Kitabı oku: «Alles beginnt mit der Sehnsucht», sayfa 2

EXPERIMENT
Heute betrachte ich die Welt von meiner Sehnsucht aus. Wie wäre es, wenn ich mir Zeit nähme – nicht für einen gezielten Spaziergang, sondern für das Umherschweifen, Betrachten, Verweilen, Weiterschlendern, Versunken-Sein, Lärm-Fliehen, Bei-mir-Wohnen? Oder ich sitze auf meinem Stuhl und lasse die Gedanken umherschweifen. Wohin ziehen sie mich?
| 3. Tag | |
Träume, die in deinen Tiefen wallen,
aus dem Dunkel lass sie alle los.
Wie Fontänen sind sie, und sie fallen
lichter und in Liederintervallen
ihren Schalen wieder in den Schoß.
Und ich weiß jetzt: wie die Kinder werde.
Alle Angst ist nur ein Anbeginn;
aber ohne Ende ist die Erde,
und das Bangen ist nur die Gebärde,
und die Sehnsucht ist ihr Sinn –
Dieses Gedicht von Rainer M. Rilke kann ich auswendig. Es fiel mir glücklicherweise in den Jahren zu, in denen ich intensiv ringend nach meinem Selbst, nach den Sinnfäden meines Lebens suchte. Das Überraschende ist für mich der Gedanke des Dichters, dass meine Träume im Dunkeln wohnen und ich sie zuerst daraus entlassen muss.
Wie klug, denke ich heute! Solange die Träume im Dunkeln bleiben, sind sie verborgen und nicht wirklich fassbar. Sie sind gefangen und starr. Zeige ich ihnen den Weg ans Licht, in mein Bewusstsein, in die Gedanken, ins eigene Wort, beginnen sie zu leben. Es beginnt eine Geschichte! Und was für eine!

Der Dichter weiß, dass diese Geschichte mit Licht, Leichtigkeit und mit Musik zu tun hat. Es ist eine Hoffnungsgeschichte, die aus dem Dunkel ins Licht führt. Ich durfte erfahren, dass diese Geschichte zur ureigenen Geschichte werden kann. Sie handelt vom Wagnis eines Originals in Beziehung zum Ewigen. Die Sehnsucht ist der Faden, der beide verbindet.
Die Skulptur von Robert Indermaur bringt diesen Gedanken auf andere Weise zum Ausdruck. Mit Blick zum Himmel, aufrecht und sprungbereit steht diese Frau da. Sie ist allein. Sie scheint sich am Ewigen zu nähren und dadurch den Sprung in das Leben zu wagen.
Darum geht es: mich zu wagen, mir nichts von vornherein zu verbieten, meine Träume aufsteigen zu lassen, das Dunkel in meiner Seele zu lüften. Es stimmt natürlich: Sehnsucht zulassen heißt, sich aussetzen und ein Risiko eingehen. Es ist ein Schritt ins Unbekannte, einem Geheimnis entgegen. Die ureigenste Geschichte beginnt immer mit dem Benennen eines Traums unter einem großen Himmel. Wage dich! 
EXPERIMENT
Wie wäre es, wenn ich mich heute an den Ort meiner Sehnsucht begäbe, kein Licht anzündete und in der Dunkelheit nachspürte, welcher Traum aufsteigt? Eine andere Möglichkeit ist, das Gedicht von Rilke oder ein anderes Gedicht über die Sehnsucht auswendig zu lernen.
| 4. Tag | |
Wie verhält es sich mit unseren Wünschen? Was geschieht, wenn ich wage, einen Traum zu benennen?
Aus der Kinderzeit ist mir geblieben, dass es unendlich lange dauern kann, bis Wünsche in Erfüllung gehen. Noch schlimmer ist, nicht ganz sicher zu wissen, ob oder wie sie in Erfüllung gehen. Wünschen heißt warten und warten heißt offen lassen, wie sich der Wunsch erfüllt.
Was Kinder mit ihren Wünschen erleben, scheint im Erwachsenenalter nicht anders geworden zu sein. Wer sich auf seine Sehnsucht einlässt, wer einen großen Lebenswunsch äußert, wird augenblicklich aufs Warten und auf die Offenheit der Art der Erfüllung verwiesen. Wer aber will heute warten? Für wen hat Warten einen Wert? Wer mag das Offene, das Nichtwissen darüber, wie sich eine Geschichte entwickeln wird?
Im Jahr 2011 bin ich mit drei Freunden zu Fuß von der Schweiz nach Jerusalem gepilgert. Wir mussten in Amman, fünf Tagesetappen vor dem großen Ziel, auf eine Gruppe von Leuten warten. Wir hatten abgemacht, dass sie uns auf der letzten Wegstrecke begleiten. Das bedeutete für uns drei Wochen warten. Ich erlebte eine schlimme Zeit. Ich hatte keine Lust, so viel Zeit in dieser endlosen Wüstenstadt zu verbringen. Ich hatte kein Bedürfnis, nach sechs Monaten des Pilgerns plötzlich stillzustehen. Ich wollte nur eines: endlich ankommen. Dann merkte ich, dass diese Pause genau mit der Adventszeit zusammenfiel. Das stimmte mich versöhnlich. Adventszeit ist doch gerade die Zeit des Wartens, sagte ich mir. Ich beschloss, jeden Tag einen englischsprachigen Gottesdienst zu besuchen. Hier hörte ich bekannte und weniger bekannte Texte aus dem Buch des Propheten Jesaja. Ich entdeckte, dass ich mich in der Landschaft befand, aus der diese Texte stammen. Die Bilder sprachen zu mir. Ich verstand sie. Sie erfüllen mich noch heute. Ich begann nach und nach diese Zeit zu schätzen. Die Zeit des Wartens wurde zu einer ganz wichtigen Zeit des Pilgerns. Sie hat das gute An- und Heimkommen vorbereitet.
Einen Traum haben und warten können, das sind Geschwister, die zusammengehören. Im Warten geschieht vieles, was zunächst scheinbar nichts mit dem Traum zu tun hat. Es lohnt sich, dranzubleiben, auszuharren und dem, was geschieht, ein großzügiges Vorschussvertrauen zu schenken. 
EXPERIMENT
Wie wäre es, wenn ich heute eine Bibel zur Hand nähme? Das Buch Jesaja z.B. befindet sich im Alten Testament bei den Prophetenbüchern. Es spricht in vielen Abschnitten davon, wie Gott die Sehnsucht seines Volkes Israel erfüllt. Es spricht in unglaublich reichen Bildern. Die Sprache ist beeindruckend.
Daraus stammen aus dem 11. Kapitel die Verse 1 bis 9:
Aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. Der Geist des Herrn lässt sich nieder auf ihm: der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht. Er richtet nicht nach dem Augenschein und nicht nur nach dem Hörensagen entscheidet er, sondern er richtet die Hilflosen gerecht und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist. Er schlägt den Gewalttätigen mit dem Stock seines Wortes und tötet den Schuldigen mit dem Hauch seines Mundes. Gerechtigkeit ist der Gürtel um seine Hüften, Treue der Gürtel um seinen Leib. Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten. Kuh und Bärin freunden sich an, ihre Jungen liegen beieinander. Der Löwe frisst Stroh wie das Rind. Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter, das Kind streckt seine Hand in die Höhle der Schlange. Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg; denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn, so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist
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| 5. Tag | |
Vor einigen Jahren nahm ich in Besançon an einem Französischkurs teil. In der Stadt entdeckte ich einen Brunnen, vor dem ich wie angewurzelt stehen blieb. Noch nie zuvor hatte ich eine schwangere und halbnackte Frau als Brunnendarstellung gesehen. Ich war fasziniert, ja beglückt über diese Idee. Beides, eine Schwangerschaft wie auch ein Brunnen, ist für mich ein Bild werdenden Lebens. Mich erstaunte, dass diese Frau keine Arme hat. Was will der Künstler damit zum Ausdruck bringen? Vielleicht die Ohnmacht bezüglich der Zukunft? Vielleicht auch die Frage von Eltern, ob sie ihrem Kind gerecht werden, es verstehen, annehmen, lieben können? Und schließlich beeindruckte mich das Gesicht der Frau. Sie schaut in die Weite, leicht nach oben zum Himmel hin. Sie strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Ob sie gar singt?
Ich will diese Skulptur, »die Quelle«, den Singles nicht vorenthalten. Bei einigen mag sie vielleicht den Schmerz darüber auslösen, selbst kein Kind zeugen zu können, schwanger zu werden, Mutter und Vater zu sein. Unabhängig davon, unabhängig ob Frau oder Mann, kennen alle den Wunsch, dass das eigene Leben fruchtbar sein möge. Wir sagen zum Beispiel: Ich gehe mit einer Idee schwanger, oder ich spüre, dass sich etwas verändert, aber ich weiß noch nicht genau, was es ist. Die Skulptur zeigt mir, dass neues Leben zulassen in jedem Fall ein Wagnis ist. Wie kann eine Mutter ohne Arme ihr Kind stillen, wickeln, wiegen? Vieles bleibt ungewiss. Es braucht diesen großen Mut, das Unbekannte zu betreten, und die Fähigkeit, für manches ohne Macht und ohne Lösung zu sein. Dazu ist der Blick über sich hinaus maßgebend, notwendig. Würde die Frau ihre fehlenden Arme betrachten – sie dürfte verzweifeln ob der Gedanken, dass sie ihr Kind niemals wird mit den Händen streicheln oder es in die Arme nehmen können. Sie aber schaut in die Weite. Sie hält ihren Blick auf etwas gerichtet, was ihr Gesicht ganz offen und ihre Haltung stark und aufrecht sein lässt. Einem Studenten fiel bei der Betrachtung der Skulptur Maria ein. Diese unverhofft Schwangere singt das Magnifikat, das große Loblied. Es findet sich in der Bibel im Lukasevangelium 1, 46–55.
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