Kitabı oku: «Wie man glücklich wird und dabei die Welt rettet»
Das Buch
Wie wird der Mensch glücklich? Wie kann seine Glückssuche zugleich den engen Rahmen eines zerstörerischen Egoismus sprengen? Kann das individuelle Streben nach Glück vielleicht sogar dazu beitragen, einige der drängendsten Probleme der Gegenwart zu lösen?
Eine unterhaltsame, spannende und lehrreiche Reise führt den Leser unter anderem zu jahrtausendealten Weisheitslehrern, verschiedensten Philosophen, Theologen und auch modernen Psychologen, Verhaltensforschern und Neurologen. Dort werden interessante Antworten aufgespürt und so präsentiert, dass sie auch im Alltag gut anwendbar sind.
Der Autor
Der Autor Holger Wohlfahrt studierte Politologie, Geschichte, Amerikanistik und Wirtschaftswissenschaften an der LMU München, der Sorbonne in Paris und der Fernuni Hagen. Er war unter anderem als Stadtführer, Entwicklungshelfer, Radiokommentator, Stammzellenkurier oder zuletzt als Angestellter einer Marketing- und Consultingfirma tätig. Privat engagiert er sich für Amnesty International und den Münchner Verein Christophorus Hospiz e.V. Er ist glücklich verheiratet und wird mit seiner Frau demnächst ins schöne Schliersee in Oberbayern ziehen. Bisher sind von ihm erschienen: „Die Vereinbarkeit des Unvereinbaren“. Christliche Bibel und Koran: Vergleich der politischen Inhalte und ihrer Deutungen (2017); Die Anfänge der Filmindustrie in Deutschland: Ein analytischer Vergleich der Filmstädte München und Berlin (2017) und Der politische Gehalt des Neuen Testaments: Eine Analyse (2010). Auch für Webmagazine wie Konstantin Weckers „Hinter den Schlagzeilen“ steuert er immer wieder Artikel bei.
Holger Wohlfahrt
Wie man glücklich wird und dabei die Welt rettet
Wegweiser zum Glück

Inhaltsverzeichnis
Umschlag
Das Buch / Der Autor
Titel
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Noch ein Glücksbuch
Was genau ist eigentlich Glück?
Warum es nicht nur einen Weg zum Glück gibt
Wegweiser zum Glück
I. Die Notwendigkeit eines Lebenssinns
Oder: Das Glück des Sisyphos
II. Das Glück der Generativität
Oder: Von der Unsterblichkeit des Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland
III. Die Kraft des Glaubens
Oder: Wie Hiob wieder glücklich wurde
VI. Meditation als Grundlage eines guten Lebens
Oder: Die Erleuchtung des Buddha
V. Das Glück der freiwilligen Selbstbeschränkung
Oder: Candide findet sein wahres Paradies
VI. Positiv Denken
Oder: Wie Hans zum Glück fand
VII. Engagement für andere tut nicht nur anderen gut
Oder: Sophie Scholl als Vorbild
VIII. Das große Glück der Liebe
Oder: Parzival bricht den Bann
IX. Großzügigkeit und die Kettenreaktion des Guten
Oder: Wie Nikolaus zugleich glücklich und heilig wurde
X. Humor und die Fähigkeit des Lachens
Oder: Hermes und das göttliche Lachen
XI. Die Harmonie von Körper und Geist
Oder: Die Ketten des Eisernen Heinrich zerspringen
XII. Dinge um ihrer selbst willen tun
Oder:Heinrich Böll erzählt eine Geschichte
Das Ende des Weges
Dank
Quellen und Literatur
Fußnoten
Impressum
Einleitung
Noch ein Glücksbuch
Der antike Philosoph Seneca (etwa 1-65 n.Chr.) schrieb im ersten nachchristlichen Jahrhundert: „Ein Leben im Glück […] wünschen sich wohl alle, ebenso tappen aber auch alle im Dunkeln, wenn es darum geht, sich die Voraussetzungen für ein echtes Lebensglück deutlich vor Augen zu stellen.“
Knapp 2000 Jahre später ist die Suche nach diesen Voraussetzungen weit fortgeschritten. Inzwischen lassen sich ganze Bibliotheken mit Abhandlungen zum Thema Glück und seinen Voraussetzungen füllen. Allein der deutschsprachige Buchmarkt bietet hierzu rund 3000 Bücher an. Die Suchmaschine Google zeigt fast 140 Millionen Einträge zum Wort „Glück“. Zahlreiche akademische Disziplinen von der Theologie über die Philosophie und Psychologie bis hin zur Neurologie befassen sich genauso wie die Esoterik aus je unterschiedlichen Perspektiven unter anderem auch mit dem menschlichen Glück. Dass die Menschheit deswegen glücklicher geworden ist, lässt sich jedoch nicht ernsthaft behaupten.
Im Gegenteil: Die Zahl der an Depressionen erkrankten Menschen nimmt rasant zu. Ein Grund dafür mag sein, dass heutzutage die Diagnose Depression schlichtweg schneller gestellt wird. Doch nicht nur im groß angelegten historischen Vergleich, sondern auch in jüngster Vergangenheit, in der sich die definierten Krankheitsbilder und die Diagnosemethoden nicht groß verändert haben dürften, nahmen die Depressionserkrankungen weltweit zu.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass Depressionen bis zum Jahr 2030 in den Industrieländern sogar der häufigste Grund für Tod und chronische Behinderung sein werden – noch vor Herzerkrankungen und Verkehrsunfällen. In Deutschland erkranken aktuell jährlich 5,3 Millionen Menschen an Depressionen. Damit ist die Zahl in den letzten zehn Jahren bereits um 70 Prozent gestiegen. Statistisch betrachtet, nimmt sich jede Stunde ein Mensch das Leben.
Natürlich ist das Krankheitsbild der Depression komplex. Eine klinische Depression lässt sich wohl nicht allein durch einen veränderten Lebensstil behandeln. Die neuesten Erkenntnisse der Glücksforschung können hier meist wenig ausrichten. Momente des Glücks kann der Depressive oft gar nicht mehr empfinden. Es hilft also nichts, sie krampfhaft erzeugen zu wollen. Der Kampf gegen die Depression ist daher etwas anderes als ein alltägliches Glücksstreben.
Dennoch lässt sich womöglich prophylaktisch gegen das gesellschaftliche Abdriften in kollektive Depressionszustände vorgehen. Zumindest für den Umgang mit depressiven Verstimmungen kann es hilfreich sein, mehr glücksstiftende Elemente in das Alltagsleben zu integrieren. Depressive Verstimmungen gelten anders als klinische Depressionen nicht als Krankheit, sondern als Symptom.
Die Korrelation zwischen Lebensumständen und depressiven Verstimmungen als deren Symptom ist angesichts der skizzierten WHO-Statistiken offensichtlich. Irgendetwas an den Entwicklungen der hochindustrialisierten Welt scheint dem Glücksempfinden nicht zuträglich zu sein. Vielleicht hat man sich trotz oder vielleicht auch wegen der intensiven Suche und Forschung sogar weiter denn je von den „Voraussetzungen für echtes Lebensglück“ entfernt.
Vielleicht hat man bei der Suche einen falschen Weg gewählt. Bereits Seneca machte auf diese Gefahr aufmerksam: „Hat man nämlich den Weg einmal verfehlt, kann man sich sogar vom Ziel entfernen, und zwar umso weiter, je hastiger man sich ihm nähern will.“ Rennen wir bei unserer Glückssuche in die falsche Richtung?
Oder wenden wir all das gewonnene Wissen nur nicht an? Ergötzen wir uns im Passiven an den Erkenntnissen, aber sind zu behäbig, zu faul oder zu sehr auf anderes fokussiert, um sie in den Alltag zu integrieren? Verhält es sich vielleicht wie bei sehr wohlhabenden Menschen, die Kunst und Schmuck kaufen, um sie dann in geheimen Tresoren zu lagern? Zu wertvoll sind ihre Schätze, um sie gut sichtbar in den eigenen vier Wänden aufzuhängen oder am eigenen Körper zu tragen. Sie könnten gestohlen werden. Und so verkümmern die Kunstwerke im Dunkeln. Sie werden umfunktioniert zu hochwertigen Notgroschen für schlechte Zeiten. Doch oft ist es zu spät, wenn die schlechten Zeiten erst einmal da sind. Plötzlich findet sich kein Käufer oder der Gegenstand hat einen großen Teil seines Werts verloren. Schon manch einer bereute, sich in den guten Zeiten nicht einfach ohne jede Sorge an dem Glanz seiner Schätze erfreut zu haben. So ähnlich könnte es sich mit all den Weisheitslehren und all den Erkenntnissen der Glücksforschung verhalten. Die wohlhabenden Menschen der westlichen Welt wissen um ihre Existenz, tragen sie aber bestenfalls als leere Zitate mit sich herum. Wirklich angewendet wird jenes passive Wissen nicht. Es wird aufgespart für die schlechten Zeiten, für die wahrhaften Krisen. Doch oft ist es dann zu spät. Per Knopfdruck wirkt keine Lehre der Welt. Man hat es versäumt, sie rechtzeitig einzuüben und zum selbstverständlichen Teil seiner selbst zu machen.
Lehren und Strategien, die mögliche Wege zu einem glücklichen Leben aufzeigen, sind jedenfalls zahlreich vorhanden und jedem zugänglich. Obwohl die moderne Neurowissenschaft in immer kürzeren Zyklen neue Detailkenntnisse zur chemischen Zusammensetzung des Gehirns und seiner Strukturen liefert, scheint im Bereich der Glücksforschung selten wirklich bahnbrechend Neues entdeckt zu werden. Zu intensiv und lang ist die Auseinandersetzung mit dem Thema. Und so stellen auch vorgeblich neue Erkenntnisse meist nur eine andere Interpretation, maximal die in Nuancen veränderte Herangehensweise, manchmal auch nur den biochemischen Beweis für eine alte Lehre dar.
Zu Recht stellt sich somit vielleicht die Frage, warum es überhaupt noch ein Buch zum Thema Glück braucht. Großartige neue Erkenntnisse oder gar Forschungsergebnisse – so viel sei vorab gerne verraten – kann auch dieses Buch tatsächlich nicht liefern. Es kann lediglich die Mahnung Senecas aufgreifen und versuchen, die richtige Richtung zu weisen. Es soll verhindern, dass der Einzelne ohne klar umrissene Landkarte, sondern nur basierend auf unzuverlässigen Wegbeschreibungen, dem individuellen Glück entgegenhastet und dabei womöglich eine vollkommen falsche Richtung einschlägt.
Vor allem wird aber berücksichtigt, dass auch ein individualistisches Glücksstreben nicht losgelöst von der den Menschen umgebenden Umwelt funktionieren kann. Die meisten der heutigen Ratgeber und Glücksbücher sprechen nur den einzelnen Menschen an. Dieser soll sich rücksichtslos verwirklichen. Oft wird übersehen, dass die Handlungsweise jedes Einzelnen Einfluss auf dessen Umgebung hat, die wiederum rückkoppelnd wirkt. Gerade die individualistische Verwirklichung kann oft eine gesamtgesellschaftliche Bedrohung darstellen.
Ein Buch, das sich wahrhaft mit dem Glück für den Einzelnen befasst, muss daher auch stets die Welt als Ganze im Blick haben. Gerade angesichts zahlloser gravierender Probleme, wie etwa der ins Ungleichgewicht geratenen Natur, die über Jahrhunderte gnadenlos ausgebeutet wurde und sich langsam zu rächen beginnt, muss ein Buch zum Thema Glück auch über die individualistische Perspektive hinausreichen.
Schon der chinesische Weise Konfuzius (551-479 v.Chr.) hatte darauf hingewiesen, dass innere und äußere Harmonie in Einklang stehen müssen. War der Mensch nicht in Harmonie mit sich, konnte er auch nicht in Harmonie mit der ihn umgebenden Welt sein. Sein Handeln drohte dann selbstsüchtig, unharmonisch und schlecht zu werden. Doch Konfuzius warnte, dass die Welt zurückschlagen würde. Daher reagierte er bei „plötzlichem Donnerschlag oder starkem Wind“ zeitlebens besorgt. In der westlichen Neuzeit wurde dieser Aspekt der konfuzianischen Lehre als voraufklärerischer Schwachsinn abgetan. Doch Konfuziusʼ Aberglaube beginnt, sich zu bewahrheiten. Die Natur macht sich tatsächlich immer öfter und immer bedrohlicher bemerkbar. Sie schlägt zurück. Die Wetterextreme nehmen zu, die Erderwärmung lässt die Pole schmelzen und droht ganze Landstriche zu überschwemmen. Die Tektonik der Welt droht aus den Fugen zu geraten. Massive Fluchtbewegungen und Kriege um Lebensraum und Lebensmittel fangen langsam an, Realität zu werden.
Ziel des vorliegenden Buches ist es daher, Wege zu einem individuellen Glück zu weisen, das zugleich die Grundlage für eine veränderte Lebenswelt darstellen kann – eine Lebenswelt, die sich nicht selbst auszurotten droht und deren Glück daher wahrhaft und nachhaltig erscheint.
Was genau ist eigentlich Glück?
Das Wort „Glück“ leitet sich vom mittelhochdeutschen „gelücke/lücke“ ab, womit man einst ausdrückte, dass etwas „gut endet“.
Meist verbergen sich hinter einzelnen Worten aber mehrere Bedeutungen. Der römische Universalgelehrte Marcus Terentius Varro (116 v.Chr.-27 v.Chr.) hat für die lateinische Übersetzung des Wortes „Glück“ denn auch 289 gültige Definitionen aufgeführt. Zu dieser Liste ließen sich heute sicher noch zahlreiche weitere hinzufügen.
Hier sollen drei Bedeutungen berücksichtigt werden, die zugleich als Oberbegriffe für viele der mitunter sehr abstrakten und feinteiligen Glücks-Definitionen betrachtet werden können.
Schicksalsglück
Zunächst ist da das Glück des Zufalls, das Schicksalsglück: Äußere Umstände, die Menschen in eine für sie vorteilhafte Situation versetzen. Unerwartetes, Unverhofftes, oft auch Unwahrscheinliches, das einfach so passiert und für Freude sorgt. Da das Glück des Zufalls immer Wahrscheinlichkeiten sprengt, lässt es sich rational nicht fassen. Der menschliche Verstand versucht meist dennoch, selbst für die absonderlichsten Glücksfälle, Erklärungen zu finden. Eine besonders originelle, wenn aus heutiger Sicht auch befremdliche Erklärung für das Glück Einzelner, begegnete im antiken Rom. Man ging dort davon aus, dass Fortuna, die Glücksgöttin, manipulierbar sei. Sie sei als Frau von besonders männlichem Auftreten angetan. Die Männlichkeit zeichne sich durch tapferes, wagemutiges und kühnes Handeln aus. Wer also nach römischer Vorstellung möglichst „mannhaft“ auftrat (das galt auch für Frauen), ließ Fortuna dahinschmelzen. Ihre Wohlgesonnenheit war die logische Folge. Wer sich also wagemutig und tapfer in kühne Abenteuer schmiss, dem war die Glücksgöttin hold.
In eine ähnliche Richtung dachte auch noch der Philosoph Niccolò Machiavelli (1469–1527) in der Renaissance-Zeit. Bei ihm wird allerdings nicht um Fortuna geworben. Sie wird rücksichtslos erobert. Aus heutiger Sicht ist Machiavellis Wortwahl in ihrer Brutalität erschreckend. So schreibt er in seinem einflussreichen Werk „Der Fürst“: „Gerade hier [wenn es um die Erzwingung des Glücks geht] aber meine ich, dass es besser sei, ungestüm als vorsichtig zu sein, denn Fortuna ist ein Weib, und wer es bezwingen will, muss es schlagen und stoßen; und man sieht, dass es sich leichter von diesen besiegen lässt, als von solchen, die kaltblütig zu Werke gehen. Darum ist es, wie ein Weib, auch den Jünglingen gewogen, weil diese weniger bedächtig und gewalttätiger sind und ihm dreister befehlen.“
Machiavelli dürfte seine brutalen Worte vor allem metaphorisch gemeint haben. Er drückt damit einen Sachverhalt aus, der sich dem Anschein nach oft bewahrheitet. Wer mutig und kompromisslos voranschreitet, wird belohnt. Das Glück scheint den Mutigen besonders oft zu begünstigen. Die Erklärung dafür ist heute jedoch eine andere: Wer mutig ist, wagt bisweilen auch Dinge, die den Rahmen des Gewohnten und Normalen sprengen. Damit stiftet er Verwirrung, schafft neue Situationen und Konstellationen und überrascht seine Umgebung. So kann z.B. der Trainer einer Sportmannschaft, die als Außenseiter äußerst mutig mit fünf Angreifern auftritt, den favorisierten Gegner verwirren. Dieser fühlt sich überrumpelt, verliert seine Souveränität für einen Augenblick und macht tatsächlich Fehler, die schwer erklärbar sind und unter normalen Umständen wohl nicht passiert wären. Trotz aller Unterlegenheit gelingt dem Außenseiter vielleicht ein Erfolg, der in seiner vermeintlichen Unerklärbarkeit dann oft als „glücklich“ eingestuft wird.
Zudem ist der Mutige, so er denn wahrhaft handelt, davon überzeugt, dass sein Handeln gut und erfolgreich enden wird. Andernfalls würde er es wohl von vornherein unterlassen. Diese tiefe Überzeugung lässt manchmal auch unmögliche Dinge möglich werden. Glaube kann bekanntlich Berge versetzen - besonders der Glaube an die eigene Tatkraft. Man spricht in der Soziologie und Psychologie in dem Zusammenhang auch von „selbsterfüllender Prophezeiung“.
Vielleicht ist die seit der Antike verbreitete Annahme, dass mutige Menschen besonders oft vom Glück begünstigt werden, aber auch nur ein Phänomen der Wahrnehmung. Wer mutig voranschreitet, ist wohl meist ein positiv denkender, von einem tiefen Urvertrauen beseelter und von sich selbst überzeugter Zeitgenosse. Anders als ein nervöser Zögerer und Zauderer, der womöglich dazu neigt, überall Gefahr, Bedrohung und Unglück zu suchen und dann auch zu finden, sieht er in den Dingen zunächst das Machbare, die Chancen und auch das Gute. Selbst gelegentliche Niederlagen und Rückschläge werfen ihn nicht aus der Bahn, er definiert sie kurzerhand zu Erfolgen um oder nimmt sie als Anlass, etwas Neues zu wagen – so lange, bis ihm das Glück tatsächlich gewogen ist. Vielleicht erscheint es daher nur so, als ob der Wagemutige mehr äußeres Glück hätte als der Zauderer.
Neben dem Glauben, dass Fortuna vor allem Mut belohnt, gibt es die sprichwörtliche Annahme, dass der Tüchtige vom Glück begünstigt wird. Doch es stellt sich die Frage, ob es wirklich Glück ist, das der Tüchtige hat. Wer sich umfassend und tüchtig vorbereitet, erhöht schlichtweg die Chance, dass er mit dem, was er tut, Erfolg haben wird. Auch hier erscheint nur von außen als „glücklich“, was in Wahrheit Lohn fleißiger Arbeit oder vorausschauenden Handelns ist.
Auch wenn einiges, was vordergründig als glücklicher Zufall erscheint, ansatzweise erklärbar ist: Um Naturgesetze handelt es sich bei all dem natürlich nicht. Oft werden derartige Erklärungen auch erst im Rückblick bemüht, um einem unwahrscheinlichen Geschehen eine inhärente Logik zu geben und das menschliche, stets um Lösungen und Erklärungen bemühte Gehirn zu befriedigen. Eine Widerholbarkeit ist aber nicht gewährleistet. Im Gegenteil: Wie ein bekanntes Sprichwort sagt, kommen oft genug gerade die Mutigen irgendwann in der Gefahr um. Und oft genug wird auch großer Fleiß nicht belohnt.
Glück in seiner Form als unberechenbares Schicksal lässt sich eben gerade nicht berechnen und daher auch nicht erzwingen. Sobald es einen wiederholbaren Ursache-Wirkungs-Zusammenhang gibt, der Erfolg verspricht, ist eben kein Glück mehr im Spiel. Sobald etwas unabhängig vom Schicksal durch eigenes Tun erreicht oder erzwungen wird, handelt es sich nicht mehr um Glück.
Gerade wer sich voller Fleiß um ein großes Ziel bemüht, sollte sich diesen Sachverhalt klar machen. Andernfalls dürfte die Enttäuschung im Fall des Scheiterns noch größer sein. Fleiß verspricht kein Glück. Mit Fleiß lässt sich lediglich die Wahrscheinlichkeit minimieren, dass man auf Unvorbereitetes trifft und für den Erfolg vor allem das Schicksalsglück benötigt. Doch auch der fleißigste Mensch der Welt kann Pech haben und daher erfolglos bleiben.
Da das schicksalhafte Glück also nicht erklärbar, nicht berechenbar und auch nicht erzwingbar ist, macht es keinen Sinn, sich weiter mit ihm zu befassen. Ob es Teil eines höheren, eines vielleicht göttlichen Plans ist oder tatsächlich nur eine beliebige Spielart des sich willkürlich vollziehenden Weltenlaufs, wird wahrscheinlich nie allgemeingültig zu beantworten sein.
Tatsache jedoch ist, dass das äußere Glück schlicht und ergreifend nicht beeinflussbar ist. Beeinflussbar ist allerdings der Umgang mit ihm. Daher kann auch das Schicksalsglück großen Einfluss auf die beiden anderen Formen des Glücks haben, um die es in dem Buch vorrangig gehen soll.
Glück als Wohlfühlmoment
Wer sich als glücklich bezeichnet, meint in der Regel, dass er sich im Hier und Jetzt gut fühlt. Er meint ein Glück, das schönen, lustvollen Momenten, das Augenblicken des Genusses, Spaßes und Vergnügens oder gar dem Rausch der Ekstase entspringt. Er meint jenes Glück, das sich in einem kurzzeitigen Gefühlshoch bemerkbar macht, in einer hormonellen Explosion, die ein Feuerwerk positiver Emotionen bedingt. Es ist eine Form von Glück, die der mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnete Mathematiker und Philosoph Bertrand Russell (1872-1970) in seinem Buch „Die Eroberung des Glücks“ als „primitiv“ und „animalisch“ bezeichnet.
Diese Form des Glücks scheint in der heutigen Welt von vielen nahezu verbissen gesucht zu werden. Wahre Glücksjunkies sind auf der Jagd nach dem ultimativen Gefühls-Kick. Verantwortlich für die Momente akuter Euphorie sind vornehmlich die sogenannten Glückshormone. Vor allem sind hier sicherlich Oxytocin, Endorphin, Serotonin und Dopamin zu nennen.1 Alle vier Hormone wirken dabei nie isoliert von anderen chemischen und auch physikalischen Prozessen im Gehirn. Dieses Zusammenspiel ist derart kompliziert, dass es nur schwer verständlich ist. Selbst der versierteste Experte muss stark vereinfachen, um in seinen Erklärungen halbwegs nachvollziehbar zu bleiben. Doch der genaue Wirkmechanismus der hormonellen Botenstoffe ist nicht nur hochkomplex, sondern auch noch lange nicht in allen Details geklärt. Vereinfachend kann nach jetzigem Forschungsstand aber gesagt werden: Oxytocin, auch als Kuschel-, Treue- oder Bindungshormon bezeichnet, sorgt vor allem für gute Gefühle bei jeder Form von Zärtlichkeit, Endorphin wirkt schmerzstillend und euphorisierend, Serotonin macht zufrieden und Dopamin weckt das Begehren und die positive Erwartung.
Besonders viele und bedeutende Wirkungen werden dabei dem Oxytocin zugeschrieben. Die physiologische Bedeutung des Oxytocins kommt vor allem bei Geburten zum Tragen. Es sorgt maßgeblich dafür, dass sich die Gebärmutter der Frau zusammenzieht und Wehen ausgelöst werden. Zugleich löst es ein Gefühl tiefer Verbundenheit der Mutter zu dem neugeborenen Kind aus. Es verwundert daher nicht weiter, dass Oxytocin bei Frauen grundsätzlich etwas aktiver ist.
Weiterhin stärkt Oxytocin das Vertrauen in die Mitmenschen. In der Fachzeitschrift „Nature“ wurde 2005 eine aufsehenerregende Studie eines Forscherteams aus Zürich veröffentlicht. In der Studie konnte nachgewiesen werden, dass Probanden, die kleine Mengen von Oxytocin in Form eines Nasensprays verabreicht bekamen, großzügigere und vertrauensseligere Entscheidungen trafen als eine Vergleichsgruppe, die einen bloßen Placebo erhalten hatte.
Schließlich gilt das Oxytocin als Treue-Hormon. So wird von dem Hormon das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert, wenn man mit dem eigenen Partner oder auch vertrauten Leuten zusammentrifft. Das gleiche geschieht bei zärtlichen Berührungen.
Allerdings kann das Hormon gleichzeitig Skepsis gegenüber Unbekannten und Fremden schüren.
Aus evolutionsbiologischer Sicht forciert das Oxytocin vor allem das Bestreben, die eigenen Gene durchzubringen und sich daher z.B. bei der Partnerwahl tendenziell einen vertrauten, vielleicht ähnlichen Partner zu suchen. Weiterhin sorgt die Befriedigung, die aus dem Gefühl der Bindung entsteht, dafür, dass man den eigenen Nachwuchs behutsam und zärtlich beschützt und in einem möglichst geborgenen Rahmen großzieht.
Das zweite besonders beachtenswerte Glückshormon, das Endorphin, wird interessanterweise nicht nur dann ausgeschüttet, wenn man ein freudiges Erlebnis hat, wenn einem also zum Beispiel das beschriebene Schicksalsglück wohl gesonnen ist, sondern auch wenn man Schmerzen erleidet. Endorphine können betäubend und euphorisierend zugleich wirken. Sie scheinen ein Grund zu sein, warum schwer Verletzte in den ersten Momenten nach einem Unfall oft keine Schmerzen spüren und warum gebärende Frauen trotz der unmenschlichen Schmerzen manchmal von unbeschreiblichen Glücksgefühlen überwältigt werden.
Die Lust, die Masochisten im Moment eines Schmerzes empfinden, ist somit unter anderem mit dem Endorphin erklärbar. Auch leichte Schmerzerfahrungen, wie sie etwa Extremsportler bisweilen gezielt suchen, können ein diffuses Glücksempfinden hervorrufen. Wer also beispielsweise einen Marathon läuft, spürt oft in den Momenten größter körperlicher Anstrengung plötzlich eine euphorisierende Wirkung.2
Aber auch wer zum Beispiel ein unverhofftes Geschenk bekommt, wer zufällig einen geliebten Menschen nach langer Zeit wiedertrifft oder wer eine freudige und unerwartete Entdeckung macht, wird die Wirkung der Endorphine spüren.
Evolutionsgeschichtlich dürfte das Endorphin dazu beigetragen haben, dass wir Menschen in Extremsituationen, in Augenblicken größten Schmerzes und Momenten großer Überraschung – im Guten wie im Schlechten – nicht vollkommen erstarren, sondern durch die ausgelöste Euphorie handlungsfähig und aktiv bleiben. Die Wirkung der Endorphine unterscheidet sich jedoch von Mensch zu Mensch und von Situation zu Situation. Nicht jeder Marathonläufer erlebt das sogenannte „Runner’s High“. Und nicht jede gebärende Frau erlebt ein unmittelbares Gefühlshoch.
Das Serotonin findet sich vor allem im Darmnervensystem, im Blut, im Herzkreislaufsystem, in kleinen Mengen aber auch im Zentralnervensystem. Es hat zahlreiche Regulierungsfunktionen. So trägt es auf komplexen Wegen unter anderem zur Steuerung des Blutdrucks bei, wirkt auf den Verdauungstrakt, beeinflusst die Körpertemperatur, die Blutgerinnung, den Schlaf, den Appetit und die Lernprozesse im Gehirn.
Bekannt ist das Serotonin jedoch meist nur in seiner Funktion als „Glückshormon“. Allerdings wäre die Bezeichnung „Zufriedenheitshormon“ treffender. Schließlich dämpft das Serotonin unangenehme Gefühlszustände wie Angst, Traurigkeit, Hunger oder auch Aggression. Stattdessen befördert es Gefühle von Gelassenheit und innerer Ruhe. Ein Mangel an Serotonin kann unmittelbar zu Angststörungen oder depressiven Verstimmungen führen.
Indem es für eine Form von grundlegender Zufriedenheit sorgt, hilft es dabei, den menschlichen Geist zu beruhigen. Evolutionstechnisch war dies hilfreich, um Phasen der Regeneration, der konzentrierten Ruhe (die für Lernprozesse notwendig waren und sind) und der Verdauung zuzulassen.
Das Dopamin ist wohl das wirkmächtigste aller Glückshormone. Der Psychiater Daniel Z. Lieberman von der George Washington University geht so weit, zu behaupten: „Dopamin hängt inzwischen mit dem wichtigsten Teil unseres Wesens zusammen. Es hat von unseren Seelen Besitz ergriffen.“ Das Hormon überflutet uns vor allem dann, wenn wir etwas Gutes erwarten. Es ist der Grund, weswegen wir bereit sind, Mühen auf uns zu nehmen. Das Dopamin kann auch als Hormon des Antriebs und der Vorfreude bezeichnet werden. Der Hirnforscher Gerhard Roth von der Universität Bremen meint daher, dass Dopamin „kein Glücksstoff an sich“ ist. Er meint vielmehr: „Es verspricht uns das Glück.“ Es speist die Erwartung, dass wir uns bald wohl fühlen werden. Trifft der erwartete oder erhoffte Wohlfühlmoment ein, lässt sich im Hirn interessanterweise jedoch keine nennenswert erhöhte Menge an Dopamin mehr messen. Es ist somit gewissermaßen die Voraussetzung jeglichen Glücksstrebens. Das Dopamin ist der Treibstoff, der bereits die antike Glücks-Lehre des Aristoteles (384-322 v.Chr.) antrieb. Aristoteles ging davon aus, dass alles, was der Mensch tut, einem höheren Ziel dient. Für einen Menschen der Gegenwart könnte das Glücksstreben im aristotelischen Sinne etwa so aussehen: Man geht in die Schule und lernt, um gute Noten zu bekommen. Gute Noten ermöglichen dann eine gute Berufsausbildung. Ein guter Beruf ermöglicht ein hohes Einkommen. Ein hohes Einkommen ermöglicht die Erfüllung individueller Wünsche. Die Erfüllung individueller Wünsche scheint ein gutes Leben zu ermöglichen. Ein gutes Leben macht schlussendlich glücklich. Und so treibt das Dopamin uns durch alle möglichen Anstrengungen, Mühen und Ärgernisse hindurch, einer vermeintlich goldenen Zukunft entgegen.
Dabei ist vollkommen gleichgültig, wie der Glücksbegriff am Ende der aristotelischen Handlungskette definiert wird. Der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) wollte den von Aristoteles ans Ende der Kette gesetzten Begriff beispielsweise abschaffen und durch den der Pflicht ersetzen. Der Mensch solle demnach aus Pflichtgefühl Gutes tun und nicht nach Glück streben. Doch auch wer sich höchsten Prinzipien wie etwa einer strengen Pflichterfüllung verschreibt, wird dies tun, weil ihm die positive Erwartung des Dopamins ein gutes Gefühl für den Moment der Umsetzung seiner Ideale verspricht.
Auch wer für sich entscheidet, dass Erfüllung in persönlichem Leid (etwa einer strengen Askese) oder in der Aufopferung für andere besteht, erwartet für den Moment der Erfüllung jener vordergründig verdrießlich erscheinenden Vorhaben ein gutes Gefühl. Die Momente der Belohnung besonders selbstzerstörerischer Handlungsweisen werden dabei oft in ein idealisiertes Jenseits verfrachtet. Man denke an religiös motivierte Attentäter. Auch sie werden von einer freudigen Erwartungshaltung zu ihrem mörderischen Tun verleitet.
Die Glückshormone sorgen in ihrer Wirkung somit nicht nur für intensive Gefühle und viel Freude, sondern können auch Grund für Terror, Übel und Leid sein. Vor allem waren sie aber ein evolutionsgeschichtlicher Garant für das Überleben der Menschheit. Aus der Perspektive eines Evolutionsbiologen ist das Glücksempfinden tatsächlich nichts weiter als ein Mittel zum Zweck des puren Überlebens. Indem der Mensch auch unabhängig von seinen bewussten Denkvorgängen durch chemische Prozesse in Form von Hormonausschüttungen zu aktivem Tun angeregt wird, konnte er bis heute sehr gut überdauern. Gerade überlebenswichtige Handlungen wie die Nahrungsaufnahme, wie die Zusammenarbeit und die Hilfeleistung untereinander, wie die Anschaffung von lebenssichernden Gütern oder wie die Sexualität, scheinen kulturunabhängig ein besonders hohes Maß an Freude mit sich zu bringen. Sie bedingen stets die Ausschüttung von Glückshormonen.
Durch die Jagd nach guten Gefühlen bzw. durch das, was man neuzeitlich das „Streben nach Glück“ bezeichnet, hat sich der Mensch nicht nur behauptet, sondern rücksichtslos ausgebreitet und in weltgeschichtlich kurzer Zeit explosionsartig vermehrt. Vielleicht ist es gerade die unreflektierte Glücksjagd, die sich inzwischen in ihr Gegenteil verkehrt hat. Sie bringt vielfach kein Glück, sondern Unglück. Und sie scheint die Menschheit als Ganzes an den Rand eines Abgrunds zu führen.
Problematisch ist nämlich nicht nur, dass Glückshormone auch angesichts kulturell definierter Ideale ausgeschüttet werden. So konnten und können selbst schlimmste menschliche Entgleisungen und Barbareien geschehen, wenn sie gesellschaftlich als richtig und gut deklariert wurden. Einzelne empfinden daher auch im Angesicht schlimmster Verbrechen oder vorgeblich heilstiftender Kriege euphorisierende Gefühle des Glücks.
Doch auch die Wirkweise der Glückshormone selbst bedingt Gefahren für den Einzelnen und die Menschheit insgesamt. Hirnforscher Gerhard Roth erklärt: „Dieses [hormonell bedingte] Glücksgefühl ist nur von kurzer Dauer und verlangt schnell nach mehr.“ Tatsächlich ähneln die Glückshormone rein chemisch dem Morphium, Opium und Heroin. Doch nicht nur das. Sie wirken auch in derjenigen Region des Hirns, dem Nucleus Accumbens, die auch eine große Rolle bei der Entstehung von Sucht spielt. Und so verwundert es nicht, dass die Jagd nach euphorisierenden Momenten tatsächlich zur Sucht werden kann. Oft wird das Suchtverhalten dabei nicht mal als solches erkannt. Die Suchtforscherin Tagrid Leménager von der „Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit“ in Mannheim erklärt: „In unserer Konsumgesellschaft sind wir ständig auf der Suche nach Reizen, die ein Euphoriegefühl auslösen.“ Es werden also in immer kürzeren Abständen immer kostspieligere Outfits konsumiert, immer gewaltigere Reisen gebucht oder immer teurere und nutzlosere Artikel der Unterhaltungsindustrie angeschafft. Ein kurzzeitiges, hormonelles Gefühlshoch ist auf die Art nur allzu leicht zu bekommen. Um dann das gleiche gute Gefühl noch einmal zu erzeugen, „[…]braucht man dann mehr. Mehr Geld, mehr Partys, mehr Urlaub“, so Leménager. Die Dosis muss also, wie bei einer Drogensucht, erhöht werden. Der Einzelne wird so zu einem fremdbestimmten Wesen, das verzweifelt dem nächsten Gefühlskick nachjagt. Die Gesellschaft als solche verliert sich in einem blinden Konsumismus, für den die begrenzten Ressourcen unserer Erde herhalten müssen.
Die beglückende Freude der Zufriedenheit
Auch wenn die Auseinandersetzung mit der Neurowissenschaft es nahelegt, so muss doch festgehalten werden: Der Mensch ist nicht nur ein hormonell gesteuertes Triebwesen. Er besitzt auch Geist. Er zeichnet sich unter anderem durch seine Fähigkeit zum Nachdenken, Reflektieren, Philosophieren aber auch zum Innehalten und Meditieren aus. Diese Fähigkeiten helfen, die impulsiven Euphorie-Ausbrüche einzuordnen, in ihrer Funktionsart zu erkennen und sogar zu steuern. Der Mensch kann somit Hoheit über sich gewinnen. Er kann die Abhängigkeit von den süchtig machenden Glückskicks beenden und stattdessen eine tiefere Einsicht in die Zusammenhänge des Lebens erlangen.
Menschen, die jene rein animalisch anmutende Instinktebene der unmittelbaren Triebbefriedigung verlassen, entwickeln dabei nachweislich ein besonders tiefes Bewusstsein. Neurowissenschaftler konnten zeigen, dass bei ihnen eine evolutionsgeschichtlich sehr junge Region im Gehirn, der sogenannte Cortex, stark aktiviert wird. In diesen Arealen der Hirnrinde wird von Forschern im Prinzip das verortet, was man Zufriedenheit nennt. Zufriedenheit steht somit für etwas, das als Ergebnis bewusster Vorgänge und erlernbarer Praktiken zu erlangen ist.
Bereits im 18. Jahrhundert schrieb der britische Universalgelehrte Samuel Johnson (1709-1784): „Zufriedenheit muss dem Verstand entspringen. Jener, der die menschliche Natur so wenig kennt, dass er bei der Suche nach dem Glück alles ändert außer seiner Anlage, wird sein Leben in fruchtlosen Bemühungen verschwenden und das Leid, das er beseitigen möchte, vervielfachen.“
Und damit kommen wir zur dritten und letzten Glücksdefinition. Um sie soll es im weiteren Verlauf des Buches vorrangig gehen.
Die Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt meint, dass all das, was gegenwärtig als „Glücksforschung“ bezeichnet wird, in Wahrheit ohnehin eine „Zufriedenheitsforschung“ sei. Doch der Begriff Zufriedenheit wird jenem grundlegenden Wohlbefinden, das dem menschlichen Gefühlshaushalt zugrunde liegen kann, vielleicht nicht ganz gerecht.
Wer ausschließlich danach strebt, in gelassener Dauerruhe dahinzuvegetieren, droht seinerseits zum apathischen, teilnahmslosen und interessenlosen Wesen zu werden. Ein Streben nach Zufriedenheit kann schnell zu einem aus Bequemlichkeit vollzogenen Abschied aus dem tätigen und selbstbestimmten Leben degenerieren. Irgendwann, und sei es erst am Sterbebett, droht genau dieses Verharren auf einer niedrigen, vermeintlich wunschlosen Gefühlsebene, die zwar behaglich und bequem, aber eben auch „un-lebendig“ ist, für Unzufriedenheit zu sorgen. Im Bewusstsein kann sich ein „Un-Frieden“ breit machen. Der Philosoph und Dichter Khalil Gibran (1883-1931) drückt das in seinem Buch „Der Prophet“ so aus: „Die Behaglichkeit wird zu einem Bändiger und mit Haken und Peitsche macht sie Marionetten aus euren größeren Wünschen. […] Wahrlich, die Gier nach Behaglichkeit mordet die Leidenschaft der Seele und mischt sich dann grinsend in den Trauerzug.“
Wer in einem glücklichen Sinne zufrieden sein will, sollte daher vielleicht gerade nicht ausschließlich nach behaglicher Zufriedenheit streben. Stattdessen gilt es eine Art der Lebenskunst zu entwickeln, die es ermöglicht, das Leben in seiner Vielfalt, in seiner Schönheit, aber auch Tragik anzunehmen, voranzutreiben und auszukosten. Eine Lebenskunst, die dabei hilft, äußeres Glück genauso wie Pech, Erfolge genauso wie Niederlagen, Momente größter Wonne genauso wie schlimmste Schicksalsschläge zu akzeptieren und in die Geschichte des eigenen Lebens sinnvoll zu integrieren. Wem das gelingt, der empfindet wohl mehr als schlichte Zufriedenheit. Der Philosoph Robert Spaemann (1927-2018) spricht von einem Empfinden „inneren Jubels, der […] dauerhaft als Unterton mitschwingt.“ Er meint eine grundlegende Lebensfreude, die weit mehr ist als bloßes Glück. Bei dem großen Dichter Rainer Maria Rilke (1875-1926) heißt es dazu:
„Freude ist unsäglich mehr als Glück,
Glück bricht über die Menschen herein, Glück ist Schicksal –
Freude bringen sie in sich zum Blühen,
Freude ist einfach eine gute Jahreszeit über dem Herzen;
Freude ist das Äußerste, was die Menschen in ihrer Macht haben.“
Um jene Freude, deren Grundton ein „innerer Jubel“ ist, soll es in vorliegendem Buch nun überwiegend gehen. Die euphorisierende Wirkung des Kurzzeitglücks wird dabei jedoch nicht ausgeklammert. Sie wird immer wieder auf ihre Nutzbarmachung für wahrhafte Lebensfreude überprüft.
Warum es nicht nur einen Weg zum Glück gibt
Der antike Philosoph Platon (428/427-349/348 v.Chr.) hat mit seiner „Ideenlehre“ eine der bekanntesten und einflussreichsten Theorien der Menschheitsgeschichte entwickelt. Er geht davon aus, dass alle Erscheinungen der konkreten Welt als Abbilder ewiger Ideen zu begreifen sind. Diese ewigen Ideen hinter den Erscheinungen sind die wahre Wirklichkeit. Sie sind mit den menschlichen Sinnen nicht zu erkennen. Nur das „geistige Auge“ kann sich die Idee von etwas erschließen. Dennoch sind die Ideen das, was es ermöglicht, alle weltlichen Erscheinungen in Kategorien zu fassen. Jeder reale Mensch entspricht zum Beispiel der ewigen Idee Mensch.
Von jeher war es ein menschliches Bestreben, sich dieser Idee anzunähern, also der Wahrheit nahe zu kommen. Menschen wollten stets ideale Formen ihrer selbst erschaffen. Religiöse, spirituelle, esoterische, in neuerer Zeit auch wissenschaftliche Modelle wurden und werden entwickelt, deren Umsetzung dazu beitragen soll, den Menschen zu vervollkommnen und ihn in seinem Ideal zu verwirklichen.
Inzwischen beruft sich dabei kaum noch jemand auf Platon. Dennoch wirkt seine Lehre auf subtile Weise fort. Heute ist es Ziel jedes wissenschaftlichen Strebens, die platonische Idee als solche zu entschlüsseln. Immer wieder werden aktuelle Denk-Entwürfe oder Forschungsergebnisse als definitive Wahrheiten und damit quasi als überzeitliche Ideale dargestellt. Alle Abweichungen von diesen Idealen sind dann als fehlerhaft zu betrachten.
Doch natürlich bleibt jeder als ideal deklarierte Forschungsstand vorläufig. Die Geschichte zeigt, dass es immer wieder zu einem Wandel der Lebensanschauungen, Glaubenssätze und damit auch Ideale kam und kommt.
Problematische Begleiterscheinungen kann es geben, wenn das Wesen Mensch als solches zu sehr ins Zentrum der Idealsuche rutscht. Wenn nämlich einzelne von einem gegenwärtig gefundenen Idealbild abweichen, wurden und werden sie nur allzu oft stigmatisiert, als anormal aus der Gesellschaft ausgestoßen, manchmal sogar verfolgt und getötet.
Wie der einzelne Mensch wahrgenommen wird, ob er einem gerade aktuellen Ideal entspricht oder ob er als „fehlerhaft“ angesehen wird, hängt von den jeweiligen Moden und Gesinnungen ab, deren Zustandekommen oft nicht eindeutig erklärbar ist.
So würde man großen Personen der Weltgeschichte, die einst als Heilige verehrt wurden, aufgrund ihrer extremen Andersartigkeit heute höchstwahrscheinlich eine psychiatrische Behandlung nahelegen. Die Lebensentwürfe von Buddha, Jesus und Mohammed entsprechen jedenfalls in keiner Form dem, was man heute in der westlichen Welt auch nur ansatzweise als normal einstufen würde. Man denke auch an Heilige, wie Symeon (389-459), der mehrere Jahrzehnte auf einer Säule sitzend verbrachte. Oder an den heiligen Franz von Assisi (ca. 1181-1226), der Kruzifixe zu sich sprechen hörte und später für die Tiere des Waldes Gottesdienste abhielt.
Verkrüppelte Frauenfüße, wie man sie im alten China begehrte und daher sogar künstlich erschuf, würden heute in der westlichen Welt für Abscheu sorgen und chirurgisch behandelt werden.
Für die Glorifizierung eines extremen Arbeitseinsatzes, wie sie uns in der westlichen Gegenwart begegnet, hätte man hingegen zur Zeit der griechischen Antike keinerlei Verständnis gehabt, man hätte sogar mit tiefster Verachtung reagiert. Blinden Arbeitseifer schätzte man damals nur an Sklaven.
Demgegenüber gehörte Homosexualität in der griechischen und vor allem römischen Antike zum guten Ton, wurde dann aber später von den abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) als widernatürlich eingestuft und verteufelt. Bis heute leiden viele Homosexuelle an den noch immer nicht ganz überwundenen Nachwirkungen jener jahrhundertelangen Stigmatisierung.
In der globalisierten Welt der Gegenwart werden Gegensätze in den kulturell geprägten Idealbildern besonders schnell deutlich. So entspricht dem westlichen Schönheitsideal beispielsweise eine gebräunte Haut. Freiwillig begeben sich daher Millionen von Menschen in krebserregende Solarien und lassen sich bereitwillig von der Sonne verbrennen. Demgegenüber schmieren sich Millionen von Asiaten ätzende, zutiefst schädliche Mittel auf die Haut, um dem Schönheitsideal von möglichst weißer Haut nahe zu kommen.
Millionen von europäischen Jugendlichen bekommen wiederum sonderbare Formen von Spangen in den Mund gesetzt, um ihre Zähne ein paar Millimeter zu verschieben und gerader aussehen zu lassen. In Japan lassen sich zeitgleich Jugendliche Spangen einsetzen, um die Zähne auseinanderzudrücken und schief erscheinen zu lassen. Dies wirkt schließlich kindhaft und entspricht dem stark am Kindchenschema orientierten japanischen Schönheitsideal.
Auch Gesinnung und Mentalität sind in hohem Maße relativ. So ergab eine gemeinsam durchgeführte Studie der Universitäten Yuerong Sun in Shanghai und der Waterloo University in Kanada, dass in Shanghais Schulen schüchterne, zurückhaltende und sensible Kinder am beliebtesten waren. In Kanada hingegen waren die schüchternen, zurückhaltenden und sensiblen Kinder in ihren Schulen schlecht angesehen. Sie waren weitaus unbeliebter als die lauten, frechen und schrillen.
Es bleibt also festzuhalten: Stets ist der Kontext dafür verantwortlich, was als ideal betrachtet wird.
Es soll daher in vorliegendem Buch gar nicht erst versucht werden, ein weiteres, letztlich doch wieder nur relatives Idealbild vom Menschen als solchem zu zeichnen. Der Mensch als hochkomplexes, nie ganz erschließbares Wesen soll in seiner wunderbaren Vielfalt und Widersprüchlichkeit belassen werden. Das heißt freilich auch, dass kein Ratschlag, keine noch so gut begründete und wissenschaftliche Empfehlung zum Dogma erhoben werden kann. Was dem Einen in seiner konkreten Wesenheit nützt, kann dem Anderen womöglich schaden. Was der Eine als schön und richtig einstuft und was vielleicht auch deshalb wirksam ist, kann der Andere als unattraktiv und daher ablehnenswert empfinden – was eine Wirksamkeit vielleicht unmöglich macht. Was also dem Einzelnen hilft, ist noch lange kein Allheilmittel.
Dennoch erheben auch in heutiger Zeit noch viele Ratgeber, Gurus und Wissenschaftler ihre persönliche Einsicht zur letzten und allgemeingültigen Wahrheit. Sie wollen nicht wahrhaben, dass das, was bei ihnen oder vielleicht auch bei einzelnen Anhängern oder Probanden gewirkt hat, nicht zwangsläufig bei jedem anderen wirken wird.
Diejenigen, die keine Wirkung einer Methode spüren, beginnen dann oft an sich selbst zu zweifeln. Sie verstehen nicht, warum bei ihnen nicht helfen soll, was bei anderen funktioniert hat. Immer wieder passiert es, dass einzelne Menschen in einen wahren Teufelskreis geraten. Sie investieren immer noch mehr Geld, Energie und Zeit in die Lehre eines Gurus. Oder sie eilen von Psychologen zu Psychologen. Oder kaufen Ratgeber um Ratgeber. Doch je mehr sie investieren, desto verzweifelter werden sie über das Ausbleiben der Wirkung – was wiederum neue Investitionen nach sich zieht.
In besonders dramatischen Fällen können hieraus gefährliche Abhängigkeiten entwachsen. Das Ausbleiben der Wirksamkeit scheint sich dann nur noch damit begründen zu lassen, dass man dem entsprechenden Guru oder der herrschenden Lehrmeinung nicht ausreichend Folge leistet. Indem eine immer extremere Annäherung und Unterordnung vorgenommen wird, vollzieht sich oft genug, für den Betroffenen meist unbemerkt, ein Wandel zum Fanatismus. Das ganze Leben wird in diesen extremen Fällen an einer Lehre, einem Glauben oder auch einer Behandlungsmethode ausgerichtet. Andere Meinungen werden nicht mehr gelten gelassen.
Daher soll vorab explizit darauf hingewiesen werden, dass jeder der in diesem Buch empfohlenen Glückswege nur einen Vorschlag darstellt. Egal wie gut begründet seine Wirksamkeit erscheinen und wie vehement seine Umsetzung nahegelegt werden mag – als allgemeingültig sollte er nicht betrachtet werden. Es handelt sich, metaphorisch gesprochen, tatsächlich nur um Wegweiser, welche die Richtung skizzieren. Im Sinne des eingangs zitierten Seneca werden also bestenfalls die richtigen Voraussetzungen für die Glückssuche geschaffen.
In diesem Sinne: Gute Reise!
Wegweiser zum Glück
I.
Die Notwendigkeit eines Lebenssinns
Oder: Das Glück des Sisyphos
Unterwegs sein
Die Reise soll mit einem anderen Reisenden beginnen. Einem, dessen Reise vielleicht ungewöhnlich anmutet. Sie war unfreiwillig, endlos und äußerst anstrengend. Eine Reise, die wahrlich keinen Urlaub darstellte. Es geht um König Sisyphos.
Der existentialistische Philosoph Albert Camus (1913-1960) widmete dem berühmten König der griechischen Mythologie einen wunderbaren Essay mit dem Titel „Der Mythos von Sisyphos“. Darin wird die antike Sage aufgegriffen und neu interpretiert.
Dem schlauen und verschlagenen König Sisyphos war es demnach immer wieder gelungen, den Todesgott Thanatos, der ihn ins Reich des Todes holen wollte, auszutricksen und sich somit am Leben zu halten. Da beschlossen die Götter eines Tages, sich nicht länger von Sisyphos an der Nase herumführen zu lassen und ihn zu bestrafen. Sisyphos erhielt die göttliche Anweisung, einen Felsblock auf einen Berg zu schieben. Doch sobald er den Gipfel erreichte, rollte der Stein wieder nach unten. Und so begann die unendliche Reise des Sisyphos. Immer wieder brachte er den Stein nach oben, wo dieser sofort wieder entglitt. Ein langer Abstieg begann, um den Stein dann wieder vergeblich nach oben zu rollen.
Heute steht der Begriff „Sisyphosaufgabe“ oder „Sisyphosarbeit“ in der Regel für eine harte Tätigkeit, die nicht nur ertraglos ist, sondern auch nie zu einem Ende kommt. Viele assoziieren mit Sisyphos daher vor allem Übel und Leid. Camus weist in seinem Essay jedoch auf einen anderen Aspekt hin. Er zeigt, dass die Erkenntnis der Sinnlosigkeit seines Tuns für Sisyphos zum Moment wahrer Selbsterkenntnis wird. Im Moment der bedingungslosen Akzeptanz, vielleicht sogar des Aufgehens in der absurden Tätigkeit, erfährt Sisyphos sich selbst. Er erkennt, wie unbedeutend sein ach so beharrliches Streben ist. Er kann somit jegliches menschliche „Sinnieren“ erleichtert einstellen und sich voll dem aktiven Tun widmen. Er hat den Sinn in der Sinnlosigkeit gefunden.
Sisyphos steht als Synonym für den Menschen als solchen. Auch dessen Tun ist laut Camus stets von Absurdität gekennzeichnet. Wenn ihn die gestellten Aufgaben nur stark genug in Anspruch nehmen, hat er gedanklich keinen Raum, die Welt, in der er lebt, als unfruchtbar oder wertlos wahrzunehmen. Er eilt mit großem Kraftaufwand einem Ziel entgegen, das er doch nie endgültig erreichen kann.
Camus beschließt seinen Essay mit der vielleicht überraschenden Feststellung: „Der Kampf gegen Gipfel (auf die Sisyphos seinen Stein immer und immer wieder rollt) vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“
Sisyphos hat in seinem vermeintlich sinnlosen Tun also einen Lebenssinn gefunden. Camus, der als Existentialist auch als Philosoph der Freiheit bezeichnet werden kann, macht damit deutlich, dass jeder Einzelne im Leben Sinn finden kann, wenn er für sich selbst eine Aufgabe und ein klar umrissenes Ziel ausruft. Das Ziel sollte so groß sein, dass es das Leben überragt. Sobald es definitiv erreicht wird, droht nämlich eine mentale Erstarrung einzukehren. Ernüchterung, Langeweile und innere Leere machen sich breit. Daher ist es Camus zufolge für das individuelle Glücksempfinden wichtig, unterwegs zu sein und eben nicht möglichst schnell anzukommen, wie das in der modernen westlichen Gesellschaft meist propagiert wird.
Neurobiologisch lässt sich die Freude des Unterwegsseins mit dem Dopamin erklären. Wer immer wieder ein klares Ziel vor Augen hat, sich von diesem antreiben lässt, sich vorstellt, wie schön seine Verwirklichung ist, schüttet Dopamin aus. Bei kurzfristigen, leicht umzusetzenden Zielen erschöpft sich dieses Phänomen allerdings schnell. Einem punktuellen Gefühlshoch folgt dann eine innere Leere, die möglichst schnell ein neues Hoch erleben will. Um jedoch das gleiche Gefühl wieder zu haben, muss in der Regel schon bald die Dosis erhöht werden. Eine fremdbestimmte und letztlich auch hilflose Abhängigkeit entsteht.
Über ein großes, hinter allen kleinen Alltagszielen stehendes Meta-Ziel lässt sich hingegen innerhalb eines konstanten Rahmens immer wieder Vorfreude generieren. Die ernüchternde Leere und der Wunsch nach mehr, die sich bei jeder Zielerfüllung irgendwann einstellen, bleiben hingegen aus. Natürlich sollte es dennoch zumindest theoretisch im Bereich des Möglichen liegen, das Ziel in ferner Zukunft zu erreichen. Auch kleine Zwischenerfolge sollten auf dem schier endlosen Weg durchaus gefeiert werden. Andernfalls nützt sich der Effekt ab. Irgendwann würde sonst der Glaube an die Erreichbarkeit verloren gehen und Ernüchterung würde die motivierende Vorfreude ablösen.
Zweifelsohne stellte es einst einen Überlebensvorteil dar, dass die Gattung Homo Sapiens in einem evolutionären Urzustand nachgerade Glücksgefühle empfand, wenn sie sich auf den Weg hin zu neuen und besseren Anbau- und Jagdplätzen machte. Heute wird allzu oft vergessen, dass der Mensch in seiner Geschichte überwiegend ein Nomade war. Die Aussicht auf ein sichereres und besseres Überleben dürfte ihn über Jahrtausende angetrieben haben und vielleicht auch ein Grund dafür sein, dass es ihm im Laufe der Evolution gelang, die grausame Herrschaft über die Welt und ihre anderen Bewohner zu erlangen. Das ständige Weiterziehen, das niemals definitive Ankommen kann somit gewissermaßen als Menschheits-Sinn betrachtet werden.
Tatsächlich leitet sich auch das Wort „Sinn“ vom althochdeutschen „sinnan“ ab, was etwa mit „reisen“ oder auch „streben nach“ übersetzt werden kann. Wer sich Sinn gibt, ist also – dem Wortsinn nach – unterwegs. Er reist seinem individuellen Ziel entgegen. Das Ankommen kann den Sinn geradezu zerstören. So verwundert es nicht, dass viele Menschen, die nichts als materiellen Wohlstand erstreben, im Moment ihres „Ankommens“, den erlangten Reichtum als sinn-entleert empfinden. Besonders häufig ist dieses Phänomen wenn der Reichtum unabhängig von einer zielorientierten Tätigkeit gewonnen wird – zum Beispiel durch eine Erbschaft oder einen Lottogewinn. Bertrand Russell erklärte dieses Phänomen folgendermaßen: „Das menschliche Tier ist gleich anderen Tieren auf ein gewisses Maß von Daseinskampf eingerichtet, und wenn jemand so reich ist, dass er all seinen Launen mühelos nachgeben kann, beraubt ihn das bloße Fehlen jeder Anstrengung eines wesentlichen Glückselements.“
Der Prototyp des irgendwie angekommenen, aber umso unglücklicheren Menschen, der sich verzweifelt in wilde, aber letztlich existentiell öde Partys mit Seinesgleichen stürzt oder eine leere Sinnsuche beginnt, ist nicht umsonst wiederkehrendes Thema in Film und Literatur von Orson Welles „Citizen Kane“ über Federico Fellinis „La Dolce Vita“ bis zu Paolo Sorrentinos „La Grande Bellezza“, von Apuleius „Goldenem Esel“ über Georg Büchners „Leonce und Lena“ bis hin zu Scott F. Fitzgeralds „Großem Gatsby“.
Besonders drastisch wird die negative Begleiterscheinung des Ankommens in den mittelalterlichen Artus-Sagen dargestellt. Das Gefühl des vorschnellen Angekommen-Seins wird dort zur Lebensgefahr. Zahllose Ritter reiten voller Tatendrang in britannische Wälder. Sie wollen und sollen Drachen jagen oder Jungfrauen befreien. Doch nur allzu oft werden sie im Wald von einer Maid abgefangen, die ihnen einredet, bereits am Ziel zu sein. Sobald ihr ein Ritter Glauben schenkt, vom Pferde steigt, sich zu ihr begibt und freudig am Ziel wähnt, schläft er in ihren Armen ein und wacht nie wieder auf. Nur wer sich der vorschnellen Ankunft verweigert, wer weiter einem fernen Ziel entgegenreitet, kann weiterleben. Alle anderen sterben einen sanften Tod.
Wie realistisch die mythischen Sagen in dieser Hinsicht sind, beweist eine im Jahr 2009 veröffentlichte Studie von Medizinern der Rush University in Chicago. Darin wurden 1238 ältere Leute aus dem Großraum Chicago untersucht. Diejenigen, die keine Lebensziele mehr benennen konnten, hatten in den folgenden fünf Jahren ein doppelt so hohes Risiko zu sterben. Ihnen fehlten Lebensfreude und Antrieb. Der sanfte Tod der mythischen Artus-Ritter wurde bei jenen Senioren aus Chicago zur Realität.
Dass Ziele für ein glückliches Leben unerlässlich sind, wurde zeitlebens auch von dem Begründer der Logotherapie, dem Psychiater und Neurologen Victor Frankl (1905-1997), Überlebender des KZ Auschwitz, thematisiert. Er hat jenen eindrücklichen Satz geprägt: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“3 Wer also ein individuelles Ziel und eine daran orientierte Aufgabe hat, der erträgt auch jede Widrigkeit des Lebens. Nichts und niemand kann die zentrale Motivation des eigenen Tuns überlagern.
Sisyphos hatte sein Warum gefunden. Es bestand darin, den Stein immer und immer wieder auf den Berg zu rollen. Die Ritter der Artus-Sage hatten ihre Abenteuer zu bewältigen. Jede vorschnelle Ankunft galt es dabei zu vermeiden, wollten sie (emotional) überleben und nicht in einen ewigen Schlaf entschlummern, der symbolisch für die Leere der Sinnlosigkeit steht.
Victor Frankl schließlich meinte, dass er die unvorstellbaren Grauen des KZs nur überleben konnte, weil er eine sich selbst gegebene Aufgabe hatte, der er alles unterordnete. Für ihn hatte diese Aufgabe darin bestanden, die Auswirkungen der inhumanen Bedingungen auf die Mitmenschen zu analysieren. Er sah es als Ziel an, eines Tages Vorträge über die Auswirkung des Lagers auf die Psyche der Menschen zu halten. Er wollte, dass die Menschheit durch ihn aus dem Schlimmen lernen konnte. Das gab ihm Sinn und Orientierung. Es hielt ihn am Leben.
Sinn im Leben macht also widerstandsfähiger und scheint automatisch etwas mit sich zu bringen, was man als latentes Glücksempfinden bezeichnen könnte. Der Philosoph Wilhelm Schmid (geb. 1953) meint denn auch: „Die im frühen 21. Jahrhundert aufbrechende Frage nach dem Glück [ist] eigentlich die Frage nach dem Sinn.“ Wer einen Sinn im Leben sieht, kommt auch mit negativen Aspekten besser zurecht. Sie stellen keine existentiellen Bedrohungen mehr, sondern höchstes unangenehme Stolpersteine auf dem individuellen Weg dar. Wem es gelingt, klare und wahrhafte Ziele zu definieren und sich von ihnen leiten zu lassen, der wird sich nicht in existentieller Leere verlieren.
Die moderne Sinn-Leere
Vielleicht kommt man damit auch schon dem Rätsel auf die Spur, warum gerade in der hochentwickelten, satten und vor äußerlichen Gefahren vergleichsweise sicheren Welt des Westens die Zahl der Depressionen ins Unermessliche zu steigen scheint. Wenn alle wesentlichen Bedürfnisse gedeckt sind, keine wahrhaften Herausforderungen mehr erkannt werden, fällt es vielen schwer, klare und tragende Ziele zu definieren.
Der US-amerikanische Psychologe Abraham Maslow (1908-1970) verdeutlicht diesen Sachverhalt anhand eines Modells. Es ist das berühmte Modell der Bedürfnispyramide. Demnach haben Menschen zunächst das besonders ausgeprägte Bedürfnis, die notwendigsten Grundlagen ihres Lebens abzudecken. Hierzu gehören Schlaf, Essen und Trinken. Ist diese Bedürfnisebene nachhaltig gedeckt, will die nächste Bedürfnisstufe erreicht werden. Der Mensch strebt auf dieser zweiten Stufe nach Geborgenheit und einer Grundsicherheit (vor wahrhaft lebensbedrohender Gefahr). Sind auch diese Bedürfnisse gedeckt, stellen sich soziale Bedürfnisse ein wie Freundschaften und Zugehörigkeitsgefühle. Auf der nächsten, der vierten Stufe, strebt der Mensch nach Anerkennung und Status. Hat er schließlich auch diese Bedürfnisse abgedeckt, möchte er sich auf der letzten Stufe selbst verwirklichen.
Natürlich ist es auf eine unmittelbare Art leichter und zugleich erfüllender, die notwendigen Grundbedürfnisse der ersten Stufen jener Pyramide abzudecken. Diese sind konkret. Wer Hunger hat und sein mühsam verdientes Abendbrot genießen kann, hat ein direktes und wohl begründetes Glücksempfinden. Wenn es schwer ist, an Nahrung zu kommen, wird dessen Beschaffung zum großen, immer wieder antreibenden Lebensziel. Wenn Lebensmittel hingegen in grandiosem Überfluss vorhanden sind und einen selbstverständlichen Teil der Lebenswirklichkeit darstellen, ist ihre Beschaffung banal und kann kein großes, tragfähiges Ziel mehr darstellen.
Viele Menschen der westlichen Moderne haben nun aber alle wesentlichen Bedürfnisse abgedeckt. Es bleibt einzig das abstrakte Gut der individuellen Selbstverwirklichung. Dieses ist jedoch kaum zu fassen. Es ist ein diffuses Streben nach möglichst viel von möglichst allem. Unfähig, sich konkrete Ziele zu setzen, fügen sich daher immer mehr Menschen in vorgegebene Muster ein und lenken sich mit einfachen Kurzzeitgenüssen ab. Sie jagen billiger Unterhaltung und hochgepriesenen Konsumgütern hinterher. Sie werden zu Süchtigen des schnellen Gefühlskicks. Doch existentielle Leere lässt sich damit nicht füllen.
Diese Leere stellt zunehmend nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Menschheit als Solche eine Gefahr dar. Die Flucht in verquere, irrationale, aber gerade in ihrer Schrägheit auch große Ziele, die von außen, von Demagogen oder Gurus verschiedenster Couleur vorgegeben werden, kann diese innere Leere schließlich jederzeit gut ausfüllen. Aus der inneren Erfüllung wird jedoch nur allzu oft eine äußere Gefahr. Je größer das vorgegebene Ziel, desto sinnstiftender. Im Namen eines übermenschlichen, z.B. religiösen oder völkischen Ziels, wurden und werden auch deshalb immer wieder Terrorakte verübt oder Kriege geführt.
Warum das moderne Sinn-Angebot der
institutionalisierten Arbeitswelt nicht weit trägt
In der heutigen Zeit ist es in der westlichen Welt vor allem das institutionalisierte Arbeitswesen, das jene Leere zu füllen verspricht. So bieten z.B. Unternehmen Struktur, Anerkennung, Geld, Ziele und damit Sinn. Im Gegenzug erhalten sie Aufopferungsbereitschaft und Lebenszeit.
Dabei entspricht die heutige Arbeitsstruktur in ihrer Absurdität durchaus der Tätigkeit des Sisyphos. Anstelle der strafenden Götter sind es die vermeintlichen Notwendigkeiten der globalen Ökonomie, die das Tun treiben.
Die Herstellung vieler heutiger Güter und Dienstleistungen verschafft in ihrer äußeren Sinnlosigkeit lediglich dem an der Herstellung beteiligten einen inneren Sinn. Dessen innere Leere wird kurzzeitig gefüllt, indem er klare Aufgaben zugeteilt bekommt, an denen er sich orientieren kann. Eifrig produziert er Dinge, die meist nur für den Selbsterhalt des bestehenden Wirtschaftssystems nötig sind. Überlebenswichtig ist ein Großteil der hergestellten Güter und angebotenen Dienstleistungen jedenfalls schon lange nicht mehr. Stattdessen wird unnützer Überfluss geschaffen, von dessen Verkauf diejenigen bezahlt werden, die an seiner Herstellung beteiligt sind, damit sie ihrerseits unnützen Überfluss, der wiederum von anderen hergestellt wurde, konsumieren können.
Das Bedürfnis an den Konsummassen wird in der Regel durch teure Marketingkampagnen künstlich erzeugt. In immer kürzeren Zyklen werden neue Modevorgaben in die Welt posaunt. Die Anschaffung des neuesten Trends beschert dann eine kurze, befriedigende Hormonausschüttung, gefolgt von der bekannten Leere und dem Wunsch nach mehr.
Weltweit verbringen Milliarden von Menschen ihre Zeit damit, Produkte zu fertigen, die ihnen Bequemlichkeit bringen oder Zeit einsparen sollen. Dass die Erfindung, Produktion und Vermarktung dieser Dinge meist weitaus mehr Bequemlichkeit und Zeit kostet, wird dabei übersehen. Viele der vermeintlich zeitsparenden und Bequemlichkeit bringenden Erfindungen bescheren zudem an anderer Stelle das glatte Gegenteil des Intendierten. Ein bekanntes Beispiel ist der digitale Postverkehr. So sollte einst die eMail das für viele lästige Schreiben von (Geschäfts-)Briefen ablösen und damit Zeit und Mühe sparen. Schnell getippt und direkt abgeschickt sollte eine eMail den Kauf von Papier, das mühevollere Tippen mit einer Schreibmaschine, das Frankieren und Adressieren sowie den Weg zum Briefkasten oder der Postfiliale ersparen. Nicht bedacht wurde, dass die Vereinfachung des Verfahrens eine Vervielfachung des Postverkehrs mit sich bringen würde. Heute leiden Firmen unter der eMail-Flut. Anstatt einiger Dutzend Briefe pro Woche erhalten selbst kleine Firmen heute manchmal mehrere hundert zu bearbeitende eMails pro Tag, gelegentlich pro Stunde. Nicht wenige wünschen sich daher die Zeiten des herkömmlichen Postverkehrs sehnlichst, aber natürlich vergeblich zurück. Der digitale Postverkehr brachte also keine Zeitersparnis, sondern er wurde selbst zu einem zeitfressenden Monster.
Das alles wäre dennoch erfreulich, würde es den modernen Menschen in seinem äußerlich sinnlosen Tun nachhaltig mit innerem Sinn erfüllen.
Doch leider hat sich herausgestellt, dass die derart vermittelten Ziele nicht groß genug sind, um ein Leben dauerhaft zu füllen. Schließlich thront anders als bei Sisyphos kein erhabener Berggipfel über allem. Stattdessen handelt es sich, nüchtern betrachtet, meist um banale Projekte eines beliebigen Arbeitgebers, deren Umsetzung zu einem wichtigen Ziel erklärt wird. Derartige Ziele stellen aber ihrerseits bestenfalls kurze Wegetappen auf der Reise dar, die eben gerade nicht langfristig erfüllend sein können, sondern sich wieder nur in kurzen Momenten erschöpfen.
Natürlich gibt es Menschen, die es schaffen, in ihrem Beruf Erfüllung und Sinn zu finden. Meist gelingt ihnen dies in Berufen, die nicht erst künstlich mit einem abstrakten Ziel versehen werden müssen und deren Ziel auch nicht ausschließlich in Dingen besteht, die außerhalb des eigentlichen Berufsprofils liegen – wie eben einem hohen Gehalt oder dem Gefühl von gesellschaftlichem Ansehen. Es handelt sich in der Regel um Berufe, deren Tätigkeit einen klaren gesellschaftlichen Mehrwert darstellt, der auch über die bloße Aufrechterhaltung des ökonomischen Systems hinausgeht. Bei derartigen Berufen ergibt sich idealerweise das Tätigkeitsprofil aus dem originären Ziel und nicht andersherum. Wer also den Wunsch hat, gesellschaftlich einen Mehrwert darzustellen und z.B. Mitmenschen konkret zu helfen, der wird sich einen Beruf suchen, der genau das umzusetzen verspricht. Das Ziel steht somit über dem Beruf und dessen Begleiterscheinungen. Selbst wenn sich im Berufsalltag Ermüdung breit macht oder Desillusionierungen einstellen, so kann doch das große Ziel bis zu einem gewissen Maß als tragender Sinn bestehen bleiben.
Leider ist dennoch gerade in Berufen mit gesellschaftlichem Mehrwert, seien es pflegende, kurierende oder pädagogische Berufe, die Burn-Out-Rate besonders hoch. Das liegt unter anderem auch daran, dass die ursprünglichen Ziele oft in zu weite Ferne rücken. Sie können bisweilen nicht mal mehr als grober Orientierungspunkt am Horizont erkannt werden. Stattdessen werden bürokratische, rechtliche, wirtschaftliche, dabei immer öfter marketingtechnische Elemente zum Hauptgeschäft. Wenn zu dieser ungewollten Zielverschiebung noch eine erhöhte Arbeitsbelastung hinzukommt und, wie etwa im Bereich der Pflege, selbst die sekundären Ziele wie Ansehen und Einkommen nicht erreichbar sind, ist das Abgleiten in den Burn-Out nahezu vorprogrammiert.
Nachhaltig in ihrem Beruf aufgehen können Menschen auch dann, wenn sie genau jener Tätigkeit nachgehen, die ihnen am besten entspricht. Sie haben schließlich ihre eigene Aufgabe und damit ihr eigenes Ziel aus ihren Talenten abgeleitet. Der Beruf ist dann lediglich Mittel zum Zweck für die Umsetzung dieses Talents. Wer also beispielsweise handwerklich sehr geschickt ist, gerne schreinert und von jeher das Ziel hatte, Schränke, Tische und Stühle herzustellen, der wird in dem Beruf des Schreiners langfristig von einem Sinn getragen werden. Leider werden Berufe mit derartig praktischem Umsetzungspotential gerade im handwerklichen Bereich immer seltener. Die meisten Produkte lassen sich günstiger und effizienter in maschineller Form an entlegenen Billiglohnstandorten anfertigen und in Teilarbeit an Fließbändern oder fließbandähnlichen Arbeitssystemen zusammenschrauben.
Ein Großteil heutiger Berufe scheint nun aber keinen anderen Sinn zu haben als den, das aktuelle Wirtschaftssystem am Laufen zu halten. Der einzelne Mitarbeiter weiß, wenn er sich selbst gegenüber ehrlich ist, oft gar nicht, was genau das Ziel seines Tuns ist. Der Soziologe David Graeber (geb. 1961) von der London School of Economics and Political Science schreibt: „Insbesondere in Europa und Nordamerika führen Heerscharen von Menschen während ihres ganzen Berufslebens Tätigkeiten aus, von denen sie insgeheim glauben, dass sie nicht ausgeführt werden müssten. Aus dieser Situation erwächst ein weitreichender moralischer und geistiger Schaden. Er ist eine Narbe, die sich quer über unsere kollektive Seele zieht.“
Aufgewertet werden viele dieser Jobs nicht nur durch das Gehalt, sondern immer öfter auch durch gut klingende Berufstitel, die gesellschaftliches Ansehen bringen sollen, in Wahrheit aber nur verbergen, welche Banalität eigentlich hinter der Tätigkeit steht.
Das einzige Ziel zahlloser Angestellter liegt wohl tatsächlich nur darin, über jede Notwendigkeit hinausgehende Mengen an Geld und Anerkennung zu erlangen oder einen Karrieresprung zu machen, der dann eben mehr Geld und Anerkennung zu bringen verspricht. Doch derartige Ziele sind schlichtweg zu klein, um lange tragen zu können. Entweder sie erfüllen sich oder es wird nach einigen Arbeitsjahren deutlich, bis zu welchem Grad sie maximal erfüllbar sind. In beiden Fällen werden sie sich früher oder später erschöpft haben. Nun bleibt für viele als langfristiges Ziel nur noch der Wunsch nach Ruhestand und viel frei gestaltbarer Zeit übrig. Passive Wünsche können jedoch nie sehr sinnstiftend sein, da sie nicht direkt beeinflussbar sind.
Gerade in Phasen der Freizeit wird zudem oft erst deutlich, wie wenig ein Mensch ohne Lebenssinn mit dieser Zeit anfangen kann.
Die Gestaltung der Freizeit stellt für viele eine Überforderung dar. Sie betäuben sich mit kurzen Gefühlshochs, die ihnen Unterhaltungsindustrie und Konsumwirtschaft bescheren. Oder sie versuchen verzweifelt, den Sinn der Arbeit in ihre Freizeit hinüberzuretten. Nicht wenige sind durchaus froh, wenn sie auch während des Feierabends noch vorgeblich wichtige und belastende Telefonate führen können oder eMails am Küchentisch diensteifrig bearbeiten dürfen. Die innere Langeweile und Leere kann damit gut kaschiert werden. Der Philosoph Mark Kingwell schreibt hierzu treffend: „Der Workaholic kolonisiert seine Verzweiflung angesichts der Leere des unproduktiven Lebens, indem er es mit Arbeit ausfüllt.“
Wenn eines Tages der unvermeidliche Ruhestand eintritt, werden viele von der empfundenen Sinnlosigkeit ihres Daseins vollends eingeholt. Wer sein Leben lang nur kurzfristig anberaumte und fremdbestimmte Aufgaben übernommen hat und sich in der Freizeit vor allem mit dem Konsum von Gütern oder billiger Unterhaltung abzulenken gelernt hat, wird sich schwer tun, im Ruhestand plötzlich eigene Lebensziele zu definieren und somit tieferen Sinn zu finden.
Das Fehlen eines Lebenssinns lässt nicht nur den eigenen Antrieb erlahmen und das Leben somit freudlos werden, sondern es erhöht auch das Frustrationspotential. Da es schließlich keinen großen Plan gibt, der alles überlagert, werden die Banalitäten des Alltags ungefiltert als schier unerträgliche Belastung wahrgenommen. Wer sich hingegen von einem großen Ziel leiten lässt, wird sich von drei Tagen Regen, einem verspäteten Zug, einer dezenten Staubschicht in einem Hotelzimmer oder anderen vergleichbaren Lappalien nicht verdrießen lassen. Stattdessen wird er höchstwahrscheinlich selbst mit wahrhaften Problemen, wie etwa ernsten Krankheiten oder Unglücksfällen ganz gut zurechtkommen. Er wird diese lediglich als unangenehme Hürden auf seinem klar umrissenen Weg erkennen und daher sofort tateifrig daranmachen, sie zu überwinden. Sie werden dabei jedoch nicht zum bestimmenden Momentum im Leben und somit ihrer Schärfe beraubt.
Immerhin können auch kleine Alltagsprobleme im Äußeren, wie die Staubschicht im Hotel oder der verspätete Zug, den Fokus auf sich ziehen. Wenn sie schon keinen Sinn geben, so stellen sie doch winzige Herausforderungen und Aufgaben dar. Das Verfassen eines Beschwerdebriefs an die Hotelleitung oder den Betreiber der Bahn wird dann schnell zu einem kurzzeitigen Ziel, das wenigstens für den Moment Orientierung gibt.
Noch schlimmer wird es, wenn selbst diese belanglosen Probleme wegfallen, wenn der leere Mensch also ganz auf sich zurückgeworfen wird. Wenn es nichts mehr im Äußeren gibt, worauf der Fokus gerichtet werden kann, dann richtet er sich nach Innen. Jetzt wird jedes kleine Kratzen, jedes Jucken, jede hormonell bedingte Stimmungsschwankung einer peniblen Selbstanalyse unterzogen. Der leere Mensch fühlt sich nun krank, schwach und leidet oft fürchterlich an Dingen, die von der Außenwelt nicht als problematisch erkannt werden. Vielleicht findet er in einer angenommenen Krankheit tatsächlich sogar einen Lebenssinn. Die regelmäßigen Arztbesuche, die ständige Versorgung mit Medikamenten, die Umstellung der Diät und vieles andere füllen das Leben aus. Der Kampf gegen die mehr oder weniger eingebildete Krankheit wird zur erfüllenden Aufgabe.
Das, was die menschliche Umwelt bei solchen Menschen als einen wehleidigen, dauer-nörgelnden oder frustrierten Ton wahrnimmt, ist letztlich nichts anderes als ein Symptom tiefer Sinn-Leere. Zu der eigenen Unzufriedenheit des leeren Menschen kommt dann oft noch hinzu, dass Mitmenschen auf Abstand gehen, da sie übertriebene Larmoyanz nicht gut ertragen können.
Das moderne Sinn-Angebot der institutionalisierten
Arbeitswelt als Gefahr
Neben dem Dilemma, dass die ausdifferenzierte, hoch spezialisierte Arbeitswelt zwar das letzte gesamtgesellschaftlich verbindende und institutionalisierte, aber eben überwiegend nicht nachhaltige Sinnmodell der Gegenwart anbietet, gibt es ein zweites, diesem Sachverhalt entwachsendes, dabei allerdings noch weitaus bedrohlicheres Problem. Dieses besteht darin, dass durch jenes arbeitsame Tun die begrenzten Ressourcen der Erde in erschreckendem Maße aufgebraucht werden. Indem in immer größerer Menge unnütze Dinge hergestellt werden, deren Erfindung, Produktion und Vermarktung lediglich dazu beiträgt, dass immer mehr Menschen ihre existentielle Leere kurzzeitig füllen, werden zugleich die lebensnotwendigen Grundlagen der Erde ausgeplündert. Die begrenzten Ressourcen nähern sich nachweislich dem Ende ihres Vorkommens.
Für eine gewisse Zeit kann genau jene Tatsache das bestehende System natürlich weiter füttern. Schließlich werden zusehends neue Technologien erfunden, hergestellt und werbewirksam vermarktet, die ressourcenschonend sein sollen. Tatsächlich wies schon Bertrand Russell darauf hin, dass circa die Hälfte aller Arbeit darin besteht, die Schäden der anderen Hälfte zu reparieren. Neu entstehende Industrien können nun also neue Arbeitsaufgaben stellen, die Menschen weiterhin kurzfristig Lebenssinn geben. Dieser Sinn kann sogar insoweit tragfähig sein, als die Herstellung umweltverträglicher und ressourcenschonender Gegenstände nun als überlebenswichtig erscheint. Doch ohne Materialverbrauch kann eine produzierende Wirtschaft nicht auskommen. Um das erreichte und zur Gewohnheit gewordene Niveau an Warenüberfluss auch nur annähernd zu halten, wird es nicht genügen, eine ressourcenschonendere Wirtschaft aufzubauen. Es wird über kurz oder lang unumgänglich sein, einen radikalen Lebenswandel zu etablieren, der globalen Vorbildcharakter gewinnt und zu einer neuen Normalität wird.
In jüngerer Zeit wird deshalb immer wieder darüber nachgedacht, wie Produktion und Konsum auf verträgliche Art eingedämmt werden können. Die Idee des „Bedingungslosen Grundeinkommens“ erscheint vielen als attraktiver Lösungsansatz. Jeder Bürger soll demnach eine staatlich festgelegte Zuwendung bekommen, die hoch genug ist, um den Lebensalltag zu bestreiten. Für die Finanzierung dieser Zuwendung gibt es verschiedene Modelle. So begegnen beispielsweise Vorschläge, eine hohe Konsumsteuer, eine Besteuerung der natürlichen Ressourcen und der Treibhausgas-Emissionen oder eine hohe Besteuerung jeglichen Geldtransfers einzuführen.
Aufgrund der erhöhten Steuern könnte in der Theorie die blinde Konsumlust eingedämmt werden. Das Grundeinkommen würde zugleich ein kollektives Abdriften in existentielle Armut verhindern. Die Produktion der einzigen wahrhaft relevanten, nämlich der lebenswichtigen Güter könnte überwiegend maschinell erfolgen.
Die sofortige Umsetzung derartiger Überlegungen würde aber wohl in weiten Teilen der Bevölkerung zu einer psychologischen Katastrophe führen. Selbst der letzte kleine Rest an Lebenssinn fiele für all jene, die ihren Broterwerbsjob aufgeben würden, weg. Die Gesellschaft würde endgültig in Wehleidigkeit und existentieller Leere erstarren und früher oder später einen formidablen Nährboden für dubiose Sinnverkäufer aller Art bieten.
Welche Auswirkungen der Verlust der Arbeit auf eine Gesellschaft hat, die es nicht vermag, sich selbst Lebenssinn zu geben, zeigt eine beeindruckende Studie aus den 1930er Jahren. Sie wurde in dem Buch „Die Arbeitslosen von Marienthal“ beschrieben. Das Werk von Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeisel gilt als Meilenstein der empirischen Sozialforschung, ist heute aber leider etwas in Vergessenheit geraten. Die Forscher untersuchten auf ungeheuer detailversessene und umfassende Art anhand verschiedenster Methoden die psychologischen Auswirkungen des Arbeitsverlusts auf die Gemeinschaft in Marienthal.
Der österreichische Ort Marienthal war um eine Fabrik herum entstanden. Die Bewohner hatten sich stark mit dieser Fabrik identifiziert, fast jeder hatte für sie gearbeitet. Sie hatte den Menschen ihren Lebenssinn gegeben. Als die Firma im Zuge der Weltwirtschaftskrise der frühen 1930er Jahre insolvent wurde und ihre Tore für immer schließen musste, konnten sich auch die wenigen anderen Arbeitgeber am Ort nicht mehr halten. Letztlich wurde nahezu der komplette Ort arbeitslos. Da es allen Bewohnern in etwa gleich ging, gab es unter ihnen keine Ausgrenzungen, Herablassungen oder Neidgefühle. Für einen gewissen Zeitraum erhielten die Marienthaler staatliche Unterstützungssätze. Diese waren aufgrund der intensiven Arbeitsleistungen für die einst florierende Firma teils genauso hoch oder höher wie das Einkommen, das Bürger benachbarter Orte erhielten. Das hatte wiederum zur Folge, dass „die in der Umgebung arbeitenden Familien sich in ihrer äußeren Lebenshaltung von den Arbeitslosen kaum unterscheiden [sic].“ Umso gravierender waren dafür die psychologischen Unterschiede. Schnell stellten sich Verbitterung, Resignation und Langeweile ein. Die Sinnlosigkeit des Lebens erschien allgegenwärtig. Der einst florierende und lebhafte Ort Marienthal verkümmerte. Der herrschaftliche Park, früher Stolz der Region, verwilderte. In der Studie steht: „Obwohl fast jeder Marienthaler Zeit dafür hätte, kümmert sich niemand um den Park.“ Die Lebensmotivation der Marienthaler war verschwunden.
Die Forscher gingen soweit, sogar die Bewegungen der Bewohner zu untersuchen. Sie fanden heraus, dass diese langsamer und schleppender wurden. Marienthal hatte „die Beziehung zur Zukunft verloren“. Es gab keine antreibenden Ziele mehr. Das Leben wurde sinnlos. Aus der Auswertung zahlreicher Fragebögen leiteten die Forscher ab, dass die meisten Marienthaler nicht mehr wussten, womit sie ihre Tage füllen sollten. „[…] was zwischen den drei Orientierungspunkten Aufstehen – Essen – Schlafengehen liegt, die Pausen, das Nichtstun ist selbst für den Beobachter, sicher für den Arbeitslosen schwer beschreibbar.“ Nur vereinzelt wurden noch sinnerfüllte Handlungen notiert: „Buben waschen, Hasen füttern usw. Alles was sonst geschieht, steht mit der eigenen Existenz in keinem sinnvollen Zusammenhang.“ Aus den Einzelbeobachtungen der Forscher lässt sich erkennen, dass oft gerade diejenigen Marienthaler, die vornehmlich nach beruflichem Erfolg und Karriere strebten, in tiefer Verzweiflung endeten. Sie hatten als Lebensziel allein den abstrakten Plan „nach oben“ zu kommen. Eigene, darüber hinausgehende Aufgaben hatten sie sich nicht zu geben gelernt.
Doch es begegnen auch Ausnahmen. So wird ein Mann genannt, der sich schon in seinem früheren Leben durch starke Selbstbestimmung ausgezeichnet hatte. Im Ersten Weltkrieg hatte er eine Beförderung abgelehnt und sich auch immer wieder gegen seine Vorgesetzten gewehrt. Stets hatte er eigene Pläne und Ziele. In italienischer Kriegsgefangenschaft hatte er sich vorgenommen, Italienisch zu lernen. Er gestaltete selbst diese für seine Mithäftlinge schwere Zeit somit zu einer sinnvollen und damit erfüllenden Lebensphase. Später übernahm er politische Funktionen. Außerdem war er ein leidenschaftlicher Leser, hatte das Ziel, die Welt möglichst umfassend zu verstehen. Auch im Moment der ausweglosen Arbeitslosigkeit schaffte er es, seinem Leben in Form eines privaten Literaturstudiums Sinn zu geben. Sicher diente ihm die Literatur dabei nicht zur bloßen Unterhaltung. Er missbrauchte sie nicht zu dem Zweck, sich abzulenken und der Welt zu entfliehen, sondern er begriff sie als Chance, sich und sein Denken zu erweitern und fortzuentwickeln. Und so blieb er geistig lebendig und hoffnungsvoll. Er litt weniger als andere.
Das Herausspüren des Sinns
Die Studie aus Marienthal verdeutlicht also nachdrücklich, wie wichtig es ist, für sich selbst Sinn finden zu können. Wenn eine Idee wie die des „Bedingungslosen Grundeinkommens“ je realisiert werden soll, muss der Mensch zunächst und von klein auf lernen, sich selbst passende Ziele zu setzen. Diese „fallen einem schließlich nicht in den Schoß“, wie US-Psychologe Todd Kashdan betont. Die einflussreiche österreichische Psychotherapeutin und Psychologin Elisabeth Lukas bekräftigt: „Ein solcher [nachhaltig glücksstiftender und lebenserhaltender] Sinn kann nicht willkürlich gesetzt werden, den muss jeder für sich herausspüren.“
Wichtig wäre daher, dass bereits Kinder vor allem angeregt werden, herauszufinden, was ihrem Leben Sinn geben kann. Dafür benötigen sie geistigen Freiraum. Statt in immer stärker einengende Förderprogramme gesteckt zu werden, statt immer mehr darauf konditioniert zu werden, simple vorgekaute Fakten auswendig zu lernen und nachzukauen, statt unentwegt bespaßt zu werden, wäre es hilfreich, wenn der pädagogische Fokus stärker auf die geistige Entwicklung und Kreativitätsbildung gelegt werden würde. Statt künstlerische Fächer in der Schule einzuschränken und gegenüber den faktenbasierten Fächern abzuwerten, müssten sie eine Aufwertung erfahren.
Schon kleinste Kinder der heutigen Zeit werden nur allzu oft an ein Leben gewöhnt, das ausschließlich aus blinder Arbeitswut und ablenkendem Spaß besteht. Es geht ihnen wie einem Menschen mit einem krankhaften Gelüst nach Pfeffer. Sind die Geschmacksnerven erst einmal betäubt, muss die Menge erhöht werden. Das geht so lange, bis der Mensch gar nichts mehr schmeckt oder erstickt.
Die Unterhaltungsindustrie bietet jedoch gerade im Kinderbereich inzwischen so viele Angebote zu einfacher Ablenkung und radikalem Eskapismus, dass für Muße, Langeweile und die Entwicklung von menschlicher Eigenheit keine Zeit bleibt. Statt eigene sinnstiftende Wege zu entwickeln um etwa empfundener Langeweile zu entkommen, lernen bereits junge Menschen, sich am nächsten Unterhaltungsangebot zu berauschen oder wenigstens zu betäuben. Schon Kinder verkommen zu Dopaminjunkies. Es wird ihnen daher zusehends schwerer, einen eigenen Lebenssinn herauszuspüren.
Genau dieses Herausspüren eines Sinns ist jedoch etwas, das in jeder Lebensphase seinerseits sinnstiftend und damit tragend sein kann. Es ist nie zu spät, sich auf die Suche zu machen. Diese kann in einer intensiven, nie enden wollenden Reflexion über sich und die umgebende Welt münden, die beispielsweise auch dahin führt, sich allgemein mit den geistigen und materiellen Grundlagen der Menschheit zu beschäftigen und daraus Lebensmaximen zu entwickeln. Die Voraussetzung des Unterwegsseins wäre dabei erfüllt. Der Stein des Sisyphos wäre in dem Fall geistiger Natur.
Doch einfacher und zielführender ist es sicherlich, seinem Leben durch klar umrissene Meta-Ziele Sinn und Zweck zu geben. Hilfreich ist es, sich zu überlegen, für was man als Mensch steht oder stehen will. Was würde man seinen Enkelkindern oder auch nicht verwandten Nachfahren gerne als Vermächtnis hinterlassen? Fühlt man sich gut dabei, wenn die Enkel und womöglich noch deren Enkel dereinst einen Vorfahren vor Augen haben werden, der vor allem in rücksichtslosem Egoismus schwelgte oder ein sinnloses, da zweckbefreites Leben führte?
Vielleicht ergibt sich aus derartigen Gedanken eine Orientierung. Vielleicht ergeben sich auch mehrere Pfeiler, die einen individuellen Gesamtsinn des Lebens tragen. So könnten sich aus solcherlei Überlegung zum Beispiel die Ziele entwickeln, sich für eine lebenswerte Welt voller natürlicher Vielfalt und Buntheit einzusetzen und dabei ein reflektiertes, Mensch und Natur freundlich gesinntes, werte-gebundenes Weltbild für sich und andere zu entwickeln. Daraus könnten sich durchaus sinnstiftende Sekundärziele entwickeln, wie z.B. gesellschaftliches Engagement, öffentliche Hilfsbereitschaft oder verstärkte Achtsamkeit.
Derartige Ziele können das punktuelle Glücksempfinden natürlich jederzeit torpedieren. Warum beispielsweise an die Enkel oder gar nicht-verwandte Nachfahren und deren natürlichen Lebensraum denken, wenn man doch nur den nächsten Gefühlskick sucht und daher gerne das nächste Billigflugangebot ans andere Ende der Welt annehmen möchte oder sich an der Anschaffung eines weiteren Sportwagens berauschen will?
Um sich von derart kleinen, aber langfristig süchtig machenden Verheißungen nicht vom großen Weg abbringen zu lassen, kann es hilfreich sein, die erdachten Ziele in gut begründeter Form zu verschriftlichen und damit zu visualisieren. Auf diese Art werden sie zu einer Landkarte, die den Weg der lebenslänglichen Reise immer wieder aufs Neue weist.
Dabei ist es durchaus wichtig, sich für unterwegs Zwischenziele zu suchen. Sonst könnte der Weg zu ermüdend werden. Ein erreichtes kleines Ziel tut gut und bringt Erleichterung. Wer seinen Weg jedoch nie gänzlich abbricht, sondern stetig der vorgegebenen Richtung weiter folgt, wird insgesamt einen größeren Lohn erhalten als nur gelegentliche Momente der Euphorie innerhalb einer großen Leere: nämlich Erfüllung, Sinn und ein dauerhaft abrufbares, tiefes Glücksempfinden.
II.
Das Glück der Generativität
Oder: Von der Unsterblichkeit des Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland
Eingebunden sein
Große und dabei klar umrissene Ziele können dem Leben also Sinn verleihen. Vergleichbar der aufgehenden Sonne, schafft Sinn nicht nur Orientierung,4 sondern lässt die Dinge auch in einem wärmeren Licht erscheinen. Selbst die unschönen Seiten der Welt wirken plötzlich weniger düster.
Der bisher beschriebene Sinn ist „teleologischer“ (von altgr. „telos“, „Ziel“ „Ende“) Art. Er treibt an, gibt die Richtung vor, sorgt dafür, dass man weiß, warum man morgens aufsteht.
Daneben gibt es aber eine weitere relevante Erscheinungsform des Sinns. Sie kommt in dem Gefühl des Eingebunden-Seins zum Ausdruck. Ein enges, Zeit und Raum übergreifendes Netz gibt dem Leben dabei eine logische Struktur. Das persönliche Leben in seiner konkreten Erscheinungsform wird als Bestandteil einer Welt erkannt, die umfassender ist als die unmittelbare Wirklichkeit. Bei Bertrand Russell heißt es hierzu: „Um in dieser Welt glücklich zu sein, zumal wenn die Jugend vorbei ist, darf man sich nicht nur als Einzelwesen fühlen, dessen Tag bald abgelaufen ist, sondern muss sich als ein Teil des Lebensstromes empfinden, der vom ur-ersten Keim bis in die fernste unbekannte Zukunft fließt.“
Über Jahrtausende wurden Menschen automatisch in derartige Sinn-Netze hineingeboren. Gesponnen wurden sie von den Vertretern der institutionalisierten Religionen. Von Geburt an waren Menschen Mitglied einer Glaubensgemeinschaft. Sie sahen sich in einen über Generationen hinausgehenden Zusammenhang eingeordnet und waren automatisch Teil eines metaphysischen Bezugssystems. Alternativen waren kaum jemandem bekannt und schienen daher auch nicht zu existieren. Den Menschen wurden klare Vorgaben und Richtlinien mit auf den Lebensweg gegeben. Noch bis weit in die Neuzeit hinein bestimmte auch in der westlichen Welt vornehmlich die Religion, was man im Leben zu tun oder zu lassen hatte und was der tiefere Sinn hinter allem war. Der Sinn des Lebens innerhalb einer christlichen Gemeinde bestand darin, gottgerecht zu leben. Was als gottgerecht zu gelten hatte, legte die Kirche fest.
Eine Auflösung dieser Strukturen begann in der westlichen Welt mit den Reformatoren um Martin Luther (1483-1546). Sie forderten den Menschen auf, anhand des Studiums der Bibel selbst zur religiösen Wahrheit zu finden und nicht mehr nur den offiziellen Kirchenvertretern Glauben zu schenken. Die Folge war, dass unzählige verschiedene Religionsinterpretationen entstanden. Das verbindende Netz der religiösen Einheit löste sich ab diesem Moment auf.
Etwa zeitgleich wurden technische Instrumente entwickelt, die neue Weltanschauungen ermöglichten. So wurde innerhalb der vergleichsweise kurzen Zeit von drei Jahrhunderten klar, dass die Erde nicht im Zentrum des Universums steht und der Mensch wohl Ergebnis eines evolutionären Prozesses und nicht einer biblischen Schöpfungsgeschichte ist. Neben der Vielfalt religiöser Interpretationen verbreiteten sich somit auch noch säkulare, streng am Stand des jeweils aktuellen Wissenschaftsparadigmas orientierte Weltbilder.
Indem die rasante Fortentwicklung neuer Techniken es zudem immer besser ermöglichte, in weit entlegene Teile der Welt vorzudringen, entstand sukzessive ein Bewusstsein für die Relativität der eigenen Anschauungen. Es wurde erfahrbar, dass eigene Weltbilder und eigene Glaubenssätze immer stark abhängig von der unmittelbaren Umgebung sind. Damit wurde es noch schwerer, an die überzeitliche Allgemeingültigkeit einer religiös oder auch anders gearteten Wahrheit zu glauben.
Ein festes, Zeit und Raum übergreifendes Glaubenssystem, das die Menschen kollektiv in einen existentiellen Sinnzusammenhang einfügt, gibt es trotz einzelner Bemühungen, es wieder neu zu schaffen, nicht mehr. Lediglich vereinzelte, isolierte Gemeinschaften vermögen noch ein hermetisches Sinnsystem aufrecht zu erhalten.
Heute ist stattdessen ein regelrechtes Wettstreiten sowohl unter verschiedenen Wissenschaftsmodellen als auch unter Religionen und anderen spirituellen Angeboten im Gange. So werden jedes Jahr neue Religionen erfunden. Aktuell gibt es 4200 offizielle religiöse Konfessionen, von der fast jede ihrerseits zahlreiche Varianten aufweist. Allein der christliche Protestantismus ist wiederum in ca. 20 000 Unterkonfessionen und Bewegungen aufgegliedert. Gerade in der westlichen Welt neigen immer mehr Menschen dazu, sich einen Glauben nach eigenem Gutdünken zurechtzuschustern. Das verbindende Element geht dabei oft verloren. Der Zweifel überwiegt.
Was einen großen Gewinn im Ringen um die individuelle Freiheit und die Möglichkeiten des ungezwungenen, menschlichen Selbstentwurfs darstellt, bedeutet für viele jedoch zugleich eine psychologische Überforderung.
In der Neuzeit bildeten sich auch deshalb immer wieder neue Sinn-Netze, in die viele sich dankbar einspannen ließen. So vollzog sich im 17. Jahrhundert, aufbauend auf Ideen von Denkern wie Jean Bodin (1530-1596) oder Hugo Grotius (1583-1645), ein Wandel von Personenverbänden hin zu territorialen Herrschaften. Daraus entwickelte sich das System unabhängiger Nationalstaaten. Diese Konstrukte wiesen ein genau umrissenes Staatsgebiet auf, waren von einem möglichst einheitlichen Staatsvolk zu bewohnen und von einer definierten Staatsgewalt zu verwalten und zu steuern.
Im Sinne ihrer Funktionsfähigkeit, sollte zwischen den Angehörigen eines Nationalstaates idealerweise eine nahezu familiäre Verbundenheit herrschen. Die Etablierung einer gemeinsamen Sprache innerhalb der jeweiligen Staatsgebiete wurde forciert. In Mythen wurden gemeinsame Ursprünge und besondere Eigenarten des Volkes betont. Die klare Abgrenzung zu anderen Völkern stärkte das innere Zusammengehörigkeitsgefühl. Völkische Bewegungen entstanden.
Die Transzendenz der religiösen Sinnangebote konnten völkische Ideen zwar meist nicht mehr bieten. Dennoch war ihre Wirkung immens – und zeitigte katastrophale Folgen. Bekanntlich ist es noch nicht lange her, dass Menschen auch und gerade in Deutschland „für Volk und Vaterland“ begeistert in Kriege zogen, fröhlich dem grausamen Tod entgegen. Ihr Tun erschien ihnen zutiefst sinnhaft. Es übersteigerte das eigene Ich. Man zog schließlich nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Familie, die Freunde, die Nachbarn, letztlich für das ganze gegenwärtige und zukünftige Volk in die Schlacht. Das sinnstiftende und dabei glücksspendende Gefühl tiefer Eingebundenheit wurde in ein erschreckendes Extrem getrieben und sollte schließlich zum gewichtigen Grund für Krieg und Terror werden.
Glücklicherweise wurden zunächst viele richtigen Lehren aus den Tragödien der Weltkriege gezogen. Die einzelnen Staaten wurden in große internationale Organisationen und Institutionen eingebunden. Eine größere, wechselseitige Abhängigkeit in Form von politischer und vor allem wirtschaftlicher Verzahnung wurde geschaffen und künstlich verstärkt. Freiwillige Abgrenzungen zu anderen Nationen erschienen angesichts dessen nicht mehr attraktiv.
Was den zwischenstaatlichen Frieden stärkte, konnte dem Einzelnen in seiner Abstraktion und Künstlichkeit jedoch kein umfassendes Sinn-Angebot mehr sein. Auch deshalb klammern sich Menschen in jüngster Zeit weltweit wieder an die sinnstiftenden Angebote einzelner Demagogen, die überkommene völkische Ideen aufgreifen und damit ganz wesentlich innere Leere und Empfindungen tiefer Sinnlosigkeit zu füllen versprechen.
Die wohl tief im Menschen verankerten Bereitschaft, das eigene, begrenzte Leben zu überschreiten und in einem größeren Ganzen oder wenigstens einer großen Gemeinschaft aufzugehen, kann also in dem Moment, in dem es dem Einzelnen tatsächlich das Gefühl des Eingebunden- und Verwoben-Seins, des tieferen Sinns und damit auch eines grundlegenden Glücksempfindens bereitet, zur Gefahr für die Spezies Mensch als solche werden.
Tatsächlich birgt auch das dritte (nach Religion und Nation), gegenwärtig am stärksten etablierte Sinnmodell große Probleme. Wieder geht es um das etablierte Arbeitswesen der westlichen Welt!
Das menschliche Bedürfnis, sich in eine große, über das eigene Ich hinausgehende Sache einzufügen und damit tragende Sinn-Zusammenhänge zu kreieren, haben sich heute in weiten Teilen der Welt nämlich längst die globalen Eliten der Wirtschaft zunutze gemacht. Inzwischen ist das Modell der sogenannten amerikanischen Firmenkultur, die stark von psychologischen Erkenntnissen geleitet wird, zum Standard geworden.
So wird Angestellten in heutigen Unternehmen in der Regel vermittelt, dass sie sich im Grunde genommen nicht nur für eine Firma, sondern für eine große Sache engagieren. Gerne wird auf Hilfsprojekte des jeweiligen Unternehmens verwiesen. Kaum eine Firma von Rang verzichtet darauf, mehr oder weniger förderliche Hilfsprogramme im Sozialen, im Bildungswesen oder der Welthungerhilfe zu initiieren oder wenigstens zu unterstützen.
Vor allem wird aber mit verschiedensten Maßnahmen ein gesteigertes Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Firma zu erzeugen versucht. Man nutzt gemeinsam das interne Fitness-Studio, tritt in Firmenmeisterschaften im Fußball gegeneinander an oder unternimmt Tandem-Fallschirmsprünge. Letztlich geht es bei all dem darum, einen möglichst extremen Team-Charakter zu bilden, in dem der Einzelne schließlich aufgehen soll. Er soll dahin kommen, sein eigenes Selbst bereitwillig der Gemeinschaft des Unternehmens und dessen Erfolgs unterzuordnen. Das Bedürfnis nach glückstreibender Sinnhaftigkeit bringt heute tatsächlich viele Menschen in der hochentwickelten, satten Welt dazu, sich für sonderbarste Firmenmodelle zu prostituieren und somit zumindest kurzzeitig einen Moment der Sinnhaftigkeit zu erfahren.
Das Sinn-Angebot moderner Firmen ist zweifelsohne harmlos im Vergleich zu dem, was einst Kirche und Nation anboten. Der angemessene Einsatz für den Glauben oder das Vaterland musste schließlich auch die Bereitschaft beinhalten, für beides zu sterben. Die Sinn-Angebote moderner Firmen können demgegenüber noch so ausgefeilt sein – sie sind meist doch zu mickrig, als dass man sein Leben für sie aufs Spiel setzen wollte.5
Ungefährlich ist allerdings auch ihr Modell nicht. Es wurde bereits thematisiert, dass der Sinn im sinnlosen Wirtschaften darin besteht, stetig mehr zu produzieren, um mehr konsumieren zu können. Der Mensch bleibt somit in einem künstlichen Rahmen aktiv und bekommt von außen klare Aufgaben und Strukturen vermittelt. Indem nun immer mehr Menschen sich immer ausgefalleneren Berufsmodellen unterordnen und dabei die überlebenswichtigen Ressourcen der Erde dazu benutzen, immer unnützere Dinge zu produzieren und zu vermarkten, um dann noch unnützere Dinge konsumieren zu können, werden, wie schon beschrieben, eben jene Ressourcen merklich weniger. Auch das pure Überleben könnte angesichts des aktuellen Wirtschaftsmodells und den damit einhergehenden Langzeitfolgen selbst in den globalen Zentren mittelfristig wieder zunehmend unsicher werden.
Alternativen zu dem gegenwärtigen Wirtschaftsmodell müssen und werden daher früher oder später gefunden werden. Einen ersten Schritt hin zu derartigen Alternativen stellt bereits die stärkere Bewusstwerdung der menschlichen psychologischen Konstitution mit ihrem Bedürfnis nach Sinn dar. Indem die einzelnen Motivationen für das überwiegend sinnlose Produzieren und Vermarkten von Überfluss erkannt und demaskiert werden, fällt es leichter, sich davon zu verabschieden und nach neuen Modellen zu suchen.
Neurobiologisch kann dieses Bedürfnis mit dem Glückshormon Oxytocin begründet werden.6 Das Oxytocin bedingt Glücksgefühle, die in einem vertrauensvollen Beisammensein mit anderen Menschen aufkommen. Nicht nur bei konkreten körperlichen Berührungen, sondern auch bei dem Gefühl, sich in einem vertrauten, wohlgesonnenen Umfeld zu befinden oder sich eben eingebettet in einen größeren Zusammenhang zu wissen, wird Oxytocin ausgeschüttet. Die wahrhafte und tief empfundene Verbindung mit der Umgebung bewirkt durch die körpereigene Oxytocinproduktion daher immer Wohlgefühle. Diese sind vielfältig und daher besonders intensiv. So wirkt Oxytocin auch beruhigend und angstmildernd. Der unbewusste Wunsch, die Wirkung des Hormons zu spüren, ist daher groß.
Aus evolutionärer Perspektive ist das Streben nach Zusammenhang und Eingebundenheit damit zu begründen, dass isolierte und ausgestoßene Individuen in einem Urzustand nicht lange überleben konnten. Sie konnten ohne die Einbindung in das vertraute Netzwerk ihrer unmittelbaren Umgebung auf lange Sicht weder genug Nahrung finden, noch sich vor Raubtieren schützen. An Fortpflanzung und die Weitergabe der eigenen Gene war in einem Zustand der Isolation sowieso nicht zu denken.
Vor diesem Hintergrund könnten selbst abstrakte Ideen, wie etwa ein gemeinsam gelebter Glaube, auch als Instrument des Überlebens betrachtet werden. Die verbindende Wirkung einer gemeinsamen Idee würde demnach die Zusammenfindung zu einer Gemeinschaft forciert haben. Der evolutionäre Überlebenskampf ließ sich in Gemeinschaft schließlich besser bestreiten.
Versuche, das menschliche Bedürfnis nach dem Eingebunden-Sein schlichtweg zu negieren, sind daher stets gescheitert. So wollten beispielsweise die Dadaisten in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg vergeblich den Unsinn als Waffe gegen zu tiefes Sinn-Streben in Stellung bringen. Ihr Versuch sorgte zwar für einiges Aufsehen in der Kunstszene, blieb gesellschaftlich aber weitgehend folgenlos. Auf gesellschaftlicher Ebene vielleicht etwas erfolgreicher waren die sogenannten Spaßguerilleros, die im Windschatten der 68er-Bewegung in Deutschland durchaus bleibenden Eindruck hinterließen und wahrscheinlich auch einen kleinen Anteil an einem Kulturwandel jener Zeit hatten.
Doch der Wunsch danach, in größere Strukturen eingebunden zu sein, ist wohl zu tief im Menschen verankert, als dass er sich einfach gänzlich abschaffen ließe. Kurzzeitige Spaß- Momente sind eben weniger erfüllend als das tiefe Glücksempfinden des sinnstiftenden Eingebunden-Seins.
Der Wunsch nach Eingebundenheit als Chance
Statt gegen ein tief sitzendes menschliches Bedürfnis anzukämpfen, empfiehlt es sich wohl eher, seine Vorzüge auszunutzen. Dem Wunsch des Eingebunden-Seins entwächst beispielsweise auch ein Phänomen, das die Psychologin und Sinnforscherin Tatjana Schnell in ihrem Werk „Psychologie des Lebenssinns“ sogar als besonders sinnstiftend bezeichnet. Schnell nennt dieses Phänomen „Generativität“. Damit ist gemeint, dass der Einzelne sich auch in einen über Generationen hinausgehenden Zusammenhang einordnen kann. Er begreift sich als Teil des Menschengeschlechts, für das es sich einzusetzen lohnt. Er stellt das Bindeglied zwischen vergangenen und künftigen Generationen dar. Der gegenwärtige Einsatz für andere kann dabei als Grundlage einer besseren Zukunft begriffen werden.
Die „Generativität“ fördert unter anderem auch den menschlichen Altruismus, die Bereitschaft sich selbst für andere aufzuopfern, bedingungslos zu helfen und den Mitmenschen zuliebe auf eigene Vorteile zu verzichten. Gerade aus dem Verzicht auf eigene Vorteile kann daher Freude erwachsen. Bei manchen droht dieser Sachverhalt freilich ins Extreme zu kippen. Sie empfinden am eigenen Elend und Leid große Freude. Die wirkmächtigste Metapher hierfür kann in der biblischen Figur des Jesus Christus gesehen werden, der alles Leid der Welt auf sich nahm, um künftige Generationen zu erlösen.
Am stärksten wird das Phänomen der „Generativität“ wohl bei der Geburt und der frühkindlichen Betreuung der eigenen Kinder erlebbar. Selbst die größten Egoisten werden im Angesicht ihres eigenen Nachwuchses in der Regel zu opferbereiten Menschen, die genau im Moment ihrer Opferbringung ein diffuses Glück empfinden. Und so verwundert es nicht, dass Eltern trotz aller Schwierigkeiten, die sich immer auch einstellen – von anfänglichem Schlafmangel über die Auseinandersetzung mit den ständigen Kinderkrankheiten bis hin zu ersten schulischen Problemen – gerade ihre Elternschaft insgesamt als sinnvoll und glücksstiftend bezeichnen. Umso bedenklicher erscheint es, dass in jüngster Zeit Kinder immer früher und immer länger in fremde Betreuungseinrichtungen abgeschoben werden. Oft wird zu spät erkannt, dass falsche Prioritäten gesetzt wurden, indem das Familienleben der Arbeit geopfert wurde. Gerade sogenannte Karrieristen bereuen später die Vernachlässigung der wahrhaft sinnstiftenden Beziehung zu ihren Kindern auffallend oft.
Im Gegenzug werden alte und gebrechliche Eltern von ihren Kindern immer öfter in Heime abgeschoben. Die kurzfristigen negativen Impulse, die den natürlichen Härten eines familiären Zusammenlebens entwachsen, scheinen heute insgesamt das Handeln zu motivieren. Die zutiefst sinnstiftende und damit auf nachhaltige Weise wohltuende Wirkung eines bewussten Familienlebens wird demgegenüber vernachlässigt.
Doch es gibt auch Geburten jenseits der Familiengründung. Auch diese Alternativgeburten können Anlass eines tieferen Glücksempfindens werden.
Der Mensch selbst ist schließlich kein definitiv festgelegtes, statisches Wesen. Die Gene seiner Vorfahren geben ihm zwar einen äußeren Rahmen für seine geistige und körperliche Konstitution. Sozialisation, Erziehung sowie andere Einflüsse bilden das Innere dieses Rahmens dann aus. Dennoch kann jeder Mensch sich zu einem gewissen Grad neu entwerfen und den einengenden Rahmen etwas erweitern oder neu füllen. Der Mensch kann sich in gewissem Sinne selbst neu gebären.
Oft sind es äußere Krisen, die den Ausgangspunkt für eine Wandlungsbereitschaft darstellen. So beschreibt der Reiseschriftsteller Andreas Altmann (geb. 1949), wie er im Jahr 2004 nach der Tsunami-Katastrophe in Thailand auf der Suche nach einem verschollenen Freund zahlreichen Überlebenden in thailändischen Krankenhäusern begegnete. Sie alle waren voller Dankbarkeit, noch einmal davon gekommen zu sein. Im Angesicht des Todes hatten sie das Leben plötzlich als großes Geschenk begriffen, das sie nun auch freudig annehmen wollten. Sie sahen die Zeit für einen neuen Beginn gekommen. Das glückliche Überleben wurde für sie zu einer zweiten Geburt. Sie wollten ihr Leben ändern, es von nun an bewusster und selbstbestimmter gestalten.
Fast immer sind es psychische oder auch physische Krisen, die dazu führen, Dinge zu hinterfragen und oft genug den Wunsch aufkommen lassen, konkrete Veränderungen im eigenen Leben vorzunehmen. Jede Art von Krankheit kann daher auch als Chance begriffen werden. Der selbst leidgeprüfte Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) sah in der Krankheit daher ein „Stimulans des Lebens“, da sie immer die Chance zur Veränderung und damit immer eine Weiterentwicklung und Reifung des Menschen mit sich bringe.
Bisweilen ist eine Krankheit womöglich ohnehin nichts anderes als ein verzweifelter Schrei des unterdrückten Willens, der endlich Gehör finden will. Aus der Not heraus gelingt es manchem, sich und sein Leben zu hinterfragen und dann neu auszurichten. Eine neue Lebensphase wird geboren. Oder wie Siegmund Freud (1856-1939) sagte: „Leiden macht Sinn.“
Doch es muss nicht immer zur Katastrophe kommen. Auch ein imaginierter Rückblick auf das eigene Leben, also die Vorstellung, vom Ende des Lebens aus einen Blick zurück zu werfen, kann hilfreich sein und die Sinne für das Wesentliche schärfen. Eine „Be-Sinnung“ kann dann bereits prophylaktisch vollzogen werden.
Die Einbettung in einen größeren Zusammenhang muss dabei gar nicht künstlich vollzogen, sondern in ihrer stets vorhandenen Existenz nur erkannt werden.
Jeder Mensch wirkt durch sein Tun schließlich unmittelbar auf seine Umgebung ein. So wie er selbst ein Produkt der Handlungen seiner Vorfahren ist, so bedingt er ein Stück weit die Handlungspotentiale seiner Nachfahren. In besonderem Maße gilt das für die eigenen Kinder, die natürlich direkt von den Eltern geprägt werden. Das Bewusstsein dafür, als einzelner Mensch das Mitglied einer über Jahrtausende zurückreichenden Familienbande zu sein, kann jedes Gefühl von Isolation aufheben. Schließlich sind in jedem einzelnen Menschen Elemente reichhaltiger Lebenserfahrungen von zig Vorfahren angelegt. Diese leben und wirken auf subtile Weise in dem einzelnen Individuum fort. Zugleich kann aus dem intensiven Bewusstsein dieses Zusammenhangs ein sinnstiftendes Verantwortungsgefühl entwachsen, das darin besteht, eigene Werte zu dieser reichen Geschichte beizutragen und an direkte oder auch nicht-verwandte Nachkommen weiterzugeben. Um das wohlige Gefühl einer zwangsläufigen Eingebundenheit vollauf spüren zu können, empfahl der antike Weise Konfuzius daher, Ahnenforschung zu betreiben. Wer der eigenen Familiengeschichte bis weit in vergangene Jahrhunderte nachgeht und bestenfalls verschriftlicht, wird zunehmend ein Gefühl dafür entwickeln, dass er sich in einem dichten Gewebe des Zusammenhangs befindet.
Die verstärkte Ausrichtung des Lebens an dieser Tatsache kann also bereits eine selbstbestimmte Neu-Geburt darstellen. Eine Lebensform, die den großen Errungenschaften und bewährten Werten früherer Generationen bewusst begegnet und zum Anlass nimmt, selbst vorbildhaft für die nachfolgenden Generationen zu handeln, lässt den Einzelnen zum sinnvollen Teil eines großen Ganzen werden. Einzelne Facetten jedes Lebens überdauern. Ein Teil jedes Menschen lebt somit fort, solange es Menschen gibt.
Laut Seneca ist es daher dringend zu empfehlen, das Leben als Kunstwerk zu begreifen, das in seiner Pracht über den eigenen Tod hinaus fortbesteht. Es sei dies „die einzige Möglichkeit, die Grenzen [der] Sterblichkeit zu erweitern, ja, sogar in Unsterblichkeit zu verwandeln.“
Auch wenn das einzelne Individuum nicht unsterblich wird und schon bald nach dem Tod vergessen sein mag – zumindest einzelne Eigenheiten, Aussprüche, Handlungsweisen oder Gesinnungen werden oft unbewusst über Generationen tradiert, unreflektiert übernommen oder auch irgendwann als vorbildhaft oder verwerflich eingestuft.
Inwieweit eine einzelne Handlung sich in einen generativen Sinnzusammenhang einweben kann, verdeutlicht eines der beliebtesten Gedichte der deutschen Literaturgeschichte: Theodor Fontanes (1819-1898) Ballade vom Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.
Der großherzige und großzügige Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland verschenkt darin die Birnen einen Baumes in seinem Garten an vorbeikommende Kinder. Er stiftet damit viel Freude. Als er seinen Tod kommen spürt, bittet er „vorahnend schon und voll Misstraun [sic] gegen den eigenen Sohn“, eine Birne mit ihm ins Grab zu legen. Wie er es vorhersah, entwächst dem Grab einige Jahre nach seinem Tod ein neuer Birnbaum. Die Kinder des Havellandes können sich somit auch nach dem Tod des Herrn von Ribbeck an dessen Güte erfreuen. Abschließend heißt es: „Und so spendet Segen noch immer die Hand, des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.“
Herr von Ribbeck auf Ribbeck hat sich durch seine gutherzige Tat unsterblich gemacht. Noch aus seinem Grab heraus wirkt er weiter. Er spendet über den Tod hinaus Segen. Die anhaltende Beliebtheit des Gedichts verdankt sich zweifelsohne auch jener Metapher für das ur-menschliche Verlangen, generativ zu überdauern und sich und sein Leben somit in einem wohltuenden größeren Zusammenhang zu verorten.
Doch es ist nicht nur die literarische Figur des Herrn Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, die unsterblich zu sein scheint. Auch sein Verfasser lebt in der literarischen Figur auf ewig weiter. Selbst weniger einflussreiche Werke als Fontanes Meisterballade schaffen es oft, zumindest in kleinerem Kreise, zu überdauern. Ein Poet, also jemand der dem Wortsinn nach (vom Griechischen „poietes“, Hersteller, Brückenbauer) etwas baut oder zusammensetzt, fügt immer erlebte Erfahrung und tradiertes Wissen zu einem Werk für sich und seine Umwelt zusammen.
Wer also beispielsweise Literatur verfasst, aber auch Musik komponiert, Bilder malt oder Skulpturen meißelt, wird dies wahrscheinlich auch tun, um sich selbst auszudrücken und damit eine Brücke zu seinen Mitmenschen der Gegenwart und Zukunft zu bauen. Er übersteigert die eigenen Gefühle und bringt sie in transzendierter Form seinen Mitmenschen bereitwillig dar.
Das Bedürfnis des Weiterlebens, des Überdauerns in nachfolgenden Generationen, wird also nicht nur in der Geburt der eigenen Kinder oder der Geburt eines selbstentworfen, vorbildhaften Lebens ein Stück weit erfüllt, sondern auch in der Erzeugung von Werken, die dereinst tradiert werden. Es fällt auf, dass oft gerade künstlerisch und geistig aktive Menschen keine eigenen Kinder haben. Die Zahl der kinderlosen Geistesgrößen und Kreativmenschen erscheint tatsächlich fast endlos lang und reicht von Philosophen wie Roger Bacon, René Descartes, John Locke, David Hume, Immanuel Kant, Jean- Paul Sartre, Simone de Beauvoir über Komponisten wie Georg Friedrich Händel oder Ludwig van Beethoven und Musiker wie Maria Callas oder Louis Armstrong bis hin zu Wissenschaftlern wie Isaac Newton oder John Maynard Keynes.7 Ihre Geburten waren ausschließlich geistiger Natur.
In extremen Fällen kann die oft überaus mühsame, vielleicht auch schmerzhafte Geburt eines eigenen Werkes in der Wahrnehmung des Urhebers sogar die menschliche Geburt übertreffen. So schrieb der Naturphilosoph, Mathematiker und Astronom Johannes Kepler (1571-1630) anlässlich der Geburt eines seiner Kinder: „Gerade als ich mich mit der Quadratur meines Ovals beschäftigte, kam mir ein ungelegener Gast durch eine Geheimtür ins Haus, um mich zu stören.“ Und Albert Camus bezeichnet die eigenen Kinder in seinen Tagebüchern als seine „Nebenwerke“. Die Hauptwerke blieben seine Bücher.
Der französische Philosoph Denis Diderot (1713-1784) schrieb im 18. Jahrhundert: „Die Nachwelt ist dasselbe für den Philosophen, wie das Jenseits für einen Gläubigen.“ Im Verständnis Diderots will der Philosoph ebenso wie der Künstler bleibende Werke erschaffen. Wie Gläubige tradieren Philosophen und Künstler dabei ihr eigenes Ich. Während Eltern in ihren Kindern ein Stück weit überdauern und Gläubige darauf spekulieren, im Jenseits in Form einer göttlich-transzendenten Wandlung fortzubestehen, hoffen tugendhafte Menschen darauf, mit ihrem „Lebenskunstwerk“ im Sinne Senecas als Vorbilder fortzuleben. Künstler und Philosophen streben hingegen danach, in ihren erschaffenen Werken unsterblich zu werden.
In der technisch und wissenschaftlich hoch entwickelten Welt des aufgeklärten und industrialisierten Westens sind es immer öfter aber auch wissenschaftliche Erkenntnisse, Erfindungen und Entdeckungen sowie technische Errungenschaften, die einen Moment der Transzendenz ganz im Sinne Diderots schaffen können. Einer der einflussreichsten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts, Albert Einstein (1879-1955), meinte denn auch, dass ihm seine wissenschaftlichen Studien einen tiefen Lebenssinn gaben. Sie verliehen ihm „innere Freiheit und Sicherheit“ und vermittelten einen „Gefühlszustand, der […] dem eines religiösen oder verliebten Menschen ähnlich ist“. Einstein empfand das Glück, das „geistige Generativität“ spendet. Er fühlte sich tief eingebunden in die Zusammenhänge der Welt.
Die sinnstiftende Wirkung „geistiger Generativität“ tritt aber nicht nur ein, wenn man selbst gestaltend tätig ist, sondern bisweilen auch dann, wenn man sich mit den überwältigenden Werken menschlicher Vorfahren auseinandersetzt. Man kann Sinn also auch durch den bewussten Einsatz seiner Sinne empfinden. Die Sinne schaffen dabei eine Verbindung zur Vergangenheit, die in einer Ballade Fontanes genauso zum Ausdruck kommen kann wie beispielsweise in der Musik eines Mozart, dem Gemälde eines Caravaggio oder der Skulptur eines Donatello. Anhand jener unsterblicher Momente, die als Ausdruck einer überpersönlichen Wahrheit einer tiefen Weltenseele entsprungen zu sein scheinen, kann der Einzelne eine Verschmelzung mit einem größeren Ganzen spüren und so etwas wie wahrhaftes inneres Glück empfinden.
III.
Die Kraft des Glaubens
Oder: Wie Hiob wieder glücklich wurde
Glaube tut gut
Eine der bekanntesten Geschichten der Bibel findet sich im alttestamentarischen Buch Hiob.
Der treue Glaubensdiener Hiob bekommt darin eine Schreckensnachricht nach der anderen – die sprichwörtlich gewordenen „Hiobsbotschaften“. Er erfährt, dass seine Ernte ausfällt, seine Schafe und Kamele von einem marodierenden Stamm geraubt und seine Knechte erschlagen wurden. Kaum hat er die schier unglaublichen Meldungen mit Entsetzen vernommen, kommt es noch schlimmer: Ihm wird gemeldet, dass alle zehn seiner Kinder bei einem Unfall ums Leben kamen. Doch auch damit nicht genug: Hiob selbst befallen schlimme Krankheiten. Am ganzen Körper wachsen ihm Geschwüre.
Seine Frau ruft Hiob angesichts all des unverdient erlittenen Leids schließlich auf, vom Gottesglauben abzufallen. Doch Hiob widersteht der Versuchung, tadelt seine Frau und bleibt dem Glauben treu. Zwar bekommt auch er im Laufe der Geschichte immer wieder Zweifel. Er versteht nicht, warum Gott ihn, der doch stets vorbildlich lebte und handelte, derart strafen will. Verzweifelt klagt er Gott an. Aber er fällt zu keiner Zeit von seinem Glauben ab. Selbst im Moment größter seelischer Not sagt er: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der letzte wird er über dem Staub sich erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen.“ (Hiob 19, 25-26)
Sein Glaube gibt ihm Hoffnung und ermöglicht es ihm letztlich, schier unmenschliches Leid zu ertragen. Irgendein Sinn wird hinter all dem schon stehen, scheint er sich trotz allen Zweifels zu denken. Daher weiß Hiob tief in sich, dass am Ende alles gut werden wird.
Hiob empfindet in seinem Elend natürlich kein Glück. Aber seine Haltung ermöglicht es ihm, größtes Unglück zu ertragen. Der Glaube trägt ihn. Er trägt ihn durch all das unvorstellbare Leid. Er trägt ihn so lange, bis sich das Blatt wieder zu wenden beginnt. Und so erfährt Hiob nach langen düsteren Jahren wieder reichen Segen. Er wird gesund, bekommt mehr Schafe, Kamele und Rinder als je zuvor, zeugt zehn schöne und glückliche Kinder, und stirbt erfüllt und glücklich im Alter von 140 Jahren.
Am Beispiel des Hiob wird die Kraft des Glaubens bildhaft dargestellt. Durch den Glauben an eine höhere Macht kann der Mensch eine Verbindung zu etwas Größerem herstellen, das sich außerhalb der eigenen Person befindet. Die individuellen Befindlichkeiten, Schwächen und Ängste erscheinen im Angesicht dieses unermesslich Großen plötzlich gar nicht mehr so schlimm. Oder sie bekommen eine tiefere, der menschlichen Erkenntnis nicht unmittelbar erschließbare Bedeutung. Jede noch so düstere Phase scheint lediglich eine notwendige dunkle Schraffur in dem insgesamt prachtvollen Gesamtkunstwerk des Lebens darzustellen, das jedoch nur aus göttlicher Perspektive zu erkennen ist. Menschliches Unglück hat demnach einen Sinn, bleibt dem beschränkten Menschen in seiner Sinnhaftigkeit aber verborgen.
Der Glaube verbindet somit die bereits beschriebenen Sinn-Ebenen. Er gibt ein klares Ziel vor und schafft einen größeren, einen geradezu überzeitlichen und übermenschlichen Zusammenhang. Daher scheint es gläubigen Menschen tatsächlich oft leichter zu fallen, Krisen zu durchstehen. Sie richten ihre Gedanken auf etwas, das jenseits des eigenen Ichs liegt und finden daher etwas, das dem reinen Egoisten stets verborgen bleiben muss: einen grundlegenden, inneren Frieden.
Von dem pazifistischen Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi (1869-1948), der sich bei seinem unermüdlichen Einsatz für die Rechte von Minderheiten in Südafrika und für die Unabhängigkeit Indiens zahllosen Extremsituationen ausgesetzt sah, schlimme Anfeindungen erlebte, inhaftiert wurde und in Hungerstreik trat, ist der Ausspruch überliefert: „Ohne meinen Glauben wäre ich schon längst verrückt geworden.“
Auch der deutsche Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer (1906-1945), der von den Nationalsozialisten ins Konzentrationslager Flossenbürg deportiert und getötet wurde, sagte: „Im Glauben kann ich alles ertragen.“
Psychologische Untersuchungen zeigen, dass tief gläubige Menschen tatsächlich seltener an Depressionen oder Stresskrankheiten leiden, außerdem mit Verlusten besser fertig werden.
Der einflussreiche Schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie, C.G. Jung (1875-1961) schrieb bereits in seinem 1933 erschienen Buch „Modern Man in Search of a Soul“: „Unter all meinen Patienten, die in der zweiten Lebenshälfte stehen, also über 35 Jahre alt sind, gab es nicht einen, dessen Problem nicht letzten Endes darin bestand, einen Glauben zu finden. Man kann mit Gewissheit sagen, dass jeder von ihnen erkrankte, weil er verloren hatte, was jede lebendige Religion ihren Anhängern schenkt; sie konnten erst als geheilt betrachtet werden, wenn sie ihren Glauben gefunden hatten.“
Dennoch spielten Spiritualität und Glauben lange keine Rolle in den harten Wissenschaften. Die renommierte Wissenschaftsjournalistin Jo Marchant schreibt, dass es bis vor wenigen Jahren sogar als „Anti-Laufbahn“-Faktor galt, sich als Naturwissenschaftler mit Themen der Religion zu befassen. Doch seit einigen Jahren wendet sich das Blatt. Auch in der sogenannten Schulmedizin besteht seit einigen Jahren ein reges Interesse an Religion und Spiritualität als Heilmethode für psychische, aber zunehmend auch körperliche Leiden. Marchant fasst zusammen: „In wichtigen medizinischen und psychiatrischen Zeitschriften sind Tausende von Studien zu diesem Thema erschienen und medizinische Hochschulen in den USA bieten regelmäßig Kurse über Religion, Spiritualität und Gesundheit an.“
Ausgehend von der Erkenntnis, dass Glaube die geistigen und körperlichen Abwehrkräfte stärkt und besonders gut durch Krisen trägt, geht der ägyptische Psychologieprofessor Ahmed M. Abdel-Khalekin in über 20 Büchern immer wieder auch auf den direkten Zusammenhang von Glaube und Glück ein. Er zeigt, dass Menschen, die an eine höhere Macht oder ein über Leben und Tod hinausgehendes Weltmodell glauben, nicht nur besser durch Krisen kommen, sondern sich auch im Alltag als glücklicher wahrnehmen.
In der Bibel heißt es hierzu: „Bei Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe, von ihm kommt mir Hilfe. Nur er ist mein Fels, meine Hilfe, meine Burg; darum werde ich nicht wanken.“ (Psalm 62, Verse 2 und 3). Und im Koran steht geschrieben: „Im Gedenken Allahs finden die Herzen Ruhe!“ (Sure 13, 28).
Moderne Erklärungsansätze für Glaubensglück
Sigmund Freud war sicher einer der Ersten, der den Glauben an Gott oder an göttliche Kräfte rein psychologisch begründete. Der Mensch ist ihm zufolge mit einem ausgesetzten, streunenden Tier vergleichbar. Dieses Tier ist jedoch zu einem eigenen Selbstbewusstsein erwacht und sich somit seiner Sterblichkeit und der Absurdität seines kurzen Daseins auf Erden bewusst. Halt und Trost scheinen sich angesichts dieser Ungeheuerlichkeit im irdischen Rahmen allein nicht finden zu lassen. Der menschliche Geist beginnt daher, seine Existenz in einen größeren, einen übermenschlichen Zusammenhang einzuordnen.
Vor allem untersuchte Freud die ihm vertrauten, das heißt die monotheistischen Glaubensmodelle, die auf einen Schöpfergott gerichtet sind. Speziell ihr Zustandekommen begründete er mit dem Wunsch des Menschen, lebenslänglich Kind zu bleiben. Auch der Erwachsene wolle die wohligen Gefühle seiner Kindheit konservieren. Indem er einen höheren Vater erschafft, kann er weiterhin zumindest einen Hauch frühkindlicher Geborgenheitsgefühle bewahren: Der übermenschliche Vater ist schließlich immer da.
Der Anthropologe Lionel Tiger und der Neurologe und Psychiater Michael Mc Guire führen in ihrem gemeinsam verfassten Buch „God’s Brain“ anhand wissenschaftlicher Studien vor, dass Freuds philosophische Einsichten tatsächlich auch in messbare Fakten umgedeutet werden können. So untersuchten sie Menschen, die tief gläubig waren und auch regelmäßig religiöse Rituale vollzogen. Bei diesen Gläubigen ließ sich im Hirn ein erhöhter Serotoninspiegel messen.
Das bereits beschriebene „Zufriedenheitshormon“ Serotonin, hat eine starke Wirkung auf die Stimmungslage. Es gibt dem Menschen das Gefühl von Gelassenheit, Geborgenheit, innerer Ruhe und Zufriedenheit, während gleichzeitig Angstgefühle, Kummer, auch Aggressivität oder Hungergefühle gemindert werden. Depressive Verstimmungen lassen sich häufig auf einen Mangel an Serotonin zurückführen. Lionel Tiger folgerte aus der Erkenntnis seiner Studien: "Kirchen, Tempel, Moscheen sind im Grunde Serotonin-Fabriken". Oder mit anderen Worten: Sie sind Glücks-Fabriken!
Auch eine Studie von Psychologen der University of Iowa bestätigte diese Erkenntnis. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass Menschen, die regelmäßig in die Kirche gingen, niedrigere Stresspegel hatten und einen geringeren Anteil des Entzündungsmarkers Interleukin-6 im Blut nachwiesen.
Sie ermittelten weiterhin, dass die gläubigen Kirchgänger nicht nur glücklicher waren, sondern dass sie auch länger lebten als eine ungläubige Vergleichsgruppe. Das hohe Alter, das der biblische Hiob letztlich erreichen sollte, steht somit durchaus im Einklang mit neuesten Forschungsergebnissen.
Welche Aspekte es genau sind, die jene Serotonin-Flut auslösen und daher beglückende Wirkung haben, ist jedoch nicht letztgültig geklärt. Vielleicht ist es, entsprechend der Erkenntnis Freuds, das Empfinden, mit einer göttlichen Macht stets jemanden hinter sich zu wissen, der aufpasst.
Wie der frühere Papst Benedikt XVI. (geb. 1927) in der Predigt der Messe zu seiner Amtseinführung sagte, ist schließlich nie allein, wer glaubt. Gott ist immer irgendwie dabei.
Aber auch die Gemeinschaft mit anderen Gläubigen kann eine Rolle spielen.
Vielleicht sind aber auch ganz andere, nur indirekt vom Glauben abhängige Aspekte von Bedeutung, wie z.B. die wohltuende Gewohnheit vertrauter Rituale oder die körperliche Bewegung, die ja allein schon beim Weg zur Kirche, zur Meditationsstätte, dem Tempel oder der Moschee vollzogen wird.
Auch die positive Heilserwartung streng gläubiger Menschen könnte wohltuend wirken. Die freudige Erwartung des göttlichen Segens, vielleicht auch von einem paradiesischen Jenseits, könnte eine erhöhte Dopaminproduktion bedingen. Das Wissen um die zuverlässig wiederkehrenden, wohltuenden Euphorie-Momente, könnte wiederum eine fröhliche Grundgelassenheit zur Folge haben.
Die Tatsache, dass der Glaube an eine gütige göttliche Macht dem Einzelnen psychologisch und auch körperlich gut tut, wird inzwischen jedenfalls kaum noch von einem Neuro-Wissenschaftler bestritten.
Dennoch wurde und wird der Glaube oft auch zu einer Bedrohung und damit zu einem Moment tiefen Unglücks.
Die Gefahr des Glaubens
Gemäß einem Diktum des Historikers und Philosophen Philipp Blom (geb. 1970) haben „ungebildete Geister eine Art Glauben als existentielle Krücke“ immer wieder benutzt, um mit dieser Krücke Andersdenkende kurzerhand zu erschlagen. In der Tat ist es naheliegend, dass ein Mensch, der in seinem Glauben so etwas wie Sinn und Halt gefunden hat, in jedem Andersdenkenden eine Bedrohung für seine wohltuende Weltanschauung erkennt.
Wie so oft liegen Glück und Unglück hier also gefährlich nahe beisammen. Glaube ist nie beweisbar und daher immer leicht anzugreifen. Oftmals erkennen Gläubige die einzige Chance zur Behauptung ihrer Wahrheit darin, Andersgläubige zu unterdrücken oder gar zu töten. Glaubenskriege und missionarisch begründete Feldzüge waren daher oft besonders brutal und sind auch heute noch Grund für viel äußeres Unglück.
Neben der Angst davor, den eigenen Glauben und damit den tieferen Lebenssinn zu verlieren, kann sich bei streng gläubigen Menschen jedoch noch eine andere Art von Angst bemerkbar machen: Die Angst vor dem strafenden Gott! Diese kann in besonders schlimmen Fällen krankhafte Formen annehmen. In medizinischen Fachkreisen wird von „ekklesiogener Neurose“ oder „religiös bedingten neurotischen Erkrankungen“ gesprochen. Gerade wenn Kinder sehr stark mit der Idee eines strafenden Gottes konfrontiert werden, besteht die Gefahr, dass sich Neurosen entwickeln. Wenn glaubhaft dargestellt wird, dass ein übermächtiger Gott alles sieht, jede noch so kleine Sünde erkennt und dann eines Tages gnadenlos bestraft, können tiefe Angstzustände ausgelöst werden. Panisch versuchen die neurotischen Gläubigen, jeder menschlichen Freude, jedem Genuss zu entsagen. In schlimmen Fällen droht eine totale Lähmung aus Angst vor einer versehentlich begangenen Sünde.
Gott als überwachende und strafende Institution zu interpretieren und diese Interpretation möglichst glaubwürdig zu vermitteln, erleichtert es natürlich, Menschen zu erziehen. Aus Angst vor der göttlichen Strafe versucht schließlich jeder, der wahrhaft an einen strafenden Gott glaubt, die vermeintlich göttlichen Lebensregeln zu befolgen. Und so verwundert es nicht, dass im Laufe der Geschichte gerade die Mächtigen den Glauben oft für sich instrumentalisierten. Schon der Gründervater der modernen Machtpolitik, Niccolò Machiavelli weist darauf hin, dass Menschen mit den Mitteln der Religion besonders gut zu lenken sind. Für ihn lag der politische Erfolg des Römischen Reichs darin begründet, dass die Römer die Religion meisterhaft zu bedienen wussten. Er folgert daraus, dass die Regierenden alles tun sollten, die Religion als Machtinstrument zu fördern, „auch wenn sie es für falsch halten“.
Auch höchste Vertreter der christlichen Kirche benutzten das Bild eines strafenden Gottes immer wieder dazu, Menschen in ihrem Sinne zu lenken, ihre Macht zu festigen, auszubauen und sich selbst nebenbei zu bereichern. In weiten Teilen des Mittelalters gaben gerade die Ärmsten oft ihren letzten Groschen dafür, den Vorfahren und sich selbst das imaginierte Fegefeuer zu ersparen. In Pracht und Reichtum schwelgende Kirchenvertreter schürten die Gottes-Ängste der Bevölkerung und horteten eifrig die empfangenen Groschen. In den meisten Fällen stand wahrscheinlich nicht allein kaltes Kalkül hinter dem kirchlichen Tun. Selbst die skrupellosesten Ablasshändler dürften vielmehr an die Richtigkeit ihres Vorgehens geglaubt haben. Menschen tendierten immer schon dazu, die Wahrheit nach den eigenen Bedürfnissen zu gestalten. Die des Lesens und Schreibens nicht mächtigen und daher völlig ungebildeten Mehrheiten des europäischen Mittelalters hatten allerdings noch nicht einmal die Chance, die vorgeblichen Wahrheiten ihrer Lebenswelt zu hinterfragen.
Ab dem frühen 16. Jahrhundert machte sich jedoch der schon im letzten Kapitel angesprochene Wandel breit. Infolge von Buchdruck, Luther‘scher Bibelübersetzung und protestantischer Bildungsinitiativen (die vor allem auch das Ziel hatten, möglichst viele papst-kritische Bibelleser zu schaffen) konnten sich Gläubige zunehmend ihr eigenes Bild von den religiösen Zusammenhängen machen. Indem immer mehr Menschen lesen und schreiben lernten, verfeinerte sich auch die Fähigkeit, sich in fremde Gedanken einzufinden. Wer liest, sieht die Welt schließlich immer aus der Perspektive eines anderen. Die Gedankenvielfalt und das Abstraktionsvermögen nehmen zwangsläufig zu.
Somit begann ein nachhaltiger Prozess der menschlichen Emanzipation von der kirchlichen Vorherrschaft, der schließlich zur europäischen Aufklärung führte. Einzelne Aufklärer schlugen nun erstmals Atheismus als neues Heilsversprechen vor. So schrieb beispielsweise der französische Philosoph Paul Thiry d’Holbach (1723-1789), dass Religion den „Gebrauch von Vernunft“ verbiete, somit die menschliche Weiterentwicklung hindere und daher abgeschafft werden müsse.
Letztlich mündete diese Entwicklung in der 1882 gestellten, berühmten Diagnose Friedrich Nietzsches, wonach Gott tot sei. Nietzsche meinte damit, dass eine einheitliche Glaubenslehre nicht mehr existiere und es damit auch keine letzte Wahrheit mehr geben könne. Er wies in gewissem Sinne den Weg in die Postmoderne der Gegenwart, in der es so viele Wahrheiten wie Menschen zu geben scheint.
Die kritische Distanz zur Religion hat viele Vorteile gebracht. Zumindest in der westlichen Welt gibt es kaum noch „„ekklesiogene Neurosen“. Auch religiös bedingte Kriege oder religiös motivierte Anschläge sind im historischen Vergleich selten geworden – weswegen sie allerdings umso fassungsloser zur Kenntnis genommen werden.
Zugleich ist allerdings ein neues, vordergründig vielleicht weniger bedrohlich anmutendes Problem erwachsen. Die Nachfahren des „toten Gottes“ der Weltreligionen sind nämlich zahlreich und stiften in ihrer Vielfalt Verwirrung. Es wurde schon angesprochen, dass ein regelrechter Konkurrenzkampf verschiedener Glaubensangebote tobt. Neben den alten Weltreligionen haben sich zahllose „Patchworkreligionen“ entwickelt, die verschiedene Elemente in sich vereinen. Auch jeder vorgeblich individuelle Glaube fußt natürlich auf Erfahrungen aus der Umgebung und orientiert sich immer an bekannten Glaubensmustern. Inzwischen begegnen daher immer öfter sonderbarste Glaubenskonstruktionen, die sich aus Elementen verschiedenster bestehender Religionen zusammensetzen. Gerade aus Buddhismus, christlicher Mystik, islamischem Sufismus und jüdischer Kabbala werden in der Gegenwart gerne Anleihen genommen und im Sinne des Zeitgeists angewendet.
Es wird somit immer schwerer, zu einem wahrhaft glaubwürdigen Glauben zu finden. Glaube wird immer mehr zum Teil eines marktwirtschaftlichen Systems. Ein Glaubensmodell muss, will es heute Erfolg haben, vor allem den individuellen Wünschen möglichst vieler Menschen entsprechen. Statt wie über Jahrtausende ein Korrektiv des schier grenzenlosen menschlichen Egos darzustellen, wird der Glaube damit zu einem weiteren Spielball eben jenes Egos.
Indem immer mehr Religionen versuchen, sich marketingtechnisch gut zu inszenieren, werden sie zugleich beliebig. Sie erscheinen ihrerseits als Fluidum im endlosen Weltenmeer. Ihre Absolutheit, Erhabenheit und Unbedingtheit geht verloren. Indem selbst Religionen plötzlich genauso relativ wie alles andere erscheinen, verlieren sie ihren ur-eigenen Wert. Sie sind eben kein Fels in der Brandung mehr. Sie verkommen ihrerseits zu bedeutungslosen Wellen, die dem Sturm der Zeit hilflos ausgeliefert sind.
In der Gegenwart werden alternative Glaubens- und Religionsangebote oft als Wellnessprogramm verstanden. Den angeblich überkommenen Weltreligionen wird hingegen immer öfter vorgeworfen, zu wenig Wellness zu beinhalten.
Und so scheint sich jeder das Glaubensmodell zu suchen, das unmittelbar die beste Wirkung zeitigt, in Einklang mit den individuellen Wünschen und Bedürfnissen zu bringen ist und kurzfristige Wohlfühlmomente generiert. Sobald einzelne Elemente dieses Glaubensangebots nicht mehr gefallen, wird kurzerhand ein neues gesucht. Die Wirkung der Religion verkehrt sich somit ins Gegenteil: Statt innerer Ruhe bringt sie Stress. Man könnte ja das ideale Glaubensangebot übersehen und seine Wirkung verpassen! Man hangelt sich von Angebot zu Angebot, wandert von Priester zu Guru und zurück, reist ins Schweigekloster nach Burma, tanzt mit Sufis in der Türkei oder pilgert während des Sommerurlaubs nach Santiago de Compostela.
Der postmoderne Mensch ist auf der Suche, doch er weiß nicht, was er sucht. Der Bezugspunkt liegt nicht mehr außerhalb des Menschen, sondern in seinem Inneren. Er will unmittelbare Befriedigung. Bekommt er sie nicht, ist das als falsch erkannte spirituelle Angebot eben schuld. Das volle und bedingungslose Aufgehen in einem Glauben ist angesichts der Einsicht in ihre Relativität kaum noch möglich. Der Zweifel ist von vornherein so stark, dass bei einem ersten Moment des Unbehagens sofort auf andere spirituelle Angebote zurückgegriffen wird. Die glücksspendende Kraft des Glaubens versiegt. Immerhin verdienen viele Sekten, Gurus und Heilsverkäufer aller Art viel Geld mit ihren angebotenen Wellnesskuren in Sachen Glaube.
Immer mehr Menschen wenden sich jedoch gänzlich von jeder Form von Religion ab. Ihre Glaubensmodelle sind nur noch rein naturwissenschaftlicher Art. Sie glauben nicht mehr an eine höhere Macht oder eine tiefere spirituelle Kraft, sondern einzig an einen großen, mehr oder weniger gut nachvollziehbaren Zufall in Form eines Urknalls, der zu einer mechanisch funktionierenden Welt aus logisch ableitbaren und daher erklärbaren Ursache- und Wirkungszusammenhängen führte.
Daher treffen die Thesen des renommierten Evolutionsbiologen Richard Dawkins (geb. 1941) auf einen reichen Nährboden. Für Dawkins ist Glaube intellektueller Unsinn, der vornehmlich eine Bedrohung für den Menschen darstellt. Erziehung im Sinne einer Religion bezeichnet Dawkins als Kindswohlgefährdung. Sie stelle stets eine Indoktrination dar, die Grundlage für potentiellen Fanatismus sei und bleibende psychische Schäden bedingen könne.
Er und viele, die bewusst oder unbewusst in seinem Sinne leben, übersehen dabei die glücksstiftende Kraft wahrhaften Glaubens. Zudem scheinen sie nicht zu bemerken, dass auch eine atheistische Erziehung eine Indoktrination darstellt. Auch ihre Anschauung ist letztlich eine Form von Glaube: der Glaube an die aktuelle Wissenschaft. Zu glauben, dass der heutige Wissensstand allgemeingültig ist, muss jedoch als naiv gelten. Wahrscheinlicher ist eher, dass Menschen in Zukunft ähnlich amüsiert auf die Glaubenswahrheiten unserer Gegenwart zurückblicken werden, wie wir auf einige der Glaubenswahrheiten unserer Vorfahren schauen.
Die wohltuende Kraft des Glaubens an eine göttliche Wahrheit bleibt somit jedenfalls immer mehr Menschen der modernen Welt des Westens verborgen. Statt „ekklesiogener Neurose“ oder „religiös bedingten neurotischen Erkrankungen“ begegnen daher immer öfter spirituelle Leere und Depression.
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