fertigwerden muss. Ich könnte dir bei der Suche eines Arztes behilflich sein.“

„Nein, danke. Das ist nicht notwendig. Ich habe meinen Papa. Wir verstehen uns sehr gut und er wird mir gerne helfen“, sagte sie entschieden und versuchte ein Lächeln, das ihr nicht überzeugend gelang.

Auch diese Entscheidung musste Ronni akzeptieren, selbst wenn er grundsätzlich anderer Meinung war.

„Wo willst du jetzt hin?“, fragte er besorgt.

Ihm war nicht ganz klar, ob der „Scheißkerl“, wie sie ihn nannte, ihr Mann oder ihr Freund war. Fall es ihr Mann war, konnte sie unmöglich nach Hause zurück.

„Nach Hause. Ich habe hier in Menden eine kleine Wohnung. Meinen Wagen habe ich unterhalb der Autobahnbrücke an der Sieg abgestellt. Von dort bin ich auf die Siegbrücke gegangen.“

„Und wo wohnt dein Freund? Ich vermute, dass er nicht dein Mann ist.“

„In Sankt Augustin. Zum Glück ist er nicht mein Mann. Und Freund? Das ist vorbei. Jetzt endgültig.“

Sie sagte das sehr entschlossen und bestimmt.

„Und wegen so einem Typ wolltest du von der Brücke springen? Sei froh, dass du es nicht getan hast.“

„Ja, jetzt bin ich das auch. Als ich auf dem Geländer stand, kamen mir schon Zweifel. Sonst wäre ich längst gesprungen, bevor du kamst. Ich war mir nicht mehr sicher und hatte keinen Mut.“

„Keinen Mut zu springen?“

„Das auch. Ich meine aber, keinen Mut nicht zu springen. Plötzlich fühlte ich so eine Sinnlosigkeit und ich habe einfach losgelassen. Zum Glück warst du da und ich danke dir dafür.“

Sie schaute ihn an und er war sicher, dass sie das ehrlich meinte.

„Keine Ursache. Versprichst du mir, künftig nicht noch einmal solch eine Idee zu haben?“

„Ich glaube, vorerst werde ich so etwas Idiotisches nicht mehr machen. Danke für den Wein. Ich will jetzt nach Hause. Ich bin todmüde“, sagte sie und lächelte.

Vielleicht lächelte sie wegen dem unbeabsichtigten Wortspiel todmüde.

Sie tranken jeder noch einen Schluck Wein. Dann stand sie auf. Auch er stand auf und umarmte sie noch einmal und sie ließ ihn allein zurück. Mit jetzt wesentlich schnellerem Schritt als auf dem Hinweg, verließ sie das Lokal.

Konnte er die Frau so einfach gehen lassen? Er überlegte, ob er ihr hinterherlaufen sollte. Aus dem Gespräch hatte er aber den Eindruck gewonnen, dass die junge Frau nicht nochmal diese selbstmörderische Aktion vorhaben würde. Sie hatte es ihm zumindest überzeugend versprochen und er glaubte ihr.

Er setzte sich wieder an den Tisch und war erleichtert, dass die Situation so gut verlaufen war. Gleichzeitig fühlte er sich aber auch ein wenig einsam, nachdem sie ihn verlassen hatte.

Wahrscheinlich würde sie genauso einsam zu Hause im Bett liegen und um Schlaf ringen, der sich wahrscheinlich nicht einstellen würde. Irgendwie hatte er ein schlechtes Gewissen.

Er trank den letzten Rest seines Weins und bat den Wirt, ihm ein Taxi zu bestellen.

Nachdem der Abend so trist begonnen und so aufregend geendet hatte, war es doch noch zu einem guten Abschluss gekommen, redete er sich ein.

Er nahm sich vor, sie nach ein paar Tagen zu fragen, wie es ihr geht. Erst jetzt registrierte er, dass er weder Nachname noch Anschrift oder Telefonnummer von ihr hatte. Auch sie hatte keine Angaben von ihm. Wie konnte er nur so dämlich sein? Er wusste nur, dass sie Sarah hieß und das war recht wenig.

Resigniert zuckte er mit den Schultern. Er konnte es nicht mehr ändern.

Außerdem war er nur noch müde und wollte ins Bett.

2

Ronni und Susie saßen heute zeitiger am Frühstückstisch als an anderen Tagen. Er musste ausnahmsweise an diesem Montag mit Bus und Bahn zum Polizeipräsidium fahren.

Susies Auto hatten sie gestern am späten Nachmittag in die Werkstatt gebracht. Die Inspektion stand an und die Reparatur eines inzwischen fast fünf Monate alten Blechschadens sollte endlich erledigt werden. Während des Aufenthalts in der Ostseeklinik Kühlungsborn im April war sie beim Rückwärtseinparken ungebremst gegen einen Laternenpfahl gefahren. Als sie es Ronni erzählte, hatte dieser glücklicherweise den kleinen Unfall nicht zum Thema „Frauen und Parken“ gemacht.

Für die zwei, drei Tage, an denen ihr Wagen in der Werkstatt stand, hatte er ihr seinen Wagen versprochen. Nachdem sie sich von ihrem Mann getrennt hatte, hatte sie eine kleine Damenboutique in Nümbrecht eröffnet. Die Tätigkeit macht ihr großen Spaß und inzwischen konnte sie auch einen ansprechenden Erfolg verbuchen. Die Fahrt mit Bus und Bahn nach Nümbrecht würde aber nahezu zwei Stunden betragen und das wollte er ihr nicht zumuten.

„Ich bin dann mal weg. Bis später. Wenn nichts Unvorhergesehenes geschieht, bin ich früh wieder hier“, rief Ronni und wollte sich auf den Weg machen.

Susie räumte das Geschirr vom Frühstück in die Spülmaschine. Da sie im Gegensatz zu Ronni mit dem Wagen fahren konnte, hatte sie noch viel Zeit.

Ihr Freund war auf dem Weg zur Wohnungstür. Er hatte sich mit einem Schirm bewaffnet, denn das Wetter schien nicht einladend zu sein. So hatte er es zumindest durch einen Blick aus dem Wohnzimmerfenster empfunden.

Doch bevor er die Hand auf den Türgriff der Wohnungstür legen konnte, hatte Susie ihn im Laufschritt eingeholt. Auch wenn die Trennung nur für acht oder zehn Stunden sein würde, drückte sie ihm zum Abschied einen dicken Kuss auf den Mund.

Seitdem sie aus der Rehamaßnahme zurück war, hatte sich ihr Verhältnis nochmals verbessert, obschon das nach seiner Meinung realistisch kaum möglich war. Aber er empfand das so. Sie war lockerer und liebenswerter geworden. Die Zeit der Scheidung schien sie überwunden zu haben und war kein Thema mehr.

Beim Öffnen der Haustür schlug ihm starker Regen entgegen. Mit Sommer hatte dieses Wetter nichts gemeinsam. Für die einhundert Meter bis zur Bushaltestelle musste er mit geöffnetem Schirm laufen, um nicht völlig durchnässt zu werden.

In Siegburg stieg er in die Straßenbahn um, die ihn bis fast direkt zum Präsidium bringen würde. Die zwei oder drei Minuten Fußweg von der Haltestelle zu seiner Dienststelle würden ihm nichts ausmachen – aber heute bei dem Regen? Abwarten, dachte er und drängte sich mit mehreren Fahrgästen in die Straßenbahn. In einer Vierer-Sitzgruppe war noch ein Platz am Gang frei und er setzte sich zufrieden dorthin.

Bisher hatte die Fahrt besser geklappt, als er es sich vorgestellt hatte, auch wenn er den Regen bei der Vorstellung nicht einkalkuliert hatte.

Es roch muffig, durch die nassen Kleider der Fahrgäste. Er schaute aus dem Fenster, obschon er so gut wie nichts draußen wahrnahm. Die Scheibe war mit Tropfen übersät und zudem beschlagen. Er sah ein, dass sein Unterfangen sinnlos war und wandte sich stattdessen den Fahrgästen zu. Vielleicht gibt es hier jemanden, den ich kenne und der genauso wie ich unter dem öffentlichen Nahverkehr und dem schlechten Wetter leidet, dachte er.

Neben ihm am Fenster saß eine große, korpulente Frau, die eine Frauenzeitung las und mehr Platz beanspruchte, als der Sitzplatz hergab und ihn doch erheblich in seiner Bewegung einengte. Aber was hieß hier Bewegung? Er wollte sich auch nicht bewegen und so lange würde die Fahrt auch nicht dauern. Ihr gegenüber stierte ein älterer Mann, so wie er vorhin, trotz Regentropfen und beschlagener Scheibe aus dem Fenster. Neben ihm, und damit Ronni gegenüber, saß eine junge Frau, die scheinbar in ein Buch vertieft war. Ihre Tasche lag auf ihrem Schoß und das Buch obenauf, sodass er nicht sehen konnte, um was für ein Buch es sich handelte. Wahrscheinlich ein Krimi. Alle Welt liest diese Krimis mit den tollen Kommissaren, die am Ende immer den Täter fassen, dachte er im Hinblick auf seine Tätigkeit ein wenig ärgerlich.

In dem Moment, als er das dachte, hob die Frau ihre Augen und schaute ihn direkt an.

Die Selbstmörderin – nein falsch, dachte er überrascht. Die beinahe Selbstmörderin.

Auch sie schien ihn, ihren damaligen Lebensretter, sofort erkannt zu haben. Sie war jetzt kein Vergleich zu der Frau von damals, vor fünf Monaten. Gebräuntes Gesicht, keine Schminke, wie er schätzte, gelocktes, schwarzes Haar. Insgesamt machte sie den Eindruck einer hübschen und gepflegten, jungen Frau.

„Hallo Sarah, wenn das kein Zufall ist. Du und ich in derselben Bahn und sogar in derselben Sitzgruppe“, tönte es laut und erfreut aus Ronnis Mund.

Durch seinen freudigen Gefühlsausbruch sah sich die Dame neben ihm veranlasst, ihm einen tadelnden Blick zuzuwerfen. Der ältere Mann ihr gegenüber beendete oder unterbrach zumindest seine Betrachtung der Regentropfen an der Scheibe und schaute Ronni erstaunt an.

„Hallo Robbie, schön dich zu sehen. Das ist wirklich ein Zufall, dass wir uns nach vielen Monaten hier treffen. Du fährst bestimmt zur Arbeit?“

„Nicht Robbie. Ronni, einfach Ronni“, verbesserte er sie.

„Ah ja, natürlich. Ronni.“

„Ja, ich habe zwei oder drei Tage kein Auto und fahre daher zum tatsächlich ersten Mal mit der Bahn zur Arbeit. Wie geht es dir?“, fragte Ronni jetzt fast im Flüsterton und lehnte sich etwas nach vorne.

„Am liebsten gut.“

Na, diesen altbekannten Ausspruch hättest du dir schenken können, dachte er.

„Wie ist es mit deinem Freund? Hast du ihn doch noch angezeigt?“

„Nein, das habe ich nicht. Das ist endgültig erledigt und vorbei. Mein Vater hat noch vor seinem Tod mit ihm gesprochen und ihm anscheinend eindringlich gesagt, dass er mich künftig in Ruhe lassen soll. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Weiß du, mein Vater kann sehr bestimmend sein, wenn es sein muss.“

„Dein Vater ist verstorben? Das tut mir leid. Bei dir kommt aber zurzeit alles Schreckliche zusammen. Zuerst die Sache mit deinem Freund und dann der Tod deines Vaters. Ist er plötzlich und unerwartet verstorben oder war er bereits länger krank?“

„Durch einen Unfall. Er war total fit und gerade einmal sechzig Jahre alt.“

„Furchtbar. Ein Verkehrsunfall wahrscheinlich?“

„Nein. Er war mit dem Kanu auf dem Rhein und ist nicht mehr nach Hause gekommen. Das Boot wurde kurz hinter Bonn gefunden. Mit dem Kiel nach oben. Von meinem Vater keine Spur – bis heute. Er ist mit Sicherheit ertrunken.“

„Wie tragisch“, bekundete Ronni seine Anteilnahme.

„Ja, das stimmt. Insbesondere wenn man bedenkt, dass er sein Leben lang Kanu gefahren ist. In jungen Jahren sogar als Leistungssportler. Die letzten Jahre fuhr er nur zur Entspannung und zum Abbau vom beruflichen Stress manchmal auf dem Rhein.“

„Das ist alles sehr traurig und war auch für dich sicher eine schlimme Zeit, aber es freut mich, wenn es dir jetzt wieder gut geht. Hast du inzwischen eine neue Beziehung oder lebst du noch allein in Menden?“

„Ja, ich wohne noch immer in Menden. Von Männern habe ich aber noch immer die Nase voll, wie du bestimmt verstehen kannst. Du bist natürlich davon ausgenommen“, lachte sie.

„Naja, ich habe nur getan, was ich tun konnte“, wiegelte Ronni ab.

„Bei der nächsten Haltestelle am Bahnhof Beuel muss ich aussteigen. Tschüss, und mach`s gut“, sagte sie und stand auf.

„Ich fahre noch bis Ramersdorf. Was hältst du von einem unverbindlichen Feierabendbier, wenn wieder einmal die Sonne scheint? Ich kenne noch nicht einmal deinen Nachnamen. Hast du eine Telefonnummer?“

„Gib mir deine Hand.“

Ronni hielt ihr seine Hand hin und in Windeseile hatte sie einen Kugelschreiber gezückt und schrieb ihm auf den Handrücken, wahrscheinlich ihre Telefonnummer.

In dem Moment gingen die Türen der Bahn auf und sie entschwand im Regen.

Ronni betrachtete die Zahlen auf seinem Handrücken und überlegte, ob er sie sofort abschreiben sollte. Er befürchtete, dass der Regen die Zahlen verwischen könnte, wenn er ausstieg. Doch dann hatte er einen Einfall. Er nahm sein Smartphone und machte ein Foto von seiner Hand.

Die Frau neben ihm hatte, seitdem er sich mit Sarah unterhalten hatte, keinen Blick mehr in ihre Frauenzeitschrift geworfen. Auch der ältere Mann gegenüber schien das Interesse am Regen verloren zu haben. Ronni meinte, ein zustimmendes Nicken bei ihm beobachtet zu haben, als er mit seinem Smartphone seinen Handrücken fotografierte.

Bis zur Endstation in Ramersdorf leerte sich die Bahn merklich. Als er ausstieg, befand er sich nur noch mit wenigen Auserlesenen in der Bahn, die ebenfalls dort ausstiegen und eilends in alle Richtungen in den Regen verschwanden.

Er öffnete seinen Schirm und ging gemächlichen Schrittes in Richtung seiner Dienststelle. In Gedanken war er noch immer bei der zufälligen Begegnung in der Bahn.

Wie sich ein Mensch in wenigen Monaten doch verändern kann, dachte er. Bei ihrer ersten, einschneidenden Begegnung im April wirkte sie verzweifelt, schüchtern und sie schien sich selbst nicht zu mögen. Heute machte sie auf ihn den Eindruck einer selbstsicheren, strahlenden, das Leben bejahenden, jungen Frau. Wenn er sich ihr Bild nach diesen wenigen Minuten erneut ins Gedächtnis rief, musste er sich eingestehen, dass ihm dieses Bild gefiel.

Zum Glück hatte er ihr nicht gesagt, dass er Kommissar bei der Kriminalpolizei war. Er hatte festgestellt, dass es die meisten Menschen abschreckt, sich privat mit einem Polizisten zu unterhalten. Wie hatte sein ehemaliger Kollege Frank Eisenstein einmal gesagt: Wenn die Menschen in Not sind oder Hilfe benötigen, rufen sie nach der Polizei. Geht es ihnen wieder gut, sehen sie die Polizei lieber von hinten.

Trotzdem beschloss er, sie in Kürze anzurufen und wenn möglich ein Treffen mit ihr zu vereinbaren.

3

An manchen Tagen betritt man nicht mit besonders viel Euphorie sein Büro. Insbesondere dann nicht, wenn es draußen regnet und man mit dem aufgespannten Schirm durch Wind und Regen laufen muss und die Hosenbeine bis zu den Oberschenkeln hin nass sind.

Schlechtgelaunt stellte Ronni den vor Wasser triefenden Schirm am Garderobenständer ab und entledigte sich seiner Jacke, die ebenfalls vom Regen nicht verschont geblieben war. Das Wasser tropfte von ihr auf den Boden und bildete dort in kurzer Zeit eine Pfütze.

Lediglich ein knappes „Morgen“ zu Sybille Baum, seiner Sekretärin und Bürogehilfin, kam lustlos über seine Lippen.

„Morgen, Ronni“, begrüßte ihn Sybille auch nicht gerade enthusiastisch.

Normalerweise war sie morgens immer gut gelaunt und freundlich. Aber an diesem Morgen schien ihr eine Laus über die Leber gelaufen zu sein. Oder war es das Wetter? Dafür hätte er Verständnis.

„Du hast bereits netten Besuch“, überraschte sie ihn und zeigte zu seinem Schreibtisch.

Mein Gott, der Büroalltag fängt ja bereits gut an. Wer besucht mich denn so früh am Morgen?, dachte er. Erst jetzt sah er, dass jemand auf dem Besucherstuhl vor seinem Schreibtisch saß und eine Zeitung aufgeschlagen in den Händen hielt.

Es ist erstaunlich, wie manchmal ein kleiner Impuls oder Anlass reicht, um die Stimmung komplett umzukrempeln. Sowohl zum Positiven als auch zum Negativen. In diesem Fall schlug Ronnis Stimmung in Freude um.

„Hallo Frank – der frischgebackene Pensionär hat Sehnsucht nach seiner früheren Wirkungsstätte?“, begrüßte er seinen ehemaligen Kollegen Frank Eisenstein.

Frank warf die Zeitung auf den Schreibtisch, stand auf und umarmte seinen Freund und ehemaligen Kollegen herzlich.

„Nein, ich hatte zufällig in der Gegend zu tun und wollte nur kurz ‚Hallo‘ sagen“, wiegelte Frank mit einem Lächeln ab.

„Ja, natürlich. Kann ich durchaus verstehen. Ramersdorf ist ja auch der Nabel der Welt, wo man immer etwas zu erledigen hat“, lachte Ronni.

„Egal, komm setz dich. Ich freue mich, dass du vorbeigekommen bist. Ich habe Zeit, wir können in Ruhe plaudern. Warst du schon in den anderen Büros und hast dort die Kolleginnen und Kollegen begrüßt?“, fragte Ronni.

„Nein, das möchte ich nicht, sonst heißt es noch, der Alte hat zu viel Zeit und hält uns nur von der Arbeit ab. Aber es stimmt – ich habe Zeit, leider zu viel.“

„Ich verstehe, aber ich bin sicher, das wird sich irgendwann einpendeln. Du bist gerade mal ein paar Wochen in Pension und du wirst dich an den Ruhestand noch gewöhnen. Bald wird die Zeit kommen, dass du, wie viele andere Pensionäre überhaupt keine freie Minute mehr hast, weil du mit allen möglichen Sachen beschäftigt bist, für die du während der Berufstätigkeit keine Zeit hattest.“

Ronni versuchte, seinen Freund aufzumuntern und ihm eine Perspektive zu geben, denn er hatte den Eindruck, dass der Ruhestand ihm stark zusetzte.

„Von wegen ein paar Wochen. Es sind inzwischen zwei Monate. Früher, ich meine, als ich noch im Dienst war und es kommt mir vor, als wären es Jahre her, verrann die Zeit wie im Fluge. Jetzt tickt sie langsam und gleichmäßig vor sich hin. Ein Tag vergeht wie der andere. Diese Zeit der Eintönigkeit ist wie ein Dieb. Sie stiehlt mir Stunden und Tage meines Lebens – und dann noch dieses Sch…wetter.“

Ronni war beinahe erschüttert über das, was sein Freund von sich gab.

„Es wird auch wieder irgendwann die Sonne scheinen und dann kannst du am Rhein spazieren gehen oder Fahrrad fahren. Ich beneide dich um diese Freiheit. Wenn man berufstätig ist, wünscht man sich mehr Zeit für solche Aktivitäten. Hat man wie du die Möglichkeit dazu, ist der Wunsch plötzlich nicht mehr vorhanden.“

Ronni lebte inzwischen sechs, sieben oder waren es bereits zehn Jahre in Bonn und er war in dieser Zeit maximal dreimal in seiner Freizeit am Rheinufer gewesen. Frank war wahrscheinlich während seiner viel längeren Dienstzeit in Bonn höchstwahrscheinlich nie am Rhein gewesen. Hobbys hatte er keine und Freizeitaktivitäten waren für ihn verpönt. Er hatte sich überwiegend seiner Arbeit verschrieben. So wie Frank wollte Ronni nicht enden – wobei enden sicherlich das falsche Wort war. Er glaubte, dass der Zeitpunkt auch für ihn jetzt schon reif war, etwas zu ändern. Sich vorzubereiten, einen Plan zu erstellen, für die Zeit nach seinem Beruf. Aber wie und was? Einfach würde es jedenfalls nicht werden.

„Was hältst du von einem Kaffee? Ich sehe gerade, Sybille hat welchen aufgebrüht.“

Ronni schaute zu dem halbhohen Aktenschrank in der Nähe von Sybille Baums Schreibtisch, auf dem eine alte Kaffeemaschine vor sich hin gurgelte. Sybilles Kaffee war berühmt und berüchtigt. Er weckt Tote auf, sagte Ronni einmal.

„Nein, danke. Wenn es gestattet ist, hole ich mir eine Tasse heißes Wasser in der Küche. Einen Beutel grünen Tee habe ich immer dabei.“

Frank griff in seine Hosentasche und holte eine zerknitterte Teebeuteltasche heraus und ging damit zur Küche. Sie befand sich in einem winzigen Zimmer am Ende des Flurs, das mehr einer Abstellkammer glich.

Als er nach einigen Minuten zurückkam, schaute Ronni ihn irritiert an.

„Du warst doch immer derjenige, der Sybilles Kaffee über alles liebte. Wie hast du immer gesagt? Dieser Kaffee ist nur für starke Männer. Und jetzt trinkst du grünen Tee?“

„Je älter man wird, desto einsichtiger wird man. Susanne hat mir gesagt, grüner Tee wäre gut gegen hohen Blutdruck“, antwortete Eisenstein mit der Miene eines weisen Gelehrten.

„Seit wann hast du Bluthochdruck? Das ist mir total neu.“

Ronni kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

„Ich habe keinen Bluthochdruck. Susanne meinte, der Tee wäre auch gut zur Vorbeugung. Inzwischen schmeckt er mir besser als diese Plürre dort drüben.“

Dabei zeigte er mit dem Arm zu dem tiefschwarzen Gebräu auf dem Aktenschrank.

„Kann ich verstehen, wenn Susanne das sagt“, lachte Ronni, stand auf und holte sich eine Tasse von Sybilles superschwarzem Kaffee.

„Komm, lass uns von etwas anderem reden. An welchem Fall arbeitest du zurzeit?“, wechselte Frank das Thema, nachdem sich Ronni wieder hinter den Schreibtisch gesetzt hatte.

Dabei richtete er seinen Oberkörper auf, denn er war in den letzten Minuten etwas in sich zusammengesunken. Sein Blick war wieder fest und neugierig – beinahe so wie früher. Womöglich war das die Folge des neuen Lebensspenders grüner Tee.

„Okay, du möchtest also wissen, an welchen schwierigen Fällen wir uns festgebissen haben, seitdem du nicht mehr da bist? Und lass mich raten, du möchtest diese Rätsel lösen? Diese Fälle, die niemand bisher gelöst hat. Dich juckt es in den Fingern, mitzumachen. Stimmt‘s?“

Ronni hatte sich vorgebeugt und schaute Frank lachend in die Augen.

„Ja, du hast recht. Mich juckt es tatsächlich. Aber nicht in den Fingern, sondern im Kopf. Ich brauche etwas, womit sich meine Synapsen im Gehirn beschäftigen können“, dabei kratzte er sich demonstrativ seine kurzen, grauen Haare.

Plötzlich erhellte sich sein Gesicht, als hätte er eine unerwartete Erleuchtung.

„Apropos Rhein. Du hast recht. Ich sollte tatsächlich öfter am Rhein spazieren gehen. Dann würde ich vielleicht die Leiche dieses Industriellen finden. Ist dir der Fall von dem gekenterten Kanufahrer auf den Tisch gekommen?“, fragte Eisenstein.

Ronni erkannte in den Augen des pensionierten Kriminalhauptkommissars die gleiche Neugierde wie früher.

„Nein. Ich kenne keinen Fall von einem gekenterten Kanufahrer. Wann war das? Wenn dich das interessiert, kann ich gerne mal nebenan bei den Kollegen nachfragen.“

„Das war im Juni. Das stand doch groß in der Zeitung. Der Firmenchef Jochen Lippmann, diese Zulieferfirma für Windkraft, der Name ist mir entfallen, ist mit seinem Kanu auf dem Rhein gefahren und nicht mehr nach Hause gekommen. Die Ehefrau hat ihn bei der Polizei am nächsten Tag als vermisst gemeldet. Irgendwann hat man sein Kanu in der Nähe der Siegmündung kieloben gefunden. Von ihm keine Spur – bis heute.“

„Nein, den Fall kannte ich bisher nicht. Du scheinst ja gut informiert zu sein. Zumindest hast du den Fall ausführlich in der Zeitung verfolgt.“

Mit einem Mal wurde Ronni sehr nachdenklich. Er schaute zur Zimmerdecke hoch, als wenn er dort oben die Lösung seiner Fragen finden könnte.

„Fast die gleiche Geschichte habe ich heute Morgen gehört. Nur in der Geschichte handelte es sich um keinen Firmeninhaber, sondern um einen Vater und die Geschichte hat mir die Tochter erzählt. Dass es zweimal die gleichen Ereignisse in kürzester Zeit gibt, halte ich für unwahrscheinlich. Nein, das ist ein und dasselbe Ereignis, da bin ich mir sicher.“

Ronni erzählte seinem Freund in wenigen Worten, wie er Sarah vom Suizid abgehalten hatte und wie er sie heute Morgen unverhofft in der Straßenbahn wiedergetroffen hatte.

„Kennst du den Nachnamen dieser Sarah?“, wollte Eisenstein wissen.

„Nein. Trotzdem, ich vermute, das ist die Tochter dieses Jochen Lippmann.“

„Kann sein. Ich weiß, Jochen Lippmann hat eine Tochter, die ungefähr in dem Alter dieser Sarah sein muss. An den Vornamen kann ich mich nicht mehr erinnern.“

„Woher weiß du das und wieso interessiert dich dieser Fall so sehr?“, fragte Ronni verwundert.

„Ich kenne Jochen Lippmann noch aus meiner Zeit in Duisburg. Er hat seine Firma, einige Jahre bevor ich nach Bonn kam, in Bonn gegründet. Er ist ungefähr so alt wie ich. Vielleicht ein, zwei Jahre jünger. Ich kenne seine Tochter als junges Mädchen. Sie und meine Tochter waren gute Schulfreundinnen. Daher interessiert mich der Unfall – wenn es denn überhaupt ein Unfall war.“

„Was meinst du damit: Wenn es denn überhaupt ein Unfall war?“

Ronni wurde hellhörig. Hatte Frank ihn aufgesucht, um mit ihm den Unfall von Jochen Lippmann zu besprechen? War er eventuell mehr als nur neugierig? Ganz klar! Er wollte aus dem Unfall einen Fall – seinen Fall – machen.

„Überlege doch mal: Jochen Lippmann ist ein äußerst sportlicher Mann, erfahrener Kanufahrer, der bestimmt nicht in der Mitte des Stroms, in der stärksten Strömung fuhr. Außerdem ist er ein hervorragender Schwimmer. Der Rhein hatte zu dieser Zeit kein Hochwasser, im Gegenteil, der Pegelstand war unter Normalwasser gesunken. Und dann kentert er aus unbekannten Gründen und seine Leiche ist bisher nicht auffindbar? Ich sage nur: seltsam – mehr als seltsam!“

„Da könntest du mit deiner Vermutung richtig liegen. Was sollen wir deiner Meinung nach unternehmen?“, fragte Ronni reichlich naiv, obschon er Franks Antwort bereits kannte.

„Ja, was wohl? Wir haben einen Fall – einen Vermisstenfall, vielleicht sogar einen unklaren Todesfall. Wir sollten die Ermittlungen aufnehmen“, war Franks eindeutige Forderung.

„Wir? Du meinst sicher ich. Du bist dabei raus“, antwortete Ronni spontan.

„Klar, ich meine auch dich. Aber vielleicht kann ich dir ein wenig zur Seite stehen, schließlich kenne ich die Familie. Ich könnte mich zum Beispiel einmal mit der Ehefrau oder mit der Tochter unterhalten. So von Freund zu Freundin. Ist vielleicht besser, als wenn du offiziell mit der Frau und mit der Tochter sprichst.“

„Hm“, machte Ronni und nickte bedächtig.

„Vielleicht hast du recht. Ich werde bei den Kollegen nachhören, wie damals die Ermittlungen verlaufen sind. Außerdem werde ich genaue Informationen über die Firma von Jochen Lippmann einholen. Vielleicht stoßen wir auf irgendwelche Ungereimtheiten. Aber du hältst dich zurück. Du kannst gerne privat mit der Ehefrau sprechen, aber das war es dann auch. Du bist nicht mehr im Dienst.“

„Natürlich, und danke. Ich fühle mich jetzt wieder besser. Es geht doch nichts über eine interessante Aufgabe.“

Ronni war erstaunt, wie sich die mentale Verfassung seines früheren Kollegen in wenigen Minuten vom Negativen ins Positive ändern konnte. Dass Frank von einer interessanten Aufgabe sprach, darauf wollte er besser nicht eingehen.

„Du hast deine Tochter erwähnt. Habt ihr inzwischen wieder Kontakt? Du hattest doch lange Zeit nichts mehr von ihr gehört, wenn ich mich recht erinnere“, wechselte Ronni das Thema.

„Stimmt. Seit zwei Jahren haben wir uns nicht mehr gesehen und gesprochen. Vor zwei oder drei Wochen habe ich sie gesehen. Sie saß draußen im Café in Bonn. Sie nickte mir kurz zu und wandte sich dann wieder ihrem Begleiter zu.“

„Und was hast du gemacht?“

„Ich habe ebenfalls genickt und bin weitergegangen.“

Ronni schüttelte den Kopf.

„Wieso hast du sie nicht angesprochen?“

„Sie war schließlich in Begleitung. Glaubst du, sie hätte dann Zeit für ihren alten Vater?“

„Du spinnst doch. Was heißt hier alter Vater. Erst einmal bist du nicht alt und zweitens bist du schließlich ihr Vater.“

„Trotzdem, ich will mich nicht aufdrängen. Als ich nach Hause kam, habe ich mir meine Laufschuhe angezogen und bin eine Runde joggen gegangen. Ich hasse Joggen wie du weißt, aber es macht den Kopf frei.“

Ronni schüttelte erneut den Kopf und wollte fragen, wieso er denn joggen gehe, wenn er es doch so sehr hasste, ließ die Frage dann doch bleiben. Er kannte Frank und wusste, dass er sich gerne quälte – besonders dann, wenn etwas nicht so lief, wie er es sich vorstellte.

„Wir hören voneinander. Ich werde demnächst Frau Lippmann aufsuchen“, sagte Frank, stand auf und verabschiedete sich von seinem Freund Ronni.

Würde Ronni ihn nicht kennen, wäre er mit Sicherheit über Franks plötzlichen Aufbruch pikiert gewesen – aber er kannte ihn nur zu gut.

4
Mai 2019

Die Dämmerung hatte eingesetzt und die Straßenlaternen verbreiteten bereits ihr schummriges Licht. Nicht mehr lange und die Dunkelheit der Nacht würde sich wie ein Laken über die Stadt legen.

„Die nächste Straße rechts abbiegen“, sagte die emotionslose Frauenstimme seines Navigationsgerätes.

Jochen Lippmann schaute zur Sicherheit noch einmal auf das Display und fuhr langsam um die Kurve in die genannte Straße hinein. Das große, viereckige Schild direkt hinter der Einbiegung zeigte an, dass es sich um eine Spielstraße handelte. Obschon zu dieser Uhrzeit nicht mehr mit spielenden Kindern zu rechnen war, fuhr er wie vorgeschrieben im Schritttempo. Rechts und links standen kleine und auch große, prunkvolle Einfamilienhäuser. Hin und wieder stand vor der Haustür ein Kinderfahrrad oder Kettcar, das darauf schließen ließ, dass hier junge Familien mit Kindern wohnten.

Er überquerte eine Straßenkreuzung. Die Spielstraße war danach zu Ende, allerdings war die Geschwindigkeit von 30 km/h vorgeschrieben. Die Art der Häuser wechselte in diesem Teil der Straße zu eingeschossigen Reihenhäusern mit Garage und zweigeschossigen Mehrfamilienhäusern. Entlang der Straße befanden sich PKW-Einstellplätze, die durch Bauminseln und mit Sträuchern bepflanzte Grünstreifen vom Bürgersteig getrennt waren. Die Grünstreifen wurden lediglich durch die Garagenzufahrten geteilt.

„Sie haben Ihr Ziel erreicht. Das Ziel befindet sich auf der rechten Seite“, sagte die Frauenstimme mit gleicher Freundlichkeit.

Er schaute aus dem Seitenfenster und sah die gesuchte Hausnummer 88, ein Mehrfamilienhaus. Er parkte den Wagen auf einem der Einstellplätze und stellte den Motor ab.

Mit einem Mal waren da Zweifel. Er hatte sich doch sein Vorgehen gut überlegt – wieso jetzt diese Zweifel? War das die Angst vor seinem eigenen Plan oder konnte das eine böse Vorahnung sein? Eine Vorahnung, dass sein Plan aus dem Ruder laufen würde?

Er lehnte sich zurück und schloss für kurze Zeit die Augen. Noch einmal erinnerte er sich, wie seine Tochter ihn mehrmals abends aufgesucht hatte. Unter Tränen berichtete sie ihm jedes Mal, wie verächtlich und brutal ihr Freund sie behandelt hatte. Er hatte sie immer gedrängt, sich von ihm Freund zu trennen. Stattdessen verzieh sie ihm immer wieder. Als sie ihm schließlich eines Sonntagabends gestand, dass er und sein Freund sie sogar vergewaltigt hatten, brachen auch bei ihm alle Dämme. Schluchzend lagen sich Tochter und Vater in den Armen.

Nachdem sie sich wieder gefasst hatten, versuchte er sie zu überreden, zur Polizei zu gehen, aber sie lehnte das energisch ab. Daher schwor er sich, dass er alles Notwendige unternehmen würde, um seine Tochter vor diesem Menschen zu schützen. Und mit alles meinte er, dass er auch zum Äußersten bereit war.

In Gedanken ging er nochmals die Worte, die Sätze durch, die er sagen wollte. Sein Tonfall sollte eindringlich und wütend sein. Nein, um seinen Ton musste er sich keine Gedanken machen. Er war wütend und er würde eindringlich sein, sogar bestimmend, kompromisslos und wenn es sein musste, auch skrupellos. Ohne seinem Gegenüber die Möglichkeit einer Ausrede zu lassen, würde er seine Forderungen vorbringen. Da war er sich vollkommen sicher. Dieser Kerl musste aus dem Leben seiner Tochter und aus dieser Gegend verschwinden. Er würde ihn dazu zwingen. Er hatte alles dabei was er benötigte, wenn es hart auf hart kommen sollte. Er war fest entschlossen. Er hatte sowieso nichts mehr zu verlieren. Aber darum ging es jetzt nicht.

Aus dem Handschuhfach nahm er zwei dünne Gummihandschuhe und zog sie gewissenhaft über. Aus zahllosen Kriminalfilmen hatte er gelernt, dass Handschuhe unerlässlich sind, wenn man keine Fingerabdrücke hinterlassen wollte. Da er nicht wusste, wie der Tag zu Ende gehen würde, war Vorsicht besser als Nachsicht, dachte er.

Dann stieg er aus. Kurz und routiniert prüfte er den Sitz seiner Glock 43X, die im Gürtelholster verdeckt unter seiner Jacke steckte.

Nach den Ereignissen vor einigen Jahren, hatte er sich entschlossen, sich diese Pistole zuzulegen. Und er hatte sich geschworen, sie ohne Wenn und Aber zu benutzen, falls es erforderlich war.


Damals hatte er wieder einmal bis spät in die Nacht in seiner Firma gearbeitet. Es war wie heute zu Beginn des Frühjahrs gewesen. Er ging nach einem langen und anstrengenden Arbeitstag zum Parkplatz vor dem Firmengelände, wo er seinen Wagen abgestellt hatte.

Als er die Fahrertür öffnen wollte, standen plötzlich wie aus dem Nichts drei junge Männer um ihn. Sie trugen alle schwarze T-Shirts und Pudelmützen, die sie über das Gesicht gezogen hatten. Für die Augen waren zwei schmale Schlitze vorhanden. Ohne Vorwarnung prügelten und traten sie wie auf Kommando gleichzeitig wahllos auf ihn ein. Er war nur noch in der Lage, sich seine Arme schützend vor das Gesicht zu halten. Bevor er die Besinnung verlor, sah er, dass sich am Handgelenk eines der Schläger ein Tattoo befand. Er erkannte ein Herz mit der Inschrift Hilde.

Dann wurde es schwarz vor seinen Augen.

Später erfuhr er von der Polizei, dass die Täter ihm den Firmenschlüssel entwendeten und in die Firma eindrangen. Dort brachen sie Schreibtische und Schränke auf, stahlen einige Notebooks und eine geringe Menge Bargeld und verschwanden unerkannt. Ihn hatten sie bewusstlos neben seinem Auto liegen gelassen.

Erst nach Stunden fand ihn ein junges Ehepaar, das zu Fuß von einer Party am Parkplatz vorbeikam. Der Mann rief sofort den Rettungswagen. Seine Verletzungen waren gegenüber dem materiellen Schaden der Firma wesentlich schwerwiegender. Ein vierzehntägiger Klinikaufenthalt war erforderlich, um die Wunden seines Körpers zu heilen. Der psychische Schaden dauerte hingegen wesentlich länger.

Die Ohnmacht, hilflos und ohne jegliche Chance gewesen zu sein, nagte an ihm. Er konnte keine Personenbeschreibung abgeben und Zeugen gab es nicht. Die Polizei hatte daher keinerlei Chance, die Täter zu fassen. Auch sein Hinweis auf das Tattoo war nicht wirklich ein Hinweis, sondern entlockte dem ermittelnden Kommissar lediglich ein mitleidiges Lächeln. Doch in seinem Kopf war es für immer abgespeichert. Das sollte ihm nicht noch einmal passieren, schwor er sich. Daher legte er sich eine Waffe zu. Natürlich legal mit Waffenschein, Führungszeugnis, extra Prüfung als Beweis seiner Sachkundigkeit und Nachweis als gefährdete Person.


Heute war er wieder einmal froh und stolz auf sich, dass er diesen Schritt damals getan hatte. Jetzt durfte er ohne Gewissensbisse die Pistole bei sich tragen.

Die Erinnerung kam in ihm hoch, wie die Tritte und Schläge seinen Körper malträtierten. Dann kam ihm wieder seine Tochter in den Sinn. Wie sie ihm unter Schluchzen erzählte, was sie mit ihr gemacht hatten. Er war wild entschlossen. Wenn es sein musste, würde er die Waffe heute auch benutzen, da würde er skrupellos sein.

Er schaute sich um. Die Straße wirkte total friedlich. Keine Menschenseele war zu sehen. Lediglich aus der ersten Etage des gegenüberliegenden Hauses drang aus einem gekippten Fenster Musik an sein Ohr. Shallow von Lady Gaga & Bradley Cooper registrierte er. Die Musik schwebte wie ein Virus über die Straße und schien nicht zu der friedlichen Stimmung zu passen. Wie kann ich mich jetzt mit dieser Musik befassen?, dachte er und konzentrierte sich wieder auf den Grund seines Daseins.

Bisher hatte er den Freund seiner Tochter nicht kennengelernt. Er kannte nur seinen Namen, aus ihren Erzählungen. Seine Anschrift und Telefonnummer hatte sie ihm einmal auf einen Zettel aufgeschrieben, falls er sie erreichen musste, während sie bei ihm war. Seine Tochter hatte ihre eigene Wohnung und lebte ihr eigenes Leben. In der ersten Zeit, wenn er sie traf, hatte sie noch euphorisch von ihrem Freund erzählt. Später immer weniger. Im Nachhinein erinnerte er sich, war sie meistens seinen Fragen ausgewichen. Jetzt war er gespannt, welchen Menschen er antreffen würde.

Vier Mietparteien wohnten im Haus. Er drückte die dritte Klingel von unten – Mike Brünner. Es dauerte vielleicht fünfzehn Sekunden und ein Summen des Türöffners zeigte ihm an, dass er eintreten konnte. Keine Frage über die Gegensprechanlage, wer denn klingele. Wurde er womöglich erwartet? Unmöglich, entschied er und trat in den Hausflur. Die gesuchte Wohnung befand sich auf der linken Seite auf der ersten Etage. Er stieg langsam die Treppe hoch, denn er wollte nicht außer Atem seinem Gegenüber entgegentreten. Ein kurzes Klingeln an der Wohnungstür, die sich binnen drei Sekunden öffnete.

Vor ihm stand ein junger Mann. Er trug eine Trainingshose und die dazu passende Jacke. Seine schwarzen Haare wirkten strubbelig und ungewaschen und passten zu dem Drei- oder Viertagebart. Trotzdem konnte Jochen Lippmann nicht sagen, dass er unsympathisch wirkte. Mike Brünner sah ihn mit Augen an, die Überraschung und Neugierde gleichzeitig ausdrückten.

„Ja?“, kam es kurz fragend über seine Lippen.

Mit einer Hand hielt er die Tür fest, mit der anderen stützte er sich am Türrahmen ab und demonstrierte damit, dass er nicht gewillt war, dem unangemeldeten Besucher Einlass zu gewähren.

„Mein Name ist Jochen Lippmann. Der Name sagt Ihnen bestimmt etwas. Ich hätte Sie gerne gesprochen“, dabei kam Jochen Lippmann ihm so nahe, dass er eine leichte Alkoholfahne riechen konnte.

„Ah, jetzt schickt die Schlampe sogar ihren Vater als Bittsteller, oder wie soll ich Ihren Besuch auffassen?“

„Wollen wir das nicht drinnen besprechen?“, fragte Jochen Lippmann anstelle einer Antwort.

„Ja, kommen Sie nur herein. Ich werde Ihnen schon sagen, was ich von Ihrer Tochter halte.“

Damit drehte er sich um und ging in die Wohnung. Jochen Lippmann folgte ihm ins Wohnzimmer und schaute sich um. Schlichtes Mobiliar, ein Sofa, ein Fernsehsessel mit abgewetztem Leder auf den Armlehnen, ein Holztisch und ein Schrank in Ikea-Optik. Kein Teppich, nur PVC-Boden, keine Gardinen, lediglich zwei bunte Schals rechts und links des Fensters. Von der Zimmerdecke tauchte das kalte Licht mehrerer LED-Strahler das Zimmer in eine ungemütliche Helligkeit. Zusammengefasst, keine Wohnung, die Behaglichkeit ausstrahlte.

Mike Brünner ließ sich provozierend locker auf das Sofa fallen, entnahm der Packung, die auf dem Tisch lag, eine Zigarette und zündete sie sich genussvoll an. Halb liegend, einen Arm auf die Lehne gestützt, die Beine übereinandergeschlagen, blaffte er Jochen Lippmann an:

„Und, was willst du? Hat dir deine Tochter erzählt, dass ich sie mal richtig rangenommen habe? Du verstehst, was ich meine oder muss ich deutlicher werden?“, fragte er, in den Du-Modus verfallend.

Jochen Lippmann kochte vor Wut. Musste er sich diesen Ton gefallen lassen und dass dieses menschliche Individuum seine Tochter als Schlampe betitelte? Und von wegen Bittsteller, du wirst mich noch um Gnade bitten, wenn ich mit dir fertig bin, dachte er grimmig.

Da er noch im Zimmer stand, war er mit zwei Schritten vor Mike Brünner, bückte sich und packte ihn mit beiden Händen am Hemdkragen, um ihn zu sich hochzuziehen. Dabei brüllte er voller Hass und Wut:

„Was bilden Sie sich ein, so mit mir zu reden? Ich sage Ihnen nur eins, wenn Sie meine Tochter nicht …“

Weiter kam er nicht. Mike Brünner winkelte sein Bein an und stieß es mit voller Kraft gegen seinen Leib. Jochen Lippmann torkelte rückwärts, verlor die Balance und fiel hin. Sein Hinterkopf knallte auf den harten Fußboden. Sterne tanzten vor seinen Augen und er war kurz davor, ohnmächtig zu werden.

Verdammt, das darf doch wohl nicht wahr sein. Der will mich fertigmachen. Ich muss schnellstens wieder hoch, schossen ihm die Gedanken binnen zwei Sekunden durch den schmerzenden Kopf.

Mühsam kam er auf die Knie und versuchte sich aufzurichten. Ein Tritt traf hart seine Magengegend. Nach Luft ringend brach er zusammen und landete auf dem Bauch, wobei seine rechte Hand unter seinem Oberkörper eingeklemmt wurde. Plötzlich fühlte er den kalten Stahl seiner Pistole. Diese Berührung ließ ihn wieder Mut fassen und ungeahnte Kräfte mobilisieren.

Vorsichtig zog er die Pistole aus dem Halfter und drehte sich auf den Rücken. Mike Brünner stand einen Schritt neben ihm und inhalierte geruhsam den Rauch der Zigarette. Für ihn war klar, dass von diesem unliebsamen Besucher keine Gefahr mehr ausging.

„Bei der kleinsten Bewegung drücke ich eiskalt ab. Und glauben Sie mir, dass ist kein Spaß“, sagte Jochen Lippmann leise mit spröder Stimme.

Langsam erhob er sich unter Stöhnen, den Lauf der Pistole immer auf Mike Brünner gerichtet.

5

„Du siehst mürrisch aus“, sagte Susanne Ohlrogge, als sie aus dem Bad in die Küche kam.

„Mürrisch?“, fragte Frank Eisenstein.

Er war wie immer als Erster aufgestanden und bereitete das Frühstück für sich und seine Lebenspartnerin.

„Nein, stimmt nicht. Nicht direkt mürrisch. Du wirkst wie eine Katze, die einen Spatz verspeist hat und der das Federvieh jetzt schwer im Magen liegt.“

„Mein Gott, welch ein Vergleich am frühen Morgen.“

Es war Dienstagmorgen und Frank hatte bereits über eine Stunde wach im Bett gelegen, ehe er aufgestanden war. Seitdem er bei Ronni im Kommissariat gewesen war, ging ihm Jochen Lippmann nicht mehr aus dem Kopf. Sein Kanu sei gekentert und er im Rhein ertrunken. Nein, das konnte er sich nicht vorstellen. Nicht Jochen Lippmann. So wie er ihn in Erinnerung hatte, war er ein durch und durch sportlicher Mann, ein guter Schwimmer und ein exzellenter Kanufahrer. Zugegeben, es war schon einige Jahre her, dass er ihn das letzte Mal gesehen hatte, aber er glaubte, dass sich grundsätzlich nichts daran geändert hatte. Und dann ist seine Leiche bisher nicht gefunden worden. Sehr seltsam, ging es ihm ständig durch den Kopf.

Schweigend saßen Frank und Susanne beim Frühstück. Er mit den Gedanken weit weg und sie sah ihn immer wieder an. Sie wartete darauf, dass er endlich das Schweigen brechen und ihr seine Überlegungen mitteilen würde.

„Nun sag‘ schon, was los ist. Worüber grübelst du seit gestern?“, begann Susanne dann doch und beendete das Schweigen.

Es schien, als sei Frank erleichtert, dass sie endlich fragte. Wahrscheinlich hätte er nie als Erster das Gespräch begonnen. So sprudelte er los und berichtete Susanne vom Unfall von Jochen Lippmann, und dass er die Familie von früher her kannte. Auch mit seiner Meinung über den angeblichen Unfall blieb er nicht hinter dem Berg.

„Was hältst du davon?“, fragte er, als er seine Ausführungen beendet hatte.

„Was ich davon halte? Ich weiß nicht recht. Vielleicht verrennst du dich mit deinen Zweifeln.“

„Mag sein. Aber findest du nicht auch …“, Frank hielt kurz inne.

„Was finde ich?“

„… dass zu viele Faktoren gegen einen normalen Unfall sprechen?“

„Hm“, machte Susanne.

„Wenn du hm sagst, bist du meistens schon zu neunzig Prozent meiner Meinung.“

„Kann sein, kann auch nicht sein. Ich weiß es nicht“, sagte Susanne zweifelnd.

„Ich habe mit Ronni darüber gesprochen. Er will sich die Akte des Unfalls besorgen und sich über Jochens Firma informieren. Er wird mir Bescheid geben, was er erfahren hat“, sagte Frank.

„Aber der alte Kommissar wittert Unheil und will nicht abwarten, sondern bereits auf eigene Faust ermitteln?“, fragte Susanne, nicht ohne eine Prise Sarkasmus in der Stimme.

„Nein, Ronni will sich darum kümmern. Ich werde vielleicht einmal mit Margret, der Ehefrau von Jochen Lippmann, sprechen. Ansonsten halte ich mich da heraus.“

„Aha. Du hältst dich da raus. Bist du davon überzeugt?“, lächelte Susanne.

„Na ja, mal sehen“, lächelte auch Frank.

Susanne wusste, dass damit das Thema für Frank vorerst erledigt war und es für sie sinnlos war, weiter bei ihm nachzubohren.

Sie beendete das Frühstück, denn es war für sie Zeit, zur Arbeit zu fahren.

„Bei uns in der Rechtsmedizin ist zurzeit nicht viel los. Ich werde früh am Nachmittag zu Hause sein. Wenn das Wetter so bleibt, können wir vielleicht noch eine Stunde die Sonne und anschließend einen Kaffee in der Rheinaue genießen. Was hältst du davon?“

„Gerne. Bis dahin bin auch ich wieder zurück.“

„Was hast du vor?“, fragte Susanne, die neugierig geworden war, obschon sie ahnte, was ihr Lebenspartner vorhatte.

„Ich werde Margret Lippmann einen Besuch abstatten. Soviel ich weiß, wohnt sie in Troisdorf-Eschmar. Zumindest hatten sie früher dort einen Bungalow.“

„Hatte ich mir doch gedacht, dass du sofort etwas unternehmen wirst. Ich wünsche dir viel Erfolg“, sagte Susanne, schlüpfte in ihre Jacke, gab ihm einen Kuss auf den Mund und machte sich auf den Weg zu ihrer Arbeitsstelle.


Frank Eisenstein war auf dem Weg zur Gartenstadt Eschmar, einem, im Stil der frühen 70er Jahre gebauten, Stadtviertel der Stadt Troisdorf. Der Baustil bestand aus Flachdachbungalows. Ein wichtiger Trendsetter war damals für viele Bauherren in der Region der Kanzlerbungalow auf dem Gelände des Bundeskanzleramtes in Bonn. In Troisdorf wurde mit der Gartenstadt ein ganzes Viertel in dieser Bauform errichtet.

Er hatte es vermieden, seinen Besuch telefonisch bei Margret Lippmann anzukündigen. Er hätte dann am Telefon sagen müssen, weswegen er käme, und er wollte den Überraschungseffekt ausnutzen und sie unvoreingenommen antreffen.

Auf dem Weg nach Troisdorf telefonierte er mit seinem früheren Kollegen Ronni Kern, der die genaue Anschrift der Familie Lippmann in Erfahrung gebracht hatte und sie ihm mitteilte.

„Und stell‘ dich nicht mit Kriminalhauptkommissar vor“, warnte ihn Ronni.

„Du bist nicht mehr im Dienst. Du bist a.D.“

„Ja, natürlich. Du immer mit deinen Spitzfindigkeiten. Manchmal kommt es halt vor, dass man die letzte Silbe a.D. bei der Vorstellung verschluckt. Grundlegend richtig gesagt habe ich es dann trotzdem“, schmunzelte er und legte auf.

Als seine Tochter noch zur Schule ging, hatte er sie bei den Lippmanns öfters abgeholt. Dennoch hatte er keinerlei Erinnerung mehr, wo sich das Haus befand und wie es aussah. Dafür war zu viel Zeit vergangen. Auch wenn ein Flachdachbungalow neben dem anderen stand und sie sich wie ein Ei dem anderen glichen, hatte sich anscheinend viel im Umfeld der Häuser verändert.

Vor der Haustür schaute er sich von oben bis unten prüfend an und zog noch einmal sein Sakko gerade. Er würde mit Sicherheit später abstreiten, nervös gewesen zu sein. Dann klingelte er.

„Guten Tag. Mein Name ist Eisenstein, Frank Eisenstein, Kriminalhauptkommissar aus Bonn“, stellte er sich vor.

Der Blick der Frau in der Türöffnung musterte ihn von oben bis unten und wieder zurück. Ihr Gesicht war blass und von vielen Falten gezeichnet. Die blonden Haare waren mit grauen Strähnen durchzogen, ob es echte Strähnen oder gefärbte waren, vermochte er nicht zu beurteilen. Wenn er es nicht besser gewusst hätte, hätte er sie auf über siebzig Jahre geschätzt. Sie trug alte, abgewetzte Jeans und einen grau-schwarz gemusterten Pullover, der unvorteilhaft locker um ihren Körper hing.

„Frank Eisenstein, ich glaube es nicht“, sagte die Frau und schaute den Kommissar an, als wäre er eine Erscheinung aus einer anderen Welt.

„Hallo Margret. Lange nicht gesehen.“

„Weiß Gott, das stimmt. Du scheinst aber noch gut in Form zu sein“, sagte sie und taxierte ihn nochmals von oben bis unten.

Er sagte nichts dergleichen. Er hätte lügen müssen und das wollte er nicht.

„Darf ich reinkommen?“, fragte er stattdessen.

Sie zögerte einen Moment. Um ihren Mund zuckte es, aber es kam kein Wort heraus. Frank Eisenstein räusperte sich etwas verlegen.

„Es geht nur um ein kurzes Gespräch bezüglich des Unfalls deines Mannes. Du musst dir keine Sorgen machen. Ich möchte dir nur ein paar Fragen stellen“, erklärte er ihr.

Sie zuckte leicht zusammen, als ginge ein Ruck durch sie, der sie aufwachen ließ. Ihr Körper straffte sich.

„Ja, natürlich, entschuldige. Komm‘ rein.“

Sie ging ihm voraus durch einen kurzen Flur. Direkt neben der Haustür führte eine Treppe in den Keller. Bis auf die Wohnzimmertür am Ende des Flurs, waren alle Türen zu den anderen Zimmern geschlossen. Vor dem Wohnzimmer führte der Flur nach links weiter. Auch hier waren die beiden Türen am Ende geschlossen.

Als Eisenstein das Wohnzimmer betrat, erschrak er. Das hatte er nicht erwartet. War das der Geschmack von Firmenchef Jochen Lippmann? Margret traute er schon eher diese Stilrichtung zu, aber Jochen? Er konnte sich nicht erinnern, dass die Einrichtung im Wohnzimmer bereits damals so gewesen war, als er seine Tochter in jungen Jahren bei den Lippmanns abgeholt hatte.

Wohnzimmerschrank, zwei Sideboards oder Kommoden, ein Tisch. Alles in Gelsenkirchener Barock. Edelholzfurnierte, hochglänzende Möbelstücke in schwungvoller Üppigkeit mit einer Vielzahl von Formen und Verzierungen, so, wie sie in den 1950er Jahren populär waren. Die Glasteile des Vitrinenschranks waren mit Porzellan und Nippes, wie es auf den ersten Blick aussah, vollgestopft. In zwei Ecken des Zimmers standen je ein Stuhl mit Lehne, wie man sie aus der Chippendale-Zeit der 1960er Jahre kannte.

„Nimm Platz“, sagte Margret und wies auf ein braunes Ledersofa, das Gott sei Dank aktuellerem Datums zu sein schien.

Als er sich setzte, bestätigte sich sein Eindruck, denn der Federkern war fest und gemütlich. Sie nahm in einem Sessel ihm schräg gegenüber Platz.

„Wie geht es dir?“, fragten beide wie aus einem Mund.

Margret und Frank mussten wegen der Gleichzeitigkeit ihrer Frage lachen. Auf jeden Fall schien das die Stimmung zu lockern. Frank übernahm als Erster das Wort.

„Mir geht es verhältnismäßig gut. Ich bin seit einigen Monaten Pensionär, woran ich mich allerdings noch gewöhnen muss. Nach so vielen Jahren mit einem Mal keine Aufgabe mehr zu haben, ist nicht so leicht. Und was machst du so?“

„Ach ja, mir geht es auch verhältnismäßig gut“, begann Margret und lächelte ein wenig, da sie auch das Wort verhältnismäßig benutzte.

„Hin und wieder kommt Sarah bei mir vorbei. Wir haben nicht das beste Verhältnis. Du hast sie ja lange nicht mehr gesehen. Sie ist inzwischen eine richtige Frau geworden“, sagte sie und Frank bemerkte, wie stolz sie auf ihre Tochter war, auch wenn sie, wie sie sagte, nicht das beste Verhältnis miteinander hatten.

„Das ist bestimmt schlimm, wenn der Ehemann verunglückt, wahrscheinlich tödlich, und man kann noch nicht einmal von ihm Abschied nehmen, da der Leichnam nicht gefunden wird. Vielleicht hast du ja doch in Sarah eine Stütze, auch wenn ihr euch nicht oft seht.“

Das war nicht besonders taktvoll von Eisenstein, Margret so einfach mit der Behauptung zu konfrontieren, dass Jochen tot sei. Aber so war er nun mal, manchmal unverblümt zu sagen, was er dachte.

An Margrets Gesichtsausdruck konnte er erkennen, dass er einen wunden Punkt angesprochen hatte. Sie schaute ihn nicht an, als sie antwortete.

„Hm, na ja …“, begann sie und knetete dabei ihre Hände.

„Wir leben seit Jahren nicht mehr zusammen. Wir haben uns getrennt. Aber du hast Recht. Es ist schon eine Belastung, nicht zu wissen, was wirklich geschehen ist, auch wenn man nicht mehr zusammenlebt. Sarah scheint das nicht sonderlich zu berühren. Wie junge Frauen heute halt so sind. Ich bin mehr oder weniger auf mich allein gestellt.“

Es entstand eine peinliche Pause.

„Ihr seid geschieden. Das tut mir leid“, sagte Frank, um das Schweigen zu brechen.

„Das muss dir nicht leidtun. Nein, geschieden sind wir nicht. Ich wollte mich bisher nicht scheiden lassen. Es ist halt so, dass jeder von uns sein Leben lebt. Er hat seine Wohnung und Firma in Bonn und ich lebe hier.“

Wieder entstand eine Pause. Frank überlegte noch, wie er das Gespräch wieder in Gang bringen konnte, als sie ihm zuvorkam.

„Ich konnte einfach nicht mehr. Immer wieder neue Freundinnen, die wesentlich jünger waren als er. Ich kam mir dabei als alte, nutzlose Frau vor. Er hatte kein Gewissen – hatte es noch nie. Er fühlte einfach nicht, was er mir antat. Ich habe ihn vor die Wahl gestellt, entweder er zieht aus, oder ich verkaufe meine Anteile an der Firma“, sagte sie und stand auf.

Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Sie musste sich mit etwas anderem ablenken.

„Entschuldige. Möchtest du etwas trinken? Eine Tasse Kaffee oder ein Glas Wasser? Ich habe auch ein Bier da, wenn du möchtest?“

„Danke. Ein Glas Wasser reicht mir.“

Sie holte eine Flasche und zwei Gläser aus der Küche und schenkte ein.

„Dann hat er also immer noch seine Firma? Und du hast Anteile daran? Das wusste ich nicht“, nahm Frank das Thema wieder auf, nachdem sie sich gesetzt hatte.

„Ja, die habe ich von Anfang an gehabt. Mich interessiert die Firma aber überhaupt nicht. Demzufolge konnte er immer machen, was er wollte. Was glaubst du, wenn ich die Anteile verkaufen würde? Mit einem neuen Teilhaber könnte er nicht machen, was er mit mir macht. Und das weiß er. Daher wollte auch er bisher nicht, dass wir uns scheiden lassen. Es sollte alles so bleiben, wie es war. Ich als stille Teilhaberin und er als der Macher.“

Der Ton in ihrer Stimme hatte an Schärfe zugenommen und zeigte ihre Verärgerung.

„Du musst aber auch an dich denken. Du kannst doch nicht dein ganzes Leben von deinem Mann abhängig sein. Da gibt …“

Margret schnitt ihm das Wort ab.

„Ach Frank, du hast doch keine Ahnung. Ich bin auf ihn und sein Geld angewiesen. Ich selbst habe nichts. Ich werde noch nicht einmal eine Rente bekommen, da ich nie gearbeitet habe, weil er das nicht wollte. Jochen hat immer für alles gesorgt. Ich bin auf ihn angewiesen.“

„Hm“, machte Frank und kratzte sich gewohnheitsmäßig den Kopf.

Was sollte er dazu noch sagen? Er fühlte sich in der Situation unwohl. Er musste sich daran erinnern, weswegen er Margret eigentlich aufgesucht hatte.

„Jetzt ist aber eine völlig andere Situation eingetreten. Wahrscheinlich ist er im Rhein ertrunken. Wie geht es mit der Firma weiter?“, kam Frank auf den eigentlichen Punkt seines Besuches.

„Das weiß ich auch nicht. Vermutlich werde ich jetzt doch verkaufen. Im vorigen Jahr hat er einen Geschäftsführer mit weitreichenden Vollmachten eingestellt. Jochen meinte seinerzeit, dass er nicht mehr so viel arbeiten wolle“, erläuterte sie.

„Ja, aber geht das so einfach? Ich habe von solchen Dingen keine Ahnung“, fragte Frank und kratzte sich dabei erneut seine kurzen Haare.

„Ich habe auch keine Ahnung. Aber anscheinend geht das. Jochen wollte nur noch leben, gut leben. Jetzt, da Jochen nicht mehr da ist, kommt dieser Geschäftsführer, Sven Jürgens heißt er, hin und wieder bei mir vorbei und ich muss ihm dann einige Unterlagen unterschreiben.“

„Hm“, machte Frank. „Dann hast du ja einiges um die Ohren.“

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