Kitabı oku: «Totenstille am See»
Heribert Weishaupt
Totenstille am See
Ein Troisdorf-Krimi

Heribert Weishaupt
Totenstille am See
Ein Troisdorf-Krimi
Cover:
Sieglarer See, Foto: Heribert Weishaupt
Illustration: adpic.de / A. Armyagov
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1. Auflage
© Winter 2013
Impressum
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www.ratio-books.de
eISBN: 978-3-939829-99-7
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Inhalt
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
Epilog
Anmerkung
Wer der Meinung ist, dass man für Geld alles haben kann, gerät leicht in den Verdacht, dass er für Geld alles zu tun bereit ist.
(Benjamin Franklin)
Prolog
Die nackte Glühbirne tauchte den Raum in ein diffuses Licht. Wahrscheinlich war es eine der letzten des 130 Jahre alten Leuchtmittels, das ab September 2012 nicht mehr auf den Markt gebracht werden durfte. Die Lichtstärke von 20 Watt ließ den mehr als dreißig Quadratmeter großen Raum noch düsterer und unheimlicher wirken, als er tatsächlich war. In den kahlen Betonwänden befand sich weder ein Fenster noch irgendeine sonstige Öffnung. Lediglich eine verrostete Eisentüre unterbrach den kahlen Beton. Die Luft war feucht und der Geruch von Exkrementen erschwerte zusätzlich das Atmen.
Er lag auf dem Rücken, Beine und Arme leicht vom Körper abgewinkelt. Seine Hände und Fußgelenke waren mit schmalen Lederriemen an ein in den Beton eingelassenes Eisen rechts und links von ihm angebunden. Über seine Stirn zog sich ein ähnlicher Lederriemen und gestattet nicht die kleinste Drehung des Kopfes.
Die einzige Bewegung, die seine Fesseln zuließen, war das Zittern, das seinen gesamten Körper ergriffen hatte.
In regelmäßigen Abständen fiel ein Wassertropfen genau auf seine Nasenwurzel zwischen seinen Augen. Er konnte den Zeitabstand bis zum nächsten Tropfen genau einschätzen. Bereits kurz vorher schloss er seine Augen und verbarg dadurch seine geröteten Augäpfel.
Er hätte nie gedacht, dass diese Foltermethode so grausam sein könnte. Die Kälte, die der feuchte Betonboden abgab, nahm er seit geraumer Zeit nicht mehr bewusst wahr.
Er war sicher, dass er diesen Raum nicht mehr lebend verlassen würde. Inzwischen war er so weit, dass er den Tod herbeisehnte. Die Vorstellung, bald dieses erlösende Gefühl zu spüren, ließ ihn die Schmerzen und Qualen weiter ertragen.
„Unterschreibe und alles ist vorbei und du bist frei“, drang wieder diese dumpfe, monotone Stimme mit den gleichen, eindringlichen Worten an sein Ohr und ließ ihn aufschrecken.
Er würde nicht unterschreiben, egal was sie mit ihm anstellten. Dieser letzte Triumph würde ihm gehören. Denn auch, wenn er sich tatsächlich entschließen würde zu unterschreiben, würde man ihn mit Sicherheit nicht freilassen.
„Niemals“, war zum wiederholten Male seine Antwort, die krächzend aber bestimmt aus seinem Mund kam.
Und wieder traf ein Wassertropfen seine Nasenwurzel und das Wasser rann ihm in die entzündeten Augen. Wieso musste Sterben so schwer sein?
Paul Altmann erwachte, schlug die Augen auf und saß gleichzeitig aufrecht im Bett. Es dauerte einige Augenblicke, bis er begriff, dass er geträumt hatte. Der dünne Schlafanzug klebte an seinem schweißnassen Körper. Er zitterte. Doch jetzt war kein Albtraum dafür verantwortlich, in dem er vor Angst zitternd auf dem Boden lag, sondern der Herbstwind, der durch das halb geöffnete Fenster blies.
Inzwischen häuften sich die Nächte, in denen Albträume ihn um den gesunden Tiefschlaf brachten. Trotzdem stand sein Entschluss fest. Er würde nicht klein beigeben.
1. Kapitel
Die letzten herbstlichen Sonnenstrahlen versanken am Horizont hinter dem Kirchturm der St.-Johannes-Kirche in Troisdorf-Sieglar. Mit dem Untergang der Sonne endete ein angenehm, warmer Herbsttag und in den nächsten Stunden würden die Temperaturen erheblich sinken. Franz Bertram fuhr mit seinem Wagen die Hüttenstraße entlang bis zum Wanderparkplatz direkt hinter dem Hochwasserschutzdamm der Sieg, die von hier aus in wenigen Kilometern in den Rhein mündet. Dort stellte er seinen alten Mercedes 190 D ab. Inzwischen war sein geliebtes Gefährt stolze zwanzig Jahre alt. Er würde ihn auch künftig hegen und pflegen – und nach weiteren zehn Jahren wäre er würdiger Besitzer eines Oldtimers.
Der Parkplatz war an diesem Samstagabend leer. Die Spaziergänger und Wanderer, die das schöne Wetter genutzt hatten, waren um diese Zeit wieder zu Hause. Für Liebespaare, die sich manchmal auf dem Parkplatz im Auto vergnügten, war es dagegen noch zu früh und vor allem nicht dunkel genug.
In dieser Nacht endete die Sommerzeit. Die Uhren würden wieder eine Stunde zurückgestellt werden … und ab morgen wäre es um diese Zeit noch lange heller Tag. Franz wollte heute die frühe Dunkelheit noch einmal zum Nachtangeln nutzen.
Er stieg aus, ging um seinen Wagen herum und setzte sich auf den Beifahrersitz, um seine Stiefel anzuziehen, die er vorsorglich vor der Abfahrt vor den Sitz gelegt hatte. Auf dem Beifahrersitz hatte er mehr Bewegungsfreiheit. Hier störte ihn nicht das Lenkrad. Die Stiefel waren bereits viele Jahre alt. Am Schaft und unter der Sohle klebte noch die getrocknete Erde von seinem letzten Angelabend.
Er öffnete den Kofferraum und griff sich die lange und prall gefüllte Angeltasche, die er sich über die Schulter hängte. In die rechte Hand nahm er seinen Angelstuhl und in die andere einen kleinen Werkzeugkoffer, in dem er Angelhaken, Blei, Posen und sonstige Kleinutensilien ordentlich sortiert verstaut hatte. Wie immer wollte er auch heute zu seinem Angelplatz am Westufer des Sieglarer Sees. Er liebte den See. Hier fand er Ruhe und Erholung vom Stress des Alltags.
Er wandte sein, von der Sonne braun gebranntes Gesicht dem Himmel zu. Nur wenige Quellwolken unterbrachen das Blau des Firmaments. Er nickte zufrieden und ging beschwingt und erwartungsvoll los.
Er überquerte den Siegdamm, um dann noch einige Hundert Meter am Ufer entlang des Sees zu gehen. Anfangs war der Weg breit, und ging später in einen engen Pfad über. Leicht außer Puste erreichte er die Stelle des Pfades, an der er den Pfad verlassen musste, um zu seinem Angelplatz am Ufer zu gelangen. In solchen Momenten, wenn er nach kurzen Anstrengungen nach Luft schnappte, haderte er mit sich selbst. Er schaute an sich herunter. Sein Bauch wölbte sich immer mehr über seine Hose, und seine Jacke ließ er so wie heute meistens offen, damit sie ihn nicht zu sehr einengte. Er hasste diese Momente und er hasste dann auch sich selbst. Vor Jahren hatte er noch eine ansprechende Figur. Inzwischen war er bequemer und das Essen seine Leidenschaft geworden. Zum wiederholten Male nahm er sich vor, etwas für seine Kondition und seinen Körper zu tun. Ja, morgen würde er mit Gymnastik und Laufen beginnen – und wenn nicht ab morgen, dann spätestens ab nächstem Wochenende.
Er stellte sein Gepäck ab und atmete einmal tief durch.
Links von ihm ragten entlang des Pfades die über zwei Meter hohen Stängel des drüsigen Springkrauts in den Himmel. Erst bei seinem letzten Besuch am See hatte er das Kraut, das sich inzwischen in fast allen Auen und Uferlandschaften eingebürgert hatte, niedergetreten, um sich einen Weg zum Seeufer zu bahnen. Und bereits heute, nach wenigen Wochen, war der Zugang zum See erneut zugewachsen. Er hasste das Gewächs, weil es alle anderen Pflanzen überwucherte. Außerdem mochte er den starken, süßlichen Duft nicht, den die rosa Blüten verströmten, und der sich wie eine Glocke über das Ufer legte.
Er ließ seinen Ärger auf brutale Art an den Pflanzen aus und bahnte sich erneut einen Zugang zu seinem Angelplatz, indem er rücksichtlos die Stängel der lästigen Pflanzen niedertrat. Sein Ärger verflog aber sofort wieder, als er den Angelplatz sah, der nach wie vor frei von irgendwelchen Gewächsen war. Die festgetretene, steinige Erde bot für den Samen des Springkrauts wenige Möglichkeiten, Wurzeln zu bilden.
Franz Bertram freute sich auf einen schönen und hoffentlich erfolgreichen Angelabend.
Bevor er sein Gepäck heranholte, blieb er einige Augenblicke am Wasser stehen und genoss den Blick über den See bis zum gegenüberliegenden Ufer. Es war fast windstill und der See bot zumindest in Ufernähe eine fast glatte Oberfläche. Lediglich in der Mitte des Sees kräuselte sich das Wasser leicht. Dort beobachtete er eine größere Anzahl unterschiedlicher Entenarten. Er bedauerte es, dass er von seinem jetzigen Standort nicht die beiden Inseln im See sehen konnte, die von einer Unmenge Vögeln und Enten aller hiesigen Arten bevölkert wurden. Lediglich die Vogelstimmen und das Geschnatter der Enten drangen bis zu ihm vor. Er hatte den Eindruck, als ob alle Tiere den zu Ende gehenden Tag verabschieden wollten. Er war mit sich und der Welt zufrieden.
Energisch riss er sich vom Anblick des Sees los. Er griff in seine Tasche und holte eine alte, blaue Kappe hervor. Da sein Kopfhaar inzwischen dünn und schüttern geworden war, benötigte er eine Kopfbedeckung, die seinen Kopf gegen die nächtliche Kälte schützte. Bis mindestens Mitternacht wollte er angeln. Falls ihm das Anglerglück nicht versagt blieb, vielleicht auch noch die eine oder andere Stunde länger. Einen entsprechend großen Ködervorrat hatte er vorsorglich eingepackt.
Gut gelaunt begann er, seinen Angelplatz einzurichten. Er öffnete den Werkzeugkoffer, damit er, falls erforderlich, das nötige Werkzeug schnell zur Hand hatte, und stellte ihn neben seinen Stuhl. Aus seiner Angeltasche nahm er den Kescher, fuhr die Teleskopstange aus, sodass der Kescher eine Länge von fast zwei Metern erreichte, und legte ihn ebenfalls in Reichweite auf den Boden. Dann begann er, seine Angeln herzurichten. Durch seine jahrelange Routine konnte er bereits nach wenigen Minuten die erste Angel auswerfen. Er kurbelte die Angelschnur ein kurzes Stück ein, sodass sie gerade gespannt auf der Wasseroberfläche lag. Am Ende der Angelschnur, ungefähr zehn Meter vom Ufer entfernt, hatte er den Schwimmer postiert, der unbewegt, aufrecht aus dem Wasser ragte und ihm den Biss eines Fisches anzeigen würde. Jetzt noch die zweite Angel auswerfen und den Bissanzeiger vier, fünf Meter daneben postieren, und der gemütliche Teil des Tages konnte beginnen.
Inzwischen wurde es immer dämmriger. Und mit der zunehmenden Dunkelheit verbreitete sich vom See aus auch eine unangenehme Feuchtigkeit. Franz kannte das und hatte sich mit entsprechend warmer Kleidung und Schuhwerk versorgt.
Er holte seine beiden Posen ein, um sie gegen Posen mit einem Knicklicht zu tauschen. Seinem kleinen Koffer entnahm er ein kleines Kunststoffstäbchen, das mit zwei unterschiedlichen Chemikalien gefüllt war. Er knickte das Stäbchen, wodurch der Glasbehälter im Inneren brach und die beiden Flüssigkeiten sich vermischten. Durch die dadurch einsetzende chemische Reaktion entstand ein Leuchten, das mehrere Stunden anhalten würde. Das leuchtende Stäbchen befestigte er an der dafür vorgesehenen Stelle am oberen Ende des Bissanzeigers. Die auf diese Art neu präparierte Angel warf er wieder aus. Auch bei völliger Dunkelheit konnte er jetzt die Reaktion des Schwimmers bei dem Biss eines Fisches verfolgen und entsprechend reagieren. Zufrieden schaute er über den See, griff sich ein mitgebrachtes altes Handtuch und trocknete seine Hände daran ab.
Heute beabsichtigte er, einige Aale an Land zu ziehen. Bisher hatte er noch kein Glück gehabt – weder ein Aal, noch ein sonstiger Fisch hatte angebissen. Er war deswegen nicht enttäuscht, denn er wusste, die Hauptbeißzeit der Aale würde noch kommen. Die günstigste Fangzeit für Aale war die Dämmerung, vor allem aber die Nacht.
Bevor sich die Dunkelheit endgültig über den See legte, genoss er es, weiterhin die Natur zu beobachten, wobei er mit einem Auge immer seine leuchtenden Knicklichter beobachtete. Die Laute der Tiere ließen allmählich nach, bis sie plötzlich, als wäre ein unhörbarer Befehl ergangen, ganz verstummten. Eine gespenstische Ruhe breitete sich über den See aus. Gleichzeitig war es fast übergangslos stockfinster geworden. Die Wasseroberfläche war jetzt so glatt wie eine Glasscheibe, zumindest der Teil, den er noch erkennen konnte. Die dünne Sichel des Mondes konnte gegen die Finsternis nichts ausrichten. Durch die Windstille wurden keine Geräusche des nahe gelegenen Autobahndreiecks St. Augustin-West herangetragen. Es war eine lautlose Nacht – es war totenstill.
Die leuchtenden Knicklichter lagen nach wie vor unbeweglich auf der Wasseroberfläche. Aus Langeweile begann Franz, die Ratten, die sich schüchtern seinem Stuhl näherten, mit Brotkrumen zu füttern. Wenn er unbewegt auf seinem Angelstuhl saß, kamen sie bis unter seinen Stuhl, schnappten sich eine Brotkrume, um dann wieder in Windeseile zwischen den Stängeln des Springkrautes zu verschwinden.
Er öffnete die dritte Flasche Kölsch und trank einen kräftigen Schluck. Er hatte noch zwei weitere als Reserve in seiner Angeltasche. Wenn Ingrid, seine Frau, das sähe, würde es wieder ein Donnerwetter geben. Vor einigen Tagen, als sie wieder einmal stritten – und sie stritten meistens wegen seines Alkoholkonsums – bezeichnete ihn Ingrid als elenden Alkoholiker. Auch missbilligte sie, dass er nach mehreren Flaschen Kölsch, die er regelmäßig am See trank, mit dem Wagen nach Hause fuhr. Wie oft hatte sie ihm gepredigt, doch sein Fahrrad für die kurze Strecke zu benutzen. Aber er sah das völlig anders. So schlimm stand es um ihn wegen der einen oder anderen Flasche Bier nicht. Und mit dem Fahrrad die sperrige Angeltasche zu befördern, war ihm zu beschwerlich. Da war die kurze Fahrt mit dem Wagen wesentlich bequemer. Zudem fuhr er nach Hause nur über Nebenstraßen und „Schleichwege“, wie er sich auszudrücken pflegte. Dort würde ihm mitten in der Nacht kein Auto begegnen – schon gar nicht ein Streifenwagen der Polizei.
Es war aber nicht nur der Alkohol, weswegen sie stritten. Sie stritten fast täglich über irgendwelche Kleinigkeiten – und Franz hatte längst eingesehen, dass seine Ehe kaputt war. Nur einen Schlussstrich ziehen, konnte er noch nicht.
Wahrscheinlich lag Ingrid bereits im Bett und schlief fest. Sie würde daher nicht bemerken, dass er ein paar Bier getrunken hatte, wenn er in einigen Stunden nach Hause kam.
Es war bereits weit nach dreiundzwanzig Uhr, als er hinter sich ein Geräusch vernahm. Höchstwahrscheinlich ein größeres Tier. Womöglich eines dieser Nutrias, mutmaßte er. Dieses große Nagetier hatte sich vor Jahren hier am See, und in der unmittelbar neben dem See vorbeifließenden Sieg, angesiedelt. Kurz drehte er sich um, denn er wollte seine leuchtenden Posen nicht unnötig lange aus den Augen verlieren. Nichts.
Doch da wieder ein Geräusch, dieses Mal ganz in der Nähe, direkt hinter ihm. Erneut wandte er seinen Kopf nach hinten. Wie von Geisterhand wurden die Stängel des Springkrauts zur Seite geschoben und nur schemenhaft konnte er eine menschliche Gestalt in der Dunkelheit erkennen, die sich durch das Springkraut bis an den Rand seines Angelplatzes drängte. Franz fasste blitzschnell seine Taschenlampe, die er sofort verfügbar neben seinen Angelkoffer gelegt hatte und richtete den Strahl direkt auf den unerwarteten Besucher. Mit der anderen Hand ergriff er sein Anglermesser, das er griffbereit auf seinem kleinen Koffer platziert hatte und sprang auf.
Als der Lichtstrahl seiner Taschenlampe das Gesicht des ungebetenen Gastes erhellte, erkannte er die Person, die mit einer schwarzen Hose, einer schwarzen Jacke, sowie einem Schal und einer tief in die Stirn gezogenen Mütze bekleidet war.
„Du? Was willst du denn hier am See?“, rief er völlig überrascht aus.
Seine Stimme schallte durch die lautlose Nacht. Aber niemand würde durch seinen Ausruf erschreckt werden, denn er war heute wieder einmal der einzige Angler am See. Durch die großen Kormorankolonien, die häufig über den See herfielen und den Fischbestand erheblich reduzierten, war der Sieglarer See in Anglerkreisen nicht besonders beliebt. Die meisten Angler bevorzugten den wesentlich fischreicheren Rotter See.
„Mach das Licht aus und setz dich wieder hin. Wir müssen reden“, forderte ihn die Person eindringlich auf.
„Wir haben nichts miteinander zu reden. Schon gar nicht hier am See“, entgegnete Franz Bertram aufgebracht.
In der einen Hand die Taschenlampe, in der anderen das gezückte Messer sprang er auf seinen unwillkommenen Besucher zu, um ihn von seinem Angelplatz zu drängen, auch wenn der Besucher wegen des Messers in Franz Bertrams Hand Schlimmeres befürchtete.
Sein Angelstuhl kippte dabei um und fiel auf seinen kleinen, geöffneten Koffer, der ebenfalls scheppernd umfiel. Der Inhalt verstreute sich über die leicht abschüssige Angelstelle. War es sein Kreislauf, der durch das plötzliche Hochspringen außer Kontrolle geriet, oder war es der Bierkonsum? Im Nachhinein würde es letztlich nicht feststellbar sein, was der Grund für sein Taumeln war.
Statt in Richtung der Person, torkelte er rückwärts, verlor das Gleichgewicht vollends und stürzte in den See, der zu dieser Jahreszeit viel zu kalt für ein Bad war. Der See war an dieser Stelle bis ein, zwei Meter vom Ufer entfernt noch nicht sehr tief. Franz ruderte kräftig mit den Armen. Er zog seine Beine an, um sich aufzurichten und schnell aus dem kalten Wasser zu gelangen. Überraschend gewandt gelangte er in eine sitzende Position. Und schon ragten sein Kopf und seine Schultern aus dem Wasser.
„Jetzt nach vorne beugen und aus dem See heraus. Dann werde ich dir zeigen, dass man so mit einem Franz Bertram nicht umgehen kann“, dachte er.
Plötzlich erhielt er einen Stoß gegen die Brust und fiel erneut rückwärts in den See. Das kalte Wasser schwappte über sein Gesicht und lief in seinen um Luft ringenden, geöffneten Mund. Er schloss seinen Mund und musste mehrmals schlucken, um ihn vom Seewasser zu befreien.
Er wollte sich erneut aufrichten. Ein starker Druck auf seine Kehle verhinderte jedoch, dass er seinen Kopf aus dem Wasser heben konnte. Angst und Panik machte sich bei Franz breit. Sein Sauerstoffvorrat war beinahe erschöpft.
Mit aller Kraft, die ihm seine Panik verlieh, versuchte er erneut, sich gegen den Druck auf seiner Kehle zur Wehr zu setzen, und den Kopf über Wasser zu bekommen. Er ruderte mit den Armen und versuchte mit den Beinen Halt zu finden. Vergeblich.
Inzwischen hatte sich seine dicke Kleidung, die ihn gegen die Kälte schützen sollte, mit Wasser vollgesogen. Wie eine Bleiweste hingen die Kleidungsstücke an ihm. Er musste seinen Kopf unbedingt über Wasser bekommen, egal wie.
Sollte das sein Ende sein?
Vor seinen Augen tanzten Sterne. Seine Lunge schien zu zerbersten. Er musste seinen Mund öffnen und nach Luft schnappen. Unbedingt. Als er den Mund öffnete und seine Lungen gierig Sauerstoff einsaugen wollten, erreichte nur ein Schwall Wasser seine Lunge und seine Bronchien. In seinem Kopf platzte nacheinander Stern um Stern, bis nur noch ein grelles, weißes Licht vorhanden war.
Aber auch dieses Licht erlosch. Franz Bertram nahm nicht mehr wahr, dass sich der Druck auf seine Kehle verringerte und schließlich ganz verschwand.
„Das hast du nun davon“, flüsterte die dunkel gekleidete Gestalt.
Der nächtliche Besucher schaute zufrieden über den See, ohne Franz Bertram eines weiteren Blickes zu würdigen. Den Kescher, mit dessen Griff er Franz Bertram unter Wasser gedrückt hatte, hielt er noch immer am Ende der Teleskopstange, dort wo das Netz begann, in der Hand. Mit der Sicherheit, dass ihn niemand beobachtet hatte, drehte er sich ruhig um und verließ den Angelplatz. Den Kescher, der als Beweisstück gegen ihn verwandt werden könnte, nahm er zu seiner Sicherheit mit.
Zu diesem Zeitpunkt bewegte sich die Pose mit dem Knicklicht in Zickzack-Linie über die ruhige Wasseroberfläche, bevor der Aal sie mit einem Ruck unter Wasser zog. Er hatte sich am Haken festgebissen und niemand war da, ihn zu erlösen.
2. Kapitel
Auf Zehenspitzen schlich ich vom Schlafzimmer die Treppe hinunter zum Hausflur und von dort in den Keller, um meine Laufschuhe zu holen.
Bereits im Schlafzimmer hatte ich möglichst geräuschlos meine Laufbekleidung angezogen. Meine Frau, mit der ich bereits über dreißig Jahre verheiratet war, sollte weiterschlafen können. Laut Wetterbericht sollten die Temperaturen in der Nacht erstmals unter 10 Grad gesunken sein. Ich hatte daher lange Leggings und ein wärmendes Laufshirt mit langem Arm ausgewählt. Nochmals hoch zum Schlafzimmer und ein Blick zum Bett. Meine Frau schlief noch fest. Auf dem Rückweg würde ich beim Bäcker vorbeilaufen und Brötchen für das Frühstück mitbringen. Ich hegte insgeheim die Hoffnung, dass meine Frau bis dahin aufgewacht sei und mich köstlicher Kaffeeduft empfangen würde.
Nachdem ich die Schuhe wie immer sorgfältig geschnürt hatte, steckte ich noch zwei Euro für die Brötchen ein und zog leise die Haustüre hinter mir zu.
Auch wenn ich es erwartet hatte, war ich doch über die Kälte überrascht, die mich draußen empfing. Ein kurzer Druck auf die Stoppuhrtaste meiner Armbanduhr, und der Frühsport konnte beginnen.
Gestern war es spät geworden, und vielleicht hatte ich auch ein Glas Wein zu viel getrunken. Mit leichten Kopfschmerzen war ich recht früh aufgewacht. Einschlafen konnte ich nicht mehr. Ich hatte mich daher für eine früh-morgendliche Laufrunde in der Siegniederung entschieden. Joggen in frischer Luft würde bestimmt meine Kopfschmerzen vertreiben.
Der Weg führte mich durch die noch menschenleeren Wohnstraßen bis zum Hochwasserschutzdamm der Sieg. Von dem erhöhten Damm hatte ich einen weiten Blick über die herrliche Auenlandschaft. Über den Wiesen und Feldern hing noch ein leichter Nebelschleier, der sich jedoch in Kürze auflösen würde. Ich folgte dem Schutzdamm bis zur Höhe des Sportplatzes der Fortuna Müllekoven. Hier verließ ich den Damm und orientierte mich in Richtung Siegufer. Dort begann mein Rückweg über einen Feldweg entlang der Sieg.
Ich freute mich bereits auf einen Schlenker um den Sieglarer See, den ich fest eingeplant hatte. Ich liebte die morgendliche Stille und die noch unberührte Natur am See. Außerdem kam der weiche Boden dort meinen Gelenken zugute. Am Südost-Ufer hatte der See eine Furt, wo er mit der direkt vorbeifließenden Sieg verbunden war. Der Fluss führte heute nur mäßig Wasser, und der grobe Kies in der Furt war zwar nass, aber die Furt ohne Probleme passierbar.
Der See lag jetzt verträumt in der morgendlichen Stille vor mir. Lediglich die Enten gackerten bereits in den noch über den See liegenden Nebelschwaden. Im nördlichen Teil des Sees hatte sich der Nebel bereits vollständig gelichtet und die ersten Sonnenstrahlen brachen sich im spiegelglatten Wasser.
Ich war verschwitzt, und da ich mein Lauftempo beim Durchqueren der Furt gedrosselt hatte, wurde mir zunehmend kalt. Hätte ich doch nur ein noch dickeres Wintershirt angezogen, haderte ich mit mir.
Langsam erhöhte ich wieder mein Tempo, jedoch nur so viel, dass ich den Blick über den See genießen konnte, ohne Gefahr zu laufen, über einen Stein oder einer Wurzel zu straucheln. Ich befand mich inzwischen am nördlichen Ende des Sees und musste jetzt den direkten Uferweg verlassen. Noch ein kurzer Blick zum gegenüberliegenden Ufer. Dort ragen hohe Bäume und dichtes Springkraut in den Himmel. Aber es gab auch den ein oder anderen versteckten, kleinen Angelplatz, der nur von dieser Uferseite einzusehen war.
Zu dieser frühen, morgendlichen Herbstzeit hatte ich in der Vergangenheit nur selten einen Angler gesichtet. Doch heute schien sich ein Angler bereits in einer kleinen Bucht auf der gegenüberliegenden Uferseite eingerichtet zu haben. Der See war an dieser Stelle nicht sehr breit. Aus der Entfernung konnte ich daher recht gut verschiedene Gegenstände, wie einen Anglerstuhl und eine große Tasche erkennen. Vor der Bucht drehte ein Schwan seine Kreise. Hin und wieder steckte er seinen Kopf ins Wasser und entfernte sich langsam vom Ufer. Die Angelstelle schien verlassen zu sein. Nichts deutete darauf hin, dass hier aktiv geangelt wurde.
Mein Gefühl sagte mir: Irgendetwas stimmte nicht. Meine Schritte verlangsamten sich, bis ich schließlich anhielt. Ich suchte das Ufer mit meinen Augen ab. Einen Angler konnte ich nirgendwo ausmachen. Ich konnte mich nicht dazu überwinden, meinen Lauf fortzusetzen. Immer wieder strengte ich meine Augen an, um Details zu erkennen. Lag da nicht etwas Größeres im Wasser? Vielleicht ein Stück eines Baumstammes, das dort im Wasser vermoderte? Nein, ein Baumstamm war das nicht. Es schien fast so, als wenn zwei Füße und zwei Beine an Land lagen und der restliche Körper im Wasser. Konnte das womöglich ein Mensch sein?
Mit einem Male war ich mir sicher – dort lag jemand im Wasser.
Ich musste dorthin. Bestimmt war ich die einzige Person, die sich zu dieser Zeit am See aufhielt und helfen konnte. Meine Beine setzten sich augenblicklich in Bewegung und nahmen den unterbrochenen Lauf wieder auf. Nur mit dem Unterschied, dass mein Lauftempo jetzt wesentlich höher war. Ich geriet zunehmend ins Schwitzen. Die vorher noch empfundene Kälte war verschwunden.
Am Ende des Sees bog ich in einen kleinen Pfad ein, der zunehmend holpriger wurde. Große Steine wechselten sich mit dicken Ästen ab, die über den Pfad lagen. Der Weg forderte meine gesamte Aufmerksamkeit, um nicht hinzufallen. Hin und wieder schlugen Äste in mein Gesicht und hinterließen Kratzspuren, die durch den eindringenden Schweiß brannten. Auf den Weg zu achten und gleichzeitig nach oben zu schauen, um den Ästen auszuweichen, funktionierte nicht.
Plötzlich kam mir in den Sinn, dass ich wahrscheinlich Erste Hilfe leisten müsse, wenn dort ein Mensch im Wasser lag. Mein Tempo wurde schneller.
Wie lange lag mein Erste-Hilfe-Kurs bereits hinter mir. Vierzig Jahre oder noch länger? Zu meiner Führerscheinprüfung, so mit zwanzig oder einundzwanzig Jahren, hatte ich einen Kurs belegt, erinnerte ich mich. Von damals hatte ich bestimmt nichts mehr behalten. Stabile Seitenlage, wie war das noch? Allmählich stieg Panik in mir auf. Wie sollte ich helfen, wenn ich nicht mehr wusste, wie?
Inzwischen hatte ich das Nordufer des Sees passiert, ohne auf diesem Stück des Weges den See nochmals zu Gesicht bekommen zu haben. Der Weg wurde jetzt besser. Steine und Äste waren nicht mehr vorhanden, dafür säumten die hohen Stängel des drüsigen Springkrautes den Wegrand und der Weg wurde schmaler. Der nächtliche Tau hatte ihn stellenweise sehr rutschig gemacht und ich konzentrierte mich weiterhin auf meine Schritte.
Irgendwo war hier die Angelstelle. Als ich um eine Wegbiegung lief, erreichte ich einen breiten Wanderweg. Nein, hier war ich auf dem falschen Weg. Ich war bestimmt an der Angelstelle vorbei gelaufen.
Ich drehte mich um und ging jetzt langsam zurück, den Blick immer nach rechts zum See gerichtet.
Dann sah ich einige Meter vor mir die gesuchte Stelle. Das Springkraut war niedergetreten, und als ich zwischen das Springkraut trat, lag der See vor mir. Ich stand schwitzend inmitten der hochragenden Stängel des asiatischen Krautes, dessen süßlicher Duft mir in die Nase stieg und mich zum Niesen reizte.
Im Unterbewusstsein nahm ich wahr, dass am Ufer ein umgekippter Anglerstuhl und ein ebenfalls umgekippter Anglerkoffer lagen. Der Inhalt war über den gesamten Angelplatz verteilt. Mehrere Flaschen Kölsch lagen verstreut umher. Wie es den Anschein hatte, waren alle leer.
Dann fiel mein Blick auf zwei große Stiefel, die aus dem Wasser ragten. Die restliche dazugehörige Gestalt lag völlig unter Wasser. Ihre Kleidung war vom Wasser aufgebläht. Der Körper wirkte dadurch westlich kompakter, als er wahrscheinlich tatsächlich war. Es war ein Mann, der auf dem Rücken im Wasser lag. Das Gesicht konnte ich nicht genau erkennen.
Aufgeregt lief ich die letzten Meter bis zum Wasser. Meine Füße stießen dabei gegen einige der vielen umherliegenden Gegenstände.
Ich beugte mich zu der reglos im Wasser liegenden Gestalt hinunter. Zwei leblose Augen starrten mich an. Das Gesicht strahlte eine gewisse Überraschung oder vielleicht auch Ärger aus. Angst konnte ich nicht erkennen. Die Haut wirkte aufgeschwemmt und es schien, als ob alles Leben aus dem Gesicht gewichen war und einem farblosen, leicht bläulichen Schimmer Platz gemacht hatte. Womöglich lag der Mann bereits länger im Wasser. Die Arme waren vom Körper abgewinkelt, als ob er die Balance im Wasser suchte.
Mir war schlagartig klar: Hier kam jegliche Erste-Hilfe zu spät. Der Mann war tot.
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken, der nicht von der morgendlichen Frische herrührte. Was sollte, nein, was musste ich jetzt unternehmen?
Natürlich, die Polizei informieren. Aber wie? Ein Handy hatte ich wieder einmal nicht dabei. Ich ärgerte mich darüber. Wie oft hatte meine Frau zu mir gesagt: „Nimm dein Handy mit. Du weißt nie, was passiert. Vielleicht verletzt du dich. Dann kannst du mich wenigstens anrufen, und ich kann dich mit dem PKW holen.“
Vorsichtig bewegte ich mich in Richtung des Weges zurück. Ich wollte mit keinem Fuß gegen einen der umherliegenden Gegenstände oder Flaschen stoßen.
Es gab nur eine Möglichkeit. Ich musste so schnell wie möglich nach Hause laufen und von dort die Polizei informieren. Mir war klar, dass ich dieses Vorgehen der Polizei gegenüber ausführlich erklären musste. Darüber wollte ich mir im Augenblick keine weiteren Gedanken machen. Womöglich traf ich aber auch einen Spaziergänger, der sein Handy dabei hatte, und der die Polizei anrufen könnte. Ich wählte die Richtung bis zu dem breiten Wanderweg, bis zu dem ich kurz vorher bereits gelaufen war. Von dort führte der Weg direkt zum Siegdamm hoch. Immer wieder schaute ich umher, aber niemand war zu dieser frühen Zeit am Sonntagmorgen unterwegs.
Ich lief weiter bis zu den ersten Häusern der „Schwarzen Kolonie“ im Ortsteil Friedrich-Wilhelms-Hütte. Ihren Namen verdankt sie den schwarzen Dachziegeln der Häuser, die Louis Mannstaedt um 1912 für seine Arbeiter bauen ließ. In den letzten Jahrzehnten hatten die Bewohner die Häuser liebevoll restauriert. Seit längerer Zeit standen sie unter Denkmalschutz.
An diesem Sonntagmorgen wirkten die Häuser noch verschlafen, und die engen Straßen waren menschenleer. Lediglich einem älteren Mann mit seinem Hund begegnete ich. Leider hatte er kein Handy dabei und wie er sagte, wohnte er fünfzehn Minuten von hier entfernt. Also auch keine Hilfe.
Sollte ich irgendwo an einer Haustüre klingeln? Da es nur noch fünfhundert Meter bis zu mir nach Hause waren, entschied ich mich dagegen. Die wenigen Minuten, die ich bis nach Hause noch benötigte, würden am Sachverhalt nichts ändern.

Völlig außer Puste und erschöpft drückte ich den Klingelknopf bei mir zu Hause. Natürlich hatte ich wie immer keinen Haustürschlüssel dabei. Gleichzeitig fiel mir plötzlich völlig unpassend ein, dass ich die Brötchen vergessen hatte.
„Wie siehst du denn aus. Du bist ja total fertig“, empfing mich meine Frau, als sie mir die Haustüre öffnete.
„Da kannst du sicher sein. Ich bin fertig. Am See liegt ein Toter – ertrunken“, stammelte ich außer Atem.
„Ich rufe die Polizei an!“ und schon eilte ich durch den Flur ins Wohnzimmer zum Telefon.
Meine Frau stand wie versteinert im Hausflur und sah entgeistert hinter mir her.
Als ich den Telefonhörer ans Ohr hielt und mich umdrehte, sah ich, dass meine dreckigen Laufschuhe Spuren auf den Fliesen im Flur und auf dem Teppich im Wohnzimmer hinterlassen hatten.
Ich wählte die Notrufnummer 110. Es meldete sich ein Mann mit einer freundlichen Stimme, der fragte, wie er mir helfen könne. Als Erstes nannte ich meinen Nachnamen. Vor Aufregung fiel mir fast mein Vorname nicht ein, den ich nach einem tiefen Atemzug hinzufügte.
Meine Frau stand inzwischen neben mir und hörte mit fragendem Blick zu, was ich wohl dem Polizisten am anderen Ende der Leitung zu sagen hatte.
„Am Sieglarer See liegt ein Toter“, fuhr ich dann aufgeregt fort und musste nach diesem Satz erneut tief durchatmen.
„Ja, den habe ich gerade gefunden.“
„Nein, ich kann nicht dort bleiben, weil ich schon wieder zu Hause bin.“
„Ja, ich habe den See verlassen. Ich konnte sie von dort nicht anrufen, da ich kein Handy dabei hatte.“ „Nein, ich bin kein Spaziergänger, ich bin Jogger. Auf meiner Runde am See entlang habe ich den Toten gefunden.“
„Nein, ohne Zweifel, der Mann ist tot.“
„Was, ich soll wieder zum See zurück? Ich bin total kaputt. Ich kann nicht nochmals dorthin laufen.“
„Ja, natürlich habe ich ein Auto.“
„Ja, okay, ich fahre zum Parkplatz und gehe dann das letzte Stück bis zum See.“
„Bis dann. Ich fahre sofort los“, beendete ich den Dialog.
„Du musst wieder zum See?“, fragte meine Frau, als ich den Hörer aufgelegt hatte.
„Was ist denn eigentlich geschehen?“
„Ich habe am See einen toten Angler gefunden. Ich muss noch einmal zum See. Die Polizei erwartet mich dort. Vielleicht kann ich dir später mehr erzählen, wenn ich wieder zurück bin – aber das kann bestimmt einige Zeit dauern. Warte nicht mit dem Frühstück auf mich. Oder willst du vielleicht mitfahren?“
„Um Himmels willen, nein. Ich mag diese Aufregung am frühen Morgen nicht“, rief sie mir hinterher, denn ich war bereits auf dem Weg zur Garage.
Meine Gedanken schwirrten durcheinander.
„Ein Toter am See. Ein Unfall? – oder vielleicht auch nicht?“
Und ich war mitten drin, in den Ereignissen.
3. Kapitel
Kriminalhauptkommissar Frank Eisenstein stand in der Mitte des Wohnzimmers. Noch war der Raum leer. Während er sich um sich selbst drehte, füllte sich der Raum in seiner Vorstellung mit Mobiliar und harmonischen Accessoires. Bereits jetzt empfand er eine heimelige Atmosphäre. Der Makler hatte ihm diese Wohnung in Troisdorf-Bergheim wärmstens empfohlen, und auch der Mietpreis war für den Großraum Bonn durchaus angenehm. Die Wohnung gefiel ihm recht gut. Nur mit dem Gedanken, künftig in diesem beschaulichen Ort zu wohnen, konnte er sich noch nicht abfinden. Von der Großstadt in einen kleinen Stadtteil von Troisdorf zu ziehen, auch wenn es nur wenige Autominuten bis Bonn waren, war ein Schritt, der gut überlegt sein musste.
Eisenstein war vor zwei Monaten nach Bonn versetzt worden. Ein Grund für Eisensteins Versetzung war nicht allein die Beförderung zum Kriminalhauptkommissar und der damit verbundenen Besoldung nach A 12 des Bundesbesoldungsgesetzes gewesen, sondern vor Allem wollte er mit seiner Freundin zusammenleben.
Im Frühjahr lernte er Inka bei einem Türkeiurlaub kennen. Kurze schwarze Haare und als Anfang-Vierzigerin eine tadellose Figur waren die Kriterien, die Eisenstein zuerst ins Auge gefallen waren. Nachdem sie sich kennen gelernt hatten, war er mehr und mehr von ihrer Ausstrahlung, ihrer ansteckenden Fröhlichkeit und auf der anderen Seite von der Ernsthaftigkeit der Gespräche, die er mit ihr führen konnte, angetan. Aus dem anfänglichen Urlaubsflirt wurde mehr. Der Altersunterschied von etwas mehr als zehn Jahren störte beide nicht. Sie liebten und respektierten sich. Eisenstein hätte nicht erwartet, dass er nach seiner zweiten Scheidung vor vier Jahren nochmals zu einer Beziehung fähig war. Inka war eine einfühlsamere Frau, als seine beiden Frauen vorher. Sie akzeptierte es, dass ihr Freund berufsbedingt wenig und unregelmäßig Freizeit hatte. Ihm hingegen war klar, dass Inka nicht ihre Stelle bei der Stadt Bonn aufgeben und zu ihm nach Duisburg ziehen würde. Daher war der Anfang ihrer Beziehung auf die Wochenenden beschränkt, an denen sie sich abwechselnd bei ihm oder in ihrer Wohnung in Bonn-Pützchen, einem kleinen rechtsrheinischen Vorort von Bonn, trafen.
Eine Wochenendbeziehung war auf Dauer für beide nicht akzeptabel. Aus diesem Grund wollten sie in näherer Zukunft irgendwann zusammenziehen.
Die freiwerdende Stelle im Kommissariat Bonn kam ihm gerade recht. Binnen eines Monates wurde sein Versetzungsantrag bewilligt, und seitdem wohnte er bei seiner Freundin. Da die Wohnung gerade einmal 55 qm groß war, galt es als nächsten Schritt eine für beide Seiten akzeptable Wohnung zu finden. Leider hatten sie gegensätzliche Vorstellungen von der Lage einer gemeinsamen Wohnung. Inka bevorzugte die ländliche Gegend, wohingegen er ein Stadtmensch war. Mehrere gute Wohnungsangebote hatten sie inzwischen ausgeschlagen. Er bezweifelte bereits, ob sie jemals übereinkommen würden. Die Vororte von Bonn und die Städte und Gemeinden im Rhein-Sieg-Kreis, die er bisher kennen gelernt hatte, wirkten auf ihn kleinstädtisch, ja fast dörflich. Er würde wohl über kurz oder lang in den sauren Apfel beißen müssen und eine Wohnung in irgendeinem Nest akzeptieren.
Während Eisenstein noch mit sich rang, ob er mit der Lage dieser Wohnung klarkommen würde, war seine Freundin bereits Feuer und Flamme, als sie das Haus gesehen und den ersten Rundgang durch die Räume unternommen hatte. Nur noch drei weitere Mieter im Haus und diese Parterrewohnung mit großer Terrasse und freiem Zugang zum angrenzenden Rasen, auf dem einige große Bäume im Sommer angenehmen Schatten spenden würden, war ihre Idealvorstellung von einer Mietwohnung. Außerdem lag das Naherholungsgebiet der Siegaue direkt vor ihrer Haustüre.
Inka führte ein angeregtes Gespräch mit dem Makler. Eisenstein schlenderte in Gedanken vertieft durch den Raum. Sein Handy klingelte. Mehrmals ignorierte er den nervigen Klingelton. Letztendlich griff er dann doch in seine Jackentasche und holte das Handy hervor.
Bereits im Display sah er, dass es seine Dienststelle war. Seine träumerischen Vorstellungen von einer gemütlichen Wohnung lösten sich in Nichts auf, und die Realität hatte ihn wieder. Er hasste es, wenn sich seine Kollegen in seiner Freizeit meldeten, denn das hieß meistens, dass er seine privaten Aktivitäten unterbrechen und unverzüglich seinen Dienst aufnehmen musste. Und so war es wahrscheinlich auch heute.
„Eisenstein“, meldete er sich unfreundlich wegen der Störung. Er ging in das leere Schlafzimmer nebenan, damit er unbehelligt telefonieren konnte.
„Entschuldigen Sie bitte die Störung, Herr Hauptkommissar. Aber es wurde eine Leiche gefunden“, druckste die Kollegin, denn sie wusste, wie ungern ihr Chef an einem Sonntagmorgen gestört werden wollte. Besonders, seitdem er diese Freundin hatte. Es schien ihr, als ob Eisenstein mit den Gedanken nicht immer bei seiner Arbeit war, sondern sich ausschließlich alles um seine Freundin drehte.
„Na, toll. Eine Leiche. Und das an einem Sonntagmorgen. Wo?“
Eisensteins gute Laune war mit einem Male dahin.
„Am Sieglarer See“, erhielt er einsilbig die geforderte Information.
„Wo ist denn das nun wieder? Können Sie mir sagen, wie ich dahin komme?“, fragte er unfreundlich. „Geben Sie einfach die Hüttenstraße in Troisdorf in Ihr Navigationsgerät ein. Dort finden sie einen Wanderparkplatz, wo ein Kollege Sie erwartet“, kam sofort die konkrete Antwort.
„Danke. Ich mache mich auf den Weg.“
Eisenstein beendete das Gespräch und steckte das Handy wieder in seine Jackentasche.
„Wer hat angerufen? Doch hoffentlich nicht deine Dienststelle?“, erkundigte sich Inka mit traurigem Gesichtsausdruck. Sie hatte trotz des angeregten Gespräches mit dem Makler mitbekommen, dass Eisenstein ein Telefonat geführt hatte.
„Es wurde eine Leiche gefunden. Ich muss leider los“, entgegnete Eisenstein.
„Klärst du alles Weitere mit dem Makler? Wir sprechen dann heute Abend darüber“, bat er seine Freundin.
„Okay, mache ich. Hoffentlich dauert es nicht zu lange.“
Zum Makler gewandt meinte er kurz: „Es tut mir leid. Ich muss leider weg. Mein Dienst. Sie verstehen sicher.“
Eilig umarmte er seine Freundin. Noch ein flüchtiger Kuss, denn er war mit den Gedanken bereits im Dienst, und schon schlug die Wohnungstüre hinter ihm zu.
Er setzte sich in seinen BMW, den er sich im vergangenen Jahr angeschafft hatte, und programmierte sein Handy mit den Angaben, die er von seiner Kollegin im Kommissariat in Bonn erhalten hatte.
Noch immer war das Navigationsgerät in seinem Wagen sein wichtigster Begleiter. Vor circa zwei Monaten hatte er die Stelle als leitender Kriminalhauptkommissar der Abteilung für Kapitalverbrechen übernommen. Bis dahin kannte er sich überhaupt nicht, weder in Bonn, noch in der Umgebung aus. Obschon er fast täglich Außentermine wahrnehmen musste, hatte er sich noch keinen fundierten Überblick über die Verkehrsinfrastruktur der Stadt Bonn und des Rhein-Sieg-Kreises verschafft. Ohne Navi wäre er aufgeschmissen.
Nachdem das Gerät einen Satelliten gefunden und die Route berechnet hatte, trat er das Gaspedal viel zu hart durch, so dass die 184 PS seines BMWs einen schwarzen Reifenabdruck auf dem Asphalt hinterließen, und machte sich auf den Weg zum Sieglarer See.

Die zu dieser Jahreszeit noch tief stehende Morgensonne blendete Kommissar Frank Eisenstein, als er durch die schmale Zufahrt auf den Wanderparkplatz am Hochwasserdamm der Sieg einbog. Mehrere PKW und zwei der üblichen, blauen Streifenwagen, sowie ein VW-Bus standen auf dem Parkplatz.
„Na toll, die gesamte Mannschaft der Spurensicherung und der Rechtsmedizin ist bereits eingetroffen“, stellte er leicht säuerlich fest, indem seine Mundwinkel nach unten fielen.
Er mochte es nicht, wenn er am Tatort ankam und dort bereits eine Menge Menschen umherwuselten. Er erhielt dann keinen uneingeschränkten, objektiven Eindruck mehr vom Tatort. Es war nun eben heute nicht mehr zu ändern. Der Unfall am Ortseingang von Bergheim an der Einbiegung zur L 269 hatte ihn erhebliche Zeit gekostet.
Der Parkplatz war holprig und Eisenstein lenkte seinen Wagen bis zum Ende der Fahrzeugreihe seiner Kollegen. Er hatte gerade den Motor abgestellt und die Tür zum Aussteigen geöffnet, als eine freundliche und bestimmte Stimme an sein Ohr drang:
„Sie sind sicher Kriminalhauptkommissar Eisenstein? Mein Name ist Grunert, Polizeiwache Troisdorf.“
Ein Mann, etwa Mitte dreißig, beugte sich zu ihm hinunter und reicht ihm seine Hand. Eisenstein fand es noch immer recht befremdend, wenn ihn jemand mit seiner neuen, vollständigen Berufsbezeichnung ansprach. Die Anrede mit Kriminalhauptkommissar durch den freundlichen Polizisten war für Eisenstein noch ungewohnt.
„Ja, richtig. Sie begleiten mich zum See“, entgegnete Eisenstein mehr als Aufforderung denn als Frage.
„Ja, ja. Folgen Sie mir bitte. Es sind nur wenige Hundert Meter bis zu der Stelle am See.“
Und schon schritt der freundliche Polizist vorweg. Eisenstein schwang sich aus dem Wagen und folgte mit einigen Metern Abstand.
Sie überquerten den Damm und kamen in ein Waldgebiet. Der Weg wurde feuchter, und an manchen schattigen Stellen standen noch Wasserlachen der vergangenen Tage. Eisenstein schaute missmutig auf seine dunkelblaue Anzugshose und seine schwarzen Lackschuhe. Wie sollte er heute Morgen ahnen, dass ein Einsatz an einem matschigen Seeufer bevorstand? Noch heute würde er ein Paar derbe Schuhe oder Stiefel für Einsätze wie diesen im Wagen platzieren. Sein Dienstbereich umfasste schließlich jetzt auch ländliche Gegenden. Und dem musste er Tribut zollen.
Kurz vor dem Seeufer wollten sie in einen schmalen Pfad einbiegen, der mit einigen Metern Abstand zum Wasser am Seeufer entlangführte. Ein Absperrband der Polizei sollte dafür sorgen, dass kein Unbefugter den Weg betrat. Zusätzlich achtete ein Polizist darauf, dass diese Maßnahme auch beachtet wurde.
„Guten Morgen, ich bin Kommissar Eisenstein“, grüßte Eisenstein freundlich, und Grunert nickte bestätigend dem Polizisten zu.
„Waren noch keine Schaulustigen hier?“, fragte er.
„Es waren einige Spaziergänger hier und ein, zwei Jogger. Aber kein Problem“, antwortete der Polizist.
Eisenstein und Grunert bückten sich unter das Absperrband und folgten dem Pfad. Inzwischen stand die Sonne direkt über den Wipfeln der Bäume am gegenüberliegenden Ufer. Ihre Strahlen ließen das Wasser glitzern und drangen auch auf den schmalen Weg. Der Morgennebel hatte sich vollständig aufgelöst, und um die rosafarbenen Blüten des Springkrautes surrten die ersten Wespen. Obschon Eisenstein seine Kollegen noch nicht sehen konnte, hörte er bereits aus einiger Entfernung deren leises Gemurmel und geschäftiges Treiben. Hinter der nächsten Wegbiegung hatten sie ihr Ziel erreicht. Der Pfad war vollständig zugestellt mit irgendwelchen Koffern, Stangen, Stativen und sonstigem Gerät.
„Da wären wir“, bemerkte Polizist Grunert unnötiger Weise, als ob Eisenstein dies nicht selbst bemerkt hätte.
Grunert ließ Eisenstein den Vortritt, indem er sich mit dem Rücken in das Springkraut drängte und Eisenstein mit der Hand auffordert, vorbeizugehen. Eisenstein zog die Beine hoch und in einem fast anmutig wirkenden stelzenden Gang über niedergetretene Stängel des Springkrautes suchte er sich den Weg bis zur Angelstelle.
Der Polizeifotograf hatte seine Arbeit bereits erledigt und packte gerade seine Kamera und die weiteren Utensilien in mehrere, bereitstehende Koffer.
„Hallo, Herr Kommissar. Ich bin hier fertig. Endlich mal wieder eine Leiche in unserem Bereich und dann noch in so einem schönen Ambiente hier am See. Viel Erfolg“, meinte er scherzend zu Eisenstein.
Eisenstein kannte den Mann nicht. Der Mann trug eine helle Cordhose und ein dunkleres Cord-Sakko und entsprach mit dieser Kombination überhaupt nicht Eisensteins Stil. Insgesamt machte er jedoch auf ihn einen gepflegten Eindruck. Woher dieser Fotograf wusste, dass er der zuständige Kommissar war, konnte Eisenstein nicht nachvollziehen.
„Schön, dass Sie sich über den Leichenfund so freuen können. Nun lassen Sie mich mal vorbei“, bat er bestimmt.
Eisenstein drängte sich an dem Fotografen vorbei, um die Fundstelle der Leiche in Augenschein zu nehmen, vergaß dabei aber nicht, ihn höflich anzulächeln.
Nun stand er zwischen den hohen Stängeln des Springkrautes. Inzwischen war eine größere Anzahl der Pflanzen niedergetrampelt und der Zugang zur Angelstelle war dadurch erheblich breiter als ursprünglich.
Durch seine schnelle Auffassungsgabe, und aus der Erfahrung der vielen Dienstjahre bei der Polizei, registrierte Eisenstein in wenigen Augenblicken alle Details am Fundort der Leiche. Ein umgekippter Stuhl, der ebenfalls umgekippte Angelkoffer und die herausgefallenen Kleinteile, unter anderem ein Totschläger zur Betäubung der gefangenen Fische, lagen in der Nähe des Wassers. Ein Klappmesser und eine Taschenlampe, die nicht mehr leuchtete, lagen dagegen am oberen Rand der Lichtung. Direkt am Wasser waren zwei eiserne Rutenhalter in die Erde gesteckt, auf denen je eine Angelrute abgelegt war. Die Angelschnüre beider Angeln verschwanden bereits nach kurzer Entfernung vom Ufer im trüben Wasser des Sees. Einen Bissanzeiger konnte Eisenstein auf der Wasseroberfläche nicht erblicken. Mehrere leere Flaschen Bier lagen verstreut am Angelplatz. Eine noch ungeöffnete Bierflasche ragte aus einer Angeltasche heraus, die neben dem umgefallenen Stuhl lag. Eisenstein zog die Stirn in Falten. Irgendetwas fehlte hier. Nur was?
In seiner Jugend hatte er einen Vorbereitungskurs zur Fischerprüfung besucht und danach auch die Fischerprüfung abgelegt. Tatsächlich hatte er in der Folgezeit nur wenige Male geangelt. Andere Interessen drängten sich in den Vordergrund und fesselten ihn mehr. Dies hatte sich bis heute nicht geändert.
Wenn er wieder den Kopf freihatte, würde er sich sicher erinnern, was hier fehlte.
Er schob den Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf die Leiche, die noch immer im Wasser lag. Davor kauerte eine Person in einem weißen Overall und weißer Kopfhaube. Ihre Beine steckten in Stiefeln, die bis über ihre Knie reichten.
Zwei Mitarbeiter der Spurensicherung knieten auf dem Boden und erledigten ihre Arbeit, indem sie alle Gegenstände auf Fingerabdrücke überprüften. Als sie Eisenstein sahen, erhob sich einer von ihnen und meinte zu Eisenstein:
„Sie können bis zu der Leiche gehen. Wir sind noch nicht ganz fertig mit unserer Arbeit. Verwertbare Fußabdrücke haben wir nur in der Nähe des Wassers sichergestellt.“
Eisenstein ging konzentriert und behutsam bis direkt ans Wasser und stellte sich neben die Person im weißen Overall.
„Guten Morgen, Frank. Was machst du denn hier?“
Mit diesen Worten erhob sich die in weiß gekleidete Person. Zwei rehbraune Augen sahen Eisenstein an und er erkannte Susanne Ohlrogge. Ihre langen schwarzen Haare hatte sie geschickt unter der weißen Haube versteckt.
„Hm, ja. Hallo … Susanne. Und was machst du hier?“, stotterte Eisenstein und schluckte mehrmals.
Er war mehr als überrascht. Diese Konfrontation hatte er nicht erwartet, und es war ihm mehr als unangenehm.
Vor vier Jahren, gerade als seine zweite Frau ihn verlassen hatte, lernte er Susanne auf einer mehrtägigen Fortbildungsveranstaltung der Polizeigewerkschaft kennen. Beide wollten dem stressigen Polizeialltag entrinnen und hatten das Seminar im Rahmen des Bildungsurlaubs gebucht.
Bereits am ersten Abend an der Bar funkte es zwischen ihnen. Am Anfang plätscherte ihr Gespräch nur auf beruflicher Basis dahin. Im Laufe des Abends kamen sie sich näher und die Themen wurden persönlicher und intensiver. Es war nicht der Alkohol dafür verantwortlich, dass beide noch am gleichen Abend in Susannes Bett landeten. Eisenstein hatte tatsächlich Feuer gefangen und auch Susanne war verliebt. Es wurde für beide das schönste Seminar, das sie je besucht hatten. Die Beziehung dauerte nur zwei Monate. Als Eisenstein merkte, dass er und Susanne das Gesprächsthema bei fast allen Kolleginnen und Kollegen war, beendete er die Beziehung. Aus Feigheit vor dem Gerede der Kollegen, und weil er Angst vor einer neuen Beziehung hatte. Nicht aus fehlender Liebe, wie er sich nachher eingestand. Er selbst haderte lange mit seiner Entscheidung, die er aber nicht zurücknehmen wollte. Susanne war wütend und enttäuscht. Sie ließ sich sogar nach Stuttgart versetzen, um jede mögliche Begegnung mit ihm für die Zukunft auszuschließen. Und dann heute diese unerwartete Begegnung.
„Wieso bist du hier an diesem Tatort in Troisdorf?“, frage Susanne, nachdem auch sie ihre Überraschung überwunden hatte.
„Das ist eine lange Geschichte. Ich bin vor zwei Monaten nach Bonn versetzt worden. Und du? Du warst doch in Stuttgart?“
„Ach ja, auch das ist eine lange Geschichte. Ich bin seit fast einem halben Jahr hier in Bonn in der Rechtsmedizin und es gefällt mir recht gut – viel besser als in Stuttgart.“
Es entstand eine peinliche Pause. Eisenstein fühlte sich unwohl, in der Situation. Nicht nur um die Pause zu überbrücken, sondern auch aus wirklichem Interesse, meinte er spontan: „Wir können ja mal ein Bier zusammen trinken.“
Fast hätte er hinzugefügt: „So wie früher.“
„Dann hätten wir Zeit, auch für lange Geschichten“, fuhr er stattdessen fort.
Irgendwie brachen alte, verdrängte Gefühle bei Eisenstein wieder auf. Wahrscheinlich hatte Susanne die damalige Trennung gut verkraftet und hegte keinen Groll mehr gegen ihn. Er war sich seiner Sache, oder besser gesagt, seiner Gefühle nicht so sicher.
„Okay. Machen wir. Ich ruf dich an“, entgegnete Susanne ebenso spontan.
Eisenstein war überrascht – und erfreut über diese Zusage. Doch wie sagte man hier im Rheinland? „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps.“
Und jetzt war er im Dienst.
„Prima. Doch jetzt zu unserem Toten hier. Kannst du bereits etwas sagen?“
„Nein. Ich kann nicht viel sagen. Wir müssen den Mann erst einmal an Land ziehen. Ich schlage vor, du wartest noch die Obduktion ab. Im Augenblick kann ich nur sagen, dass der Tod in der letzten Nacht, vielleicht so gegen Mitternacht eingetreten ist. Mord oder Unfall kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Wenn ich das alles hier so sehe, die leeren Bierflaschen, würde ich fast auf einen Unfall tippen.“
„Okay, ich verstehe. Es sieht tatsächlich so aus, als ob er zu viel getrunken hat, stolperte und in den See fiel“, stimmte Eisenstein zu.
„Konntest du feststellen, wer der Tote ist?“, fragte Eisenstein.
„Ja, ich bin ein, zwei Meter ins Wasser hineingegangen. Der See ist hier am Ufer sehr flach. Dort konnte ich immer noch stehen. In der Innentasche seiner Jacke habe ich seine Angelpapiere gefunden. Sein Name ist Franz Bertram. Vierundfünfzig Jahre alt. Hier die Papiere. Die Anschrift kannst du daraus entnehmen. Er wohnt drüben in Troisdorf-Müllekoven“, gab Susanne als Auskunft und reichte ihm die Angelpapiere, die durch das Wasser aufgequollen waren. Zum Glück war die Schrift noch lesbar.
„Ich würde sagen, wir sehen uns morgen bei der Obduktion. Solltest du heute noch neue Erkenntnisse gewinnen oder den Termin der Obduktion für Montag konkret festgemacht haben, ruf mich an“, entgegnete Eisenstein, der im Stillen hoffte, dass sie mit dem Anruf bis morgen warten würde. Er wollte sich heute noch mit Inka um die Wohnung kümmern. Zumindest wollten sie sich eingehend besprechen. Vor allem aber musste er diese Begegnung verdauen und sich über seine Gefühle klar werden.
Eisenstein drehte sich abrupt um und verließ den Leichenfundort. Susanne schüttelte leicht ungläubig ihren Kopf. Charmant, wie sie ihn kannte, hatte Eisenstein ihr zu verstehen gegeben, dass er Ergebnisse wollte, und die möglichst schnell. Sie würde wohl Montag die Obduktion der Leiche vornehmen. Geplante andere Termine musste sie verschieben, denn Eisenstein konnte grantig werden, wenn er auf wichtige Ergebnisse warten musste.
Im Grunde ihres Herzens freute sich Susanne, dass sie Frank getroffen hatte. Wahrscheinlich würden sie in Zukunft öfter miteinander arbeiten. Damals war sie enttäuscht und hasste ihn, da sie seine Gründe für die Trennung nicht verstand und nicht akzeptieren konnte. In den vier Jahren hatte sie viel erlebt. Die eine oder andere Beziehung war zerbrochen und sie konnte heute verstehen, warum Eisenstein damals kurz nach seiner zweiten Scheidung keine Beziehung mehr wollte. Die Angst vor einer weiteren Enttäuschung sitzt in solchen Situationen sehr tief. Ihr ging es jetzt genauso.
Aber wieso sollte sie keine Freundschaft mit einem vertrauten Kollegen eingehen? Sie würde ihn Montag anrufen. Die Zusage zu einem Bier mit ihm war ihr ernst. Sie freute sich darauf.
„Man wird sehen, wie sich das mit Frank weiterentwickelt“, sagte sie sich zuversichtlich.
Eisenstein betrat wieder den Pfad, der am See entlangführte. Inzwischen hatte er sich wieder einigermaßen im Griff und vom unerwarteten Zusammentreffen mit Susanne erholt. Sein Kollege Manfred Schmitz kam ihm entgegen. So einfach wie sein Name, war auch sein Wesen. Er war zwar sehr willig, aber Kombinationsgabe oder gar eine Spürnase besaß er nicht. Außerdem konnte er den oft unregelmäßigen Dienst nicht mit seinem Familienleben vereinbaren. Immerhin war er mit Leib und Seele Vater von drei Töchtern im Alter von zwei, drei und fünf Jahren, denen er gerne seine freie Zeit widmen wollte. Nach einem ausführlichen Gespräch mit seinem Vorgesetzten, hatte er daher bereits vor längerer Zeit ein Versetzungsersuchen für den Innendienst gestellt. Seine Stelle als Kommissar war bereits ausgeschrieben, und sobald ein geeigneter Bewerber gefunden war, würde seinem Versetzungswunsch stattgegeben werden.
Wie fast immer trug er eine fleckige Jeans und eine zerknitterte Schimanski-Jacke.
„Guten Morgen“, begrüßte er Eisenstein.
„Dort drüben steht der Jogger, der den Toten gefunden hat. Möchten Sie mit ihm sprechen?“ Schmitz zeigte mit dem Arm weiter den Pfad entlang, auf dem sie standen.
„Haben Sie bereits mit ihm gesprochen?“
„Natürlich. Aber der kann nichts Wesentliches sagen. Während seiner Joggingrunde um den See hat er die Angelstelle von der gegenüberliegenden Seite gesehen. Da er den Verdacht hatte, eine Person liege im Wasser, ist er zur Angelstelle gerannt und hat dort den Toten gefunden. Von zu Hause hat er die Polizei verständigt. Meiner Meinung nach kommt er sich sehr wichtig vor, kann aber zur Aufklärung nichts beitragen. Wir haben Abdrücke seiner Laufschuhe genommen, um sie von den übrigen Abdrücken am Fundort zu unterscheiden“, berichtete Schmitz eifrig.
„Er hat von zu Hause aus angerufen?“, fragte Eisenstein nach.
„Ja, ja. Sie wissen doch. Jogger tragen kein Handy bei sich – zu viel Gewicht“, Manfred Schmitz grinste über seine eigene witzige Bemerkung.
„Da ihm niemand mit einem Handy begegnet war, ist er nach Hause gelaufen und hat von dort sofort angerufen“, berichtete Schmitz jetzt wieder mit ernster Miene. „Dann will ich mir auch einmal den Jogger ansehen. Kommen Sie bitte mit“, bat Eisenstein und machte sich bereits auf den Weg in die gezeigte Richtung.
Schmitz beeilte sich, mit dem Kommissar Schritt zu halten.
„Das ist der Zeuge, der den Toten gefunden hat“, stellte Schmitz den Mann vor, der durch seine Kleidung unverwechselbar als Jogger erkennbar war.
Enge schwarze Leggings, ein verschwitztes, langärmeliges T-Shirt in greller, gelber Farbe. Seine Füße steckten in weißen Laufschuhen, die offensichtlich bereits oft getragen worden waren, denn an der Stelle, wo sich der große Zeh befand, war das Obermaterial der Schuhe durchgescheuert.
Er war groß. Eisenstein schätzte ihn auf fast zwei Meter, was für einen Jogger eher ungewöhnlich war. Ansonsten wirkte er sympathisch und lächelte Eisenstein und Schmitz freundlich zu.
„Ich bin Kommissar Eisenstein und leite die Ermittlungen in diesem Fall.“
Der Mann gab Eisenstein höflich die Hand, die er vorher kurz an seiner Hose abwischte. Wahrscheinlich war sie noch von der Anstrengung des Laufes, eher jedoch vor Aufregung, verschwitzt.
„Dann berichten Sie bitte, wie Sie den Toten gefunden haben. Laufen Sie hier regelmäßig, und kennen Sie vielleicht den Toten?“
Der Jogger berichtete ausführlich, dass er hier um den See regelmäßig laufe, und dass er die Angelstelle von der gegenüberliegenden Seite des Sees gesehen hatte. Schließlich berichtete er, wie er den toten Angler gefunden hatte. Nein, kennen würde er den Toten nicht, beendete er seinen Bericht.
Ohne die Schilderung des Zeugen zu unterbrechen, hatte Eisenstein aufmerksam zugehört und sich einige Notizen in einem kleinen Buch gemacht, das die Größe eines Taschenkalenders hatte.
„Vielen Dank. Nun laufen Sie mal nach Hause. Sie holen sich sonst noch eine Erkältung in Ihrer verschwitzten Kleidung. Wenn ich noch Fragen habe, rufe sich Sie an. Mein Kollege hat ja Ihre Telefonnummer notiert“, sagte Eisenstein mit einem fragenden Blick zu Schmitz, der kurz nickte.
„Ja, danke. Aber ich bin jetzt mit meinem PKW hier. Auf Wiedersehen.“
Der Jogger drehte sich um und verschwand hinter der nächsten Biegung des Pfades.
„Ich bin dann auch mal weg. Bleiben Sie bitte hier, bis die Kollegen fertig sind. Danke. Wir sehen uns morgen“, sagte Eisenstein zu Manfred Schmitz gewandt.
„Einen Augenblick noch. Auf dem Parkplatz, auf dem wir alle geparkt haben, Sie wahrscheinlich auch, steht der Wagen des Toten. Ein alter Mercedes. Nehmen Sie die Schlüssel an sich?“
Manfred Schmitz reichte Eisenstein ein Schlüsselbund.
„In Ordnung. Ich werde ihn der Familie geben, wenn der Wagen von uns abgeschleppt und untersucht wurde“, sagte Eisenstein und steckte den Schlüsselbund in seine Hosentasche.
Er hatte es mit einem Male eilig. Inka wartete sicher bereits ungeduldig auf ihn, und vorher musste er noch die Ehefrau oder die Angehörigen des Toten aufsuchen und informieren. Er hasste diese Aufgabe. In manchen Fällen reagierten die Angehörigen fassungslos und verzweifelt. Andere wiederum erlitten einen Schock und waren völlig teilnahmslos. Manche bemühten sich Fassung zu bewahren, andere waren überraschend gelassen. Er fühlte sich in den meisten Fällen völlig hilflos, auch wenn es sich um eine traurige Routinetätigkeit handelte. Geschult für solch eine Aufgabe wurde er nicht, zumindest nicht ausreichend. Anderseits war die erste Begegnung mit den Angehörigen in vielen Fällen recht aufschlussreich, insbesondere wenn die Angehörigen natürlich reagierten. Diese Reaktion wollte er unbedingt sehen und hatte es sich daher zur Aufgabe gemacht, immer selbst den Angehörigen die traurige Nachricht zu überbringen.
„Wahrscheinlich handelt es sich hier nur um einen dummen Unfall“, dachte er.
Damit drehte er sich um und verschwand in Richtung Parkplatz.
Bevor er in seinen Wagen einstieg, verbrauchte er ein vollständiges Päckchen Papiertaschentücher, um seine Lackschuhe einigermaßen zu säubern. Das würde ihm nicht noch einmal passieren, schwor er sich.
Mit seinen Gedanken war er wieder bei der neuen Wohnung. Vielleicht sollten sie doch eine Wohnung direkt in Bonn suchen. Da wäre sicherlich mehr Leben und Abwechslung als in diesem kleinen Vorort Troisdorf-Bergheim. Nur sie sollten schnell eine Wohnung finden, denn lange mochte er den jetzigen Zustand nicht mehr ertragen. Sein gesamtes Mobiliar befand sich noch in seiner alten Wohnung. Lediglich den größten Teil seiner Kleidung und einige Classic-CDs hatte er mitgenommen.
Immer wieder kam es vor, dass er zur alten Wohnung fahren musste, um irgendetwas zu holen. Dieser Zustand missfiel ihm in höchstem Maße. Im Grunde war er ein Mensch, der seine Ordnung und sein gemütliches Heim benötigte, damit er vom Arbeitsstress abschalten konnte. Der jetzige Zustand war da in höchstem Maße kontraproduktiv.
„Warum nur musste sich die Wohnung in dieser Einöde befinden?“, dachte er immer wieder.
Und dann beschäftigten ihn noch einige andere Fragen.
„Wie verhalte ich mich Susanne gegenüber?“
Und: „Wieso war ich ihr gegenüber so verlegen. Kribbelte es sogar bei mir im Bauch?“
„Nein“, entschied er, „für solche Gefühle bin ich schon zu alt und habe zu viel erlebt.“
Er wunderte sich über sich selbst, dass seine Gedanken immer wieder zu seiner Freundin und zu einer möglichen Wohnung abdrifteten. Und jetzt beschäftigten sich seine Gedanken auch noch mit Susanne.
Nein, er lehnte es ab, als sich ein Chaos in seinem Gehirn breitmachen wollte. Er musste faktisch und klar denken. Alles der Reihe nach und dann Entscheidungen mit dem klaren Verstand treffen.
Gewaltsam versuchte er, sich auf seine berufliche Aufgabe zu konzentrieren. Diese hatte jetzt unbedingt Priorität.
Wen würde er von Franz Bertrams Familie antreffen? Vielleicht die hysterische Ehefrau, die bereits seit Stunden auf ihren Mann wartete?
Oder die Tochter oder den Sohn, die vielleicht gar nicht wussten, dass ihr Vater über Nacht weg war?
Was sollte er ihnen sagen? Er hatte doch noch keine verlässlichen Ergebnisse. Sollte er von einem Unfall sprechen? Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich auf seine Intuition und Schlagfertigkeit zu verlassen.
Mit finsterer Miene programmierte er sein Navigationsgerät, startete den Wagen und fuhr los.
4. Kapitel
Müllekoven ist der kleinste, der zwölf Stadtteile von Troisdorf. Die Atmosphäre wird hauptsächlich durch Landwirtschaft und Obstanbau geprägt. Durch die Lage unmittelbar an der Grenze zu Bonn, ist er als Wohnort sehr begehrt. Das Naherholungsgebiet der unteren Sieg beginnt sofort am Ortsrand, und bis zur Sieg sind es nur wenige Hundert Meter.
Kommissar Eisenstein parkte seinen Wagen am Rand des Bürgersteiges gegenüber einer imposanten, modernen Kirche in Müllekoven. Das Gemäuer bestand aus rotem Backstein. Auffallend waren jedoch die drei runden Kirchtürme. Ein großer Turm, den ein Wetterhahn an der Spitze zierte, und die beiden kleineren Türme waren mit schwarzem Schiefer verkleidet. Eisenstein stieg aus und blieb beeindruckt stehen, um die Kirche genauer in Augenschein zu nehmen.
„Ja, ja, unsere St.-Adelheid-Kirche. Sie sind wohl nicht von hier. Ich sehe das an ihrem Nummernschild“, hörte er eine Stimme hinter sich. Ein alter Mann auf einem noch älteren Fahrrad war stehen geblieben.
„Ein Meisterwerk von Gottfried Böhm“, sprach der Mann weiter, der sichtlich stolz auf seine Kirche war.
Eisenstein kannte diesen Gottfried Böhm nicht.
„Wahrscheinlich hatte dieser Baumeister noch mehrere andere Kirchen gebaut“, dachte er.
„Ja, ein tolles Bauwerk“, stimmte er dem Mann zu.
„Ich muss weiter. Vielen Dank für die Information“, sagte Eisenstein und begann seinen Fußmarsch durch den Ort. Auch der alte Mann bestieg umständlich sein Fahrrad. Als er an Eisenstein vorbeifuhr, winkte er noch kurz und rief: „Einen schönen Tag.“
Bald darauf war er an der nächsten Straßeneinbiegung verschwunden.
Eisenstein hatte es sich seit Langem zu eigen gemacht, das Wohnumfeld der beteiligten Personen seiner Fälle kennenzulernen. Gemütlich, immer den Blick nach rechts und links wendend, streifte er durch den Ort. Die Straßen wurden immer enger. Oftmals fehlte der Bürgersteig. Die zum Teil alten Häuser aus dunklem Backstein und die Fachwerkhäuser übten einen Reiz auf Eisenstein aus. Während seiner früheren Tätigkeit in der Großstadt hatte er solche Ortschaften und malerischen Winkel nicht kennengelernt.
Bevor er ausstieg, hatte ihm ein letzter Blick auf das Navi verraten, dass die gesuchte Straße nicht weit entfernt war. Bei der gesuchten Hausnummer handelte es sich um ein altes, dunkles Backsteingebäude, das früher vielleicht ein kleiner Bauernhof gewesen war. Mehrere dieser Gebäude reihten sich aneinander, und gemeinsam ergaben sie eine ansehnliche, alte Straßenfront, die der Straße insgesamt ein gemütliches Aussehen verlieh. Eine schwere doppelte Eisentüre versperrte den Zugang.
Er suchte gerade noch die Klingel, als sich die Türe quietschend öffnete, und ein junger Mann heraustrat. Eisenstein blickte in einen kleinen mit Kopfsteinpflaster gepflasterten Innenhof.
„Wohnt hier die Familie Bertram?“, fragte Eisenstein, da er kein Namensschild gefunden hatte.
„Ja, und was wollen Sie?“, fragte der junge Mann etwas schnippisch.
„Mein Name ist Eisenstein. Kommissar Eisenstein, Kriminalpolizei Bonn.“
„Ist etwas mit meinem Vater? Ich habe ihn heute noch nicht gesehen“, fragte der junge Mann und seine Augen weiteten sich fragend.
„Übrigens, ich bin Dominik, der Sohn“, fuhr er jetzt etwas freundlicher fort.
Dominik war schlank und vielleicht zwanzig Jahre alt. Seine glatten, braunen Haare waren zu einer Kurzhaarfrisur geschnitten.
„Kommen Sie bitte mit“, entgegnete der Kommissar lediglich, ohne auf die Frage einzugehen.
Mit einer Hand drückte er den jungen Mann zur Seite und schritt durch das Tor, über den Innenhof in Richtung Hauseingang. Der Sohn folgte ihm, ohne weitere Fragen zu stellen.
„Gott sei Dank, er fragt nicht weiter“, dachte Eisenstein.
In der geöffneten Haustüre stand eine große Frau von etwa fünfzig Jahren. Ihre Figur war schmal, vielleicht sogar hager. Ihre Wangen waren eingefallen, und die Wangenknochen traten stark hervor. Die braunen Haare hatte sie zu einem Knoten zusammengebunden. Auf ihrer Stirn, und um ihren Mund zeigten sich tiefe, scharfe Furchen, die ihrem Gesicht ein schrecklich hartes und strenges Aussehen verliehen. Ihre Füße steckten in einfachen, blauen Sandalen. Ein katzengraues Augenpaar musterte Eisenstein neugierig. Eisenstein vermutete, dass es sich um Frau Bertram handelte, die womöglich sein kurzes Gespräch mit ihrem Sohn gehört hatte.
Nachdem Eisenstein seinen Namen und seine Dienststellung genannt hatte, stellte sich die Frau tatsächlich als Frau Bertram vor. Höflich und bestimmt, beinahe unfreundlich, bat sie ihn ins Haus und bot ihm im Wohnzimmer einen Platz auf einem gemütlich wirkenden Ohrensessel am Fenster an. Durch das große Fenster blickte er auf eine ausladende Terrasse mit angrenzenden, gepflegten Blumenbeeten. Sowohl der Sohn als auch seine Mutter blieben mit dem Rücken zum Fenster stehen und sahen Eisenstein erwartungsvoll an.
„Setzen Sie sich doch auch bitte“, forderte Eisenstein sie auf.
Frau Bertram nahm auf dem äußeren Ende der Sitzfläche eines anderen Sessels ihm gegenüber Platz. Nervös knetete sie ihre Hände. Ihr Sohn blieb hinter ihr stehen.
„Ist etwas mit meinem Mann?“, fragte sie mit spröder Stimme.
„Ja. Frau Bertram, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Mann tot ist“, begann Eisenstein und versuchte dabei, mit Frau Bertram Blickkontakt zu halten.
Er sah, wie sich unter den eingefallenen Wangen von Frau Bertram die Kieferknochen kraftvoll zuckend gegeneinander drückten. Dabei hielt sie seinem Blick stand. Keine Träne trat in ihre Augen.
Eisenstein schaute kurz zu Dominik hoch, dessen Hände sich tief in den Stoff des Sessels gruben, auf dem seine Mutter saß. Sein Gesicht war um einige Nuancen blasser geworden und seine Augen, die starr auf Eisenstein gerichtet waren, füllten sich unübersehbar mit Tränen.
„Tot? Das kann nicht sein. Er war doch nur zum Angeln drüben am See. Wo ist mein Mann?“, fragte Frau Bertram und schlug fast theatralisch die Hände vor ihren Mund, als hätte sie bereits zu viel gefragt.
„Frau Bertram“, fuhr Eisenstein fort. „Ein Jogger hat Ihren Mann heute Morgen am Sieglarer See gefunden. Er ist an seinem Angelplatz ertrunken. Genaueres wissen wir noch nicht. Ihr Mann wird zum Institut für Rechtsmedizin überführt. Dort wird man die Todesursache und den genauen Todeszeitpunkt feststellen.“
Bisher hatte Frau Bertram die Nachricht außergewöhnlich gefasst aufgenommen, fast zu gefasst. Weder ein Weinkrampf noch irgendwelche anderen Anzeichen für einen nervlichen Zusammenbruch oder für Fassungslosigkeit. Lediglich das unaufhörliche Kneten ihrer Hände zeigte ihre Nervosität und Erregtheit.
„Vielleicht hat sie meine Mitteilung noch nicht ganz realisiert und steht unter Schock“, dachte Eisenstein als Begründung für das ungewöhnliche, unberührte Verhalten von Frau Bertram.
„Ich muss Sie bitten, morgen Nachmittag zum Institut für Rechtsmedizin der Universität Bonn zu kommen und Ihren Mann offiziell zu identifizieren. Ich hole Sie ab, rufe Sie aber vorher an“, beendete hiermit Eisenstein seine unangenehme Aufgabe.
„Wann kann ich meinen Mann beerdigen lassen?“, stellte Frau Bertram die Frage, die, so fand Eisenstein, zum jetzigen Zeitpunkt völlig unbedeutend war. Wenn einer Frau die Nachricht vom Tode des Ehemannes überbracht wird, sollten andere Fragen Priorität haben.
„Das kann ich noch nicht sagen. Das kommt darauf an, wann die Obduktion ist und was sich daraus ergibt“, antwortete Eisenstein.
Frau Bertram nickte kaum merklich. Das war ihre ganze Reaktion. Keine Träne, nicht einmal ein Blick zu ihrem Sohn, der gerade erfahren hatte, dass sein Vater verstorben war. Keine Frage wieso, und wie ihr Mann ertrunken war – nichts. „Mama“, schrie plötzlich Dominik und fiel seiner Mutter um den Hals. Im Gegensatz zu seiner Mutter konnte er seine Tränen nicht mehr zurückhalten.
Seine Mutter nahm ihn in den Arm, legte ihm eine Hand auf den Kopf und zog ihn an sich. Kein tröstendes Wort kam über ihre Lippen. Trotzdem war es die erste menschliche Reaktion, die Eisenstein bei Frau Bertram feststellte.
„Was für eine harte Frau!“, dachte er.
Eisenstein war froh, dass er die Überbringung der Todesnachricht hinter sich gebracht hatte. Anderseits war es interessant für ihn, zu sehen, mit wie wenig Emotion Frau Bertram die Nachricht aufgenommen hatte.
Er spürte: Irgendetwas war hier seltsam. Er hatte keine direkten Beweise dafür. Zumal viele Menschen ungewöhnlich reagieren, wenn sie die Nachricht vom Tode ihres Angehörigen durch die Mordkommission erhalten. Überraschung, Angst und Unsicherheit auf die unvorbereitete Mitteilung können solche Reaktionen auslösen. Vielleicht war es aber auch mit der Ehe der Bertrams nicht zum Besten gestellt, und Frau Bertram weinte ihrem Mann deswegen keine Träne hinterher?
Eisenstein hoffte, dass er den wirklichen Grund noch herausfinden würde.
Der Sohn hatte sich inzwischen von der Mutter gelöst und kauerte in der Sofaecke und ließ weiterhin seinen Tränen freien Lauf, wobei sein Körper immer wieder von heftigen Weinkrämpfen geschüttelt wurde.
Eisenstein erhob sich zum Gehen und verabschiedete sich mit dem Hinweis an Frau Bertram, an die Identifizierung morgen zu denken. Er war froh, dass er diese furchtbare Aufgabe erledigte hatte.
„Wenn Ihnen etwas Wichtiges einfällt, das Sie mir sagen wollen, rufen Sie mich einfach an“, sagte Eisenstein und händigte Frau Bertram seine Visitenkarte aus. Für ihren Sohn legte er seine Visitenkarte auf den Tisch.
Nachdem sich die Haustüre hinter ihm geschlossen hatte, blieb er einen Augenblick stehen und lauschte. Kein Laut drang an sein Ohr. Wie konnte eine Frau bloß die Todesnachricht des Mannes so ruhig ertragen? Oder war das tatsächlich der Schock?
Bevor er den Innenhof verließ, schweifte sein Blick über den Hof. In der Mitte parkte ein großer Audi, der neu zu sein schien. Irgendwie passte dieser Wagen nicht zu diesem Ehepaar. Schon gar nicht zu dieser harten, kalten Frau, dachte Eisenstein. Sie stellte er sich eher in einem einfachen, nüchternen, den Zweck erfüllenden Kleinwagen vor.
In diesem Augenblick fiel ihm ein, dass er Frau Bertram oder ihrem Sohn noch sagen musste, dass sie den alten Mercedes am Wanderparkplatz am See gefunden und zur Untersuchung ins Polizeipräsidium gebracht hatten. Er würde ihnen Morgen in der Gerichtsmedizin die Schlüssel geben. Bis dahin war der Wagen gewiss von der Spurensicherung untersucht und freigegeben worden.
Er verließ den Hof und schlenderte zu seinem Wagen, noch immer beeindruckt von dieser seltsamen Familie.
Im Wagen wischte er die Gedanken beiseite. Jetzt konnte er endlich zu Inka fahren und hören, was aus der Wohnung geworden war.
Kurze Zeit später verließ Dominik Bertram sein Zuhause, stieg in seinen Wagen, der am Straßenrand parkte und fuhr zu seiner Freundin. Die Visitenkarte von Kommissar Eisenstein hatte er in der Hand und warf sie achtlos ins Handschuhfach.

Eisenstein war in Gedanken versunken und hatte sein Navigationsgerät nicht eingeschaltet. Aus mangelnder Ortskenntnis wählte er den Weg über Sieglar, um dann über die Autobahn nach Pützchen, um zu seiner Freundin zu fahren. Er fuhr langsam und schaute sich dabei die Umgebung an. Von der Straße „Im Kirchtal“ fuhr er geradeaus in die Larstraße, direkt in das Zentrum von Sieglar. Die Straße wurde enger, und er war mehr und mehr beeindruckt von den alten Backsteingebäuden, wie es die Gaststätte „Zur Küz“ eines war und von den prachtvoll gepflegten Fachwerkhäusern. Als er direkt auf den alten Mühlenhof zufuhr, nahm er seine Geschwindigkeit bis auf zwanzig Stundenkilometer zurück, damit er das alte Fachwerkhaus ausreichend betrachten konnte.
Auf der anderen Straßenseite ging eine ältere Frau, die eine prall gefüllte Stofftasche trug. Eisenstein konnte darauf das Wort Café lesen. Er hielt an und drehte das Seitenfenster herunter.
„Entschuldigung. Können Sie mir sagen, wo hier ein Café ist?“, rief er über die Straße.
„Nächste Straße links ab, dann sehen Sie das Café bereits“, rief die Frau zurück und ging weiter ihres Weges.
Nach einigen Hundert Metern bog er links ab. Es schien ihm, als ob diese Straße ins Ortszentrum führte. Er hatte Lust auf einen leckeren Cappuccino, vielleicht auch ein Stück Kuchen, denn er hatte heute noch nicht zu Mittag gegessen. Tatsächlich sah er an der nächsten Straßenecke den Hinweis auf das „Café Bröhl“.
Alle Parkplätze rechts und links der Straße waren belegt, bis direkt vor dem Café ein Wagen zurücksetzte und einen Parkplatz freigab, den er dankbar nutzte.
Er stieg aus und stand direkt neben einem riesigen bronzenen Stier oder Ochsen. Da er vor einer Raiffeisenbank parkte, überlegte er, ob es hier wohl eine Verbindung zu dem großen Bullen und Bären vor der Frankfurter Wertpapierbörse gab. Mit diesen Überlegungen betrat er das Café. Es wirkte gemütlich und sehr gepflegt. Er fand einen Platz direkt am Fenster. Was Eisenstein noch nicht wusste, war, dass das Café Bröhl für Sieglar das Gleiche war, wie für Berlin das Café Kranzler, oder für Wien das Wiener Café. Hier traf man sich und tauschte die Neuigkeiten des Tages aus.
Kurz nachdem er Platz genommen hatte, erschien die Bedienung, eine auf den ersten Blick sympathische junge Frau. Ein schwarzes Oberteil, ein kurzer, schwarzer Rock, dem eine kleine weiße Schürze vorgebunden war und ordentlich zu einem Pferdeschwanz zusammengebundene, schwarze Haare verliehen ihr ein seriöses, ansprechendes Äußeres. Sie begrüßte den Kommissar mit einem freundlichen, ungezwungenen Lächeln und fragte nach seinen Wünschen.
Nachdem er seinen Cappuccino bestellt hatte, konnte er es sich nicht verkneifen, die junge Frau nach dem Sinn des Stieres vor der Raiffeisenbank zu fragen.
„Na, das ist der Sieglarer Ochse. Wir nennen ihn Lööre Oohs, und er ist unser Maskottchen.“
„Und was hat es für eine Bewandtnis mit diesem Tier?“, wollte er jetzt genau wissen.
„Das ist eine lange Geschichte. Vor vielen Jahren benutzten die Sieglarer die Ochsen als Fleisch- und Arbeitstiere. Die Sieglarer züchteten speziell die Ochsen. Die Menschen aus den anderen Stadtteilen riefen scherzhaft, wenn sie Bewohner aus Sieglar sahen: Da kommen die Lööre Oohse. Der Ochse steht grundsätzlich für Stärke und Beharrlichkeit“, schloss die junge Frau ihren Vortrag.
„Und woher wissen Sie das alles?“, fragte Eisenstein neugierig.
„Von meinem Vater. Der ist Mitglied im Heimat- und Geschichtsverein.“
„Vielen Dank für die wirklich umfassenden Informationen. Sie haben meine Neugierde total befriedigt. Bringen sie mir bitte zum Cappuccino noch ein Stück Kirschstreusel, der sieht ganz lecker aus“, lächelte er.
Zum ersten Mal an diesem Tag hatte Eisenstein für ein paar Minuten die Gedanken an den Toten im See und an Inka und der Wohnung verdrängen können.
Wenn er jetzt wieder an Inka und die Wohnungsfrage dachte, drängte sich ihm nicht nur die Frage auf, ob es richtig war, eine Wohnung hier in einem Vorort, abseits der größeren Stadt zu suchen. Nein, inzwischen stellte sich ihm sogar die Frage, ob es richtig war, zusammen mit Inka eine Wohnung zu beziehen? Mochte er überhaupt diese totale Nähe zu ihr? Er liebte Inka und er liebte es auch, wenn er an den Wochentagen abends bei ihr war. Im Hinterkopf hatte er aber immer noch seine Wohnung in Duisburg als Fluchtort. Hier konnte er allein sein, wenn ihm danach war, und überhaupt hatte er dort einen Rettungsanker für alle Fälle.
Dann war da noch Susanne, die er nach Jahren jetzt wieder gesehen hatte. Bedeutete sie ihm immer noch etwas? Neben dem Unwohlsein bei dem überraschenden Zusammentreffen am See hatte er keine Gleichgültigkeit bei sich bemerkt – im Gegenteil.
„Hallo Herr Kriminalhauptkommissar“, holte ihn der Ruf, der durch das Café schallte, in die Wirklichkeit zurück.
Erschrocken wandte Eisenstein seinen Blick zur Theke, wo einige Menschen standen und Gebäck oder Kuchen kauften. Ein Mann wedelte mit einem Arm in der Luft und lachte Eisenstein an. Im ersten Moment konnte Eisenstein die freudig erregte Person nicht erkennen. Doch dann dämmerte es ihm. Polizist Grunert, der ihn zum See begleitet hatte. In Zivil sah er völlig anders aus als heute Morgen am See.
Eisenstein wollte lediglich kurz zurück grüßen, als Grunert bereits bei ihm am Tisch stand. Die Blicke aller Gäste und auch des Personals klebten an seinem Rücken und auch an Eisenstein. Jetzt hatte es auch der Letzte vernommen, dass er Kommissar war.
„Darf ich mich kurz zu Ihnen setzen?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, saß er bereits auf dem freien Platz Eisenstein gegenüber.
„Gibt es etwas Neues vom Toten am See?“, fragte er erwartungsvoll, um neue Informationen aus erster Quelle zu erhalten.
„Nein, noch nichts. Wir müssen die Obduktion abwarten“, antwortete Eisenstein etwas ungehalten über die Direktheit des Kollegen.
„Ihr Cappuccino und Ihr Kuchen, bitte Herr Kommissar“, meldete sich jetzt die Kellnerin zu Wort, die inzwischen ebenfalls an den Tisch getreten war, und stellte das Getränk auf den Tisch.
„Ach, Herr Kommissar, Sie untersuchen sicherlich den Tod von Franz Bertram?“, fragte sie neugierig.
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