Kitabı oku: «Einfach alles teilen?»

Yazı tipi:

Aussteigen und ankommen: im inhaltsverzeichnis

EIN PAAR WORTE ZUM EINSTIEG

Wir sagen Danke!

WIR TRÄUMEN NICHT MEHR VOM ANDEREN LEBEN, WIR LEBEN ES – PROLOG

Wir gehören zusammen, das steht fest

Die Krisenzeit hat uns sichtbar gemacht

Wer sind wir und was machen wir?

So sieht’s bei uns aus: unser Bauernhof

Dürfen wir uns vorstellen? Das sind wir, die Bewohner*innen des Hofkollektivs Wieserhoisl

Das Hofkollektiv Wieserhoisl

Zusammen sind wir stark

Komm und begleite uns (ein Stück)

DAS ENDE UNSERER TRÄUME WAR DER BEGINN UNSERES NEUEN LEBENS – UNSERE ENTSTEHUNGSGESCHICHTE

Wo alles anfing: Studienzeit und erste Erfahrungen mit der Selbstorganisation

Endlich: Das Kollektiv nimmt Formen an

Angekommen am Wieserhoisl: Los geht’s – mit Aufräumaktionen und Gruppenbildung

WIR WERDEN NICHT DIE LETZTEN SEIN – VON HINTERGRÜNDEN, PIONIER*INNEN, ABENTEURER*INNEN UND UNSEREN VORBILDERN

Rückblende auf die Zeitenwende: Geschichtliche Entwicklungen und Vorreiter für unsere Überzeugungen

Kollektiv – Was heißt das eigentlich?

Der Kollektivgedanke heute: Herausforderungen und Lösungsansätze in der alternativen Ökonomie

Lass uns zusammenziehen: kollektives Wohnen

Unsere Kollektivpartner*innen: Gemeinschaften und Hofkollektive in Österreich

Deine Checkliste zur Kollektivgründung

DA SIND WIR UNS EINIG: WIR HABEN EINE VISION

Was wir erkannt haben: Weiter wie bisher ist keine Option

Veränderungen in der Landwirtschaft und die Rolle der Kleinbäuer*innen

Von Kleinbäuer*innen und Agrobusiness: Was in der Landwirtschaft schiefläuft

Was wollen wir damit erreichen?

ZUSAMMEN IST MENSCH WENIGER ALLEIN

Wie viel Gemeinschaft wollen wir überhaupt?

Von Trubel und Einsamkeit, von Nachteulen und Lerchen

Über den Tellerrand blicken: Zeit abseits vom Kollektiv

SO KOMPLIZIERT KANN DAS EINFACHE LEBEN MANCHMAL SEIN: DIE TÜCKEN DES LANDLEBENS. UNORDNUNG UND CHAOS

Alles an seinen Platz: Warum die Ordnung im Kollektiv besonders wichtig ist

Von den Dingen und ihrem angestammten Platz

Trennungsschmerz und neues Leben: Warum sich bei uns alle möglichen Gegenstände anhäufen

Chaosfaktor Nummer eins: Kinder. Und der Dreck von draußen

Unsere meistgenutzten Gegenstände: die Autos

UNSERE KÜCHE UND WAS WIR TÄGLICH HIER ANRICHTEN

Weil gutes Essen immer wichtiger wird

Selbstversorgung: ein Selbstversuch

Die Küche: der Mittelpunkt im Kollektiv

Die Sache mit dem Einkaufen

Wer schwingt heute den Kochlöffel? Küchenpläne und Essvorlieben

Feiert mit uns: Grillabende, Feste und besondere Anlässe

Cook it like: Wieserhoisl! Die Party-Paella

BEI UNS HAT AUCH DAS GEMÜSE EINEN NAMEN: SELBSTVERSORGUNG AUS UNSEREM GARTEN

Ein traumhaftes Fleckchen Grün: unser Gemüse- und Obstgarten

Das war unser Plan, von Anfang an: Selbstversorgung

Trau dich und leg los: Tipps für die Selbstversorgung

Und alle machen mit: Organisation der Gartenarbeit

Was wächst wo? Anbauplanung

Ein Blick auf die Beete: unser Gemüsegarten

Die Basis: Sortenvielfalt und Saatgutsouveränität

Warum Biodiversität so wichtig ist

Freies Saatgut braucht die Welt!

Als wir die solidarische Landwirtschaft ausprobiert haben

Im Frühling mit an Bord: unsere Jungpflanzen, mit Liebe hochgepäppelt

Immer auf Lager: vom Einkochen und Einbunkern

Unser Ziel, unser Anspruch – und was uns der Garten alles gelehrt hat

Unser Starterpaket: Die Pflanzen-Hitliste für Gemüseanfänger*innen

ES BLÖKT UND GACKERT, ES WIEHERT UND SCHNATTERT: TIERHALTUNG AUF UNSEREM HOF

Von Selbstversorgung, Tieren und Unabhängigkeit

So hat alles begonnen: von Hühnern und Schafen bis zum Bio-Bauernhof

Wie es ist, Schafe zu halten: von Sommerweiden und Winterfutter, von Lämmern und flauschiger Wolle

Wer sonst noch so am Hof unterwegs ist

Anfang und Ende oder: vom Leben lernen

Die Verantwortung für tierische Mitbewohner*innen

DIE WUNDERSAME WISSENSVERMEHRUNG

Lösungen entstehen im Dialog: Wie wir im Kollektiv Wissen generieren und weitergeben

Wenn wir nicht mehr weiterwissen: Unsere Nachbar*innen helfen

Wir brauchen ein Dach über dem Kopf: Als das Bausyndikat zu Besuch war

WER IST HIER DER*DIE CHEF*IN? NIEMAND! – WER VERDIENT DAS GELD? ALLE!

Wir sagen: Weg mit der Hierarchie!

Basisdemokratie im Alltag oder: So treffen wir Entscheidungen

Unser Podium zum Diskutieren, Streiten und Lösungen-Finden: das Plenum

Radikales Teilen oder: Alles kommt auf ein Konto

NICHT MEINS, NICHT DEINS, NICHT UNSERES: KOLLEKTIVER BESITZ

Persönlicher und kollektiver Besitz

Besitz von Grund und Boden

KOMMEN UND GEHEN: VON AUFNAHMEN UND ABSCHIEDEN

Einmal alle durchzählen, bitte: Wer schon aller bei uns dabei war

Von Hintergründen und Motivationen: Warum sich Menschen uns anschließen oder wieder fortgehen

Wenn langjährige Mitglieder wieder zu neuen Ufern aufbrechen

Ein Abschied für immer

Hallo, neue Erdenbürger*innen: die Geburt unserer Kinder

AUFWACHSEN IM KOLLEKTIV: SCHLARAFFENLAND FÜR DIE KINDER

Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier: Wie die Kinder im Laufe der Jahre unser Kollektiv erobert haben

Komm, spiel mit mir: Kinderalltag im Wieserhoisl

Wie sich Elternschaft im Kollektiv anfühlt

Und wie sehen das unsere Kinder selbst? Ein Interview

KUNST UND KULTUR AM HOF – WENN WIR UNS DEN ZIRKUS NACH HAUSE HOLEN

Bringen wir die Kunst mit auf den Bauernhof!

Kommt alle zu uns: Die Offroad-Juggling-Conventions sind eröffnet

Abenteuer, Spiel und Spaß: Camps für Kinder

Mach mal lauter: Musik am Wieserhoisl

Wir laden alle ein – zu unseren Hoffesten

ALS DIE TIERE DEN WALD VERLIESSEN (WEIL ES SO LAUT WAR). DIE HOLZWOCHE

Einheizen ist angesagt: Damit es im Winter schön warm ist

Gemeinsam fällen, hacken und schichten: Hintergründe und Ablauf der Holzwoche

Wie kann mensch sich die Holzarbeit vorstellen? Brennholz verarbeiten

DIE NATUR LEHRT UNS DEMUT ODER: VON WETTEREXTREMEN UND EINER HORNISSENATTACKE

Wo sich die wilde Natur ausbreitet

Achtung, große Brummer im Anflug: Hornissenattacke

Das große Krabbeln: Mäuse, Ratten und andere Plagegeister

Hühner und Enten – Freund und Feind zugleich

Schnell rein ins Haus: Wetterereignisse, die uns das Fürchten lehrten

Brandalarm am Wieserhoisl: das Spiel mit dem Feuer

POLITISCHER AKTIVISMUS ALS LEBENSGRUNDHALTUNG

Ja, wir sind politisch! Unser Selbstverständnis

Wir setzen Zeichen – und uns für Frauen*power ein

Wir stellen uns gegen Diskriminierung jeder Art

Unser Aktivismus: Ausrichtung nach innen und nach außen

AUS DER SICHT DES NEUANKÖMMLINGS: TOBIAS, WIE BIST DU EIGENTLICH AUF DAS WIESERHOISL GEKOMMEN?

Der erste Monat im Wieserhoisl ist vorbei – was nun?

Was mir am Kollektivwesen gefällt – und warum ich das Wieserhoisl liebe

Das Zusammenleben im Kollektiv: von Gruppendynamiken, Konfliktpotenzialen und gemeinsamer Ökonomie

Sag mal, was sind deine Pläne – wie geht es weiter?

DER ANFANG IST NAH: ANHANG

Für Wissensdurstige: Anmerkungen, Quellen und Erweiterungen zum Text

Wir sind keine Insel: andere Kollektive und Gemeinschaften

Zum Fachsimpeln: Glossar

Zum Weiterlesen: Literaturtipps und -quellen

Ein Paar Worte
Zum Einstieg

Da ist es nun – das Buch über unsere Geschichte. Oder: die Geschichte über unser Zusammenleben. Wir dürfen es dir voller Freude und Stolz in die Hand legen. Bevor wir damit loslegen, wollen wir dir noch ein paar einleitende Worte über unsere Perspektive fürs Lesen mitgeben.

Vieles hat sich seit der Gründung des Hofkollektivs Wieserhoisl im Jahr 2006 getan. Menschen sind gekommen, andere gegangen. Im Grunde ist alles ständig im Wandel. Was in diesen Jahren in unserem Kollektiv passiert ist, lässt sich manchmal gut und relativ einfach so wiedergeben, wie es sich für alle Beteiligten abgespielt hat. Viele andere Bereiche wiederum lassen sich so mannigfaltig darstellen, wie auch wir alle unterschiedlich sind. Die subjektive Wahrnehmung, das individuelle Erleben, einfach die ganz persönliche Wahrheit einer Geschichte lassen sich dabei nicht ausklammern. Ehemalige Wieserhoisl-Bewohner*innen sind essenzieller Teil unserer Geschichte. Sie haben mit uns das Hofkollektiv Wieserhoisl zu dem gemacht, was es heute ist. Da wir dieses Buch nur als kleiner Teil der schon einmal bestehenden Gruppe schreiben, lässt es sich nicht vermeiden, dass die Schilderungen aus der Erinnerung und dem Erleben eines*r Einzelnen bestehen. Es mag sein, dass so manches von einer anderen Person ganz anders wahrgenommen wurde. Wir versuchen, unsere Geschichte so zu erzählen, dass sie jedem und jeder gerecht wird, und bitten gleichzeitig um Verständnis dafür, dass es sich um unsere subjektiven Wahrheiten handelt.

Übrigens haben wir das Buch nicht nach einem bestimmten Schema oder einer aufeinander aufbauenden Reihenfolge strukturiert. Bei der Vorstellung unserer verschiedenen Lebensbereiche gibt es kein Vorher oder Nachher. Legen wir mal damit los, dir zu erzählen, wer wir sind und was uns dazu motiviert, in Gemeinschaft zu leben. Und dann tauchen wir ein in die unterschiedlichsten Themen und Aspekte rund um unser Zusammenleben. Du kannst das Buch also genau so lesen, wie es dir gefällt. Blätter einfach zu einem Kapitel, über das du mehr erfahren willst, und lies dich ein. Oder willst du alles von vorne bis hinten durchlesen? Dann viel Spaß dabei!

Und damit gehen wir mitten hinein in die Dinge und präsentieren dir: das Hofkollektiv Wieserhoisl. Wir wünschen dir viel Inspiration, Anregungen und Nachdenk-Momente beim Lesen!

Wir Sagen Danke!

Mit diesen Worten möchten wir uns gleich zu Beginn bei den ehemaligen Wieserhoisl-Bewohner*innen bedanken. Ohne sie wäre dieser Ort nicht das, was er heute ist! Ihr Engagement für unsere gemeinsame Idee hat dazu beigetragen, diesen Ort Stück für Stück weiterzuentwickeln. Wir sind euch allen sehr dankbar für eure Zeit und Energie, die hier miteingeflossen sind, und die mannigfaltigen umgesetzten Projekte, die ihr hier hinterlassen habt. Schade, dass wir nicht länger den gemeinsamen Weg beschreiten. Ihr fehlt uns!

Unser herzlichster Dank geht an Mira, Yara, Peter, Eva, Mattis, Antonin, Bernhard, Kathi, Jessica, Elke, Greta, Katrin, Lie, Kathi Z., Mark, Aurelia, Kai, Sebastian, Polona und Eric.

Darüber hinaus geht unser Dank an alle Nachbar*innen, die uns von Anfang an wohlwollend begegneten und uns immer wieder mal mit Rat und Tat zur Seite stehen. Allen voran bedanken wir uns bei Stacherl, Hansi, Seppi, Peter und Michl. Wir möchten uns auch bei all jenen bedanken, die uns während Aktionswochen, wie der Holzwoche, oder bei Veranstaltungen tatkräftig unter die Arme gegriffen haben, und natürlich bei all den freiwillig Helfenden und Praktikant*innen. Außerdem bei allen Freund*innen, die unsere Veranstaltungen besucht und unterstützt haben. Ihr seid alle essenzieller Teil von dem gewachsenen und eigenständig existierenden Kollektivwesen Wieserhoisl!

Wir möchten uns auch bei unseren Eltern bedanken, die unseren eigenwilligen Weg vielleicht nicht immer verstanden, aber stets unsere Entscheidung für kollektives Leben respektiert haben.

Wir möchten uns auch bei den jetzigen Eigentümer*innen des Hofes, Bernhard und Candidus, bedanken, dass sie uns die Möglichkeit geben, unsere Utopie hier zu verwirklichen.

Danke auch all jenen, die unserer Einladung gefolgt sind und ein paar Worte über das Wieserhoisl geschrieben haben. Wir freuen uns sehr über diese Erinnerungen und eure Wertschätzung. Danke!

Wir träumen nicht mehr vom anderen Leben, wir leben es – Prolog


Kurz nachdem wir den Vertrag zu diesem Buch unterschrieben hatten, wurde der erste Lockdown in Österreich ausgerufen. Und damit folgte eine Krisenzeit, die wir alle, sei es in Europa oder in der ganzen Welt, so noch nicht erlebt hatten. Und dennoch: Inmitten dieser bedrückenden, entbehrlichen und für viele einfach nur furchtbaren Zeit kam hier, auf unserem Hof, ein Hoffnungsschimmer auf. Es stellte sich plötzlich heraus, dass das, worauf wir nun jahrelang hingearbeitet hatten, sich gelohnt hat.


› Einfach herrlich, dieser Ausblick.

Ich kann mich an keinen vergleichbaren Moment in den vielen Jahren des Hofkollektivs Wieserhoisl erinnern, der uns so sehr darin bestätigt hatte, dass wir das Richtige machen. Versteht mich nicht falsch: Ich will hier keinesfalls in Abrede stellen, wie schlimm sich diese Zeit für viele gestaltet hat. Auch wir haben das zu spüren bekommen. Aber: Wir hatten uns. War es doch immer der Gedanke an ein unabhängiges, nachhaltiges, selbstversorgendes und krisensicheres Leben, der uns für ein Leben am Land und in Gemeinschaft motiviert hatte. Angesichts einer wirtschaftlichen Wachstumslogik, mit der wir langfristig sukzessive unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstören, und den damit verbundenen Szenarien von Unsicherheit und Ungerechtigkeit wollten wir uns selbst organisieren, selbst bestimmen, uns für weniger ertragreiche Zeiten wappnen. Kurz: Wir wollten unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen.

Wir gehören zusammen,
das steht fest

Und da war er nun gekommen, so ein unheilvoller, fast schon apokalyptisch anmutender Moment. Und wir: Hatten plötzlich dieses Glück, ihn auf unserem schönen Stück Land verbringen zu dürfen.

Zwar isoliert, aber absolut nicht einsam, sondern in Solidarität und gegenseitiger Unterstützung, mit unseren eigenen Lebensmitteln und unserem eigenen Brennholz. Ja, das fühlte sich richtig gut an! Im Unterschied dazu mussten viele unserer Freund*innen in der Stadt, teilweise auf sich selbst gestellt, ganz andere Situationen durchstehen und wir konnten sie nur aus der Ferne unterstützen.

Auch die Tatsache, dass die Landwirtschaft zu den systemrelevanten Bereichen zählt und nun auch als solcher vermehrte gesellschaftliche Anerkennung fand, war ein bestätigender Moment. Endlich eine kleine Aufwertung und Vorteile für landwirtschaftliche Betriebe! Das ermöglichte uns zumindest in der ersten Phase, unsere Jungpflanzenproduktion nicht abbrechen zu müssen. Zwar war ein bisschen Improvisation im Verkauf gefragt, da Großmärkte ebenfalls abgesagt wurden. Aber das gestiegene Interesse und die erhöhte Nachfrage nach biologisch produziertem Saatgut und Pflanzen bildeten einen sehr vielversprechenden Absatzmarkt, den wir fast ausschließlich lokal und regional bedienten.

Die Innenkehr, der ausgiebige Hausputz und die allgemeine Langeweile, von denen viele andere während des Lockdowns berichteten, blieb bei uns aus. Der Frühling hielt Einzug, wir waren alle zu Hause, Arbeit und Aufgaben gab es genug. Natürlich hatten sich unsere alltäglichen Bewegungen nach außen eingeschränkt. Deshalb wurde in dieser Zeit auch bei uns so manche lange liegengelassene Tätigkeit endlich erledigt. Unser Garten lief in diesem Jahr ebenfalls zur Höchstform auf.

Unsere Kinder konnten ohne größere Schwierigkeiten im Homeschooling weiterarbeiten. Auch hier haben wir gesehen, dass unsere Herangehensweise an die Selbstorganisation sowie Schulformen mit eigenständigem, freiem Lernen große Vorteile mit sich bringen. Die Kinder waren es bereits gewohnt, sich mit vorhandenen Materialien den Unterrichtsstoff selbst zu erarbeiten. Uns ist es wichtig, dass unsere Kinder sich aus eigener Motivation heraus etwas aneignen wollen, statt auswendig zu lernen oder nachzuplappern. Dass sie immer zu Hause waren, war bestimmt eine der größten Veränderungen am Anfang. Aber auch hier: Was für ein Glück, jederzeit in den Pausen an die frische Luft, einfach hinaus oder in den Wald gehen zu können!

Die Krisenzeit hat uns sichtbar gemacht

Und noch etwas Erstaunliches ist passiert: Uns erreichte eine merkbar gestiegene Anzahl an Anfragen von freiwilligen Helfer*innen, von verschiedensten Plattformen, Medien und Veranstaltungen, die sich für solidarische Ökonomie und gemeinschaftliche Lebensformen interessierten, sowie von jungen Menschen, die neue Hofkollektive gründen und sich darüber mit uns unterhalten wollten.

All dieses Interesse an dem, was wir hier im Hofkollektiv Wieserhoisl seit vielen Jahren umsetzen und womit wir uns bemühen voranzukommen, war zwar auch vor der Pandemie schon da. Doch zeigte sich gerade in dieser Zeit sehr klar, dass solche Lebensformen wie die unsere in Krisenzeiten deutlich resilienter sind. Lebensformen, in denen mensch nicht einsam ist, nicht sozial isoliert, nicht vom Lebensmittelangebot im Supermarkt abhängig und nicht zuletzt: der Natur nahe. Das macht, nicht nur in diesen Zeiten, einen Teil unserer Freiheit aus.

Nicht ganz unter den Tisch kehren wollen wir dabei eine Tatsache: Kollektives Leben ist auch ganz schön anstrengend! Inzwischen können wir schon auf einige Jahre des gemeinsamen Tuns zurückschauen. Und erkennen den Unterschied zwischen dem anfänglichen Eifer, mit dem wir uns hineingestürzt haben, und einer gewissen Abgeklärtheit, die vielleicht heute eher vorherrscht. In den ersten Jahren haben wir so unglaublich viele Dinge, Veranstaltungen, Bauaktivitäten, Vernetzungstreffen, kleine Kinder und vieles mehr gleichzeitig gemanagt. Jetzt denke ich mir: „Wow! Wie haben wir das damals nur gemacht?“

Mit den Jahren haben sich viele Dinge verändert. Auch wir selbst natürlich. Und das Zusammenleben wird nicht unbedingt einfacher. Anders, intensiver, tiefgehender, verbundener und verbindlicher. Es gibt Dinge, die nach all den Jahren immer noch präsent sind, die wir gewissermaßen schon lange mitschleppen. Seien es Diskussionen, Unstimmigkeiten und Streitigkeiten, Dinge, die sich nicht bereinigen lassen oder bei denen wir trotz langer Praxis noch keine gut funktionierende Methode gefunden haben, um damit besser umgehen zu können. Das zeigt einmal mehr: Kollektives Zusammenleben ist ein Prozess, bei dem die Beteiligten ständig neu ausverhandeln müssen. Das geht in die Knochen, da gibt es immer wieder Durchhänger. Und dann gibt es aber eben diese wundersamen Momente, in denen sich zeigt, dass es sich ausgezahlt hat.

Das Wieserhoisl steht vielleicht auch jetzt an einem Punkt, an dem es heißt, innezuhalten und zu schauen, wohin die Reise weitergehen soll. Und wir stehen vor der Herausforderung, etwas, das über viele Jahre und von vielen Menschen aufgebaut wurde, als neu geformte Gruppe zu erhalten. Diesen wunderbaren Ort der Begegnung, des Lernens und der vielfältigen Natur auch weiterhin erleben zu dürfen und für andere erlebbar zu machen, sorgt für die notwendige Motivation, unser Projekt weiterzuführen. Diesen faszinierenden Ort, an dem unsere Utopie schon ein Stück weit Realität geworden ist.

Wer sind wir und was machen wir?

Wie können wir uns selbst beschreiben? Fangen wir mal so an: Das Hofkollektiv Wieserhoisl ist eine lustige Truppe von befreundeten jungen Menschen, die motiviert sind, sich ihre eigene Lebensrealität zu gestalten.

Damit du uns und unser Lebensumfeld ein bisschen näher kennenlernen kannst, fangen wir gleich zu Beginn mit den grundlegendsten Infos an: Wer zu uns gehört, was wir machen, wo wir leben.

Zu dem Zeitpunkt, an dem diese Zeilen hier geschrieben werden, besteht die Hofkollektivgruppe aus fünf Erwachsenen und drei Kindern. Altersmäßig sind wir um die 40 Jahre alt. Unser neuester Mitbewohner ist da mit seinen 23 Jahren ein kleiner Ausreißer. Die Kinder sind 2009, 2011 und 2017 hier am Hof zur Welt gekommen. Zurzeit lebt nur eine Mitbewohnerin aus einem anderen Ursprungsland als Österreich mit uns: Elena ist Spanierin. Aber auch früher lebten immer wieder mal Mitbewohner*innen aus anderen Ländern bei uns, z. B. Antonin, der in der Gründer*innengruppe dabei war und aus Frankreich kommt. Dadurch entsteht hier auch immer wieder ein bisschen internationales Flair. Die größte Besetzung am Wieserhoisl-Hof gab es 2009/10: mit neun Erwachsenen und drei Kindern. Die kleinste Konstellation existierte über eine kurze Zeitspanne im Sommer/Herbst 2007 mit drei Erwachsenen und einem Kind. Zwischen den Anfangsjahren und heute sind Menschen aus der Gruppe wieder ausgezogen, andere sind eingezogen. Kinder wurden geboren, ein lieber Freund ist in unserer Mitte an Krebs verstorben. Beziehungen haben sich aufgelöst, andere sind neu entstanden. Wir sehen uns als recht stabile Gruppe, im Laufe der Jahre haben uns dennoch einige Um- und Auszüge begleitet. Bewegung und Umbruch gab es also immer.

So sieht’s bei uns aus: unser Bauernhof

Grundsätzlich sind wir am Wieserhoisl-Hof aus räumlichen Gründen auf die ungefähre Anzahl von zehn Bewohner*innen begrenzt. Je nachdem, wie viele Menschen sich ein Zimmer teilen bzw. wie stark das Bedürfnis nach Privatsphäre ist, steigt und sinkt die Anzahl der Bewohner*innen.

Für mehr Menschen müsste nicht nur Wohnraum erweitert werden. Es bräuchte auch einen Ausbau der Grundinfrastruktur, also der Küche, der Badezimmer und der Gemeinschaftsräume. Mehr Wohnraum wurde seit unserem Ankommen in mobiler Form geschaffen. Vier ausrangierte Bau- bzw. Zirkuswägen in unterschiedlicher Größe ergänzen den vorhandenen Wohnraum und ermöglichen so privaten Rückzug in die eigenen vier Wände.

Willkommen am Wieserhoisl-Hof!

Am Rande der Kleinstadt, abseits des geschäftigen Treibens, schlängelt sich die Straße vorbei an saftig grünen Wiesen, Ackerflächen, Wohnhäusern und Siloballen, hinauf in den Wald. Nach ein paar Kurven kommt eine Abzweigung, es geht über eine Schotterstraße, über den plätschernden Bach. Der kühle Wald gibt einen wieder frei, und schon erkennt mensch rechts eine Reihe von Bauwägen, links eine Scheune, ein Gewächshaus und dahinter eine riesige Weidefläche über den sanften Hang hinauf, an dem die Schafe grasen und gelegentlich ein zufriedenes Blöken von sich geben.

Weiter vorne kommt ein weitflächiger Gemüsegarten zum Vorschein, unten angrenzend picken und scharren quirlige Hühner durch Wiese und Sand. Da – es eröffnet sich ein spektakulärer Blick ins Tal. Und daneben schmiegt sich das Hauptgebäude, das Bauernhaus, an den Hang.

Den Weg entlang, am Rande, bevor er sich wieder steil nach unten neigt, glänzt das Dach unserer privaten Wolfgangi-Kapelle im Sonnenschein – ein beliebtes Ausflugsziel, auf dessen Aussichtsbank auch wir uns gerne im Sommer nach dem Mähen ausruhen und die letzten Sonnenstrahlen auf unseren Nasen tanzen lassen.

So oder so ähnlich würden sich wohl deine Eindrücke gestalten, wenn du vom Tal aus auf unseren Bauernhof kommst. Ja, wenn mensch eines vom Wieserhoisl-Hof und seiner Umgebung sagen kann, dann das: Es ist ein paradiesischer, fast schon ein bisschen magischer Ort. Und das waren auch gleich unsere ersten Gedanken, als wir ihn vor vielen Jahren das erste Mal gesehen haben. Wir waren augenblicklich verliebt.

Vom Bauernhaus bis zum Gemüsegarten: Was gehört alles zum Hof?

Schauen wir uns also die Gebäude und das Gebiet noch ein bisschen näher an, beginnend mit unserem Hauptgebäude, dem Bauernhaus. Dabei handelt es sich um einen typischen weststeirischen Bergbauernhof. Über die Treppe, vorbei an gestapelten Waldviertler Schuhen, Sneakers und Gummistiefeln, gelangt mensch zur Eingangstür – und landet nach Betreten des Wohnhauses gleich mal im Herzstück des Gebäudes, in der Küche. Daran angrenzend befindet sich ein Gang, die Treppe führt nach oben zu den zwei Kinderzimmern, eine Tür Richtung Hinterseite des Gebäudes mit Blick auf die Weide. Im Untergeschoss befinden sich noch ein Wohnzimmer, ein Büro und das einzige Badezimmer.

Multifunktionale Räumlichkeiten: Kellerstöckl, Stall und Scheune

Zur Hofstätte zählt außerdem ein ebenfalls für die Region sehr typisches „Kellerstöckl“, das vor unserem Ankommen als Buschenschank betrieben wurde. Jetzt nutzen wir es als Gäste- und Veranstaltungsort. Ein Matratzenlager zum Schlafen, eine rustikale Küche und improvisierte Infrastruktur mit kaltem Wasser im Außenbereich, einer Dusche unter der Weinlaube und einer Trockentrenntoilette ermöglichen die unabhängige Nutzung dieses Gebäudes durch Besucher*innen im Rahmen von Klausuren, Workshops und Festen in der warmen Jahreszeit. An diesem Gebäude wird stetig weitergebastelt. Unser Wunsch ist es, die Ausstattung zu verbessern und alles noch bequemer und gemütlicher zu machen.


› Wir versuchen, uns so gut wie möglich selbstzuversorgen.

Was natürlich ebenfalls zu einem Bauernhof gehört? Klar: ein Stall, damit unsere Schafe im Winter eine Unterkunft haben. Auf unserem Hof finden sich sogar zwei Stallgebäude. Beide werden von uns mehrfach und vielfältig genutzt. Einerseits verwenden wir die Gebäude für landwirtschaftliche Zwecke, also als Stall für die Tiere, andererseits auch als Werkstatt, Lagerraum für Heu und andere Futtermittel sowie für die Maschinen. Andererseits halten wir Raum für andere Verwendungen frei. In dem einen Gebäude – wir nennen es den „alten Stall“ – findet sich ein Platz mit Sofas, den wir als Versammlungsort bei Schlechtwetter, während Klausuren und auch für unser alljährliches Hoffest nutzen. Im anderen Gebäude, dem „neuen Stall“, halten wir einen richtig großen Raum frei: unser sogenanntes „Offroad-Theater“. Hier haben schon Kinder-Zirkuscamps (schau auf Seite 215) stattgefunden, Theaterworkshops und Zirkusaufführungen. Dort residierte unsere Hofband mit ihren Musikinstrumenten (mehr dazu auf Seite 215) und dort erarbeiteten befreundete Zirkusartist*innen neue Stücke.

Lauter Grün rundherum:
von Wiesen und Wanderwegen

Abseits der Gebäude besteht das Wieserhoisl aus ca. 12 Hektar arrondiertem (direkt umliegendem) Grund und Boden. 5 Hektar davon machen Waldflächen aus, ca. 6 Hektar sind steiles Grünland, beim Rest handelt es sich hauptsächlich um Wege, Gebäude und die dazwischenliegenden Flächen. Ringsum sind wir von Wald umgeben, unsere nächsten Nachbar*innen sind allesamt mehrere hundert Meter von uns entfernt.

Zu den ganz speziellen Dingen am Wieserhoisl zählt der atemberaubend schöne Blick ins Tal, wie wir eingangs schon erwähnt haben. Abhängig von der aktuellen Wetterlage erleben wir täglich eine etwas andere Atmosphäre, wenn wir unseren Blick in die Ferne schweifen lassen. Die Aussicht ist malerisch und alleine das macht diesen Ort zu etwas ganz Besonderem! Und wer weiß: Vielleicht beeinflusst uns dieser Blick in die Ferne, mit der Rückendeckung der Natur, auch innerlich und positiv in unserem Weitblick auf die gesellschaftlichen Probleme und öffnet unseren Geist.

Eine weitere Besonderheit des Wieserhoisls ist der Wanderweg, der mitten durch den Hof und somit durch unser Wohnzimmer im Freien führt. Dabei handelt es sich um einen Abschnitt des Mariazeller Weitwanderweges, der auch von sehr vielen Menschen der Umgebung begangen wird. Er führt von Deutschlandsberg zur kleinen Wolfgangikirche, die oberhalb von uns gelegen ist. Von dort hat mensch einen wunderbaren Ausblick in alle Himmelsrichtungen.

Und was, glaubst du, passiert unweigerlich, wenn sich so ein Wander- und Spazierweg mitten durch unser Gelände windet? Genau: Es kommt immer wieder zu netten Begegnungen und spannenden Gesprächen mit Menschen, die hier unterwegs sind und sich dafür interessieren, was wir machen. Vielen Vorbeiwandernden fällt sofort auf, dass hier etwas anders ist. Seien es die Zirkus- und Bauwägen, der riesige Gemüsegarten, das große Poster mit der Aufschrift „Kein Mensch ist illegal“, das an der alten Scheunenwand hängt und schon für sich ein Statement über unsere Überzeugungen und unsere Denkweise abgibt, oder einfach nur die Tatsache, dass hier junge Menschen am Schaffen sind. Dadurch ergibt sich eine öffentliche Wirkung einfach so als Nebeneffekt.

Lassen wir die Vielfalt einziehen!

Wir sind der Meinung, dass das Wieserhoisl und das dazugehörige Stück Land ökologisch sehr vielfältig sind. Auf der einen Seite gibt es große Mengen an Wasser durch eine hofeigene Quelle, einen Bach, der den Wald durchquert, und viele sumpfige und feuchte Stellen hier und da. Andererseits finden sich hier auch trockene Magerwiesen mit vielen Kräutern und vielfältigen Insekten – sogar Gottesanbeterinnen entdecken wir in unseren Wiesen immer wieder. Daneben tummeln sich seltene Schmetterlingsarten, Glühwürmchen, schillernde Käferarten, Feuersalamander und Schlingnattern inmitten von wildem Thymian, Hauhecheln und Teufelskralle. An einigen Stellen lassen wir die Wildnis walten und greifen kaum pflegend ein.

Neben dem, was die Natur von selbst bietet und uns zur Verfügung stellt, haben auch wir dazu beigetragen, die Artenvielfalt einziehen zu lassen. Da wären einerseits unsere Tiere: Als wir beschlossen haben, Schafe hier am Hof zu halten, haben wir uns bewusst für eine gefährdete Nutztierrasse, die Krainer Steinschafe, entschieden. Zeitweise haben auch verschiedene lustige Hühnerrassen, wie Sulmtaler, Altsteirer und Brahma-Hühner, Gänse und verschiedene Enten hier ein Zuhause gefunden. Seit einiger Zeit geben wir einer ganz klassischen Hühnerrasse noch etwas mehr Lebenszeit. Wir übernehmen Bio-Legehennen, die im kommerziellen Legebetrieb wegen ihres Alters ausrangiert werden. Bei uns dürfen sie bis an ihr Lebensende so viele oder so wenige Eier legen, wie sie wollen.


› Im Solardörrer trocknen Kräuter und Blüten – das Steckenpferd von Kräuterliebhaberin Tina.

Und im Garten geht es, was die Vielfalt betrifft, sowieso drunter und drüber. Von essbaren Wildpflanzen über klassische Vertreterinnen aus Bauerngärten bis zu außergewöhnlicheren Experimenten, wie zum Beispiel Erdnüssen oder Artischocken, haben unsere Beete schon alles gesehen. Von einer Gemüseart gibt es außerdem meistens mehr als nur eine Sorte. Wir pflanzen ausschließlich samenfeste Sorten, die wir mit viel Leidenschaft auch selbst weitervermehren (wenn du genauer wissen möchtest, wen mensch in unseren Beeten so alles antrifft, schau auf Seite 111).

Woraus wir wachsen und wogegen wir uns starkmachen

Und dann ist das Hofkollektiv Wieserhoisl noch viel mehr als nur dieser Ort, dessen Bewohner*innen und sein spezieller Geist, den er nach außen hin verströmt. Es umfasst auch seine Wurzeln, die Vergangenheit und damit die vielen Menschen, die das, was jetzt ist, mitgestaltet haben. Mit ihrer Tatkraft in den Anfangszeiten und in den vielen Jahren danach, beim Umsetzen von Projekten, Aktionen, Veranstaltungen und Festen. Durch neue Themen, die sie zu uns getragen haben, die uns sensibilisiert und weitergebildet haben, die unsere Augen und Herzen weiter geöffnet haben für die Vielfalt der Menschen und das, was sie bewegt, sowie die Welt im Allgemeinen. Damit meinen wir all jene, die uns durch Anerkennung und Bestätigung auf unserem Weg bestärkt haben. All jene, die sich auf ihrem Weg von uns inspirieren ließen. Ähnliches selbst ausprobiert haben. An irgendeiner Ecke weitergebaut und um die nächste gedacht haben. Oder sogar neue Hofkollektive gegründet haben.

Damit meinen wir aber auch all jene, die uns vor Herausforderungen gestellt haben. Unsere Toleranz gegenüber der Vielfältigkeit des menschlichen Seins auf den Prüfstand gestellt haben. Uns im Umgang mit den schwierigen sozialen Seiten von Menschen bis an unsere Grenzen gefordert haben. Uns in Situationen des Krisenmanagements gedrängt haben und uns somit auch zu mehr Klarheit in der Abgrenzung geholfen haben. Einmal sagte ein Freund zu uns: „Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht!“ So manch aufreibende Situation hat uns also die Augen dafür geöffnet und den Blick dafür geschärft, was wir hier am Wieserhoisl wollen und was eben sicher nicht. Rassismus, Homophobie, aggressivem Verhalten, Egozentrismus, toxischer Männlichkeit soll und will hier kein Raum geboten werden. Und dafür heißt es, manchmal auch einen Schlussstrich unter die Toleranz und Offenheit für alle und alles zu setzen. Es bedeutet, manchmal Menschen von diesem Ort auszuschließen, weil wir hier gewisse Einstellungen oder Verhaltensweisen einfach nicht haben wollen.

Zum Glück sind das in all den Jahren Ausnahmen geblieben und das Hofkollektiv Wieserhoisl versteht sich als offener Ort der Begegnung. Hier treffen sich interessierte, engagierte Menschen, vernetzen sich, informieren sich, stellen ihre Hilfe zur Verfügung. Und gemeinsam basteln wir an einer anderen, friedlicheren und nachhaltigeren Welt.


Lassen wir die anderen erzählen: Was langjährige Freund*innen über uns sagen:


„Ich habe mich letztes Jahr so gefreut, an eurem kleinen und feinen Fest teilzunehmen und wieder einmal an eurem wunderbaren Ort zu sein, der mir immer wieder Geborgenheit schenkt. Ich habe es miterlebt, wie das Wieserhoisl gewachsen ist und sich verändert hat, und das war auch für mein eigenes Leben bereichernd. Ich bin dankbar, dass ich immer wieder herzlich bei euch aufgenommen wurde, und hoffe, das bald wieder erleben zu können.“

„Für mich wurde das Wieserhoisl in den letzten 10 Jahren zu einer zweiten Heimat. Es ist ein queerfeministischer Ort. Natur. Zugehörigkeit. Gemeinsamkeit. Lernen. Sein. Liebe.“

Dürfen wir uns vorstellen? Das sind wir, die Bewohner*innen des Hofkollektivs Wieserhoisl


› Hallo! Wir sind: Mael, Elena, Fritz, Noreia, Tobias, Mark, Popeia und Tina.

Das Hofkollektiv Wieserhoisl

TINA:

geboren 1980 in Graz; Studium „Landnutzung und nachhaltige Entwicklung“ an der Universität für Bodenkultur in Wien; Gründerin des Hofkollektivs Wieserhoisl 2006 und somit dessen Urgestein; Mutter von Popeia; praktizierende Wald- und Kräuterpädagogin; sie hat den unüberschaubaren Überblick über alle Pflanzenaktivitäten am Hof, ist Netzwerkerin, Partyqueen und Freundin der Zirkuswelten

POPEIA:

geboren 2009 im Zirkuswagen am Hof; Meisterin der verschiedenen Kollektivwelten, denn sie verbringt ihre Wochenenden bei ihrem Papa am Longo-maï-Hof Stopar in Kärnten; zweite Muttersprache: Französisch; sie besucht die Alternativschule Klex in Graz, ist sehr wortgewandt und fast immer gut gelaunt

MARK:

geboren 1983 in Bruck/Mur; Lehre als Prozessleittechniker, Skisport-Landeslehrer Tirol; Kunstaussteller; Kellner und Koch; Bachelorstudium Geographie an der Universität Graz; langjähriger Obmann des Jongliervereins Graz und selbst Jongleur seit über 20 Jahren; am Hof überall organisatorisch und tatkräftig dabei; unermüdlicher Auftreiber von nützlichen Secondhand-Gegenständen

TOBIAS:

geboren 1997 in Linz; Matura an der HBLA für künstlerische Gestaltung in Linz; seit Februar 2020 im Hofkollektiv Wieserhoisl; professionelle Gartenfee/ländliches Universalgenie, großer Freund von Pflanzen und ihren Wesen- und Eigenheiten; passionierter Kanufahrer und -guide mit Holzschnitzambitionen

FRITZ:

geboren 1978 in Klagenfurt; Studium der Landwirtschaft und Doktorat am Institut für Ökologischen Landbau an der Universität für Bodenkultur in Wien; seit 2010 im Hofkollektiv Wieserhoisl; Vater von Mael und Noreia; am Hof hauptsächlich verantwortlich für die Tierhaltung, das Weidemanagement und die Waldbewirtschaftung; er ist leidenschaft-licher Paellakoch und Tortenbäcker

ELENA:

geboren 1980 in Valencia/Spanien; Studium der Landwirtschaft in Spanien; seit 2010 im Hofkollektiv Wieserhoisl; Mutter von Noreia und Mael; ihre Arbeitsbereiche am Hof sind der Garten, die Saatgutvermehrung, die Jungpflanzen sowie Einkochen und Tierhaltung; sie arbeitet auch als Kindergartenassistentin; sie steht allen immer mit Rat und Tat zur Seite, bringt südländisches Flair ins Kollektiv und tanzt gerne

NOREIA:

geboren 2011 im Hofkollektiv Wieserhoisl; Zweite Muttersprache: Valenciano; geht in Deutschlandsberg zur Schule; sie ist unsere Schafflüsterin, hilft gerne mit, wenn gemeinsame Aktionen stattfinden, kocht gerne und hängt gerne auf den Bäumen herum

MAEL:

geboren 2017 im Hofkollektiv Wieserhoisl; Zweite Muttersprache: Valenciano; er hält das Kollektiv in Atem und bringt Stimmung ins Haus; er ist unser Pfeil-und-Bogen-Spezialist und trägt den geheimen Titel „King of Wieserhoisl“

Zusammen sind wir stark

Wir haben uns also für einen gemeinsamen Weg entschieden. Einen Weg, der von dem Grundsatz ausgeht, dass wir gemeinsam stärker sind. Widerstandsfähiger. Weniger verletzlich. Beweglicher.

Damit haben wir für uns eine Lösungsmöglichkeit gefunden, zwei Lebensarten zu vereinen: auf der einen Seite ein bescheidenes, bäuerliches, mit dem Ort stark verbundenes, auf der anderen Seite ein modernes, mobiles Leben. Wenn du jetzt denkst, dass diese Entwürfe ziemlich gegensätzlich klingen, hast du gar nicht Unrecht: Sie stehen manchmal auch ganz schön im Widerspruch und der Versuch, beides zu leben, ist nicht immer einfach. Aber es schweißt uns auch zusammen. Und meistens gelingt es uns, diesen Bogen zu spannen und die Vorteile beider Seiten voll auszukosten.

Wie führt mensch eigentlich einen Bauernhof?

Am Anfang mussten wir aber erst in dieses neue Leben hineinfinden. Es war ein herausfordernder Lernprozess, bis wir erkannten, was es wirklich heißt, einen landwirtschaftlichen Betrieb zu führen. Klar: Durch unser Studium hatten wir eine fundierte Vorstellung davon, was agrarische Produktion und Organisation bedeuten. Aber es fehlte uns an Praxis: Mit Ausnahme von einem*einer oder zwei Bewohner*innen sind wir alle in einem eher städtischen Umfeld aufgewachsen. Nichtsdestotrotz haben viele von uns unbeschwerte Kindertage am Land verbracht und seit jeher einen starken Bezug zur Natur. So kam es, dass unsere Vorstellungen vom Leben am Land vor unserem Start und in der Anfangsphase sicherlich auch mit Bildern romantischer Idylle vernebelt waren: der Vorstellung davon, mit Freunden inmitten wunderschöner Natur den eigenen Leidenschaften nachzugehen. Das fühlte sich – zumindest in der Vorbereitungsphase, in unseren Gedanken – nicht an wie Arbeit.

Hineinwachsen und über uns hinauswachsen

Je mehr wir uns dann mit dem Ort zu verbinden begannen und Aktivitäten nachgingen, die mit Verantwortung und Verpflichtungen zusammenhingen, desto mehr bekamen wir zu spüren, was es bedeutet, sich um ein Stück Land zu kümmern und Selbstversorgung zu betreiben. Wir erlebten immer intensiver, dass Landwirtschaft eine harte Lebensrealität ist. Die Arbeit hört nie auf. Viele Tätigkeiten sind zeitaufwändig und lassen sich nicht direkt in einen Vorteil oder Lohn ummünzen. Mensch ist an den Ort gebunden, da er*sie sich zu Tätigkeiten verpflichtet, die eine langfristige Zuwendung voraussetzen, bevor ein gewünschtes Ergebnis eintrifft.

Freizeit und Arbeitszeit, Arbeitswoche und Wochenende verschwimmen. Denn wenn die Heuernte ansteht, dann muss das Freizeitvorhaben am See eben warten. Oder wenn am nächsten Tag ein Markt stattfindet, dann wird auch noch in die Abendstunden hinein vorbereitet. Versteh uns nicht falsch: Es ist ein erfüllendes Dasein, das wir führen. Wir arbeiten mit unseren Händen, teilen unsere Zeit selbständig ein, unterstützen uns gegenseitig, ernten gemeinsam die Früchte unserer Arbeit. Aber es ist ein Dasein, das mensch eben nicht blauäugig angehen sollte. Wer diesen Weg einschlagen möchte, muss sich bewusst sein, was auf ihn*sie zukommt: Freude, Gemeinschaftlichkeit, Zusammenhalt – aber eben auch ein ganzes Stück Arbeit.

Also ja, auch wir sind in unserem bäuerlichen Leben manchmal mit Einschränkungen konfrontiert. Doch viel wichtiger ist es für uns, hervorzuheben, wie das Kollektiv und die Gemeinschaft in dieser Konstellation wirken, sprich: wie viel Bewegungsfreiheit wir uns gegenseitig ermöglichen können. Jede*r von uns, egal welche Verantwortungsbereiche er*sie ausübt, kann ohne großen organisatorischen Aufwand Urlaub nehmen, kann über mehrere Tage wegfahren, andere Menschen treffen, andere Luft schnuppern, Abstand nehmen. Sogar Reisen über mehrere Monate sind möglich. Das ist etwas, das klassische bäuerliche Familien mehrheitlich anders leben. Wir aber ermöglichen uns das, indem wir in fast allen Bereichen zumindest in Zweierteams arbeiten, also der*die Einzelne sowieso leichter abkömmlich ist. Oder wir ersetzen uns einfach vorübergehend gegenseitig.


› Blick auf die Bauwägen – Tina kommt gerade vom Kräuterbeet.

Warum überhaupt gemeinsam leben und arbeiten? Na, ist doch ganz klar!

Ein Gemeinschaftsaspekt, der für uns noch dazukommt: Obwohl wir irgendwo im Hinterland an einen Ort gebunden sind, von dem aus Gleichgesinnte weit weg oder weit verstreut erscheinen und wo das lokale kulturelle Angebot selten unseren Bedürfnissen entspricht, sind wir trotzdem immer in bester Gesellschaft. Weil wir uns haben.

Zunächst ist da die Gesellschaft der Hofbewohner*innen. Da gibt es immer irgendein Thema, über das mensch sich austauschen kann, ein Projekt oder Vorhaben, das mensch gemeinsam planen kann. Da sind die Kinder, die durch ihre Spontaneität und Unberechenbarkeit immer für Bewegung sorgen. Besucher*innen, eigene Freund*innen sowie die Freund*innen der anderen bringen zusätzliche Abwechslung in unseren Alltag. Und wenn wir Lust haben, veranstalten wir ein Fest, ein Treffen oder ein Sommerkino, um das kulturelle Angebot zu schaffen, das wir selbst gerne hätten. Wir leben also definitiv keine eintönigen, isolierten oder einsamen Leben in der Pampa. Ganz im Gegenteil, gemeinsam schaffen wir Vielfalt und Abwechslung!


› Gemeinsam meistern wir viele Herausforderungen. Wenn der Traktor umkippt, stellen wir ihn gemeinsam wieder auf. Der Spaß kommt dabei nicht zu kurz (und verletzt wurde natürlich niemand!).

Einen riesigen Vorteil hat der gemeinsame Weg auch im Hinblick auf finanzielle Aspekte. Wir haben zwar persönlich kein Eigentum angehäuft in den Jahren. Gemeinsam haben wir aber doch so einiges an Besitz: Autos, Maschinen, Infrastruktur, Produktionsmittel, Direktkredite (Seite 178) für Projekte von Freund*innen.

All das würde jede*r Einzelne von uns, mit demselben Lebensstil und Einkommen, nie besitzen. Gemeinsam tun wir das aber! Wir haben Zugang zu einer Fülle von Ressourcen, ohne sie persönlich erworben zu haben. Und auch auf immaterieller Ebene profitiert jede*r von uns von einer Vielzahl an Aktivitäten, auch wenn er*sie nicht direkt etwas damit zu tun hat.

Was ein Leben im Kollektiv wirklich bedeutet

Was auf der einen Seite das Schöne an der Gemeinschaft ist – nämlich die Menschen –, hat natürlich auch eine Kehrseite. So viel steht fest: Bei einer größeren Ansammlung von Menschen, die gemeinsam leben und entscheiden, kommt es immer wieder zu konfliktreichen Situationen.

Dabei kann es um gemeinsame Vorstellungen gehen, um persönliche Befindlichkeiten oder einfach um den tagtäglichen Alltagstrott, in dem mensch sich in die Quere kommt. Es kann beunruhigend sein, wenn der gemeinsame Weg nicht so eindeutig ist. Oder wenn mensch sich einsam fühlt inmitten einem Kreis von nahestehenden Menschen. Wenn mensch sich nicht gehört oder verstanden fühlt, wenn das Gefühl entsteht, dass die anderen nicht so agieren, wie mensch es sich nach seinen*ihren persönlichen Bildern und Idealen vorstellt. Dann verliert die Gruppe an Stärke. Dann stehen manchmal vereinzelte Individuen nebeneinander.

Wir sind stark, wenn jede*r in sich stark ist und wenn wir in guter Beziehung mit uns selbst und jedem*jeder einzelnen Bewohner*in stehen. Und alle zusammen als Gruppe funktionieren. Das bedeutet viel Beziehungsarbeit mit uns selbst und allen anderen.

In den ersten Jahren war sehr viel unserer Energie nach außen gerichtet: auf Aktionen, Veranstaltungen, es waren ständig viele und andere Menschen da, die uns besuchen kamen. Gruppendynamiken und -prozesse und innere Befindlichkeiten waren Begleiterscheinungen, die irgendwie mitliefen.

Je länger wir aber im Kollektiv zusammenwohnten, desto mehr richtete sich unser Blick nach innen. Das Wohlbefinden und der psychische Zustand eines*einer jeden wurden wichtiger. Gruppenprozesse wurden bewusster wahrgenommen und behandelt. Es stand immer mehr im Mittelpunkt, wie es dabei allen geht. Denn das Kollektiv ist das, was jedes Mitglied ist und einbringt. Wenn es dem*der Einzelnen gut geht und es ihnen miteinander gut geht, dann geht es auch dem Kollektiv gut. Diese Momente sind wunderbar, wenn alle ausgeglichen und happy sind und wir uns alle gut miteinander verstehen.

In vielen Momenten zwickt es jedoch bei irgendwem irgendwo. Das muss gar nicht mit dem Leben im Kollektiv selbst zu tun haben. Manchmal fühlt mensch sich nicht ganz rund, hat ungeklärte Lebensfragen in sich oder findet einfach alle blöd. In solchen Momenten probieren wir, uns gegenseitig, soweit es uns möglich ist, zu unterstützen, und versuchen, uns geduldig und verständnisvoll beim Durchmachen solcher Situationen zu begleiten. Zum Glück sind es alles Phasen, die einander abwechseln, kommen und wieder gehen. Die permanente, achtsame und bewusste Auseinandersetzung mit den Beziehungen untereinander und mit sich selbst gehört dabei zu den essenziellen Voraussetzungen.

Ein harmonisches Ganzes? Das Kollektiv von außen betrachtet

Das Kollektiv selbst ist mehr als nur die Summe seiner Einzelteile. Es wächst zu einem eigenen Wesen, das Zuwendung, Administration und Leitung braucht. Wenn die Bewohner*innen (also die Einzelteile) das Gefühl bekommen, dass das Kollektiv-Wesen seine eigene Richtung eingeschlagen hat oder der Gruppe über den Kopf wächst, muss es wieder in seine Einzelteile zerlegt werden. Denn Entwicklungen, die sich unbeabsichtigt ergeben, hinter denen aber niemand wirklich steht, oder die im Grunde alle überfordern, können und sollen bewusst in die gewünschte Richtung angepasst werden. Dann heißt es, einzelne Aspekte zu überdenken, Altes, nicht mehr Dienliches abzulegen und sich für Bewährtes wieder bewusst zu entscheiden. Es gilt, eine offene Haltung und Motivation zu kultivieren und voranzutreiben, aus der Neues entstehen kann, das unserem Weg förderlich ist.

Ich glaube, das, was vom Hofkollektiv Wieserhoisl von außen oft wahrgenommen wird, ist dieses Kollektiv-Wesen. Es ist etwas Harmonisches, Einträchtiges, Ausgeglichenes, etwas, das stark zusammenhält. Ein Ort und Menschen, mit denen mensch sich wohl fühlt. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, dass wir als Gruppe auch dann als angenehm und wohlwollend wahrgenommen werden, wenn es gleichzeitig intern ganz schöne Spannungen und Konflikte gibt. Das mag an unserem Grundsatz des respektvollen Umgangs miteinander liegen. Oder an der Existenz des angenehmen, wohlwollenden Wesens, das wir miteinander geschaffen haben.

Ja, wir haben uns für einen gemeinsamen Weg entschieden. Dabei durchlaufen wir auch immer wieder tiefe Stimmungstäler. Es gab schon Situationen, da hat uns der Mut verlassen. Aber: Wenn es gut läuft oder wir zusammen eine schwierige Situation überstanden haben, dann ist das Hochgefühl umso intensiver, umso bestätigender. Dann wissen wir, warum wir uns für diesen gemeinsamen Weg entschieden haben. Weil es ein unglaublich starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit und Verbundenheit ist, das uns erfüllt.

Komm und begleite uns (ein Stück)

Mit diesem Buch möchten wir einen Einblick in unsere Geschichte und unseren Werdegang geben. Wir möchten davon erzählen, welche Handlungsmöglichkeiten wir für uns gefunden haben, um das konsumorientierte, neoliberale und individualistische „Business as usual“ zu durchbrechen – und stattdessen einen anderen, gemeinsamen Weg einzuschlagen.

Ganz nach dem Motto, das auf einem Plakat in unserer Küche hängt: „Resistance of the heart against business as usual“. Wir sind also mit ganzem Herzen bei der Sache. Unser Widerstand entspringt aus unserem tiefsten Inneren.

Was wir dir noch mitgeben möchten: Wir möchten damit keinesfalls eine Schablone bieten. Unsere Geschichte, unser Lebensentwurf erhebt keinen Anspruch darauf, die Lösung für alle und alles zu sein. Dinge, die für uns super funktioniert haben oder an denen wir gescheitert sind, können sich für dich, deine (zukünftigen) Mitbewohner*innen und überhaupt für andere Menschen und andere Konstellationen ganz anders gestalten. Wir möchten dir einfach zeigen, wie wir es machen, und dir dabei die Augen für diese Art von Lebensentwurf öffnen, dir den ein oder anderen Aha-Moment bescheren oder dir einfach eine dicke Portion Inspiration mitliefern. Mit der du dann anfangen kannst, was du möchtest.

Was mensch auch nicht vergessen darf: Wir haben damit nichts Neues erfunden. Vielmehr entdecken wir bereits von anderen Gelebtes für uns neu und passen es an unsere Bedürfnisse an. Probieren aus. Schreiten fragend voran. Begleite uns ein Stück durch die Geschichte des Hofkollektivs Wieserhoisl. Lache, schmunzle, staune. Lass dich inspirieren!

Das Ende unserer Träume war der Beginn unseres neuen Lebens – unsere Entstehungsgeschichte


Die Idee, in einer Gemeinschaft, selbstbestimmt und eingebunden in die Kreisläufe der Natur zu leben, schwirrte schon lange in unseren Köpfen herum. Letztendlich war die Gründung des Hofkollektivs Wieserhoisl für uns irgendwie eine logische Sache. Eins führte zum anderen. Wir hatten Landwirtschaft studiert, wir lieben die Natur, interessieren uns für unsere Umwelt und lernten auch immer mehr darüber, wie sehr sich unser Klima verändert.


› Unser Zuhause: ein gemütliches, traditionelles weststeirisches Bauernhaus.

Wir beobachteten, dass die sozialen Ungerechtigkeiten in der Welt immer größer werden und dass ein individualisierter, konsumorientierter Lebensstil nicht mit einer nachhaltigen Entwicklung einhergeht. Wir waren jung und lebten in Wohngemeinschaften in der Stadt. Und was wir wollten, war, gemeinsam am Land zu leben und Landwirtschaft zu betreiben.

Wir hatten uns schon während unserer Studienzeit für das Thema „Leben in Gemeinschaft“ interessiert und über mehrere Jahre hinweg Veranstaltungen zu diesem Thema organisiert. Wir tauschten uns regelmäßig über unsere Ideen und Träume aus. Und es rückte immer näher: Eine Gruppe von Freund*innen hatte sich bereits zusammengetan und suchte aktiv nach Bauernhöfen, die sie gemeinsam beziehen könnte.

Ein Aussteiger*innendasein zu führen, abgekapselt von der Außenwelt, nichts mehr mit ihr zu tun haben zu wollen, war nie unser Bestreben. Im Gegenteil: Wir wollten damit etwas bewegen. Wir wollten unsere eigenen Ideen umsetzen, um den vielfältigen Missständen dieser Welt entgegenzuwirken. Wir wollten aktiv mitgestalten, Lösungen finden: für eine nachhaltige Gesellschaft, ein friedliches Miteinander, eine Welt ohne Ausbeutung. Mit Respekt vor der Natur die natürlichen begrenzten Ressourcen schonen. Wir wollten ein Leben, in dem unser Tun nachvollziehbar ist. Sinnerfüllt. Uns befreien aus der Ohnmacht gegenüber den vielen Problemen der Welt.

Wo alles anfing: Studienzeit und erste Erfahrungen mit der Selbstorganisation

Als Ursprungsort unserer Gemeinschaft können wir die Universität für Bodenkultur in Wien (BOKU) festlegen. Dort haben wir uns kennengelernt, Freundschaften geschlossen, saßen nebeneinander im Hörsaal. Es war eine unbeschwerte Zeit, vor uns breitete sich die Zukunft aus, mit einer Fülle an Möglichkeiten.

Und dort hatten wir uns zum ersten Mal ernsthaft über die Möglichkeit des Zusammenlebens unterhalten. Auf Veranstaltungen, bei lebhaften nächtlichen Diskussionen am Küchentisch in unseren WGs haben wir schnell herausgefunden, dass wir ähnliche Meinungen, Gesinnungen, Perspektiven haben. Wir wollten mit unseren Händen arbeiten, uns am liebsten gar nichts vorschreiben lassen, und wir wollten einen Beitrag für eine fairere, zukunftsfähige Welt leisten.

Einige von uns wurden in Gemeinschaftsgärten tätig. Einige engagierten sich in der Österreichischen Hochschüler*innenschaft (ÖH). Zudem waren wir im Tüwi aktiv, einem Kulturverein, der im Türkenwirt-Gebäude der BOKU angesiedelt war und in dem wir uns am selbstverwalteten studentischen „Beisl“ (einem kleinem Lokal) beteiligten und immer wieder Veranstaltungen mitorganisierten. So hatten wir gelernt, wie mensch als Kollektiv tolle Projekte umsetzen kann.

Seither sind schon so viele Jahre vergangen, und es hat sich so ziemlich alles verändert, dass in meiner Erinnerung damals alles so einfach schien. Wenn ich auch weiß, dass wir mit großen Herausforderungen konfrontiert waren: Die Freude darüber, dass wir die Möglichkeit hatten, einen Bauernhof als Gruppe zu beziehen, und die Motivation dafür, ein Leben abseits der Trampelpfade ausprobieren zu können, hatten eine unglaubliche Kraft.

Endlich: Das Kollektiv nimmt Formen an

Und auch ganz konkret begannen wir, uns mit den Möglichkeiten des Zusammenlebens auseinanderzusetzen.

Wir waren seit 2004 mit der österreichischen Gemeinschaft von Longo maï (für nähere Infos dazu schau auf Seite 45) befreundet, mit der wir in regem Austausch standen. Von den Kollektivmitgliedern sowie auf anderen Höfen und bei Praktika hatten wir wichtige Methoden für und Herangehensweisen an die Landwirtschaft gelernt. In der Folge lehnten wir uns in unserem Kollektiv teilweise an ihr organisatorisches System an und adaptierten beispielsweise ihre Idee der gemeinsamen Ökonomie oder der aufgeteilten Hausarbeit. Und auch sonst beschäftigten wir uns mit dem Konzept des kollektiven Lebens und hatten so weitere inspirierende Ideen von anderen Gemeinschaften außerhalb von Österreich im Kopf.

Ein Handbuch dazu, wie mensch ein Kollektiv startet und wie das dann funktionieren sollte, gab es nicht. Und die vorhandene Literatur zum Leben in Gemeinschaften half nur teilweise. Zu diesem Zeitpunkt gab es auch keine anderen Gruppen, die im Begriff waren, ein Kollektiv am Land zu gründen, so wie wir. Es war an der Zeit, dass wir es selbst in die Hand nahmen und unser eigenes Kollektiv so gestalteten, wie wir es wollten. Nach unseren Bedürfnissen und unseren eigenen Vorstellungen.

In unserer Zeit im Tüwi hatten wir bereits Erfahrung mit dem organisatorischen Tool des basisdemokratischen Plenums gesammelt. Die Idee dahinter: Besprechungspunkte und Anliegen, die die Gemeinschaft betreffen, werden so lange besprochen, bis sie einstimmig, im Konsens, entschieden werden können (wie genau das Plenum bei uns abläuft und wie wir die Kommunikation für unser Kollektiv adaptiert haben, erfährst du ab Seite 159). Und: Wir hatten eine vage Idee davon, dass das System einer gemeinsamen Ökonomie sinnvoll wäre. Vor allem mit dem Hintergedanken, dass alle Tätigkeiten, die eine Gemeinschaft braucht, als gleich wertvoll gesehen werden sollen.

Außer unseren Überzeugungen und unserer bisher gesammelten Erfahrung brachten wir damals nichts mit ins gemeinschaftliche Leben. Wir hatten kein Geld. Wir hatten keine fixen Jobs. Wir hatten keine landwirtschaftlichen Geräte, nicht einmal richtiges Gartenwerkzeug. Aber all das konnte uns nicht aufhalten. Wir improvisierten. Borgten uns Geräte aus, versuchten, alte zu reparieren.

Auf der Suche nach einem Wohnort für alle

Aber spulen wir noch einmal zurück: Wie haben wir zu unserer Bleibe gefunden? Den Hof, den wir heute bewohnen, kannte ich bereits aus Kindertagen, als noch die ursprünglichen Besitzer*innen dort lebten und eine Buschenschank betrieben. Noch heute erzählen viele vorbeikommende Wanderer*innen vom lustigen Beisammensein am Wieserhoisl. Ende der 1990er-Jahre wurde mein Vater durch eine Bürgschaft, die er für den Hofbesitzer gemeinsam mit einem Kollegen übernommen hatte, zum Eigentümer der Hälfte der Liegenschaft.

Während meines Landwirtschaft-Studiums stand die Frage immer wieder im Raum, ob ich nicht diesen Hof übernehmen könnte. Doch das lag damals noch in weiter Ferne für mich. Außerdem hatte sich eine neue Familie hier niedergelassen, die den Hof bewirtschaftete und Pläne für die Zukunft schmiedete. Ich selbst hatte nie wirklich an die Übernahme dieses Hofes gedacht. Das war immer nur so im Scherz gesagt.


› Auch bei den Renovierungsarbeiten legten wir natürlich selbst Hand an.

Wir packen unsere Koffer …

Dann kam der Tag, an dem ich meinen Vater nach langer Zeit wieder einmal fragte, was denn mit diesem Hof da oben überhaupt los sei. Das war im Jänner 2006. Da habe ich erfahren, dass die Familie, die den Hof bewohnte, ihn verlassen hatte. Und dann ging es plötzlich ums Ganze. Als sich immer stärker herauskristallisierte, dass unser Traum Wirklichkeit werden würde, stellte sich die alles entscheidende Frage: Wer ist bereit für dieses Abenteuer? Für wie viele Leute gibt es überhaupt Platz auf diesem Hof, der unser neues Zuhause werden soll? Wer ist entschlossen, bis Mitte des Jahres seine*ihre Sachen zu packen und in ein neues Leben zu starten?

Als wir dann an diesem ganz besonderen Tag den Schlüssel in die Hand gedrückt bekamen, zu diesem Zeitpunkt, in den unsere monatelange Planung und Vorbereitung gemündet sind, waren wir erfüllt von Freude und Aufregung. Es war ein ganz besonderer Moment, mit den Schlüsseln in der Hand hier anzukommen! Yes, das wird unser Schaffensort für die nächsten Jahre!

Die vorher noch vagen Ideen und die Träume konnten konkrete Formen annehmen, als wir wussten, dass wir einen Platz zum Ausprobieren hatten. Dass auch Hürden und Herausforderungen auf uns zukommen würden, kümmerte uns in diesem Augenblick noch nicht. Wir waren voller Tatendrang und großer Motivation, unsere über Jahre gereifte Vorstellung von einem Leben am Land im Kollektiv in die Praxis umsetzen zu können. Es war eine unglaublich aufregende und spannende Zeit!

Angekommen am Wieserhoisl: Los geht’s – mit Aufräumaktionen und Gruppenbildung

Und da war er nun: der Wieserhoisl-Hof. Komplett zugewachsen, versteckt hinter (gefühlt) meterhohem Gras, vollgestellt mit Gerümpel.

Brennnesseln wuchsen bis vor die Haustür. Und manche Plätze sahen so aus, als wären sie ganz unvermittelt verlassen worden – überall fanden sich Gegenstände, die offenbar einfach stehen und liegen gelassen worden waren. Es herrschte ein ganz schönes Chaos und Durcheinander.

Voller Motivation starteten wir in die ersten Aufräumarbeiten hier am Hof. Mit Sichel, Sense und Handschuhen machten wir Stück für Stück die Flächen um die Gebäude sowie die Innenräume frei. Wir sortierten Müll von Brauchbarem auseinander, entsorgten große Mengen von Abfall und eigneten uns so in kleinen Schritten den Hof Wieserhoisl für unsere Vorhaben an. Wir suchten nach brauchbaren Möbeln in den Scheunen und richteten die Küche so ein, dass sie nutzbar wurde. Wir malten die Zimmer im Wohnhaus neu aus und bezogen unsere ersten Schlafräume.

In den Wirtschaftsgebäuden gab es neben brauchbaren Gegenständen auch sehr viele, von deren Verwendungszweck wir keine Ahnung hatten. In dieser Anfangszeit wurde es zu einem lustigen Zeitvertreib, mit verschiedenen Menschen in diesem Sammelsurium herumzustöbern. Immer wieder konnte jemand gewisse Gegenstände ihrem Zweck zuordnen. Vieles blieb auch später ein Rätsel und wurde irgendwann endgültig entsorgt.

Unsere Hauptmotivation: Neugierde und die Lust, das machen zu können, was wir uns vorstellten. Mit lieben Freund*innen ein tolles Projekt umsetzen zu können. Und wir hatten keine Angst. Wir starteten einfach mutig, ohne alles bis ins letzte Detail durchdacht oder geplant zu haben. Alles war noch offen, sogar der zeitliche Horizont. Die Vorstellung davon, über die nächsten Jahren dabei zu bleiben, war noch kein Thema. Wir hatten ja gerade die ersten Schritte getan. Wie lange wir bei diesem Vorhaben bleiben würden, stand noch in den Sternen.

Wir werden nicht die Letzten sein – von Hintergründen, Pionier*innen, Abenteurer*innen und unseren Vorbildern


Bevor wir uns hineinstürzen in all das, was am Wieserhoisl so vor sich geht, lass uns doch einen Blick auf die Ideengeschichte hinter dem Konzept des kollektiven Lebens und Arbeitens werfen. Woraus hat sich die Idee entwickelt, welche wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Entwicklungen und Standpunkte stecken dahinter? Hier findest du ganz viele Hintergrundinfos zum Kollektivgedanken, zur alternativen Ökonomie und darüber, wie wichtig es ist, sich untereinander zu vernetzen. Alles klar? Dann lass uns loslegen.

Alternative Formen des Lebens, Arbeitens, Wirtschaftens, fernab von traditionell-bürgerlichen Vorstellungen, entstanden insbesondere innerhalb der Gegenkulturen und Alternativbewegungen in Folge der 1968er-Proteste. Klar, alternative Vorstellungen in Bezug auf die Organisation von Gesellschaft und damit auch von Staat und Wirtschaft gibt es seit Urzeiten: von Platon, der an die Spitze seines utopischen Staates die Philosophen setzte, bis zu den Gesellschaftstheoretiker*innen des 19. Jahrhunderts, die sich Bilder eines gerechten Idealstaates ausmalten, in dem der Kollektivbesitz eine tragende Rolle spielt. In diesen Vorstellungen findet eine Umwälzung der gesamten Gesellschaft statt.

Der Kollektivgedanke, der aus der 68er-Bewegung (für nähere Infos schau auf Seite 36) entstanden ist, beginnt zunächst in der Gruppe, quasi eine andere Form der Familie, die unabhängig von Verwandtschaftsverhältnissen zusammenfindet. Er ist eng mit der Herausbildung der Graswurzelbewegungen verbunden; viele damals neu entstandenen Bürger*inneninitiativen agierten nach dem Motto: „Global denken, lokal handeln.“ Die Idee ist es, in diesem Mikrokosmos die Vorstellungen von Gleichheit, Fairness und Solidarität zu erproben. Und in der Folge die eigene Vision in die Welt zu tragen und anderen zu zeigen, dass es alternative Wege gibt. Heute ist der Kollektivgedanke vielerorts bereits in Unternehmen, Projekten und sogar Wirtschaftssystemen durchgedrungen (schau auf Seite 38).


› Ein Zusammenspiel: Welche Entwicklungen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft sorgten eigentlich für die Herausbildung des Kollektivwesens? Wir nähern uns dem Gedanken hier spielerisch.

Dabei stehen Kollektive in ständigem Konflikt mit realpolitischen Gegebenheiten und institutionellen Hürden, was unter anderem die Frage des Besitzes verdeutlicht (mehr dazu findest du auf Seite 172). Wir sind uns natürlich bewusst, dass wir im weltweiten Vergleich zu den privilegiertesten Menschen zählen; dass wir die Möglichkeit haben, unsere Freiheiten auszuleben – eine Möglichkeit, die viele nicht haben. Aber letztlich sind es ja auch genau solche Missstände und Unfreiheiten, die wir anprangern möchten. Wir stellen die Kehrseiten unseres spätkapitalistischen Zeitalters massiv infrage. Wir wollen daran rütteln, die Fesseln der modernen Gesellschaft aufbrechen und in Richtung eines solidarischen Miteinanders gehen (mehr zu unserer Vision erzählen wir dir ab Seite 54).

Rückblende auf die Zeitenwende: Geschichtliche Entwicklungen und Vorreiter für unsere Überzeugungen

Dass diese Idee des kollektiven Lebens, der Selbstbestimmung, gerade Mitte des 20. Jahrhunderts nach der 1968er-Revolte entstand, lässt sich auf vielerlei politische, wirtschaftliche, soziale Entwicklungen dieser Zeit zurückführen. Ohne hier einen Geschichtsunterricht veranstalten zu wollen – nicht zuletzt, weil wir natürlich nur einen kurzen Ausschnitt darstellen können –, möchten wir ein wenig versuchen, diese Entwicklungen nachzuzeichnen und nachzuspüren, warum dieser Gedanke so wichtig geworden ist. Wir beziehen uns auf internationale Phänomene, können dabei aber leider nicht verhindern, dass wir einen westlich geprägten Blick darauf werfen. Viele der Rechte, Werte, Annehmlichkeiten, die im Zuge der hier genannten geschichtlichen Entwicklungen eingefordert und umgesetzt werden und wurden, können nur sehr wenige Menschen weltweit für sich beanspruchen – und das verurteilen wir zutiefst.

Ein kurzer Blick auf die Geschichte oder: Die Gesellschaft im Wandel

Ganz eng mit den gesellschaftlichen Entwicklungen vor allem der letzten zwei Jahrhunderte verknüpft ist das Konzept der Freiheit. Das stellt für die Menschen eines der höchsten Güter dar und war doch für den Großteil der Menschheitsgeschichte nur ein Privileg von wenigen. Ganz allgemein waren unsere Vorfahren mehrheitlich und für lange Zeit in autoritären Herrschaftssystemen, Formen von Unterdrückung und Ausbeutung gefangen.

Für die Länder des Globalen Nordens begann sich das im Übergang in die Neuzeit zu ändern. Im Zuge der Aufklärung wurde gefordert, dass die Menschen sich aus ihrer Unmündigkeit befreien (nicht zuletzt durch Bildung). Als Meilensteine in dieser Entwicklung lassen sich die Entstehung des Bürgertums, die Trennung von Staat und Kirche sowie als bekannte und weitreichende Aufstände die Französische Revolution und die Arbeiterbewegung im Übergang zum 20. Jahrhundert nennen, außerdem nicht zuletzt die Hinwendung zu auf Demokratie basierenden politischen Systemen. Heute ist die persönliche Freiheit als Grundrecht in der Verfassung vieler Nationen (so auch in Österreich, Deutschland und der Schweiz) verankert.

Ein ewiger Streit: Gemeinwohl und Marktfreiheit

Dabei kollidieren die Vorstellungen von Freiheit in Bezug auf den Menschen und Freiheit in Bezug auf das Wirtschaftssystem. Spätestens seit dem 19. Jahrhundert stehen sich zwei Rivalen auf der Weltbühne gegenüber: einerseits der Sozialismus, die Idee des Gemeinwohls, der Demokratie, auf der anderen Seite der Wirtschaftsliberalismus, der einen freien Wettbewerb fordert und davon überzeugt ist, dass die Marktwirtschaft keinen Beschränkungen unterliegen soll.

Im Verlaufe des 20. Jahrhunderts halten sich die beiden in der Waage; mal überwiegt das eine, dann das andere, das Muster läuft immer ungefähr so ab: Nach einer Krise wird die Wirtschaft staatlich unterstützt, bis sie sich wieder erholt hat, es folgt eine Zeitspanne des Wohlstands, bevor die Freiheiten des Marktes sich wieder ins Negative umkehren und die nächste Krise ansteht. Dieses Wechselspiel können wir bis heute beobachten. Es bleibt die große Herausforderung von Politik und Wirtschaft, die zwei so gegensätzlichen Konzepte zusammenzuführen. Das lässt sich alleine aufgrund ihrer Wesensarten schon schwerlich umsetzen. Umso wichtiger, dass wir uns um alternative Formen einer gerechteren Politik und Wirtschaft (schau auf Seite 38) bemühen.

Der fortschreitende Kapitalismus und seine Auswirkungen

Dabei kam es in der fortschreitenden Liberalisierung der Marktwirtschaft zu einem paradoxen Phänomen. Der Bildungsstand, die Mobilität, der Zugang zu Konsumgütern wurden allgemein erhöht, traditionelle Klassenzugehörigkeiten lösten sich auf – das führte allerdings nicht zu dem wünschenswerten Effekt, dass es allen gleich gut geht. Im Gegenteil: Mit erhöhtem Bildungszugang wird Bildung abgewertet (weil es mehr Konkurrenz gibt), mit dem allgemein gestiegenen Wohlstand bleiben die Ungleichheiten in der Gesellschaft doch bestehen1. Was sich wiederum auf die ureigenste Eigenschaft des neuen Herrschers, des Geldes, zurückführen lässt: Es ist objektiv, allem gegenüber indifferent, und sorgt gerade so dafür, dass qualitative Unterschiede zwischen viel und wenig erst recht wirksam werden2. Die Folge: Gesellschaftliche Missstände werden als persönliches Versagen individualisiert. Was früher Klassenschicksal war und wogegen die Massen aufbegehrten, passiert nunmehr im Stillen, Privaten. Das ist auch heute so: Systemische Probleme werden dem*der Einzelnen aufoktroyiert. Sprich: Wer arbeitslos ist, ist selber schuld. Wer obdachlos ist, ist selber schuld. Kommt dir diese Argumentation irgendwie bekannt vor? Genau: Höchste Zeit, dass sich auch an unserer Denkweise etwas gravierend ändert.

Peace, Love, Happiness? Die 1968er-Bewegung und ihre Nachwirkungen

Mit diesen Hintergründen im Blick kann mensch auch die Ereignisse Mitte des 20. Jahrhunderts rund um die Gegenkulturen bewerten. Nach ihrer kurzen Blütezeit im Nachkriegs-Wiederaufbau beginnt die Wirtschaft wieder zu kriseln. Mit der Bildungsexpansion erlangen viel mehr Menschen eine höhere Ausbildung. Die Dekolonisation schreitet voran, der allgemeine Blick für Diskriminierung wird geschärft. Die beginnende Wirtschaftskrise, die vielen globalen Kriege und Auseinandersetzungen, die gesellschaftliche Ungleichheit fordern ihren Tribut und gipfeln in den heute grob als 1968er-Bewegung zusammengefassten weltweiten Protesten, die später in die sogenannten „Neuen Alternativbewegungen“ münden.

Die Ausrichtungen einzelner Initiativen und Gruppierungen unterscheiden sich dabei mal mehr, mal weniger stark. Manche richten sich primär gegen die Diskriminierung von marginalisierten Gruppen, andere wollen Aufmerksamkeit für ökologische Probleme und Umweltschutz schaffen und demonstrieren beispielsweise gegen die Atomenergie. Pazifistische Bewegungen wollen Kriegen und Gewalt eine Absage erteilen. Die von den USA ausgehende Hippiebewegung mit ihrer Antikriegs-, Antiautoritäts- und Antirassismus-Haltung leistete der Sexuellen Revolution Vorschub und beeinflusste nicht zuletzt die Mainstreamkultur sehr stark. Das Wohnen, steigende Mietpreise, Wohnungsnot, Leerstand und Spekulation wurden ebenfalls thematisiert; am bekanntesten wohl in der Hausbesetzer-Bewegung. Auch die gegenwärtige LGBTQ-Bewegung findet ihre Wurzeln in dieser Zeit. Auf nationaler Ebene lassen sich die Nachwirkungen der Öko-, Frauen- und Friedensbewegungen anhand von neuen Parteibildungen fernab der etablierten konservativen/christdemokratischen und sozialdemokratischen Parteien feststellen; so entstanden in den 1980er-Jahren in ganz Europa die neuen „grünen“ Parteien.

All diesen Bewegungen gemeinsam ist der Gedanke, das starre, konservative und als destruktiv empfundene Wirtschafts-, Werte- und Sozialsystem zu revolutionieren. Sie sind überzeugt, dass die wirtschaftliche Wachstumslogik nicht von Dauer sein kann, richten sich gegen die Ausbeutung unseres Planeten und gegen Unterdrückungen jeglicher Art. Dementsprechend können auch heutige Initiativen, die ökologisch motiviert sind oder die sich für Gleichheit und Gleichberechtigung einsetzen, oft noch auf diese Ursprungsbewegungen zurückgeführt werden.


– was heißt das eigentlich?


Unter dem Begriff „Kollektiv“ können gemeinhin verschiedene Gruppierungen von Menschen subsumiert werden. Seiner reinen Bedeutung nach kann es also in einem ersten Schritt schon einmal als Gegenentwurf zum „Individuum“ aufgefasst werden. Das ist auch insofern wichtig, als im Kollektiv nicht die individuellen, sondern die gemeinsamen Interessen im Vordergrund stehen.

In dem Verständnis, wie wir es hier nutzen, fallen darunter vor allem organisierte und handlungsorientierte Gemeinschaften. Sie finden mit einem bestimmten Vorhaben, etwa einem sozial, politisch oder ökologisch motivierten oder gemeinwohlorientierten Ziel, zusammen. Dabei gibt es verschiedene Rechts- und Organisationsformen (abhängig natürlich auch von der jeweiligen Rechtsordnung). Nonprofit-Kollektive können etwa als Vereine oder NGOs organisiert sein. Daneben finden sich auch erwerbswirtschaftlich orientierte Kollektive, die als Genossenschaften oder Kooperativen organisiert sein können.

Es gibt Grundprinzipien, an denen sich viele bzw. die meisten Kollektive orientieren. (Näheres zu unseren Visionen und Prinzipien erfährst du ab Seite 54.) Für einen ersten Überblick fassen wir sie dir hier zusammen:

SELBSTVERWALTUNG / SELBSTORGANISATION:

Kollektive werden von ihren Mitgliedern geführt – die im Falle von Betrieben auch gleichzeitig ihre Eigentümer*innen sind.

HIERARCHIEFREIHEIT:

Es gibt kein Oberhaupt und keine Untergebenen, keine*n Geschäftsführer*in und keine Angestellten, alle sind Mitglieder auf der gleichen Ebene.

BASISDEMOKRATIE:

Alle haben das gleiche Stimmrecht und entscheiden direkt (im Gegensatz zur repräsentativen Demokratie, wie sie in vielen Staaten verankert ist, wobei Repräsentant*innen vom Volk gewählt werden).

KONSENSPRINZIP:

Entscheidungen werden in vollständigem Einklang getroffen. Also: Es wird so lange konzipiert und diskutiert, bis eine passende Lösung für alle gefunden wird (im Gegensatz zum Mehrheitsprinzip, nach dem die meisten öffentlichen Wahlen funktionieren und bei dem immer eine Minderheit auf der Strecke bleibt).

KONSENTPRINZIP:

Alternative zum Konsensprinzip. Bei Entscheidungen gibt es keinen schwerwiegenden oder begründeten Einwand. Widersprüche und Einwände sind Teil der Lösung. Abstimmungen verlaufen effizienter und es werden qualitativ bessere Entscheidungen getroffen.

SOLIDARITÄT:

Kollektivmitglieder stehen füreinander ein, verfolgen Gemeinwohl-Ziele, Kollektive unterstützen sich gegenseitig.

GLEICHHEIT:

Jeder Mensch ist gleich viel wert und hat dieselben Rechte. Immer und überall.

Der Kollektivgedanke heute: Herausforderungen und Lösungsansätze in der Alternativen Ökonomie

Die gegenwärtige Wirtschaftslage rückt die Bedeutsamkeit und die Chancen von Kollektiven immer mehr in den Vordergrund. Wirtschaftskrisen, Korruption, Klimakrise, eine unermesslich wachsende Arm-Reich-Schere und zunehmende prekäre Arbeitsverhältnisse lassen den Wunsch nach gerechteren, umweltschonenden Produktions- und Arbeitsverhältnissen, nach einer gemeinwohlorientierten Wirtschaft wachsen.

Abseits von Profitgier und Konkurrenzkampf: Solidarische Ökonomie und Kollektivbetriebe

Und genau da kann der Kollektivgedanke, in einem größeren Umfang, als wir ihn uns bisher vorgestellt haben, greifen. Und zwar dann, wenn Kollektive als Organisationsformen verstanden werden, die das Potenzial haben, die Wirtschaft und das Arbeitsleben zu demokratisieren. Es gibt heute bereits vielerorts selbstorganisierte Kollektivbetriebe, die nach den Prinzipien der Hierarchiefreiheit, Solidarität und Gemeinschaftlichkeit wirtschaften.

Ein wichtiger theoretischer Hintergrund in dieser Hinsicht ist die Idee einer „Alternativen Ökonomie“ bzw. „Solidarischen Ökonomie“. Im Gegensatz zum vorherrschenden privatwirtschaftlich-industriellen Wirtschaftsmodell, das auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, befürworten Kollektive kleiner strukturierte, selbstorganisierte Unternehmensformen, die auf gemeinsamem Eigentum und einem egalitären Gehaltssystem basieren. Damit verbunden sind z. B. die Stärkung lokaler Wirtschaftskreisläufe und eines regionalen Absatzmarktes sowie teilweise auch ein Fokus auf umweltfreundliche Produktionsweisen.

Wenn ein Unternehmen statt einem*einer Eigentümer*in allen gehört, wenn alle die Gewinne teilen und die Risiken gemeinsam tragen, wenn Entscheidungsprozesse gleichberechtigt und im Konsens erfolgen – das hat enormes Potenzial.

Ein erfolgreiches Beispiel für die Umsetzung von Solidarischer Ökonomie stellt beispielsweise Brasilien dar. Als Staatssekretär für Solidarische Ökonomie half der Ökonom Paul Singer3 dabei, diese umzusetzen. Nach einer massiven Wirtschaftskrise in den 1980er-Jahren drohten viele privat geführte Unternehmen in Konkurs zu gehen. Indem sie in kollektiv verwaltete Genossenschaften, in denen die Mitarbeiter*innen gleichzeitig Eigentümer*innen sind, überführt wurden, hatten sie eine Chance, zu überleben.

Diese Praxis der Umwandlung von Betrieben in Genossenschaften gibt es nach wie vor, und sie wird von staatlicher und gewerkschaftlicher Seite unterstützt. Dabei stehen die einzelnen Genossenschaften nicht in Konkurrenz, sondern kooperieren miteinander. Zusätzlich wurden zahlreiche Gemeindebanken gegründet, die genauso im Besitz der Einwohner*innen stehen. Mithilfe eigener Währungen wird versucht, das Geld in regionalen Wirtschaftskreisläufen zu halten. Das Beispiel von Brasilien zeigt, dass eine solche Herangehensweise eine große Chance zur Bekämpfung von Armut bietet.

Teilen, verschenken, weitergeben – statt verschwenden: die Sharing Economy

Im Allgemeinen steigt die Zahl von solidarisch motivierten Projekten und Initiativen der sogenannten „Sharing Economy“ in den letzten Jahren erfreulicherweise enorm an. Tauschbörsen und sogenannte „Umsonstläden“ ermöglichen es, fernab eines Gedankens der Profitmaximierung, dass Menschen ihre nicht mehr benötigten Gegenstände abgeben und andere darin wiederum Nützliches für sich entdecken können. Das hat den zusätzlichen Effekt, dass einem Überkonsum und einer Verschwendung entgegengewirkt werden kann.

Auf einem ähnlichen Prinzip beruht das „Foodsharing“, bei dem nicht mehr gebrauchte Lebensmittel getauscht und weitergegeben werden. Einen Kooperationsgedanken verfolgen auch Projekte der „Solidarischen Landwirtschaft“, in denen sich Abnehmer*innen schon im Vorhinein finanziell beteiligen, sodass der Unterhalt der Produzent*innen gesichert ist (auch wir haben das einmal probiert – schau auf Seite 123). In „FoodCoops“ werden kollektiv und selbstverwaltet Lebensmittel für eine größere Gemeinschaft beschafft, oft in Kooperation mit lokalen Landwirtschaftsbetrieben oder Gemeinschaftsgärten (eine solche haben wir auch bei uns zuhause initiiert – mehr dazu erfährst du auf Seite 252). Das sind allesamt enorm wichtige und zukunftsweisende Projekte. Wir laden alle dazu ein, in solche Kooperativen hineinzuschnuppern, sich an dem einen oder anderen Projekt zu beteiligen. Du wirst sehen: Es macht Spaß, sich mit anderen zu vernetzen, deine Wertschätzung gegenüber Lebensmitteln wird spürbar ansteigen. Und nicht zuletzt macht es auch glücklich, zu wissen, woher diese stammen, und einen Beitrag für die Umwelt geleistet zu haben.


› Gemeinsam geht alles besser.

Lass uns zusammenziehen: kollektives Wohnen

Eine besondere Form des Kollektivs möchten wir hier natürlich ebenfalls noch vorstellen: das kollektive Wohnen. Der Gedanke, unabhängig von familiären oder religiösen Banden gemeinsam zu wohnen, ist noch nicht so alt.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts haben sich die Biographien der Menschen signifikant verändert, vor allem, da sich die Ausbildungsphase zunehmend verlängerte. Und was macht mensch als erwachsener Mensch ohne festes Einkommen? Genau: Mensch macht sich auf die Suche nach einer (kostengünstigen) Wohngemeinschaft (WG). Während sich WGs vor allem im studentischen Milieu seit den 1960er- und 1970er-Jahren immer mehr etablierten, gibt es heute alle möglichen Formen des Zusammenlebens unter einem Dach. Menschen können sich aus unterschiedlichsten Gründen dazu entscheiden, gemeinsam zu wohnen. Als spezifische Formen können das Generationenwohnen, Senioren-WGs, betreutes Wohnen für Menschen mit besonderen Bedürfnissen oder auch sozialpädagogische Wohngemeinschaften genannt werden.

Abgesehen von der unterschiedlichen Zusammensetzung der Bewohner*innen unterscheiden sich solche WGs ansonsten meist nicht von „klassischen“ Wohn- bzw. Mietverhältnissen. Soll heißen: Es gibt eine Wohnung oder ein Haus, das bestimmten Eigentümer*innen gehört, die den Wohnraum wiederum an die Bewohner*innen zur Miete oder zum Kauf stellen. Was aber wäre, wenn sich auch hier die Besitzverhältnisse ändern würden?

Wenig Platz, hohe Kosten: die Auswüchse des heutigen Immobilienmarktes

Wohnraum ist begrenzt, das Bevölkerungswachstum hält an. Wohnungsmieten und Baukosten steigen. Die Situation auf dem Wohnungsmarkt ist erschreckend: auf der einen Seite tausendfach leerstehende Wohnungen, auf der anderen Seite kostspielige Immobilienprojekte (in die sich noch dazu häufig spekulative Investor*innen einbringen), durch die der Wohnraum immer weiter verknappt wird und die später zu unvorstellbaren Preisen feilgeboten werden. Wo bleibt das leistbare Wohnen, wo bleiben Einschränkungen seitens der Stadt- und Gemeindepolitik?

Daneben findet eine zunehmende Anonymisierung in den wachsenden (Groß-)Städten statt. Immer mehr Menschen leben (unfreiwillig) in Singlehaushalten, was psychische Erkrankungen und Vereinsamung begünstigen kann.

Für ein solidarisches und selbstbestimmtes Miteinander: gemeinschaftliche Wohnprojekte

Inmitten dieser Entwicklungen wird der Ruf nach alternativen und gemeinschaftlichen Wohnprojekten laut. Und solche entstehen in den letzten Jahren immer mehr. Dabei unterscheiden sich die Modelle je nach Finanzierung, Einbringung des*der Einzelnen in das Projekt sowie die grundsätzliche Ausrichtung.

Als Überbegriffe werden häufig „Gemeinschaftliches Wohnprojekt“ oder Cohousing verwendet. Im Vordergrund dabei steht die Idee, Wohnraum möglichst nachbarschaftlich zu gestalten, zahlreiche Orte der Begegnung zu schaffen und vor allem: ihn selbst zu verwalten. Dahinter steht eine Interessengruppe von Bewohner*innen, die meist schon vor dem Bezug der neu oder umzubauenden oder zu sanierenden Räumlichkeiten existiert und die gemeinsame Zielvorstellungen formuliert. Die Gruppe wirkt partizipativ in der Planung und Umsetzung mit, z. B. als Bauherrengemeinschaft (mehr dazu in den folgenden Absätzen) oder in Kooperation mit Bauträgern oder Genossenschaften.

Wir gestalten mit: partizipative Planung und Umsetzung

Wie genau das Wohnprojekt entsteht, hängt davon ab, ob sich die künftigen Bewohner*innen als Eigentümer*innen zusammenschließen oder ob das Projekt mithilfe einer Dachorganisation für solidarisches Wohnen, wie beispielsweise in Deutschland dem Mietshäusersyndikat oder in Österreich dem Kollektiv habiTAT, umgesetzt wird.

In ersterem Fall spricht mensch auch von einer „Bauherrengemeinschaft“ oder „Baugemeinschaft“, da die künftigen Bewohner*innen als Bauherren und -frauen die Gestaltung von Anfang an maßgeblich beeinflussen. Ihre Wünsche und Interessen fließen in die Planung, in den Bau oder die Sanierung des Gebäudes mit ein. So kann z. B. auch durch Initiative der Gemeinschaft eine nachhaltige Bauweise mit Stromquellen aus erneuerbarer Energie umgesetzt werden. Im Gegensatz dazu steht die übliche Praxis, nicht zuletzt vor allem bei Bauprojekten mit mehreren Parteien: Ein Bauträger kauft oder baut die Liegenschaften, bevor die einzelnen Einheiten weiterverkauft werden.

Andererseits kann, wie oben beschrieben, sich die Interessengruppe mit einer solidarischen Dachorganisation zusammenschließen, um gemeinsam das Wohnprojekt zu realisieren. Klingt spannend? Ist es auch. Diese Kollektive zeigen, wie Wohnen abseits von Profitgier und Spekulation funktionieren kann: solidarisch, gemeinschaftlich und vor allem mit leistbaren Mieten. Ein paar solcher Beispiele zeigen wir dir ab Seite 180.

Hier hat die Gruppe das Sagen: das selbstverwaltete Wohnen

Nach der Planungs- und Bauphase – also in der Wohnphase – verwaltet, organisiert und bewirtschaftet die Gruppe das Projekt selbstbestimmt. Im Zentrum eines gemeinschaftlichen Wohnprojekts stehen die von allen genutzten Innen- wie Außenräume (z. B. Gemeinschaftsräume, Spielplätze, Gemeinschaftsgärten etc.) sowie Sharing-Angebote wie z. B. Car-Sharing oder Food-Coops. Es können auch Räume geschaffen werden, die öffentlich genutzt oder anderen Vereinen und Initiativen zur Verfügung gestellt werden.

In der Selbstorganisation spielen gegenseitige Unterstützung, Solidarität, Integration, Inklusion und häufig auch Klimaschutz eine große Rolle. In diesem Sinne können solche Wohnprojekte auch als Teil der Sustainable Development Goals (SDG) aufgefasst werden. Auch in der Transition-Towns-Bewegung des britischen Permakulturisten Rob Hopkins4 spielt die Idee des gemeinschaft-lichen Wohnens in nachhaltig gebauten und solidarisch organisierten Siedlungsgemeinschaften eine große Rolle.

Jetzt fragst du dich wahrscheinlich: Wie wird das Ganze finanziert? Auch hier gibt es viele verschiedene Herangehensweisen, die zeigen, welche nachhaltigen und kreativen Lösungen es abseits von Kredithaien und Co. gibt. Näheres dazu erzählen wir dir ab Seite 177.


› So kann kollektives Wohnen aussehen. Unser Start in den Tag: mit Kaffee auf der Bauwagen-Veranda und einem guten Gespräch.

Unsere Kollektivpartner*innen: Gemeinschaften und Hofkollektive in Österreich

Du hast nun also schon einiges über Kollektive gelernt. Und du hast wahrscheinlich erkannt: Es gibt ziemlich viele Arten von Kollektiven! Vereine, Betriebe, Genossenschaften, jegliche Zusammenschlüsse unter einem gemeinsamen, solidarischen Ziel … Die Art von Kollektivität, wie wir sie leben, geht gewissermaßen noch einen Schritt weiter. Denn: Wir leben in der Gemeinschaft und bewirtschaften zusammen einen Hof. Unser kollektiver Gedanke zieht sich nicht nur durch ein bestimmtes Vorhaben, sondern ganz existenziell durch unsere gemeinsamen Ziele, unser gemeinsames Leben und Schaffen. Wir teilen uns einen Lebensmittelpunkt. Diese Art und Weise des gemeinsamen, kollektiven Lebens ist in Österreich insgesamt nicht sehr verbreitet. In der Vergangenheit gab es, vor allem im Anschluss an die 68er-Bewegung, einige Versuche. Manche existierten für ein paar Jahre.

Kommune oder Kollektiv? Was das eine (nicht) mit dem anderen zu tun hat

Der bekannteste darunter war in Österreich wohl die Otto-Muehl-Kommune Friedrichshof. Lass uns gleich zu Beginn sagen: Was dort alles passiert ist und gelebt wurde, hat sehr wenig bis gar nichts mit dem zu tun, was wir hier und heute unter Gemeinschaft verstehen. Es würde zu weit führen, darauf im Detail einzugehen. Mit (vermutlich) besten Absichten versuchten die damaligen Menschen in kollektiven Zusammenhängen Schritte zu setzen, die mit dem vorherrschenden System brechen wollten.

Im Verlaufe ihres fast 20-jährigen Bestehens entfernte sich die Kommune von diesem ursprünglichen Gemeinschaftsgedanken, bis Muehl selbst eine immer destruktivere Herrschaft über das Projekt ausübte. Letztlich wurden gegen ihn zahlreiche Vorwürfe erhoben, er wurde strafrechtlich verurteilt. Wer Näheres dazu erfahren möchte: Zu diesem Thema kann ich einen sehr interessanten, kritischen Dokumentarfilm empfehlen: In „Meine keine Familie“5 berichtet der Regisseur Paul-Julien Robert von seinem Aufwachsen und Leben inmitten der Kommune.

Was wir dir damit jedenfalls und ganz klar verdeutlichen möchten: Wir wollen uns von dem Wort Kommune ganz bewusst abgrenzen. Nicht zuletzt, da dieser Begriff durch solche gescheiterten Beispiele aus der Vergangenheit wie die Otto-Muehl-Kommune stark gefärbt wurde. Sehr viele, vor allem Menschen älterer Generationen, assoziieren dieses Wort sofort damit, was damals und dort passiert ist.

Stattdessen verwenden wir die Bezeichnung Kollektiv: Sie bezieht sich auf eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe, gleichwertiges Stimmrecht, Konsensentscheidungen. Hier gibt es keinen Guru an der Spitze. Es ist ein Ausdruck, der sich vor allem in der anarchistischen Bewegung durchgesetzt hat. In dieser verorten auch wir uns. Das Hofkollektiv ist demnach ein Kollektiv, das einen Bauernhof bewohnt und bewirtschaftet.

Diese Bezeichnung hat sich für ähnliche Orte wie das Wieserhoisl in Österreich im Moment durchgesetzt. Synonym dazu wird der Begriff Gemeinschaft verwendet. Als Kommune bezeichnen sich unseres Wissens keine aktuellen oder neuen Projekte – eben weil dieser Begriff im Verlaufe der Zeit eine bestimmte ungünstige und auf uns und andere nicht zutreffende Konnotation erhalten hat.


Anarchie in … wenigen Worten erklärt


Es gibt viele Missverständnisse dazu, was der Begriff Anarchismus wirklich bedeutet. Viele denken, wenn sie das Wort Anarchist*innen hören, an Umstürzler*innen, die die Welt ins Chaos befördern möchten. Das ist nicht korrekt, zumal sich der Begriff primär auf eine ideologische Ebene bezieht und eine friedvolle Umsetzung jeder gewaltvoll-aktionistischen Herangehensweise vorzieht. Anarchismus bezeichnet eine bestimmte politische Philosophie, die davon ausgeht, dass jegliche Art von Hierarchie die Menschen in ihrer persönlichen Freiheit beschränkt und somit unterdrückt. Gefordert werden eine Aufhebung hierarchischer Strukturen und damit eine hohe Selbstverantwortung der Individuen. Anhänger*innen des Anarchismus stehen also für Gleichheit, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung ein. Sie verurteilen den staatlich sanktionierten kapitalistischen Konkurrenzkampf eines „Jede*r gegen jede*n“, der soziale Ungerechtigkeiten fördert und eine kleine Elite immer reicher werden lässt, während die Mehrheit zunehmend verarmt.

Longo maï – unsere Wegweiser und Wegbegleiter

Die einzige Gemeinschaft, die es seit der Zeit der Alternativbewegungen in den 1970er-Jahren in Österreich noch immer gibt, ist ein Kollektiv, das Teil der weltweit tätigen Gemeinschaft Longo maï ist. Diese wurde 1973 in Basel gegründet. Die erste Kooperative entstand in der französischen Provence. Aus der Regionalsprache Provenzalisch stammt auch der Name für die Initiative. „Longo maï“ bedeutet so viel wie: Es möge lange dauern. Heute gibt es insgesamt 10 Kooperativen mit rund 200 Mitgliedern, die weltweit in 5 Ländern tätig sind: in Frankreich, der Schweiz, Deutschland, Österreich, der Ukraine und in Costa Rica. Sie sind alle über eine gemeinsame Stiftung verbunden und kooperieren in verschiedenen Bereichen miteinander. Einmal jährlich findet eine Vereinsversammlung statt. Zusätzlich zum Vorstand gibt es eine Finanzkommission, bestehend aus Mitgliedern aus den unterschiedlichen Kooperativen, diese trifft sich 3-mal jährlich.

Der Hof Stopar im kärntnerisch-slowenischen Bad Eisenkappel zählt zu den ältesten Longo-maï-Höfen. Das Kollektiv wurde im Jahr 1977 gegründet und feiert somit sein 45-jähriges Bestehen. Die Menschen am Hof Stopar waren für uns das greifbarste Beispiel einer Gemeinschaft in jener Form, die auch wir uns wünschten, vor allem in den Anfangsjahren. Und sie haben uns seit jeher unterstützt: Da gab es einen regen Austausch von Wissen und gegenseitiger Hilfe sowie gemeinsame landwirtschaftliche und politische Aktionen und Workshops. Inspiriert von ihren Erfahrungen schufen wir dann unser eigenes System.

Es gibt natürlich noch andere Wohn-, Lebens- und Arbeitsgemeinschaften in Österreich, die wir weniger gut kennen bzw. mit denen wir wenig bis gar nichts zu tun haben. Wir können in diesem Rahmen nicht auf alle eingehen. Im Folgenden möchten wir dir von Hofkollektiven erzählen, die eine ähnliche Vision verfolgen wie wir und mit denen wir in engem Kontakt stehen.

Vernetzen wir uns: andere Hofkollektive und wir

Das Jahr unserer Gründung, 2006, markiert einen Zeitpunkt, an dem es in Österreich schon lange zu keiner Neubildung von Hofkollektiven mehr gekommen war. Und auch einige Jahre nach uns ist nichts mehr passiert. Klar: Wir kannten viele Menschen, die sich mit Hofsuche und Gruppenbildung beschäftigten. Durch bürokratische Hürden, Probleme bei der Suche nach einer gemeinsamen Bleibe oder gruppeninterne Schwierigkeiten kam aber kein weiteres Hofkollektiv zustande.

Deswegen war unsere Freude umso größer, als nach längerer Zeit im Jahr 2012 die „Mühle Nikitsch“ im Burgenland und im Jahr 2014 das „Hofkollektiv Zwetschken“ in Niederösterreich gegründet wurden. 2017 folgte die größenmäßig bis jetzt ambitionierteste Gemeinschaft „Cambium – Leben in Gemeinschaft“ mit 50 Mitgliedern im Osten der Steiermark und im selben Jahr das „Hofkollektiv Weltenende“ gleich nebenan im Burgenland. Auch andere, kleinere Hofgruppen entstanden im selben Zeitraum.

Von Beginn an war unser Wunsch nach Vernetzung und Austausch mit jungen Menschen, die in ähnlichen Situationen leben, sehr groß. Nach den älteren Gruppierungen, die noch aus der Zeit der 68er-Bewegung stammten, waren wir eine neue Generation von Kollektiven. Wir hatten teilweise andere Beweggründe, unser Aufwachsen und unsere Kindheiten unterschieden sich sehr stark von denen der vorherigen Generation. Und nicht zu vergessen: Wir standen vor ganz anderen, neuen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Gleichzeitig besitzen ältere Gemeinschaften eine Erfahrung und Expertise, die für uns von unschätzbarem Wert sind. Für heutige Gemeinschaften gilt es, Altbewährtes mit neuen Lösungen zu kombinieren und zu erarbeiten.

Lass uns gemeinsame Sache machen: Vernetzungstreffen

Dabei ist der direkte Erfahrungsaustausch zwischen Kollektivmitgliedern verschiedener Gemeinschaften und Orte sehr hilfreich. Was haben wir also getan? Genau: Mit dieser Motivation haben wir 2010 ein solches Vernetzungstreffen organisiert. Das „Hoko-Treffen“ am Wieserhoisl wurde als Info-Veranstaltung konzipiert, bei dem wir unsere Erfahrungen teilten und über allgemeinere Themen sprechen wollten – und brachte insgesamt 35 interessierte Menschen zusammen. Darunter fanden sich vor allem kollektiv-interessierte Teilnehmer*innen, die noch auf der Suche waren. Daneben waren auch kollektiv-erfahrene Personen dabei, manche wohnten bereits in einem Kollektiv und erzählten davon, was sie darin alles erlebten.

Du kannst dir gar nicht vorstellen, was für ein herzliches, hochspannendes und gemeinschaftsbildendes Treffen das war: Über ein ganzes Wochenende belagerten wir sämtliche Räumlichkeiten des Wieserhoisl-Hofes und setzten uns mit den unterschiedlichsten Aspekten des Lebens in einer Gemeinschaft auseinander. Was spricht für das Leben in der Gemeinschaft? Was muss mensch dabei beachten, worauf kommt es an, was ist manchmal anstrengend? Das Ergebnis nach drei intensiven Tagen: Unter den Interessierten formierten sich mehrere Gruppen, um gemeinsam auf Hofsuche zu gehen.

Eine langjährige Freundin erinnert sich an das erste Kennenlernen am „Hoko-Treffen“ zurück:

„Ich bin angekommen und konnte sofort an das Organisieren anknüpfen. Es war so ein einfaches, schönes Ankommen, das hat mich sehr beeindruckt und geprägt. Mit sehr viel Wärme. Was mich dabei auch sehr stark beeindruckt hat, war, dass ich vordergründig Frauen* als organisierende, Raum gebende Menschen wahrgenommen habe. Es hat sich angefühlt, als würde ich in meiner Großfamilie ankommen.“


› Teilen statt egoistisch handeln, Solidarität statt Konkurrenz – ein Grundgedanke des Kollektivwesens.

Im Jahr 2014 initiierte das Hofkollektiv Zwetschken, inspiriert von der gleichnamigen Initiative aus Deutschland, das „Losgeht’s-Treffen“ bei sich am Hof im Waldviertel. Alle damals österreichweit bestehenden Kollektive und andere motivierte, kollektivnahe Menschen wirkten mit. Das explizite Ziel des Treffens war es, Interessierte über bestehende Kollektive und deren Funktionsweise zu informieren. Es war eine sehr bunte, lustige, informative und spannende Veranstaltung mit ungefähr 60 Teilnehmenden.

Wir und die anderen: Austausch mit befreundeten Hofkollektiven

Das war auch das erste Mal, dass die drei bis dato bestehenden selbstverwalteten Hofkollektive – die Mühle Nikitsch, das Hofkollektiv Zwetschken und wir – an einem Ort aufeinandertrafen. Endlich konnten wir uns in einen „richtigen“ Erfahrungsaustausch begeben, bei dem wir uns konkret mit Fragen, Antworten, den positiven wie negativen Seiten des Zusammenlebens beschäftigen konnten. In der Folge beschlossen wir mit neuem Elan, ein wiederkehrendes Treffen zu organisieren. Einmal jährlich sollte fortan das „Easy-Cheesy-Treffen“ stattfinden. Wir vereinbarten, uns jedes Jahr abwechselnd an einem der Höfe zu treffen, der zugleich die Hauptorganisation übernehmen soll.

Und jedes Jahr freuten wir uns auf diese Treffen. Mensch konnte sich über Abläufe, Probleme, einfach alles, was sich als Thema innerhalb des Kollektivs ergeben hat, unterhalten. Wie läuft das bei euch so? Wie löst ihr dieses und jenes Problem? Was funktioniert für euch am besten? Das ist deswegen so bereichernd, weil mensch dadurch einen Blick von außen gewinnt. Manchmal sind Situationen festgefahren, Routinen und Arbeitsweisen ineffizient geworden; im Kollektivleben ist mensch ständig mit neuen Herausforderungen und ungeplanten Entwicklungen konfrontiert. Ein Austausch mit Gleichgesinnten gibt eine völlig andere Perspektive darauf. Genauso konnten in den Gesprächen neue Ideen und Gedankenanstöße entstehen. Nicht zuletzt fand auch ein politischer Austausch statt. Das sind beflügelnde Augenblicke, wenn wir erkennen, dass wir in denselben Bereichen Schwierigkeiten haben, aber insgesamt auf dem für uns richtigen Weg sind.

In den letzten Jahren ist das „Easy-Cheesy“ etwas eingeschlafen. Das hat einerseits sicherlich damit zu tun, dass jedes Kollektiv schon sehr gefordert mit seinen eigenen Angelegenheiten ist. Das kann natürlich auch eine temporäre Erscheinung sein: Wenn intern viel los ist, hat mensch nicht so viel Motivation, sich nach außen zu vernetzen. Andererseits gibt es da natürlich noch das Platzproblem: Es ist gar nicht so einfach, eine immer wachsende Gruppe von inzwischen bereits knapp 35 Menschen an einem Ort zu vereinen und unterzubringen. Nicht zuletzt, da wir uns immer im Winter getroffen haben, damit die Termine nicht mit den Haupt-Hofarbeiten kollidieren. Da braucht jede*r ein warmes Plätzchen, und die Sofas bei uns in der Scheune oder das Kellerstöckl, die sich im Sommer zu einem wunderbar bequemen Bettenlager umfunktionieren lassen, kommen bei Minusgraden weniger gut als Schlafplatz infrage. Im Moment gibt es den Austausch über Erfahrungen und Herausforderungen in erster Linie über persönliche Freundschaften und Kontakte innerhalb der Kollektive: Wir telefonieren und schreiben uns regelmäßig.

Ich will was, das du nicht willst: Interessenkonflikt und Schwierigkeiten bei Kollektiv-Veranstaltungen

Bei den Kollektiv-Treffen erlebten wir aber auch immer wieder den Widerspruch zwischen den unterschiedlichen Wünschen und Bedürfnissen von Kollektivmitgliedern und Kollektivinteressierten. Während sich Erstere nach einem möglichst konkreten Erfahrungsaustausch sehnten, waren Letztere vor allem an einer informativen Veranstaltung mit Tipps für ihre Suche und eine potenzielle Gründung interessiert. Diese thematische und inhaltliche Diskrepanz wurde sehr schnell sichtbar, weswegen es für uns sinnvoll erschien, unterschiedliche Formate für die Treffen zu entwickeln. Mit unserem „Easy-Cheesy-Treffen“ möchten wir natürlich andere Kollektivambitionierte nicht ausschließen, nicht zuletzt, da es als einziges regelmäßiges Treffen natürlich Anknüpfungspunkte für Interessierte bietet. Aber es hat sich doch gezeigt, dass beide Gruppierungen zufriedener sind, wenn die Formate getrennt werden. Dann können die unterschiedlichen Bedürfnisse möglichst gut bedient werden.

Für alle, die sich für kollektives Leben interessieren, soll das also heißen: Bitte kontaktiert uns! Jedes (Hof-)Kollektiv freut sich, wenn Menschen an es herantreten, und jede*r gibt gerne seine*ihre Erfahrungen weiter oder hilft bei konkreten Fragen. Oft ist es vielleicht einfacher, sich direkt an einzelne Kollektive zu wenden. Andererseits ist natürlich jede*r gerne eingeladen, von sich aus ein Treffen oder eine Veranstaltung ins Rollen zu bringen – auch hierbei helfen wir natürlich gerne. Und nicht zuletzt gibt es die Möglichkeit, eine Zeitlang bei einem Kollektiv mitzuwirken, z. B. als Wwoofer *in (für mehr Infos schau auf Seite 252). Was es für Kollektivambitionierte für den Start zu berücksichtigen gibt, erfährst du auf Seite 52.

Weitere Schwierigkeiten bei den Treffen ergeben sich daraus, wenn die eigenen Ziele und die Ansprüche an das Treffen zu hoch gesteckt werden. Wir wollten sowohl zu verschiedenen inhaltlichen Themen gemeinsam Lösungen erarbeiten als auch mögliche weitere Kooperationsprojekte entwickeln. Ein Wochenende bietet da einfach zu wenig Zeit. Anliegen und Fragen, die sich seit dem letzten Treffen angesammelt haben, wollten besprochen und beantwortet werden. Gleichzeitig hatten wir so viele Ideen dazu, welche Veranstaltungen wir noch organisieren und welche Gemeinschaftsarbeiten wir noch angehen wollten. Wenn mensch sich vor allem auf die unmittelbaren Fragen des Kollektivlebens fokussiert, scheint ein informeller Austausch ohne Zwang angemessener zu sein. Wir stecken kollektiv bei ähnlichen oder gleichen Themen fest. Sich einfach zwanglos darüber auszutauschen erweitert die eigene Perspektive. Meistens kommen in solchen Gesprächen bereits Lösungsansätze, einfach andere Wege und Möglichkeiten, die zum selben Ziel führen sollen, in den eigenen Gedankenhorizont.

Für unsere Anliegen und Wünsche, die über die unmittelbare Kollektivarbeit hinausgehen, soll daneben natürlich ebenfalls noch Raum bleiben: Kooperationen, Veranstaltungen, Aktivismus … Wir wollen weiterhin öffentlich auf Missstände hinweisen, gegen das protestieren, was wir schlecht finden, und auf das hinweisen, was wir gut finden. Wir wollen uns mit anderen Kollektiven und kollektivnahen Menschen gemeinsam überlegen, wohin die Reise noch gehen könnte, weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit erkunden, unsere Idee des Gemeinwesens noch weiter nach außen tragen – sei es auf Pflanzenmärkten, im Gespräch mit vorbeiwandernden Menschen oder überhaupt mit allen, die sich für unser Tun interessieren. Die Zeit, um die Gesellschaft dazu anzuregen, über den Status Quo nachzudenken, ist jetzt. Und um ihr zu zeigen, wer wir sind und wofür wir stehen.

Das Kollektivwesen heute: Immer mehr Menschen schließen sich zusammen

Über die letzten Jahre hat sich die „kollektive Landschaft“ in Österreich also erheblich gewandelt. Während zum Zeitpunkt unserer Gründung nur ein anderes Hofkollektiv bestand und wir die Ersten waren, die seit langer Zeit neu starteten, gibt es inzwischen mehrere Lebensgemeinschaften und Hofkollektive, die in regem Austausch miteinander stehen. Plötzlich kam der Moment, an dem sich mehrere Gruppen gleichzeitig formierten und neue Orte im Kollektiv belebt wurden. Bei einem unserer Zusammentreffen kommentierte jemand dieses Phänomen so: „Wie die Pilze schießen jetzt die Kollektive aus dem Boden. Davor haben sie sich (wie das Myzel bei Pilzen) langsam im Untergrund formiert und ausgebreitet und plötzlich treten sie mehrfach in Erscheinung.“

Es gibt natürlich viele Hindernisse, die sich Kollektivwilligen auf der Reise in Richtung eines eigenen Hofkollektivs in den Weg stellen. Eine Zeit lang war die knappe Ressource „freie, erschwingliche Höfe“ (also der Mangel daran) ein ausschlaggebender Grund dafür, dass keine neuen Kollektive zustande kamen. Es haben sich Gruppen formiert, die sich theoretisch mit dem Leben im Kollektiv auseinandergesetzt haben und nach möglichen Plätzen suchten. Wir haben auch mitbekommen, dass sich Gruppen nach Jahren der Suche wieder aufgelöst haben, weil sie keinen passenden Ort gefunden haben und die Beteiligten dann beschlossen, in ihrem Leben andere Ziele weiterzuverfolgen. Die Energie dafür, das Vorhaben umzusetzen, ist schwer zu halten, wenn nicht irgendwann absehbar wird, dass mensch die Ideen auch verwirklichen kann.

Aus unserer persönlichen Beobachtung hängt die Aktivität der letzten Jahre insbesondere damit zusammen, dass junge Menschen in unserem Alter Höfe von ihren Großeltern oder Eltern übernehmen können. Da gibt es jetzt auf einmal viele mögliche Orte, die gemeinsam bezogen werden könnten. Ob und wie sich dann eine passende Gruppe dazu formiert, ist gar nicht so sicher. Manchmal stehen auch ganz klassische Themen rund um die Hofübergabe im Raum. Zum Beispiel sind Eltern oder Großeltern vielleicht nicht einverstanden damit, dass der Hof mit anderen zusammen weitergeführt wird. Manchmal ist alleine schon die Umstellung von konventioneller auf biologische Produktion eine Schwierigkeit. Es gibt also häufig das Problem, dass mensch als zusammengeschweißte Gruppe mit gleichen Zielen und Interessen keinen passenden Schaffensort findet. Und andererseits kann es sein, dass mensch als Hofübernehmer*in mit Kollektivambitionen keine Gleichgesinnten findet oder dass die familiären Hürden zu groß sind. Daneben gibt es natürlich noch die Möglichkeit, dass der gemeinsame Fokus fehlt. Manche Kollektive starten und verlieren sich schon nach kurzer Zeit in unauflösbaren Konflikten oder unüberwindbaren Herausforderungen.

Jedes Kollektiv in Österreich hat seine ganz individuelle Geschichte. Wir unterscheiden uns alle – sei es in der Zusammensetzung der Menschen oder der Ausrichtung im Hinblick auf die Tätigkeiten. Nicht zuletzt sind die Orte selbst sehr verschieden. Aber: Es gibt dieses große Gefühl des Zusammenhalts. Wir fühlen uns miteinander verbunden und teilen viele ähnliche Erfahrungen und Lebenssituationen. Und nicht zuletzt natürlich: die gemeinsame Vision von einer nachhaltigeren Welt.


› Zusammen leben, arbeiten, wirtschaften, teilen – klingt doch gar nicht so schlecht, oder?

Deine Checkliste zur Kollektivgründung

Du hast Bock darauf, dich mit anderen zusammenzuschließen? Oder kennst du vielleicht schon ein paar coole Menschen, mit denen du dir vorstellen könntest, das Abenteuer Kollektiv zu wagen? Hier haben wir ein paar Tipps für dich zusammengefasst, wie du dich auf den Weg dorthin machen kannst.

FINDET EURE CREW: Ja, unserer Meinung nach ist es tatsächlich am besten, wenn die Gruppe schon zu Beginn, also im ersten Schritt, zusammenfindet. Vielleicht hast du ja bereits Freund*innen, die eine ähnliche Vorstellung wie du haben? Oder du suchst noch nach Gleichgesinnten – dann schau dich auf Kollektivveranstaltungen oder in Internet-Gruppen oder -Foren um. Das Wichtigste am Kollektiv sind die Menschen, die es ausmachen. Es gilt, früh herauszufinden, ob eure Vorstellungen im Blick auf die Gruppe und eure Zukunft übereinstimmen – und ob es einfach menschlich zwischen euch passt.

LERNT DAS KOLLEKTIVWESEN KENNEN: Wer sich für die eigene Kollektivgründung interessiert, tritt am besten auch gleich mit anderen Kollektiven in Kontakt, z. B. bei Vernetzungstreffen oder einfach direkt über Mail oder Telefon. So kann mensch Tipps von Kollektiv-Erfahrenen einholen. Vielleicht erkennst du dann ja auch, dass es doch nichts für dich ist. Oder es bestärkt dich darin, den Weg weiter zu verfolgen.

ORGANISIERT EUER ZUSAMMENLEBEN: Es reicht nicht, einfach die gleichen Vorstellungen zu haben – wer sich unvorbereitet ins gemeinsame Leben stürzt, wird über kurz oder lang wahrscheinlich vor den Kopf gestoßen. Es braucht einen organisatorischen Rahmen. Das beginnt damit, eine Rechtsform (z. B. Verein oder Genossenschaft) zu wählen, die zu euch passt, um das Kollektiv zu gründen. Es empfiehlt sich auch, Überlegungen zur Entscheidungsstruktur und Besitzstruktur zu verschriftlichen. Wenn ihr eine gemeinsame Solidarökonomie verfolgen möchtet, bietet es sich an, Ein- und Ausstiegsverträge zu formulieren, in denen festgehalten wird, wie viel die Einzelnen einbringen bzw. wieder mitnehmen, sollten sie das Kollektiv verlassen.

FINDET EINEN SCHAFFENSORT: In der zeitlichen Abfolge verlaufen die Gruppenfindung, Kollektivgründung und Ortssuche oft parallel. Ein passendes Plätzchen zu finden, stellt sicher eines der größten Probleme dar. Mit Blick auf die Hofbewirtschaftung gibt es glücklicherweise inzwischen viele Online-Foren und -Börsen, in denen sich Hofanbieter*innen und -übernehmer*innen vernetzen können (schau auf Seite 255). Nähere Infos zu anderen kollektiven Wohnformen findest du auf Seite 41.

GEHT DIE FINANZIERUNG AN: Wollt ihr als Gruppe einen Hof übernehmen oder eine Liegenschaft mieten oder kaufen, geht es um große finanzielle Aufwendungen. Auch hier sei gut überlegt, welches Finanzierungsmodell am besten zu euch passt und wie ihr das gemeinsam am besten organisiert. Unterschiedliche bzw. bewährte Arten von Finanzierungsmöglichkeiten für das kollektive Leben (abseits des klassischen Bankkredits) stellen wir dir ab Seite 177 vor.

FINDET IMMER WIEDER ZUEINANDER: Es ist geschafft – ihr habt euch gegenseitig und einen Platz zum Leben gefunden? Wunderbar. Dann geht es nämlich erst wirklich los. Ja, du hast uns richtig gehört: Jetzt stellt sich heraus, ob alle Vorbereitungen Früchte tragen werden. Viele Gruppen brechen nach kurzer Zeit auseinander, weil sich herausstellt, dass die Mitglieder doch zu unterschiedliche Visionen haben. Unser Tipp: Lasst euch Zeit. Lernt euch kennen. Seid geduldig. Gerade in der Anfangsphase schwankt die Gemütslage zwischen dieser Euphorie, gemeinsam etwas geschaffen zu haben, den eigenen Weg eingeschlagen zu haben, und der Ungewohntheit des Kollektivlebens. Gebt euch die Zeit für die Eingewöhnungsphase. Findet heraus, was für euch am besten funktioniert. Eine offene und häufige Kommunikation ist essenziell. Findet Wege dafür, wie ihr die Kommunikation und Entscheidungsfindung gestalten könnt. Anpassungen an eurer Organisationsform sind immer wieder nötig und vor allem bei längerem Bestehen auch besonders wichtig für die Weiterentwicklung.

Da sind wir uns einig: Wir haben eine Vision


Jetzt haben wir dir schon ein bisschen was über uns erzählt: Wer wir sind, was wir machen, wie unsere Entstehungsgeschichte verlaufen ist. Stellt sich nur noch die Frage: Warum tun wir uns das alles eigentlich an? Die Arbeit in der Landwirtschaft ist ja immerhin auch körperlich anstrengend, manchmal gefährlich und stellt uns regelmäßig vor neue Herausforderungen. Egal, ob es Maschinen sind, die nicht funktionieren, ob es Tiere sind, die plötzlich krank werden, oder ob es ein Sturm ist, der Bäume entwurzelt. Überraschungen gibt’s genug. Auch das soziale Miteinander im Kollektiv kann an den Kräften zehren.

Wegen des Geldes machen wir es auch nicht. Durch die Selbstversorgung mit eigenen Hofprodukten können wir zwar einiges an Geld sparen. Und selbst wenn wir mit unserer Art der kleinbäuerlichen Landwirtschaft ein bisschen was verdienen, reich werden wir mit unserem Lebensstil nicht – aber das wollen wir auch nicht. Was wir stattdessen wollen? Oder besser gefragt: Warum das Ganze? Genau darum soll es hier in diesem Kapitel gehen. Wir stellen dir unsere Vorstellungen, Gedanken, Visionen vor. Und haben gleich eine erste Antwort auf diese Frage. Schlicht und einfach gesagt: Es ist die Überzeugung, das Richtige zu tun.

Was wir erkannt haben: Weiter wie bisher ist keine Option

Wir beobachten schon seit vielen Jahren problematische Entwicklungstendenzen unserer Gesellschaft. Die Corona-Pandemie ist nur ein Beispiel. Sie hat sogar – verständlicherweise – einige andere, wichtige, akute Probleme von der öffentlichen Bildfläche gedrängt. Der Klimawandel ist dadurch z. B. etwas in Vergessenheit geraten.

Wir sehen, wie wir uns immer weiter von einem resilienzorientierten und ressourcenschonenden Lebensstil, der dem Planeten noch guttut, entfernen. Wir befinden uns inmitten einer multidimensionalen Krise, die es erfordert, umfassend darauf zu reagieren. So weitermachen wie bisher – das ist nicht drin. Es muss sich etwas, und zwar ganz gravierend, ändern. Es braucht einen Systemwechsel. Zu dieser Einsicht sind wir bereits vor vielen Jahren gekommen und arbeiten nun emsig an Alternativen, sei es bei der Lebensmittelversorgung, im Zusammenleben oder bei der Geldwirtschaft. Aber was hat uns bis hierher gebracht?

Es ist an der Zeit: für eine Veränderung unserer Konsumgewohnheiten

Die Herrschaft des Geldes und Machtkonzentrationen auf verschiedenen Ebenen führten in den letzten Jahrzehnten zur systematischen Liberalisierung des Handels (nähere Infos zu den Dynamiken im 20. Jahrhundert findest du auf Seite 34). Klein- und Kleinstbetriebe tun sich zunehmend schwer, wirtschaftlich überlebensfähig zu bleiben.

Es scheint, als würden sich viele Menschen heute nur mehr über ihren Konsum definieren. Shoppingcenter, Einkaufsmeilen und Sonderangebote verführen zum vermeintlichen Konsumglück. Obwohl auch viele Konsument*innen verantwortungsbewusster handeln als noch in den 1980er- oder 1990er-Jahren, so hat sich das Konsumverhalten oft einfach nur verlagert. Dann ist es heute eben das schickste Elektroauto und nicht der dickste SUV. Hauptsache, es gibt ein Prestigeobjekt zum Herzeigen. Obwohl also der Trend in Richtung Nachhaltigkeit geht, ändert sich beim Großteil unserer Gesellschaft nur schleppend etwas. Unser Leben, unsere Grundhaltung sind immer noch bestimmt von materiellen Werten, unser Zufriedenheitsempfinden knüpft sich ganz eindeutig daran. Manche Menschen sind immer noch der Meinung, dass sie nur durch die konsumorientierte Befriedigung ihrer Bedürfnisse glücklich werden.


› Unseren Kleintraktor haben wir, wie (fast) alle anderen Geräte am Hof, gebraucht gekauft.

Wenn ich über Europas Grenzen blicke, ergibt sich unweigerlich das Bild, dass wir hier in Mitteleuropa in unermesslichem Überfluss leben. Um nicht zu sagen: wie die Maden im Speck. Wir sind Kinder einer Wohlstandsgesellschaft und gewohnt – quasi auf Knopfdruck oder per Mausklick – zu bekommen, was wir wollen. Aber mal ganz ehrlich: Müssen wir den ganzen Ballast wirklich haben? Im Zentrum steht doch die Frage, was wir für „ein gutes Leben für alle“6 brauchen. In Wahrheit geht es doch um das richtige Maß. „Die Dosis macht das Gift“, sagte schon Paracelsus. Wir glauben, es ist schon längst an der Zeit, über Selbstbegrenzung nachzudenken. Es gilt, die eigenen Bedürfnisse kritisch zu hinterfragen. Wir müssen den Rohstoff- und Energieverbrauch reduzieren und in alternative Strukturen investieren, um als Gesellschaft langfristig überlebensfähig zu bleiben.

In Zukunft wird die Selbstversorgung für viele von uns immer wichtiger werden. Vielleicht erscheint es zum jetzigen Zeitpunkt noch utopisch. Aber es gibt viele Wege dorthin. Es geht darum, möglichst lokale Kreisläufe zu schließen. Für Menschen ohne Garten empfiehlt es sich beispielsweise schon, Küchenabfälle, Eierschalen und Kaffeesatz mittels Wurmkompost7 in wertvollen Humus verwandeln zu lassen, am Balkon Kräuter und in der Wohnung Pilze zu züchten oder Lebensmittel von regionalen Landwirt*innen und Erzeuger*innen zu beziehen – abseits der großen Konzerne, möglichst unabhängig und mit kurzen Wegen. Dementsprechend hat der Suffizienzgedanke auch einen sehr hohen Stellenwert bei uns im Kollektiv.

Alles dreht sich im Kreis: reduce, reuse and recycle

Vieles von dem, was wir mit Wohlstand verbinden, landet früher oder später im Müll. Wir sind dagegen, dass Dinge produziert und gekauft werden, mit denen wir in erster Linie unsere Umwelt verschmutzen. Aus diesem Grund verwenden wir, wo möglich und sinnvoll, recycelte Materialien. Wir geben ihnen sozusagen eine zweite Chance. Das geht nicht immer und überall, aber wir arbeiten darauf hin. So ist z. B. das Dach unseres Anzuchtgewächshauses eine ehemalige Schwimmbadabdeckung. Mülltrennen und Recycling sind für uns ohnehin eine Selbstverständlichkeit. Unsere ersten Anlaufstellen, wenn wir etwas über den Lebensmittelbedarf hinaus brauchen, sind Secondhand-Läden oder Flohmärkte. Und wenn mal die Waschmaschine den Geist aufgibt, stöbern wir als Allererstes auf Online-Flohmärkten. Da wir viele Gegenstände und Geräte gemeinsam benutzen, die wir sonst womöglich alle separat gekauft hätten und besitzen würden, sparen wir auch hier einiges an Materialien und Rohstoffen ein. Und auch innerhalb der Gruppe wird gerne etwas weitergegeben, seien es die Kinderkleidung oder die Campingausrüstung. Mit dieser Einstellung reduzieren wir unseren ökologischen Fußabdruck, indem wir schonend mit unseren Ressourcen umgehen und sie innerhalb unserer Gruppe teilen.

In diesem Sinne weigern wir uns allgemein, Gegenstände einfach wegzuwerfen. Wenn elektrische Geräte defekt werden, Werkzeug oder Maschinen kaputtgehen, versuchen wir also, sie zu reparieren. Im Idealfall machen wir es selbst. Diese Do-it-yourself-Mentalität hat dazu geführt, dass wir uns im Laufe der Jahre verschiedenste Fähigkeiten autodidaktisch angelernt haben. Vom Einkochen bis zur Waldarbeit machen wir so viel wie möglich selbst.

Allerdings stoßen wir auch immer wieder an unsere Grenzen. Dann schlagen wir in einem unserer schlauen Bücher nach, fragen Nachbar*innen oder Spezialist*innen um Hilfe. Oder wir besuchen einen Kurs, in dem grundlegende Techniken erklärt werden. Dadurch haben wir uns bereits einiges an Know-how und Lösungskompetenz angeeignet. Wir sind dadurch selbständiger geworden und konnten unseren autonomen Handlungsspielraum erweitern. Wir sind beispielsweise inzwischen nicht mehr abhängig von unserem Nachbarn, der uns zu Beginn bei der Holzarbeit unterstützte. Klar, wir sind dankbar, dass er uns immer geholfen und uns die Arbeit nähergebracht hat. Aber inzwischen haben wir die dazugehörigen Fähigkeiten selbst erworben. Dabei geht es uns auch um unsere persönliche Weiterentwicklung.


› Mark in seinem Element: Der Stecker vom Stromkabel wird kurzerhand repariert.

Lasst uns endlich erkennen: Wir sitzen alle im selben Boot

Themen wie Klimawandel, Bodenversiegelung, Naturzerstörung, Lebensmittelverschwendung oder Artensterben stehen in direkter Wechselwirkung mit unserem ganz persönlichen Lebensstil. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass jede*r von uns dazu beitragen kann, diese Welt lebenswerter zu machen – für alle, die noch nach uns kommen. Für eine harmonische Beziehung zwischen Mensch und Natur.

Uns stört, dass Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft nach wie vor zu wenig unternehmen, um eine drohende Umweltkrise aufgrund klimatischer Veränderungen abzuwenden. Wissenschaftliche Fakten zum Klimawandel, zur Ressourcenverschwendung, zum Verlust von Ökosystemen und Artenvielfalt müssen endlich ernst genommen werden. Die Wirtschaft verschlingt zu viele Ressourcen. Und damit gefährdet sie die Zukunft unserer Nachkommen. Das Überleben kommender Generationen wird aufs Spiel gesetzt, nur um dem Wachstumsdogma zu huldigen. Wir wollen dabei nicht länger zusehen. Wir werden selbst aktiv. Es geht Schritt für Schritt in Richtung öko-solidarische Gesellschaft.


Veränderungen in der Landwirtschaft und die Rolle der Kleinbäuer*innen

Als eine weitere Entwicklung im Zuge der zunehmenden Deregulierung und des Neoliberalismus kann eine steigende Konzentrierung und Zentralisierung von Macht, Ressourcen und Wohlstand festgestellt werden. Auf diese Weise passiert es auch auf der Ebene von Unternehmen: Die Großen werden immer größer, die Kleinen verschwinden. Weil: Die Großen schlucken die Kleinen. Besonders augenscheinlich ist das in den vergangenen Jahrzehnten in der Landwirtschaft geschehen.

Die Kleinen bleiben auf der Strecke: das Agrar- und Ernährungssystem im neoliberalen Credo

Die Folge: Die kleinstrukturierte Landwirtschaft wird immer weiter zurückgedrängt und nur wenige große Betriebe bleiben übrig. Das langsame und stille Verschwinden unserer Lebensmittelproduzent*innen wird häufig als „Strukturwandel in der Landwirtschaft“ bezeichnet. Das verlagert die Verantwortung weg von den großen Konzernen und lässt das Ganze als eine naturgegebene Entwicklung erscheinen. Aber das stimmt nicht. Wir können auch „Höfesterben“ oder „Bauernsterben“ dazu sagen – was der Dramatik dieser Entwicklung eher entspricht.

Neben der Produktion qualitativ hochwertiger Lebensmittel sorgen die Bäuer*innen dafür, dass die Biodiversität und kulturelle Vielfalt für den ländlichen Raum erhalten bleibt. Sie pflegen und erhalten die Kulturlandschaft und besonders schützenswerte Ökosysteme. Obwohl die Multifunktionalität der Landwirtschaft mittlerweile auch politischen Entscheidungsträger*innen ein Begriff sein dürfte, werden viele dieser Leistungen der Bäuer*innen nur unzureichend wertgeschätzt, geschweige denn entlohnt. Verantwortlich für die Fehlentwicklungen im ländlichen Raum sind politische Entscheidungsträger*innen, die in den letzten 50 Jahren eine Politik des „Wachsens oder Weichens“ vorangetrieben haben. Das heißt: Landwirtschaftliche Betriebe können nur überleben, wenn sie sich ständig vergrößern und auf Wachstum ausrichten. Andernfalls bleibt lediglich die Option, die Landwirtschaft aufzugeben und den Betrieb (an einen der Großbetriebe) zu verpachten oder zu verkaufen.

Viele Bauernhöfe sind heute nur noch mit ausreichender Flächen- und Maschinenausstattung überlebensfähig. Grund und Boden wird häufig als Kapitalanlage gesehen und dadurch zunehmend zum Spekulationsobjekt. Abgesehen von den Investor*innen und international agierenden Agrarkonzernen nützt dieser Trend jedoch niemandem. Schon gar nicht der Bevölkerung in ländlichen Gebieten. Heute bestimmen wenige international agierende Konzerne, welche Pflanzen global angebaut, wie Tiere gehalten werden, was sie fressen und letztendlich, wie unsere Lebensmittel hergestellt werden. Unser Lebensstil hier im Hofkollektiv ist die Antwort auf fehlgeleitete Entwicklungen im Agrar- und Ernährungssystem. Wir stellen uns gegen den Ausverkauf von Grund und Boden und die wachsende Markt- und Kommunikationsmacht großer Konzerne.

Weil die kleinstrukturierte Landwirtschaft unsere Zukunft ist

Die Kritik am industriell und neoliberal orientierten Landwirtschaftsmodell prägt uns seit vielen Jahren und veranlasste uns dazu, aktiv zu werden. Lebensmittelproduktion unter Einsatz chemisch-synthetischer Dünge- und Spritzmittel belastet die Umwelt und gefährdet unsere Gesundheit.

Wir sind der Meinung, dass wir unsere Landwirtschafts- und Ernährungspolitik sowie unsere Produktionsweisen und unser Konsumverhalten von Grund auf ändern müssen. „Weiter wie bisher ist keine Option!“ So sehen das auch über 400 Expert*innen, die ihre Forschungsergebnisse im 2009 veröffentlichten Weltagrarbericht8 dargestellt haben und eine radikale Umkehr in der Agrar- und Ernährungspolitik fordern. Diese Erkenntnisse sind heute so aktuell wie nie. Wir brauchen eine tiefgreifende agrarökologische Transformation in der Landwirtschaft, der Lebensmittelproduktion und dem Konsum und müssen kleinbäuerliche Strukturen stärken, um langfristig zukunftsfähig zu werden. Genau darum setzen wir uns tatkräftig für eine bäuerliche, kleinstrukturierte, sozial und ökologisch orientierte Landwirtschaft ein.

Wir sind stolz darauf, zu den Millionen von Kleinbäuer*innen zu gehören, die weltweit für die Ernährungssicherheit der ländlichen Bevölkerung in benachteiligten Regionen sorgen und gleichzeitig das Rückgrat der Ernährungssouveränität darstellen. Wir wollen Kleinbäuer*innen eine Stimme geben und sie dazu ermutigen, sich aus ihren Abhängigkeitsverhältnissen zu befreien.

Daran arbeiten weltweit viele Organisationen, allen voran „La Via Campesina“, eine Vereinigung von Kleinbäuer*innen, Landarbeiter*innen, Fischer*innen und Indigenen, die sich für eine gerechte Verteilung, Ernährungssouveränität und die Rechte der Kleinbäuer*innen und Landlosen starkmachen. Der in Österreich tätige Zweig der Vereinigung ist die Österreichische Bergund Kleinbäuer*innen-Vereinigung (ÖBV).

Von Kleinbäuer*innen und Agrobusiness: Was in der Landwirtschaft schiefläuft


Die Landwirtschaft sichert unser Überleben. Das ist ein Statement, das mensch sich immer wieder mal vor Augen führen sollte. Alle Lebensmittel haben einen natürlichen Ursprung. Deswegen ist es umso erschreckender, was in den letzten Jahrzehnten im Agrarsektor weltweit passiert ist. Aus der ursprünglich vorherrschenden Subsistenzwirtschaft entstand durch Technisierung und Globalisierung ein Agrobusiness mit Monokulturen und umfassendem Einsatz von chemisch-synthetischen Mitteln, das Boden und Einwohner*innen ausbeutet und sich im internationalen Wettkampf bereichert, während die Armen und Mittellosen in immer noch prekärere Verhältnisse geworfen werden.

Im Zuge dieser Entwicklungen verschärften sich die Ungleichheiten zwischen Globalem Norden und Süden immer weiter. Besonders deutlich wurde das ab den 1960er-Jahren durch die „Grüne Revolution“ gezeigt, bei der vor allem in Afrika Hochleistungssorten an Kleinbäuer*innen verkauft wurden. Das hatte in der Anfangszeit den positiven Effekt, dass in diesen Ländern die Hungersnöte abnahmen. Aber gleichzeitig wurden durch die Saatgutpatente neue Abhängigkeiten geschaffen, die vervielfachten Erntezyklen begünstigten Schädlinge und erforderten wiederum stärkeren Düngemittel- und Pestizideinsatz. Heute sind die Wachstumspotenziale der Grünen Revolution zudem erschöpft.

Internationale Freihandelsabkommen verstärkten die Abhängigkeiten zusätzlich. Heute ist es üblich, dass viele Länder des Globalen Südens ihre Grundnahrungsmittel primär exportieren und für den eigenen Bedarf nur noch so wenig übrig bleibt, dass sie importieren müssen. Im Globalen Norden hingegen wurde eine Überproduktion gefördert, damit die Überschüsse auf dem internationalen Markt „gedumpt“ werden können, was wiederum andere Produzent*innen, die vom Verkauf dieser Lebensmittel leben, in eine existentielle Not bringt. Von den Arbeitsverhältnissen auf den Plantagen im Globalen Süden ganz zu schweigen. Zudem ist die Praxis des „Land Grabbing“, bei der sich internationale Konzerne oder Investor*innen Landflächen (zu Spekulationszwecken) sichern, meist auf Kosten von dort ansässigen Kleinbäuer*innen, nach wie vor weit verbreitet. Nicht zuletzt trägt die unbeschränkte Spekulation mit Grundnahrungsmitteln zu Nahrungsmittelkrisen bei9.

Heute leiden weltweit fast 1 Milliarde Menschen an Hunger. Es ist allerhöchste Zeit, dass sich daran etwas ändert. Und auch das Beispiel Landwirtschaft zeigt wieder: Kapitalismus und Gerechtigkeit lassen sich nicht vereinen. Der Kapitalismus trägt nur dazu bei, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer noch ärmer werden. Dass die Mächtigen immer mächtiger und die Machtlosen immer machtloser werden. Und das ist für uns einfach nicht tragbar.

Was wollen wir damit erreichen?

Aber zurück zur Eingangsfrage: Wir tun uns das deshalb an, weil wir einen Gegenentwurf zur mehrheitsgesellschaftlichen Arbeits- und Lebensweise als absolut notwendig erachten. Wir fühlen uns veranlasst, Alternativen aufzuzeigen – wollen vorleben, dass es auch anders geht. Ja, unser Leben im Kollektiv ist zuweilen entbehrungsreich, manchmal auch mühsam. Wir sind aber bereit, Entbehrungen auf uns zu nehmen, um uns an unser Ideal einer resilienten, solidarischen und gleichberechtigten Gesellschaft anzunähern. Wir gehen mit gutem Beispiel voran, um andere zu inspirieren. Wie es auch schon Mahatma Gandhi formulierte: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“

Wir wollen ein Vorbild sein für Menschen, die ähnliche Vorstellungen von einem guten Leben haben. Wir wollen Menschen zum Nachdenken anregen, die schon leichte Skepsis verspüren. Wir wollen junge Leute motivieren, gemeinsam mit Gleichgesinnten aufs Land zu ziehen. Wir alle können einen aktiven Beitrag zur Ernährungssouveränität leisten, indem wir uns mit einem Teil unserer Lebensmittel selbst versorgen.

Mit der Selbstversorgung wollen wir von überregionalen Versorgungsstrukturen unabhängig bleiben. Um unseren Selbstversorgungsgrad zu erhöhen, setzen wir auf Solidarität. Wir unterstützen uns gegenseitig. Grundlage für unsere gemeinsamen Aktivitäten ist ein respektvoller Umgang miteinander. Wir respektieren andere Meinungen und sind bereit, Kompromisse einzugehen.

Unsere Individualität, die Unterschiedlichkeit, ist dabei das Fundament für unser Zusammenleben. Wir können akzeptieren, dass wir alle unterschiedlich denken. Diese Vielfalt an Meinungen erfordert die Bereitschaft, andere Sichtweisen zu hören und zu integrieren. Allerdings hat unsere Toleranz auch Grenzen.

Wir sind dagegen: Darauf haben wir keine Lust

Leider erleben wir derzeit einen besorgniserregenden Anstieg bei der Verbreitung rechten Gedankengutes und einen Trend zu totalitären Führungsstilen. Wir lehnen die Normalisierung rechter Ideologien entschieden ab und verurteilen rassistisches und faschistisches Gedankengut aufs Schärfste. Wir verurteilen jegliche Diskriminierung von Menschen aufgrund von Hautfarbe, Herkunft, Religion, Geschlecht oder sexueller Orientierung. Wir kämpfen für eine offene Gesellschaft, in der die Vielfalt aller Kulturen akzeptiert wird. Das leben wir auch so im Hofkollektiv Wieserhoisl.

Uns stört, dass traditionelle Rollenbilder nach wie vor als Maßstab für das familiäre Zusammenleben gelten. Aus diesem Grund hinterfragen wir gängige Rollenbilder und setzen uns für Gleichberechtigung und Gleichstellung von allen Identitäten ein, seien es Frauen, Männer, Trans*-Personen, genderqueere Menschen oder solche, die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen. Wir wünschen uns eine Gesellschaft, in der wir alle die gleichen Chancen haben. Bei uns im Kollektiv ist es selbstverständlich, dass sich alle Mitglieder an reproduktiven Tätigkeiten, seien es Kinderbetreuung, Putzen oder Kochen, beteiligen, egal welcher Genderidentität mensch angehört.

Wir arbeiten daran, Netzwerke an Hofkollektiven aufzubauen, indem wir uns gegenseitig solidarisch unterstützen. Wir wollen uns mit Gleichgesinnten austauschen, um Strukturen zu schaffen, die es uns ermöglichen, langfristig krisenresistent zu bleiben. Die Zukunft hält noch viele Überraschungen für uns bereit. Was genau auf uns zukommt, wissen wir nicht. Gerade aus diesem Grund ist Vielfalt so wichtig! Nur wenn wir eine breite Palette an Auswahlmöglichkeiten haben, steigt die Chance, dass auch die Option dabei ist, die eine ungewisse Zukunft erfordert.

Wir wollen nicht darauf warten, dass andere aktiv werden. Eigeninitiative und zivilgesellschaftliches Engagement sind Eckpfeiler unserer Gemeinschaft.

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