Kitabı oku: «Knulp: Drei Geschichten aus dem Leben Knulps», sayfa 5

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Der Doktor unterbrach ihn. »Wie hat ihr Vater geheißen? Vielleicht kenn ich sie.«

»Verzeih, ich möcht dir das lieber nicht sagen, Machold. Es gehört nicht zur Geschichte, und ich will auch nicht, daß jemand das von ihr weiß. – Nun also! Sie ist größer und stärker gewesen als ich, wir haben hie und da miteinander gehändelt und gerauft, und wenn sie mich dann an sich drückte, bis es mir weh tat, dann war mir schwindlig und wohl wie in einem Rausch. In die wurde ich verliebt, und weil sie zwei Jahre älter war und schon davon redete, daß sie jetzt bald einen Schatz haben wolle, da wurde es mein einziger Wunsch, der möchte ich sein. – – Einmal saß sie allein im Lohgarten am Fluß und hatte die Füße ins Wasser hängen, sie hatte gebadet und bloß das Leibchen an. Da kam ich und setzte mich zu ihr. Auf einmal bekam ich Mut und sagte ihr, ich wolle und müsse ihr Schatz werden. Aber sie sah mich mit den braunen Augen mitleidig an und sagte: »Du bist ja noch ein Büble und hast kurze Hosen an, was weißt denn du von Schatz und Liebhaben?« Doch, sagte ich, ich wisse alles, und wenn sie nicht mein Schatz werden möge, dann werfe ich sie ins Wasser und mich mit. Da schaute sie mich aufmerksam an, mit einem Blick wie eine Frau, und sagte: ›Wir wollen einmal sehen. Kannst du denn schon küssen?‹ Ich sagte ja und gab ihr schnell einen Kuß auf den Mund und dachte, damit wäre es gut, aber sie hatte meinen Kopf gepackt und hielt ihn fest und küßte mich jetzt richtig wie ein Weib, daß mir Hören und Sehen verging. Dann lachte sie mit ihrer tiefen Stimme und sagte: ›Du würdest mir schon passen, Bub. Aber es geht doch nicht. Ich kann keinen Schatz brauchen, der in die Lateinschule geht, das gibt keine rechten Leute. Ich muß einen richtigen Mann zum Schatz haben, einen Handwerker oder einen Arbeiter, keinen Studierten. Es ist also nichts damit.‹ Sie hatte mich aber auf ihren Schoß gezogen und war in ihrer festen Wärme so schön und gut in den Armen zu halten, daß ich gar nicht daran denken konnte, von ihr zu lassen. Also habe ich der Franziska versprochen, ich wolle nimmer in die Lateinschule gehen und ein Handwerker werden. Sie lachte nur, aber ich ließ nicht nach, und zuletzt küßte sie mich wieder und versprach mir, wenn ich kein Lateinschüler mehr sei, dann wolle sie mein Schatz sein, und ich solle es gut bei ihr haben.«

Knulp hielt inne und hustete eine Weile. Sein Freund sah aufmerksam herüber, beide schwiegen eine kleine Zeit. Dann fuhr er fort: »Also, jetzt weißt du die Geschichte. Es ist natürlich nicht so geschwind gegangen, wie ich gemeint hatte. Mein Vater gab mir ein paar Ohrfeigen, als ich ihm mitteilte, ich wolle und könne jetzt nimmer in die Lateinschule gehen. Ich wußte nicht gleich Rat; oft habe ich mir vorgenommen, ich wolle unsere Schule anzünden. Das waren Kindergedanken, aber mit der Hauptsache ist es mir Ernst gewesen. Schließlich fiel mir der einzige Ausweg ein. Ich tat einfach in der Schule nimmer gut. Weißt du’s nimmer?«

»Wahrhaftig, es dämmert mir wieder. Du hast eine Zeitlang fast jeden Tag Arrest gehabt.«

»Ja. Ich habe Stunden geschwänzt und schlechte Antworten gegeben, ich habe die Aufgaben nimmer gemacht und meine Schulhefte verloren, es war jeden Tag etwas los, und schließlich bekam ich Freude dran und habe jedenfalls den Lehrern damals das Leben nicht leicht gemacht. Das Latein und das Zeug alles war mir sowieso jetzt nimmer extra wichtig. Du weißt, ich hab immer eine gute Nase gehabt, und wenn ich hinter etwas Neuem her war, dann gab’s eine Weile nichts anderes für mich auf der Welt. So war mir’s mit dem Turnen gegangen, und dann mit dem Forellenfangen, und mit der Botanik. Und gerade so hatte ich’s halt damals mit den Mädchen, und eh ich da die Hörner abgelaufen und meine Erfahrung gewonnen hatte, war mir nichts andres wichtig. Es ist ja auch blöd, so als Schulbub in der Bank zu hocken und Konjugationen zu üben, wenn man heimlich mit allen Sinnen doch nur bei dem ist, was man gestern abend beim Baden von den Mädchen ausspioniert hat. – Na, item! Die Lehrer merkten das vielleicht, sie hatten mich im ganzen gern und schonten mich solang wie möglich, und es wäre nichts aus meinen Absichten geworden, aber ich fing jetzt eine Freundschaft mit dem Bruder der Franziska an. Er ging in die Volksschule, in die letzte Klasse, und war ein schlechter Kerl; ich habe viel von ihm gelernt, aber nichts Gutes, und habe viel von ihm zu leiden gehabt. In einem halben Jahr war mein Ziel endlich erreicht, mein Vater hat mich halbtot geschlagen, aber ich war aus eurer Schule ausgewiesen und saß jetzt in der gleichen Volksschulstube wie der Bruder der Franziska.«

»Und sie? Das Mädel?« fragte Machold.

»Ja, das war eben der Jammer. Sie ist doch nicht mein Schatz geworden. Seit ich manchmal mit ihrem Bruder heimkam, wurde ich schlechter von ihr behandelt, wie wenn ich jetzt weniger wäre als früher, und erst als ich schon zwei Monate in der Volksschule saß und mir angewöhnte, öfter am Abend mich aus dem Haus zu stehlen, da wurde mir die Wahrheit bekannt. Ich streunte eines Abends spät im Rieder Wald herum, und wie ich’s schon mehrmals getan hatte, behorchte ich ein Liebespaar auf einer Bank, und als ich schließlich mich näher drückte, da war es die Franziska mit einem Mechanikergesellen. Sie haben gar nicht auf mich geachtet, er hatte den Arm um ihren Hals gelegt und in der Hand eine Zigarette, und ihre Bluse stand offen, und kurz, es war scheußlich. Da war also alles vergebens gewesen.«

Machold klopfte seinem Freund auf die Schulter.

»Na, vielleicht war’s für dich doch das Beste.«

Aber Knulp schüttelte energisch den scharfen Kopf.

»Nein, gar nicht. Ich möchte heut noch meine rechte Hand drum geben, wenn das anders gegangen wäre. Sag mir nichts über die Franziska, ich lasse nichts auf sie kommen. Und wenn es richtig gegangen wäre, dann hätte ich die Liebe auf eine schöne und glückliche Art kennen gelernt, und vielleicht hätte mir das geholfen, daß ich auch mit der Volksschule und mit meinem Vater im guten zurecht gekommen wäre. Denn – wie soll ich’s sagen? – schau, seither habe ich manche Freunde und Bekannte und Kameraden und auch Liebschaften gehabt; aber ich habe nie mehr mich auf das Wort eines Menschen verlassen oder mich selber durch ein Wort gebunden. Niemals mehr. Ich habe mein Leben gehabt, wie es mir paßte, und es hat mir nicht an Freiheit und an Schönem gefehlt, aber ich bin doch immer allein geblieben.«

Er griff nach dem Glase, sog mit Sorgfalt den letzten kleinen Schluck Wein und stand auf.

»Wenn du erlaubst, leg ich mich wieder hin, ich mag nimmer davon reden. Du hast gewiß auch noch zu tun.«

Der Doktor nickte.

»Noch etwas, du! Ich will heut um einen Platz im Spital für dich schreiben. Es paßt dir vielleicht nicht, aber da ist nichts zu ändern. Du gehst kaputt, wenn du nicht schnell in eine Pflege kommst.«

»Ach was,« rief Knulp mit ungewohnter Heftigkeit, »so laß mich halt kaputt gehen! Es nützt ja doch nichts mehr, das weißt du selber. Warum soll ich mich jetzt noch einsperren lassen?«

»Nicht so, Knulp, sei doch vernünftig! Ich wäre ein miserabler Doktor, wenn ich dich so herumlaufen ließe. In Oberstetten fänden wir sicher Platz für dich, und du kriegst extra einen Brief von mir mit, und nach acht Tagen komm ich selber einmal und seh nach dir. Ich verspreche dir’s.«

Der Landstreicher sank auf seinen Sitz zurück, es schien fast, als wäre er nahe am Weinen, und rieb seine dünnen Hände ineinander wie ein Frierender. Dann sah er dem Doktor flehentlich und kindlich in die Augen.

»Also denn,« sagte er ganz leise. »Es ist ja nicht recht von mir, du hast so viel für mich getan, und sogar Rotwein – es war alles viel zu gut und fein für mich. Du mußt mir nicht bös sein, ich habe noch eine große Bitte an dich.«

Machold klopfte ihm begütigend auf die Schulter.

»Sei gescheit, Alter! Es will dir niemand an den Kragen. Also, was ist’s?«

»Bist du mir nicht bös?«

»Gar nicht. Warum auch?«

»Dann bitt ich dich, Machold, dann mußt du mir einen großen Gefallen tun. Schick mich nicht nach Oberstetten! Wenn ich doch in so einen Spittel muß, dann möcht ich wenigstens nach Gerbersau, da kennt man mich, und ich bin dort daheim. Vielleicht ist es auch wegen der Armenpflege besser, ich bin ja dort geboren, und überhaupt –«

Seine Augen bettelten mit Inbrunst, er konnte vor Erregung kaum sprechen.

Er hat Fieber, dachte Machold. Und er sagte ruhig: »Wenn das alles ist, was du zu bitten hast – das wird bald in Ordnung sein. Du hast ganz recht, ich will nach Gerbersau schreiben. Geh du jetzt und lege dich hin, du bist müd und hast zuviel gesprochen.«

Er sah ihm nach, wie er schleppend ins Haus ging, und mußte plötzlich an den Sommer denken, da Knulp ihn im Forellenfangen unterrichtet hatte, an seine kluge, beherrschende Art, mit Kameraden umzugehen, an die hübsche zwölfjährige Glut des rassigen Buben.

»Armer Kerl,« dachte er mit einer Rührung, die ihn störte, und erhob sich rasch, um an die Arbeit zu gehen.

Der nächste Morgen brachte Nebel, und Knulp blieb den ganzen Tag im Bett. Der Doktor legte ihm einige Bücher hin, die er aber kaum berührte. Er war verdrossen und bedrückt, denn seit er Sorgfalt, Pflege, gutes Bett und zarte Kost genoß, spürte er deutlicher als zuvor, daß es mit ihm zu Ende gehe.

Wenn ich noch ein Weile so liege, dachte er unmutig, dann komme ich nimmer auf. Es war ihm wenig mehr ums Leben zu tun, die Landstraße hatte in den letzten Jahren viel von ihrem Zauber verloren. Aber sterben wollte er nicht, ehe er Gerbersau wiedergesehen und allerlei heimlichen Abschied dort genommen hätte, von Fluß und Brücke, vom Marktplatz und vom einstigen Garten seines Vaters, und auch von jener Franziska. Seine späteren Liebschaften waren vergessen, wie denn überhaupt die lange Reihe seiner Wanderjahre ihm jetzt klein und unwesentlich erschien, während die geheimnisvollen Zeiten der Knabenschaft einen neuen Glanz und Zauber gewannen.

Aufmerksam betrachtete er das einfache Gastzimmer; er hatte in vielen Jahren nicht so prächtig gewohnt. Er studierte mit sachlichem Blick und tastenden Fingern das Gewebe der Bettleinwand, die weiche, ungefärbte Wolldecke, die feinen Kissenbezüge. Auch der hartholzene Fußboden interessierte ihn, und die Photographie an der Wand, die den Dogenpalast in Venedig vorstellte und in Glasmosaik gerahmt war.

Dann lag er wieder lange mit offenen Augen, ohne etwas zu sehen, müde und nur mit dem beschäftigt, was still in seinem kranken Leibe vorging. Aber plötzlich fuhr er wieder auf, beugte sich schnell aus dem Bett und angelte mit hastigen Fingern seine Stiefel her, um sie sorgfältig und sachkundig zu untersuchen. Gut waren sie nimmer, aber es war Oktober, und bis zum ersten Schnee würden sie noch aushalten. Und nachher war doch alles aus. Es kam ihm der Gedanke, er könnte Machold um ein paar alte Schuhe bitten. Aber nein, der würde nur mißtrauisch werden; ins Spital braucht man kein Schuhwerk. Vorsichtig tastete er die brüchigen Stellen im Oberleder ab. Wenn das gut mit Fett behandelt wurde, mußte es mindestens noch einen Monat halten. Die Sorge war überflüssig; vermutlich würde dies alte Paar Schuhe ihn überdauern und noch im Dienste sein, wenn er selbst schon von der Landstraße verschwunden war.

Er ließ die Stiefel fallen und versuchte tief zu atmen, es tat ihm aber weh und machte ihn husten. Da blieb er still und wartend liegen, atmete in kleinen Zügen und hatte Angst, es möchte schlimm mit ihm werden, ehe er sich seine letzten Wünsche erfüllt hätte.

Er versuchte an den Tod zu denken, wie schon manchmal, aber sein Kopf ermüdete daran und er fiel in Halbschlummer. Nach einer Stunde erwachend, meinte er tagelang geschlafen zu haben und fühlte sich frisch und still. Er dachte an Machold, und es fiel ihm ein, er müsse ihm ein Zeichen seiner Dankbarkeit dalassen, wenn er fortginge. Er wollte ihm eins von seinen Gedichten aufschreiben, weil der Doktor gestern einmal danach gefragt hatte. Aber er konnte sich auf keines ganz besinnen, und keines gefiel ihm. Durchs Fenster sah er im nahen Wald den Nebel stehen und starrte lange hinüber, bis ihm ein Gedanke kam. Mit einem Bleistiftende, das er gestern im Hause gefunden und mitgenommen hatte, schrieb er auf das saubere weiße Papier, mit dem die Schublade seines Nachttisches ausgelegt war, einige Zeilen:

Die Blumen müssen Alle verdorren, Wenn der Nebel kommt, Und die Menschen Müssen sterben, Man legt sie ins Grab.

Auch die Menschen sind Blumen, Sie kommen alle wieder, Wenn ihr Frühling ist. Dann sind sie nimmer krank, Und alles wird verziehen.

Er hielt inne und las, was er geschrieben hatte. Es war kein richtiges Lied, die Reime fehlten, aber es stand doch das darin, was er hatte sagen wollen. Und er netzte den Bleistift an den Lippen und schrieb darunter: »Für Herrn Doktor Machold, Wohlgeboren, von seinem dankbaren Freunde K.«

Dann legte er das Blatt in die kleine Schublade.

Andern Tages war der Nebel noch dicker geworden, aber es war eine strengkühle Luft, und man konnte am Mittag auf Sonne hoffen. Der Doktor ließ Knulp aufstehen, da er flehentlich danach verlangte, und erzählte, daß im Gerbersauer Spital Platz für ihn sei und er dort erwartet werde.

»Da will ich gleich nach dem Mittagessen marschieren,« meinte Knulp, »vier Stunden brauche ich doch, vielleicht fünf.«

»Das fehlt noch!« rief Machold lachend. »Fußwandern ist jetzt nichts für dich. Du fährst mit mir im Wagen, wenn wir sonst keine Gelegenheit finden. Ich schicke einmal zum Schulzen hinüber, der fährt vielleicht mit Obst oder mit Kartoffeln in die Stadt. Auf einen Tag kommt es jetzt auch nimmer an.«

Der Gast fügte sich, und als man erfuhr, daß morgen der Schulzenknecht mit zwei Kälbern nach Gerbersau fahre, wurde beschlossen, Knulp sollte mit ihm fahren.

»Einen wärmeren Rock könntest du aber auch brauchen,« sagte Machold, »kannst du einen von mir tragen? Oder ist der zu weit?«

Er hatte nichts dagegen, der Rock wurde geholt, probiert und gut befunden. Knulp aber, da der Rock von gutem Tuch und wohlbehalten war, machte sich in seiner alten Kindereitelkeit sogleich daran, die Knöpfe zu versetzen. Belustigt ließ ihn der Doktor machen und gab ihm noch einen Hemdkragen dazu.

Am Nachmittag probierte Knulp in aller Heimlichkeit seine neue Kleidung, und da er nun wieder so gut aussah, begann es ihm leid zu tun, daß er sich in der letzten Zeit nicht mehr rasiert hatte. Er wagte nicht, die Haushälterin um des Doktors Rasierzeug zu bitten, aber er kannte den Schmied im Dorf und wollte dort einen Versuch machen.

Bald hatte er die Schmiede gefunden; er trat in die Werkstatt und sagte den alten Handwerksgruß: »Fremder Schmied spricht um Arbeit zu.«

Der Meister sah ihn kalt und prüfend an.

»Du bist kein Schmied,« sagte er gelassen. »Das mußt du einem andern weismachen.«

»Richtig,« lachte der Landstreicher. »Du hast noch gute Augen, Meister, und doch kennst du mich nicht. Weißt du, ich bin früher Musikant gewesen, und du hast in Haiterbach manchen Samstagabend zu meiner Handorgel getanzt.«

Der Schmied zog die Augenbrauen zusammen und tat noch ein paar Stöße mit der Feile, dann führte er Knulp ans Licht und sah ihn mit Aufmerksamkeit an.

»Ja, jetzt weiß ich,« lachte er kurz. »Du bist also der Knulp. Man wird halt älter, wenn man sich so lang nicht sieht. Was willst du in Bulach? Auf einen Zehner und auf ein Glas Most soll’s mir nicht ankommen.«

»Das ist recht von dir, Schmied, und ich nehm’s für genossen an. Aber ich will was anderes. Du könntest mir dein Rasiermesser für eine Viertelstunde leihen, ich will heut abend zum Tanzen gehen.«

Der Meister drohte ihm mit dem Zeigefinger.

»Du bist doch ein Lugenbeutel, ein alter. Ich meine, mit dem Tanzen wirst du’s nimmer wichtig haben, so wie du aussiehst.«

Knulp kicherte vergnügt.

»Du merkst doch alles! Schad, daß du kein Amtmann geworden bist. Ja, ich muß also morgen ins Spital, der Machold schickt mich hin, und da wirst du begreifen, daß ich nicht so wie ein Zottelbär antreten mag. Gib mir das Messer, in einer halben Stunde hast du’s wieder.«

»So? Und wo willst du denn hin damit?«

»Zum Doktor hinüber, ich schlafe bei ihm. Gelt, du gibst mir’s?«

Das schien dem Schmied nicht sehr glaubwürdig.

Er blieb mißtrauisch.

»Ich geb dir’s schon. Aber weißt du, es ist kein so gewöhnliches Messer, es ist eine echte Solinger Hohlklinge. Die möcht ich gern wiedersehen.«

»Verlaß dich drauf.«

»Ja, schon. Du hast da einen guten Rock an, Freundlein. Den brauchst du zum Rasieren nicht. Ich will dir was sagen: Zieh ihn aus und laß ihn da, und wenn du mit dem Messer wiederkommst, kriegst du auch den Rock wieder.«

Der Landstreicher verzog das Gesicht.

»Also gut. Extra nobel bist du nicht, Schmied. Aber es soll meinetwegen gelten.«

Nun holte der Schmied das Messer, Knulp gab den Rock zum Pfande, duldete aber nicht, daß der rußige Schmied ihn anfasse. Und nach einer halben Stunde kam er wieder und gab das Solinger Messer zurück, und sein struppiges Kinnbärtchen war weg, er sah ganz anders aus.

»Jetzt noch ein Nägelein hinters Ohr, dann kannst du weiben gehen,« sagte der Schmied voll Anerkennung.

Aber Knulp war nicht mehr zu Scherzen gelaunt, er zog seinen Rock wieder an, sagte kurzen Dank und ging davon.

Auf dem Heimweg traf er vor dem Hause den Doktor, der ihn verwundert anhielt.

»Wo läufst denn du herum? Ja, und wie siehst du aus! – Aha, rasiert! Mensch, du bist doch ein Kindskopf!«

Aber es gefiel ihm, und Knulp bekam diesen Abend wieder einen Rotwein zu trinken. Die beiden Schulkameraden feierten Abschied, und jeder war so aufgeräumt wie möglich, und keiner wollte sich etwas wie eine Beklemmung anmerken lassen.

Zeitig am Morgen kam der Knecht des Schulzen mit dem Wagen vorgefahren, auf dem in Lattenverschlägen zwei Kälber standen, mit den Knien zitterten und grell in den kalten Morgen starrten. Es lag zum erstenmal Reif auf den Wiesen. Knulp wurde zu dem Knecht auf den Bock gesetzt und bekam eine Decke über die Knie, der Doktor drückte ihm die Hand und schenkte dem Knecht eine halbe Mark; der Wagen rasselte weg und dem Wald entgegen, während der Knecht seine Pfeife anzündete und Knulp mit verschlafenen Augen in die hellblaue Morgenkühle blinzelte.

Aber später kam die Sonne, und der Mittag wurde ganz warm. Die zwei auf dem Bock unterhielten sich ausgezeichnet, und als sie in Gerbersau ankamen, wollte der Knecht durchaus samt seinem Wagen und den Kälbern den Umweg machen und am Krankenhaus vorfahren. Indessen hatte Knulp ihm das bald ausgeredet, und sie trennten sich freundschaftlich vor der Einfahrt in die Stadt. Da blieb Knulp stehen und sah dem Wagen nach, bis er unter den Ahornen beim Viehmarkt verschwand.

Er lächelte und schlug einen Heckenpfad zwischen den Gärten ein, den nur Einheimische kannten. Er war wieder frei! Im Spital mochten sie warten.

Noch einmal kostete der Heimgekehrte das Licht und den Duft, die Geräusche und Gerüche der Heimat und die ganze erregende und sättigende Vertrautheit des Daheimseins: Gewühl der Bauern und Bürger auf dem Viehmarkt, durchsonnte Schatten brauner Kastanienbäume, Trauerflug später dunkler Herbstfalter an der Stadtmauer, Klang des vierstrahligen Marktbrunnens, Weingeruch und hohles hölzernes Gehämmer aus der gewölbten Kellereinfahrt des Küfermeisters, wohlbekannte Gassennamen, jeder dicht behängt von einem unruhigen Schwarm von Erinnerungen. Mit allen Sinnen schlürfte der Heimatlose den vielfältigen Zauber des Zuhauseseins, des Kennens, des Wissens, des Sicherinnerns, der Kameradschaft mit jeder Straßenecke und jedem Prellstein. Schlendernd und unermüdet war er den ganzen Nachmittag in allen Gassen unterwegs, belauschte den Messerschleifer am Fluß, sah dem Drechsler durchs Fenster seiner Werkstatt zu, las auf neugemalten Schildern die alten Namen wohlbekannter Familien. Er tauchte die Hand in den steinernen Trog des Marktbrunnens, seinen Durst aber löschte er erst unten am kleinen Abtsbrünnlein, das noch immer geheimnisvoll wie vor all den verflossenen Jahren im Erdgeschoß eines uralten Hauses entsprang und in der seltsam klaren Dämmerung seiner Quellstube zwischen den Steinplatten rauschte. Am Flusse stand er lange und lehnte an der hölzernen Brüstung überm ziehenden Wasser, worin das dunkle Seegras langhaarig wallte und die schmalen Rücken der Fische schwarz und stille über den zitternden Kieseln standen. Er ging über den alten Steg und ließ sich in der Mitte in die Kniekehlen sinken, um wie als Knabe den feinen, lebendig elastischen Gegenschwung des Brückleins in sich zu spüren.

Ohne Eile spazierte er weiter und vergaß nichts, nicht die Kirchenlinde mit dem kleinen Rasenstück und nicht das Wehr der oberen Mühle, seinen einstigen Lieblingsbadeplatz. Er blieb vor dem Häuschen stehen, in dem vor Zeiten sein Vater gewohnt hatte, und lehnte sich eine kleine Weile zärtlich mit dem Rücken an die alte Haustür, suchte auch den Garten auf und sah über einen lieblos neuen Drahtzaun weg in eine neu angelegte Pflanzung hinein – aber die vom Regenwasser abgerundeten Steinstufen und der runde, feiste Quittenbaum neben der Tür waren noch die alten. Hier hatte Knulp seine besten Tage gehabt, noch ehe er sich aus der Lateinschule hatte wegjagen lassen, hier hatte er einst ein volles Glück, Erfüllungen ohne Rest, Seligkeiten ohne Bitternisse gekostet, diebesselige Kirschensommer, versunkenes flüchtiges Gärtnerglück im Belauschen und Pflegen seiner Blumen: geliebter Goldlack, lustige Winde, zärtlich samtenes Stiefmütterchen, und Kaninchenställe und Werkstatt und Drachenbau, Wasserleitungen aus dem Markrohr des Holunders und Mühlräder aus Fadenrollen mit Schaufeln aus Schindelstücken. Kein Dach, dessen Katzen er nicht gekannt, kein Garten, dessen Früchte er nicht versucht, kein Baum, den er nicht bestiegen, in dessen Krone er nicht ein grünes Traumnest besessen hatte. Dieses Stück Welt hatte ihm gehört, war von ihm in tiefster Vertrautheit gekannt und geliebt worden; hier hatte jeder Strauch und jeder Gartenhag Bedeutung, Sinn, Geschichten für ihn gehabt, jeder Regen- und Schneefall zu ihm gesprochen, hier hatte Luft und Erde in seinen Träumen und Wünschen gelebt, sie erwidert und ihr Leben mitgeatmet. Und heute noch, dachte Knulp, war vielleicht hier ringsum kein Hausbewohner und kein Gartenbesitzer, dem dies alles mehr angehört hätte als ihm, dem es mehr wert war, mehr sagte, mehr Antwort gab, mehr Erinnerungen weckte.

Zwischen nahen Dächern stach hoch und spitzig der graue Giebel eines schmächtigen Hauses empor. Dort hatte vor Zeiten der Rotgerber Haasis gewohnt, und dort hatten Knulps Kinderspiele und Knabenwonnen ihr Ende gefunden in den ersten Heimlichkeiten und zärtlichen Händeln mit Mädchen. Von dort war er manchen Abend über die dämmernde Gasse heimgekehrt mit keimenden Ahnungen der Liebeslust, dort hatte er den Gerberstöchtern die Zöpfe aufgelöst und unter den Küssen der schönen Franziska getaumelt. Er wollte hinübergehen, später am Abend, oder vielleicht morgen. Jetzt aber lockten diese Erinnerungen ihn wenig, er hätte sie alle zusammen gerne hingegeben für das Gedächtnis einer einzigen Stunde der früheren, der Knabenzeit.

Eine Stunde und länger verweilte er am Gartenzaun und schaute hinunter, und was er sah, war nicht der neue, fremde Garten, der dalag und mit dem jungen Beerengesträuch schon ganz leer und herbstlich aussah. Er sah den Garten seines Vaters, und seine Kinderblumen im kleinen Beet, am Ostersonntag gepflanzte Aurikeln und glasige Balsaminen, und kleine Gebirge aus Steinchen, auf welchen er hundertmal gefangene Eidechsen ausgesetzt hatte, unglücklich, daß keine dort bleiben und wohnen und sein Haustier sein wollte, und dennoch immer wieder voll Erwartung und Hoffnung, wenn er eine neue mitbrachte. Alle Häuser und Gärten, alle Blumen und Eidechsen und Vögel der Welt konnte man ihm heute schenken, und es wäre nichts gegen den zaubervollen Glanz einer einzigen Sommerblume, wie sie damals in seinem Gärtchen wuchs und die köstlichen Blumenblätter leise aus der Knospe rollte. Und die Johannisbeerbüsche von damals, deren jeden er noch genau im Gedächtnis hatte! Sie waren fort, sie waren nicht ewig und unzerstörbar gewesen, irgendein Mann hatte sie ausgerissen und ausgegraben und ein Feuer draus gemacht, Holz und Wurzeln und welke Blätter waren miteinander verbrannt, und niemand hatte darum geklagt.

Ja, hier hatte er oft den Machold bei sich gehabt. Der war jetzt ein Doktor und Herr und fuhr im Einspänner bei den kranken Leuten herum, und er war wohl auch ein guter und aufrichtiger Mensch geblieben; aber auch er, auch dieser kluge und stramme Mann, was war er gegen damals, gegen den gläubigen, scheuen, erwartungsvoll zärtlichen Knaben von damals? Hier hatte ihm Knulp gezeigt, wie man Käfige für Fliegen baut und Schindeltürme für Heuschrecken, und er war Macholds Lehrer und sein größerer, klügerer, bewunderter Freund gewesen.

Der nachbarliche Fliederbaum war alt und moosig dürr geworden, und das Lattenhaus im andern Garten war zerfallen, und man mochte an seine Stelle bauen, was man wollte, es wurde nie mehr so schön und beglückend und richtig, wie alles einmal gewesen war.

Es begann zu dämmern und kühl zu werden, als Knulp den vergrasten Gartenweg verließ. Vom neuen Kirchturm, der das Bild der Stadt veränderte, rief eine neue Glocke laut herüber.

Er schlich durchs Tor der Rotgerberei in den Gerbergarten, es war Feierabend und niemand zu sehen. Unhörbar schritt er über den weichen Lohboden an den gähnenden Löchern vorüber, wo die Häute in der Lauge lagen, und bis zum Mäuerchen, wo der Fluß schon dunkel an den moosig grünen Steinen hintrieb. Da war der Ort, an dem er einmal eine Abendstunde mit Franziska gesessen war, die bloßen Füße im Wasser plätschernd.

Und wenn sie mich nicht vergebens hätte warten lassen, dachte Knulp, dann wäre alles anders gekommen. Wenn auch die Lateinschule und das Studieren versäumt war, ich hätte Kraft und Willen genug gehabt, um doch etwas zu werden. Wie einfach und klar war das Leben! Damals hatte er sich weggeworfen und von allem nichts mehr wissen wollen, und das Leben war darauf eingegangen und hatte nichts von ihm verlangt. Er war außerhalb gestanden, ein Bummler und Zaungast, beliebt in den guten jungen Jahren und allein im Kranksein und Altern.

Es ergriff ihn eine große Müdigkeit, er setzte sich auf dem Mäuerchen nieder, und der Fluß rauschte dunkel in seine Gedanken. Da wurde über ihm ein Fenster hell, das mahnte ihn, es sei spät, und man dürfe ihn hier nicht finden. Er schlüpfte lautlos aus dem Lohgarten und aus dem Tor, knöpfte den Rock zu und dachte ans Schlafen. Er hatte Geld, der Doktor hatte ihn beschenkt, und nach kurzem Besinnen verschwand er in einer Herberge. Er hätte in den »Engel« oder »Schwanen« gehen können, wo man ihn kannte und wo er Freunde gefunden hätte. Aber daran war ihm jetzt nicht gelegen.

Vieles hatte sich im Städtchen verändert, was ihn früher bis ins kleinste interessiert hätte, aber diesmal wollte er nichts sehen und wissen, als was zur alten Zeit gehörte. Und als er nach kurzem Fragen erfuhr, daß die Franziska nicht mehr lebe, da verblaßte alles, und ihm schien, er sei einzig ihretwegen hergekommen. Nein, es hatte keinen Sinn, hier in den Gassen und zwischen den Gärten herumzustrolchen und sich von denen, die ihn kannten, halb mitleidige Späße zurufen zu lassen. Und als er zufällig in dem engen Postgäßlein dem Oberamtsarzt begegnete, fiel ihm plötzlich ein, man könnte ihn am Ende droben im Krankenhaus vermissen und nach ihm fahnden. Alsbald kaufte er bei einem Bäcker zwei Wecken, stopfte sie in seine Rocktaschen und stieg noch vor Mittag zur Stadt hinaus eine steile Bergstraße hinan.

Da saß hoch oben am Waldrande, an der letzten großen Straßenbiegung, ein staubiger Mann auf einem Steinhaufen und klopfte mit einem langstieligen Hammer den graublauen Muschelkalk in Stücke.

Knulp sah ihn an, grüßte und blieb stehen.

»Grüß Gott,« sagte der Mann und klopfte weiter, ohne den Kopf zu heben.

»Ich meine, das Wetter bleibt nimmer lang,« probierte Knulp.

»Kann schon sein,« brummte der Steinklopfer und sah einen Augenblick empor, vom Mittagslicht auf der hellen Straße geblendet. »Wo wollet Ihr hinaus?«

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16 ocak 2025
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