Kitabı oku: «Die gute Schule»

Yazı tipi:

Die gute Schule
Skandal Literatur aus alter Zeit

IMPRESSUM

Autor: Hermann Bahr

Herausgeber:

Jürgen Prommersberger

Händelstr 17

93128 Regenstauf

delsalvs160571@web.de

Über den Autor Hermann Bahr

Geboren am 19.07.1863 in Linz, gestorben am 15.01.1934 in München.

Der Sohn eines Notars besuchte das Gymnasium in Salzburg. Er studierte von 1884 bis 1887 klassische Philologie, Philosophie, Jura und Volkswirtschaft in Wien, Czernowitz und Berlin.

Während eines Parisaufenthalts zwischen 1888 und 1890 begann seine schriftstellerische Karriere als Literatur- und Kunstkritiker.

Nach einem Aufenthalt in Berlin, wo er als Mitarbeiter der "Freien Bühne" tätig war, kehrte er 1891 nach Wien zurück. Hier konnte er sich einen Namen als Theater-, Literatur- und Kunstkritiker machen.

Zu den Höhepunkten seiner Karriere zählt die Berufung durch Max Reinhardt als Regisseur an das Deutsche Theater in Berlin (1906/07) sowie die Leitung des Burgtheaters in Salzburg (1918).

Mit seinen kritischen Schriften wirkte er beim Entstehen neuer Stilrichtungen mit. Seine rund vierzig Theaterstücke (meist Lustspiele) und rund zehn Romane erreichen nicht den Rang der kritischen Schriften.

Zur zweiten Auflage

Als ich dieser Tage, um die Korrekturen zu machen, die »gute Schule« wieder las, ist es mir seltsam ergangen. Das soll ich einmal gewesen sein? So hätte ich einst empfunden, so gesprochen? Es ist noch keine acht Jahre, daß ich sie schrieb, im Winter von 1889 auf 90, auf der Reise durch Spanien und Marokko. Und damals soll ich so gewesen sein? So ganz anders als heute, mir selber nicht mehr begreiflich nach kaum acht Jahren? Wie ist das möglich? Dies frage ich mich und weiß nicht recht, soll ich mich schämen, wie ich damals war, oder leise bedauern, daß ich es nicht mehr bin.

Damals! Wie nahe ist es mir und doch so fern! Als ob es gestern gewesen wäre, sehe ich mich noch, nach prächtigeren Schönheiten lüstern, ungeduldig südlich ziehen, in Farben schwelgen und mich an Leidenschaften berauschen; aber in den Pausen dieses seligen Erlebens sitze ich irgendwo in einer Schenke, vor einer Kirche und zeichne das erste Abenteuer meiner Seele auf. Wie reich bin ich damals gewesen! Aber die Zeit geht dahin und wir werden so gescheit. Sehne ich mich zurück? Oder bin ich froh, daß es zur Erinnerung geworden ist? Ich kann es nicht sagen. Ich weiß nur, daß es mir jetzt so fremd ist. Könnte ich denn das heute noch erleben?

Erleben, ja! Dieses Ringen um die Kunst und um ein Weib – das kann ich schon noch mitfühlen. Nur jene Sprache habe ich verlernt; ich würde es heute anders sagen. Dieselben Empfindungen würden mir heute andere Gestalten annehmen. Es könnte mich reizen, jenes Abenteuer noch einmal zu erzählen: auf meine jetzige Art. Dann würde es freilich nicht zweihundertvierzig Seiten geben wie damals, sondern ich denke: fünfzig würden mir jetzt genügen. Mir sagen nämlich die Worte jetzt mehr wie damals, darum habe ich Respekt vor ihnen bekommen. Damals habe ich nur ihren Klang vernommen und ihren Glanz gesehen, jetzt weiß ich erst ihren Wert. Für einen ganzen Zustand ist es mir jetzt genug zu sagen: er war »heiter«. Das eine Wort nennt mir alle Elemente, die zuletzt das Resultat geben, daß man sich heiter fühlt. Damals hätte ich gemeint, sie alle aufzählen zu müssen; das bloße Wort »heiter« hätte mir nichts gesagt, ich hätte so viele Adjektive aufgewendet, als es Elemente enthält. Durch das Leben mußte ich erst zum Gefühl der Worte kommen. Ist es nur mir so gegangen? Ich sehe auch die anderen zur einfachen Rede gelangen. Wir sind inne geworden, was die Worte bedeuten; sie haben uns ihre Geheimnisse aufgethan. Nun sagen wir: Frühling, und das ist uns mehr, als wir durch alle Adjektive sagen könnten; denn wir haben gelernt, alles zu empfinden, was das eine Wort »Frühling« an Schätzen und an Herrlichkeiten bei sich hat. Aber wir wollen nicht vergessen, daß wir es nicht gelernt hätten ohne jene sonderbare Wut der Adjektive, die wir damals hatten.

Unser Unglück war, daß wir unter Worten ohne Wert aufgewachsen waren. Wir hatten lauter Worte um uns, die wir noch nicht erlebt hatten. Als wir sie nun erlebten, kamen sie uns abgenützt vor und wir suchten andere, die noch neu wären. Was wir zum ersten Mal erlebten, dazu wollten wir nun auch Worte, die wir noch niemals gesagt hätten. Wir hatten immer geredet, ohne etwas zu fühlen. Nun fühlten wir zum ersten Male, da konnten wir doch nicht dieselben Worte nehmen, bei denen wir nichts gefühlt hatten. Wir hatten die Sprache vor dem Leben; nun kam das Leben, und wir mußten uns zum Leben eine andere Sprache erfinden. Bei ihr konnten wir die alte vergessen, und nachdem wir sie vergessen hatten, waren wir erst fähig geworden, sie wieder zu entdecken. Wir hatten in der Schule gelernt, tausend Dinge »schön« zu nennen, bevor wir noch empfunden hatten, daß etwas »schön« ist. Nun geschah es, daß wir das zum ersten Mal empfanden. Aber nun wollten wir es doch auch sagen. Mit welchem Wort? Mit jenem alten, abgegriffenen »Schön«, das wir tausend Mal gesagt, um gleichgültige Dinge zu nennen? Nein, das war nicht möglich. Also, weil wir kein Wort hatten, das uns teuer genug gewesen wäre, halfen wir uns anders: wir lösten die große Stimmung des »Schönen« in alle ihre kleinen Momente auf und benannten jedes mit einem Adjektiv und hofften, die Summe dieser vielen Adjektive müßte schon den Namen für unsere ganze große Empfindung geben. Aber später gewahrten wir, daß wir uns getäuscht hatten: das »Schöne« an dem »Schönen« ging verloren, wenn wir es erst, mit so vielen Adjektiven, in seine sämtlichen Elemente zerlegten. Wir hatten dann immer nur Teile und hätten doch so gern das Ganze gehabt. Da blieb uns nichts anderes übrig, als daß wir umkehrten und zu jenem alten Wort zurückgingen, das wir verschmäht hatten, zu jenem geringen »Schön«, das uns nicht gut genug gewesen war. Und als wir es jetzt wiedersahen, erstaunten wir: denn seit wir wußten, wie reich es ist, so daß ihm alle Adjektive nicht nachkommen, da war es uns plötzlich groß und mächtig geworden. Man denke sich einen Menschen, der oft von Liebe gesprochen hat, ohne sie zu kennen; nun liebe er wirklich, da wird ihm zuerst das verbrauchte Wort zu gemein sein, er wird tausend neue Beteuerungen ersinnen, keine wird ihm genügen, bis er endlich das alte »Ich liebe Dich« verehren lernt: denn die Worte werden immer wieder jung, wenn es nur die Lippen sind.

Nein, wir haben es nicht zu bereuen, daß wir an ders geworden sind. Aber wir sollen uns auch nicht schämen, wie wir damals waren. Es ist doch gut gewesen: denn es ist notwendig gewesen. Wir mußten erst versuchen, uns selbst eine neue Sprache zu erfinden; dann konnten wir den ewigen Sinn jener alten erst entdecken. Heute lächeln wir freilich daß wir uns damals so abgezappelt haben. Aber hätten wir es nicht, so könnten wir heute nicht lächeln. Darum wollen wir nicht stolz werden, sondern unsere Vergangenheiten in Ehren halten.

Schliersee, August 1897.

Hermann Bahr.

I. Kapitel

Langsam, ganz langsam schlenderte er. Oft stockte er gaffend. Oder er bog auch links, rechts, nach einem Schaufenster, zu einer Drehorgel, hinter einer Dirne. Er schritt nach dem Thore des Gartens. Dann aber, statt ins Gewühl zu tauchen, wich er zurück und ging den Boulevard weiter. Und noch einmal kehrte er sich nach dem Garten. Aber wieder vor dem Thore hielt er an, sah hinauf und hinunter, lange. Der Tag, der wich, ließ seinen blauen Mantel nur zurück, den unten am Saume silberner Nebel stickte; und die Laternen flimmerten, zwei lange Reihen, wie große Knöpfe aus Messing. Da schaute er hinein, wie sich die Nacht formte. Und wieder auf die andere Seite hinüber nach dem großen Magazin vor dem Panthéon. Da hingen wie blutige Sonnen zwei Ketten roter Schirme aufgespannt, scharlachen, mit dottergelben Erbsen getupft, und rote Taschentücher lagen aus und unter den Schichten purpurner Gewänder schmachtete ein einziges sehr grünes, von einem inbrünstigen, sehnsüchtigen Grün. Der reine Rochegrosse, sagte er; es gefiel ihm. Er musterte es sehr lange. Er näherte sich und entfernte sich, die Wirkungen zu vergleichen. Aber nein. Er stöberte unter den Büchern gleich daneben, wühlte herum, griff eins heraus, las eine Seite, blätterte, warf's weg. Er bog um die Ecke zurück, wieder den Boulevard zu verfolgen. Hinab gegen das Wasser.

Er schritt sehr langsam, als wäre ihm leid um jeden Tritt. Ersichtlich hätte er gern erfahren, wohin er eigentlich ging. Er suchte eine Bestimmung. An der Ecke, indem er seine kleine Holzpfeife ausklopfte und wieder stopfte, nachdem er sie umständlich gereinigt und den Zug erprobt hatte, wartete er, ob sich nicht was Vergnügliches ereignen wollte; wenigstens eine Prügelei. Wenn sie von dieser Revolution schon so viel Aufhebens machten, hätte sich's wohl gebührt, von Staats wegen dergleichen aufzuführen. Das bißchen Beleuchtung – pah! Daraus machte er sich nicht viel. Er ermüdete und wie das Gewühl wuchs, wurde er ungeduldig. Und dann ärgerte er sich, so verdrossen zu sein und sich selber wieder die Freude zu vergällen. Und dann ärgerte er sich der dummen Laune, überhaupt das Atelier verlassen zu haben. Er wollte zurück. Aber da er nun einmal da war, war es am Ende doch eigentlich gescheiter ... so schwankte sein Wille, so schwankte sein Weg. Vor dem Brunnen auf dem Platze des heiligen Michael starrte er aufs schwere, schwarze Wasser, das ächzend schwoll. Er war sehr mißmutig und in kurzen, hastigen, abgerissenen, spitzigen und schrillen Pfiffen zerhackte er seinen Verdruß unwirsch vor sich hin. Er wußte es, daß er unnütz und in Ärger seine Zeit verthat, wenn er nicht heimkehrte; aber wenn er heimkehrte, dann war ihm sicher erst recht der ganze Abend verdorben. Er kannte sich, es war ja nicht das erste Mal. Und er war sich wieder sehr zuwider.

Schon entflammte sich das Fest, dieses erste in der großen Kirmeß aller Völker, die den anderen Tag begann. Singen und Jauchzen war überall aus Stolz und Freude. Jungen, unter vielem Geschrei, manche in Masken, brannten Magnesiumfäden, deren weiße Streifen grell auflohten, in den langen Alleen gelber Lampen. In ihm wuchs die Trauer mit dem Jubel um ihn; das Licht that ihm wehe, weil seine Seele finster blieb. Paare schmiegten sich, lachten, küßten; er sah es neidisch. Aber dann raffte er sich zur Verachtung des gemeinen Glückes auf, das nur den Dummen und Gewöhnlichen sich gewährt. Dieses weckte seinen Stolz und durch einige Beispiele aus der Kunstgeschichte, mit denen er sich verglich, beruhigte er sich. Es befriedigte ihn, daß kein Künstler jemals Zufriedenheit findet. Aber es dauerte nicht lange. Er ging wieder zurück, wieder hinauf, einem Mädchen nach. Sie gefiel ihm, und da auf einmal fuhr es durch ihn, daß er eine Mätresse haben müsse.

Eine Mätresse, ja, wie die anderen, gegen die Einsamkeit. Bescheiden, billig, gar nichts Besonderes, nur daß er nicht mehr mit sich allein wäre. Nur daß sie ihm die schwarzen Schmetterlinge wegsinge, die schwarzen Schmetterlinge seiner Grillen und Launen. Da war er immer allein und stöberte sich nur immer im Gehirne und natürlich, da staubte und moderte es dann aus allen Löchern und Winkeln. Da sann er nur immer und sann über Kunst und Leben und je länger er dachte, desto weniger wußte er am Ende und alle Pläne verwirrten sich zuletzt und in nichts mehr that er sich genug. Eine Mätresse – das Hamletische im Künstler verlangt eine Mätresse, unbedingt. Er ließ das Mädchen aber wieder an der Ecke des Germain, weil sie zu eilig in der Freundschaft war. Nein, das liebte er nicht; er wollte werben und erobern nach bezwungenen Gefahren. Und überhaupt: eine kleine Mätresse that es nicht; eine große Leidenschaft war's, was er brauchte. Ja, eine große Leidenschaft fehlte ihm – das war es, wie er sich auch mit allerhand Plänen darum herumreden mochte. Eine große Leidenschaft, die seiner Seele einen »Schups« gäbe und das Geheimnis aufrüttelte, das sie so krampfhaft umklammerte – seine alte, ewige Sehnsucht. Das Gewöhnliche erstickte ihn; er brauchte ein Besonderes, würdig seiner besonderen Natur, ein Ereignis, ja – nicht eine Mätresse, eine Leidenschaft fehlte ihm.

Die Stöße und Schauer einer Leidenschaft, wild und ungestüm, sagte er vor sich hin, zweimal mit einer großen, weiten, runden Gebärde, indem er die Pfeife hinausschwang; und er fühlte, wie ihm die bloße Vorstellung schon das Blut aufwallte und die Seele erweckte, einen Frühling von blühenden Gefühlen. Ja, dieses: durch fremde Gewalt und Erschütterung von außen die Trägheit und den Bann von der Seele zu schütteln, in welchen es schlief, das Unsägliche, drinnen, unten, tief auf dem Grunde – er fühlte es ja so laut, so stürmisch, wie es rauschte und schwoll, hämmerte und pochte, wuchs und rang. Ja, dieses: so einmal vom Glücke aus der Verzauberung befreit, den versunkenen Schatz zu heben, das blieb in Traum und Wachen seine unvergängliche Begierde.

Er war nun aber wieder, das zweite Mal, auf dem Platze von Sankt Michael, vor dem großen Brunnen, dessen lustige Sprünge plätscherten. Und immer noch wußte er sich nichts mit diesem verunglückten Abend, keine Spur. Sicherlich, diese öde Wanderung, immer nur hinauf und hinab, von der Brücke bis zum Garten, vom Garten wieder nach der Brücke, zwischen Gaffern und Schwätzern, deren Fülle schwoll – nein, sicherlich, darin konnte er nicht verharren. An Theater war nicht zu denken; unmöglich, ohne sich eine Stunde lang anzustellen. Die Freunde – ja, das juckte heute alles mit seinen Mätressen herum, zur höheren Ehre von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Also wieder in den Divan Japonais zum hundertsten Male, um zum hundertsten Male der kleinen Rose Pompon zu klatschen, mit dem schiefen Maul und den verkehrt eingehängten Beinen, und zum hundertsten Male die lahmen Späße des dicken Dondinnet zu dulden, der dort Paulus war?

Heimkehren, heimkehren. Immer die nämliche Geschichte, jedes Fest, gerade weil man um jeden Preis sich vergnügen sollte, vorsätzlich, von vornherein. Für die Schneider mochte das angehen; mit diesem grimmig zerknirschten Schimpfe meinte er die anderen alle, außer den Malern. Heimkehren, heimkehren – ja, wer es konnte! Aber dann hätte er sich nicht erst in die Schwärme der Dummköpfe geflüchtet, überhaupt nicht, von allem Anfang an. Zurück in die Folterkammer, die Marter wieder von vorn zu beginnen, noch einmal – lieber gleich ins Wasser! Ja, langweilig hier – zum Sterben, gewiß. Immerhin! Aber dort, das war ja der Wahnsinn vor jenem entsetzlichen Fetzen, Wahnsinn und Verzweiflung ohne Erbarmen. Nun hatte er doch einen schmalen Sessel erobert vor dem Café Soufflet, mitten im Geheul, zu einer beschaulichen, nachdenklichen Chartreuse. Da wartete er. Er wußte nicht, was er erwartete, nur daß er nicht heimkonnte, bevor es nicht gekommen – nein, niemals!

Und wie würde es dann mit dem Großen erst werden, wenn er von diesem schon solche Qual litt, von diesem elenden Quark, der doch kaum noch eine erste Annäherung war und nur erst in behutsamer Botschaft verkündigen, melden und vorbereiten sollte, zur Erziehung der leicht scheuen Menge, vorbereiten auf jenen gewaltigen Traum, auf »das Bild«, wie er es hieß, mit einem besonderen heißen Ton, in welchen er mit vollen Backen alle Hoffnung und allen Glauben blies? Er erschauerte. Ach, der schöne Wahn des ersten jungen Wagemutes! Der schöne, freudige Wahn, sich in rüstigen Märschen zu nähern von Vorwerk zu Vorwerk, unaufhaltsam an die Wälle, von Sieg zu Sieg bis in das letzte Reduit der großen Kunst! Und an jedem neuen Triumph gewänne er neues Vertrauen und an dem Ruhme, dem Stolze wüchse ihm die Kraft – die neue Himmelfahrt mit Posaunen und Pauken, in Engelschören mitten in die Sternenglorie hinein! Ja freilich. Es war eine einzige ewige Fopperei, an der Nase im Kreise herum, von Enttäuschung zu Enttäuschung. Freilich, wenn er begann, jedes mal, nach der ersten Erscheinung des Neuen im jauchzenden Gemüte – aber die Hoffnung hielt niemals, und verächtlich verwarf er das kaum Fertige immer, unwürdig und mißraten. Es waren ja manchmal »ganz schöne Sachen darin«, und neben den Werken der anderen – ja, aber nur an der eigenen Begierde durfte er's nicht messen, nicht an der eigenen Hoffnung prüfen.

Und an jedes Neue, tausendmal enttäuscht, ging er mit kühnerem Mute immer, aus heißerem Rausche, und von jedem Neuen kam ihm nur immer wildere Qual nach tieferem Sturze. Je näher ihm der Geist geriet, desto weiter entfernte sich ihm das Werk von jenem Ziele, und indem Kennen und Können ihm wuchsen, schwand, so schien's, alles Vermögen. Er begriff's nicht, wußte keinen Rat. Jetzt malte er Geringes und Rasches nur noch, das im ersten Taumel geraten mochte, bevor das Fieber wieder verrauchte, damit es ihm nur den Glauben wenigstens versichere, den Glauben an die eigene Kraft, der wankte, und die Zweifel erwürge, die ihm die Seele fraßen. Jetzt malte er nicht mehr Salambo mit der Schlange, von Negerinnen im Bade bedient, mit der Sicht zwischen korinthischen Säulen hinaus auf das weißbesonnte Karthago; noch im Blute der Albigenser den wilden Simon von Montfort, dampfend, verzerrt, glasiger Augen, schnaubend vor Mordlust und lechzend nach Rache, in den aufgewühlten Eingeweiden sich zu sättigen; noch die ewigen Toreadoren in ungeheuren Arenen, Pikadoren, Banderilleronen und Espaden zugleich in phantastischen Scenen, gegen zwanzig Stiere auf einmal, in erster Wildheit und schon verblutete und wie der Degen gerade aus der Muleta blitzt. Jetzt malte er nur noch in engem Rahmen bescheidene Farbenprobleme, ganz einfache und schülerhafte: Die Sonne über der hohen Wiese, welche der Wind bauscht, oder femmes de brasserie, zwei Brüste im gelben, qualmigen Lichte und den flackernden Schatten dahinter auf der schmierigen Wand, im Dampfe der Cigaretten. So im Kleinen und Geringen suchte er jetzt Größe und Gewalt. Es ließ sich schon machen, wenn man sich nur verstand, und »seine Idee«, diese Erlösung der ganzen Kunst, brauchte nicht erst verwegener spanischer Flächen. Im kleinsten van Beers konnte sie sich entfalten, freudig und stolz, und blühte hell und fruchtete reich, wenn nämlich nur der rechte Gärtner drüber kam. Da zerbröckelte ihm mählich das Weh, wie nur so sein schweifender und wankender Gedanke endlich wieder an seinen Liebling gelangte, mit dem süß schmeichlerisch zu kosen und zu tändeln oft seine Wollust und immer sein Trost war, in guten und in bösen Stunden, und indem er sich noch eine zweite Chartreuse vergönnte, deren suggestiver Gunst er gerne vertraute, tauchte er unter in Traum, badete sich in Wunsch und, das farbige Gewühl von seidenen Hüten, sammtenen Baretten und bunten Kapotten versunken, sah er im weißen Rauche nichts mehr, als nur noch in das rosige Gold seiner bräutlichen Hoffnung.

Was lag denn daran, wenn es auch zehnmal, zwanzig-, hundertmal seiner Werbung entwischte? Nur zu – endlich bezwang er das Spröde doch. Solcher Drang in der Seele war kein Betrug, und nimmermehr log so freudige Zuversicht des Gefühls. Und es war ja so simpel, so lächerlich simpel, wie immer das Große, und wer es nur einmal hörte, der wunderte sich, daß man es erst zu sagen brauchte, und es klang ihm lange vertraut. So simpel, so einfältig einfach und darum gerade so unwiderstehlich. Wenn er es ihnen darlegte, den Bummlern von Montmartre, oben in der Citadelle der Kultur, beim schwarzen Kater, hinten in der letzten Stube, wo sich der hohe Rat der Moderne versammelt – ja, da gafften sie wohl verdutzt und manchem Schwätzer verschlug's die Rede vor diesem unerbittlichen und überwältigenden Einmaleins, aber Einspruch oder Entgegnung, nein, hatte noch keiner erwidert, wie viele auch kampflustiger Helden waren. Nein, es gab nicht Widerspruch, auf keine Weise, noch Widerstand wider seine Wahrheit. Eins, zwei, unterjochte sie jeden. Eins, Naturalismus – das pfiffen schon die Spatzen als das große Gebot; aber, zwei, kam denn nicht, wie der Geschmack auch wechselte und neue Forderungen formte, kam denn Malerei nicht immer noch vom Malen, Farbe ewig vor allem anderen?

Also, das war sein kolumbisches Ei. Farbe, schrieen sie hier und mißhandelten die Begierde der Wahrheit; Wahrheit, schrieen sie dort und mißhandelten die Begierde der Farbe. Farbe und Wahrheit, beides, antwortete er beiden. Nämlich er nannte es »dekorative Musik aus naturalistischen Tönen«. Daß das Ganze sänge, farbige Hymnen und brausende Symphonien in die Augen gösse, das forderte er mit den Koloristen. Aber ein doppeltes Leben lebten diese Klänge, lebendig auch außer dem Rhythmus, weil jeder einzelne aus der wirklichen Welt geholt und im Natürlichen vollzogen sein sollte. In der Rede natürlich verwirrte sich das; im Pinsel war erst sein Beweis. Sagen ließ es sich schwer: er mußte es ihnen zeigen. Alle Fingerspitzen prickelten ihm ja davon. So dieses, seine Qual jetzt. Wenn das große Unglück nicht gekommen war – aber endlich, der Theorie that das nichts, sie blieb daran begreiflich. Es war der Lyrismus des Roten. Seine ganze Seele gab darin das Rot, alle seine Gefühle, seine Absichten, seine Wünsche, in klagenden und hoffenden Sonetten; und überhaupt eine völlige Biographie des Roten, was in ihm geschah und nur überhaupt mit ihm geschehen konnte – ja, oder eine Psychologie des Roten, so mochte man's heißen. Es war ein kräftiges, männliches und thätiges Rot, das seinen Stolz mit Maß und Würde feierlich entfaltete; aber er führte es zurück bis in das schmachtende Geheimnis der ersten Sehnsucht, und er steigerte es bis zur Brunst und zum Haß – durch alle Schicksale und alle Leidenschaften trieb er es, hastig und unstät.

Aber im wirklichen, in den schlichten Tönen des täglichen Lebens vollzog sich dies hohe Lied des Roten, statt in den Hyperbeln der Coloristen. Es war ein großer, wohlgesottener Hummer, in welchem er die Herrschsucht und Gewaltthat des Roten verleibte, sein Schmachten an einem Lachs daneben und das Schelmische und den Frohsinn an vielen Radieschen in heiteren Wechseln. Aber die große, letzte Beichte seiner ganzen Seele hing in einem schwerbauschigen, purpurnen Teppich vom Tische, den Sonne streifte, schmal, aber von desto feurigerer Glut. Ach, wenn er sich erinnerte, wenn er sich der brausenden Herrlichkeit erinnerte, iu der es ihm zuerst erschienen, ein glorreiches Erlösungswunder ohnegleichen. Immer die nämliche Komödie allemal: erst Gnade und Rausch in Fülle, kaum faßlich und über die Kraft, und dann die Zweifel und die Reue und die Angst, und endlich die grimmen Schrecken der Verzweiflung, aufwühlerisch bis in die Eingeweide und blutdürstig ohne Erbarmen. Immer die ewig gleiche Komödie ohne Wechsel. Und immer noch ließ er sich wieder äffen, hundertmal betrogen, hundertmal enttäuscht, hundertmal verhöhnt. Immer bethörte ihn wieder der Wahn, daß es diesesmal endlich wirklich gekommen, das Selige, über den Gläubigen, seine Treue zu lohnen, und daß es diesesmal die Wahrheit sei. Und immer wieder verrauschte das holde Fieber wie ein rascher Traum und war niemals zu halten. Und nun war noch das große Unglück geschehen, ganz nahe schon am Heil, dieses furchtbare Unglück!

Nein, er konnte nicht heim, so konnte er nicht heim, bevor er keinen Trost gefunden. Lieber irren und schweifen die ganze Nacht, über die Brücken, durch die Straßen, wie ein landflüchtiger Bettler, lieber durch Not, Hunger und Schande, alles, alles – nur nicht heim! Nur nicht zurück in die wahnsinnige Folter! Und er klammerte sich an den kleinen, runden Marmor mit beiden Fäusten, wie zur Wehre gegen einen tödlichen Feind und blickte wild. Und er entschied sich für eine dritte Chartreuse. Sicher, diesesmal wär' es geglückt: so handgreiflich und lebendig bis in die zarteste Ader hatte er ja noch keines geschaut, kein anderes jemals mit so deutlicher Gewißheit. Es war ja da, fertig und reif, und nur zu heben brauchte er es aus der Tiefe und mit gehorsamem Stifte nur die Züge nachzufahreen, die festen, unabänderlichen Züge in seiner Seele. Aber da war das große Unglück gekommen, das schurkisch verlarvte Unglück.

Heimtückisch war es herangekrochen über den Arglosen. Salon, jour du vernissage – er hatte ein Bild dort, einen finsteren Kohlenschipper, lebensgroß, derb, trotzig, mit den Runzeln der Not und den Muskeln des Hasses, wie er gerade ein Butterbrot frühstückte, niedergekauert auf seinem Karren; gleich links im zweiten Saale neben der hellen Ziege der Elisabeth Gardener. Er hielt selbst nichts davon und spottete: Sudelei, für die Mäcene und Philister – was er den »dummen Bourgeois« hieß; weil man doch endlich leben will. Überhaupt nur vieux jeu in der ganzen Bude, für die Schafsköpfe und Millionäre. Und so flüchteten sie sich nach raschem Hohn, und wie nur jeder sein Bild aufgesucht und betrachtet hatte, zu Ledoyer hinüber, frühstücken, an einem sehr langen, gegen mutigen Durst wohlgerüsteten Tische, mit entsetzlichem Lärm, damit die akademischen Zöpfe daneben es merkten, daß da die Zukunft war. Und da, ja da, in diesem fröhlichen, hellen, lustigen Bretterverschlag, da traf ihn der Fluch hinterücks, aus einem vortrefflichen, saftigen und sanften Lachs, dem man keine Tücke ansehen konnte, wie er so mit rosigem Schimmer in der üppigen Kräutersauce sich wiegte. Aber diese Sauce gerade, diese grüne Kräutersauce, der Stolz des Koches – ja, die war es gewesen. Die hatte ihn geschlagen. Ähnliches hatte er nie gesehen, niemals zuvor, so lange er sich erinnerte, ein milderes und süßeres Grün, so schmachtend und so freudig zugleich, daß man gleich singen und jauchzen mochte. Das ganze Rokoko war darin, nur noch in einer viel gütigeren, sehnsüchtigeren Note. Es mußte auf sein Bild. Es mußte auf sein Bild, gleich, heute noch, noch in dieser nämlichen Stunde – er zitterte atemlos in kaltem Schweiß, daß ihm nicht einer zuvor käme. Kein Freund begriff seine Hast, sein Fieber, seinen Taumel. Die Rede verschlug's ihm, er stotterte nur und schnaubte – die ganze Welt hätte er umarmen mögen, ohne diese jagende Angst, daß sie es merken könnten, die blinden Thoren. Und so im hellen Wahnsinn stürzte er fort. Und so, jauchzend, fuchtelnd, weinend, stürmte er heim. Der junge Frühling wetterte gerade im ersten Donner und die Wolken brachen sich in wilde Wogen; einsam waren alle Straßen und kein Wagen fand sich. Er achtete es nicht und rannte. Regen schlug ihn und es peitschte ihn der Sturm mit nassen Hieben. Er rannte nur und rannte. Bis an die Knie watete er im Schlamm und den Hut raubte ihm ein heulender Stoß. Er achtete es nicht und rannte und rannte. Manchmal, indem er einen Augenblick Atem schöpfte, schrie er laut auf, grell und schrill, weil die unbändige Lust nicht mehr zu halten war. Und er klatschte und tanzte und drehte sich im Kreise wie ein besessener Derwisch. Und dann wieder, eilig und blind, rannte er und rannte.

Ach, wenn er sich erinnerte! Er sah nichts als dieses Grün, nur dieses neue Grün, und er hörte es, in jauchzenden Weisen, und er fühlte sein lindes, sammtenes, schmeichlerisches Fleisch. Und von diesem Grün, wie von einem göttlichen Wunder, strahlte in üppigem Segen die neue Kunst und wandelte über die Erde in begeisterten Propheten und warb Priester dieser neuen, schöneren Religion und alle die seligen Völker wallten zu dem gebenedeiten Stifter mit Weihrauch und Gebet, und Messen dampften ihm überall auf der Erde, Messen von ewigem Ruhm und Preis, und unsäglicher Jubel und dankbare Wonne und unerschöpfliche Bewunderung umringten ihn – und er rannte und rannte durch das krumme Gewinkel des lateinischen Viertels, immer hastiger und wilder, daß er es nur nicht versäume, in stürmischen Sprüngen, bis er atemlos, röchelnd, ohne Sinne zusammenbrach, für tot, auf dem Boulevard Arago, vor seiner Werkstatt. Ah, wenn er sich erinnerte, dieser Seligkeit ohnegleichen, dieser jauchzenden, taumelnden Wollust ohne Beispiel! Noch siedete ihm das Blut und alle Nerven wirbelten sich zum Tanz, wenn er bloß daran dachte. Er hätte gleich wieder laufen mögen wie damals; es ließ ihn nicht sitzen. Er wanderte wieder den nämlichen Weg wie zuvor. Er wußte nicht wohin, wozu, fragte nicht, träumte nur, träumte von jenem Glücke.

Drei Tage hatte das Glück gehalten, drei rasche Tage, und alle Jahre seines anderen Lebens hätte er dafür geben wollen, alle Jahre, sogleich. Drei Tage im Fieber, vom ersten Morgen, wenn's kaum graute, bis in den letzten Abend, wann ihm endlich die Nacht die Bürste aus der Hand schlug, ohne Rast, keinen Augenblick, nicht einmal für Trank oder Speise, nur an der Staffel, bis es verwandelt war, das alte Bild, nach dem neuen Gedanken, und seiner Hoffnung glich, Thron und Altar jenem Grün. Welche Tage! Am ersten hatte er das Grün unterjocht, und da er sank, gehorchte es in friedlichem Glanze seinem Dienste. Ah, unvergeßlich, unvergeßlich, ewig! Er konnte nicht scheiden, nicht ruhen, sich nicht sättigen. Alle Lichter zündete er an, was er an Stümpfen nur auftreiben und ausleihen konnte, umkreiste mit ihnen feierlich das Bild, daß es unter vollen Strahlen war, und rückte das Feldbett gegenüber, es unermüdlich mit zärtlicher Andacht zu betrachten. Und er sann und sann, indem er schaute und schaute, die ganze Nacht. Und es wälzten sich seine Gedanken und seine Hoffnungen rollten immer verwegener und kühner. Und es war eine große Freude und viel Vertrauen in ihm, daß er gleich sich hätte aufschwingen und fortfliegen mögen über die Wolken zur Sonne. Und er fühlte eine seltsame Kraft, der nicht zu widerstehen war, und alles Leibliche schien von ihm gestreift und er wunderte sich nur, daß die Engel noch nicht kamen, mit rosigen Schwingen und ganz feinen, hellgrünen Tupfen am Ansatze, um mit Hosiannah und Kuß seine Himmelfahrt zu grüßen.

Er entkleidete sich nicht; er wich nicht; er schaute nur und schaute. Es war ihm namenlos gut und als ob er keiner Nahrung und nichts mehr bedürfe, wenn er nur so schauen könnte, ewig, ohne Ende. Es zitterten ihm die Finger, und er erschrak, seine Augen im Spiegel zu sehen, so unheimlich glänzten sie, groß und tief, von einem schwarzen Feuer. Als die Nacht schon sich wendete, hatte er einen eiligen Traum. Es schritt eine helle Fee und warf Sterne auf sein Bild. Da erblühten Rosen in dem Grün und bläuliche Lichte vermischten sich, eine himmlische Wonne, und ein Schauer ging über die Wand, daß alle Farben sich verwandelten, noch tiefer leuchteten und noch heller fangen. Und er stürmte auf nach dem Pinsel, diesen Wechsel des Grüns zu erhaschen, und den anderen Abend, nach zwölfstündiger Lust, da, er begriff's noch kaum und wollte es kaum glauben, da wirklich, ja, war's fertig. Es war fertig. Ah, höhnische Spiegelfechterei der Hölle! Es war fertig. Wie er damals fortgegangen war, den Boulevard entlang durch den lachenden und jubelnden Frühling, wie ein König stolz, der zu Triumph zieht, selig wie ein Pilger, der von der heiligen Gnade mitbringt – und niemals waren die jungen Blüten so helle gewesen und niemals alle Mädchen so lieblich und küssig und zu den müden Arbeitern, die von der Fabrik kamen, hätte er reden mögen, trostreich, daß jetzt alle Not ein Ende hätte und die Hütten feiern sollten, und von den höchsten Türmen hätte er es verkündigen mögen, daß es fertig war, fertig, fertig, so unfaßlich es war, wirklich fertig!

Er stellte es sich ganz deutlich vor, ganz langsam, wie es gekommen war, in allen Teilen, eines nach dem anderen, damit er jedes einzelne für sich genieße und sich ganz mit seinem köstlichen Geschmacke erfülle. Er mußte lachen, wie er an Ledoyer dachte und die Sauce – übrigens, wenn die Gravitation vom Falle eines Apfels, dann mochte es sich die neue Kunst schon gefallen lassen, vom Glanze einer Sauce zu beginnen. Und dann: sein Grün, wie er es mit dem Hummer und den Radieschen befreundet hatte, unermüdlich mischend bald mit Schatten, bald mit Licht, bis es sich vertrug, und wie er es dann aus jener nächtlichen Erscheinung verwandelt hatte, sein Grün war zudem jetzt ja völlig ein anderes. Und da, plötzlich aus dem Hinterhalte über den Arglosen her, daß es ihm den Atem verschlug, mitten im Glück, hatte ihn dieser furchtbare Schreck überfallen, diese namenlose Angst: ob es denn überhaupt war, sein Grün, irgendwo in der Wirklichkeit, außer seiner Einbildung! Denn offenbar – ja, dieses war nicht zu leugnen: wenn es in seiner Erfindung bloß lebte, wenn es kein Gleichnis hatte in der Wirklichkeit, auf das es sich berufen konnte, wenn es erlogen und erheuchelt war, aus üppiger Laune, ja, dann – dann, es war ja nicht auszudenken! Es war ja nicht auszudenken, daß es dann wieder nur höhnischer Betrug gewesen, wieder nur äffender Wahn der Eitelkeit, und daß er wieder die Leinwand zerreißen und den verräterischen Pinsel zerfetzen konnte, um wieder von vorne anzufangen, wieder von Plan zu Plan hilflos zu irren und wieder ohne Rat und Rettung zu verzweifeln.

Und seitdem jagte er unstät wie ein Geächteter nach seinem Grün, immer nur nach seinem Grün, ob er es nirgends fände in der Wirklichkeit. Seitdem wanderte er durch alle Straßen, kroch in alle Winkel, lungerte in den Hallen, klomm auf alle Türme und schweifte durch die Dörfer. Und er wußte es nicht zu denken, wie er es denn machen sollte, dieses Leben zu ertragen fürderhin, auch nur noch acht Tage. Wohl redete er es sich vor, dem Zufall zu vertrauen, in Geduld zu harren und in Arbeit zu vergessen. Wohl verhing er das Bild und rüstete eine neue Wand. Aber er hatte die Kraft nicht mehr, sich aufzuraffen und das Leid zu verwinden. Er war ganz erschöpft und seine Seele hatte weggegeben, was sie an Mut, Wille und Entschlossenheit besaß. Wenn es nicht von außen kam, aus Zufall, ohne Zuthun, ein Geschenk – aber es hätte wohl bald sein müssen, wenn's nicht zu spät werden sollte. Manchmal meinte er, wenn der Tote erst aus dem Hause wäre, wenn er's vernichtete, in Stücke schnitte, verbrännte –! Er wagte nicht, nach der Mauer zu sehen, wo's lehnte, und es verschnürte ihm die Kehle, so oft er vorüber kam – aber doch wieder, wenn's nimmer dort hinge, dann war ja überhaupt alles aus, hoffnungslos. Und immer wieder, alle Tage, verschob er den Mord, ob nicht vielleicht doch in der höchsten Not noch irgendwie Hilfe erschiene.

Eine Hilfe, eine fremde Gnade, ein Ereignis. Er wußte nicht, was es sein konnte, aber er hoffte mit inbrünstiger Zuversicht, weil er ja anders nicht leben konnte. Freilich, es mußte wohl ganz was Besonderes und Seltsames sein, gar nicht vorzustellen, daß es zugleich mit Leidenschaft ihm das Geheimnis aus der Seele aufrüttle und dennoch auch wieder friedliche Gelassenheit und heitere Ruhe gewähre, zur Ordnung des Wirbels und Hut gegen raschen Betrug: wahrscheinlich, eben, wahrscheinlich konnte es doch nur ein Mädel sein, das kräftige und thätige Wunder. So wanderten seine Gedanken, während er wieder durch die wachsenden Flammen schritt, wieder nach dem Flusse, und maßen Vergangenheit und Zukunft an Wünschen und Hoffnungen. Sie schweiften weit zurück bis in den bescheidenen Frieden seiner ersten Jugend, so fruchtbar an Träumen, an holden und kühnen, da unten weit in seiner kleinen, stillen, niederösterreichischen Heimat. Sie schwelgten in jenen seligen ersten Erfolgen, als sein Name das erste Mal im Wochenblatt stand und er das erste Mal berühmt war. Nur wenn sie sich vorwärts wagten ins Künftige mit büßendem Vorwitz, da scheuten sie gleich, bäumten sich schreckhaft und erbebten, weil da nur Elend und Not überall war, grausamer jeden Tag und immer gefräßiger und – er wußte sich keinen Widerstand mehr, keine Rettung, keine Hilfe. Er schüttelte sich mit rascherem Schritte, um die Gedanken wie lästige Fliegen zu verscheuchen. Ja, vom Denken kam's, das klagte er an, vom Denken nur kam der ewige Fluch, weil er grübelte und sich quälte, statt drein zu leben und drein zu schaffen auf gut Glück wie die anderen. Und wenn er von allen Hoffnungen keine bewährte und von allen Versprechungen keine erfüllte mit allem großen und kühnen Talente, das kein Neid und keine Bosheit ihm leugnete – es war nur die Schuld der Gedanken. Die lähmten und entkräfteten mit Zaudern und Zögern, und indem sie alle Wege links und rechts durchforschten und durchwühlten mit Fragen und Zweifeln, nach allen Richtungen, nimmermehr zufrieden, blieb er unbeweglich nur am nämlichen Flecke ewig und kam nicht vorwärts mit aller Hast, nicht einen Schritt. Sie waren der alte Erbfeind seiner That und nimmermehr konnte er Redliches schaffen, wenn sie nicht gebändigt waren zuvor, erwürgt und erdrosselt, daß sie ihn dem Augenblick überließen, frisch und mutig, rüstig geradeaus ins Dickicht, durchs Gestrüpp über Stock und Stein, wie's gerade kam, nur vorwärts, unentwegt, wenn's auch vielleicht ein Umweg war – irgendwie fand man sich doch am Ende in der Nähe des Zieles. Er ermahnte sich durch manches Beispiel schon berühmter Freunde, deren Werke er selber nicht tadeln konnte, obwohl sie der Menge gefielen: wie sie die Arbeit herunterrissen, schlecht und recht, wie's sich gerade fügte, handwerksmäßig, alle Tage ein gemessenes Pensum, Stück für Stück, Gelungenes und Mißratenes durcheinander, ohne Schrullen, ob sie es nicht vielleicht noch besser vermöchten, ohne die blutige Nostalgie der Vollkommenheit, und wenn's heute nicht gelang, gelang's morgen, und wenn's niemals völlig gelang, es verlor sich nicht, es kamen schon andere später, und wenn die Sehnsucht der Jugendträume nicht Frieden fand, wenigstens am Ende, wenn sie zurücksahen auf das verlaufene Jahr, wenigstens war was vollbracht am Ende und es blieb eine Spur, daß sie gelebt und gewollt. Er beneidete solchen sorglosen Leichtsinn, der sich beschied mit der Gabe des Tages, genügsam, dankbar, hoffend, statt im Titanischen zu verschmachten, dem selbst das Kleine zuletzt versagte, ohne daß es das Große bezwang, trotz aller stürmenden, mörderischen Begierde. Es gelang ihnen alles, und ihm gelang nichts, weil sie nichts dachten, und er dachte an alles.

Nichts denken, nichts denken, nur rüstig geschaffen, wie es die launische Stunde gewährt, jetzt verschwenderisch und jetzt spröde. Aber freilich, geraten war billig, und diese Franzosen, ja freilich, hatten leicht singen und tanzen: sie hatten ein Volk und eine Geschichte. Da fand jeder ein reiches und stolzes Werk, die langsame. That aller Ahnen, und die Vorschrift war deutlich für seine Arbeit und Genossen waren mit, rüstig, werkfroh, hilfreich; da mochte das Kleine genügen, weil es am Großen geschah, und das Unfertige der Gesellen vollendete schon einmal ein Meister; da bedeutete auch der einzelne, so schwach und gering sein Vermögen, weil er in der kräftigen Gemeinschaft war. Aber die Deutschen! Tot seit zwei Geschlechtern, tot im Geiste und in der Kunst, zum Scheine nur mit den Körpern lebendig in der Gebärde des Fressens und Saufens – und das mußte wohl die That eines Riesen sein, der die Versäumnis fast eines Jahrhunderts einholte und den Starrkrampf brach mit wuchtigem Streiche! So verzweifelte er in seiner einsamen Folterkammer daheim und verzweifelte, wenn er sich flüchtete, im Gewühle der Straße und unter den Fröhlichen, wenn er zu Freunden ging, verzweifelte er erst recht und Grimm und Haß und Neid und Schmerz und Sehnsucht, wild durcheinander, fraßen an ihm und es half nichts, als daß er es eben einmal versuchte und irgend ein Weib nahm, nur sich zu beschäftigen und zu betäuben, damit er das Denken vertriebe. Das alles mit der großen Leidenschaft, das war ja dumm. Ein lustiges, frisches und vergnügliches Weibchen – wenn sie nur lachte und lärmte. Ein Weib gegen die einsame Qual, wie man Cigaretten nimmt gegen Zahnschmerz oder Opium, wenn der Schlaf zaudert; irgend ein beliebiges Weib, welche Sorte ihm just der Zufall zuwarf – es konnte ihm ja nicht fehlen im Quartier, es gab ihrer wahrhaftig gerade genug. Und indem er sich die Manschetten hervorschwippte und den Stock in die Rocktasche schob, daß der schwere silberne Knopf gerade an die Krempe des Seidenhutes zu lehnen kam, rüstete er sich zur Schürzenjagd und versandte werbende Blicke. Schürzenjagd, Mädchenfang, nur immer rein ins Vergnügen, nach dem Beispiel der Bummler und Gaffer da ringsum, nur freilich sub specie aeterni, nicht für das eigene Gelüst, sondern im Dienste der Kunst, daß sein Abenteuer eine Wiedergeburt des Geistes begänne und die Erneuerung der Menschheit.

Er musterte, die vorübergingen. Manche konnte gefallen. Einer mit lechzenden Augen – er war für das Heiße, Spanische, gleich mit dem Dolch, und Rasse, Rasse mußte sie haben – folgte er. Er hätte sie wohl anreden mögen. Aber wie er sich auch entschloß, er wußte es nicht einzurichten, und da lächelte sie seiner Verlegenheit und da ließ er sie wieder, weil es ihn verdroß. Nein, schüchtern war er nicht; aber das mochte er wohl gestehen, daß er eitel war, sehr eitel, heillos, wie nun einmal die Künstler alle, und um keinen Preis hätte er was Gemeines und Tägliches gesagt, wie die anderen begannen, mit der nächsten Albernheit, sondern aufs erste Wort gleich, daß kein Zweifel möglich, müsse sie es gewahren, aber sofort, daß er ein besonderer wäre, einer für sich, anders wie die anderen. Und indem er so nach einer gefälligen und reizenden Einleitung grübelte, munter und wunderlich zugleich, deren sich kein Lustspiel zu schämen brauchte, indem verpaßte er jedesmal die Gelegenheit und verspätete sich. Und es wuchs sein Ärger, daß es in diesem Geringen selbst ihm nimmermehr glücken wollte – Thorheit, daß er erst suchte; es fehlte ihm doch einmal das Talent zum Glücke. Und dann überhaupt: suchen durfte man nicht, man mußte es finden. Wenn er nur fleißig wanderte, bummlerisch, schlenderisch, geduldig, faul und zuversichtlich, gewiß, dann kam es schon von selber. Und er wanderte wieder. Aber es ward ihm endlich zu dumm. Es sausten ihm die Ohren und die Knie wankten ihm. Nein, das Gewühle, vor Heulen und Drängen, war nicht länger erträglich. Er wollte noch einmal hinunter, den Louvre noch einmal zu sehen und noch einmal seinen geliebten Strom, und dann drüben bei Dreher neben dem Chatelet im Wiener Bier sich mit den nötigen Schoppen gründlich begießen, bis er schwer und voll und dumpfig genug wäre, daß er schläfrig sich heimwagen könnte.

Auf der Brücke verweilte er. Er konnte sich nicht sättigen an diesem Bilde, wie in rotem Feuerrahmen die finsteren Türme unserer lieben Frau gespenstisch grauten, hinter einem schwanken, aus silbernen Nebelstreifen gewobenen Schleier, ein köstliches Märchenwunder, schaurig und traulich zugleich. Und grüner, gelber, roter Blitz, in eiligem Wechsel, schoß über das schwarze Wasser, das feindlich stöhnte. Da gewahrte er ein kleines Mädchen, ganz klein, das völlig allein war und stille für sich in dem lauten Schwarm. Offenbar, sie hatte nichts zu thun, sondern schlenderte wie er. Sie trippelte ganz gemächlich, hatte neugierig den Kopf in die Höhe nach allem Schauwürdigen, und lange guckte sie an der Brüstung nach dem rauschenden Strome. Offenbar aber suchte sie auch keine Gesellschaft und war nicht gesonnen, sich eine gefallen zu lassen, sondern wenn sich wer an sie drängte, schaute sie ihn, ohne eine Wort zu erwidern, nur aus großen grauen Augen verwundert an und kehrte ihm den Rücken. Wann aber einem das noch nicht genug war, wie diesem geckischen Gymnasiasten, der seine betreßte Uniform unwiderstehlich glaubte, beschleunigte sie ihren kleinen Schritt ein wenig, indem sie mit hochmütig aufgezogenen Lidern das Köpfchen rückwärts zur Seite neigte, und fing, indem sie ungeduldig mit den Fingern schnappte, daß es schnalzte, leise vor sich zu singen an, daß ihm wohl die Lust vergehen mußte, in so verlorener Werbung zu verharren. Er lachte hell auf, daß es den gravitätischen Gymnasiasten mit den schweren weißen Handschuhen, deren steife Fühler sich stachelig weit über die Fingerspitzen hinaus borsteten, gewaltig verdroß, wie er traurig und nachdenklich, ohne sich's erklären zu können, davonstorchte. Es war so drollig, und keines lieblicheren wußte er sich, es war lange her, zu erinnern, als dieses so ganz kleinwinzigen und so unnahbar hoheitsvollen Fräuleins, das sich kaum herabließ, nur überhaupt diese gemeine Erde zu berühren, wenn sie wie ein spöttisches Hochmutsteufelchen dahin schritt, sondern es war vielmehr, als schwebe und gleite sie bloß durch die Luft und werde von einem verliebten Zauber behutsam und zärtlich getragen, den man nur nicht sehen konnte. Ganz gewiß, das war sein Abenteuer – sonnenklar. Bequeme Musterung von seinem Posten. Sie konnte nichts merken, weil sie nur auf's Wasser sah, wie die grellen Fackeln schossen, und dann wieder in die blauen Wolken, wohin manche prasselnde Rakete schweifte. Aber neben sich auf die Menschen sah sie mit keinem flüchtigen Blicke. Er prüfte scharf – oh, er war ein Kenner! Nein, Genreuse durchaus nicht, wenigstens von der hohen mondänen Marke nicht, Corylopsis, sondern höchstens von der pudelmäßigen montmartresken allenfalls, Henri Boutet. Mit allen Seufzern konnte er das nicht leugnen: auf Chic nämlich war er versessen und hielt viel auf die richtige »Emballage« der Schönheit, weil sie zum mindesten doch »dekorativ wirken« sollen, die Weiber. Aber es hat diese Sorte dafür den Vorzug, daß sie wenigstens rasch ausgezogen und angezogen ist, ohne lange Geschichten.

Ganz klein war sie, zerbrechlich anzuschauen, und ihr schmächtiger Leib war biegsam wie Schilf, aus welchem das zause Lockenzöpfchen unter der hellgrünen Kapotte wie eine gelbe Wasserlilie guckte. Und Gesicht – ja, Gesicht, stellte er fest, hatte sie überhaupt keins: was man so ein rechtschaffenes Gesicht nennen könnte, deutliche Züge, die man merkte und an welchen man sie von den anderen unterschiede; sondern es war nur eine leere Bühne, auf der noch nichts aufgestellt und noch nicht gespielt worden war, als hätte unter dem schwarzen Schleier, der mit großen Sternen getupft war, ein feiner Pinsel rosenrot hingewischt, ganz eilig, und nur das aufgeschürzte Näschen flatterte heraus wie ein widerspenstiges, in zwei zitternde Fäden ausgefranztes Bändchen. Wenn man sie wiedererkennen wollte, mußte es wohl an den großen grauen Augen geschehen, die aber eigentlich gar nicht grau, sondern vielmehr grün, aber von einem hinter einem silbernen Gewebe verschleierten Grün und in einen schmalen, leuchtenden Reif wie in einen Heiligenschein gefaßt waren – ein schönes, technisches Problem, das herauszukriegen! Nein, es war doch nicht sein Abenteuer. Freilich, zuletzt war's Wurst, weil sie ja nur zur Beruhigung der Nerven und ein Instrument für seine Arbeit sein sollte. Aber gar zu weit durfte sie sich doch nicht von der idealen Frau entfernen, von der gewissen idealen Frau – und überhaupt die Blondinen mochte er nicht leiden. In seinen Hoffnungen spielte sie eine sehr große Rolle, diese ideale Frau. Freilich, er lief nicht mehr wie der fünfzehnjährige Knabe weinend über die Wiesen, ganze Tage bis tief in die Mondnächte des Frühlings, in atemloser Hast, unstät nur vorwärts, nur vorwärts, durch den tiefen Wald in die einsamste Schlucht, von stacheliger Begierde gepeitscht, ob ihm die gute Fee nicht begegnete, die jeden Schlaf in seine Träume kam, mit heißen, schwarzen Augen und sehr bleich, so todesbleich. Aber immer noch, jedesmal, wenn er an das Glück dachte, ob es sich ihm wohl jemals beschiede, sah er sie immer vor sich, sehr groß, sehr königlich und den herrschaftlichen Stolz von einer sanften Trauer gemildert, wie von einer langen Sehnsucht nach ihm, in der sie freudlos gewandert war; für die »schweren Weiber, Pinzgauer Schlag«, wie sein Freund Marius das hieß, als wären sie eben erst vom Sockel heruntergestiegen, kaum zum Leben erweckter Marmor – ja, für solche statuäre Schönheit hohen Stiles hatte er immer eine besondere Schwäche gehabt. Er hatte sie so oft geschaut, so greifbar deutlich, die ideale Frau, daß er sie auf den ersten Blick erkennen mußte, wann er sie endlich fand. Im Detail allerdings hatte sich manches verwandelt: oft war sie eine adelige Fürstin gewesen, die durch seine Wahl ein jauchzendes Volk begnadete, und sehr oft eine wilde Kunstreiterin, wegen der brennenden Reise, oder auch eine sehr lasterhafte, gesunkene Courtisane, welche er durch Liebe zur Tugend bändigte und magdalente. Aber anders immer als die anderen und über das gewöhnliche Maß, seltsam und unfaßlich, daß der Pöbel ehrfürchtig wich und in scheuer Andacht sich neigte, wenn sie sich in breiten Straßen der Bewunderung zeigten – das war er schon seiner Künstlerschaft schuldig.

Was ihn reizen konnte allenfalls an dieser Kleinen, das war nur ihre Gangart: dergleichen hatte er nimmermehr geschaut und in jedem Schritte schwelgte er wie in einer sehr sehnsüchtigen, schmachtenden Musik klagender Geigen, in den süßesten und feinsten Strichen. Die schneidige und rauhkantige Bewegung, welche den weiblichen Leib, wenn er ausschreitet, entstellt, vermied sie, und nur an dem Erfolge bloß wurde man es gewahr, daß sie wirklich ging; aber es schien vielmehr der Boden unter ihr zu gehen, damit er ihr die Mühe erspare, und sie ließ es sich nur ruhig gefallen. Er wußte sich das Rätsel nicht zu erklären, wie sie diesen Schein vollbrachte, und wußte nur, daß es unsäglich hold und anmutig war. Und ganz entschieden auch ihre Augen, ja – auch diese Augen mit ihrer schmerzlich fragenden Sehnsucht, als ob sie Heimweh hätten nach einem unbekannten Lande, und könnten es verwundert nicht begreifen, wo anders als dort zu sein. Also, wenn er es wog: den Abend würdig zu schließen, und weil es drollig sein müßte, wie sie sich anstellen würde – versuchen konnte er es immerhin, weil einmal schließlich keinmal ist bei den Weibern; morgen früh schied man wieder auf Nimmerwiedersehen. Und wenn sie etwa nicht mitkam, wenigstens war eine Stunde vertrieben. Nur galt es, sich durch das Beispiel des Studenten zu warnen und pfiffiger zu verfahren. Weil dieses schwieriger war, zweifelte er nicht, daß es ihm leichter gelänge, als in den gewöhnlichen Fällen. Und wie ihm eine lächerliche Erinnerung aus einer dummen Operette einfuhr, vertraute er sich diesem Mittel. Er näherte sich mit höflichem Anstand, zog artig den Hut, und mit einer ritterlichen Verbeugung, wie sie in den Komödien der alten Galanterie zu sehen sind, sagte er würdig, wie was Selbstverständliches und Unvermeidliches, das sich gebührte: »Sie würden mich, mein Fräulein, sehr verbinden, diesen Knopf an meinen Rock zu nähen, gütigst, weil er abgerissen und es mein bester Rock ist, sicherlich, ohne welchen ich morgen nicht zur Eröffnung der Ausstellung könnte, wo ich doch ein großes Bild habe, ›Bei Vater Lunette‹, Nachtscene, in der österreichischen Abteilung, wie Sie an meinem Accent bereits gemerkt haben dürften, im zweiten Saale gleich links, wenn man hineinkommt, den Charlemonts gegenüber, in der Gegend des Hirschl aber, Gott sei Dank, nicht ganz so galgenmäßig hoch wie dieses unglückliche Genie« – hier ging ihm der Atem aus in seiner hastigen und immer eiligeren Rede, die er sonst vielleicht noch auf allerhand Wissenswertes ausgestreckt hätte. So aber nahm er den Knopf und überreichte ihn, wie kein Page je zierlicher die holdeste Romanze seiner Dame, und war verwundert und stolz zugleich seiner glücklichen Kühnheit.

Sie empfing den Knopf, und sachverständig betrachtete sie ihn genau und die Stelle am Rocke, wohin er gehörte, und nachdem sie sich durch so gewissenhafte Probe überzeugt hatte, daß es wahr war, wie er es gesagt, und eine Weile in ihren Taschen gestöbert hatte, sagte sie ernsthaft mit einer kleinen, hellen, warmen Stimme, ganz nur mit dem Sachlichen beschäftigt: »Aber da müßten wir schon zu Ihnen gehen, ich habe weder Nadel noch Faden.« Aha, dachte er sich vergnügt. Aber er erwiderte bloß: »Oh, das macht ja nichts.« Da blickte sie plötzlich mit einem raschen, gelben Schusse aus ihren hellen Katzenaugen zu ihm empor, und indem sie lustig den Knopf weit weg schnippte, mit einem tüchtigen Stüber, daß er geschwind die Brüstung entlang und ins Wasser kollerte, fing sie hell laut zu lachen an. Sie hatte die Finte begriffen. Und gleich wie an einen alten Freund hängte sie sich zutraulich an seinen Arm, und indem sie immer noch kicherte und sich freute, erklärte sie ihm, warum es nicht möglich war, heute: daß die Cousine ohnedies schon wieder wettern würde, dieses Scheusal, aber begleiten durfte er sie bis ans Thor. Und gleich als von höchster Bedeutung erzählte sie ihm ihr ganzes Kreuz mit der Cousine, mit beweiskräftigen Belegen, wie sie ihr jede harmlose und unschuldige Freude neidisch vergällen wolle, aus reiner Bosheit, und daß sie selbst alt und gescheit genug sei, allein über sich zu wachen und schon von selber zu wissen, was sie zu thun und was sie zu lassen hätte, und daß man leicht anderen Vorschriften predigen könne, wenn man selber alle Morgen bis zehn Uhr in den Tag hinein schnarche, faullenzend in den warmen Federn. Er hielt es erst nur für windiges Geziere, bei jüngeren und noch ein wenig schüchternen Semestern schandenhalber beliebt, und ernsthafter, eindringlicher bekräftigte er seine Bitte. Doch fand er, ohne daß sie sich erzürnt hätte, einen so unbeugsam und unabänderlich entschlossenen Widerstand, daß er, sobald er nur der Höflichkeit genügt und sie von seiner redlichen Absicht überzeugt hatte, die vergebliche Mühe ließ. Entweder, sagte er sich, hat sie ein festes Verhältnis, gegen das nicht so leicht aufzukommen ist, oder sie kann heute wirklich nicht, wahrscheinlich; das gehörte auch zu seinem Pech, an die Weiber zu geraten gerade in den kritischen Tagen. Es war ihm leid, weil es mit diesem heiteren und geschwätzigen Mädchen, das von drolligen Vergleichen und närrischen Einfällen strotzte, eine recht vergnügliche Nacht hätte geben können. Doch war ihm zuletzt nicht gar so darum; auch fiel ihm gerade ein, daß er wieder versäumt hatte, eine Seife zu kaufen, was er sich seit acht Tagen alle Morgen vorsetzte und alle Abende wieder vergaß – das hätte sie am Ende nur verstimmt und verdrossen, da sie doch mit der Weise der Künstler wenig vertraut schien. Also wie er gutmütig war, begleitete er sie heim, gar nicht weit, und indem er ihr alle schönen Dinge sagte, welche ihm einfielen, sehr feurig, bat er sie um ein Wiedersehen, aus Höflichkeit und um ein gutes Andenken zu lassen; doch dachte er im Ernste gar nicht daran und wußte auch ganz sicher, daß sie nicht kommen würde.

»Ich habe nur Sonntag Zeit,« sagte sie. »Also nächsten Sonntag, wenn's Ihnen recht ist, vier Uhr zum Beispiel. Wieder hier auf der Brücke. Da ist übrigens die Adresse meines Magazins, wo ich arbeite. Dahin könnten Sie mir einen Brief schreiben, das habe ich sehr gern, weil's die Woche ein bißchen verkürzt.« Sie gab ihm die Adresse auf einem zierlichen, rosenroten Blättchen, fein gestochen, das gut roch, und indem sie die Arme um ihn schlang, sich auf die Zehen hob und das Köpfchen an seiner Brust hinauf schob, küßte sie ihn geschwinde und war mit einem freundlich winkenden Gruße in die schwarze und düstere Rue de l'Arbre-Sec verschwunden: bis ans Thor nämlich durfte er nicht mit, von wegen der bösen Cousine. »Pas de chance«, sagte er, indem er ihr nachguckte. Es war wirklich zu wunderlieb zu schauen, wie sie so schwebte und flatterte. Und er grüßte noch einmal mit der Hand und rief: »Auf Wiedersehen – aber gewiß!« Schade. Aber wenigstens waren die Grillen fort und er hatte eine liebliche Erscheinung gewonnen, eine holde Wiege der Sinne, und gehörigen Durst dazu, um sich die nötige Bettschwere anzuschoppen – was wollte er denn noch mehr von solchem flüchtigen Abenteuer, das eilig verrauschte wie die braune Woge da unten, wie die gelbe Rakete da oben, wie jeder lächelnde Gruß des Glücks?

II. Kapitel

Aber endlich mußte er, es half nichts, endlich doch aus den Federn. Längst elfe durch. Und zudringlich, ob er sich auch wehrte, und vorwitzigen Übermutes kitzelte ihn die Sonne mit ihren langen goldenen Flaumen, wohin er sich auch in die Kissen vergrub. Er schlief gern, den Tag lieber als die Nacht. Und das besonders war seine Leidenschaft, schon erwacht wieder einzuschlafen, oft drei-, viermal hintereinander, um nur von jenem hastigen und gedrängten Schlafe zu kosten, der einen Augenblick währt und eine Ewigkeit dünkt, sich seiner selbst bewußt und seines Genusses, in welchem Traum und Wachen mit verwischten Grenzen in einander schwimmen und nicht mehr zu sondern sind. Dafür hatte er sich, feinschmeckerisch, einen umständlichen Dienst eigens eingerichtet, indem zuerst, in aller Frühe, nur an die Thüre gepocht ward, daß er schreckhaft emportaumelte, aber, ohne sich recht zu besinnen, gleich wieder versank, und später der Kaffee, den er eilig schlürfte, und endlich, noch eine Stunde später, die Zeitung gebracht wurde, zu welcher nun erst sich behaglich das erste Pfeifchen schmauchte; nachher, da schmeckte der letzte Traum dann noch einmal so gut. Er dehnte sich lange faul hin und her. Und er betrachtete das Barometer, wie er es hieß. Er forschte mit umständlicher Prüfung, in welcher Stimmung er sich befinde.

Schönes Wetter, wolkenlos, wie draußen. Sein Bild? Mochte es stauben in seinem Verstecke. Später einmal, ja, er kannte das, würde es ihn schon wieder überfallen, eine neue Idee, es zu verwandeln und was Erträgliches draus zu gestalten. Das war immer so. Er hatte immer so in Stößen gearbeitet – Ebbe und Flut. Bis dahin – ich habe die Ehre! Und er machte eine ehrfürchtige Geberde, mit lustigem Ingrimm. Einstweilen wollte er das Porträt wieder vornehmen. Es war lange genug verbummelt. Es sollte einen Abgeordneten darstellen: Baumwollindustrieller, Radikaler und hauptsächlich Schafskopf, ungeheuer einflußreich natürlich. Eigentlich freilich hatte er im Tierstück geringe Erfahrung, aber, mein Gott, es war ja im Dienste der heiligen Galette! Und dann, dieses gerade, geistlos, sehr langweilig, drauf los, ohne daß man zu denken braucht, vom Frühling träumen, der seine nackten Blüten an die Scheiben hob, während der Pinsel auf eigene Faust herumwirtschaften mochte – dieses gerade that ihm ja not, nach diesen Stürmen. Das konnte ihn einlullen und sänftigen. Beschlossen und verkündigt. Und er holte den kahlen Schädel des würdigen Ehrenlegionärs aus der Ecke, pustete die Spinnweben herunter und überlegte. In drei Tagen konnte er's machen: ein wenig herausputzen, die Töne verbinden, ein bißchen aufhellen hie und da, daß er nicht gar wie Limburger Käse gerötet war – peinture aimable halt. Gewiß, es würde ihm gut thun. Er wollte gleich anfangen, gleich morgen. Für heute war dieser Entschluß allein schon Tagewerk genug – und außerdem, Montag, das bringt Unglück, der Lenz lockte zu süß. Das zwitscherte und jauchzte und es war durch die Fenster von den rosigen Kastanien herein ein köstliches Duften. Es schwoll in ihm und ward ihm ein völlig faustisch österlich Gefühl. Allein freilich mopste man sich nur draußen. Schade, daß er die Kleine von gestern nicht haben konnte. Unbeweibt ist die Landschaft immer minder. Es kitzelte angenehm sein Gefühl, indem er, im Lehnstuhl schaukelnd, die Nägel reinigte, sich die Kleine vorzustellen – sie hatte ihm nicht einmal den Namen gesagt – daß sie mit ihm unter den blühenden Äpfeln sich haschte, während ein lauer Wind atmete, oder am Abend, wenn sie heimwärts über das Wasser glitten im engen Boote, den bebenden Leib an seine Brust schmiegte. »Tant pis pour elle,« sagte er, indem er aufstand und die kleine Schere im Bogen nach dem Tische warf. »Nachlaufen werde ich ihr nicht. Es giebt ihrer genug.«

Im Grunde war's ein Glück. Gutmütig und wie er keiner Stimmung widerstehen konnte – es wäre höchstens noch eine verwickelte Dummheit daraus geworden. Denn dieses war doch ausgemacht, daß sie ganz sicher nicht sein Stil war. Nein, sie war nicht seine ideale Frau und nicht einmal eine weitläufige Verwandte hundertsten Grades. Wie er jetzt, den Schlafrock abgeworfen, die Beine in der Krätsche über das Kissen gespreizt, sich vor dem Spiegel niederließ, an das Meisterwerk seiner Toilette, die Locken behutsam in träumerische Ringel biegend und die stolze Lanze seines geschmeidigen Spitzbartes ausziehend, lange, sehr lange, mit vielem Brillantin, und sich aufmerksam mit Liebe und Wohlgefallen musternd, da wieder einmal, da stand sie wieder einmal so handgreiflich vor ihm, so kaiserlich und junonisch – und diese scheue, ahnungslose Schwalbe daneben, die reine Psychè des Gérard, ja, wirklich, selbst – er erinnerte sich – die nämlichen »Schneckerln« hatte sie im Haar, vorne, in die Stirne herein. Nein, es war kein Vergleich; sie mochte ja ganz lieb sein für bescheidene Ansprüche, aber er, leider, war schon vergeben, bedaure sehr. Er verweilte lange in diesen gefälligen Bildern, weil er lange vor dem Spiegel verweilte, nach schlimmer Gewohnheit, bis seine Mähne endlich gebändigt und die umständliche, in bunte Zipfel flatternde Masche kunstgerecht geknotet war. Er mußte lachen, wie er nach der Uhr sah, daß er zwei Stunden wieder einmal vergeudet hatte, sich schön zu machen – wie eine Cocotte, sagten seine Freunde, aber der bringt's Zinsen. Und sie wußten sich nicht genug über seine Eitelkeit. O nein, er war nicht von der gemeinen Eitelkeit, die sie dachten. Ja, er liebte das Kostüm, und wenn er sich anders tragen konnte, wider den Brauch, auffällig und wunderlich, das freute ihn. Ja, er hatte ein kostbares Spitzenhemd mit breitem, weichem, umgeschlagenem Kragen, wonnesam gestickt, daß der alte d'Aurevilly neidisch geworden wäre. Ja, er hatte einen perlgrauen Sombrero mit ungeheurer Krempe, wie nur je der stolzeste andalusische Picador, daß ihn mancher für einen Lastträger hielt, aus den Hallen. Aber es war nicht um den Beifall der Menge und er rechnete nicht, die Blicke der Weiber zu gewinnen. Sondern nur die Begierde quälte ihn, im Äußeren gleich sich von den anderen zu unterscheiden, von denen er sein Inneres so unvergleichlich unterschieden wußte. Er war einmal anders als die anderen, warum sollte er es nicht auch scheinen? Und er brauchte die Versicherung und Bestätigung, alle Tage, wider aufdringliche Zweifel, daß er wirklich einer für sich und nicht vom Dutzend war. Wie anders, wie konnte er sonst seine Kunst jemals vollbringen? Nein, allein ging er nicht aufs Land, sondern Marius mußte mit. Er kriegte ihn schon dazu – früher wich er ihm einfach nicht von der Bude. Und alle Fragen der Kunst, die großen und die kleinen, wie verzwickt sie sein mochten, sollten wieder einmal gelöst und die ganze Zukunft der Kultur deutlich vorausbestimmt werden auf zweitausend Jahre. Marius natürlich würde sich wieder gehörig verdrießen, der das nicht leiden konnte. Ein bißchen Philister, der gute dicke Marius; Verdauung und Ordnung – das war seine Losung; Regel und Maß betete er an und meißelte nach dem Glockenschlag, Sommer und Winter, Schön und Regen, wie man Semmeln bäckt. »Und nur nicht Kunst reden, nur nicht Kunst denken – Kunst machen, wenn's möglich ist.« Aber man mußte nur erst mit stacheligen Paradoxen seinen Ärger aufzuzwicken verstehen – dann, gegen allen Vorsatz, verhaspelte er sich doch jedesmal wieder in Fehde. Und merkwürdig, was er so unwillig verschmähte, wenige konnte es schlagfertiger und treffgewisser. »Ich wollte gerade zu Ihnen,« sagte der Bildhauer Marius. »Der Frühling rumort mir in allen Eingeweiden – man muß es sich herauslaufen. Wollen Sie nicht mit aufs Land?«

Aber der Maler, ohne was zu erwidern, geradewegs auf die Büste los, öffnete behutsam die nassen Fetzen, in welche sie geschlagen war, und indem er bald sich näherte, bald sich entfernte und dann wieder langsam herumkreiste, begann er lange Erklärung mit Vorschlägen, Einwürfen und Räten. Wohl eine Stunde schwand, indem der Bildhauer Rechenschaft gab, wie er es sich gedacht hatte, und manchmal die Achsel zuckte, als bedauerte er, es nicht ändern zu können. Nämlich, es war seine Gewohnheit, alle Urteile anzuhören und auf keines zu hören; nicht aus Hochmut, daß er sich geckisch unfehlbar geglaubt hätte, und verächtlich der anderen, sondern aus Furcht, daß nicht in ihm selber das Kritische erwache, von welchem doch nur Qual und keine Hilfe kam. Doch auch als nichts mehr über die Büste zu sagen und alles erledigt war, manches zweimal sogar, sehr umständlich, stöberte er nur in den Büchern und Skizzen am Boden herum und schnellte von Frage zu Erzählung, immer wieder ein neues an das Gespräch anzustückeln, damit er nur jenem Vorschlage, den er eigentlich selbst hatte thun wollen, nicht zu antworten brauche, als hätte er ihn nicht gehört. Aber Marius, ungeduldig, der wanderfertig war, wiederholte ihn. Da entschuldigte er sich mit Geschäften ohne Aufschub, daß er leider keine Zeit hätte. Und dann auf einmal, als Marius ihn auslachte, mit einem plötzlichen Satze in leidenschaftliche Wallung, brauste er in stürmischen Güssen seine Klagen heraus, sein Leid mit dem Bilde, diesen ganzen verhaltenen Schmerz, der ihn fast um den Verstand brachte, alles Entsetzliche, wie es ihn seit acht Tagen verzweifelte. Und bevor er es nicht überwände und sein Bild nicht gerettet hätte, seine Hoffnung, seinen Stolz, seinen Ruhm, nein, bis dahin sollte man ihn lassen, an die Staffel geschmiedet, auf der sich sein Schicksal entschied. Marius, auf einem Schemel vor der Büste, hörte ihn geduldig an, ohne es viel zu achten. Dann, in einer Pause, als die erste Wut des Malers sich erschöpft hatte, meinte er nur: »Ja, ja.. so geht's, wenn man sich erst ins Suchen einläßt. In zehn Jahren werden Sie sich's auch abgewöhnt haben. Aber wir können davon in Bougival ebenso gut sprechen und besser.«

Nun ärgerte sich der Maler erst recht. Er litt die lehrhafte Überlegenheit nicht und mochte die ewige Mahnung nicht, daß der Bildhauer zehn Jahre mehr hatte. »Wenn die zehn Jahre um sind,« – und er spitzte jedes einzelne Wort – »die einen so weise machen, können Sie mich ja abholen; vorderhand bin ich noch nicht so weit.«

Marius sah ihn nur gründlich an mit einem wehmütigen Ta-twam-asi-Blick, als blickte er in seine eigene Jugend! Wie traut und altbefreundet ihm jede dieser Launen war, aus vielen Leiden, und wie heimisch er sich fühlte in ihrem Weh! Aber um es nicht noch zu verschlimmern, sagte er kühl: »Wie Sie wollen – mir kann's gleich sein.«

Aber er war einmal im Zuge: »Ich lasse mich überhaupt nicht hofmeistern und gängeln, tyrannisch und tantenhaft, was ärger ist. Ich will meine Suppe ganz allein verspeisen, verstehen Sie? Ganz allein, wie ich mir sie ganz allein einbrocken will, nach meinem eigenen Rezepte. Ich glaube, ich bin alt genug, daß ich nach niemandem zu fragen habe, und jedenfalls schadet's mir allein, was mein souveränes Menschenrecht ist und niemanden was kümmert, gar niemanden auf der ganzen Welt, wenn es mir Spaß macht.«

Und durch die hartnäckige, unverbrüchliche Ruhe des Marius erbost, daß sein kriegerischer Sturm nicht einmal der Abwehr gewürdigt wurde: »Sie möchten mein ganzes Leben nach Ihren Grundsätzen einrichten, das wäre Ihnen recht! Sie mischen sich in alles. Wenn Sie arbeitsmüde sind, soll ich aufs Land, und nächstens werde ich essen müssen, wenn Sie hungert. Und Ihren Schrullen zu Liebe soll ich kein Weib nehmen und einsam bleiben, weil Sie recht gut wissen, wahrscheinlich, daß allein kein Künstler was schafft, sondern nur unnütz verfault, ohne die Liebe. Aber darin wenigstens sollen Sie sich gründlich getäuscht haben. Die neidische Hoffnung war etwas verfrüht, Verehrtester!«

»Aha,« sagte der Bildhauer jetzt. »Kann man sie sehen? Haben Sie sie schon drüben?« Dem Maler schmeichelte diese Vermutung. Eine angenehme Vorstellung, sich den Neid und die eifersüchtige Mißgunst der sämtlichen Nachbarn zu denken, wenn er eines Tages mit diesem frischen und fröhlichen Kinde anrücken würde, vor dem sie ihre geschminkten und verfärbten Mätressen verstecken konnten, alle mitsammen. Weil er sich aber besann, vorläufig noch allein zu sein, und gegen diesen Gleichmut nicht aufzukommen war, erwiderte er lieber gar nichts, sondern wandte sich fort. »Wenn Sie die crémaillère aufhängen, bin ich doch hoffentlich geladen?« rief ihm Marius lustig nach. Aber es kam eine Antwort. Der hatte die Thüre schon zugeworfen.

Lange blieb Marius noch in der Werkstatt, und er kraute die roten Zacken seines stacheligen Schnurrbarts und dachte dem Freunde nach und maß Vergangenes ab und hatte Mitleid mit allen Menschen. Es war so traurig, daß jeder erst wieder von vorne anfing, den nämlichen Kreuzweg, unerbittlich eine Station für die andere, und keine Erfahrung der früheren jemals ein Leid den späteren ersparte, auch nicht ein einziges Leid. Wenn es wenigstens den anderen zum Guten gewesen wäre, das Böse, das man selber erduldet! Aber jeder neue rang und stöhnte aufs neue, in dieser Qual, nicht zu wissen, was er denn wolle, und keiner wollte es glauben, bevor er es selber in Thränen erlebt, daß überhaupt nichts zu wollen ist. Aber er entriß sich dem unnützen und hilflosen Schmerze und nach zärtlichem Abschiede von seinem Werke, in dem das Vergessen war, wanderte er. Er wanderte durch den Frühling, der blühte und zwitscherte, und sonnig schimmerte es in allen Augen. Er wurde sehr froh, weil er es gelernt hatte, längst nichts zu begehren, aber was unvermutet geschenkt ward, irgend woher, dankbar zu genießen als unverdiente Huld.

III. Kapitel

Und da war er, eine Stunde seitdem, müßig, einsam auf dem heißen Sofa, der Diener schaffte das Dejeuner. Aber er konnte nicht essen, und er konnte nicht lesen, und er konnte nichts. Kraft und Wille waren ihm weggeschöpft. Und er haderte nur mit sich selbst. Und er bäumte sich wehrhaft gegen den Hader und stopfte die Ohren und verhärtete und verstockte sich mit Fleiß und trotzte der Reue. Möglich, daß es dumm und läppisch gehandelt war und häßlich noch obendrein an dem Freunde. Aber nun war es geschehen und es hatte ihm einmal beliebt. Er würde sich hüten, wieder umständlich Reue und Leid zu erwecken zur eigenen Qual und niemandem zu Nutz. Dieser Wahnsinn war heillos. Er hatte Proben. Und nein – und nein – es war kein Wahnsinn. Die Gerechtigkeit schuldete er sich selbst, daß es Grund und Vernunft hatte, deren er sich nicht zu schämen brauchte. Nur freilich die Wirkung war dumm. Von seiner besten Tugend gerade, ja, das war deutlich, kam's her, von seinem freien Stolze, ohne den er nimmermehr dieser verwegene Künstler geworden, von seiner einsamen Kühnheit, welche die Art des Pöbels verschmähte, vom freudigen Bewußtsein seiner sicheren Kraft, die außer sich nichts brauchte und darum nichts dulden wollte außer sich. Nein, er hatte sich nicht zu schämen, ob es den anderen auch Narrheit galt, dem Urteile nach dem Scheine. Stolz konnte er sein, vielmehr, und sich loben, und wenn er sich nur recht deutlich wurde und den Zusammenhang erkannte, das war bei weitem vernünftiger, als sich vor sich selber zu verheimlichen und über sich selbst zu belügen aus Gehorsam, bloß gegen das Beispiel der anderen. Er hatte es nicht nötig. Ja, es verlor ihm manchen Freund und oft, viele Stunden schon hatte es ihm verbittert. Immerzu! So war er einmal beschaffen, so war er es von Geburt, daß er den Zwang nicht vertrug und sich auflehnte gegen das fremde Gebot, fanatisch zugethan der Freiheit. Er war immer so gewesen, so lange er sich erinnerte, unwandelbar; es war ihm die Freiheit – anders ließ es sich nicht sagen – ein körperliches Bedürfnis, und als körperlichen Schmerz geradezu, als brännte ihn heißes Eisen, empfand er es, fremdem Willen zu begegnen, daß noch etwas da war außer ihm, anders als er und etwa gar feindselig gegen ihn, was er, wenn er es recht überlegte, nimmermehr zu fassen vermochte. Das Fremde, das Andere, was nicht er selbst war, – wie vor einem tödlich Schaurigen und Gespenstigen entsetzte er sich davor, das über die Vernunft und widernatürlich war, und es gab ihm Fieber und Krämpfe. Er konnte es nicht verwinden, mit allen Entschlüssen und Vorsätzen nicht.

Einen Trotzkopf deshalb nannten sie schon den Knaben, der Eltern und Lehrern, später manchem Freunde, aber sich selbst immer am meisten, Leid damit anthat, und schalten, daß er eigensinnig sei bis zur Narrheit. Aber nein, sein Wille war gar nicht trotzig, wie sie ihn beschuldigten, unbändig und überwachsen, sondern oft umgekehrt, wenn er sich besann, hatte er sich vielmehr der Schwäche angeklagt, und sichere Kraft seiner Entschlüsse vermißt. Vorsätze auszuführen mißlang ihm häufig, und manche Absicht entbehrte der inneren Gewalt zum Dienste. Erst wenn er einem anderen begegnete, der ihn beugen wollte oder auch nur sich dessen verdächtig machte, dann erst, wie von plötzlichem Stoß und Erschütterung, erwachte sein Wille auf einmal aus so langer Ohnmacht, mit hastiger Begierde nachzuholen, was er in der Lähmung versäumt, und zu ersetzen. Das freilich wuchs dann ohne Maß.

Launisch nannten sie ihn. Ja, warum ließen sie ihn denn nicht und mischten sich immer in ihn und kneteten jeder an ihm, und jeder wollte ihn verwandeln und jeder ihn nach seiner Vorschrift zwingen und keinem war er recht! Da freilich verlor er alle Besinnung zuletzt, von so viel Feindschaft gehetzt, und schlug mit den Flügeln gegen Decke und Boden, wirr im Kreise flatternd mit hastigen Stößen, taumelnd vor Todesangst, wenn ohne Unterlaß so immerfort an allen Stäben des Käfigs getrommelt und gehämmert ward, ein höllisches Toben. Warum ließen sie ihn denn nicht frei? Das hatte ihn verdorben, dieses allein, ohne seine Schuld, daß der Zwang, nichts als ewig der Zwang, der dumme, rohe, herrische Zwang überall auf ihn lauerte, aus tausend Fallen, bald räuberisch mit offener Gewaltthat, bald tückisch, in schmeichelnden Rat vermummt und mit Güte und Freundschaft geschmückt, aber unnachgiebig in täglichen Fehden; da war denn am Ende dieser Verfolgungswahn über ihn gekommen, in dem er sich peinigte und die anderen, rastlos, mißtrauisch, argwöhnisch gegen die ganze Welt. Ja, es war ein Wahn, krankhaft und wider die Vernunft, er leugnete es gar nicht. Eben dieses wieder mit dem Bildhauer – das neueste Beispiel; doch war er um Beispiele nicht verlegen, die alle Tage vorkamen. Übrigens, der würde sich trösten, rasch, es war ihm nicht bange; der hatte darin schon manche Erfahrung.

Immer die nämliche Geschichte, immer dieselbe. Er hatte ja aufs Land gewollt, er selber und er zuerst, und darum allein war er hinüber. Aber da ihm der andere zuvorkam mit diesem nämlichen Vorschlage, mit seinem eigenen Vorschlage, da er seinem Willen in dem anderen begegnete, in diesem Augenblicke –ja, da ... ja, erklären ließ sich das nicht, erklären ließ es sich nicht; es war ohne Zweifel Wahnsinn, nichts weiter.

Aber nur immer: dieses sollte er thun und jenes sollte er lassen, die gleiche Litanei seit der ersten Kindheit, und immer nur »sollte« und »sollte«, und was er wollte, das einzig wurde er niemals gefragt, und so, in dieser entsetzlichen Knechtschaft, war der ungeheure Drang über ihn gekommen, einmal er selbst zu sein, endlich, und die ungeheure Angst, immer ein anderer zu sein, ewig. Nun mochten sie's tragen, wenn sie davon litten. Ihre Schuld, ihre Schuld allein, ganz allein, der Verschworenen gegen seinen Willen, wenn er kopfscheu und toll geworden, am Ende. Was ließ ihn der Bildhauer nicht seinen Vorschlag thun, geduldig, bis er seinen Willen entfaltete? Nun wären sie draußen im duftenden und singenden Frühling längst, nach dem er so glühende Sehnsucht trug, unter Blüten und in Scherzen – statt dieser einödigen Pein mit häßlichen und unnützen Gedanken in dem verfluchten Marterloch! Konnte er nicht warten? Mußte er ihn gleich mit seiner Absicht überfallen, feindlich über ihn her, daß er verschüchtert, geängstigt, überrumpelt, in dieser großen Not alle Besinnung verlor?

Er wollte aufs Land – ja, er selber, genau wie es der andere vorschlug, gewiß. Aber er wollte aufs Land aus freiem Entschlusse, weil es sein Wille war, und nicht auf fremden Vorschlag, dem anderen zu Liebe und zu Gefallen. Und eher, bevor er fremdem Willen sich beugte, eher verzichtete er noch auf den eigenen lieber; und übrigens, seit es der andere wollte, da war es ihm verdorben, es selber zu wollen. Eine Dummheit sicher in diesem Falle; denn dem Bildhauer fehlte die feindliche Absicht. Eine Dummheit, und verdarb ihm den ganzen Tag mit Verdruß, denn morgen würde es schwer sein, sich gegen Marius zu betragen. Aber er konnte sich einmal nicht, konnte sich nicht erniedrigen, nicht vor dem liebsten Freunde, um keinen Preis, und bevor er sich vergewaltigen ließ – jeden anderen Schimpf wollte er lieber ertragen. Er hätte nur nicht erst mit langen Lügen und umständlichen Vorwänden sich feige ausflüchten sollen, heuchlerisch wie die anderen. Das nächste Mal, er versprach es sich, wollte er es ihm gleich offen erklären, deutlich und ohne Rest, wie es war. Die Freiheit, die Freiheit – ja, das war notwendig, daß er ihm einmal seine ganze Begierde sagte, wie sehnsüchtig er sie liebte mit diesem herrischen Instinkte. Das verdroß ihn am meisten, indem er jetzt überlegte, daß er nun erst recht seinen Willen verloren hatte, durch seine Verteidigung gerade. Nun war er erst recht nicht aufs Land. Nun war ihm durch seinen mannhaften Mut gerade erst recht der Wunsch verstümmelt und erwürgt. Aber so ging's mit Freunden immer. Marius, trotzdem, war noch von den besten, ganz sicher, weil er selber vieles gelitten; und auch er beschäftigte sich um sich selbst zu sehr, als daß er die anderen viel achtete. Aber am Ende, wenn man's verglich, waren sie alle gleich, einer wie der andere, und immer zuletzt, früher oder später, einmal erwachte der Tyrann in jedem. Ach, es war nicht zu begreifen, das schaurige, tödliche Rätsel! Daß sie nicht nebeneinander wohnen konnten, der hier, der dort, für sich jeder in seinem Bezirke, ohne Räuberei über die Grenze des anderen! Daß jeder nur aus sich heraus in den anderen drängte, rastlos das ganze Leben im anderen sich festzusetzen und über ihn zu herrschen! Daß man niemals man selbst sein sollte und durfte, nicht eine selige Stunde, sondern ewig nur auf sich verzichten, sich verwandeln, sich zerstückeln, zur Wollust des anderen, immer des anderen! Nein, er begriff's nicht. Knechtschaft und Dienst – das heischten sie alle und von jedem. Die Lust, in einem anderen sich selber wiederzufinden, den fremden Rest zum Eigentum zu unterjochen und in einem zweiten Leibe dem Willen eine neue Heimat zu schaffen, fremdes Fleisch für die eigene Seele – dieser gierig verschlingende Hunger fraß jede andere Begierde und das hieß Freundschaft! Und er, der verging vor dieser namenlosen Sehnsucht nach einem wirklichen Freunde, der, statt nur immer nehmen zu wollen, sich ihm ergeben und seine Seele bereichert hätte, statt nur immer zu sengen und zu plündern in ihr, unersättlich vampyrisch!

Einsam, einsam – warum wollten sie einen nicht einsam lassen? Gab es nicht ohnedem Qual genug, daß einen grausam noch dieses foltern mußte, unbarmherzig das ganze Leben, das blutige Leiden an der Nachbarschaft? Aber es wühlte und zerfleischte und er sah keine Hoffnung und verzweifelte und selbst die Tiere verdarb es ihm oft und selbst die Dinge und überhaupt alles, was nicht gedacht war. Ja, dazu am Ende hatte es ihn gebracht, alles zu hassen, was nicht seine Vorstellung war. Er konnte es nicht ertragen. Und er erinnerte sich, daß Geringes oft, lächerlich Geringes, Tobsucht und Tollwut in ihm entzäumte, wie ein auf der Straße gepfiffenes Lied, das im Ohre haftete, die eigenen Gedanken verscheuchte und mit allem Vorsatze unvertreiblich nicht wieder hinauszubeuteln war, oder ein erwünschter Brief, der von der Post nicht ankommen wollte, obwohl er in seinem Bewußtsein längst angekommen war, oder wenn an einem Schalter, während sein Geist es schon erledigt hatte, Gewühl ihn aufhielt – alle diese tausendfältigen mörderischen Erinnerungen, jeden Tag, daß er nicht allein, daß er nicht frei war. Es kam dann manchmal über ihn, daß er alles hätte zertrümmern mögen, ringsherum, mit Feuer und Schwert alles Lebendige verwüsten, mordbrennerisch und vandalisch jede fremde Spur zerstampfen, um nur ein Ende zu machen mit dem ewigen an ihm herum kommandieren von Menschen und Dingen, das nicht länger zu ertragen war, und sich die Wüste zu schaffen, die stille, stumme Wüste. Es war die Stimmung des »großen Reinemachens«, wie er es nannte. Nämlich mit seinen Freunden, die ihm zunächst waren, räumte sein Grimm dann auf und die Absagebriefe schwirrten an diesen Tagen, Kündigungen der Freundschaft, mit zornigen Anklagen. Das erleichterte ihn etwas, wenn er so manchen Genossen verbannte, der ihn getäuscht hatte und auch nur ein Mensch war. Allein, allein – hoch oben irgendwo im Eise oder tief auf dem Grunde des schnaubenden Meeres, wohin kein geller Lärm des täglichen Lebens dränge, und verborgen vor den rauhen, kralligen Griffen des anderen! Die gewöhnlichen und gemeinen – ja, die vielleicht mochten es ertragen, daß ihnen das Ich gestohlen und das Fremde eingeschoben ward: denn sie brauchten das Ich nicht. Aber der Künstler – wie denn, ohne sein Handwerkszeug, wie konnte er denn leben? Es war der Künstler offenbar, der Künstler in ihm, von dem das Leid kam. Dieses tröstete ihn und erweckte ihm eine beinahe behagliche Vorstellung, in die er sich müde einwickelte, auf dem schweren, breiten, üppigen Divan, über welchem die wilden japanischen Masken höhnisch grinsten, mit ihren struppigen Roßbärten und zerrissenen Maules. Es tröstete ihn, weil es ja gar nicht ein Leid heißen konnte, wenn es ein Zeichen von der Kunst war.

Ja, offenbar der Künstler, der Künstler ... er ward nicht müde, es sich durch Wiederholung oftmals zu bekräftigen. Natürlich, die andern hatten nicht dieses Gefühl des Ich, so überschwenglich und maßlos, und diesen grimmigen Trotz, wie ihm was nahen wollte, und nicht atemlos und fieberisch diese Todesangst, es zu verlieren. Ihnen lag nichts daran, ob sie es besaßen, weil sie sich seiner ja doch niemals bedienten, und ohne es zu merken, entbehrten sie es leicht. Sie konnten glücklich sein. Aber der Künstler! Freilich, ein Trost war es schon, weil es den Stolz befriedigte, aber diese Folge konnte er sich nicht verhehlen, daß deshalb sein Leid unabänderlich war, ohne Hilfe, hoffnungslos, nicht ein Zufall bloß, der wechseln mochte, sondern ein notwendiges, unwandelbares Schicksal, wenn es nicht an der Welt und ihrer Tücke lag, sondern an ihm selbst vielmehr und seiner Kunst. Und das wieder verdroß ihn gewaltig, nicht daß es so war, aber daß er es begriff. Das nahm ihm nur unnütz erst den Mut und alle Kraft zum Wunsche und selbst den fröhlichen Haß der Menschen und der Welt, der doch, mit Klage und Hoffnung gemischt, immerhin wenigstens eine angenehme Bewegung der Seele gewährte. Er konnte, so lange er sich über die Wahrheit betrog, das Glück beschuldigen und der Zukunft trauen. Jetzt umnachtete es sich völlig. Aber das war auch von seinen unseligen Gewohnheiten eine, der er durch keinen beschworenen Entschluß sich jemals entwand, tagelang so auf dem Sofa sich in Gedanken unablässig zu schaukeln, eiliger immer und immer höher bis in reißenden Schwindel, und unnachgiebig sich im Gehirn zu stochern, tiefer und tiefer, an die letzten Wurzeln. Er hatte es von Jugend auf, das neugierige Denken über sich, und es war natürlich auch wieder der Künstler, immer der Künstler, der also sich alle Tage die Beichte abzunehmen und alle Winkel des Gewissens zu erforschen nimmermehr ermüden wollte. Wie anders auch durfte er sonst hoffen, am Ende doch einmal das große Geheimnis zu entdecken, irgendwo tief unten am Grunde der Seele, das schlummerte und nicht erwachte?

Dann forschte er denn und forschte in sich und ging sich mit der Laterne ab, als wäre er's gar nicht selbst, sondern irgend ein merkwürdiges Ungetüm, über welches ihm Wache befohlen. So horchte er, hielt den Atem an und beugte sich lauschend, ob es sich noch immer nicht regen wollte, jenes Wunder. Und einstweilen wenigstens verzeichnete er eifrig Zug um Zug, was er fand, damit er sich dann vergewissern könnte, daß er wirklich ein besonderer für sich war, superiore Natur und homme d'élite. So stellte er seine Seele vor den Spiegel, kämmte sie durch und scheitelte sie. Er dürstete nach der Wahrheit über sich und mit besonderem Eifer vor allem sammelte er aus allen Verstecken das Seltsame gerade, welches ihn von den Gewöhnlichen schied. Er bestimmte es und betrachtete es lange, wie es ihm stünde, und immer wieder versicherte er sich, daß es noch da wäre in seinem Winkel, indem er jeden Augenblick besorgt danach griff. So bewahrte er ängstlich vor allem Wandel seinen Charakter und bekräftigte ihn auf diese Weise, indem Flüchtiges und Vergängliches allmählich unauslöschlich und beharrlich ward durch diese so häufige Wiederholung. So stärkte und festigte er künstlich seine Natur und vielleicht bereicherte er sie sogar. Diese unablässige Gewohnheit war am Ende dahin gelangt, ihn mitten auseinander zu spalten, in zwei, einen der wahrnahm, empfand und schuf, eben jenen Extramenschen höherer Ordnung, und einen, der alle Empfindung und Schöpfung des anderen mit seiner Neugier begleitete und sich gar nicht genug verwundern konnte, einen Durchschnittsverstand mittlerer Güte – in einen Schauspieler und einen Zuschauer. Ja, wirklich, es war das reine Theater: der andere folgte nur müßig in seinem Stuhle den Schicksalen des Darstellers, manchmal bewegt, von Mitgefühlen ergriffen, hingerissen, als wäre er es selbst und geschähe es in ihm, mit Thränen und Rührung, manchmal auch wieder kritisch, ärgerlich, geschüttelten Kopfes, mit Zischen und Oho. Oft selbst verlor er jedes Bewußtsein, daß es im Grunde zuletzt doch nur er selbst war, den er betrachtete, und so fremd und völlig unverträglich mit der eigenen Weise erschien er ihm, daß solche Menschenart ihm völlig unbegreiflich wurde. Es war zwischen dem vor ihm Handelnden und dem über ihn Denkenden keine Gemeinschaft mehr. Wenn er sich mit zwei Leibern gefunden hätte eines Tages, es hätte ihn keineswegs überrascht, weil es das Natürliche gewesen wäre.

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