Kitabı oku: «Tödliche Dunkelheit»

Yazı tipi:

Heribert Weishaupt

Tödliche Dunkelheit

Ein Troisdorf-Krimi


Heribert Weishaupt

Tödliche Dunkelheit

Ein Troisdorf-Krimi

Cover: Heribert Weishaupt

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ISBN E-Book 978-3-96136-058-1

ISBN Print 978-3-96136-057-4

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Über den Autor:

Heribert Weishaupt wurde 1949 in Stolberg im Kreis Aachen geboren. Über vierzig Jahre arbeitete er in der deutschen Sozialversicherung im Bereich Krankenversicherung. Mit Beginn des Ruhestandes erfüllte er sich seinen Wunsch und begann mit dem Schreiben von Kurzgeschichten und Kriminalromanen.

Heribert Weishaupt ist verheiratet, hat zwei Söhne und drei Enkelkinder. Seit über dreißig Jahren lebt er in Troisdorf im Rhein-Sieg-Kreis.

Es ist kein Unglück, blind zu sein.

Es ist nur ein Unglück,

die Blindheit nicht zu ertragen.

Konfuzius (551 – 479 v. Chr.)

Nur die Dunkelheit ist echt,

das Licht scheint nur so.

Volksmund

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Anmerkungen und Dank

1


Es stürmt und regnet. Dunkle Wolken ziehen über den Himmel. Immer wieder zucken Blitze und erleuchten mit gleißendem Licht den ganzen Himmel. Hinterher ertönt das Grollen des Donners, als wolle er die Stadt sprengen. Ein typisches Sommergewitter.

Das Gewitter passt ausgezeichnet zu seinem Plan, auch wenn er das Wetter grundsätzlich nicht mit eingeplant hat.

Es sind kaum Menschen auf den Gehwegen und die, die sich bei dem Wetter nach draußen trauen, stemmen sich mit gesenkten Köpfen hinter dem Schirm gegen den Wind und den Regen und beeilen sich, den Widrigkeiten des Wetters zu entkommen.

Trotzdem schaut er sich vorsichtig um, als er aus dem Wagen steigt. Er hat keinen Schirm dabei. Schnell zieht er die Kapuze über den Kopf. Nicht nur wegen des Regens. Die tief ins Gesicht gezogene Kapuze macht ihn fast unkenntlich. Niemand soll sich an ihn und an sein Gesicht erinnern. Mit den Händen in den Taschen, den Kopf gesenkt, läuft er hinüber zum Eingang des Hauses mit der Hausnummer 27.

Vor dem Eingang, wo er weitgehend vor dem Regen geschützt ist, streift er sich routiniert dünne Latexhandschuhe über. Er hasst diese Vorsichtsmaßnahme. Das prickelnde Gefühl, wenn er über nackte Haut streicht, wird dadurch erheblich gemildert. Aus Sicherheitsgründen hat er keine andere Wahl. Er darf keinerlei Spuren hinterlassen.

Er findet den Namen ohne Umschweife auf der Tafel der Mieter und drückt den Klingelknopf. Nichts geschieht. Das hat er auch nicht anders erwartet aber jetzt ist er sicher, dass sich niemand in der Wohnung befindet, dass die Wohnungsinhaberin noch nicht nach Hause gekommen ist. Er nimmt den Nachschlüssel und schließt die Haustür auf.

Auf die Benutzung des Fahrstuhls verzichtet er. Er will nicht das Risiko eingehen, jemandem zu begegnen, der ihn die gesamte Fahrt über, auch wenn diese nur zehn oder fünfzehn Sekunden dauert, ansieht.

Geschmeidig und behänd wie eine Katze, eilt er das nüchterne Treppenhaus hinauf. Erwartungsgemäß begegnet ihm niemand. Welcher Mieter benutzt schon das Treppenhaus, wenn ein Fahrstuhl vorhanden ist?

Außer Atem erreicht er den Flur in der dritten Etage. Ruhelos schaut er sich um und findet schnell die gesuchte Wohnungstür.

Bevor er auch diese Tür mit einem Nachschlüssel öffnet, putzt er pedantisch seine nassen Schuhe auf der davor liegenden Fußmatte ab. Er darf keine verräterischen Fußspuren in der Wohnung hinterlassen.

Er drückt die Tür auf. Noch schnell ein finaler Blick rechts und links in den Flur, dann huscht er in die kleine Diele. Er schiebt die Tür leise hinter sich ins Schloss und verschließt sie wieder. In der Diele verharrt er einige Sekunden reglos und horcht. Keine ungewöhnlichen Geräusche. Nur das Prasseln des Regens und das Heulen des Windes sind zu hören. Die Tür zum Wohnzimmer steht offen. Er geht hinein und scheint mit den Augen jedes Möbelstück und jedes Accessoire zu scannen. Ja, das entspricht auch seinen Vorstellungen: Moderne Einrichtung, sauber und aufgeräumt. Dann ein Blick in die Küche und ins Bad. Hier das Gleiche. Sein Eindruck verfestigt sich. Die Frau hat einen guten Geschmack – so wie er, was die Frauen betrifft.

Zuletzt betritt er das Schlafzimmer. Ein breites, französisches Bett. Vielleicht zu breit und zu protzig für eine Single-Frau. Aber vielleicht hat sie öfter Herrenbesuche über Nacht, mit denen sie das Bett teilt. Das kann die Sache für ihn vielleicht einfacher machen. Einen festen Freund hat sie im Augenblick jedenfalls nicht. Das hat er herausgefunden. Daher wird sie auch heute, wie jeden Tag in den letzten Wochen, voraussichtlich allein nach Hause kommen.

Er weiß, ein gewisses Restrisiko, dass sie womöglich jemand mit nach Hause bringt, besteht immer. Dann hätte er ein Problem, für das er auch eine Lösung einkalkuliert hat. Aber sein Vergnügen würde dann zwangsläufig ausfallen.

Er rechnet mit einer Wartezeit von ungefähr einer Stunde. Dann wird sie von der Arbeit nach Hause kommen. Das ist für ihn durchaus akzeptabel. Wenn das Ziel es wert ist, kann er geduldig sein – und wert ist es das Ziel, zweifellos. Genauer betrachtet liebt er sogar diese Wartezeit, in der sich seine Vorfreude und Erregung immer mehr aufbaut.

Endlich hört er das ersehnte Geräusch. Ein Schlüssel dreht sich im Schloss der Wohnungstür. Er zieht die schwarze Sturmmaske aus seiner Jackentasche und streift sie schnell über den Kopf. Lediglich Augen und Mund bleiben frei.

Die Wohnungstür ist wieder ins Schloss gefallen. Er vernimmt Schritte in der Diele, die sich in Richtung Schlafzimmer bewegen. Er steht bereits versteckt hinter der halb geöffneten Schlafzimmertür, den Rücken gegen die Wand gepresst. Mit einem Ruck öffnet sich die Tür fast vollständig und trifft ihn beinahe. Er drückt den Rücken noch fester gegen die Wand.

Zu seiner Freude bleibt die Tür offen, sodass er dahinter nicht zu sehen ist. Er wartet. Sein Mund ist trocken. Er kennt das. Es ist die Aufregung und die Spannung.

Eine junge, zierliche Frau mit kurzen, schwarzen Haaren tritt ins Zimmer. Sie ist hübsch. Sie wendet seinem Versteck den Rücken zu. Er kann ungehindert beobachten, wie sie mit natürlichen Bewegungen die Knöpfe ihrer Bluse öffnet, sie auszieht und mit Schwung auf das Bett wirft. Dann zieht sie ihre Jeans aus. Auch diese landet mit Schwung auf dem Bett.

Der weiße BH und Slip auf ihrer leicht gebräunten Haut erregen ihn aufs Höchste.

Er hat genug gesehen. Er kann nicht mehr warten – er muss handeln. Mit einem gewaltigen Tritt schmettert er die Tür ins Schloss.

Die Frau fährt herum und erstarrt für den Bruchteil einer Sekunde, ehe sie versucht, nach der Klinke zu greifen. Dieser Sekundenbruchteil genügt ihm und er umschlingt sie mit seinen muskulösen Armen und wirft sie auf das Bett. Sofort springt er hinterher und drückt sie mit seinem Gewicht in die Kissen.

Seine kräftige Hand verschließt ihren Mund, denn Schreie oder Hilferufe kann er sich nicht leisten. Mit der anderen Hand packt er den BH und reißt ihn der Frau vom Körper. Auf die gleiche brutale Art entfernt er den Slip. Die Frau windet sich unter ihm und tritt aus Leibeskräften mit den Beinen ohne ihren Gegner zu treffen. Ihre Fäuste trommeln auf seinem Rücken und gegen seine Schultern.

„Wenn du schreist, wirst du es bereuen“, sind seine ersten, heiseren Worte.

Die schwarze Maske mit den dunklen, glühenden Augen ist direkt über ihrem Gesicht. Seine Hand gibt den Mund der Frau frei. Die Angst und der Anblick der Maske lähmen sie. Sie gibt keinen Laut von sich.

Ihr Atem geht stoßweise. Ihr Körper ist verkrampft und schmerzt. Sie begreift, sie hat keine Chance.

Auch der Mann atmet schwer.

„Versuch es zu genießen. Du magst es doch auch“, fügt er in einem fast freundlichen Ton hinzu.

Inzwischen rinnen Tränen über ihr Gesicht. Sie versucht nicht, ihr Schluchzen zu unterdrücken. Ihr ist klar, was jetzt geschehen wird.

Die Ahnung der Frau bestätigt sich auf brutale Art. Der Mann keucht. Sein stoßweiser Atem schlägt ihr ins Gesicht. Sie ist zu keiner Reaktion und zu keinem Laut mehr fähig. Ihre Kehle ist wie zugeschnürt. Ihre Bewegungen erlahmen und ihr zierlicher Körper verhärtet sich. Sie fühlt sich wie betäubt, wie erstarrt. Der Mann nimmt darauf keinerlei Rücksicht. Kompromisslos vollzieht er die Vergewaltigung.

Schmerz durchflutet ihren Körper. Mit weit geöffneten Augen starrt sie an der Furcht erregenden Gesichtsmaske vorbei gegen die Zimmerdecke. Sie ist wie zu Eis erstarrt.

So plötzlich wie der Albtraum begonnen hat, so endet er. Der Mann hat erreicht, was er erreichen wollte, springt vom Bett und hastet zur Tür. Bevor er aus ihrem Blick verschwindet, hält er kurz inne und dreht sich um.

„Und keine Polizei, sonst …“

Er lässt offen, was dann passieren wird. Den angsterfüllten Blick der Frau ignoriert er. Ohne ein weiteres Wort verschwindet er aus dem Schlafzimmer.

Die Frau hört, wie die Wohnungstür ins Schloss fällt. Es dauert lange, bis sich ihre Erstarrung löst. Dann bricht sie erschöpft und erniedrigt in Tränen aus.

2
Freitag, 05.07.2015 – 15:45 Uhr


Ich bin wie Millionen anderer Menschen. Und ich bin damit zufrieden – will grundsätzlich auch gar nicht anders sein. Sollte ich jemals in meinem Leben einen Mann finden, bei dem ich mich für immer geborgen fühlen könnte, dann hoffe ich, dass ich im Laufe der Zeit nicht genauso abgestumpft werde, wie viele Menschen meines Geschlechts, die während der Zeit des Zusammenlebens zum Urgestein von Anpassung und Schwäche werden.

Bei Tobias bin ich mir nicht sicher.

Doch, ich bin mir ziemlich sicher, dass er nicht der Mann für ein ganzes Leben ist.

Vielleicht ist es ein Fehler, bei ihm zu bleiben. Vielleicht hätte ich nein sagen sollen, als es noch leichter möglich war.

Aber ich war träge, wollte nicht den unbequemen Weg der Konfrontation gehen – entschied mich für den bequemen Weg der Anpassung und Gleichgültigkeit.

Es ist aber auch nicht so, dass Tobias mich nicht interessiert und ich ihn nicht mag. Nein, grundsätzlich mag ich ihn. Er ist ein durchtrainierter, gut aussehender junger Mann. Seine dunkelbraunen Augen signalisierten mir von Anfang an Wärme und Geborgenheit. Und er hat Wesenszüge, die ich mag, die mich manchmal auch verblüffen und sogar neugierig machen. Neugierig auf etwas, das sich mir noch nicht offenbart hat.

Es liegt wahrscheinlich an mir. Ich will keinen Mann in mein Leben lassen – noch nicht. Ich mag nicht alles von mir preisgeben und ich mag keinen uneingeschränkten Anteil an ihm und an seinem Leben nehmen.

Ich frage mich: Bin ich überhaupt für eine dauerhafte Beziehung geeignet?

Damals, als ich ihn kennenlernte, stand ich in keiner Beziehung. Es war mehr als ein Jahr her, dass ich einen festen Partner hatte. Manchmal sehnte ich mich nach einer neuen, festen Beziehung, meistens jedoch nicht. Hin und wieder ein One-Night-Stand oder höchstens eine kurze Affäre – mehr gestattete ich mir nicht. Ich hatte keine großartigen Pläne und wollte nur ab und zu einen Mann. Ja, ich wollte gelegentlich unbedingt einen Mann. Vielleicht auch nur für eine Nacht, vielleicht für eine Nacht und einen Tag. Vielleicht auch für etwas länger, aber auf jeden Fall nur für eine überschaubare Zeit.

Dann trat Tobias in mein Leben.

Heute bin ich unsicher. Mein Innerstes sagt mir, ich sollte gehen – sofort und ohne Rücksicht und Sentimentalitäten.

Es ist siebzehn Uhr. Ich könnte die Bar verlassen, in der ich sitze und schreibe, meinen Koffer aus dem Wagen holen und in irgendeinem Hotel in diesem Ort einchecken oder mit dem Taxi in einen anderen Ort fahren und dort eine Unterkunft suchen.

Aber wieder hält mich meine Trägheit zurück. Wahrscheinlich noch weit über das Jetzt hinaus. Ich kann nicht sagen, wie lange noch.

Oder ist es meine Erziehung, mein Charakter? Das geziemt sich nicht, das macht man nicht, seinen Partner während der Urlaubsreise zu verlassen. Solch eine Aktion würde mit Sicherheit niemand gutheißen. Weder meine Freundinnen, deren Anzahl dünn gesät ist, noch seine Freunde. Wenn er denn überhaupt welche hat. Ich kenne keinen. Auch seine Eltern kenne ich nicht. Er sagte mir einmal, dass sich seine Eltern, als er noch ein Kind war, haben scheiden lassen. Er sei bei seiner Mutter aufgewachsen. Verwandte scheint er keine zu haben. Er hat nie darüber gesprochen und meinen Fragen ist er ausgewichen. Über seine Vergangenheit spricht er nicht gerne und irgendwann habe ich es aufgegeben, Fragen zu stellen. Sein Leben vor mir interessiert mich auch nicht so brennend.

Aber wieso bin ich so sehr großzügig? Er wohnt kostenlos bei mir und lebt von meinem Geld. Er ist Student, studiert Mathematik und molekulare Biomedizin und hat außer BAföG kein Einkommen. Er versucht noch nicht einmal, einen Job zu finden, um sich etwas hinzuzuverdienen. Aber das ist nicht das Entscheidende. Was mich beschäftigt und mir keine Ruhe lässt, ist die Frage: Wieso gestatte ich ihm, mich zu besitzen und zu lieben? Ich kann es nicht sagen, ich finde keine Antwort auf diese Frage.

Was ihn betrifft, behauptet er zwar, dass er mich liebt, sogar über alles liebt. Ich konnte ihm das anfangs nicht glauben. Ich nahm an, er braucht und benutzt mich als seine Marionette, sein Spielzeug, das er weglegen kann, wenn es ihn nicht mehr interessiert. Doch inzwischen glaube ich ihm tatsächlich, dass er mich auf seine Art liebt. Ich weiß nicht einmal, weshalb ich ihm inzwischen glaube. Es ist völlig absurd, dass wir jetzt bereits mehrere Monate zusammenleben. Irgendwie kann ich nicht von ihm lassen, nicht Schluss mit ihm machen, so wie mit manch einem Mann vor ihm.

Dabei ist er nicht gerade unproblematisch. Er hat Ansprüche. Nicht nur in finanzieller Hinsicht. Seine Meinung zählt und ist unumstößlich. Er will sagen, wo es lang geht, er will mich bevormunden, wie gesagt, besitzen. Das ist häufig ein Streitpunkt zwischen uns. Muss ich tatsächlich so abstumpfen und ein Heimchen am Herd werden, nur damit mein Partner zufrieden ist und sein Ego ausleben kann?

Ein ganz klares Nein!

Heute ist wieder so ein Tag, an dem ich denke, dass ich bereits einen Schlussstrich hätte ziehen sollen. Mein ganzes Dasein fühlt sich an wie Stückwerk, ohne Aussicht auf Vergehen oder Vollendung.

Es ist heiß. Die Gedanken und Vorsätze verdorren auf dem Weg bis zur Ausführung.

Ich bestelle mir den dritten kühlen Weißwein. Tobias liegt drüben im Park im Schatten und ruht sich von der langen Fahrt aus. Welch eine Selbstverständlichkeit.

Andererseits bin ich froh, dass ich jetzt Zeit für mich habe.

Es ist schön, die französische Sprache um mich herum zu hören, ohne zu begreifen, was gesagt wird. Ich muss mit niemandem reden und man sieht mir nicht an, was ich denke. Wie heißt es doch in dem Studentenlied: „Die Gedanken sind frei.“ Und Gedanken sind unschädlich für den, über den man sich Gedanken macht. Aber nur so lange, wie sie Gedanken bleiben.

Es wird Zeit, dass wir weiterfahren, wollen wir unser Ziel noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen.

Mir ist klar, dass er das ganz anders sehen wird, wenn ich ihn wecke. Aber was soll‘s. Es ist auch mein Urlaub!

Anna beendete die Eintragungen in ihr Tagebuch. Sie hatte seit Monaten nichts mehr eingetragen. Genauer gesagt, seit dem Tag, an dem sie Tobias kennengelernt hatte. Sie schlug das Buch zu und verstaute es sorgfältig in ihrer Handtasche.

3
Freitag, 05.07.2015 – 16:30 Uhr


Tobias war, wie Anna erwartet hatte, nicht begeistert, als sie ihn zur Weiterfahrt aufforderte. Lieber hätte er noch im Schatten der Parkbäume weitergeschlafen. Erst als Anna ihm den Vorschlag unterbreitete, hier ein Hotel zu suchen und in dem kleinen, französischen Ort zu übernachten, erwachten seine Lebensgeister und sein Widerstand. Er sprang auf.

„Auf keinen Fall. Denkst du ich bin ein Schwächling, ein alter Mann? Wir fahren weiter – so wie geplant.“

„Aber du warst doch gerade noch müde und wolltest nicht aufstehen …“

„Unsinn! Wir fahren“, unterbrach er sie barsch und unterband damit jeglichen weiteren Einwand.

Mit energischen Schritten ging er in Richtung Parkplatz, wo sie ihr Auto abgestellt hatten. Anna sagte nichts mehr und folgte ihm. Letztendlich war es auch ihr Wunsch, heute noch am Urlaubsziel anzukommen.

Das Navigationsgerät führte sie sicher aus der Stadt heraus und zur nahen Autobahn. Bereits in der Stadt schaltete er das Autoradio ein und suchte fieberhaft einen Sender mit aktuellen Hits. Die französischen Sender konnten jedoch seinen Musikgeschmack nicht befriedigen. Er legte daher eine ihrer CDs ein und drehte die Lautsprecher so richtig auf. Queen – Greatest Hits, die Musik, die beide mochten.

Die anfänglich schlechte Stimmung war bald verflogen und beide sangen die Texte aus voller Kehle mit.

Beim fünften oder sechsten Track des Albums schaltete sich der Verkehrsfunk des Radiosenders automatisch mit einer Durchsage ein und unterbrach die Musik. Auch der Gesang der beiden jungen Leute wurde damit unterbrochen. Mit ihren geringen Kenntnissen der französischen Sprache verstanden sie den Inhalt der Meldung nicht. Sie waren lediglich sauer, dass ihr Gesang so abrupt unterbrochen wurde.

Als nach der Durchsage die Musik wieder einsetzte, waren die Euphorie und die Lust mitzusingen mit einem Male dahin. Anna drehte das Radio leiser. Sie schloss die Augen. Sie hatte die Rast in dem kleinen Ort nicht wie Tobias zum Schlafen genutzt. Stattdessen hatte sie in ihr Tagebuch geschrieben und sich Gedanken über sich, über Tobias und über ihr gemeinsames Zusammenleben gemacht – wie immer ohne direkte Konsequenzen.

Anna rutschte tief in den Beifahrersitz. Der Sicherheitsgurt spannte und war ihr unbequem. Da nur wenig Verkehr auf der Autobahn herrschte, löste sie, trotz Tobias‘ Einwand, den Gurt und duselte vor sich hin.

Es war fast wie früher, als sie noch ein junges Mädchen war und mit ihren Eltern in Urlaub fuhr. Meistens fuhren sie morgens sehr früh los, wenn es noch dunkel war. Bereits nach wenigen Kilometern auf der Autobahn schlief sie regelmäßig ein. Sie erwachte erst, wenn die Sonne hoch am Himmel stand und es im Wagen heiß und stickig war. Sie erinnerte sich, dass sie immer wieder ihre Eltern mit der Frage nervte: Wann sind wir da? Ihr Vater reagierte darauf sehr ungehalten. Ihre Mutter beschwichtigte dann immer und spielte mit ihr das Spiel: Ich sehe etwas, das du nicht siehst. Sie mochte dieses Spiel und sie mochte ihre Mutter, die ihr ihre ganze Aufmerksamkeit schenkte. Wenn sie sich jetzt daran erinnerte, spürte sie wieder dieses Gefühl von Glück und Geborgenheit – wie damals. War ihr dieses Gefühl im Laufe des Erwachsenwerdens abhanden gekommen oder fühlte sie sich in ihrer Beziehung nicht richtig glücklich und geborgen? Wieder die alte Frage, dachte sie und verdrängte die Gedanken – zumindest fürs Erste, beschloss sie.

Hin und wieder überholte Tobias einen LKW. Von Berufsverkehr, wie er in Deutschland zu dieser Uhrzeit üblich ist, war hier nichts zu spüren. Daher war die Fahrt für Tobias stressfrei, wobei er die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h pedantisch einhielt. Jeden Überholvorgang konnte er ohne besondere Voraussicht einleiten. Die linke Fahrspur war so gut wie kaum befahren.

Tobias wollte gerade ansetzen, einen langsam fahrenden LKW zu überholen, als die Bremsleuchten des LKW unverhofft aufleuchteten. Zusätzlich schaltete der Fahrer die Warnblickanlage ein und drosselte erheblich sein Tempo.

„Verdammt, was soll das?“, zischte Tobias leise.

Er vermutete einen Stau, obschon er sich das bei dem geringen Verkehrsaufkommen nicht vorstellen konnte. Auch eine Baustelle war vorher durch Hinweisschilder nicht angekündigt.

Er lenkte seinen Wagen auf die linke Spur, um eine bessere Sicht nach vorne zu haben.

Anna, die wohl die etwas hektischen Bewegungen von Tobias und seine Unmutsäußerung im Unterbewusstsein wahrgenommen hatte, öffnete die Augen und stieß augenblicklich einen schrillen Schrei aus.

Tobias stieg voll in die Bremsen.

Er umklammerte mit beiden Händen das Lenkrad, sodass die Knöchel weiß hervortraten.

Das Antiblockiersystem des PKWs setzte ein und bewirkte die maximale Bremskraft.

Der Wagen begann zu ruckeln.

„N-e-i-n !!“, schrie Tobias.

Tobias‘, als auch Annas Augen weiteten sich völlig unnatürlich.

Tobias riss das Steuer nach rechts, um sich wieder hinter den langsam weiterrollenden LKW zu setzen.

Doch es war zu spät.

Der Geisterfahrer erfasste seinen Wagen frontal.

Ein fürchterlicher Knall zerriss die Luft, als Blech auf Blech traf.

Wie von allein wurde der Wagen von Tobias um die eigene Achse geschleudert.

Gegenstände flogen von der Rückbank durch den Innenraum.

Gleichzeitig zerbarst die Windschutzscheibe in unzählige kleine Partikel und die Airbags lösten aus.

Die Wucht des Aufpralls hob den Wagen des Geisterfahrers an und setzte ihn wie von einer unsichtbaren Hand gelenkt auf die Mittelleitplanke.

Der PKW von Tobias und Anna wurde mit der Motorhaube bis zur Fahrerkabine unter die Seite des LKWs geschleudert. Von der Wucht des seitlichen Aufpralls drehte sich der LKW und stand quer über der Fahrbahn.

Mit einem Mal schien der Spuk vorbei zu sein.

Hin und wieder hörte man ein Zischen, ein Quietschen und ein Klappern, wenn ein Blechteil zu Boden fiel.

Dann herrschte schlagartig Totenstille.

Nur aus dem Lautsprecher in Tobias‘ und Annas PKW drang makaber der Queen-Song „Who wants to live forever“.

4


Es ist ein schöner Spätsommermorgen. Der Sommer zieht noch einmal alle Register, bevor er sich abmeldet und es wird noch einige Zeit dauern, bis der Herbst das Regiment übernimmt. Die Sonne scheint von einem fast wolkenlosen Himmel. Das Laubwerk der hohen, alten Bäume taucht den Waldweg in einen angenehmen Schatten. In kurzer Entfernung vom Weg schnattern Enten auf einem Teich um die Wette. Am gegenüberliegenden Ufer ist der Teich großflächig mit Seerosen bedeckt. Im ufernahen Flachwasser steht ein Graureiher und wartet bewegungslos auf Beute.

Obschon es noch sehr früh ist, spielen einige Kinder am flachen Seeufer und die Mütter sitzen auf einer der einfachen Bänke und unterhalten sich. Insgesamt wirkt der Ort friedlich und harmonisch. Am Wochenende wird er von vielen Menschen aufgesucht. Jung und Alt, Familien mit Kindern, Spaziergänger, Radfahrer und Jogger suchen in diesem Teil des Waldes Entspannung und Erholung vom Alltag. An einem Montagmorgen wie heute, wird der See nicht stark besucht.

Seit diesem Sommer nutzt Anna die frühe, morgendliche Frische oft für einen Spaziergang zum See. An sonnigen Tagen verweilt sie gerne einige Zeit auf einer der rückenlosen Bänke. Das ist auch heute ihre Absicht. Ihr weißer Teleskopstock mit einer Kugel am Ende kratzt über den festen Boden des Waldweges. Sie weiß, nach exakt noch neun Schritten befindet sich auf der linken Seite eine Bank. Manchmal kommt es vor, dass die Bank besetzt ist. Dann verzichtet sie auf die kurze Rast und schlägt direkt den Rückweg ein. Heute ist ihr der Spaziergang schwergefallen und sie hofft daher, dass sie eine freie Bank vorfindet.

Sie tastet mit dem Stock im weiten Bogen vor sich den Weg ab. Nach ihrer Einschätzung muss sich die Bank in unmittelbarer Nähe befinden.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragt eine freundliche Frauenstimme.

„Ja, gerne. Ich suche eine freie Bank. Heute fällt es mir etwas schwerer, sie zu finden. Ich möchte mich etwas ausruhen und dann den Rückweg antreten.“

„Kommen Sie, ich führe Sie hin. Sie stehen fast davor.“

Die Frau fasst Anna vorsichtig am Arm und leitet sie etwas nach links. Nach wenigen Schritten schlägt Annas Stock gegen die Holzbalken der Bank.

„Hier können Sie sich setzen. Wir sitzen auf der Bank auf der gegenüberliegenden Seite des Weges. Wenn Sie Hilfe benötigen, rufen Sie einfach. Die Kinder spielen am Wasser.“

„Vielen Dank. Aber ich komme schon zurecht.“

Anna bleibt noch einen Augenblick stehen, bevor sie sich hinsetzt. Sie legt den Kopf in den Nacken und lässt den seichten Wind über ihr Gesicht streichen. In diesem Augenblick ist sie ganz bei sich. Sie spürt das Herz in ihrer Brust schlagen. Es tut ihr gut, aus dem Haus herauszukommen und die Natur zu erleben.

Anna setzt sich hin und atmet erleichtert aus. Sie genießt die wenigen, warmen Sonnenstrahlen, die durch das Blätterwerk der Bäume bis zu ihr durchdringen.

Es ist schön, dabei den freudigen Stimmen der Kinder und dem Schnattern der Enten zu lauschen. Das Schnattern wechselt sich hin und wieder mit dem Gurren einer Taube ab. Annas Gehirn produziert aus der Erinnerung das Bild einer Taube mit ihren starren, ausdruckslosen Augen ohne Wimpernschlag. Anna erinnert sich an den Ausspruch: Die Augen sind der Spiegel der Seele. Sind diese leblos wirkenden Augen ein Indiz dafür, dass Tauben keine Seele besitzen? Annas Augen sind ebenfalls leblos und ausdruckslos, die keinen Lichtstrahl und kein Bild mehr aufnehmen. Hat auch sie keine Seele mehr? Hat sie mit dem Verlust des Augenlichts ihre Seele verloren?

Sie kann den Gedanken nicht zu Ende denken. Eine Stimme lässt sie hochschrecken. Vielleicht ist das auch gut so.

„Wir wollen gehen. Möchten Sie uns bis zum Parkplatz begleiten? Das ist bestimmt einfacher für Sie, als allein durch den Wald zu gehen. Man stolpert doch leicht über eine Wurzel oder über einen Stein“, spricht die Frau von vorhin sie an.

Anna muss sich sammeln, bevor sie antwortet.

„Das ist nett von Ihnen. Aber ich möchte noch etwas hierbleiben. Ich gehe fast jeden Tag den Weg und werde schon aufpassen. Vielen Dank.“

„Dann noch einen schönen Tag und vielleicht bis ein anderes Mal.“

„Ja, Ihnen auch einen schönen Tag.“

Anna vernimmt, wie die Kinder und mehrere Frauen sich entfernen.

Sie ist jetzt allein und kann die Stille und die Geräusche der Natur um sie herum genießen.

Die Ruhe und Idylle wird nur gestört, wenn ein Flugzeug tief über den Baumwipfeln den See überquert und zur Landung auf dem nahen Köln-Bonner Flughafen ansetzt.

Anna hört nicht nur das Dröhnen der Triebwerke, sie stellt sich dann auch das Bild des Flugzeuges am wolkenlosen, blauen Himmel vor. Sie kennt das aus früheren Zeiten.

Sehen kann sie das seit ihrem Autounfall von vor mehr als zwei Jahren nicht mehr.

Sie ist vollständig blind!

5


Nach dem fürchterlichen Unfall im Juli vor zwei Jahren auf der Autobahn in Frankreich musste Anna noch an der Unfallstelle von den Rettungssanitätern reanimiert werden. Ein Hubschrauber brachte sie ins nächste Unfallkrankenhaus, wo nochmals eine Reanimation erforderlich war. Sie hatte lebensgefährliche Verletzungen. Der stark alkoholisierte Geisterfahrer, mit dem sie frontal zusammengestoßen waren, wurde tödlich verletzt und verstarb noch an der Unfallstelle. Ihr Freund Tobias hatte Glück im Unglück. Er kam mit einigen Rippenbrüchen, einem Armbruch sowie mit starken Prellungen davon. Verhältnismäßig schnell war seine Gesundheit wiederhergestellt.

Bei Anna stellte man im Krankenhaus schwerste Schädelverletzungen und Gehirnblutungen fest. Es stand lange auf des Messers Schneide, ob sie überhaupt überleben würde und falls, wie würde dieses Überleben aussehen? Nach mehreren Operationen verbrachte sie lange Zeit auf der Intensivstation im künstlichen Koma.

Als sie erwachte, verlegte man sie in eine Spezialklinik für Augenheilkunde. Nach gründlichen Untersuchungen dann der Schock: Die Ärzte eröffneten ihr, dass eine Wiederherstellung ihres Augenlichtes nicht mehr möglich sei. Sie sei auf beiden Augen irreversibel erblindet. Bei dem Unfall waren mehrere Risse im Knochen bei den Sehnerven beider Augen aufgetreten. Bei der Heilung entstanden Verdickungen am Knochen, die die Sehnerven abdrückten.

Obschon beide Augen medizinisch gesund waren, würde sie für den Rest ihres Lebens blind sein. Rest ihres Lebens? Anna konnte und wollte die Aussage der Ärzte nicht verstehen. Sie war doch noch so jung und der größte Teil ihres Lebens sollte doch noch vor ihr liegen.

Eine niederschmetternde, hoffnungslose Prognose für sie.

Das Auge ist für viele Menschen das wichtigste Sinnesorgan. In der heute in einem riesigen Maße visuell ausgerichteten Welt, werden wahrscheinlich mehr als zwei Drittel der Informationen durch das Sehen aufgenommen. Mit der Tatsache, künftig auf viele Informationen verzichten zu müssen und die Menschen und ihre Umgebung für den Rest ihres Lebens nur noch durch Ertasten oder durch Geräusche wahrnehmen zu können, konnte sie sich nicht abfinden.

Täglich haderte sie mit ihrem Schicksal. Weinkrämpfe erschütterten sie und wechselten sich mit depressiver Niedergeschlagenheit ab. Immer wieder fragte sie sich, wie sie weiterleben soll – und ob sie überhaupt in diesem Zustand weiterleben kann.

Ihr Freund Tobias lebte nach wie vor bei ihr und wurde von ihr finanziell unterhalten. Er versorgte und unterstützte sie, soweit er konnte. Psychologisch war er allerdings nur bedingt in der Lage, ihr zu helfen.

Durch die Leistungen der Haftpflichtversicherung des Unfallverursachers und ihrer privaten Unfallversicherung hatte sie keine finanziellen Probleme. Ihr Freund schaffte alles herbei, was auf irgendeine Weise für seine Freundin und für ihn eine Hilfe darstellte. Der Preis spielte dabei keine Rolle.


Eines Tages, als Tobias Anna wieder einmal fragte, wie es ihr ginge und ob er ihr helfen könne, rastete sie völlig aus.

„Du hast doch überhaupt keine Ahnung, wie es um mich steht und wie ich mich fühle!“, schrie sie wütend.

„Wie sollst du auch? Du bist nicht blind – du kannst ja sehen“, fügte sie fast entschuldigend hinzu.

„Für dich ist Sehen normal, wie es für mich bis zu dem Unfall ebenfalls war. Erst jetzt, wo ich nicht mehr sehen kann, habe ich erkannt, wie schön unsere Welt ist und dass ich diese Schönheit nie mehr genießen kann. Ich bin in dieser verdammten Dunkelheit für ewig gefangen!“

Anna ließ sich in einen Sessel fallen. Noch nie hatte sie in solch einer Klarheit und Offenheit zu ihm gesprochen. Tobias stand, von ihr abgewandt, vor der Balkontür und starrte mit leerem Blick hinaus. Er konnte sie nicht trösten, er war zu keinem Wort fähig.

„Doch halt. Pass‘ einmal genau auf. Wir machen ein Experiment. Nimm dir bitte eine Augenbinde, einen Schal oder sonst etwas und verbinde dir damit die Augen, sodass du nicht das Geringste sehen kannst. Diese Binde lässt du heute den ganzen Nachmittag um deine Augen. Danach reden wir weiter“, schlug Anna ihrem Freund vor.

Tobias sah keine Möglichkeit, diesen Vorschlag abzulehnen, wollte er Annas Vertrauen nicht einbüßen. Im Verbandskasten fand er zwei Augenklappen, die er sich über die Augen zog. Er konnte jetzt nicht mehr die Spur eines Lichtes wahrnehmen und war praktisch Anna gleichwertig.

„Okay, ich bin soweit“, sagte er unsicher.

„Gut. Jetzt versuche, den heutigen Nachmittag ganz normal zu leben, so wie immer. Nur mit dem Unterschied, dass du nichts siehst. Heute Abend reden wir.“

„Ganz normal den Nachmittag verbringen, so wie immer? Wie stellst du dir das vor? Wie soll das mit uns beiden funktionieren?“

„Ich stelle mir das nicht vor. Ich weiß wie das ist. Und du wirst das heute Abend mit Sicherheit ebenfalls wissen.“

Anfangs war er noch guten Mutes, obschon er sich bereits bei den ersten Schritten sein Knie an der Tischkante des Wohnzimmertisches stieß.

Anna saß währenddessen im Sessel und forderte ihn immer wieder zu den verschiedensten Tätigkeiten auf. Im Laufe des Experimentes zog sich Tobias mehrere blaue Flecken zu. Das war für ihn jedoch nicht das Schlimmste. Die totale Finsternis, die Desorientiertheit und das Gefühl der Hilflosigkeit waren wesentlich schlimmer.

Es dauerte nicht lange und er hob eine Augenklappe an, da er die Finsternis und den Zustand der totalen Behinderung nicht mehr ertragen konnte.

Ja, es muss schrecklich sein, was Anna durchmacht, dachte er. Er konnte jetzt in etwa einschätzen, was sie fühlte und weswegen sie so deprimiert war und ihr Leben als eine Qual ansah.

Nach wenigen Stunden nahm er sich die Augenklappen endgültig ab. Danach sprach er mit Anna noch lange über seine Erfahrung mit der Blindheit und lobte Annas Kraft, wie sie mit dieser Behinderung umging.

Dieser Selbstversuch war ein einschneidendes Erlebnis für ihn. Er hatte erlebt, wie Anna sich fühlen musste und war schockiert. Ab diesem Tag half er ihr noch tatkräftiger als vorher. Anstatt ihr Mut und Zuversicht zu geben, konnte er ihr aber nur Mitleid entgegenbringen. Das war jedoch die Zuneigung, die Anna gar nicht ertragen konnte. Immer öfter führte das zu Streitigkeiten.

Er litt mit ihr und war genauso depressiv wie sie. Morgens nach dem Erwachen und abends vor dem Einschlafen fragte er sich immer wieder, wie es mit ihnen weitergehen sollte.

Im Nachhinein betrachtet war das Experiment weder eine Hilfe für Anna, noch für Tobias gewesen.


Monate später zog Anna eine Psychologin zu Rate. Sie benötigte jemanden, der ihre Stärken unterstützte und ihre Schwächen ausmerzte. Ihr behandelnder Arzt hatte immer wieder auf sie eingeredet, diesen Schritt zu gehen. Glücklicherweise fand sie eine Psychologin, die durch ihr einfühlsames Wesen Zugang zu ihrer Seele bekam. Im Laufe der Behandlung wurde aus ihrer Beziehung eine innige Freundschaft. Es dauerte trotzdem fast ein Jahr, bis Anna ihre Behinderung akzeptierte und einen Weg in eine positive Zukunft sah.

„Was soll‘s. Machen wir das Beste daraus“, sagte sie eines Tages zu Tobias.

Sie begann, systematisch ihre häusliche Umwelt strategisch zu erforschen. Tobias war total überrascht und schaute sie verständnislos an.

„Wie meinst du das?“, fragte er.

„Du wirst nicht mehr mein sehendes Auge sein und jeden Handgriff für mich machen. Ich werde selbst für mich sorgen. Ich muss versuchen, auf eigenen Füßen zu stehen.“

„Was soll das? Hat dir das diese Psychologin eingeredet?“, fragte er abfällig.

„Nein, das ist meine Entscheidung. Nur wenn mir das gelingt, ist mein Leben weiterhin lebenswert.“

Beide vereinbarten, dass kein Teil in der Wohnung verrückt oder entfernt werden durfte. Auch kleine Teile, wie eine Vase oder die Fernbedienung der Stereoanlage, sollten ihren festen Platz haben. Nur so war es möglich, dass Anna sich in der Wohnung orientieren konnte.

Täglich trainierte sie, wie sie im Alltagsleben ihre Selbstständigkeit zurückgewinnen konnte. Ebenso musste sie alle lebenspraktischen Fähigkeiten wie Kochen, Putzen, die Bedienung der Elektrogeräte und vieles mehr neu erlernen.

Das Erleben ganz neuer Sinneseindrücke und das Schärfen der verbliebenen Sinne, musste ebenfalls immer wieder trainiert werden. Eine hierfür ausgebildete Rehabilitationstrainerin half ihr an drei Tagen in der Woche dabei. Wenn ihr Freund zur Uni fuhr und sie allein war, legte sie zusätzliche Trainingseinheiten ein.

Tobias bemerkte natürlich den stetigen Fortschritt. Einerseits freute er sich darüber, anderseits machte er sich Gedanken – Gedanken über sich. Wurde er doch mehr und mehr entbehrlich. Er war sich nicht im Klaren, ob er das wollte.

Nach fast einem halben Jahr war sie in der Lage, sich alleine in der Wohnung zurechtzufinden und die täglichen Arbeiten und Bedürfnisse alleine zu bewältigen.


Anna lag bereits im Bett, als Tobias zu ihr unter die Decke schlüpfte. Sie wandte ihm den Rücken zu.

„Schläfst du schon?“, fragte er leise.

„Nein, ich denke nach“, antwortete Anna und drehte sich zu ihm um.

Normalerweise trug Anna tagsüber immer eine tiefschwarze Sonnenbrille und im Bett eine Augenbinde. Es wäre ihr peinlich, wenn Menschen und besonders ihr Freund ihre Augen sehen würden. Heute Abend war sie verstimmt und nach längerer Zeit beschäftigten sie wieder einmal depressive Gedanken. Dabei hatte sie vergessen, ihre Augenbinde umzubinden.

Zwei ausdruckslose, trübe Augen starrten Tobias an. Er erschrak. Gerade ihre ausdrucksvollen Augen, die die Farbe des hellblauen Himmels hatten, liebte Tobias so sehr an ihr. Nichts davon war geblieben. Er war entsetzt.

„Gute Nacht. Mach dir keine Gedanken. Versuche zu schlafen“, war alles, was er ihr mit erstickter Stimme sagen konnte.

Schnell drehte er ihr den Rücken zu und stellte sich nach kurzer Zeit schlafend. Tatsächlich konnte er lange nicht einschlafen. Er dachte über Anna, vor allem aber über sich selbst nach. Was war von seiner Liebe geblieben?


Als nächsten Schritt plante Anna, sich in der näheren Umgebung außerhalb ihrer Wohnung zu bewegen. Sie wohnte in einem der eng aneinandergereihten kleinen Reihenhäuser, der sogenannten Maikammersiedlung in Troisdorf. Die Häuser entstanden in den 1950er Jahren als Zwecksiedlung für die belgischen Soldaten. Nach dem Abzug der Streitkräfte wurden die Häuser seit 2002 nach und nach öffentlich zum Kauf angeboten. Annas Eltern kauften seinerzeit ein Haus, das sie nach einer aufwändigen Sanierung nur wenige Jahre bewohnten. Aus beruflichen Gründen zogen die Eltern nach Regensburg und Anna blieb allein in dem Haus wohnen.

Anna liebte das kleine Haus und sie schätzte die Nähe zur City und die nur wenige hundert Meter entfernte Wahner Heide.

Die ersten Schritte ging sie zusammen mit ihrer Rehabilitationstrainerin in Richtung Agger-Stadion, das direkt am Rand der Wahner Heide lag.

Sie prägte sich jede Besonderheit des Weges, jeden Bordstein, jeden Stein ein. Sie zählte die Schritte bis zum nächsten Bordstein, bis zur Straßenlaterne oder bis zum Straßenschild. Mit der Zeit bildete sich in ihrem Kopf ein imaginäres Bild der Umgebung, in dem sie sich immer besser zurecht fand.

Anfangs begleitete Tobias sie auf ihren Wegen. Je besser sie mit der Welt außerhalb des Hauses zurechtkam, je weniger musste sie Tobias‘ Hilfe annehmen. Ihm kam das gelegen. Die gleiche Energie aufzubringen, wie Anna sie aufbrachte, war ihm nicht möglich. Er hatte eine andere Wesensart. Er suchte immer den einfachen, den bequemen Weg. Die Blindheit seiner Freundin und die damit verbundenen Belastungen und unsicheren Zukunftsaussichten waren eine Bürde für ihn. Diese Last wollte er und konnte er nicht mehr ertragen.

Immer öfter traf er sich mit einer Kommilitonin. Ihr hatte er sich mit seinen Problemen anvertraut. Anfangs suchte er nur das Gespräch mit ihr. Mit der Zeit wurde mehr daraus und er genoss das unbeschwerte Zusammensein mit ihr.

Die Kluft zu Anna wurde immer größer und es war nur eine Frage der Zeit, bis er Anna den entstandenen Bruch nicht mehr verheimlichen konnte.

Anna hatte währenddessen ihren Weg zur unabhängigen Selbstständigkeit immer weiter intensiviert.

Unausweichlich kam dann der Tag, der Annas Pläne jäh beendete und ihre Psyche bis ins Mark traf – Tobias trennte sich von ihr.

„Ich kann nicht mehr. Das Leben mit dir macht mich kaputt“, eröffnete er ihr eines Tages während des Frühstücks.

Anna traf diese Aussage am frühen Morgen völlig unvorbereitet. Ein Schock war es dennoch nicht. Dafür kam die Aussage ihres Freundes nicht überraschend genug. Seit einiger Zeit hatte sie damit gerechnet, obschon sie die Möglichkeit immer weit von sich geschoben hatte. Bei gemeinsamen Autofahrten hatte sie im Wageninneren einen ihr unbekannten Duft wahrgenommen. Mit Fragen hatte sie ihren Freund nicht konfrontiert – sie hatte Angst vor der Wahrheit und vor der Antwort, die er ihr geben würde.

„Gib es doch zu. Du hast eine andere Frau. Ich kann sogar verstehen, dass du dein Leben nicht mit einer blinden Frau und deren Problemen verbringen willst“, antwortete Anna resignierend.

„Ja, aber versteh‘ doch …“, begann Tobias den Versuch einer Erklärung.

„Geh nur, ich komme auch ohne dich zurecht“, unterbrach ihn Anna, drehte sich um und verließ, so schnell es ihre Blindheit erlaubte, die Küche.

Schnell, viel zu schnell, so dass Anna keine Chance mehr hatte, ihn vielleicht doch noch zum Bleiben zu überreden, packte er seine wenigen Sachen und Kleidungsstücke sowie sein Fernsehgerät und verschwand noch am gleichen Morgen.

Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, hörte Anna, wie sich der bekannte Klang seines Wagens entfernte – für immer.

„Verflucht“, war das einzige Wort, das sie hervorbrachte.

Dann sank sie völlig erschöpft und deprimiert auf ihr Bett. Von stundenlangen Weinkrämpfen geschüttelt, überkam sie der Schlaf wie eine schützende Decke.


Wenn sie sich am nächsten Morgen im Spiegel hätte sehen können, hätte sie sich mit Sicherheit fürchterlich erschrocken. Blass, rot verquollene Augen – ein jammervoller Anblick. Aber zum Glück konnte sie sich nicht im Spiegel betrachten.

Sie blieb den ganzen Tag im Bett – und auch den nächsten. Tränen hatte sie keine mehr. Ihre Nahrung bestand hauptsächlich aus einigen Joghurts, womit sie ihren Körper nicht gerade verwöhnte und stärkte. Auch erfreute sich ihre Haut nicht über Wasser und Seife. Ihre Flüssigkeitsaufnahme bestand hauptsächlich aus Rotwein. Der Alkohol ließ sie willenlos vor sich hindämmern. Tag und Nacht waren für sie gleich. Einen tiefen und festen Schlaf fand sie nicht. Wenn sie dann einmal für kurze Zeit einschlief, plagten sie Albträume.

Anna versteckte sich vor sich selbst. Sie fühlte sich als ein Nichts in dieser Welt und von keinem geliebt.

Nachdem ihre Vorräte an Rotwein aufgebraucht waren, nahm ihr Verstand langsam wieder seine normale Tätigkeit auf.

Nach der schlaflosen Nacht zum dritten Tag beschloss sie, ihr Schicksal wieder in die Hand zu nehmen. Und das sofort.

Als Erstes öffnete sie alle Fenster. Sie genoss es, wie die verbrauchte, übel riechende Luft aus den Räumen entwich. Die frische Luft wehte ihr um die Nase und hauchte ihr neues Lebenselixier ein. Dann begann sie, ihre Wohnung abzutasten und alle leeren Flaschen, Becher und sonstigen Unrat aufzusammeln.

Im Küchenschrank fand sie einige Happen altes Brot, die sie mit Heißhunger verschlang. Dazu trank sie mehrere Tassen starken Kaffee.

Ihre sprechende Blindenuhr sagte ihr, dass es 8:30 Uhr war. Sie setzte sich ins Wohnzimmer und nahm ihr Telefon zur Hand. Ihre Eltern anrufen, die in Regensburg über fünfhundert Kilometer entfernt lebten, wollte sie nicht. Ihre Mutter oder sogar beide Elternteile würden sicherlich sofort kommen, wenn sie ihnen erzählen würde, dass Tobias sie verlassen hatte und sie jetzt allein war. Aber in ihrem jetzigen Zustand sollten sie ihre Tochter nicht sehen. Ihr Vater würde sicherlich ihr ganzes Leben und ihre Zukunft an sich reißen. Auf Jahre hinaus hätte sie keinen eigenen Willen mehr. Nein, das war keine Option. Sie wollte selbst ihr Leben neu ordnen. Dazu benötigte sie professionelle Hilfe.

Daher rief sie als Erstes ihre Freundin, die Psychologin, an, die sie am Nachmittag sofort aufsuchte. Gemeinsam überlegten sie, welche Schritte es als nächstes zu tun galt.

Die Psychologin wusste, wo sie bei Anna ansetzen musste. Durch viele, und zum Teil lange Gespräche in den folgenden Wochen, gelang es ihr, Annas depressiven Zustand in verhaltenen Optimismus zu ändern. Auch ihre Lebens- und Versagensängste ließen nach. Annas psychischer Zustand verbesserte sich immer mehr.

Jetzt war die Zeit gekommen, durch weitere professionelle Hilfe diesen Aufwärtstrend zu untermauern. Dazu benötigte sie Zeit – Zeit für sich selbst. Wenn sie andere über Zeitnot reden hörte, fühlte sie sich wie im falschen Film. Seit Tobias sie verlassen hatte, hatte sie mehr Zeit, als ihr lieb war. Sie war fest entschlossen, diese Zeit zu nutzen. Sie wollte nicht nur am Leben teilhaben, sie wollte ihr Leben gestalten und genießen. Trotz oder gerade wegen ihrer Behinderung.

Glücklicherweise hatte sie durch die Zahlungen der Versicherungen die hierzu notwendigen finanziellen Möglichkeiten. Über karitative Einrichtungen regelte sie die täglichen Arbeiten, wie Säubern der Wohnung, Besorgungen erledigen und Waschen der Wäsche.

Eine Blindenschule übernahm ihr Training, damit sie immer mehr lernte, sich außerhalb der Wohnung zu bewegen. Auch musste sie lernen, in Kontakt zu ihren Mitmenschen zu treten. Die Psychologin half ihr dabei, den Mut zu finden, allein den Schritt heraus aus ihrer heimischen Umgebung zu wagen und Menschen anzusprechen und gegebenenfalls um Hilfe zu bitten.

All die Geräusche, die früher selbstverständlich für sie gewesen waren, die sie gar nicht wahrgenommen hatte, stellten jetzt eine Bedrohung für sie dar. Der Autolärm, die vorbeihastenden Menschen, Schreie der Kinder oder die Hektik im Supermarkt machten ihr Angst.

Sie war noch nicht darauf eingestellt, dass jetzt die verbliebenen Sinne die Aufgaben des fehlenden Augenlichtes übernehmen mussten. Nur tägliches, hartes Training konnte helfen.

Diszipliniert führte sie dieses Training durch. Wenn sie allein war, ging sie manchmal zur Haustür. Bis dort fühlte sie sich sicher. Sie stellte sich dann neben die Tür und sog die Geräusche wie ein Schwamm in sich auf, sodass sie sich immer mehr daran gewöhnte. Der Radius, in dem sie sich bewegte, wuchs ständig.

Nach fast einem weiteren, anstrengenden und aufregenden Jahr konnte sie sich selbstständig und sicher außerhalb der Wohnung bewegen. Auch war sie durch die Betreuung ihrer Freundin, der Psychologin, inzwischen psychisch so stabil, dass sie allein für ihr Leben sorgen und inzwischen dieses auch immer öfter wieder genießen konnte.

6


Die Mütter mit ihren Kindern sind gegangen. Es ist still am See. Vor ihrem Unfall, als sie noch sehen konnte und die Welt noch in Ordnung war, spazierte Anna mit Tobias oft durch den Wald zum See. Jetzt empfindet sie den Wald und den See anders. Nicht, dass ihr Tobias fehlt, nein das ist es nicht. Die Geräusche des Waldes, des Sees und der Tiere verspürt sie jetzt viel intensiver. Sie verbindet die Geräusche der Natur und die Laute der Tiere mit Bildern, die sie früher gesehen und so sehr geliebt hat. Die Enten auf dem Wasser, das Schwanenpaar, das sanft über das Wasser gleitet, die unbewegliche Statue des Fischreihers auf der anderen Seite des Sees und der Sonneneinfall, der durch die hohen Bäume gebrochen wird.

Anna hört ein Piepsen in hohen Tönen. Wahrscheinlich eine Maus, denkt sie. Sie wundert sich, dass sie jetzt sogar diese Töne hören kann. Früher hätte sie diesen Tönen keine Beachtung geschenkt und hätte sie nicht einmal wahrgenommen. Seitdem sie blind ist, hat sich ihr Gehör anscheinend wesentlich verbessert. Sie freut sich über diesen Fortschritt.

Der tägliche Spaziergang, so wie heute, fast immer zur gleichen Zeit, ist eines ihrer vielen, eingeübten Rituale. Diesen Platz hier am Ufer des Sees liebt sie besonders.

Bestimmt hat jeder bereits einmal festgestellt, wenn man einen Menschen von hinten intensiv ansieht, dreht sich dieser mit einem Male um, als ob er den stechenden Blick in seinem Rücken gespürt hat.

Anna hat diese Erfahrung häufig gemacht. Oft drehen sich Passanten nach der hübschen, jungen Frau mit der dunklen Sonnenbrille um. Mitleid ist dann in vielen Gesichtern zu erkennen, wenn sie sehen, wie Anna sich den Weg mit dem Blindenstock ertastet. Sie ist sich dessen bewusst. Zu Beginn ihrer Blindheit spürte sie diese Blicke in ihrem Rücken. Im Laufe der Zeit verkümmerte die Sensibilität dafür und inzwischen ist ihr dieses Gefühl gänzlich verloren gegangen.

Daher spürt sie auch nicht die Blicke des jungen Mannes, dessen Gesicht zwischen den Zweigen eines Gebüschs heraus auf sie gerichtet ist. Der Mann beobachtet Anna intensiv und lautlos. An beinahe allen Tagen, wenn Anna diesen Platz zur Rast wählt, ist auch das Gesicht zwischen den Zweigen bereits dort. Der Mann scheint Anna zu erwarten. Wenn sie den Heimweg antritt, verlässt auch er sein Versteck und entfernt sich in die andere Richtung.

Anna bemerkt das nicht – wie soll sie auch.

Bisher hat er sie noch nie angesprochen oder sich zu erkennen gegeben. Bis heute.

„Guten Tag, darf ich mich zu Ihnen setzen?“, fragt eine junge, freundliche Männerstimme.

Anna, die gerade den Heimweg antreten will, erhebt sich und sagt: „Selbstverständlich können Sie sich hier setzen, für mich wird es Zeit zu gehen.“

„Ich möchte Sie nicht verjagen. Bleiben Sie doch noch. Schauen Sie, keine Wolke ist am Himmel und der Tag ist doch viel zu schön, um nach Hause zu gehen“, sagt der Fremde und setzte sich auf die Parkbank.

Anna, die nicht oft mit Menschen redet, nimmt diese Gelegenheit gerne wahr. Sie setzt sich wieder hin, in der Hoffnung auf einige, nette Minuten unverbindlicher Kommunikation.

In dem Moment scheint der Mann Annas Blindenstock zu bemerken und bedauert seinen vorherigen unbedachten Satz.

„Entschuldigen Sie bitte. Ich habe nicht bedacht, dass Sie blind sind.“

„Kein Problem“, erwidert Anna heiter.

„Sie haben ja recht. Die Sonne scheint noch so angenehm warm und es wäre schade, in der Wohnung zu sitzen“, sagt sie freudig zu dem unbekannten Fremden neben ihr.

„Sie kommen oft hierher“, sagt der Mann, mehr als Feststellung denn als Frage.

„Ich habe Sie bereits mehrmals hier gesehen. Ich komme aus der Stadt und spaziere hin und wieder hier am See vorbei und dann durch die Heide zurück“, fügt er als Erklärung hinzu.

„Das ist recht ungewöhnlich, dass ein junger Mann allein durch den Wald und durch die Heide spaziert“, entgegnet Anna.

„Das mag sein, aber dadurch komme ich an die frische Luft und kann von meiner Arbeit ein wenig entspannen. Wie kommen Sie darauf, dass ich jung bin?“

„Ihre Stimme klingt noch so jung“, sagt Anna und der Fremde scheint diese Erklärung zu akzeptieren, ohne ihr jedoch ausdrücklich zuzustimmen.

„Darf ich Sie fragen, was Sie beruflich machen?“

„Na klar. Das ist kein Geheimnis. Ich bin selbstständig und bin in der Computerbranche tätig. Hauptsächlich berate und unterstütze ich kleinere und mittlere Firmen bei Hard- und Softwareproblemen. Ich sage Ihnen, wenn Sie den ganzen Tag vor einem Bildschirm sitzen, freuen Sie sich über jede Minute in der freien Natur.“

„Das kann ich mir vorstellen. Dann wohnen Sie sicherlich direkt in der Stadt, von wo Sie es nicht weit bis hierhin haben?“

Anna ist neugierig geworden. Sie will mehr von dem unbekannten Fremden mit der freundlichen Stimme erfahren.

„Ja, … direkt in der Stadt habe ich eine schöne Wohnung. Nur der Wald und der See fehlen mir dort.“

Anna bemerkt das Zögern in der Antwort. Sie will nicht weiter fragen. Manchmal können zu viele Fragen unangenehm sein. Auch der Mann sagt nichts mehr.

Nach einer kurzen Pause nimmt der Mann das Gespräch wieder auf.

„Darf ich Sie auch etwas fragen?“

„Nur zu, wenn es nicht gerade zu intim ist.“

„Ich weiß nicht. Ich wollte Sie fragen, ob Sie von Geburt an blind sind oder ob sie später im Leben erblindet sind?“

Anna antwortet nicht sofort. Sie geht im Allgemeinen offen mit ihrer Behinderung um, aber heute mag sie nicht darüber sprechen. Daher antwortet sie nur kurz und etwas schroffer, als sie eigentlich will.

„Ein Unfall, ein Autounfall. Vor einigen Jahren.“

Der Mann versteht, dass Anna nicht darüber reden möchte und wechselt das Thema.

„Und noch eine Frage. Bestimmt nicht intim. Welche Musik mögen Sie?“

Anna ist erleichtert, dass er nicht nach ihrer kurzen Antwort aufsteht und geht, sondern weiter mit ihr reden will.

Es entwickelt sich ein angeregtes Gespräch über Popmusik und deren Interpreten. Anna und der junge Mann scheinen den gleichen Musikgeschmack zu haben.

Anna ist froh, nicht sofort nach Hause gegangen zu sein, denn die Unterhaltung mit dem Fremden tut ihr gut. Der Mann mit der freundlichen Stimme ist ihr auf Anhieb sympathisch.

Als sie einige Zeit später aufsteht und sich verabschiedet, meint der Fremde:

„Vielleicht sehen … Entschuldigung, treffen wir uns an einem der nächsten Tage ja wieder auf dieser Bank. Darf ich Ihnen behilflich sein und Sie nach Hause begleiten?“

„Nein, danke, ich gehe den Weg täglich und die Strecke ist mir vertraut. Vielleicht treffen wir uns ja tatsächlich irgendwann noch einmal hier. Ich würde mich freuen.“

Ruhigen Schrittes ertastet sich Anna mit dem Blindenstock den Weg zurück in Richtung ihrer Wohnung. Als sie vom Waldweg auf den asphaltierten Bürgersteig einbiegt, meint sie, Schritte im gleichen langsamen Tempo wie ihr eigenes hinter sich zu hören. Sie misst dem jedoch keine Bedeutung bei.

Sie ärgert sich ein wenig, dass sie den Mann nicht nach seinem Namen gefragt hat. Sollten sie sich noch einmal treffen, würde sie es schön finden, ihn mit Namen anreden zu können.

Aber was soll‘s, er hat auch nicht nach meinem Namen gefragt, denkt sie.

7


Der Klinikleiter der Tagesklinik ist in Rage.

„Herr Grosse, was wollen Sie mir eigentlich sagen? Zuerst behaupten Sie, David Winter befinde sich nicht in seinem Zimmer, dann sagen Sie, dass er nun doch dort ist. Was soll das?“, regt er sich auf.

Dr. Hermann Renger ist Facharzt für Psychotherapie und Psychiatrie und seit zehn Jahren Leiter der Tagesklinik. Er ist schlecht gelaunt, wie so oft montags. Das freie Wochenende mit seinen beiden pubertären Töchtern hat ihn wieder einmal genervt.

Alexander Grosse, der bereits seit vielen Jahren in der Klinik als Sozialarbeiter tätig ist, steht vor seinem Schreibtisch und knetet nervös seine Hände. Das Unverständnis des Klinikleiters lässt seine Wangen erröten, was ihm äußerst unangenehm ist.

„Aber Herr Doktor, ich möchte doch nur bemerken, dass David heute Morgen mehrere Stunden nicht in seinem Zimmer war und niemand über seinen Aufenthalt Bescheid wusste. Gestern hat er sein Zimmer bezogen und heute Morgen war er mehrere Stunden spurlos verschwunden. Das geht doch nicht.“

Der Sozialarbeiter ist empört und versucht gar nicht erst, dies vor dem Klinikleiter zu verbergen.

„Aber jetzt ist er doch da, oder?“, fragt Dr. Renger genervt. „Heute beginnt doch die Milieutherapie, an der er teilnehmen soll. Die erste gemeinsame Besprechung mit allen Teilnehmern ist nach dem Mittagessen angesetzt. Da Sie ihn seinerzeit überzeugt haben an der Therapie teilzunehmen, dachte ich mir, es wäre vielleicht ratsam, dass Sie einmal vorher mit ihm sprechen“, verteidigt sich der Sozialarbeiter.

Alexander Grosse leistet immer gewissenhaft seine Arbeit und solch ein eigenmächtiges Handeln eines Patienten will er nicht ohne Weiteres hinnehmen. Er hat den Eindruck, dass er wieder einmal das Gespräch mit dem Patienten und damit die unangenehme Arbeit übernehmen soll. Von seinem Vorgesetzten scheint er kein Verständnis und keine Hilfe erwarten zu können.

„Soll ich mit David über den Vorfall sprechen?“, bietet er sich dennoch verärgert an.

„Lassen Sie es gut sein, er ist jetzt da und damit hat es sich. Aber wenn Sie wollen, sprechen Sie mit ihm und sagen Sie ihm, dass so etwas künftig nicht mehr vorkommen darf.“

Mit einer für ihn typischen Handbewegung, die seinen Unmut darstellen soll, beendet der Klinikleiter das Gespräch.

Resigniert verlässt Sozialarbeiter Grosse das Büro seines Vorgesetzten.

Die personelle Situation in der Tagesklinik ist wie in fast allen Kliniken. Zu wenig Personal – und das Personal, das Dienst hat, ist überfordert. Unregelmäßigkeiten zu hinterfragen, bedeutet zusätzliche Arbeit – und die will niemand. Auch der Klinikleiter nicht.


David Winter hat Anna beim Treffen am See angelogen. Er ist weder selbstständig in der Computerbranche, noch unterstützt er Firmen bei Computerproblemen. Auch hat er keine schöne, eigene Wohnung direkt in der Stadt. Er wohnt in einem Mehrfamilienhaus am Ortsausgang von Troisdorf in Richtung Siegburg. Dort teilt er sich mit einem anderen jungen Mann im Rahmen einer Wohngemeinschaft eine Wohnung. Zwei Zimmer und Küche – 45 Quadratmeter, mehr nicht.

Als er noch nicht Patient der Tagesklinik war, hatte er einen Ganztagsjob in einem kleinen Computerladen, wo er hauptsächlich Hardware reparierte und Softwareprobleme behob. Sein Chef hatte Davids exzellente Softwarekenntnisse frühzeitig erkannt und schätzte seine Arbeit. Seitdem er die ambulante Behandlung in der Tagesklinik vor mehreren Wochen begonnen hat, kann er diesen Job nur noch nach Ende der täglichen Behandlung und samstags ausüben. Neben fachärztlicher Behandlung und psychologischer Psychotherapie nahm er an einer Reihe anderer Therapien teil. So zum Beispiel Ergo-, Kunst- und Musiktherapie. Diese Therapien wurden im Rahmen der Tagesklinik montags bis freitags in der Regel von neun bis sechzehn Uhr angeboten. In keiner der Therapien fühlte er sich wohl. Die behandelnden Ärzte erachteten daher eine Verlängerung für sinnlos.

Ab diesem Montag soll er nun an einer Milieutherapie, der sogenannten künstlichen Familie teilnehmen. Einer vorübergehenden Lebensgemeinschaft in der Klinik, die auf drei Wochen befristet ist. In seinem Job kann er während dieser Zeit nicht mehr arbeiten.

Leiter dieser Therapieform ist der Sozialarbeiter Alexander Grosse. Ihm zur Seite stehen zwei weitere Sozialarbeiter, ein Psychologe, ein Arzt, ein Koch und ein Verwaltungsmitarbeiter der Klinik.

Die beteiligten Patienten wohnen in dieser Zeit zusammen in der Klinik. Der Tagesablauf ist mit handwerklicher Arbeit, alltäglichen Tätigkeiten wie Kochen und Putzen sowie gemeinsamen Freizeitaktivitäten geregelt.

Abends sollen wichtige Punkte aus dem täglichen Zusammenleben mit den Betreuern besprochen werden.

Trotz der strengen Auflagen der Therapie, der alle Teilnehmer ausdrücklich und einheitlich zugestimmt haben, kann David es nicht lassen zum See zu fahren. Mit seinem Fahrrad dauert es nur wenige Minuten, bis er den See erreicht. Er weiß, dass die blinde Frau immer sehr frühzeitig morgens zum See kommt. Er konnte deswegen heute nicht am gemeinsamen Frühstück teilnehmen. Das ist ihm egal. Ihm würde sicherlich eine Ausrede einfallen und falls er eine Ermahnung bekäme, würde ihm das auch nichts ausmachen.

Heute Morgen am See hatte er gerade seinen Beobachtungsposten eingenommen, als Anna den See erreichte. Er fühlte, wie das Adrenalin in seinen Körper schoss und sich ein unglaubliches Lustgefühl ausbreitete.

Nur das heimliche Beobachten reichte ihm nicht mehr. Er wünschte sich Kontakt zu dieser Frau. Er musste mehr von ihr sehen. Er wollte sie in ihrer Privatsphäre beobachten. Einer plötzlichen Eingebung folgend, beschloss er, sie heute anzusprechen. Hätte er sich das lange vorher überlegt, wäre er mit Sicherheit viel zu aufgeregt gewesen. So hatte er sich spontan zu diesem Schritt entschlossen – und er hatte es geschafft. Es war einfach herrlich. So nah, direkt neben der Frau zu sitzen, ihren Körper zu betrachten, ihren Atem zu spüren. Und dieses überwältigende Gefühl will man ihm in der Klinik abgewöhnen.

Der Arzt hat ihm erklärt, dass es sich bei ihm um einen krankhaften Voyeurismus handelt, der behandelt werden muss. Er hat den Arzt verstanden und einer Behandlung zugestimmt. Ihm ist klar, es ist wie eine Sucht. Zeit seines Lebens hat er dieses starke Gefühl immer wieder gesucht, immer öfter, immer bei anderen und unterschiedlichen Frauen. Es gab Zeiten, da war er völlig desorientiert, nur vom Gefühl gesteuert. Er konnte sich auf nichts anderes mehr konzentrieren.

Seitdem er die Tagesklinik besucht, hat sich sein Zustand gebessert. Er ist stabiler geworden. Er ist in der Lage, seine Gefühle zu kontrollieren. Auch auf seine Arbeit im Computerladen kann er sich wieder freuen und konzentrieren.

Doch jetzt, seitdem er dieser blinden Frau begegnet ist, ist alles fast wie früher. Er dreht sich wieder wie ein Hamster im Rad, aus dem er nicht mehr herauskommt. Er will, nein, er muss diese Frau beobachten. Muss ihr heimlich näher kommen, muss in ihre Intimität eindringen. Er kann sich nicht dagegen wehren.


Der erste Tag der Therapie ist zu Ende. David liegt im Bett und starrt zur Zimmerdecke hoch. Sein Zimmer in der Klink befindet sich zur Straßenseite. Er hat die Vorhänge am Fenster nicht zugezogen und einen Fensterflügel geöffnet. Von außen dringen das Licht der Straßenlaternen und der Motorenlärm der vorbeifahrenden Autos ins Zimmer.

In der Vorbesprechung der Therapie hatte er sich das Zimmer ausgesucht. Die wenigen Zimmer auf der Parkseite sind zwar wesentlich ruhiger, David wollte aber nicht diese Ruhe und vor allem nicht die dort herrschende Dunkelheit. Er hätte sich abgeschoben und verlassen gefühlt.

In seiner Wohnung in der Stadt teilt er sich das Schlafzimmer mit einem Freund. Alleinsein ist dort fast unmöglich. Ebenso ist es dort fast unmöglich, allein und in Ruhe über sich und über das Leben nachzudenken. Es sei denn, man schafft es, solange wach zu bleiben, bis der Freund eingeschlafen ist. Aber auch in diesen seltenen Fällen unterbindet das Atmen oder Schnarchen des Freundes jeden klaren Gedankengang.

Nach dem Abendessen hatten alle Patienten mit den Betreuern zum ersten Mal wie geplant zusammengesessen und den vergangenen Tag besprochen. Er musste sich für sein Fernbleiben vom Frühstück vor der Gruppe rechtfertigen. Schnell erfand er eine „Notlüge“ vom angeblich erkrankten Freund, der auf seine Hilfe angewiesen sei und am Ende zollte man ihm für sein soziales Verhalten sogar Respekt und Mitleid gleichzeitig.

Dieses Verständnis würde ihm künftig sogar die Möglichkeit eröffnen, so oft wie er es wollte, vom Frühstück fernzubleiben. Und er würde oft nicht am Frühstück teilnehmen – so wie es jetzt aussieht, nie. Da ist er sich sicher.

Welch eine positive Wendung des Schicksals. Erstmals nach längerer Zeit fühlt er sich gut und zufrieden. Er hat ein Zimmer für sich allein. Er hat es geschafft, der Frau am See näherzukommen und er kann, so oft er möchte, die Klinik am frühen Morgen verlassen – dem kranken Freund sei gedankt.

Alles wendet sich zum Guten, denkt er.

Das war nicht immer so. Wahrhaftig nicht.


David war bei seiner Geburt ein hübsches Baby mit dichten, pechschwarzen Haaren und einem hübschen Gesicht. Er war nicht unbedingt ein Wunschkind seiner Eltern. Sie hatten bereits einen zehn Jahre alten Sohn. Aber der ungeplante Nachkömmling wurde umhegt und gepflegt. Man kann sagen, seine ersten Jahre waren schöne Jahre – lediglich mit der Einschränkung, dass David sich an diese Zeit natürlich nicht mehr erinnern kann.

Seine Erinnerungen reichen zurück bis zum Beginn seiner Schulzeit. Damals stritten sich seine Eltern häufig. Oft lag er im Bett, hielt sich die Ohren zu, um den lautstarken Streitigkeiten nicht zuhören zu müssen.

In späteren Jahren bemerkte er bei seiner Mutter öfter blaue Flecken im Gesicht und an den Armen. Auf seine Frage antwortete sie immer lapidar, dass sie sich gestoßen habe. Sein Vater ging irgendwann nicht mehr zur Arbeit. Er saß immer zu Hause, trank Bier und war durchweg schlecht gelaunt. Das war die Zeit, in der David seine Mutter oft nachts weinen und seinen Vater stöhnen und schimpfen hörte. Er war noch zu jung, um alles zu verstehen, was mit seinen Eltern los war. Er begriff lediglich, dass es oft ums Geld ging. Es schien ein chronischer Geldmangel zu Hause zu herrschen von dem das tägliche Bier für seinen Vater nicht betroffen war. Spielsachen erhielt er nur zum Geburtstag oder zu Weihnachten und dann immer nur ein kleines Geschenk, das er sich nie gewünscht hatte – aber er hatte doch so viele Wünsche. Süßigkeiten gab es nie.

Trotzdem liebte er seine Eltern – auch seinen Vater.

Als er zwölf war, wurde sein Vater in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Seine Mutter besuchte ihren Mann nie und er durfte seinen Vater daher ebenfalls nicht besuchen. Eine Erklärung, weshalb man seinen Vater von der Familie getrennt hatte und wieso er ihn nicht mehr sehen durfte, erhielt er nicht. Seine Mutter bemühte sich zwar, den Vater zu ersetzen, trotzdem war sie in Davids Augen die Schuldige für den Zerfall der Familie.

Erst viele Jahre später erfuhr er durch einen Zufall, dass sein Vater bereits vor Jahren in der Klinik Suizid begangen hatte.

Das Zusammenleben mit seiner Mutter gestaltete sich zunehmend schwieriger. Immer häufiger wechselte seine Mutter ihre Männerbekanntschaften. Er begann, sie dafür zu verabscheuen.

„Wie kann sie nur Vater so betrügen und so einfach vergessen?“, fragte er sich immer wieder.

Mit seinem zehn Jahre älteren Bruder konnte er nicht über seine Probleme sprechen. In dieser Zeit, in der David ihn gebraucht hätte, hatten die Brüder nur wenig Kontakt zueinander. Zu groß war der Altersunterschied. Sein Bruder war erwachsen und hatte andere Interessen. Davids Probleme interessierten ihn nicht.

Eines Abends, David lag bereits im Bett, klopfte es an seiner Zimmertür, was an sich schon ungewöhnlich war und sein Bruder kam herein.

David war so überrascht, dass er sofort hochsprang und sich im Bett aufsetzte. Er schaute seinen Bruder erwartungsvoll mit großen Augen an, ohne ein Wort zu sagen oder eine Frage zu stellen. Sein Bruder setzte sich zu ihm aufs Bett. Er schaute zu Boden und David schaute auf seine Bettdecke. Keiner der beiden sprach ein Wort, als müssten beide einen Kampf austragen, wer als Erster das Schweigen bricht.

„Ich haue hier ab.“

„Wieso?“, fragte David.

„Ich halte es einfach nicht mehr aus.“

„Aber du kannst mich doch nicht allein lassen.“

„Du kommst schon zurecht. Mutter sorgt schon für dich. Außerdem wirst auch du älter und eines Tages …“

„Nein, das darfst du nicht“, unterbrach ihn David, drehte sein Gesicht ins Kopfkissen und begann lautlos zu schluchzen.

„Okay, machen wir ein Spiel.“

David hob seinen Kopf aus dem Kissen und schaute zu, wie sein Bruder ein Kartenspiel aus der Tasche zog. David hatte das Kartenspiel schon oft bei ihm gesehen. Er schien es immer bei sich zu haben.

Die Karten ordnete er wie einen Fächer und hielt sie David mit der Rückseite nach oben hin.

„Du ziehst eine Karte und ich ziehe eine Karte. Wenn du die höhere Karte ziehst, bleibe ich. Wenn ich die höhere Karte ziehe, haue ich ab. Einverstanden?“

„Einverstanden!“

David fuhr unschlüssig, welche Karte er ziehen sollte, mit der Hand über die Karten. Dann fassten seine Finger zu und er zog eine Karte aus dem Fächer. Er drehte sie langsam um. Eine Dame. Er strahlte, denn er wusste, es gab nur zwei Karten mit einem höheren Wert. Der König und das As. Seine Chancen standen gut.

Mit Spannung verfolgte er, wie sein Bruder ohne lange zu überlegen zugriff. Ohne zu zögern drehte er die Karte um – ein As.

„Pech gehabt kleiner Bruder.“

„Ja.“

David ließ die Arme resigniert auf das Bettlaken sinken.

„Wann gehst du?“

„Morgen.“

Mehr Worte wurden nicht gesprochen. Wozu auch. Das Schicksal hatte entschieden. David schaute seinem Bruder hinterher, als dieser das Zimmer verließ. Als er die Tür zuzog, meinte David, ein leises „mach‘s gut“ gehört zu haben.

„Du auch“, flüsterte er.

Am nächsten Tag, als David aus der Schule nach Hause kam, war sein Bruder nicht mehr da.

Seine Mutter sagte ihm nur kurz, dass sein Bruder sie verlassen hatte. David fragte nicht weiter. Er hatte das Spiel verloren, Schicksal eben. Und gegen das Schicksal hatte er schlechte Karten gehabt.

Jahrelang hörte David von ihm nichts mehr. Seine Mutter sagte einmal zu ihm, dass er seinen Bruder vergessen solle. Er wäre total introvertiert und würde sich sowieso nicht für ihn interessieren und nur in seiner eigenen Welt leben. Damals verstand David nicht, was introvertiert bedeutet, glaubte aber verstanden zu haben, was seine Mutter meinte. Für ihn trug seine Mutter nicht nur die Schuld an der Trennung von seinem Vater, sondern auch am Weggang seines Bruders.

David war seitdem allein mit seinen Problemen und die Abscheu seiner Mutter gegenüber entwickelte sich langsam aber stetig zu einem Hassgefühl.

„Ich bekomme heute Abend Besuch. Bernd kommt vorbei. Du gehst rechtzeitig ins Bett“, eröffnete seine Mutter ihm eines Tages, als er gerade dreizehn Jahre alt war. Bernd kam sehr früh. Zur Begrüßung tätschelte er mit aufgesetzter Freundlichkeit Davids Kopf. Seine Mutter verlor keine Zeit, ihn in sein Zimmer zu drängen. Der Ärger über die für ihn unverständliche Abschiebe ins Bett und der vehement aufkommende Hass gegen seine Mutter ließen ihn nicht einschlafen.

Nach einiger Zeit vernahm er bekannte Geräusche, die aus dem Schlafzimmer seiner Mutter zu kommen schienen. Es waren die gleichen Geräusche, die er früher vernommen hatte, wenn sein Vater Bier getrunken hatte und er im Bett lag und sich die Ohren zuhielt. Er hörte wieder dieses Stöhnen. Doch seine Mutter weinte im Gegensatz zu früher nicht. Er hörte ihre helle Stimme lachen. Auch schimpfte dieser Mann, den sie Bernd nannte, nicht mit ihr.

Vorsichtig stieg er aus seinem Bett und schlich auf nackten Füßen zum Schlafzimmer seiner Mutter. Die Geräusche wurden lauter. Bernd stöhnte laut, wogegen seine Mutter spitze Schreie ausstieß und Worte zu Bernd sagte, die er nicht kannte, die sich aber obszön und schmutzig anhörten.

Vorsichtig näherte er sich der nur angelehnten Schlafzimmertür. Nein, ein Zurück gab es jetzt für ihn nicht mehr. Er musste wissen, was da drinnen vor sich ging.

Mit spitzen Fingern drückte er gegen die Türe, bis sich ein kleiner Spalt ergab, durch den er ins Zimmer blicken konnte. Was er dort sah, ließ ihm den Atem stocken.

Seine Mutter und Bernd waren nackt. Bernd lag auf dem Rücken. Seine Arme und Beine waren gespreizt und mit Riemen am Bettgestell angebunden. Seine Mutter saß auf Bernd wie auf einem Pferd, den Oberkörper nach vorne gebeugt. Ihre Brüste pendelten schlaff vor dem Gesicht von Bernd hin und her. Beide bewegten sich im Takt auf und ab, wobei seine Mutter mit den Fäusten auf den Brustkorb von Bernd hämmerte, der immer lauter stöhnte. Manchmal hörte es sich an, als wenn er „nein“ stöhnte, dann wieder meinte David ein stöhnendes „ja“ zu vernehmen.

David schlug eine Hand vor den Mund, fuhr herum und lief so schnell er konnte zur Toilette, wo er sich übergab. Dann eilte er wieder zu seinem Zimmer und verkroch sich unter die Decke, bis nichts mehr von ihm zu sehen war. Er hielt sich mit den Händen wie früher beide Ohren zu. Er schluchzte.

„Was macht meine Mutter da drinnen bloß mit Bernd?“, fragte er sich.

„War es das, was Frauen und Männer unter Sex verstehen?“

Er war schockiert. So etwas Ähnliches hatte er schon mal aus Gesprächen der Schüler der höheren Klassen entnommen.

Nun wusste er, dass diese nicht gelogen hatten. Er kannte jetzt die eklige Tatsache. Wie konnte seine Mutter Bernd nur so behandeln. Bernd tat ihm fast leid. Und seine Mutter – die hasste er jetzt noch mehr.

„Verhalten sich alle Frauen so?“, fragte er sich.

„Wenn das der Fall ist, will ich nichts mit Frauen zu tun haben“, entschied er spontan.

In den folgenden Monaten und Jahren brachte seine Mutter immer häufiger verschiedene männliche Besucher mit nach Hause. David stellte fest, dass das Geschehen im Schlafzimmer immer gleich ablief. Er empfand, dass seine Mutter alle ihre Männer quälte und erniedrigte. Eine dauerhafte Beziehung entstand mit keinem der Männer.

Seine Mutter war für ihn das Abbild aller Frauen und durch ihr Verhalten wuchs in ihm eine Abscheu gegen die Frauen im Allgemeinen.

Trotzdem konnte er nicht leugnen, dass ihn im Laufe der nächsten Jahre das Äußere mancher Mädchen magisch anzog und erregte. Er konnte sich dennoch nie überwinden, ein Mädchen anzusprechen oder sogar den Versuch zu unternehmen, eine Freundschaft zu beginnen.

Nun war er auch nicht gerade der Typ, auf den die jungen Frauen flogen. Er wirkte depressiv und hatte daher auf seine Mitmenschen eine negative Ausstrahlung. Es kam ihm vor, als hätten seine depressiven Stimmungen irreversible Schäden in seinem Gesicht hinterlassen, die für alle Mitmenschen sichtbar waren. Es kam sehr selten vor, dass er lachte und seine Zahnlücke zwischen den oberen beiden Schneidezähnen machte ihm das Leben auch nicht leichter. Um es mit einem Wort zu sagen, er war nichtssagend.

In der Schule nahmen ihn seine Mitschüler nicht ernst und trauten ihm nichts zu. Er beteiligte sich fast nie am Unterricht und von den Lehrern wurde er übersehen oder kritisiert, falls er einmal eine Antwort gab.

Er lebte sein junges Leben für sich und entwickelte einen unbändigen Eifer, was die Computertechnik betraf. Er konnte sich abschotten und eine Zeitschrift über IT-Technik mit der gleichen Leidenschaft verschlingen, wie er mit den Fingern über die Tasten seines Notebooks flog.

Mit fast neunzehn Jahren geschah es dann doch. Er ging zum allerersten Mal eine nähere Beziehung zu einer Frau ein. Eva war eine zierliche, kleine Person, allerdings mit einem ausgeprägten Willen. Der Kontakt wäre aus seiner Sicht nie entstanden, wenn nicht Eva die Initiative ergriffen hätte. Auch zu Liebkosungen und der gegenseitigen Erforschung des Körpers ermunterte ihn Eva. Bis zu diesem Punkt genoss er das Zusammensein. Als Eva eines Tages, seine Mutter hatte für einige Stunden die Wohnung verlassen, mehr von ihm wollte als nur oberflächliche Zärtlichkeit und Streicheln, war er schockiert. Vor seinem inneren Auge spielten sich die Szenen seiner Mutter mit ihren Männern ab. Nein, er wollte von einer Frau nicht so erniedrigt werden, wie seine Mutter die Männer erniedrigte.

Direkt und ohne Umschweife forderte er Eva auf, die Wohnung zu verlassen. Eva war bestürzt und beleidigt, zumal David ihr keinerlei Erklärung für sein Verhalten gab.

In den nächsten Jahren hatte David hin und wieder kurze Beziehungen zu Frauen, die jedoch an dem entscheidenden Punkt immer wieder endeten. Zu sehr waren die Erinnerungen an seine Mutter und deren Männer und den damit verbundenen Ekel präsent.

Irgendwann zog er bei seiner Mutter aus und brach den Kontakt zu ihr ganz ab.

Inzwischen kam es auch nicht mehr zu kurzen Beziehungen zu Frauen. David begnügte sich mit dem Beobachten von willkürlich ausgewählten Frauen, das ihm zu einer gewissen Befriedigung verhalf.

In der Folgezeit legte er sich ein hochwertiges Fernglas sowie eine Kamera mit starkem Zoomobjektiv zu, die sein Vorhaben enorm unterstützten. Er entwickelte sich immer mehr zu einem krankhaften Voyeur.

Da er keine direkte Beziehung mehr zu Frauen hatte, verblassten im Laufe der Zeit auch die Erinnerungen an die schreckliche Zeit seiner Kindheit zu Hause.

In der Folgezeit griff ihn die Polizei mehrfach auf, als er die Persönlichkeitsrechte von Frauen verletzte, indem er sie mit einem Fernglas beobachtete oder mit der Kamera fotografierte.

Im vergangenen Jahr wurde er am Badesee verhaftet, als er aus einem Versteck Frauen mit seiner Kamera nahe heran zoomte und fotografierte.

Die letzte Verhaftung erfolgte Anfang des Jahres am Rande des Stadtparks. Er saß spätabends versteckt in einem Gebüsch. Mit seinem Fernglas beobachtete er in der gegenüberliegenden Wohnung eine junge Frau beim Entkleiden. Ein älterer Mann, der seinen Hund Gassi führte, überraschte ihn und rief die Polizei.

Der Ermittlungsrichter war einfühlsam und sah in David einen jungen Mann, der durch äußere Einflüsse vom Weg abgekommen war. Der Richter vermutete, dass die Grundlagen für seine Erkrankung bereits durch familiäre Erlebnisse in der Pubertät entstanden waren. Da er bisher nie gewalttätig in Erscheinung getreten war und sich seine Erkrankung lediglich auf das Beobachten von Frauen beschränkte, fand der Richter, dass man ihm eine Chance geben sollte. Er erließ keinen Haftbefehl. Durch intensive fachärztliche Hilfe sollte er wieder in die Gemeinschaft integriert werden.

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