Kitabı oku: «Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat»
HERVÉ GUIBERT
DEM FREUND, DER MIR DAS LEBEN NICHT GERETTET HAT
Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Roman
August Verlag
Der Roman Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat erschien 1990 im französischen Original bei Gallimard. 1991 wurde er in der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel im Rowohlt Verlag veröffentlicht. Die vorliegende Ausgabe wurde auf Grundlage der Übersetzung von 1991 an die neue deutsche Rechtschreibung angepasst und vom Übersetzer durchgesehen.
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Kapitel 83
Kapitel 84
Kapitel 85
Kapitel 86
Kapitel 87
Kapitel 88
Kapitel 89
Kapitel 90
Kapitel 91
Kapitel 92
Kapitel 93
Kapitel 94
Kapitel 95
Kapitel 96
Kapitel 97
Kapitel 98
Kapitel 99
Kapitel 100
1
Ich hatte drei Monate lang Aids. Genauer, ich glaubte drei Monate lang, ich sei durch die tödlich verlaufende Krankheit verurteilt, die Aids genannt wird. Und in der Tat war es keine Einbildung, ich war wirklich erkrankt, ein Test mit positivem Ergebnis bestätigte es, ebenso Analysen, die bewiesen, dass mein Blut schon auf dem Weg des Verfalls war. Doch nach drei Monaten ließ mich ein unerhörter Glücksfall glauben, ja gab mir beinahe die Gewissheit, dass ich dieser Krankheit entkommen könnte, die alle Welt noch für unheilbar hielt. So, wie ich niemandem außer einigen Freunden, man kann sie an den Fingern einer Hand abzählen, anvertraut hatte, dass ich verurteilt war, so vertraute ich niemandem außer diesen wenigen Freunden an, dass ich davonkommen, dass ich, durch diesen unerhörten Glücksfall, weltweit einer der Ersten sein würde, die diese unerbittliche Krankheit überleben.
2
Heute, da ich dies Buch beginne, am 26. Dezember 1988, in Rom, wohin ich allein gefahren bin, gegen den Willen aller, auf der Flucht vor dieser Handvoll Freunde, die, um meine seelische Gesundheit besorgt, mich zurückzuhalten versuchten, am heutigen Feiertag, da alle Läden geschlossen haben und jeder Passant ein Ausländer ist, in Rom, wo mir endgültig klar wird, dass ich die Menschen nicht liebe, wo ich also, bereit zu allem, sie zu fliehen wie die Pest, nicht weiß, mit wem noch wohin ich essen gehen soll, mehrere Monate nach jenen drei Monaten, in denen ich mir nach bestem Wissen meiner Verurteilung sicher war, und nach den darauf folgenden Monaten, da ich dieses unerhörten Glücksfalls wegen glauben durfte, begnadigt zu sein, zwischen Zweifel und Hellsicht, mit der Mutlosigkeit wie auch mit der Hoffnung am Ende, weiß ich nicht, woran ich mich bei irgendeiner dieser entscheidenden Fragen oder bei dieser Alternative von Verurteilung und Begnadigung halten soll, weiß ich nicht, ob diese Rettung eine Falle ist, in die man mich wie in einen Hinterhalt gelockt hat, um mich zu beruhigen, oder wahrhaftig ein Science-Fiction-Abenteuer mit mir als einem der Helden, weiß ich nicht, ob es nicht lachhaft menschlich ist, an diese Gnade und an dies Wunder zu glauben. Ich ahne die Architektur dieses neuen Buchs, das ich all die vergangenen Wochen in mir zurückgehalten habe, aber seinen Verlauf von Anfang bis Ende kenne ich nicht, ich kann mir mehrere Möglichkeiten vorstellen, wie es ausgeht, die im Augenblick sämtlich schlimmen Vorahnungen oder einem Wunschdenken entspringen, doch der Zusammenhang seiner Wahrheit ist mir noch verborgen; ich sage mir, dass dies Buch seine Existenzberechtigung aus nichts anderem bezieht als aus jenem schmalen Rest von Ungewissheit, der allen Kranken der Welt gemeinsam ist.
3
Ich bin allein hier, und man bemitleidet mich, man ist um mich besorgt, man findet, ich schade mir, jene Freunde, die man, wie Eugénie meint, an den Fingern einer Hand abzählen kann, rufen mich regelmäßig voll Mitgefühl an, mich, der ich gerade entdeckt habe, dass ich die Menschen nicht liebe, nein, ich liebe sie entschieden nicht, ich hasse sie, und das könnte alles erklären, diesen von jeher zähen Hass, ich beginne ein neues Buch, um einen Gefährten zu haben, einen Gesprächspartner, jemanden, mit dem ich essen und schlafen, neben dem ich träumen und Alpträume haben kann, der einzige noch erträgliche Freund. Mein Buch, mein Gefährte, das ursprünglich, vom Vorsatz her, so streng sein sollte, hat schon begonnen, mich nach seiner Pfeife tanzen zu lassen, obgleich doch dem Anschein nach ich der unumschränkte Kapitän auf dieser Sichtfahrt bin. Ein Teufel hat sich in meinen Schiffsbauch eingeschlichen: T. B. Ich habe aufgehört, ihn zu lesen, um die Vergiftung aufzuhalten. Es heißt, jede erneute Einspritzung des Virus durch Flüssigkeiten, Blut oder Sperma, greife den schon infizierten Kranken erneut an, man behauptet das vielleicht, um den Schaden zu begrenzen.
4
Der Zerstörungsprozess, der in meinem Blut begonnen hat, greift von Tag zu Tag weiter um sich und lässt meinen Fall zurzeit als Leukopenie erscheinen. Die jüngste Analyse, sie stammt vom 18. November, gibt mir 368 T4-Zellen, ein Mann verfügt bei guter Gesundheit über rund 1000 bis 1300 davon. Die T4-Zellen sind jene Gruppe weißer Blutkörperchen, die das Aids-Virus hauptsächlich angreift und wodurch der Immunschutz nach und nach geschwächt wird. Die schwersten Attacken, die Pneumocystis, welche die Lungen, und die Toxoplasmose, welche das Hirn befällt, schalten sich im Bereich unter 200 T4-Zellen ein; mittlerweile verzögert man sie mittels Verschreibung von AZT. Zu Beginn der Geschichte von Aids nannte man die T4-Zellen „the keepers“, die Hüter, und die T8-Zellen, eine andere Fraktion der Leukozyten, „the killers“, die Mörder. Vor dem Auftauchen von Aids hatte ein Erfinder von Computerspielen das Umsichgreifen der Krankheit im Blut vorgezeichnet. In seinem Spiel für Jugendliche erschien das Blut auf dem Bildschirm als Labyrinth, in dem der Pac-Man umherschweift, ein gelber, von einem Hebel gesteuerter Shadok, der im Vorbeigehen alles frisst, die verschiedenen Gänge von Plankton leert und dabei zugleich von immer zahlreicher umherwimmelnden roten, noch gefräßigeren Shadoks bedroht wird. Wollte man das Pac-Man-Spiel, das sich einige Zeit gehalten hat, bevor es aus der Mode kam, auf Aids übertragen, so bildeten die T-Zellen die Urbevölkerung des Labyrinths, die T8-Zellen wären die gelben Shadoks, bedrängt von HIV, dies wiederum durch die roten Shadoks verkörpert, die danach gieren, mehr und mehr Immunplankton zu vertilgen. Lange bevor die Untersuchungen mir die Gewissheit meiner Erkrankung bestätigten, hatte ich das Gefühl, mein Blut sei plötzlich freigelegt, entblößt, als sei es immer von einem Kleidungsstück oder einer Kapuze beschützt worden, ohne dass es mir bewusst gewesen wäre, da es selbstverständlich war, und als habe etwas, ich begriff nicht was, diesen Schutz entfernt. Ich musste fortan mit bloßgelegtem, ausgesetztem Blut leben, wie der entkleidete Körper einen Alptraum durchqueren muss. Mein Blut war entlarvt, überall, allerorten und für immer, es sei denn, unwahrscheinliche Transfusionen würden ein Wunder bewirken, mein Blut war nackt zu jeder Zeit, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, wenn ich auf der Straße ging, war unablässig von einem Pfeil bedroht, der zu jeder Zeit auf mich zielte. Sieht man es den Augen an? Meine Sorge ist weniger, ob ich mir einen menschlichen Blick bewahren kann, sondern ob mein Blick womöglich allzu menschlich wird, wie jener der Gefangenen in NACHT UND NEBEL, dem Dokumentarfilm über die Konzentrationslager.
5
Ich spürte das Nahen des Todes im Spiegel, in meinem Blick im Spiegel, schon lange bevor er sich in ihm wirklich festgesetzt hatte. Trieb ich diesen Tod schon mit meinem Blick in die Augen der anderen? Ich habe es nicht allen gesagt. Bis jetzt, bis zum Buch, hatte ich es nicht allen gesagt. Wie Muzil hätte ich gern die Kraft gehabt, den unsinnigen Stolz und auch die Großmut, es überhaupt niemandem zu sagen, um die Freundschaften frei wie die Luft leben zu lassen und sorglos und ewig. Doch wie soll das gehen, wenn man erschöpft ist und es der Krankheit gelingt, sogar die Freundschaft zu bedrohen? Einigen habe ich es gesagt: Jules, dann David, dann Gustave, dann Berthe, Edwige wollte ich es nicht sagen, doch ich spürte schon beim ersten Frühstück, wie das Schweigen und die Lüge sie grauenhaft weit von mir entfernten, und dass, würden wir uns nicht augenblicklich wieder der Wahrheit unterordnen, es unwiederbringlich zu spät sein würde, also habe ich es ihr gesagt, um treu zu bleiben, ich habe es unter dem Druck der Ereignisse Bill sagen müssen, und mir schien es, als verliere ich im selben Augenblick alle Freiheit und alle Kontrolle über meine Krankheit, und dann habe ich es Suzanne gesagt, denn sie ist so alt, dass ihr vor nichts mehr graut, sie hat niemals jemanden geliebt außer einem Hund, um den sie an dem Tag weinte, als sie ihn ins Tierheim abschob, Suzanne, die dreiundneunzig Jahre alt ist und deren Lebenserwartung ich mit diesem Bekenntnis einholte, welches ihr Gedächtnis auch unwirklich werden lassen oder von einem Augenblick zum anderen auslöschen konnte, Suzanne, die ohne Weiteres bereit war, etwas so Ungeheures auf der Stelle zu vergessen. Ich habe es Eugénie nicht gesagt, ich esse mit ihr in der Closerie, sieht sie es mir an den Augen an? Ihre Gesellschaft langweilt mich mehr und mehr. Ich habe den Eindruck, nur noch zu Menschen interessante Beziehungen zu haben, die Bescheid wissen, alles ist null und nichtig geworden und zusammengebrochen, wertlos und reizlos, alles rings um diese Mitteilung, wenn ihr nicht mehr Tag um Tag freundschaftlich begegnet wird, wenn mein Sträuben mich im Stich lässt. Es meinen Eltern sagen, das hieße mich dem aussetzen, dass mir die ganze Welt im selben Augenblick die Fresse zuscheißt, es hieße, mir von allen Arschlöchern dieser Erde die Fresse vollscheißen, mir die Fresse mit ihrer stinkenden Scheiße zukacken zu lassen. Meine allererste Sorge in dieser Geschichte ist, vor den Blicken meiner Eltern geschützt zu sterben.
6
Es wurde mir einfach so klar, und ich sagte es Dr. Chandi, sobald er die Entwicklung des Virus in meinem Körper zu verfolgen begann, Aids ist nicht wirklich eine Krankheit, und es als eine solche zu bezeichnen, vereinfacht die Dinge, sondern es ist ein Zustand von Schwäche und Ergebung, welcher dem Tier, das man in sich trug, den Käfig öffnet, dem Tier, dem ich gezwungenermaßen unumschränkte Vollmacht gebe, damit es mich verschlingt, ich muss mir lebendigen Leibes antun lassen, was an meinem Leichnam zu tun es sich anschicken würde, um ihn zu zersetzen. Die Pneumozystis-Pilze, würgende Boas für Lunge und Atem, und die Toxoplasmose-Erreger, die das Hirn zerrütten, leben im Inneren jedes Menschen, nur verwehrt ihnen das Gleichgewicht seines Immunsystems schlicht und einfach das Bürgerrecht, während Aids ihnen grünes Licht gibt und die Schleusen der Zerstörung öffnet. Ohne Wissen um die Zähigkeit dessen, was ihn zerfraß, hatte Muzil es im Krankenhausbett ausgesprochen, bevor die Forscher es entdeckten: „Das Ding ist wohl aus Afrika herübergekommen.“ Aids, das aus dem Blut der grünen Meerkatzen stammte, ist eine Krankheit von Zauberern, von Hexern.
7
Dr. Chandi, den ich seit mindestens einem Jahr konsultierte, nachdem ich Dr. Nacier, ohne ihn davon in Kenntnis zu setzen, verlassen hatte, ich hatte ihn der Indiskretion bezichtigt, weil er über die mehr oder weniger hängenden Eier einiger berühmter Patienten tratschte, in Wahrheit aber nahm ich ihm noch viel stärker übel, dass er, als er bei mir die Gürtelrose diagnostizierte, bemerkte, man könne bei HIV-positiven Patienten mit zunehmender Häufigkeit diese erneute Äußerung des Windpocken-Virus feststellen, während ich bis dahin den Test verweigert und seit Jahren in irgendwelchen Schubladen seine diversen, auf meinen eigenen oder auf Decknamen ausgestellten Rezepte für den Test zum Nachweis des Aids-Virus gesammelt hatte, das zuerst LAV, dann HIV genannt wurde, unter dem Vorwand, das hieße ein ohnehin unruhiges Gemüt wie mich in den Selbstmord zu treiben, überzeugt wie ich war, das Ergebnis des Tests zu kennen, ohne ihn überhaupt durchführen zu müssen, schön klarsichtig oder schön genasführt, und zugleich der Ansicht, die mindeste Verantwortung bestehe darin, sich bei Intimkontakten, die wohl mit dem Alter seltener würden, wie ein Infizierter zu verhalten, in Phasen der Hoffnung insgeheim mit dem Hintergedanken, dies sei auch das Mittel, sich selbst zu schützen, doch stets darauf beharrend, der Test sei zu nichts nutze, als die Unglückseligen in die schlimmste Hoffnungslosigkeit zu stürzen, solange noch kein Heilmittel gefunden sei, genau das hatte ich meiner Mutter entgegnet, der grässlichen Egoistin, die mich in einem Brief gebeten hatte, ihr diese Sorge zu nehmen, Dr. Chandi, der praktische Arzt, zu dem ich jetzt also ging und den Bill mir empfohlen hatte, indem er seine Verschwiegenheit rühmte und dabei sogar ausdrücklich zu verstehen gab, ein gemeinsamer Freund, der an Aids erkrankt sei, befinde sich bei ihm in Behandlung, wodurch mir sofort klar war, um wen es sich handelte, und den die unbedingte Verschwiegenheit des Arztes, trotz des Bekanntheitsgrades seines Patienten, bislang vor der Gerüchteküche bewahrt habe, unterzog mich jedesmal, wenn er mich untersuchte, in derselben Reihenfolge denselben Prozeduren: Nachdem er mir wie üblich den Blutdruck gemessen und mich abgehört hatte, inspizierte er die Fußsohlen und die Hautritzen zwischen den Zehen, zog dann behutsam den Ausgang der besonders empfindlichen Harnröhre auseinander, dann erinnerte ich ihn, nachdem er mir die Leistengegend, den Bauch, die Achselhöhlen und den Hals unter dem Kiefer abgetastet hatte, daran, dass es zwecklos sei, mir das helle Holzstäbchen hinzuhalten, mit dem meine Zunge seit meiner Kindheit jede Berührung beharrlich verweigert, und dass ich es vorzöge, den Mund bei der Annäherung des Lichtkegels sehr weit zu öffnen und durch eine Kontraktion der Rachenmuskeln das Zäpfchen ganz nach hinten an den Gaumen zu drücken, doch Dr. Chandi vergaß jedesmal, wie viel leichteren Zugang ihm das verschaffte als das glatte, mit mentalen Splittern gespickte Stäbchen, er hatte im Verlauf der Untersuchung nicht nur das Gaumensegel inspiziert, sondern hatte auch, und zwar recht nachdrücklich, als läge es fortan bei mir, durch stete eigene Beobachtung zu kontrollieren, ob sich in dieser Region ein deutliches Zeichen für die Entfaltung der unheilvollen Krankheit eingenistet hat, aufmerksam den Zustand der Schleimhaut in Augenschein genommen, die das oft bläulich oder lebhaft rot gefärbte Gewebe umkleidet, welches die Zunge mit dem Bändchen verbindet. Indem er dann meinen Hinterkopf mit der einen Hand festhielt und Daumen und Zeigefinger der anderen mit starkem Druck mitten auf die Stirn presste, fragte er mich, ob das schmerze, und beobachtete dabei die Reaktionen meiner Iris. Er beschloss die Untersuchung, indem er sich erkundigte, ob ich letzthin häufige, andauernde Durchfälle gehabt hätte. Nein, alles war in Ordnung, dank der Einnahme von Trophisan-Ampullen auf Glycolbasis hatte ich mein Gewicht aus der Zeit vor der Abmagerung während der Gürtelrose wiedererlangt, nämlich siebzig Kilo.
8
Bill war es, der mir als Erster von der sagenhaften Krankheit erzählte, ich würde sagen, 1981. Er war gerade aus den Staaten zurückgekehrt, wo er in einer Fachzeitschrift die ersten klinischen Berichte über Todesfälle mit dieser eigentümlichen Vorgeschichte gelesen hatte. Er selber sprach davon wie von einem Mysterium, realistisch und skeptisch. Bill ist Manager eines großen Pharmalabors, in dem Impfstoffe produziert werden. Als ich anderntags unter vier Augen mit Muzil zu Abend aß, berichtete ich ihm von der alarmierenden Nachricht, die Bill herumerzählte. Er ließ sich, von einem Lachanfall gekrümmt, vom Sofa fallen: „Ein Krebs, der ausschließlich Homosexuelle trifft, nein, das wäre zu schön, um wahr zu sein, das ist zum Totlachen!“ Der Zufall wollte, dass Muzil zu dem Zeitpunkt schon von dem Retrovirus befallen war, dessen Inkubationszeit, Stéphane hat es mir kürzlich erzählt, man weiß es mittlerweile, verbreitet die Tatsache aber nicht, um nicht unter den Tausenden von Positiven Panik zu säen, recht genau sechs Jahre betragen soll. Einige Monate, nachdem ich bei Muzil jenen Lachanfall ausgelöst hatte, fiel er in eine schwere Depression, es war Sommer, ich bemerkte am Telefon seine veränderte Stimme, von meinem Appartement aus beobachtete ich verzweifelt den Balkon meines Nachbarn, so hatte ich, ohne dass es bemerkt worden wäre, Muzil ein Buch gewidmet, „Meinem Nachbarn“, bevor ich dann das folgende „Dem toten Freund“ widmen musste, ich befürchtete, er werde sich von diesem Balkon stürzen, ich spannte unsichtbare Netze von meinem Fenster zu seinem, um ihm zu Hilfe zu kommen, mir war unbekannt, woran er litt, doch hörte ich an seiner Stimme, dass es schlimm war, ich erfuhr später, dass er es niemandem anvertraute außer mir allein, er sagte mir an jenem Tag: „Stéphane krankt an mir, endlich habe ich begriffen, dass ich Stéphanes Krankheit bin und es sein Leben lang bleiben werde, was ich auch anstelle, es sei denn, ich verschwinde; das einzige Mittel, ihn von seiner Krankheit zu heilen, da bin ich sicher, wäre, mich umzubringen.“ Doch da waren die Würfel schon gefallen.
9
Dr. Nacier, mit dem ich noch befreundet war und der sich nach einem längeren Aufenthalt im Krankenhaus von Biskra, wo er als Assistenzarzt seinen Wehrdienst leistete, der Geriatrie zugewandt hatte, arbeitete zu jener Zeit in einem Altenpflegeheim am Pariser Stadtrand, wohin er mich auf einen Besuch einlud, zu dem ich einen Fotoapparat mitbrachte, der leicht in der Tasche des weißen Kittels zu verstecken war, welchen ich auf sein Geheiß anzog, damit er mich während der allgemeinen Sprechstunde als Kollegen ausgeben konnte. Wegen des Fotoromans über meine Großtanten, die damals fünfundachtzig beziehungsweise fünfundsiebzig Jahre alt waren, meinte Dr. Nacier, ich hegte eine geheime Neigung für todgeweihtes Fleisch. Er lag da völlig falsch, was mich anging, denn ich machte in jenem Altenpflegeheim nicht eine einzige Aufnahme, außerdem reizte es mich nicht im Geringsten, eine zu machen, diese Visite in Verkleidung flößte mir Scham und Abscheu ein. Dr. Nacier, dieser hübsche Kerl, der den alten Frauen so gefiel, dies ehemalige Model, das sich glücklos als Schauspieler versucht hatte, bevor es geknickt in die medizinische Fakultät eintrat, dieser Beau, der damit prahlte, er sei als Fünfzehnjähriger im Grand Hôtel von Vevey, wo er mit seinen Eltern abgestiegen war, kurz vor dem Autounfall, dem sein Vater zum Opfer fallen sollte, von einem der Schauspieler, die den James Bond gespielt hatten, vergewaltigt worden, dieser Ehrgeizling konnte sich einfach nicht zu einer Laufbahn als praktischer Arzt herablassen, um in einer Stadtteilpraxis, die leicht zur Jauchegrube verkommen könnte, von seinen schmerbäuchigen, stinkenden, kleinkarierten Patienten fünfundachtzig Francs pro Konsultation zu kassieren. Aus diesem Grund versuchte er zunächst, sich mit der Kreation eines durchgestylten Sterbehauses mit eingetragenem Warenzeichen einen Namen zu machen, wo er in einer Art Hightech- oder Baukastenklinik die endlosen, widerlichen Agonien durch ein reibungsloses, märchenhaftes Hinübergleiten auf einer Reise zum Mond erster Klasse ersetzen wollte, ohne Erstattung durch die Kasse. Um an die Bankbürgschaften zu kommen, musste Dr. Nacier eine moralische Autorität ausgraben, die dafür sorgen sollte, dass man sein Vorhaben nicht für zwielichtig hielt. Muzil war hier der ideale Pate. Durch meine Vermittlung bekam Dr. Nacier leicht einen Termin bei ihm. Nach ihrer Unterredung sollte ich mit Muzil zu Abend essen. Zu meiner Überraschung hatte er strahlende Augen und war irrsinnig aufgekratzt. Dieser Plan, auf den er im Ernst keinen Pfifferling geben wollte, juckte ihn wie ein Floh. Nie hat Muzil so viele Lachanfälle gehabt wie als Todkranker. Als Dr. Nacier gegangen war, sagte er zu mir: „Weißt du, was ich deinem Kumpel geraten habe: Seine Bude da dürfte nicht eine Einrichtung sein, in die man zum Sterben kommt, sondern in die man kommt, um so zu tun, als stürbe man. Natürlich müsste alles prunkvoll sein, mit prächtigen Bildern und sanfter Musik, aber nur, damit des Pudels Kern besser versteckt wird, denn ganz hinten in dieser Klinik gäbe es eine kleine Tür, vielleicht hinter einem von diesen Bildern, die einen ins Träumen bringen, man würde in der einlullenden Melodie des Nirwana aus der Spritze verstohlen hinter das Bild schlüpfen und schwups! wäre man verschwunden, tot in aller Augen, und man würde auf der anderen Seite der Wand wieder auftauchen, im Hinterhof, ohne Gepäck, mit nichts in den Händen, ohne Namen, und müsste sich eine neue Identität erfinden.“
10
Sein Name war für Muzil zum Schreckgespenst geworden. Er wollte ihn tilgen. Ich hatte bei ihm für die Zeitung, bei der ich arbeitete, einen Text über die Kritik bestellt, er sträubte sich, wollte mich gleichzeitig nicht enttäuschen, schob entsetzliches Kopfweh vor, das seine Arbeit lähme, bis ich ihm schließlich vorschlug, diesen Artikel unter falschem Namen zu veröffentlichen, zwei Tage darauf erhielt ich mit der Post einen Text von seiner Hand, klar und scharf, mit diesem Brief: „Welches Wunder an Verständnis hat dir eingegeben, dass nicht der Kopf Ärger macht, sondern der Name?“ Als Deckname schlug er Julien de l’Hôpital vor, und jedes Mal wenn ich ihn zwei, drei Jahre später im Krankenhaus besuchte, wo er im Sterben lag, dachte ich an jenes düstere Pseudonym, das nie das Licht des Tages erblickte, denn natürlich scherte sich die große Tageszeitung, bei der ich angestellt war, nicht im Geringsten um einen Text über die Kritik aus der Feder eines Julien de l’Hôpital, eine Kopie lag noch lange im Ordner einer Sekretärin, als Muzil sie von mir zurückverlangte, war sie daraus verschwunden, ich fand das Original bei mir zu Hause und gab es ihm, Stéphane stellte nach seinem Tod fest, dass er es vernichtet hatte, wie so viele Schriften, überstürzt, in den wenigen Monaten, die seinem Zusammenbruch vorausgegangen waren. Ich trug zweifellos die Schuld an der Vernichtung eines kompletten Manuskripts über Manet, dessen Existenz er einmal erwähnte und um das ich ihn bei anderer Gelegenheit anging, mit der Bitte, es mir leihweise anzuvertrauen, denn es könne mir vielleicht Stoff zu einer Arbeit liefern, die ich unter dem Titel „Die Malerei der Toten“ begonnen hatte und die unvollendet blieb. Um meiner Bitte nachzukommen, nahm Muzil, der mir versprochen hatte, sie zu erfüllen, die Mühe auf sich, das Manuskript in seinem Durcheinander zu suchen, spürte es auf, las es erneut und vernichtete es noch am selben Tag. Seine Zerstörung bedeutete für Stéphane den Verlust von mehreren Zehntausend Francs, obgleich Muzil als einziges Testament ein paar lakonische, ohne Zweifel reiflich überlegte Sätze hinterließ, die seine Arbeit vor jedem Zugriff bewahrten, materiell vor dem der Familie, indem er die Manuskripte seinem Gefährten vermachte, und zugleich ideell vor dem seines Gefährten, indem er ihn durch das Verbot jeglicher posthumer Veröffentlichung daran hinderte, die eigene Arbeit auf den Trümmern der seinen zu errichten, und ihn so zwang, einen deutlich getrennten Weg zu verfolgen, wodurch er von vornherein den Schaden, den man seinem Werk etwa zuzufügen die Absicht hatte, begrenzte. Hingegen gelang es Stéphane, Muzils Tod zu seiner Arbeit zu machen, vielleicht hatte Muzil ihm auf genau diese Weise seinen Tod zum Geschenk machen wollen, indem er den Posten des Verteidigers dieses neuen, originellen und schrecklichen Todes erfand.
11
So wie er darauf achtete, außerhalb der Grenzen, die er um sein Œuvre zog, seinen Namen, den die Berühmtheit allzu sehr in der ganzen Welt hatte anschwellen lassen, zu tilgen, so zielte er darauf ab, sein Gesicht verschwinden zu lassen, das doch durch einige Merkmale und der zahlreichen Aufnahmen wegen, die die Presse von ihm seit gut zehn Jahren verbreitete, so besonders leicht erkennbar war. Lud er selten einmal einen der wenigen Freunde, deren Zahl er in den Jahren, die seinem Tod vorausgingen, drastisch verringert hatte, indem er die Bekanntschaften in einen Bereich fern der Freundschaft verbannte, der ihm erlaubte, sie zu vernachlässigen und den Kontakt auf einen Brief dann und wann oder einen Anruf zu beschränken, ins Restaurant ein, so steuerte er, kaum hatte er das Lokal betreten, auf die Gefahr hin, einen jener wenigen Freunde, mit denen er noch gern essen ging, beiseite zu rempeln, auf geradem Weg den Stuhl an, der ihm erlaubte, dem Publikum den Rücken zuzukehren und zugleich einem Spiegel zu entgehen, dann besann er sich und bot höflich den Stuhl oder die Bank an, die er verschmäht hatte. Er wandte dem Publikum den rätselhaften, in sich gekehrten Schimmer seines Schädels zu, den er sorgfältig jeden Morgen rasierte und auf dem mir manchmal, wenn er mir die Tür öffnete, Spuren getrockneten Blutes, die seiner Kontrolle entgangen waren, auffielen, zugleich mit der Frische seines Atems, in dem Moment, wenn er mich mit zwei winzig kleinen, sonoren Küssen rechts und links des Mundes begrüßte, was mich daran erinnerte, dass er die Aufmerksamkeit besaß, sich kurz vor der verabredeten Zeit nochmals die Zähne zu putzen. Paris hinderte ihn am Ausgehen, hier fühlte er sich zu bekannt. Ging er ins Kino, so richteten sich alle Blicke auf ihn. Manchmal sah ich ihn nachts von meinem Balkon in der Rue du Bac 203 aus vor das Haus treten, in schwarzer Lederjacke, mit Ketten und Metallringen in den Schulterklappen, und über die offene Galerie, die die verschiedenen Aufgänge der Rue du Bac 205 verbindet, zu der Tiefgarage gehen, von der aus er mit seinem Auto, das er unbeholfen steuerte, wie ein Kurzsichtiger verängstigt hinter der Windschutzscheibe klebend, Paris durchquerte, um zu einer Bar im 12. Arrondissement zu fahren, Le Keller, wo er seine Opfer aushob. Stéphane fand in einem Schrank in der Wohnung, die durch das handschriftliche Testament vor dem Eindringen der Familie bewahrt blieb, eine große Tasche voller Peitschen, Ledermasken, Gurte, Knebel und Handschellen. Diese Gerätschaften, von denen er nichts gewusst haben will, flößten ihm angeblich einen überraschenden Widerwillen ein, als seien auch sie nun tot, eiskalt. Auf Anraten von Muzils Bruder ließ er die Wohnung desinfizieren, bevor er sie in Besitz nahm, dank des Testaments, noch ohne zu wissen, dass die meisten Manuskripte vernichtet waren. Muzil liebte leidenschaftliche Saunaorgien. Die Angst, erkannt zu werden, hinderte ihn daran, die Pariser Saunen zu frequentieren. Wenn er jedoch zu seiner alljährlichen Tagung nach San Francisco reiste, stürzte er sich in den zahlreichen Saunen dieser Stadt ins Vergnügen, die heute wegen der Epidemie stillgelegt und zu Supermärkten und Parkhäusern umgewandelt sind. Die Homosexuellen San Franciscos lebten in diesen Einrichtungen die irrwitzigsten Fantasien aus, sie installierten an Stelle der Urinale alte Badewannen, in denen die Opfer ganze Nächte in der Erwartung verbrachten, besudelt zu werden, sie hievten schrottreife Trucks in die engen Räume und richteten darin ihre Folterkammern ein. Als Muzil im Herbst 1983 von der Tagung zurückkam, hustete er sich die Lungen aus dem Leib, ein trockener Husten griff ihn immer mehr an. Dennoch, zwischen zwei Anfällen, schwärmte er genüsslich von seinen jüngsten Eskapaden in den Saunen von San Francisco. Ich sagte an jenem Tag zu ihm: „Wegen Aids ist wohl kein Mensch mehr dort?“ – „Von wegen“, entgegnete er, „im Gegenteil, nie waren so viele Leute in den Saunen, es ist ganz fantastisch geworden. Diese schwebende Bedrohung hat ein neues Gefühl der Zusammengehörigkeit geschaffen, neue Zärtlichkeiten, eine neue Solidarität. Früher hat keiner ein Wort gesagt, jetzt reden wir miteinander. Jeder weiß sehr genau, wofür er dort ist.“
12
Sein Assistent, den ich am Tag seiner Beerdigung kennenlernte, wohin ich Stéphane begleitete, und den ich einige Tage darauf im Autobus wieder traf, machte mir verschiedene aufschlussreiche Mitteilungen. Man wusste noch nicht, ob Muzil sich der Art der Krankheit, die ihn umbrachte, bewusst war oder nicht. Sein Assistent versicherte mir, er sei sich jedenfalls der Unheilbarkeit dieser Krankheit bewusst gewesen. Im Lauf des Jahres ’83 nahm Muzil regelmäßig an den Sitzungen einer humanitären Organisation teil, in einer Hautklinik, deren Chefarzt jener Vereinigung angehörte, die Ärzte in die ganze Welt entsendet, je nachdem, wo sich politische oder elementare Katastrophen ereignen. In dieser Klinik wurden wegen der dermatologischen Symptome die ersten Aidsfälle behandelt, vor allem wegen des Kaposi-Sarkoms, das rote, eher bläulichrote Flecken verursacht, zunächst auf den Fußsohlen und an den Beinen, dann über den ganzen Körper bis hin zur Haut des Gesichts. Muzil hustete während dieser Versammlungen, bei denen es um die Lage in Polen nach dem Staatsstreich ging, wie ein Verrückter. Obwohl Stéphane und ich es ihm wiederholt dringend nahegelegt hatten, weigerte er sich beharrlich, einen Arzt aufzusuchen. Schließlich gab er dem Drängen des Chefarztes der Hautklinik nach, den dieser trockene, heftige, hartnäckige Husten beunruhigte. Muzil ging für einen Morgen zu Untersuchungen ins Krankenhaus, er berichtete mir, in welchem Maß, er habe es vergessen gehabt, der Körper alle Identität verliert, wenn er erst einmal in den Krankenhausbetrieb gerät, und nichts mehr von ihm bleibt als ein willenloser Fleischklumpen, der hin- und hergeschoben wird, gerade noch eine Karteinummer, ein Name, der durch die Verwaltungsmühle gedreht wird, es saugt ihm seine Geschichte und Würde aus. Man schob ihm einen Tubus durch den Mund, der seine Lungen erkunden sollte. Der Chefarzt der Hautklinik war nach diesen Untersuchungen bald in der Lage, auf die Art der Krankheit zu schließen, tat jedoch alles Nötige, um den Namen seines Patienten und Vereinskollegen zu schützen, kontrollierte den Umlauf der Krankenzettel und Untersuchungsergebnisse, die diesen berühmten Namen mit der neuen Krankheit verknüpften, fälschte und zensierte sie, damit das Geheimnis bis zum Schluss gewahrt blieb und er bis zu seinem Tod Ellenbogenfreiheit für seine Arbeit hatte, ohne die Behinderung durch ein Gerücht, auf das er würde reagieren müssen. Er beschloss, gegen das übliche Verfahren, nicht einmal Stéphane, Muzils Lebensgefährten, zu informieren, den er ein wenig kannte, um ihre Freundschaft nicht durch dieses Schreckgespenst zu beeinträchtigen. Hingegen informierte er Muzils Assistenten, damit dieser sich mehr als je dem Willen seines Meisters unterordnete und ihn bei seinen letzten philosophischen Projekten unterstützte. Der Assistent berichtete mir im Autobus, seine Unterredung mit dem Chefarzt der Hautklinik habe stattgefunden, kurz nachdem der Chefarzt und Vereinskollege Muzil das Untersuchungsergebnis mitgeteilt und erläutert hatte. Muzils Blick sei in jenem Augenblick, so hatte der Chefarzt der Hautklinik dem Assistenten erzählt, der es Monate später mir berichtete, unverwandter und schärfer gewesen denn je, mit einer Handbewegung habe er jede weitere Diskussion abgeschnitten: „Wie lange?“ habe er gefragt. Das war die einzige Frage, die ihn bewegte, um seiner Arbeit willen, er wollte sein Buch fertigstellen. Ob der Chefarzt ihm da die Natur seiner Krankheit enthüllte? Heute zweifle ich daran. Vielleicht ließ Muzil ihn nicht zu Wort kommen? Ein Jahr zuvor, während eines unserer Abendessen in seiner Küche, hatte ich ihn auf die Frage der Ehrlichkeit zwischen Arzt und Patient im Falle tödlicher Krankheiten gelenkt. Ich fürchtete, von einer nachlässig behandelten Hepatitis Leberkrebs davongetragen zu haben. Muzil hatte gesagt: „Der Arzt sagt dem Patienten nicht unvermittelt die Wahrheit, sondern bietet ihm durch eine ungefähre Darstellung die Mittel und die Freiheit, sie selbst zu erfassen, indem er ihm genauso erlaubt, nichts davon zu wissen, wenn er diese Möglichkeit im Grunde seines Herzens bevorzugt.“ Der Chefarzt der Hautklinik verschrieb Muzil höchstdosierte Antibiotika, die, indem sie den Husten unterdrückten, den fatalen Ausgang in ungewisse Zukunft verschoben. Muzil nahm die Arbeit an seinem Buch mit neuem Schwung auf, er beschloss sogar, die Vortragsreihe zu halten, die er eigentlich bis auf Weiteres hatte verschieben wollen. Weder Stéphane noch mir gegenüber erwähnte er dieses Gespräch mit dem Chefarzt der Hautklinik. Eines Tages verkündete er mir, indem er mich seltsam prüfend anblickte, er habe beschlossen, doch an seinem Blick sah ich sehr wohl, dass er mich um Rat fragte, dass der Entschluss nicht wirklich feststand, mit einer Delegation jener humanitären Organisation, die er unterstützte, ans Ende der Welt zu reisen, zu einer gefährlichen Mission, von der er, so gab er mir zu verstehen, vielleicht nicht zurückkehren würde. So wollte er am Ende der Welt jenen kleinen Ausschlupf hinter dem Bild suchen, den er für das ideale Sterbehaus erträumt hatte. Entsetzt von diesem Plan und zugleich bemüht, ihm das Ausmaß meines Entsetzens nicht zu zeigen, antwortete ich ihm leichthin, er täte besser daran, sein Buch zu vollenden. Sein Buch ohne Ende.
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Er hatte seine Sittengeschichte begonnen, bevor ich ihn kennengelernt hatte, Anfang ’77, denn mein erstes Buch, La Mort propagande, ist ungefähr im Januar 1977 erschienen, und ich hatte das Glück, auf diese Veröffentlichung hin in seinen kleinen Freundeskreis aufgenommen zu werden. Von seiner monumentalen Sittengeschichte war bereits der erste Band erschienen, ursprünglich die Einleitung zum ersten Band, die er dann aber so ausgearbeitet hatte, dass sie ein ganzes Buch für sich wurde und die Veröffentlichung des eigentlichen ersten Bandes hinausschob, welcher so zum zweiten wurde, schon zur Drucklegung bereit, als dieser Renner von Einleitung ihn überholte und schnitt, im Frühling ’76, zu jener Zeit, da ich ihn noch nicht kannte, da er für mich lediglich ein illustrer und faszinierender Nachbar war, von dem ich noch kein Buch gelesen hatte. Anlässlich des Erscheinens der Einleitung, gegen die schon so viel gehetzt worden war, da er darin eine These aufstellte, die derjenigen, welche damals die Intelligenzija beherrschte, diametral entgegengesetzt war, hatte er sich zum ersten und letzten Mal, denn später schlug er alle Einladungen aus, bereit erklärt, an einer Folge der Unterhaltungssendung für Intellektuelle, „Apostrophes“, teilzunehmen, die ich damals nicht gesehen hatte, von der aber Christine Ockrent, die Moderatorin, die Muzil allen anderen vorzog, er erwartete sogar von mir, abends, wenn ich bei ihm zum Essen eingeladen und etwas früh dran war, um den Häuserblock, in dem er wohnte, Runden zu drehen, damit er bis halb neun mit ihr allein sein konnte, in ihrer Nachrichtensendung, die er um nichts in der Welt verpasst hätte, am Abend seines Todestages im Juni 1984 einen kurzen Ausschnitt brachte. Christine Ockrent, die er oft jubelnd seinen kleinen oder großen Liebling nannte, brachte eigentlich nichts weiter als ein maßloses, nicht enden wollendes Lachen, das sie im Verlauf jener Unterhaltungssendung aufgenommen hatte, bei der man Muzil in Anzug mit Weste und Krawatte sich buchstäblich vor Lachen winden sehen konnte, in einem Moment, da man von ihm erwartete, mit päpstlichem Ernst eine der Vorschriften für jene Sittengeschichte, deren Grundlagen er unterhöhlte, zu verkünden, und dies Lachen wärmte mir das Herz in einem Augenblick, da es mir kältestarr schien, als ich bei Jules und Berthe, zu denen ich mich am Abend seines Todestages geflüchtet hatte, den Fernseher einschaltete, um einmal zu sehen, wie man in den Nachrichten den Nachruf auf ihn gestalten würde. Für mich war dies das letzte Mal, dass ich bereit war, ein bewegtes Bild von Muzil anzusehen, denn seitdem weigere ich mich, aus Angst, darunter zu leiden, mich mit irgendwelchen Vorspiegelungen seiner Anwesenheit herumzuschlagen, außer denen der Träume, und dieses Lachen, das ich unwiderruflich zum Standbild erklärt habe, bezaubert mich noch heute, wenn ich auch ein wenig eifersüchtig bin, dass aus Muzil ein so prachtvolles, so ungestümes, so leuchtendes Lachen hervorquellen konnte, zu einer Zeit kurz vor Beginn unserer Freundschaft. So wie er mit dieser neuen Arbeit die Grundlagen des Konsenses über die Sexualität über den Haufen warf, hatte er begonnen, die Wege seines eigenen Labyrinths zu untergraben. Er hatte auf der Rückseite des ersten Bandes seiner monumentalen Sittengeschichte die Titel der vier Folgebände genannt, da er den nächsten Band schon fertig verfasst und die Recherchen zu den folgenden abgeschlossen hatte. Und nun, da schon das erste Drittel des Baus, zu dem er die Pläne, die Pfeiler und das Maßwerk gezeichnet hatte, auch die Dunkelzonen und die Verbindungswege, fertiggestellt war, alles den Regeln des Systems gemäß, welches sich in den vorausgegangenen Büchern, die seinen internationalen Ruf begründeten, bewährt hatte, da wird er plötzlich von Verdruss oder gar furchtbarem Zweifel übermannt. Er unterbricht die Bauarbeiten, verwirft all seine Pläne, stoppt diese monumentale Sittengeschichte, die er schon im Vorhinein auf dem Notenpapier seiner Dialektik geordnet hatte. Zunächst gedenkt er den zweiten Band ans Ende zu verlegen, ihn jedenfalls in Wartestellung zu versetzen, um seinen Gegenstand von einem neuen Ausgangspunkt her anzugehen, den Ursprung seiner Geschichte zu verlegen und neue Forschungsmethoden zu erfinden. Von Abweg zu Abweg, da er sich auf zentrumsferne Wege ausrichtet, auf Auswüchse, die seinem ursprünglichen Plan entsprießen und nun selber eher zu ganzen Büchern als zu bloßen Abschnitten werden, verirrt er sich, verliert den Mut, zerstört, lässt liegen, baut wieder auf, pfropft erneut auf und lässt sich nach und nach von der nervösen Benommenheit des Rückzugs, der fortwährenden Versäumnis im Publizieren umfangen, Zielscheibe aller möglicher äußerst eifersüchtiger Gerüchte, er sei unfähig und verfalle geistig, oder gestehe ein, sich geirrt oder nichts zu sagen zu haben, während ihn mehr und mehr der Traum von einem unendlichen Buch lähmt, das alle irgend möglichen Fragen eröffnen würde und das durch nichts begrenzt werden könnte, das nichts anhalten könnte, es sei denn der Tod oder die Erschöpfung, das mächtigste und zerbrechlichste Buch der Welt, ein fortschreitender Schatz in der Hand, der ihn bei jedem Auffedern des Gedankens dem Abgrund nähert und von ihm wegführt, bei der mindesten Erschlaffung zum Feuer hin und wieder weg, eine der Hölle geweihte Bibel. Die Gewissheit seines baldigen Todes machte diesen Traum zunichte. Da seine Tage nun gezählt waren, machte er sich voller Klarheit an die Neuordnung seines Buchs. Im Frühling ’83 war er mit Stéphane nach Andalusien gereist. Ich wunderte mich, dass er zweit- und drittklassige Hotels gebucht hatte, er hatte diesen Sinn für Sparsamkeit, dabei fand man nach seinem Tod in seiner Wohnung etliche Schecks über mehrere zehntausend Francs, die zur Bank zu bringen er nachlässig versäumt hatte. Eigentlich erschreckte ihn Luxus geradezu. Dennoch warf er seiner Mutter Geiz vor, die ihm nichts als ein paar angestoßene Kaffeeschalen überlassen hatte, als er sie um einen kleinen Beitrag für das Landhaus bat, das er gerade gekauft hatte, er träumte davon, dort in unserer Gesellschaft arbeitsreiche Sommer zu verbringen. Am Abend vor seiner Abreise nach Andalusien bestellte mich Muzil zu sich und sagte feierlich, indem er auf zwei dickleibige, mit Papieren vollgestopfte Aktendeckel wies, die Seite an Seite auf seinem Schreibtisch lagen: „Das sind meine Manuskripte; ich bitte dich, wenn mir auf dieser Reise irgendetwas zustößt, dann komm her und vernichte sie beide, du bist der Einzige, den ich darum bitten kann, ich rechne fest damit, dass du es mir versprichst.“ Ich antwortete, dass ich unfähig sein würde, das zu tun, und daher seine Bitte ausschlüge. Muzil zeigte sich über meine Reaktion entrüstet und furchtbar enttäuscht. Er sollte seine Arbeit tatsächlich erst Monate später vollenden, nachdem er sie ein letztes Mal vollkommen über den Haufen geworfen hatte. Als er in seiner Küche zusammenbrach und Stéphane ihn leblos in einer Blutlache fand, hatte er beide Manuskripte bereits seinem Verleger ausgehändigt, begab sich aber allmorgendlich in die Bibliothèque du Chaussoir, um die Fußnoten auf ihre Richtigkeit zu überprüfen.
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Als ich Hals über Kopf aus Mexiko zurückkehrte, im Oktober 1983, nachdem ich den Leiter des Air-France-Büros Mexiko, der mich mit den Füßen auf dem Schreibtisch empfing und zuschaute, wie von der Decke Tropfen für Tropfen der Sintflut, die draußen tobte, in einen Topf platschte, ich war selber tropfnass und appellierte an das menschliche Mitleid, angefleht hatte, er möge mich umgehend nach Frankreich heimkehren lassen und das verfluchte Ferienticket mit festem Rückreisedatum und dreizehn Tagen Mindestaufenthalt verkürzen, nachdem ich noch im Flugzeug, das mich hilfreich in mein Heimatland brachte, schwere Fieberanfälle gehabt hatte, umgeben von mit Sombreros aufgeputzten, außer Rand und Band geratenen Touristen, die kreischend in großen Zügen den restlichen Tequila soffen, rief ich Jules vom Flugplatz an, und er berichtete mir, dass er die ganze Zeit, die ich in Mexiko war, im Krankenhaus zugebracht hatte, selber von schwerem Fieber geschüttelt, den ganzen Leib voll geschwollener Lymphknoten, und dass man im Universitätskrankenhaus unablässig Untersuchungen an ihm vorgenommen hatte, die zu nichts führten, bis man ihn schließlich nach Hause schickte. Während ich die grautrübe Pariser Vorstadtlandschaft hinter den Fenstern des Taxis, das mir wie ein Krankenwagen vorkam, vorüberziehen sah, und weil Jules mir eben die Symptome beschrieben hatte, die man allmählich mit der rätselhaften Krankheit verknüpfte, sagte ich mir, dass wir beide Aids hatten. Das änderte alles, augenblicklich, diese Gewissheit ließ alles, mitsamt der Landschaft, umkippen, und das lähmte mich zugleich und verlieh mir Flügel, nahm mir die Kraft und verzehnfachte sie, ich hatte Angst und war berauscht, ruhig gleichzeitig und zu Tode erschrocken, vielleicht hatte ich endlich mein Ziel erreicht. Natürlich gaben die anderen sich Mühe, mir meine Überzeugung auszureden. Zuerst Gustave, dem ich mich noch am selben Abend telefonisch anvertraute und der mir skeptisch von München aus riet, ich solle nicht aus einer schlichten Panik heraus urteilen. Dann sagte mir Muzil, bei dem ich Tags darauf zu Abend aß, und der sich selbst in einem ziemlich fortgeschrittenen Stadium der Krankheit befand, ihm sollte weniger als ein Jahr zu leben bleiben: „Mein armes Häschen, was willst du dir denn noch alles einbilden? Wären alle Viren tödlich, die in der Welt herumreisen, seit Charterflüge in Mode gekommen sind, dann wäre dieser Planet doch so gut wie entvölkert.“ Das war zu der Zeit, da über Aids die fantastischsten Gerüchte kursierten, die aber damals doch glaubwürdig schienen, so wenig wusste man noch über Art und Wirkung dessen, was noch nicht als Virus erkannt war, als Lenti- oder Retrovirus, ähnlich dem, der sich in Pferden verbirgt: Man fange ihn sich, indem man Amylnitrit schnüffelt, das auf einmal außer Gebrauch geriet, oder es handle sich dabei um die Waffe eines biologischen Kriegs, mal von Breschnew abgefeuert, mal von Reagan. Ganz am Jahresende ’83 sagte ich zu Muzil, weil er wieder mit alter Heftigkeit hustete, nachdem er die Antibiotika abgesetzt hatte, deren Dosierung, so hatte ihm ein Apotheker in seinem Viertel versichert, ausreichen würde, ein Pferd krepieren zu lassen: „In Wahrheit hoffst du, Aids zu haben.“ Er warf mir einen Blick zu, finster und voll herrischen Gleichmuts.
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Kurz nach meiner Rückkehr aus Mexiko brach tief in meinem Hals ein monströser Abszess auf, hinderte mich am Schlucken und bald daran, überhaupt Nahrung aufzunehmen. Ich ging nicht mehr zu Dr. Lévy, dem ich vorwarf, meine Hepatitis nicht sorgfältig behandelt zu haben und all meine Leiden auf die leichte Schulter zu nehmen, vor allem jenes hartnäckige Seitenstechen rechts, das mich Leberkrebs befürchten ließ. Dr. Lévy starb bald darauf an Lungenkrebs. Ich hatte ihn durch einen anderen Arzt aus der Inneren Klinik, die mir Eugénie empfohlen hatte, ersetzt, Dr. Nocourt, den Bruder eines Kollegen aus der Zeitung. Indem ich ihm keine Ruhe ließ und ihn wegen jenes Seitenstechens mindestens einmal pro Monat aufsuchte, setzte ich ihm so zu, dass er mir schließlich die Verschreibungen für alle nur möglichen und erdenklichen Untersuchungen aushändigte, darunter natürlich die Blutuntersuchung, mit der mein Transaminasespiegel kontrolliert wurde, aber auch eine Echografie, in deren Verlauf ich, während ich gemeinsam mit ihm auf den Monitor schaute und er meinen eingeschmierten Bauch, das Gewölk meiner Eingeweide, mit seinem Ultraschallabnehmer abtastete, den Arzt beschimpfte, dessen Blick während der Untersuchung mir zu kalt, zu unbeteiligt erschien, um nicht irgendeine Verheimlichung zu verbergen, ich bezichtigte seinen Blick der Lüge, bis meine Verdächtigungen ihn in Gelächter ausbrechen ließen und er mir sagte, man sterbe selten mit fünfundzwanzig an Leberkrebs, schließlich eine Urografie, eine fürchterliche Prüfung, gedemütigt lag ich nackt, länger als eine Stunde, man hatte mich nicht einmal über die Dauer dieser Untersuchung informiert, auf einem eiskalten Metalltisch, unter einem Glasdach, durch das mich Handwerker, die auf einem Dach arbeiteten, sehen konnten, außerstande, irgend jemanden zu rufen, denn man hatte mich vergessen, mit einer dicken Nadel, die man mir in die Vene gerammt hatte und die eine bläuliche Flüssigkeit in mein Blut einströmen ließ, was es zum Sterben erhitzte, bis ich endlich hinter dem Wandschirm die Ärztin kommen hörte, die zu einem Kollegen sagte, sie habe die Gelegenheit genutzt, unten ein Steak zu kaufen, und die ihn über den Urlaub befragte, den er kürzlich auf Réunion verbracht hatte, es stellte sich heraus, dass diese Nachforschung endlich etwas ergeben hatte, was mich erleichterte und enttäuschte zugleich, denn Dr. Nocourt teilte mir mit, es handle sich um eine äußerst seltene, doch vollkommen gutartige Erscheinung, die ihm in den dreißig Jahren seiner Tätigkeit noch nicht untergekommen sei, eine wohl angeborene Missbildung der Nieren, eine Art Becken, in dem sich Kristalle ablagern, die dieses Seitenstechen verursachen können und die mir der Urologe durch massive Gaben von Sprudel und Zitronensaft vom Hals schaffen wollte. Bevor ich mich jedoch einem fanatischen Zitronenkonsum hingeben konnte, hörte das Seitenstechen, dessen Ursprung ich ja nun kannte, auf, und ich war auf einmal, für sehr kurze Zeit, wie ein Idiot, völlig schmerzfrei.
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Mittlerweile hatte Eugénie mir geraten, Dr. Lérisson aufzusuchen, einen Homöopathen. Marine und Eugénie waren nach Dr. Lérisson völlig verrückt. Eugénie verbrachte ganze Nächte in seinem Wartezimmer, mitsamt Gatten und Kindern, in Erwartung eines unverhofften Termins, umgeben von mondänen Damen und Pennern, denn Dr. Lérisson rechnete es sich als Ehre an, Comtessen tausend Francs pro Konsultation zu berechnen und die gleiche Zeit Landstreichern zu widmen, ohne einen Pfennig dafür zu nehmen, dabei starrte Eugénie, bis sie Halluzinationen bekam, die Tür des Behandlungszimmers an, durch die manchmal, gegen drei Uhr früh, mit einer schlaffen Handbewegung Dr. Lérisson die ganze kleine Familie, alle bei vollkommener Gesundheit, hindurchschleuste, woraus sie mit Rezepten für zehn gelbe Gelatinekapseln von der Größe eines Schokoriegels, die sie jeweils vor den Mahlzeiten schlucken sollten, dazu für fünf rote Gelatinekapseln mittlerer Größe, sieben blaue Pillen und einen Haufen Kügelchen, die sie unter der Zunge auflösen sollten, wieder auftauchten. An dieser Medikation wäre Eugénies Sohn fast krepiert, als er eine schlichte Blinddarmentzündung hatte, Dr. Lérisson ist gegen hartes Vorgehen, chirurgische Eingriffe oder chemische Behandlung, er vertraut dem Gleichgewicht der Natur und Kräuterwickeln, und schon hatte sich Eugénies Sohn eine Bauchfellentzündung eingehandelt, mit diversen Nebeninfektionen als Komplikation, erkennbar an drei aufeinanderfolgenden Schnitten, von denen ihm eine niedliche Narbe blieb, von der Scham bis an den Hals. Marine verkündete mir ekstatisch, Dr. Lérisson sei ein Heiliger, der seiner Kunst alles Privatleben opfere und sogar seine arme Gattin, die sie mit Vergnügen leer ausgehen sah. Als Marine ihn rund drei-, viermal pro Woche aufsuchte, ging sie mitnichten durch das Wartezimmer: Eine Sprechstundenhilfe ließ sie, sobald sie ihre dunkle Brille erkannte, durch eine verborgene Tür in ein Boudoir neben Dr. Lérissons Praxis ein, wo dieser die täuschendsten Experimente für seine berühmtesten Patientinnen bereithielt, welche er nackt in Metallkisten einschloss, nachdem er ihren Leib über und über mit in Kräuterextrakt getauchten Nadeln gespickt hatte, Extrakt von Tomaten, Bauxit, Ananas, Zimt, Patchouli, Rübchen, Lehm und Karotten, denen sie mit weichen Knien, scharlachrot und wie trunken wieder entstiegen. Dr. Lérisson nahm in seiner überfüllten Praxis keine weiteren blinden Jünger an. Dank der außerordentlichen Empfehlungen von Eugénie und Marine wurde mir endlich, nach Unterhandlungen mit einer okkulten Sekretärin, ein Termin für das folgende Quartal gewährt. Ich hatte vier Stunden lang im Wartezimmer geschmort, im Kreise bedrückender Physiognomien, als der unscheinbarste Sprechstundenhelfer der Welt eine Tür öffnete und meinen Namen nannte, ich sagte zu ihm: „Nein, ich habe einen Termin bei Dr. Lérisson.“ – „Treten Sie ein“, sagte er. „Nicht doch“, entgegnete ich, einen Betrug witternd, „ich möchte zu Dr. Lérisson persönlich.“ – „Aber ich bin doch Dr. Lérisson!“ sagte er und schlug ärgerlich hinter mir die Tür zu. Aufgrund der einstimmigen Schwärmereien von Eugénie und Marine hatte ich mir einen Don Juan vorgestellt. Mit einem Blick hatte Dr. Lérisson erfasst, woran es bei mir hing, er kniff mir in die Lippe, starrte meine Lider an und sagte: „Sie leiden an Schwindelanfällen, oder?“ Nach meiner Antwort, die sich von selbst verstand, fuhr er fort: „Sie sind einer der unglaublich spasmophilsten Menschen, die mir je begegnet sind, vielleicht noch mehr als Ihre Freundin Marine, und die ist schon ein ausgeprägter Fall.“ Dr. Lérisson erläuterte mir, Spasmophilie sei nicht recht eigentlich eine Krankheit, übrigens weder organisch noch psychisch, sondern vielmehr ein großartiges Hilfsmittel, das von Kalziummangel dynamisiert und durchaus in der Lage sei, den Körper zu quälen. Spasmophilie sei daher kein psychosomatisches Leiden, doch die Festlegung von Gegenstand und Ort der Beschwerden, die sie hervorrufen könne, hinge ihrerseits von einer halb willentlichen oder häufiger unbewussten Entscheidung ab.
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Weil der Körper durch die Mitteilung der gutartigen Missbildung der Nieren und danach die Spasmophilie-Theorie frustriert war, begann er, für den Augenblick seiner Leidensmöglichkeiten beraubt, ohne Zweifel gierig, tief in seinem Innern zu bohren, blind umhertastend. Ich erlitt keine epileptischen Anfälle, doch war ich in der Lage, mich von einem Moment zum anderen buchstäblich vor Schmerzen zu winden. Ich habe niemals so wenig gelitten wie seit dem Zeitpunkt, als ich erfuhr, dass ich Aids habe, ich achte äußerst aufmerksam auf die Anzeichen für das Vordringen des Virus, ich glaube die Kartografie seiner Kolonisierung zu kennen, seiner Angriffe und Rückzüge, ich meine zu wissen, wo es schwelt und wo es zuschlägt, meine, die noch unversehrten Zonen zu spüren, doch dieser Kampf in meinem Inneren, der nun wirklich äußerst real ist, wie die medizinischen Untersuchungen bezeugen, ist im Augenblick noch gar nichts, wart nur ab, Freundchen, gegenüber den gewiss fiktiven Leiden, die mich torpedierten. Von deren Äußerungen beunruhigt, schickte Muzil mich in die Sprechstunde des alten Dr. Aron, der seinen Beruf so gut wie aufgegeben hatte, aber trotzdem immer noch täglich zwei, drei Stunden in der Praxis herumspukte, die er von seinem Vater übernommen hatte und wo seit bald hundert Jahren alles unverrückt an seinem Platz zu stehen schien, ein mäusewinziger, durchsichtiger Mann inmitten seiner riesigen, vorsintflutlichen Röntgengeräte. Dr. Aron lauschte meiner Leidensgeschichte, bat mich dann, mich in den Nebenraum seiner Praxis zu begeben, wo sich riesige Apparate mit Gelenken, Armen, Hebeln und Bullaugen reckten, die ihn wie das Innere eines U-Boots wirken ließen, und mich dort auszuziehen. Der winzig kleine, weißlich-durchscheinende Mann kauerte zu meinen Füßen nieder und begann, sein Hämmerchen wie den leichten Schlägel einer Zymbal über meine Zehen, Knöchel und Knie tanzen zu lassen, was sie mit Schauern überzog. Dann schoss er mir den Lichtstrahl einer Rundlampe, die er sich auf die Stirn geschnallt hatte, tief in die Iris und sagte, nach einem sehr langen Seufzen: „Wirklich, Sie sind ein komischer Mensch.“ Ich setzte mich wieder an seinen Schreibtisch und sagte jenen Satz zu ihm, ja, ich erinnere mich sehr gut daran, ich sagte genau diesen Satz zu ihm, 1981, kurz bevor Bill zum ersten Mal die Existenz jener Erscheinung erwähnte, die uns schon alle miteinander verband, Muzil, Marine und so viele andere, ohne dass wir es wissen konnten: „Ich würde dem die Hände küssen, der mein Todesurteil verkündet.“ Dr. Aron zog eine Enzyklopädie zurate, las schweigend einen Artikel darin und sagte: „Ich habe die Krankheit herausgefunden, an der Sie leiden, eine ziemlich seltene Krankheit, aber seien Sie nicht allzu sehr besorgt, diese Krankheit verursacht gewiss viele Beschwerden, aber sie vergeht im Allgemeinen mit dem Alter, eine Jugendkrankheit, die bei Ihnen gegen die Dreißig verschwinden dürfte, ihr verständlichster Name lautet Dysmorphophobie, das heißt, Ihnen ist jegliche Art von Entstellung verhasst.“ Er schrieb ein Rezept aus, ich verlangte, es zu sehen, er verschrieb mir Antidepressiva: Fürchtete er nicht, sie könnten mir eher schaden als nutzen? Téo, der mir den Fall eines Regisseurs berichtete, der sich vor kurzem in dem Raum, der an das Zimmer grenzte, in dem sein Bühnenbildner schlief, das Hirn aus dem Kopf gepustet hatte, gab Antidepressiva die Schuld daran und sagte, nur sie und sie allein gäben im Allgemeinen die euphorische Kraft, der Stumpfheit zu widerstehen und Ernst zu machen. Als ich Dr. Arons Praxis verließ, zerriss ich das Rezept und ging zu Muzil, um ihm die Sitzung zu schildern. Mein Bericht stimmte ihn wütend: „Unglaublich“, sagte er, „diese kleinen praktischen Ärzte haben den Auswurf und die Durchfälle ihrer Patienten dermaßen über, dass sie sich auf die Psychoanalyse verlegen und die verrücktesten Diagnosen stellen!“ Von Stéphane und mir dazu gedrängt, wegen des Hustens, der ihn wieder gar nicht mehr zu Atem kommen ließ, einen Arzt aufzusuchen, konsultierte Muzil widerwillig, kurz bevor er einen Monat vor seinem Tod in seiner Küche bewusstlos zusammenbrach, einen alten praktischen Arzt in seinem Viertel, der ihm, nachdem er ihn untersucht hatte, frohgemut verkündete, er befinde sich bei bester Gesundheit.
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Heute, am 4. Januar 1989, sage ich mir, dass mir nur noch genau sieben Tage bleiben, um die Geschichte meiner Krankheit zu erzählen, und diese Frist ist natürlich unmöglich einzuhalten und unhaltbar für mein inneres Gleichgewicht, denn ich muss am 11. Januar nachmittags Dr. Chandi anrufen, damit er mir telefonisch die Ergebnisse der Untersuchung mitteilt, der ich mich am 22. Dezember unterziehen musste, erstmals im Hôpital Claude-Bernard, wodurch ich in eine neue Phase der Krankheit eintrat, grauenhafte Untersuchungen, denn ich musste frühmorgens nüchtern erscheinen, nachdem ich nachts so gut wie gar nicht geschlafen hatte, aus Angst, diesen Termin zu verpassen, den Dr. Chandi einen Monat zuvor für mich vereinbart hatte, wobei er am Telefon meinen Namen und meine Adresse buchstabiert und mein Geburtsdatum angegeben hatte, wodurch er mich in aller Öffentlichkeit in eine neue, offen eingestandene Phase der Krankheit trieb, es sei denn, um in dieser Nacht vor jener grauenhaften Untersuchung, bei der man mir eine furchterregende Menge Blut abzapfte, davon zu träumen, ich sei durch verschiedene Umstände daran gehindert, diesen für mein Überleben entscheidenden Termin wahrzunehmen, und ich musste zu allem Überfluss das von einer fast allgemeinen Arbeitsniederlegung gelähmte Paris von einem Ende zum anderen durchqueren, schreibe all dies, aus Angst, nachts zusammenzubrechen, in Wirklichkeit am Abend des 3. Januar, rase wütend auf mein Ziel zu und auf seine Unerreichbarkeit, entsinne mich mit Entsetzen jenes Morgens, an dem ich nüchtern auf die eiskalte Straße hinausgehen musste, wo wegen des Streiks mehr Hektik herrschte als üblich, um mir eine astronomische Menge Blut abziehen, mir mein Blut in jener Einrichtung des Gesundheitswesens zum Zweck wer weiß welcher Experimente stehlen zu lassen und es dabei seiner letzten Lebenskräfte zu berauben, unter dem Vorwand, zu kontrollieren, wie viele T4-Zellen das Virus im Lauf eines Monats in meinem Blut massakriert hatte, und wieder eine Dosis meiner übrigen Lebenskräfte einzufangen, um sie den Forschern zu senden, sie in das inaktivierte Material eines Impfstoffs, der andere nach meinem Tode retten wird, in ein Gammaglobulin umzuwandeln, oder um einen Laboraffen damit zu infizieren, doch zuvor hatte ich mich durch die stinkende, resignierte Menschenmasse quetschen müssen, die ein von dem Streik aus dem Takt gebrachtes Métroabteil zum Bersten füllte, musste erstickt aus- und wieder zur Straße emporsteigen, um vor der Telefonzelle zu warten, bis ich der ausländischen jungen Frau mit ihren vielen Gepäckstücken durch die Glasscheibe gestikulierend klargemacht hatte, wie herum sie die Karte einführen und dass sie hinter ihr die Klappe schließen musste, sie überließ mir freundlicherweise den Vortritt und wartete ihrerseits in der Kälte, solange ich mich von der Tonbandschleife auf dem Anrufbeantworter des blauen Taxiunternehmens zur Verzweiflung treiben ließ, während gleichzeitig ein Pariser städtischer Arbeiter, der seinen Gerätewagen neben der Telefonzelle abgestellt hatte, sie mit einem Sprenklersystem, welches das Innere verdunkelte und in blaues Licht tauchte, überfallartig genommen hatte, während ich zum hundertsten Mal den Beantworter des blauen Taxiunternehmens abhörte, mir war noch übel von dem schwarzen, ungezuckerten Kaffee, den mir Dr. Chandi unter Ausschluss jeglicher anderer Nahrung als einziges Frühstück gestattet hatte, während doch die Krankenschwester, als ich den einzigen noch belebten Häuserblock auf dem Gelände des Hôpital Claude-Bernard erreicht hatte, das gerade ausgelagert worden war und das, als ich es durchquerte, außer Betrieb im Nebel lag wie ein Geisterkrankenhaus am Ende der Welt, was mich an meinen Besuch in Dachau erinnerte, den letzten belebten Block, die Aidsstation mit den weißen Silhouetten hinter den Milchglasscheiben, mich fragte, während sie die leeren Röhrchen in eine Schale häufte, eins, dann zwei, dann drei, dann ein großes, dann zwei kleine, schließlich waren es gut zehn, die sich alsbald mit meinem warmen, schwarzen Blut füllen würden, und die nun in der Schale durcheinander lagen, übereinander kullerten und sich ihren Platz suchten wie die entnervten Passagiere in der vom Streik aus dem Takt gebrachten Métro, ob ich denn auch kräftig gefrühstückt hätte, was ich jedenfalls gedurft hätte, sogar gesollt, ganz im Gegensatz zu dem, was mir Dr. Chandi versichert hatte, da ich daran gedacht hatte, ihn danach zu fragen, und was ich das nächste Mal tun sollte, sagte die Krankenschwester und fragte mich zugleich, an welchem Arm ich zur Ader gelassen werden wolle, als wäre ich gegenwärtig in der Lage, ein nächstes Mal auf mich zu nehmen, entsetzt, in einem Zustand des Entsetzens an der Grenze zum Lachkrampf, doch jetzt hatte der Pariser städtische Arbeiter erst einmal draußen die Wassermassen von der Zelle gestreift und wartete mit verschränkten Armen, dass ich mit dem Anrufbeantworter des blauen Taxiunternehmens fertig würde, um dann das Innere in Angriff zu nehmen, willens, die ausländische junge Frau, die an der Reihe war, beiseite zu drängeln, doch überdrüssig verschwand er mit seinem Gerätewagen im selben Augenblick, als die Stimme des blauen Taxiunternehmens mir sagte, woraufhin ich sofort wieder aufhängte, es sei zur Zeit, nach zehn Minuten Warten, kein Wagen für die Nummer der Rue Raymond-Losserand frei, die ich, als ich endlich durchgekommen war, hastig durch das Fenster der Telefonzelle erspäht hatte, in welche ich nun die ausländische junge Frau einließ, um mich wieder in die Métro zu stürzen, diesmal zu allem bereit, mit einer Übelkeit und Schwäche, die schon wieder an Kraft grenzten, zum Äußersten bereit, sogar mit einer gewissen Fröhlichkeit, dazu, mich sozusagen rein zufällig an jenem Morgen zusammenschlagen oder von einem Verrückten unter den Zug stoßen zu lassen, wo ich zum zweiten Mal zerquetscht würde, mit angehaltenem Atem und hocherhobenem Kopf, nur durch die Nase atmend, von dem Gedanken gepeinigt, dass ich zu allem Überfluss Gefahr lief, die Chinesische Grippe aufzuschnappen, die, so stand es in der Zeitung, schon zweieinhalb Millionen Franzosen ans Bett gefesselt hatte. Das Abteil auf der Linie Mairie d’Issy-Porte de la Chapelle, wo Dr. Chandi mir auszusteigen empfohlen hatte, wahlweise auch an der Porte de la Villette, um danach gut zehn Minuten an einem Zubringer zum Autobahnring entlangzulaufen, war seinerseits fast leer. Ein Mann, der eine Kappe mit Ohrenklappen aus Fell trug, beschrieb mir beim Verlassen der Station Porte de la Chapelle den Weg mit ausholenden Gesten, die kilometerweit wiesen, und als ich ihm den Namen Claude-Bernard sagte, denn er fragte mich genauer nach der Nummer in der Avenue de la Porte d’Aubervillers, zu der ich hinwollte, schien es mir, als begreife er meine Situation und mein Unglück voll und ganz, denn er war auf einmal von unvergleichlicher Freundlichkeit mir gegenüber, die, so zurückhaltend und leicht, fast humorvoll sie auch war, mir jenen schwarzen Kaffee nicht weniger versüßte, der mir immer noch Übelkeit verursachte, er hatte in der Zeitung zwei Tage zuvor gelesen, dass man das Hôpital Claude-Bernard, das aus den Zwanzigern stammte und baufällig geworden war, in neue Gebäude umgesiedelt hatte, außer dem Haus Chantemesse, wohin ich auf Dr. Chandis Weisung gehen sollte, der darauf verzichtet hatte, mir die Lage der Dinge zu schildern, ein Gebäude, das ausschließlich Aidskranken vorbehalten war und wo man bis auf weitere Verfügung innerhalb des ausgestorbenen Krankenhauses arbeitete. Am Telefon hatte Dr. Chandi, den ich bat, mir zu beschreiben, auf welchem Wege ich, zumal an einem Streiktag, zum Claude-Bernard käme, denn ich hatte ausgerechnet den Zettel verlegt, auf dem ich es mir einen Monat zuvor notiert hatte, lediglich gesagt: „Ach ja, Ihre Blutuntersuchung, war das schon morgen? Mein Gott, wie die Zeit vergeht!“ Ich fragte mich in der Folge, ob er diesen Satz absichtlich so formuliert hatte, um mich daran zu gemahnen, dass meine Zeit nun abgemessen war und ich sie nicht dadurch verschwenden sollte, unter einem anderen Schriftstellernamen als meinem eigenen zu schreiben, was mir jenen anderen, fast schon rituellen Satz ins Gedächtnis zurückrief, den er einen Monat davor gesprochen hatte, als er an den jüngsten Analysen die geschwinde Verbreitung des Virus in meinem Blut erkannte und mich bat, durch eine erneute Blutabnahme die Suche nach dem Antigen P24 zu ermöglichen, das Zeichen für das offensive, nicht mehr bloß latente Vorhandensein des Virus im Körper, um den Verwaltungsprozess in Gang zu setzen, mit dessen Hilfe ich AZT erhalten sollte, bis heute die einzige Möglichkeit, Aids im Vollbild zu behandeln: „Wenn wir jetzt nichts unternehmen, ist es nicht mehr eine Frage von Jahren, sondern von Monaten.“ Ich hatte nochmals nach dem Weg gefragt, einen Tankstellenwart, denn es war kein Mensch auf dieser von der Autoflut plattgewalzten Avenue ohne Geschäfte, der mir hätte Auskunft geben können, und ich sah am Blick des Tankstellenwarts, dass er irgendeine Gemeinsamkeit, er begriff nicht, welche, in den Gesichtern und Blicken, im fieberhaften, gespielt selbstsicheren und entspannten Auftreten jener Männer zwischen zwanzig und vierzig erkannte, die ihn nach dem Weg zu dem stillgelegten Krankenhaus fragten, zu einer Tageszeit, zu der Krankenbesuche nicht üblich waren. Ich überquerte einen weiteren Zubringer zum Autobahnring, um an das Eingangsportal des Hôpital Claude-Bernard zu gelangen, wo es weder Wachtmann noch Pfortendienst gab, stattdessen ein Schild des Inhalts, die in das Haus Chantemesse bestellten Patienten, jenes, dessen Name mir Dr. Chandi buchstabiert hatte, sollten sich direkt an die Schwestern in diesem Gebäude wenden, das sie auf dem Gelände fänden, indem sie dem mit Pfeilen markierten Weg folgten. Alles lag verlassen, leergeräumt, kalt und feucht, wie geplündert, mit blauen, ausgefransten Vorhängen, die im Wind flatterten, ich ging an den ziegelfarbenen, verbarrikadierten Gebäuden entlang, an deren Frontgiebeln stand: Infektionskrankheiten, Tropenkrankheiten, bis hin zum Gebäude der tödlichen Krankheiten, der einzigen beleuchteten Zelle, hinter deren Milchglasscheiben es weitersummte und wo man ohne Unterlass das infizierte Blut förderte. Ich traf niemanden auf meinem Weg außer einem Schwarzen, der den Ausgang nicht mehr fand und mich anflehte, ihm zu sagen, wo er eine Telefonzelle finden könne. Dr. Chandi hatte mir erzählt, die Schwestern auf dieser Station seien sehr freundlich. Ganz gewiss sind sie es zu ihm, wenn er Mittwoch morgens zu seiner Sprechstunde vorbeikommt. Ich wagte mich in einen gekachelten Flur, der in ein Wartezimmer umfunktioniert war, für arme Schlucker wie mich, die einander anstarrten und dabei dachten, die Krankheit verstecke sich genau wie bei ihnen hinter diesen Gesichtern, die doch gesund aussahen und manchmal voller Jugend und Schönheit, während sie selber einen Totenschädel sahen, wenn sie in den Spiegel schauten oder umgekehrt den Eindruck hatten, in diesen ausgemergelten Blicken unvermittelt die Krankheit auszumachen, während sie selber sich unablässig im Spiegel vergewisserten, dass sie noch bei guter Gesundheit sind, trotz ihrer schlechten Werte, und als ich mich weiter in diesen Flur wagte, erkannte ich hinter einer der Milchglasscheiben, die bis zu den Schultern reichten, von schräg vorn das vertraute Gesicht eines Mannes, mit dem ich zu tun gehabt hatte, und ich wandte mich sofort ab, entsetzt von dem Gedanken, mit ihm jenen Blick des Wiedererkennens, der erzwungenen Gleichheit zu wechseln, wo ich doch nichts als Verachtung für diesen Mann empfinde. Drei Schwestern drängten sich, als seien sie für eine Zirkusnummer übereinandergestapelt, in einem Besenschrank und blätterten wie besessen die Seiten eines Ordners durch, wobei sie Namen riefen, da riefen sie auch schon meinen, doch es gibt ein Stadium der Krankheit, da ist einem die Geheimhaltung herzlich egal, da wird sie sogar widerwärtig, lästig, und eine von ihnen erzählte von ihrem Weihnachtsbaum, man darf sich vom Schrecken dieser Krankheit nicht überwältigen lassen, sonst frisst er alles auf, sie ist schließlich nichts weiter als eine Art Krebs, ein Krebs, der mittlerweile durch den Fortschritt der Forschung fast völlig durchschaut ist. Ich hatte in einer von den Blutabnahmeboxen Zuflucht gesucht, hatte hastig die Tür hinter mir geschlossen und mich so tief wie möglich auf den Sitz gekauert, voll Angst, der Mann, den ich wiedererkannt hatte, könne mich seinerseits erkennen, doch andauernd wurde die Tür wieder von Schwestern geöffnet, die mich nach meinem Namen fragten oder sagten, ich hätte mich in die falsche Box gesetzt. Die Schwester, die mir Blut abnehmen sollte, musterte mich mit einem Blick voller Sanftheit, der bedeutete: „Du stirbst vor mir.“ Der Gedanke half ihr, milde zu bleiben und die Nadel ohne Handschuhe geradewegs in die Vene zu setzen, nachdem sie noch einmal ihre Röhrchen nachgezählt hatte, indem sie sie mit den Fingerspitzen in der Schale hin und her rollte. Sie sagte: „Es geht um die Analyse zur Verschreibung von AZT! Seit wann sind Sie in Behandlung?“ Ich überlegte, bevor ich antwortete: „Seit einem Jahr.“ Als sie das neunte Röhrchen an das Pumpsystem anschloß, das mir das Blut unter Vakuum abmolk, sagte sie: „Wenn Sie wollen, bringe ich Ihnen ein Frühstück, Nescafé und Marmeladenbrote, ist’s recht?“ Ich erhob mich umgehend von dem Sitz, und sie drückte mich ängstlich wieder hinunter: „Nein, bleiben Sie noch etwas sitzen, Sie sind zu blass, sind Sie sicher, dass Sie sich nicht mit einem Frühstück stärken möchten?“ Es drängte mich, hier herauszukommen, zwar konnte ich mich wohl nicht auf den Beinen halten, aber ich hatte Lust zu laufen, zu laufen wie noch nie, im Schlachthof galoppiert das Pferd, dessen Halsschlagader man durchtrennt hat, in Gurten aufgehängt weiter, im Leeren. Die Stapelkünstlerinnen in ihrem Besenschrank gaben mir ungefragt einen Termin für den Morgen des 11., bei Dr. Chandi. Als ich in die Kälte hinaustrat, dachte ich, jetzt fehle nur noch, dass ich wie der Schwarze in diesem Geisterkrankenhaus in die Irre ginge, der Gedanke brachte mich zum Lachen, mich verirren oder umkippen, in diesem einzigen Krankenhaus auf der Welt, da gab es keinen Zweifel, in dem ich womöglich Stunden warten müsste, bis jemand vorbeikäme, um mir aufzuhelfen. Trotz all meiner Anstrengung, mich auf dem mit Pfeilen markierten Weg nicht zu verirren, stellte ich bald fest, dass ich mich einem versperrten Tor näherte, ich musste den ganzen Weg in umgekehrter Richtung zurückgehen und mich auf die Suche nach einem anderen Ausgang machen. Ein Motorradfahrer sauste vorüber, der Helm machte sein Gesicht unkenntlich wie das eines Fechters. Ich kam wieder an dem Haus der tödlichen Krankheiten vorbei, dann an dem der Tropenkrankheiten, dann an dem der Infektionskrankheiten, und es war niemand mehr da, der mich nach dem Weg fragte. Ich verspürte immer noch diese höllische Lust, zu lachen und zu reden, so schnell wie möglich meine Lieben anzurufen, um ihnen all das zu erzählen und es loszuwerden. Ich hatte vor, mit meinem Verleger zu essen und den Vorschuss auf meinen neuen Vertrag auszuhandeln, der mir erlauben würde, eine Weltreise in der eisernen Lunge zu machen oder mir das Hirn mit einer goldenen Kugel aus dem Kopf zu pusten. Am Nachmittag rief ich Dr. Chandi in seiner Praxis an, um ihm zu sagen, dass mich das Erlebnis am Vormittag ernstlich mitgenommen hatte. Er sagte: „Ich hätte Sie informieren sollen, Sie haben mit allem recht, aber ich sehe nichts mehr, ich bin einmal wöchentlich einen Vormittag lang dort, und ich muss mir einfach eine dicke Haut zulegen, damit der Laden läuft.“ Ich sagte, ich wisse schon, er habe mich dorthin geschickt, weil es unumgänglich sei, doch fragte ich ihn, ob wir uns nicht künftig, soweit möglich jedenfalls, diese Krankenhausbesuche ersparen und die Sache weiterhin unter uns behandeln könnten. Beunruhigt von der Drohung, die ich bei unserem letzten Treffen hatte durchblicken lassen, dass ich nämlich zwischen Suizid und dem Verfassen eines weiteren Buches wählen würde, sagte mir Dr. Chandi, er wolle alles dafür tun, was in seiner Macht stehe, die Aushändigung von AZT könne jedoch ausschließlich durch ein Kontrollgremium erfolgen. Ich berichtete noch am gleichen Abend Bill von diesem Gespräch, nachdem ich mit meinem Verleger zu Mittag gegessen und den Nachmittag mit meiner Großtante im Krankenhaus verbracht hatte, und Bill sagte: „Die haben wohl Angst, du könntest dein AZT weiterverkaufen, an Afrikaner zum Beispiel.“ In Afrika lässt man wegen der hohen Kosten des Medikaments lieber die Kranken verrecken und steckt das Geld in die Forschung. Am Nachmittag des 22. Dezember also beschloss ich gemeinsam mit Dr. Chandi, nicht zu dem Termin am 11. Januar zu gehen, den nun er an meiner statt wahrnehmen wollte, womit er eine Rolle in beiden Lagern zugleich spielen würde, um nötigenfalls das ersehnte Medikament zu erhalten, oder um mich glauben zu machen, er könne es nur so erhalten, durch die Vorspiegelung meiner Anwesenheit, indem er die für unseren Termin reservierte Zeit blockierte, um das Kontrollgremium zu täuschen. Ich soll ihn am 11. Januar nachmittags anrufen, um meine Resultate zu erfahren, und aus diesem Grunde sage ich, dass mir heute, am 4. Januar, nur noch sieben Tage bleiben, um die Geschichte meiner Krankheit zu erzählen, denn was mir Dr. Chandi am 11. Januar nachmittags mitteilen wird, droht, egal in welcher Richtung, wobei jede Richtung, wie mich Dr. Chandi vorbereitete, nur verhängnisvoll sein kann, dies Buch zu gefährden, es an seiner Wurzel zu zertrümmern und meinen Zähler auf Null zu stellen, die fünfundfünfzig schon beschriebenen Blätter zu löschen und dann die Revolvertrommel rotieren zu lassen.
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