Kitabı oku: «Das Geheimnis vom Oranienburger Thor»
Horst Bosetzky

Von Gontards siebenter Fall
Criminalroman
Jaron Verlag
Horst Bosetzky alias –ky, emeritierter Soziologieprofessor, lebt in Berlin und gilt als »Denkmal der deutschen Kriminalliteratur«. Mit einer mehrteiligen Familiensaga, zeitgeschichtlichen Spannungsromanen und biographischen Romanen (wie »Turnvater Jahn«, 2014) avancierte er zu einem der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Im Jaron Verlag erschienen von ihm daneben zahlreiche Titel für die erfolgreichen Krimiserien »Es geschah in Berlin« (zuletzt »Auge um Auge«, 2014) und »Es geschah in Preußen« (zuletzt »Aufruhr am Alexanderplatz«, 2013).
Originalausgabe
1. Auflage 2014
© 2014 Jaron Verlag GmbH, Berlin
Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
www.jaron-verlag.de
Umschlaggestaltung: Bauer+Möhring, Berlin,
unter Verwendung einer Abbildung von akg-images
Satz: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014
ISBN 978-3-95552-036-6
Inhalt
Cover
Titel
Über den Autor
Impressum
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Einundzwanzig
Zweiundzwanzig
Eins
Lucusta ist eine der berühmtesten Giftmischerinnen der Geschichte. Sie lebt im Rom des ersten nachchristlichen Jahrhunderts und hat ein enges Verhältnis zur Kaiserin Agrippina. Für sie mischt Lucusta das Gift, mit dem die Kaiserin ihren Mann und Onkel, den Kaiser Claudius, umbringt. Agrippina möchte den Sohn aus ihrer ersten Ehe an die Macht bringen, einen Mann namens Nero. Allerdings steht diesem Vorhaben Neros Stiefbruder Britannicus im Wege, Sohn des Claudius und der Valeria Messalina. Nero fürchtet, dass Britannicus wegen seiner edlen Herkunft im Volke beliebter sein könnte als er. Außerdem neidet er ihm die klangvollere Stimme. Der Stiefbruder muss also verschwinden! Nero wendet sich an Lucusta, und die lässt sich nicht lange bitten. Aber ihr Gift wirkt nicht, und Britannicus erleidet lediglich eine harmlose Diarrhö. Daraufhin gerät Nero in Rage. Er lässt Lucusta kommen und verprügelt sie eigenhändig. Sie solle ihm sofort ein Gift mischen, das augenblicklich Wirkung zeige. Lucusta macht sich an die Arbeit. Um das Gift zu testen, lässt sie den Sklaven Tiro rufen. Der freut sich über das Pilzgericht, das man für ihn aufgehoben hat – und stirbt auf der Stelle. Jetzt kann Nero seinen Stiefbruder aus dem Weg räumen.
So hatte der Theaterdichter Ernst Raupach sein Stück Die Giftmischerin im Kopf. An diesem Morgen kam er jedoch partout nicht voran, denn er litt unter dem trüben Januar. Wenn er eine besondere Gabe für die Poesie besessen hätte, wäre eine Elegie nach der anderen entstanden.
Vier Jahre waren seit dem Scheitern der großen Revolution vergangen, die Hoffnung auf eine liberale Verfassung wie auch auf einen einigen deutschen Nationalstaat hatte begraben werden müssen. Die politische Reaktion hatte auf ganzer Linie gesiegt. So mancher Bürger schlich bedrückt durch die Straßen, und besonders die geistige Elite Preußens war von einer nie gekannten Lethargie befallen. Selbst nach den Karlsbader Beschlüssen und der Demagogenverfolgung war man reger gewesen. Der verhasste Polizeipräsident Carl Ludwig von Hinckeldey beherrschte die Berliner Gesellschaft mit Hilfe von Spitzeln, Pressezensur, Passkontrollen, Razzien in Wirts- und Vereinshäusern, Verhaftungen von Demokraten und anderen Schikanen. Er schreckte nicht einmal davor zurück, höhere Regierungsbeamte und die Leibgarde des Königs zu überwachen.
Ernst Raupach war im Jahre 1784 in der Nähe von Liegnitz zur Welt gekommen, hatte einige Jahre in Russland verbracht und lebte seit dem Jahre 1824 in Berlin. Ein Reisebericht mit dem Titel Hirsemenzel, das Theaterstück Die Fürsten Chawansky und andere Werke hatten ihm die Gunst des Publikums wie der Kritiker gesichert, und man hatte ihn schon als Nachfolger Friedrich Schillers gehandelt. Nun, daraus mochte nichts geworden sein, aber immerhin schätzte man ihn in Preußen so sehr, dass die Hohenzollern ihm den Rothen Adler-Orden III. Classe verliehen und einen beachtlichen Ehrensold bewilligt hatten. Seine nunmehr 67 Jahre empfand Raupach als Last, aber seit seiner zweiten Eheschließung im Jahre 1848 fühlte er sich doch ein wenig jünger. Seine Ehefrau Amalie Pauline, geborene Werner, hatte sich als Schauspielerin und Schriftstellerin einen gewissen Namen gemacht und war mit ihren 41 Jahren erheblich jünger als er. Und so wollte Raupach an diesem Morgen beim gemeinsamen Frühstück nicht übermäßig klagen, als sie ihn nach seinem Wohlergehen fragte. Doch ganz darauf verzichten mochte er auch nicht. »Ich habe wie immer schlecht geschlafen. Ständiger Harndrang, Nachtschweiß, Rückenschmerzen und schlimme Träume haben mich geplagt.«
»Du Armer!« Amalie Raupach streichelte voller Mitgefühl seine Hände, auf deren Oberfläche sich die Adern immer deutlicher abzeichneten. Eine ironische Bemerkung konnte sich Raupachs Ehefrau jedoch nicht verkneifen. »Bitte erzähle mir stets ausführlich von deinen Leiden! Du weißt, dass ich nach deinem Ableben eine Raupach-Biographie veröffentlichen möchte.«
»Das ist lieb von dir, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass das Buch im Himmel käuflich zu erwerben sein wird.«
Kaum hatte das Dienstmädchen den Frühstückstisch abgeräumt und Amalie Raupach sich zum Schreiben zurückgezogen, wurde am Klingelzug gerissen, und Ludwig Rellstab erschien zu einer kleinen Plauderei. Rellstab, geborener Berliner, war ein bedeutender Musikkritiker der Vossischen Zeitung, hatte aber auch schon historische Romane, Novellen, Dramen, Reiseschilderungen und Gedichte veröffentlicht und sich als Buchhändler versucht. In Berlin kannte ihn nahezu jeder, denn zum einen hatte er während der Märzrevolution 1848 den König Friedrich Wilhelm IV. – leider vergeblich – überreden wollen, sich für eine Einigung zwischen Militär und Volk einzuset- zen, und zum anderen hatte er sich musikalische Heroen wie Donizetti, Rossini, Wagner und Meyerbeer durch ätzende Kritiken zu Erzfeinden gemacht und war von ihnen obendrein verklagt worden. Der Komponist und Berliner Generalmusikdirektor Gaspare Spontini hatte es sogar geschafft, Rellstab für sechs Wochen hinter Gitter zu bringen. Da Rellstab großes Geschick darin bewies, Künstler lächerlich zu machen, deren Werke ihm nicht zusagten, war Raupach bei aller Freundschaft immer etwas befangen, wenn der Musikkritiker zu ihm nach Hause kam. Und richtig, kaum war Rellstab eingetreten, hatte er im Bücherregal Raupachs sechzehnteiligen Hohenstaufen-Zyklus entdeckt. »Nun«, fragte Rellstab mit einem maliziösen Lächeln, »jetzt arbeiten Sie an den Folgen siebzehn bis fünfundzwanzig?«
Raupach antwortete ernst: »Nein, denn in diesem Fall müsste ich weit in die Zukunft denken, und wir haben leider kein Orakel in der Stadt.«
»Ich fände es großartig, könnten wir eines erschaffen! Vielleicht könnte man es in den Müggelbergen beheimaten.«
Raupach überhörte das. »Was gibt es Neues in Berlin?«
Rellstab schien diese Frage in gereizte Stimmung zu versetzen. »Alles jammert über die obwaltenden Zustände und den angeblichen Stillstand, aber das ist nicht gerechtfertigt! Industrie und Handel entwickeln sich prächtig. Siemens & Halske sind, was die Telegraphie betrifft, das führende Unternehmen in Europa, und Borsig baut eine Lokomotive nach der anderen.«
»Sehr schön.« Mehr fiel Raupach dazu nicht ein.
»Und woran arbeiten Sie gerade, lieber Raupach?«, fragte Rellstab nun endlich.
»Ich schreibe an einem Stück über eine Giftmischerin aus der Antike«, verriet Raupach.
Rellstab staunte. »Wie sind Sie auf ein solches Thema gekommen?«
»Nicht nur Siemens und Borsig werden in Zukunft Berlins Wirtschaft bestimmen, sondern auch unsere Apotheker. Sie wollen große Fabriken zur Herstellung von Medikamenten erbauen lassen, unterstützt von Chemikern wie diesem Friedlieb Ferdinand Runge aus Oranienburg. In der Literatur werden Apotheker mitunter als zwielichtige Giftmischer dargestellt. So kam mir die Idee zu meinem neuen Stück.«
Rellstab zeigte sich beeindruckt. »Sie erschließen sich also gerade ein neues Feld.«
»In der Tat. Und ich will die Menschen vor Giftmischerinnen und Giftmischern aller Art warnen, obwohl mir hier in Berlin gottlob nichts von Giftmorden bekannt ist. Meine Protagonistin ist die Lucusta, eine Giftmischerin aus dem alten Rom. Ich sehe die Weltgeschichte geradezu als eine Geschichte der Giftmorde.«
Rellstab sah lächelnd zu Raupach hinüber. »Sie müssen sich über die Giftzubereitung in der antiken Welt ausführlich kundig gemacht haben.«
»Davon können Sie ausgehen. Viele Stunden habe ich in den verschiedensten Bibliotheken zugebracht, und ich habe auch einige Forschungsreisende befragt, zum Beispiel Alexander von Humboldt. Als gesichert darf gelten, dass die ersten Gifte, gewonnen aus Kräutern und Pilzen, aus dem Orient nach Europa gekommen sind. An vielen griechischen und hellenischen Höfen soll es gang und gäbe gewesen sein, lästige Konkurrenten zu vergiften.«
Rellstab nickte. »Davon habe ich gehört. Attalos III., der letzte König von Pergamon, soll eigens einen Garten angelegt haben, um Giftpflanzen zu züchten.«
»Bilsenkraut, Nieswurz und Schierling hat er der Überlieferung nach angebaut«, ergänzte Raupach.
»Das erinnert mich an Sokrates!«, rief Rellstab. »Der hat doch den Schierlingsbecher leeren müssen.«
Raupach überlegte. »Dann gab es in der Antike noch Akonit und Dorycnium.«
»Das kenne ich nicht.«
»Akonit ist Eisenhut, und Dorycnium meint nichts anderes als Backenklee. Man gewann im Altertum aber auch Tieren Gifte ab, etwa Schlangen, Kröten und Salamandern. Eine Reihe mineralischer Gifte war ebenfalls bereits entdeckt und ausprobiert worden, etwa Grünspan, Bleiweiß oder Quecksilber, obwohl Letzteres in der Antike auch als Heilmittel Verwendung fand.«
Rellstab hatte Bedenken, was Raupachs Bühnenstück anging. »Wenn die Berliner durch Sie erfahren, was in der Giftmischerei alles möglich ist, kann man nur hoffen, dass Ihre Zuschauer nicht in Versuchung geraten. Ich sehe das Szenario schon vor mir: Eine Frau, die durch Ihre Geschichte auf den Geschmack gekommen ist – die Giftmischerin von Berlin.«
Raupach lachte. »Wozu haben wir unseren trefflichen Gontard? Der würde sie schon in kürzester Zeit überführt haben.«
Oberst-Lieutenant Christian Philipp von Gontard hatte Weihnachten 1851 und den Jahreswechsel mit seiner Frau Henriette und den beiden herangewachsenen Kindern auf dem Familiengut Wutike verbracht, das etwas abseits in der Prignitz gelegen war. Da entfernte Verwandte ganz in der Nähe lebten, in Wolfshagen und Groß Pankow, hatte man auch in der Einsamkeit genügend Gesellschaft gehabt. Nun ging es zurück nach Berlin, wo Gontard an der Vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule unterrichtete – noch, hätte man hinzufügen müssen, denn der Oberst-Lieutenant hatte im Jahre 1848 trotz seiner Verpflichtung zur Königstreue auf den Barrikaden gestanden und war dem Polizeipräsidenten von Hinckeldey schon lange ein Dorn im Auge. Doch enge Freunde im Umkreis des Königs hatten sich immer wieder für Gontard eingesetzt. Wie lange würde das noch gutgehen?
Von Hamburg nach Berlin fuhren nur wenige Züge am Tag, und so war es ratsam, pünktlich in Wittenberge zu sein, wo man zusteigen wollte. Gontard trieb die Seinen an: »Beeilt euch bitte! Der Kutscher wartet schon, es ist kalt!«
»Wir sind noch viel zu müde, wir können nicht so schnell!«
Von Wutike nach Wittenberge waren es fast sieben preußische Meilen, also etwa fünfzig Kilometer. Dafür brauchte eine Kutsche mit zwei Pferden rund fünf Stunden, die nötigen Pausen eingerechnet. Wenn sie am späten Nachmittag in Berlin eintreffen wollten, mussten sie in aller Herrgottsfrühe aufbrechen, denn von Wittenberge bis in die preußische Hauptstadt waren es noch einmal über 150 Kilometer. Borsigs Lokomotiven erreichten eine Geschwindigkeit von 35 Kilometern pro Stunde. Endlich saßen alle in der Kutsche, die Gontard im nahen Dorf Gumtow gemietet hatte.
»Hü!« Es ging los. Der Gutsinspector und das Gesinde winkten. Gontard setzte sich nach vorn auf den Bock, um ein wenig mit dem Kutscher zu plaudern. Das sollte er bald bereuen, denn der Mann aus Gumtow war alles andere als gesprächig. Außerdem war es im Fahrtwind so bitterkalt, dass Gontard Angst hatte, ihm würde die Nase abfrieren. Er fragte den Alten, ob die Menschen in der Prignitz über den Ausgang der Revolution enttäuscht seien.
Die Antwort kam nach einem Moment der Stille. »Bloots nich noch rechts un links kieken!«
Gontard musste das erst für sich aus dem Plattdeutschen übersetzen, um es zu verstehen. »Nur keine Veränderung!«
»Jo. Trau kien Oss van vörn, kien Perd van achtern un kein Minsk üm die to!«
Gontard nickte. Der Mann wollte sich einem Fremden gegenüber zu politischen Fragen nicht äußern. Gontard ließ anhalten und setzte sich zu seinen Lieben in die Kutsche. Auch dort war es nicht gerade warm, aber er fror doch nicht mehr ganz so erbärmlich.
Sie kamen durch Perleberg hindurch und grüßten das Roland-Standbild. Schließlich standen sie in Wittenberge auf dem Bahnhof und warteten auf den Zug aus Hamburg.
»Gerade einmal vor sechs Jahren hat die Bahn von Hamburg nach Berlin den Betrieb aufgenommen«, sinnierte Gontard. »Und mir scheint es schon eine Ewigkeit her zu sein, dass wir die Strecke von Wittenberge nach Berlin mit der Postkutsche zurückgelegt haben.«
»Daran siehst du, Vater, dass sich in der Welt doch so einiges ändert«, sagte der siebzehnjährige Ferdinand. »Der Ökonom Friedrich List wird schon recht haben mit seiner Annahme, dass der Eisenbahnbau die Zollschranken in Deutschland überwindet und wir irgendwann doch noch ein einiges Reich bekommen.«
»Das mag vielleicht eintreten, Ferdinand, aber ob die Bürger dann mehr Rechte und Freiheiten haben, sei dahingestellt.«
Henriette verdrehte die Augen. »Ihr immer mit eurer Politik! Denkt an Goethes Worte: Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied!«
Luise, fünfzehn Jahre alt, brachte das Gespräch auf Prinzessin Charlotte von Preußen, die vor zwei Jahren den Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen geheiratet hatte. So fröhlich hatte Gontard seine Tochter selten erlebt. »Nach der Hochzeit hat der König dem Ehepaar gestattet, im Nordflügel des Potsdamer Marmorpalais zu wohnen, und von ihrer Mutter hat die Prinzession die Villa Carlotta in Italien übereignet bekommen. Einem Sohn hat Charlotte auch bereits das Leben geschenkt, Bernhard heißt er.«
Ferdinand sah seine Schwester an. »Denkst du etwa, der könnte dich dermaleinst heiraten? Bei dem Altersunterschied halte ich das eher für unwahrscheinlich.«
Unter den Geschwistern entspann sich ein Zank, und es verging eine Weile, ehe Luise erzählen konnte, warum sie Charlotte von Preußen so überaus schätzte. »Sie ist ungeheuer musikalisch, und sie komponiert sogar selbst.«
»Da kommt der Zug!«, rief Ferdinand, der in Richtung Nordwest eine hoch in den Himmel steigende Rauchfahne entdeckt hatte.
Gontard war es zwar gelungen, Billetts für die erste Klasse zu erwerben, sie mussten das Abteil aber mit zwei Fremden teilen, was die familiäre Konversation erheblich erschwerte. Doch sie hatten Glück, denn der Herr am Fenster, der nicht viel älter als dreißig Jahre alt sein mochte, stellte sich als Eduard Titz vor. »Architekt und Baumeister aus Böhmen.«
»Angenehm!« Gontard stand auf und verbeugte sich. »Natürlich wissen wir, welch berühmte Persönlichkeit Sie sind. Spätestens, seit das Friedrich-Wilhelm-Städtische Theater vor zwei Jahren eröffnet worden ist, kennt in Berlin nahezu jeder Ihren Namen.« Gontard machte auch seine Frau und seine Kinder mit Eduard Titz bekannt, dann fragte er den Architekten, mit welchen Aufträgen er derzeit beschäftigt sei.
»Einen Bebauungsplan für Köpenick soll ich erarbeiten, vor allem aber hält mich gerade Krolls Etablissement auf Trab.« Das war im vergangenen Jahr völlig abgebrannt, und Titz war der Wiederaufbau übertragen worden.
»Für diese Arbeit sollte man Ihnen zum nächsten runden Geburtstag den Rothen Adler-Orden verleihen«, fand Henriette.
Titz lachte. »Ich kann mir nicht einmal sicher sein, wann mein nächster runder Geburtstag ist. Niemand weiß genau, in welchem Jahr ich auf die Welt gekommen bin, vom Tag ganz zu schweigen. Es muss 1819 oder 1820 gewesen sein.«
Henriette lachte. »Es heißt doch immer, man sei so alt, wie man sich fühle.«
»Wenn ich danach ginge, wäre ich erst sieben Jahre alt und säße im Sandkasten, um Pyramiden, Burgen und Schlösser zu bauen, wobei …« Er brach ab, denn der Zug bremste so abrupt, dass alle nach vorne gerissen wurden und beinahe von ihren Sitzen fielen.
»Wahrscheinlich stand eine Kuh auf den Schienen«, vermutete Luise, nachdem der erste Schreck vorüber war.
»Nein, bestimmt ist die Lok entgleist!«, rief Ferdinand. »Wir werden bis Berlin alle schieben müssen.« Dann gab er Geschichten über die schrecklichsten Unfälle zum Besten, die es in aller Welt gegeben hatte, seit Dampfrösser über die Schienen glitten. Ferdinand wollte einmal Ingenieur werden und zu Borsig oder einer der Eisenbahngesellschaften gehen und war der Ansicht, dass man aus Katastrophen viel lernen könne. »Das erste Todesopfer hatte man schon am 15. September 1830 in England zu beklagen, in Newton-le-Willows. Am Eröffnungstag der Liverpool and Manchester Railway hat die legendäre Rocket einen Mann überfahren und tödlich verletzt. Acht Tote und achtzehn Schwerverletzte hat es am 24. Dezember 1841 gegeben, wiederum in England, als bei Sonnig eine Zugfahrt durch einen Erdrutsch jäh gestoppt wurde. Das ist aber nichts gegen das Unglück, das sich am 8. Mai 1842 in der Nähe von Versailles ereignet hat: Der Personenzug nach Paris ist nach einem Achsbruch an der Vorspannmaschine entgleist, fünfzig Menschen sind verbrannt, unzählige wurden verletzt.«
In diesem Augenblick meldete sich die Dame zu Wort, die bis eben schweigend und mit geschlossenen Augen Eduard Titz gegenüber am Fenster gesessen hatte. »Hören Sie endlich mit Ihren scheußlichen Geschichten auf, junger Mann, sonst ziehe ich mein Terzerol aus der Tasche und zwinge Sie zum Verlassen des Zuges! Ich halte das nicht mehr aus!«
So, wie sich die Dame präsentierte, vermutete Gontard, dass es sich um eine Schauspielerin handelte. Um ihr zu schmeicheln und um sie zu beruhigen, fragte er, ob sie in Berlin nicht kürzlich auf der Bühne gestanden habe.
»Ihre Frage ehrt mich, aber den Traum von einer Laufbahn als Schauspielerin habe ich schon lange aufgegeben. Vor acht Jahren habe ich zwar einen Ruf ans Berliner Hoftheater erhalten, um dort – als Sängerin wie als Schauspielerin – die Nachfolge von Amalie Wolff-Malcomi anzutreten, wegen meiner familiären Pflichten habe ich aber abgelehnt und mich ganz der Ausbildung meiner drei Töchter gewidmet, die alle auf die Bühne wollen.«
»Dann sind Sie Henriette Schramm-Graham!«, entfuhr es Gontards Frau.
»So ist es.«
Damit war die Stimmung im Abteil wiederhergestellt, und der Rest der Fahrt verging wie im Flug. Im Nu waren die Zwischenstationen Wilsnack, Glöwen, Friesack, Paulinenaue und Nauen passiert. Als sie in Spandau hielten, zog Gontard seine Taschenuhr hervor. »Paul Quappe wird bestimmt schon am Hamburger Bahnhof stehen, um uns in Empfang zu nehmen.«
Doch als sie dort ankamen, war Gontards Bursche, den man in Berlin zurückgelassen hatte, um das Haus in der Dorotheenstraße zu bewachen, nirgends zu entdecken.
»Hat der uns doch glattweg vergessen!«, schimpfte Gontard. »Der Kerl hat wirklich nur Flausen im Kopf. Wahrscheinlich hockt er wieder bei seinem Vater in Schönschornstein.«
Zum Glück gab es genügend Dienstmänner, die Koffer und Taschen der Gontards zu einer der bereitstehenden Droschken schaffen konnten. Der Heimweg führte sie zuerst ein Stück die Invalidenstraße entlang, dann bogen sie rechts am Neuen Thor in die Luisenstraße ab und fuhren auf ihr bis zum Karlplatz, um dann auf der Karl- die Friedrichstraße zu erreichen. Zur Dorotheenstraße war es nun nicht mehr weit.
Es wäre Paul Quappes Pflicht gewesen, wenigstens jetzt vor der Haustür zu stehen und auf die Familie zu warten, aber er war nicht zu sehen. Das neue Dienstmädchen würde erst morgen Vormittag in Berlin eintreffen, mit ihm war ohnehin nicht zu rechnen gewesen.
Der Kutscher stapelte all das Gepäck auf dem Bürgersteig, wurde entlohnt und eilte von dannen. Gontard bummerte gegen die Haustür und rief nach Quappe, doch nichts geschah. »Warte, Bursche!«, brummte Gontard, so gutmütig er sonst auch war. »Dafür gehörst du für eine Nacht in die Hausvogtei.«
Was blieb ihm, als selbst aufzuschließen? Doch als er den Haustürschlüssel herumdrehen wollte, merkte er, dass gar nicht abgeschlossen war. Auch das noch! Er stieß die Tür auf – und fuhr zurück. Vor ihm auf dem Boden lag Paul Quappe in einer Blutlache.
Dr. Friedrich Kußmaul war Gontards ältester und bester Freund und erwartete diesen schon fast sehnsüchtig aus Wutike zurück. Gern hätte er die Familie vom Hamburger Bahnhof abgeholt, aber seine Praxis war am 2. Januar, der auf einen Freitag fiel, so voll von Patienten, dass einige von ihnen im Treppenhaus platziert werden mussten. Die meisten hatten Probleme mit Magen, Darm und Galle, denn an den Weihnachtsfeiertagen hatte man zu fett gegessen und zu Silvester zu viel getrunken.
Kaum hatte Kußmaul den letzten Kranken versorgt, sagte er seiner Frau für ein Stündchen adieu und machte sich auf den Weg zu Gontard. Er hätte eine Droschke nehmen können, aber er wusste, wie gut ihm gerade nach diesen anstrengenden Stunden in der Praxis ein wenig Bewegung tun würde. Außerdem mochte er es, die Leipziger Straße entlangzugehen, gab es dort doch immer etwas zu entdecken, und man traf bisweilen auf Mitbürger, die in der Stadt eine gewisse Reputation genossen. So war Adolf Glaßbrenner hier zur Welt gekommen, und im Haus No. 3 hatte die Familie Abraham Mendelssohn Bartholdy schon seit einem Vierteljahrhundert ihren Wohnsitz. Auch die Friedrichstraße konnte mit einigen berühmten Anwohnern glänzen, zum Beispiel Alexander von Humboldt. Von Napoleon Bonaparte hieß es, er habe 1806 mit drei Begleitern im Haus der Madame Bernhard eine vergnügliche Nacht verbracht.
»Gehe ich durch die Berliner Straßen, so ist es, als würde ich in einem selbstgeschriebenen Roman lesen«, behauptete Kußmaul immer wieder, um zu verdeutlichen, dass er die preußische Residenzstadt kannte wie seine Westentasche.
Als er am Haus seines Freundes in der Dorotheenstraße angekommen war, trat Criminal-Commissarius Waldemar Werpel gerade aus der Haustür heraus und winkte ihm zu. »Gut, dass Sie kommen, Herr Doktor! Gontards Bursche wurde umgebracht.«
Kußmaul stürmte in den Hausflur und drängte alle beiseite, die sich um Quappe versammelt hatten. Henriette von Gontard wischte dem Burschen gerade das Blut von der Stirn. Der Doktor kniete sich daneben, zog einen kleinen Taschenspiegel hervor und hielt ihn Quappe vor den Mund. Dann fühlte er den Puls.
»Der lebt noch«, stellte Kußmaul schließlich fest. »Er muss einen Schlag auf den Kopf bekommen haben und ohnmächtig geworden sein. Legt ihn auf das Sofa! Wenn ich seine Wunde säubere und nähe, wird er schon wieder zu sich kommen.«
So geschah es, und Paul Quappe konnte nach einiger Zeit berichten, dass er bei der Rückkehr vom Schneider einen Einbrecher überrascht habe und von diesem mit einer Keule niedergeschlagen worden sei.
Charles Corduans Vorfahren gehörten zu den zwanzigtausend Hugenotten, die nach dem Edikt von Potsdam, das der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg am 29. Oktober 1685 erlassen hatte, nach Brandenburg-Preußen gekommen waren. Sie hatten einige Schwierigkeiten gehabt, in Berlin Fuß zu fassen, denn Hof, Adel und die geistige Elite hatten die Hugenotten zwar freudig begrüßt, galt doch das Französische als Maß der Hochkultur, die einfachen Berliner aber hatten sie abgelehnt. Sie verstanden die Sprache der Hugenotten nicht, und die Franzosen waren ihnen zu wesensfremd. Die Nachkommen der Einwanderer wurden jedoch inzwischen akzeptiert, und in vielen Berufen waren die französischstämmigen Berliner sehr erfolgreich, insbesondere im Textilgewerbe sowie bei den Confituries, Pâtissiers und Cafetiers.
Corduan war Kürschner und hatte sein Geschäft in der Jägerstraße, unweit der Friedrichstraße. Seine Frau war vor Jahren gestorben. Nun besorgte ihm eine Magd, Susanna, den Haushalt. Außerdem war seine Nichte Caroline zur Stelle, wenn dringend etwas erledigt werden musste. Zwei Gesellen halfen ihm bei der Arbeit.
Der eine war gerade dabei, Galonleder mit dem Kürschnermesser zuzuschneiden, der andere hatte den Grotzenstecher in die Hand genommen, um die Fellmitte, den Grotzen, anzuzeichnen, als Oberst-Lieutenant Christian Philipp von Gontard in den Laden trat. Charles Corduan selbst war so darin vertieft, ein Fell auf eine hölzerne Unterlage zu nageln, dass er ihn gar nicht bemerkte.
»Bonsoir, Maître, ne vous laissez pas interférer avec le travail!«, sagte Gontard, um auf sich aufmerksam zu machen.
Der Kürschnermeister konnte das Gesagte zwar verstehen, sprach aber selbst kaum noch Französisch, so dass er Gontard auf Deutsch antwortete. »Von Ihnen lasse ich mich gern bei der Arbeit stören, denn Sie sind bestimmt gekommen, um sich einen neuen Pelz zu kaufen.«
»Es hat sich wohl schon herumgesprochen, dass bei mir eingebrochen wurde und man mir einiges gestohlen hat, darunter auch meinen Pelzmantel.« Gontard lachte. »Dann waren Sie das also, damit Ihr Umsatz ordentlich in die Höhe schnellt.«
»Sie haben mich ertappt! Aber das eigentlich Empörende ist, dass ich Ihnen jetzt Ihren Pelz als angeblich nagelneues Stück zum zweiten Mal verkaufe.«
Gontard wurde ernst. »Was können Sie mir empfehlen?«, fragte er.
»Grundsätzlich würde ich zu einem Tier raten, das vollständig oder zumindest zeitweilig im Wasser lebt, weil dann das Fell besonders üppig und strapazierfähig ist. Ferner gilt, dass der Pelz umso dichter und seidiger wird, je kälter der Lebensraum des Tieres ist. Mit Winterfellen liegen sie immer richtig.«
Gontard lachte. »Mit einem Eisbärenfell durch Berlin zu laufen, fände ich für meine Reputation nicht eben förderlich.«
»Dann dürften auch Maulwurf, Nasenbär oder Waschbär für Sie nicht in Frage kommen.«
»So ist es.«
Charles Corduan zeigte auf einige fertige Exemplare. »Hier haben wir einen Mantel aus russischem Desmanfell.«
»Was ist ein Desman?«, wollte Gontard wissen.
»Ein Tier, so groß wie ein Hamster.«
»Nein danke.«
»Aber dies wäre etwas für Sie, Herr von Gontard: ein Stück, fein und seidig, genäht aus Fellen von Edelmardern. Bewundern Sie mit mir dieses glänzende Braun mit seinen Übergängen zu Nuss und Kastanie!«
Wieder winkte Gontard ab. »Das wäre eher etwas für meine Frau.«
Charles Corduan war ein geschickter Verkäufer und wusste sich zu steigern. »Wie wäre es mit dem herrlichen Fell eines Kodiakbären?«
»Wunderbar!« Gontard war begeistert. »Das wird mein neuer Pelzmantel. Fangen Sie bitte sofort damit an! Ich lasse ihn mir auch einiges kosten.«
Corduan verbeugte sich. »Sehr gern.«
Ernst Curtius hatte sich als Hauslehrer des Prinzen Friedrich Wilhelm, des späteren Kaisers Friedrich III., und als außerordentlicher Professor an der Friedrich-Wilhelms-Universität einen Namen gemacht. Am 10. Januar 1852, einem Sonnabend, wollte er in der Sing-Akademie einen Vortrag über das antike Olympia halten. Gontard und Kußmaul saßen in der Dorotheenstraße beisammen und überlegten, ob sie sich den Beitrag anhören sollten.
»Eigentlich hatte ich Henriette versprochen, mit ihr Schach zu spielen«, sagte Gontard.
»Und ich wollte mit meiner Frau ins Konzert gehen«, fügte Kußmaul hinzu. »Aber Olympia ist ein wichtiges Thema. Stell dir vor, wir bekommen die Olympischen Spiele der Antike zurück und unsere Jugend übt fleißig, um den Lorbeerkranz des Siegers zu erringen. Du weißt, was das für Preußen bedeuten könnte?«
»Ja, wir würden an die Ideen unseres Turnvaters Friedrich Ludwig Jahn anknüpfen, und die Menschen würden fleißig ihren Leib trainieren.«
»Genau. Ich hätte weniger Kranke in der Praxis, und du verfügtest über Soldaten, die in zukünftigen Kriegen – und es sind etliche zu erwarten – mit mehr Ausdauer kämpfen könnten.«
»Was schließen wir daraus? Es sei mit der Diskussion nun Schluss, / auf zu Herrn Curtius! So würde dessen Freund Emanuel Geibel bestimmt reimen.«
»Gut. Auch der König soll zugegen sein.«
Die Sing-Akademie hatte seit 1827 ein eigenes Konzertgebäude am Festungsgraben, so dass sie es von der Dorotheenstraße aus nicht weit hatten. Als Gontard und Kußmaul ins Foyer traten, kam ihnen der Theaterdichter Ernst Raupach mit seiner Frau entgegen. Gontard erschrak, denn der Schöpfer des Hohenstaufen-Zyklus sah ziemlich elend aus und hustete so sehr, dass die Umstehenden zurückwichen.
»Die Lunge«, erklärte Raupach, als sie sich begrüßt hatten.
»Wenn er doch nur meinem Rat folgen und sich schonen würde!«, seufzte seine Frau. »Tag und Nacht sitzt er an seinem neuen Stück. Es heißt Die Giftmischerin.«
Gontard ging durch den Kopf, dass er selbst auch gerne ein Stück schreiben würde, eines über den Polizeipräsidenten von Hinckeldey. Ein Giftmord käme darin wohl auch vor … Er behielt diesen Gedanken lieber für sich.
Da erschien der König mit seiner Entourage. Die Anwesenden brachen in Jubel aus. Friedrich Wilhelm IV. hatte für alle, die ihm persönlich bekannt waren, ein Lächeln übrig. Auch für Gontard, obwohl sein Blick zu sagen schien: Ich weiß genau, dass du auf den Barrikaden gestanden hast – die Abrechnung folgt!
Gontard trug es mit Fassung. Vielleicht hatte er es sich auch nur eingebildet. Ihm blieb immer noch die Möglichkeit, nach Österreich oder nach Russland zu gehen.
Kußmaul und er warteten, bis der König den Saal betreten und sich in der Ehrenloge niedergelassen hatte, dann begaben sie sich auf die ihnen zugewiesenen Plätze.
Pünktlich trat Ernst Curtius ans Podium. Er war ein sehr ansehnlicher Mann, weshalb Gontard nicht ganz verstehen konnte, warum er eine Witwe geheiratet hatte. Als hätte sich keine Jungfrau für ihn gefunden! Nun gut, er ging auf die vierzig zu, und die besagte Witwe war vorher mit dem Buchhändler Wilhelm Besser verehelicht gewesen, was auf ein gewisses geistiges Niveau schließen ließ.
»Was wissen wir über die Olympischen Spiele der Antike?«, begann Ernst Curtius, nachdem er alle Gäste, allen voran natürlich Seine Majestät, gebührend begrüßt hatte. »Sie nahmen vermutlich um 880 vor Christi Geburt ihren Anfang und fanden bis in das vierte nachchristliche Jahrhundert alle vier Jahre in der Landschaft Elis auf dem Peloponnes statt. Der Anlass für die Austragung der Wettkämpfe kann nicht zweifelsfrei festgestellt werden. Höchstwahrscheinlich handelte es sich um kultische Feste, die zu Ehren einer Gottheit, möglicherweise Herakles, abgehalten wurden. Andere Deutungen gehen davon aus, dass der König Pelops sie als Wiedergutmachung ins Leben rief, nachdem er bei einem Wagenrennen den König Oinomaos durch Betrug besiegt und anschließend getötet hatte. Weitere Forschung ist vonnöten. Unser Wissen um die Art der Wettkämpfe ist ebenfalls nicht umfassend. Zuerst soll es nur einen Wettlauf über eine Stadionlänge gegeben haben, dann sind Wagenrennen und Disziplinen wie Weitsprung, Gymnastik, Ringen, Boxen und Pankration, eine Mischung aus Ringen und Boxen, dazugekommen. Etwa 1300 Jahre später, so nehmen wir an, erlosch das olympische Feuer erst einmal. Kriege unter den griechischen Stämmen mögen ein Grund dafür gewesen sein, auch eine zunehmende Unlust am Treiben der Athleten oder Geldmangel sind vorstellbar. Genaueres wissen wir bis heute nicht. Fest steht nur, dass der Tempel des Zeus, an dem die Spiele stets mit einem Schwur der Sportler begannen, im sechsten Jahrhundert nach Christi Geburt durch schwere Erdbeben zerstört wurde. Meterdicke Schlamm- und Schuttschichten liegen seitdem über den olympischen Wettkampfstätten. Der englische Archäologe Richard Chandler war es, der im 18. Jahrhundert die Erinnerung an Olympia im Rahmen seiner Griechenlandreisen wachgerufen und den Ort recht eigentlich neu entdeckt hat. Hier sollte Preußen anknüpfen, denn mit Ausgrabungen in Olympia hätten wir die einmalige Gelegenheit, eine kulturelle Großtat zu begehen, für die uns die zivilisierte Welt dankbar umarmen wird. Zugegeben, ein solches Vorhaben würde viele hundert Millionen preußische Reichsthaler verschlingen, aber es wäre die Sache wert.«
»Das Geld sollte man lieber in unsere Schulen und Universitäten stecken«, brummte Raupach.
»Die Griechen würden mit Sicherheit darauf bestehen, das Eigentumsrecht an den Fundstücken aus Olympia zu behalten«, fuhr Curtius fort. »Aber wenn Preußen alle Kosten des Projekts übernähme, dann würden wir das Recht fordern, von allen ausgegrabenen Gegenständen Kopien herstellen zu dürfen. Die könnten wir dann hier in Berlin präsentieren.«
Kußmaul kommentierte ironisch: »Welch Entzücken, einen Lorbeerkranz zu bestaunen, der einem Dioxipoppulus einst über den Kopf gestülpt wurde!«
»Kulturbanause!«, zischte Gontard. »Nichts wäre für die körperliche Ertüchtigung unserer jungen Soldaten besser geeignet als das Pankration.«
»Damit sie die Kraft haben, eure Geschütze aus dem Morast zu ziehen.«
Als sie nach dem Vortrag auf die Straße traten, fror Gontard in seinem dünnen Militärmantel erbärmlich und dachte sofort an seinen Kürschner. »Hoffentlich hat Corduan meinen neuen Pelz bald fertiggenäht!«
Charles Corduan gab sich alle Mühe, Gontards Ansprüchen gerecht zu werden. Es ging schon auf Mitternacht zu, und die Gesellen hatten sich längst in ihre Schlafkammern zurückgezogen, da saß er noch immer in der Werkstatt und beugte sich über das gute Stück. Aber irgendwann begannen seine Hände zu zittern und seine Augen zu tränen, so dass er für diesen Tag aufgeben musste. Doch ins Bett gehen mochte er noch nicht, denn ihn begann ein plötzlicher Heißhunger zu plagen. So eilte er über den Flur zur Kammer seiner Dienstmagd und klopfte an die Tür. »Susanna, Pardon, aber ich möchte gern noch nachtmahlen.« Den Ausdruck hatte er von österreichischen Freunden.
»Wat denn, mitten in die Nacht möchten Sie noch mahlen? Mehl – oder wat?«, kam es von drinnen.
»Ich möchte etwas essen«, erklärte ihr Charles Corduan. »Ein kleines Nachtmahl zu mir nehmen.«
»Die Küche is schon kalt.«
»Ach was!«, entgegnete der Kürschner. »Etwas Glut ist immer im Herd. Es wird dir doch wohl glücken, mir schnell eine Bohnensuppe zuzubereiten!«
»Na jut, wenn et unbedingt sein muss. Et is ooch noch von dem Bohneneintopp von neulich wat übrich.«
»Gut, dann wärme den bitte auf und bringe ihn mir auf die Stube!«
Seit Corduan seine Frau begraben hatte, waren in dem Zimmer das Sofa und die Stühle unter Schonbezügen verschwunden. Am Ende des langen Esstisches hatte er sich ein Sitzmöbel aus der Werkstatt hingestellt, auf dem er ab und an Platz nahm, um sich vorzustellen, Eugenie sei noch an seiner Seite und speise gemeinsam mit ihm.
Endlich kam Susanna mit dem aufgewärmten Eintopf. Charles Corduan schaufelte ihn in sich hinein, obwohl er heute etwas seltsam schmeckte. Als Corduan sich satt gegessen hatte, ging er schlafen. Nach zwei Stunden aber wachte er auf, weil ihn starke Leibschmerzen plagten. Als ihm auch noch übel wurde, zog er sich an und eilte auf den Hof hinaus, wo sich der Abort befand. Er erbrach sich, und sein Durchfall wollte kein Ende mehr nehmen. Wadenkrämpfe kamen hinzu. Corduan lief zurück ins Haus, um auf der Diele zusammenzubrechen. Er wollte sich noch an der Garderobe festhalten, riss sie aber im Stürzen mit sich.
Der Lärm weckte Susanna. Als diese ihren Dienstherrn bewusstlos in der Diele vorfand, rief sie nach den Gesellen. »Los, lauft nach einem Doktor!«
»Mitten in der Nacht?«
»Ja, sonst stirbt er uns!«
Es dauerte eine Weile, bis man einen Arzt gefunden hatte. Als der Mediciner schließlich beim Kürschner Charles Corduan eintraf, war der bereits verstorben.
Zwei
Oberst-Lieutenant Christian Philipp von Gontard stand zwar gerne im Hörsaal der Vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule, doch des Lehrinhaltes seines Hauptfaches – Physik unter besonderer Berücksichtigung der Ballistik – wurde er langsam ein wenig überdrüssig. Jahraus, jahrein den jungen Offizieren zu erklären, worin sich die Wurfparabel von einer ballistischen Kurve unterschied, unterforderte einen intelligenten Menschen wie ihn.
»An der Tafel sehen Sie oben die Flugbahn eines Körpers beim sogenannten schiefen Wurf in einem homogenen Schwerefeld bei Vernachlässigung des Luftwiderstandes. Darunter habe ich die Parabel gezeichnet, wie sie sich aus einem schiefen Wurf mit Stokes-Reibung ergibt. Wer war Stokes?«
Der etwas vorlaute Lieutenant Eike von Flieth, der sich zu gerne selbst reden hörte, nutzte sofort die Gunst der Stunde. »Ein Mann aus Stoke in England.«
»Irrtum! Sir George Gabriel Stokes, geboren am 13. August 1819 in Skreen, in der Provinz Connaught, ist gebürtiger Ire und hat als Mathematiker und Physiker Weltruhm erlangt. Ich darf Ihnen seine berühmte Formel über die Reibungskraft an die Tafel schreiben.«
Die jungen Lieutenants seufzten einvernehmlich, und Gontard war froh, als er die Stunde endlich hinter sich gebracht hatte. Umso mehr freute er sich auf seine zweite Lehrveranstaltung an diesem Tage, die der brandenburgisch-preußischen Militärgeschichte gewidmet war.
»Ich möchte Ihnen, meine Herren, in den nächsten Wochen bedeutende Heerführer Brandenburg-Preußens nahebringen«, waren seine ersten Worte. »Leider muss ich mit einem Österreicher beginnen, einem Manne, der am 20. März 1606 in Neuhofen an der Krems zur Welt gekommen ist: Georg von Derfflinger. Er war Sohn protestantischer Eltern und wuchs in Armut auf. Sie werden sich nun sicher fragen, wie er es bis zum Heerführer geschafft hat, zumal er nicht die geringste Schulbildung vorweisen konnte. Nun, als Soldat hatte er das Glück, in der Blüte seiner Jahre an den Schlachten des Dreißigjährigen Krieges teilnehmen zu können. Er trat in die Dienste verschiedener Herren und stieg im schwedischen Heer bis zum Reiter-Oberst im Generalsrang auf. Das ist eine beachtliche Leistung. Danach verpflichtete er sich dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg. Derfflinger schuf eine völlig neue brandenburgische Armee, wobei sein Augenmerk der Kavallerie und der Artillerie galt. Der Sieg von 1675 über die Schweden, die unter Karl XI. kämpften, war zum größten Teil sein Verdienst. Es ist als genial zu bezeichnen, wie er den Handstreich gegen Rathenow ausgeführt und die Feinde anschließend verfolgt und über das Kurische Haff gejagt hat.«
Wieder meldete sich Eike von Flieth zu Wort. »Was haben wir unter dem Handstreich gegen Rathenow zu verstehen, Herr Oberst-Lieutenant?«
Gontard musste weit ausholen. »Das Ereignis trug sich am 15. Juni 1675 zu. Der Große Kurfürst und seine Mannen hatten in Erfahrung gebracht, dass der schwedische Oberst Wangelin mit sechs Kompanien seines Dragonerregiments zur Verstärkung der schwedischen Besatzung in der Stadt Rathenow eingerückt war. Wangelin sollte über Rathenow auf dem kürzesten Weg nach Magdeburg vorstoßen und die Stadt einnehmen. Für den Großen Kurfürsten gab es nur eine Lösung: Sein Regiment musste Rathenow unbedingt vor dem Eintreffen des schwedischen Hauptheeres erobern. Doch die Stadt an der Havel wies starke Befestigungen auf, man hätte sie im Kampf niemals erstürmen können. Deshalb wurde eine List ersonnen. Derfflinger, der aufgrund seiner Zeit beim schwedischen Heer gut Schwedisch sprach, ritt mit einigen wenigen Dragonern auf die hochgezogene Brücke der Stadt zu. Dort angekommen, wurde er von der schwedischen Wache angehalten, die nur aus einem Unteroffizier und sechs Mann bestand. ›Wie Volk?‹, wurde er gefragt. Man wollte also wissen, wer er sei und woher er komme. Derfflinger machte den Schweden weis, er sei ein schwedischer Lieutenant vom Regiment Bülow und befinde sich auf der Flucht vor den brandenburgischen Truppen. ›Ich muss dennoch erst Oberst Wangelin fragen, ob Ihr einrücken dürft‹, kam es von jenseits des Grabens. ›Das ist nicht nötig!‹, rief Derfflinger zu den Schweden hinüber. ›Oberst Wangelin ist ein guter Freund von mir, und wenn ich nicht sofort in die Stadt darf, riskiere ich, von den nachrückenden Brandenburgern gehängt zu werden.‹ Da wurde die Zugbrücke tatsächlich herabgelassen. Derfflinger ritt mit seinen Dragonern auf die Wache zu, hieb sie nieder – und Rathenow konnte alsbald vom Großen Kurfürsten eingenommen werden.«
Die jungen Lieutenants in dem Hörsaal brachen in Hurrarufe aus, was bei den Ausführungen zur Ballistik nie geschah, und so konnte Gontard mit dem Gefühl einer tiefen inneren Befriedigung die Stunde beenden.
Auf dem Flur begegnete ihm der Apotheker Gustav Rosengarth, der in diesem Jahr vertretungsweise das Fach Chemie übernommen hatte und sich in Berlin, besonders in der Gegend um das Oranienburger Thor, eines guten Rufes erfreute. Rosengarth war hochgewachsen, hatte ein schmales Gesicht und trug seine Haare lang wie ein Gelehrter. Gontard kannte ihn seit Jahren, und zwischen beiden war eine gewisse Vertrautheit entstanden. »Nun«, fragte Gontard, nachdem sie sich begrüßt hatten, »sind Sie auch auf dem Wege nach London?« Das war eine Anspielung auf Rosengarths Apothekerkollegen Theodor Fontane, von dem es hieß, er siedle Anfang April für einige Zeit auf die britische Insel über.
»Nein.« Rosengarth lachte. »Ich bin nichts weiter als ein einfacher Apotheker – und kein Schriftsteller und Correspondent bei der Centralstelle für Preßangelegenheiten wie Fontane.«
»Es ist meiner Meinung nach ganz schön, wenn man neben seinem Brotberuf noch etwas anderes mit Leidenschaft betreibt«, erklärte Gontard. »So wie ich gern den Criminal-Comissarius spiele.«
»Und Sie haben ja auch schon einige Erfolge aufzuweisen.« Rosengarth schaute auf seine Stiefelspitzen. »Womit könnte ich mich wohl in meiner arbeitsfreien Zeit vergnügen?«
Gontard dachte einen Augenblick nach. »Sammeln Sie etwas, oder erfinden Sie etwas! Als Apotheker könnten Sie doch eine neue Arznei kreieren. Es gibt Hunderte von Krankheiten, welche die Ärzte noch nicht heilen können.« Rosengarth seufzte. »Wenn das so einfach wäre!«
Sie unterhielten sich noch einen Moment und gaben dann ihrer Hoffnung Ausdruck, dass das neue Jahr etwas aufregender werde als 1851, das so unglaublich langweilig gewesen sei. Danach eilte Rosengarth zu seiner Lehrveranstaltung und Gontard zum Kürschner Corduan, um zu sehen, ob sein neuer Pelzmantel schon zur Anprobe auf dem Garderobenständer hing. Doch als er den Laden in der Jägerstraße betrat, war nicht der Kürschner, sondern einer der Gesellen gerade dabei, den rechten Ärmel an den Mantel zu nähen.
»Nanu!«, wunderte sich Gontard und fragte, wo der Meister sei. »Er hat sich doch höchstpersönlich um meinen neuen Pelz kümmern wollen!«
»Herr Corduan ist in der Charité«, antwortete der andere Geselle höchst lakonisch.
»Ist er plötzlich krank geworden?«
»Nein, viel schlimmer. Er ist in der vergangenen Nacht plötzlich zusammengebrochen und gestorben. Es heißt, der Schlag habe ihn getroffen. Jetzt liegt er da, wo die Leichen aufgeschnitten werden.«
Es gab Verlierer der gescheiterten Märzrevolution von 1848 – und es gab Gewinner. Zu Letzteren schien der Jurist Dr. Wilhelm Stieber zu gehören. Am 3. Mai 1818 in Merseburg zur Welt gekommen, wurde er schon als Schüler nach Berlin geschickt, wo er das Abitur am angesehenen Gymnasium zum Grauen Kloster ablegte. Anschließend studierte er an der Friedrich-Wilhelms-Universität Rechtswissenschaften. Er war ab 1844 als Auskultator, also Referendar, beim Berliner Criminalgericht tätig und ging bald – mit einigem Erfolg – gegen politische Oppositionelle vor. Zwar musste er seinen Dienst 1847 quittieren, weil er bei seiner Arbeit mitunter ein wenig gegen Recht und Gesetz verstoßen hatte, doch gerade das sicherte ihm die Gunst einflussreicher Männer, und so durfte er 1850 als Assessor ins Polizeipräsidium einrücken und die Ermittlungen gegen den Bund der Kommunisten leiten. Er war gerade dabei, gemeinsam mit Karl Georg Ludwig Wermuth Steckbriefe für das sogenannte Schwarze Buch zusammenzustellen, dessen voller Titel lautete: Die Communisten-Verschwörungen des neunzehnten Jahrhunderts. Im amtlichen Auftrage zur Benutzung der Polizei-Behörden der sämmtlichen deutschen Bundesstaaten. Erster Theil. Enthaltend: Die historische Darstellung der betreffenden Untersuchungen. Wermuth war der Königliche Hannöversche Polizeidirektor, dem man ein besonders gutes persönliches Verhältnis zu König Georg V. von Hannover nachsagte.
Stieber und Wermuth saßen in Stiebers Bureau im Berliner Polizeipräsidium beisammen, um zu beraten, welche Personen noch ins Schwarze Buch aufzunehmen seien.
»Ich hätte einen ganz interessanten Kandidaten«, begann Dr. Stieber.
»Schießen Sie los!« Dr. Wermuth war gespannt.
»Oberst-Lieutenant Christian Philipp von Gontard von der Vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule.«
Dr. Wermuth zeigte sich erstaunt. »Wieso ausgerechnet den? Gontard war öfter zu Gast bei unseren Manövern im Hannoverschen und hat stets einen ausgezeichneten Eindruck hinterlassen.«
»Mag sein, aber das ist alles nur Tarnung. Er präferiert die Staatsform der amerikanischen Republik, und er ist Leuten wie Virchow kordial verbunden.«
»Und dennoch ist er vor nicht allzu langer Zeit zum Oberst-Lieutenant avanciert?« Dem Polizeidirektor aus Hannover fehlte angesichts dieser Informationen das Verständnis für die Beförderung.
»So ist es«, bestätigte Dr. Stieber. »Jemand am Hofe muss seine Hand schützend über ihn halten.«
»Denken Sie an Seine Majestät selbst?«
Dr. Stieber schüttelte den Kopf. »Nein, ich vermute eher, dass es eine der Hofdamen ist, möglicherweise sogar die Königin.«
Beide schwiegen erst einmal, denn was ihnen durch den Kopf ging, war zu heikel, um es auszusprechen. In Berlin wurde schon seit langem gemunkelt, dass Christoph Wilhelm Hufeland, der wohl bedeutendste Arzt der preußischen Residenz, beim König bereits in jungen Jahren eine unheilbare Impotenz diagnostiziert habe. Ob dieses Gerücht nun stimmte oder nicht, Tatsache war, dass die Ehe zwischen Friedrich Wilhelm IV. und seiner Frau Elisabeth kinderlos geblieben war. Und wenn die Königin nun ein Verhältnis mit dem Oberst-Lieutenant von Gontard hatte?
Dr. Stieber beendete das Schweigen. »Gontard soll sich im Jahre 1836 mit Karl Marx getroffen haben.«
»Das ist sechzehn Jahre her«, murmelte Dr. Wermuth.
»Was will das schon heißen? 1836 war Karl Marx an der Friedrich-Wilhelms-Universität eingeschrieben und hat nicht nur Vorlesungen von Friedrich Carl von Savigny, Carl Ritter und Bruno Bauer gehört, sondern auch von Eduard Gans, der Criminalrecht und Preußisches Landrecht gelehrt hat.«
»Und?« Dr. Wermuth konnte sich noch immer keinen Reim auf die Ausführungen Dr. Stiebers machen.
»Eduard Gans und Gontard sind entfernte Verwandte. Es ist also nicht ganz unwahrscheinlich, dass Gontard mit Karl Marx zusammengetroffen ist und sich von dessen staatsfeindlichem Gedankengut hat anstecken lassen.«
Dr. Wermuth wollte keine Entscheidung fällen. »Darf ich vorschlagen, dass wir das mit Gontard vorerst noch offenlassen?«
Gontard hatte an diesem Vormittag eine Verabredung im Café Stehely, zu der er auf keinen Fall zu spät kommen wollte. Schnell fuhr er mit dem rechten Fuß in seinen Stiefel. In derselben Sekunde hallte ein Schmerzensschrei durch das Haus in der Dorotheenstraße, der für einen Soldaten wenig heldenhaft war.
Henriette eilte sofort in die Diele. »Hat dir jemand ins Bein geschossen?«
»Es fühlt sich zumindest so an.« Gontard zog den Fuß wieder aus dem Stiefel. »Da, bitte!« Blut tropfte aus der grauen Socke.
Es stellte sich heraus, dass Paul Quappe die reparaturbedürftigen Stiefel nicht zum Schuster gebracht, sondern sich selbst ans Werk gemacht hatte. Dabei hatte er allerdings viel zu lange Nägel verwendet.
»Das ist ein Mordversuch«, brummte Gontard. »Man müsste den Burschen sofort standrechtlich erschießen.«
»Ach was, das war doch keine Absicht!«
»Mag sein, aber Paul Quappe hat einfach zwei linke Hände und sorgt tagtäglich für ein fürchterliches Durcheinander.« Derzeit lag Gontards Bursche allerdings in seiner Kammer und kurierte seine Gehirnerschütterung aus. »Wenn Kußmaul sagt, dass es eine Gehirnerschütterung ist, wissen wir wenigstens, dass Quappe über so etwas wie ein Gehirn verfügt«, stellte Gontard fest, während er seine Wunde am rechten Fußballen mit einem Stück Mullbinde versorgte und gleichzeitig, auf dem linken Bein humpelnd, nach einem anderen Paar Schuhe suchte.
»Hat man denn den Kerl schon gefunden, der Paul niedergeschlagen hat?«, wollte Henriette wissen.
Gontard schüttelte den Kopf. »Nein. Werpel wartet sicherlich, bis der Mann zwei Dutzend Einbrüche begangen hat – und womöglich noch einen Mord –, damit er umso mehr Ruhm erntet, wenn er den Übeltäter gefangen hat.«
»Du sprühst heute geradezu vor Ironie«, stellte Henriette fest.
Gontard lachte. »Ich hoffe, das bleibt den ganzen Tag so.« Dann küsste er Henriette und machte sich auf den Weg zum Gensdarmen-Markt. Er sah sich dabei mehrfach um, denn er hielt es nicht für ausgeschlossen, dass ihn einer von Dr. Stiebers Leuten verfolgte. Schließlich würde er einen Mann treffen, der in Preußen ganz sicherlich als Staatsfeind galt: Benedikt Waldeck.
Waldeck war am 31. Juli 1802 in Münster geboren worden, hatte in Göttingen studiert, unter anderem bei Jakob Grimm, war ein hervorragender Jurist geworden und 1844 als Obertribunalrath an das höchste preußische Gericht nach Berlin gekommen. Viele Denker seiner Zeit hatten ihn beeinflusst, unter ihnen auch der französische Autor Henri de Saint-Simon.
»Ich gelte zwar als Anführer des fortschrittlichen Lagers, aber das entspricht nicht ganz der Wahrheit«, gestand er Gontard, als sie sich im Café Stehely gegenübersaßen. »Ich bin nie dafür eingetreten, die amerikanische Verfassung auf Deutschland zu übertragen, ich war immer für die konstitutionelle Monarchie. Meiner Meinung nach sollten alle adeligen Privilegien aufgehoben und die Presse- und Versammlungsfreiheit gewährleistet werden, aber mit einem König an der Spitze.«
»Wie passt das zusammen?«, fragte Gontard.
»Wir müssen die Welt so nehmen, wie sie ist, und alles daransetzen, dass sich unser Volk nicht selbst zerfleischt«, erklärte Waldeck. »Darum bin ich auch zur gemäßigten demokratischen Fraktion gestoßen und habe alles getan, um weitere gewalttätige Auseinandersetzungen zu verhindern.«
Gontard nickte. »Ich weiß, zum Beispiel beim Streik der Kanalarbeiter im vergangenen Jahr.«
Waldeck seufzte. »Dreh- und Angelpunkt ist für mich das Parlament. Ich ziehe die Redeschlachten dort den Straßenschlachten allemal vor. Und ein Gefängnis ist auch nicht gerade eine Stätte bürgerlicher Gemütlichkeit.«
Waldeck war im Mai 1849 verhaftet und eingesperrt worden, weil man ihm unter anderem vorgeworfen hatte, ein Attentat auf den König geplant zu haben. Das Gericht hatte ihn allerdings freigesprochen, nicht zuletzt deswegen, weil sich Hinckeldey als Zeuge in Widersprüche verwickelt hatte. Waldeck war anschließend von der Menge frenetisch gefeiert worden und hatte auf seinen Dienstposten beim Obertribunal zurückkehren können.
»Und nun?«, fragte Gontard. »Wie stehen Sie zur Deutschen Frage?«
Waldeck zögerte nicht mit einer Antwort. »Ich halte noch immer nicht viel von der provisorischen Regierung in Frankfurt und glaube, dass wir Preußen das Volk sind, das in Deutschland an der Spitze stehen sollte. Deshalb können nur wir die Einheit Deutschlands herbeiführen, wobei ich Österreich ausschließe. Auch wenn es deswegen Krieg geben sollte.«
Gontard war anderer Meinung, äußerte sich aber nicht, da er an einem der Nebentische einen Spitzel Dr. Stiebers entdeckte hatte. Darum sagte er jetzt so laut, dass der Spitzel es hören musste: »Goethe hat recht, die Politik ist wirklich ein garstiges Lied. Ich mache es so wie Sie, lieber Waldeck, und ziehe mich aus der Öffentlichkeit zurück. Es lebe das Private!«
Franz Böttschendorf war eigentlich Barbier, übte aber auch den traditionellen Beruf des Baders aus, zog also Zähne und versuchte sich bei armen Leuten, für die der Besuch einer Arztpraxis zu teuer war, als Mediciner. Sehr zum Ärger seiner Frau Dorothea. »Wir haben überall Schulden, und du verplemperst deine Zeit mit Leuten, die auf dem Kirchhof besser aufgehoben wären!«
Böttschendorf blieb gelassen. »Der Herr wird’s mir schon einmal danken.«
»Das denkst du! Ich glaube nicht daran.« Doch Böttschendorfs Frau sollte sich geirrt haben …
An einem Freitag suchte Böttschendorf den Kunstmaler und Kupferstecher Martinus Michels auf, um ihn zur Ader zu lassen. Ein Aderlass sollte den Körper von schlechtem Blut befreien, das durch übermäßiges Essen, Sorgen, Ängste oder Enttäuschungen entstanden sein konnte. Böttschendorf glaubte zwar nicht daran, aber mit dem Aderlass ließ sich noch immer Geld verdienen.
Michels hauste in einem verwahrlosten Gebäude in der sogenannten Parochialritze, der äußerst schmalen Parochialstraße, in einem Raum, der gleichzeitig als Atelier sowie als Wohn- und Schlafzimmer diente. Fast hätte man denken können, Carl Spitzweg sei 1839 hier zu Besuch gewesen, um sich Anregungen für sein wunderbares Gemälde Der arme Poet zu holen, nur dass Martinus Michels nicht dichtete, sondern malte. Manche hielten ihn für ein Genie, nur kaufen wollte niemand, was er auf die Leinwand brachte. Auch seine Radierungen und Federzeichnungen fanden keine Abnehmer.
Während Böttschendorf den Schröpfschnepper hervorholte, mit dem er die Haut an Michels linkem Arm anritzen würde, warf er einen Blick auf einige Federzeichnungen, die der Künstler an der Wand befestigt hatte, wohl, um sich an die Barrikadenkämpfe im März 1848 zu erinnern. »Haben Sie selbst auf den Barrikaden gekämpft?«, wollte Böttschendorf wissen.
Voller Stolz fuhr Michels auf. »Selbstredend! Immer mittenmang. Sehen Sie nicht, da stehe ich doch!« Er deutete auf eine der Zeichnungen.
Böttschendorf hätte sich schnell wieder seiner Profession zugewendet, wenn er nicht in diesem Augenblick neben Martinus Michels ein bekanntes Gesicht auf dem Gemälde entdeckt hätte. »Das darf doch nicht wahr sein!«, rief er aus.
»Was ist?«, wollte Michels wissen.
»Ach, nichts.« Böttschendorf sah keinen Anlass, Michels auf die Nase zu binden, dass er einen der lebensecht gezeichneten Barrikadenkämpfer erkannt hatte. Es war kein Geringerer als der Königliche Oberst-Lieutenant Christian Philipp von Gontard, verkleidet als Totengräber! Diese Entdeckung konnte Gold wert sein, und so kaufte Böttschendorf die Federzeichnung März 1848 – Barrikade am Alexanderplatz – Vor dem ersten Schusswechsel für so viel Geld, dass es Michels vorkam, als fielen Ostern und Pfingsten auf denselben Tag. Beide waren so glücklich wie schon lange nicht mehr.
Als Gontard am nächsten Morgen zum Rasieren und Haareschneiden zu Böttschendorf kam, holte der die Federzeichnung aus einer Schublade hervor und hielt sie seinem Kunden unter die Nase.
»Das ist der Beweis, Herr Oberst-Lieutenant, der Sie Kopf und Kragen kosten kann. Wie viel ist er Ihnen wert?«
Drei
Ein Institut für Pathologie gab es im Jahre 1852 an der Berliner Charité noch nicht, aber man verfügte seit 21 Jahren über eine Prosektur, in der zur Aufklärung von Todesursachen regelmäßig Obduktionen durchgeführt wurden.
An diesem Tag lag der Kürschner Charles Corduan auf dem Seziertisch, da sein plötzlicher Tod einige Fragen aufgeworfen hatte. Zu Johann Ludwig Casper, dem Inhaber des Lehrstuhls der praktischen Unterrichtsanstalt für die Staatsarzneikunde, der sich gerade mit einem jungen Kollegen daranmachte, den Leib des Kürschners zu öffnen, hatte sich ein Mann gesellt, der erst Mitte dreißig sein mochte, in Berlin jedoch bereits eine sehr hohe Reputation genoss. Es handelte sich um Emil du Bois-Reymond, den Spross einer Hugenottenfamilie. Er hatte in Berlin Medicin studiert und im Jahre 1846 mit der Arbeit Über die saure Reaktion der Muskelsubstanz nach ihrem Tode seine Habilitation abgeschlossen. Entscheidende Anregungen hatte er von dem Anatomen und Physiologen Johannes Peter Müller erhalten, dessen Handbuch der Physiologe des Menschen für Vorlesungen als Meilenstein in der Medicin angesehen wurde. Seit 1849 war du Bois-Reymond Assistent am Berliner Anatomischen Museum. Am liebsten aber stellte er sich immer wieder selbst an den Seziertisch, denn er strebte an, Professor für Physiologie zu werden und Müllers Nachfolge anzutreten.
»Wie ist dieser Mann gestorben?«, wollte du Bois-Reymond wissen.
»Es hat ihn nach dem Nachtmahl erwischt«, hatte Johann Ludwig Casper in Erfahrung bringen können. »Er litt wohl an Übelkeit, Erbrechen und wässrigem Durchfall. Schließlich hat die Atmung ausgesetzt.«
»Hm …« Emil du Bois-Reymond richtete seine Aufmerksamkeit auf die Haut des Toten, die aschfahl war. »Es scheint mir fast, als sei der Mann mit Arsen vergiftet worden. Die Hautfarbe und die geschilderten Symptome sprechen jedenfalls dafür.«
Casper winkte ab. »Seitdem man mit der Marsh’schen Probe Arsentrioxyd nachweisen kann, ist das Gift ein bisschen aus der Mode gekommen.«
»Sie sollten dennoch eine Marsh’sche Probe in Betracht ziehen«, wandte du Bois-Reymond ein.
»Ich habe sie bereits veranlasst. Das Ergebnis liegt inzwischen bestimmt im Laboratorium.«
Man schickte einen Boten los. Und tatsächlich war der Kürschner Charles Corduan mit Arsen getötet worden. »Wir haben also eine Giftmörderin in der Stadt. Berlin, nimm dich in Acht!«, rief Emil du Bois-Reymond. Bei Giftmorden dachte man wie selbstverständlich an eine Frau als Täterin. Womöglich lag das daran, dass die Literatur seit der Antike zumeist von weiblichen Giftmördern berichtete.
Criminal-Commissarius Waldemar Werpel saß mit seiner Frau am Frühstückstisch und ließ seiner schlechten Laune freien Lauf. »Der Winter allein ist schon schlimm genug, aber nun muss ich auch noch einen Giftmord aufklären! Und so ’ne richtige Giftmischerin lässt doch nicht locker, bevor sie nicht ’nen halben Friedhof gefüllt hat. Ich wünschte, ich würde eine Influenza kriegen! Andere Menschen werden doch auch immerzu krank.«
»Waldemar, versündige dich nicht!«
»Ist doch wahr! Und befördert worden bin ich immer noch nicht.«
Seine Frau zeigte auf den Spruch, der am heutigen Tag auf dem Abreißkalender stand:
Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.
Werpel reagierte gereizt. »Besonders aus meinen Nierensteinen!«
In diesem Augenblick wurde am Klingelzug gerissen. Minna Werpel zog die Küchengardine zurück und sah auf die Straße hinunter. »Es ist Krause.«
Das war der Constabler, der Werpel bei seiner Arbeit assistierte. Der Commissarius, dem Krause vorher zugeteilt gewesen war, hatte einmal gesagt, dieser Mann sei zum Scheißen zu dämlich. Werpel war der Letzte, der dem widersprechen wollte. Mit Krause war er wirklich gestraft. Andererseits ersparte ihm sein Constabler den Weg ins Theater, denn ein komisches Schauspiel erlebte er mit dem oft genug.
»Wat liejt’n heute an?«, fragte Krause, nachdem Werpel, dick bekleidet, auf die Straße getreten war. Der Constabler kam sich sehr bedeutsam vor, seit die Uniformen der Schutzpolizei der des Militärs angepasst worden waren.
»Was heute anliegt?«, wiederholte Werpel, der das Gefühl hatte, sein Gehirn arbeite bei dieser Kälte langsamer. »Der Giftmord am Kürschnermeister Corduan aus der Jägerstraße. Da sollten wir auch gleich hingehen.«
»Könn’ wa nich über die Krausenstraße jehn?«, fragte der Constabler.
Werpel sah ihn staunend an. »Warum sollten wir das tun? Das ist doch ein gehöriger Umweg.«
»Ja, aba ick freue ma imma, wenn ick det Straßenschild lesen, weil ick denn denke, det die Straße nach mia benannt is.«
Werpel fasste sich an die Stirn. »Die heißt schon sehr lange so, mindestens seit 1720. Ein Mann namens Krause soll ein Haus in dieser Straße besessen haben.« Dann lachte er. »Es haben eben nicht alle so viel Glück wie ich.«
»Wieso? Et jibt doch jar keene Werpelstraße in Berlin.«
»Nein, aber ein kleiner Pilz heißt wie ich: die zierliche Verpel.« Dass man den Pilz vorn mit einem V schrieb, verschwieg Werpel. Man spreche das V wie ein W, hatte ihm ein Pilzsammler verraten.
Krause prustete los. »Mit die zierliche Werpel kann aba nich Ihre Frau jemeint sint!«
Darauf wusste Werpel nichts zu erwidern. Der Constabler hatte schon recht, denn seine Minna war in den vergangenen Jahren wirklich ein wenig in die Breite gegangen.
Krause war an diesem Morgen in Plauderstimmung. »Wenn wir bei die Indiana am Amazonas wär’n, denn hätten wa et einfacha«, fand er.
Werpel konnte ihm nicht folgen. »Wieso das?«
»Die schießen mit Jiftpfeile, und wo ’n Pfeil is, da is ooch ’n Bogen und damit ’n Beweis.«
»Wenn nicht alles trügt, ist Corduan an einem vergifteten Bohneneintopf gestorben«, stellte Werpel fest.
Sie brauchten nicht lange, bis sie ihr Ziel erreicht hatten. Krause konnte kaum lesen und schreiben, war aber in der Lage, das Wort Pelze auf dem Ladenschild von Charles Corduan zu entziffern. »Ick hab manchmal so ’n pelzigen Jeschmack im Mund, vielleicht hätte ick Kirschna wer’n soll’n.«
Werpel zögerte nicht, den Constabler zu vergackeiern. »Da hätten Sie aber kräftig Kirschen essen müssen.«
»Schade, Kirschen hatten wa keene im Jarten.«
Jetzt galt es, den nötigen Ernst an den Tag zu legen. Zuerst befragte Werpel die beiden Gesellen, aber die konnten nichts zur Klärung des Falles beitragen. »Wir haben oben in unseren Kammern geschlafen. Erst als Susanna geschrien hat, sind wir nach unten gerannt, aber da lag unser Meister schon am Boden.«
»Und in den Tagen zuvor ist Ihnen nichts aufgefallen?«
»Nein. Was hätte uns denn auffallen sollen?«
Werpel verdrehte die Augen. »Zum Beispiel, dass jemand ums Haus geschlichen ist oder sich in anderer Weise verdächtig verhalten hat.«
»Nee, tut uns leid.«
Blieb nur noch Susanna, die Dienstmagd. Die fanden Werpel und Krause in der Küche, in Tränen aufgelöst. »Et is allet so furchtbar, Herr Commissarius, aba ick war et nich, det schwöre ick bei Gott und allen Heilijen. Dazu habe ick doch zu sehr an ihm jehang’n.«
Werpel wurde hellhörig. Vielleicht war die Magd auf eine Heirat aus gewesen, und Corduan hatte sie abgewiesen. Das Arsen im Eintopf könnte die Rache für die Zurückweisung gewesen sein. Werpel beschloss, unverzüglich zu handeln. »Wir müssen Ihre Kammer, den Keller und die Küche nach Spuren des verwendeten Gifts durchsuchen. Sie folgen uns bitte, damit wir Sie im Auge behalten können!«
»Ick war et nich, Herr Commissarius!«, wiederholte Susanna.
Die Durchsuchung der genannten Räume erbrachte nichts. Aber was mochte das schon besagen? Die Dienstmagd hatte alle Zeit der Welt gehabt, sämtlich Beweise aus dem Haus zu schaffen. Man nahm die Angaben zu ihrer Personen auf, denn verdächtig blieb sie auf alle Fälle. Anschließend machte sich Werpel auf den Weg ins Polizeipräsidium, denn der Polizeipräsident von Hinckeldey höchstpersönlich hatte ihn sprechen wollen. Krause sollte indessen eine Apotheke nach der anderen aufsuchen und sich von den Inhabern aufschreiben lassen, ob in letzter Zeit jemand Arsen erworben hatte. An einen so außergewöhnlichen Kauf konnten sich die Apotheker bestimmt erinnern.
Das Polizeipräsidium war im alten Stadtvogtei-Gebäude am Molkenmarkt No. 1 untergebracht. Werpel hatte also nicht weit zu laufen. Nachdem er die Jägerstraße hinter sich gelassen hatte, überquerte er erst den Werderschen Markt und dann an der Unterwasserstraße einen der Spreearme, um schließlich vom Schloßplatz in die Breite Straße abzubiegen und über den Mühlendamm den Molkenmarkt zu erreichen.
Selbstverständlich hatte Werpel über eine Viertelstunde im Vorzimmer des Polizeipräsidenten zu warten. Das gehörte zum Ritual. So wollte Hinckeldey seine Untergebenen einschüchtern. Werpel wusste, dass von Hinckeldey aus der Nähe von Wasungen kam und bei den Demokraten und Barrikadenkämpfern von 1848 wegen seiner Geheimpolizei verhasst war, aber auch viele Feinde im Adel hatte, weil er sich nicht beeinflussen ließ. Andererseits hatte der Polizeipräsident, der ein Günstling des Königs war, in Berlin bereits einiges vorangebracht. So hatte er die Einführung von Straßenreinigung und Kanalisation veranlasst und den Bau des ersten Berliner Wasserwerkes angeregt. Zudem ließ er Volksküchen und Badeanstalten sowie Altersheime einrichten und brachte gerade die Aufstellung einer Berufsfeuerwehr sowie die Reorganisation der Polizeiverwaltung auf den Weg. Auch öffentliche Pissoirs waren auf seine Weisung hin errichtet worden, was die Berliner ihm mit einem Spottlied dankten, in dem sie ihn Pinkelbey nannten.
Als Werpel zu seinem obersten Vorgesetzten vorgelassen worden war, gab der sich überaus leutselig. »Nehmen Sie Platz, Herr Criminal-Commissarius, und berichten Sie mir, was Sie im Falle des Kürschners Corduan bereits herausgefunden haben!«
Werpel folgte der Aufforderung, anfangs noch etwas stockend, dann aber doch recht flüssig, und schloss damit, dass er Angst habe, in Berlin werde nun eine zweite Gesche Gottfried ihr schauriges Handwerk betreiben.
Hinckeldey staunte. »Wer ist das?«
»Gesche Gottfried war die Tochter eines Schneidermeisters aus Bremen. Zuerst dachte man, sie tut nur Gutes und opfert sich für alle auf, in Wahrheit hat sie aber fünfzehn Menschen mit Arsen vergiftet. Im Jahre 1831 ist sie überführt und hingerichtet worden.«
Hinckeldey lächelte. »Was ausschließt, dass sie auch unseren wackeren Corduan ermordet hat. Das Tragische an der Geschichte ist, dass Seine Majestät ihn in den nächsten Tagen zum Hoflieferanten machen wollte. Der König hat also ein ganz besonderes Augenmerk auf diesen Fall gelegt. Werpel, geben Sie nicht nur Ihr Bestes, sondern übertreffen Sie sich selbst, und verhindern Sie um Gottes willen, dass noch weitere Berliner vergiftet werden! Damit ist unser Gespräch beendet.«
Caroline Schlitt war Witwe. Manche Nachbarn in der Brüderstraße, in der sie mehrere Häuser besaß, waren überzeugt, dass sie ihren Mann aus Habgier umgebracht hatte. Sie bestritt das energisch und hatte auch schon Prozesse gegen diejenigen angestrengt, die diese Behauptung in der Öffentlichkeit kundtaten. Immer wieder erklärte sie, dass ihr Mann, der überaus erfolgreiche Tuchfabrikant und -händler Ludwig Schlitt, beim Verzehr eines Stücks Rindfleisch erstickt sei. Man glaubte ihr nicht, denn der Bolustod, ausgelöst durch einen im Kehlkopf feststeckenden Gegenstand, war noch nicht bekannt.
Nun war Caroline Schlitt wirklich keine herzensgute Frau. Im Gegenteil, sie stänkerte gern und bereitete anderen Leuten mit Vorliebe Schwierigkeiten, vor allem ihren Mietern. Man behauptete, sie habe beim Eintreiben der Miete stets eine kleine Pistole in ihrer Handtasche. Das stimmte zwar nicht, wäre ihr aber durchaus zuzutrauen gewesen. Als sie einmal eine Familie auf die Straße gesetzt hatte, weil sie die heftigen Hustenanfälle des an Tuberkolose erkrankten Mannes in ihrer Nachtruhe gestört hatten, war mit Kreide an ihre Wohnungstür geschrieben worden:
DU HEXE SOLLTEST VERBRANNT WERDEN!!!
Sie störte das nicht sonderlich, denn sie genoss die Macht, die sie dank ihres Eigentums über andere Menschen hatte.
Eigentlich hatte sie an diesem Tag gute Laune, denn durch den Tod ihres Onkels Charles Corduan erbte sie eine ganze Menge. Gerade hatte sie sich zu einem Mittagsschläfchen auf ihrem Canapé wohlig ausgestreckt, da wurde an ihre Wohnungstür geklopft. Sie fühlte sich in ihrer Ruhe gestört. »Wer ist denn da?«, fragte sie ungehalten.
»Magdalena Gnie.«
»Lassen Sie mich in Ruhe!«
»Ich bitte noch um einen Tag Aufschub«, kam es vom Treppenhaus in flehentlichem Ton. »Meine Schwester kommt morgen nach Berlin und wird mir das Geld für die ausstehende Miete leihen.«
»Kommt nicht in Frage! Packen Sie Ihre Sachen! In einer Stunde steht ein Fuhrwerk vor der Tür, das Ihren Krempel abholt.« Caroline Schlitt wusste, dass sie nun so schnell keinen Schlaf finden würde, und setzte sich an ihr Klavier, um die Réminiscences des Huguenots von Franz Liszt zu spielen. Das war ihre andere Seite: Sie war eine glänzende Solistin und eine begehrte Klavierlehrerin.
Der Constabler Krause hatte natürlich vergessen, in den Berliner Apotheken nach auffälligen Käufen von Arsen zu fragen. Seine Begründung war einleuchtend: »Ick hab nu mal ’n Jedächtnis wie ’n Sieb, det weeß doch jeda.«
Also war Werpel selbst losgezogen. Jetzt stand er am Oranienburger Thor und sah auf seine Liste. In der Rosengarth’schen Apotheke war er eben gewesen, nun kam die von Ernst Schering an die Reihe. Der Apotheker 1. Klasse kam aus Prenzlau, das wusste Werpel, hatte in der Apulius’schen Apotheke, der besten Berlins, gelernt und dann in Berlin Pharmazie studiert. Obwohl Schering keine dreißig Jahre alt war, hatte er es schon weit gebracht. Er galt als außerordentlich kundig und kam auf immer neue Ideen. Frauen etwa beglückte er mit »Schering’s bekömmlicher Speisenwürze«, mit der man Suppen und Eintöpfe, die schon etwas angegangen waren, noch genießbar machen konnte. Immer mehr Kunden sagten ihrem alten Apotheker ade, um sich ihre Salben und Medikamente fortan aus der »Grünen Apotheke« zu holen. Auf diesen Namen hatte Schering, der Naturliebhaber, die Schmeisser’sche Apotheke nach ihrem Ankauf umgetauft. Sie lag in der Chausseestraße No. 21, nahe dem Oranienburger Thor.
Schering konnte sich denken, warum der Criminal-Commissarius ihn aufsuchte. »Sie kommen wegen des Kürschners Corduan, oder?« Offenbar hatte sich schon herumgesprochen, dass Corduan mit Arsen vergiftet worden war.
Werpel nickte. »In der Tat. Haben Sie einen Augenblick Zeit für mich?«
»Ja, obwohl ich gerade sehr beschäftigt bin, denn ich möchte mir hinter dem Verkaufsraum ein eigenes kleines Laboratorium einrichten. Ich träume schon lange davon, Medikamente nach einem standardisierten Verfahren herzustellen. Kommen Sie, hinten stehen zwei Stühle, dort sind wir ungestört.«
Werpel wollte so schnell wie möglich Feierabend machen und legte keinen großen Wert auf eine Plauderei. »Ich möchte Sie wirklich nicht lange stören. Sie wissen ja, worum es geht, Herr Schering. Wir müssen herausfinden, wer sich das Arsen, mit dem Corduan vergiftet wurde, wann und wo beschafft hat.«
Der Apotheker holte weit aus. »Arsen ist ein weißes und gut in Wasser lösliches Pulver, das etwas nach Knoblauch riecht.«
»Was aber die Leute, die gern Knoblauch essen, davon nicht abhalten wird«, warf Werpel ein.
»Nein, das ist es ja. Die tödliche Dosis beim Menschen dürfte, je nach Körpergewicht, zwischen 60 und 170 Milligramm Arsenik liegen, schätze ich«, fuhr Schering fort. »Diese Menge lässt sich leicht in eine Mahlzeit mischen, ohne dass es auffällt.«
»Man muss das Gift aber erst einmal haben, um das zu tun«, merkte Werpel an.
»Arsen zu erwerben ist gar nicht so einfach«, gab Schering zu Protokoll. »Die Zeiten, in denen es jeder als Fliegengift kaufen konnte, sind vorbei.«
»Trotzdem kann es noch in vielen Haushalten vorhanden sein.«
»Das stimmt. Heute jedenfalls darf ich keinem Mehlhändler, Bierbrauer, Bäcker oder Müller Arsen verkaufen, wenn Fliegen, Schaben, Mäuse oder Ratten ausgerottet werden sollen. Dafür gibt es inzwischen andere Methoden. So soll verhindert werden, dass das Arsen durch Unachtsamkeit in die Nahrungsmittel gelangt. Kammerjäger meinen außerdem, dass Ratten und Mäuse das Gift leicht in Gefäße mit Mehl, Malz oder Graupen speien können.« Werpel schüttelte sich. »Wem dürfen Sie überhaupt noch Arsen verkaufen?«
»Medicinern, Tierärzten und allen Künstlern, die mit Gold, Silber und Glas zu tun haben. Auch Fabriken, in denen Kattun und Pelze gefärbt werden, dürfen Arsen verwenden.«
Werpel horchte auf. »Pelze? Corduan könnte also das Arsen selbst im Hause gehabt haben?«
»Im Prinzip ja.«
»Nun …« Werpel stockte, weil sich der Verdacht gegen die Dienstmagd Susanna damit erhärtet hatte. Da brauchte er eigentlich gar nicht weiter nach einer unbekannten Giftmörderin zu forschen. Dennoch wandte er sich noch einmal an Schering. »Wir gehen von einem weiblichen Täter aus. Hat in Ihrer Apotheke vielleicht eine Frau nach Arsen gefragt?«
»Nein«, sagte Schering, ohne lange nachzudenken.
Der Criminal-Commissarius bedankte sich und trottete zurück ins Bureau, um sich dort mit einem kleinen Schläfchen auf den Feierabend vorzubereiten. Doch dazu kam es nicht, denn auf dem Flur wartete eine sehr erregte Dame, die Werpel unbedingt zu sprechen wünschte. »Ich bin Magdalena Gnie und habe eine wichtige Aussage zu machen.«
Werpel war sehr ungehalten. »Hat das nicht Zeit bis morgen früh?«
»Nein.«
»Worum geht es?«
»Um den Kürschner Corduan, den man vergiftet hat.«
Sofort war Werpel wieder eifrig bei der Sache. »Dann treten Sie ein!« Er hielt ihr die Tür auf und wartete, bis sie Platz genommen hatte. »Was haben Sie mir Wichtiges mitzuteilen, gute Frau?«
Magdalena Gnie zögerte nicht lange mit ihren Ausführungen, die sie in ihrem besten Hochdeutsch vortrug. »Bei uns in der Brüderstraße gibt es eine gewisse Caroline Schlitt. Der sagt man nach, dass sie ihrem Mann vorzeitig zu einem Platz auf dem Friedhof verholfen hat. Und nun ist auch dieser Kürschner in der Jägerstraße gestorben, bevor er eigentlich an der Reihe gewesen wäre.«
Werpel wurde etwas ungeduldig. »Was hat das eine mit dem anderen zu tun?«
Nun fiel Magdalena Gnie, aufgeregt, wie sie war, doch wieder in die berlinische Mundart zurück. »Wat det eene mit det andere zu tun hat? Sie, der Corduan, det war ihr Onkel, und nu erbt se allet.«
Werpel beschloss, nachdem Magdalena Gnie gegangen war, sofort Caroline Schlitt aufzusuchen und sie zu befragen. Da es bei solchen Aktionen immer besser war, nicht allein zu erscheinen, hieß er seinen Constabler, ihn zu begleiten.
Krause schwieg fast auf dem gesamten Weg Richtung Brüderstraße. Erst am Ziel wollte er wissen, auf welche Brüder die Straße anspiele.
»Früher haben hier Dominikanermönche gelebt.« Werpel war selbst erstaunt, darauf gekommen zu sein. Inzwischen hatte sich die einst ruhige Brüderstraße zu einer lebhaften Geschäftsstraße gewandelt.
Caroline Schlitt war schnell gefunden, doch als Waldemar Werpel ihr gegenüberstand, hätte er am liebsten die Flucht ergriffen. Im Stillen musste er Krause zustimmen, der ihm »Is dit ’n Mannweib!« ins Ohr flüsterte.
Die Hausbesitzerin ging sofort zum Angriff über, ohne dass Werpel ihr auch nur mit einem Wort erklärt hätte, weshalb er gekommen war. »Ich weiß, Herr Commissarius, mich hat jemand des Mordes an meinem Onkel bezichtigt.«
Werpel nickte nur.
Die Schlitt brach in ein Lachen aus, das Werpel später im Protokoll als wiehernd bezeichnen sollte. »Ich weiß, alle sagen über mich, ich sei die reinste Giftnudel.«
Werpel fragte förmlich: »Was sagen Sie zu der im Raume stehenden Verdächtigung?«
»Das ist doch lächerlich! Ich habe selbst genug Vermögen. Außerdem wäre mein Onkel sowieso bald gestorben, alt und krank, wie er war.«
Werpel wusste, dass er bei dieser Frau auf Granit beißen würde. Sie nach einem Alibi zu fragen war sinnlos, da es keine genaue Tatzeit gab. Der mit Arsen angereicherte Bohneneintopf war von der Magd schon Tage vor Corduans Tod gekocht worden und hatte seitdem in der Küche gestanden. Wenn die Magd außer Haus gewesen war, um Besorgungen zu erledigen, hätte sich sonst wer ins Haus schleichen können, ohne dass die Gesellen etwas gemerkt hatten. So musste Werpel unverrichteter Dinge wieder abziehen. Draußen ließ Krause verlauten, dass man der Dame selbst mit der Daumenschraube und dem Spanischen Bock nichts hätte entlocken können.
Doch Werpel winkte ab. »Krause, die Zeiten der Folter sind vorbei, hoffentlich ein für alle Mal!«
»Nee, sind se nich«, widersprach ihm der Constabler.
»Wieso?«
»Weil ma meine Frau jeden Abend uff de Folta spannt: Hat se nu noch wat jekocht, oda hat se nich?«
»Dann gehen Sie schnell nach Hause zu ihr! Schwirren Sie ab!«
Werpel atmete auf, als der Constabler seinem Blick entschwunden war. Auf dem Rückweg zum Molkenmarkt lief er auf dem Mühlendamm dem Oberst-Lieutenant von Gontard über den Weg. Der hatte ihm gerade noch gefehlt! Zwar fand der Criminal-Commissarius den Mann eigentlich sympathisch, und der Oberst-Lieutenant hatte auch mehrmals dafür gesorgt, dass Werpel sich nicht blamierte, indem er einen seiner Fälle gelöst hatte, aber es war wie im Märchen vom Hasen und dem Igel: Gontard war immer der Sieger. Und so seufzte Werpel auch, als ihn Gontard nach dem Stand der Dinge im Mordfall Corduan fragte. »Was soll ich mir große Mühe geben? Am Ende werden ja doch Sie es sein, der den Mord aufklärt.«
»Danke für die Blumen, lieber Werpel, aber in Wahrheit ziehen wir doch an einem Strang. Sie leisten die eigentliche Ermittlungsarbeit, ich binde am Ende nur den Sack zu.«
Da strahlte Werpel und erzählte Gontard sofort, dass man bis jetzt zwei tatverdächtige Frauen ausgemacht habe. »Die eine ist Susanna, die Dienstmagd von Corduan. Möglicherweise wollte sie ihn heiraten, und er hat sie abgewiesen. Die andere ist eine gewisse Caroline Schlitt, Hausbesitzerin aus der Brüderstraße, die als ausgesprochen bösartig verschrien ist.«
»Wie kommen Sie auf Frau Schlitt als Verdächtige?«, wollte Gontard wissen.
»Corduan war ihr Onkel, und sie ist Alleinerbin.«
Gontard nickte. »Das sind ernstzunehmende Motive. Sie sollten die beiden auf alle Fälle im Auge behalten. Ich befürchte übrigens, dass einige Bürgerinnen und Bürger die Gelegenheit nutzen, einer unliebsamen Verwandten oder Nachbarin eins auszuwischen und sie als Giftmörderin denunzieren. Passen wir auf, dass nicht zur Hexenjagd geblasen wird!«
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