Kitabı oku: «Fernwehträume»

Yazı tipi:

Hermann Bauer

Fernwehträume

Kriminalroman


Zum Buch

Ausgeträumt Ruhig liegt das Kaffeehaus »Heller« im nebligen Wien nördlich der Donau. Dies ändert sich schlagartig, als ein Stammgast, die pensionierte Susanne Niedermayer, erschlagen aufgefunden wird. Die Polizei vermutet einen Betrunkenen als Täter, doch Chefober Leopold mag nicht an diese Version glauben. Auf eigene Faust stellt er Nachforschungen an. Eine heiße Spur führt ihn in den Klub »Fernweh«. Bei Filmvorführungen und Diavorträgen floh die alte Dame hier regelmäßig aus der Enge ihrer Heimat in die große weite Welt.

Hermann Bauer wurde 1954 in Wien geboren. Dreißig wichtige Jahre seines Lebens verbrachte er im Bezirk Floridsdorf. Bereits während seiner Schulzeit begann er, sich für Billard, Tarock und das nahe gelegene Kaffeehaus, das Café Fichtl zu interessieren, dessen Stammgast Bauer lange blieb. Von 1983 bis Anfang 2019 unterrichtete er Deutsch und Englisch an der BHAK Wien 10. Als Herman Bauer 1993 seine Frau Andrea heiratete, verließ er ihr zuliebe seinen Heimatbezirk. Im Jahr 2008 erschien sein erster Kriminalroman »Fernwehträume«, dem zwölf weitere Krimis um das fiktive Floridsdorfer Café Heller und seinen Oberkellner Leopold folgten.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

7. Auflage 2020

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von photocase.de

ISBN 978-3-8392-3078-7

Widmung

Für Elisabeth, die an dieses Buch geglaubt hat.

1

Wir dürfen Floridsdorf nicht mit London vergleichen – schon gar nicht das Uhrwerk der Kirche am Pius-Parsch-Platz mit dem Big Ben. Dennoch kroch am Abend des 6. November ein Nebel an den Häusern hoch, der wie in einem Edgar-Wallace-Film den gesamten Stadtteil nördlich der Donau umhüllte und nur mehr das Zifferblatt besagter Kirche über die dicke Suppe, die Floridsdorf bedeckte, schauen ließ.

Lockt so ein Nebel die Menschen eher ins oder aus dem Kaffeehaus? Das lässt sich schwer beurteilen. Fest steht nur, dass sich die Gäste, die schon drinnen sitzen, vorerst einmal durch nichts von der warmen, gepolsterten Sitzbank wegbewegen lassen.

So war es auch im Café Heller, nicht weit entfernt vom Pius-Parsch-Platz und damit dem sogenannten Zentrum Floridsdorfs gelegen, das wohl vor allem deshalb diese Bezeichnung für sich in Anspruch nahm, weil hier alle möglichen öffentlichen Verkehrsmittel aus den verschiedensten Richtungen wie durch ein Wunder zusammentrafen. Leopold, der Ober, der schon irgendwie zum Inventar gehörte, betrachtete die Szene gelassen, aber missmutig. Dass die Leute sitzen blieben, ohne etwas in entsprechender Quantität zu konsumieren, nur, weil es draußen unwirtlich war, passte ihm gar nicht.

Die heutige Besetzung des Café Heller ließ für den Rest des Abends tatsächlich das Schlimmste befürchten. Im hinteren Teil des u-förmig gebauten Lokals saß nur eine Kartenpartie – der Herr Kammersänger (ein verkrachter ehemaliger Heurigensänger mit Gesangsausbildung) spielte Tarock mit dem pensionierten Herrn Kanzleirat, dem Herrn Adi und dem Herrn Hofbauer. Als unverwüstlicher Kiebitz (Zuschauer beim Kartenspiel) saß noch der Herr Ferstl, eine Kaffeehauslegende unbestimmten, aber sehr hohen Alters, dabei, ein Gast, bei dem man immer Acht geben musste, dass er nicht unversehens einschlief, was oft ein sehr strapaziöses Aufweckritual zur Sperrstunde zur Folge hatte.

Keine sehr ergiebige Runde. Vielleicht würde jeder noch ein Achtel trinken, das war aber auch schon das höchste der Gefühle.

Am zweiten der drei Billardbretter im Mittelteil versuchten sich drei junge Burschen an einer Partie Karambole. Sie hatten sich erst unlängst Leopolds Unwillen zugezogen, da sie immer wieder, trotz seiner Ermahnungen, auch die rote Kugel als Spielball verwendeten. Das war nach Leopolds Wissensstand auf allen Billardbrettern der Welt untersagt. »Wir können aber trotzdem so spielen, wie wir wollen!«, hatte sich im Laufe des Disputs einer von ihnen erfrecht, ausgerechnet der Kleinste, der den Queue noch immer so hielt, als ob er damit ein lästiges Insekt an der Wand zerdrücken wollte. »Nicht da bei uns im Kaffeehaus. Da herrscht eine Ordnung!«, hatte Leopold mit gespielter Strenge erwidert. Denn streng musste man sein, um auch die jüngeren Gäste, zum Großteil Schüler des angrenzenden Gymnasiums, an die herrschenden Sitten und Gebräuche zu gewöhnen.

Nun schienen sich die Burschen absichtlich bei der Getränkekonsumation zurückzuhalten und schlürften nur langsam an ihren Cola- und Biergläsern.

Im vorderen Teil des Kaffeehauses, rechts vom Eingang, herrschte eine beinahe heilige Ruhe. Löffel rührten in Kaffeetassen, Zeitungen raschelten, zeitweise vernahm man aus einer Ecke ein schwaches Hüsteln. Die meisten hier saßen schon stundenlang da und hielten sich an die goldene Regel, dass man mit einer Schale Kaffee und dem dazu gereichten und vom Ober in regelmäßigen Abständen bereitwillig nachgefüllten Glas Wasser einen ganzen Nachmittag oder Abend sein Auskommen haben konnte.

Hier auf weitere Bestellungen zu hoffen, erforderte eine gehörige Portion Optimismus.

Leopold warf einen Blick in die Runde. Viele saßen alleine da, lesend, schweigend. Nur aus der Ecke, wo die Bauer-Geli – Schulabgängerin und treuer Stammgast – mit zwei Freundinnen tratschte, kam manchmal ein fröhliches Lachen, das hier beinahe störte.

›Die leben noch‹, dachte Leopold, aber bei den anderen war er sich da nicht so sicher. Sie kamen zwar jeden Tag zur Türe herein und gingen nach einiger Zeit auch wieder durch dieselbe hinaus, aber wenn sie so in sich erstarrt ihren Platz ausfüllten wie Marmorbilder, sahen sie aus wie gut konservierte Leichen.

Leopold antwortete auf die Frage nach seinem Beruf gerne mit ›Leichenbeschauer‹.

Die meisten von ihnen kamen dennoch immer wieder, tagtäglich, bis sie eines Tages nicht mehr kamen. Zunächst schien Leopold das gar nicht zu registrieren. Er verdrängte es. Wenn die Chefin fragte:

»Warum bleibt denn der Herr Amtsrat so lange aus? Drei Tag hab ich ihn jetzt schon nicht gesehen!«, antwortete er:

»Wird schon wieder kommen. Ist ja kalt jetzt. Und vorige Woche hab ich ihn ein paar Mal husten gehört.«

Niemand merkte, dass er sich Sorgen machte.

Eines Tages stand dann eine Dame in Schwarz vor der kleinen, halbkreisförmigen Theke und überreichte ohne viele Worte (»Hat ja er schon kaum was geredet!«, meinte Leopold) der Chefin einen schwarz umrandeten Partezettel1. Lungenentzündung, hörte Leopold, hohes Fieber, Gehirnschlag. Es war schnell gegangen, ja, ja. Aber alle Ärzte hatten der Witwe versichert, er habe kaum etwas gespürt.

Und dann war es amtlich, dass einer von den Scheintoten, die Leopold hier täglich bediente, auf immer gegangen war. Er würde eine Lücke hinterlassen. Mit der Zeit entstanden so immer mehr Lücken, und es gab zu wenige junge Leute wie die Bauer-Geli, die eine solche Lücke wieder füllten.

Leopold wollte zwar nicht an solche Dinge denken, aber er ertappte sich immer öfter dabei, wenn er eine ungewollte Pause hatte und zu sinnieren begann.

»Geh, Leopold, bring uns noch fünf Achterln Rotwein, gehen auf mich«, krächzte der Heurigensänger a.D., Ferdinand Brettschneider, vulgo der ›gschupfte Ferdl‹, von den Kartentischen nach vorne.

»Jawohl, Herr Kammersänger!«, rief Leopold erleichtert und demutsvoll nach hinten. Endlich wieder ein Geschäft!

*

Der Nebel über Floridsdorf verdichtete sich. Es schien einer der ungemütlichsten Abende des Jahres zu werden.

Leopold lehnte an der Theke und rauchte in hastigen Zügen eine Zigarette Marke Ernte 23. Der Abend zog sich.

»Herr Leopold!« Aus der Loge links hinten kam ein Ruf in zartem Befehlston.

»Bitte sehr, gnä’ Frau?« Leopold drückte die Zigarette aus und eilte nach hinten.

»Sagen Sie, haben Sie noch den köstlichen Apfelstrudel von gestern? Mit den vielen Rosinen drinnen?«

»Natürlich, Frau Susi! Wir heben doch immer eine Portion extra für Sie auf!«

»Dann kriege ich noch einen Apfelstrudel mit einer doppelten Portion Schlag. Und eine Melange!«

»Wie gnädige Frau befehlen.«

Während Leopold sich Richtung Küche entfernte, faltete Susanne Niedermayer, genannt die ›süße Susi‹, ihre Hände in freudiger Erwartung. Es waren diese Kleinigkeiten, die das Leben für sie lebenswert machten: Kaffee, Mehlspeisen, Süßigkeiten (in umgekehrter Reihenfolge). Sie war in bescheidenen Verhältnissen in einer Gärtnerei in Groß-Enzersdorf am östlichen Rand von Wien aufgewachsen, hatte nach abgeschlossener Lehre eine Zeit lang als Schneiderin gearbeitet und danach ihrer Schwester viele Jahre in einem Zuckerlgeschäft geholfen. Jetzt war sie Anfang 60 und lebte von einer kleinen Pension und einem bescheidenen Betrag, den sie nach dem Tod der Mutter sozusagen als Erbteil erhalten hatte. Viel hatte sie sich nie geleistet, aber sie kleidete sich anständig und wirkte trotz einiger überflüssiger Kilos durchaus noch adrett. Es konnte bisweilen sogar vorkommen, dass sie jemand jünger schätzte, als sie tatsächlich war.

Freilich, man sah sie immer ohne Begleitung. Der einzige Mann in ihrem Leben, von dem man wusste, hieß Emil Berger. Er war Witwer und erschien seit geraumer Zeit bei ihr als Kostgänger zum Mittagessen. Das Verhältnis war aber nicht einmal platonisch, höchstens ökonomisch.

Leopold sagte:

»Die hat in ihrem Leben keinen Mann gehabt.«

So blieben die kleinen Freuden des Lebens ihre größten. Sie führte ein geordnetes Leben in der kleinen, sauberen Wohnung, die sie früher mit ihrer Schwester geteilt hatte, verließ ihren Wohnbezirk nur selten und gönnte sich ein paarmal in der Woche einen Abstecher ins Kaffeehaus.

Seit geraumer Zeit sah man sie auch im Klub ›Fernweh‹. Sie träumte nämlich noch immer ihren großen Traum. Sie träumte von Amerika.

Sie hatte schon einmal hinfahren und dort bleiben wollen. Das war gleich nach ihrer Lehrzeit gewesen. Damals arbeitete sie in einem kleinen Schneidereibetrieb in Wien, nicht weit von ihrem Heimatort entfernt, und begann die Enge ihrer unmittelbaren Umgebung zu spüren. Zu Hause herrschte ein strenger Vater, bei dem sie auch mit 20 jeden Tag um 8 Uhr abends zu Hause sein musste. Eine kurze Affäre, ein ›Pantscherl‹ mit einem Burschen? Unvorstellbar. Einmal nach Wien in die Stadt hineinfahren und ausgehen? Unmöglich. Die Eintönigkeit der Arbeit im Betrieb ging täglich nahtlos in die Langeweile schweigsamer Abende im Kreise der Familie über. Die Eltern waren müde von der Gartenarbeit und gingen bald zu Bett. Susi hörte ein bisschen Radio, blätterte in Zeitschriften oder plauderte mit der älteren Schwester, dann hieß es auch für sie schlafen gehen, denn der Tag begann früh.

In den Zeitschriften las Susi etwas von den unbegrenzten Möglichkeiten in Amerika, vom ›American way of life‹, dazu sah sie Farbfotos von den Wolkenkratzern und Großstädten. Plötzlich wurde sie von einer beinahe unstillbaren Sehnsucht erfüllt. Warum sollte sie nicht hinüber über den großen Teich? Warum nicht dort einfach ein neues Leben anfangen?

Aber schon bald erkannte sie die ganze Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens. Woher das Geld nehmen? Und ganz alleine durchbrennen? Manchmal sah sie sich in ihren Träumen zwar nachts heimlich mit einem Koffer und ihrer wenigen Habe aus dem Haus schleichen; aber ebenso deutlich sah sie dann stets die überlebensgroße Figur ihres Vaters aus dem Winkel neben dem kleinen Schuppen hervortreten – gebieterisch, bedrohlich und Einhalt gebietend.

Sie blieb also zu Hause. Sie verbannte Amerika in den Bereich ihrer Schwärmereien. Sie fand sich damit ab, für immer und ewig in Groß Enzersdorf zu bleiben.

Dann kam der Anruf ihrer Schwester, der sie nach Wien holte. Ob sie ihr nicht in ihrem Zuckerlgeschäft helfen wolle? Ihre Freundin könne nicht mehr, sie sei gerade das zweite Mal schwanger. Die Wohnung sei groß genug für zwei, das Geschäft gehe gut.

Susi sagte ja. Sie zog in die Großstadt, lebte dort genauso ereignislos wie in Groß Enzersdorf, aber sie genoss es. Die Wohnung hatte sie jetzt für sich allein, denn die Schwester hatte das Geschäft verkauft und war mittlerweile ins Haus ihrer verstorbenen Eltern gezogen. Sie vermisste sie nicht sonderlich. Man hatte sich auseinandergelebt, öfters Streit gehabt. Gertrud – die Schwester – war neidisch gewesen, hatte ihr nie einen gerechten Anteil am Geld zukommen lassen, und als einmal ein Mann aufgetaucht war, für den sich Susi interessiert hatte, war Gertrud die Glücklichere gewesen – wenn auch nur für kurze Zeit …

Nein, nein, charakterlich war Susi von ihrer Schwester enttäuscht und mied den Kontakt mit ihr in den letzten Jahren tunlichst. Darum störte es sie auch, wenn sie einander begegneten, so wie heute. Doch das hatte sich nicht vermeiden lassen, diese Aussprache war wichtig gewesen.

Noch etwas anderes störte sie. Und zwar gewaltig.

Aber sie wollte sich nicht früher als nötig aufregen. Die Dinge würden kommen, wie sie kommen mussten, davon war sie überzeugt.

Da kam auch schon der Apfelstrudel mit den extra vielen Rosinen und der Schale Kaffee, von Leopold liebevoll gebracht. Susi stach sich mit der Gabel ein Stück herunter und schob es sich genießerisch in den Mund. Für den Augenblick wollte sie alle Probleme vergessen.

Gedankenverloren blickte sie zum Fenster hinaus in den grauen Nebel. Dabei meinte sie für einen Augenblick, die Freiheitsstatue aus der milchigen Suppe auftauchen zu sehen.

*

Noch einmal öffnete sich die Kaffeehaustür und ein später Gast trat ein. Er ging ein wenig unsicher Richtung Theke, rieb sich dabei die Hände, um sich aufzuwärmen, und schaute sich um. Seine Augen suchten Leopold, der gerade von hinten kam, wo die Tarockrunde überraschend noch fünf Achteln bestellt hatte. Es war genau 23 Uhr.

»Ja, der Stefan!«, rief Leopold überrascht. »So spät noch? Wie steht denn das werte Befinden?«

Stefan schaute grimmig, um erst gar keinen Zweifel an seiner schlechten Laune aufkommen zu lassen. »Beschissen«, sagte er. »Ziemlich beschissen.«

Leopold verzog leicht das Gesicht. Zum einen verbat er sich einen solchen Ton in diesen hehren Hallen, zum anderen hatte Stefan augenscheinlich ganz schön geladen. Wenn er um diese Zeit kam, hatte er eigentlich immer ganz schön geladen. Und da konnte der Abend noch einigermaßen anstrengend werden.

»Bring mir ein großes Bier, aber schnell, bitte!«, sagte Stefan und fuhr sich mit der Hand unwirsch durch sein dunkelbraunes, leicht gewelltes Haar. Stefan Wanko war mittelgroß, relativ schlank, gepflegt und immer elegant gekleidet. Sein ›Markenzeichen‹ war seine schwarze Lederjacke, unter der er heute ein weißes Hemd mit hellblauer Krawatte und einen grauen Anzug trug. Sein Gesicht wirkte auch in betrunkenem Zustand noch angenehm, obwohl er alles tat, um einen gegenteiligen Eindruck zu erwecken. Kein Wunder, dass Stefan als Versicherungsvertreter Erfolg hatte, kein Wunder auch, dass, was ihm noch mehr bedeutete, die Frauen nur so auf ihn flogen. Nur der genaue Beobachter – und Leopold war ein solcher – erkannte bereits die Spuren eines kurzen, bewegten Lebens an ihm. Stefan war erst Anfang 30.

Leopold stellte ihm das Bier auf die Theke, dann trug er die fünf Achteln nach hinten und machte die Karambolespieler darauf aufmerksam, dass in zehn Minuten Billardschluss sein würde. Beim Zurückgehen hörte er schon Stefans klagende Stimme:

»Nein, da soll einer klug werden aus den Weibern!«

Also daher wehte der Wind. Stefan hatte wieder einmal Probleme mit einer Frau. Das war keine Seltenheit, das war eigentlich bei Stefan die Regel. Meistens lernte er eine kennen, schwärmte von ihr über die Maßen, hatte die vorzüglichsten Absichten – nur, um dann unweigerlich wieder in seine alten, ausschweifenden Lebensgewohnheiten zurückzufallen. Dann gab es Schwierigkeiten, die er im Kaffeehaus bereden musste. Leopold gefiel das – er redete gern über Frauen, wahrscheinlich, weil er selbst keine hatte. Deshalb nahm er Stefan manchmal auch gegenüber der Chefin in Schutz, wenn sie, so wie jetzt, einen finsteren Blick in seine Richtung warf. Er konnte mit Stefan mitfühlen, wenngleich er seine Exzesse nicht guthieß.

Leopold dachte krampfhaft nach, wie Stefans jetzige Freundin heißen mochte. Vor Kurzem war noch eine Barbara aktuell gewesen, aber wer weiß …

»Hinausgeschmissen hat sie mich, einfach so!«, brummte Stefan in sein Bier, nachdem er einen großen Schluck genommen hatte.

»Die Babsi?«

»Ja!«

»Aber geh!«, bemerkte Leopold.

»Ja, heute! Ich komme von der Arbeit nach Hause zu ihr, sagt sie einfach, ich kann gleich wieder gehen. Und morgen soll ich meine Sachen holen. Sie will Schluss machen.«

»Hast am Wochenende leicht (denn) blau gemacht?«, fragte Leopold.

»Ja«, sagte Stefan einsilbig.

Es war immer dasselbe. War Stefan einmal unterwegs, bedeutete eine Nacht gar nichts. In diesen Fällen nahm er es auch mit der Treue nicht so genau. Für einen kleinen Seitensprung genügte dann ein hübsches, junges weibliches Wesen, das sich seine Probleme anhörte, ihn in seine Wohnung mitnahm und von seinen sexuellen Fähigkeiten im Vollrausch angetan war. Man musste froh sein, dass er nach solchen Ausrutschern noch den Ehrgeiz hatte, seinen beruflichen Verpflichtungen nachzukommen.

»Ist es wirklich aus?«, fragte Leopold.

»Scheint so!«

»Und da möchtest du heute wieder nicht schlafen gehen? Geh, komm! Du hast doch da vorne noch deine kleine Wohnung. Ruh dich ein bisschen aus. Morgen schaut die Welt wieder ganz anders aus.«

Diese Feststellung ließ einen Ruck durch Stefans Körper gehen. In seine Junggesellenbude zog er sich nur mehr in Notfällen zurück. Noch weigerte er sich, seine jetzige Situation als Notfall zu betrachten.

»Es ist alles beschissen«, sagte er. »Ich möchte jetzt nicht allein sein.«

In diesem Moment rief Frau Susi ein lautes »Zahlen!« aus der hinteren Loge nach vorne. Sie war schon spät dran. Aber auch sie hatte nicht allein sein wollen vor der Zusammenkunft, die ihr heute noch ins Haus stand.

»Komme sofort«, sagte Leopold und raunte zu Stefan:

»Siehst, die wär jetzt was für dich. Wohnt nur zwei Häuser weiter und ist alleinstehend. Aber Vorsicht: Die hat in ihrem Leben noch keinen Mann gehabt!«

»Ja, die würde gerade passen«, lachte Stefan. »Aber wirklich, ohne Spaß! Sag, ist das nicht die süße Susi, eure Zuckerpuppe?«

Leopold nickte. »Ich weiß nur nicht, was sie jetzt noch da macht. Normalerweise ist sie um diese Zeit schon im Bett.«

»Mit der könnte ich wenigstens noch ein bisschen plaudern«, sagte Stefan.

›Könntest du, wenn du nüchtern wärst‹, dachte Leopold nur und schritt bedächtig zum Inkasso. Anschließend half er Frau Susi in ihren nicht mehr modernen, aber auch nicht abgetragenen dunkelblauen Mantel:

»Vielen Dank, gnädige Frau, und beehren Sie uns bald wieder. Morgen?«

»Nein, erst übermorgen. Morgen ist ja Klub!«, sagte Frau Susi.

»Ach so, morgen geht’s wieder in die große weite Welt. Na, dann halt übermorgen. Passen Sie nur schön auf bei dem Nebel, dass Ihnen nichts passiert. Man sieht ja kaum mehr die Hand vor den Augen.«

»Mir passiert schon nichts. Ich wohn ja nicht weit.«

»Ich geh ein Stückchen mit Ihnen!«, hörte man Stefan von der Theke her lallen.

»Hören Sie nicht auf den«, beruhigte Leopold. »Ich hab ihn schon unter Kontrolle. Er meint es nicht so! Gute Nacht!«

»Und ob ich es so meine«, sagte Stefan, nachdem Susi verschwunden war.

»Jetzt reiß dich doch zusammen«, fauchte Leopold. »Du fängst an, mir die Gäste zu vertreiben!«

»Du bist selber schuld, Leopold. Schäkerst da mit der Zuckerltante und lässt mich alleine an der Theke stehen. Wo ich doch heute nicht allein sein will und kann. Ich brauche Betreuung, Leopold, Betreuung und Liebe! Ich brauche Menschen um mich.«

»Dein Problem ist die eine Sache, und alles andere hat damit nichts zu tun.«

»Oh, Leopold, wenn du wüsstest, wie unrecht du hast! Jetzt sei aber nicht mehr böse und stoß auf einen Versöhnungstrunk mit mir an. Außerdem hast du mir die Alte wie auf dem Servierbrettl angeboten. Und so zuwider ist sie ja nicht.«

»Perversling!« Jetzt lächelte Leopold wieder. »Ich will ja nur, dass du unsere Gäste in Ruhe lässt. Und wenn du dich noch ein paar Minuten geduldest, lasse ich mich von dir auf ein Getränk einladen. Aber vorher gehe ich schnell abkassieren.«

»Jetzt bleib doch da!«

Aber Leopold hatte sich bereits diensteifrigen Schrittes von Stefan wegbewegt. Dass der auch immer so kindisch und anhänglich sein musste, wenn er einen über den Durst getrunken hatte. Irgendwann, fürchtete Leopold, würde sich das rächen.

Mittlerweile eilte Susanne Niedermayer nach Hause zu ihrer Wohnung. Sie ging schneller als sonst durch den dichten Nebel, als würde sie ahnen, dass ihr nicht mehr viel Zeit zum Leben blieb.

1 In Österreich sehr gebräuchliches Wort für eine Todesnachricht; zu französisch ›donner (oder faire) part‹, ›Nachricht geben‹.

2

Am nächsten Tag öffnete Leopold kurz nach 7 Uhr früh die Pforten zum Kaffeehaus. Der Nebel hing noch immer über dem Stadtteil nördlich der Donau, aber es schien, als könne er sich während des Tages lichten – zumindest glaubten das die Wetterfrösche. Einstweilen huschten, nur schwach vom Schein der Straßenlaternen erfasst, die Menschen noch eher schemenhaft vorbei in Richtung U-Bahn, Schnellbahn oder zur gegenüber dem Café liegenden Straßenbahnhaltestelle.

Leopold mochte an sich diese Zeit, wenn der Tag, das Kaffeehaus und die Leute erwachten. Die ersten Gäste trafen zu einem Frühstück ein, und er war mit ihnen, bis auf eine Küchenhilfe, alleine. Herr und Frau Heller blieben am Morgen in ihrer Wohnung oberhalb des Kaffeehauses, und Aufsicht, Kontrolle und Organisation blieben alleine Leopold überlassen, sofern er und nicht ›Waldi‹ Waldbauer, Ober Nummer zwei im Café Heller, Dienst hatte.

Normalerweise wusste Leopold das in ihn gesetzte Vertrauen zu schätzen. Heute hatte er jedoch bleierne Glieder und einen dummen Kopf. Drei Seideln (Glas; 0,3 Liter) Bier und ein Stamperl (kleines (2cl) – oder größeres (4cl) – Glas Schnaps.) Weinbrand hatte er bis 1 Uhr früh noch mit Stefan getrunken, ehe die Chefin verspätet die Sperrstunde verkündet und Stefan hinauskomplimentiert hatte. Drei Seideln und ein Stamperl waren zu viel für einen schwachen Trinker wie Leopold, wenn er am nächsten Morgen arbeiten musste. Außerdem hätte man fast den alten Herrn Ferstl vergessen, der noch hinten bei den Kartentischen gesessen und eingeschlafen war. Ihn aufwecken, ihm sagen, wie spät es war, ihn zur Türe hinaus führen – vier Stunden Schlaf waren Leopold gerade noch geblieben.

Am liebsten hätte er Herrn oder Frau Heller gebeten, heute etwas früher herunterzukommen und ihm Gesellschaft zu leisten, aber er konnte sich noch an das grantige Gesicht der Chefin vom Vortag erinnern. Sie blieb zwar Leopold zuliebe öfter einmal länger auf, verzichtete jedoch nicht gerne wegen Stefan auf einen Teil ihres kostbaren Schlafes. Also nicht an die vergangene Nacht denken! Der Tag war jung.

Gleich würde ein Schwung Schüler aus dem nahe gelegenen Gymnasium das ehrwürdige Haus nach und nach beleben, um sich die Zeit bis zum Unterrichtsbeginn mit einem Schalerl Kaffee zu versüßen. Leopold kannte sie alle. Es waren treue Gäste, und viele blieben dem Kaffeehaus noch viele Jahre erhalten, wenn sie schon längst im Berufsleben standen und verheiratet waren. Sie sorgten für die nötige Blutauffrischung, ohne die die weitere Existenz eines Cafés wie des ›Heller‹ nicht gesichert war.

Und noch jemand würde aller Wahrscheinlichkeit nach wie beinahe jeden Morgen kommen: Professor Thomas Korber, Lehrer für Deutsch und Englisch und Leopolds bester Freund. Thomas war Ende 30, groß – beinahe 1,90 Meter – trug einen braunen Vollbart und leicht gewelltes Haar und zeigte erste Ansätze eines Bäuchleins. Thomas war ein Kaffeehausnarr, und Leopold wäre sein Lebtag gerne weiter ans Gymnasium gegangen, als er nach dem plötzlichen Tod des Vaters eine Lehre als Kellner hatte antreten müssen, weil das Geld zu Hause knapp wurde. So kreuzten sich ihre Interessen. Aber da war noch mehr. Thomas war ein Mensch, der andere in sich hineinschauen ließ. Er verbarg seine Stimmungen nicht. Er konnte ruhig und überlegt, aber auch überaus gereizt und verletzbar sein. Leopold las oft in ihm wie in einem Buch – und verstand ihn. Thomas wiederum schätzte Leopolds Witz und Menschenkenntnis. Daraus war von Anfang an jene Sympathie entstanden, die den Boden für eine jahrelange Freundschaft bereiten sollte.

Leopold fragte sich, wer heute zuerst eintreffen würde, sein Freund Thomas oder dessen Schülerin Gabi Neuhold. Sie kamen nie zusammen, aber immer fast gleichzeitig. Einmal hatte er beide auf seinem Weg ins Kaffeehaus in einer Ecke schmusen gesehen. Seither ahnte er Schlimmes und wusste, dass vieles, was wie Zufall wirkte, kein Zufall war. Hinter der Parallelität des Eintreffens steckte System.

Thomas hatte ein Verhältnis mit Gabi oder wollte eines mit ihr haben.

Aber warum tat er so etwas? Das verstand Leopold nicht. Warum gab Thomas sich mit einer Schülerin seiner Maturaklasse ab, die er noch dazu als Klassenvorstand leitete? Er musste doch wissen, dass das verboten war. Leopold nahm sich vor, sich in nächster Zeit ein wenig mehr um seinen Freund zu kümmern.

Etwas verschlafen wie immer schlurfte Gabi jetzt zur Türe herein, setzte sich zum ersten Tisch ans Fenster und bestellte einen Hauskaffee mit Kipferl. Fesch war sie schon mit ihrem schwarzen Haar, das locker zu den Schultern herabfiel, ihren schmalen, stark angemalten Lippen, auf denen immer ein leichtes Lächeln saß, den blauen, neugierigen Augen und den gut sichtbaren, aber nicht zu großen Brüsten. Das war jedoch noch lange kein Grund für Thomas, sich in sie zu verschauen.

Als der Herr Lehrer wenig später das Lokal betrat, wirkte er so schwungvoll wie eine Spielzeugpuppe, deren Batterien beinahe leer waren. Bei seinen Verrenkungen fielen Leopold unwillkürlich wieder die drei Seideln Bier und das Stamperl ein. Er kratzte sich leicht am Kopf.

»Guten Morgen, Leopold«, grüßte Thomas. »Na, was schaust du denn so? Musst erst auf Touren kommen? Keine Angst, ich auch!« Dabei zwinkerte er verständnisvoll in Richtung Leopold. »Bring mir einen kleinen Schwarzen, damit du auf andere Gedanken kommst.« Dann wandte er sich mit einer unschuldigen Geste in Richtung leere Sitzbank an Gabi:

»Darf ich? Oder musst du noch etwas lernen?«

»Nein, nein, nimm nur Platz«, lachte Gabi. Sie war gerade im Begriff, sich eine Zigarette anzuzünden.

›Jetzt duzen sie sich schon öffentlich‹, dachte Leopold, ›die kennen ja gar keinen Genierer (Schamgefühl). Und Thomas bekommt schon wieder dieses Leuchten in den Augen, kaum, dass er sich zu ihr gesetzt hat. So wie die beiden heute ausschauen, waren sie gestern sicher miteinander fort.‹ Er beschloss jedenfalls, sich zunächst einmal diskret hinter die Theke zurückzuziehen, um den kleinen Schwarzen für seinen Freund zuzubereiten.

Noch jemand kam, Isabella Scherer, eine Mitschülerin von Gabi. Sie winkte kurz schüchtern, blieb einen Augenblick lang stehen, gab sich dann aber einen Ruck und ging zögernd auf ihre Freundin und den Klassenlehrer zu. Thomas wirkte zunächst erstaunt, bedeutete Isabella jedoch, bei ihm und Gabi Platz zu nehmen.

»Ein Cola bitte«, rief Isabella in Richtung Leopold. Dann wandte sie ihren Blick sofort wieder Thomas zu. »Ich möchte nicht stören«, sagte sie, »aber ich muss dringend mit Ihnen reden, Herr Professor!« Es klang nach Geständnis, und Thomas fühlte sich in der Tat gestört.

»Was, jetzt, um halb 8 Uhr früh? Ich würde gerne meinen Kaffee in Ruhe trinken. Ist es denn so wichtig, dass es keinen Aufschub duldet?«, fragte er ein wenig verärgert. Er wäre jetzt lieber mit Gabi alleine gewesen.

Leopold brachte schweigend den kleinen Schwarzen und das Cola.

»Es ist sehr wichtig.« Isabella druckste ein wenig herum. Dann nahm sie sich ein Herz. »Ich … nämlich … ich bekomme ein Kind!«

Damit hatte sie ihren Klassenvorstand kalt erwischt. Thomas verschlug es die Sprache.

»Donnerwetter«, stammelte er. »Weißt du das schon lange?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ein paar Tage erst. Und da wollte ich gleich mit Ihnen darüber reden. Ich meine, Sie müssen das ja wissen, und hier redet es sich leichter als in der Schule.« Sie nahm einen Schluck von ihrem Cola. »Ich weiß ja jetzt gar nicht, ob ich zur Reifeprüfung antreten kann, die Geburt ist Anfang Juni. Ich glaube, ich komme da in einen ganz schönen Schlamassel.«

»Nein, nein«, versuchte Thomas sie zu beruhigen. »Das mit der Matura kriegen wir schon irgendwie hin. Du musst zunächst einmal den Klassenabschluss schaffen, das ist das Wichtigste. Der ist Ende April, also müsste es sich ausgehen, wenn alles normal läuft. Einen Prüfungstermin finden wir dann schon für dich, auch wenn es sich nicht zum Haupttermin mit den anderen machen lässt. Du könntest etwa die Klausurarbeiten noch im Mai schreiben und dann mündlich im Oktober antreten oder aber alle Prüfungen im Herbst machen. Das ist nicht so schlimm. Zuerst einmal die Klasse, wie gesagt …«

»Von wem ist es denn?«, platzte Gabi dazwischen, die es vor lauter Neugier nicht mehr auszuhalten schien.

Isabella drückte sich um die Antwort herum. Sie trank hastig ihr Cola aus.

»Du musst es nicht sagen«, meinte Thomas mit einem vorwurfsvollen Blick auf Gabi.

»Doch, doch, es muss ja einmal heraus. Die Frage wird mir sicher noch öfter gestellt werden.« Isabella lächelte scheu. »Also, es ist vom … Erich.«

»Vom Erich?« Gabi beugte ihren Oberkörper mitsamt einer frisch angezündeten Zigarette weit über den kleinen Kaffeetisch und hielt sich die Hand vor den Mund, weil sie ein Lachen nicht unterdrücken konnte. »Das ist doch nicht möglich!«

»Es ist möglich!« Isabellas Ton wurde jetzt bestimmter. »Ich werde dir alles einmal erzählen, Gabi, und Ihnen vielleicht auch, aber bitte nicht jetzt. Für den Augenblick möchte ich nur, dass Sie Bescheid wissen, Herr Professor!«

Erich war Erich Nowotny, Sohn des Bauunternehmers und Mitglieds der Bezirksvertretung Ferdinand Nowotny. Er besuchte dieselbe Klasse wie Gabi und Isabella. Unter seinen Mitschülern galt er als durchaus ansehnlich, freundlich und hilfsbereit, aber auch ein wenig verklemmt und schüchtern. Es war ein offenes Geheimnis, dass er sich für Isabella interessierte, allerdings, so hieß es, ohne Erfolg. Sie hatte ihn zumindest öffentlich schon mehrmals abblitzen lassen.

»Weiß Erich es schon?«, fragte Thomas.

»Ja!« Es war ein kurzes, unliebsam hingeworfenes ›Ja‹.

»Und was … was werdet ihr jetzt machen?« Thomas bereute seine Frage, kaum dass er sie gestellt hatte. Er durfte als Klassenvorstand nicht so neugierig sein.

»Wir wollen heiraten«, sagte Isabella beinahe noch eine Spur kühler.

Gabi löste die sich anspannende Situation. »Komm«, sagte sie zu Isabella. »Gehen wir gemeinsam vor zur Schule und plaudern wir noch ein bisschen.« Sie konnte ihre Neugier kaum verbergen.

Isabella überlegte kurz, dann nickte sie, stand auf, nahm Mantel und Tasche und verabschiedete sich von ihrem Klassenvorstand. Gabi griff Thomas im Vorbeigehen auf die Schulter, als ob sie sich entschuldigen wollte, sagte:

»Tschüss, bis später!« und verließ gemeinsam mit Isabella das Lokal.

Zurück blieb ein einigermaßen verdatterter Thomas Korber. Aufpassen, dass es mit Gabi nicht so geht wie mit Isabella und Erich, dachte er. Das konnte er in der jetzigen Situation am wenigsten brauchen. Seine derzeitigen Gefühle waren nicht erlaubt, das wusste er, aber so sehr er sie auch hinterfragte, sie waren stärker als jedwede Rücksichtnahme auf seinen Beruf oder irgendwelche moralischen Wertvorstellungen.

›Was bin ich doch für ein Idiot‹, sagte er zu sich, während er hastig seinen Kaffee austrank und Leopold zum Zahlen rief.

Leopold schien von irgendwo weit her zu kommen. Er hatte in den vielen Jahren seiner Tätigkeit als Kellner gelernt, so unauffällig wie möglich die Nähe eines Tisches zu suchen, an dem sich eine interessante Entwicklung anbahnte. Auf diese Weise konnte er den Großteil einer Unterhaltung verfolgen, ohne dass es den Beteiligten auch nur im Geringsten auffiel. Er war, wie immer, bestens informiert, als ihn Thomas über die Schulter fragte:

»Na, was sagst du zu diesen Neuigkeiten?«

»Was soll ich sagen«, meinte er nur kurz, als er das Geld einstreifte. »Übers Jahr ist Hochzeit, kannst Gift drauf nehmen.«

*

Leopold sog tief und genüsslich an seiner Zigarette. Sein Dienst war gleich vorüber, und draußen schien sich die schwache Novembersonne gegen den Nebel durchzusetzen. Was wollte man mehr? Er musste nur noch warten, bis sein Kollege ›Waldi‹ Waldbauer in seiner Kellnerlivree herunterkam, dann konnte er sich umziehen, nach Hause gehen, einen Nachmittag und Abend ohne Kaffeehaus verbringen.

Was er tun würde? Zunächst einmal ein paar Stunden ausruhen, dann einen Sprung stadtauswärts fahren, zum ›Fuhrmann‹, einem kleinen Heurigenlokal, wo er wahrscheinlich Thomas treffen würde. Er wollte in aller Ruhe mit ihm reden. So durfte das nicht weitergehen. Ein Blinder hatte heute sehen können, dass er dieser Gabi nachstieg. Nicht nur, dass er sich damit vor Schülern und anderen Kaffeehausgästen lächerlich machte, er setzte sich auch jederzeit der Gefahr einer Denunziation aus. Das konnte ihn seinen Beruf kosten. Und was Gabi betraf, die spielte doch nur mit ihm, das war doch niemals ernst gemeinte Zuneigung.

Er musste mit Thomas sprechen.

Es war jetzt Viertel nach zwölf. Warum der ›Waldi‹ nur immer so lange mit dem Umkleiden benötigte. Eine großartige Bestellung konnte Leopold jetzt nicht mehr brauchen. Ganz in Gedanken versunken, merkte er gar nicht, wie die kleine, zerfurchte Gestalt, die plötzlich vor ihm stand, ins Lokal gekommen war. Es war Herr Berger, der Kostgänger von Frau Susi, der um diese Zeit normalerweise mit einem Schnitzel und nicht wie jetzt mit den Tränen kämpfte.

»Ja, grüß Sie, Herr Berger, Mahlzeit!«, begrüßte ihn Leopold. »Aber was haben Sie denn? Sie sind ja ganz aufgelöst.«

»Was ich habe?« Herr Berger bemühte sich, so deutlich zu sprechen, wie es in seinem derangierten Zustand möglich war. »Ich wollte nur zur Frau Susi essen gehen wie immer. Da hat es mich schon gewundert, dass mir niemand aufgemacht hat. Also habe ich meinen Schlüssel genommen und zuerst das Haustor und dann die Wohnungstür aufgesperrt.«

»Und?«, fragte Leopold.

»Nichts und. Auf dem Boden ist sie gelegen, die Frau Susi! Tot ist sie! Den Kopf hat ihr einer eingeschlagen!«

»Um Gottes willen!«

Leopold wirkte nach außen hin schockiert und ergriffen, durchdachte die Situation jedoch in seinem Inneren sofort rational und logisch. Ein Gast war tot, ein guter Gast sogar. Das stand zu bedauern. Andererseits war offensichtlich ein Verbrechen geschehen. Und Verbrechen gehörten zu den geheimen Passionen des Obers Leopold. Er liebte nichts mehr als eine Schreckenstat in seiner näheren Umgebung.

Seit er einmal mitgeholfen hatte, einen biederen Kaffeehausgast als Kopf einer Bande von Kunstdieben zu entlarven, fühlte er sich prädestiniert für die Aufklärung von Straftaten aller Art.

»Aus dir hätte ein großer Kriminalist werden können«, hatte Inspektor Juricek, mit dem er im Gymnasium dieselbe Schulbank gedrückt hatte und der damals mit dem Fall betraut gewesen war, gesagt und ihm herzlich für die Mitarbeit gedankt. »Kannst mir jederzeit wieder aushelfen, wenn es sich einmal ergibt.« Mittlerweile arbeitete Richard Juricek bei der Mordkommission und war Oberinspektor. Und Leopold nahm sein Angebot ernst, sehr ernst sogar.

Er konnte sich nicht helfen, aber die Botschaft von einem Mord war in diesem Fall eine gute Botschaft. Er schien Herrn Berger gar nicht zu hören, der verzweifelt vor sich hin stammelte:

»Wenn Sie das gesehen hätten, Leopold, das viele Blut … direkt abgebeutelt hat’s mich, beinahe hätte ich mich gleich neben die arme Susi gelegt … käsebleich muss ich gewesen sein … dabei wollte ich doch nur zum Mittagessen … aber jetzt ist mir der Appetit vergangen. Man muss die Polizei verständigen, Leopold!«

Den letzten Satz hatte er ein wenig lauter gesprochen und Leopold aus seinen Gedanken gerissen. Leise, Berger, leise! Zunächst einmal musste man dafür sorgen, dass jeder Aufruhr tunlichst vermieden wurde. Gott sei Dank waren im Augenblick kaum Gäste im Lokal, und Berger redete in seiner Verwirrung so undeutlich, dass noch niemand die Situation richtig erfasst hatte.

»Haben Sie gehört, Leopold? Wir müssen die Polizei anrufen!«

»Ja, ja, aber beruhigen Sie sich doch erst einmal, Herr Berger! Trinken Sie ein Stamperl auf Kosten des Hauses. Das ist gut für die Nerven.« In aller Eile kredenzte Leopold dem am ganzen Leibe zitternden Berger einen großen Weinbrand. »Na, geht’s schon besser?«, fragte er, nachdem der ausgetrunken hatte. Und weiter:

»Sie haben doch einen Schlüssel zu der Wohnung von der Frau Niedermayer?«

»Ja, natürlich! Aber warum?«

»Weil wir zwei dort noch einmal hingehen, Herr Berger. Keine Angst, es passiert schon nichts. Aber erstens ist es immer besser, vom Tatort selbst anzurufen, das wissen Sie ja.« Berger schüttelte verdattert den Kopf. »Damit wir sehen, ob die Leiche noch da ist, beziehungsweise, ob überhaupt eine da ist, verstehen Sie! Das möchte ich schon überprüfen. Was machen wir, wenn die arme Frau Susi plötzlich verschwunden ist? Ich wette, Sie haben in Ihrer Aufregung nicht einmal die Tür richtig zugemacht. Und zweitens muss ich noch dringend etwas aus der Wohnung holen.«

Für den verdutzten Berger war das alles ein Rätsel. »Müssen wir wirklich?«, fragte er nur ungläubig.

Aber Leopold hatte seinen Entschluss bereits gefasst. Es war eine einmalige Gelegenheit, noch vor der Polizei einen Blick auf den Tatort zu werfen und dafür auch noch einen halbwegs plausiblen Grund zu haben. Außerdem hatte er gestern etwas aus der Innentasche von Frau Susis Mantel leuchten gesehen, als er ihr in diesen hinein geholfen hatte, und hätte jetzt nur zu gerne gewusst, was das war. Es mochte belanglos sein – aber andererseits gab es bei einem Mord keine Belanglosigkeiten.

»Ja, ja«, sagte Leopold. »Schauen Sie, ob wir von hier oder von drüben die Polizei anrufen, ist doch ziemlich egal. Und ich hab der Frau Susi ja schon vor Wochen den Bildband über Kalifornien geborgt und nie mehr zurückbekommen. Wenn ich mir den jetzt nicht hole, ist er weg. Sie kennen das ja. Wo die Leute von der Spurensicherung ihre Finger einmal drin gehabt haben, findet man so leicht nichts mehr. Und wenn so einem so ein schönes Bücherl auch noch gefällt …« Leopold machte eine ziemlich eindeutige Handbewegung.

»Vielleicht haben Sie recht. Gehen wir aber schnell, damit wir’s hinter uns bringen«, jammerte Berger.

Da tauchte auch schon Herr Waldbauer in seiner Livree auf.

»Jetzt können wir gehen«, sagte Leopold. »Waldi, sag der Chefin, wegen der Abrechnung, ich komm gleich noch einmal. Ich muss nur schnell noch mit dem Herrn Berger was erledigen.«

Waldi Waldbauer wunderte zum Glück nichts mehr, dazu war er schon zu lange in diesem Geschäft und kannte außerdem Leopold viel zu gut. Er nickte nur stumm und trat mit steinerner Miene seinen Dienst an.

Leopold hingegen ging noch zu einer ominösen großen Lade, die sich links neben den Billardtischen befand, und kramte darin herum. Es war seine geheime Schatztruhe, sein Heiligtum, in dem er Dinge aller Art und für jeden Zweck verborgen hielt. Obwohl die Lade stets unverschlossen war, konnte sich niemand daran erinnern, dass sie schon einmal jemand außer Leopold geöffnet hatte. Nun zauberte er zwei Paar Handschuhe daraus hervor. Eines davon drückte er Berger in die Hand.

»Das werden Sie brauchen«, sagte er. »Erstens ist es noch ganz schön frisch draußen und zweitens sollten wir keine Fingerabdrücke am Tatort hinterlassen!«

3

Wen wundert’s, dass Herr Berger das Haus, in dem seine Kostgeberin zu Tode gekommen war, mit schlotternden Knien betrat? Zum einen hatte er noch nie so überraschend und unverhofft eine Leiche zu Gesicht bekommen. Zum anderen strahlen alte Häuser, wenn es sich nicht gerade um ein Stadtpalais oder ein romantisches Herrenhaus, sondern um einen von den Jahren gezeichneten Zeugen billigen Wohnbaus aus der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert handelt, eine eher düstere Atmosphäre aus.

Auf Berger wirkte das alte Gemäuer jetzt noch furchterregender als sonst. Im Eingangsflur und dem engen Stiegenhaus mit der gewundenen Treppe war es so dunkel, dass das schwache künstliche Licht zu jeder Tages- und Nachtzeit aufgedreht bleiben musste. Ein abgestandener Geruch, der durch die feuchten Wände noch verstärkt wurde, raubte denjenigen, die nicht hier wohnten, schon beim Hineingehen den Atem. Zurzeit roch es außerdem zusätzlich nach Kohl und Knoblauch.

Trotz all dieser Widerwärtigkeiten erreichten die beiden Herren unbeschadet den ersten Stock, wo sich die Wohnung von Frau Niedermayer befand.

»Ich will nicht noch einmal hineingehen«, murrte Berger.

»Sie können ja im Vorzimmer stehen bleiben, aber jetzt machen S’ bitte einmal auf«, erwiderte Leopold ungeduldig. Er konnte es nicht erwarten, einen geradezu jungfräulichen Tatort vor sich zu haben. Außerdem war ihm in dem dunklen, engen Gang wohl auch ein wenig mulmig.

Ein wenig zitternd nahm Berger den Wohnungsschlüssel hervor und schloss die Türe auf. Während Leopold kurz den kleinen Vorraum musterte und das Licht aufdrehte, blieb er nahezu unbeweglich hinter der Türe stehen.

»Wenn Sie wirklich nicht weiter gehen wollen, dann sagen Sie mir wenigstens, wo sie liegt«, brummte Leopold.

»Im Wohnzimmer«, kam es leise von Bergers Lippen.

Die Tür zum Wohnzimmer lag rechter Hand. Sie führte in einen einfach eingerichteten Raum mit einem Tisch und einer kleinen Sitzecke, einem Fernsehapparat, einer Zimmerpflanze, einem Wandschrank und einigen Regalen, auf denen Bücher und Zeitschriften gestapelt waren. Zwischen dem Schrank und den Regalen befand sich die Tür zum Schlafzimmer. Vor dem Schrank lag die Tote. Der Kopf war leicht zur Seite gedreht, und so sah Leopold sofort die Wunde am Hinterkopf, die den Tod herbeigeführt hatte. Der Teppich war voll Blut.

Leopold schüttelte den Kopf. »So ein schönes Nachthemd zum Sterben anziehen ist ja die reinste Verschwendung«, murmelte er.

Er vermutete, dass der gewaltsame Tod eingetreten war, als Frau Susi sich gerade zu Bett begeben wollte. Die Türe war nicht aufgebrochen worden. Also hatte der Mörder einen Schlüssel wie Herr Berger, oder Susi hatte ihn noch herein gelassen. Das alles musste sich sehr spät zugetragen haben, denn Susi hatte ja erst um halb zwölf das Kaffeehaus verlassen. Aber wann genau?

Neben dem Fernsehapparat lag eine aufgeschlagene Programmzeitschrift. Am Montag, dem 6. November, waren mehrere Sendungen unterstrichen, zwei Gameshows und einige Dokumentationen. Eine dieser angezeichneten Dokumentationen hieß ›Metropolen der Welt: Chikago‹ und war als Wiederholung von 0.30 Uhr bis 1.15 Uhr gelaufen.

Immerhin etwas. Möglicherweise hatte sich Susi Niedermayer diese Sendung noch angesehen, ehe – oder während – sie auf ihren Mörder getroffen war. Die Leiche lag jedenfalls schon länger da, und außerdem war ein gewaltsamer Tod im Morgengrauen statistisch eher unwahrscheinlich.

Erst jetzt fiel Leopold der eigenartige Geruch auf. Es roch in der Wohnung nach Rauch, wenn auch nur schwach. Zuerst hatte er es gar nicht richtig wahrgenommen. Seine Nase war an die verrauchte Kaffeehausluft so gewöhnt, dass ihm dieser leichte Geruch nach Zigarettenrauch gar nicht aufgefallen war. Aber jetzt merkte er es umso deutlicher: Hier hatte jemand geraucht, und er glaubte nicht, dass es Frau Susi gewesen war.

»Herr Berger, haben Sie die Frau Susi jemals rauchen gesehen?«, rief Leopold ins Vorzimmer.

»Nicht, dass ich wüsste«, kam es trocken von dort zurück. »Wann rufen Sie endlich an? Das Telefon steht neben dem Fernseher.«

»Gleich, Herr Berger, gleich! Ich kann nicht zaubern«, sagte Leopold. Dann warf er einen Blick ins Schlafzimmer und entdeckte auch hier Seltsames. Links über dem breiten Doppelbett, dessen Sinn Leopold jetzt nur mehr durch eine gewisse körperliche Verbreiterung bei Frau Susi begründet sah, das aber früher einmal beiden Schwestern als Schlafstatt gedient haben mochte, hing die eingerahmte Fotografie einer weiten Prärielandschaft. Der Platz rechts daneben war frei, eine etwa 50x70 cm große Fläche, bei genauerer Betrachtung heller als der Rest der Wand. Was auch immer dort gehangen hatte, hing jetzt nicht mehr da.

Das Bett selbst war unberührt. Frau Susi hatte sich also noch nicht schlafen gelegt, als sie umgebracht wurde.

»Kommen Sie, Leopold, rufen Sie an!«, klang es ungeduldig aus dem Vorzimmer.

»Jetzt beruhigen Sie sich doch, Herr Berger, und beantworten Sie mir noch eine Frage: Wie viele Bilder hängen für gewöhnlich über dem Bett der Frau Susi?«

»Ach, Sie meinen die zwei komischen Fotos? Da ist das eine, das einmal jemand von ihr und so einem Kerl mit Cowboyhut gemacht hat – furchtbar geschmacklos – und das andere, das … das …«

»Von der Prärie?«

»Von der Prärie, genau. Was soll diese Fragerei?«

»Sie werden schon sehen, Herr Berger, alles hat seine kriminalistische Notwendigkeit. Und noch etwas ist wichtig: Wie gründlich war immer aufgeräumt, wenn Sie zum Mittagessen gekommen sind?«

»Mir tut es langsam schon leid, dass ich Sie überhaupt bemüht habe, Leopold. Sie scheinen ja gar nicht an den Anruf zu denken! Aber bitte. Die Frau Susi war keine schlampige Person, wenn Sie das meinen, sie hat schon auf sich und die Wohnung geschaut. Nicht übertrieben allerdings.«

»Es lag also ab und zu etwas herum?«

»Ja, sicher! Aber das hat nicht weiter gestört. Mich zumindest nicht.«

Und jetzt lag nichts herum außer der Leiche. Alles sah blitzblank zusammengeräumt aus. Der Täter hatte sich reichlich bemüht, alle Spuren zu verwischen. Wie gut ihm das gelungen war, würden die Leute von der Spurensicherung herausfinden. Jedenfalls handelte es sich um eine gründliche Person, und es war einstweilen völlig unklar, ob etwa Geld oder Wertgegenstände fehlten. Eine Tatwaffe war natürlich auch nirgendwo auszumachen.

Leopold durchquerte den Vorraum, sagte automatisch:

»Gleich, Herr Berger, gleich«, und warf noch rasch einen Blick in die Küche. Dort herrschte schon ein wenig mehr Unordnung. Schmutziges Geschirr stand im und neben dem Abwaschbecken. Leopolds Augen suchten nach irgendetwas, einem Aschenbecher, zwei Kaffeeschalen oder zwei Gläsern, den Überresten eines – wenn auch noch so kurzen – Beisammenseins, das dann mit einem gewaltsamen Tod geendet hatte. Aber nichts deutete mit Bestimmtheit auf ein solches Beisammensein hin. Der Täter war also auch in dieser Hinsicht sehr gewissenhaft gewesen, oder Leopold lag einfach falsch mit seiner Vermutung.

Er öffnete den Kühlschrank. Wurst, Käse, Milch, Rahm, Eier. Nichts Besonderes, bis auf eine ungeöffnete Flasche Wein im obersten Regal und eine halbvolle Flasche Martini in der Kühlschranktür. Das wunderte ihn schon ein bisschen. Im Kaffeehaus hatte Frau Susi seines Wissens nie Alkohol getrunken.

Langsam erkannte Leopold, dass sich ihm immer mehr Fragen stellten, auf die er keine Antwort wusste. Vielleicht war es wirklich an der Zeit, seinen Freund Richard Juricek bei der Mordkommission anzurufen.

»So, jetzt werden Sie endlich erlöst, Herr Berger«, sagte er, als er wieder durchs Vorzimmer ins Wohnzimmer gehen wollte. Da fühlte er plötzlich eine merkwürdige Stille um sich. Er hob die Augen, und sein Herz schlug jetzt merkbar schneller.

Das Vorzimmer war leer. Herr Berger war nicht mehr da.

*

»Herr Berger?«

Ungehört verhallte diese reflexartig gestellte Frage im Raum. Herr Berger war verschwunden, hatte das Weite gesucht, hatte sich still und heimlich aus dem Staub gemacht. Leopold war mit der Leiche allein.

Die Stille behagte ihm nicht. Es war einer jener Augenblicke, in denen seine sonstige Selbstsicherheit auf die Probe gestellt wurde. Oft waren es diese kleinen, überraschenden Wendungen, die ihn kurz aus dem Tritt brachten, ehe er wieder klar zu denken begann. »Ich bin ja selber schuld, wenn ich jetzt dastehe wie bestellt und nicht abgeholt«, sagte er zu sich. »Ich habe es eben wieder einmal übertrieben. Trotzdem ist der Berger ein elender Feigling!«

Der Mantel! Vor Leopolds Augen hing jener dunkelblaue Mantel, den Frau Susi gestern im Kaffeehaus angehabt hatte. Er hatte deutlich gesehen, dass innen etwas Weißes herausleuchtete, als er ihr hineingeholfen hatte. Beinahe hätte er vergessen, dass er auch deswegen in diese Wohnung gekommen war. Voller Erwartung machte er einen fachmännischen Griff in die Innentasche des Mantels, und sein Erinnerungsvermögen wurde belohnt. Zwei Dinge fanden sich in seiner Hand: ein Brief und eine Notiz auf einem Zettel. Der Brief war an Gertrud Niedermayer in Groß Enzersdorf adressiert, es klebte aber noch keine Marke darauf, und das schien auch der Grund zu sein, warum er noch nicht aufgegeben war. Auf dem Zettel stand eine Telefonnummer: 271 77 85.

›Merkwürdig‹, dachte Leopold, ›jetzt hat die mit ihrer Schwester tatsächlich nur mehr schriftlich verkehrt.‹ Er steckte sicherheitshalber Brief und Notiz ein.

Als er überlegte, was nun weiter zu tun war, läutete es zweimal an der Tür. Er zuckte zusammen. »Herr Berger?«, rief er nochmals fragend und unsicher.

Statt einer Antwort läutete es wiederum. »Machen Sie auf«, sagte eine schrille Frauenstimme. »Ich weiß, dass Sie hier sind.«

»Wer ist da?«, fragte Leopold. Zögernd öffnete er die Tür einen Spalt breit. Draußen stand eine Frau unbestimmten Alters, nicht mehr taufrisch, aber jünger als die Ermordete. Sie hatte schwarzes, grau durchzogenes, fettiges Haar, das nach hinten zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden war. Das Gesicht war stark geschminkt und hatte sicher mehr Falten, als man in dem diesigen Licht erkennen konnte. »Ich heiße Maria Ivanschitz«, sagte sie. »Und Sie sind sicher der Herr Leopold!«

»Woher wissen Sie denn das?«, fragte Leopold misstrauisch.

»Vom Herrn Berger. Er ist gerade ganz aufgeregt auf dem Gang gestanden, als ich ihn zufällig durch meinen Türspion gesehen habe. Ich bin nämlich die Nachbarin von gegenüber. Na, und wie ich ihn so sehe, habe ich die Tür aufgemacht und ihn gefragt, was denn los ist, was er denn hat, ob etwas mit der Frau Susi ist. Er war ja heute schon einmal da, wie Sie wissen, und ist da gleich wieder weggerannt. Kurzum« – sie holte einmal tief Luft – »kurzum, er sitzt jetzt bei mir auf ein Schalerl Kaffee und hat mir gesagt, dass Sie auch hier sind. Sagen Sie, stimmt es, dass die Frau Susi tot ist? Dass man sie … erschlagen hat?«

»Sie können ja selber nachschauen«, meinte Leopold, immer noch misstrauisch.

»Nein, nein, lieber nicht! Ich glaub Ihnen schon. Mein Gott, ist das schrecklich!« Sie versuchte zu lächeln. »Aber warum stehen wir denn hier auf dem Gang herum, wo es so furchtbar ungemütlich ist und uns jeder hören kann. Kommen Sie doch auch zu mir herüber, es ist noch genug Kaffee da. Außerdem möchte ich Ihnen was erzählen, bevor die Polizei kommt. Ich habe da nämlich gestern einige Beobachtungen gemacht.«

Leopold zog wie in Trance die Türe hinter sich zu. Es hatte ihm einfach die Sprache verschlagen. Sogar den Bildband über Kalifornien hatte er vergessen. Diese Frau hatte ihn sozusagen kalt erwischt, und er reagierte im Augenblick mehr, als selbst irgendwelche Aktivitäten zu starten. Zusätzlich machte ihm das penetrante Organ der Frau Ivanschitz zu schaffen.

»Nur herein in die gute Stube«, hallte es ihm schon wieder entgegen, während Frau Ivanschitz die Wohnungstüre aufschloss. »Sagen Sie, ist es wahr, dass Sie schon auf eigene Faust Nachforschungen angestellt haben, wie der Herr Berger sagt?«

»Langsam, langsam«, sagte Leopold. »Ich bin nur ein einfacher Ober vom Kaffeehaus vorne an der Ecke. Die Frau Susi war Stammgast bei uns, und natürlich interessiert man sich da. Außerdem werden wir, wie Sie richtig bemerkt haben, alle von der Polizei befragt werden, und da muss man sich schon alles genau anschauen und einprägen, damit einem nicht das Wort im Mund herumgedreht wird.«

»Sie sagen es, Sie sind ein gescheiter Mann«, bemerkte Frau Ivanschitz. »So, kommen Sie nur weiter.«

Leopold folgte ihr in die Küche, wo Herr Berger sichtlich erleichtert beim Kaffee saß und mit einem kaum merkbaren, schadenfrohen Grinsen die Schale zu seinem Mund hob. »Ich hab’s einfach nicht mehr ausgehalten«, sagte er entschuldigend, und Leopold meinte, dabei ein leichtes Augenzwinkern in seine Richtung wahrzunehmen.

Ja, ja, der Herr Berger! Ein undankbarer, ungeduldiger Patron, ein Opportunist. Und ein Feigling obendrein. Mit dem würde man nicht einmal kleine Ponys stehlen können. Aber mehr noch als über den ängstlichen, im Grunde harmlosen Mann ärgerte sich Leopold über sich selbst. Diese Frau hatte etwas Magisch-Aufdringliches an sich. Das war aber noch lange kein Grund, sich von ihr einfach in die Defensive drängen zu lassen.

»Mit Milch und Zucker?« Schon wieder diese penetrante Stimme, die so gar nichts Anheimelndes besaß.

»Etwas Milch und zwei Zucker, bitte!«

Leopold versuchte, seine Gedanken wieder in Ordnung zu bringen. Dabei stellte er sich gleich die Frage, ob nicht Frau Ivanschitz auch als Täterin in Frage kam. Warum nicht? Sie lebte in unmittelbarer Nähe der Toten, kannte ihre Gewohnheiten und konnte sich jederzeit Zutritt zu ihrer Wohnung verschafft haben. Ein vertrauliches Klopfen hätte genügt. Etwa so:

»Frau Niedermayer, sind Sie noch wach?«

»Bin ich froh, dass ich jetzt da sitze«, murmelte Berger in der Zwischenzeit vor sich hin. »Nach dem ganzen Schock! Nein, nein, die Frau Ivanschitz ist eine Perle, das muss man schon sagen.«

Eine sehr ordnungsliebende Perle, schoss es Leopold durch den Kopf. Schau, schau, wie blitzblank hier alles ist. Wie drüben am Tatort. Das passte irgendwie zusammen. Man konnte Frau Ivanschitz nicht von vorneherein als Täterin ausschließen.

»So, da ist der Kaffee. Kann ich mit noch etwas dienen?«, fragte Frau Ivanschitz.

»Einen Aschenbecher, bitte, wenn Sie so lieb sind«, sagte Leopold und zog ein Packerl Ernte 23 aus der Sakkotasche. »Ich würde auf den Schreck gern eine rauchen.«

»Gern hab ich das ja nicht«, sagte Maria Ivanschitz, »aber wenn es unbedingt sein muss. Meinem Mann kann ich es auch nicht abgewöhnen, der raucht immer noch zwei, drei, wenn er nach Hause kommt. Passen Sie halt auf, dass keine Asche daneben geht, das ist so hässlich!«

Als sie mit dem Aschenbecher kam, legte sie los:

»So, jetzt muss ich Ihnen aber erzählen, was ich gestern und in der Nacht auf heute alles beobachtet habe.«

»Ich bitte darum«, sagte Leopold, während er sich eine Zigarette anzündete.

»Also, so viel los war bei der Frau Susi schon lange nicht mehr. Gestern Nachmittag habe ich gehört, wie sie laut geschrien und mit einer anderen Frau gestritten hat. Wie ich so nachschauen will, was da los ist, geht auch schon die Türe auf und heraus kommt ihre Schwester Gertrud, die hier früher einmal zusammen mit ihr gewohnt hat. Ich habe nicht schlecht gestaunt. Die beiden haben sich ja in den letzten Jahren praktisch nicht mehr gesehen. Es hat da einmal ziemlichen Krach gegeben, wissen Sie. Was macht die Gertrud denn auf einmal da, habe ich mich also gefragt. Da ist sie auch schon die Stiege hinuntergelaufen mit etwas Großem, Rechteckigem unter dem Arm. Und die Susi hat ihr nachgeschrien: ›Nimm es nur und werde glücklich damit!‹«

Das Bild, dachte Leopold, die Schwester hat das Bild mitgenommen. Er machte einen Zug an seiner Zigarette. »Ist ja interessant«, sagte er. »Ich kenne die Gertrud. Sie war früher manchmal mit der Frau Susi im Kaffeehaus, als sie noch zusammengelebt haben.«

»Ich kenn die Gertrud auch«, meldete sich Berger, nur um etwas zu sagen.

»Sehen Sie«, sagte Frau Ivanschitz. Es klang nicht ganz passend, aber sie sagte es. »Aber das ist noch lange nicht alles. Mitten in der Nacht war da noch einmal so ein Getöse. Es war so ein Wirbel auf dem Gang, dass ich aufgewacht bin. Ein Betrunkener ist vor der Tür von der Frau Susi gestanden – das heißt, so richtig gestanden ist er eigentlich nicht mehr, er hat eher gewackelt – und wollte allem Anschein nach hinein zu ihr. Ich konnte ihn leider nur von hinten sehen, und es war sehr düster. Ich konnte also nicht viel erkennen. So geschneckerltes (gelocktes) Haar hat er gehabt und eine dunkle Lederjacke getragen. Keine Brille, kein Bart, glaube ich. Die Frau Susi hat gerufen: ›Was wollen Sie denn da? Sie können doch jetzt nicht zu mir herein um diese Zeit! Schaun S’, dass Sie verschwinden, sonst rufe ich die Polizei!‹ Sie war ganz aufgeregt, und ich habe mir gedacht, ich muss jetzt hinübergehen und ihr helfen.«

»Und dann?«, fragte Berger gespannt. Er schien wieder zu Kräften zu kommen.

»Dann hat er noch etwas gestammelt, was ich nicht verstanden habe, und ist gegangen, besser gesagt, die Stiege hinuntergetorkelt. Die Frau Susi hat ihre Türe zugemacht und ich habe mich wieder niedergelegt. Mein Mann hat gefragt, was los war, und ich habe gesagt: ›Ach, nur so ein Betrunkener, kannst ruhig weiterschlafen.‹« Sie machte eine kurze künstlerische Pause. »Nach einer Weile bin ich noch einmal aufgewacht, weil ich mir eingebildet habe, ich hätte etwas gehört. Es war aber dann ganz ruhig, und auch auf dem Gang war niemand. Ich dachte also, ich hätte es nur geträumt. Ich konnte ja nicht ahnen, dass dieser brutale Kerl zurückgekommen ist und die Frau Susi erschlagen hat.«

»Wieso soll gerade er es gewesen sein?«, fragte Leopold.

»Weil er betrunken war und enthemmt, und weil er etwas wollte von der Frau Susi und sie ihn nicht in die Wohnung gelassen hat. Irgendwie wird er sich schon wieder Zutritt verschafft haben. Vielleicht ist er heimlich eingedrungen, sie hat ihn bemerkt und er hat sie niedergeschlagen. Was weiß denn ich! Wer käme denn sonst in Frage?«

»Ich weiß auch nicht, aber immerhin könnte zum Beispiel schon jemand da gewesen sein, den Sie nicht bemerkt haben. Eine andere Frage: Wann war denn das Ganze genau?«

»Ganz genau kann ich es nicht sagen, aber das erste Mal bin ich so gegen 1.15 Uhr aufgewacht, das zweite Mal ungefähr eine halbe Stunde später.«

Das konnte vom Zeitschema her passen, sofern die Angaben dieser aufdringlichen, neugierigen und betont reinlichen Nachbarin auf Wahrheit beruhten. Was Leopold nun allgemein freundlicher stimmte, war die Tatsache, dass er begann, den Gesprächsverlauf zu bestimmen. »Hat Frau Susi denn öfter abends oder so spät in der Nacht Besuch gehabt? Ist Ihnen da etwas aufgefallen?«, fuhr er fort.

»In letzter Zeit eigentlich nie, soweit ich weiß. Sie kam manchmal später nach Hause, aber Besuche – nein!«

»Glauben Sie, dass sie den Betrunkenen gekannt hat?«

»Also, das kann ich nicht sagen. Das kann ich wirklich nicht sagen.«

»So, jetzt haben Sie aber wirklich alles erfahren, was Sie wissen wollten«, meldete sich der munter gewordene Berger wieder zu Wort. »Ich kann es Ihnen nicht ersparen, Sie müssen noch einmal hinüber zur Frau Susi und endlich die Polizei anrufen. Es ist Ihre Schuld, wenn Sie bis jetzt gebrodelt (getrödelt) haben. Aber anrufen müssen Sie irgendwann einmal.« Der Kaffee entwickelte bei ihm jetzt eine belebende Wirkung. Oder war es doch der Schnaps von vorhin?

Leopold konnte sich jedenfalls nicht mit dem Gedanken anfreunden, sich auf ein weiteres Rendezvous mit der Leiche einzulassen. »Nein, hinüber geh ich jetzt nicht mehr«, stöhnte er. Dann nahm er ein kleines Handy aus seiner Sakkotasche, tippte rasch eine Nummer ein, wartete einige Augenblicke und sagte dann mit einem zurechtweisenden Blick auf den verblüfften Berger:

»Spricht dort die Mordkommission? … Ja? … Dann verbinden Sie mich bitte mit Oberinspektor Juricek. Es ist dringend.«

4

Der düstere Gang des alten Mietshauses belebte sich schlagartig, als die ersten Polizeiautos mit Blaulicht vorfuhren. Plötzlich kamen sie alle hervor: alte und nicht mehr ganz junge Damen, ein etwas verwirrt wirkender kleiner Herr im Pyjama, ein Fettwanst mit einer Bierflasche in der Hand, eine türkische Frau mit einem Kind im Arm und einem weiteren an ihrer Kittelfalte. Überall glotzten neugierige Augen die Brüstung des Stiegengeländers hinab. »Was, die Frau Niedermayer«, hieß es, »das habe ich schon lange kommen sehen!« und »Man ist sich ja nicht einmal mehr zu Hause seines Lebens sicher.« Die Stimmen gingen durcheinander, aber nicht laut, sondern nur leise und flüsternd. Das Ereignis schien für kurze Zeit die Grabesruhe in dem alten Gemäuer zu unterbrechen, aber nur, um sie durch das zögernde Gemurmel einer Gruppe Scheintoter zu ersetzen, die für kurze Zeit zum Leben erweckt worden waren.

Irgendwo dazwischen, einmal hier, einmal da, stand in erregter Diskussion Frau Ivanschitz. Man konnte ihre penetrante Stimme gut aus der gedämpften Unruhe heraushören. Sie leistete ganze Arbeit, indem sie die Neuigkeiten um den Tod der Frau Niedermayer in Windeseile weiterverbreitete. Dabei wirkte sie wie eine Animateurin, die ihr Publikum zu einem Stimmungshöhepunkt führen wollte.

Die eingetroffenen Beamten waren über den Auflauf alles andere als glücklich. »Bitte gehen Sie in Ihre Wohnungen. Wir holen Sie, wenn wir Sie brauchen«, sagte ein jüngerer Polizist in Zivil schroff. Sein rundliches Gesicht nahm rasch die Farbe seiner kurz geschnittenen roten Haare an, wenn er sich ärgerte. Und im Augenblick ärgerte er sich. Er stand gemeinsam mit Berger und Leopold im Vorraum von Frau Susis Wohnung.

»Sie haben also die Leiche gefunden«, fuhr er Berger an.

»Jawohl«, nickte Berger vertrauensselig.

»Und wann war das?«

»So circa um 12 Uhr. Ich komme jeden Tag um diese Zeit essen zur Frau Niedermayer. Sie kocht für mich, seit meine liebe, gute Frau das Zeitliche gesegnet hat. Das war vor fünf Jahren. Meine Frau ist an Krebs gestorben und …«

»Das interessiert mich nicht. Antworten Sie nur auf die Dinge, die Sie gefragt werden.« Der junge Inspektor wirkte reichlich ungehalten und nervös. »Wie kamen Sie in die Wohnung?«

»Ich habe einen Schlüssel. Als mir niemand öffnete, habe ich einfach die Türe aufgesperrt.«

»War die Türe verschlossen?«

»Nein!«

»Aber zu war sie, nicht etwa nur angelehnt?«

»Ja, ja.«

»Gut!« Der Inspektor machte eine kurze künstliche Pause. »Sagen Sie, wie kommt es, dass die Tür nur angelehnt war, als wir kamen?«, fragte er dann scharf. »Haben Sie etwa in Betracht gezogen, die Tote einer allgemeinen Beschau freizugeben?«

Berger verschlug es für einen Augenblick die Sprache. Dann nahm er all seine Kräfte zusammen, die allerdings angesichts der prallen Röte im Gesicht des Inspektors bereits wieder im Schwinden begriffen waren. »Schnauzen Sie mich bitte nicht so an«, sagte er. »Ich habe die Tür gewissenhaft zugemacht. Sie ist verzogen und klemmt ein bisschen. Es geht oft nicht leicht, aber ich weiß das und ziehe sie immer ganz zu. Aber der Letzte in der Wohnung war ja gar nicht ich, das war der Herr Leopold«, meinte er dann triumphierend.

»Wer ist das? Ist das etwa derjenige, der bei uns angerufen hat?« Der Inspektor rang um Beherrschung.

»Ja, ich bin das«, meldete sich Leopold. »Bitte, es kann schon sein, dass die Türe klemmt. Vielleicht hätte ich stärker anziehen sollen. Aber was weiß man schon.«

Der Inspektor schien nun seine ganze Wut auf Leopold zu entladen. »Was weiß man. Was weiß man!! Ich möchte jetzt wissen, wie es möglich ist, dass jemand um 12 Uhr eine Leiche findet und wir erst um halb zwei verständigt werden. Ich möchte wissen, wie lange Sie in der Wohnung herumgetrampelt sind und so viele Spuren hinterlassen oder verwischt haben, dass wir erst gar nicht zu suchen anfangen müssen, Herr …«

»Hofer. Leopold. Eigentlich Leopold Willibald Hofer. Leopold W. Hofer.«

»Wehofer?«

»Nein, Hofer. Das ›W‹ ist nur ein Zusatz, eine Initiale.«

Wusste der Inspektor, was eine Initiale ist? Jedenfalls begann er, etwas auf einem Block zu notieren und fauchte dabei:

»Also nur ›Hofer‹. Warum reden Sie denn von einem ›W‹, wenn es nicht wichtig ist?«

Leopold zuckte die Achseln. »Es hätte ja wichtig sein können«, sagte er. Er bemühte sich verzweifelt, den Grimm des Inspektors irgendwie abzulenken, war sich aber nicht sicher, ob ihm das gelingen würde.

»Weshalb sind Sie denn überhaupt in der Wohnung gewesen, Herr Hofer? Es wäre Ihre Pflicht gewesen, uns gleich zu verständigen.«

»Nun ja, um etwa Viertel nach zwölf ist Herr Berger völlig aufgelöst bei mir im Kaffeehaus aufgetaucht. Ich arbeite nämlich als Ober drüben im Café Heller, müssen Sie wissen. Er hat etwas von der Frau Niedermayer gefaselt und dass man sie erschlagen hat. Zum Teil hat er völlig unzusammenhängend geredet. Hätte ich ihm da ohne Weiteres glauben sollen? Wie, wenn er sich alles nur eingebildet hätte? Hätte ich die Polizei etwa auf Verdacht holen sollen? Also, ich wollte mich schon überzeugen, dass das Zeug stimmt, das er da dahergeredet hat. Und da ich nicht zimperlich bin, habe ich Herrn Berger überredet, nochmals mit mir in die Wohnung zu gehen.«

»Unglaublich, was Sie sich da herausnehmen, Leopold«, feixte Berger kopfschüttelnd. »Ich habe Ihnen die Sachlage klar dargestellt und deutliche Instruktionen gegeben. Sie haben mich ja förmlich gezwungen, noch einmal dorthin zu gehen. Freiwillig wäre ich nie mitgekommen.«

»Hören Sie nicht auf den, Herr Inspektor«, sagte Leopold. »Der war nicht einmal fähig anzurufen und will mir deutliche Instruktionen gegeben haben.«

»Ihre Begründung reicht mir nicht, Herr Hofer«, meldete sich der Inspektor wieder zu Wort. »Ich unterstelle Ihnen auf jeden Fall einmal eine Behinderung der Arbeit der Polizei.«

»Ich habe nichts angefasst, und Handschuhe habe ich außerdem angehabt.«

»Seien Sie ruhig, Herr Hofer, jetzt rede ich! Tun Sie doch nicht so scheinheilig! Ihre Pflicht wäre es gewesen, die Polizei so rasch als möglich zu verständigen. Das haben Sie erwiesenermaßen nicht getan. Wir werden schon sehen, ob Sie nur aus Dilettantismus so viel Zeit vertrödelt haben, oder ob da mehr dahinter steckt. Da komme ich noch dahinter, verlassen Sie sich drauf!« Der Inspektor war jetzt wieder dabei, die Fassung zu verlieren. Als er kurz tief Luft holte, hörte er plötzlich ein schnarrendes »Grüß dich, Leopold!« hinter sich.

Auf leisen Sohlen, unauffällig, wie es seine Art war, war Oberinspektor Richard Juricek am Tatort erschienen, ein frühzeitig ergrauter Mittfünfziger mit Schnurrbart und auffallend dunkler Gesichtsfarbe. Seinen Kopf zierte ein dunkelbrauner Hut mit breiter Krempe, den er bei fast allen Gelegenheiten aufhatte, dazu trug er einen Schal und einen hellbraunen Kamelhaarmantel. Er kam für gewöhnlich immer ein wenig später zu einem Einsatz. Die grobe Arbeit überließ er erst einmal den anderen. Dann versuchte er, sich Schritt für Schritt einen ersten Eindruck zu verschaffen.

»Darf ich dir unsern Herrn Inspektor Bollek vorstellen, Leopold«, schnarrte er weiter. »Meine rechte Hand sozusagen. Er ist noch jung und ein bisserl streng, aber das hast du ja offenbar ohnehin gemerkt. Und darüber, dass wir erst gute eineinhalb Stunden, nachdem eine Leiche von euch entdeckt wurde, davon erfahren, wundern sich ehrlich gesagt alle.«

Leopold wollte etwas einwenden, aber Juricek wandte sich jetzt an seinen noch um eine Spur röter gewordenen Kollegen. »Sie müssen wissen, Herr Inspektor, der Leopold ist einmal mit mir in eine Klasse gegangen. Er ist nicht so schlampig, wie Sie vielleicht den Eindruck haben, und äußerst hilfsbereit. Wahrscheinlich ist er durch die äußeren Umstände ein wenig aufgehalten worden, nicht wahr, Leopold?« Dabei zwinkerte er Leopold kaum merkbar zu.

»So ist es«, bestätigte Leopold, »aber mir glaubt ja keiner. Servus Richard!«

»Solltest du also noch einmal in eine solche Situation kommen, beeile dich ein bisschen mehr, sonst verscherzt du es dir mit meinen jüngeren Kollegen. Und mach die Tür ordentlich zu, ich hab gehört, da hat es auch etwas gehabt. Ansonsten danke für deinen Anruf.« Bei diesen Worten zog er Leopold ein wenig zur Seite. Zum Inspektor sagte er:

»Kollege Bollek, machen Sie doch einmal ein Protokoll der Aussage unseres Zeugen, der die Leiche gefunden hat, des Herrn …«

»Berger«, meldete sich Berger wieder ins Geschehen zurück.

Missmutig setzte sich Bollek daraufhin mit Berger in die kleine Küche mit dem schmutzigen Geschirr. Richard Juricek aber hörte sich erst einmal in kurzen Worten an, was Leopold so alles aufgefallen war und was er über Susi Niedermayer grob zu sagen wusste. Er war ein guter Zuhörer und unterbrach selten. Erst, als Leopold geendet hatte, begann er mit seinen eigenen Überlegungen.

»Das mit dem Bild hat etwas für sich«, meinte er. »Warum streiten sie, und die Schwester nimmt es dann mit? Und was bedeutet es, dass die Niedermayer selber auf dem Foto mit drauf ist? Egal, wir müssen die Schwester ohnehin heute noch verständigen, und bei der Gelegenheit wird sie uns gleich nähere Auskünfte erteilen können. Es sieht ja ganz so aus, als ob sie die einzige oder zumindest nächste lebende Verwandte der Toten ist, oder?«

Leopold zuckte die Achseln. »Weiß ich nicht. Mann hat die Frau Susi jedenfalls in ihrem Leben noch keinen gehabt.«

»Ach so? Wie kommst du denn zu der kühnen Behauptung?«

»Menschenkenntnis, Richard, Gefühl. Na, und geraucht hat sie ja auch nicht. Der Mörder muss also Raucher gewesen sein.«

»Vielleicht. Aber wenn nun die Schwester Raucherin ist und schon am Nachmittag geraucht hat? Und selbst, wenn es der Täter war, der sich hier noch vorher eine angezündet hat: Erstens, Raucher gibt es viele. Und zweitens, wo ist der Beweis? Keine Kippe, keine Asche, kein Aschenbecher. Wenn unsere Leute nicht noch irgendetwas finden, bringt uns das überhaupt nicht weiter. Wie du selbst bemerkt hast, scheint der Täter sehr gründlich gewesen zu sein. Wir müssen froh sein, wenn wir überhaupt irgendwelche Spuren sicherstellen können, die uns weiterhelfen. Nein, nein«, und dabei schüttelte Juricek bedächtig den Kopf, »es wird wohl das Beste sein, einmal diesen mysteriösen Fremden zu suchen, der unser Opfer mitten in der Nacht aus der Wohnung geläutet hat. Entweder er war es, oder er weiß vielleicht etwas.«

»Der war doch stockbetrunken«, entgegnete Leopold.

»Eben, da hat man viel aufgestaute Aggressionen und schlägt oft grundlos zu.«

»Aber man verwischt seine Spuren nicht so eiskalt und haut still und heimlich ab.«

»Solche Menschen sind nach begangener Tat oft schnell wieder stocknüchtern. Außerdem wissen wir noch viel zu wenig. War es ein Totschlag, ein Raubmord, ein Sexualmord? Ein von langer Hand geplanter Mord? Was war die Tatwaffe? Fehlt in der Wohnung noch etwas außer dem Bild? Ich werde mir einmal diese Ivanschitz vorknöpfen, die scheint ja eine recht gute Quelle zu sein.«

»Aber in gewisser Weise verdächtig ist sie auch.«

»Das werden wir schon sehen. Jedenfalls möchte ich mit ihr reden. Dann warte ich darauf, was mir die Leute von der Spurensicherung sagen und was bei der Autopsie herauskommt. Um die Schwester kümmern wir uns auch. Und du, lieber Leopold, hörst dich ein bisschen um. Die Tote war doch Stammgast in eurem Kaffeehaus, vielleicht erzählt dir jemand was. Und vergiss nicht unseren Trunkenbold mit der Lederjacke. Könnte sein, dass er jemandem zur fraglichen Zeit aufgefallen ist, irgendwo muss er sich ja besoffen haben. Vielleicht war er sogar bei euch. Du kannst dich nicht etwa an ihn erinnern?«

Leopold schüttelte den Kopf.

»Na, die Beschreibung ist ja auch nicht übertrieben genau«, sagte Juricek. »Aber könnte sein, dass dir der Typ schon einmal untergekommen ist. Solche Leute frequentieren in der Regel nicht nur ein, zwei Lokale. Denk einmal nach.«

»Und was ist mit dem Klub ›Fernweh‹?«

»Du meinst, das ist wichtig?« Juricek spielte kurz den Naiven.

»Aber sicher! Dort hat sie ja einen großen Teil ihrer Abende verbracht. Wenn sie irgendwelche Bekannten hatte, die wir nicht kennen, dann nur von dort.«

»Ist mir schon klar, Leopold, aber schau! Es wäre nicht gescheit, wenn wir gleich dort auftauchen und viel Aufsehen erregen. Wer geht denn in so einen Klub? Viele harmlose, alte Menschen, die wir nur beunruhigen würden und die der Polizei gegenüber vielleicht gar nicht so gesprächig sind. Ich möchte da noch ein bisschen warten. Ich glaube, es wäre besser, wenn sich dort erst einmal jemand umschaut, der nicht gleich seine Dienstmarke aus der Tasche zieht. Und da habe ich an dich gedacht, Leopold. Du würdest überhaupt keinen Verdacht erregen.«

»Ich?« Leopold schüttelte widerwillig den Kopf. »Ich, natürlich. Weil es überhaupt nicht auffällt, wenn dort plötzlich ein Ober von der Konkurrenz auftaucht.«

Die Abende des Klubs ›Fernweh‹ fanden im Gasthaus Beinsteiner in unmittelbarer Nähe des Franz-Jonas-Platzes und des Café Heller statt. Seit jeher war das Verhältnis zwischen den beiden Lokalen gespannt. Das ›Beinsteiner‹ (›Zum gemütlichen Floridsdorfer‹) hatte einen großen Saal, der nicht nur vom Klub ›Fernweh‹ genutzt wurde, sondern der auch Hochzeitstafeln, Geburtstags- und Betriebsfeiern magisch anzog. Es hatte einen gut gehenden Sparverein. Es organisierte Veranstaltungsabende. Es war aufgrund seiner guten, bodenständigen Küche auch über die Bezirksgrenzen hinaus bekannt. Auf das ›Heller‹ sah es, wenn man der Floridsdorfer Gerüchteküche glauben konnte, mitleidig herab. Am schlimmsten aber war, dass das Gasthaus Beinsteiner dem Café Heller in den letzten Jahren zwei Tarockrunden und auch sonst einige Stammgäste abgeworben hatte. Das konnte und wollte Leopold nicht vergessen. Er wollte mit dem ›Gemütlichen Floridsdorfer‹ nichts zu tun haben.

Juricek versuchte, auf seinen Freund beruhigend einzuwirken. »Aber, aber«, sagte er. »Du holst dir ja nur einen Gusto auf ein Reiseziel für deinen nächsten Urlaub. Dass sie eventuell glauben, du spionierst für die Konkurrenz, stört ja nicht. Sag, hast du nicht vorhin behauptet, dass heute wieder Klubabend ist? Und wenn du jetzt nicht im Dienst bist, hast du doch heute Abend frei, oder?«

Leopold gab sich geschlagen. »Also meinetwegen, geh ich halt hin.«

»So ist’s brav, Leopold. Und morgen Abend komme ich dich im Kaffeehaus besuchen, und wir plaudern ein bisschen. Da hab ich dann vielleicht auch Neuigkeiten für dich.«

Leopold nickte nur noch einmal als Zeichen der Unterwerfung.

»So, jetzt tu mir bitte noch den Gefallen und gib das Wichtigste beim Herrn Inspektor Bollek zu Protokoll«, sagte Juricek. »Ansonsten bis morgen – und keine weiteren Eigenmächtigkeiten, bitte. Du verheimlichst mir doch nichts, Leopold?«

»Aber Richard, du kennst mich doch!«

»Na, eben darum frage ich dich ja!«

Leopold versuchte, ein entwaffnendes Lächeln aufzusetzen. »Nein, nein! Also bis morgen«, sagte er dann.

Wie um sicher zu gehen, griff Leopold kurz in seine Sakkotasche, als er auf Inspektor Bollek zusteuerte. Es war noch alles da, der Brief und der Zettel mit der Telefonnummer.

*

Der kleine, an der Alten Donau gelegene Park war um diese Jahreszeit ein Hort der Ruhe und des Friedens. Nur wenige Menschen setzten sich auf eine Bank in die Sonne, spazierten am Wasser entlang oder fütterten die zahlreichen Enten und Schwäne. Viele dieser wenigen waren einsam und wollten nicht den ganzen Tag allein zu Hause sein. Wenn es auch schon langsam kalt wurde, in der Abgeschiedenheit des eigenen Herzens war es zumeist noch kälter.

Die Bahn der Sonne wurde langsam flacher, und die Weidenbäume warfen immer längere Schatten. Dabei war es erst früher Nachmittag. Der Winter kam näher, langsam, aber unerbittlich.

Auf einem der Gehwege sah man Isabella und Erich spazieren. Sie waren gerade von der Schule hierher gekommen. Die Dinge mussten besprochen werden, in Ruhe und ohne Zuhörer.

Isabella fröstelte leicht. Als Erich sie um den Hals fasste und ein wenig an sich drückte, ließ sie es zuerst geschehen, riss sich aber dann mit einem Mal wieder los.

»Was hast du denn?«, fragte Erich.

»Nichts«, kam die spröde Antwort.

»Du bist aber schon die ganze Zeit so widerspenstig.«

»Ja und? Wer quält mich denn andauernd mit seinen Fragen? Wer macht mir denn ständig Vorwürfe? Du! Oder?«

Sie ging jetzt zwei Schritte neben ihm und bemühte sich, diesen Abstand einzuhalten. »Ich verstehe nur nicht, warum du der ganzen Welt erzählst, dass wir ein Kind haben werden«, sagte Erich.

»Meinem Klassenvorstand habe ich es wohl mitteilen müssen«, feixte Isabella. Sie steckte ihre Hände in die Manteltaschen.

»Ja, von mir aus, aber du hättest ihm doch nicht zu sagen brauchen, von wem es ist. Und dann kriegst du dein Mitteilungsbedürfnis auch noch in dem Moment, wo die Gabi dabei ist. Sie hat mir in der Pause schon gratuliert. Die kann doch auf Dauer nicht ihren Mund halten, und dann weiß es die ganze Welt.«

»Sie wird ihn halten, verlass dich drauf.«

»Und wie willst du das erreichen?«

»Mensch, Erich, sei doch nicht so misstrauisch! Die Gabi ist nicht so eine Tratschtante, wie du immer glaubst. Und dann denk doch einmal logisch nach. Wenn sie oder unser verehrter Herr Klassenvorstand es an der nötigen Diskretion fehlen lassen, müssen wir leider über die beiden auch etwas erzählen. Ich bin nicht blind und schon gar nicht dumm.«

»Na ja, mit so schweren Geschützen müssen wir auch nicht auffahren. Der Korber ist im Grunde nicht so übel, und wenn wir jetzt vor der Matura einen Wirbel machen …«

»Ich meine ja nur. Du brauchst keine Angst zu haben, die werden nicht reden. Die sind froh, wenn über sie nicht geredet wird.«

Isabella ging jetzt ein wenig schneller, und Erich hatte Mühe, mit ihr Schritt zu halten, obwohl er um einiges größer als sie war und längere Beine hatte. Er lief ihr nach, ohne sie ganz zu erreichen. Und tat er das nicht, sinnbildlich gesprochen, die ganze Zeit? Ungelenk bemühte er sich um sie, doch immer dann, wenn er glaubte, sie zu fassen zu bekommen, entwand sie sich ihm mühelos, war vor ihm, neben ihm oder überhaupt außerhalb seines Gesichtsfeldes. »So warte doch«, rief er. »Ich weiß, ich bin nervös, aber das alles kommt so unerwartet und plötzlich gerade jetzt …«

»Also du bist nervös. Was soll denn da ich sagen?«

»Aber verstehe doch …«

»Gar nichts verstehe ich. Seit über einem Jahr, seit du in unserer Klasse bist, bist du hinter mir her. Und dann entwickle ich endlich Sympathien für dich, verliebe mich irgendwie in diesen liebenswürdigen, großen, unerfahrenen Jungen, gehe eines Abends sogar mit dir ins Bett, weil du mich in der Wohnung deiner Eltern verführst, lasse mich überreden, es ohne Gummi zu machen – und kriege dafür nichts als Vorwürfe. Wer bekommt denn das Kind? Und wer fällt wahrscheinlich um seinen Maturatermin um?«

Hier traf sie Erich an seinem schwachen Punkt. Er wollte sie nicht verletzen. Er stand ja zu dem Kind, hatte das Wort Abtreibung nie erwähnt, als er merkte, dass Isabella das Kind bekommen wollte. Aber so, wie er zuerst seinen Gefühlen hilflos ausgeliefert gewesen war, sah er sich jetzt mit einer Situation konfrontiert, die ihn einfach überforderte.

Immerhin hatte er den Mut gefunden, seinen Eltern alles zu beichten. Ganz im Gegensatz zu seinen Befürchtungen war er dabei vor allem bei seinem Vater sofort auf Verständnis gestoßen. Ferdinand Nowotny, ein aufbrausender und cholerischer Mensch, der zu Wutausbrüchen neigte, war um die Zukunft seines Sohnes besorgt. Erich hatte schon im Vorjahr eine Klasse wiederholen müssen. Dabei sollte er studieren und später einmal die Baufirma des Vaters übernehmen. Es hatte also kaum Hoffnung bestanden, dass sich eine größere Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn vermeiden lassen würde. Aber Ferdinand Nowotny hatte Verständnis gezeigt, seine Frau und seinen Sohn beruhigt und im Übrigen angeboten zu helfen, wo er nur konnte.

Darauf konnte Erich aufbauen, aber da war trotzdem ständig diese schreckliche Ungewissheit. Wie sollte er sich nur Isabella gegenüber verhalten? Wie konnte er sich Zutritt zu der Seele dieses launischen Mädchens verschaffen, von dem er sich eingestehen musste, dass er es ja doch kaum kannte?

»Ich weiß, aber darüber haben wir ja geredet«, sagte er. »Und der Korber hat dir auch schon erklärt, wie du die Sache anstellen musst. Und … das Kind macht mir nichts aus, wirklich nicht.« Dabei blinzelte er ihr mit seinen großen blauen, treuherzigen Augen zu. Es war eines der wenigen Mittel, von denen er bereits herausgefunden hatte, dass sie bei Isabella wirkten.

»Darf es auch nicht«, sagte Isabella, nun sich wieder langsamer vorwärts bewegend und zutraulicher.

»Wir können bald zusammenziehen, wenn wir wollen … Ich meine, mein Vater hat gesagt, es ist kein Problem, eine Wohnung für uns zu finden.«

»Und du meinst, ich will?«

»Sicher willst du. Wenn das Kind kommt, sind wir dann schon fast eine kleine Familie. Und wenn wir uns dann noch immer vertragen, können wir sogar heiraten.«

»Und wenn wir uns nicht vertragen?« Schon war die abwehrende Haltung in Isabella wieder da. »Erich, lass mir doch bitte ein bisschen Zeit und erdrücke mich nicht mit deiner Zuneigung. Hab Vertrauen zu mir und laufe mir nicht ständig nach. Ich finde es ja lieb, dass du dich um alles kümmerst und dein Vater uns die Möglichkeit bietet, vorläufig zusammenzuleben. Aber wenn wir das jetzt auch wahrscheinlich tun, weiß ich nicht, ob ich ein Leben lang bei dir bleiben möchte. Ich kann es mir zumindest im Augenblick nicht vorstellen. Ich bin erst 18 und du bist 19, das darfst du nicht vergessen. Wir bekommen ein Kind miteinander und ich mag dich, aber ich bin nicht so verliebt in dich wie du in mich.« Sie blieb jetzt kurz stehen und blickte ihm bei diesen Worten das erste Mal fest in die Augen.

»Was soll ich tun? Was kann ich machen, damit du mich liebst?«, fragte Erich.

»Nichts. Lass doch einfach die Dinge auf dich zukommen. Aber das ist ja etwas, was du überhaupt nicht aushältst. Ich fürchte, du wirst nie aufhören, mich mit deinen Gefühlen zu verfolgen.«

Eine kurze Zeit gingen sie schweigend nebeneinander her. Erich wusste nicht, was er sagen sollte. Er war sich sicher, dass er Isabella kurze Zeit für sich haben und dann verlieren würde, irgendwann an irgendwen. Würde er es rechtzeitig bemerken? Würde er es verkraften?

Er konnte natürlich aus dieser ungewissen und vorbelasteten Beziehung auch gleich aussteigen und sich einigen Kummer ersparen. Es bedurfte dazu nur eines Satzes, aber er wagte nicht, ihn zu sagen. Sein Vater würde es als Misserfolg auslegen wie schon so viele andere Dinge zuvor in Erichs Leben. Er selbst würde sich eine Niederlage einzugestehen haben, die er so kurz nach seinem scheinbaren Triumph nicht wahrhaben wollte. Und Isabella und das Kind würde er auf immer verlieren, das wäre das Schlimmste, auch wenn es vielleicht besser so wäre.

Erich verscheuchte diese letzten Gedanken aus seinem Kopf. »Was sagen denn deine Eltern?«, fragte er dann.

»Sie wissen noch nichts, aber sie werden es schon früh genug erfahren. Ich bezweifle allerdings, dass es sie interessiert. Es wird unser Verhältnis nicht retten. Ich bin froh, wenn ich von zu Hause wegkomme.«

Das war es, was er hören wollte. Jetzt war sie wieder seine kleine, arme Isabella, die sich mit ihren Eltern überworfen hatte, die ein neues Zuhause suchte und seinen Schutz brauchte. Jetzt konnte er wieder seinen Traum träumen und die kalte Wirklichkeit vergessen.

Sie fröstelte, und er legte seine Hand um ihre Schulter. Er küsste sie sachte auf die Wange. Sie ließ es geschehen.

»Was auch immer geschieht, ich liebe dich«, sagte er.

Sie gingen auf die sich rasch senkende Sonne zu, die ein paar letzte, goldene Strahlen in den Park schickte. Das Bild glich dem eines Happyends im Film. Aber Isabella seufzte kaum hörbar, und ihr war gar nicht wohl in ihrer Haut.

5

Das Heurigenlokal ›Fuhrmann‹ lag nicht direkt am, aber auf unmittelbarem Weg zum Stadtrand. Es befand sich unweit der Hauptstraße in einem kleinen Gässchen, das seinen eigenen Mikrokosmos bewahrt hatte und standhaft der Zeit trotzte. Die niedrigen, teils ebenerdigen Häuser standen dicht aneinandergereiht und strahlten eine steinerne Ruhe aus. Hier geschah nicht viel, außer dass von Zeit zu Zeit die Buschen, diese nach außen sichtbaren Zeichen, welcher Heurige gerade geöffnet hatte, ein Häuschen weiterzogen. Dem Fremden mochte nur die scheinbare Eintönigkeit der Szenerie auffallen. Der Einheimische aber schritt zielbewusst auf jene Türen und Tore zu, die ihn hinter diese Fassade führten und Eintritt zu einem kleinen Glück auf Erden gewährten: zu einem guten Glas Wein und einer anständigen Jause allemal, mit ein wenig Glück auch zu einer guten Unterhaltung, einer Hetz, wie der Wiener zu sagen pflegt. Schon ab der Mittagszeit füllten sich im Sommer die kleinen Gärten und jetzt, in der kalten Jahreszeit, die Schankstuben.

Zu den regelmäßigen Gästen zählte auch Thomas Korber. Er kam öfter hierher, wenngleich nicht ganz so oft wie früher. Er saß dann, so wie jetzt nach der Schule, an einem der groben, langen Heurigentische und trank erst einen Spritzer2 und nachher ein Viertel Wein. Vor sich hatte er meist einen Stoß Schulhefte liegen, die er gewissenhaft durchsah und auf Fehler prüfte, im Mund die unvermeidliche Zigarette. Zwischendurch nahm er eine kleine Jause zu sich, ein Fleischlaibchen mit Kartoffelsalat oder ein Stück Surbraten3.

Er saß, so wie beinahe immer in letzter Zeit, alleine. Er unterhielt sich lieber im Kaffeehaus. Dort fand er mehr Ansprechpartner, mit denen er diskutieren oder auf etwas höherem Niveau Schmäh führen konnte. Hier waren die Leute nett, einfach, aber auch festgefahren in ihren Meinungen und zeitweise von einer seltenen Vulgarität. Das machte ihm zu schaffen. Korber sah sich immer wieder in eine Außenseiterrolle gedrängt, wenn das Gespräch auf die Politik oder gar auf seinen Beruf als Lehrer kam. Er konnte sich mit der sogenannten Volksmeinung, den hier und in vielen anderen kleinen Gaststätten vorherrschenden Ansichten, nur schwer anfreunden. Die Diskussionen wurden allzu oft zu lauten Wortgefechten und endeten im Streit. Und über die teilweise obszönen und brutalen Witze konnte er nicht lachen. Diese Art von ›Hetz‹ konnte ihm gestohlen bleiben. So hielt er lieber Distanz.

Was würden sich diese Leute wohl denken, wenn sie wüssten, dass sich Korber um Gabi bemühte, ein Mädchen, das um einiges jünger als er war und noch dazu als Schülerin in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihm stand? Er wollte sich das gar nicht näher ausmalen. Dabei prahlten dieselben Leute oft mit ihrer Potenz und damit, wie sie ihre Ehefrauen oder Lebensgefährtinnen betrogen. ›Durch die Gegend bumsen‹, nannten sie es. Das fanden sie in Ordnung, das wurde hier allgemein anerkannt. Aber andere Dinge, die er persönlich für viel entschuldbarer hielt …

»Prost, Herr Lehrer«, grüßte Eduard Stricker, genannt der Stricker Edi, vom Nebentisch herüber. »Na, immer fleißig bei der Arbeit?«

Korber grüßte mit einem Lächeln zurück. Der Edi spielte gerade mit zwei anderen Stammgästen einen Schnapser4. Korber wusste, dass jederzeit ein vierter Mann mitspielen konnte. Aber er hoffte, nicht darauf angesprochen zu werden. »Man muss schauen, dass man das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden kann«, erwiderte er.

»Recht haben Sie«, sagte Stricker. »Wir tun das ja auch. Das Kartenspielen ist dabei das Nützliche, und das Angenehme ist, dass wir ein paar Stunden von unseren Frauen weg sind.« Dabei lachte er donnernd und steckte seine beiden Spielgefährten damit an.

Das waren genau die Witze, denen Korber argwöhnisch gegenüberstand. ›Jetzt lachen sie und tun auf gemeinschaftlich‹, dachte er. ›Aber kaum bin ich nicht dabei, werden sie bereden, dass ich die Schulhefte neben einem Glas Wein korrigiere.‹

Korber wusste, dass er sich zusammennehmen musste. Er wollte heute Abend noch mit Gabi fortgehen. Da war jedes weitere Glas ein Glas zuviel. Er musste sich eingestehen, dass er jetzt mehr trank als früher, regelmäßiger zumindest. Warum? Er hatte noch keine zufriedenstellende Antwort darauf gefunden. War es vielleicht doch die Tatsache, dass er in Gabi verknallt war und mit dieser Situation nicht fertig wurde?

Insgeheim verwünschte er das Interesse, das er bei Gabi hervorgerufen hatte und das ihn zu immer weiteren Schritten verleitet und ermutigt hatte. Jetzt war er an einem Punkt angelangt, an dem er nicht mehr ganz weiter wusste. Wenn es dumm lief, war sein Beruf, war seine ganze Existenz in Gefahr. Aber zurück konnte er auch nicht mehr, das fühlte er in seinem Inneren. Er wollte sich seine Gefühle nicht verbieten.

Er hatte darum beschlossen, den Faktor Zeit spielen zu lassen. Nicht ganz ein halbes Jahr dauerte es noch, dann war die Reifeprüfung vorbei und Gabi eine frischgebackene Maturantin. Korber zweifelte keinen Augenblick daran, dass sie die Prüfung bestehen würde. Sie war eine gute Schülerin. Und wenn alles vorüber war, durfte man sich auch zusammen zeigen und als Pärchen auftreten. In der Zwischenzeit mussten beide vorsichtiger und geduldiger sein.

»Psst, Herr Lehrer«, meldete sich der Stricker Edi erneut vom Nebentisch und unterbrach seine Gedanken. »Hätten Sie vielleicht am nächsten Dienstagnachmittag Zeit? Der Franz fällt uns aus, und zu zweit ist es ja fad. Würde uns eine große Freude bereiten, wenn Sie mitspielen täten.«

»Ich kann noch nichts Verbindliches sagen«, äußerte sich Korber vorsichtig.

»Na, dann überlegen Sie es sich, wir sehen uns ohnedies noch«, sagte Stricker. »Aber schön wäre es schon, wenn wir wieder einmal miteinander spielen würden.«

›Ja, ja, jetzt auf einmal‹, dachte Korber, ›jetzt tut ihr auf schön, weil ihr einen Ersatzmann braucht.‹ Er wollte sich nicht gleich auf eine Zusage festlegen lassen.

Im selben Augenblick öffnete sich die Tür, und Leopold trat herein. Ein besserer Augenblick dafür hätte sich kaum ergeben können. Korbers Laune stieg sprunghaft an. »Hallo, Leopold, was machst denn du da?«, rief er jovial nach vorne.

»Wenn du wüsstest, Thomas«, kam es zurück. »Nichts als Scherereien hat man!« Leopold wirkte immer noch ein wenig aufgelöst von den mittäglichen Ereignissen.

»Aber das gibt es doch nicht«, sagte Thomas. »Haben dich die Leute etwa am Vormittag so gequält?«

Leopold machte nur eine wegwerfende Handbewegung. Dann setzte er sich zu Thomas, schaute sich kurz im Lokal um und sagte mit leiser Stimme:

»Die Niedermayer Susi ist erschlagen worden, du weißt doch, die ›süße Susi‹, unsere etwas überwutzelte (nicht mehr ganz taufrische) Schlagobers- und Tortentante. Und ausgerechnet zu mir muss der Herr Berger kommen – das ist ihr Kostgeher, der die Leiche gefunden hat. Ausgerechnet mich hat er in seiner Hilflosigkeit heimgesucht.«

Korber bestellte noch einen weißen Spritzer, und Leopold gab ihm gestenreich zu verstehen, dass er sich auf diesen Schrecken ein Viertel Riesling verdient habe. Kaum stand die heiß ersehnte Labung auf dem Tisch, sah sich Leopold noch einmal nach allen Seiten um und begann dann, seinem Freund die Ereignisse halblaut, aber in aller Ausführlichkeit zu erzählen. Als er geendet hatte, machten beide einen großen Schluck aus ihren Gläsern.

»Und weiter?«, fragte Korber dann erwartungsvoll. Er wusste, dass Leopold dieser Mord wohl nicht kalt lassen würde. Seine geheime Passion war ihm bekannt.

»Ich weiß noch nicht«, sagte Leopold. »Der Richard meint, dass ich ihm helfen kann. Und außerdem bin ich mir nicht sicher, ob nicht ein guter Bekannter von uns beiden bald bis zum Hals in diese Sache verstrickt ist. Also, sie interessiert mich in jedem Fall, wie du dir denken kannst. Aber pass auf, fast hätte ich es vergessen, da habe ich ja noch etwas!«

Etwas umständlich kramte Leopold jetzt den kleinen Zettel mit der Telefonnummer, den er in Frau Susis Mantel gefunden hatte, hervor.

»Ich hab bei der Frau Susi eine Telefonnummer entdeckt, die sie sich frisch aufgeschrieben hat. Bevor ich hierher gekommen bin, hab ich dort angerufen. Es ist die Nummer von dem kleinen Reisebüro am Spitz5. Ich habe nachgefragt, ob eine Frau Niedermayer in letzter Zeit dort gewesen ist. Zuerst hat die Angestellte dort mit dem Namen nicht viel anzufangen gewusst, aber als ich ihr unsere Susi ein wenig näher beschrieben habe, hat sie sich erinnern können.« Leopold machte eine kurze Pause, aber wenn er so etwas wie gespannte Erwartung in den Augen seines Freundes erwartet hatte, wurde er enttäuscht.

»Jetzt kommt’s«, fuhr er dennoch unentwegt fort. »Ist das nicht die, die sich nach einem Arrangement für zwei Personen nach den Vereinigten Staaten erkundigt hat? ›Sind Sie etwa der Begleiter?‹, fragt mich die Dame auf einmal. ›Ja, ja‹, habe ich gemurmelt, und dann hat sie nur noch gesagt, dass noch nichts gebucht ist, die Susi aber jede Menge Unterlagen mit nach Hause genommen hat. Na, ist das nichts?«

»Wie man’s nimmt«, sagte Korber, noch immer ein wenig gelangweilt. Leopold hatte eine Schwäche: Er konnte nicht spannend erzählen. Man kam, im Gegensatz zu seinen oft undurchsichtigen Handlungen, schnell darauf, wo er hinwollte.

»Ja, aber das heißt doch, dass die Susi in nächster Zeit nach Amerika wollte!«

»Das ist, wenn man deinen Erzählungen glaubt, nichts Neues. Anscheinend wollte sie immer nach Amerika.«

»Aber noch nie so konkret, mit Reisebürounterlagen und so. Außerdem hätte da noch jemand mitfahren sollen. Das macht die Sache erst recht spannend.«

»Vielleicht sogar ein Mann«, spöttelte Thomas und sagte dann ganz in Leopolds Tonfall:

»Die hat in ihrem Leben noch nie was mit einem Mann gehabt.«

»Ja, vielleicht sogar ein Mann, warum nicht? Die müssen ja nichts miteinander gehabt haben, außer vielleicht einer gemeinsamen Liebe zu Amerika. Und du weißt ja, dass die Niedermayer immer in diesen Klub gegangen ist …«

»›Fernweh‹, oder so?«

»Genau, ›Fernweh‹! Keinen Abend hat sie ausgelassen. Dabei könnte sich ja leicht eine Bekanntschaft ergeben haben.«

»Aber dort verkehren doch hauptsächlich Pensionisten, die nicht sehr begütert sind. Und selber hatte sie sicher auch nicht gerade viel. Mit wem hätte sie da fahren sollen?«

»Das weiß ich jetzt auch noch nicht«, sagte Leopold. Einige Augenblicke lang schwiegen beide Männer und nahmen einen Schluck vom Wein. Dann fragte Leopold:

»Thomas, sag einmal, bist du ein echter Freund?«

»Wie meinst du das?«

»Ich meine, würdest du etwas für mich tun?«

»Kommt ganz darauf an, was es ist«, erwiderte Thomas vorsichtig. Er kannte Leopold gut und wusste, dass es jetzt gefährlich wurde.

»Ich möchte gerne, dass du heute Abend zum Beinsteiner, in den ›Gemütlichen Floridsdorfer‹ gehst. Es findet eine Sitzung des Klubs ›Fernweh‹ statt. Der Richard – Oberinspektor Juricek – hat gemeint, wir sollen einmal nachsehen, ob sich eventuelle Verbindungen zum Tod der Niedermayer herstellen lassen. Er möchte nicht gleich dort hineinplatzen und das Feld zuerst einmal von jemand Unverdächtigem sondieren lassen. Ich kann aber auch nicht gehen, ich bin beim Beinsteiner bekannt wie ein bunter Hund. Ich habe meine Feindschaft offen deklariert, wieso sollte ich also plötzlich wieder Interesse an dem Lokal finden? Das wäre verdächtig. Aber du kannst dich doch unauffällig in die Runde setzen, oder?«

»Leopold, du spinnst wohl! Ich kann unmöglich dort hingehen.«

»Und warum nicht, wenn ich fragen darf?«

»Glaubst du denn, es ist nicht verdächtig, wenn ich dort auftauche? Da sitzen doch nur Leute zwischen Tod und Verwesung herum. Und du meinst, es ist völlig normal, wenn sich auf einmal ein halbwegs junger Lehrer unter die Pensionisten mischt?«

»Die Ausrede gilt nicht. Dir wird schon was einfallen. Und du bist immer noch unverdächtiger als ich.«

»Ich mache jedenfalls nicht mit. Du hast angefangen, dich da einzumischen, nicht ich. Wenn du etwas mit deinem Freund ausgemacht hast, bitte – musst du die Suppe eben selbst auslöffeln.« Korber war richtig hitzig geworden und trank jetzt schneller.

»Schad«, sagte Leopold. »Wirklich schade! Aber unter Freunden könntest du wenigstens ehrlich sein. Du hast dir doch für heute nichts ausgemacht mit dem Mädel?«

Korber gab es in seinem Inneren kurz einen Riss. »Mit welchem Mädel?«, fragte er möglichst unschuldig.

Leopold grinste nur. Es sah richtig boshaft aus. »Thomas, ich hab euch vor Kurzem in der Früh gesehen, dich und die Gabi. Du hast sie regelrecht abgeknutscht, und einen besonders idealen Platz dafür habt ihr euch auch nicht ausgesucht. Da gehe nicht nur ich vorbei, sondern auch Lehrer, Eltern und vor allem Schüler. Sag, was denkst du dir eigentlich dabei?«

»Das lass bitte einmal meine Sorge sein!«

»Nein, lasse ich nicht, Thomas, denn ich mache mir Sorgen. Sorgen um dich, um deine Existenz, verstehst du? Wach doch endlich auf! Für das Mädchen bist du vielleicht ein Abenteuer, aber mehr nicht. Die lässt dich von heute auf morgen stehen, wenn es ihr passt. Denk gefälligst an dich und nicht nur an ihre schönen Brüste. Sag, hast du überhaupt schon einmal mit ihr …?«

»Das geht dich nichts an!«, fauchte Thomas.

»Also nein! Das hätte ich mir doch gleich denken können, dass wir wieder einmal unsterblich in ein Traumbild verliebt sind, Herr Professor«, sagte Leopold mit Genugtuung. »Wir warten, dass etwas kommt, aber es kommt nicht, kommt nicht.«

»Jetzt ist es aber genug!« Korber war gerade dabei, richtig wild zu werden. Da kam der Stricker Edi herüber und stellte ein volles Weinglas vor ihn hin. Erst jetzt merkte Korber, dass es am Nebentisch auffallend ruhig geworden war. Die Karten waren auf einen Stoß zusammengelegt, und die Schnapser sprachen nur mehr still dem Wein und nicht mehr ihrem Spiel zu. Es würde schon an ein Wunder grenzen, wenn sie noch nichts von der Unterhaltung zwischen Leopold und ihm mitbekommen hatten. Thomas Korber war erregt, leicht beschwipst und ziemlich durcheinander. Sein Gesicht lief rot an.

»Entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche, meine Herren«, sagte der Stricker Edi. »Das Viertel da ist für Sie, Herr Lehrer, aber nur, wenn Sie mir versprechen, dass Sie nächsten Dienstag auch wirklich kommen.« Dabei lächelte er, wie es Korber schien, ein wenig unverschämt, und zwinkerte ihm zu.

»Danke, aber …«, stotterte Korber.

»Keine Widerrede, Sie kommen«, sagte Stricker. »Ich kann mich also darauf verlassen?«

Korber nickte stumm, während sich Stricker und seine Schnapserpartner verabschiedeten und das Lokal verließen. Er ahnte, dass dieser Tag nicht mehr viel Positives für ihn bringen würde.

»Bestechlich bist du also«, schmunzelte Leopold. »Du, ich mache dir einen Vorschlag. Ich zahle dir auch noch ein Viertel und du gehst zum Beinsteiner.«

»Lass bitte jetzt deine dummen Scherze, Leopold, ich muss überlegen«, fauchte Korber. Dann dachte er kurz nach. Um einen schönen Abend mit Gabi zu verbringen, hatte er, so stand zu befürchten, schon etwas zu viel Wein konsumiert. Vielleicht machte es wirklich mehr Sinn, sich ein, zwei Stunden aufs Ohr zu legen, sich dann beim Beinsteiner mit einem guten Essen und ein paar Gläsern über die missliche Situation hinwegzutrösten und nebenbei dem Leopold zuliebe noch ein bisschen Detektiv zu spielen. Gabi würde zwar über seine Absage nicht erfreut sein, aber er konnte sich immer noch mit der Schule ausreden.

»Also schön«, überwand er sich, »gehe ich halt in den Seniorenklub. Aber nur das eine Mal, und nur deinetwegen. Und nur unter der Bedingung, dass du in Zukunft mein Privatleben ein wenig ernster nimmst.«

»Danke«, lächelte Leopold. »Und wie sehr mir dein Privatleben am Herzen liegt, darauf wirst du hoffentlich auch noch einmal kommen.«

»Keine Sentimentalitäten jetzt. Wann soll ich dort sein?«

»Soviel ich weiß, fangen die Klubabende immer um halb acht an.« Beide machten einen großen Schluck aus ihren Gläsern, dann fuhr Leopold fort:

»Schau, dass du rechtzeitig da bist. Wir beide sehen uns dann morgen Abend im Kaffeehaus, da erzählst du mir etwas und ich dir etwas.«

»Und was erzählst du mir?«, fragte Thomas erstaunt.

»Ich fahre morgen zur Gertrud Niedermayer nach Groß-Enzersdorf. Ich muss ihr ja den Brief vorbeibringen, den ich bei ihrer Schwester gefunden habe. Und außerdem hab ich die Frau Gertrud schon so lange nicht gesehen, ich freue mich richtig auf ein Plauscherl. Meinst du nicht, dass ich dann auch etwas Interessantes zu berichten habe?«

Nachdem sie ausgetrunken und vereinbart hatten, einander spätabends eventuell doch noch anzurufen, verließen beide Männer ohne Hast das Heurigenlokal. Leopold war in Gedanken schon ganz bei seinem Gespräch mit Frau Gertrud. Am liebsten wäre er noch am selben Tag zu ihr gefahren, aber es war nur allzu wahrscheinlich, dass er in diesem Fall mit der Polizei zusammentraf, womöglich gar mit diesem rothaarigen, unsympathischen Inspektor. Nein, nein, es war besser, er verbrachte einen gemütlichen Abend zu Hause und versuchte nur, sich für morgen telefonisch bei der Dame anzukündigen.

Noch eine andere Sache beschäftigte ihn stark: Wer war der Mann in der dunklen Lederjacke? Leopold fürchtete beinahe, dass er ihn kannte.

*

»Mach keinen Spaß. Das ist doch nicht dein Ernst?«

»Oh ja, Gabi! Leider! Ich werde da wirklich noch dringend gebraucht.«

»Ach ja?«

»Es handelt sich um unsere Arbeitsgemeinschaft. Du weißt, wir haben da so ein Fächer übergreifendes Projekt in Deutsch und Geschichte und …«

»… da musst du ganz einfach plötzlich hin.«

»Ja. Meine Kollegen haben angerufen …«

»Wer denn?«

»Sie sind zum Teil aus anderen Schulen, Gabi. Du kennst sie nicht.«

»Ist der Haberlander etwa auch dabei?« Gregor Haberlander war der Geschichtslehrer der Klasse.

»Aber nein! Wieso sollte denn der dabei sein?«

»Gott sei Dank! War ja nur so eine Idee. Wäre ja noch schöner, wenn du mich wegen dem Haberlander versetzen würdest.« Gabi lachte kurz auf. »Und du musst da wirklich hin? Das glaube ich nicht!«

»Also, wenn ich es dir sage! Eigentlich hätte ich mir den Dienstagabend von vorneherein dafür freihalten sollen, aber ich habe es eben verschwitzt. Tut mir wirklich leid, Gabi!«

»Du hast Schiss, was? Du möchtest nicht mit mir gesehen werden. Aber wenn das so ist, kannst du’s gleich vergessen.«

»Das ist es sicher nicht.«

»Sondern?«

»Das Projekt, sage ich doch!« Korber musste sich zusammennehmen. Es fiel ihm schwer zu lügen, und der Alkohol zeigte auch schon eine gewisse Wirkung.

»Na schön! Verdammt, ich habe mich schon so auf den Abend gefreut.«

»Ich mich auch, aber es geht leider nicht. Ein andermal, Gabi.«

»Und wann? Immer kann ich auch nicht weg. Es gibt zum Beispiel Tage, da muss man auch für die Schule lernen, weißt du? Und heute sind meine Eltern nicht zu Hause, da hätte ich keine dummen Fragen beantworten müssen. Es hätte eben gerade alles gepasst.«

›So ein Mist‹, dachte Korber. Er musste den Gedanken an einen romantischen Abend zu zweit ein für allemal ad acta legen. Er sagte:

»Wir sehen uns morgen, Gabi. Im Kaffeehaus um viertel acht? Oder schon früher, bei der Haltestelle?«

»Also für so einen Kurzauftritt vor Schulbeginn bin ich interessant, aber sonst nicht?«

»Rede keinen Unsinn, Gabi!«

»Mal sehen! Aber enttäuscht hast du mich schon schwer, das muss ich dir sagen!«

Sie legte auf, ohne das vertrauliche ›Tschüss‹, ohne irgendein Abschiedswort. Mit einem Mal war die Leitung tot, so tot, wie diese Beziehung Korber plötzlich schien. Er war drauf und dran, Leopold recht zu geben. War Gabi nicht wirklich nur ein Traum, eine momentane Wunschvorstellung, eine Caprice?

Er lachte voll Selbstmitleid in sich hinein. Er befand, dass er ein Recht auf diesen Traum hatte, bis ihn die Wirklichkeit einholte. Er hoffte nur, dass sein Erwachen nicht zu unbarmherzig sein würde.

Korber sah auf die Uhr. Es blieb nur noch Zeit für ein kurzes Nickerchen. In zwei Stunden musste er beim ›Beinsteiner‹ sein. Er hatte es Leopold versprochen. Nichts zu machen.

2 Wein mit Soda.

3 In eine Sur zum Haltbarmachen eingelegtes Fleisch; Pökelfleisch.

4 Eine Partie Sechsundsechzig. Sie wird in Wien oft zu dritt oder viert gespielt, wobei der (die) jeweils aussetzende(n) Spieler immer so viele Punkte schreiben wie der Gewinner des Duells der eigentlichen Spieler. Man kann also nicht unbeträchtlich vom Spielglück seiner Nebenleute profitieren.

5 Im Zentrum Floridsdorfs befindet sich das Floridsdorfer Amtshaus, in dem und um das herum Geschäftslokale untergebracht sind. Vom Amtshaus weg teilt sich die Floridsdorfer Hauptstraße in die zwei größten Ausfallstraßen des Bezirkes, die Brünner Straße und die Prager Straße. Die dadurch entstehende Gabelung wurde ›Am Spitz‹ genannt.

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
25 mayıs 2021
Hacim:
283 s. 6 illüstrasyon
ISBN:
9783839230787
Yayıncı:
Telif hakkı:
Автор
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