Kitabı oku: «Drei im Himmelbett»

Yazı tipi:
Drei im Himmelbett

Hermann Bärthel

Drei im Himmelbett

Alle Rechte, insbesondere der Vervielfältigung, der Übersetzung, der Dramatisierung, der Rundfunkübertragung, der Tonträgeraufnahme, der Verfilmung, des Fernsehens und des Vortrages, auch auszugsweise, vorbehalten.

Der ursprüngliche Titel „Sterntaler“ wurde für die hier vorliegende überarbeitete Neuauflage geändert auf „Drei im Himmelbett“

© Copyright 2019 by Hermann Bärthel, Hamburg

Umschlaggestaltung: Nagl Design, Stade

Gesamtherstellung: epubli

Claudia und Martin - zwei Menschenkinder; eine Totalprothese, vulgo „FF - Folle Fresse“ und eine geplatzte Gesäßnaht.

Ein herrlicher Sommer hatte all seine bunten Farben über das Land gestreut, allenthalben leuchteten Blumen in verschwenderischer Pracht, sogar in dem kleinen Gärtchen am sanften Ufer der Schlei unweit des kleinen Städtchens, in dem ein lockiges Geschöpf ein Liedchen trällernd Spaliertomaten zählte, immer drei und drei, wie es einst die Mutter gelehrt hatte, damals, ehe an jenem unglückseligen Tag vor vier Jahren der Schrebernachbar ein begehrliches Auge auf ihr Mütterchen geworfen, und Kirsten Troddel, noch immer ein Weib in der späten Blüte ihrer Jahre, mit ihm davongezogen war in die Ferne, weit hinter Buxtehude, und Claudia, ihre Einzige, allein gelassen hatte.

Da saß es nun, dieses Kind der Liebe aus Kirstens leidenschaftlicher Hingabe zu Trutz Graf von Altenburg während jener schicksalsschweren Anwendung vor zweiundzwanzig Jahren ...

Claudias Mama war zu der Zeit eine blutjunge Heilgymnastin in einem Kneippbad, als der Graf mit Bandscheibenvorfall und ohne Dorothee, seine Gemahlin, in ihr Leben lahmte, sich aber schon nach drei Fangopackungen und zweieinhalb Massagen in wilder Begierde über alles, auch sein Stützkorsett, hinwegsetzte und damit Claudias Lebensweg begründete. Stand und Dünkel versiegelten danach seine gräflichen Lippen. Auch konnte Dorothee, wie er aus leidvoller Erfahrung wusste, treten wie ein Pferd, vorzugsweise ins Kreuz, und das machte sein Schweigen endgültig.

Ach ja, mein Mammilein, seufzte Claudia wehmutsvoll, da aber bimmelte es plötzlich ungestüm an der Gartenpforte!

Verwirrt erhob sie sich, doch schon von weitem sah sie Albert, den Jungpostboten mit einer büttenpapierenen postalischen Zustellung winken! Da flog sie hin zu ihm, ihr Goldhaar wehte im Winde, ihre Wangen glühten, und dann hielt sie ihn in ihren zitternden Händen, jenen Brief, den als Absender eine stolze Krone zierte: Trutz Graf von Altenburg

Und wieder kam sie ihr in den Sinn, jene traurige Kinderweise, die ihr Mütterlein oft leise zur Schlafenszeit an ihrem Bettchen gesungen hatte:

Ach, ziert auch heut die Krone nicht

dein golden Lockenhaar,

so wird doch einst und immerdar

dir leuchten hell der Liebe Licht!

Mein Grafenkind ...

Mütterlein spinnt ...

Weiter wusste sie nicht, und so brach sie bang das gräfliche Siegel und las erschüttert die Botschaft des alten Grafen, die von den Wirren seiner jähen Liebe zu Claudias jugendknospiger Mama berichtete; vom seit altersher unbeugsamen Stolz seiner Sippe, derer von Altenburg, die nicht nach Herz noch Treue fragte und schon gar nicht nach folgenschweren Fangopackungen; und von der Einsamkeit des Alters, die nun des Grafen Herz geöffnet hatte für die wahren Werte des Lebens! Nun hatte er sie endlich gefunden, nach verzagt durchwachten und erregt durchgooglelten Nächten, die ihm etliche unerfreuliche Kontakte mit anderen Damen bescherten, Claudia, seine Einzige, sein allerliebstes Wirbelstürmchen, wie er sie scherzhaft in Anspielung auf - aber das behielt er lieber für sich, auch wenn seine selige Dorothee längst das Zeitliche gesegnet hatte - genug: Noch war es nicht zu spät, um Vergebung zu bitten, in aller Form, und etwas wiedergutzumachen, soweit ein gräfliches Erbe es nur immer vermochte ...

Hier perlten Tränen über Claudias bleiche Wangen, und im nahen Fliederbusch zirpte eine Meise oder ein Rabe oder Ähnliches, und Albert, dieser Postkoloss von zwei Meter zwölf, klopfte ihr zärtlich auf die nun von heftigem Schluchzen zuckenden Schultern, so daß sie das Weinen vergaß; ihr blieb für längere Zeit die Luft weg.

„Albert,“ lächelte sie tapfer, „Albert, du Guter ...“ und Albert, in Verkennung der Ursache ihrer heißen Zähren, zog sie kraftvoll zu sich hoch, und so standen sie erstaunlich lange vereint, das heißt, Albert stand und Claudia hing, und noch immer zirpte was auch immer im besagten Fliederbusch.

Endlich setzte er sie behutsam auf den dafür nur mäßig geeigneten Gartenzaun, von dem sie aber sogleich unbeschadet hinabglitt, denn dergleichen problematische Platzierung war ihr durch Albert schon zweimal widerfahren.

Gütig verzeihend, aber auch fest sah sie ihm nun in die Augen und wollte zu einer Erklärung ansetzen. Da Claudia aber von Kind auf an eine leichte Schiefstellung der Äuglein zu eigen war, sah sie auch gleichzeitig an Albert vorbei, und was sich da ihren Blicken bot, ließ sie bis in die Purpurlippen erbleichen: Eine gräfliche Kutsche rollte heran, und als es vom Kutschbock „Brrr!“ schallte, hielten die schnaubenden Rösslein augenblicklich inne und scharrten fröhlich wiehernd mit den Hufen.

Herunter aber sprang Martin, des alten Grafen junger Gutsverwalter, und lief mit federnden Schritten, einen herrlich bunten Rosenstrauß schwenkend, auf sie zu. Galant küsste er Claudias schlankes Händchen, das heißt, eigentlich küsste er Alberts Pranke, weil dieser empört Claudias Hand an sich zog, lachte sie herzlich und offen an, wobei seine prachtvollen Zähne im sonnengebräunten Gesicht blitzten - Zahnfarbe 10, bemerkte Claudia erschauernd, weißer geht's nimmer - und verbeugte sich artig.

„Vom Grafen!“ erklärte er und überreichte ihr den üppigen Strauß. „Für Sie, gnädiges Fräulein - Sie sind doch Fräulein Claudia Troddel, Zahnarzthelferin von Beruf, nicht wahr?“

Claudia nickte errötend, in ihren großen blauen Augen spiegelte sich sanfte Freundlichkeit - und allerdings auch Albert, der all dies stumm betrachtete und heftig mit den Zähnen knirschte.

„Dein Beißschutz, Albilein, trägst du ihn nachts nicht mehr? Du knirschst schon wieder so grausig ...“ raunte Claudia ihm zu, doch Albert, der Hühne, blickte nur wild auf Martin hinab, schwang sich Ungutes knurrend auf sein Postrad, denn er hatte noch die halbe Tour vor sich, und strampelte mit einem bitteren „Moin!“ davon.

„Was er nur hat ...“ murmelte Claudia erschrocken, „So hat er noch nie geknirscht ...“. Doch dann besann sie sich und bat Martin hinein in ihr bescheidenes Gartenhäuschen.

Da standen sie sich nun gegenüber, die zwei Menschenkinder, und wusste doch keines, wie ihm geschah, hier in dem kleinen Stüblein, das eine große Firma so unbarmherzig möbliert hatte.

Innig schauten sie sich in die Augen, bis auf den Grund ihrer reinen Seelen, in denen wie eine tiefe Glocke die Botschaft einer nie zuvor geahnten Liebe erklang ...

Für einen Atemzug muss ich hier nun innehalten, weiß doch meine Hand vor Ergriffenheit kaum noch die Maus geschweige denn die Feder zu halten; aber was hilft es - das Rad des Lebens unserer beiden dreht sich weiter ...

Nach langem Schweigen endlich kehrten Martins Sinne aus süßem Traum zurück. Er räusperte sich mannhaft und sprach leicht verwirrt folgendes: „Ich … Sie ... ich will sagen, er, also der Graf ... Sie wissen ja, er hat Ihnen geschrieben, daß Sie ... Ich soll Sie ... Verzeihen Sie mir, daß ich mich vergaß, aber ... Der Graf bittet Sie für morgen Nachmittag um vier zum Tee, und ich soll Sie fragen, ob Sie ... Mein Gott, wie schön Sie sind ... Er hat mir nämlich dieses hier für Sie ...“

Und dabei zog Martin aus seiner Tasche ein schwarzledernes Etui, das er langsam und geheimnisvoll öffnete, und darinnen glitzerte eine von sanftem Rosèpaladon umbettete Achtundzwanziger, dem Laien eher bekannt als Totalprothese mit je vierzehn Zähnen oben und vierzehn Zähnen unten, auch vulgo „FF“ zubenannt - „Folle Fresse“.

Sanft stieg Röte in Claudias Pfirsichwangen - nun allerdings schon zum dritten Mal innerhalb von wenigen Minuten, was wir leider konzedieren müssen, denn im Leben verläuft selten etwas wie erwartet und in Claudias Backen schon gar nicht - sie deutete unbeschadet dessen stumm auf die gräflichen Beißer.

„Sind das ... des Grafen ...“ flüsterte sie dann stockend, und Martin nickte ernst.

„Ja,“ antwortete er, „schon vor sieben Wochen ist es passiert; der neue Koch ... die Schrotkugeln im Fasan ... und der Graf haute rein wie immer ... und plötzlich dieses grauenvolle Knacken - ich höre es immer noch ...“ Und dann berichtete er vom selbstlosen Opfer der treuen Dienerschaft, die dem Grafen im täglichen Wechsel ihre Prothesen ... untertänigst ... aber keine wollte recht passen ...

„Der Arme ...“ stöhnte Claudia mitfühlend, doch dann zeigte sie entsetzt auf die schimmernden Zahnreihen: „Gebrochen zwischen Viereins und Vierdrei - wissen Sie, was das bedeutet -?“

Verwirrt schüttelte Martin sein Haupt.

Claudia sah ihm tief in die Augen - sie hatte, wie bereits erwähnt, diesen festen Silberblick - und um ihren Mund legte sich ein bitterer Zug: „Ein Zahn fehlt!“ klagte sie tonlos.

Martin fasste sie erschauernd bei den Händen und zog sie an sich, während draußen ein Unwetter grollte und das Stüblein in fahles Licht tauchte. Forschend schaute er sie an und stieß mit vor Erregung heiserer Stimme hervor: „Claudia - um Gottes willen ... er hat ihn doch nicht etwa verschluckt, den Zahn ?“

Schwer lastete die bange Ungewissheit im Raum, doch dann gab sich Claudia einen Ruck.

„Ich werde kommen!“ erklärte die Zahnmedizinische Fachangestellte fest. „Mein Vater hat mich gerufen, und ich werde zur Stelle sein, mit Abdrucklöffel und Gummipott!“

Flammend vor Hingabe stand sie da, und in den langen, seidigen Wimpern schimmerte wie schon so oft eine Träne.

Wie ein Schwindel ergriff es Martin! „Süßes Mädel!“ stammelte er, denn er hatte sich nach all den Jahren im Dienste des Grafen dessen ein wenig altertümliche Ausdrucksweise angewöhnt, und eine heiße Woge der Zärtlichkeit durchwallte sein Herz. Ja, er wollte es beschützen, dieses holde Kind, fürder und fürder!

Glühenden Blickes und im Sturmgebraus seiner Sinne kniete Martin schon vor ihr nieder, als ein peitschender Knall die leicht stickige Luft zerriss: Die wenngleich elastisch vernähte Gesäßnaht seiner neuen doublestitched Jeans war geplatzt!

Brennend vor Scham glühte Martins Kopf, wobei der/die geneigte Leser/in beachten möge, daß flammende Hingabe, eine heiße Woge der Zärtlichkeit, ein glühender Blick, brennende Scham und ein glühender Kopf in so rascher Folge nur annähernd jene gleichsam überkochende Jugendhitze zu beschreiben vermögen.

Jedenfalls traf es sich gut, daß nunmehr durchs Fenster ein kühler Abendwind Martins Hinterteil umfächelte.

Aus Claudias Antlitz aber wich nun alles Blut, denn hinter Martin hing ein Spiegel. Mit letzter Kraft strich sie ihm lind übers Haar: „Gehen Sie nun, Martin - für heute habe ich genug gesehen ...“

Hilflos schaute er zu ihr auf, doch dann erhob er sich und stürzte ebenso eilig wie rückwärts zur Tür - zur Kutsche jedoch lief er wieder vorwärts, was ein mütterliches Lächeln auf Claudias Züge zauberte. Und während die Rösslein davonsprengten, sank sie selig in ihre kürzlich entklumpten Halbdaunen und träumte einem neuen Tag und der herrschaftlichen Einladung zum Tee entgegen.

Claudia im Schlafwagen des Dr.med.dent. Hieronymus Caldeherz; Träume unter Gummibaum und Speibecken.

Der nächste Morgen sah eine andere Claudia. Eine heiter summende junge Frau schaltete und waltete in ihrem kleinen Reich; endlich all der dräuenden Sorgen um ihre Zukunft ledig, knisterte sie unbeschwert ihr Müsli - was an sich schon erstaunlich ist, denn normalerweise knistern keine Personen ein Müsli oder anderes, sondern es knistert einfach so, vielleicht im Gebälk oder im Stroh - und schlürfte so ganz unbeobachtet und lauthals ihren Brombeertee. Ja, schließlich entgluckste ihr sogar ein kleines Bäuerchen, was sie mit einem übermütigen Kichern quittierte.

Nach all dem Knistern und Entglucksen aber schritt sie nun energisch ausholend zur Bushaltestelle und schaukelte alsbald ihrer alltäglichen Wirkungsstätte als ZFA entgegen, der zahnärztlichen Praxis des Dr.med.dent. Hieronymus Caldeherz.

Caldeherz, ein schon leicht kahlköpfiger und sich umso juveniler gerierender Mittfünfziger, hatte die Angewohnheit, unbeobachtet vom Patienten, Claudia bei der Verrichtung ihrer Obliegenheiten mit gelegentlichen leisen Schnalzlauten zu überraschen, wobei nicht immer klar war, ob dergleichen aus Bewunderung für die Eleganz ihrer Handgriffe oder als etwas ungeschicktes Anbaggern zu verstehen sei.

Jedenfalls schnalzte er an diesem Morgen sogleich bei ihrem Eintritt in rascher Folge, was Claudia zwar erstaunte aber nicht davon abhielt, wie immer heiter summend das blitzende Speibecken nebst Trinkbecher für die Patienten vorzubereiten. Plötzlich aber spürte sie, wie der heiße Atem ihres Chefs auf ihrem Hals lastete und er sie nach einem weiteren Schnalzer ungeschickt zu umarmen suchte.

Doch leichtfüßig und mit silberhellem Lachen entwich sie ihm und bat schon den ersten Patienten herein.

Dunkel glomm Caldeherz' Blick auf, aber dann hatte er sich gefasst und bohrte sich emsig dem vierten Mietshaus entgegen. Und nach drei unverhofften Goldinlays klang sein „Bitte absaugen...“ fast heiter; nur als Claudia wegen ihres leichten Silberblicks die Saugpumpe dem Patienten wieder einmal an den Kragen statt in den geöffneten Mund hängte, brummte er halblaut: “Dummerchen - doch nicht die Schuppen ...“

So verging der Vormittag, die letzte Patientin erholte sich unten im Döner-Imbiß, Claudia schaute noch einmal träumerisch über Einheit und Gummibaum und wandte sich mit einem fröhlichen „Tschühsserdokter!“ zur Tür, da ... da legte sich eine schwere Hand auf die Klinke, und Caldeherz murmelte mühsam beherrscht: „Claudia, bitte! Kommen Sie! Nur einmal! Alles will ich für Sie ... Bitte! Bittebittebitte!“

Und damit drängte er die heftig Widerstrebende ungestüm zu einer Tür, die sonst immer verschlossen war, und hinter der Claudia bisher eine Art Nickerchen-Kammer für ihren Chef vermutet hatte.

Jetzt aber schloss er mit der linken Hand auf, wobei er mit der rechten Claudia am Ärmel ihrer duftigen Sommerbluse hielt. Da sich der Ärmel dieserhalb recht unvorteilhaft und irreparabel verlängerte, trat sie dem Doktor wütend gegen sein Schienbein, und beide torkelten unterschiedlich lädiert in das Zimmer.

Zu Claudias Überraschung fand sich dort aber nichts, was auf entspannende Mittagsnickerchen schließen ließ, nicht mal ein spartanisches Ruhemöbel; stattdessen erstreckte sich entlang dreier Wände eine nach allen Regeln hanulliger Wissenschaft aufgebaute Modelleisenbahnanlage mit aus Bausätzen errichteten Bahnhöfen, Brücken, Unterführungen, Kehrschleifen, einem Ablaufberg, unzähligen Abstellgleisen, Häuschen - worunter Claudia entgeistert auch ihr bis ins letzte Detail nachgebildetes Gartenidyll gewahrte - und schließlich sogar noch einen Schattenbahnhof unter der Anlage, zu dem sich die Schienen in blinkenden Kreisen hinunterringelten.

Immer noch sein Schienbein reibend und so in unfreiwillig unterwürfiger Stellung verharrend keuchte nun Caldeherz: „Claudia! Teuerste! Alles habe ich aufgebaut für Sie, nur für Sie! Meine schönste Lok trägt Ihren lieben Namen - 'Claudia'! Im Speisewagen wird Brombeertee serviert, im Schlafwagen ...„ - hier hielt er erschrocken inne - „... im Schlafwagen ist alles zu Ihrer Bequemlichkeit ... ich selbst ruhe einstweilen im Gepäckwagen ... wenn ich nur in Ihrer Nähe sein darf! Bitte, bitte geben Sie freie Fahrt!“ Und wie um seinen Beteuerungen Nachdruck zu verleihen, hob er eine Signalkelle und pfiff gellend, wobei er eine rote Dienstmütze schwenkte.

Doch keine Lok setzte sich summend, rasselnd oder fauchend je nach Alter und Baureihe in Bewegung, denn die Gewerkschaft der Lokführer hatte zu einem neuerlichen Streik aufgerufen. Auch wurde im Speisewagen kein Brombeertee serviert, wie Claudia durch einen raschen Blick feststellen konnte.

Die Sache war also gründlich verfahren, obwohl alles stillstand, und Claudia sprach nun begütigend auf den Lok- und Lockenlosen ein, denn sie spürte wohl, wie ihm ein großer Traum zerrann. Bleich und mutlos nickte Caldeherz zu allem, was sie über ihre Einladung auf das gräfliche Schloss, den alten Vater und seine zerbrochene Zahnprothese berichtete, aber dann schien er seine Fassung zurückgewonnen zu haben, denn er unterbrach sie hastig und bot sogleich seine Hilfe an, denn jetzt sah er Claudia in einem ganz anderen Licht - eine reiche Adelsfamilie ... lauter Privatpatienten! Überschwänglich gratulierte er ihr und erbot sich sogar, sie in seinem eigenen Wagen zum Schloss ...

Aber sie stieg bereits die Stufen hinab und begegnete leider der letzten Patientin, die ihr, aus dem Döner‑Imbiss kommend, eine Füllung entgegenstreckte und mit weit offenem Mund auf die nunmehr leere Zahnruine wies. Claudia taumelte benommen zurück, denn der Döner war offenbar heftig gewürzt gewesen, und strauchelte ein wenig, wobei sie eine Hacke verlor. Der Weg zum Schloss wurde so zwar etwas beschwerlich, aber als vom Schlossturm vier Glockenschläge klangen, stand sie doch endlich vor der prächtigen Residenz.

Schweine im Schlossteich, treblestitched Jeans, Shorty in reseda mit Überhitzungsschutz 220 Volt; Schlossköchin Else - wer gehört wem?

Vor ihr erstreckte sich ein herrlicher Garten, über den sich ein strahlend blauer Himmel wölbte. Auf dem silbrigen Schlossteich schwammen majestätisch zwei Schweine, die der Druckfehlerteufel da hineingeworfen haben mochte, denn eigentlich waren es Schwäne, und die blitzenden Fenster des prachtvollen Anwesens schienen sie freundlich zu grüßen - also Claudia, nicht die Schweine, obwohl sie, wie gesagt, eigentlich Schwäne waren. Das nur zum besseren Verständnis.

Das anmutige Kind fühlte, wie ihm die Seele weit wurde - ach, wenn das doch die neue Heimat würde! Gegen diesen berechtigten und nur zu gut nachzuvollziehenden Wunsch ist sicher nichts einzuwenden, aber daß dafür eine Erweiterung der Seele Voraussetzung war, erscheint zumindest zweifelhaft. Wenn sich ihr Herz geweitet hätte, gut, das Herz ist schließlich ein Organ, aber die Seele?

Genug, gönnen wir ihr die weite Seele, sie wird sehen, was sie davon hat. Und in der Tat - kaum daß sie den kunstvoll geschmiedeten Klingelzug des Eingangstores ergreifen wollte, glitt ihr Blick das hohe Parkgitter entlang, und dort, vor der kleinen Gartenpforte des abseits gelegenen Verwalterhäuschens stand Martin und hob bescheiden und wehmütig die Hand zum Gruß.

Ja, nun hätte sie natürlich eher ein weiteres Herz gebraucht - also nicht ein zweites, natürlich nicht, sondern ein etwas geweitetes, denn dort drängte sich das Blut ungestüm wie die wilden Wasser der Schlei. Angezogen wie von magischen Kräften schritt Claudia Martin entgegen; zögernd zunächst, doch dann immer geschwinder, denn sie hatte ihre Schühchen abgestreift, wobei mir diese ewigen Diminutive allmählich auf den Sack gehen, und nun war sie bei ihm und hob ihm beschwörend den linken, hackenlosen Pumps entgegen. Und Martin, dieser Herzensgute, lachte tief und dröhnend, brach auch den anderen Absatz ab, und Claudia stand wieder fest auf beiden Füßen, wenn auch stark verkürzt.

Erst jetzt fand sie Muße, sich an seinem neuen Outfit zu weiden: Statt der neuen doublestitched Jeans, die er der geplatzten Gesäßnaht wegen sofort in eine griechische „Kleidererverkstat“ getragen hatte, deren Meister ihm verlässlich eine nunmehr treblestitched Naht zugesichert hatte, trug er jetzt ein modernes hosenähnliches Behältnis, das wahlweise als lange Hose oder als knielange Shorts zu tragen war und nun seine Waden schmuck umspielte. Er war gerade vom Einkaufen zurück und hatte auf die praktischen Taschen, neun an der Zahl, alles geschickt verteilt: 2 Brote, 5 Pfund Kartoffeln, 12 Eier, 6 Dosen Bier, 1 Blumenkohl, 1 Liter Milch, 2 Bratwürste, 1 Abwaschbürste und ½ Pfund Butter, die aber nicht weiter auftrug, denn sie war in der Tasche geschmolzen. Aus einer Hemdentasche lugte außerdem ein neuer PLAYBOY, aber der war für seinen alten Vater.

Herzlich drückte er Claudia, nicht achtend der Eier und des in solchem Kontext seltenen Genitivs, an sich, und dann betraten sie Hand in Hand das Verwalterhäuschen, das an der Eingangstür ein Schild trug mit der Inschrift „Regel 24 - Unbewegliche Hemmnisse!!!“, dessen dunkler Sinn Claudia einstweilen verborgen blieb.

Am Fenster saß der alte Oberförster, Martins Vater. Sein wasserheller Blick schien über sie hinweg ins Leere zu gleiten, dann schlug er flüchtig einen dicken Versandhauskatalog auf, murmelte Unverständliches und starrte wieder die Lippen bewegend ins Nichts.

„Er lernt Kataloge auswendig,“ flüsterte Martin ihr zu, „ das ist die Freude seines Alters ... Wollen Sie mal hören -?“

Claudia nickte zerstreut, Regel 24 beschäftigte sie noch immer.

„Otto!“ rief Martin, „Artikel 02483!“

Der Alte grinste freudig und antwortete augenblicklich: „Otto - find ich gut - Dessous, so leicht wie ein Frühlingslüftchen; Shorty in rheseda mit zweifach gelagertem Laufwerk und Überhitzungsschutz, 220 Volt, trägerlos und hautfreundlich ...“, dann versank er in ein unverständliches Brabbeln.

Nachsichtig schüttelte Martin den Kopf und zog Claudia an sich. Sein forschender Blick suchte den ihren, schon wollte er wieder vor ihr auf die Knie sinken, und ängstlich entrang es sich ihr: „Gedenke des Beinkleides, Martin ...“, doch da war nun keine Not, denn die inzwischen geleerten Shorts umhingen weit und schlapp Martins Hintern, und keine doublegestitchte Naht drohte mit peitschendem Knall zu zerplatzen. Stattdessen zerriss ein hartes „Klack!“ die Stille, und auf Claudias fragende Miene entgegnete Martin erklärend: „Ein Golfball. Unser Häuschen steht am Rande eines Golfplatzes, an der Biegung eines Doglegs. Und nicht immer gelingt es den Spielern, Flugbahn und Länge ihrer Bälle richtig einzuschätzen, und deshalb ...“

„Ein Dogleg?“ unterbrach ihn Claudia interessiert, „Dürfen denn hier Hunde frei herumlaufen?“ Doch ehe sie womöglich noch fragen konnte, wo denn hier der Hund begraben liege, wurden Haus, Claudia, Martin und der alte Oberförster nebst allen Katalogen durch ein Beben der Stärke 3 auf der nach oben offenen Richterskala erschüttert!

„Was ... war das??“ stammelte Claudia.

„Greenfeespieler!“ brummte Martin verärgert. „Diese Spinner haben keine Ahnung von Platzregeln und halten die Bank vor unserem Haus für ein bewegliches Hemmnis und versuchen, sie beiseite zu schieben, aber die Bank hängt fest am Haus und ...“

„Ah ...“ dämmerte es Claudia, „Deshalb der Hinweis an der Tür ...“

„Eben!“ entgegnete Martin. „Aber der dämliche Greenkeeper hat es an der falschen Hausseite angebracht, wo die Spinner es nicht sehen können! Und wenn sie an der Bank rütteln, rütteln sie am Haus! Leider sehen wir sie nicht kommen, weil alle Fenster auf der Platzseite inzwischen zugemauert sind! Und außerdem ...“ - er schüttelte verzagt den Kopf - „Riechen Sie nichts -? Kein Durchzug mehr! Da kann ich vorne so lange die Fenster öffnen wie ich will - kein Lüftchen mag sich regen ...“ setzte er überraschend poetisch hinzu, um dann zu einer längeren Erklärung über seines Vaters altersbedingte - „Sie verstehen?“ - anzusetzen, doch dazu kam es nicht mehr.

Jäh ward die Tür aufgerissen, und Else, die Schlossköchin, stürzte in die Stube.

„Der Graf!“ schrie sie, „Schnell, Martin, schnell! Es geht zu Ende mit ihm!“

Erregt drängte sie Claudia zur Seite und umschlang ihn: „Er stirbt! Und ich bin endlich frei! Nun will ich haben, was mir versprochen ist! Nun können wir heiraten!“

Bei diesen Worten wich alles Blut aus Claudias Wangen, und ihr Herz schlug bis zum Halse. Sie richtete sich auf, ballte ihre kleine Faust und schob sich ruhig und bestimmt zwischen Else und Martin, wobei sie sich auf Elses Füße stellte. Sie schaute Martin in die Augen, Else ihr in den Nacken.

„Martin,“ begann sie eindringlich, „ich will nicht wissen, was vor mir war ...“, doch Else unterbrach sie stöhnend: „Ich schon! Martin - wer steht da vor mir, zwischen uns und auf mir und wiegt so schwer?“ Und sie umschlang Martin und natürlich auch Claudia um einiges fester.

Da standen nun die Drei, und konnte doch keines vom andern lassen.

Mit einer geschickten Drehung seiner Hüfte, die er noch aus seiner aktiven Zeit als Judoka beherrschte, befreite sich Martin jedoch, strich zärtlich Claudia übers Haar und Else über die Nase, denn jene war größer, murmelte gerührt „Ihr Lieben ...“ und eilte erleichtert zu seinem Herrn ins Schloss.

Auch die Damen hatten sich voneinander gelöst und starrten erst Martin nach, dann einander an. Else schritt erregt um den Stubentisch Artikel 547295 aus der auslaufenden Reihe „Alt und doch immer wieder neu“ und klopfte herrisch auf die fast eichene Platte.

„Er gehört mir!“ presste sie hervor und meinte damit nicht den Tisch.

Trotzig warf Claudia das Köpfchen zurück: “Und ich gehöre ihm!!“

Schwer lastete die Stille über ihnen, nur gelegentlich durch einige „Klack!“s unterbrochen, während beide über die etwas widersprüchlichen Besitzverhältnisse nachsannen.

Schließlich durchbrach Else das Schweigen. „Ich bin zwar Köchin,“ sagte sie, „und es macht mir nichts aus, auch für drei zu kochen, aber - eine ist hier zu viel, das ist mal sicher!“

Auch Claudia schlug nun blitzenden Auges bekräftigend auf den Tisch, dessen Tackerverbindungen ächzend nachgaben. Unversöhnlich und vor Leidenschaft ebenso kochend wie ratlos wollten just beide dem schuld- und leimlosen Möbel den finalen Schmetterschlag versetzen, da hielt Claudia inne.

„So nicht!“ sagte sie erschöpft. „Was wir jetzt brauchen, ist Rat - wir brauchen einen weisen Rat! Einen Rat, der nicht vom Feuer unserer Jugend und Leidenschaft getrübt - nee, besser: versengt ist ... den Rat des abgeklärten Alters - der alte Oberförster, er wird wissen, was ...“

Doch Else brüllte dazwischen: „Der? Dieser senile alte Sack?? Der weiß doch nicht mal mehr, wo er ist! Alle naslang latscht er im Schloss rum und holt sich von der meschuggenen Toni neue Kataloge! Obwohl er da nix zu suchen hat!“

„Toni -? Welche Toni?“ fragte Claudia.

„Die Schwester vom Grafen.“ antwortete Else, „Die hat auch 'ne Klatsche, wie alle hier! Gräfin Antonie - daß ich nicht lache! Die ist noch bekloppter als der Alte! Und das will ich Ihnen sagen: Von diesen Typen lass ich mir jetzt nicht mehr länger in die Suppe spucken - jetzt werde ich hier mal ...“

Ehe sie aber weiteres zum Schutz ihrer Suppe formulieren konnte, tapste unsicher der Alte ins Zimmer und wurde sogleich von Claudia umringt.

„Lieber Herr Oberförster!“ herzte sie ihn, „Sie schickt uns der Himmel!“

Jener wich erschrocken zurück, aber hinter ihm wogte Else, und da war des Weichens nicht lange.

Claudia nahm seinen Kopf zwischen beide Hände, wie sie es bei Caldeherz gelernt hatte, wenn Patienten „flatterten“ - so nannte es der Chef euphemistisch - und seufzend entrang es sich ihrer Brust: „Försterchen, liebes Väterchen ...“ worauf der Alte sich ängstlich in Elses Arme drückte.

„Was soll das?“ stöhnte er, „Was will die? Wer ist das? Ich hab' nur einen Sohn! Und keine Tochter! Martin! Martin, wo bist du?“ Verzweifelt versuchte er, sich aus Claudias Schraubstock und Elses Armgebirgen zu lösen, aber Claudia blieb unerbittlich.

„Hochverehrter Herr Oberförster i.R.!“ ließ sie es nun an Form nicht fehlen, „Beide lieben wir Ihren Sohn von ganzem Herzen, zumindest ich ...“ - hier unterbrach Else sie wütend und so laut, daß der Ärmste ca. fünfmal „Au!!!“ wimmerte, und schrie: „Von ganzem Herzen? Daß ich nicht lache! Ha!!! (wiederum dreimaliges „Au!“ des Alten) Ich liebe ihn sogar mit Leib und Seele! So!!“

Doch Claudia fuhr unbeirrt fort:“ ... von ganzem Herzen, und Ihr Wort muss nun entscheiden: Wem soll Martin gehören - dieser Köchin hier oder mir?“ Und nach diesen Worten gab sie ihn frei, und auch Else ließ die Arme sinken.

Der alte Oberförster schaute sie entgeistert an, denn er glaubte seinen Sohn längst vermählt, und schlurfte in einiger Not weiter hastig dem WC entgegen. Doch die resolute Else drückte ihn heftig in einen Sessel.

„Von mir aus, meinetwegen!“ knurrte sie. „ Was soll geschehen? Los, du alter Quatschkopp! Nu sahch schon!“

Nunmehr sogar feuchten Blickes entgegenete er müde lächelnd: „Nichts, es ist bereits geschehen ...“

Dann aber erhob er sich - einmal um des Sessels willen und zum anderen wegen der ihm gestellten großen Aufgabe, die er nun klar erkannte.

Während sein Blick wieder in weite Ferne und über unzählige Versandhauskataloge glitt, formten seine alterswelken Lippen wie von selbst die Worte: „Einzel- oder Sammelbestellung? Nachnahme oder Vorkasse? Martin - versiegelt oder ohne Rückgaberecht?“

Und nach weiteren zweiundsiebzig teils bestätigten, teils entrüstet verneinten Fragen hielt er ein Stündchen inne, schaute an beiden vorbei - was ihm bei Else nur annähernd gelang - und sprach also: „In Beantwortung Ihrer Anfrage teilen wir Ihnen mit, daß wir Elses Bestellung der bereits länger währenden Geschäftsverbindung wegen vorrangig berücksichtigt haben. Wir wünschen Ihnen viel Freude an Martin, Sie haben gut gewählt! Sollten wir demnächst einen gleichwertigen Artikel in unser Angebot aufnehmen, werden wir Claudia gern unverbindlich benachrichtigen. Empfehlen Sie uns anderen Hunden ... krrr ... pt-pt-pt ... ERROR ... Kunden!“

Mit einem wüsten Freudenschrei taumelte Else unter Abriss der Klinke aus der Tür, während Claudia erbleichend gegen eine gleichfarbige Kalkwand sank.

Claudia und Obermedizinalrat von Exitus beim Grafen Trutz von Altenburg; was heißt „Fmaupfe“?

Abend war es geworden, ehe sie sich endlich aufrichtete. Müde schleppte sie sich ziellos durch den Schlossgarten und verharrte gebrochen auf der kleinen Brücke über den Schlossteich. In ihrem großen Herzeleid beugte sie sich über das Geländer, ihr Antlitz spiegelte sich tränenreich in der dämmerigen Tiefe, und bang fragte ihr Herz: „Ach, muss ich denn nun hinab ins dunkle Reich des Vergessens, hinab zu Wasserlilie und Entengrütze ...?“

Und ward ihr doch keine Antwort vom modrigen Grund ...

Ein schmaler Grat nur trennte die Verlassene vom lockenden Jenseits, sie, die so tapfer um ihre junge Liebe gekämpft hatte, und noch einmal schauten die blauen Augen in tiefstem Leid himmelwärts, wie immer etwas auseinanderstrebend, so daß der Himmel unschlüssig sein mochte, ob wirklich er gemeint sei, aber in letzter Sekunde näherten sich Schritte auf dem Kiesweg!

Obermedizinalrat von Exitus trat sacht zu der verzweifelten Claudia und strich ihr behutsam mit gütiger Hand übers Blondhaar.

„Na, kleines Fräulein, so ganz allein im kühlen Abendwind ...?“

Claudia schrak erheblich zusammen, man hörte so viel über ältere Herren, sogar in der behüteten Idylle ihrer Schrebergartenkolonie „Zur lustigen Laube“. Doch bald wurden ihre Bedenken zerstreut, denn der Doktor erklärte ihr, daß er just vom Krankenlager seines Patienten, des Grafen von Altenburg komme. Als sie dann aber nach dem Befinden des Grafen fragte, verdunkelte sich kummervoll sein liquidationslüsterner Blick.

„Nicht gut ... gar nicht gut ... Heute nachmittag hätte er zum ersten Mal sein Töchterchen in die Arme schließen sollen, jene Claudia, der in den letzten Tagen, Wochen und Monaten all sein Sinnen gegolten hat, in dem glühenden Wunsch, an diesem bislang so vaterlosen Kind wieder gutzumachen, was er einst ihrem Mütterlein angetan hatte ... Jedoch - sie ist nicht gekommen und alle Hoffnung dahin ... Ach, wer mag nun noch helfen ...“

Da plötzlich war es Claudia, als gingen tausend Sonnen in ihrem Herzen auf, und sie wusste, sie würde leben! Und auch der alte Graf ... alle Menschen ... alle Tiere ... alle Welt ... Und jubelnd brach es aus ihr hervor: „Ich! Ich bin Claudia!“

Exitus packte sie wie toll bei den Schultern: „Pax vobiscum, Kind!“ rief er, mehr Latein fiel ihm so schnell nicht ein, höchstens noch „Cave canem“, aber das passte hier noch weniger. Und er setzte hinzu: „Gegen Gevatter Tod ist kein Kraut gewachsen, aber ein Blümchen wie Sie! Ans Werk nun, geschwinde!“

Und schon flogen sie beide dahin - das heißt, der Obermedizinalrat flog hin, und Claudia half ihm wieder auf; stolpernd stürmten sie die Schlosstreppe hinan, vor ihnen öffnete sich knarrend die Flügeltür zum Gemach des Grafen - nur eine, die andere klemmte - und aus seinen Kissen und von der straffen Nackenrolle erhob sich totenbleich Trutz Graf von Altenburg, streckte beschwörend seine Rechte gegen Claudia und seine Lippen formten tonlos Worte. Dann sank er röchelnd wieder zurück.

Exitus war sogleich bei ihm und strich ihm die wirren Strähnen aus der Stirn, wobei er eingedenk seines einst nur hauchzart und dank besonderer Fürsprache des Grafen bestandenen Großen Latinums deklamierte: „Ut desint vires tamen est ...“.

Weiter kam er nicht mit der klassischen Beschreibung der schwindenden Grafenkräfte, denn jener richtete sich erneut auf und schleuderte ihm entgegen: „Fmaupfe! Waf mir fehlp, winp mich meime Kräfpe fomberm meime Beifer!“ - sein Leihgebiss war ihm zwischen die Kissen gerutscht.

„Mein Vater!“ schluchzte Claudia ihm entgegenstürzend in den verletzend gestärkten Damast, und der Graf stöhnte matt: „Meime Pochper ...“

Fest schloss er sie in seine Arme und Exitus sacht die halbe Flügeltür, während draußen in der Welt das Rad der Zeit sich weiter drehte und manch Landmann übers weite Feld seine Gülle goss. Vater und Tochter hatten endlich zueinandergefunden.

Nachdem sie mit vereinten Kräften verblüfft unter übermütigem Lachen zumindest die obere Prothesenhälfte am Fußende entdeckt hatten, erfuhr Claudia mit freudigem Erstaunen von ihrer bevorstehenden Adoption; im Herbst schon sollte die Sippe derer von Altenburg zusammenkommen, um sie in den Schoß der Familie aufzunehmen. Im kleinen Seitenflügel des Schlosses war bereits alles für die junge Herrin vorbereitet - Trutz selbst hatte es sich nicht nehmen lassen, vom Krankenbett aus Muster und Farbe der Tapeten zu bestimmen und damit geschafft, was dem Kammerjäger nie gelungen war: Kein Mäuschen ließ sich mehr blicken!

Dann schieden sie einstweilen voneinander. Auf Zehenspitzen verließ Claudia den hohen Raum, wo ihr Vater sanft und selig lächelnd in einen erquickenden Genesungsschlummer gesunken war, um im Traum endlich wieder Wörter mit vielen Zischlauten zu artikulieren -.

Bewässerung und Vergiftung der Antonie; das Geheimnis um Boudoir und Fauteuil; „Vergib mir, Kind ...“

Auch Claudia wähnte sich in einem Traum, als sie der großen Halle zustrebte. Die letzten goldenen Strahlen der Abendsonne tauchten den edel matt schimmernden Parkettboden in ein sanftes Licht, was eigentlich unlogisch war, denn die Abfolge von goldenen Sonnenstrahlen, mattem Schimmern - sogar edel matt schimmerndem Parkettboden - und sanftem Licht ... Schließlich schimmerte das Parkett nur deshalb edel matt, weil die Strahlen besagter Abendsonne es in ein sanftes Licht tauchten, also vorher hatte es vermutlich nicht edel matt geschimmert - es sei denn, die Halle wäre bereits traulich von Kerzenschein durchflutet gewesen, wovon hier nicht die Rede ist, hier war es die Abend... Genug, Wichtigeres gilt es nun zu schildern!

Als Claudia wie bereits erwähnt der großen Halle zustrebte, gewahrte sie, wie aus einem dunklen Seitengang eine weißhaarige alte Dame hastig heranschlurfte.

Ehe Claudia sich besinnen konnte, zog Antonie Gräfin von Altenburg - um niemand anderen handelte es sich dabei als um die Schwester des Grafen - jene also zog sie in einen verhangenen Winkel, presste Claudias Arm schmerzhaft und raunte ihr mit böse funkelnden, Unheil verkündenden Augen zu: „Sachte, Kindchen - nicht zu früh gefreut!“

Mitleidlos drückte die Alte zu, und Claudia wusste plötzlich, wer des Grafen Gebiss zerbrochen hatte. Doch die Gräfin raunte weiter: „Nie, hören Sie, nie soll ein Wechselbalg unseren stolzen Namen beschmutzen! Hier bestimmt nur eine, und das bin ich! Jedoch ...“ - und damit umspielte ein hässlich zuckendes Grinsen ihre strichdünnen Lippen - „... mögen Sie immerhin wählen: Entweder Sie gehen auf der Stelle und kehren nimmer wieder - dann sollen Sie binnen Monatsfrist Millionärin sein, dafür sorge ich! Oder aber Sie spielen weiter Ihr schändliches Spiel und versuchen, sich hier ins gemachte Nest zu setzen, und dann, das verspreche ich Ihnen, dann werden Furcht und Schauder künftig Ihr kurzes Leben bestimmen, so wahr ich Antonie Gräfin von Altenburg bin!“

Heftig riss sich Claudia los. Eine steile Zornesfalte grub sich in ihre makellose Stirn und gab ihrem Silberblick etwas Schneidendes. Erregt stampfte sie mit einem Fuß auf und zwar leider auf den anderen, was ihren Grimm nicht minderte.

„Ich bin zwar keine ‘von’ - noch nicht, noch nicht - sondern nur eine Troddel,“ schleuderte sie der Gräfin entgegen, „aber niemand zerrt die Ehre einer Troddel ungestraft in den Staub! Pah!!!“

Das „Pah!!!“ spuckte sie so erbittert aus, daß Antonie sich erschrocken hinter einer Portiere in Trockenheit brachte.

„Kind, Kind!“ wehrte sie beschwichtigend ab, „Üben Sie Nachsicht mit einer alten Frau ...“ - und diese Selbsteinschätzung war durchaus gerechtfertigt, denn ihr bisher verjüngendes Make-up war durch heftiges Reiben auf die Portiere übergegangen - „... denn ich wollte doch nur prüfen, ob wirklich die Bande des Blutes Ihr Handeln bestimmen oder nur schnöde Gier!“

Claudia sagte zwar noch zweimal „Pah!“, aber viel leiser und weniger feucht, so daß die Gräfin die Portiere fahren ließ und Claudia gewinnend lächelnd zu einer Erfrischung in ihr Boudoir einlud.

Da Claudia ob des ungeplanten Wasserverlustes wirklich Durst verspürte und keinesfalls ahnte, was sich im Boudoir abspielen mochte, geschweige denn wie ein solches geschrieben wird, willigte sie freudig ein.

Beide machten sich nun auf den Weg zum Südflügel und erreichten noch am selben Abend den prächtigen Trakt, in dem Antonie Gräfin von Altenburg mit vier allerliebsten Kätzchen residierte.

Schwer atmend von dem Weg und dem Duft der allerliebsten Kätzchen sank Claudia in ein Fauteuil, wiederum ohne es zu wissen oder gar buchstabieren zu können. So ist halt das Leben bei Hofe, sagte sie sich und betrachtete staunend die Ahnengalerie rings an den Wänden des Dingsbums - „Boudoir“ wollte ihr immer noch nicht in den Sinn kommen - während die Gräfin abseits aus zwei zierlichen Kristallkaraffen die Gläser füllte; das eine mit blutrot leuchtendem Rotspon, das andere mit einem lieblich moussierenden hellen Riesling der Marke „Bodesheimer Schaföttchen“.

In den roten Trunk aber träufelte sie heimlich und blitzschnell ein paar Tropfen aus einer güldenen Ampulle, die sie an einem Kettchen um den Hals trug.

Mit einem herzlichen „Zum Wohle!“ servierte sie auf einem silbernen Tablett, wobei sie den verderblichen Todestrank unmerklich dem ahnungslosen Kind zuschob.

Claudia aber ergriff beim ahnungsvollen Flackern der Kerzen wohlgemut das Glas mit dem perlenden Riesling - ihr Mütterlein hatte sie stets vor Rotwein gewarnt wegen seines Gehaltes an Gerbsäure - und rief übermütig: „Proost! De keen'n hett, de hoost!“ und trank das edle Nass mit Genuss unter anerkennendem Schmatzen.

Aschfahl sank nun auch die Gräfin in ein Fauteuil, denn vor ihr stand jetzt der purpurne Gifttrunk. Nur einen kurzen Augenblick zögerte sie, dann griff sie nach dem Glas und - trank es in einem Zug leer!

Bewundernd prustete Claudia: “Mann, hast du 'n Zug, Tante!“, doch diese schleuderte ihr Trinkgefäß hinter sich - zu Claudias noch größerem Erstaunen zielsicher in eine der vier Katzentoiletten - sah sie mit einem fast schon jenseitigen, müden Lächeln an und sprach:“ Ach, so ist denn meines Bleibens hier auf diesem Erdenrund nicht länger - ich muss nun scheiden ... der Tod ruft mir ...“. Und das war nun wirklich ein Wahnsinnsdativ, der jeden anderen in höhere linguistische Sphären versetzt hätte, nicht jedoch Claudia.

Claudia hielt das für übertrieben; sie hatte schon schlimmeren Fusel getrunken, damals, auf dem Kostümball der Jungpostboten; der überwältigend antiquierte Dativ löste keine weiteren Reaktionen in ihr aus.

Aber die Gräfin schien nun wirklich ein wenig zu sterben, denn sie begann völlig unrhythmisch mit ihrem Fischbeinkorsett zu klappern.

„Ver...giftet ...! brachte sie noch hervor, dann sank sie entseelt auf eine Katzenhälfte, die gellend aufschrie.

Entsetzt erkannte jetzt das Mädchen, welches Damoklesschwert schon für es gewetzt war, doch dann siegte ihr gutes Troddelherz, und sie empfand tiefes Mitleid für die alte Frau. Sie sprang entschlossen auf, zerrte die Greisin - man beachte hier auch die ablaufbedingte Wandlung von alter Frau zur Greisin - zerrte sie der Reihe nach zu allen vier Milchnäpfen auf dem Boden des Boudoirs und flößte ihr so einen guten Liter ein.

Dann riss sie zwei Kippfenster aus den Angeln und stemmte diese mit übermenschlicher Kraft hinunter in den Schlosshof, wobei sie klugerweise „Help! Help!“ schrie, denn es mochten ja fremdsprachige Gäste im Schloss weilen. Schon von weitem hörte sie bald Obermedizinalrat von Exitus herankeuchen, der auf Antonie zustürzte und nach einem kurzen Blick auf ihren Milchbart „Auspumpen! Auspumpen!“ rief.

Martin verstand unten auf dem Schlosshof „Aufpumpen! Aufpumpen!“ und eilte mit einer Fahrradpumpe herbei, doch die Gräfin war inzwischen wieder zu sich gekommen, denn das Haltbarkeitsdatum der Gifttropfen war um acht Jahre überschritten.

In Exitus' Armen flüsterte sie matt: „Vergib mir, Kind ...“ und nestelte mit zittriger Hand aus ihrem Spitzentäschchen einen funkelnden kleinen Schlüssel, den sie Claudia mit bittender Miene überreichte.

Diese knickste anmutig dankend, aber auch erstaunlich tief, denn infolge ihres reizenden Silberblicks griff sie zweimal am Schlüssel vorbei. Doch als ihr Händchen ihn endlich erhascht hatte, schaute sie ergriffen in die gütigen Augen des Obermedizinalrats und die tränenfeuchten der Gräfin und zwar gleichzeitig - aus eben demselben bereits genannten silbernen Grunde. Sie neigte in Demut ihr Haupt und barg das stählerne Kleinod verschämt an ihrem Busen, wo es allerdings später durchrutschte und sich zu Claudias ehrlicher Überraschung an gänzlich anderer Stelle wiederfand.

Elses verderbliche Säfte; Claudia als Alleinerbin beim Notar; der Schneidbrenner in der Zweitfrisur.

Früh kitzelten am nächsten Morgen vorwitzige Sonnenstrahlen Claudia wach, und zum ersten Male konnte sie in Ruhe all die gräfliche Pracht bewundern, die sie nun durchs Leben begleiten sollte. Gemälde an allen Wänden, dabei allerdings auch vier aus des Grafen schöpferischer Periode, auf deren helleren Flächen sich nur ungenügend abgedeckte Zahlen tummelten; offenbar hatte Trutz statt der empfohlenen Temperafarben solche aus einem schon jahrelang unbenutzten Aquarelltuschkasten verwendet, denn er war von Natur ein sparsamer Mensch. Auch schienen ihm seine schon etwas altersgetrübten Augen des öfteren einen Streich gespielt zu haben, als er die in der Malvorlage angegebenen Nummern verwechselte und so zu einer sehr eigenwilligen Farbgebung neigte; insbesondere die offenbar aus einem medizinischen Fachbuch angeregte Darstellung eines geöffneten Furunkels in einer sehr realistisch gelungenen Vermengung von Blut, Eiter und einem wässerigen Sekret hatte schon öfter zu heftigem Unwohlsein zufälliger Betrachter geführt; der Stubendienst wusste ein Lied davon zu singen. Auch Claudia schoss es heiß in die Gurgel, als ihr Blick das Stillleben nur streifte, und sie drehte es entschlossen gegen die Wand. Wobei sie auf der Rückseite den rätselhaften Vermerk entdeckte „Trutz von Altenburg: Sonnenuntergang am Ukleisee“. Der Malvorlage nach sollte es sich zwar um den Lago Maggiore handeln, aber Trutz war heimatverbunden.

Sodann tickte laut in einem Winkel eine fast unflätig große und grob geschnitzte Kuckucksuhr, der irgendeine Bubenhand das Vöglein mit einer Gebissprothese - womöglich sogar der des Grafen - vertauscht hatte. Und wenn solche Zahnreihen zwölfmal „Kuckuck“ rufen, ist das nichts für schwache Nerven, insbesondere wenn dabei Ober- und Unterkiefer infolge des ursprünglich den Vogelschnabel bewegenden verborgenen Mechanismus schaurig auf und zu klappen. Klug klemmte Claudia deshalb einen Apfel in das Gebiss, so daß nur noch leise, erstickte Kuckucksrufe ohne Klappern zu vernehmen waren.

Gegen die ziemlich kranken, dem Grafengeschmack zwar entsprechenden aber jedem anderen deutlich zuwiderlaufenden Tapeten war sie natürlich machtlos, aber immerhin waren sie gegenüber den Trutzgemälden fast schon ein Augenschmaus.

In Claudias Betrachtungen mischten sich nun Geräusche aus dem Nebengemach. Dort schien Antonie Gräfin zu Altenburg noch in Morpheus' Armen zu ruhen. Morpheus musste sich indes wohl mit Oropax versehen haben, denn die Gräfin schnarchte wie ein alter Hund.

Wohlig streckte sich das junge Blut inzwischen auf einem zierlichen Kanapee, das darob seufzend eine seiner Armlehnen aufgab, denn auch dieses Möbel stammte wie der fast eichene Tisch in der Försterkammer aus der Versandhausreihe „Alt und doch immer wieder neu“ - daher der nachgebende Charakter beider Artikel.

Nichts währet ewiglich, erkannte sie richtig, und da sie nun genug Platz auf dem Möbel fand, streckte sie sich noch ein wenig mehr über die Plüschstatt hinaus und machte einem zierlichen Blumentreppchen den Garaus. Bevor sie aber die Reste der Einrichtung in Trümmer legte, eilte sie hurtig ins Bad, um ein Schlückchen lauwarmen Wassers zu trinken wegen ihrer geregelten Verdauung, warf trällernd ihr Kleidchen über und sprang fröhlich in den neuen Tag hinaus.

Zwar sprang sie außerdem in etwas von den Kätzchen, doch das verlor sich die hundertundvier Treppenstufen hinunter fast gänzlich.

Drunten, in der sonnendurchfluteten Halle, war der Frühstückstisch reich gedeckt - fast bog er sich unter der Last der Köstlichkeiten. Tiegel reihte sich an Tiegel, Kumme an Kumme, und alle bargen köstliche Spezereien aus Küche und Keller.

Else, die wackere Schlossköchin, war nicht müßig gewesen: Original englischer Porridge, nur mäßig angebrannt, leicht verkohlte Würstchen und ehemaliges Rührei wetteiferten um die Gunst der Herrschaften mit elf Käsesorten, deren harsche Düfte zweifellos einer recht sorglos gewährten Lagerzeit geschuldet waren. Müslis der abenteuerlichsten Kompositionen, eingelegte und leider wieder hervorgeholte Früchte längst vergangener Ernten sowie Säfte, deren Herkunft Elses dunkles Geheimnis war, sollten Zunge und Gaumen erfreuen.

Ja, das war nun eine herzerfrischende Runde, zu der sich Trutz, Exitus und Claudia zusammenfanden. Exitus sorgte mit immer neuen fast lateinischen Sprüchen, Trutz mit fröhlichen Rülpsern und Claudia mit folglich entzücktem Prusten für die rechte Stimmung, die nur leicht gedämpft wurde durch Antonies Erscheinen an der Tafel.

Sie klagte über Appetitlosigkeit, denn sie kannte die schaurigen Folgen von Küche und Keller und bevorzugte zum Frühstück nur einen Zigarillo, zu dem ihr Exitus galant Feuer gab. Die Flamme schoss aus dem Feuerzeug wie aus einem Schneidbrenner und setzte neben dem oder besser: oberhalb des Zigarillos auch die Zweitfrisur der Gräfin in Brand, welcher aber durch das beherzte Leeren zweier Saftkrüge augenblicklich gelöscht wurde. So nahm Antonie wenigstens etwas flüssige Nahrung zu sich und verzichtete weise auf den nassen Zigarillo.

Viel zu schnell vergingen die heiteren Morgenstunden, der Graf ließ anspannen - nicht ohne zuvor einen strengen Blick auf Martins mehr als legeres Outfit zu werfen: „Kerl! Wie laufen wir denn rum? Trägst du deine Dienstkleidung nicht mehr?“

Martin musste eingestehen, daß durch ein kürzliches Missgeschick seine Diensthose - aber schon morgen sei der Schaden wieder behoben und ...“

„Papperlapapp!“ kürzte Trutz schroff ab. „Demnächst wird hier angetreten, und dann geht's zu Mauser, meinem alten Schneider, eine neue Hose anmessen! Verstanden?“

Martin nickte gehorsam, und dann schritt - oder eigentlich fuhr - man vermittels der gräflichen Kutsche zur Tat, d.h. zur hiesigen Bankfiliale und den dortigen Schließfächern.

Das mag jetzt etwas rätselhaft klingen, aber der/die geneigte Leser/in wird sich erinnern, daß die Gräfin nach ihrem kurzzeitigen Ableben Claudia ein Schlüsselchen überreichte, und dieses - genau: Dieses war das nämliche für das Schließfach der Gräfin.

Claudia öffnete unter den wachsamen Augen Antonies, die heuer besonders wachsam wirkten, weil auch Wimpern und Augenbrauen unter Exitus' Schweißversuch gelitten hatten, sie öffnete also das Fach und entnahm ihm ein Testament, den letzten Willen der Gräfin.

Sodann suchte das Trio den alten Notar der Familie auf, um eine Testamentsänderung vornehmen zu lassen. Per Erbschaftsvertrag setzte Antonie die künftige Claudia von Altenburg als Alleinerbin ihres Vermögens inklusive der vier allerliebsten Kätzchen ein.

Hier schickte Claudia fragende Blicke zu Exitus, aber jener deutete ein vielsagendes Kopfschütteln an; Kätzchen haben zwar sieben Leben, wie der Volksmund sagt, hier also insgesamt achtundzwanzig, doch ihr väterlicher Freund werde schon geeignete ... Da war sie beruhigt.

Nach erfolgten Unterschriften kredenzte der Notar allen ein Glas Prosecco aus einer vor zwei Tagen geöffneten Flasche; da hatte er nämlich die bis dato letzte Testamentsänderung für die Gräfin vollzogen. Und da der Diener Justitias und Antonies dieses Gesöff selbst nicht trank, langte eine Pulle locker für zwei, drei neue Testamente.

Hier bedarf es des Hinweises, daß es in den vergangenen Jahren zur lieben Gewohnheit der Gräfin geworden war, selbst noch so kleine Handreichungen des Schlosspersonals - und sei es das Knacken einer Kopflaus - mit dem huldvollen Versprechen zu belohnen, sie oder ihn großzügig in ihrem Testament zu bedenken. Und da der dienstbaren Geister viele waren und die Fluktuation kätzchenbedingt erheblich, hatte der Notar gut zu tun. Ja, recht eigentlich beschränkten sich seine beruflichen Aktivitäten nach und nach ganz auf Antonies Änderungswünsche, und er fuhr nicht schlecht dabei. Besser jedenfalls als die Beglückten, deren sich in raschem Wechsel oft dreißig und mehr im Testament tummelten.

Diese Beschränkung auf eine Alleinerbin war natürlich ein herber Schlag für alle Betroffenen und insbesondere für den Notar, dem einstweilen seine wichtigste Einnahmequelle zu versiegen schien, und der sich plötzlich hilflos fünf Kisten Prosecco der übelsten Sorte gegenüber sah - er hatte klug die Vorteile einer Großbestellung genutzt, und sein Lieferant war unbekannt verzogen.

Nur für Claudia war es ein Glückstag, und so war sie am nächsten Morgen kaum verwundert, beim ersten Blick aus ihrem Fenster den Schlosshof schwarz voller Menschen zu sehen, die ihr offenbar huldigen wollten.

Gerührt und anmutig winkte sie in den Hof hinunter, von dem nun Jubelrufe wie „Sei gegrüßt!“ und „Süßes Kind!“ zu ihr empor brandeten, was sich bei näherem Hinhören allerdings als „So ein Biest!“ und „Schieß in'n Wind!“ erwies.

Dies stimmte Claudia recht nachdenklich, zumal sie bereits in erster freudiger Reaktion zwei Blumentöpfe als kleines Dankeschön hinuntergeworfen hatte, was jedoch die Wutschreie nicht milderte sondern eher noch verstärkte.

Auch Else hatte sich mittlerweile eingestimmt in das Protestgeheul. Weit aus ihrem Küchenfenster gelehnt, gestikulierte sie wild und stieß nie gehörte Verwünschungen aus. Da das Küchenfenster aber nicht zum Hof sondern zum Golfplatz wies, erschienen ihre lautstarken Flüche den Protestierenden im Schlosshof seltsam erdenfern, wenn auch durchaus willkommen. Ein gerade startender Flight auf dem Golfcourse war sichtlich irritiert, und die Golferin am Abschlag produzierte einen grandiosen Slice. Die vier Spieler brüllten unisono „FORE!!!“, denn der Ball verfehlte Else nur um eine Fensterbreite, und die Schlosshofmeute nahm den Schlachtruf begeistert auf.

„FORE!!!“ hallte es nun unablässig durch Hof, Schloss und weitere Umgebung, und Golfkundige suchten eilig Deckung hinter Mauern, Bäumen oder Golfunkundigen.

Claudia, die ebenfalls des golferischen Warnrufes unkundig war, wollte nun unbedingt der Sache auf den Grund gehen, also auf den Schlosshof, und trat alsbald mutig und gegen den strikten Rat des Obermedizinalrats, der sofort zwecks eventuell liquidationsfähiger Rettungsmaßnahmen herbeigeeilt war, unter die enterbte und somit aufgebrachte Menge. Nur mühsam stellte sich der bisher so Ahnungslosen aus all den hitzigen und erbitterten Zurufen der Sachverhalt dar und ließ sie für eine Weile erschüttert lauschen.

Sodann schüttelte sie fast noch etwas länger ihr Blondköpfchen, was bei einigen den Eindruck mitfühlender Verwunderung erweckte, bei den Älteren und entsprechend Misstrauischeren aber als Verneinung jedwelcher früherer Erbansprüche verstanden wurde.

Dies währte indes nicht lange. Denn nun hob die neue Alleinerbin an, in gewohnt feuchten und herzergreifenden Worten aus ihrem bescheidenen Leben als Dentalassistentin zu berichten; von ihren Kümmernissen, aber auch von dem kleinen Glück, dessen sie nun ein Zipfelchen in ihren kleinen Händen hielt ...

Schon wischte sich gar mancher aus dem sich ständig erweiternden wasserscheuen Kreis um sie herum verstohlen eine Träne aus dem Auge. Und als es dämmerte endlich, wandelten sie, die Enterbten, glücklich und wie im Traum von dannen. Im Laufe von nur einer Woche wurden in dem kleinen Städtchen an der Schlei weitere einhundertzweiundvierzig Testamente aufgesetzt, von wildfremden Menschen, zugunsten unserer Claudia, ach ja ...

Außerdem noch eine Klage beim Arbeitsgericht.

Dr.med.dent. Caldeherz war der Kläger. Da er seit Claudias schnödem Verzicht auf modellbahnige Lust nichts mehr von ihr gehört hatte, pochte er nun in Ermangelung gräflicher Rachensanierungen auf Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses, ersatzweise Zwanzigtausend Entschädigung, notfalls Beugehaft und etwas Pranger.

Claudia wurde die Klageschrift während des Frühstücks zugestellt, und da sie erbleichte, obwohl sie noch keinen Saft zu sich genommen hatte, griff Trutz verwundert nach dem Schreiben. Er erblich nicht - diese Form hier nur der Abwechslung halber - sondern lief puterrot an. Ja, er geriet so außer sich, daß er augenblicklich Martin anspannen ließ, Exitus und Claudia sich zu entspannen hieß (auf diese sprachliche Parallelität bitte ich zu achten!) und per Kutsche in rasendem Galopp zur Praxis des juvenilen Caldeherz jagte.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
23 eylül 2025
Hacim:
130 s.
ISBN:
9783748533085
Yayıncı:
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