Kitabı oku: «Christentum und Moderne»

Yazı tipi:

Herman van Rompuy

Christentum und Moderne

Herman van Rompuy

Christentum und Moderne

Werte für die Zukunft Europas

Aus dem Niederländischen übersetzt von Karl Georg Cadenbach

Butzon & Bercker


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.


Das Gesamtprogramm von Butzon & Bercker finden Sie im Internet unter www.bube.de

ISBN 978-3-7666-1395-0

E-BOOK ISBN 978-3-7666-4135-9

EPUB ISBN 978-3-7666-4136-6

© 2010 Butzon & Bercker GmbH, 47623 Kevelaer, Deutschland, www.bube.de

www.religioeses-sachbuch.de

Niederländische Originalausgaben: Het christendom een moderne gedachte, © Davidfonds/Leuven 1990; Op zoek naar wijsheid, © Davidfonds/Leuven 2007

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagmotiv: © Karsten Schmid – fotolia.com

Umschlaggestaltung: Christoph Kemkes, Geldern

Satz: Schröder Media GbR, Dernbach

Printed in Germany

Inhalt

Vorwort

Einleitung

I. Der „christliche Intellektuelle“ vor den Herausforderungen der Gegenwart

Intellektuell – und stolz darauf

Der christliche „Sprung“

Der christliche Intellektuelle: eine aussterbende Spezies?

Das große Zukunftsprojekt

Ein modernes Christentum

Man selbst bleiben und /oder sich anpassen

Die Kultur der Stille

Die Großherzigkeit

Mehr denn je: die Familie

Die Botschaft der Medien

Die Frage: Warum?

Ost- und Westeuropa: Wer ist das Modell für wen?

Ideologie versus Menschen

Überzeugen

Der christliche Intellektuelle: Arbeit an einem Projekt

Die Hassliebe zur Ökonomie

Die Gegenoffensive

Der Intellektuelle: fasziniert von der Politik

Die Kluft zur Kultur überbrücken

Das Absurde und die Freiheit

II. Weisheit als Lebensziel

Auf der Suche nach Weisheit

Glück gesucht

Was treibt mich an?

Bin ich konservativ oder progressiv?

Das Gute

Das Wahre

Das Schöne

Ein Christ in der Politik oder christliche Politik?

Wie überlebt das Christentum das 21. Jahrhundert?

Menschen altern, doch die Wirtschaft darf das nicht

Die Europäer sind keine Europäer mehr

Toleranz oder Gleichgültigkeit?

Stabilität und Veränderung

„Normen und Werte“ oder „Rechte und Pflichten“

Optimismus oder Hoffnung

Vorwort

Mein vorliegendes Buch „Christentum und Moderne“ entstand in einem gesellschaftlichen Klima, das dem Glauben im Allgemeinen und dem Christentum im Besonderen eher distanziert gegenüberstand. Heute bin ich stärker denn je davon überzeugt, dass das Christentum die Antwort auf eine Sehnsucht der Menschen und der Gesellschaft ist. Es sind nicht nur mehr allein die Christen, die den weit verbreiteten Individualismus und den damit einhergehenden Materialismus mit Sorge betrachten, sondern alle, die sich für die Gesellschaft verantwortlich fühlen, machen sich Sorgen über die zunehmende Vereinsamung und die Verzweiflung, die sich aus ihr entwickeln können. Es sind daher nicht nur die Gläubigen, die diese geistige Leere wahrnehmen.

Die Folgen für den Bereich des Politischen offenbaren sich u. a. im Populismus: Er macht sich das eigennützige Denken der Wähler zu Nutze und bedient ihre Feindbilder. Äußere Feinde werden herangezogen, um den Wähler darin zu bestärken, dass er im Recht ist.

Auch ein ethisches Defizit ist zu beobachten. Sichtbar wurde es in der letzten Finanzkrise, als das Profitstreben einiger weniger beinahe zum Untergang aller wurde. Glücklicherweise hat der Klimawandel zu einem Nachdenken geführt. So wurde deutlich, dass wir wählen müssen – zwischen Jetzt und Bald, zwischen Mein und Dein.

Mit seiner Tradition der Verbundenheit mit dem und der Hinwendung zum Anderen kann das Christentum ein Gegengewicht zu diesen Tendenzen unserer Zeit sein. Der Bedarf an sozialem und familiärem Kapital ist groß. Vereinsleben, Familien und beständige Beziehungen fungieren dabei als Antidot (Gegengewicht) gegen Vereinsamung und Verbitterung. Das Christentum hat natürlich kein Monopol auf diese Rolle des Gegengewichts, weder ideologisch noch faktisch. Dennoch gehört es zum Kern seiner Botschaft, sie wahrzunehmen. Auch Nicht-Gläubige bezeichnen die Liebe als transzendent: Sie übersteigt Menschen und verbindet sie dadurch.

Die größte Aufgabe dieses Jahrhunderts ist es, die Verbundenheit der Menschen untereinander im Kleinen zu stärken. Solidarität darf nicht auf die organisierten sozialen Sicherungssysteme begrenzt sein. Sie sind durch Gesetze erzwungen und durch Abgaben finanziert. Was wir brauchen, sind Freiwilligkeit und der spontane Einsatz für den Anderen um seiner selbst willen. Ohne diese menschliche Infrastruktur hat die strukturelle Solidarität auf Dauer keine Basis.

Wenn unsere Gesellschaft diesen Namen zu Recht tragen will, muss sie Bindungskräfte entwickeln. Sie muss ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickeln, das sich nicht gegen andere richtet, sondern dem Wunsch entspringt, Gemeinschaft zu leben und Dinge gemeinsam zu tun. Unsere Zeit ist von Polarisierung und Aggression geprägt. Unter der Maske der Klarheit und Ehrlichkeit herrschen oft sinnlose Verhärtung und eine Verrohung der menschlichen Umgangsformen. Respekt vor dem Anderen ist eine Grundlage des Gemeinwesens. „Gesellschaft“ muss „Gemeinschaft“ werden.

Freilich – das Christentum ist mehr als nur ein ethisches System. Es darf nicht allein zum Aufbau der Gesellschaft beitragen. Die christliche Spiritualität, die sich auf den Anderen und auf „den ganz Anderen“ hin orientiert, bleibt einzigartig, wenn sie authentisch gelebt wird. Es gibt aber auch eine Spiritualität der Laien, die das Sakrale im Menschen erlebbar macht. Spiritualität steht konträr zum Materiellen. Weil für das Christentum die Orientierung auf den Anderen und auf Gott als „den ganz Anderen“ eine so zentrale Bedeutung hat, wird eine altruistische Ethik möglich.

Das Christentum kann und wird eine wichtige Rolle im spirituellen und ethischen Wiederaufbau spielen, dessen unser Jahrhundert bedarf. Vorausgesetzt, es gibt wirkliche Christen.

Brüssel, im August 2010

Herman van Rompuy

Einleitung

Es wirkt wahrscheinlich ein wenig seltsam, wenn ein Politiker ein Buch über ein eigentlich unpolitisches Thema schreibt. Er macht sich dadurch angreifbar. Als Person des öffentlichen Lebens verfolgt ihn alles, was er einmal gesagt hat. Seine politischen Gegner können seine Worte missbrauchen. Seine persönlichen, intimen Ansichten können ins Lächerliche gezogen werden. In anderen Ländern ist es durchaus üblich, dass Politiker öffentlich Zeugnis ablegen. Bei uns nicht. Doch gerade wenn die Zeit für solche Zeugnisse nicht reif ist, müssen wir dafür sorgen, dass sie reif für sie wird.

Andererseits gibt ein öffentliches Mandat Zugang zu einer großen Gruppe von Menschen. So kann auch eine unpolitische Botschaft eine breite Öffentlichkeit erreichen. Für all jene, die davon überzeugt sind, dass es so etwas wie eine „Pflicht“ gibt, über die Dinge zu sprechen, die den Sinn unseres Lebens betreffen, ist der Zugang zu den Medien ein Privileg. Eine Flut von Berichten über vorübergehende, oberflächliche, anekdotische und spektakuläre Ereignisse umgibt uns und bestürmt uns derart, dass es nötig ist, das Schweigen über das Wesentliche zu durchbrechen.

Dieser Essay ist daher nicht politisch, oder, besser gesagt, er ist nicht politisch gemeint. Es sind Überlegungen eines christlichen Intellektuellen, der für Menschen seiner Art einen Platz in der heutigen Gesellschaft sucht und findet. Der Mensch lässt sich zwar kaum aufspalten, weder als Schreibender, noch als Leser. Der schreibende Politiker wird in Versuchung geraten, konkrete Zustände hinter allgemeinen Formulierungen zu verbergen. Dann und wann lässt er sich gehen. Der Leser wiederum wird dann und wann in einem Satz oder Wort eine Anspielung auf konkrete politische Zustände sehen. Manchmal zu Recht, meist jedoch zu Unrecht. Beide werden also versuchen müssen, sich auf ein höheres Niveau zu begeben – oder, besser gesagt, auf ein anderes.

Dabei muss der Leser wissen, dass diese Sätze mitten im Sturm der Dinge geschrieben worden sind, mitten im politischen Gefecht oder Scheingefecht. Der Autor eilt aus dem Trubel an den Schreibtisch, um schreibend zu denken oder seine konservierten Gedanken niederzuschreiben. Der Intellektuelle, der in uns schlummert, weiß, dass große Dinge nur in der „Langsamkeit“ geboren werden können; dass eine Inkubationszeit nötig ist, bevor etwas entsteht, das sich lohnt. Doch das wird immer ein Traum bleiben. Der Zeitdruck nagt an uns. Jeden Tag sind wir unzähligen Eindrücken und Impulsen ausgesetzt, die der Verarbeitung und der Besinnung bedürfen. Die Medien gönnen uns diese Momente der Besinnung nicht; sie sind Akteure im Wahnsinn des Alltags. Doch mitten darin können große Projekte zustande kommen – für den Frieden, für Europa, für unsere Wirtschaftsbetriebe, die Benachteiligten, den Arbeitsmarkt und anderes. Es bleibt jedoch der Geschmack des Unvollendeten. Das gilt auch für dieses Buch. Der Leser muss bereit sein, zu verzeihen.

Postscriptum

Dieses Buch wurde an einigen Nachmittagen in der Stille der Benediktinerabtei von Affligem geschrieben, auf der Flucht vor dem Trubel der Brüsseler Wetstraat, beeindruckt von der Gelassenheit und der Gastfreundschaft der Mönche. Es wurde auch abends geschrieben, in der Polderlandschaft von Zuienkerke, zwischen Weihnachten und Neujahr, während die Kinder schliefen und nicht merkten, dass ihr Vater Seiten mit Dingen füllte, von denen sie nichts ahnten. Hoffentlich lesen sie sie eines Tages. Das Buch sei ihnen und meiner Frau gewidmet.

I. Der „christliche Intellektuelle“ vor den Herausforderungen der Gegenwart
Intellektuell – und stolz darauf

Ein Intellektueller ist nicht einfach jemand, der studiert hat. Wäre diese Definition richtig, dann hätte es nie so viele Intellektuelle gegeben wie heute. Wir meinen, es ist mehr nötig, um jemanden zu einem Intellektuellen zu machen.

Ein Intellektueller hat eine ganz eigene Art, sich den Dingen zu nähern. Er interessiert sich für einen allgemeinen, grundlegenden Sinn der Welt, in der wir leben. Er sucht nicht nach dem Operativen. Zunächst möchte er verstehen. Das Handeln folgt erst später – und zu diesem Zeitpunkt tritt er nicht mehr als Intellektueller auf. Sein Vorgehen hat eine gewisse Unverbindlichkeit, kann aber andere in Bewegung bringen. Revolutionen beginnen immer mit Stift und Tinte.

So steht der Intellektuelle denn auch quer zu einem gewissen heutigen Zeitgeist. Allgemeinbildung ist heute weniger gefragt als Spezialisierung oder Technokratie. Das „Gratis-Denken“ ist ein Fluch für das Streben nach dem eigenen Vorteil – ein Hauptmerkmal unserer Zeit. Der Intellektuelle, der „uomo universale“, ist daher selten geworden. Er interessiert sich für Literatur, Philosophie, Religion, Ideologien, für die Vergangenheit und die Zukunft. Er ist auf der Suche nach dem Sinn des Lebens oder dem des Zusammen-Lebens als ganzen. Auch wenn er einem Beruf nachgeht, der ihn fordert, denkt er als Intellektueller. Steckt er in der Haut eines Intellektuellen, dann ist er ein anderer Mensch. Der Intellektuelle, über den wir hier sprechen, ist also nicht allein der Berufs-Intellektuelle, der vom Unterrichten oder vom Schreiben lebt.

In Flandern galten Intellektuelle stets als sonderbare Wesen. Auf diesem Gebiet haben wir keine oder nur wenige Traditionen. Zu lange mussten wir um den Erhalt unserer Sprache kämpfen, um die Grundlage unserer Identität. So viel Kraft ist in Jahrzehnten und Jahrhunderten in diesen Kampf geflossen, dass nicht mehr genug übrig blieb für das, was wir mit dieser Sprache hätten in Worte bringen können. Ein alter Freund sagt mir oft, wie oft wir in Flandern „more brains“ gebraucht hätten, mehr kluge Köpfe. Völker, die nicht um Sprache und Identität kämpfen mussten, konnten ein reicheres intellektuelles Erbe aufbauen.

Zudem ist der Flame vor allem ein Gefühlsmensch. Die lateinische Tradition der Rationalität liegt ihm nicht so sehr. Zugleich jedoch ist er nicht emotional genug, um vollends in die Irrationalität, in Angst und Leid zu verfallen, denen die Germanen oft unterliegen. Der Platz des Flamen ist in der Mitte: Er ist ausgeglichen. Manche meinen, mittelmäßig. Der Flame ist eher ein Dichter als ein Denker, eher ein Macher als ein Stratege. Das ist unser Wesen. Und es gibt das Wesen eines Volkes. Es kann nicht wegdiskutiert werden, so schwierig es auch zu umschreiben oder zu fassen ist. Das Wesen eines Volkes kann sich entwickeln – verschwinden kann es nicht. Man schaue sich etwa die Nationalitätenfrage in der Sowjetunion nach siebzig, achtzig Jahren der Gleichschaltung und Unterdrückung an: „Treibt das Natürliche aus, es wird im Galopp zurückkehren!“

Der Intellektuelle ist also auch keine typisch flämische Gestalt, aber es gibt viele, mehr denn je in unserer Geschichte.

Der christliche „Sprung“

Christ sein in unserer Zeit ist eine ebenso heroische Aufgabe. Denn in Flandern hat sich der gesellschaftliche Druck umgekehrt: Einst stand am Rande der Gesellschaft, wer nicht praktizierender Katholik war. Heute dagegen gibt man nur ungern zu erkennen, dass man gläubiger Christ ist.

In den westlichen Ländern erlebt die Kirche derzeit die tiefste Krise ihrer Geschichte. Das abzustreiten oder schönzureden hat keinen Sinn. Dabei ist nicht die Wissenschaft der größte Feind des Glaubens. Lange schon haben wir den Fortschrittsoptimismus abgelegt, der uns hoffen machte, der Mensch sei allein in der Lage, die großen Fragen des Lebens zu beantworten. Nachdem der Ballast aus der Bibel – etwa die Aussagen zur Entstehung der Erde und des Menschen, die Schöpfungsgeschichte – ausgeräumt war, blieben die nackten Fragen nach Krankheit, Einsamkeit, Leid und Tod. Die Wissenschaft dringt nicht einmal zu diesen Fragen vor und kann daher auch keine Antworten auf sie geben. Auch wenn die Faszination der Wissenschaften noch stets ungebrochen ist, wissen wir heute, dass wir nicht von ihr oder für sie leben können. Sie hat große Erwartungen ausgelöst, hat uns aber geistig und menschlich als Waisen zurückgelassen.

Der große Feind des Glaubens ist der Materialismus – oder eher die Abwesenheit tiefen Leids oder großer Not. Einst gab es im Christentum den Kult des Leidens und des menschlichen Makels. Sie ebneten den Weg zu Gott. Der Mensch durfte nicht glücklich sein. Heute dagegen muss er glücklich sein, obwohl „Glück“ ein rarer Zustand ist. Glück ist gewissermaßen immer selten. Denn das Glück ist zu intensiv und daher flüchtig. Der moderne Mensch ist sorgenfrei: Hunger, Krieg und Krankheit sind ausgeschaltet. Es gibt genug zu essen, wir leben in Frieden, und die Medizin heilt oder stillt Schmerzen. Freilich, es gibt noch Armut, aber die ist in Westeuropa ebenso selten geworden wie es einst der Reichtum war. Für Vieles gibt es eine Lösung. Wer sich langweilt, kann von den Medien unterhalten oder zerstreut werden. Jeder kann fast sicher planen, wie groß seine Familie wird. Wer scheitert, dem hilft der Wohlfahrtsstaat. Und doch kann der Mensch sich vielfältiges Leid zufügen und tut das auch. Noch nie war seine Verantwortung für das eigene Glück so groß wie heute. Entsprechend schwer wiegen die Störfaktoren im Leben: Einsamkeit, Tod. Erstere ist das Los eines jeden, wenn er verlässt oder verlassen wird, wenn er, alt geworden, allein zurückbleibt. Der Tod ist der „letzte Feind“. Der Tod ist das „Ur-Leid“, das nicht ableitbare Leid. Das schreibt einer, der besessen ist von der Vergänglichkeit und vom Abschied. Ich fühle mich verbunden mit Anton van Wilderode, der, auf einem Soldatenfriedhof umherirrend, schrieb:

„Warum, so frag’ ich weiter, warum

für wen und für was, so frag’ ich weiter,

der Wind in den Buchenhecken

dreht meine Worte um und um.“

Aber, wie gesagt: Vielem können wir ausweichen, Vieles vermeiden – im Lärm, im Getöse, in der Hast, im Erfolg, im Genuss. Doch sobald wir scheitern oder alles in sich zusammenfällt, ist der moderne Mensch verletzlicher denn je. In diesem Moment kann von den meisten nicht der Heldenmut des modernen Heiden verlangt werden, der dem unausweichlichen Schicksal gelassen entgegengeht und von Anfang an weiß, wie es ausgehen wird. Heldentum ist kein Merkmal unserer Kultur. Der Mensch von heute stirbt nicht. Er verschwindet in aller Stille, als hätte es ihn nie gegeben. Wir sind weit entfernt von dem Wissen, dass jeder von uns „eingezeichnet ist in die Hände Gottes“.

Christ sein heute bedeutet also, ein Stück „aus der Welt“ zu sein – in dem Sinne, dass der Christ sich die Werte der „Welt“ wie Geld und Macht nicht zu eigen macht. Er ist „in der Welt“ in dem Sinne, dass er die Schein-Werte der Welt überwinden möchte. Der Christ glaubt daran, dass der Tod überwunden ist. Er meidet das Leid nicht, auch nicht das der anderen, die der Hilfe bedürfen.

Der christliche Intellektuelle: eine aussterbende Spezies?

Der christliche Intellektuelle kombiniert also beide Eigenschaften und vermehrt so die Möglichkeiten.

Zum Christentum kommt man nicht allein durch rationales Überlegen. Mir ist durchaus bewusst, dass der Glaube eine rationale Grundlage hat. Die Frage nach Anfang und Ende, nach Alpha und Omega, kann nicht von der Naturwissenschaft beantwortet werden. Wäre das möglich, dann hätte die Menschheit den Zweifel schon lange eliminiert und wäre nicht durch die unterschiedlichen Antworten auf diese Grundfrage gespalten.

Wer metaphysisch auf der Suche ist, kann zum Sein des Seienden vordringen. Wer den Menschen anschaut und entdeckt, was für ein einzigartiges Wesen er ist, kann zu einem Gott vordringen, der nicht so grausam ist, dass er den Mensch mit all seinen Sehnsüchten gewollt hätte und ihn einfach sterben ließe, ohne dass er ihm begegnet wäre.

Oder ist die Menschheit lediglich ein Zufallsprodukt der Entwicklung der Materie, wie Monod denkt? Die Natur soll uns nicht gewollt haben. Wir irren als Fremde durch die Welt und kennen nach Monod weder das Ziel unserer Existenz, noch unsere Pflichten. Doch kann der Mensch im Vorhof des Glaubens warten, weil er den Schritt hinein nicht machen kann. Deshalb sagt man, dass der Glaube eine Gnade Gottes ist. Für den Nicht-Christen ist der Mensch schließlich Körper oder Material; sein Geist kommt mit ihm zum Stillstand. Zwar ist er einzigartig, doch verschwindet er für ihn ebenso wie der Rest. Für den Nicht-Christen ist diese Feststellung unausweichlich, und sie hindert ihn daran, den Sprung ins Leere auf Gott hin zu machen.

Das Christentum fordert indes noch mehr. Es spricht von einem Gott, der Mensch wird, der von einem Menschen geboren ist, unter uns gelebt hat, gestorben ist, begraben und auferstanden. Diese Menschwerdung ist datiert: vor etwas mehr als 2000 Jahren – nach Zehntausenden von Jahren, die der Mensch auf der Erde lebt, und Millionen Jahre nach dem „Urknall“, aus dem unser Kosmos entstand. Warum damals? Warum so? Was erlaubt uns zu sagen, dass dieser Mann der Sohn Gottes ist, ja, Gott selbst? Haben wir genügend „Beweise“ für seine Auferstehung? Wie viel wiegt das Zeugnis der Apostel nach seinem Tod? Das Christentum ist der Glaube an einen personalen Gott, nicht allein an eine Botschaft von Großherzigkeit. Das Christentum hat die Ethik der Nächstenliebe in die westliche Zivilisation gebracht (mehr noch: „Liebe deine Feinde!“), aber das ist an sich noch nicht ausreichend, um zu sagen, dass das Christentum „wahr“ ist.

Und doch sagen wir, dass es wahr ist. Wie so viele vor uns machen wir diesen Sprung, der zum Teil auf der Vernunft beruht, zum Teil auf der Hoffnung, dass es wahr ist, und zum Teil darauf, dass es Teil unserer Natur ist, diesen metaphysischen Sprung zu machen.

Die Ablehnung der Religion selbst ist ebenso ein Sprung ins Leere, denn viele Zeichen und Fragen werden beiseite geschoben oder negiert. Auch der Atheismus ist ein Sprung. Manche überkommt er ebenso plötzlich wie die Bekehrung des Paulus. Plötzlich ist Gott weg. Das wird oft vergessen.

Ein Intellektueller, der Christ ist, kennt dieses seltsame Gefühl: Er möchte viele Gebiete tiefer kennenlernen, hat aber die Bescheidenheit zu sagen, dass er die Wahrheit über fundamentale Fragestellungen von einem anderen oder von „dem Anderen“ erwartet. Für den Nicht-Christen ist diese Haltung eine inakzeptable Begrenzung der menschlichen Freiheit. Seiner Ansicht nach überlässt der Christ sich einem Anderen und bricht die Suche sozusagen ab. Für den Nicht-Christen ist das ein Zeichen von Schwäche. Seiner Meinung nach hat der Christ und der christliche Intellektuelle den heldenhaften Kampf des auf sich selbst gestellten Menschen aufgegeben. Der Christ seinerseits erfährt den Unglauben als Einschränkung seiner Freiheit, als ein Leben, das in der Enge des Suchens stecken bleibt, in der sterilen Auslieferung an den Tod.

Der Intellektuelle braucht sich tatsächlich nicht zu bremsen, wenn er sich für den Glauben entscheidet. Schließlich entginge ihm dabei ein weites Feld, das er mit dem spekulativen Denken und /oder der Wissenschaft nicht betreten könnte. Und mehr noch: Er nimmt das Irrationale auch auf anderen Gebieten an. Ich denke etwa an die Psychoanalyse und die große Bedeutung, die die Sexualität in ihr spielt. Ich denke an den Charme, den der Marxismus in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts für zahlreiche Intellektuelle hatte. War all das „bewiesen“? Heute wissen wir definitiv, dass die wissenschaftliche Analyse des Marxismus für unsere Zeit – und für die Vergangenheit gilt das Gleiche – irrelevant ist. Es wäre nicht korrekt, nur von „falsch“ zu sprechen. Warum war es ehrenhaft, an Marx zu „glauben“, nicht aber an Gott?

Manchmal frage ich mich, ob der „reine“ Intellektuelle – also derjenige, der allein vom Denken und für das Denken lebt – nicht den Drang hat, sich gegen sich selbst zu stellen. Wissen zu erlangen ist ein spannendes Abenteuer, aber Denken führt manchmal zu Willensschwäche. Wer nachdenkt, ergreift selten Initiative. Der Intellektuelle ist kaum je Kämpfer für eine Sache. Seine Unzufriedenheit kann so stark werden, dass er sich gegen die Welt wendet, die er kennt. Der Marxismus bot eine ideale Plattform für den Destruktivismus. Alles geht kaputt, alles muss kaputt gehen. Nach dem Zusammenbruch kommt der Heilsstaat. Im Marxismus ist der Intellektuelle selbst ein bloßes Instrument des Arbeiters, der eigentlicher Träger des Klassenbewusstseins ist und durch seinen Kampf den Kapitalismus vernichtet. Nun, für diesen Typus des Intellektuellen war Gott das Symbol der alten Welt, die vernichtet werden musste. Gott war das Establishment.

Es gibt noch ein weiteres seltsames Phänomen: Die Konjunktur exotischer Kulturen und fernöstlicher Religionen oder Lebensvollzüge (etwa Yoga) bei gleichzeitiger Vernachlässigung der eigenen (christlichen) Kultur. Auch das ist für mich ein Zeichen dafür, dass ein (kleiner) Teil der Intelligentsia sich buchstäblich gegen sich selbst stellt.

Die Frage ist nun, warum die französische Intelligentsia – schon wieder – als erste dem Marxismus davonlief und Gott wieder zum Gegenstand des Gesprächs machte. Dort gilt es nicht mehr als „rückständig“, zu glauben. Gelassen spricht Bernard Pivot in Apostrophes mit Schriftstellern, Laien und Priestern über Gott und Religion. Ich suche nach den Gründen. Das Scheitern der Mairevolte hat der linken Bewegung das Genick gebrochen. Der Mai ’68 hat unsere Kultur verändert, er hat Autoritäten geschwächt und die Freiheit des Einzelnen gestärkt. Aber Marx hat er nicht zur Geltung gebracht. Dieses Fehlen einer Perspektive hat die enttäuschten Intellektuellen nach neuen Horizonten suchen lassen. Ein zweiter Grund ist die Wirtschaftskrise der Siebzigerjahre, die in eine allgegenwärtige Kritik der Herrschenden mündete. Opfer dieser Krise wurde der Etatismus. Sein Scheitern riss zuerst den Marxismus mit sich. In der Folge verlor der Kommunismus nach dem Bekanntwerden der Gulag-Konzentrationslager in der Sowjetunion auch den letzten Hauch eines menschlichen Antlitzes. Schon der trostlose Marxismus hatte einen Gegensatz zum vielseitigen, sinnlichen und hyperaktiven Westen gebildet. Als der Kommunismus sich auch noch als unmenschlich herausstellte, wurde das letzte Argument hinfällig.

Der Tod von Marx schuf wieder etwas Raum für Gott. Für Flandern kann das allerdings noch nicht gesagt werden. Wir hinken wie gewöhnlich hinterher. Die kulturelle „Elite“ Flanderns rechnet noch immer mit der kirchlichen und religiösen Vergangenheit ab. Auffallend ist die virulente Freigeistigkeit vieler Angehöriger dieser Elite. Die Intoleranz, die sie bei anderen verurteilen, ist zumindest gegenseitig. Als dem alten Gerard Walschap die Ehrendoktorwürde der Vlaamse Universiteit Brussel verliehen wurde, hielt er eine religionsfeindliche Rede, die in anderen Ländern vor einigen Jahrzehnten durchaus noch aktuell gewesen wäre. Er wetterte gegen eine autoritäre Kirche, die es so kaum noch gibt, und gegen eine christliche Kultur, die zusammengebrochen war – nicht dank Walschap, sondern als Folge der Konsumgesellschaft. Die „Freiheit“ haben nicht die Schriftsteller gebracht, sie ist eine Konsequenz von Verstädterung und Kommerz. In Flandern setzte die kulturelle Revolution der Entchristlichung später ein als in anderen Ländern. So wird Flandern auch später als andere Länder gewisse Werte wiederentdecken. Ein weiterer wichtiger Unterschied: Die geschilderte kulturelle Revolution hat die Massen nie so stark durchdrungen wie in anderen Ländern, und ein Gleichgewicht der ideologischen Kräfte liegt näher. Unter den Eliten ist ein zwar weniger augenfälliger, doch mit großem Ernst geführter Kulturkampf zu beobachten. Ich las ein Interview mit Hugo Claus, den man gern als „größten lebenden Schriftsteller Flanderns“ bezeichnet. Darin heißt es: „Ich bekenne meinen Abscheu vor dem Katholizismus in abgenutzten Begriffen … Mitleid, das ist ein widerliches christlich-kulturell-katholisches Prinzip. Nebenbei – meine Wut auf die Kirche ist vollkommen irrational. Wenn das Wetter so lange schlecht ist, mache ich Simonis und Danneels (zwei belgische Kardinäle; Anm. d. Übers.) dafür verantwortlich. Auf sie wälze ich meinen Unmut ab.“

Antoon Vergote sagte dazu: „Ohne jeden Zweifel stehen wir hier vor einem der seltsamsten Rätsel, mit denen die Religionspsychologie konfrontiert wird: Einige wenige Ungläubige pflegen gereizt auf Religion zu reagieren; sie machen sie schlecht, ja hassen sie sogar. Die Gottesfrage bewegt den Menschen in der Tiefe. Sie zu ignorieren hat denn auch oft traumatische Folgen.

Der durchschnittliche akademisch gebildete Flame ist weder freisinnig noch ausgesprochen gläubig. Er lebt in einer turbulenten Welt, in der jeder darum kämpfen muss, seinen Platz zu erobern und zu behalten. Der Stress seines Alltags lässt nicht zu, dass er sich auch noch mit metaphysischen Fragen plagt. Ihm ist es eigentlich egal, er ist nicht dafür und nicht dagegen – das hat er mit anderen westlichen Menschen gemeinsam.

Wir leben in einer Welt voller Möglichkeiten, die uns in gewissem Sinne fesselt, aber nicht begeistert. Grund dafür ist der Individualismus, der stets kleinlich ist und somit das Gegenteil des Enthusiasmus darstellt. Der Intellektuelle ist hierfür sensibler als seine Umwelt. Lernen und Nachdenken sind einsame Tätigkeiten. Sollen sie fruchtbar sein, bedürfen sie der Abgeschiedenheit. Auch in einer Bibliothek sitzt jeder für sich in ein Buch vertieft. Der Individualismus hängt auch eng mit dem Kapitalismus zusammen. Jeder sucht seinen Vorteil, strebt nach seinem Gewinn. Auch am Staat hängt der Individualismus: Es gilt die Devise: „Ich bin nicht verantwortlich, denn die Gemeinschaft sorgt für die Armen, für die Umwelt, den Unterricht usw.“ Die verstaatlichte, auferlegte Solidarität tritt immer stärker an die Stelle der spontanen Solidarität der Menschen untereinander.

Der Individualismus ist auch eine Folge unseres hohen Wohlstandsniveaus. Darin baden wir und vergessen einander. Je mehr einer hat, desto eifersüchtiger wird er, und desto stärker nimmt er den anderen als Gegner oder Feind wahr. Der Zeitgeist verstärkt daher den fast natürlichen Individualismus des Intellektuellen.

Das große Zukunftsprojekt

Sein Einzelgängertum macht den Intellektuellen auch weniger sensibel für „große Projekte“, die das Individuum per definitionem übersteigen. Gerade seit dem Niedergang des Marxismus hat sich auf diesem Gebiet Lustlosigkeit breitgemacht. Diese hat auch ihre guten Seiten, denn sie bewahrt davor, sich dem Irrationalen auszuliefern, das „großen Projekten“ oft innewohnt. Andererseits ist die Notwendigkeit, dem Leben einen Sinn zu geben, etwas zutiefst Menschliches, ein Grundbedürfnis. Wird es nicht erfüllt, so bleibt eine Leere, die von jemandem oder einer Sache gefüllt werden wird. Durch wen oder was? Wer hat den Mai ’68 im Frühjahr ’68 vorausgesagt? Wer hat Mitte des Jahres 1989 den Fall der Mauer oder die Menschenmengen in Prag vorausgesehen? Die Leere der kommunistischen Gesellschaft wurde gefüllt durch neue Bewegungen, die quasi aus dem Nichts entstanden. Der Westen kennt große Projekte – allerdings solche, an denen das Volk und die Intelligentsia keinen Anteil haben.

Der europäische Einigungsprozess ist ein typisches Beispiel für solche Projekte. Was ist faszinierender, als die alten europäischen Länder zu einer wirklichen Großmacht zusammenzubringen, die eine Rolle in der Welt spielen und das Vakuum füllen kann, das die Sowjetunion und in gewissem Sinne die Vereinigten Staaten hinterlassen haben? Aber wo ist der Enthusiasmus?

Die ökologische Wende ist ein Thema, das die Menschen mobilisiert. Hier geht es buchstäblich um unser Überleben. Es ist wichtig für den Menschen, an einzelnen Orten gegen die Umweltverschmutzung vorzugehen. Doch die Bekämpfung der weltweiten Umweltverschmutzung in einem komplizierten sozioökonomischen Umfeld überfordert die Analysen der ökologisch ausgerichteten Parteien ebenso wie die Tatkraft der traditionellen Parteien und Organisationen. Die ökologische Wende muss ein positives Projekt werden, sie darf sich nicht in der Anklage des bestehenden Systems erschöpfen. Auf Negatives kann man nichts aufbauen. Es ist eine Herausforderung, an der ökologischen Wende zu arbeiten.

In einer verkrampften Gesellschaft herrschen auch oft negative Gefühle. Man sucht nach etwas oder jemandem, das oder der im Weg steht und weg muss. Wem es an eigener positiver Identität mangelt, der sucht sich vom anderen, „Minderwertigen“, abzusetzen. Heute sind das die Migranten. Einst setzte man sich von den Herrschenden ab. Dass man sich heute gegen die Schwächsten wendet, ist Zeichen einer gewissen Rücksichtslosigkeit.

Diejenigen, die die geistige Leere nicht sehen, wollen sie nicht wahrnehmen. Ihnen erscheint der Versuch, die Leere zu füllen, als Rückkehr zum sogenannten Obskurantismus des Christentums. Das Gegenteil ist wahr. Eine Welt ohne Gott ist eine Welt ohne Hoffnung. Verzweiflung blockiert die Vernunft. Der Mensch sucht einen Ersatz für Gott. Die größten totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts, der Faschismus und der Kommunismus, waren denn auch areligiös und zutiefst irrational. Der Tod Gottes könnte durchaus den Tod des Menschen einläuten.

Ihr geistliches „Defizit“ hindert die Gesellschaft oft daran, etwas Großes in Angriff zu nehmen. Wer von einer fundamentalen Hoffnung getragen wird, ist im Alltag aktiver und flüchtet sich nicht in Gedankenkonstrukte. Glaube schenkt Optimismus. Der Christ weiß, dass alles, was er hier unternimmt, eines Tages an anderem Ort vollendet werden wird. Ein Leben in eschatologischer Perspektive, im Blick auf morgen, hemmt das Engagement nicht, im Gegenteil. Wie könnte es auch – denn der soziale, wirtschaftliche und kulturelle Fortschritt hat seinen Ursprung in den alten europäischen Ländern, den Kindern der christlichen Kultur.

Der moderne Mensch ist nicht dazu geschaffen, nur in der Kommerzialisierung zu leben. Instinktiv versucht er, sich aus ihrer Umklammerung zu befreien. Ich fürchte eher, dass das brutale Irrationale und das Aggressive dann Einzug halten können, z. B. der Rassismus. Art und Weise und Zeitpunkt kenne ich nicht. Doch kann der Mangel nicht jahrzehntelang unerfüllt bleiben. Heute schon gibt es in unserer Gesellschaft eine verborgene Aggression. Die Kriminalität steigt deutlich an, im Kleinen und im Großen, im Haus oder auf der Straße. Die Nachfrage nach Gewalt in Wort und Bild nimmt stark zu. Viele Menschen leben in einer familiären Hölle, in der einer dem anderen ein Wolf ist.

Diese Aggressions-Impulse sind umso gefährlicher in einer Welt, die Atomwaffen hat. Niemand kann die Geschichte kontrollieren. Der flämische Kapuziner und Theologe Max Wildiers stellt die drängende Frage: „Kann man vernünftigerweise erwarten, dass ein aggressives, egoistisches und kurzsichtiges Wesen wie der Mensch die gewaltige Macht, die in seine Hände gelegt worden ist, auf vernünftige Art und Weise zu gebrauchen weiß?“

Wir müssen also versuchen, auf den Mangel eine positive Antwort zu geben. Bei dieser Sinngebung kann das Christentum eine entscheidende Rolle spielen. Es hat wieder eine Chance. Was müssen wir tun, damit es sie nutzen kann?

Ein modernes Christentum
Man selbst bleiben und/oder sich anpassen

Mangelt es einer Bewegung oder Idee an Erfolg, so gibt es stets zwei Tendenzen: Die eine strebt nach einem Weg zurück, weil man den Ideen des Anfangs nicht treu geblieben sei. Die andere sagt, dass man einem Zeitgeist nicht genügend Rechnung getragen habe, der nicht mehr zu den Ideen des Anfangs passt. Bei den Kommunisten gibt es die These von Georges Marchais, dem ehemaligen Generalsekretär der Kommunistischen Partei Frankreichs, der trotz aller Niederlagen am Stalinismus festhielt und auf bessere Zeiten hoffte, die nicht kommen … In der Kirche gibt (oder gab) es die traditionalistische Strömung, die behauptet, alles Schlechte sei die Folge des Konzils. In ihren Augen birgt die Veränderung mehr Gefahren als der Stillstand. Zugleich hofft man auf eine verborgene orthodoxe Unterströmung im Volk, die schließlich trotz allem zum Vorschein kommen wird. Diese Unterströmung zu ignorieren trägt nach Meinung der Traditionalisten noch zur Erschütterung der Kirche bei. Man sollte also einfach auf bessere Zeiten warten und an der Orthodoxie festhalten. Wie immer liegt die Wahrheit in der Mitte.

Das Christentum bleibt in seinem Kern die ewige Wahrheit. Ohne Gott, ohne Christus, ohne Auferstehung, ohne Nächstenliebe gibt es keinen christlichen Glauben. Der ist mehr als romantisches Gefühl oder soziales Engagement. Zugleich jedoch gibt es das Lebensgefühl der Moderne, das neue Nöte offenbart – das Streben nach individueller Freiheit, die Gleichstellung von Mann und Frau, die Skepsis gegenüber Autoritäten und so weiter. Milan Kundera lässt eine seiner Figuren sagen: „Das Schlimmste ist nicht, dass die Welt nicht frei ist, sondern dass die Menschen verlernt haben, frei zu sein … Wenn wir die Welt nicht verändern können, sollten wir zumindest unser eigenes Leben verändern und es in Freiheit leben … Lasst uns alles zurückweisen, was nicht neu ist.“ Das ist die gleiche Botschaft, die der große französische Dichter Arthur Rimbaud formulierte: „Man muss absolut modern sein.“ Für ihn bedeutete das dasselbe wie absolut frei zu sein.

Jede Phase einer Kultur bringt ebenso dauerhafte Errungenschaften wie kurzlebige Marotten hervor. So hält sich die Idee der Menschenrechte seit zweihundert Jahren. Wir akzeptieren jedoch nicht mehr die göttliche Autorität vorübergehender Herrscher, die völlige Abhängigkeit der Menschen von der Obrigkeit oder die Ordnung der Gesellschaft nach sozialen Klassen. Die Demokratie ist inzwischen tief in den Menschen verwurzelt. Diese Idee gewinnt heute in der ganzen Welt an Boden, auch in Ost-Mitteleuropa, wo man nicht an sie gewöhnt war oder sie noch nie gekannt hatte. Wer heute in der Kirche oder anderswo diese fundamentale Tendenz zur Demokratie verkennt, degradiert sich zur Sekte. Dann ist man zwar „rein“, darf seinen Mitstreitern jedoch nicht vormachen, es kämen irgendwann bessere Zeiten. Wer sich vollständig vom Zeitgeist abkoppelt, begibt sich in die Marginalität. Nochmals: Das kann eine begründete Wahl sein – aber man muss den Mut haben, sich ihren Folgen zu stellen.

Die andere Strömung ist Sklave des Zeitgeists. Sie treibt ziellos auf den Bequemlichkeitstendenzen der Gesellschaft dahin. Sie rechnet mit den Gefühlen, die den Instinkten am nächsten stehen: Egoismus, Laissez-faire, Sicherheit, Bequemlichkeit, Intoleranz sind Emotionen, die zum Greifen nahe sind und an die man sehr leicht appellieren kann. Diese Gefühle sind Entgleisungen der Freiheit. Die Erfahrung lehrt, dass der Mensch von Oberflächlichkeit nicht leben kann, dass sich bald ein Mangel, ein „Defizit“, einstellt, das gefüllt werden muss. Es sind auch Gefühle, von denen ein Einzelner vielleicht eine Zeitlang leben kann, keinesfalls jedoch eine Gemeinschaft. Eine Gesellschaft kann nicht auf der Summe individueller Instinkte gründen. Sie bedarf einer gewissen Ordnung, Disziplin, ja einer Art Zwang, damit das Ganze funktioniert. Instinkte zu beherrschen und zu kanalisieren ist Aufgabe der Ethik. Daneben gibt es den Staat als ordnendes Instrument und Garant der Harmonie oder eines höchstmöglichen Grades derselben. Die Konkurrenz auf dem Markt zwingt ihrerseits auch den Mensch dazu, sich anzupassen.

So muss das Christentum sich in die neue Welt einbetten, die entstanden ist. Diesen Versuch einer Einbettung hat das Konzil unternommen. Für die einen ging es zu weit und führte zu einer tiefgreifenden Erschütterung. Für die anderen ging es nicht weit genug und enttäuschte im Ergebnis. Auch hier ist meine Sicht sehr nuanciert.

Einerseits hat der nachkonziliare Katholizismus die Zeichen der Zeit nicht immer gut zu deuten gewusst. So gibt es neben dem sozialen Engagement ein zunehmendes Bedürfnis nach dem Transzendenten und dem Sakralen. Ebenso gibt es neben dem Lärm und dem Aktivismus ein großes Bedürfnis nach Stille. Die Kirche von heute hat die Welt lediglich in eine Reihe von neuen Begriffen gefasst und zu wenig berücksichtigt, was auf der anderen Seite passiert.

Die Kultur der Stille

Die moderne Gesellschaft wird vom Streben nach der größtmöglichen Sicherung der eigenen Interessen beherrscht: Gewinnmaximierung, Stimmen oder Macht. In Demokratie und Marktwirtschaft gibt es viele konkurrierende Machtpositionen; das Machtmonopol ist verloren gegangen. Das ist beruhigend. Oft freilich fehlt auch das moralische Korrektiv zur Macht. Ich meine damit das bewusste Beschützen des Anderen als Anderen. Die Abwesenheit dieses moralischen Korrektivs gibt der Gesellschaft ihr pragmatisches, habgieriges, herzloses und haltloses Gesicht. Diese Triebe bringen die Menschen gegen sich selbst und gegen die Zeit auf.

Eine weitere Eigenschaft der Menschen, die keine Zeit haben, weil es für sie keine Ewigkeit gibt, ist die Hast. Man will so viele Erfahrungen machen und Eindrücke sammeln wie nur eben möglich, bevor man in der tiefen Fallgrube des Todes verschwindet. „Festina lente“, eile mit Weile, dagegen ist Kennzeichen einer Gesellschaft, die von der Begrenzung der Zeit befreit ist und „sub specie aeternitatis“, im Licht der Ewigkeit, zu leben versteht.

Der moderne Aktivismus hat auch einen noblen Zug. Der westliche Mensch arrangiert sich nicht mit dem Gegebenen. Er will etwas erreichen – wirtschaftlich, wissenschaftlich, kulturell und sportlich. Er ist expansiv. Das Wörtchen „genug“ kennt er nicht. Prometheus lebt in ihm. Der westliche Mensch ist und bleibt ein Eroberer, heute indes friedlicher denn je. Er strebt nicht nach Krieg, wohl aber nach mehr Macht, mehr Geld, mehr Ruhm und so weiter. Adam Smith sagte mit Recht, dass Händler unschuldigere Menschen seien als Herrscher. Auf den Fundamenten der ökonomischen Dynamik baut man einen Wohlfahrtsstaat, der die Schwachen nicht im Stich lässt.

Indem er blind dem „Neuen“, den „Neuigkeiten“ hinterherläuft, kommt der moderne Mensch indes kaum zur Ruhe. Eine Überfülle an Eindrücken, Sinnesreizen, Verführungen und Herausforderungen erschöpft ihn, trotz der sogenannten Alltagsroutine (metro-boulot-dodo, U-Bahn – Job – Nickerchen). Kürzlich las ich ein treffendes Geständnis des bekannten Autors Henri Nouwen: „Ich hielt Vorträge darüber, wie wichtig Einsamkeit und Gebet sind, hatte aber kaum Zeit, allein zu sein. Ich hielt Vorträge über Mystik, konnte aber keine drei Stunden mit Gott allein sein, weil ich viel zu viel Stress hatte.“ Das erinnert mich an die Politiker, die über Familie sprechen, aber nie zu Hause sind … Fast bin ich auch so einer. Dann hat die Kultur der Stille keine Chance. Das menschliche Herz braucht Ruhe und Gleichmut, um nicht zu zerbrechen. Manchmal muss es von Hast und Unruhe befreit werden. „Zu sich selbst“ kommen nennt man das, was darauf hinweist, dass ständiger Aktivismus oft ein Mittel ist, sich selbst aus dem Weg zu gehen. Doch auch in der Freizeit und in der Entspannung ist der moderne Mensch oft Opfer einer Kunstwelt. Durch exotische physische und geistliche Übungen, durch forcierte Therapiesitzungen oder einfach durchs Herumlaufen will er frei flottierende Kräfte überwinden und den Frieden finden, zu-frieden sein mit sich selbst. Auch hier gibt es eigentlich einen anderen, natürlichen Weg: Den des Kontakts mit der Natur, mit Gott, mit den Menschen selbst, angefangen bei der eigenen Familie. Man braucht Disziplin, will man sich den Gesetzen der modernen Welt entziehen. Diese Übung jedoch ist nachhaltiger als alle weniger natürlichen Therapien. Aber: Echter, dauerhafter Friede mit sich selbst stellt sich nicht ein, wenn man nur ab und zu oder in Grenzsituationen auf Gott oder die Natur zurückgreift. Diese Rückgriffe müssen in ein Leben eingebaut werden, das stets vom Aktivismus geprägt bleiben wird. Manche werden sogar sagen, dass diese Harmonie letztlich eine noch höhere Rendite hat, weil sie den Verlust wettmacht, den Stress und Krise verursachen. Doch das ist nicht das Ziel.

Hat die Kirche all das verstanden?

In den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts lief sie der modernen Zeit nach – zu einem Zeitpunkt, als viele fragten, ob wir nicht in verrückten Zeiten lebten. Erinnern wir uns an die Krise der Gesellschaft, deren Symptom der Mai ’68 war und die durch die damaligen Ereignisse noch verstärkt wurde. Mich führt das zu der Erkenntnis, dass es keine Spezialität der Kirche ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Das galt auch im 19. Jahrhundert, als wenige in der Kirche etwas vom Liberalismus, vom Sozialismus, den Menschenrechten oder der Demokratie verstanden hatten.

Typisch für dieses Unverständnis war die Reform der Liturgie. Die Kirche verstand, dass eine tote Sprache wie das Lateinische in der Welt der Massenmedien, die auf Einfachheit und unmittelbares Verständnis setzen, nicht länger Vehikel des Sakralen sein konnte. So entschied sie sich zu Recht für die Nüchternheit des Wortes, auch in der Volkssprache. Der Gläubige jedoch hat kein Bedürfnis nach einem Wortschwall in seiner eigenen Sprache, sei er gesungen oder gesprochen. Er muss in der Kirche zu Gott zurückfinden. Gott ist in dieser Welt so fern, dass wir uns extrem anstrengen müssen, um ihn wiederzufinden. Der Gläubige muss sich in eine andere Umgebung begeben, um dem Anderen zu begegnen. Schon eine Stunde später wird es schwierig sein, in Seiner Gegenwart zu bleiben und Seinen Geist auf die Arbeit und die Tätigkeiten des Alltags wirken zu lassen. Die Liturgie müsste sich auch in den Dienst der Stille stellen. Gott kann nur sprechen, wenn wir schweigen und das Stimmengewirr verebbt. Für das Heilige müssen wir empfänglich werden. Denn zwischen Gott und der Alltagswelt gibt es eine Zäsur, eine Hürde. Sie ist die unvermeidliche Folge einer Gesellschaft, die nach den Gesetzen der Konkurrenz funktioniert, wie wir sie jetzt und zukünftig erleben.

Manche hoffen, dass wir die westliche Gesellschaft und Ökonomie wieder auf ein menschliches Tempo reduzieren können und dass es nicht nötig sein wird, künstliche Inseln der Stille als Zufluchtsorte zu schaffen. In einer wirklich menschlichen Gesellschaft sind solche Rettungsanker ihrer Ansicht nach überflüssig. Die Frage ist nicht allein, ob es möglich oder gar wünschenswert ist, dieses Tempo der Menschen zu reduzieren. Eine Wirtschaftsordnung, die nicht von so etwas wie Konkurrenz geprägt ist, steht unter dem Regime der Obrigkeit. Letztendlich wird sie diktatorisch regiert. So geht noch mehr an Menschlichkeit zugrunde, selbst wenn das diktatorische Regime sich das Glück der Menschheit auf die Fahnen schreibt. Aus der Erfahrung Osteuropas wird zudem deutlich, dass eine solche Gesellschaftsordnung schlicht wider die Natur des Menschen ist. Menschen können nicht auf Dauer in Unfreiheit und Lüge leben. Jede Diktatur streckt ihre Tentakeln auf alle Aspekte der menschlichen Existenz aus. Sie unterwirft den Menschen, statt ihn zu befreien.

Die Lösung, die man in Westeuropa für dieses Problem gefunden hat, nennt man Soziale Marktwirtschaft. Sie mäßigt das Wettbewerbsprinzip durch das aktive Eingreifen der Institutionen und gesellschaftliche Verständigungsprozesse. Diese Formel ist, historisch gesehen, bislang die erfolgreichste. Ihre Schwächen sind inzwischen zur Genüge bekannt und ausreichend beschrieben. Ihre Vorteile werden vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs des Marxismus in sozioökonomischer und menschlicher Hinsicht ebenso deutlich. „Die heutige westliche Zivilisation ist die bei Weitem freieste und humanste, die je existierte“, sagt mein Lehrmeister Karl Popper. „Sie ist in der Lage, sich selbst zu verbessern. In der Vergangenheit haben viele Ideologien der Gesellschaft die Kraft abgesprochen, sich systematisch selbst zu verbessern. Dass dies dennoch möglich ist, ist eine neue und wichtige Erkenntnis.“

Doch auch, wenn die Arbeitslosigkeit überwunden und unsere Umwelt sauber, sicher und gesund wäre, bliebe das oben beschriebene geistliche „Defizit“. Unser Gesellschaftsmodell schafft eine Welt, in der der Mensch als solcher zu ersticken droht – auch wenn andere Modelle kaum den Mindeststandards genügen. Aber, wie gesagt, die Flexibilität des westlichen Menschen bleibt groß.

Die Kirche wird eine entscheidende Rolle in dem Prozess spielen, der unsere Gesellschaften menschlicher macht.

Die Großherzigkeit

Eine harte Welt kennt kein Mitleid. Der Nächste ist Konkurrent, Rivale, Feind oder oft, noch banaler, Fremder. Menschen in der gleichen Straße, Nachbarn, sterben, ohne dass sie voneinander wissen. Plötzlich steht der Leichenwagen vor der Tür, ganz in unserer Nähe, ohne dass wir realisieren, dass da jemand das allerletzte Abenteuer durchgemacht hat – das des Abschieds.

Auf den anderen zuzugehen erfordert eine Anstrengung. Im Alltagsstress herrscht graue Gleichgültigkeit. Wer denkt schon darüber nach, was in dem Mann oder der Frau vor sich geht, die buchstäblich neben uns stehen im Zug, in der Schlange, im Kaufhaus? Wovon, von wem träumen sie? Was haben sie durchgemacht? Wen lieben sie? Wer liebt sie? Welche tödliche Krankheit schlummert in ihnen? Wie lang werden sie noch leben? Vor allem: Was habe ich für einen von ihnen getan oder was kann ich tun? Das ist eine Gewissensfrage. Für den Geschäftsmann, für den Politiker, für alle, die Verantwortung tragen, und für alle anderen gibt es die Stimme des Gewissens. Lebe ich für die Vergänglichkeit meines Wortes, meines Körpers, meines Geldes – oder bin ich zu mehr fähig? Trete ich aus mir selbst heraus oder bleibe ich Gefangener meiner Selbsterhaltung? Zudem stellt sich eine heroische Frage: Tue ich alles, was ich kann? Bin ich in dem, was ich geben kann, zum Äußersten gegangen? Christus antwortet dem reichen Jüngling: „Verkaufe alles, was du hast, verteile das Geld an die Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben.“ Und dann kommt es: „Dann komm, und folge mir nach!“ Oder das Beispiel der ersten Christen, die alles teilten. Oder das des Charles de Foucauld. Diese heroischen Wege stehen nur wenigen offen. Sie übersteigen die Kräfte des Durchschnittsmenschen.

Es gibt viele Möglichkeiten, dieser beklemmenden Frage auszuweichen. Ein Beispiel hierfür ist der Geschäftsmann, der sich selbst weismachen kann, dass er sein Unternehmen führt, um Menschen Arbeit zu verschaffen, oder dass seine Tätigkeit die sozialen Sicherungssysteme finanziert. Ich kenne einige Menschen, die aus dieser Überzeugung heraus arbeiten. Ich kenne andere, denen diese Motive als moralisches Alibi für Geld- und Machtgier dienen. Ein gewisser Typus des Politikers ist nicht in der Lage, sich für den Anderen als Anderen zu interessieren oder etwas für ihn zu tun. Die Etatisten reden sich ein, dass es für soziale Probleme allein „strukturelle“ Lösungen gibt. Die rein menschliche Herangehensweise sei lediglich karitativ und biete keine dauerhafte Lösung. Die strukturelle Herangehensweise indes verpflichtet niemanden, den Menschen ins Gesicht zu sehen und Anteil an ihrem Leben zu nehmen. Sie lässt zu, dass man gleichgültig bleibt und doch ein ruhiges Gewissen hat. Die Erfahrung jedoch lehrt, dass die Sensibilität für die Menschen stirbt, wenn es keinen lebendigen Kontakt mit ihnen gibt. Eine abstrakte Welt aus Strukturen und Organisationen führt bald ein Eigenleben. Sie verkommt zur Bürokratie, im schlimmsten Fall zur Schreckensherrschaft. Deshalb ist lebendiger Kontakt nötig. Hitler schloss die Fenster seines Zugabteils, als er verwundete und verstümmelte Soldaten sah, die von der Front zurückkehrten.

Ein Merkmal des Christentums ist die Verantwortung des Einzelnen. Ich werde nach meinen Taten beurteilt. Der Mensch muss sich verändern, sich bekehren.

In einer demokratischen Gesellschaft ist es in gewisser Weise unvermeidlich, dass die Gesetzgebung soziale Züge trägt. Es herrscht das Gesetz der Masse: Der Politiker muss sozial ausgerichtet sein, sonst kann er nicht genügend Menschen für seine Sache werben. Aber es gibt auch die Diktatur der Mehrheit, die viele Minderheiten aus dem Blick verliert. Auch ein demokratisches Gesetz kann unmoralisch sein – so einfach ist das. Ist der Andere der Feind oder einfach nur der Andere, dann haben die am Rande einen schlechten Stand, seien sie ungeboren oder schon auf der Welt. Diese Tendenz äußert sich in der Abtreibungsdiskussion und im zunehmenden Fremdenhass. Es gibt Menschen, die sich ein gutes Gewissen einreden, indem sie den Migranten vorwerfen, sich nicht oder nicht genügend anzupassen. In diesem Vorwurf liegt eine gewisse Wahrheit. Und doch ist da dieses dumpfe Gefühl, das den Anderen zurückweist, weil er anders ist als wir. Ein reicher, laizistischer Farbiger hat keine Probleme. Ein armer, religiöser und abweichend gekleideter stößt auf Widerstand. Je unsicherer der moderne Mensch (und auch der Christ) ist, je stärker er nach der eigenen Identität sucht, desto mehr neigt er dazu, Menschen und Gruppen zu suchen, die angeblich weniger wert sind und denen gegenüber er „jemand ist“. In einer Gesellschaft, die sich anderen Kulturen gegenüber rational und strukturiert zeigen will, gibt es eine zunehmende Irrationalität. Es wird viel über unsere Identität gesprochen – in einer zerbrochenen und haltlosen Zivilisation. Freilich, dieses Zerbrechen ist Teil der Natur des Menschen, und doch ist es in manchen Zeiten deutlicher als in anderen. Das Seltsame ist, dass Zeiten der Wohlfahrt und des Fortschritts den Altruismus stärker auf die Probe stellen als Krisenzeiten. Wohlstand betäubt und verwöhnt, er bringt Habsucht und Neid hervor. Mangel dagegen setzt Großherzigkeit frei, denn man weiß, was es bedeutet, Schwierigkeiten zu haben. Auch diese These kann man nuancieren. Doch zeigt die Erfahrung, dass sie viel Wahres enthält.

Der Christ darf seine moralische Haltung nicht von der Konjunktur abhängig machen. Seine Moral ist zeitlos. Er muss leben, als sei er „nicht Jude oder Grieche, nicht Sklave oder Freier, nicht Mann oder Frau“, im Bewusstsein, dass alle Menschen gleich viel wert sind. Diese Einstellung erfordert Anstrengung, weil sie bis zu einem gewissen Grad der menschlichen Natur zuwiderläuft, die auf die Selbstbehauptung ausgerichtet ist. Die Nächstenliebe ist die ständige Überwindung des Selbsterhaltungstriebs. Die Ethik ist Korrektiv der Biologie. Auch der moderne christliche Intellektuelle muss sich darüber im Klaren sein. Allzu oft treibt er auf den Wellen seiner Zeit dahin, zu denen die Xenophobie, die Angst vor dem Fremden, gehört.

Jede Gemeinschaft hat ein Reservoir an Großherzigkeit. Die christliche Welt besitzt kein Monopol auf diese Tugend. Junge Entwicklungshelfer lösen unsere Missionare ab. Ärzte ohne Grenzen helfen mit wirklicher Todesverachtung. Die karitativen Organisationen der Kirche stehen neben und zwischen anderen. Das ist gut so. Auf vielen Feldern, wo es um den Kampf gegen menschliches Leid geht, haben die Christen nicht mehr die „Leitung“. Sie sind nicht die Ersten, die helfen. Ich denke an die Aids-Patienten. Auf zahlreichen anderen Gebieten dagegen löst niemand die Christen ab. Man schaue nur auf die Situation geistig behinderter Menschen. Die Sorge für sie fordert von den Ordensleuten oder Laien großen Einsatz und große Selbstlosigkeit. Einem scheinbar heillos Verwirrten beizustehen erfordert fast übernatürliche Hingabe. Manchmal frage ich mich, ob das ohne Hilfe von „ganz oben“ möglich ist.

Das Reservoir an Großherzigkeit ist unverzichtbar für eine Zivilisation, die diesen Namen verdient. Man sagt zu Recht, dass sich der Entwicklungsstand einer Zivilisation danach bemisst, wie sehr sie sich um den Nächsten kümmert. Es gibt noch so viel Unrecht, Armut und Vereinsamung, dass unser Gewissen nicht ruhen darf.

Die Frage ist, ob diese Tugend der Großherzigkeit sich auf lange Sicht ohne eine religiöse Basis durchsetzen kann. Die Antwort ist: Nein.

Strukturen verändern nicht alles. Im Gegenteil. Der menschliche Faktor bleibt entscheidend, wie fremdbestimmt er manchmal auch sein mag. Erziehung, gute Vorbilder, die Weitergabe von Werten ganz allgemein, bleiben ungeheuer wichtig. Ihre Vehikel sind Familie, Unterricht und die Medien. Sie alle werden inspiriert vom Glauben.

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