Kitabı oku: «"Ich sehe immer den Menschen vor mir"»

Yazı tipi:

Hermann Vinke

»Ich sehe immer den Menschen vor mir«

Das Leben des deutschen Offiziers Wilm Hosenfeld

Eine Biographie


© 2021, 2015 Arche Literatur Verlag AG, Zürich – Hamburg

© Abbildungen: Privatarchiv der Familie Hosenfeld

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Annemike Werth, Hamburg

Covermotiv: aus dem privaten Archiv der Familie Hosenfeld

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

ISBN 978-3-03790-067-3

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Editorische Notiz

Zitate aus den Briefen, Aufzeichnungen und Tagebucheintragungen wurden den heute geltenden Rechtschreibregeln angepasst, fehlende Kommata ergänzt und grammatikalische Ungenauigkeiten und Fehler ausgeglichen. Für polnische Namen von Personen und Orten gilt jeweils die polnische Schreibweise, auch wenn diese im Originaltext, etwa im Kassiber von Wilm Hosenfeld aus der Gefangenschaft, anders geschrieben wurden. Es handelt sich um formale Eingriffe. Inhaltliche Veränderungen der ursprünglichen Textfassung sind damit nicht verbunden.

Das Zitat in der Einleitung wurde dem folgenden Band entnommen: Etty Hillesum, »Das denkende Herz der Baracke. Die Tagesbücher 1941–1943«, Freiburg i. B., 2014

Einleitung

Ich sehe immer den Menschen vor mir

Es würde aber schon genügen, wenn es nur einen Menschen gäbe, der wert ist, »Mensch« zu heißen, um an den Menschen, an die Menschheit zu glauben.

Julius Spier, jüdischer Emigrant in den Niederlanden, 1941 zu Etty Hillesum, Jüdin, die zwei Jahre später in Auschwitz ermordet wurde.

Der Zweite Weltkrieg ging zu Ende, als es im November 1944 in Warschau in einem Gebäude, in dem die Wehrmacht gerade ihre Kommandantur einrichtete, zu einer außergewöhnlichen Begegnung kam. Der deutsche Hauptmann Wilm Hosenfeld entdeckte in dem Haus den polnischen Pianisten Władysław Szpilman, der sich unter dem Dach versteckt hatte und kurz vor dem Verhungern war. Hosenfeld, im Zivilberuf Pädagoge, lieferte den jüdischen Musiker nicht aus. Vielmehr versorgte er ihn über mehrere Wochen hin mit Lebensmitteln und sicherte damit sein Überleben.

In kaum einer anderen europäischen Metropole haben die Deutschen im Zweiten Weltkrieg so gewütet wie in Warschau. Von der einst mondänen, kulturell blühenden Metropole war fast nur noch ein schwelender Trümmerhaufen geblieben. In einem Inferno von Massenmord und Zerstörung hatte Hitler die polnische Hauptstadt im Herbst dem Erdboden gleichmachen lassen. Die deutschen Besatzer, Zehntausende von Soldaten und Sicherheitskräften, hatten in einem gnadenlosen Vernichtungsfeldzug die Führungsschicht des Landes weitgehend liquidiert und Völkermord an den Juden verübt.

Und doch gab es Ausnahmen unter den Deutschen – Menschen wie Wilm Hosenfeld, dessen Lebensgeschichte bislang noch kaum ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen ist. Allein eine kurze Szene in Roman Polańskis preisgekröntem Film »Der Pianist« über das Leben Szpilmans, der damit weltberühmt wurde, machte erstmals auch auf die mutige Rettungstat des deutschen Offiziers aufmerksam, wenn auch ohne Namensnennung.

Hosenfeld (1895–1952) bewahrte nicht nur Władysław Szpilman (1911–2000), sondern zahlreiche andere polnische Bürger, darunter weitere Juden, vor dem sicheren Tod. Vor dem Hintergrund von Mord und Totschlag wirkt der Offizier heute wie eine Lichtgestalt in einer finsteren Zeit. Wahrscheinlich waren es über 60 Menschen, die dank seiner Hilfe überleben konnten. Er war Retter und in gewisser Weise Opfer zugleich, denn er selbst konnte nicht gerettet werden, sondern starb in sowjetischer Gefangenschaft, ohne seine Familie wiedergesehen zu haben.

Die vorliegende Biographie »Wilm Hosenfeld – ›Ich sehe immer den Menschen vor mir‹« rückt die außergewöhnliche Lebensgeschichte dieses Mannes in den Blickpunkt, eine Geschichte von bewundernswertem Mut, von Widersprüchen, grausamen Zufällen und am Ende von tiefer Tragik. Es wird gezeigt, dass und wie es auch unter den barbarischen Verhältnissen möglich war, das christliche und humane Gewissen zu bewahren und dafür einzutreten. Wilm Hosenfeld, der erst spät für sein mutiges Tun Anerkennung fand – die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ehrt ihn seit 2008 als »Gerechten unter den Völkern« –, gehört zu diesen Ausnahmen. Sein »Rettungswiderstand« leuchtet deshalb umso klarer als ein Vorbild für Gegenwart und Zukunft.

Der in der Rhön geborene Lehrer und Offizier verbrachte die Kriegsjahre ausschließlich in Polen, wo er zunächst ein Lager für polnische Kriegsgefangene aufbaute und anschließend eine Sport- und Berufsschule für Wehrmachtsangehörige leitete. Diese sechs Jahre wurden zum Wendepunkt seines Lebens, in denen er sich von einem begeisterten Anhänger des Feldherrn Hitler schon bald zu einem der schärfsten und klarsichtigsten Kritiker des NS-Regimes entwickelte. Von Anfang an zeigte sich Hosenfeld unter Missachtung aller dienstlichen Vorschriften und persönlichen Risiken den Polen gegenüber als hilfsbereit, großzügig und entschlussfreudig, wenn es galt, Menschen vor dem Terror seiner Landsleute zu bewahren.

Es gibt wohl kaum einen anderen Wehrmachtsoffizier, der die Verbrechen der Nazis im Zweiten Weltkrieg so umfassend dokumentiert hat wie Hosenfeld. Der Pädagoge führte Tagebuch und schrieb über 800 Briefe nach Thalau in der Rhön, wo er selber an der Dorfschule unterrichtet hatte. Er wurde damit zum Chronisten des mörderischen Alltags im besetzten Warschau, des Aufstands im jüdischen Getto 1943 und des Warschauer Aufstands im Jahre 1944. Die meisten Briefe gingen an seine Frau Annemarie, geborene Krummacher (1898–1971), eine Pazifistin, die in einer Künstlerfamilie in Worpswede bei Bremen aufgewachsen war und während des Krieges auf sich allein gestellt die gemeinsamen fünf Kinder großzog.

Wesentliche Grundlage des vorliegenden Buches ist dieser Briefwechsel zwischen ihm und seiner Frau, ferner das einzigartige Warschauer Tagebuch. Seine Briefe, Notizen und Tagebücher erschienen 2004 als Dokumentation »Wilm Hosenfeld – ›Ich versuche jeden zu retten‹ – Das Leben eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern«. Das umfangreiche Werk von fast 1200 Seiten – der Anhang allein umfasst über 200 Seiten –, das der Historiker Thomas Vogel im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Potsdam herausgegeben hat, schuf die erste wissenschaftlich fundierte Grundlage für eine Beschäftigung mit Wilm Hosenfeld.

Außerdem standen dem Autor neben einem Interview mit der Witwe des geretteten Pianisten, Halina Szpilman, den Informationen seines Sohnes Andrzej Szpilman und Archivmaterial der gesamte Briefwechsel sowie Unterlagen und Dokumente aus dem Archiv der Familie Hosenfeld zur Verfügung. Zahlreiche Gespräche und Interviews, u.a. mit Kindern des Ehepaares Hosenfeld, ergänzen das Material. Die Briefe von Annemarie Hosenfeld werden erstmals ausgewertet und veröffentlicht. Auch sie besaß ein ausgezeichnetes Talent zum Schreiben. Sie sagte während seiner Kriegsgefangenschaft über ihren Mann: Wenn der Vater nach Hause kommt, wird er Schriftsteller.

Im ersten Teil des Buches geht es um die Prägungen, die Wilm Hosenfeld im katholischen Elternhaus, durch die Wandervogel-Bewegung und seine Teilnahme am Ersten Weltkrieg erfahren hat. Er war Patriot und nach dem Krieg Pädagoge mit Leib und Seele, wie seine Aufsätze und Berichte aus der Zeit der Wandervogel-Bewegung, die Wilm und Annemarie Krummacher 1918 zusammengeführt hatte, zeigen.

Teil II des Buches beschreibt Wilm Hosenfelds kritische Gefolgschaft dem Naziregime gegenüber. Der Offizier war ein Kind seiner Zeit. Den Machtantritt Hitlers und auch den Kriegsbeginn 1939 hatte er zunächst begrüßt, weil er sich davon eine Wiedergutmachung für die Niederlage von 1918 und eine neue Ordnung in Europa versprach. Mehr als einmal erlag Hosenfeld den Propaganda-Tiraden von Hitler und Goebbels. Zwei Zitate verdeutlichen, wie sich seine Wandlung vollzog. Nach den Erfolgen der Wehrmacht beim Westfeldzug im Frühsommer 1940 schrieb er noch seiner Frau: Hitler ist ein großes Genie. Er soll die Operationen selbst leiten und die ganzen strategischen Pläne entwerfen, das ist fast nicht zu glauben. Ende Dezember 1943 notierte er in seinem Tagebuch: Als Schande muss jeder Mensch es heute empfinden, dass er auch nur im Geringsten dieses System bejahte.

Obwohl Mitglied der SA, des NS-Lehrerbundes und seit 1935 auch der NSDAP, stellte Hosenfeld sich mehrfach quer zur Parteilinie und geriet beruflich zeitweise ins Abseits. Sein Gewissen und seine Vorstellung vom Zusammenleben der Menschen wollte er sich nicht verbiegen lassen. Das Vorgehen der deutschen Besatzungsmacht gegen Polen öffnete ihm schließlich die Augen und führte zum völligen Bruch mit dem NS-Regime. Sein moralischer und ethischer Kompass blieb während des Krieges intakt.

Die polnische Hauptstadt ist der eigentliche Schauplatz der Lebensgeschichte von Wilm Hosenfeld. Während des Krieges hat Hosenfeld seine Familie in Thalau in der hessischen Rhön mehrfach besucht. »Heimaturlaub« hieß das Zauberwort, das ihn, seine Frau und die Kinder elektrisierte, sobald die Vorgesetzten das Gesuch unterschrieben hatten. Ansonsten blieb das Schreiben von Briefen die einzige Verbindung zwischen ihnen. Die lange Trennung von seiner Frau und den Kindern bestimmte den Briefwechsel, der zwar kein Ersatz für Nähe und Zusammensein war, aber doch ein festes Band zwischen ihnen schuf und dazu beitrug, auch Krisen in ihrer Beziehung zu überwinden.

Der dritte Teil stellt Hosenfelds Gefühl von Mitschuld wie seinen Rettungswiderstand in den Mittelpunkt. Das Schreiben, oftmals täglich, half ihm, die eigenen Maßstäbe zu überprüfen und sich seiner Rolle in der von deutschen Truppen besetzten und von deutschen Bürokraten verwalteten Hauptstadt Warschau bewusst zu werden. Er hielt engen Kontakt zu Polen, deren Patriotismus er bewunderte, und versuchte, die polnische Sprache zu erlernen. Dabei ermöglichte ihm vor allem sein katholischer Glaube eine besondere Nähe zur Bevölkerung, obwohl jedes »Fraternisieren« streng verboten war. Auf bewegende Weise haben die von ihm geretteten und beschützten Menschen sich bei ihm bedankt. Dazu gibt es Fotos und Zeugnisse, die hier erstmals veröffentlicht werden.

Im vierten Teil des Buches wird die sieben Jahre dauernde Kriegsgefangenschaft von Hosenfeld dokumentiert sowie die vergeblichen Versuche, seine Entlassung zu erreichen, um sein von Schlaganfällen bedrohtes Leben zu retten. Die Verurteilung durch die sowjetische Militärjustiz zu 25 Jahren Lagerhaft im Jahre 1950 kam einem Todesurteil gleich.

In die Lebensgeschichte von Wilm Hosenfeld werden in diesem Buch auch Stationen der Leidensgeschichte von Władysław Szpilman während des Krieges – bis zu der schicksalshaften Begegnung der beiden – mit aufgenommen. Grundlage hierfür sind neben Polańskis 2002 gezeigtem Film »Der Pianist« die seit 1998 auf Deutsch vorliegenden Erinnerungen von Władysław Szpilman, »Der Pianist – Mein wunderbares Überleben«. Das Buch war 1946, also gleich nach dem Krieg, erstmals in Polen unter dem Titel »Tod einer Stadt« erschienen. Es war jedoch durch Eingriffe der Zensur verunstaltet worden, wie Andrzej Szpilman, der Sohn des Pianisten, während sein Vater im Ausland auf Tournee war, später schrieb. Wilm Hosenfelds Name tauchte darin nicht auf. Vielmehr wurde der Retter als Österreicher dargestellt. Im kommunistisch regierten Polen sollte das Bild von den Nazi-Verbrechern intakt bleiben. Ein guter Deutscher passte nicht dazu, nicht einmal als Ausnahme.

Da in Polen selbst offenbar auch später kein Interesse an einer Neuausgabe bestand, hatte Andrzej Szpilman, der inzwischen in Deutschland lebte, sich 1997 darangemacht, das Buch in deutscher Sprache herauszubringen. Indem der Sohn des Pianisten darin Wilm Hosenfeld als Deutschen und beim Namen nannte, wollte er nicht nur seinem Vater, sondern auch dessen Retter gerecht werden.

Szpilmans Sohn konnte den Liedermacher Wolf Biermann dafür gewinnen, zur deutschen Ausgabe der Erinnerungen seines Vaters einen umfangreichen Essay beizusteuern. Wegen der Briefe Hosenfelds hatte er sich an die Kinder von Wilm Hosenfeld gewandt, um einige davon zu veröffentlichen. Uta Hosenfeld, die jüngste Tochter, hatte eine Holzkiste mit allen Briefen an sich genommen, als Annemarie Hosenfeld ihre eigene Wohnung aufgab. Sie überließ die Briefe und Aufzeichnungen schließlich ihrem ältesten Bruder, dem Arzt Helmut Hosenfeld.

Auch er, der älteste Sohn Wilm Hosenfelds, stand als Unterstützer Andrzej Szpilman zur Seite. Bereits 1984, als Władysław Szpilman noch lebte, hatte der Arzt die Familie Szpilman in Warschau aufgesucht und sich vom Pianisten das Versteck in dem Gebäude an der Aleja Niepodległości zeigen lassen, wo dieser 1944 seinem Retter begegnet war. Als Helmut Hosenfeld auch den ehemaligen Umschlagplatz sehen wollte, den Szpilman seit der gewaltsamen Trennung von seinen Eltern und Geschwistern im Jahre 1942 nicht mehr aufgesucht hatte, habe dieser gezögert. Helmut Hosenfeld konnte ihn schließlich doch dazu bringen, mitzukommen. Ich war vielleicht etwas unsensibel, aber ich sagte zu Szpilman, wissen Sie, wir kommen nicht als Touristen zu Ihnen, auch nicht als Ihr Besuch. Für mich ist diese Reise eine Wallfahrt zu den Stätten, wo Deutsche den Polen so viel angetan haben, wo Sie meinem Vater begegnet sind und wo so viel Unglück durch die Deutschen geschehen ist.

Teil 1

Katholizismus und Körperkultur


1. Ein Dorf in Hessen

Wilm Hosenfeld verfasste unter dem Datum 17. Dezember 1943 in Warschau einen Aufsatz, der offensichtlich für seine Kinder bestimmt war: »Als Vater ein kleiner Junge war«. Für ihn war das Schreiben auch eine Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln, auf seinen Lebensweg, der ihn aus einem beschaulichen Bauerndorf in der preußischen Provinz Hessen-Nassau herauskatapultiert hatte ins Zentrum eines verbrecherischen Vernichtungskrieges.

Hosenfeld wurde am 2. Mai 1895 in dem Ort Mackenzell unweit der Stadt Hünfeld am Rande der Rhön als siebtes von neun Kindern geboren und wuchs in einer katholisch-konservativ geprägten Umgebung auf. Sein Vater, Adalbert Hosenfeld, (1857–1938), entstammte einer Bauern- und Handwerkerfamilie. Der Vater seiner Mutter Friederike Hosenfeld, geborene Krick (1857–1930), war ein außergewöhnlich begabter Lehrer gewesen.

Adalbert Hosenfeld hatte sich zum Dorfschulmeister von Mackenzell emporgearbeitet. Die Eltern betrieben eine kleine Viehwirtschaft, was damals keineswegs ungewöhnlich war, denn das Gehalt eines Lehrers reichte für den Unterhalt einer Familie meistens nicht aus.

In der Silvesternacht des Jahres 1899, an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, stand das neunte Kind des Ehepaares kurz vor der Geburt. Die Mutter hatte, bevor die ersten Wehen einsetzten, noch das Vieh versorgt. Den Rest der Arbeit im Stall und im Haushalt überließ sie den älteren Töchtern. Die Niederkunft zog sich dann bis nach Mitternacht in das neue Jahr 1900 hinein.

Wilm Hosenfeld, damals fünf Jahre alt, schildert in dem Rückblick auf die eigene Kindheit zunächst das Silvestertreiben der Burschen und Mädchen mit Peitschenschwingen und Schüssen aus alten Vorderladern. Das alles mitten im Dorf bei Schnee und Eis. Dann widmete er sich, damals noch Wilhelm genannt, der Geburt des neuen Erdenbürgers, seines jüngsten Bruders. Dieser war noch am frühen Morgen des 1. Januar 1900 in der Ortskirche auf den Namen Rudolf getauft worden. Mit dem Kleinkind konnte Wilhelm zunächst wenig anfangen. Als Rudolf etwas älter war, neckte und ärgerte er ihn gern. Hosenfeld: Und weil er selbst (Wilhelm) genug Wichse (Schläge) bekam, wendete er bei seinem Bruder dieselben Methoden an.

Die Eltern erzogen ihre Kinder streng nach der katholischen Lehre. Durchaus üblich war damals die körperliche Züchtigung. Das erledigte der immer gefürchtete Vater, der zu Hause wie auch in der Schule uneingeschränkt das Sagen hatte und im Unterricht die eigenen Kinder in gleicher Weise behandelte wie alle anderen. Wilm Hosenfeld schreibt in dem Aufsatz über sich in der dritten Person. Danach war er ein zu Streichen aufgelegter Junge. Das Elternhaus mied Wilhelm, wann immer er konnte. Lieber half er gleichaltrigen Bauernjungen im Wald beim Schlagen von Holz oder auf dem Feld bei der Runkelrübenernte.

Wenn Vater Adalbert durchs Dorf ging, versteckte Wilhelm sich mit seinen Freunden hinter einem Scheunentor oder einer Hauswand. In der Schule sei er nie bevorzugt worden, berichtet er. Wilhelm bekam seine Schläge, wurde gefragt und gescholten wie die anderen und fürchtete sich genauso vor dem Lehrer, wenn er auch sein Vater war, wie die andern.

Bei Ausflügen mit der Familie, etwa zu den Verwandten, sei er lieb zu seinen Kindern gewesen und habe sich als ein grundgütiger Mensch gezeigt. In der Rückschau auf die eigene Kindheit versucht Wilm Hosenfeld, seinem Vater gerecht zu werden. Es sei wohl nur die Herbheit in seinem Wesen oder die bäuerliche Erziehung gewesen, die ihn dazu gebracht habe, die Kinder so streng zu behandeln, statt ihnen seine Gefühle zu zeigen.

Als Wilm Hosenfeld nach dem Ersten Weltkrieg um die Hand von Annemarie Krummacher anhielt, schrieb er am 30. Dezember 1919 in einem Brief an seine künftigen Schwiegereltern in Worpswede: Er (sein Vater) fürchtet, Annemarie ist nicht die richtige Frau für einen Landlehrer, natürlich, wie er sie sieht. Er kennt mich zu wenig. Meine Welt ist ihm fremd. Er wird sie kaum verstehen. Nur ganz langsam muss er zu uns herüberfinden; aber doch nie ganz. Er wird in mir immer seinen Jungen sehn, der’s anders macht, mithin mehr oder minder falsch.

Als Pädagoge lehnte Wilm Hosenfeld die Erziehungsmethoden seines Vaters ab, vor allem die Schläge mit dem Rohrstock. Was die Eltern ihm mit auf den Weg gaben, waren der Respekt vor ihnen und das katholische Christentum mit seinen Zehn Geboten. Das prägte ihn, und daran hielt er fest.

Seinen christlichen Überzeugungen blieb er selbst in schwersten Stunden treu, zumal sie ihm Halt und Orientierung bedeuteten. Damit war seine Einstellung gegenüber der polnischen Bevölkerung während des Zweiten Weltkrieges vorherbestimmt: Wilm Hosenfeld sah in den Polen nicht die Sklaven der deutschen Eroberer, sondern ebenbürtige Menschen. Mit ihrem katholischen Glauben dachten und handelten die meisten von ihnen wie er.

Der unmittelbare Einfluss des Elternhauses ging ohnehin zurück, als Wilhelm mit elf Jahren die Grundschule verließ und nach Hünfeld wechselte, um dort die Lateinschule zu besuchen. Im Unterricht steckte er, wie zuvor noch in Mackenzell, nicht mehr alles weg, was die Lehrer ihm zumuteten. Sein Gerechtigkeitsgefühl rebellierte, als einer der Pädagogen ihm eine Ohrfeige gab. Aus Protest blieb er vorübergehend dem Unterricht fern.

Wilhelms Berufswunsch stand ziemlich früh fest. Er wollte in die Fußstapfen seines Vaters treten, ohne dessen Methoden zu übernehmen. Er wollte es besser machen und beweisen, dass es möglich war, ohne körperliche Züchtigung Kinder zu erziehen. Die Fragen einer modernen Pädagogik beschäftigten ihn in den folgenden Jahren intensiv. In einer sogenannten Präparandenanstalt in Fritzlar bereitete Hosenfeld sich von 1910 bis 1913 gründlich auf das Studium der Pädagogik vor. Ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges verzeichnete das katholische Lehrerseminar in Fulda ihn schließlich als Studenten. Wilhelm Hosenfeld besaß ein eigenes Zimmer und begann, sich neu zu orientieren.

Zu den Strömungen, die schon vor der Jahrhundertwende Jugendliche in ihren Bann gezogen hatten, gehörte die Wandervogel-Bewegung. Junge Menschen entdeckten Natur und Umwelt ganz neu. Sie sammelten sich am nächtlichen Lagerfeuer, sangen Lieder und gingen ungezwungen miteinander um. Die lärmenden Fabrikhallen, die beengten Wohnverhältnisse in der Stadt und überhaupt das ganze Spießertum im kaiserlichen Deutschland – das alles wollten sie hinter sich lassen.

Die Wandervögel verstanden sich als eine Bewegung jenseits von Politik und gesellschaftlicher Konvention. Charakteristisch waren Loblieder auf das Deutschsein, gedankliche Höhenflüge in Form von Gedichten und Selbstbehauptung im Alltag. Aber schon das Pochen auf Eigenständigkeit bedeutete für die Welt der Erwachsenen Unruhe und Aufruhr. Sie sahen die alte Ordnung mit ihren preußischen Tugenden wie Gehorsam und Pflichtbewusstsein in Gefahr.

Die Bewegung, die aus unterschiedlichen Strömungen bestand, hatte jedoch wenig mit Umsturz und Revolution zu tun, eher schon mit einem Aufbäumen gegen die Altvorderen, die der Jugend alles vorschreiben und sie in ihre eingefahrenen Gleise zwängen wollten. Wilhelm Hosenfeld, schlank, sportlich, kontaktfreudig und unternehmungslustig, fühlte sich auf Anhieb den Wandervögeln verbunden; da war vieles, was ihn anzog: die freie Natur, der offene, ungezwungene Umgang der jungen Erwachsenen untereinander, ihr Schwärmen für Freiheit und Selbstbestimmung. Das enge Korsett abstreifen und neue Wege für das eigene Leben entdecken, das bewog ihn mitzumachen, ihn, der von seiner Mutter das Gefühlsmäßige, das feine Gespür für Nuancen geerbt hatte; ferner die Freude, auf andere Menschen zuzugehen, und zudem die Gabe, Geschehnisse in seiner Umgebung genau zu beobachten und zu beschreiben.

Unter dem Einfluss der Wandervogel-Bewegung änderte Hosenfeld seinen Vornamen in Wilm. Das war kürzer und einprägsamer als Wilhelm. An dem berühmten Treffen der neuen deutschen Jugendbewegung auf dem Hohen Meißner bei Kassel im Oktober 1913 anlässlich des hundertsten Jahrestages der Völkerschlacht bei Leipzig hat er nicht teilgenommen. Die »Meißner-Formel« dürfte er sich allerdings zu eigen gemacht haben, vor allem den Satz: »Die Freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten.«

Diese Ideale traten gewissermaßen neben seinen katholischen Glauben und wurden zum zweiten Anker seines Lebens; sie blieben es auch dann noch, als die Bewegung selbst längst ihre Bedeutung eingebüßt hatte. Diesem Aufbruch widmete er ebenfalls einen längeren Aufsatz mit dem Titel »Die deutsche Jugendbewegung«, den er allerdings erst nach Ende des Ersten Weltkrieges zu Papier brachte, wahrscheinlich 1921 oder 1922. Wohl in der Hoffnung, der Geist der Jugendbewegung lasse sich trotz des barbarischen Krieges wiederbeleben, zählte er auf, was die Bewegung alles zustande gebracht habe.

Der Wandervogel habe eine neue Art von Gemeinschaft geschaffen und eine eigene Wandertechnik entwickelt, schrieb Hosenfeld. Ferner habe er das Volkslied und den Volkstanz neu belebt. Er trieb zuerst Jugendpflege im idealsten Sinne, errichtete die ersten Jugendherbergen, trieb Körperkultur und wetteiferte in Leibesübungen. Und schließlich: Er gab dem Verhältnis der Geschlechter einen einfachen, natürlichen kameradschaftlichen Charakter. Zur Welt der Erwachsenen zog er eine klare Grenze: Die Jugend will aber nicht das dumpfe Gefäß sein, in das die ältere Generation widerspruchslos ihre Ideale und Lebensanschauungen hineinfüllen darf. Sie glaubt sich jetzt stark und urteilsfähig genug, um sich ihre eigene Jugendkultur zu schaffen.

Der Großstadt mit ihrer geschäftigen Unrast, ihrer Seelenlosigkeit und ihrer Versklavung des Menschen stellte Hosenfeld die inneren Kräfte der Jugendseele gegenüber, das Wandern, die Fahrten in die Weite und das Alleinsein in der Natur.

Der Wandervogel verstand sich also als Gegenbewegung zur Industrialisierung und Kommerzialisierung, die Europa, voran England und Deutschland, eine ungeahnte wirtschaftliche Blüte beschert hatten. Und gleichzeitig war die Jugendbewegung Teil eines antibürgerlichen Zeitgeistes. Seit dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 herrschte vier Jahrzehnte lang Friede. In dieser Zeit entwickelte Deutschland sich zu der führenden Industrienation Europas. Die Fortschritte auf den Gebieten der Technik, Wissenschaft und Medizin waren atemberaubend. Alles und jedes schien möglich und machbar. Die Eisenbahn ließ die Entfernungen schrumpfen. Kunst und Kultur testeten die Grenzen des Erlaubten und überschritten sie. Frauen erkämpften sich Rechte, die ihnen jahrhundertelang verwehrt worden waren.

Das Feuer der neuen Zeit loderte auch in den hehren Parolen des Wandervogels. Zugleich schwang darin Opferbereitschaft mit, das Einstehen für ein Ziel, wenn es denn nur groß und edel genug sei. Die Liebe zum Vaterland war ein solches Ideal. Die Säulen der Gesellschaft – Schule, Kirchen, das Militär, die Machthaber bis zum Kaiser hin – hatten die Vaterlandsliebe tief in die Seelen junger Menschen eingepflanzt. Diese Tugend war jederzeit abrufbar. Es genügte, die Gefahr für das Vaterland in grellen Farben zu zeichnen.

2. Der Erste Weltkrieg – Gern und froh gehorcht

Der Wandervogel blieb, zeitlich gesehen, im Leben von Wilm Hosenfeld trotz des nachhaltigen Einflusses, den dieser auf ihn ausübte, zunächst nicht viel mehr als eine Episode. Denn der Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914 beendete alle Aktivitäten, die ein neues Lebensgefühl ermöglichen sollten. Junge Männer wie der 19-jährige Hosenfeld, die noch kurz zuvor von Freiheit und Selbstbestimmung geschwärmt hatten, eilten in Scharen freiwillig in die Kasernen.

Im Fall des angehenden Pädagogen Hosenfeld, der in Fulda gerade mal die Hälfte seines Studiums zurückgelegt hatte, ging alles ganz schnell. Die Ausbildung wurde vorzeitig beendet. In einem Rückblick, den er im November 1917 unter der Überschrift »Erinnerungen aus dem Feld« zu Papier brachte, schrieb er von der großen Begeisterung, die im Sommer 1914 geherrscht habe: Jetzt war der Krieg die Losung. Hei, wer wäre da nicht gefolgt.

Das Vaterland rief eine ganze Generation zu den Waffen. Da gab es auch für Wilm Hosenfeld kein Halten mehr. Die Eltern erwarteten ohnehin, dass er und sein Bruder Martin sich freiwillig meldeten. Bereits am 21. August 1914 trug Wilm Hosenfeld beim preußischen Infanterie-Regiment Nr. 167 in Kassel die graue Uniform des Heeres. Die Grundausbildung durchlief der Rekrut mühelos. Während andere über Schinderei, Demütigungen und Schikanen klagten, erlernte Hosenfeld das Waffenhandwerk ohne Gegenwehr. Unsere Instrukteure hatten ihre helle Freude an diesen Rekruten, und von der Härte militärischer Disziplin habe ich nichts gespürt, da wir immer gern und froh gehorchten.

Mit seiner höheren Schulbildung stand Hosenfeld der Weg zum Offiziersrang von Anfang an offen. Der Aufstieg innerhalb der Militärhierarchie bedeutete ihm einiges. Sein erster Fronteinsatz führte ihn Anfang November 1914 in eine der heftigsten Schlachten des Krieges in Flandern. Dort sollte das Heer den Riegel französischer, britischer und belgischer Einheiten um die Stadt Ypern durchbrechen und bis zur Kanalküste vorstoßen, um den Rücken frei zu bekommen für das eigentliche Ziel: die Eroberung von Paris.

Was Hosenfeld während der Zugfahrt zum Kriegsschauplatz sah, dämpfte seine Begeisterung. Belgische Frauen streckten beim Anblick der deutschen Soldaten die Zunge heraus und machten mit der Hand eine Bewegung des Halsabschneidens. Beim Marsch an die Front kehrte noch einmal das Hochgefühl zurück, am Krieg teilnehmen zu dürfen. Jetzt empfand ich’s zum ersten Male mit ganzer Wucht und Tiefe, welch starke Liebe und Treue mich mit dem Vaterland verband. Dankbarkeit und Stolz zugleich gaben Kraft und hohen Mut und festen Willen.

Gleich beim ersten Angriff in Flandern wurden Kraft, Mut und Durchhaltewille des Soldaten auf die Probe gestellt. Im Verlauf eines nächtlichen Vormarschs ins Niemandsland über glitschige Rübenfelder und schlammige Wassergräben verlor Hosenfeld zeitweise den Kontakt zum Vordermann, irrte orientierungslos im Gelände umher, geriet zwischen Stacheldraht und Telefonleitungen, sah fremde Gestalten auf sich zukommen und dachte bereits an die Schmach der Gefangenschaft und die Nutzlosigkeit seines Soldatenseins. Das Pfeifen der Kugeln versetzte ihn in Angst. Im Morgengrauen sah er zwischen aufspritzenden Dreckfontänen Soldaten hin und her laufen, bis sie plötzlich zu Boden fielen. Waren es die eigenen Kameraden oder Franzosen? Und es dauerte nicht mehr lange, bis er auf den ersten Toten stieß. Der Anblick verstörte ihn. Seine Augen blicken starr in den grauen Himmel, mich blickt die Ewigkeit an.

In Flandern erlitten beide Seiten, Alliierte wie Deutsche, schwere Verluste. Die heftigen, zeitweise auch mit Gasmunition geführten Kämpfe gingen schließlich in einen Stellungskrieg über. Seit dem gescheiterten Angriff Anfang November 1914 auf Langemarck verharrte Hosenfeld mit seiner Einheit in dem nahe gelegenen Dorf Poelkapelle, von wo aus er regelmäßig mit einzelnen Kameraden die Wache an der vordersten Frontlinie ablöste. So auch am Abend vor dem 24. Dezember 1914. In einem Artikel für die »Fuldaer Zeitung« (24.12.1928) schilderte Hosenfeld später, wie er die »Vier Kriegs-Weihnachten« verbracht hatte. Von November 1914 bis April 1915 nahm Wilm Hosenfeld am Grabenkrieg in Westflandern teil. Nach dem zermürbenden Warten, unterbrochen durch Artilleriebeschuss und einzelne Gefechte, sollten die deutschen Verbände im Frühjahr 1915 mit einer neuen Offensive den Durchbruch erzwingen.

Am 24. April 1915 wurde Hosenfeld in der Nähe eines Bauernhofes von Schrapnellkugeln am rechten Bein, an der Brust und der Schulter verletzt. Helfer brachten ihn zum Verbandsplatz. Im Malteser-Lazarett in Aachen, wo er seinen 20. Geburtstag feierte, unterzog sich Wilm Hosenfeld einer mehrwöchigen Behandlung. Die Schusswunden verheilten recht schnell. Denn bereits Ende Juni 1915 erhielt Hosenfeld einen neuen Marschbefehl. Dieses Mal ging es in Richtung Osten, also an die zweite Front, der sich Deutschland mit seinem Verbündeten Österreich-Ungarn von Beginn des Krieges an gegenübersah. Hosenfeld verschlug es zunächst nach Litauen und Kurland, also ins Baltikum, wo es galt, russische Truppen aus einzelnen Ostseestädten zu vertreiben. Kowno (Kaunas) kam im August 1915 unter deutsche Kontrolle. Etwa drei Monate später geriet die Verfolgung der Russen an dem Fluss Düna südlich von Riga ins Stocken, und Hosenfeld verbrachte die folgenden Wochen in einem eher ruhigen Stellungskrieg. Unser Leben ist ganz gemütlich, schrieb er. Wir sind meist junge Kerle. Frieden will’s doch nicht werden.

Bevor Hosenfeld im September 1916 nach siebentägiger Bahnfahrt in der Nähe von Hermannstadt in Siebenbürgen eintraf, war er auf der Leiter der Militärhierarchie wieder ein Stück weitergekommen. Der Ernennung zum Gefreiten folgte der Unteroffiziersrang, womit er befugt war, einen Trupp von etwa einem Dutzend Soldaten anzuführen. Seit April 1916 war er Träger des Eisernen Kreuzes II. Klasse, womit sein tapferes Verhalten vor dem Feind auf dem östlichen Kriegsschauplatz hervorgehoben wurde.

In Rumänien ging der Krieg zwar weiter, zunächst verhalten, dann wieder mit unverminderter Härte. Zum ersten Mal kämpfte Hosenfeld an der Seite von Österreichern und Ungarn, deren Reitertruppen ihn mit ihrem Schneid und den prächtigen Uniformen mächtig beeindruckten. Der Vormarsch in den Transsilvanischen Alpen glich anfangs einer Wanderschaft. Die eigentlichen Kämpfe begannen Ende September 1916. Als die Rumänen zurückwichen, nahm Hosenfelds Einheit die Verfolgung bis in die Nähe von Kronstadt auf.

Die Rückzugsgefechte waren mörderisch. Und der Anblick des Kampfplatzes, der zerfetzten Menschen und der Pferde, die sich im Todeskampf aufbäumten, raubte dem jungen Soldaten fast den Verstand. Den Tieren besorgten wir den Liebesdienst und schossen ihnen eine Kugel ins Auge. Aber bei den Menschen kann ich das doch nicht … Beim Umherirren auf dem Gelände stieß er auf einen Mann, den er zunächst für tot gehalten hatte. Es war ein Rumäne mit einem Durchschuss am Oberschenkel, der ihn um Hilfe anflehte. Hosenfeld gab ihm Streichhölzer und Zigaretten, holte Wasser, ein Stück Brot und einen Mantel. Kaum war er ein paar Schritte gegangen, hörte er, wie der Verwundete anfing, laut zu weinen. Nie werd ich dieses schöne Mannesantlitz mit den dunklen Augen, die deutlicher sprachen als der beredtste Mund, vergessen.

Hosenfelds Vorschlag beim Kompanieführer, mit mehreren Leuten aufzubrechen, um den Verwundeten zu bergen, stieß zuerst auf Ablehnung. Doch am nächsten Tag erfuhr er, dass ein rumänischer Verwundeter mit einem Oberschenkeldurchschuss geborgen worden sei.

In den letzten drei Monaten des Jahres 1916 entschied sich das Schicksal der rumänischen Streitkräfte. Sie mussten Kronstadt räumen und zogen sich über die Pässe der Transsilvanischen Alpen zurück. Die Deutschen setzten nach. Dabei traf Hosenfeld öfter auf Siebenbürger Sachsen, die seit Jahrhunderten in Rumänien lebten und ihre Sprache und Kultur weitgehend bewahrt hatten. Hätte ich je geahnt, dass ich einmal hierherkommen sollte, wo Deutsche wohnen mit unbekanntem, vornehmem Nationalstolz, der hier größer ist als daheim.

Ende November 1916 drangen die deutschen Truppen tief in den Süden des Landes bis in die Walachei vor. Für Hosenfeld endete dieser Vorstoß Anfang Dezember in der Stadt Ploiești am Fuße der Karpaten, etwa 60 Kilometer nördlich von Bukarest, das sich den Deutschen fast ohne Gegenwehr ergeben hatte. Seine dritte Kriegsweihnacht erlebte er in einem Akazienwald in der rumänischen Moldau. Salven von Granaten hatten Bäume zerfetzt, der Boden war durchzogen von Granatlöchern und Schützengräben. Der Gegner lag 1500 Meter entfernt. Am ersten Weihnachtstag nahm Hosenfeld an einem katholischen Feldgottesdienst teil. In seinem Tagebuch hielt er fest: Kein Gotteshaus der Welt hätte so viel Andacht wecken können als hier der sternbesäte Himmel, die dunkle Erde, der schweigende Wald, das lodernde Feuer. Eine wunderbare Ruhe sei in sein Herz gezogen, heißt es weiter, in dieser Umgebung, Schlacht, Tod und Grauen um uns, vor und zwischen uns.

Ende Januar 1917 steigerte sich die Kälte ins Unerträgliche. Aus Nordosten wehte ein steifer, eisigkalter Wind. Er hielt Tage und Nächte an. Es war ein Sturm, ein Orkan, der durch alle Schützenkleider ging, die Glieder erstarrten. Viele erlitten Erfrierungen. Nach der Eroberung von Focşani begann erneut ein Stellungskrieg. Ruhr und Cholera grassierten. Hosenfeld, inzwischen zum Vizefeldwebel aufgestiegen, musste vier Wochen lang, und zwar bis Ende April 1917, ins Lazarett. Sobald er halbwegs genesen war, genehmigten ihm die Vorgesetzten einen Heimaturlaub von drei Wochen. Der Zufall fügte es, dass sein älterer Bruder Martin auch gerade in Mackenzell war. Am Himmelfahrtstag war die ganze Familie wieder mal seit Jahren zusammen, worüber im Hause große Freude herrschte. Der Tag des Abschieds rückte auch wieder heran, und am 1. Juni (1917) fuhr ich.

Über Breslau, Kronstadt und Ploieşti erreichte Hosenfeld Focşani. Als er bei seiner Kompanie in einem Dorf am Südrand der Karpaten eintraf, herrschte warmes Sommerwetter. Der Krieg legte eine Pause ein. Zeit für Hosenfeld, Land und Leute genauer zu beobachten. Die rumänische Bevölkerung tat ihm leid. Er ging auf die Menschen zu und versuchte, mit ihnen in Kontakt zu kommen. Was er sah, war Verzweiflung, Trauer, aber kein Hass. Er bewunderte den Fleiß der Bauern und ihr handwerkliches Geschick.

Anfang August 1917 wurde Hosenfeld bei einem Vorstoß der deutschen Truppen in der Bukowina im Nordosten Rumäniens gegen russische Einheiten erneut verletzt. Er erlitt einen Durchschuss am linken Bein und verlor die Verbindung zu seinem Zug. Unter Aufbietung aller Kräfte wollte er dem Kugelhagel entkommen, aber vergeblich. Er stürzte zu Boden und kroch auf allen vieren in ein Maisfeld, wo zwei Kameraden ihn fanden.

Ein Lazarettzug brachte ihn in der zweiten Augusthälfte 1917 nach Gera. Vom Krieg hatte er vorerst genug: Ich freue mich wie ein Kind auf die Heimat und kann mein Glück nicht fassen. Sein Vater reagierte ebenfalls erleichtert: Drücke Dich nur solange es geht im Lazarett. Ich freue mich, dass Du mit dem »Heimatschuss« der großen Gefahr entkommen bist. Wilm Hosenfelds große Sorge war allerdings, mit einem steifen Bein weiterleben zu müssen. Nie wieder wandern zu können – das war für ihn eine schreckliche Vorstellung. Gegen Ende September wechselte er zum Ersatz-Truppenteil nach Jena.

Die gründliche Nachsorge in Jena bedeutete zugleich Muße. Hosenfeld nutzte die Zeit, um seine Erinnerungen an den Krieg aufzuschreiben. Ihm ging es darum, die Ereignisse festzuhalten, ohne sie zu verherrlichen oder sich selbst gar als Helden darzustellen. Andererseits lag ihm nicht daran, sich kritisch mit dem Krieg auseinanderzusetzen und nach dem Sinn des Mordens und gegenseitigen Abschlachtens zu fragen. Wilm Hosenfeld blieb Patriot und zugleich ein begeisterter Anhänger der Wandervogel-Bewegung. Bereits vom Lazarett in Jena aus knüpfte er Kontakte zu Gleichgesinnten und nahm an einem Gauführertag des Verbandes Thüringen teil. Dabei lernte er Otger Gräff kennen, einen wortgewaltigen Anführer der Bewegung, der aus seiner völkischen und antisemitischen Einstellung keinen Hehl machte. Nach der Veranstaltung notierte Hosenfeld in seinem Tagebuch: Er will uns ältere Wandervögel zu einem deutschvölkischen, reinblütigen Bund zusammenschließen, in dem von ihm gegründeten Jungdeutschen Bund.


Wilm Hosenfeld, etwa 1918, in Wandervogel-Kluft. Typisch dafür der Schillerkragen und kurze Hosen

Da Hosenfeld als felddienstuntauglich eingestuft war, bestand keine Aussicht mehr, an die Front zurückzukehren. Den Jahreswechsel 1917/18 verbrachte er im Garnisonslazarett in Weimar. Dort gelang es einem Chirurgen, die Nervenbahnen in dem an der Front verletzten Bein so weit wiederherzustellen, dass er wieder normal gehen konnte.

Die letzte Kriegsweihnacht im Kreis ebenfalls verwundeter Kameraden blieb ihm noch lange in Erinnerung. Der Pastor hatte an Heiligabend gemeint, das deutsche Schwert habe von seiner Schärfe noch nichts eingebüßt. Das Jahr 1917 sei ein weiteres Ruhmesblatt an dem Kranze der deutschen Siege. Hosenfeld sah das anders: … diese Weihnachtspredigt gefällt uns nicht. Wir sind alle so müde. Uns kann man keine Stimmung vormachen. So nicht!

Am ersten Weihnachtstag wurde ihm bei einer Begegnung mit einem katholischen Kaplan bewusst, dass ein neuer Lebensabschnitt bevorstand: Und ich merkte, welch untätiges, stumpfes und wildes Leben hinter mir liegt. Das ist nun vorbei. Für mich ist der Krieg aus. Die Glocken heute Morgen, die mir drei Jahre nicht geklungen, sie riefen mir den Frieden zu, den Frieden des bürgerlichen Lebens. Im Mai 1918 verfügten die Vorgesetzten seine Entlassung aus dem aktiven Militärdienst. Für ihn war der Krieg zu Ende, für seine Kameraden dauerte er noch bis zum Waffenstillstand im November 1918.

3. Wandervogel und Künstlertochter – ein glückliches junges Paar

Jetzt konnte Wilm Hosenfeld endlich nach vorn blicken und Pläne für die Zukunft schmieden. Denn er hatte eine Frau kennengelernt, die für ihn mehr als eine flüchtige Begegnung werden sollte: Annemarie Krummacher. Hosenfeld hatte sie am 8. August 1918 bei einem Wandervogel-Treffen in einer ehemaligen Kolonialschule im hessischen Witzenhausen zum ersten Mal gesehen. Wilm habe anfangs eine etwas einfache, treuherzige Art an den Tag gelegt, erzählte sie später ihrem Sohn Detlev leicht ironisch-distanziert. Er sei unternehmungslustig und stets zu Späßen aufgelegt gewesen, wohl auch, um den Mädchen in der Gruppe zu gefallen. Eines Abends habe er dann sehr ernsthaft über den Krieg in Rumänien erzählt, die Kämpfe dort und seine Verwundung, und das habe sie mehr als alles andere beeindruckt.

Der angehende Lehrer mit den dunklen Haaren und der sportlichen Figur gefiel ihr jedenfalls besser als die anderen jungen Männer aus dem Wandervogel, die sich um sie bemüht hätten. Nicht einverstanden war Annemarie Krummacher allerdings mit seiner völkisch-nationalen Einstellung. Sie selber, am 6. April 1898 in Berlin-Wilmersdorf geboren, war im Künstlerdorf Worpswede bei Bremen aufgewachsen und hatte zusammen mit ihrer um ein Jahr jüngeren Schwester Gertrud den freiheitlichen Teil der Wandervogel-Bewegung erlebt.

Ihr Vater war der Maler und Schriftsteller Karl Krummacher, der einer protestantischen Pastorenfamilie entstammte und zum Kreis der Worpsweder Maler gehörte, die um die Jahrhundertwende die Künstlerkolonie mit ihren Werken deutschlandweit bekannt gemacht hatten: Otto Modersohn, Fritz Overbeck, Fritz Mackensen, Heinrich Vogeler und Hans am Ende. Der Maler Carl Vinnen hatte Krummacher überredet, von Berlin nach Worpswede überzusiedeln, zumal dieser in der Hauptstadt von seiner Tätigkeit als Kunst- und Theaterkritiker kaum leben konnte. Heinrich Vogeler besorgte eine Wohnung, und Karl Krummacher verlegte sich weitgehend auf das Malen. Seine impressionistischen Bilder verkauften sich gut. Mit den meisten Künstlern bestanden enge freundschaftliche Verbindungen. Man half sich gegenseitig und feierte gemeinsam Feste.

Als Otto Modersohn nach dem Tod seiner ersten Frau die Malerin Paula Becker heiratete und beide für Monate nach Paris gingen, nahmen die Krummachers wie selbstverständlich Elsbeth, Modersohns Tochter, bei sich auf. Annemarie ging mit der gleichaltrigen Elsbeth in dieselbe Klasse. Die Familie Krummacher musste in Worpswede dreimal umziehen und kam schließlich auf einem großen Bauernhof unter, den Annemarie als paradiesisch empfand, wie sie später berichtete: Zu dem umfangreichen Besitztum, in dem wir frei schalten und walten konnten, gehörten außer unserem Wohnhaus Diele, Hof und Garten und Wiesen und ein Wäldchen … Manchmal schob ich meinen Puppenwagen durch die schmalen, dunkelerdigen Gartenwege, an den stark duftenden Jasminbüschen vorüber, zu dem Goldregenbaum, dessen schwere goldgelbe Blütentrauben bis zum Boden reichten.

Viele Gäste gingen damals in ihrem Elternhaus ein und aus. … junges, übermütiges Künstlervolk. Sie musizierten, malten und diskutierten und schätzten die Gastlichkeit meiner Eltern. Mal diente die große Diele als Atelier, wenn sich die Worpsweder Maler dort zum Zeichnen versammelten, mal als Platz zum Tennisspielen, wenn es draußen regnete oder zu kalt war.

Kurz nach Paula Modersohn-Beckers Rückkehr aus Paris – es war wenige Wochen vor ihrem Tod – ermunterte sie Annemarie Krummacher und ihre Stieftochter Elsbeth, sie auf dem Weg zu einer alten Frau zu begleiten, die mit ihrem entstellten Gesicht bei den Kindern als böse und hässlich verschrien war. Die Mädchen sträubten sich. Aber die Malerin überredete sie mitzukommen. In der armseligen Behausung schlug uns beißender Torfrauch entgegen. Voll geheimer Angst und kindlicher Neugier lauschte ich dem Gespräch der Frauen am offenen Herdfeuer. Paula Modersohn unterhielt sich mit der Alten im Worpsweder Platt. Ich erlebte staunend, wie das arme Weiblein alle Scheu verlor und ihre Sorgen der mitfühlenden Zuhörerin aufdeckte. … Unvergesslich bleibt mir das schöne, seelenvolle, von Güte verklärte Antlitz der großen Frau und Künstlerin. So sah ich sie zum letzten Mal.

Annemarie kam mit vielen außergewöhnlichen Menschen in Kontakt. Sie lernte Clara Rilke-Westhoff und Heinrich Vogeler kennen und den Barkenhoff, die von Vogeler gegründete sozialistische Kommune. Vom Barkenhoff fühlten sich viele angezogen, die neue Formen der Kunst und des Zusammenlebens ausprobieren wollten. Nach dem Tod von Paula Modersohn zog Otto Modersohn ins benachbarte Fischerhude und heiratete Louise Breling. Die Krummacher-Kinder besuchten ihn dort und hielten die Verbindung aufrecht. Annemarie besaß eine schöne Sopranstimme und bekam Gesangsunterricht. Nach dem Besuch einer Privatschule in Sondershausen, auf der sie u.a. Englisch und Französisch lernte, studierte sie in Bremen Sozialpädagogik. Sie wollte beruflich auf eigenen Beinen stehen, interessierte sich für Kunst und Literatur. Ihre Schwester Gertrud war ebenfalls musikalisch, konnte Klavier spielen, sehr gut zeichnen und eignete sich graphische und kunstgewerbliche Fertigkeiten an.

Karl Krummacher und seine Frau Anna, geborene Brodkorb, achteten auf eine solide Ausbildung der Kinder und ließen ihnen genügend Freiraum für ihre eigene Entwicklung. Wann immer sich die Gelegenheit bot, unternahmen die Schwestern auf eigene Faust oder mit einer Wandervogel-Gruppe Ausflüge und Reisen quer durch Deutschland.

Schon bald nach ihrem ersten Zusammentreffen empfanden Annemarie Krummacher und Wilm Hosenfeld eine große Zuneigung zueinander. Ihre gegensätzlichen Auffassungen vom Wandervogel spielten keine besondere Rolle mehr. Gewiss, sie kamen aus ganz unterschiedlichen Welten. Annemarie Krummacher gehörte zum weltoffenen, fortschrittlichen Flügel der neuen Jugendbewegung und lehnte, beeinflusst durch die Pazifistin und Schriftstellerin Bertha von Suttner, den Krieg grundsätzlich ab. Wilm Hosenfeld dagegen bekannte sich zum völkisch-nationalen Teil des Wandervogels, ohne sich jedoch den Antisemitismus dieser Richtung zueigen zu machen.


1920: Annemarie und Wilm Hosenfeld nach ihrer Hochzeit

Dennoch entdeckten sie viele Gemeinsamkeiten – etwa ihr Interesse an Kunst, Literatur und Musik und nicht zuletzt an der freien Natur. Ihre Tochter Uta Hosenfeld, Psychologin, vertrat 2005 in einem Vortrag die Auffassung, der Pazifismus der Mutter habe Wilm Hosenfeld sogar fasziniert. Meine Mutter gehörte eher diesem freideutschen, diesem linken Spektrum des Wandervogels an, und die beiden haben sich immer und immer wieder viele Anregungen geben können, Austausch, geistigen Austausch. Und ich denke, für meinen Vater war meine Mutter das Alter Ego.

Hosenfeld hatte vorher schon andere Mädchen und Frauen kennengelernt, aber vergeblich diejenige gesucht, die ihm fürs Leben gehören soll. Bei keiner sei er restlos glücklich geworden, gestand er einem Freund. In seinen persönlichen Beziehungen folgte Hosenfeld nicht unbedingt den Vorschriften der Kirche: Was unsere katholische Kirche anbelangt, bin ich noch vollkommen von ihrem Wert überzeugt, doch in manchem gewähre ich mir eine eigene Meinung und lebe nach dem Grundsatz: Glaube an Gott, doch nicht ans Dogma. An anderer Stelle wurde er noch deutlicher: Ich halte es nicht für nötig, die Gesetze der Kirche, der Heilsanstalt, unbedingt zu befolgen, wenn ich an deren Stelle etwas Besseres zu setzen habe und mein inneres Gesetz mir recht gibt.

Bei Annemarie Krummacher war er von Anfang an sicher, die Richtige gefunden zu haben. Schon bald legte auch sie ihre Zurückhaltung ab. Ein halbes Jahr nach dem Kennenlernen verlobten sie sich. Sie zögerten, ihre Eltern von der geplanten Heirat in Kenntnis zu setzen, denn ihnen war klar, welche Schwierigkeiten einer Eheschließung im Weg standen. Die Eltern von Wilm Hosenfeld hielten Annemarie Krummacher für eine höhere Bürgerstocher und deswegen für ungeeignet, dem künftigen Dorfschullehrer als Frau zur Seite zu stehen. Vor allem aber lehnten sie die Beziehung ihres Sohnes zu einer Protestantin ab.

Erst im Herbst 1919 erklärten sie sich. Vor einer kirchlichen Trauung, wie Wilm Hosenfeld sie sich wünschte, mussten bestimmte Hürden überwunden werden. Die katholische Kirche erwartete von der Braut, dass sie künftige Kinder katholisch erziehen würde. Es fiel ihr nicht ganz leicht, aber Annemarie Krummacher gab schließlich nach und trat auch dem katholischen Glauben bei. Denn für Wilm Hosenfeld wäre es damals schwierig gewesen, katholischen Religionsunterricht zu erteilen und gleichzeitig mit einer protestantischen Frau verheiratet zu sein.

Vorbehalte gab es allerdings auch bei ihren Eltern. War der künftige Ehemann ihrer Tochter überhaupt in der Lage, eine Familie zu ernähren? Denn in den ersten Nachkriegsjahren herrschte in Deutschland große Not, und das Gehalt eines Junglehrers reichte kaum für eine Person. Am 23. Mai 1920 gaben sich Annemarie Krummacher und Wilm Hosenfeld in der katholischen Kirche St. Johannis in Bremen das Jawort. Abgesehen von dem Zugeständnis der Braut hatten sie alle Bedenken und Einwände gegen ihren Bund beiseitegeschoben und sich durchgesetzt. Beide empfanden große Leidenschaft füreinander. Sie waren ein glückliches junges Paar – trotz der absehbaren materiellen Schwierigkeiten.

Bald wurden die Familienbande noch enger. Annemarie Hosenfelds Schwester Gertrud hatte sich in Martin Hosenfeld, Wilms älteren Bruder, verliebt und ihn schließlich ebenfalls in der Bremer St. Johanniskirche geheiratet. Beide waren 1921 bei der Taufe von Helmut Hosenfeld, dem ältesten Sohn von Annemarie und Wilm, Paten gewesen.

Wilm Hosenfeld war beeindruckt von der offenen Atmosphäre und Toleranz, die in der Worpsweder Verwandtschaft herrschten. Im Gespräch mit dem Bruder seines Schwiegervaters Otto Krummacher, einem Naturwissenschaftler, stellte er zwar gewisse Gegensätze zu seinen eigenen politischen Ansichten fest: Er ist Freimaurer und Sozialdemokrat, beides setzt eine übervölkische Anschauung voraus, der ich mit meiner auf völkischer Grundlage beruhenden Weltanschauung zum Teil Anerkennung erweise. Natürlich lehnt er auch jede kirchliche Bindung ab. Sein Gesprächspartner habe jedoch nicht den geringsten Versuch unternommen, ihn zu beeinflussen. Das ist’s auch, was eine Unterhaltung mit ihm so angenehm macht. Trifft man auf Gegensätze, dann achtet einer des anderen Ansicht, und dabei bleibt’s.

4. Lehrer mit Leib und Seele

Trotz der Prägung durch das katholische Elternhaus und der häufig betonten völkischen Weltanschauung blieb Wilm Hosenfeld ein Suchender, hungrig nach Wissen, neuen Ideen und neuen Erkenntnissen. Bereits 1912 bis 1913 hatte er bei Reclams Universum die »Weltrundschau« abonniert, die in Wort und Bild über neueste technische Errungenschaften und wissenschaftliche Forschungen berichtete. Nimmt man die lange Liste der Bücher, Zeitschriften und Zeitungen, die er in den 1920er Jahren las, so fallen zunächst Titel auf, die mit dem Wandervogel, mit Natur- und Landeskunde, der deutschen Klassik und dem Ersten Weltkrieg zu tun haben. Vereinzelt sind darunter auch Periodika etwa des Alldeutschen Verbandes, der zu den Kriegstreibern gehört hatte, sowie Untersuchungen zur Juden- und Rassenfrage.

Im Vordergrund stand für ihn jedoch die Reformpädagogik. Er trat zwar in die Fußstapfen seines Vaters und wurde ebenfalls Lehrer. Aber er wollte es anders machen. Sein pädagogisches Leitmotiv lautete: Ich tue mein Möglichstes und stelle mich nicht auf das Prinzip des Drills ein, sondern auf die Pflege der Persönlichkeit des Kindes. Das Kind hat doch wahrhaftig mehr davon, wenn ich ihm Kräfte wecke und sie ausbilde, als wenn ich gemäß papierner Vorschrift eine mechanische Fähigkeit beibringe, die wie alt gewordener Verputz später doch wieder abfällt.

Bezeichnend für seinen Tatendrang war die Gründung einer eigenen Wandervogel-Gruppe, die Hosenfeld Nest nannte. In einem von ihm in Rudolphshan angemieteten alten Wohnhaus trafen sich an Wochenenden und in den Ferien Pädagogen aus einem weiten Umkreis, um über eine Reform der Schulbildung zu diskutieren. Zu den Teilnehmern gehörte Adolf Reichwein, der später einer der entschiedensten Verfechter eines modernen Unterrichts war und Hosenfeld durch Reden und Schriften beeinflusst hat.

Seine erste Stelle als Referendar hatte Hosenfeld im Mai 1918 in Rudolphshan angetreten. In dem kleinen Dorf unweit von Mackenzell in Nordhessen lösten die Wandervogel-Treffen allerdings eher Befremden aus. Manche Einwohner und auch der Pfarrer mutmaßten alles Mögliche, nur nicht, dass es dabei um das Wohl der Kinder ging. Dem Pastor gefiel außerdem nicht, dass das Haus auch zum Treffpunkt von Jungen und Mädchen wurde. Das gehörte sich seiner Ansicht nach nicht. Wilm Hosenfeld hatte sich schon nach wenigen Monaten von seinem Wandervogel-Projekt trennen müssen und war nach Roßbach, einem Dorf im Spessart im Kreis Gelnhausen, gewechselt, wo sein ältester Sohn Helmut geboren wurde und er im Februar 1921 seine Zeit als Referendar beendete. Nach bestandener Lehrerprüfung wurde er ins Beamtenverhältnis übernommen.


Mai 1921 in Roßbach: Das Ehepaar Hosenfeld mit seinem zehn Wochen alten Sohn Helmut

Damit war die junge Familie fürs Erste materiell abgesichert, wenngleich das Gehalt, das Wilm Hosenfeld ab Sommer 1921 auf seiner ersten festen Lehrerstelle in der Dorfschule Kassel unweit von Roßbach bezog, keine großen Sprünge erlaubte. Die beiden Ortsteile gehören heute zu Biebergemünd im Spessart nordöstlich von Frankfurt.

Auch im Dorf Kassel hatte es Hosenfeld nicht leicht mit seinen Reformideen. Die Schule bestand aus mehreren Klassen. Die meisten seiner Kollegen hielten wie selbstverständlich an den überkommenen Unterrichtsmethoden fest: Der Lehrer, der Herrscher, der Monarch, der Despot, die Schüler die Untertanen ohne Anteil an der Unterrichtsgestaltung. Natürlich sind die Kinder nichts andres als Untertanen, und Untertanengeist steckt in ihnen. Gehorsam aufs Wort, ohne Überlegung; Unwahrhaftigkeit, Gefallsucht, Verlogenheit, Verstellung, urteilslos, ohne eigene Meinung, charakterlos.

Als junger Pädagoge schrieb Wilm Hosenfeld weiter regelmäßig auf, was ihn innerlich bewegte, aufwühlte, in Zorn versetzte oder ihm auch Freude bereitete. Es sind lebendige Berichte eines wachen und manchmal ungeduldigen Geistes. In der Aufzeichnung vom 21. November 1921 heißt es weiter: Gestern war der Pfarrer da. Wie sie (die Kinder) da artig sind, wie sie ersterben vor ihm in Ergebenheit und Tadellosigkeit. Und das alles ist Maske. Ich strafe nicht mit dem Stock, auch Strafarbeiten gebe ich nicht viel, und es ist oft unmöglich, Aufmerksamkeit zu erzielen. Habe ich aber einige Strafen erteilt, ist alles bei der Sache, wenigstens äußerlich …

Dennoch gab es auch Erfolgserlebnisse. Als er im Dezember 1921 im Unterricht den »Erlkönig« von Johann Wolfgang von Goethe vortrug und eindrucksvoll Geschichten über die Entstehung und das Umfeld des Gedichts erzählte, habe zunächst atemlose Stille geherrscht. Die Kinder hatten ihn verstanden und äußerten spontan, es sei sehr schön gewesen. Seine Intention war es, die Schülerinnen und Schüler zum Reden zu bringen. Sie sollten erzählen, was ihnen auf dem Herzen lag, sollten die Natur beschreiben und den Alltag mit eigenen Augen wahrnehmen, nicht durch die Brille der Erwachsenen.

Er zeigte ihnen, wie man Obstbäume pflanzt und durch Pfropfen veredelt. Eines Tages stellte er eine Hobelbank ins Klassenzimmer. Die Kinder sollten daran arbeiten – was bei seinen älteren Kollegen nur Kopfschütteln auslöste. Sie konnten oder wollten nicht begreifen, worum es ihm ging. Der Schulrat trat auf den Plan und kontrollierte unangemeldet seinen Unterricht – offenkundig mit dem Ziel, ihn in seinem Reformeifer zu bremsen. Hosenfeld spürte das Misstrauen, das ihm entgegenschlug. Er (der Schulrat) ist geschäftsmäßig und kalt, kehrt wohl auch den Vorgesetzten hervor, den er gern verbergen möchte, der ihm aber doch aus allen Knopflöchern herausschaut. Er müsste doch für das Neue und Eigenartige, das ein Lehrer in seiner Schule anfasst, ein Auge haben, wenn auch nicht gleich ein Herz. Der Kontrollbesuch verfehlte sein Ziel: Von seiner Reformpädagogik ließ der junge Lehrer sich nicht abbringen.

Zu Hosenfelds Vorbildern gehörte der Schweizer Erzieher Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827). An Pestalozzi bewunderte er, dass es diesem stets um das Wohl der anderen, nicht um sein eigenes Wohl gegangen sei und dass er seine Ziele nie aus den Augen verloren habe. Was leisten wir für andere, wenn wir keinen Lohn dafür bekommen, fragte er nach der Lektüre eines Buches über Pestalozzi. Was tun wir dem Werk, der guten Tat, dem hohen Gedanken zuliebe? An einer Stelle zitierte Hosenfeld Pestalozzi mit den Worten: »Keine Kraft des Lebens entwickelt sich durch Wortbelehrung, sondern immer nur durch Tathandlung, Liebe durch Liebe, Glaube durch Glauben, Denken durch Denken, Tun durch Tun.«

Ein besonderes Anliegen war ihm die Weiterbildung junger Erwachsener. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte es auf diesem Gebiet bereits Fortschritte gegeben, die der Krieg dann zunichtemachte. Berufsschulen im heutigen Sinne waren 1920 zwar offiziell eingeführt worden, aber das Angebot auf dem Land blieb dürftig oder existierte gar nicht. In Kassel organisierte Hosenfeld anfangs einen Abendkurs in Obstanbau und erweiterte sein Angebot auf Geschichte und Literatur, als er merkte, dass auch dafür Interesse bestand. Gerade auf dem Lande sei es wichtig, mehr zu lernen, betonte er immer wieder.

Nach den schlechten Erfahrungen in Rudolphshan mit der Wandervogel-Gruppe wusste er, dass neue Projekte ohne Einbindung der Geistlichkeit und der Gemeindevertreter kaum Chancen auf Erfolg haben würden. Die Nähe zur Stadt Frankfurt ermöglichte einen Gedankenaustausch mit gleichgesinnten Lehrern und Anhängern des Wandervogels. Tatsächlich gelang es ihm, im Winter 1923 im Ort eine Fortbildungsschule mit einem breiten Fächerangebot einzurichten, die einmal pro Woche abends Fortbildung ermöglichte. Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 25 Jahren konnten zwischen Volkswirtschaft, Geschichte, Staatsbürgerkunde sowie Deutsch und Literatur wählen.

Nach mühsamer Vorarbeit war eine Art Berufs- und Volkshochschule entstanden. Die gute Resonanz ermutigte den Pädagogen, weiterzumachen und über das Dorf Kassel hinaus zu planen und Fortbildungsschulen als Modell in Hessen zu verankern. An manchen Abenden las er einen Artikel aus der Zeitung vor, z.B. über die Rentenmark, die 1923 zur Eindämmung der Hyperinflation eingeführte neue Währung, die ein Jahr später von der Reichsmark abgelöst wurde, und brachte so eine Frage-und-Antwort-Runde in Gang. Ich möchte aber diese Burschen geistig aufrütteln, ihrem Denken mal eine andere Richtung geben, notierte er in seinem Tagebuch. Sie stecken da den ganzen Tag in ihrer Arbeit, was es nun ist, der eine macht Besen, der andere geht in den Wald und schlägt Holz, der andere ist Handwerker und so weiter. Es ist alles Arbeit, die rohe Kräfte erfordert, der Geist liegt brach.

Von Wilm Hosenfeld gibt es eine Reihe von Redemanuskripten, die sein Bemühen um die Erziehung von Kindern und Jugendlichen, aber auch um das Mitwirken der Eltern unterstreichen. Schulung des Geistes, das war für ihn Teil des Aufbruchs in die neue Zeit, die mit der Weimarer Republik, der ersten Demokratie auf deutschem Boden, begonnen hatte. In einer Ansprache im Frühjahr 1924 war von der Schicksalswende unseres Vaterlandes die Rede. Das alte Reich mit seiner Macht und Kraft ist zusammengebrochen. Ein neuer Staat mit neuer Kraft wird auferstehen. Lasst uns diese Zeit wach erleben, lasst uns hineinhorchen in der Ereignisse Getriebe. Was heute pathetisch klingen mag, war damals immerhin ein Bekenntnis zur Weimarer Demokratie – nicht selbstverständlich in den unruhigen 1920er Jahren.

Bei der Einschulung einer neuen Klasse im Frühjahr 1924 warb Hosenfeld um das Vertrauen der Eltern und bat sie, die Schule nicht als feindseliges Schreckgespenst anzusehen. Erste Aufgabe der Lehrer sei es, den Kindern Mut zu machen und auf ihre Fähigkeiten und Bedürfnisse einzugehen. Bei den häuslichen Schulaufgaben sollten die Eltern nicht ungeduldig werden, schimpfen und in einem fort tadeln, ach, was bist du so dumm, aus dir wird’s doch gar nichts, und was der Redensarten noch mehr sind. Damit ist gar nichts getan. Im Gegenteil, dem Kind wird der Mut genommen, und dann ist viel verloren. Eher loben als tadeln.

Das Dorf Kassel blieb für annähernd sechs Jahre ein schwieriges Betätigungsfeld für Wilm Hosenfeld. Immerhin bekam er dort zum ersten Mal die Gelegenheit, seine Vorstellungen von einer zeitgemäßen Schul- und Erwachsenenbildung in die Praxis umzusetzen. Ab Frühjahr 1927 nutzte er die Chance, eine eigene Schule zu leiten, um seine Ideen noch konsequenter zu verwirklichen, in dem Ort Thalau südöstlich von Fulda.

Thalau, ein eher ärmliches Bauerndorf mit etwa 400 Einwohnern, lag nicht weit von Mackenzell entfernt, wo seine Eltern lebten. Das Schulgebäude, ein solides Fachwerkhaus aus dem Jahre 1909, stand gleich neben der Kirche. Die Lehrerwohnung lag im ersten Stock über den Klassenräumen, in denen bis zu 90 Kinder unterrichtet wurden. Hosenfeld hatte eine zweite Lehrkraft zur Seite. Ansonsten war er sein eigener Herr.

Was am Anfang keineswegs sicher war, ergab sich erst im Laufe der Zeit – der Ort Thalau wurde zum Lebensmittelpunkt der Familie und blieb es für Annemarie Hosenfeld und ihre Kinder bis in die 1950er Jahre. In Kassel war die Tochter Anemone geboren worden. In Thalau kam 1927 Detlev, 1932 Jorinde und fünf Jahre später Uta zur Welt. Die wachsende Kinderzahl bedeutete für Annemarie Hosenfeld einen prall gefüllten Arbeitstag. Für eigene Interessen an Kunst, Musik und Literatur blieb nur noch wenig Raum.


1930 in Thalau: Wilm und Annemarie Hosenfeld mit ihren Kindern Helmut, Detlev und Anemone vor dem Gartenhaus gegenüber der Schule

Auch wenn der Frau des Lehrers eine Haushaltshilfe zur Seite stand, nahm die Arbeit nie ein Ende. Die Betreuung der Kinder war das eine. Zur Schule gehörte ein großer Garten, wo Gemüse angebaut und Obst geerntet wurde; ferner eine Scheune für die Hühner, Ziegen und ein Schwein, das gemästet und geschlachtet wurde. Neben dem Schulunterricht und der Erwachsenenbildung widmete Wilm Hosenfeld sich dem Dorfleben. Er leitete den Gesangverein und organisierte Festveranstaltungen. In der Kirche war er Organist. Zu Hause kümmerte er sich um den Garten und machte die Imkerei zu seinem besonderen Hobby. Die Bienenstöcke warfen in den meisten Jahren so viel Honig ab, dass auch Freunde und Verwandte damit versorgt werden konnten.

Wilm Hosenfeld nahm seine eigenen Kinder, auch wenn diese noch gar nicht schulpflichtig waren, gelegentlich mit in den Unterricht. Das entlastete seine Frau und lockerte zugleich den Unterricht auf. Jorinde Krejci, geborene Hosenfeld, erinnert sich im Gespräch an die frühe Schulzeit:

Als ich drei, vier Jahre alt war, hat mich unser Vater manchmal mit in seine Klasse genommen. Ich durfte mich zu den großen Mädchen setzen oder saß neben ihm am Pult. Unter dem Pult stand ein mit Sand gefüllter Kasten. Da waren kleine Bäume, winzige Häuser, Höfe usw. – die brauchte er, um das Dorf, die Nachbarorte und die Landschaft zu erklären. Die Kinder durften das dann aufbauen. In der Pause gingen wir rauf zur Mutter, frühstückten mit ihr, und anschließend schickte sie mich wieder in die Klasse. Im Musikunterricht habe der Vater Gitarre oder Klavier gespielt und mit den Kindern Volkslieder eingeübt, berichtet die Tochter weiter. Es gab eine Flötengruppe. Zwei Schülerinnen spielten Geige.

Ihr Bruder Detlev schwärmt rückblickend von einer unbeschwerten, schönen Kindheit und Jugend in Thalau. Wir haben so viel Freiheit gehabt. Dann die schöne landschaftliche Umgebung. Im Winter Rodeln oder Skilaufen. Im Sommer badeten wir in einem See in der Nähe der Wasserkuppe, dem Zentrum der Segelflieger. Dann die Haustiere, der riesige Garten. Gegenüber lag eine schöne Wiese mit alten Obstbäumen.

Mochten die Kinder sich glücklich und geborgen fühlen – für ihre Mutter bedeutete Thalau eine große Umstellung, in die sie sich am Anfang nur schwer fügen konnte. Von der Versetzung ihres Mannes in einen Ort, der noch kleiner war als das Dorf Kassel bei Frankfurt, war sie nicht begeistert. Sie empfand die Bauern zunächst als abweisend und verschlossen. Umgekehrt dürften diese die Frau des Dorflehrers als überheblich angesehen haben. Jedenfalls dauerte es, bis man sich annäherte.

Thalau war in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von Worpswede. Stärker als zuvor in Roßbach und Kassel spürte Annemarie Hosenfeld den Unterschied zwischen dem bäuerlichen Leben in Hessen und dem Treiben der Maler und Künstler in Norddeutschland. Einen gewissen Ausgleich boten die häufigen Besuche von Verwandten und Freunden – aus Worpswede, Mackenzell, Fulda und anderen Orten. Das Gästebuch aus den 1920er Jahren enthält Skizzen, Zeichnungen und ganze Aufsätze über die gemeinsam verbrachten Stunden und Tage. Auch wenn ihr der Aufwand mit Hausputz, Kochen und Backen manchmal zu viel wurde – Annemarie Hosenfeld pflegte ein offenes Haus, in dem ihre Kinder schon früh lernten, mit anzupacken und den Eltern zu helfen.

Mit ihrem Mann konnte sie natürlich über alles reden. Aber Wilm Hosenfeld war viel beschäftigt und oft unterwegs. Er organisierte Gedenkveranstaltungen, etwa den Verfassungstag im August 1929, zehn Jahre nach der Verabschiedung der Weimarer Verfassung. Er sprach aus diesem Anlass über den Wiederaufbau in Deutschland, die drückenden Lasten der Kriegsschulden und schloss mit dem Appell: »Diesem neuen Staat soll unser Herz gehören!« Ein besonderes Anliegen war ihm, die Erinnerung an den Krieg wachzuhalten. Wenn er über die verwundeten und toten Kameraden sprach, dann kamen die eigenen Fronterlebnisse wieder hoch. So sagte er in einer Rede zum Volkstrauertag im Februar 1932: »Das ist lange her, aber des Nachts, wenn der Lärm unserer arbeitsreichen Tage verklungen, tritt der oder jener wieder vor uns hin, mit zerschmetterter Stirn dieser, jener mit dem kreisrunden Loch in der Brust, der dort kaum zu erkennen, bleich und schmutzig alle. Wir werden diese Bilder nicht mehr los, sie werden immer wieder aufsteigen, immer wieder! Und immer wieder werden wir darüber staunen, dass es uns verschonte, dass es uns nicht traf.« Die Bilder des Krieges blieben haften. Aber einen radikalen Bruch mit dem mörderischen Geschehen vollzog er nicht. Das massenhafte Sterben im Krieg als sinnlos zu verurteilen, dazu konnte er sich erst viel später unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges durchringen.

Teil 2 Kritische Gefolgschaft


1. Ich gehöre in diese Reihen, ich spüre es.

Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 an die Macht kam, gehörte Wilm Hosenfeld nicht zu denen, die glaubten, der Anführer der NSDAP werde nur kurze Zeit im Amt bleiben und dann einer neuen Führung die Regierung überlassen. In seiner Rede zum Volkstrauertag am 20. Februar 1932 hatte der Pädagoge die innere Zerrissenheit des deutschen Volkes und die politischen Leidenschaften beklagt, die die Menschen aufwühlten. Was der Machtwechsel wirklich bedeutete, konnten er und andere mit ihm kaum abschätzen. Hosenfeld hatte die Weimarer Demokratie stets öffentlich verteidigt. Er, der Reformpädagoge, dürfte ein typischer Zentrum-Wähler gewesen sein, also ein Anhänger des politischen Flügels der katholischen Kirche. In den Augen vieler Deutscher war die Weimarer Republik alles andere als eine Erfolgsgeschichte gewesen, schon wegen der Massenarbeitslosigkeit. Vielleicht würde es Hitler gelingen, die harten innenpolitischen Gegensätze zu überwinden und für einen wirtschaftlichen Aufschwung zu sorgen. So dachten viele.

Zudem fielen die scharfen Attacken des neuen Machthabers gegen den Versailler Vertrag von 1920, der dem Deutschen Reich kaum zu bewältigende Lasten aufbürdete, auf fruchtbaren Boden. Die Reparationen galt es abzuschütteln, damit Deutschland wieder hoffnungsvoll in die Zukunft blicken konnte. Auch diese Richtung kam bei einem beachtlichen Teil der Bevölkerung gut an. Für Wilm Hosenfeld galt außerdem: Zwischen seiner völkisch-nationalen Weltanschauung und der Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis gab es durchaus Berührungspunkte. Die Propagandawelle, mit der die NSDAP das Land überrollte, hat vermutlich auch bei ihm gewirkt. Jedenfalls stand er nicht abseits.

Am 15. April 1933 schloss er sich der SA an. Der Sturmabteilung fühlte er sich schon deswegen verbunden, weil ihr zum Teil auch ehemalige Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg angehörten. Hatte er Kenntnis von den Knüppelorgien und Saalschlachten, die dieser Trupp in Städten wie Berlin gegen Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter richtete? In seinem abgeschiedenen Rhön-Dorf konnte davon keine Rede sein. Dort ging alles ganz friedlich zu. Doch in den Zeitungen stand einiges.

Nach der Auflösung des Katholischen Lehrerbundes trat er dem Nationalsozialistischen Lehrerbund /NSLB bei. Ob er sich der Mitgliedschaft hätte entziehen können, bleibt unklar. Der Erwartungsdruck seitens der neuen Machthaber dürfte gewiss sehr groß gewesen sein. Außerdem wollte er unbedingt weiter als Lehrer tätig sein – schon deshalb, weil er diese Aufgabe als seine eigentliche Berufung ansah, aber auch aus verständlichen materiellen Erwägungen heraus, denn er trug Verantwortung für eine große Familie. Alles dies hinderte ihn jedoch nicht, Kritik etwa an dem Bestreben des NS-Regimes zu üben, die Jugenderziehung unter seine Kontrolle zu bringen. Das Prinzip »Jugend soll von Jugend geführt werden« hielt Hosenfeld für falsch, weil dadurch der Einfluss der Schule und des Elternhauses zurückgedrängt werde.

Die Mitgliedschaft in der NSDAP im Jahre 1935 hatte einen etwas anderen Hintergrund. In den Augen seiner regimetreuen Kollegen hatte Hosenfeld sich vor seinem Beitritt unbotmäßig verhalten, als er in einer Lehrerversammlung erklärte, das Buch »Der Mythus des 20. Jahrhunderts« von Alfred Rosenberg sei wissenschaftlich widerlegt. Rosenberg galt als eine Art Chefideologe der NSDAP, weil er die christliche Lehre durch eine Religion ersetzen wollte, die auf dem rassistischen Blut-und-Boden-Mythos beruhte. Zur Strafe war Hosenfeld die Fortbildungsschule, also der Berufsschulunterricht, genommen worden, was auch eine Verringerung seines Einkommens bedeutete.

Für die Schulungen musste eigens ein Lehrer von außen nach Thalau anreisen, was Hosenfeld als eine bittere und ungerechte Maßregelung ansah. Möglicherweise ist sein Eintritt in die NSDAP damit zu erklären, dass er nach dem Zwischenfall zumindest nach außen hin Zweifel an seiner Loyalität zur NS-Bewegung zerstreuen wollte. Nach dieser Maßregelung war er mehr denn je enttäuscht und ernüchtert und erhob nach seinem Beitritt Einspruch bei der NSDAP-Gauleitung Kurhessen. Der für den Bezirk Fulda zuständige Kreisleiter antwortete ihm am 16. November 1936, für den »weltanschaulichen Unterricht auf nationalsozialistischer Grundlage« könne Hosenfeld noch nicht eingesetzt werden. Das sei kein Misstrauensvotum. »Ich möchte vielmehr jedem Menschen genügend Zeit lassen, sich tatsächlich zum Nationalsozialismus durchzuringen und Hemmungen zu beseitigen. Wenn Sie selbst zugeben und das auch von anderer Seite bestätigt wird, dass Sie noch mit sich zu ringen haben, so kann ich diese Ehrlichkeit und Offenheit nur anerkennen.«

Ausdrücklich – diese Betonung klang eher wie eine Drohung – verzichtete der Kreisleiter auf ein Parteiordnungsverfahren. Das heißt, seine Mitgliedschaft in der NSDAP wäre schon nach einem Jahr beendet gewesen und hätte ihn vermutlich seinen Beruf gekostet. Für ihn stand also einiges auf dem Spiel. Und er wusste, dass er fortan unter Beobachtung stand.

Die pompösen Rituale des NS-Regimes mit seinem totalen Machtanspruch nahm Hosenfeld wahr und beteiligte sich daran. So reiste er als SA-Sturmführer im September 1936 zum »Reichsparteitag der Ehre« nach Nürnberg und reihte sich ein in die Marschkolonnen der etwa 500000 Teilnehmer. Sein jüngerer Bruder Rudolf begleitete ihn. In seinen Aufzeichnungen findet der Parteitag nur spärlichen Niederschlag. Lediglich der Waffenschau der Wehrmacht widmete er einen Eintrag: Die neuzeitlichen Waffen werden im Gefecht gezeigt. Tanks (Panzer) und Tankabwehr. Luftwaffe. Mich regt das Schauspiel auf. Wehe, wenn es ernst würde, mit solchen Waffen Krieg zu führen.

Lobreden auf Hitler kamen bei ihm selten vor. Das mag daran liegen, dass seine Frau den politischen Aufsteiger und neuen Machthaber von Anfang an entschieden ablehnte. Hitlers Hasstiraden, sein geiferndes Gebrüll, seine verzerrte Mimik und falsche Gestik waren ihr einfach zuwider. Wilm Hosenfeld dagegen hatte für ein bestimmtes Zeremoniell eine Schwäche. So lauschte er zusammen mit seinen Schulkindern am 9. November 1937 ergriffen am Radio einer Übertragung der Feierlichkeiten aus Anlass des 14. Jahrestages des sogenannten Hitler-Putsches. Hitler hatte bereits 1923 von München aus versucht, die Weimarer Republik zu stürzen.

Bei der Schilderung dieser Zeremonie in seinem Tagebuch übernahm Hosenfeld unkritisch das bombastische Nazivokabular; da ist von der Blutfahne die Rede, der Hakenkreuzfahne, die beim Putsch angeblich mit Blut befleckt wurde, ferner von den Blutordenträgern, also den Teilnehmern des Aufstands. Während das Horst-Wessel-Lied, die Hymne der NSDAP, erklang, wurden die Namen der gefallenen Nationalsozialisten verlesen. Als letzter wird er (Horst Wessel) genannt. Nein, diese Helden sind nicht gestorben, sie leben. Über ganz Deutschland wird ihr Name gerufen. Sie marschieren alle mit. Und mein Herz marschiert mit. Ich gehöre in diese Reihen, ich spüre es. Ähnlich beeindruckt von dieser ins Mystische überhöhten Toten- und Heldenverehrung waren nach seinen Angaben die Schulkinder.

Dass hinter diesem Heldenkult mit Trommelwirbel und Fanfarenstößen das klare politische Kalkül stand, die Bevölkerung und vor allem die Jugend auf einen Opfergang durch einen neuen Krieg vorzubereiten, wurde Hosenfeld erst bewusst, als der Krieg längst begonnen hatte. Auch in einem anderen zentralen Bereich der NS-Ideologie ließ er sich ein Stück weit verleiten, bis er begriff, welch verheerender Vernichtungswille dahintersteckte: der Wahn von der Überlegenheit der germanischen Rasse und der Minderwertigkeit anderer Völker und Religionen, insbesondere der jüdischen Religion. Bei einer Schulentlassungsfeier Anfang April 1938 rief er den Jugendlichen zu: »Ihr jungen Männer und Frauen, lasst bei der Wahl eures zukünftigen Ehegatten nicht die Gesetze des Blutes außer Acht. Denn die Gesetze des Blutes sind meist entscheidend über Gesundheit und geistige Anlagen, den Charakter eurer Nachkommen. Der nationalsozialistische Staat öffnet uns die Augen für die Fragen des Erbgutes.«

Ein Zugeständnis an den braunen Zeitgeist? Also eher ein Lippenbekenntnis? Wahrscheinlich eher nicht. In einer Skizze für den Biologieunterricht entwarf Hosenfeld die Zielsetzung der offiziellen Rassenpolitik: Kampf dem Geburtenrückgang, Kampf der erblichen Unterwertigkeit, Kampf der Rassenmischung. Intensiv beschäftigte der Pädagoge sich mit der Volkskunde, die ebenfalls im Trend der NS-Zeit lag. Mit diesem Gebiet befasste er sich allerdings schon seit längerem. Daraus schöpfte er Stoff für den Unterricht – Geschichten und Erzählungen, mit denen er das Interesse der Kinder zu wecken versuchte. Wenn Hosenfeld nach Auffassung seiner Frau in seiner Anpassung an das Regime den Bogen überspannte, kam von ihr scharfe Kritik. … sie sieht genau meine Fehler, neuerlich wird auch Helmut (ältester Sohn) zu meinem Richter. Das ist eine gute Bremse. Ich habe ja auch schon einige Erfahrung. Wenn sie sich dazu aufschwingen könnte, aktiv mit mir zu arbeiten, mir zu helfen, als immer nur zu richten, dann könnte ich noch viel mehr und viel freudiger schaffen. – Gerade die Volkstumsarbeit im Dorf ist eine dankbare Aufgabe, die der Arbeit des Lehrers Anerkennung bringt.

Dennoch war er kein kritikloser Anhänger der NSDAP. Vielmehr eckte er immer wieder an. Manches passte ihm überhaupt nicht. Zum Beispiel, dass nicht mehr er selber die Initiative ergreifen und Aktivitäten planen konnte, sondern dass es die Partei mit ihren Unterorganisationen war, die ihre Anhänger ständig in Bewegung hielt: Sitzungen des NS-Lehrerbundes, SA-Führerbesprechungen und SA-Wettkämpfe, Appelle und Aufmärsche und immer wieder Reden.

Irgendwann hatte er das Gefühl, dass der ganze Aktionismus ins Leere lief. Mir geht es immer so, wenn ich in einer größeren Gemeinschaft bin, dann befällt mich ein Gefühl des Alleinseins und des Überdrusses, notierte er nach einer SA-Führerbesprechung am 5. Mai 1938 in Schmalnau bei Fulda. Drei Tage später schrieb er: SA-Sporttag. Fulda. Ich habe ihn mitgemacht. Er hat mir von neuem die ganze Sache verleidet. Ich habe keine Freude mehr daran. Die Sinnlosigkeit kommt mir immer mehr zum Bewusstsein.

Das Gefühl, letztlich doch nicht dazuzugehören, verfolgte ihn. In dem bereits erwähnten Bericht über die Veranstaltung zur Erinnerung an den Hitler-Putsch von 1923 geht seine Begeisterung nahtlos über in eine nüchterne Feststellung: Ich gehöre in diese Reihen, ich spüre es. Schon immer bin ich dabei gewesen. Es ist mein Schicksal, dass man mich nicht haben will. Das ist ein großes Unrecht, das man uns katholischen Menschen antut. Wenn wir unsere Überzeugung in religiöser Beziehung nicht preisgeben, sind wir keine ganzen Nationalsozialisten.

Mit Sorge beobachtete Hosenfeld, dass zum einen sein Einfluss auf die Erziehung von Kindern und Jugendlichen zurückging. Wir Lehrer spielen in der Jugendführung eine klägliche Rolle, stellte er fest. Ich glaube, wir sind selten so aufs tote Gleis geschoben worden wie heute. Die straff geführte Hitlerjugend sollte die gesamte deutsche Jugend ideologisch und organisatorisch erfassen. Hosenfelds eigener Sohn Helmut war HJ-Jungführer. Andere Jugendorganisationen wurden verboten. Aber noch mehr alarmierte ihn der ständige Druck auf die katholische Kirche. Diese hatte zwar durch das Konkordat vom 20. Juli 1933 zwischen dem Deutschen Reich und dem Vatikan schon früh versucht, sich mit dem Regime zu arrangieren, um katholische Bekenntnisschulen und Klöster aufrechterhalten zu können. Doch Hitler dachte nicht daran, seinen Einfluss auf Bildung und Erziehung mit einer der beiden großen Kirchen zu teilen.

Aufmerksam verfolgte Wilm Hosenfeld die Protestschreiben der deutschen Bischöfe gegen die Kirchenpolitik des Regimes. In der im März 1937 veröffentlichten Enzyklika »Mit brennender Sorge« verurteilte Papst Pius XI. die Verfolgung von Katholiken in Deutschland, den Führerkult um Hitler und die Rassenpolitik. Das Regime rächte sich, indem es in Klöstern begangene Sittlichkeitsvergehen vor Gericht öffentlich machte.

Bei den Versammlungen des NS-Lehrerbundes befand Hosenfeld sich in einer schwierigen Lage. Eigentlich hätte er aufstehen und sich entsprechend seiner Überzeugung klar für die katholische Bekenntnisschule aussprechen müssen. Am 5. Mai 1937 stellte er nach einer solchen Versammlung deprimiert fest: Die katholischen Lehrer gehen alle fort. Ein jeder sucht sich zu drücken. Nicht ein einziger steht mannhaft für sein Bekenntnis ein. Auch ich nicht. Die Feiglinge ließen mich doch im Stich, und warum soll ich mich für eine verlorene Sache einsetzen. Klar erkennt er bereits zu diesem Zeitpunkt: Die Partei arbeitet mit Lüge, Verdrehung und Verleumdung und, wo das nicht genügt, mit Terror.

Bei anderer Gelegenheit blieb Hosenfeld demonstrativ sitzen, als nach einer im Wirtshaus übertragenen Hitler-Rede die Gäste sich erhoben und Sieg Heil! riefen. Den offenen Gedankenaustausch, den er so sehr liebte, vermisste er schmerzlich. Stattdessen fand er sich in einem Klima der Angst und des Misstrauens wieder, wie er nach einer Konferenz des NS-Lehrerbundes am 5. Februar 1938 in Gersfeld feststellte: Ich habe das Bedürfnis, ab und zu mit Kollegen über Schulfragen zu reden, aber mit wem? Es ist fast nicht einer dabei, der mein Vertrauen genießt. Überhaupt ist eine kameradschaftliche Bindung untereinander so gut wie nicht da. Es traut keiner dem andern. Eine ehrliche Meinung zu äußern, ist ja auch gefährlich.

Trotz aller Ernüchterung dachte Wilm Hosenfeld vorerst nicht daran, sich vom NS-Regime abzuwenden oder gar einen Bruch zu vollziehen. Seine Stimmung schwankte häufig zwischen Niedergeschlagenheit und Begeisterung. Die von Hitler betriebene Angliederung Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 fand seine volle Billigung. Den fast zur gleichen Zeit stattfindenden Heldengedenktag nutzte er, die Dorfbevölkerung in einer Ansprache auf das Ereignis einzustimmen, mit dem der hundertjährige Traum vom Großdeutschen Reich in Erfüllung gegangen sei.

Die künstlich entfachte Krise um das Sudetenland, die westliche Grenzregion der Tschechoslowakei, wo viele Deutsche lebten, stürzte Hosenfeld im Herbst 1938 wieder in tiefe Besorgnis. Gebannt verfolgte er die Rede, die Hitler am 26. September 1938 im Berliner Sportpalast hielt, in der dieser in einem aggressiven Ton seinen Anspruch auf das Sudetenland unterstrich. In sein Notizbuch notierte er seine Befürchtungen: Kriegsgefahr! Heute Abend Hitlerrede. Sie hat uns nicht gefallen. Er redet maßlos, überheblich, man kann sagen, seine Art ist wenig vornehm, überlegen. Ausdrücke wie »demokratisches Lügenmaul« sind unwürdig eines großen Staatsmannes, der ein großes Volk vertritt. Er will nicht nachgeben. Wir befürchten, dass es Krieg gibt.

Die Notiz lässt erkennen, dass er sich in der Einschätzung einer drohenden Kriegsgefahr mit seiner Frau einig wusste. Die künstlich aufgeheizte Lage machte ihm plötzlich bewusst, dass der Diktator das Land mit einem Federstrich in den Krieg stürzen konnte. Das Volk könne ihn nicht daran hindern, schrieb er am 27. September 1938; es werde nicht einmal gefragt. Ganz anders die Demokratie mit dem Parlament. Seine Sorge um das eigene Schicksal und das der Familie, aber noch mehr fast um das des Volkes steigerte sich von Tag zu Tag. Welche Folgen ein Krieg haben würde, wusste Hosenfeld aus eigener Erfahrung. Wir stürzen jedes Mal, wenn der Rundfunk Nachrichten bringt, an den Lautsprecher. Annemarie ist so niedergeschlagen, dass sie bei der geringsten Gemütsbewegung weint.

Erst als England, Frankreich und Italien einlenkten und im Münchner Abkommen vom 29. September 1938 das Sudetenland freigaben, atmeten die beiden erleichtert auf. Die Kriegsgefahr schien gebannt, zumindest für Wilm Hosenfeld, der nicht an einen großen Krieg glauben mochte. Dass Adolf Hitler über die Zugeständnisse der drei Westmächte fast enttäuscht war, konnten sie nicht wissen. Der Diktator hätte die Schlagkraft der Wehrmacht gern unter Beweis gestellt. Das holte er dann ein halbes Jahr später nach, indem er die Rest-Tschechoslowakei besetzte.

Im Herbst 1938 überschlugen sich die Ereignisse. Die Reichspogromnacht am 9. November mit Übergriffen und Brandanschlägen gegen jüdische Geschäfte, Synagogen und andere Einrichtungen machte Wilm Hosenfeld fast sprachlos. Eine solche Gewalt- und Mordserie hatte er nicht für möglich gehalten. Judenpogrome in ganz Deutschland. Es sind fürchterliche Zustände im Reich, ohne Recht und Ordnung, dabei nach außen Heuchelei und Lüge. Aus Empörung über die anhaltenden Hasstiraden im »Stürmer« bestellte er das Hetzblatt, das er einige Monate abonniert hatte, wieder ab.

Anders als ihr Mann ahnte Annemarie Hosenfeld, was kommen würde, auch wenn sie ihre Ängste immer wieder unterdrücken konnte. Sie wusste, dass er einerseits den Krieg im Innersten ablehnte und andererseits durchaus bereit war, noch einmal die Uniform anzuziehen, falls das »Vaterland« ihn rufen würde. Mit diesem Zwiespalt würde sie bald leben müssen – lange Kriegsjahre.

Wilm Hosenfeld war im April 1937 gemustert und als bedingt tauglich eingestuft worden. Sein Kommentar: Ich fühle mich aber tauglich. Schon vorher hatte er an Luftschutzübungen teilgenommen. Als SA-Scharführer befehligte er größere Formationen, die regelmäßig exerzierten. Das macht Spaß, schrieb er am 25. April 1937 in sein Tagebuch. Überhaupt macht mir die Führung einer größeren Einheit Freude. Gut zwei Jahre später, am 4. Juni 1939, besuchte Hitler die Stadt Kassel. Mit der SA-Standarte 418 war Hosenfeld abkommandiert worden, um vor Ort die Absperrungen zu sichern. Der Einsatz war militärisch organisiert. Erst danach ging es lockerer zu. Seinem ältesten Sohn Helmut, der seinen Arbeitsdienst ableistete, schrieb er aus Kassel: Wenn ich so unter den Kameraden bin, dann bin ich im Grund ganz einsam. Ich staune oft darüber, wie die meisten Menschen bei einem Krug Bier und dergleichen als Individuum aufhören und zum geselligen Wesen werden können.


Feldwebel Wilm Hosenfeld im August 1939 in Fulda

Am 26. August 1939 erhielt Wilm Hosenfeld in Thalau seinen Gestellungsbefehl. Hitler hatte die Mobilisierung befohlen. Noch am selben Tag verabschiedete er sich von seiner Frau. Annemarie Hosenfeld war bedrückt. Ihr Mann war 44 Jahre alt. Warum musste er noch einmal in den Krieg ziehen, fragte sie sich. Wenige Stunden später holte Wilm Hosenfeld im Depot der Artilleriekaserne in Fulda seine Ausrüstung ab: Gewehr, Gasmaske, Seitengewehr usw. Fortan gehörte er der 3. Kompanie des Landesschützen-Bataillons an.

Seiner Frau schrieb er noch am selben Tag den Satz, den er so oder so ähnlich in den folgenden Jahren noch oft wiederholen sollte: Um mich brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen. Es ist nur schade, dass wir getrennt sind. Noch immer war Wilm Hosenfeld überzeugt, dass Hitler es nicht zum Ernstfall kommen lassen würde. An den Krieg glaube ich nicht, trotz aller ernsten Vorzeichen. Ich habe so das Gefühl, als wollte Hitler den ganzen Riesenapparat einer Mobilmachung mal spielen lassen. Im Grunde wird er jede Verhandlungsmöglichkeit ergreifen.

Eine gewisse Gutgläubigkeit zeichnete ihn aus, wie er einmal selbstkritisch einräumte. Ende Mai 1918, also schon bald nach seiner Entlassung aus dem aktiven Militärdienst, hatte er notiert: In allen Menschen suche ich immer das Beste und Schönste. Ich halte jeden für gut und edel und mache mir aus ihm ein Idealbild. Seine wunderbare Gabe, auf Menschen zuzugehen, sie anzuerkennen und zunächst nur das Gute in ihnen zu sehen, hatte eine Kehrseite, eine bestimmte Vertrauensseligkeit, die er gelegentlich auch auf die Politik übertrug und später dann bitter bereute. Meine allzu große Offenheit ist ein Fehler, durch den ich später viel Unangenehmes, Ärger, Enttäuschung und Schmerz mir zugezogen habe.

Wie die meisten Deutschen erkannte Hosenfeld bis an die Schwelle des Zweiten Weltkrieges nicht, dass Hitler den Krieg seit seinem Machtantritt systematisch geplant hatte, um ihn dann bei der erstbesten Gelegenheit entschlossen in Gang zu setzen. Feldwebel Wilm Hosenfeld, Veteran des Ersten Weltkrieges, in dem er zweimal verwundet worden war, hat den Zweiten Weltkrieg von Anfang bis zum bitteren Ende mitgemacht, allerdings nicht im aktiven Einsatz an der Front, was er sich immer wieder wünschte, sondern in der »Etappe«, wie der nachgeordnete Bereich der Wehrmacht genannt wurde.

Ähnlich wie den Deutschen erging es vielen Polen. Sie wollten einfach nicht glauben, dass der Krieg unmittelbar bevorstand, obwohl der Ton von deutscher Seite immer aggressiver wurde und die Gefahr zum Greifen nahe schien. Es lag außerhalb ihrer Vorstellungskraft, dass ein einzelner kriegswütiger Staatsmann einfach auf den Knopf drücken und eine gewaltige Streitmacht zur Zerstörung Polens in Gang setzen würde. Gewiss, es gab Vorkehrungen gegen einen Überfall. Die Fenster mussten verdunkelt werden. Gasschutzmasken lagen griffbereit. Truppen standen in Alarmbereitschaft.

Doch andererseits – die Restaurants und Bars waren bestens besucht. Orchester spielten auf, und es wurde getanzt und gefeiert, fast noch ausgelassener als sonst. Und tagsüber herrschte doch eher Normalität. In Warschau fuhren die Menschen wie an jedem Werktag mit der Straßenbahn zur Arbeit. Im Polnischen Rundfunk probten die Musiker Stücke für den nächsten Live-Auftritt im Radio. Władysław Szpilman, der junge aufstrebende Pianist, 27 Jahre alt arbeitete bis Ende August 1939 unter Hochdruck im Studio, und zwar bis in den späten Abend hinein. Müde und erschöpft kehrte er am letzten Augusttag in die elterliche Wohnung an der Śłiska-Straße zurück und legte sich bald schlafen, bis im Morgengrauen aus der Ferne Explosionen zu hören waren. Er dachte an eines der Manöver, die jetzt regelmäßig stattfanden, drehte sich zur Seite, las ein paar Seiten aus einem Buch, als plötzlich seine Mutter in der Tür stand und fast stammelnd die Worte hervorbrachte: »Steh auf! Krieg … er hat angefangen.«

2. Aufbau eines Kriegsgefangenenlagers in Polen

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges geriet Polen in eine Zangenbewegung, aus der es für das Land kein Entkommen gab. Vom Westen stürmten am 1. September 1939 Divisionen der deutschen Wehrmacht, unterstützt von Marine und Luftwaffe, gegen das Land. Im Osten rückte die Rote Armee der Sowjetunion vor und besetzte Ostpolen. Im geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 hatten beide Staaten ihre Interessengebiete in Ostmitteleuropa und im Baltikum abgesteckt. Josef Stalin war zum Verbündeten und Komplizen Adolf Hitlers geworden, der damit freie Hand für seine Eroberungspolitik bekommen hatte. Zwei Diktatoren trieben ein abgekartetes Spiel. Ihr erstes Opfer war Polen.

Leichten Herzens hat Hosenfeld die Uniform der Wehrmacht nicht wieder angezogen, wenngleich ihn stets ein heimlicher Wunsch verfolgte, der durch sein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Militärdienst Anfang 1918 nicht in Erfüllung gegangen war: Er wollte Offizier werden.

In Thalau, dem kleinen Dorf in der Rhön, wo er immerhin zwölf Jahre Leiter der Dorfschule gewesen war, ließ er im Herbst 1939 seine Frau und fünf Kinder zurück. Das heißt, sein ältester Sohn Helmut leistete inzwischen in Kirtorf im hessischen Vogelbergkreis den Reichsarbeitsdienst ab, den »Ehrendienst am deutschen Volke«, der für alle 18- bis 25-Jährigen Pflicht war.

Der Abschied auf dem Bahnhof in Fulda war allen schwergefallen. Wilm Hosenfeld hatte vorher nicht nur in der Schule alles geregelt, sondern weitgehend auch in der Familie. Wie selbstverständlich hatte Annemarie Hosenfeld sich seiner ordnenden Hand gefügt, die anstehenden Entscheidungen zwar mit ihm besprochen, sie aber letztlich doch ihm überlassen. Als der Zug abfuhr, ging ich mit meinen drei schluchzenden Kindern durch die dunkle Stadt, schrieb sie am 10. September 1939 an ihren Mann. Im verdunkelten Zug fuhren wir heimwärts, schutzlos und verlassen von jetzt ab. – Jorinde schlief in meinem Schoß, meine Seele war bei Dir, und ich betete um Kraft für mich. Hand in Hand ging ich mit meinen Kindern heimwärts, und als ihr tiefer Kinderschmerz, ihr Weinen leise wurde, fand ich Trost für uns.

Annemarie Hosenfeld versuchte, sich abzulenken und sich auf ihr neues Leben zu besinnen, aber das fiel ihr schwer. Denn wer sollte die Lücke schließen, die ihr Mann hinterließ? Jeder Raum unseres Hauses, jeder Weg im Garten, jeder Baum, jede Blume, sie sprechen von Dir, von Deiner Güte zu uns. Nie sah ich einen stolzeren, edleren und süßeren Mann, und darum bin ich glücklich auch im Leid.

Kaum hatte sie ihren Brief beendet, hörte sie am Radio von Luftangriffen auf Warschau. Sie wusste, dass Wilm Hosenfeld in Richtung Osten abgereist war, aber seinen Aufenthaltsort kannte sie nicht. Und ihre gerade zurückgewonnene Zuversicht war wieder dahin. Zu allem Unglück erreichten sie aus ihrem Heimatort Worpswede schlechte Nachrichten. Ihre Mutter hatte einen zweiten Schlaganfall erlitten und lag in einem Bremer Hospiz im Sterben. Einige Tage zögerte Annemarie Hosenfeld, aber dann folgte sie der dringenden Bitte ihres Vaters und machte sich auf den Weg nach Norddeutschland.

Der Anblick ihrer Mutter erschütterte sie zutiefst: das Gesicht entstellt, der Körper im Todeskampf. Mit ihrer Schwester Gertrud wechselte sie sich am Krankenbett ab. Kurz vor ihrem Tod erlangte die Mutter noch einmal das Bewusstsein zurück und erkannte die Umstehenden. Damit war es ein friedlicher Abschied.

In Bremen sah Annemarie Hosenfeld bereits deutliche Spuren des Krieges. Grünanlagen und öffentliche Plätze waren von Laufgräben durchzogen. Bevor sie nach Thalau zurückkehrte, besuchte sie in der Hansestadt die Kirche St. Johannis, wo 19 Jahre zuvor ihre Trauung stattgefunden hatte. Ihrem Mann schrieb sie am 23. September 1939: Du wirst Dir denken können, wie mich das bewegt hat. Aber es gab mir Trost. Ich muss leben und gesund sein. Wie die nächsten Tage aussehen, weiß niemand. Mich drängt es heimzufahren. Die Liebe zu Dir und den Kindern hält mich. Wilm, bete für den Frieden, bete für uns.

Von Frieden konnte allerdings keine Rede mehr sein. Mit einer gewaltigen Streitmacht überrollte die deutsche Wehrmacht das Nachbarland. Trotz tapferer Gegenwehr musste Polen sich innerhalb weniger Wochen geschlagen geben. Eines der größten Probleme war schon während der Kampfhandlungen die Unterbringung der vielen Kriegsgefangenen – eine Aufgabe, der sich auch der Feldwebel Wilm Hosenfeld widmen sollte. Die letzten 100 Kilometer bis zu seinem Bestimmungsort Pabianice südlich der Industriestadt Łódź legte das Vorauskommando, dem er angehörte, mit einem Armeewagen zurück.

Unterwegs begegneten den deutschen Soldaten Flüchtlingstrecks, und Hosenfeld spürte bereits das ganze Elend des Krieges, das die Polen als Erste traf. … auf hochbepackten Wagen sitzen sie, davor ein mageres Pferd, Männer, Frauen und immer eine Schar Kinder dabei, das sind noch die Beneidenswertesten, viele laufen zu Fuß, meist barfuß, sie sind schon tagelang unterwegs, haben nichts zu essen. Dann sieht man Mütter mit Kindern auf dem Arm, Kinder hinterherlaufend, schwere Bündel schleppend. Manche ziehen hochbeladene Handwagen, Kinderwagen und dergleichen immer neben der Landstraße her in dem Staub, den die Fahrzeuge in einem fort aufwirbeln.

In Pabianice stand Hosenfeld vor der Aufgabe, auf einem stillgelegten Fabrikgelände ein Lager für polnische Kriegsgefangene einzurichten. Die Stadt selbst mit ihren 60000 Einwohnern wies Kampfspuren auf: … zerschossene Häuser und Brandruinen, aus denen die Fensterhöhlen wie ausgestochene Augen tot und leer zum Himmel blicken. Zunächst galt es, Quartiere für sich und seine Kameraden zu finden. Mit einem Trupp von Soldaten ging Hosenfeld von Haus zu Haus und requirierte die Unterkünfte. Die Einwohner mussten Platz machen, in andere Räume umziehen oder anderswo eine Bleibe suchen. Er selber kam bei einem deutschen Kaufmann unter, dessen Angehörige bei Kriegsbeginn nach Zittau in der Oberlausitz gereist waren. Ihm fehle es an nichts, berichtete er seiner Frau: Schlafzimmer, Bad, Küche, ein gedeckter Tisch. Nur Du, meine liebe, gute, süße Annemie, müsstest hier sein und die lieben Kinder.

Die Unterbringung der Kriegsgefangenen, die zu Tausenden nach Pabianice strömten, erforderte sein ganzes Organisationstalent. Viele hatten tagelange Märsche hinter sich, waren ausgehungert und völlig erschöpft. Bei der Ankunft wurde selektiert, die polnischen Offiziere wurden von den Mannschaften getrennt, Volksdeutsche von den Polen und Juden von allen anderen. Juden mussten sofort schwere körperliche Arbeit verrichten, etwa Schützengräben zuschaufeln, die zur Verteidigung von Pabianice angelegt worden waren. Die Volksdeutschen bekamen Entlassungspapiere, erledigten Hilfsdienste und konnten sich ansonsten frei bewegen.

Immer neue Massen schüttete die Nacht in das Lager hinein. Aus dem Dunkel tauchen die Gestalten auf, abgemagert und schleppenden Ganges, in ihren grünlich braunen, verschmutzten Blusen; die meisten in langen Mänteln von gleicher Farbe, die meist bis auf die Stiefel herabhängen, zerrissen, verdreckt, die Gesichter müde und grau, abgestumpft gegenüber dem Schicksal. So quellen sie hervor aus dem Dunkel, treten für einen Augenblick in mein Gesichtsfeld, verschwommen, schattenhaft, wie eine Vision, und verschwinden wieder in der Finsternis des Lagers.


September 1939: Polnische Kriegsgefangene auf dem Weg in das Lager Pabianice

Auf dem weiträumigen Fabrikgelände mit seinen Backsteinbauten und Lagerhallen herrschte zunächst ein gewaltiges Chaos. Bis Ende September 1939 waren dort in mehreren Schüben über 10000 Kriegsgefangene eingetroffen. Hosenfeld übernahm es, das Lager mit Stacheldraht und Maschinengewehrposten zu sichern und in der Stadt Kochkessel und Lebensmittel zu besorgen. Innerhalb kurzer Zeit richtete er zusammen mit seinen Kameraden eine Großküche mit 30 Kesseln ein und schaffte Pferde-, Rind- und Schweinefleisch sowie Kartoffeln und Sauerkraut herbei. Dreimal täglich war Essensausgabe für die Kriegsgefangenen. … das Wetter ist kalt und regnerisch geworden, notierte der Feldwebel Ende September 1939, und diese armen polnischen Gefangenen, die tagelang vom eisernen Ring der deutschen Truppen eingeschlossen waren, in Dreck und Kälte herumgelegen haben und müde und ausgehungert sind, haben keinen anderen Wunsch, als sich irgendwo »hinhauen« zu können.

Du glaubst ja nicht, was diese Massen einen Hunger hatten, berichtete er seinem Sohn Helmut. Allmählich kriegen wir sie satt. In den Maschinensälen und anderen Räumen sind die Gefangenen untergebracht. Es ist ein Jammer, diese armen Menschen zu sehen, aber wir sind machtlos gegen das Elend. Hoffentlich bricht keine Seuche aus. Mitgefühl zeigte er nicht zuletzt auch den Juden gegenüber, die zum Teil schikaniert und misshandelt wurden. Mich empört die rohe Behandlung.

Schnell fanden die Kriegsgefangenen heraus, dass Hosenfeld alles andere als kaltherzig war. Ich glaube, die Leute sehen es mir an, dass ich mit ihnen leide, heißt es in einem Brief an seine Frau, wo ich mich sehen lasse, sind sie um mich herum und sagen mir ihre Wünsche, ich schnauze keinen an und suche zu helfen, wo ich kann. Zwei junge Frauen, die ihre Männer suchten, bestürmten ihn, sie ins Lager zu lassen. Hosenfeld setzte sich über alle Vorschriften hinweg und ließ sie durch einen Nebeneingang auf das Gelände. Doch ihre Suche blieb erfolglos. Aber sie bedankten sich. … am liebsten hätten sie mich umhalst, und ich hätte es auch gerne getan, aber mir schossen die Tränen in die Augen, und ich ließ sie stehen. Bei anderen hatte ich das Glück, die Gesuchten zu finden.

Außerhalb des Lagers kam eines Tages eine Frau auf ihn zu und erklärte, sie könne die Arbeit in Haus und Hof nicht mehr allein bewältigen, und bat ihn inständig, ihren Mann aus dem Kriegsgefangenenlager freizulassen. Hosenfeld ließ sich den Namen geben: Stanisław Cieciora. Er sagte der Frau, sie solle nach drei Tagen wiederkommen, dann könne sie ihren Mann mit nach Hause nehmen. Hosenfeld hielt Wort. Die Polen dankten es ihm mit einer jahrelangen Freundschaft.

Seine zupackende, unkomplizierte Art beeindruckte offenkundig seine Vorgesetzten. Denn Hosenfeld übernahm schon nach wenigen Wochen die Leitung des Lagers, wenn auch nur für eine kurze Zeit. Zufrieden stellte er fest, dass die Gefangenen bereitwillig mitmachten, wenn es darum ging, das Gelände aufzuräumen und in Gruppen mit Bewachung auf den Feldern Kartoffeln und Getreide zu ernten. Das Leben hat gesiegt über den Krieg, schrieb er in sein Tagebuch. Segen der Ordnung! Segen der Arbeit!

Mit den vielen Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung fühlte Wilm Hosenfeld sich gewissermaßen wieder in seinem Element. Auch wenn er Teil der deutschen Besatzungsmacht war, konnte er helfen. Der Kontakt zu polnischen Kindern wie Erwachsenen fiel ihm leicht. Das waren nicht seine Feinde. Auf einen Brief seiner jüngsten Tochter Uta reagierte er mit dem Satz: Ich nehme manchmal die Polenkinder auf den Arm und denke an meine kleinen Mädchen. Einem Jungen, der an einem öffentlichen Platz die Wasserpumpe in Gang setzte, damit Hosenfeld sich den Staub vom Gesicht waschen konnte, schenkte er ein Geldstück, und dieser freute sich riesig. Manche sprachen Deutsch. Ansonsten sprangen Volksdeutsche als Dolmetscher ein. Irgendwie kam immer eine Verständigung zustande.

Beim Gottesdienst in der Pfarrkirche von Pabianice mischte er sich unter die Gläubigen. Wie eigenartig das ist, zwischen den polnischen Frauen und Müttern an der Kommunionbank zu knien und mit ihnen das Haupt vor dem Sakrament zu neigen. Wir schlagen zusammen an die Brust, sprechen in verschiedener Sprache das »Jesus, dir leb ich«, und kein Hass ist zwischen uns, vielmehr spüre ich, wie sie den deutschen Soldaten ins Herz und ins Gebet einschließen und mir gut sind. Im Lager erlaubte er den Kriegsgefangenen, Andachten und Messen abzuhalten. … diese geschlossene religiöse Haltung der polnischen Katholiken beeindruckte ihn, während er gleichzeitig die ungläubige, zersplitterte Weltanschauung der Deutschen beklagte.

Natürlich kannte Hosenfeld das Fraternisierungsverbot, das die Wehrmacht jedem Soldaten auferlegte. Aber es kümmerte ihn nicht. Seine Hochachtung vor den Polen nahm zu, je öfter er mit ihnen in Berührung kam: Polen wird ja wohl von der Landkarte verschwinden, aber das polnische Volk wird nicht verschwinden. Das Land werde mit Deutschland einen Ausgleich finden, vielleicht sogar eine gemeinsame Zukunft.

Zwischen seinem persönlichen Verhalten und seiner politischen Einstellung zum NS-Regime klaffte weiter eine große Lücke. Gleich zu Beginn des Überfalls auf Polen zog er historisch unhaltbare Parallelen zum Auftakt des Ersten Weltkrieges. Kaiser Wilhelm II. habe sich noch in letzter Stunde um Frieden bemüht. Seit 1902 sei England jedoch den rücksichtslosen Weg der Einkreisung gegangen. Gleichzeitig unterstellte er Hitler Friedensabsichten, denn dessen Forderungen an England, die Schutzmacht Polens, seien annehmbar und bescheiden gewesen.

Weder stimmte der Bezug zu 1914 – das kaiserliche Deutschland hatte sich die Einkreisung eingeredet, um aufrüsten und Krieg führen zu können – noch die Behauptung von den friedlichen Absichten Hitlers. Die Entscheidung zum Überfall auf Polen stand seit Monaten fest. Hitler trieb nur die Sorge um, wie er sich in vertraulicher Runde vor Generälen ausdrückte, dass mir noch im letzten Moment irgendein Schweinehund einen Vermittlungsplan vorlegt.

Wilm Hosenfeld glaubte der deutschen Propaganda und verstieg sich zu einem Appell, den er seinem Sohn Helmut per Brief übermittelte: Alle weltanschaulichen innerpolitischen Gegensätze haben zurückzutreten, jeder hat ein Deutscher zu sein, der für sein Volk zu stehen hat. Seine Bewunderung für Hitler steigerte sich noch, als Ende September 1939 der Sieg über Polen feststand: Nie hat ein deutscher Staatsmann eine größere Rolle gespielt als heute der Führer. Denke einmal, schrieb er dem Sohn weiter, wenn der Führer die Kraft des deutschen Volkes in seiner Gesamtheit, die heute für den Krieg organisiert ist, nach dem Krieg für den Frieden einsetzt und Werke des Friedens geschaffen werden mit derselben Unbedingtheit, mit der heute Krieg geführt wird, welche große, beglückende Zukunft steht dann noch vor uns.

Das war, wie aus der historischen Rückschau natürlich leicht zu erkennen ist, reines Wunschdenken. Denn die von Hitler mobilisierte geballte Energie eines ganzen Volkes zielte ausschließlich auf Vernichtung und Zerstörung. Aber damals dachten Millionen von Deutschen wie Wilm Hosenfeld. Sie vertrauten der Verbrecherclique, die sich an die Spitze des Staates gesetzt hatte. Nur allzu bereitwillig ließen sich viele nicht nur verführen, sondern auch zu eigenen Verbrechen verleiten. Und genau da lag die Grenze für Wilm Hosenfeld. Niemals und zu keinem Zeitpunkt während der ganzen Kriegsjahre ließ er sich zu Übergriffen an Polen hinreißen. Sein ethischer Kompass blieb intakt.

Hosenfeld unternahm gedankliche Ausflüge in die große Politik auf der Basis von Propaganda ohne wirkliche Kenntnis der Tatsachen und Hintergründe. Konsequenzen für sein eigenes Handeln waren damit nicht verbunden. Was er zu tun oder zu lassen hatte, ließ er sich von niemandem vorschreiben. Seine Überlegungen vertraute er seinen Briefen und seinem Tagebuch an. Ansonsten beanspruchten ihn der Alltag in Pabianice und die Probleme, von denen seine Frau aus Thalau berichtete. Sie hatte Geldsorgen. Für die Fahrt nach Worpswede musste sie sich sogar einen Betrag leihen. Die Kleidung der Kinder, der Schulbesuch, die Lebensmittel – alles kostete, auch wenn der Garten und die eigene kleine Viehwirtschaft einiges hergaben.

Detlev, der zweitälteste Sohn, musste jetzt manches erledigen, was vorher Sache des Vaters gewesen war. Meine unbeschwerte und fast idyllische Kindheit in dem großen Schulhaus mit den Bodenräumen, die der Vater eigens für uns ausgebaut hatte, dem Garten und der angrenzenden Wiese war mit Kriegsbeginn schlagartig zu Ende. Weil unsere Mutter nicht besonders praktisch veranlagt war, hatte ich viele Pflichten zu Hause. Ich kümmerte mich um die Kaninchen und die Bienen. Und das alles neben der Schule. Ab 1940 besuchte Detlev das Gymnasium in Fulda. Mit dem Fahrrad ging es bis Schmalnau, von dort mit der Rhönbahn weiter nach Fulda. Zeit für Kontakte mit Klassenkameraden blieb kaum.

An der Mutter bewundert Detlev Hosenfeld rückblickend vor allem ihr Interesse an Kunst und Literatur. Das habe sie aus ihrem Elternhaus in Worpswede mitgebracht. Der Sohn betont zugleich ihre große musikalische Begabung. Sie konnte wunderbar singen. Doch der Alltag im Krieg habe der Mutter einiges abverlangt. Als Beispiel nennt er den Aufwand, den allein das Brotbacken erforderte: Mit einem Leiterwagen brachte sie den Teig zum Backhaus, das am anderen Ende des Dorfes lag. Dann wurde gebacken. Es dauerte, bis sie zurückkam. Nach dem Urteil von Detlev Hosenfeld und seiner Schwester Jorinde war die Mutter in den ersten Kriegsmonaten mit ihrer Situation völlig überfordert: die Trennung von ihrem Mann, den sie innig liebte und der ihr ständig fehlte, die Hauswirtschaft, das Wohlergehen der Kinder, Entscheidungen über dieses und jenes – alles oblag ihrer Verantwortung. Bezeichnend ist ein Satz aus einem ihrer Briefe: Wenn ich nur wüsste, welche Hühner geschlachtet werden sollen.

Und es dauerte, bis Annemarie Hosenfeld mit einigen Bauern im Dorf warm wurde. In ihren Augen waren die meisten stur und egoistisch, und mit denen wollte sie nichts zu tun haben. Die Leute hätten ihn längst vergessen, behauptete sie in einem Brief an ihren Mann. Er solle sich nur keine Illusionen machen über die Thalauer, auch nicht über seine ehemaligen Schüler. Die Menschen in Norddeutschland seien viel treuer und aufrichtiger, meinte sie.

Ihre Einstellung änderte sich, als im Laufe des Krieges auch aus Thalau immer mehr junge Männer eingezogen wurden und einige nicht zurückkehrten, weil sie vermisst oder gefallen waren. Die Sorge um die Soldaten, zu denen dann ebenfalls ihr ältester Sohn Helmut gehörte, brachte die Menschen einander näher und versöhnte Annemarie Hosenfeld schließlich mit ihnen.

3. Terror auf Schritt und Tritt – Das Unglück schneidet mir ins Herz.

In den ersten Wochen nach Kriegsbeginn stockte der Briefverkehr zwischen Thalau und Pabianice. Beide schrieben sich eifrig, aber die Post blieb tagelang irgendwo liegen. Im Oktober 1939 normalisierte sich der Postbetrieb. Die Briefe zwischen Annemarie, die er »Annemie« nannte, und Wilm Hosenfeld bildeten ein festes Band. Darin konnten sie die tiefen Gefühle festhalten, die sie füreinander empfanden. Es sind sehr oft Liebesbriefe, in denen sie ihre Sehnsucht nach der fehlenden körperlichen Nähe ausdrückten oder auch Erinnerungen an vergangene glückliche Tage austauschten. Gelegenheit zum Telefonieren gab es selten, höchstens bei besonderen Anlässen oder vor einem Heimaturlaub, wenn sie Zeitpunkt und Ort des Zusammentreffens verabredeten.

Da sie sich manchmal im Abstand von nur zwei oder drei Tagen schrieben, passierte es, dass die Post sich kreuzte. Wilm Hosenfeld nummerierte seine Briefe. Sein Schreibpensum war enorm, sodass seine Kameraden sich wunderten, wenn er sich in jeder freien Minute zurückzog, statt mit ihnen in geselliger Runde zusammenzusitzen. Durch die Schilderungen seiner Frau blieb er über die häusliche Situation und die Entwicklung der Kinder stets auf dem Laufenden. Ihre Zeilen haben nicht selten einen klagenden und verzweifelten Ton, weil sie sich mit der Trennung nicht abfinden konnte. Somit oblag es Wilm Hosenfeld, sie immer wieder zu trösten und ihr über schwierige Phasen hinwegzuhelfen. Manchmal widersprach er ihr auch:

Du hast wohl oft geklagt, dass Du es besonders schwer hättest. Das ist nicht wahr. Du leidest bloß stärker; auch bei geringen Anlässen, die einen anderen Menschen gar nicht so beunruhigen, wirst Du bis ins Innerste erschüttert. Gott gibt Dir nicht mehr, als Du tragen sollst in seinem Ratschluss. Darum weiß ich, dass ich trotz allem eine liebe, süße, glückliche Annemie wiedersehen werde, Dein, Dich im Herzen tragender Wilm. (Brief, 6. Oktober 1939)

Der für beide so wichtige Briefwechsel, der neben den Tagebuch-Aufzeichnungen fast vollständig erhalten geblieben ist, war gleichzeitig manchmal eine Quelle von Missverständnissen und Auslöser von Ängsten. Eine offenkundig harmlos gemeinte Bemerkung von Wilm Hosenfeld, wonach er ein polnisches Mädchen gerne in den Arm genommen hätte, nahm seine Frau zum Anlass, ihn zur Treue zu ermahnen und vor erotischen Abenteuern zu warnen. An einer Stelle schrieb sie voller Verzweiflung: Wo bist Du, mein Mann, im fremden Land. Vielleicht auf Wache, vielleicht in einem fremden Bett. Meine Tränen rinnen auf das weiße Blatt – einmal wird Friede sein! Einmal wird mein Geliebter kommen! Einmal, so sagen alle Kinder. Einmal beginnen alle Märchen.

Im Laufe der Zeit wurde sie jedoch selbstsicherer. In ihren Briefen klang manchmal ein anderer Ton an. In ihrem Brief vom 6. November 1939 informierte sie ihn über die beruflichen Aussichten der ältesten Tochter Anemone. Sie solle Krankenpflege lernen und einen Kurs für Schreibmaschine und Stenographie besuchen. Bitte, schreibe mir sofort Deine Ansichten, sollten sie mit meinen übereinstimmen, so schreibe Anemone das einmal vernünftig. Ich werde nichts unternehmen ohne Dein Einverständnis. Dann ging sie auf seinen jüngsten Brief mit der Nummer 38 ein. Den lese sie immer wieder. Mit einem göttlichen Leichtsinn vergesse ich alle Sorgen mit den Kindern, dem Haushalt und auch die große Sorge um das Vaterland, um alle unsere lieben Soldaten (im Westen bereitet sich was vor, sagen mir viele Leute) – und lege mich ins Bett und gehöre meinem Liebsten. Ist das das Muster eines Soldatenbriefes? Eine deutsche Frau soll, eine deutsche Frau muss, hu, die Fuldaer Zeitung, die Frauenschaftshyänen! … Schreibe mir einmal, wo Du die schönen Frauen kennenlernst. Im Theater? In Gesellschaften? Im Film? Auf der Straße? Triffst Du Dich mit ihnen? Wissen sie, dass Du uns hast?

Selten äußerte Annemarie Hosenfeld sich in ihren Briefen zum Krieg, wenngleich sie dazu eine klare Meinung hatte. Mit einem raschen Kriegsende rechnete sie nicht, obwohl nach dem schnellen Sieg über Polen die Hoffnung aufkeimte, Hitler könne sich mit dieser Eroberung zufriedengeben, nachdem er vorher schon Österreich und die Tschechoslowakei seinem Machtbereich angegliedert hatte. Sie verfolgte die Geschehnisse aufmerksam, tauschte sich aus mit den Frauen anderer Soldaten und hörte die BBC oder Radio Beromünster.

Ihr Sohn Detlev hatte vom Radiogerät im Wohnzimmer ein Kabel zu einem Lautsprecher in die Küche gelegt, sodass sie auch dort die Reden der NS-Größen, Auslandsprogramme oder Konzerte hören konnte. Sie wusste zum Beispiel, dass Belgien und die Niederlande Deutschland ein Friedensangebot unterbreitet hatten, das Hitler jedoch ablehnte. Der Krieg ist sinnlos, heißt es in einem ihrer Briefe. Im Westen liegen sich die Riesenheere monatelang gegenüber, diese Gespanntheit ist nervenzerrüttend.

Als Wilm Hosenfeld ihr am 8. Oktober 1939 mitteilte, sein Kompanieführer habe ihn zum Offizier vorgeschlagen, reagierte sie zurückhaltend: Wenn es möglich ist, versuche doch, dass Du nicht zum Offizier befördert wirst, denn dann besteht die Möglichkeit, dass Du im Westen eingesetzt wirst. Die grausame Fortsetzung dieses entsetzlichen Krieges scheint mir Gewissheit zu sein … Ihr Mann erwiderte, sein Sold werde steigen, wenn er zum Offizier befördert werde. Eine Versetzung sei damit nicht zwangsläufig verbunden. Er könne den Wahnsinn nicht begreifen, meinte er weiter, wenn der Krieg auch im Westen Wirklichkeit werde. Seine Frau, die kurz zuvor das sogenannte Mutterkreuz in Bronze erhalten hatte, stimmte ihm rückhaltlos zu. In ihrem Brief vom 18. Oktober 1939 heißt es: Wozu braucht Herr Hitler unsere Kinder? Nur als Kanonenfutter! Und wenn Du noch einen Jungen oder ein Mädel haben willst, mein Mann, ich will es mit hundert Freuden tragen, aber niemals soll es in diesem »herrlichen« deutschen Vaterland geboren werden. Ich bin nicht verbittert, denn ich habe keinen Menschen verloren, aber mir tut das Schicksal weh der anderen, von denen man jetzt viel hört.

Auf diese Zeilen reagierte Wilm Hosenfeld am10. November 1939. Er nahm an, dass sie den Brief unter dem Eindruck einer Rede Hitlers geschrieben hatte. Die Ansprache habe ihn ebenfalls erschüttert, erwiderte er. Ich habe nur kurze Zeit zugehört, entnehme ihr aber, dass der Führer den Krieg will. Die Aussicht auf Frieden entschwindet immer mehr, das Unheil nimmt seinen Fortgang.

Am 17. November 1939 erhielt Annemarie Hosenfeld Besuch von einem Unteroffizier, der zum Kreis von Kameraden ihres Mannes gehörte. Sie freute sich darauf, durch ihn etwas Neues aus Polen zu erfahren, und wurde bitter enttäuscht. Denn der Soldat schwärmte von Hitler und dem Nationalsozialismus und erteilte ihr weltanschauliche Unterweisungen, die sie voller Empörung zurückwies. Die unerfreuliche Begegnung nahm sie zum Anlass, ihre Einstellung zum NS-Regime unmissverständlich darzulegen. Dass der Unteroffizier Hitler geradezu angehimmelt habe, fand sie unerträglich, und sie fragte ihren Mann, ob er etwa auch so denke: Dann werden wir uns trotz aller Liebe nicht verstehen können. Hast Du Vertrauen zu dieser Führung? Erneut warf sie ihm vor, unbedingt Offizier werden zu wollen. Als Feldwebel sei er ihr aber hundertmal lieber denn als Leutnant. Diesen Ehrgeiz solle er lieber den aktiven jungen Soldaten überlassen. Deine Lebensaufgabe ist eine andere.

An seiner Haltung gegenüber der Wehrmacht und der NS-Politik übte sie heftige Kritik. Warum beteuern Deine Kameraden immer wieder, dass Du so brennend gern Soldat bist? Ist Dir das wirklich genug, einen kurzen Urlaub hier zu sein, um wieder gern in Polen Soldat zu werden? Wilm, ich kann das nicht glauben, ich will es nicht glauben! Dann denke ich, wie fanatisch Du Dich für die SA einsetztest. Du musstest Soldat spielen. Du musstest nur Kriegsbücher lesen. Du meldetest Dich heimlich zur Übung als Reserveoffizier. Drei oder noch mehr Jahre Trennung, das sei schwer zu ertragen. Unter diesen Umständen sei sie nicht die richtige Frau für ihn, erklärte sie und fügte hinzu: Ich halte diesen Krieg für sinnlos. Jede Regierung, die nicht versteht, ihrem Volk Frieden zu sichern, taugt nichts, denn das Volk will Frieden.

Annemarie Hosenfeld unternahm alles, um zu verhindern, dass ihr Sohn Helmut gleich nach dem Arbeitsdienst ebenfalls eingezogen wurde. Sie verschaffte ihm zum Wintersemester 1939 einen Studienplatz an der Universität Göttingen. Helmut Hosenfeld studierte Medizin und wurde nach dem Krieg Kinderarzt. Allerdings konnte die Mutter ihn nur vorübergehend vor dem Militärdienst bewahren, denn sie wusste, dass er auch als Student jeweils zwei Mal für eine bestimmte Zeit eingezogen würde.

Helmut Hosenfeld machte mit seiner Berufswahl gewissermaßen den Anfang. Denn alle fünf Kinder von Annemarie und Wilm Hosenfeld haben medizinische Berufe ergriffen, was vermutlich damit zusammenhängt, dass sie früh und unter den besonderen Erfordernissen von Krieg und Nachkriegszeit lernen mussten, füreinander und für andere einzustehen.

Wilm Hosenfeld nahm zu den Vorwürfen seiner Frau durchaus Stellung. Sie mache sich zu viele Sorgen, erwiderte er. Als Soldat tue er nicht mehr, als von ihm verlangt werde. Was er in seinem Inneren denke, das solle keiner wissen. Ich sage Dir nur das eine, ich habe mich manchmal geschämt, deutscher Soldat zu sein. Im Brief könne er nichts von seinen Gedanken mitteilen. Sie kenne ihn doch. Er sei in allen Fragen eins mit ihr. Tatsächlich änderte sich seine Haltung, und zwar unter dem Druck der Ereignisse in seiner unmittelbaren Umgebung. Im Pabianice betätigte Hosenfeld sich weiter als Wohltäter und Menschenfreund. Als aus Thalau ein Paket eintraf, teilte er den Inhalt, u.a. Äpfel und Nüsse, mit drei polnischen Kriegsgefangenen, die als Ärzte bzw. Hilfsärzte im Krankenrevier tätig waren. Er ließ sich berichten, wie sie unter dem Krieg gelitten hatten, welche ihrer Angehörigen vermisst oder umgekommen waren.

Beim Ortskommandanten von Pabianice konnte Hosenfeld die Freilassung weiterer polnischer Kriegsgefangener durchsetzen. Eine Frau, die ihren Mann und zwei Söhne in Empfang nehmen durfte, drückte ihm als Zeichen ihrer Dankbarkeit einen Zwanzig-Złoty-Schein in die Hand, den er sofort zurückgab mit der Bitte, sie solle eine Messe für ihn lesen lassen. Eine andere Frau griff zu ihrem Parfümfläschchen und sprühte ihn damit ein, ohne dass Hosenfeld sich wehren konnte; sie wollte sich ja nur bedanken. Noch Tage später roch er den Duft.

Ende Oktober 1939 war das Kriegsgefangenenlager in Pabianice bereits wieder aufgelöst worden. Alles hatte ganz schnell gehen müssen. Die Gefangenen marschierten in Kolonnen zum Bahnhof, wo Züge bereitstanden, um sie nach Deutschland zu bringen. Die Wehrmacht brauchte für den bevorstehenden Westfeldzug zusätzliche Soldaten. Somit fehlten Arbeitskräfte in Industrie und Landwirtschaft. Polnische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter mussten die Lücken füllen, wobei polnische Offiziere weiter interniert wurden.

Für Feldwebel Hosenfeld und seine Kameraden begann eine Zeit der Ungewissheit. Die Kommandos wechselten. Zunächst erhielten sie den Auftrag, in einem Waldgebiet etwa 30 Kilometer von Pabianice entfernt gegen Wild- und Holzdiebe vorzugehen. Auf dem Weg dorthin staunte Hosenfeld über die Hilfsbereitschaft der Polen, als ihr Fahrzeug bis an die Achsen im Morast versank und ein Bauer es mit seinem Pferdegespann aus dem Dreck zog.

Bei einem Zwischenstopp in einem Dorf strömten plötzlich Kinder, die gerade aus der Schule kamen, auf die deutschen Soldaten zu. Es kam mir doch sonderbar vor, als ich plötzlich inmitten der lachenden, frohen Kinderschar stand, die uns neugierig und gar nicht schüchtern umstanden und auf uns losplauderten, als müssten wir alles verstehen. Situationen wie diese bewogen ihn, sich ein Wörterbuch schicken zu lassen und Polnisch zu lernen.

Während seine Kameraden in einem Forsthaus unterkamen, kehrte Wilm Hosenfeld nach Pabianice zurück. Seit der Auflösung des Gefangenenlagers stand er nicht mehr ständig unter Zeitdruck. Er nahm sich noch mehr Zeit für die Briefe und Aufzeichnungen. Zum Einkaufen fuhr er mit der Straßenbahn nach Łódź und knüpfte neue Kontakte zur Bevölkerung. Dabei lernte er eine Polin kennen, die sich hilfesuchend an ihn gewandt hatte, da ihr Mann kurz zuvor von der Gestapo verhaftet worden war.

Bei seinen Bemühungen, der Frau zu helfen, erfuhr er, dass es sich keineswegs um einen Einzelfall handelte. Vielmehr fand nach vorbereiteten Fahndungslisten landesweit eine Welle von Verhaftungen statt. Volksdeutsche denunzierten Polen bei der deutschen Geheimpolizei, um sich für angebliches Unrecht zu rächen. Außerdem – was geradezu ungeheuerlich war – gingen SD und Einsatzgruppen massiv und systematisch gegen die polnische intellektuelle Oberschicht vor. Am 10. November 1939 berichtete Hosenfeld seiner Frau: Eine ohnmächtige Wut, ein lähmender Schrecken zieht von Haus zu Haus, in denen ein Pole wohnt, der über dem Durchschnitt steht. Es geht gar nicht um Vergeltung, es hat den Anschein, als ob man die Intelligenz ausrotten will …

Hosenfeld erlebte die erste Terrorwelle des deutschen Vernichtungsfeldzuges in Polen und war fassungslos, obwohl ihm das ganze Ausmaß mit Tausenden von Toten gar nicht bekannt war. Wie gern bin ich Soldat gewesen, aber heute möchte ich den grauen Rock in Fetzen reißen. Wir sollen den Schild halten, hinter dem diese Verbrechen an der Menschheit geschehen können? Mit »Schild« meinte er die Wehrmacht, die er für unschuldig hielt – ein Irrtum, wie er später feststellen musste.

Der Krieg gegen Polen war zwar zu Ende, aber die Spur der Gewalt, Zerstörung und Vernichtung wurde immer breiter. Am 16. November 1939 notierte er in Pabianice: Seitdem ich die Schandtaten der SS gesehen habe, ist es für mich gewiss, dass wir diesen Krieg nicht gewinnen dürfen und auch nicht können, denn uns fehlt die sittliche Kraft dazu. Wenn der Geist der brutalen Gewalt triumphiert, wird er im Innern des Reiches alle Gegenkräfte vernichten. Alle Gräuel, die in den Kellern der GPU (sowjetische Geheimpolizei) in Russland spielten, kehren bei uns nun ein.

Wilm Hosenfeld begegnete dem Terror auf Schritt und Tritt und weigerte sich, davor die Augen zu verschließen. Aus Łódź, der Stadt mit dem größten Getto in den vom Deutschen Reich besetzten Gebieten, erfuhr er im November 1939, dass Juden zum Bahnhof getrieben wurden, beladen mit ihrem Gepäck, erkennbar an einer Armbinde, die selbst Kinder tragen mussten. Sie wurden in Viehwaggons gepfercht und abtransportiert, angeblich zur Umsiedlung nach Russland. Über die rohe Behandlung durch das deutsche Bahnpersonal empörte er sich. Der Jude werde weniger geachtet als ein Stück Vieh, schrieb er. Zufällig hörte Hosenfeld, wie ein Offizier einen Gestapo-Beamten angesichts der Welle von Verhaftungen fragte, ob er der Meinung sei, mit solchen Methoden diese Menschen für den Aufbau gewinnen zu können. Daraufhin habe der Polizist erwidert, ob er etwa glaube, dass auch nur einer von denen zurückkomme. Sie würden alle auf der Flucht erschossen.

Wenige Tage später erreichte Hosenfeld mit seinem Vorauskommando die Kleinstadt Kałyszyn in Masowien 50 Kilometer östlich von Warschau, um Unterkünfte für seine Kompanie zu beschaffen. Allerdings gab es dort kaum noch intakte Häuser. Denn die Wehrmacht hatte wenige Wochen zuvor bei ihrem Feldzug fast die gesamte Stadt in Schutt und Asche gelegt und die jüdischen Einwohner deportiert. Hosenfeld kam mit seinen Soldaten in einem Pfarrhaus unter, wo bereits Flüchtlinge aus dem von der Roten Armee besetzten Ostpolen Platz gefunden hatten. Beim Vikar legte er, wie er seiner Frau mitteilte, eine Beichte ab, obwohl dieser kaum Deutsch verstand. Hosenfeld nahm seine Lateinkenntnisse zu Hilfe.

Nächste Station war die Stadt Węgrów, 240 Kilometer von Pabianice entfernt. Dort übernahm die Wehrmacht polnische Kasernen, die den Polenfeldzug unbeschadet überstanden hatten. Das Stadtgebiet selbst glich eher einer Trümmerlandschaft. Zwischen Brandruinen und zerstörten Häusern spielte eine deutsche Militärkapelle Märsche und Melodien aus Opern und Operetten. Polnische Kinder und alte Männer hörten zu. Wilm Hosenfeld war das Absurde dieser Situation bewusst. Was die Einwohner dringender brauchten als ein Platzkonzert mit Marschmusik waren Lebensmittel und Kohle für den bevorstehenden Winter.


Ruinen entlang der Dorfstraße unweit von Węgrów

Am Bahnhof der Kleinstadt erlebte der Feldwebel die Ankunft eines Zuges mit Flüchtlingen aus den polnischen Gebieten, die dem Deutschen Reich angegliedert wurden und der »Germanisierung« unterlagen; das heißt, aus den neu geschaffenen Reichsgauen Danzig-Westpreußen und Wartheland wurde die einheimische Bevölkerung vertrieben, um Raum für deutsche Siedler zu schaffen. Aus dem zum Platzen gefüllten Zug stürzten die armen Menschen heraus, ihre kläglichen Habseligkeiten mit sich schleppend, wankende Greisinnen und Greise, Männer, Frauen und viele, viele Kinder. In einem Kinderwagen saß ein kleines Mädchen, fast erdrückt von den Packen und Decken und Sachen, aber es war ein so süßes, wonniges Kindchen mit so leuchtenden, frohen Kinderaugen, dass ich gar nicht wegsehen mochte. In diesem Moment fühlte er sich hilflos, kramte Bonbons aus seiner Tasche und gab sie dem Kind.

Solche Eindrücke schilderte Hosenfeld zumeist in den Briefen an seine Frau. Seinem Tagebuch vertraute er darüber hinaus die ohnmächtige Wut an, die er beim Anblick der Flüchtlinge empfand. Eine Frau suchte verzweifelt nach warmem Wasser für ihr Kleinkind. Ein alter Mann fragte ihn, wohin sie gehen sollten. Ein Bauer berichtete, er sei gerade mit Pferd und Wagen aus dem Wald gekommen; da hätten die Deutschen ihm zehn Minuten gegeben, seine Frau, die Kinder und die Großeltern zu sammeln und das Nötigste an Gepäck mitzunehmen. Sie seien völlig mittellos, hätten nichts zu essen und wüssten nicht wohin.

Und ich kann ihnen nicht helfen, notierte er verbittert. Das Unglück schneidet mir ins Herz. So sieht die Umsiedlung aus, von der man so große Töne redet. Im Bahnhofsgebäude drängen sich die Menschen, sie suchen Schutz vor der Kälte. Ein großer, hagerer Mann mit einer schwarzen Pelzmütze auf dem feinen Kopf schaut mich mit ernsten Augen an. Er muss in mir auch so einen Unmenschen sehen, oder meint er, dass ich ein gutes Herz habe? Ich hätte gerne mit ihm geredet, aber ich scheue mich, ihn anzusprechen. Er ist einer von den Intellektuellen, die man ausrotten will.

Warum reißt man diese Menschen aus ihren Behausungen, wenn man nicht weiß, wo man sie unterbringen soll, fragte Hosenfeld sich. Einen Tag lang stehen sie in der Kälte, sitzen auf den Bündeln, ihren kärglichen Habseligkeiten, man gibt ihnen nichts zu essen. Da liegt System darin, man will diese Menschen krank, elend, hilflos machen, sie sollen umkommen. Was der Krieg verschont hat, will man so umbringen, auf diese ruchlose Weise. Woher ist dieser teuflische Plan, wer kann so mit Menschen umgehen? Zunächst machte er das NS-Regime für das Unglück verantwortlich. Aber dann besann er sich und schrieb: Und doch sind wir alle schuld, nein, wir sind alle belogen und hintergangen worden. Eine tiefe Traurigkeit legt sich mir in die Seele.

Zwischen dem 13. und 16. Dezember 1939 schrieb er mehrere Briefe und längere Aufzeichnungen. Er hielt es kaum aus, das Los der Flüchtlinge mitansehen zu müssen und nichts für sie tun zu können. In seinem Gepäck hatte er Brot und Käse mitgebracht, aber es reichte natürlich nicht für die vielen Menschen. Hosenfeld suchte immer wieder das Gespräch und erfuhr weitere Einzelheiten. Drei Frauen hätten während der Zugfahrt entbunden. Eine habe versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden. In einem Waggon lag ein Toter. Während er mit den Leuten redete, traf bereits der nächste Zug mit neuen Flüchtlingen auf der Bahnstation in Węgrów ein. Wie viele Schicksale, wie viel Unglück bringt jeder Zug dieser Ausgestoßenen? Ich treffe viele Soldaten, Eisenbahner, Offiziere, sie sind voller Mitgefühl und Empörung, einer sagt: »Man schämt sich, ein Deutscher zu sein.«

Was Wilm Hosenfeld seiner Frau über die Vertreibung der Polen und die Drangsalierung der Juden berichtete, schockierte sie. Annemarie Hosenfeld äußerte die Befürchtung, das Gleiche werde in Deutschland passieren. Die Bevölkerung werde irregeführt. Ich meine, es sei nicht Gottes Wille, dass wir in dieses Unglück immer sicherer hineinrasen, wir müssen uns auflehnen. Wie so oft, wenn sie verzweifelt war, ging sie in die Kirche, um ihre Gedanken zu ordnen und Trost zu finden. Als beim Gottesdienst der Organist das »Largo« von Händel spielte, verlor sie die Fassung und weinte bitterlich. Aus ihren Briefen geht immer wieder hervor, wie verzweifelt sie über den Fortgang des Krieges war: Was sind das für Narren gewesen, die diesen Krieg für eine Lösung der Völkerzwistigkeiten ansahen. Sie glaubte der Propaganda kein Wort. Ende November zog sie gegenüber ihrem Mann ein bitteres Fazit ihrer Hoffnungen und Ängste: Dass Du einmal auf Urlaub kommst, kann ich mir wohl vorstellen, aber dass Du wie immer bei uns sein könntest, dass Du nicht mehr Soldat bist, daran glaube ich nicht mehr. Wenn Du heute nach Hause kommst, sollst Du nichts wissen von meiner Zerrissenheit, ich kann nicht mehr weinen, ich kann nicht mehr beten, ich kann nicht mehr hoffen …

Anfang Dezember 1939 riss eine sehnlich erwartete Nachricht sie aus ihrer düsteren Stimmung: Wilm Hosenfeld kündigte seinen Weihnachtsurlaub an. Er werde die Feiertage in Thalau verbringen, teilte er mit. Das Wiedersehen mit seiner Frau und den Kindern verhieß Glück auf Zeit, keineswegs das Ende aller Sorgen, aber immerhin die Gelegenheit zum Gespräch, statt Briefe zu schreiben.

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