Kitabı oku: «Mambés Heimat», sayfa 2
II.
Nach über drei Stunden Fahrt kam der Bus in Yaoundé an. Es war Viertel vor zehn, als Mambé ausstieg. Wie die anderen Fahrgäste reckte er sich, während die Gepäckträger das Gepäck aus dem Fahrzeug ausluden. Ganz in der Nähe fuhren Autos vorbei. Mambé zog seinen Rollkoffer bis zum Bürgersteig, auf den die Laternen schienen. Man konnte auch Fußgänger vorübergehen sehen. Durch ein Handzeichen ließ Mambé ein Taxi anhalten und bat den Fahrer, ihn zu einem Mittelklassehotel zu bringen.
Sie fuhren ganze zehn Minuten, ohne ein einziges Schlagloch auf der Fahrbahn zu sehen. Auf jeder Seite gab es einen Bürgersteig. Hin und wieder konnte man Menschen in Kneipen flüchtig wahrnehmen. Bald erreichten sie eine Gegend, wo die Fahrbahn wellig war. Die Fahrt wurde unangenehm. Die Straßenverhältnisse waren auch hier in der Hauptstadt schlecht. Man wurde tüchtig durchgeschüttelt. Im Gegensatz zu Douala, wo das Relief flach war, lag Yaoundé in einem hügeligen Gebiet. Der von den Autos aufgewirbelte Staub drang in großen Mengen durch die Fenster, sodass Mambé einen Hustenanfall bekam. Dieser Straßenabschnitt war nur stellenweise asphaltiert. Wenn der untere Teil des Autos die Buckel berührte, stieß der Fahrer ein Wutgeschrei aus. Plötzlich kam man auf eine breitere Straße, deren Zustand gut war. Sie stieg an. Nach einiger Zeit bog das Taxi dann wieder in eine Straße ein, die nicht asphaltiert war. Das Scheinwerferlicht schien durch den in der Luft liegenden Staub. Als das Auto endlich in den Hotelhof einfuhr, atmete Mambé auf. Er stieg aus.
Das Hotel war von einer Mauer umgeben. Die Fassade des zweistöckigen Gebäudes war blau gestrichen. Ein Hotelboy in Livree kam und trug Mambés Reisekoffer hinein. Das Taxi fuhr davon. Der Angestellte am Empfang zeigte Mambé eine Preisliste der verschiedenen Zimmer. Die des zweiten Stocks waren mit einer Klimaanlage und Badewanne ausgestattet. Deshalb waren sie teurer als die des ersten Stocks und des Erdgeschosses, die je einen Ventilator und eine Duschkabine besaßen. Mambé entschied sich für ein Zimmer in der ersten Etage. In der Hotelbar, wo das Licht gedämpft war, sahen einige Leute fern und tranken Bier dabei.
»Guinness … Und die Kraft ist in Ihnen«, hörte man im Werbespot.
Der Hotelboy trug den Reisekoffer auf dem Kopf und führte Mambé hinauf. Als sie das Zimmer erreicht hatten und der Boy den Schlüssel in das Schloss steckte, kam es zu einem Stromausfall. Er nahm sofort eine Taschenlampe heraus und schloss die Tür auf. Der Schlüsselanhänger war aus Holz, darin war die Zimmernummer eingekerbt. Auf der Nachtkonsole lagen zwei Kerzen, ein Feuerzeug und eine Bibel. Der Boy zündete eine Kerze an und verzog sich gleich danach. Mambé schloss die Tür ab. Dann ging er unter die Dusche. Da er müde war, legte er sich ins Bett. Es war ein Doppelbett. Mambé lag auf dem Rücken. Von Zeit zu Zeit hörte er Schritte auf der Treppe. Bald blies er die Kerze aus. Eine Viertelstunde später schlief er ein. Aber um zwei Uhr dreißig riss ihn ein Moskitostich aus dem Schlaf. Er kratzte sich unwillkürlich an der Stelle, die juckte. Er drückte dann auf den Lichtschalter, um zu sehen, ob der Strom inzwischen wiederhergestellt worden war. Leider war das nicht der Fall. Um sich vor den Moskitos zu schützen, hüllte er sich in die dicke wollene Decke ein. Nun hörte er zwei Moskitos summen, aber sie konnten ihm nichts mehr tun. Nach einer Weile schlief er wieder ein.
Um halb neun wachte er auf. An der Wand hing das Gemälde einer nackten Frau. Mambé stand auf, um zwei Anschläge zu lesen, die an der Tür angebracht waren. Beide Texte waren vom Hoteldirektor unterzeichnet. Im ersten wünschte er den Gästen einen angenehmen Aufenthalt; im zweiten teilte er ihnen die Hausordnung mit. In einer Ecke des Zimmers gab es einen Mülleimer. Neben dem Fenster standen ein Schreibtisch und ein Stuhl. Ein alter Ventilator stand am Fuße des Bettes. Die Toilette hatte keine Tür. Aus Angst vor Dieben hatte man sämtliche Toilettensitze im Hotel abmontiert. Und ohne diese waren die Toiletten genauso unbequem wie die Sitze des Busses, mit dem Mambé am Vortag gereist war.
Im Untergeschoss des Hotels gab es einen Raum, der früher als Restaurant gedient hatte. Die Bar dagegen florierte nach wie vor. In einer Stadt, in der viele Menschen trinklustig waren, konnte eine Bar unmöglich Pleite gehen. Mambé machte sich fertig. Bevor er hinausging, verschloss er die Tür und gab den Schlüssel an der Rezeption ab. Das war Vorschrift. Eine Dame und ein Boy hatten ihre Kollegen von letzter Nacht abgelöst. Draußen schien die Sonne.
Mambé lief die unasphaltierte Straße entlang. An der Kreuzung bog er nach rechts ab und folgte der ansteigenden breiten Straße bis nach oben. Dort gab es eine andere Kreuzung. Viele Leute standen am Straßenrand, um ein Taxi zu nehmen. Es gab auch private Kleinbusse, die einen Teil der Menschen zum Markt oder an ihre Arbeitsstätten brachten. In den Autos waren die Leute zusammengepfercht wie Heringe. Yaoundé war eine Großstadt, die nicht über ein Straßenbahnnetz verfügte. Früher gab es eine Gesellschaft für öffentlichen Nahverkehr, die mit Hunderten von Bussen die Mehrheit der Armen täglich transportierte. Die Fahrkarte war halb so teuer wie eine Taxifahrt. Vor einigen Jahren hatte diese staatliche Gesellschaft jedoch Konkurs angemeldet.
Es gab zwar einige Privatpersonen, die nach dem Konkurs Busse zur Verfügung gestellt hatten, aber deren Anzahl war so gering, dass sie nicht einmal zwei Tausendstel der Stadtbewohner zu befördern vermochte. Das war lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein. Sie hatten keinen Fahrplan und keine Haltestelle. Trotzdem waren sie immer brechend voll. Wenn man sie nahm, kam man immer halb tot an seinem Ziel an. Jedoch zogen die Armen aus Kostengründen die Bus- der Taxifahrt vor. Wäre die Anzahl der Busse nicht so klein gewesen, wären sie alle nur damit gefahren.
Die Reichen hingegen bewegten sich nach wie vor mit ihren Pkws fort.
Mambé ging in eine Cafeteria, um zu frühstücken. Sie bestand aus vier in die Erde eingetriebenen Pflöcken, auf denen ein Wellblechdach befestigt war. In der Mitte stand die Theke, hinter der zwei Kellner arbeiteten. Es gab drei Bänke für die Kunden: Zwei davon standen links und rechts neben der Theke. Die dritte, die auch die längste war, befand sich davor. Mambé nahm einen Kaffee mit Milch, zwei hart gekochte Eier und ein Baguette.
Dann ging er an einigen Geschäften und Bars vorbei. Das größte Geschäft war ein Baumarkt. Davor stand ein mit Zementsäcken beladenes Sattelfahrzeug; drei Männer mit muskulösen Armen waren dabei, es zu entladen. Einer von ihnen war oben auf dem Lastwagenanhänger. Jeder seiner beiden Kollegen bekam von ihm einen 50 Kilo schweren Sack auf den Kopf geladen, ging ihn in dem Geschäft abstellen und kam schnell zurück. Eine Stunde lang blieb Mambé wie angewurzelt dort stehen und sah ihnen zu. Sie machten keine Pause, obwohl sie müde waren. Ihre Körper waren mit Zementstaub bedeckt, sodass man sie nicht erkennen konnte. Ihre Arbeitskraft wurde ausgebeutet, das war klar. Aber sie protestierten nicht. Wie lange konnten sie noch schweigen? Irgendwann würden sie unter der Last zusammenbrechen, die Armen. Warum ließ man den Menschen solche Lasten tragen, wenn man wusste, dass ein Gabelstapler und Paletten ihm diese Schinderei erspart hätten?
Mambé überquerte die Straße. Es wehte eine schwache Brise. Es gab deutlich weniger Leute auf der Straße als vorher. Man konnte schon einige Frauen vom Markt kommen sehen. Dort hatten sie viel gefeilscht, wie immer. Aus den Einkaufstaschen, die sie auf dem Kopf trugen, ragten jeweils drei Stück Brennholz, die sie für 100 Francs gekauft hatten. Das reichte für einen Tag, genau wie die Lebensmittel. Die Reichen dagegen kauften nur einmal pro Woche, aber viel. Sie kochten weder mit Brennholz noch mit Sägemehl, denn diese verursachten viel Rauch, der den Köchinnen in den Augen brannte. Die Frauen der Reichen kochten ausschließlich mit Gas. Der Preis einer Flasche schwankte zwischen 5.500 und 6.000 Francs!
Mambé nahm ein Taxi in Richtung Innenstadt. Er saß vorn neben dem Fahrer. Auf dem Rücksitz gab es drei Fahrgäste. So fuhr man bis zu einer Kreuzung, an der der Fahrer einen Mann vorn einsteigen lassen wollte. Mambé protestierte.
»Wo soll er sich denn hinsetzen?«, fragte er den Fahrer.
»Auf Ihren Sitz, wohin denn sonst?«, sagte dieser.
»Aber Sie wissen, dass der Beifahrersitz für eine Person konzipiert wurde, oder?«, gab ihm Mambé zu bedenken.
»Sind Sie kein Kameruner?«, wollte der Fahrer wissen.
»Doch«, antwortete Mambé.
»Er ist Kameruner, aber er ist bestimmt kein Städter«, meinte Konso, einer der drei Fahrgäste, die auf dem Rücksitz saßen.
»Er kann unmöglich vom Dorf sein, denn dort nimmt ein Auto wie dieses mindestens zehn Personen an Bord! Ich denke, er ist lange im Ausland gewesen«, vermutete Lasan, der zweite Fahrgast.
»Das stimmt. Ich bin erst gestern aus Amerika zurückgekehrt. Dort habe ich zwanzig Jahre gelebt«, bestätigte Mambé. Inzwischen hupten einige Taxis schon hinter dem von Mambé. Der Fahrer forderte ihn auf, die Tür zu schließen. Während das Taxi sich entfernte, sah Mambé im rechten Rückspiegel, wie der Mann, den er nicht hatte einsteigen lassen wollen, immer kleiner wurde. Nach einer Weile war er nur noch ein Punkt. Dann verschwand er …
»Herr Fahrer, auf Ihrem Taxi steht geschrieben, dass es fünf Plätze hat«, bemerkte Mambé.
»Richtig. Auf allen Taxis kann man das lesen. Das ist die Theorie, die Vorschrift. Die Praxis sieht anders aus. Wir sind immer zu sechst an Bord. Wenn zwei Fahrgäste den Beifahrersitz teilen, klagen sie nicht. Sie finden es normal. Manchmal fahren wir mit vier Personen auf dem Rücksitz. Und das akzeptieren die Leute auch. Nur selten trifft man jemanden wie Sie, der dagegen ist.«
»Ich habe für meinen Platz gezahlt, also habe ich das Recht, bequem zu sitzen«, argumentierte Mambé.
»Ich stimme Ihnen zu, aber unseren Fahrgästen geht es nicht primär um ihr Recht oder um die Bequemlichkeit, sondern darum, am Zielort anzukommen. Vor allem zu den Hauptverkehrszeiten, wenn die Nachfrage das Angebot übertrifft, müssen die Leute lange am Straßenrand warten, bevor sie ein Taxi finden. Sie müssen sich glücklich schätzen, wenn es ihnen gelingt, eines zu finden. In diesen Zeiten müssen sie außerdem ein bisschen mehr als den normalen Tarif vorschlagen, um ihre Chancen zu erhöhen. Solange die Taxis fast die einzigen öffentlichen Verkehrsmittel in dieser Stadt bleiben, wird sich die Lage nicht ändern … Monsieur, ich möchte Ihnen etwas empfehlen. Wenn Sie wirklich immer bequem sitzen und von niemandem gestört werden wollen, sollten Sie sich ein eigenes Auto zulegen. Was sagen Sie zu meinem Vorschlag, Monsieur? Sie können sich das leisten, nicht wahr? Sie kommen ja von Amerika!«, sagte der Fahrer.
»Dem Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten!«, ergänzte Obani, der dritte Fahrgast.
»Ich könnte schon ein Auto erwerben, nur möchte ich nicht jeden Tag allein an Bord sein. Das würde mir keinen Spaß machen. Ich habe immer gedacht, es ist besser, wenn ich zuerst heirate und dann ein Auto kaufe! Ja, meine Herren, zuerst die Frau, dann das Auto!«, sagte Mambé. Alle lachten.
»In Ihrem Alter sind Sie noch ledig? Ich habe mit siebzehn geheiratet«, sagte Konso.
»Ich denke schon ernsthaft an die Heirat. Es ist so, dass ich zuerst eine solide Grundlage im Leben haben wollte … Das hat viel Zeit in Anspruch genommen … Mehrere Jahre … Jetzt bin ich schon vierzig Jahre alt! … Die Zeit verfliegt … Man kommt in die Jahre, und dagegen kann man nichts tun … Aber man muss etwas gegen die Einsamkeit tun … Bevor ich heirate, möchte ich auf die öffentlichen Verkehrsmittel nicht verzichten … Vielleicht lerne ich irgendwann eine Göttin im Taxi kennen, man kann nie wissen!«, argumentierte Mambé. Die Männer waren froh, dass er die Diskussion auf ihr Lieblingsthema gebracht hatte.
»Ach, machen Sie sich keine Sorgen! In dieser Stadt gibt es mehr Frauen als Männer. Sie finden schon eine. Sie haben Geld und sehen auch noch gut aus. Das wollen doch alle Frauen«, bemerkte der Taxifahrer.
Lasan stellte daraufhin klar: »Er wird gewiss sehr bald eine Frau kennen lernen. Aber er muss Glück haben, um auf die Richtige zu treffen. Denn heutzutage sind die Frauen in den Großstädten sehr materialistisch geworden. Wenn du nicht aufpasst, ruinieren sie dich in kürzester Zeit und lassen dich dann im Stich. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich kenne viele Opfer … Wissen Sie, wo man in diesem Land Frauen finden kann, die noch nicht moralisch verdorben sind?«
»Auf dem Land?«, erriet Konso.
»Genau! Deshalb würde ich unserem Herrn zuraten, in ein Dorf seiner Wahl zu reisen, um eine Frau zu suchen. Je kleiner das Dorf, desto besser«, sagte Lasan.
Durch einen Pfiff ließ ein Polizist das Taxi anhalten.
»Ihre Papiere!«, brüllte er. Er hatte einen dicken Bauch. Das kam vom vielen Trinken. Ihm stand der Schweiß auf der Stirn. Man sah ihm an, dass er nicht imstande gewesen wäre, einem flüchtigen Dieb hinterherzulaufen. Nach zwei Minuten wäre er bereits außer Atem und müsste aufgeben. Er glich jenen Wesen, die ständig in den Kneipen und Spielzimmern herumzogen. Und wenn sie spät in der Nacht in volltrunkenem Zustand nach Hause torkelten, verprügelten sie ihre Frauen, bevor sie sich ins Bett fallen ließen.
»Hier haben Sie sie, Chef!«, sagte der Taxifahrer, indem er dem Beamten seine Autopapiere reichte. Dieser nahm den Fünfhundertfrancschein heraus und schob ihn sich in die Hosentasche. Dann reichte er die Dokumente zurück. Das Taxi fuhr weiter.
Diese Szene brachte die Fahrgäste dazu, zu einem anderen Thema überzugehen.
»Die Korruption ist eines der großen Übel dieses Landes«, sagte Obani.
»Nicht umsonst ist unser Land schon zweimal das korrupteste Land der Welt gewesen. Wir brillieren nur als schlechtes Beispiel, versinken weiterhin in der Korruption. Diejenigen, die in der Regierung sitzen, erzählen uns, dass sie dagegen kämpfen. Aber das ist nur Augenwischerei. Die ganze Verwaltung ist korrupt. Die Polizei wird nicht nur auf der Straße bestochen. Wenn du zum Revier gehst, um ein Dokument beglaubigen zu lassen, wird von dir Trinkgeld verlangt. Du musst immer die Behörden in den Ministerien schmieren, sonst wird dein Fall nicht bearbeitet. Um als Beamter befördert zu werden, musst du Bestechungsgeld zahlen. In den Krankenhäusern verlangen viele Ärzte Trinkgeld, bevor sie die Patienten überhaupt untersuchen. An der Zollstelle wird bestochen. An jedem Schulanfang legen sich die Leiter der Gymnasien neue Autos zu. Das ist allgemein bekannt. Sie werden von den Eltern bestochen, deren Kinder die Aufnahmeprüfung nicht bestanden haben. Die Sündenböcke dieser Situation sind die Lehrer, die dann in überfüllten Klassen arbeiten müssen. Auch die Direktoren von Elite- und Hochschulen erhalten Schmiergeld von den Eltern während der Aufnahmeprüfung. Alles kann man in diesem Land kaufen. Deshalb hat unser Land in der übrigen Welt einen schlechten Ruf. Wer kann uns noch für voll nehmen, wenn wir unser Verhalten nicht ändern?«, sagte Lasan.
Das Taxi erreichte eine Kreuzung, der Verkehr wurde nun dichter. Rechts am Straßenrand konnte man eine Marienstatue sehen. Einen Kilometer von dort entfernt floss der Mfoundi. Am linken Ufer gab es Eisenbahnschienen, die parallel zum Fluss verliefen. Jenseits des Flusses befand sich ein offener Markt. Dicht daneben stand eine Industrieanlage. Sie bestand aus riesigen Aluminiumbehältern, die durch Leitungsrohre miteinander verbunden waren. Eine Abgaswolke strömte daraus aus. Das von derselben Fabrik produzierte Abwasser ergoss sich direkt in den Fluss. ›Warum hatte man sie mitten in der Stadt errichtet‹, fragte sich Mambé.
Da es keine Verkehrsampeln an der Kreuzung gab, war eine Polizistin damit beschäftigt, den Verkehr zu regeln. Die Autos fuhren langsam.
»Die Gesellschaft kann nur vorwärts kommen, wenn der richtige Mann am richtigen Platz ist. Aber mit der Korruption passiert genau das Gegenteil, denn diejenigen, die ihre Stellen kaufen, sind in der Regel keine kompetenten Personen. Sie könnten sich in einem freien Wettbewerb nicht durchsetzen, deshalb ziehen sie den unlauteren vor. Die Korruption führt dazu, dass die Leistung der Besten verkannt wird. Wenn du begabt, aber arm bist, kannst du in einer korrupten Gesellschaft keinen Erfolg haben. Da musst du dich den Reihen der Arbeitslosen anschließen, es sei denn, du findest eine Arbeit im Ausland. Die enttäuschten klugen Köpfe wandern aus! So spricht man von ›Braindrain‹. Die Korruption wirkt sich wirklich verheerend auf unser Land aus. Was kann man gegen dieses Krebsgeschwür tun?«, fragte Konso.
»Ich denke, es bedarf einer Mentalitätsänderung, um mit der Korruption fertig zu werden. Eines ist sicher: Es gibt keinen Bestochenen ohne Bestechende und umgekehrt. Das bedeutet, dass jeder Einzelne sich weigern muss, zu bestechen oder bestochen zu werden. Es muss zu einer Rückbesinnung auf die moralischen Werte der Tradition kommen, denn heutzutage sind viele Leute vergleichbar mit Bäumen ohne Wurzeln. Dem Menschen muss klar gemacht werden, dass die Bestechung etwas ist, das gegen die guten Sitten verstößt. Gleichzeitig sollte man diejenigen bestrafen, die sich der Korruption schuldig machen. Aber das Beste wäre, wenn es der Gesellschaft gelänge, den Bürger so zu erziehen, dass er die Korruption ablehnt, nicht weil er Angst hat, bestraft zu werden, sondern weil er eingesehen hat, dass sie an sich eine schlechte Sache ist«, schlug Obani vor.
Die anderen stimmten ihm zu.
In der Mitte der Straße befand sich ein schmaler Bürgersteig. In Richtung Innenstadt gab es zwei Autokolonnen. In der entgegengesetzten Richtung dagegen gab es nur eine. Wenn die Massen am späten Nachmittag von der Arbeit zurückfuhren, erlebte man genau das Gegenteil. Morgens strömten sie von überall her in die Innenstadt. Hier befanden sich die meisten Bürogebäude und der Zentralmarkt der Stadt. Auf beiden Straßenseiten gab es viel zu sehen: Kneipen, auf deren Terrassen Frauen verschiedene Nahrungsmittel in Plastikeimern und Aluminiumtöpfen verkauften, eine offene Werkstatt, in der viele Autowracks standen und die so schmutzig war, dass man sie zunächst für einen Autofriedhof halten konnte, Matratzengeschäfte, Geschäfte, vor denen Ersatzteile ausgelegt waren, eine Fahrschule und einen Reinigungsbetrieb.
Auf dem schmalen Bürgersteig in der Straßenmitte tauchte ein körperlich Behinderter auf. Er saß auf einem selbst gebauten Rollbrett und bewegte sich damit entlang des Bürgersteigs fort. Diesen Straßenabschnitt hatte er gewählt, weil er stauanfällig und das Gelände dort eben war. An der nächsten Kreuzung konnte man die Ampeln wahrnehmen. Sie zeigten rot. Die Autos in Richtung Innenstadt hielten an. Während der Bettler auf dem Rollbrett sich zwischen den Autos fortbewegte, streckte er die Hand zu den Fahrern aus, aber niemand spendete ihm was. Er konnte nicht fassen, dass selbst die Reichen, die in ihren edlen Autos Zigarren rauchten, kein Mitgefühl für ihn empfanden. Einer von ihnen machte sogar einen Zug an der Zigarre und pustete ihm den Rauch direkt ins Gesicht! ›Wohin würde er am Abend zurückkehren? Hatte er ein Zuhause? Oder nächtigte er auch im Freien?‹, fragte sich Mambé.
Die Ampel wurde grün und die Autos in Innenstadtrichtung rollten wieder. An der Kreuzung bogen einige davon nach rechts ab. Mambés Taxi fuhr geradeaus. Hinter der Kreuzung gab es keinen Bürgersteig mehr in der Mitte der Straße, die nun von Bäumen gesäumt war. Einige Sonnenstrahlen fielen auf die Möbel, die sich unter den Bäumen am rechten Straßenrand befanden. Es waren Tausende von Sofas, Stühlen, Sesseln, Tischen und Schränken. Man konnte meinen, dass alle Möbeltischler der Stadt sich hier niedergelassen hatten. Diese Gegend nannte man Olezoa. Die Armen, die die Straße entlanggingen, konnten die Möbel höchstens berühren, denn diese waren nicht nur aus Edelholz, sondern auch das Ergebnis einer Qualitätsarbeit. Die Spiegel der Schränke, das Leder und andere Stoffe der Sitze erinnerten sie daran, dass ihr Leben ein langer Traum war, der nie wahr würde. An einer Stelle des Bürgersteigs erblickte man eine Person in alten Klamotten, die ihr Gesicht im Rückspiegel eines brandneuen Autos betrachtete. Das Auto gehörte einem Reichen, der dort geparkt hatte, um sich Möbel zu kaufen. Auf dem anderen Bürgersteig standen ein paar Möbelwagen. Unter einem Baum saß ein Mann und schwenkte einen großen Fisch, den er wahrscheinlich im Mfoundi gefangen hatte. Wenn man sich umschaute, sah man nur Möbel, die für Arme unerschwinglich waren. Sie konnten sich zwar bestimmte Möbel anschaffen, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass sie mindestens fünf Jahre dafür sparten: Es handelte sich dabei dann entweder um Rattanmöbel oder um Möbel, die aus hellem Holz und von Hobbytischlern fabriziert waren.
Das Taxi fuhr an einem Internet-Café vorbei. Dort wurde kein Kaffee verkauft, stattdessen gab es einen Kühlschrank voller Erfrischungsgetränke. Nach diesem Gebäude kam eine Apotheke, die im Schatten des letzten Baumes lag. Kein Möbelstück mehr. Neben einem vierstöckigen Luxushotel, das folgte, war ein Haus, dessen Dach, Türen und Fenster mindestens hundert Jahre alt waren. Jetzt führte die Straße in das Tal hinunter, in dem der Mfoundi floss. Man näherte sich dem Zentralmarkt.
An der nächsten Gabelung gab es keine Verkehrsampeln, aber auch kein Vorfahrtsschild. Man zögerte, denn man wusste nicht, wer Vorfahrt hatte. Hier konnte es leicht zu einem Unfall kommen. Drüben lag ein verlotterter Friedhof am Abhang eines Hügels. Rechts daneben befand sich ein Garten, unter dessen Bäumen Bänke standen. Doch wer sich hier hinsetzte, der konnte sich wegen des Verkehrslärms unmöglich ausruhen. Selbst die Toten von nebenan beklagten sich darüber. Die Straße stieg leicht an bis zu einer Kreuzung, die ebenfalls keine Ampeln besaß. Anscheinend hatte man viele Fahrer nicht gelehrt, welche Rolle der Fußgängerweg spielte, denn sie hielten nicht an, wenn ein Fußgänger die Fahrbahn überqueren wollte, um die Taxibucht zu erreichen, die sich neben dem Garten befand. Die Fußgänger mussten mal zaudern, mal zurücktreten, mal schnell laufen, mit den Fahrzeugen kämpfen, um die Straße zu überqueren. Wer diesen kleinen Krieg ohne Schaden überstand, der freute sich darüber. In einem Land wie Kamerun, wo viele Leute es vorzogen, den Führerschein zu kaufen statt ihn in einer Fahrschule zu machen, sollte sich der Fußgänger vor jedem rollenden Fahrzeug in Acht nehmen. Auf der Stoßstange des Vordermannes konnte Mambé lesen: »Wer den Führerschein kauft, der kauft seinen eigenen Tod.«
›Der Führerscheinkäufer kauft den Tod anderer Menschen mit, denn bei einem Unfall würde er einen Fußgänger oder andere Insassen mit in den Tod reißen. Obani hat Recht. Es kann keinen Bestecher ohne Bestochenen geben‹, dachte Mambé.
Rechts lag ein Gebäude der Nationalen Elektrizitätsgesellschaft, die jeden Abend den Strom in der Stadt abstellte. Einige Fahrzeuge bogen in eine Allee ein, die zu den verschiedenen Ministerien hinaufführte. Zwischen der Kreuzung und dem Finanzamt befand sich eine der seltenen öffentlichen Toiletten der Stadt. Es war ein kleines Haus, auf dessen Veranda ein Mann saß. Seine Aufgabe bestand darin, das WC sauber zu halten und vor allem das Geld bei den Benutzern zu kassieren. Nicht nur, dass es zu wenige öffentliche Toiletten in Yaoundé gab, für ihre Benutzung musste auch noch Geld bezahlt werden. Aus diesem Grund zogen es viele Menschen vor, an Straßenecken, zwischen die Häuser, an die Mauern, ins Gras, in die Rinnen, Bäche und Flüsse, auf Baumstämme, Autowracks, Müllhaufen und -container zu urinieren. Kurz gesagt, überall in der Natur wurde Wasser gelassen, sowohl nachts als auch am helllichten Tag. Frauen und Männer hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, dies zu tun. Wenn der Staat eines Tages viele Toiletten baute und sie kostenlos zur Verfügung stellte, würde er die Armen umerziehen müssen, damit sie diese schlechte Gewohnheit ablegten. Das wäre eine harte Arbeit. Sie würde mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Aber der Staat war nicht willens, etwas zu tun, um die Situation zu ändern. Er dachte nicht daran. Die Mächtigen hatten sowieso ihre Privat-WCs an ihrem Arbeitsplatz. Sie hatten auch ihre eigenen Stadtteile, die immer sauber waren. Wenn sich einer von ihnen aus Versehen in einem Armenviertel niederließ, dann umgab er sein Haus mit einer so hohen Mauer, dass man meinen konnte, er schütze sich gegen eine eventuelle Naturkatastrophe. Wenn sich die Wohlhabenden in ihren Stadtteilen und schönen Häusern von den Armen abgeschirmt hatten, sagten sie: »Der Rest der Stadt kann ruhig stinken.« Stieß man beim Spaziergang auf eine Stelle, wo es nach Urin roch, so wurde einem übel. Und wenn man dabei gewesen wäre, etwas zu essen, wäre einem der Appetit für mindestens zwei Wochen vergangen.
Das Taxi, in dem Mambé sich befand, fuhr geradeaus. Die Straße führte leicht abwärts und mündete in einen mit Ampeln ausgestatteten Kreisverkehr ein. Man war schon im Stadtzentrum angekommen. Die Autos hielten an. Einige Fußgänger überquerten die Straße. Auf einmal kamen ein paar Kinder angerannt und boten den Insassen Pralinen, Bonbons und Kekse an, auf denen es kein Verfallsdatum gab. Es waren Kinder, die keine Chance hatten, eingeschult zu werden.
Das Eckgebäude war das Postamt. Davor verkauften Frauen geröstete Erdnüsse, Brot und hart gekochte Eier. Auf der zweiten Seite des Gebäudes saßen sieben hochbetagte Männer auf Hockern und verkauften Briefumschläge, DIN-A4-Blätter, Postkarten, Kugelschreiber, Klebstoff und Büroklammern. Jeder hatte seine Waren in einer Holzkiste. Sie hatten allesamt den Tatterich. Das Postgebäude war ein Altbau. Wenn man einen Blick auf die Fassade und die Schalterhalle warf, konnte man glauben, dass das ganze Gebäude saniert worden war. Auf dem Fußboden in der Halle waren Fliesen verlegt, die Schalter waren gekachelt und mit Glasscheiben versehen. Aber wenn man über die Hintertür in das Gebäude eintrat, sah man Wände und Decken, die stellenweise Risse aufwiesen und deren Farbe durch die Zeit ausgeblichen war, ferner einen durch die Nutzung schmutzig gewordenen Schalter, einige Büros, deren Ausstattung verschlissen war, Paketaufbewahrungsräume mit rostigen Gittern. Im Gegensatz zur Schalterhalle hatte man hier den Boden nie gewischt. Es war auch kein Fliesenboden. Die Pakete waren genauso verstaubt wie die Spinde, die im Nebengebäude standen und als Briefkästen dienten. In den engen Gängen zwischen diesen Spinden lagen Papierschnipsel verstreut. Es gab Tausende von Schließfächern. Sie waren alle nummeriert. Wenn der Kunde seinen Kasten aufschloss und seine Briefe herausnahm, musste er zuerst den Staub von den Umschlägen abschütteln. Nicht der Postkunde war König, sondern die Post. So war es in Kamerun. Der Kunde musste für sein Postfach ein Jahresabonnement zahlen, das so teuer war, dass es für einen Armen unerschwinglich war. Der reiche Kunde musste seine Briefe regelmäßig bei der Post abholen, denn diese lieferte nicht ins Haus. Sie begründete dies damit, dass die Straßen in den verschiedenen Vierteln der Stadt keine Namen trügen und dass die Häuser durcheinander gebaut und nicht nummeriert seien. Natürlich benutzte die Post diesen Vorwand, um das Geld zu sparen, mit dem sie Briefträger bezahlt hätte. Zwar stimmte es, dass die Stadtplaner es versäumt hatten, den Straßen Namen zu geben und die Häuser zu nummerieren, aber die Post hätte sich in den noblen Stadtteilen zurechtgefunden, wo alles harmonisch aussah. Sie hätte sogar die Briefe in den Armenvierteln, wo die Häuser anarchisch gebaut waren, zustellen können, wenn sie den festen Willen gehabt hätte, es zu tun. Dass die bereits erwähnte Nationale Elektrizitätsgesellschaft monatlich jedem Kunden die Rechnung ins Haus lieferte, dass die Steuerbehörde alle Verkaufsbuden sehr gut kannte, die sich am Ende der verschlungenen Pfade der Armenviertel befanden, war der Beweis dafür, dass es immer einen Weg gab, wenn der Wille groß genug war.
Die Ampel wurde grün. Vom Kreisverkehr des Stadtzentrums, das in einem Tal lag, gingen acht Straßen aus. In der Regenzeit kam es oft vor, dass der Mfoundi über die Ufer trat und diese Gegend unter Wasser setzte. Jedes Mal wurde das in den Fernsehnachrichten gezeigt. Die Straßen waren dann für Fahrzeuge nicht passierbar. So beförderten einige junge Kerle Frauen, Männer und Kinder mit Rikschas hinüber. Andere, die keine Rikschas hatten, nahmen die Menschen auf die Schultern. Es waren Arbeitslose. Sie waren froh, auf diese Weise ein bisschen Geld zu verdienen. Den Trägern reichte das Wasser bis an die Knie.
Unweit der Post, zwischen der zweiten und dritten Straße, lag ein verlassenes Hochhaus. Vor einigen Jahren hatte man es als Bürogebäude errichtet. Dann wurde es kaum benutzt, denn es stellte sich heraus, dass es erzitterte, wenn ein Zug durch die darunter liegende Eisenbahnunterführung fuhr. Man schaffte die Einrichtung weg, hängte Fenster und Türen aus. Man ließ das Gebäude leer stehen. Ein gefundenes Fressen für viele Obdachlose, die seitdem einige Stockwerke besetzt hatten. Übrigens war es auch ein Treffpunkt vieler Ganoven. Man musste sich davor hüten, nachts an diesem Ort vorbeizuschlendern. Die Wände waren stellenweise mit Graffiti versehen. Das Hochhaus, wie es da stand, war eine Zeitbombe. Es drohte jeden Moment einzustürzen. Bezeichnenderweise nannte man es »Das Gebäude des Todes«.
Auf dem Bürgersteig vor diesem Gebäude hatten einige Jugendliche DVDs, VCDs, CDs sowie Video- und Musikkassetten ausgelegt. Dort begann der Zentralmarkt. Viele Leute gingen durch die Straßen. Die erste Straße nach dem Hochhaus führte nach Mvog-Ada, einem Stadtviertel, in dem immer ein lebhaftes Treiben herrschte. Entlang der nächsten Straße floss der Mfoundi, der jetzt in der Trockenzeit so harmlos aussah, dass man sich nicht vorstellen konnte, wie er in der Regenzeit bedrohlich anschwoll. Auf dem Bürgersteig gingen die Leute zwischen zwei Reihen von Waren, die sich auf dem Boden befanden: Es waren Lederschuhe, Schuhcreme und -bürsten, Zahncreme und -bürsten.





