Kitabı oku: «Die fremde Gestalt»
Hermann Glettler
Michael Lehofer
Die fremde Gestalt
Gespräche über den
unbequemen Jesus

Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
1 Brutal unharmonisch
2 Die neue Familienaufstellung
3 Spirituell überheblich?
4 Der typische Absolutheitsanspruch
5 Maßlose Überforderung
6 Verherrlichung des Leidens
7 Quälende Vergleiche
8 Um Himmels willen leibfeindlich?
9 Gott greift nicht ein
10 Worum geht es eigentlich?
11 Die armen Schweine
12 Naiver Glaube
13 Heilsame Distanzlosigkeit
14 Entwürdigende Demut
15 Das Gesetz brechen
16 Die Verwechslung von innen und außen
17 Religion als Geschäft
18 Selbstgerecht und fertig?
19 Beschuldigen macht schuldig
20 Zugemutete Freiheit
21 Wahrheit besitzen
22 Erschreckend real und herrlich
23 Die Fragen sind bekannt
24 Der Traum vom Reich
Nachwort
Vorwort
Dieses Buch begann an einem trüben Sonntagnachmittag bei einer guten Tasse Tee. Unser Gespräch kam auf das Tagesevangelium, in dem von einem höchst unkonventionellen und unhöflichen Verhalten Jesu die Rede ist. Einer kanaanäischen Frau begegnete er richtig unverschämt und brüskierend. Wir gestanden uns gegenseitig unser Erstaunen über diese weitgehend unbekannte Seite Jesu.
So wie wir meinen viele, Jesus von Nazareth so halbwegs zu kennen. Wer konfrontiert sich denn mit dem Sperrigen, Fremden und gar nicht Bequemen in den Reden und im Auftreten Jesu? Und was entgeht einem von der spirituellen Kraft und Lebendigkeit Jesu, wenn man dies nicht tut? Ist unsere Beziehung zu ihm vielleicht deshalb oft so fad, so irrelevant für das normale Leben und letztlich banal, weil wir ihn nur in der schönen, domestizierten Verpackung haben wollen?
Neigen wir nicht in allen unseren Beziehungen dazu, das Unbekannte zugunsten des Bekannten zu minimieren? Dabei lebt jede Beziehung von einer grundsätzlichen Spannung. Es ist die Spannung zwischen einer selbstverständlichen Vertrautheit und einer faszinierenden Fremdheit. Der oder die andere bleibt uns immer ein Stück weit unbekannt und damit überraschend neu und interessant. Für eine lebendige Beziehung braucht es beides, Freiraum und Geborgenheit, Nähe und Distanz. Vertrautheit allein kann zu einer Alltagsbanalität im Umgang führen und eine Beziehung der inneren Spannung berauben. So erzeugt das Vertraute mitunter Distanz, während das Fremde durch das geweckte Interesse Nähe ermöglicht.
Das vorerst unverständliche, ja befremdende Verhalten Jesu im erwähnten Sonntagsevangelium war für uns der Anstoß, über seine „fremde Gestalt“ nachzudenken. Den meisten ist Jesus in irgendeiner Weise vertraut, auch wenn es nicht selten nur die spärlichen Reste von Erzählungen sind, die wir in unserer Kindheit über seine Wunderheilungen und seine Sorge um Ausgestoßene gehört haben. Er ist und bleibt die faszinierendste Persönlichkeit der Menschheit. Immer wieder tauchen aber auch Jesusworte auf, die in ihrer eigenartigen Fremdheit aufhorchen lassen. Sie stellen das Vertraute infrage. Die vorliegenden Gespräche haben genau diese relativ unbekannten oder zumindest gerne verdrängten Textstellen aus den vier Evangelien zum Ausgangspunkt gewählt.
„Der am Herzen des Vaters ruht, hat Kunde gebracht.“ So steht es im Prolog des Johannesevangeliums. Auf die Frage des Apostels Philippus antwortete er: „Wer mich sieht, sieht den Vater.“ (Joh 14,9) Das bedeutet: Jesus ist die Zugänglichkeit zum innersten Geheimnis Gottes. Er hat den Vorhang des Nichtwissens und der Trennung zwischen Gott und Mensch entfernt. Wenn wir dennoch im Folgenden von der unbequemen und fremden Seite Jesu sprechen, soll damit keineswegs implizit von einem Rest willkürlicher oder bösartiger Unberechenbarkeit Gottes gesprochen werden. Ganz und gar nicht.
Es ist auch verständlich, dass Menschen, die an Jesus Christus als Gottes Sohn glauben, sich nicht gerne mit dem Menschen Jesus auseinandersetzen wollen. Jedoch eröffnet sich gerade durch die totale Menschwerdung das Geheimnis einer erlösten Begegnung mit Gott. Gott ist das offene, lichte Geheimnis unfassbarer Nähe und Barmherzigkeit. Diesem Geheimnis rund um die Person des Jesus von Nazareth wollen wir nachgehen. Jesus ist uns vertraut und fremd zugleich. Er gehört nicht den Gläubigen allein. Er gehört auch den Verunsicherten und Zweiflern. Er ist nicht der Garant einer wohltemperierten Religiosität für jene, die zum kirchlichen Innenkreis gehören. Obwohl er seinen Jüngern die Freundschaft angeboten und alles mit ihnen geteilt hat, bleibt ein Moment der Unverfügbarkeit, das um eines reifen, gott- und weltoffenen Glaubens willen wahrzunehmen und in seiner Bedeutung hervorzuheben ist. Jesus ist nicht nur „der liebe Jesus“, wie wir uns ihn manchmal in kindischer Manier vorstellen – ein Jesus, der keinen Anstoß erregt, der niemanden verunsichert und sich den Erwartungen der Frommen fügt.
Bedauerlicherweise gibt es eine Menge von Jesusbildern, die genau diese Klischees vertiefen. Sie entschärfen seine Bedeutung, verwässern seinen Anspruch und verharmlosen seine Botschaft. Jesus kann emotional verkitscht werden, sodass die herausfordernde Lebensrelevanz seiner Person nicht mehr zum Vorschein kommt. Man kann ihn auch auf das sozialkritische und revolutionäre Potenzial seiner Lebensweise und Botschaft reduzieren. Das hätte zumindest eine politische Stoßkraft für unsere Welt, die sich in einer extremen sozialen Schieflage befindet. Oder man verengt die menschlich-göttliche Weite Jesu auf ein ganz subjektives, pietistisches Format, sodass eine Begegnung mit ihm zu einer einseitig frommen Vereinnahmung verkommt. All diese einseitigen Bilder sind das Resultat der vielen Versuche einer sträflichen Domestizierung Jesu. Deshalb ist es wichtig, im Auftreten und in der Botschaft Jesu besonders jene Momente zu beachten, die sperrig sind und eine tiefere Nachfrage sowie eine persönliche Involvierung erfordern. Das vorliegende Buch ist dem nicht-konformen, unbequemen Jesus auf der Spur.
Dabei versuchen wir auch selbst, unsere Vorstellung von Jesus von falschen Wünschen und Projektionen zu reinigen. Mit dieser Klärung können auch Enttäuschungen einhergehen. Für uns bleibt als zentrale Frage: Herr, wer bist Du? In welchem Gesicht begegnest Du uns heute? Welche Nähe und Fremdheit mutest Du uns heute zu? Das Wahrnehmen der fremden Gestalt Jesu ermöglicht vielleicht auch eine Solidarität mit allen, die trotz persönlicher Anstrengung keinen Zugang zu Gott finden. Dieser Aspekt der inneren Verbundenheit mit allen Fragenden, Suchenden und Zweifelnden ist uns wichtig. Der unbequeme Jesus holt uns auf jeden Fall aus unserer Komfortzone heraus. Wer bereit ist, kann sich auf eine Begegnung mit ihm einlassen.
Hermann Glettler und Michael Lehofer

1
Brutal unharmonisch
Mt 10,34-36
Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen! Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.
HG: Ein pakistanischer Bischof hat mir erzählt, dass ein hochrangiger muslimischer Geistlicher einmal in seiner Gegenwart Jesus als jene Person bezeichnete, „die nie ein Schwert angegriffen hat“. Er wollte damit seinem offensichtlich geschätzten Gesprächspartner ein Kompliment machen und vielleicht auch über die traurige Tatsache der in Pakistan fast alltäglichen Verfolgung von Christen hinwegtrösten. Dieser aus der Sufi-Mystik kommende Ehrentitel trifft genau das Wesen Jesu. Er ist es, der Gewaltfreiheit gepredigt und einen radikalen Gewaltverzicht für sich und seine Gemeinschaft vorgelebt hat. Umso schockierender und unverständlicher ist die Aussage Jesu über sein Kommen auf die Erde. Er sei gekommen, das Schwert zu bringen und nicht Frieden. „Schwert“ steht in dieser Aussage für „Entscheidung“. Und Entscheidung beinhaltet immer eine Scheidung. Oft gar eine blutige. Wie lässt sich also diese singuläre Hardcore-Passage aus dem Mund Jesu verstehen? Leicht ließe sie sich für eine Radikalisierung seiner Anhängerschaft missbrauchen – was ja tatsächlich immer wieder geschehen ist.
ML: Man muss ja zugeben, dass die Geschichte des Christentums diesen Text leider auch bestätigen kann. Im Namen Jesu Christi ist viel Heil, aber auch viel Unheil in die Welt gekommen. Wie gesagt, lässt uns dieser Text ein Stück ratlos bleiben angesichts der bei Weitem überwiegenden friedliebenden Aussagen von Jesus. Und doch lohnt es sich, sich auf die Provokation einzulassen: Kann man den Frieden auch dialektisch betrachten? In einer Gruppe von Menschen, bei der man spürt, dass viele ungelöste Konflikte im Hintergrund mitschwingen, bekomme ich gelegentlich den Impuls, diese deutlich zu machen. Es entsteht der Wunsch, die Wunde offenzulegen, damit sie heilen kann. Der Chirurg muss den Menschen verletzen, um ihn zu heilen. Was diese Metapher bedeutet, ist für uns eine Alltagserfahrung. Wir müssen konfliktfähig sein, um Frieden stiften zu können. Nicht nur, sondern auch.
Ich denke desgleichen an Menschen, die sich durch eine ausgesprochene Harmoniebedürftigkeit auszeichnen und die in verschiedensten Situationen gerade dadurch Unfrieden gestiftet haben. Zweifelsohne ist die Konfliktscheu ein Faktor, der sehr viel Unglück erzeugt. Jesus erklärt seinen Jüngern, dass ein Leben mit ihm und seiner Lehre nicht unbedingt nur zu Glück und Eintracht führen muss. Bereits die Erklärung dieser Tatsache zerstreut falsche Erwartungen für ihr eigenes Leben, die sie sonst mit Jesus und seiner Lehre verbunden hätten. Jesus verweist auf die eigentliche Wirklichkeit, nämlich jene der tiefen Verbundenheit mit Gott. Die Verbundenheit zwischen den Menschen, die uns immer als erste vor Augen steht, verblasst vor diesem Hintergrund.
HG: Mit Sicherheit erteilt die extrem „unbequeme“ Aussage einem Kuschelkurs in der Nachfolge Jesu eine deutliche Absage. Jesus ist nicht der Meister oberflächlicher Harmonisierungen. Jesus provoziert Entscheidungen. Er ist radikal, weil er die Dinge „von der Wurzel her“ (lat. radix) angeht und sich nicht scheut, die Wahrheit auszusprechen. Wer mit ihm unterwegs sein will, muss sich auch auf Vorbehalte und Ablehnung bis hinein in die eigene Familie einstellen. Es kann eine schmerzliche Entscheidung notwendig sein, wenn ein Bekenntnis zu Jesus eine Dissonanz zu familiären Erwartungen erzeugt. Ich habe das Glück, dass ich meinen Weg in großer Freiheit gehen konnte. Aber was wäre gewesen und wie hätte ich reagiert, wenn meine Eltern oder Freunde sich massiv gegen meine Lebenswahl ausgesprochen hätten?
Die Nachfolge Jesu kann Leid verursachen. Für die junge Kirche war dies nichts Außergewöhnliches. Verfolgungen um des Himmelreiches willen waren ganz selbstverständlich Bestandteil des „neuen Weges“. Nicht alle wollten oder konnten ihn mitgehen. In diesem Text sind somit auch Erfahrungen der ersten Jahrzehnte der Jesusbewegung reflektiert. Die Entscheidung für Christus hat quer durch Bekannten- und Familienkreise Bruchlinien gezeichnet. Jesus hat kein verführerisches Versprechen gegeben, dass ein Leben mit ihm nur auf Zustimmung und Wohlgefallen stoßen würde. Sein radikales Wort beinhaltet damit auch nachträglichen Trost für all jene, die Widerspruch, Ablehnung und sogar Verfolgung hautnah erleben. Ich denke konkret an einige junge Bekannte aus dem Iran, die sich für die Taufe entschieden haben und in den meisten Fällen dafür von ihren Familien verstoßen wurden. In jedem Fall drückt die Ansage vom „Schwert bringen“ weder die Absicht noch das Ziel des Wirkens Jesu aus. Vielmehr zeigt sie an, was auf rätselhafte Weise sein Wirken zur Folge hatte und auch heute noch auslöst.
ML: Man kann die Aussage Jesu drehen und wenden, wie man will – sie bleibt ein Stachel im Fleisch. Eine unangenehme, etwas bittere Note in der Begegnung mit der Person Jesu, die aber in uns auch eine Bereitschafft zur Dekonstruktion erzeugen kann. In diesem Fall bedeutet Dekonstruktion, die Fiktion unserer harmonischen Wirklichkeiten aufgeben zu können beziehungsweise ermutigt zu werden, sie aufzugeben. Es ist selbstverständlich, dass man diesen Text nur als Würze in der gesamten geistigen Speise der Heiligen Schrift sehen kann. Aber ohne diese Würze würde der Kontrapunkt fehlen – wie das scharfe Gewürz in einer Speise, das Bittere in einer Schokolade. Das Ganze könnte nicht den Charakter des Offenen, des weiterhin Interessanten, des neugierig Machenden behalten. Das Neue Testament hinterlässt uns nicht ratlos, jedoch zweifelsohne mit einem fragenden, einem offenen Herzen.
HG: Für mich bleibt die Frage, warum Jesus, der vollkommen in der Gesinnung des Erbarmens gelebt und gehandelt hat, gegen Ende seines Lebens extremen Widerstand erfahren musste. Natürlich hat er diesen auch selbst provoziert. Faule Kompromisse wollte er nicht gelten lassen. Er hat sich, seinen Jüngern und uns das Leben damit nicht billig gemacht. Darin liegt für mich die Spur einer Antwort, warum Jesus die brutal unharmonischen Sätze vom „Schwert bringen“ überhaupt verwenden konnte. Sie sind mir Anstoß zu einer kritischen Selbstbefragung. Ich kenne die Versuchung, „um des Friedens willen“ oder aus Wehleidigkeit den einfacheren Weg zu wählen. Manchmal steht dahinter auch Feigheit, Unentschlossenheit oder Bequemlichkeit, gelegentlich auch die Angst, Ansehen oder Wohlgefallen aufs Spiel zu setzen. Ganz gewiss gibt es somit in der anspruchsvollen Schule Jesu – vermutlich nicht nur für mich – noch einiges zu lernen.
2
Die neue Familienaufstellung
Mk 3,28-35
Jesus sagte: Alle Vergehen und Lästerungen werden den Menschen vergeben werden, so viel sie auch lästern mögen; wer aber den Heiligen Geist lästert, der findet in Ewigkeit keine Vergebung, sondern seine Sünde wird ewig an ihm haften. Sie hatten nämlich gesagt: Er hat einen unreinen Geist. Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben draußen stehen und ließen ihn herausrufen. Es saßen viele Leute um ihn herum und man sagte zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und suchen dich. Er erwiderte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.
HG: Was ist die Sünde gegen den Heiligen Geist? Bitte entschuldige diesen steilen Einstieg in unser Gespräch. Ich möchte diese Frage aufgreifen, weil Bücherregale füllend darüber in der Schultheologie spekuliert wurde. Die für mich überzeugendste Antwort stammt von Papst Franziskus: „Es ist die Sünde, nicht an Gottes Barmherzigkeit zu glauben.“ Der Hintergrund der Diskussion um die neue Verwandtschaft Jesu ist jedenfalls beklemmend. Die Schriftgelehrten versuchten, sich das außergewöhnliche Wirken Jesu durch den Einfluss dämonischer Kräfte zu erklären. Drastischer kann das Missverständnis nicht sein.
In ihrem vernichtenden Urteil drückt sich eine radikale Ablehnung Jesu aus. Es scheint, dass diese negative Dynamik auch die eigene, leibliche Familie erfasst hat. Sie wollen Jesus vermutlich wieder auf den Boden der Realität holen, weil er doch „von Sinnen sei“, wie es an anderer Stelle heißt. Mit einer ziemlich energischen Initiative tritt also die Verwandtschaft auf den Plan. Sie lassen Jesus „herausrufen“ – allerdings mit wenig Erfolg. Sie handeln sich eine ziemliche Abfuhr ein.
ML: Der Text schildert eine schwere Brüskierung seiner Mutter und seiner Brüder. Jesus bricht geradezu mit seiner Verwandtschaft, er steht nicht mehr zu ihr. Und das muss man sich vorstellen angesichts orientalischer Familienbande! Vermutlich habe nicht nur ich solche Erlebnisse auch schon gehabt: Ich dachte, eine innige Beziehung zu jemanden zu haben, aber dieser Mensch tat in einem anderen sozialen Kontext so, als ob er mich kaum kennen würde. Solche Erfahrungen der Verleugnung, der Untreue sind immer sehr kränkend. Und so muss auch dieses Verhalten Jesu eine Kränkung für seine Mutter und seine engste Verwandtschaft dargestellt haben.
HG: Jesus sitzt inmitten einer neuen Familie, rundherum seine Jüngerinnen und Jünger. Seine ursprüngliche Familie hat in dieser neuen Familienaufstellung vordergründig keinen Platz mehr – zumindest nicht im Innenkreis. Sie ist zwangsläufig draußen. Drinnen sind diejenigen, die sich auf das Wort Jesu einlassen, an ihn glauben und den Willen Gottes auch tun. Bei der schroffen Gegenfrage „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?“ spürt man den Widerstand Jesu gegen die familiäre Rückholaktion. Seine Antwort ist extrem befremdend und verletzend – speziell gegenüber seiner Mutter: „Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“
ML: Liebesbeziehungen sind etwas Heiliges, indem sie einen heil werden lassen. Wir neigen allerdings dazu, sie durch unsere übergroßen Erwartungen zu überfrachten und durch unsere Bedürftigkeit sogar zu zerstören. Die Beziehungen werden überstrapaziert, wenn wir nicht verstehen, dass sie dem Wesen nach Symbole für die spirituelle Verbundenheit, auf christlich übersetzt, Symbole für die große Liebe Gottes zu uns sind. Nur durch diese Einsicht entsprechen wir dem Heiligen. Wenn wir das verstehen, entlasten wir unsere Beziehungen und können sie frei und liebevoll leben. Das heißt, die Radikalität in diesem Text ist bei näherer Betrachtung ein Hinweis darauf, dass jede Beziehung dem Wesen nach auf etwas anderes verweist. Nur in dieser Durchlässigkeit für das Eigentliche kann die Beziehung frei bleiben.
HG: Mir fällt dazu eine Begebenheit ein, die sich bei einem Workshop zum Thema „Partnerschaft und Sexualität“ im Rahmen eines interreligiösen Kongresses zugetragen hat. Eine junge Studentin, die nur die Aufgabe hatte, das Protokoll zu erstellen, hat die Diskussion von uns Religionsvertretern mit der Frage unterbrochen: „Wozu ist es eigentlich notwendig, die persönliche Partnerschaft mit Gott in Verbindung zu bringen?“ Sie hat sich für die Frage entschuldigt, aber im Grunde nach dem Wesentlichen gefragt.
Nach einer knappen Verlegenheit habe ich folgende Antwort versucht: „Erstens könnte Gott die erste Adresse deiner Dankbarkeit sein, dass du unter Millionen von Alternativen genau diesen wunderbaren Menschen gefunden hast. Zweitens hilft dir der Glaube, dass du deinem Partner verzeihst, für dich nicht Gott sein zu können. Und drittens ist es für einen gläubigen Menschen klar, dass Kinder ein Geschenk Gottes sind und niemand das Recht hat, über sie zu verfügen.“
ML: Genau um diesen Punkt geht es in allen menschlichen Beziehungen, um eine verweisende Durchlässigkeit auf das Göttliche hin. Selbstverständlich identifizieren wir uns mit Menschen, die wir lieben. Darauf gründet jede Leidenschaftlichkeit in Beziehungen. Leidenschaftlich müssen sie sein, sonst sind sie leer. Jedoch heißt Identifikation, sich etwas zu eigen zu machen. Die Gefahr ist die Vereinnahmung, die dabei passieren kann. Daher ist es notwendig, den Menschen in dieser Beziehung gleichzeitig auch immer wieder herzugeben, auf ihn zu verzichten. Du bist meine Frau, mein Mann, mein Kind, mein Freund und gleichzeitig bist du mir das alles ohne das „mein“. Jesus fordert in radikaler Weise das innere Loslassen ein.
HG: Die erste Provokation in der Antwort Jesu lag aber in der unerhörten Weitung des Beziehungshorizonts, wenn er auf den großen Kreis der Jünger verweist und sinngemäß sagt: „Das ist jetzt meine Familie.“ Mir fällt dazu eine Begebenheit bei einer Taufe ein, bei der die Familie sehr ausführliche Bitten für das Taufkind vorgetragen hat. Diese waren – gut gemeint – allesamt auf eine maximale Entfaltung und Selbstverwirklichung des Täuflings ausgerichtet. Das Kind sollte mit der Hilfe Gottes der allerbeste, erfolgreichste und alle seine Chancen optimal nützende Mensch werden. Etwas spöttisch würde ich das gerne als Viagra-Spiritualität bezeichnen. Mit der Hilfe Gottes alles zur höchsten Potenz treiben. Ergänzt hat dann ein Diakon diese Bitten in folgender Weise: „Wir beten auch für unsere Verwandten auf den Philippinen.“ Damals hat dort gerade ein schrecklicher Tsunami gewütet und viel Elend angerichtet. Die Leute waren etwas verstört und verwundert, dass man für die Verwandtschaft des Diakons beten muss. Beim Taufessen danach haben sie sich erkundigt. Der Diakon gab ihnen eine überraschende Antwort: „Wer getauft wird, hat überall auf der Welt Schwestern und Brüder, das ist die neue Verwandtschaft, die jetzt zählt.“
Tatsächlich bekommen unsere ganz natürlichen Beziehungen eine neue Qualität, wenn sie auf einen größeren Kreis hin geöffnet bleiben. Wie wir wissen, gibt es Familien, deren Mitglieder in ungesunder Weise aufeinander kleben und sich gegen die Umgebung abschließen. Und es gibt natürlich auch das andere Extrem: Familienbande, die zu unverlässlich oder gar nicht mehr vorhanden sind. Die neue, umfassende „Familie Gottes“ ist jedenfalls begründet durch Christus, den menschgewordenen Gott. Ein starkes Bild von Kirche. Das neue familiäre Netzwerk Jesu reicht weit über die Grenzen Palästinas und auch über die Grenzen einer institutionalisierten Religion hinaus. Das gibt dem Reden von der Menschheitsfamilie ihren tiefsten Sinn.
ML: Vor einigen Jahren sind Neurobiologen draufgekommen, dass das Hormon Oxytocin eine starke Rolle bei Liebesbeziehungen spielt. Wenn man sich verbunden fühlt, steigt die Oxytocinwirksamkeit im Gehirn an. Einerseits wird Oxytocin ausgestoßen und andererseits werden Rezeptoren sensibilisiert, die diese Informationen empfangen können. Auch wenn zwei Menschen Geheimnisse austauschen, wird Vertraulichkeit erzeugt und dadurch das Oxytocinlevel im Gehirn erhöht.
Interessanterweise ist es aber auch jenes Neurohormon, das für die Fremdenfeindlichkeit zuständig ist. Fremdenfeindlichkeit ist nichts anderes als eine Reflexion: Wer gehört zu mir und wer gehört nicht zu mir? Daher sind alle politischen Strömungen darauf bedacht, wenn sie sich auf die Ängste in Bezug auf Fremde draufsetzen wollen, die Bewusstheit von Nationalismus, des Eigenständigen und des Besonderen zu fördern, weil sie implizit damit sofort die Fremdenfeindlichkeit und die Angst vor den Fremden erhöhen. Jesus schlägt in diesem Text vor, die Grenzen des Eigenen zu erweitern, um damit die Destruktivität an der Grenze zwischen Ich und Du zu verunmöglichen. Diese Erweiterung der Grenzen ist keine Selbstaufgabe, sondern nur eine Ausdehnung des Identitätsraums.
HG: Dieser Gedanke bewegt mich. Christlicher Glaube gründet auf der Weitung des nur ethnischen und nationalen Identitätsraums. Jesus selbst hat diese Weitung vorgegeben, auch wenn es seine primäre Intention war, sein eigenes Volk zu sammeln. Historisch vollzogen wurde die Weitung des neuen Identitätsraumes durch die Öffnung der Kirche auf die Heiden hin – inmitten des römischen Weltreiches, in dem es ohnehin eine reiche Palette von Nationalitäten, kulturellen Eigenheiten, religiösen Lehren und Kulten gab. Die vom jüdischen Gesetz vorgeschriebene Beschneidung war nicht mehr notwendig, um Christ zu werden. Ohne diese Grenzüberschreitung, die vor allem durch den Apostel Paulus betrieben wurde, wäre das Christentum eine vom Judentum abgespaltete Sekte geblieben. Die junge Kirche konnte gerade in den sozial schwierigen Randzonen der großen multikulturellen Städte an Bedeutung gewinnen, gestützt auf die Lehre und Lebenspraxis Jesu. Er selbst identifizierte sich mit Menschen an den sozialen Rändern.
Christlicher Glaube empfängt seine Dynamik aus einer radikalen Öffnung gegenüber allen. Ich durfte etwas von der Freude erleben, die einer Pfarrgemeinde geschenkt wird, wenn sie das versucht. Wir haben uns in St. Andrä in Graz inmitten eines multikulturellen Stadtteils nicht auf die kleine Restmenge der noch praktizierenden Katholiken beschränkt, sondern eine „neue Familienaufstellung“ im Sinne Jesu versucht. Aufgrund einer entschieden gelebten Gastfreundschaft für unterschiedliche ethnische Gruppen, soziale Milieus und Kulturen hat sich die Ahnung von der neuen Familie Jesu eingestellt. Backstage gab es viel Mühe, viele Kämpfe und auch Unverständnis für die konsequente Öffnung, aber durchgesetzt hat sich die Gewissheit, dass wir im Namen des menschgewordenen Gottes doch alle zusammengehören – ohne Wenn und Aber.

3
Spirituell überheblich?
Lk 4,16-24.28-30
So kam Jesus auch nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge. Als er aufstand, um vorzulesen, reichte man ihm die Buchrolle des Propheten Jesaja. Er öffnete sie und fand die Stelle, wo geschrieben steht: Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe. Dann schloss er die Buchrolle, gab sie dem Synagogendiener und setzte sich. Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt. Alle stimmten ihm zu; sie staunten über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen, und sagten: Ist das nicht Josefs Sohn? Da entgegnete er ihnen: Sicher werdet ihr mir das Sprichwort vorhalten: Arzt, heile dich selbst! Wenn du in Kafarnaum so große Dinge getan hast, wie wir gehört haben, dann tu sie auch hier in deiner Heimat! Und er setzte hinzu: Amen, ich sage euch: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt. Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen. Er aber schritt mitten durch sie hindurch und ging weg.
HG: Eine Erzählung mit einer extrem bitteren Wende. Faszination am Anfang, Versuch zum Totschlag am Ende. Kurz zur Vorgeschichte: Die Menschen in Galiläa erlebten mit Jesus einen Aufbruch. Sie waren begeistert von seiner Art, in verständlichen Bildern von Gott zu reden, und ebenso begeistert von seinen Taten. In der Dynamik dieses Aufbruchs kommt er in seine Heimatstadt und geht am Sabbat in die Synagoge. Es ist üblich, dass der Gast gebeten wird, den Tagestext vorzulesen und auszulegen. So trägt Jesus den Text des Propheten Jesaja vor, wo es unter anderem heißt: „Der Herr hat mich gesandt, den Armen eine Frohe Botschaft zu verkünden.“ Provokanterweise hat Jesus beim Vorlesen die Passage vom Gericht, das heißt, von der Vergeltung durch Gott ausgelassen.
Damit hat er schon einen deutlichen Akzent gesetzt. Seine Predigt beginnt er mit dem Hinweis auf das „Heute“. Es ist Gottes Zeitwort. Die Leute sind begeistert, staunen und begreifen, dass dieses Heute Gottes jetzt gilt. Blinde, Zerschlagene, Arme und Versager sind von Gott Geliebte! Noch nie hat das jemand so plastisch gepredigt. Aber sind sie selbst damit gemeint? Hat das Konsequenzen? Und was ist mit den anderen, jenen, denen logischerweise das Gericht gelten soll? Hat der Prediger durch die Manipulation des Wortes Gottes nicht die Grenzen zwischen ihnen, die ja doch fromm sind, und den anderen verwischt? Schlägt die positive Stimmung in ihr Gegenteil um? Jesus ist ihnen total sympathisch und unfassbar fremd zugleich.
Es beginnt jedenfalls eine ganz eigenartige Krise. Die eben noch euphorischen Landsleute sagen: „Den kennen wir doch! Ist das nicht der Sohn des Josef?“ Die skeptische Frage sagt schon alles. Ist es Unglaube? Oder Hochmut? Fromme und eingebildete Menschen lassen sich nicht gerne infrage stellen. Doch Jesus beschwichtigt die Situation nicht – ganz im Gegenteil. Er schürt und verstärkt den Unmut der Versammlung. Er erzählt mit einigen Beispielen vom Wirken Gottes außerhalb von Israel. Alle geraten in Wut. Die emotional aufgeladene Ablehnung erreicht ihren traurigen Höhepunkt im handgreiflichen Versuch, Jesus zu töten. Dieser jedoch schreitet mit einer erstaunlichen Souveränität durch die aufgebrachte Menge und geht weg. Aber warum ist es überhaupt zu diesem Bruch gekommen?
ML: Es zeigt sich ja immer wieder, dass Führungskräfte, die aus einem Team berufen werden, sogenannte Hausberufungen, Schwierigkeiten haben, vom Team anerkannt zu werden. In der Regel haben es die leichter, die von außen kommen. Mit gleichrangigen Menschen vergleicht man sich gewöhnlich. Das Vergleichen soll die eigene Größe definieren. Wenn ein anderer zu groß ist, fühlt man sich klein und minderwertig. Daraus resultiert der Eindruck, den anderen nicht mehr aushalten zu können. Um diesen psychologischen Mechanismus geht es aus meiner Sicht hier in der Begegnung Jesu mit seinen Landsleuten. Wenn sich Jesus in seiner wahren Größe zeigt, ist das eine Bedrohung des Narzissmus. Um der Selbstrelativierung zu entgehen, müssen sie ihn ablehnen. Am Schluss heißt es: „Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus.“
Die Agitation ist der schweren narzisstischen Kränkung geschuldet. Sie bringen ihn dann, laut Erzählung, an den Abhang des Berges und wollen ihn hinabstürzen. In dem Moment, in dem er offensichtlich in höchster Gefahr ist, geht er souverän durch die Menge hindurch. Sie halten ihn nicht fest, sondern lassen ihn gehen, oder besser: Sie müssen ihn gehen lassen. Verblüffend, nicht? Es gibt eine Form der Reinheit und des nicht egoistischen Lebensstils, der Menschen so geheimnisvoll unangreifbar macht. Sie sind nicht aufzuhalten in dem, was sie tun. Dies bedarf aber einer totalen Reinheit. Wenn nur ein bisschen etwas Unreines in der Person ist, kann man sie an dieser Unreinheit festhalten. Das heißt mit anderen Worten: Die Neigung zur Selbstkorruption schwächt uns. Da genügt eine Kleinigkeit. Aber Jesus macht sich durch seine Reinheit und Authentizität unangreifbar. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes nicht angreifbar. Das fasziniert mich, ist einfach schön.
HG: Das kommt dann auch später bei der Verhaftung Jesu in der Passionsgeschichte des Evangelisten Johannes vor. Die gesamte Kompanie stürzt zu Boden, als Jesus sich ihnen zu erkennen gibt mit dem schlichten Satz: „Ich bin es.“ Eigenartig. Warum eigentlich? Angesichts des Heiligen scheiden sich offensichtlich die Geister. Wahrscheinlich geht es nicht nur mir so: In der Begegnung mit einer wirklich großen Persönlichkeit können einem oft die eigene Herzensenge und Kleinkariertheit ganz deutlich bewusst werden. Angesichts der Liebe fühlt man den Schmerz über die eigene Lieblosigkeit. Das wäre ohnehin schon eine Form der Läuterung, aber es kann die Erfahrung einer Differenz auch zum Gegenteil führen, wie wir im Text lesen.
ML: Seine Landsleute sehen in ihm einen überheblichen Menschen. Die Überheblichkeit ist aber eine Projektion. Weil sie ihm gegenüber überheblich sind, bezeichnen sie ihn projektiv als überheblich und können ihn nicht anerkennen. Es gibt natürlich auch heute eine spirituelle Überheblichkeit. Das kann viele Facetten haben. Menschen etwa, die sich nicht wirklich im Leben finden können, die vielleicht in der Mitte des Lebens verlassen worden sind und dadurch den Eindruck gewonnen haben, das Leben hätte „Nein“ zu ihnen gesagt. Diese in ihren eigenen Augen „Verlierer“ finden sich dann oft in esoterischen religiösen Lehren. In diesen spirituellen Nischen gewinnen sie den Eindruck, aufgrund höheren Wissens plötzlich jemand zu sein und über anderen zu stehen. Auf solche Art gelebte religiöse Praxis ist natürlich ein psychologisierender Missbrauch des Religiösen.
HG: Oder diese Menschen versteigen sich in eine vermeintliche Rechtgläubigkeit – um im Namen dieser überlegenen Position andere zurechtzuweisen und zu verurteilen. Eine eingebildete Orthodoxie kann sehr hart werden. Interessant ist, dass Jesus die negative Reaktion selbst provoziert, wenn er sagt: „Ich weiß schon, was ihr sagen wollt. Ihr werdet mir das Sprichwort vorhalten: Arzt, heile dich selbst, du hast es in Kafarnaum getan, warum nicht auch hier?“ Und dann bringt er einige Beispiele, die den Finger genau in diese Wunde legen. Scheinbar konnte Gott bei den Ausländern, bei den Fremden und denen, die sich nichts auf ihre Rechtgläubigkeit einbilden, mehr bewirken. Deren Erwartungen waren vermutlich reiner und weniger aggressiv. Von dieser Seite hat er nie die Forderung gehört: „Wir sind ja dein Volk, also bitte, mach schon!“ Ich habe großes Verständnis für die Vorgehensweise Jesu. Er hatte keine andere Chance, die eingebildeten Frommen aus der Reserve zu locken.
ML: Dazu eine kleine Geschichte: Ich habe einmal, schon selbst als Führungskraft, einen Chef gehabt, der aus persönlichen Gründen Vorbehalte mir gegenüber hatte. Sein Führungsstil war intrigant. Er hat immer wieder, auch vor anderen, bemerkt: „Ich habe von deinen Mitarbeitern dies und das gehört und ich sage dir, die stehen nicht hinter dir!“ Auf die Nachfrage „Ja, und wer hat dies und das gesagt?“ wollte er natürlich nichts sagen. Später habe ich begriffen, dass er das alles nur erfunden hatte. Damals beunruhigte mich jedoch seine Aussage.
Nach einer Zeit des Unbehagens mit seinem Vorgehen habe ich mir Folgendes einfallen lassen: Ich bin übergegangen, seine Idee detailliert auszuformulieren. Wenn er zum Beispiel gesagt hat: „Du hast keine Autorität und Loyalität in deinem Team!“, habe ich ausformuliert: „Nein, weißt du, ich bin halt eine so schlechte Führungskraft. Ich bekomme ganz zu Recht von meinen Mitarbeitern keine Loyalität und kann in Wahrheit gar keine Autorität haben. Die anderen machen sowieso, was sie wollen, aber ich gebe halt trotzdem mein Bestes. Es wird allerdings nie ausreichen.“ Genauso habe ich mich dargestellt. Ich habe mich selber natürlich gar nicht so gesehen, auf keinen Fall!
Mein Plan ist wirklich aufgegangen. Mein damaliger Chef musste erkennen, dass er mich mit seiner Intervention nicht mehr steuern konnte, und hat seine Intrigen, allerdings nur auf diese Weise, sein lassen. Wenn man die geheime Motivation von Menschen mit einem Machtanspruch explizit oder implizit anspricht, lähmt man die Macht. Dafür hassen dich die Betroffenen, haben jedoch keine Handhabe gegen dich. Weisheit und Einsicht sind für Machtmenschen eine Provokation, für andere eine Wohltat.
HG: Jesus wird jedenfalls nicht mehr nach Nazareth kommen. Das „Gnadenjahr“ und die Wunder werden sich außerhalb seiner Heimatstadt ereignen. Ohne eine ehrliche, nicht selten auch schmerzliche Selbsterkenntnis gibt es keine Öffnung des Himmels. Gott drängt sich nicht auf. Ich kann persönlich bestätigen, dass Menschen, die mit Kirche kaum etwas am Hut haben, in bestimmten Momenten für eine Berührung durch Gott offener sein können als jene, die schon lange im religiösen Habitus daherkommen. Scheinbar Ungläubige zeigen nicht selten eine Gottoffenheit, die mich als Kirchenprofi beschämt. Ich denke an einen transsexuellen Menschen, den ich kennenlernen durfte. Diese Person hat mich durch ihre Offenheit so beeindruckt, dass mir die Tränen gekommen sind. Das Leben kommt uns oft so verletzlich und zugleich zärtlich entgegen. Die Gefahr der falschen Routine im Umgang mit Menschen und mit dem Heiligen in ihnen besteht für uns alle.
4
Der typische Absolutheitsanspruch
Joh 8,47-59
Jesus sprach: Wer aus Gott ist, hört die Worte Gottes; ihr hört sie deshalb nicht, weil ihr nicht aus Gott seid. Da antworteten ihm die Juden: Sagen wir nicht mit Recht: Du bist ein Samariter und von einem Dämon besessen? Jesus erwiderte: Ich bin von keinem Dämon besessen, sondern ich ehre meinen Vater; ihr aber schmäht mich. Ich suche nicht meine Ehre; doch es gibt einen, der sie sucht und der richtet. Amen, amen, ich sage euch: Wenn jemand an meinem Wort festhält, wird er auf ewig den Tod nicht schauen. Da sagten die Juden zu ihm: Jetzt wissen wir, dass du von einem Dämon besessen bist. Abraham und die Propheten sind gestorben, du aber sagst: Wenn jemand an meinem Wort festhält, wird er auf ewig den Tod nicht erleiden. Bist du etwa größer als unser Vater Abraham? Er ist gestorben und die Propheten sind gestorben. Für wen gibst du dich aus?
HG: Manchmal stolpert man in eine Auseinandersetzung hinein. Das ist beim vorliegenden Text der Fall. Es ist der Ausschnitt aus einem langen Streitgespräch Jesu mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, die seinen Absolutheitsanspruch infrage stellen. Für sie war klar: Entweder ist Jesus ein Verrückter, der die Tragweite seiner Ansprüche nicht einordnen kann, oder er ist ein gefährlicher Verführer der Massen. Eigentlich dämonisch. Es kann doch nicht sein, dass sich jemand hinstellt und behauptet, aus Gott zu sein – und darüber hinaus noch allen, die an seinem Wort festhalten, ewiges Leben verheißt. Das ist doch insgesamt eine maßlose und gefährliche Übertreibung! Jesus hat mehrfach seine Lehrautorität über jene des Gesetzes gestellt. Die von ihm gebrauchte Formel lautete: „Im Gesetz steht, ich aber sage euch.“ Das ist Lästerung pur! Wer darf denn so etwas behaupten?
ML: Wenn man Künstler näher kennenlernt, die man zuvor nur aus ihren Ausstellungen und Werken gekannt hat, kann es vorkommen, dass man von ihrer Persönlichkeit enttäuscht ist. Man hat ihre Kunst als „heilig“ und als besonders berührend erlebt. Der Mensch dahinter jedoch kann dieser imaginierten Größe nicht entsprechen. Er muss sich mit all dem abmühen, mit dem man auch selbst zu tun und zu kämpfen hat. Gleichermaßen werde ich als Psychiater manchmal gefragt, wenn ich über die Phänomene des Scheiterns in meinem Leben erzähle: „Wie kann Ihnen das passieren, wo Sie in Bezug auf Lebensführung und Lebenskunst doch so kompetent sind? Wie kommt es, dass Sie Ihr eigenes Leben nicht bewältigen? Können wir Ihnen dann überhaupt noch glauben, was Sie sagen, oder schicken Sie uns quasi in den Krieg?“
HG: Eine wichtige Selbstrelativierung! Als ich entdeckt habe, dass ein ehemaliger guter Bekannter von mir schwer alkoholkrank in einem Haus der Caritas in Graz wohnt, war ich sehr betroffen. Ich wusste, dass ich in einer ähnlich schwierigen Situation sein könnte, wenn ich nicht Ressourcen und Wegbegleiter gehabt hätte, die mir einen anderen Weg ermöglicht haben. Diese heilsame Erkenntnis der eigenen Schwäche und Verwundbarkeit hat mir sehr geholfen. Das tatsächlich „Verwundete“ in uns beziehungsweise das Wissen um unsere Verwundbarkeit verbindet uns mit jenen, für die wir in der Seelsorge da sind. Wir wissen, dass auch wir in den entscheidenden Momenten jemanden brauchen, der uns beisteht oder ein befreiendes Wort zusagt.
ML: Die eigene Verletzung bringt uns auf Augenhöhe, um die heilsame Begegnung zum Mitmenschen erst möglich zu machen. Wenn ich in therapeutischen Situationen von Patienten eine mir geltende Bewunderung merke, flechte ich nicht selten wie zufällig eine Geschichte aus meinem Leben ein, in der ich versagt habe. Damit ist meist die Augenhöhe wiederhergestellt und die therapeutische Begegnung erneut möglich. Und was die Künstler anbelangt, bin ich zu folgendem Verständnis gekommen: Es gibt einfach Menschen, die mehr aus sich herausholen, als in ihnen drinnen ist. Sie haben die Fähigkeit, für etwas durchlässig zu werden, was größer und weiter ist als sie selbst. Das repräsentiert ihr Künstlersein. Und das Gleiche gilt wohl auch für andere Berufsgruppen und menschliche Situationen. Gleichermaßen erklärt Jesus, dass nicht er selbst hier spricht, sondern dass er durchlässig für das ist, was ihm sein Vater aufgetragen hat.
HG: Jesus trägt eine geheimnisvolle Polarität in sich. Auf der einen Seite zeigt er eine Menschlichkeit, die es in dieser Intensität kein zweites Mal gibt – höchste Aufmerksamkeit und Empathie, Nähe und Berührbarkeit, Verwundbarkeit und Feindesliebe. Auf der anderen Seite absolute Souveränität, Größe und Weite, Widerstandskraft für eine neue Gerechtigkeit und einen Anspruch auf göttliche Autorität. Erst später hat man diese Polarität auf die theologische Formel gebracht: Ganz Mensch und ganz Gott. Natürlich ist auch das nur ein verlegener Hilfsausdruck für das höchst Lebendige, das in der Person des Jesus von Nazareth zum Vorschein kam. Jesus verkörpert einen Anspruch, der zum Anruf wird. Man kann mit dem eigenen Leben darauf antworten oder sich verweigern – wie es in diesem aufgeregten Streitfall geschildert wird.
ML: Der Mensch Jesus ist für jene, die ihn als Gott sehen, ein Problem. Für andere wiederum, die ihn als besonderen Menschen der Menschheitsgeschichte sehen, ist das Göttliche in ihm eine Provokation. Wir tun uns leider in unserer abendländischen Tradition so schwer, etwas dialektisch zu betrachten. Wir wollen alles auf den Punkt bringen. Die Aussage „ganz Mensch und ganz Gott“, die für Jesus gilt, impliziert auch, dass er ganz Mensch ist. Das besonders Zauberhafte an der Person Jesu ist für mich, dass er uns so unfassbar nahegekommen ist. Jesus „menschelt“ im Vollsinn des Wortes: Das ist in Wahrheit die unterschätzte Frohe Botschaft! In vielen Bibelstellen klingt die menschliche Begrenztheit Jesu durch: in der Notwendigkeit, dass er selbst Neues lernen musste; in seiner Bereitschaft, sich aus dem Konzept bringen zu lassen; in den Momenten, in denen er Zorn, Wut und extreme Freude gezeigt hat; und nicht zuletzt in seinen Tränen. Die menschliche Begrenztheit ist im affektiv bewegten Jesus deutlich zu sehen. Diese Begrenztheit ist nicht enttäuschend, sondern ganz im Gegenteil ermutigend. Für einige bestimmt auch unbequem.
HG: Was auch in die vier Evangelien aufgenommen und nicht retuschiert wurde. Sehr wohl im Gegensatz zu den apokryphen Evangelien, die ein durch und durch glattes, fast kitschiges Bild von Jesus zeichnen. So soll zum Beispiel gemäß dem Thomasevangelium Jesus als Fünfjähriger am Sabbat zwölf Spatzen aus Lehm geformt und sie zum Leben erweckt haben. Übrigens findet sich diese Passage auch im Koran in der fünften Sure. Offensichtlich war dem Verfasser das apokryphe Kindheitsevangelium des Thomas bekannt. All diese frommen Übertreibungen, die das Einfache, aber auch Schroffe und Unbequeme in der Gestalt Jesu nicht wahrhaben wollen, waren ausschlaggebend, diese Schriften nicht in die Sammlung des Neuen Testaments aufzunehmen. Man konnte in ihnen nicht das inspirierte Wort Gottes erkennen.
ML: Gerade das Menschliche ist also, wenn ich das richtig verstehe, ein Zeichen der Offenbarung. Das macht eben das Besondere der christlichen Religion aus. Dieses unfassbare, unretuschierte, uneingeschränkte Nähe-Angebot Gottes an uns. Das wird in diesem Text deutlich. Die zutiefst menschliche Figur Jesus hat deswegen keinen überheblichen Absolutheitsanspruch. Er kann den Absolutheitsanspruch ohne Überheblichkeit anmelden, weil er nicht versucht, sich zu einem Übermenschen zu stilisieren. Er ist Gott, aber kein Übermensch.
HG: Auch nicht Halbgott, sondern wie in der schon erwähnten christologischen Formel ausgedrückt, beides zu hundert Prozent – ganz Mensch, ganz Gott. Eine paradox anmutende doppelte Ganzheit. Das ist das Urdogma der christlichen Religion, ihr eigenartiger Absolutheitsanspruch, wenn man so will. Für mich war das immer schon faszinierend, weil in der Person Jesu eine innere Brechung der unterschiedlichsten Erwartungen, Vorstellungen und Projektionen zum Vorschein kommt. Durch das Zeugnis eines sehr leidenschaftlichen und weltoffenen Priesters konnte ich schon als junger Mensch die Person Jesu in einer 3D-Plastizität kennenlernen. Gerade das Nicht-Glatte und Nicht-Konforme hat mich an der Person Jesu fasziniert. Jesus entzieht sich jedenfalls den vielen menschlichen Zuschreibungen. Er ist nicht der Superheld und nicht der Messias im politischen Sinn, der scheinbar alles regeln und lösen kann. Im Ölberg von Getsemani weint er aus purer Angst. „Für wen gibst du dich aus?“ Ganz genervt fragen die Kritiker ihren Landsmann, den Rabbi aus Galiläa, nach seiner Identität. Bequemer wäre es für sie und für uns gewesen, wenn sich Jesus als ein religiös begabter Lehrer neben vielen anderen ausgegeben hätte. Aber sein Anspruch weist auf das Ganze. Seine Selbstaussage provoziert eine Entscheidung – für ihn oder gegen ihn. Er ist einzigartig und formuliert selbstbewusst diese Einzigartigkeit. Das ist das Spannende.
ML: Es ist eine Absolutheit, die sich als totale Radikalität begreift, aber nicht als Absolutheit, die sich wünscht, andere Wirklichkeiten zu bekriegen.
HG: Für diesen Satz sollte man dir den theologischen Nobelpreis verleihen. Offen bleibt, ob und inwiefern Religion immer einen Absolutheitsanspruch in sich tragen muss – auch wenn es nicht um einen kindischen Wettbewerb gehen darf, wessen Religion besser, richtiger oder erfolgreicher ist. Gemäß einem aufgeklärten Religionsverständnis wäre es natürlich angenehmer, wenn sich religiöse Überzeugungen selbst relativieren und harmonisch in ein breites spirituelles Marktangebot einfügen würden. Lessings „Nathan der Weise“ wird dafür meist als das grundlegende Toleranzdokument der Aufklärung genannt. Auch diesbezüglich ist Jesus widerständiger und unbequemer, als wir meist annehmen. Er ist unverschämt selbstbewusst und demütig zugleich.

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