Kitabı oku: «Der kalte Engel»
Horst Bosetzky
Der kalte Engel
Roman
Jaron Verlag
Taschenbuchausgabe
1. Auflage dieser Ausgabe 2013
© 2002 Jaron Verlag GmbH, Berlin
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Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin,
unter Verwendung eines Fotos des Landesarchivs Berlin
(Henry Ries: Anhalter Bahnhof, 1948)
Satz: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin
ISBN 9783955521981
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Prolog
Kapitel 1
ERSTER TEIL
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
ZWEITER TEIL
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
DRITTER TEIL
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
VIERTER TEIL
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
FÜNFTER TEIL
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Epilog
Kapitel 42
Kapitel 43
Anhang
Schlussbemerkung und Danksagung
Literatur
Prolog
Kapitel 1
Als Manne an diesem Nachmittag sein Schulbuch in die Ecke warf und auf die Straße lief, um mit Jörg und Robert Fußball zu spielen, war es für ihn ein Tag wie jeder andere. Noch jedenfalls. Mit seinen zehn Jahren kannte er keine andere Welt als diese: Berlin als eine große Trümmerwüste. Das galt auch für die Gegend um den Stettiner Bahnhof, Berlin N4. Groß geworden war er in der Borsigstraße. Die reichte von der Elsässer bis zur Invalidenstraße und zählte 34 Häuser. Davon waren die Nummern 6, 11 a bis 21, 31b bis 34 im Krieg zerstört worden. Nicht schlecht. Mannes Opa erzählte immer den Witz: »Berlin ist die Stadt der Warenhäuser – hier war’n Haus und da war’n Haus.« Manne und seine Freunde fanden, dass es keinen schöneren Spielplatz gab als eine richtige Ruine. Außer, man wollte Fußball spielen. Zum Beispiel VfR Mannheim gegen Borussia Dortmund oder Union Oberschöneweide gegen den BSV 92. Manne hatte zum Geburtstag einen nagelneuen Fußball aus Igelit bekommen. Den hatte er seitdem immer bei sich.
Wo steckten Jörg und Robert? Wahrscheinlich waren sie zum Güterbahnhof gelaufen, um zu sehen, ob zwischen den Gleisen heruntergefallene Presskohlen lagen. Oder man sprang auf die Loren und schmiss sie runter. Die Eltern freuten sich darüber mehr als über eine Eins im Rechnen, die man nach Hause brachte.
Es war undufte von den beiden Freunden, dass sie nicht auf ihn gewartet hatten. Manne lief durch die Straßen, sie zu suchen. Schade, dass es keine Trümmerbahnen mehr gab. Mit Feldbahnloren konnte man so herrlich D-Zug spielen. Seine Mutter hatte lange Zeit als Trümmerfrau gearbeitet. Alle verfügbaren Arbeitskräfte waren eingesetzt worden, um die Schuttmassen zu beseitigen. Zuerst waren die Straßen freigeräumt worden, damit die Versorgungsfahrzeuge passieren und die Straßenbahnen wieder fahren konnten. Dann mussten alle Ruinen eingerissen werden, die jederzeit einstürzen konnten. Das war immer unheimlich spannend. Wenn die Männer von der Abbruchfirma oben ein dickes Seil um einen stehen gebliebenen Schornstein gelegt hatten und dann unten daran zogen: »Hauruck! Hauruck!« Und die Staubwolke, wenn das Ding endlich umgefallen war!
Unter den Trümmern lagen noch zahlreiche nicht explodierte Sprengkörper, und wenn sie trotz aller Verbote in den Ruinen herumkletterten, um nach Buntmetall zu suchen, mussten sie jeden Augenblick damit rechnen, dass so ein Blindgänger in die Luft ging.
Grundsätzlich gab es für Manne drei Arten von Ruinen: einmal die Häuser, die Sprengbomben und Luftminen in Schutt und Asche gelegt hatten, Volltreffer, und die nichts mehr waren als ein einziger großer Trümmerhaufen, und zum anderen die Gebäude, die von Brandbomben getroffen worden waren. Im Innern war da nichts erhalten geblieben, vom Keller bis zum Dach alles ausgebrannt, aber die Fassade war noch völlig intakt, wenn auch vom Ruß geschwärzt. Drittens kamen dann die Teilruinen hinzu, Wohnhäuser, bei denen die eine Hälfte zerstört worden war, die andere aber noch bewohnt wurde. Da hingen dann noch Eisenträger in der Luft, und man konnte die Tapeten an den Wänden sehen, die früher zum Wohnzimmer gehört hatten und jetzt außen waren.
Wo man Bombentrichter verfüllt und zerstörte Häuser abgetragen hatte, waren freie Plätze entstanden. Manchmal gastierte dort ein kleiner Zirkus, oder es wurde ein Rummel aufgebaut. Vielleicht dieses Jahr auch mal ein Weihnachtsmarkt.
Noch immer keine Spur von Jörg und Robert. Manne war ein wenig mulmig zumute. »Geh mit keinem mit!« Er hatte die Stimme seiner Mutter ganz genau im Ohr. Was mit Kindern geschah, die mit fremden Männern mitgingen, wusste zwar niemand von ihnen genau, sie glaubten aber, dass man sie wie ein Karnickel schlachten und ihr Fleisch verkaufen würde. Und wenn Jörg und Robert nun … Nein, da vor der Golgatha-Kirche standen sie. Gott sei Dank. Wo sie denn gesteckt hätten? Jörg in der Desinfektionsanstalt. »Zum Entlausen.« Robert war beim Arzt gewesen. »Nachimpfen.« Die Impfung in der Schule hatte er verpasst. »Und dann hab’ ich noch zu Hause Kohlen aus’m Keller hoch holen müssen – wie Hennecke, do!« Adolf Hennecke hatte seine Tagesnorm als Bergmann zu 387 Prozent übererfüllt und war damit in der DDR zum Vater aller Aktivisten geworden.
»Wat spiel’n wa nu?« Manne war für Fußball, Robert für Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann? Jörg tippte sich an die Stirn: »Da sind wa doch viel zu wenig zu.« Er war für Autorennen oder Klimpern, ohne aber eine ausreichende Mehrheit für seine Vorschläge zu finden. Schließlich einigten sie sich auf Fußball. Jörg gegen Robert, das heißt, Union Oberschöneweide (Ost-Berlin) gegen den BSV 92 (West-Berlin). Roberts Vater war Grenzgänger, wohnte im Osten und arbeitete im Westen. Daher diese Rollenverteilung. Manne war der Torwart, und als solcher hatte er streng neutral zu sein.
Man hatte keine Lust, zum nächsten Park zu laufen, man blieb bei sich in der Borsigstraße. Ein Auto kam nur alle Jubeljahre mal. Der »Kasten« war eine zugemauerte Toreinfahrt in einer der Ruinen des zweiten Typs, also ausgebrannt, aber Fassade erhalten. Die Nr. 4.
Manne nahm Aufstellung und machte einen Abschlag. Hoch in die Luft und möglichst genau in die Mitte von Jörg und Robert. Zugleich schrie er: »Anpfiff!« Die beiden Freunde schraubten sich in die Höhe, aber am Ball vorbei. Der tippte hinter ihnen auf, sprang auf die Fahrbahn und rollte in den gegenüberliegenden Rinnstein. Jörg war als Erster hingespurtet und hatte ihn erobert. Aber schon war Robert zur Stelle, und sie begannen wie wild zu rempeln und zu fummeln. Schließlich aber kam Jörg frei zum Schuss. Manne riss die Arme hoch und lenkte den Ball links um den Pfosten, das heißt um die Kante der Toreinfahrt. Ein Schrei. Das wertvolle Stück war durch ein nicht zugemauertes Fenster im Hochparterre gesegelt und mitten in der Ruine gelandet.
Manne ging auf Jörg los. »Du holst’n da raus, du haste’n ooch rinjeschossen.«
Jörg protestierte. »Du hast se ja nich mehr alle: Du hast’n doch rinjelenkt!«
Auch Robert war gegen Manne. »Schließlich isset deiner.« Manne sah ein, dass die anderen die besseren Argumente hatten. »Dann helft mir aber wenigstens hoch und bleibt oben am Fenster stehen … Falls ick drin verschüttet werden sollte.« Die beiden Freunde versprachen es und verschränkten ihre Hände ineinander, um für Manne eine Trittstufe zu bilden. Der pumpte kurz wie ein Käfer, der losfliegen wollte, setzte seinen linken Fuß hinauf, griff sich den Fenstersims mit beiden Händen und schwang sich so weit nach oben, dass er sein rechtes Knie, den Unterschenkel und Teile seines Oberschenkels auf dem Mauerwerk platzieren konnte. Noch ein paar Bewegungen in der Art eines Trockenschwimmers, dann saß er in der Fensteröffnung und schaute in die ausgebrannte Parterrewohnung. Wohin war sein Ball gerollt?
»Hast’n schon gesehen?«, fragte Jörg.
»Nee …« Draußen wurde es schon langsam dunkel – und so ohne Taschenlampe. Manne beugte sich noch etwas weiter ins Innere der Ruine, um zu sehen, ob sein Ball nicht unmittelbar unter ihm lag, sozusagen im toten Winkel.
Da schrie er auf, so furchtbar, dass es durch die halbe Borsigstraße hallte, und prallte derart heftig zurück, dass ihn die Freunde nicht mehr auffangen konnten. Er knallte auf das Straßenpflaster.
»Was ist denn los?«
In der Ruine lagen Teile einer grausam zerstückelten Leiche. Zwei Unterschenkel, ein linker Oberschenkel und ein linker Arm, wie sich später herausstellen sollte.
ERSTER TEIL
Einen jeden kann es treffen
Kapitel 2
Walter Kusian hatte jeden Morgen denselben Wunsch: nicht mehr aufzuwachen. Diesen teuflischen Wecker nicht mehr hören zu müssen. Nicht mehr so elend zu frieren. Keine Ischiasschmerzen zu haben. Wer schon kein schönes Leben hatte, der sollte sich wenigstens eines schönen Todes erfreuen dürfen. Es wird noch mal ein Wunder geschehen … Ja, denkste. Er suchte nach dem Schalter seiner Nachttischlampe. Sie flammte auf. Ob man noch eine winzige Sekunde lang registrierte, was mit einem geschah, wenn man mitten im Schlaf starb? Vielleicht war es genauso, als wenn man einen Kopfschuss abbekommen würde. Im Lazarett waren ihm viele begegnet, die einen Kopfschuss überlebt hatten, und die meisten waren von einem Strudel des Wohlbehagens mitgerissen worden. Was mochte der Mann gefühlt haben, den er getötet hatte?
Walter Kusian sprang aus dem Bett und ging zu seinem Waschständer. Die weiße Schüssel war bis zum Rand gefüllt. Überall war das Emaille abgesprungen, und die schwarzen Flatschen sahen aus wie Muscheln oder Egel, die sich festgesaugt hatten. Eklig. Das Wasser war so kalt, dass er sich nicht gewundert hätte, wenn er beim Hineinfahren mit den Fingern durch eine dünne Eisdecke gestoßen wäre. Ein paar Spritzer ins Gesicht, das musste genügen. Was machte es schon, wenn er ein wenig müffelte: Es war keine Frau da, der er gefallen wollte. Und wenn er nachher wieder Schutt schippte, war sowieso alles für die Katz. »Also …« Er machte sich auf den Weg zur Toilette. Die lag am Ende des Flures und hatte den Sielaffs wie zwei anderen Untermietern zu dienen. Bei wem es da pressierte, der kam in arge Nöte. So legte Walter Kusian einen Extragang ein, als er nebenan Opa Pausin an seiner Zimmertür schließen hörte. Er war als Erster am Ziel und schloss sich ein, um sich zu einer längeren Sitzung niederzulassen. Je mehr Opa Pausin und Else Lehmann draußen trampelten und zeterten, desto wohler fühlte er sich. Zwar hing an der Decke nur eine müde 15-Watt-Funzel, aber seine Augen waren noch gut, und so konnte er Zeitung lesen. Der Telegraf, den Frau Sielaff in buchdeckelgroße Stücke zerschnitten und als Toilettenpapier hingehängt hatte, war zwar schon vierzehn Tage alt, aber eben kostenlos. Draußen schimpften sie immer erboster. »Was kann ich für meinen harten Stuhlgang!«, rief Walter Kusian. Die anderen Untermieter auf diese Art und Weise zu ärgern, war mit die einzige Freude, die er noch hatte.
»Und so was will nun Krankenpfleger gewesen sein!«, rief Else Lehmann, die bei der AOK am Wöchnerinnen-Schalter saß. »Na, wer bei Ihnen gestorben ist, der hat sich nur verbessern können.«
»Können Sie auch haben, kommen Sie nachher mal mit in mein Zimmer.«
Darauf drehte sie die Sicherung heraus, und er saß im Dunkeln. Was blieb ihm nun, als seine Lektüre für »hinterlistige Zwecke« einzusetzen. Pfeifend spazierte er dann an den beiden anderen vorbei in sein Zimmer zurück und machte sich daran, ein wenig zu frühstücken. Das Wasser für den Muckefuck war mit dem Tauchsieder schnell bereitet. Wenn er auch kein Geld für Bohnenkaffee hatte, so doch wenigstens ausreichend Quark für seine Stulle. Den aß er außerordentlich gern, obwohl Arthur, sein Kumpel, immer spottete: »Weißer Käse ohne Saft gibt viel Kacke, aber keene Kraft.«
Punkt sechs ging Walter Kusian aus dem Haus. Zu frieren brauchte er nicht. Dicke Stiebel hatte er und eine schwarze Cordhose, die er bei einem Kohlenträger für ein geklautes Karnickel eingetauscht hatte. Auch der alte Wehrmachtsmantel, den er trug, war ein Glücksfall. Noch schöner wäre es gewesen, er hätte die Epauletten und die Rangabzeichen nicht abtrennen müssen. Immerhin hatte das gute Stück einem Oberleutnant gehört. Er selber hatte es nur zum Sanitätsgefreiten gebracht. Etwas, das er seinem Führer nie verzieh, war er doch ein sogenannter Alter Kämpfer, einer, der schon sehr früh Mitglied der NSDAP geworden war. PG – Parteigenosse seit 1926. »Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen …« Walter Kusian hatte an die Worte Adolf Hitlers geglaubt. Er stampfte die Treppe hinunter.
Die Sternstraße im Wedding war eine gigantische Filmkulisse. Nieselregen und Ruinen. Die Mörder sind unter uns. Autos und schweifende Scheinwerfer waren selten wie Sternschnuppen am nachtdunklen Himmel. Über die Nordbahnstraße erreichte er den Bahnhof Wollankstraße und stieg dort die Stufen zur S-Bahn hinauf. Der Zug Richtung Stadtmitte rollte gerade heran. Brauchte er nicht lange zu frieren. In zehn Minuten war er am Bahnhof Friedrichstraße und lief zur Stadtbahn hinauf. Schon an der nächsten Station, Lehrter Stadtbahnhof, sprang er wieder aus dem Zug, weil ihm eingefallen war, dass es besser war, mit der Straßenbahn von hier aus direkt zum Knie zu fahren, als vom Bahnhof Zoo zu laufen.
Er hasste diesen langen Arbeitsweg! Dabei war er äußerst reizvoll, denn Walter Kusian reiste durch zwei Städte. Die Teilung Berlins, die nun schon zum Alltag gehörte, hatte im Juni 1948 mit dem Auszug der Sowjetunion aus dem Alliierten Kontrollrat begonnen. Während Ost-Berlin im Oktober 1949 zur Hauptstadt der DDR erklärt wurde, blieb West-Berlin formal Viermächtestadt und bloßes, wenn auch heiliges und teures Anhängsel Bonns und seiner Republik. Es war so, wie es der sozialdemokratische Wirtschaftstadtrat Klingelhöfer auf den Punkt brachte: »Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass Berlin geteilt sein wird, als wären es zwei Städte.« Die Haltestelle lag gleich gegenüber vom Ausgang an der Invalidenstraße. Trotz der frühen Stunde stand schon eine Gruppe anderer Fahrgäste an der Haltestelle. Auch viereinhalb Jahre nach Kriegsende sahen sie noch immer elend aus, blass, mager und verhärmt. Er hörte Elisabeths Stimme: »Wehe den Besiegten.« Männer gab es kaum noch. Die beiden, die er sah, hatten wie er eine Wehrmachtsmütze auf. Wohl dem, der eine hatte. Sogar die Torhüter bei den Fußballern schätzten sie. Die Frauen waren alle dick eingemummelt, und man konnte nur ahnen, dass sie welche waren. Aber vielleicht sind sie schon keine mehr, dachte er, und bei ihnen ist alles zugewachsen, was sie zwischen den Beinen haben. Wer konnte sich schon vorstellen, mit einer Trümmerfrau im Bett zu liegen. Er nicht. Da war er anderes gewohnt. Der Witz, den ihm Arthur gestern erzählt hatte, fiel ihm wieder ein.
»Stehen ein Junge und ein Mädel im Kinderheim und sollen abgeseift werden. Sagt der Junge: ›Ätsch, was ich unten am Bauch hängen habe, das hast du nicht.‹ Antwortet das Mädchen: ›Nein, wir sind Flüchtlinge und haben alles zu Hause zurücklassen müssen.‹«
Nach fünf Minuten kam die Straßenbahn von der Sandkrugbrücke her. Zwar sah der Triebwagen noch immer ziemlich abgewrackt aus, aber wenigstens waren die Fenster jetzt alle wieder verglast. Keine Bretter mehr, keine Pappe. Na bitte. Gerade wollte er sich darüber freuen, da bekam er den grüngrauen Rucksack seines Vordermannes voll ins Gesicht. Die Schnalle riss ihm eine Schramme in die Nasenwurzel.
»Pass doch uff, du Idiot!«, schimpfte Walter Kusian.
»Ick hab’ doch hinten keene Augen, Mann.«
»Klar. Hättest welche jehabt, würdeste ooch nicht mehr rumloofen hier, da hätten se dich unter Adolf schon längst …«
»Sie, soll ich die Polizei holen!«
Die Schaffnerin stieß Walter Kusian in die andere Richtung.
»Ruhe hier im Puff! Wir wollen unsern Fahrplan einhalten.« Walter Kusian schluckte herunter, was ihm auf der Zunge gelegen hatte: dass nämlich im Krieg mindestens einer zu wenig umgekommen war. Scheiße alles. Was wäre aus ihm noch alles geworden, wenn der Führer den Krieg gewonnen hätte. Jetzt aber, jetzt hatte er die letzte Drecksarbeit zu machen und sich mit diesem Plebs hier abzugeben. Nicht mal einen Sitzplatz hatte man für ihn. Na schön, bis zum Knie war es nicht weit. Schon wurde abgeklingelt. Sie bogen in die Rathenower Straße. Gegenüber lag düster und wuchtig das Kriminalgericht Moabit, das mit der angeschlossenen Untersuchungshaftanstalt das ausgedehnte Areal zwischen Alt-Moabit und Turm-, Wilsnacker und Rathenower Straße beherrschte. Er hasste es. Er hasste überhaupt alles.
Bald bogen sie nach links in die Gotzkowskystraße ab, dann ging es über die Spree hinweg und die Franklin- und die Marchstraße hinunter.
»Noch jemand zugestiegen, noch jemand ohne Fahrschein? Wer will noch mal, wer hat noch nicht?«
Walter Kusian hatte schon gehofft, dass es die Schaffnerin nicht mehr schaffen würde, sich bis zu ihm hindurchzuquetschen, nun aber stand sie vor ihm und klimperte mit ihrem Galoppwechsler. Wie Claire Waldoff sah sie aus. Dieselbe Kodderschnauze, dieselbe heisere Stimme: Wer schmeißt denn da mit Lehm … Er mochte diesen Typ von Frau. Eine, die sich nicht die Butter vom Brot nehmen ließ. Auch wenn es ihn in diesem Falle 20 Pfennige kostete.
»Knie …« Er hatte seinen Fahrschein gerade eingesteckt, da musste er auch schon aussteigen. Zwar war Ernst Reuter schon West-Berliner Bürgermeister, aber der große Platz, wo die Untergrundbahn auf ihrem Weg zwischen Zoo und Ruhleben mit einem sanften Knick von der Hardenbergin die Bismarckstraße bog, was im Linienplan wie ein gebeugtes Knie aussah, trug seinen Namen noch lange nicht. Die Randbebauung war total zerstört, und langsam begann man, die Riesenfläche freizuräumen. Als sollte hier ein innerstädtischer Flughafen angelegt werden. Die meisten total zerstörten Häuser gab es in der Berliner Straße, später Otto-Suhr-Allee, auf der man zum Charlottenburger Rathaus und zum Schloss gelangte. Dorthin wandte sich Walter Kusian nun. An der Ecke Cauerstraße sollte er beim Enttrümmern helfen. Die 54 Richtung Spandau/Johannesstift überholte ihn. Er träumte davon, da draußen ein Häuschen zu haben. Mit so viel Rente, dass er nicht mehr zur Arbeit musste. Einmal was vom Leben haben.
Von hinten kam jemand und drückte seine Hutkrempe nach vorn, so dass er nichts mehr sehen konnte. Dazu tönte es: »HO senkt die Preise!« Das konnte nur Arthur sein, der alte Kumpel aus besseren Tagen, der öfter mal in die HO einkaufen ging. HO hieß Handelsorganisation und war vom Osten dazu gedacht, West-Berliner anzulocken. Die kluge West-Berliner Hausfrau kauft in der HO lautete der Reklamespruch. Längs der Sektorengrenze gab es viele HO-Läden. Aber nicht die Frage, wo es etwas gab, war heute Morgen ihr Thema, sondern die Schäden, die der Orkan vom 5. Dezember in Berlin angerichtet hatte, und der Leichenfund vom Stettiner Bahnhof am selben Tag. Heute war Donnerstag, der 8. Dezember 1949.
»Bei uns is ’ne Birke umgeknickt und uff ’ne Laube ruff,« erzählte Arthur, der 1944 in Weißensee ausgebombt worden war und nun mit Frau und zwei Kindern in einer Laubenkolonie am Bahnhof Blankenburg hauste. »Aber keener tot.«
»Haben sie Glück gehabt.« In der Innenstadt waren vor allem Ruinen eingestürzt, und es hatte sechs Tote gegeben.
»Du aber ooch …« Arthur musterte den Freund. »Dass du noch deine beeden Unterschenkel dran hast.« Das bezog sich auf die Leichenteile, die man am Stettiner Bahnhof entdeckt hatte. Die Zeitungen hatten ausführlich davon berichtet.
Walter Kusian grinste. »Was haben die Kinder da gefunden: einen Arm, einen Oberschenkel und zwei Unterschenkel. Was meinst du wohl, wo die anderen Teile abgeblieben sind?«
»Bei dir im Kochtopp.«
»Richtig. Kommst du nachher mit essen?«
»Menschenfleisch soll ja nicht schlecht schmecken, nur ’n bisschen süßlich.«
»Was meinst du, was wir alles in der Wurst drin haben.« Arthur verzog das Gesicht. »Hören wa lieber uff zu spotten, denn der da, der det jemacht hat, der wird bestimmt nich so schnell uffhören damit. Einen jeden kann es treffen.«
Damit hatten sie ihren Arbeitsplatz erreicht. Sie waren bei einer kleinen Klitsche beschäftigt, und ihr Chef hatte den Auftrag bekommen, ein Stück Ruinengrundstück freizuräumen und einen Kiosk hinzusetzen. Arthur hatte seine Bedenken. »Ob dit ma allet hält?« Sein Blick ging nach oben. Das Wohnhaus war von einer Sprengbombe getroffen worden. Die ganze Fassade fehlte. Man hatte einen freien Blick in alle Zimmer. Es war wie bei einem Puppenhaus, nur dass alles in die Tiefe gegangen oder leer geräumt war. Die Tapeten hingen noch an den Wänden. Auch die Türen zu Fluren und anderen Zimmern waren noch vorhanden, und es war anfangs durchaus vorgekommen, dass ein ahnungsloser Mensch sie von der anderen Seite her geöffnet hatte und abgestürzt war. Der hintere Teil des Hauses war noch bewohnt. Natürlich, wo alles eine Wohnung suchte. Wenn sie Pech hatten, krachte ein Stück Schornstein herunter oder eine Zwischenwand, die nicht genügend gesichert worden war.
Der Chef kam mit seinem Tempo-Dreikanten, brachte ihnen Spaten, Hacken und Brecheisen und gab noch letzte Weisungen. »Und passt auf, da hinten in der Ecke ist die Kellerdecke eingestürzt.« Damit fuhr er wieder davon.
Arthur wollte hinunter in den Keller und nachsehen, ob alles stabil genug war, doch Walter Kusian hielt ihn zurück.
»Was soll’n da schon passieren, bei dem Untergewicht, das wir beide haben. Und wenn wir den Schutt wegräumen, wird doch die Last geringer.«
»Trotzdem …«
»Mann, bist du’n Angsthase. Kein Wunder, dass wir mit Soldaten wir dir den Krieg verloren haben.«
Daraufhin verzichtete Arthur auf die Besichtigung des Kellers und begann gottergeben zu schippen. Walter Kusian hob die Mauersteine auf, schlug sie auseinander, klopfte den Mörtel ab, der ihnen noch anhaftete, und schichtete sie fein säuberlich neben sich auf. »Fehlt mir nur noch das Kopftuch, dann bin ich die perfekte Trümmerfrau.«
So arbeiteten sie Stunde um Stunde. Abwechslung gab es wenig. Mal eine Frau, der man hinterherpfeifen konnte, mal der Pferdewagen mit dem Mann, der eine Glocke schwang und »Brennholz für Kartoffelschalen!«, rief. Gegenüber hatte einer einen Tannenbaum gekauft und hing ihn mit der Spitze nach unten außen ans Fenster, um ihn frisch zu halten. Ach Gott, ja, in vierzehn Tagen war ja Weihnachten.
»Wat machste ’n so die Feiertage über?«, fragte Arthur.
»Ich blase …«
»Weihnachtslieder?«
»Nee, Trübsal. Höchstens, dass ich mal zu meiner Schwägerin fahre …«
Arthur lehnte seine Schippe gegen die kleine Mauer, die sein Kollege aufgeschichtet hatte. »Herr Ober, ’n Bier.«
»Momentchen, Kollege kommt gleich.«
Dieser Dialog bezog sich darauf, dass Walter Kusian bis vor kurzem in der Casablanca-Bar in der Augsburger Straße als Kellner gearbeitet hatte, dort aber entlassen worden war. Einer der Stammgäste, ein wohlhabender Filmkaufmann, hatte ihn wiedererkannt und es daraufhin abgelehnt, von einem alten Nazi bedient zu werden. Bei dem sich anschließenden Dialog war Walter Kusian dann etwas ausfallend geworden.
Endlos dehnte sich der Tag. Es war trübe und nasskalt. Walter Kusian hätte nichts dagegen gehabt, wenn ein Mauerbrocken heruntergekracht wäre und ihn getötet hätte. Das Beste am Leben war ein Ende ohne Schrecken. Arthur konnte sich wenigstens auf den Feierabend freuen. Mit seiner Familie draußen in der warmen Laube. Er aber … Den ganzen Abend allein in seiner kalten Bude. Hoffen konnte man nur, wenn man Geld hatte, viel Geld … Der Möbelhändler drüben, der auf seine Träger aufpasste, dass sie die teure Anrichte auch heil nach oben trugen, der hatte bestimmt eine Menge Zaster. Möbel von GG – eine Pfundsidee. Das GG stand für Gregor Göltzsch, wie Walter Kusian aus der Zeitung wusste. Den beiseite schaffen, seinen Tresor öffnen und … Es war ein Gedanke, der ihn mehr erwärmte als der Glühwein, den der Chef spendierte, als es dunkel wurde und er kam, die Werkzeuge wieder einzusammeln. »Feierabend!«
Walter Kusian ging zur Haltestelle, um auf die nächste Straßenbahn zu warten, und stieg dann in die völlig überfüllte 2. Der Beiwagen hatte keine Türen, und so stand er auf der Plattform halb im Freien und fror sich einen ab. In der Turmstraße sah er zwei gackernde Frauen. Sie kamen gerade aus dem Robert-Koch-Krankenhaus. Es war Elisabeth Kusian mit ihrer Freundin Anni.
»Hallo, Schwägerin!«, rief er hinüber.
»Hallo, Schwager.«
»Hast du heute Abend ’n bisschen Zeit für mich?« Elisabeth Kusian hob die rechte Hand, um damit ein paarmal vor dem Gesicht hin und her zu fahren, als ob er nicht mehr alle hätte. »Nee, bestimmt nicht.«
»Pass bloß auf, dass sich deine Knochen nicht auch mal in irgend ’ner Ruine finden«, murmelte Walter Kusian beim Weiterfahren.
Kapitel 3
Hannes Seidelmann, gelernter Telegraphenbauhandwerker, war Störungssucher bei der Post und als solcher ein ziemlich freier Mann. Sein Vorgesetzter saß in der Skalitzer Straße am Prüfschrank und konnte nur schwer kontrollieren, wie schnell ein kaputtes Telefon repariert war und was er zwischen zwei Aufträgen so alles anstellte – zum Beispiel mal eben schnell nach Hause fuhr und Kaffee trank. Oder in seiner Laube nach dem Rechten sah. Oder seine Geliebte kurz beglückte. Heute aber hatte er sich offiziell abgemeldet.
»Sie wissen ja, was mit meinem Bruder los ist …« Seit mehr als fünf Tagen warteten sie auf ihn. Vergeblich. Am 3. Dezember hatte Hermann Seidelmann die Wohnung verlassen. Mit über 3000 DM-Ost in der Tasche … Und da war mit dem Schlimmsten zu rechnen. Obwohl … Von der Vermisstenstelle im Britischen Sektor, zu der sie gleich am nächsten Tag gegangen waren, hatten sie noch nichts gehört; was hoffen ließ. Zu Hause war der Bruder im sächsischen Plauen, doch wiederholte Anrufe bei seiner Frau Irma hatten nichts ergeben. »Nein, Hermann ist hier nicht wiederaufgetaucht.« Sehr zu bedauern schien sie das nicht. Am 17. November war Hermann nach Berlin gekommen. Zur Beerdigung seiner Mutter, ihrer Mutter. Mit der Heimreise hatte er sich Zeit lassen wollen. Er wollte noch Geld tauschen, Ost gegen West, und in West-Berlin Ersatzteile für seine Fahrgeschäfte einkaufen. Schausteller war er und hatte seine Karussells, Schiffschaukeln und Losbuden in Leipzig, Dresden, Chemnitz und anderswo in Sachsen stehen. Offenbar war er aber auch nach Berlin gekommen, um galante Abenteuer zu suchen. Jedoch bis jetzt, wie es schien, ohne Erfolg.
»Mit siebenundvierzig ist der Lack auch schon ’n bisschen ab«, sagte Hannes Seidelmann.
Seine Schwester winkte ab. »Bei dem Männermangel heute, da gibt et viele Frauen, die jeden nehmen. Erst nehmen … und dann tüchtig ausnehmen. Wie ’ne Weihnachtsgans. Aber bei Hermann würde’s mir auch nicht leid tun. Vier Kinder hat er und dann …«
Gerda, Fahrkartenknipserin bei der Berliner S-Bahn, war ein sehr misstrauischer Mensch. Schon von Berufs wegen. Saß sie am Bahnhof Wedding in ihrer Wanne, dann hatte sie nicht nur die gelben Pappkarten der abfahrenden Fahrgäste zu knipsen, sondern auch die der ankommenden zu kontrollieren – dass sie die richtige Preisstufe gelöst hatten. I war mit 20 Pfennigen die billigste, galt aber nur auf und innerhalb der Ringbahn. Und wie oft kam es vor, dass jemand nur I gelöst hatte, aber beispielsweise von Gartenfeld oder Wollankstraße kam. »Ich traue allen Menschen alles zu«, war ihre stehende Wendung. »Auch dir, Hannes …« Das bezog sich darauf, dass ihre beiden Brüder sich nie so recht verstanden hatten, ganz im Gegenteil. »Denk mal an Kain und Abel.«
Hannes Seidelmann fuhr auf. »Spinnst du wohl?!«
»Tu doch nicht so. Als er vor dir eingezogen worden ist, hast du gleich was mit seiner Irma angefangen. Und jetzt, wo er wieder zurück ist, da ist er dir doch ’n Dorn im Auge.«
Hannes Seidelmann war perplex. »Ich würde doch nie meinen eigenen Bruder …«
»Nein, würdest du nicht. Aber Tatsache ist ja mal, dass er verschwunden ist.«
»Mit mächtig viel Geld in der Tasche. Auf das du immer scharf gewesen bist …«
Hannes Seidelmann stand auf, trat ans Fenster, zog die Gardine zur Seite und sah auf die Straße hinunter. »Ach, Unsinn alles. Jeden Augenblick wird er auftauchen und … Wahrscheinlich hatte er doch irgendwo ’ne Frau aufgegabelt und kommt nun gar nicht mehr los von der. Irma liebt er ja schon lange nicht mehr. Oder er ist im Puff gelandet, und sie behalten ihn da, bis er alles Geld vervögelt hat.«
»Hannes, bitte!« Gerda Seidelmann war empfindlich gegen alles Obszöne.
»Wir müssen wirklich was unternehmen. Wenigstens noch mal zur Vermisstenstelle gehen.«
»Das ist mir irgendwie peinlich.«
»Dann lass uns mal gucken, ob wir in seinen Sachen was finden.«
Gerda winkte ab. »Das ist doch Quatsch, das haben wir doch schon x-mal gemacht.«
»Vielleicht haben wir wirklich was übersehen?«
»Na schön …«
Das Ziehharmonikabett, auf dem Hermann Seidelmann genächtigt hatte, stand in einem schmalen halben Zimmer, das sie als Kammer bezeichneten. Früher hatte es als Mädchenkammer gedient, jetzt war es die Rumpelkammer. Hermanns Koffer war aufgeklappt und bot den Anblick von langen Unterhosen, schlecht gebügelten Oberhemden und zusammengerollten Socken. Darüber hing an einem locker in der Wand sitzenden Nagel ein Anzug, der arg nach Kneipe roch.
»Hast du denn in dem schon nachgesehen?«, fragte Hannes seine Schwester.
»Ja, na klar, was hast du denn gedacht.« Sie konnte nicht anders, als barsch zu sein. »Guck mal, was der Hermann für schöne Schlipse hat.« Sie hielt zwei hoch.
»Den schönsten hat er doch umgehabt, als er weggegangen ist: den blauen mit den gelben und den roten Streifen. Den hat er schon früher immer umgebunden, wenn er zu einem Rendezvous gegangen ist. Mensch, du …« Hannes Seidelmann fiel ein, dass sein Bruder ihn gleich nach seiner Ankunft gefragt hatte, wo er denn hier in West-Berlin am besten Präservative herbekam. »›Männerschutz‹? Beim Friseur, wenn du Haare schneiden gehst.« Und wo verbarg ein Mann die, wenn er sich ins Nachtleben stürzte? In einem kleinen Geheimtäschchen am Hosenbund, rechts unter dem Gürtel. Da also sah er nach.
Und richtig, da steckte etwas drin. Aber kein »Fromms«, sondern ein kleiner Zettel, von einer Zeitung abgerissen. Vier Worte waren hingekritzelt: Schöne Frau am Zoo. Zweifellos Hermanns Handschrift. Er wandte sich zu seiner Schwester hin. »Sieh mal hier …«
»Da hat er sich bestimmt mit einer treffen wollen. Los, nichts wie hin! Und steck ’n Foto von ihm ein.«
Sie machten sich auf den Weg. Die Haltestelle der 21 war ganz in der Nähe, und so fuhren sie mit der Straßenbahn bis zur Gotzkowskystraße, wo in die Linie 2 umzusteigen war. In einer knappen Viertelstunde waren sie am Bahnhof Zoo. Hier war Berlin fast schon wieder so quirlig wie in den Goldenen Zwanzigern. Das lag weniger an der Zahl der Fernreisenden, denn noch gingen die meisten der nur fünf bis sechs Interzonenzüge täglich von den alten Kopfbahnhöfen ab, als an seinem legendären Ruf: »Chia, chia, cho, Schieber steh’n am Bahnhof Zoo …« Mit dem Ende der Blockade und der Währungsreform war es zwar weithin vorbei mit dem Schwarzen Markt, doch das Geschäft der Geldwechsler blühte noch immer und nun erst recht. Abgesehen davon stiegen Zehntausende hier um, kreuzten sich doch mehrere S- und Straßenbahn-Linien mit der U-Bahn-Linie A. Kamen jene hinzu, die nebenan im »Garten« sehen wollten, welche Elefanten, Löwen, Bären und Affen, alles alte Bekannte, bei Kriegsende übriggeblieben waren. Wie sie selbst. Das stählerne Skelett der Bahnhofshalle hatte den Bomben standgehalten, nur fehlte alles Glas. Trotzdem wirkte es wie ein Fremdkörper inmitten all der Ruinen. Nein, auch das Oberverwaltungsgericht war relativ unbeschädigt geblieben. Doch ausgebrannt waren die Rundkuppel des Zeiss-Planetariums und des Ufa-Palastes, und vieles andere lag in Schutt und Asche.
Wo traf man sich zu dieser Zeit? Unter der großen Normaluhr neben der Parfümerie von Dr. E. Kuhlmann. Die Geschwister gingen in den Laden, um der Verkäuferin das Bild ihres verschwundenen Bruders zu zeigen. »War der zufällig bei Ihnen hier und hat Parfüm für eine schöne Frau gekauft? Jahrgang 1902 ist er, korpulent und sächselt etwas, manchmal spricht er auch noch ostpreußischen Dialekt.«
Kopfschütteln. »Tut mir leid, kann ich mich nicht mehr dran erinnern.«
Sonderlich enttäuscht waren sie nicht. Wäre ja wirklich ein Zufall, wenn … Mit etwas mehr Hoffnung mischten sie sich unter die Geldwechsler. Aber auch da: Fehlanzeige. »Er hat eine Menge Geld bei sich gehabt …«
Da grinsten die Angesprochenen nur: »Das wird er mit ein paar Miezen durchgebracht haben.« Man verwies sie auf die Cafés am Kudamm und die einschlägigen Pensionen in der Augsburger Straße.
Hannes Seidelmann schüttelte den Kopf. »Der Zettel mit der Notiz Schöne Frau am Zoo spricht dagegen, dass Hermann auf käufliche Liebe aus gewesen ist.«
Seine Schwester teilte seine Meinung nur bedingt. »Kann doch sein, dass die auch so eine war … Und wenn nicht: Auf alle Fälle wird er mit ihr in ein Café oder eine Bar gegangen sein.«
»Die sollen wir nun alle abklappern? Vielleicht ist er auch mit ihr in die Straßenbahn gestiegen und sonst wo hingefahren …« Das bezog sich auf einen Straßenbahnzug der Linie 77, die hinter ihnen gerade »abgeklingelt« wurde. »Lichterfelde West – Goerzallee … Die Kaiserallee runter, Steglitz … Schöne Gegenden für schöne Frauen.«
»Ach, Quatsch!« Gerda Seidelmann glaubte nicht an die Theorie vom Liebesnest. »Hermann lässt doch nicht alles stehen und liegen, was er sich mühsam aufgebaut hat, nur um sich mal wieder so richtig auszutoben.«
»Hast du ’ne Ahnung.« Und er zählte ihr alles auf, was er über »des Menschen Hörigkeit« gesehen, gelesen und gehört hatte. »Wenn da eine kommt …«
»… dann geht er mit der doch nicht gleich ins Bett, sondern erst mal was trinken.« Gerda beharrte darauf, in den umliegenden Cafés und Bars nach Hermann zu fragen. So zogen sie los. Der Kurfürstendamm lebte noch immer, trotz der Ruinen und der Lebensmittelkarten war er auch ohne Lichterglanz und Stars verführerisch geblieben. Ein Versprechen, das nicht totzukriegen war: Komm her und fühl dich im Champagnerrausch. Sogar ein so nüchterner Mensch wie Hannes Seidelmann erlag diesem Flair, und bald fühlte er sich wie im Film, wie Paul Kemp in Amphitryon, Willi Forst in Bel ami oder Willy Fritsch in Die drei von der Tankstelle. Er brachte es für sich auf den Punkt: »So als wenn’s de schwebst …«
Doch auch am Kurfürstendamm konnte sich niemand an einen Hermann Seidelmann aus Sachsen erinnern. Ihnen wurde geraten, es einmal in der Casablanca-Bar in der Augsburger Straße zu versuchen. »Wenn jemand eene abschleppen will, denn da.«
Sie machten sich auf den Weg und kamen sich immer deplatzierter vor, denn in dieser Gegend waren viele der pompösen Häuser aus der Gründerzeit stehen geblieben, und es roch noch immer etwas nach Bourgeoisie, obwohl die riesengroßen Wohnungen nun ganz sicher aufgeteilt und untervermietet waren. Dennoch: Es war nicht ihre Welt. Und sie wurden auch misstrauisch beäugt. Wohl als Gaunerpärchen, das hergekommen war, etwas auszubaldowern. Oder war das nur Einbildung? Hannes Seidelmann wusste es nicht. Wie auch immer: Er hatte große Hemmungen, an die schwere hölzerne Tür der Casablanca-Bar zu klopfen. Zu dieser frühen Stunde war noch gar nicht geöffnet. Schließlich bequemte sich ein muffliger Bediensteter, der Barkeeper offensichtlich, die Tür einen Spaltbreit zu öffnen. »Was’n: Die Kripo schon wieder?« Hannes Seidelmann überlegte blitzschnell, ob es schon den Straftatbestand der Amtsanmaßung erfüllte, wenn er die Frage nicht verneinte, sondern so tat, als hätte er sie gar nicht gehört.
Nein. Also reagierte er nicht, sondern hielt dem Barkeeper wortlos das Foto seines Bruders hin.
»Ob der hier war …« Der Mann fuhr sich mit der flachen Hand über den kahlen Schädel. »Ja, gestern erst. Mit ’ner schönen Frau zusammen.«
Das kam so prompt, dass die Geschwister es unbesehen glaubten. Sie hörten, was sie hören wollten: dass ihr Bruder noch am Leben war. »Ich hatte schon gefürchtet, ihm sei was zugestoßen«, sagte Gerda, und Hannes fügte hinzu: »Du wirst lachen, ich auch. Aber: Unkraut vergeht nicht.« Erleichtert fuhren sie nach Moabit zurück und kochten sich eine Kanne Hagebuttentee.
Kaum hatten sie sich am Couchtisch niedergelassen, klingelte das Telefon. Als einer der wenigen Berliner seines Standes hatte Hannes Seidelmann einen Anschluss, aber er war ja Technischer Fernmeldesekretär bei der Post … und an der Quelle saß der Knabe. Es war die Vermisstenstelle. Man möge doch bitte in das Ost-Berliner Leichenschauhaus in der Hannoverschen Straße fahren.
»Hat man meinen Bruder gefunden? Ist er …«
»Weiß ich nicht. Es gibt da Gliedmaßen, die sich einem erwachsenen Mann zuordnen lassen, und wir benachrichtigen alle, die einen Mann als vermisst gemeldet haben.«
»Ach so …« Hannes Seidelmann war beruhigt.
Wieder pellten sie sich an und machten sich auf den Weg. Im Dezember bei Kälte und Dunkelheit durch die Berliner Ruinenlandschaft zu reisen, war kein reines Vergnügen, eher schon ein Abenteuer. Mit der 21 fuhren sie bis zur Invalidenstraße und stiegen dort in die 44 um, die sie bis zur Endstation Sandkrugbrücke brachte. Von dort war es nur ein Fußweg von ein paar hundert Metern. Aber die Gegend! Wenn einer das Fürchten lernen wollte, dann hier. Sie redeten nicht viel. Wozu auch.
In der Hannoverschen Straße nahm sie ein hagerer und außerordentlich mürrischer Mann in Empfang und führte sie durch ein Labyrinth von Treppen und Gängen. Alles reine Routine. Schließlich waren sie am Ziel. »Keinen Schreck kriegen«, sagte der Hagere, und man sah ihm an, dass er sich genau darauf freuen würde. Über einen der stählernen Tische war ein weißes Tuch gebreitet, und darunter lag etwas: offenbar die Leichenteile, um die es hier ging.
»Achtung!«, rief der Hagere und riss das Tuch so schnell zur Seite wie ein Zauberkünstler eine Tischdecke, wenn dabei Gläser und Geschirr nicht umstürzen sollten. »Hier haben wir zwei Unterschenkel mit Füßen dran, einen linken Oberschenkel und einen linken Arm. Der Rest, der fehlt noch … Nun gucken Sie mal, ob das Ihr Bruder ist.«
Gerda Seidelmann schlug die Hände vors Gesicht, brach in Tränen aus und stürzte aus dem Saal, weil sie fürchtete, sich übergeben zu müssen.
Auch Hannes spürte ein heftiges Würgen im Hals, schaffte es aber standzuhalten. Es war entsetzlich, sich vorzustellen, dass das … Er wollte die Augen zur Decke richten, zum Fenster, zum Wasserhahn, doch er schaffte es nicht. Wie von einer magischen Kraft wurden seine Blicke von den Leichenteilen angezogen. Vom Ungeheuerlichen. Das gab es nicht, das konnte doch nicht wahr sein, solche Bilder hatten nur die Leute im Kopf, die sie ins Irrenhaus steckten: »Ich sehe immer meinen Bruder vor mir, wie er in kleinen Portionen vor mir auf dem Tisch liegt. Fein säuberlich zerlegt.«
Der Hagere wurde ungeduldig. »Na, was ist nun?«
Hannes Seidelmann schwankte, musste sich festhalten. Die Hautfarbe stimmte schon … etwas weißlich … Auch die schwarzen Haare … Alles sprach dafür, dass Arm und Schenkel zu Hermann gehörten, Hermann waren. Aber … Nein, und abermals nein. Er hatte das Gefühl, dass sein Bruder erst dann wirklich tot war, wenn er zugab, dass die Teile ihm gehörten. Also sagte er wider besseres Wissen, dass er nichts identifizieren könne. »Wer auch immer das ist, mein Bruder ist es nicht.«
Da stand seine Schwester hinter ihm, und Gerda Seidelmann war, nachdem sie sich nun wieder gefangen hatte, ganz Realistin: »Doch, das issa. Er ist doch gerade frisch am Hühnerauge operiert worden … Und hier am linken Fuß ist noch das Pflaster dran.«
Kapitel 4
Elisabeth Kusian war noch im OP geblieben, um ein wenig Ordnung zu schaffen. Allein mit der Toten, die noch immer von den Lampen über dem Operationstisch angestrahlt wurde wie eine Schauspielerin vor der Kamera. Wieder einmal hatte alle ärztliche Kunst nichts genutzt. Zu weit war das Karzinom an der Gebärmutter fortgeschritten. Sie beugte sich über die Frau und schloss ihr die Augen. »Da, wo du jetzt bist, wirst du’s besser haben als hier …« In ihren langen Berufsjahren, zumal im Krieg, hatte sie zu viele Menschen sterben und zu viele Tote so liegen sehen, um noch irgendwie beeindruckt, geschweige denn erschüttert zu sein. Es war so, wie es war, und sie war mit dem Tod auf Du und Du. Jeden Abend ging die Sonne unter und jeden Winter war es kalt, was sollte man sich darüber aufregen.
Andererseits … Die Operation selber, die nahm sie ganz schön mit. Wenn das Blut in Fontänen herausspritzte aus den geöffneten Leibern, wenn die Chirurgen wie die Schlachter in den Gedärmen wühlten. Und dann … Die Frau, die die Operation nicht überlebt hatte, war in ihrem Alter gewesen, auch Jahrgang 1914. Eine Serviererin aus Tiergarten. Was hatte sie bisher vom Leben gehabt – nicht viel. Und nun war alles aus, keine Chance mehr, sich auch mal ein Stück vom Kuchen abzuschneiden. Apropos Kuchen. Elisabeth Kusian dachte an die Lebkuchen, die sie für die Weihnachtsfeier der Krankenschwestern besorgen sollte. Das hatte sie glattweg vergessen. Ebenso wie das Julklapp-Geschenk für ihre Freundin Anni.
Ihre Kolleginnen kamen, sie zum Mittagessen abzuholen. Sie war überaus beliebt bei ihnen, weil sie an allem Anteil nahm und Mittelpunkt der Gruppe war. Alle hatten Respekt vor ihr, denn in ihrem Personalfragebogen stand, wie sie längst herausgefunden hatten, dass sie die Frau des im Krieg gefallenen Chirurgen Dr. med. Wilhelm Kusian war und sogar angefangen hatte, selber Medizin zu studieren. Scherzend und schnatternd zog man durch die Gänge und aß dann in der Kantine zusammen Kartoffelsalat und gebratenen Fisch. Auch da ging es hoch her.
Das Gespräch verstummte erst, als Oberschwester Anita an ihren Tisch getreten war. Ansonsten sehr zugänglich und alles andere als ein alter Drachen oder Dragoner, gab sie sich heute streng und inquisitorisch.
»Der Ramolla macht mir die Hölle heiß, weil schon wieder etliche Geräte und Spritzbestecke verschwunden sind. Und sein Verdacht, meine Damen, richtet sich vor allem gegen Sie. Wenn mir eine was zu sagen hat, dann bitte nachher in meinem Zimmer.«
Annemarie Gruschwitz verbat sich diese Anschuldigungen.
»Der saubere Herr Verwaltungsleiter soll sich bloß vorsehen, dass er nicht bald mal ’ne Verleumdungsklage am Hals hat. Von dem lasse ich mich nicht länger beleidigen.«
»Tatsache ist nun mal, dass bei uns gestohlen wird. Geräte, Medikamente …«
»Zehn Prozent Schwund gehört zu jedem Laden«, lachte jemand.
»Wir hören noch voneinander.« Die Oberschwester rauschte davon.
Ihr Auftritt war schnell vergessen, man hatte Wichtigeres zu bereden, sowohl Dienstliches wie auch Privates. Wer mit wem den Dienst tauschen wollte, welche Patienten ganz besondere Probleme hatten oder machten, wer in welchen Arzt verknallt war: Herta, Gerda, Christa. Langsam löste sich die Gruppe wieder auf, Elisabeth Kusian und Anni Gruschwitz blieben als Letzte zurück.
»Ich muss dir noch was erzählen …« Elisabeth Kusian beugte sich zur Freundin hinüber. »Du, ich hab’n Neuen. Er heißt Kurt und ist ganz wunderbar.«
»Verheiratet?«
»Ja, aber ich krieg’ ihn schon los. So einen hab’ ich mir immer gewünscht, seit mein Mann gefallen ist, mit dem möchte ich noch einmal ganz von vorn anfangen. Alles nachholen.«
»Was macht er denn?«
»Kriminalsekretär ist er.«
Anni nickte. »Nicht schlecht. Wenn er dich nach Hause bringt, bist du wenigstens sicher.«
»Wieso denn das?«
»Na, wo sie jetzt die Leichenteile gefunden haben, da hab’ ich immer Angst um dich.«
Elisabeth Kusian winkte ab. »Ich pass’ schon auf. Und das soll ja auch ’n Mann gewesen sein.«
Anni steckte sich eine Zigarette an. »Ach Gott, meine Lisbeth: die große Liebe ihres Lebens mit 35 Jahren …«
»Dazu ist es nie zu spät.«
»Womit du recht haben dürftest.«
»Ich möchte ihm so viel schenken, aber das Geld dafür …« Anni bedauerte. »Da kann ich dir auch nicht helfen.«
»Heute Abend sehen wir uns wieder, Kurt und ich. Mal sehen, was er sich zu Weihnachten wünscht.«
»Man kann Männern auch ohne Geld viel schenken, was sie juchzen lässt.«
»Das sowieso.«
Die Freundin drückte ihre Zigarette aus. »Heute ist der Doktor Weimann wieder bei uns im Haus, gehst du da hin?«
»Klar, du weißt doch, dass ich den anbete. Das ist derselbe Typ wie mein Vater in Thüringen. Wenn dessen Klinik nur mehr abwerfen würde … Dann hätte ich auch keine Geldsorgen mehr. Aber in der DDR, da treiben sie ja die Privatkliniken alle in die Pleite.«
Man trennte sich, und Elisabeth Kusian kam gerade noch rechtzeitig zum Lichtbildervortrag des renommierten Gerichtsmediziners. Heute sprach Dr. Waldemar Weimann über das gewaltsame Ersticken und über das Erdrosseln. Ach, das wusste sie alles schon.
Wieder auf der Station 14 zurück, machte sie sich daran, allen möglichen Papierkram zu erledigen. Dabei wurde sie aber sehr bald von einer Patientin gestört, der Gerda Zepter, die morgen entlassen wurde und sich noch einmal bei ihr sehen lassen wollte.
»Ganz, ganz herzlichen Dank, Frau Kusian … Wenn ich so schnell wieder gesund geworden bin, dann habe ich das vor allem auch Ihnen zu verdanken.« Sie überreichte Elisabeth Kusian eine Azalee und einen Kasten Konfekt.
»Danke, das ist mir aber peinlich … Das ist doch alles selbstverständlich, was wir für unsere Patienten tun.«
»Nein, ist es nicht.«
Elisabeth Kusian brachte die Geschenke in den Aufenthaltsraum. Das Konfekt teilte sie sich natürlich mit ihren Kolleginnen. Obwohl … Die Versuchung, es irgendwo zu verkaufen, war groß, denn sie brauchte buchstäblich jeden Pfennig. Nicht nur für ihren Kurt. Vor allem für ihre drei Kinder im Heim in Teltow. Die kosteten allein schon 225 Mark im Monat – und sie verdiente im Krankenhaus nur 285 Mark. Kam die Miete hinzu, die sie für ihr Zimmer in der Kantstraße zahlen musste. Was blieb ihr da noch für Essen und Trinken, für Kleidung und Kosmetika? Nichts, im Gegenteil. Sie kam nur über die Runden, wenn sie Schulden machte. Zum Glück gab es immer wieder Patientinnen, die nicht nur Mitleid mit ihr hatten, sondern auch Geld genug, es zu verleihen. Sie nahm den Bettenplan zur Hand und überlegte. Die Gast vielleicht. Der Mann hatte einen kleinen Betrieb, Damenoberbekleidung, und kam im Mercedes vorgefahren.
Irmgard Gast lag in einem Vierbettzimmer, und sie dort anzusprechen, war ihr nicht nur peinlich, sondern barg auch die Gefahr, dass die Zimmernachbarinnen es hörten und der Oberschwester weitererzählten. Worauf es dann garantiert Ärger gab, denn es war verboten, Patienten anzupumpen. Doch Elisabeth Kusian musste es riskieren, der Kinder wegen. So legte sie sich auf die Lauer und wartete, bis ihr Opfer auf dem Flur erscheinen und zur Toilette gehen würde.
Ein Mann etwa in ihrem Alter kam den Flur entlanggehumpelt. Unterschenkelamputation, links. Bei einer seiner Gehstützen fehlte unten der Gummi, und so verursachte er einen ziemlichen Lärm. Er trug einen umgearbeiteten Militärmantel und sah auch sonst nicht so aus, als sei er auf Rosen gebettet. War das wieder einer, der etwas klauen wollte?
Sie verstellte ihm den Weg. »Im Augenblick haben wir keine Besuchszeit.«
»Entschuldigen Sie, ich habe mich nur verlaufen.«
»Zu wem wollen Sie denn?«
»Zu einem Herrn Ramolla.«
»Das ist aber kein Arzt.«
»Nein, der Verwaltungsleiter, ich weiß …« Der Mann blieb endgültig stehen und nutzte die Gelegenheit, sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. »Ich bin Vertreter … Prothesen, Glasaugen … Nun, nicht so schöne, wie Sie welche haben, aber …« Er stutzte und musterte sie. Dann schoss jähe Freude in ihm auf. »Gott, ja, Sie sind doch die Schwester Elisabeth aus Seelow!«
»Elisabeth schon, aber nicht aus Seelow, sondern aus Berlin.«
»Ja, aber in Seelow im Feldlazarett, da haben Sie mir das Leben gerettet. Die Ärzte hatten mich schon aufgegeben, bei mir lohne sich der Aufwand nicht mehr. Bei dem wenigen, was man hatte – Kraft, Medikamente –, da war es sinnvoller, andere auf den Operationstisch zu legen. Da sind Sie aber gekommen und haben gesagt: ›Der Karl-Heinz Gößnitz hier, der ist zu schade fürs Massengrab, bei dem versuchen wir’s noch mal!‹ Und dann haben mich Ihre Medizinmänner ja wirklich wieder zusammengeflickt. Bis auf das Bein hier. Aber trotzdem bin ich glücklich, unendlich glücklich, dass ich noch am Leben bin. Meine Frau, meine Kinder …« Die Rührung übermannte ihn. Er umarmte Elisabeth Kusian und küsste sie auf die Stirn. »Danke, danke für alles. Sie sind ein wahrer Engel! Ich weiß, dass Sie dadurch fast selber ums Leben gekommen wären. Der plötzliche Beschuss …«
Als der Mann wieder gegangen war, fühlte Elisabeth Kusian eine entsetzliche Leere in sich aufsteigen. Wozu das alles, die Opfer alle? So schön dieser Dank eben auch gewesen sein mochte: Was konnte sie sich dafür kaufen? Nichts. Und alles, was sie hatte, waren Schulden. Und Schmerzen. Wegen der Wunden von damals. Sie hatte keinen Mann, sie hatte keine Wohnung, sie hatte keine Zukunft. Oder … Wie im Traum sah sie plötzlich einen anderen Mann vor sich, ihren Kurt. Er sah diesem Gößnitz auffallend ähnlich, die beiden hätten Brüder sein können. Sollte das Schicksal doch alles wieder gutmachen, was es an ihr verbrochen hatte?
Da kam Irmgard Gast aus ihrem Zimmer, und Elisabeth Kusian wollte den Aufwind nutzen, den sie gerade zu spüren meinte.
»Na, Frau Gast, Sie haben ja schon wieder einen Schritt am Leibe! Und blendend sehen Sie aus!«
Die Patientin, Mitte der fünfzig und ziemlich schwergewichtig, zuckerkrank, blieb stehen und fühlte sich geschmeichelt. »Ja, bei der guten Pflege hier. Besonders durch Sie, Schwester Elisabeth.«
»Wir tun, was wir können.«
»Aber Sie – Sie sehen schlecht aus. Sind Sie selber krank?« Elisabeth Kusian winkte ab. »Das kann ich mir nicht leisten. Nein, nein, höchstens dass meine Narbe mal schmerzt.« Sie rieb sich über den Unterbauch.
»Auch eine Totaloperation?«
»Nein, im Krieg, im Feldlazarett hat mir ein Granatsplitter den Bauch aufgerissen, und immer wenn es kälter wird, kommen die Schmerzen.«
Frau Gast schüttelte sich. »Das ist ja entsetzlich. Und in diesem Zustand arbeiten Sie?«
»Was soll ich machen: Mein Mann ist im Krieg gefallen, meine Eltern sitzen in der DDR im Zuchthaus, Geschwister und wohlhabende Verwandte besitze ich nicht … nur meine drei Kinder im Heim draußen in Teltow, die ich allein durchbringen muss …« Sie begann zu schluchzen. »Ich kann Ihnen nicht einmal Weihnachtsgeschenke kaufen … Wo alles so teuer ist …«
Die Patientin, immer resolut im Leben, nahm sie in den Arm. »Nun machen wir’s mal umgekehrt, jetzt bin ich mal dran, mich um Sie zu kümmern. Soll ich Ihnen was borgen?«
»Das ist lieb von Ihnen, aber wir dürfen das nicht.«
»Gott, Kindchen, das merkt doch keiner. Ich habe fünfzig Mark im Schrank. Wenn ich nachher auf die Toilette gehe, dann kriegen Sie die. Bis zum neuen Jahr. Dann kommen Sie mal bei mir zu Hause vorbei und bringen mir die zurück. Ohne Zinsen.« Sie lachte, froh über ihre gute Tat.
Elisabeth Kusian konnte aufatmen. Wieder einmal. Und zugleich war sie niedergedrückt. Was war sie denn: eine Bettlerin. Da hatte sie sich auch ein anderes Leben erträumt. Aber immerhin: Zwei Stunden später hatte sie das Geld und konnte überlegen, worüber sich die Kinder am meisten freuen würden.
Kapitel 5
Kurt Muschan war ein Mensch, den alle anderen beneideten. Und dies aus vielerlei Gründen. So unbeschadet wie er hatte kaum einer Krieg und Naziherrschaft überstanden. Während andere Männer seines Jahrgangs in Schützengraben, Panzer oder U-Boot Leben und Gesundheit verloren hatten, war es ihm in der Schreibstube einer Verpflegungseinheit wahrhaft gold gegangen. Wie die Made im Speck hatte er gelebt. Und zu Hause: nicht ausgebombt, kein Angehöriger im Luftschutzkeller ums Leben gekommen. »Ja, was ein echter Glückspilz ist …« Auch seine Uschi galt als ein seltenes Prachtexemplar von Kameradin und Mutter, wenn sie auch in letzter Zeit etwas in die Breite gegangen war. Und last but not least: Arbeit hatte Muschan auch, war gleich nach ’45 bei der Kriminalpolizei eingestellt worden. »Wer hat, dem wird gegeben werden«, sagten die Nachbarn, Freunde und Verwandte.
Muschan liebte es, im Fenster zu liegen und auf die Bahnanlagen hinunterzusehen. Links von ihm erstreckte sich bis hin zum Innsbrucker Platz der Güterbahnhof, und unmittelbar vor ihm lag der Bahnhof Wilmersdorf. Schon als Kind hatten ihn die gelbroten S-Bahnzüge fasziniert, und immer wieder hatte er ihr langgezogenes Öööööh nachgemacht, wenn sie anfuhren. Oder das Zischen der Druckluft beim Bremsen. In der Gegend um den Bahnhof Wilmersdorf und den Kaiserplatz gab es nur vergleichsweise wenig Ruinen, und auch im Jahre 1949 wehte hier noch ein Hauch jener gediegenen Bürgerlichkeit, die Berlin zur Zeit des Nesthäkchens ausgezeichnet hatte. »Schutzmannsruh« sagten Muschans Kollegen dazu.
Es war nun genug gelüftet. »Besser warmer Mief als kalter Ozon«, war das Motto dieser Jahre, wo Holz und Kohle Mangelware waren. Muschan schloss das Fenster und wandte sich wieder seinen beiden großen Kindern zu. Manfred, mit seinen zwölf Jahren noch ein »echtes Vorkriegsmodell«, spielte mit den mühsam reparierten Resten einer Märklin-Eisenbahn, und Hannelore, 1941 bei einem Fronturlaub gezeugt, vergnügte sich mit einer Puppe, die ihre Oma aus ein paar Putzlappen gezaubert hatte. Dieses Jahr Weihnachten sollte es endlich neues Spielzeug geben. Jetzt, wo man wieder alles kaufen konnte. Helga, die Jüngste, hatte gerade laufen gelernt und riss alles vom Couchtisch und den Regalen herunter. Uschi kam gar nicht so schnell hinterher, alles wieder aufzuräumen. Und Ordnung lag ihr sehr am Herzen, denn von Hause aus war sie Verwaltungsangestellte und hatte früher im Rathaus Wilmersdorf das Mess- und Eichwesen betreut. Staub lag auf dem Rahmen ihres Hochzeitsfotos von 1936. Sie fuhr mit dem Zeigefinger darüber. Es hatte weit und breit kein schöneres Paar gegeben als sie.
Es klingelte. Kurt Muschan lief zur Tür. »Das wird der Bernhard sein, mich abholen. Heute ist ja Skatabend. Bei ihm in Neukölln.« Uschi fragte nach, wer denn Bernhard sei, den Namen habe sie noch nie gehört. »Eigentlich einer von der Staatsanwaltschaft, aber der hospitiert bei der Kripo, um Erfahrung zu sammeln.« Einmal im Monat trafen sie sich zu viert bei einem Kollegen, um ihren Skat zu kloppen. Das Geld kam in eine gemeinsame Kasse und wurde dann am Vatertag auf den Kopf gehauen. Muschan öffnete die Tür. »Immer rein, wenn’s kein Schneider ist.«
Bernhard Bacheran winkte ab. »Nein, keine großen Umstände bitte, wir haben schon eine Viertelstunde Verspätung.« Die Zeit, Ursula Muschan zu begrüßen und ihr formvollendet und mit leichter Ironie die Hand zu küssen, nahm er sich aber. Der Blick, mit dem er sie musterte, hatte etwas von der tiefen Melancholie eines Fadosängers. Und die Kinder bekamen alle ihren Sahnebonbon. Dann schoben sie ab. Vom Bahnsteig aus winkten sie den vier oben im Fenster noch einmal zu. Dann kam der Vollring über Papestraße, und sie fuhren ab. Bis Neukölln waren es sechs Stationen, doch schon an der zweiten, Bahnhof Schöneberg, stieg Muschan aus.
Bacheran grinste. »Viel Spaß dann auch.«
»Euch ebenfalls.«
»Na, so’n Stich wie du wird wohl heute Abend keiner von uns machen.«
Muschan winkte dem Freund und Kollegen noch kurz zu, dann lief er die Treppe zur Wannseebahn hinunter. Mit einem verdammt schlechten Gefühl, aber … Die Natur war eben stärker. Punktum. So glücklich Kurt Muschan auch schien, er hatte etwas, das ihn sehr bedrückte: seinen Trieb. Er war gerade 37 Jahre alt, und da musste es halt hin und wieder sein, dass ein Mann eine Frau hatte. Richtig, nicht nur platonisch. War da nichts, dann war man recht eigentlich tot. Und seit sie Helga zur Welt gebracht hatte, da wollte seine Uschi nicht mehr. Ließ sie sich wirklich einmal überreden, dann schrie sie vor Schmerzen, wenn er in sie eingedrungen war. Zum Arzt ging sie nicht, es war ihr zu peinlich. »Es wird schon wieder werden, du musst nur ein bisschen warten …« Jetzt wartete er schon länger als zwei Jahre. Nun war es nicht mehr auszuhalten. Sich selber Erleichterung zu verschaffen, verbot ihm seine strenge Erziehung, und zu einer Prostituierten ging er nicht. Aus Angst, sich anzustecken, wie aus Angst, dass ihn einer seiner Vorgesetzten dabei erwischte und dann nicht mehr beförderte. Derart in sexueller Not, war ihm Elisabeth begegnet. Obwohl es während einer dienstlichen Handlung geschehen war und nicht etwa in einem Tanzschuppen, hatte sie sofort gespürt, wie es um ihn stand.
Sie hatten sich auf dem Bahnhof Zoo verabredet, aber er wollte sie überraschen und fuhr, als er Friedrichstraße umgestiegen war, nur bis Bellevue, um dort auf sie zu warten. Doch die Minuten vergingen. Keine Spur von ihr. Als Kriminalbeamter hatte er sofort ganz bestimmte Bilder im Kopf. Wie sie vom Krankenhaus kam und dabei, wollte sie zur S-Bahn, durch den Kleinen Tiergarten ging … Plötzlich schnellte ein Mann hinter den Büschen hervor, schlang ihr eine Wäscheleine um den Hals, schleifte sie ins Unterholz, verging sich an ihr und würgte sie zu Tode.
Zu spät fiel ihm ein, dass sie wahrscheinlich mit der Straßenbahn gefahren war. Die 2 hielt ja direkt vor dem Krankenhaus und fuhr zum Zoo. Er sprang in einen gerade anfahrenden Zug, um nicht zu spät zu kommen. Und richtig, unten an der Uhr stand sie schon.
»Mein Bub, da bist du ja.« Sie umarmte ihn auf offener Straße.
»Ach, Elisabeth …« Er nutzte den Trubel und das schwache Licht, um schon hier seinen rechten Schenkel, so weit Rock und Mantel es zuließen, zwischen ihre Beine zu schieben und sie mit dem Knie dort zu massieren, wo sie es gerne hatte.
»Komm, mein kleiner Stier, bezähme dich.« Da sie noch Schwesterntracht trug, fürchtete sie, Aufsehen zu erregen, öffentliches Ärgernis. »Erzähl mir lieber von deiner Arbeit.«
»Ja, nun …« Sie gingen nun nebeneinander die Joachimsthaler Straße hinauf und bogen, nachdem sie die Hardenbergstraße überquert hatten, nach hundert Metern rechts in die Kantstraße ein. »Mit den Leichenteilen, die sie am Stettiner Bahnhof gefunden haben, muss ich mich ja Gott sei Dank nicht herumquälen. Das machen die Kollegen im Osten. Wir haben im Augenblick nur die kleinen Fische. Buntmetalldiebe, Wohnungseinbrüche, Beischlafdiebstähle …« Schon das Wort allein war Aphrodisiakum genug und sorgte dafür, dass er es gar nicht mehr erwarten konnte, bei ihr im Zimmer zu sein.
»Und das alles muss ich ins Protokoll schreiben. Mit Bleistift und Papier. Noch immer hab’ ich keine Schreibmaschine … Wenn ich doch bloß ’ne Schreibmaschine hätte! Ein Königreich für eine Schreibmaschine.«
»Warte mal ab …« Sie lächelte ebenso schelmisch wie geheimnisvoll. »Bald ist ja Weihnachten.«
»Elisabeth, bist du verrückt?!«
»Ja, nach dir.«
»Du kannst mir doch keine Schreibmaschine schenken, so viel verdienst du doch auch wieder nicht.«
»Lass man, meine Schwiegereltern sind sehr vermögend und lassen mir immer wieder etwas zukommen. Ihre Klinik in Thüringen, die wirft schon etwas ab.«
Was sollte er da sagen. Sie verwöhnte ihn nach allen Regeln der Kunst. Als er bei ihr in der Kantstraße auf dem Sofa saß, zeigte sie auf ihren Schreibtisch, zog einen kleinen Schlüssel aus ihrer Handtasche und hielt ihm den hin: »Na, möchtest du mal aufschließen und nachsehen, was da drin ist. Nein …« Sie nahm ihm den Schlüssel wieder weg. »Ich will mir die Vorfreude nicht verderben.« Stattdessen holte sie eine Reihe von Geschenken aus dem Schrank. »Für dich … vom Nikolaus. Zuerst den Hut.« Sie setzte ihn Muschan auf den Kopf, und er passte wie angegossen. »Von meinem Schwiegervater aus der Ostzone. Er kommt immer noch, obwohl Wilhelm, mein Mann, sein Sohn, schon so lange tot ist. Und die Gummihosenträger hier, die hat er auch dagelassen. Nimm die und wirf deine in den Müll, die sind doch schon so furchtbar ausgeleiert.«
Es klingelte. Eine Lieferantin brachte ein sechsteiliges Silberbesteck. Elisabeth hielt es ihm hin. »Das schenke ich dir zu Weihnachten, damit du was für deine Uschi hast.«
Kurt Muschan war überwältigt. Und zutiefst erschrocken. Er wollte ja von dieser Frau wirklich nur das eine … und nun liebte sie ihn mit all ihrer Kraft. Aber dass er Uschi und seine Kinder ihretwegen verließ, erschien ihm ausgeschlossen. Wenn sie ihn nun erpresste?
Dir wird schon was einfallen, dachte er, schließlich bist du bei der Kripo … Wenn man in diesen Tagen eine Leiche kunstgerecht zerlegte und irgendwo in Ost-Berlin versteckte, war das Risiko gering.
Kapitel 6
Dorothea Merten verkaufte gerne Schreibmaschinen und hatte ein quasi erotisches Verhältnis zu vielen von ihnen, jedenfalls durchströmten sie angenehme Gefühle, wenn sie die monströsen Gebilde anschauen und probieren durfte. Eben hatte sie ein Wort gedacht, da stand es auch schon auf dem Papier. Wie gedruckt und für die Ewigkeit geschaffen, ein Wunderwerk von Menschenhand, ein Geschenk der Götter. Obwohl sie die Mechanik bis ins Einzelne durchschaute, war das Ganze etwas Magisches für sie. Zauberei. Nur wer eine Schreibmaschine besaß, zählte bei ihr, wer seine Briefe mit der Hand verfasste, war auf der Stufe der Primaten und der Neandertaler verblieben. Berührte sie die Tasten, war sie so glücklich wie ein Kind, dem man Farbstifte und einen Block gegeben hatte: Sie konnte sich öffnen und ihrer Phantasie freien Raum lassen, sich so richtig austoben und alles herauslassen, was sich in ihrem Unbewussten angesammelt hatte. Urschreie ausstoßen, Märchen erzählen, schöpferisch sein, sich eigene Welten schaffen. Immer wieder versuchte sie es in freien Stunden mit Gedichten, Kurzgeschichten und nun sogar einem richtigen Roman. Blind schreiben konnte sie nicht, das Ein-Finger-Such-System musste ihr genügen. Doch lustvoll wie ein Raubvogel, der nach unten stieß, um einen fetten Hasen zu schlagen, fuhr ihr rechter Zeigefinger auf den richtigen Buchstaben hinunter, war der endlich gefunden. Die Beute war gemacht, wenn der Hebel auf die Walze schlug und seinen Abdruck hinterließ. Blau oder schwarz, je nach eingelegtem Farbband. Sofern es kein älteres Modell mit verdeckter Walze war. Schrieb sie zu schnell, verhakten sich die Typenhebel und mussten vorsichtig wieder voneinander getrennt werden. Hatte sie Pech und verbog sie die dabei, hing Günther Beigang, der Chef, vor Wut an der Decke. Da war also Vorsicht geboten. Auch wenn sie zu viel radierte und die Maschinen, die den Kunden vorgeführt wurden, dadurch unansehnlich wurden. Sie war 46 Jahre alt, fast 1,65 Meter groß und von kräftiger Gestalt, hatte braune Augen und rotbraun gefärbte Haare und ließ beim Lachen eine Goldkrone blitzen.
Schreibmaschinen-Beigang war seit fast 25 Jahren eine gute Adresse. Das Geschäft lag in der Linkstraße, einer nicht unwichtigen Verbindung zwischen Reichpietschufer und Potsdamer Platz, die allerdings im Krieg überdurchschnittlich stark gelitten hatte. Die Hausnummern gingen von 1 bis 46, und zerstört waren die Häuser 1 bis 15, 17, 20, 22 und 25. Neue Schreibmaschinen waren Mangelware, denn überall lagen die Fabriken in Schutt und Asche. Von »Olympia« in Wilhelmshaven hieß es, dass die Produktion erst wieder 1951/52 anlaufen werde. Aber Beigang hatte so seine Verbindungen zu Händlern, die Maschinen über die Zonengrenze schmuggelten. In der DDR, wo man in Sömmerda schon wieder arbeitete, kostete eine Reiseschreibmaschine vom Typ Erika mit Kunstlederkoffer an die 350 DM-Ost. Beigang bekam sie für 250 DM-West, was für den, der sie über die Grenze gebracht hatte, beim Tageskurs von etwa 1:6 eine hübsche Summe einbrachte, für die er dann viele neue Ost-Maschinen kaufen und verscherbeln konnte …
Der wichtigste Kunde an diesem Tag war der Inhaber eines kleinen Verlages in der Potsdamer Straße. Nicht weil Dorothea Merten beim Verkauf einer Schreibmaschine mehr eine Provision bekommen hätte oder vom Chef besonders gelobt worden wäre, behandelte sie ihn mit besonderem Vorrang, sondern wegen der besseren Chancen für ihren großen Roman, wenn er denn zu Ende geschrieben worden war.
Der Verleger war am Klagen. »Wir haben Autoren, die liefern ihre Manuskripte in einem Zustand ab … Ich kann Ihnen sagen! In Sütterlin und mit Kopierstift geschrieben. Wenn ich damit zum Setzer gehe, tritt der in’n Streik. Also muss ich eine meiner Damen bitten, das Ganze vorher abzutippen. Was die aber sehr ungern tun …« Er warf einen prüfenden Blick zu ihr hinüber. »Wenn Sie sich nach Feierabend ein paar Mark dazuverdienen möchten …«
»Das schon, aber ich schreibe selber …« Dorothea Merten errötete. Als würde sie jemandem ganz verschämt ihre Liebe eingestehen.
Der Verleger lachte. »Was schreiben Sie denn: Rechnungen, Mahnungen?«
»Nein: kleine Geschichten … und jetzt einen Roman.«
»Oh … Wenn Sie mir das nötige Papier dafür mitliefern, drucke ich ihn gern. Haben Sie diesbezügliche Beziehungen zu Alliierten?«
Dorothea Merten war zutiefst verwirrt. »Nein, ich … Es ist die Geschichte der Laubenkolonie, in der ich aufgewachsen bin. Eine Familie wird ausgebombt und wohnt dann da … Im Baumschulenweg. Daher kommt dann auch der Titel: Kolonie Südpol … Es ist eine Liebesgeschichte, die …«
»Machen Sie mal …« Der Verleger gab sich jovial. »Ich lese’s gerne mal, wenn es fertig ist.«
Als er gegangen war, kam ihr Chef zu ihr und sah sie tadelnd an. »Bitte, Fräulein Merten, Sie verscheuchen mir ja die Kunden. Der Herr Doktor Düker kommt doch bestimmt nicht wieder, wenn Sie ihn mit Ihren Anliegen behelligen.«
»Entschuldigung, aber …«
»Ich möchte das nicht noch einmal erleben.«
»Jawohl, Herr Beigang.«
Der Chef war nicht gut auf sie zu sprechen, nachdem sie ihn mehrmals abgewiesen hatte. Obwohl er immer wieder beteuerte, wie glücklich er mit seiner Erna sei und gerade erst silberne Hochzeit gefeiert hatte, wollte er ihr in einem fort an die Wäsche. Ihre Schwester sagte immer: »Der sollte Beischlaf heißen und nicht Beigang.« Da er im Krieg einen Arm verloren hatte, den rechten noch dazu, konnte sie sich aber immer schnell wieder befreien, wenn er sie zu umarmen suchte. Zudem hatte er ein Glasauge, das immer herauszufallen drohte, wenn er allzu stürmisch wurde. Nun ja, sie konnte froh sein, überhaupt Arbeit zu haben. An sich war sie gelernte Buchhalterin, aber da es im Schreibmaschinenladen nicht viel zu verbuchen gab, war sie zumeist als Verkäuferin im Einsatz. Kinder hatte sie keine, verheiratet war sie zwar, lebte aber von ihrem Mann getrennt, wenn auch noch in derselben Wohnung. Doch insgesamt war sie alles andere als depressiv. Krieg und Blockade waren zu Ende, sie hatte überlebt und sie konnte jeden Abend in andere Welten flüchten, wenn sie zu Hause an ihrer alten Maschine saß und schrieb.
»Feierabend!« Punkt 18 Uhr gab ihr Beigang die Weisung, die Jalousien herunterzulassen. Das Geschäft konnte sie dann nur noch durch Hintertür und Flur verlassen. Zu Zeiten der Stromsperren war das immer grässlich gewesen, nun aber, da die Birnen alle wieder brannten, genoss sie es. Sie wohnte in Spandau, in der Pichelsdorfer Straße, doch heute ging es nicht nach Hause, sondern zu ihrer Schwester nach Weißensee hinaus. Der Adventskaffee war nachzuholen.
Ilse zuliebe fuhr sie nicht mit der S-Bahn vom Potsdamer Platz nach Weißensee, sondern setzte sich in die 74. Ihre Schwester war Fahrerin bei der Straßenbahn, stationiert auf dem Betriebshof Treptow/Elsenstraße der BVG-Ost, der BVB. Die Sache war außerordentlich kompliziert. Seit dem 20. März 1949 galt in Berlin-West nur noch die D-Mark als Zahlungsmittel, und auf den durchgehenden Linien wechselten deshalb an den Sektorengrenzen die Schaffnerinnen und Schaffner. Die Wagenführer hingegen blieben dieselben. Saß Ilse Breitenstein in den Wagen der Linie 3 an der Kurbel, die eine solche Gemeinschaftslinie war, so fuhr sie von Treptow/ Elsenstraße (Ost) zur Seestraße (West) und erlebte den besagten Schaffnerwechsel an der Bösebrücke. Sie erzählte viel von dem, was sie im Dienst erlebte, denn Straßenbahn, das war ihr Leben. Es ging schon los, kaum dass sie sich begrüßt hatten.
»Am liebsten fahr’ ich ja auf den Verbundzügen, die mit dem Mitteleinstieg – TM 31, 33 und 36 –, weil die immer schnell anziehen, neulich hab’ ich aber mal wieder ’n T 33 U abbekommen – ›Stube und Küche‹ …« Diese Triebwagen hießen bei den Berlinern so, weil ihr großer Innenraum durch eine Mitteltür in ein größeres Abteil für Nichtraucher (die Stube) und ein kleineres Abteil für Raucher (die Küche) unterteilt war. »… morgens, alle auf dem Weg zur Arbeit, und alle hatten’s eilig. Aber fast nur Raucher an Bord … und das Raucherabteil in Fahrtrichtung vorn. Ich rufe immer wieder: ›Durchtreten bitte, sonst kippen wir!‹ Doch die Leute sind stur. Und was passiert? Erst wippt der Wagen, dann knallt mir der Fangkorb auf die Schienen und verhakt sich da … Aus und vorbei.«
Dorothea Merten liebte ihre Schwester. Ilse war drei Jahre älter als sie und das, was die Berliner einen Gemütsathleten nannten. Waldemar, ihr Mann, war noch immer in sowjetischer Kriegsgefangenschaft und arbeitete irgendwo bei Workutsk in den Wäldern. Ihre Schwiegermutter kam jeden Tag vorbei, um die beiden Kinder zu versorgen, Jörg und Hannelore. »Uns geht’s eigentlich ganz gut. Wenn’s uns besser ginge, wär’s kaum auszuhalten.« Mit Walter Ulbricht und der SED hatte sie keine Schwierigkeiten. »Die tun mir nischt, und ick tu’ ihnen nischt.« Was sie am Arbeiter-und-Bauern-Staat so schätzte, war ganz einfach: »Bei die haben wir Frauen noch die meisten Chancen. Im Westen sitzen nur Männer anne Kurbel.« Wenn sie sich Mühe gab, konnte sie auch richtig Deutsch, doch warum sollte sie sich Mühe geben, wenn sie bei sich zu Hause an der Kochmaschine saß und Muckefuck trank. »Da könn’n se mir ma alle.«
Für Dorothea Merten war Ilse schon immer die Glucke gewesen, und so fühlte sie sich auch heute pudelwohl bei ihr. Erst einmal wurde tüchtig geklatscht und getratscht.
»Wat macht’n Rudi? Hockta noch imma bei dir rum?«
»Ja, aber nur, weil er keine Wohnung findet. Margot hat ihm ja die Stelle bei Siemens verschafft, als Bürobote im Schaltwerk, aber …«
»Wenn det ma gut geht: der als gelernta Schlächta.«
»Das hat er doch nur lernen müssen, um mal das Geschäft seines Vaters zu übernehmen. Er ist doch viel zu intelligent dazu.«
»Nachtigall, ick hör dir trapsen: Du liebst ihn imma noch.«
»Nein, Ilse!« Sie bestritt das ganz energisch.
»Na, hoffentlich. Ick hab’ ja imma ’n bisschen Angst um dich, wenna in deina Nähe is. Der Kerl hat so wat … Und bei dem Beruf, den er gelernt hat, da kommta denn mit dem kleenen Hackebeilchen und macht Schabefleisch aus dir. Wie bei die Leiche, die se da neulich am Stettiner Bahnhof jefunden ham, so schön in kleene Portionen zerlegt.«
Dorothea Merten zog sich der Magen zusammen. »Hör auf, mir vergeht der Appetit.«
»Keene Angst, meine Kleene, bei mir jibtet nur Rohkost heute.« Obwohl sich die Versorgungslage der Berliner Bevölkerung schon entscheidend verbessert hatte, schwor Ilse Breitenstein noch immer auf die Rezepte der Nachkriegszeit, denn: »Jesünda kannste ja nich leben.« Heute hatte sie für ihre Schwester Erbsenbratlinge aufgehoben. »125 Gramm Erbsen, fünf Viertelliter Wasser, drei gekochte und geriebene Kartoffeln, drei Esslöffel Semmelmehl, Salz, Thymian. Erbsen zu dickem Brei kochen, durch ein Sieb rühren, mit allen Zutaten mischen, flache Buletten daraus formen und backen. Fertig. Und schmeckt! Gleich kannste präpeln.«
Gerade hatte Dorothea Merten zu essen begonnen, da schrillte die Klingel, und Margot erschien. Ihre Lieblingscousine wohnte in Rudow bei Berlin, wie Ilse immer sagte, und so kam ihr Besuch völlig überraschend. Welcher Wind sie denn nach Weißensee geweht habe?
»Die Liebe wieder mal.« Margot hatte am Wochenende beim Tanzen im Seecasino draußen in Rangsdorf einen Mann kennengelernt, der gleich nebenan in der Gustav-Adolf-Straße wohnte. »Der hat ein Auge auf mich geworfen … dieses hier …« Zum Entsetzen ihrer beiden Cousinen holte sie ein Auge aus ihrer Handtasche und legte es neben Dorotheas Teller. »Schreit doch nicht so, ist doch nur ’n Glasauge. Hans war früher bei IG Farben und verdient sein Geld jetzt als Vertreter für Glasaugen – selber hat er aber keines.«
»… ’n Glasauge.« Dorothea Merten nahm es in die Hand.
»Mein Chef hat auch so eins.«
Ilse wurde philosophisch. »Ja, die Oogen …« Am meisten liebte sie die Fettaugen auf der Hühnerbrühe, und ihr ganzer Hass galt den Hühneraugen. »Ick hoffe nur, det ick noch lange ohne Sehprothese auskomme, denn mit ’ner Brille uff der Neese anne Kurbel – ick weeß nich.«
Es gab viel zu erzählen. Von der Liebe, von der Arbeit, von den Kindern, von der Mode, den Mühen des Einkaufs und von dem, was in Berlin passierte. Bei Karstadt in Neukölln hatten sie begonnen, die Trümmer wegzuräumen, und wollten im Frühjahr 1950 mit ihrem Neubau starten. Auf Abschnitt 77 des Bezugsausweises war ein Kasten Brennholz aufgerufen worden. Ofenfertig gehackt 3,30 DM-West je Kasten. Aus dem Interzonenabkommen. Die Fünfte Strafkammer in Moabit hatte gegen eine weibliche Räuberbande harte Strafen verhängt. Jahrelang hatte sie unter ihrer Chefin Johanna Schulze in Neukölln ihr Unwesen getrieben. Die Hausfrauen in den Westsektoren sträubten sich trotz leerer Töpfe noch immer dagegen, das aus Norwegen importierte Walfleisch zu kaufen.
»Bei Wal muss ich immer an Lebertran denken – bah!«, sagte Dorothea Merten. Theodor Heuss lehnte die Wiedererrichtung einer deutschen Wehrmacht ab. »Der hat et nötig«, war Ilses Kommentar. »Der hat doch bei Hitlers Ermächtigungsgesetze mit Ja gestimmt. Det is ’n Steigbügelhalter – und so eenen habt ihr nu im Westen als Bundespräsidenten.«
So ging es bis 21 Uhr, dann machten sich die beiden Besucherinnen auf den Weg zurück in den Westsektor. Bis zum Bahnhof Alexanderplatz konnten sie gemeinsam mit der 74 fahren, dann trennten sich ihre Wege. Während Margot im Eingang der U-Bahn verschwand, um zum Hermannplatz zu fahren, nahm Dorothea Merten die S-Bahn.
Durch die Ruinenfelder der Innenstadt ging es nach Spandau. Am Bahnhof Spandau West angekommen, beschloss sie, nicht auf die Straßenbahn zu warten, sondern trotz der späten Stunde nach Hause zu laufen. Nach dem vielen Sitzen würde ihr ein bisschen Bewegung bestimmt gut tun. Die Klosterstraße war breit und übersichtlich, was sollte da passieren. Doch nur wenige Schaufenster waren noch beleuchtet, und von den Straßenlaternen brannten auch nicht alle. Nur wenige Passanten kamen ihr entgegen. Autos gab es noch weniger. Es war schon zum Fürchten. Langsam bereute sie ihren Entschluss. Immer schneller wurde sie, rannte fast. Da war die Pichelsdorfer Straße endlich. Hier waren kaum Bomben gefallen. Die Hausnummern gingen bis 119, und nur fünf Häuser waren zerstört. Die Nr. 5 war ihr Haus. Oben im vierten Stock hatte sie eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung gemietet, die sie allerdings mit Rudolf teilen musste. Lange waren sie ein halbwegs glückliches Ehepaar gewesen, nun aber war aus Liebe Hass geworden. Keiner wollte aus der Wohnung raus, und ein jeder gab sich alle Mühe, den anderen zu vergraulen.
Schon mit bangem Herzklopfen steckte Dorothea Merten den Schlüssel ins Schloss. Hoffentlich war Rudi schon ins Bett gegangen und schlief. Nein. Kaum war sie eingetreten und hatte Licht gemacht, da stand er im Flur, ein Beil in der Hand.
»Ich dachte: Einbrecher …« Sein Grinsen widerlegte seine Worte jedoch.
Dorothea Merten hatte fürchterliche Angst, dass er eines Nachts wirklich zuschlagen würde. Sie versuchte mit aller Kraft, ruhig zu bleiben. »Wenn du mich ermorden willst … die Nachbarn wissen alle, dass du es warst. Lass es also lieber.«
Kapitel 7
Hertha Stöhr hasste es, so spät nach Hause zu kommen. Gleich 20 Uhr. Ihre alte Mutter saß zu Hause und war sicherlich wieder dabei, sich zu Tode zu ängstigen. Besonders jetzt, wo sie gerade diese Leiche gefunden hatten. Zerstückelt. Und es gab immer noch Volksgenossen, die sangen: Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir, und mit dem kleinen Hackebeilchen macht er Schabefleisch aus dir … Entsetzlich. Immer wenn sie an Ruinengrundstücken vorbeikam, beschleunigte sie ihre Schritte. Sicherlich lagen überall ermordete Menschen. Oder der Täter war gerade dabei, jemanden umzubringen und so zu zerlegen, dass er ihn bequem in die Ruinenkeller werfen konnte. Wahrscheinlich ein Lustmörder. Zeiten waren das. Da war der Krieg vorbei, und dennoch lebte man weiterhin in Angst und Schrecken.
Hertha Stöhr war 62 Jahre alt und Kriegerwitwe. Wegen ihres Asthmas war sie frühzeitig in Rente gegangen. Sie hatte ein Leben lang bei der AEG gearbeitet, zuletzt als Stenokontoristin. Dort war sie sehr beliebt gewesen und wurde noch immer zur Weihnachtsfeier eingeladen. Wie heute auch. Deshalb war sie so spät noch unterwegs.
Sie wohnte im Hause Kantstraße 154a, das war auf der südlichen Seite der Straße, fast an der Ecke Fasanenstraße, ganz in der Nähe der zerstörten Synagoge und schräg gegenüber vom Delphi-Kino und dem Theater des Westens. Eine gutbürgerliche, zuweilen schon noble Gegend war das, und sie hatten sich das leisten können, weil ihr Mann als Bankbeamter nicht schlecht verdient hatte. Wenn auch vier Treppen hoch, wo die Miete etwas günstiger war. Aber immerhin. Dreieinhalb Zimmer, Küche und Bad. Ihre Mutter war am Bayerischen Platz ausgebombt worden und wohnte nun bei ihr. Im früheren Herrenzimmer. Im halben Zimmer schlief sie, und das große Wohnzimmer teilten sie sich. Das ehemalige Schlafzimmer konnte sie vermieten. So kam man ganz gut über die Runden.
Endlich hatte sie die Haustür erreicht. Bevor sie die Schlüssel aus der Tasche zog, sah sie sich nach allen Seiten um. Ob nicht ein Unhold auf sie zugestürzt kam? Nein. Sie schloss auf und drückte auf den Lichtschalter. Gott sei Dank gab es keine Stromsperren mehr. Vier Stockwerke hoch. Und das bei ihrem Asthma. Von ihrem Körpergewicht ganz abgesehen. Auch die Hungerjahre hatten sie kaum abmagern lassen. Sie war eben ein guter »Futterverwerter«. Also dachte sie mit Schrecken an den mühsamen Aufstieg. Wie gern hätte sie einen Fahrstuhl gehabt! Zwischen dem zweiten und dritten Stock hatte sie sich auf halber Treppe einen Stuhl hingestellt, um immer ein wenig verschnaufen zu können. Den dritten schon, die ersten beiden waren ihr geklaut worden. Dieser nun war mit einer Kette an der Wand befestigt.
Im Treppenhaus traf sie Frau Schütz, die Portiersfrau, auf Berlinisch: die Portjesche. Maria Schütz wohnte im ersten Stock und stand im Ruf, ein jedes Mal, wenn sie Schritte hörte, zum Türspion zu eilen und zu sehen, wer das Haus betreten hatte oder gerade verlassen wollte. Männer, die spätabends Damenbesuch nach Hause bringen wollten, hielten die Hand vor das tückische gläserne Auge in der Türfüllung, und die Kinder machten sich den Spaß, das Ding immer wieder zuzukleben. Andere freuten sich darüber, dass die Schütz so wachsam war. Gerade jetzt, wo so viel passierte. »Wer nichts zu verbergen hat, der braucht sich auch nicht aufzuregen.« Unglücklicherweise war die Portiersfrau geistig nicht besonders helle, manche meinten auch, sie hätte die Stufe zum Schwachsinn lange überschritten. »Die hat doch ’n Dachschaden, seit sie im Krieg einen Tag lang verschüttet gewesen ist.« Das brachte ihr auch einen »Freifahrschein« ein, wenn die Phantasie wieder einmal mit ihr durchging und sie den Mietern der Kantstraße 154a etwas andichtete, was gar nicht stimmte: dass jemand klaute oder andauernd betrunken war, Kinder in die Wohnung lockte oder ein abgetauchter Obernazi war.
»Guten Abend, Frau Schütz. Na, wie geht’s?« Hertha Stöhr war im Umgang mit der Schütz immer sehr vorsichtig. »Wieder viel Arbeit gehabt? Zum Glück war es ja mit dem Schnee noch nicht so schlimm dies Jahr.«
Die Portiersfrau sang erst einmal Schneeflöckchen, Weißröckchen, dann erklärte sie, dass sie nichts lieber habe als frisch gefallenen Schnee. »Da sieht man immer die Spuren: wer gekommen ist, wer gegangen ist.«
»Herzlichen Dank auch, dass Sie immer so gut auf alles aufpassen.«
»Jetzt erst recht, wo sich der Mörder hier in Berlin herumtreibt.«
»Hören Sie bloß auf!« Hertha Stöhr schüttelte sich.
»Stellen Sie sich mal vor, Sie liegen so zerstückelt in ’ner Ruine rum. Was das für’n Gefühl sein muss.«
Hertha Stöhr machte, dass sie weiterkam. »Ja, einen schönen Abend dann noch.« Immerhin hatte sie beim Plausch mit der Portiersfrau Atem holen können, so dass sie diesmal ihren Rastplatz nicht brauchte. Ihre Mutter, in diesem Jahr achtzig Jahre alt geworden, stand lauernd auf dem Flur und hatte die Tür schon geöffnet, lange bevor sie oben war.
»Hertha, bist du’s?«
»Nein, Mutter, mein Geist«, schnaufte sie.
»Hast du wieder getrunken?«
»Nur zwei Flaschen Weinbrand.«
»Kind!«
Hertha Stöhr stöhnte leise. Ihre Mutter vergaß immer wieder, dass »ihr Kind« nun selber schon Rentnerin war, und machte ihr jeden Tag dieselben Vorhaltungen. Hertha Stöhr küsste sie nur kurz auf die Wange und wollte sich dann an ihr vorbeischlängeln, um ihren Mantel aufzuhängen. Doch ihre Mutter hielt sie fest.
»Hertha, sieh mich an. Hast du dich wieder mit diesem Walter Kusian herumgetrieben?!«
»Mutter, ich war bei der AEG-Weihnachtsfeier.«
»Dieser Kusian ist ein böser Mensch. Man muss nur mal in seine Augen sehen. Ich erkenne jeden Menschen, wenn ich ihm in die Augen sehe.«
»Und wenn du seinen Personalausweis siehst, weißt du auch, wie er heißt.«
»Wie bitte?« Sie konnte ihrer Tochter nicht ganz folgen. »Ich habe dir doch verboten, dich mit diesem Kusian einzulassen.«
»Mutter, ich habe mich nicht mit ihm eingelassen, er hat mir nur einmal Brennholz gebracht. Balken aus den Ruinen, die er mit abgeräumt hat.«
»Und was hast du ihm dafür gegeben?«
Sie nahm ihre Mutter weiter auf den Arm. »Natürlich das, womit man Männer immer glücklich machen kann.«
»Kind!« Adelheid Nauendorf, frühere Katechetin, war entsetzt. »Ich muss mich deiner wirklich schämen. Obwohl du ein erwachsener Mensch bist, aber so etwas. So eine Schande. Lieber wäre ich erfroren.«
»Wieso ist es eine Schande, wenn man jemanden mit Zigaretten bezahlt? Ich rauche nicht, du rauchst nicht …«
»Wirklich nur mit Zigaretten?«
»Mutter, ich schwöre es dir.« Damit war diese Plänkelei beendet. Aber es war bestimmt noch nicht die letzte an diesem Abend. »Komm ins Zimmer, ich koche Tee, und dann machen wir’s uns gemütlich. Wir können Radio hören …«
»Ja: Mach mit.« Das war ein buntes Unterhaltungsquiz mit Ivo Veit, das eigentlich alle hörten.
»Das gibt’s erst morgen, am Sonnabend.« Sie blätterte im Telegraf, der Tageszeitung, die sie abonniert hatten. Doch ihre Mutter hatte, wie sich alsbald herausstellen sollte, die Seite mit dem Radioprogramm zum Feueranmachen verwendet.
»Ich geh’ nachher mal alle Sender durch.« Das waren auf der Mittelwelle aus dem Westen der RIAS und der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) und aus dem Osten der Berliner Rundfunk, der allerdings auch aus dem Westsektor sendete, aus dem Funkhaus an der Masurenallee unter dem Funkturm. »Vielleicht gibt es irgendwo etwas Spannendes.«
»Nein, da krieg’ ich nur noch mehr Angst. Vielleicht liegt bei uns im Keller auch schon eine Leiche.«
»Ja, da liegt eine tote … Ich hab’ Frau Schütz aber gestern schon gebeten, sie wegzuschaffen.«
»Eine Tote bei uns im Keller?«
»Ja, eine tote Ratte.«
Auf der Anrichte lag eine Traueranzeige. Am 12. November 1949 war die neue Untermieterin eingezogen und hatte sie wenig später hereingereicht. Plötzlich und unerwartet verschied unsere liebe Mutter … Die trauernden Hinterbliebenen Elisabeth Kusian, Dr. med. Charlotte Kühnel geb. Kusian, Studienrat Dr. Karl-Hermann Kusian, Prof. Dr. Johannes Kusian. Hertha Stöhr fragte ihre Mutter, warum sie die schwarz umrandete Karte immer wieder aus dem Schubfach nehmen würde. Weil das alle so »hochmögende« Menschen seien, die da trauerten.
»Ja, Hertha, mit der Frau Kusian haben wir einen guten Fang gemacht. Eine Krankenschwester im Haus ist wirklich Gold wert. Als ich neulich meinen Angina-Pectoris-Anfall hatte, da hat sie mir gleich das richtige Mittel gespritzt und mir womöglich das Leben gerettet. Ich war ja fast schon erstickt. Und ganz von sich aus hat sie mir das aus dem Krankenhaus mitgebracht. So ein herzensguter Engel.«
Auch ihre Tochter fand es sehr hilfreich, die Kusian in der Wohnung zu haben – wenn man schon vermieten musste, weil die Rente nicht reichte. Wenn Elisabeth Kusian zu Haus war und auf die Mutter aufpasste, konnte sie es schon mal wieder wagen, in Walterchens Ballhaus zu gehen. Nicht, dass sie die sprichwörtliche lustige Witwe war, aber vielleicht fand sich doch noch mal ein Mann. Ihr eigener war ja nun auch schon sechs Jahre tot. Vermisst jedenfalls. Aber … die Chance, noch einmal einen Mann fürs Herz zu finden, war geringer als die, im Toto zu gewinnen. Die Besten waren ja alle im Kriege geblieben. Meistens blieb ihr nichts anderes übrig, als mit Frauen ihres Alters zu tanzen. Warum war sie nicht fünfzig Jahre früher auf die Welt gekommen? »Dann wärst du jetzt schon tot.« Auch ein Trost.
Sie ging in das Zimmer der Untermieterin, um noch ein Brikett nachzulegen. Früher war das ihr Herrenzimmer gewesen, durch eine zweiflügelige Tür mit dem Wohnzimmer verbunden. Diese war jetzt auf beiden Seiten mit einem Schrank zugestellt, und außerdem hatte ihr Tischler sogenannte Sauerkrautplatten dagegen genagelt, so dass man nicht hören konnte, was nebenan geschah. Ihre Mutter hatte es so gewollt.
»Ich würde mich zu Tode schämen, wenn ich das Liebesleben anderer Menschen verfolgen müsste.« Hertha Stöhr hätte gerade das sehr reizvoll gefunden, jedoch des lieben Friedens wegen schließlich nachgegeben. Aber eine »Tapetentür« war es dennoch geblieben.
Sonderlich feudal war das Zimmer nicht. Eine ausgeblichene Blümchentapete mit dem Grundton Mais, verwaschene Vorhänge in einem Altrosa, das mehr und mehr ins Graue überging. Ein schmales Bett und eine Auszieh-Couch. Kleiderschrank, Waschtisch, Schreibtisch – alles aus den ersten Jahren ihrer Ehe und ziemlich abgewohnt. Frisch war nur ein Tannenzweig mit einer roten Kerze. Die Untermieterin war eine sehr ordentliche Frau. Alles war aufgeräumt, auf dem Teppich lag auch nicht der kleinste Fussel. Eigene Sachen hatte die Frau Kusian kaum mitgebracht. Nur einen Wecker, einen kleinen Radioapparat, ein Foto, das einen Arzt vor einer großen Klinik zeigte und die Widmung Meiner geliebten Tochter Elisabeth trug. Dazu kamen natürlich Schuhe und Kleidung, aber auch da brauchte und hatte sie nicht viel, da sie ja zumeist ihre Schwesterntracht trug. »Eine einfache Frau mit einem großen Herzen«, sagte die Portiersfrau von der Kusian, und Hertha Stöhrs Mutter brachte die Bergpredigt mit ihr in Zusammenhang: »Selig sind die Barmherzigen …« Die Vermieterin kam sich richtig schäbig vor, dass sie der Kusian jeden Monat Geld abnahm.
Sie verließ das Zimmer und wandte sich zur Küche, um das Teewasser aufzusetzen. Ihre Mutter folgte ihr.
Hertha Stöhr stutzte. »Was ist denn das hier für’n Blutfleck unten am Küchenschrank?«
»Ich hab’ wieder Nasenbluten gehabt, Hertha. Mein Blutdruck ist wohl wieder zu hoch. Manchmal habe ich das Gefühl zu platzen.«
»Ja, natürlich: das fette Essen die letzten Jahre und dein Übergewicht.«
»Du Lästermaul, du!« Die Katechetin war dürr geworden wie eine Vogelscheuche. »Denke immer an Salomo 4, Vers 24: Tue von dir den verkehrten Mund und lass das Lästermaul ferne von dir sein.”
Hertha Stöhr musste auf eine Erwiderung verzichten, da an der Tür geschlossen wurde. Wenig später stand Elisabeth Kusian in der Küchentür. Selbstverständlich in Schwesterntracht. Man begrüßte sich herzlich.
»Möchten Sie auch eine Tasse, Schwester Elisabeth?«
»Ja, gerne. Wenn ich mich einen Moment setzen darf? Mit meine Beine, da …«
»Mit meinen Beinen«, wurde sie von der Katechetin verbessert.
»Entschuldigung. Aber meine Mutter war eine ungarische Gräfin, da haben wir nicht so gutes Deutsch gelernt.« Die Krankenschwester hing ihren Mantel an den Garderobenhaken und setzte sich dann auf einen der vier Küchenstühle. Sie stöhnte. »Wir hatten noch eine Notoperation … Eine junge Frau, aber nichts mehr zu machen.«
»Das Sie das alles so durchhalten!« Hertha Stöhr war voller Bewunderung.
»Was meinen Sie, was wir im Krieg alles durchmachen mussten?! Dagegen ist das im Robert-Koch-Krankenhaus das reinste Kinderspiel. Aber ohne Aufputschmittel geht es trotzdem nicht.« Sie öffnete ihre Handtasche und nahm eine Schachtel Zigaretten heraus.
»Fahren Sie denn Weihnachten zu Ihrer Familie?«, fragte die Vermieterin.
»Nein. Die treffen sich alle im Landhaus meines Bruders im Schwarzwald. Am Titisee. Mich wollen sie nicht dabeihaben, ich bin ihnen nicht standesgemäß.« Elisabeth Kusian wischte sich eine Träne aus den Augen. »Vielleicht kommt mein Schwager mich besuchen. Oder mein Kurt, wenn er keinen Dienst hat.«
»Ist er Arzt?«, fragte Hertha Stöhr.
»Nein. Leitender Kriminalbeamter.«
Die Katechetin horchte auf. »Untersucht er auch das mit den Leichenteilen vom Stettiner Bahnhof?«
»Ja, auch. Er hat viele Leute unter sich.«
»Gibt es denn schon eine Spur?«
»Über Dienstliches spricht er nicht mit mir. Er ist Witwer, und Kinder hat er auch keine.«
Hertha Stöhr lachte schelmisch. »Na, vielleicht gibt es noch eine Verlobung hier unterm Weihnachtsbaum?«
»Wer weiß …«
»Sie können hier in der Küche so viel backen und kochen, wie Sie wollen, Frau Kusian. Die Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen.«
»Ja, danke, gern. Wenn meine Zeit das zulässt. Ich muss ja auch noch Weihnachtsgeschenke kaufen gehen.«
»Schenken Sie doch Ihrem Bekannten Karten für die Neue Scala am Nollendorfplatz«, riet ihr Hertha Stöhr. »Da gibt es das Phantom der Oper mit Nelson Eddy.«
»Ich weiß nicht. Er ist mehr für das Praktische. Ich würde ihm ja gern einen neuen Herrenanzug schenken. 68,50 bei C&A. Aber den müsste er ja anprobieren, und dann ist das keine Überraschung mehr.«
»Was wünschen Sie sich denn, Schwester Elisabeth?«
»Ach …« Sie seufzte. »Nur, dass die alten Zeiten wiederkommen. Einmal wieder jung sein … Wie wir damals in Thüringen gefeiert haben. Da waren wir noch wer. Mein Vater hatte so viele dankbare Patienten, und Weihnachten haben sie in der Klinik immer kleine Stücke aufgeführt. Nun ja … Heute in der Zone, da ist ja alles enteignet.«
»Verzweifeln Sie nicht, Schwester Elisabeth.« Die Katechetin hatte Trost aus dem 2. Paulusbrief an die Korinther parat: »Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.”
»Apropos Stärke …« Hertha Stöhr gingen die religiösen Sprüche ihrer Mutter von Jahr zu Jahr mehr auf die Nerven.
»Wenn Sie Wäschestärke brauchen sollten, Frau Kusian, ich habe von meiner Cousine genügend geschenkt bekommen. Die hat eine Drogerie in Schöneberg. Steht alles im Badezimmer.«
»Herzlichen Dank. Sie sind so lieb zu mir.«
»Jeder so, wie er es verdient«, lachte Hertha Stöhr.
»So …« Elisabeth Kusian drückte ihre Zigarette im Aschenbecher aus und stand auf. »Dann werde ich mich mal in mein Zimmer zurückziehen.«
»Sie können auch gern zu uns kommen und mit uns Karten spielen.«
»Danke, sehr nett, aber ich möchte noch eine Runde ums Karree drehen, frische Luft schöpfen. Meine Kopfschmerzen. Ehe wieder eine Migräne daraus wird.«
Hertha Stöhr hob warnend die Stimme. »Passen Sie bloß auf nachts auf den Straßen. Der Kerl da … Dass Sie nicht auch zerstückelt in den Ruinen liegen.«
Kapitel 8
Gregor Göltzsch wollte eigentlich die Zeit zwischen Ladenschluss und Mitternacht nutzen, um mit seiner Inventur voranzukommen, doch immer wieder ließ er sich ablenken. Zumeist von der Reklame für Miederwaren, wie er sie in seiner Lesezirkel-Mappe fand. Was ihn aber noch stärker anheizte, war eine Reportage in einem schon leicht vergilbten Stern über Die »Fräuleins« von Celle. Während der Blockade hatten an die dreitausend von ihnen im Städtchen an der Aller gewartet, um den GI’s zu Diensten zu sein. »Hoch das Leben, hoch die Liebe …« Gin, Zigaretten, Schokolade und 1500 Mark Lohn im Monat waren eine gute Grundlage für einen vergnügten Abend, bevor die amerikanischen Piloten am nächsten Morgen mit ihrer Skymaster wieder in die eingeschlossene Frontstadt fliegen mussten. A very risky job. Come on, baby!
Göltzsch öffnete seinen Wandtresor und erfreute sich an den gebündelten Scheinen, die er dort angehäuft hatte. Das hätte x-mal gereicht, um in eine Bar zu gehen und sich das teuerste Mädchen Berlins ins Bett zu holen. »Verdammt, ich hab’s wieder mal nötig.« Schon aus medizinischen Gründen, um keinen Krebs zu kriegen. Seine Hoden schmerzten, und sein andauernd erigierter Penis hatte sich am rauen Stoff der Unterhose schon rot und wund gerieben. Es selber auszulösen, verbot er sich. Dafür hatte er als Kind von seiner Mutter, waren die Flecke in Nachthemd oder Bett entdeckt worden, zu viel Prügel bezogen. Dachte er daran zurück, verging ihm jede Lust. Auch das Rückenmark wurde vom Onanieren angegriffen. Ein Mann hatte seinen Samen auf natürliche Art und Weise loszuwerden, das heißt beim ehelichen Beischlaf. Was aber, wenn die Ehefrau seit vielen Wochen in der Klinik lag, um zu verhindern, dass sie ihr Kind verlor? Natürlich stimmte es nicht, was sie sich in der Schule erzählt hatten: dass der Samen, floss er unten nicht ab, langsam nach oben stieg und das Gehirn zersetzte – und dennoch hatte Gregor Göltzsch gerade dieses Bild immer wieder vor Augen. Als ihn ein alter Freund anrief, brachte er es auf den Punkt: »Helga geht’s gut, aber ich leide langsam unterm Samenkoller.« Gute Ratschläge, wie kalt zu duschen oder sich »Hängolin« ins Essen zu tun, also Soda, halfen auch nicht viel, und Kinobesuche machten die Sache nur noch schlimmer, denn Filme ohne Frauen gab es nicht. Also stürzte er sich wieder in die Arbeit.
Auf der Kantstraße rollte eine Straßenbahn vorüber, die an der Dachkante die Reklame seiner Firma trug: Möbel von GG
– eine Pfundsidee. Es lohnte sich, denn langsam begannen die Leute wieder zu kaufen. Auch in Berlin. Die neue D-Mark machte es möglich. Mochte die Fresswelle auch noch nicht zu Ende sein, so dachte man doch auch schon wieder an seine Wohnungseinrichtung. Da gab es einen wahnsinnigen Nachholbedarf. Besonders Sofas und Sessel waren furchtbar verschlissen. Und war jemand ausgebombt worden, so lebte er zumeist inmitten von Möbeln, die ins Museum oder in den Ofen gehört hätten. Nun aber ging alles wieder aufwärts, nun konnte man auf das Wirtschaftswunder hoffen. Bald schossen die Neubauten wie Pilze aus dem Boden, und wer jetzt noch möbliert in Untermiete wohnte, der brauchte morgen neue Schränke, Kommoden, Tische, Stühle und Sitzgarnituren. Göltzsch wusste, dass die Jahre, die jetzt kamen, goldene sein würden. Für ihn jedenfalls. Was aber sein augenblickliches Problem auch nicht lösen konnte, das Gefühl, »unten herum« ganz einfach zu platzen.
Er stand auf und hoffte, dass sich sein Druck verringern würde, wenn er sich bewegte. Nein, tat er nicht. Im Gegenteil, denn seine Buchhalterin hatte auf der Aktenablage eine Zeitung mit einer großformatigen Anzeige von C & A Brenninkmeyer liegen lassen: Start in den Herbst – Ein Kleiderkauf wird immer zum Vergnügen. Abgebildet war eine glückliche Familie – Vater, Mutter, Sohn –, die im Wald spazieren ging. Gregor Göltzsch stellte sich nun vor, wie er der Frau den Mantel auszog und entdeckte, dass sie nichts darunter trug. Jetzt war seine Phantasie nicht mehr zu bremsen. Sie lief davon, er ihr hinterher. Sie kamen in einen Garten, in dem eine leere Wäscheleine hing. Er blieb an ihr hängen, riss sie herunter und nahm sie mit, um im Laufen eine Schlinge zu binden und die Leine zu einem Lasso zu machen. Ein Wurf – und die Frau war gefangen, war seine Gefangene. Als sie sich wehrte, zog er die Schlinge zu und drang von hinten in sie ein. Seine Lust war gigantisch, war einmalig, war unvorstellbar. Er schrie auf, so sehr zerriss es ihn. Polizisten rissen ihn hoch. Er sah die Schlagzeilen in den Zeitungen: Ein Möbelhändler als Lustmörder.
Er schlug sich mit den Händen gegen die Schläfen, rechts, links, um die Bilder zu verscheuchen. Zugleich waren es Ohrfeigen. Als Strafe dafür, dass er derart Unzüchtiges gedacht hatte. »Du musst dich irgendwie ablenken!« War er zu lange allein, sprach er oft selber mit sich, wobei er aber keine Dialoge führte, sondern sich immer nur Befehle gab und dabei die Diktion seiner Mutter nachahmte.
Wo war das Buch geblieben, das ihm seine Frau geschenkt hatte? »Damit du an deinen einsamen Abenden was zu lesen hast.« Doch er las nicht gerne Bücher, höchstens Kriminalromane. Oben auf dem Grammophonschrank lag es. Julius Stinde, Die Familie Buchholz. 1883 erschienen und mächtig vergilbt. Ein Erbstück oder antiquarisch. Er verzog das Gesicht. Kleopatra hätte er gebraucht oder etwas über eine große Kurtisane.
Er ging in den Ausstellungsraum, wo er gleichsam unter öffentlicher Kontrolle stand, denn die Jalousien waren noch nicht heruntergelassen. Die abendlichen Spaziergänger sollten ja stehenbleiben und sich durch die ausgestellten Stücke anlocken lassen. Doch zum Flanieren war es den Leuten wohl zu kalt, alles hastete vorüber, zur Straßenbahnhaltestelle, zum Bahnhof Zoo. Niemand interessierte sich für seine Schaufenster. Göltzsch ließ sich in einen Sessel fallen, von dem aus er die Kantstraße Richtung Zoo am besten im Blickfeld hatte. Paare gingen vorüber, und die Nylonbeine der Frauen schimmerten im Licht der Straßenlaternen. Er dachte sich die Nähte hinauf … die Strumpfbänder … das nackte Fleisch … der Hüfthalter … die Schlüpfer … Sie waren weit geschnitten, und man konnte leicht mit den Fingern hineinfahren … Er schloss die Augen, damit die Bilder noch lebendiger wurden.
Als er sie wieder öffnete, stand eine Frau vor seiner Schaufensterscheibe und musterte ihn, sich wohl fragend, ob sie da einen Menschen vor sich hatte, der gerade eingeschlafen war, oder eine Schaufensterpuppe. Ihr Kopftuch war ihr im Wege. Sie schob es zur Seite und suchte es hinter den Ohren zu fixieren. Ihre Blicke trafen sich. Was ihn elektrisierte, waren die Augen der Frau. Im Licht der Deckenstrahler funkelten und glitzerten sie wie zwei nahe beieinanderstehende Sterne am dunklen Firmament. Da waren nur Augen und gar kein Gesicht. Sie ließen alles andere verschwinden. Er kannte das nur von Schauspielerinnen, wenn sie vorne an der Bühne standen. Nachdem sie sich vorher Belladonna in die Augen geträufelt hatten. War die Frau eine solche Schauspielerin, kam sie gerade aus der Vorstellung? Glühte es noch immer in ihr, suchte sie jemand, mit dem sie etwas trinken gehen konnte, um die Erregung langsam abklingen zu lassen? Oder war es nur die Garderobenfrau, die hohes Fieber hatte? Er musste es herausfinden. Er stürzte zur Tür. Der Schlüssel steckte im Schloss. Sie war weitergegangen und kam gerade an seiner Tür vorbei, als er sie aufgezogen hatte.
Er verbeugte sich leicht. »Schönen guten Abend. Womit kann ich dienen?«
Sie war einigermaßen verwirrt. »Sie haben doch schon lange zu …«
»Für ganz besondere Kundinnen haben wir bis Mitternacht geöffnet.«
»Ich habe kein Geld, ich wollte ja nur mal …«
Gregor Göltzsch war ein guter Verkäufer und so charmant wie die Männer in den alten Ufa-Filmen. »Aber gnädige Frau, bei mir haben Sie doch immer Kredit. Womit wollen Sie denn den Herrn Gemahl zum Weihnachtsfest überraschen?«
»Ich habe keinen Mann, ich bin Kriegerwitwe.«
»Oh, Pardon.« Göltzsch konnte auf Knopfdruck so voller Mitleid sein wie ein professioneller Trauerredner in der Friedhofskapelle. »Das tut mir aber leid. Da haben Sie es sicher schwer, ihre Kinder durchzubringen, so ganz allein …«
»Die Kinder sind im Heim.«
Gregor Göltzsch zog nun alle Register, um die Frau mit dem Kopftuch zu erobern. »Und Sie suchen sicherlich eine Stellung. Das trifft sich gut, denn ich bin gerade auf der Suche nach einer tüchtigen Verkäuferin …«
»Ich bin Krankenschwester.«
»Schade …« Göltzsch hatte sie inzwischen ausgiebig gemustert. Ihre Figur gefiel ihm. Er mochte Frauen, die kraftvoll und energisch waren. Und wild auf Männer. Was man sich da von Krankenschwestern alles erzählte. Sicherlich war auch diese hier so mannstoll wie die anderen. Wäre sie sonst stehen geblieben, hätte sie sich sonst ansprechen lassen? Nein. Diese Überlegung gab Göltzsch den Mut zur direkten Attacke. »Das ist so kalt hier draußen. Kommen Sie doch ’n Moment rein zu ’ner Tasse Kaffee und erzählen Sie mir ein bisschen von sich. Von der Arbeit im Krankenhaus, von Ihren Kindern …«
»Wo denken Sie hin? Ich bin eine anständige Frau!«
Da hatte er so seine Zweifel, denn wenn es wirklich an dem gewesen wäre, hätte sie nicht hier gestanden. Außerdem sah er Furchen in ihrem Gesicht, die viel verrieten: von Ausschweifungen, von Fleischeslust und Wollust. Sein Vater hatte ihn immer vor Frauen wie dieser gewarnt: »Junge, sie saugen dir das Mark aus den Knochen und treiben dich in die Pleite, denn sie kosten und kosten.« Nun, wenn dem so war, konnte es nur einen Köder geben: Geld. Und so beugte er sich ein wenig zu ihr hin. »Ich sehe, dass Sie finanzielle Sorgen haben. Da kann man leicht Abhilfe schaffen …«
»Ich bin doch keine Nutte!« Damit ließ sie ihn stehen, bog um die Ecke und lief mit schnellen Schritten die Kantstraße hinauf.
Gregor Göltzsch nahm seinen Mantel vom Haken, schlüpfte hinein, schloss seinen Laden ab und folgte ihr. Er hatte früher als Schürzenjäger gegolten und sich den sicheren Instinkt dafür bewahrt, ob eine Frau zu haben war oder nicht. Bei dieser hier war er sich absolut sicher. Dieses Flackern in den Augen, diese Gier nach stürmischer Umarmung. »Die will einen drin haben«, dachte er. »Die hat es genauso nötig wie ich.« Er war wild entschlossen, sich diese Beute nicht mehr entgehen zu lassen. Sie mochte einen Vorsprung von etwa achtzig Metern haben. Das war nicht viel. Hinter der Fasanenstraße würde er sie eingeholt haben. Und dann …
Mit jedem Schritt wurde er ein anderer Mensch. Eine dunkle Macht gewann mehr und mehr die Herrschaft über ihn und bestimmte sein Tun. Er hörte keine Stimmen, die ihm Befehle gaben, und es war ihm völlig rätselhaft, woher die Impulse kamen, die ihn von nun an steuerten: Hol sie ein, geh mit ihr nach oben auf ihr Zimmer, wirf sie zu Boden, würge sie, nimm sie, töte sie! Das ist die höchste Lust, die du erleben kannst.
Er wehrte sich dagegen. Ich bin glücklich verheiratet, Anfang nächsten Jahres bin ich Vater und … Es half nichts. »Herr, hilf mir, rette mich vor mir selber!« Er war streng religiös erzogen worden und hoffte, der Herr würde jetzt etwas geschehen lassen, das ihn noch aufhielt: dass die Ruinen vor ihm in sich zusammenstürzten und ihm die Trümmer den Weg verstellten, dass ein amerikanischer Jeep neben ihm hielt und ihn die Military Police nach seinem Ausweis fragte, dass er ausglitt und sich das Handgelenk brach … Doch nichts von alledem geschah. Seine Erregung wuchs mit jedem Meter, den er zu ihr aufschloss …
Kapitel 9
Albert Steinbock aus Cottbus, Witwer und gerade sechsundvierzig Jahre alt geworden, war mit Leib und Seele Polizist. Die Menschen brauchten eine Ordnung, wenn sie überleben wollten, und sie brauchten Männer, die darauf achteten, dass diese Ordnung auch eingehalten wurde. Leute wie ihn, Polizisten. Die waren genauso wichtig wie Ärzte. Die einen bekämpften die Krankheiten, die anderen das Verbrechen. Und Verbrechen waren nichts anderes als Krankheiten, Krankheiten des Volkskörpers. Sie gehörten ausgerottet. Also, ob Arzt oder Polizeiwachtmeister – ohne sie beide ging es nicht, und folglich sah sich Albert Steinbock als außerordentlich wichtiges und unentbehrliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft.
Umso schmerzlicher hatte es ihn getroffen, als er zu Beginn des Jahres 1949 in seiner Heimatstadt entlassen worden war. Man hatte in der Sowjetisch besetzten Zone (SBZ) beziehungsweise DDR mit der Reorganisation der Polizei begonnen, in deren Folge alle die Polizisten ihren Dienst quittieren mussten, die nahe Angehörige in den Westzonen hatten oder während des Krieges zufällig in amerikanische, britische oder französische Kriegsgefangenschaft geraten waren. Und Steinbock hatte Sohn und Schwiegertochter im Westen, in Berlin-Charlottenburg. Außerdem war er altes SPD-Mitglied und hatte sich geweigert, die Zwangsvereinigung mit den Kommunisten mitzumachen. »In die SED – nur über meine Leiche.« Bei den Machthabern in der Zone war er aber auch auf die Abschussliste geraten, weil er sich im Frühsommer 1948 geweigert hatte, das sogenannte Volksbegehren der SED »Für Einheit und gerechten Frieden« zu unterstützen. Aber dass sie einen so verdienten und sachkundigen Mann wie ihn einfach auf die Straße setzen würden, hatte er trotz allem nicht erwartet. Was nun? Wenn er nicht mehr Polizist sein durfte …
»Dann nehme ich mir das Leben.« Sein Sohn hatte ihn angeschrien: »Vater, das ist doch ganz einfach: Dann packst du eben deine Sachen und kommst zu uns.« Was Albert Steinbock dann auch getan hatte. Obwohl man ja eigentlich alte Bäume nicht verpflanzen sollte. Über verschiedene Kontakte war er als Wachtmeister bei der West-Berliner Polizei untergekommen. Und da wollte und musste er sich nun beweisen. Was gar nicht so einfach war …
Seit 1948 war ein heftiger Machtkampf um den Einfluss in der Berliner Polizei entbrannt. Während die Westmächte demokratische Strukturen anstrebten und das Modell von 1932 wiederbeleben wollten, war die Polizei in der DDR als Machtinstrument der SED gedacht und sollte daher in stalinistischer Art und Weise organisiert werden, also straff zentralistisch und mit militärischen Befehlsstrukturen. Im Berliner Alltag wurden die beiden so unterschiedlichen Prinzipien sehr schnell an den Namen zweier Männer festgemacht: Paul Markgraf stand für den Osten, Dr. Johannes Stumm für den Westen. Die Polizei Ost residierte in der Dircksenstraße nahe Alexanderplatz, die Polizei West in der Friesenstraße am Zentralflughafen Tempelhof. Und es war durchweg so, wie es Der Morgen, in Ost-Berlin erscheinend, am 19. August 1948 in seiner Überschrift zum Ausdruck brachte: Gespaltenes Berlin – günstig für Verbrecher. Im Text hieß es dazu: Erschwert wird die Verfolgung der Verbrecher auch dadurch, dass einige westliche Kriminalkommissariate sich grundsätzlich weigern, Festgenommene der Dircksenstraße vorzuführen. Im Westen witterte man fast immer eine kommunistische Schurkerei, gab es doch eine Reihe spektakulärer Entführungen, und waren immer wieder politisch unliebsame Zeitgenossen plötzlich spurlos verschwunden. Die jeweils andere Polizei wurde für unrechtmäßig erklärt, und wer im fremden Sektor eine Amtshandlung begehen wollte, war auf der Stelle festzunehmen. Es herrschte Kleinkrieg zwischen den beiden Polizeipräsidien, und das Reizklima war schließlich derart ausgeprägt, dass der Ost-Berliner Kripochef prompt von der Stumm-Polizei verhaftet wurde, als er privat eine Boxveranstaltung in der Waldbühne besucht hatte.
Während also die Zuständigkeit der Polizei an den Sektorengrenzen endete, konnten die Gesetzesbrecher weiterhin in beiden Stadthälften agieren und sich darauf verlassen, dass sich die verfeindeten Polizeien auch noch Sand ins Getriebe streuten, zumindest aber die nötige Kooperation erschwerten oder verweigerten. Der Morgen kommentierte das so: Wenn sich früher ein schwerer Junge dem strafenden Arm entziehen wollte, musste er schon über den Ozean fliehen, und selbst dann war er nicht völlig in Sicherheit. Heute begibt er sich in den anderen Sektor, um das behagliche Gefühl des Geborgenseins auszukosten.
»Vater, musst du denn andauernd Überstunden machen?« Sein Sohn sah es gar nicht gern, wenn Steinbock noch spätabends durch die Trümmerlandschaft streifte, die sich zwischen Zoo und Knie erstreckte, um nach Männern zu suchen, die Buntmetalle klauten.
»Ich muss die Burschen haben, das bin ich mir selber schuldig.«
»Pass bloß auf.« Ortwin Steinbock war Journalist und wusste, dass es in der Stadt Menschen gab, die vor nichts zurückschreckten. Es war man gerade ein halbes Jahr her, dass man Werner Gladow und seine Bande nach einem Schusswechsel à la Al Capone im Ost-Berliner Bezirk Friedrichshain festgenommen hatte. Es galt als sicher, dass der Oberstaatsanwalt am Ende des Prozesses für Werner Gladow wegen zweifachen Mordes und einer Reihe anderer schwerer Straftaten die mehrfache Todesstrafe beantragen würde. Trotzdem – oder gerade deswegen – wurde Gladow in beiden Teilen Berlins zum heimlichen Helden. Es gab kaum Jungs in der Stadt, die nicht Gladow-Bande spielten.
Albert Steinbock lachte und spielte die Sache herunter. »Ich versteh’ immer Gladow … Heißt das nicht Kladow da unten an der Havel?«
»Immer deine Kalauer. Du hast doch gelesen, was ich über den Leichenfund am Stettiner Bahnhof geschrieben habe. Da ist wieder einer am Werke, der …«
Sein Vater winkte ab. »Einen Tod kann man nur sterben.« Damit machte er sich auf den Weg. Buntmetalldiebstähle waren an der Tagesordnung, denn an Blei, Kupfer und Messing ließ sich eine Menge verdienen. Besonders wenn man es im Osten klaute und im Westen verscheuerte. Aber auch hier in Charlottenburg war man nicht untätig. Überall, insbesondere in alten Kellern und auf leer geräumten Grundstücken, warteten Schrotthändler auf fette Beute. Steinbock hielt sie allesamt für Hehler. Und wenn sich in den Ruinen keine Bleirohre, keine Wasserhähne und Türklinken aus Messing und keine Fensterbretter aus Zinkblech mehr finden ließen, dann schlich man sich eben in die Häuser, die stehengeblieben waren, und machte sich dort mit Säge, Zange und Schraubenzieher zu schaffen. Dadurch hatten sie gestern in der Carmerstraße ein Haus unter Wasser gesetzt. Und wer bekam dann die Schuld für alles? Die Polizei. Er, Albert Steinbock also. Darum war er so verbissen darauf aus, sich die Burschen zu schnappen.
Und so drehte er auch am Abend des 9. Dezember 1949 wieder seine Runde. Hardenberg-, Schiller-, Schlüterstraße und so weiter. Gewissenhaft hatte er sich aufgeschrieben, welche Häuser in der Hardenbergstraße zerstört waren: 1 bis 5, 13 bis 15, 20 bis 21, 23 bis 24, 27 und 37 bis 42. Die Nummern 1 bis 5 waren die Häuser auf der südlichen Straßenseite zwischen Knie beziehungsweise Bismarckstraße und dem Renaissance-Theater an der Knesebeckstraße, das nur vergleichsweise geringe Schäden aufwies. Albert Steinbock war das egal, ob sie schon wieder und was sie dort spielten, er würde sowieso nie hineingehen. »Ich hab’ schon so genügend Theater.«
Er vermutete, dass die Buntmetalldiebe zu dritt unterwegs waren. Einer stand Schmiere, während die anderen beiden am Sägen oder Abschrauben waren. Es war auch günstig, wenn einer die Taschenlampe hielt oder, war man in Ruinen an der Arbeit, darauf achtete, dass einem nicht alles auf den Kopf fiel. War da eben ein Pfiff gewesen? Er war sich nicht ganz sicher, denn eine Straßenbahn rumpelte vorüber. Wenn, dann musste der Pfiff vom Eckgrundstück Schillerstraße 3 / Hardenbergstraße gekommen sein. Steinbock machte ein paar Schritte und blieb dann stehen, um das Objekt zu mustern. Der ganze Block war zerstört, doch die Trümmer des Vorderhauses waren bereits weggeräumt worden. Seitenflügel und Quergebäude standen aber noch – als Ruinen. Und die Parterrefenster und Kellereingänge waren immer noch nicht zugemauert worden, so dass jeder dort einsteigen konnte. Am Tage die Kinder und nachts das zwielichtige Gesindel, dem Steinbock Kontra bieten wollte. Wieder ein Pfiff? Schwer zu sagen, woher er, wenn überhaupt, gekommen war. Vielleicht von einem Studenten drüben an der Technischen Hochschule.
Oder doch vom Ruinengrundstück an der Ecke? In Albert Steinbock kämpften Jagdeifer und Eigensicherung miteinander. Der erste Antrieb war stärker. Also betrat er das Grundstück und ging mit vorsichtigen Schritten über die rissige Betonplatte wie über dünnes Eis. Jeden Augenblick konnte er einbrechen. Nein, natürlich nicht. Ein Blick nach oben. Die rußgeschwärzten leeren Fensterhöhlen. Ein schauriger Anblick. Er wartete nur darauf, dass die Geister in ihren weißen und wallenden Gewändern erschienen. Das Licht der ohnehin nur matten Laternen vorne auf der Hardenbergstraße reichte schon lange nicht mehr, und er knipste seine Taschenlampe an. Deren Strahl traf den Eingang zum Keller. Von dort her war ein schleifendes Geräusch gekommen. Eine Ratte? Ein Liebespaar, das sich davonschleichen wollte? Ein Landstreicher, der hier auf seiner Decke schlief? Oder aber »seine« Buntmetalldiebe. Alles war möglich.
Die Kellertreppe. Er wagte sich ein paar Schritte hinunter. Angst, ja, die hatte er, aber wer die Ardennen-Offensive überlebt hatte, der … Und dennoch schrie er jetzt auf. Denn vor ihm lag ein Toter. Nein, kein Toter, das hätte ihn nicht so zusammenfahren lassen, denn Tote hatte er viel gesehen, sondern nur der Rumpf eines Menschen. Mit einem Stückchen Hals. Kein Kopf mehr dran, keine Arme, keine Beine. Das war das Entsetzliche.
ZWEITER TEIL
Kunstgerecht zerlegt
Kapitel 10
Bernhard Bacheran hätte gleich um 4 Uhr morgens aufstehen sollen, als seine Mutter auf die Toilette gegangen war und dabei im Korridor die leeren Bügel heruntergerissen hatte. Es hatte gewaltig gescheppert, und natürlich war er hochgefahren. Ein Blick auf den Wecker: Noch eine Stunde Schlaf. So hatte er sich wieder ins warme Federbett gekuschelt … um einen seiner schlimmsten Alpträume zu erleben. Es war in irgendeinem düsteren Keller. Aus den Ritzen in den Wänden quoll der Nebel. Schwaden zogen durch den Raum. An einem hölzernen Tisch, der auch eine Werkbank sein konnte, stand sein Onkel Waldemar. Mit einem Beil in der Hand. Und auf dem Tisch lag seine Mutter. Tot. Schon dieser Anblick allein war entsetzlich genug, nun aber nahm Onkel Waldemar sein Beil und begann, seiner Mutter die Arme abzuhacken.
Er schrie derart schrill, dass Annemarie Bacheran sofort in der Tür stand: »Junge, mein Gott, was ist?!«
»Nichts, Mutter, nichts.« Mühsam konnte er sich aufrappeln. »Ich hab’ nur schlecht geträumt.« Was, verschwieg er ihr lieber. Nach dem Grund seines Alptraums brauchte er nicht lange zu suchen: der Anruf gestern spätabends. Er möge doch bitte um 7 Uhr 30 in der Pathologie des Robert-Koch-Krankenhauses sein. Der Herr Staatsanwalt selber sei dringend verhindert, und da möge er doch bitte an seiner Stelle den Termin wahrnehmen. Ein Kapitalverbrechen. Man habe am U-Bahnhof Knie Leichenteile gefunden, und die wolle sich Dr. Weimann nun ansehen. Waldemar Weimann war die Koryphäe der deutschen Gerichtsmedizin, ein Mann mit Charisma. Waldemar … Der Vorname musste den Alptraum ausgelöst haben. Waldemar, Onkel Waldemar … Onkel Waldemar hatte einen Bauernhof in Kuhsdorf in der Prignitz, und wenn man hinkam, war er immer am Schlachten. Schweine, Hühner, Gänse und Karnickel.
Annemarie Bacheran, Lehrerin an einer Neuköllner Oberschule und vertraut mit den Nöten junger Menschen, ahnte die Zusammenhänge. »Warum willst du auch partout Staatsanwalt werden? Im Kriminalgericht. Immer diese Leichensachen …«
»Die erste Leiche ist immer die schlimmste.« Bacheran setzte sich auf und stellte die Füße auf den Boden. »Noch bin ich nur ein kleiner Referendar …« Aber er freute sich darauf, einmal selber Staatsanwalt zu sein und dafür zu sorgen, dass das Recht durchgesetzt wurde. Ein gutes Recht, nicht das Unrecht der Nazis oder das der Stalinisten.
»Frühstücke mal nicht zu üppig, damit dir nachher nicht alles wieder hochkommt, wenn du am Seziertisch stehst.«
»Nein, Mutter. Und wenn, dann bringe ich dir alles Erbrochene mit nach Hause, damit ihr’s am Montag im Unterricht ganz genau untersuchen könnt.« Ihr Hauptfach war die Biologie. Damit ging er ins Bad. Ein solches zu haben, war ein Luxus in diesen Nachkriegsjahren, ganz besonders im Bezirk Neukölln.
Dann frühstückten sie zusammen. Allein zu zweit, denn Erna Nostiz – ihre Schwester, seine Tante – schlief noch, und Berthold Bacheran – ihr Mann, sein Vater – war 1944 in den Ardennen gefallen. Ein Pfarrer. Er hatte ihn immer »mein kleines Häschen« genannt. Bei dieser Konstellation hatte Bernhard immer Angst, dass die alte Volksweisheit »Lehrers Kinder, Pfarrers Vieh, dat geiht nie« zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden könnte.
Heute war Sonnabend, und so kam die obligatorische Frage seiner Mutter, ob er am Abend etwas vorhabe. »Gehst du mal wieder aus, zum Tanzen oder so?«
»Nein.« Er sah seiner Mutter genau an, was sie nun dachte: Andere in deinem Alter – vierundzwanzig war er jetzt – sind schon lange verheiratet, zumindest aber verlobt, nur du nicht. Nicht einmal eine feste Freundin hast du. Kann schon sein, was die Nachbarn flüstern, dass er andersherum ist. »Ich will mich noch an meinen Artikel für die juristische Fachzeitschrift setzen. Der Kampf gegen Carl Schmitt muss endlich und mit aller Kraft geführt werden.« Für ihn war Carl Schmitt mit seiner Verherrlichung des totalen Staates ein Wegbereiter der Nazis.
Seine Mutter bemühte sich, schelmisch zu blicken. »Nicht auch mal eine Carla statt eines Carls?«
Da verlor er die Contenance, sprang auf und warf die Serviette auf den Tisch. »Nein. Du weißt doch, dass ich Frauen nur als Tote und im zerstückelten Zustand so richtig genießen kann.« Und dann sang er wie ein französischer Chansonnier: »Mein Sohn Bernhard, das war ein Mann mit einem ganz besonderem Stil, denn er war so furchtbar nekrophil … so furchtbar nekrophil.«
Zehn Minuten später stand er auf der Straße, der Fuldastraße. Die zog sich ein wenig schräg zur Nord-Süd-Achse vom Neuköllner Schifffahrtskanal zur Karl-Marx-Straße, querte dabei die Sonnenallee und wies nur eine einzige architektonische Besonderheit auf: die Martin-Luther-Kirche, in der Bacheran getauft wie auch eingesegnet worden war. Sein Ziel war das West-Berliner Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin im Pathologischen Institut des Robert-Koch-Krankenhauses in Moabit, und da kam er am besten hin, wenn er … Es war schwierig zu entscheiden: lieber mit der 95 bis zum Bahnhof Sonnenallee und dann mit der S-Bahn bis Bellevue, umsteigen in Ostkreuz, oder mit der U-Bahn bis Stettiner Bahnhof und dann mit der Straßenbahn, der 44. Nein, die fuhr ja nicht mehr die Invalidenstraße hinunter. Die Spaltung der Stadt, die Spaltung der Welt. An der Sandkrugbrücke begann der Osten. Und mit der Blockade war der Betrieb der 44 eingestellt worden. Erst am 2. Januar 1950 sollte er wiederaufgenommen werden. Er erinnerte sich daran, das irgendwo gelesen zu haben. Ein Auto müsste man haben … Wenn er erst Staatsanwalt war …
»Was nun, Bacheran?!«, schnauzte er sich selber an. Er konnte sich über keinen Menschen mehr aufregen als über sich selbst. Da war er nun geborener Berliner und stand so blöd herum wie jemand, der eben angekommen war. Aus der tiefsten Provinz, Kyritz-Pyritz. Gleich, welche Route er letztendlich nehmen würde: Er musste sich irgendwann einmal in Marsch setzen. Das tat er dann auch – nachdem er beschlossen hatte, einen noch ganz anderen Weg zu nehmen: mit der U-Bahn von Rathaus Neukölln bis zum Knie, Stadtmitte umsteigen von der Linie C in die Linie A, und dann mit der 2 nach Moabit. Ein wenig umständlich, aber: Eine schlechte Entscheidung war besser als gar keine. Alte Soldatenregel, auch von ihm zu beherzigen, schließlich war er Leutnant. Gewesen. Noch im April 1945 zu einem solchen ernannt. Wie schön.
Doch als sein Blick zur Sonnenallee hinaufging, kam von rechts eine Straßenbahn und rollte in Richtung Tempelhof/ Attilaplatz, und da fiel ihm ein, dass die 95 ja am Halleschen Tor der 21 begegnete – und die fuhr nach Moabit. Das wusste er, weil sie die früher immer genommen hatten, um vom Lehrter Bahnhof aus zu Onkel Waldemar zu fahren. Nicht zu Waldemar Weimann. Da war er wieder … der Traum von der zerstückelten Leiche. Unschlüssig blieb er stehen. Ohne direkt an einer Klaustrophobie zu leiden, fuhr er im Zweifelsfall lieber mit der Straßen- als mit der U-Bahn, denn jene verlief weithin im Keller – und das erinnerte unbewusst an die Bombennächte im Luftschutzkeller. Jeden Augenblick konnte es einen Volltreffer geben, konnte man verschüttet werden und elend verenden. Also: heute mal die Straßenbahn.
Während er zur Haltestelle lief und auf die nächste 95 wartete, fiel ihm ein, dass sie ihm gar nicht gesagt hatten, was man in der Ruine am Knie gefunden hatte: einen Mann oder eine Frau. Die Wahrscheinlichkeit sprach für Letzteres. Er erschrak, als er beim Einsteigen gegen den üppigen Körper der Schaffnerin prallte. Wie würde ihr Rumpf aussehen, wenn er … Bernhard Bacheran hatte das Gefühl, irgendwann reif fürs Irrenhaus zu sein. Und da fuhr die 68 hin. Die hatten schon seine Großeltern allen Zeitgenossen empfohlen, die man für meschugge hielt, denn die Straßenbahnlinie 68 verband zwei Nervenheilstätten miteinander: Dalldorf, später Wittenau, im Westen und Herzberge im Osten. Seit der Teilung der Stadt bediente sie nur noch die westliche Anstalt, aber die wäre ja für Bacheran auch zuständig gewesen.
Er hörte die Straßenbahn schon von weitem, sozusagen um die Ecke herum, und lief los wie ein Sprinter. Ein gelber Triebwagen hielt genau vor seiner Nase. Ohne sich zu besinnen, sprang er hinein. Während der Fahrt erholte er sich ein wenig. Er stand vorn links neben dem Fahrer und sah dem Mann an der Kurbel mit Behagen zu, wie der seine Arbeit tat. Den Blick geradeaus nach vorn gerichtet, durch nichts zu beirren. Die linke Hand drehte die Kurbel, schaltete den Motor hoch und wieder herunter. Die rechte Pranke umklammerte die Notbremse. Oder war es nur der Sandstreuer? Lief jemand kurz vor der Bahn über die Schienen, fuhr die rechte Schuhspitze auf eine Bimmel, die im Wagenboden eingelassen war. Bacheran war von allem sehr beeindruckt. Schon als Kind hatte er Straßenbahnfahrer werden wollen.
Zuerst ging es die Sonnenallee hinunter, immer dicht neben der breiten Promenade entlang. Es wollte noch immer nicht hell werden. Klar, sie hatten die kürzesten Tage des Jahres. Links der Innplatz. Auf dessen Spritzeisbahn hatte er Schlittschuhlaufen gelernt. Davor noch das alte Rixdorfer Polizeipräsidium. Bacheran fragte sich, ob der Schuster Voigt auch an dieser Stelle vorgesprochen hatte, um seinen Pass zu bekommen. »Mein Gott!« Erst kurz vor dem Hertzbergplatz fiel ihm auf, dass er ja in die falsche Richtung fuhr. In Panik sprang er auf die Straße, kaum dass sie gehalten hatten, und lief zur gegenüberliegenden Haltestelle, um dort erneut zu fluchen. »Idiot, du!« Er hätte ja auch drinbleiben und zur S-Bahn fahren können. Zurück ging es. Wildenbruchstraße, Fuldastraße, Pannierstraße. Dann der Hermannplatz mit der Karstadt-Ruine, noch in den letzten Kriegstagen von der SS gesprengt. Die Urban-Straße, das Urban-Krankenhaus. Auch hier lagen Tote, um von Pathologen geöffnet zu werden. Aber keine zerstückelten Leichen, keine Mordopfer.
Hallesches Tor, Mehringplatz. Er stieg aus und wartete auf die 21. Was kam, war ein Triebwagen vom Typ »Stube und Küche«. Da die 21 jetzt schon am neuen Polizeipräsidium West-Berlins in der Friesenstraße einsetzte, war der freie Fahrersitz am hinteren Ende des Triebwagens zu seinem großen Leidwesen schon besetzt. Auch als junger Mann saß er noch gerne dort, obwohl seiner Mutter das mehr als peinlich war. Ob er sich denn wirklich so »entblöden« müsse, da gehörten doch nur Kinder hin. »Ach, Mutter, das Kind im Manne …« Kopfschütteln ihrerseits: »Wenn du bloß endlich selber Kinder hättest.« Grinsen seinerseits: »Du, wie heißen eigentlich die Pflanzen, die sich selber befruchten?«
Jetzt ging es durch Gegenden hindurch, die Bacheran immer an Karthago denken ließen. Ceterum censeo Carthaginem esse delendam. (Cato) Er war stolz auf seine wenigen Lateinkenntnisse. »Im Übrigen meine ich, dass Karthago zerstört werden muss.« Im Falle Berlins musste es Gott selber beschlossen haben, als Strafe für Auschwitz und die über fünfzig Millionen Toten, die von den Nazis zu verantworten waren. Die große Frage war: Blieb dieses Stück Berlin für immer und ewig so liegen und wurde es die große Sehenswürdigkeit des Jahres 2000 – oder machte man sich daran, alles wiederaufzubauen, original oder im Stil der neuen Zeit? Wenn es denn schon einen gab. Doch ja, in den USA. Da, wo die neuen Götter ihr Zuhause hatten, die Halbgötter zumindest. Das dachte er, als er Washingtonplatz las. Gottverlassene Quadratmeter Pflasterfläche zwischen Spreebogen und Lehrter Bahnhof. Auch dieser war nichts weiter als nur noch Fassade. Wie der Reichstag. Trübe waren die Wasser der Spree. Mit Schaudern dachte Bacheran daran, jetzt in einem Faltboot zu sitzen, dort zu paddeln und zu kentern. Er war ein schlechter Schwimmer, und die steinernen Kaimauern waren zu glatt und zu steil, um sich an ihnen hochzuziehen. »Herr Doktor Weimann, eine Wasserleiche für Sie.«
Eine Viertelstunde später stand der kleine Referendar Bernhard Bacheran dem großen Weimann gegenüber, Goethe im Kopf: Ich komme voll Ergebenheit, einen Mann zu hören und zu kennen, den alle mir mit Ehrfurcht nennen.
»Guten Morgen, Herr Obermedizinalrat. Ich bin …«
»Ich weiß. Kommen Sie. Auch Tote warten nicht gerne.« Das wäre, fand Bacheran, ein schöner Titel für einen Kriminalroman gewesen. Offenbar hatte Dr. Weimann gewisse literarische Ambitionen und schrieb für seine Memoiren alles auf, was er erlebte. Hoffentlich nicht auch, dass er im Dezember 1949 einen jungen Juristen von der Staatsanwaltschaft in den Leichenkeller mitzunehmen hatte und der beim Anblick eines Torsos in Ohnmacht fiel …
Ins Reich der Toten führte ein langer, kahler Gang. Die Heizungsrohre an der Decke waren so marode, dass sie jeden Augenblick platzen konnten. Fast hoffte Bacheran, dass sie es taten, denn das hätte ihm ein paar Minuten Aufschub verschafft. Er fühlte sich so elend wie ein Seekranker, der sich über die Reling gebeugt hatte, weil er glaubte, sich jeden Augenblick erbrechen zu müssen. Und das im Beisein eines Mannes mit einem solchen Charisma, wie Dr. Weimann es hatte. Unwillkürlich wurde er langsamer.
Dr. Weimann blieb stehen. »Sie sind doch leichenfest?« Bacheran sah ihn verständnislos an, so als würde der Mediziner plötzlich in einer völlig fremden Sprache mit ihm reden. Was für ein Fest mit Leichen? Endlich schaltete er. »Ja, nein … Ich meine: Ich war öfter auf dem Lande, auf dem Bauernhof bei meinem Onkel Waldemar … Pardon.« Er merkte, dass er wirklich völlig durcheinander war. »Ich war Soldat, ich habe genügend Kameraden fallen sehen.«
Dr. Weimanns Sekretärin stieß zu ihnen und wurde ihm vorgestellt. »Hildegard Lehmann …« Bacheran machte eine leichte Verbeugung, Marke erste Tanzstunde. »Angenehm …« Sie mochte kaum älter sein als er. Wenn er bei ihr Eindruck schinden wollte, dann musste er sich jetzt heldenhaft geben. Vorn war die stählerne Tür zum Kühlraum. Noch zehn Schritte, noch neun, acht, sieben … Bei seiner Feuertaufe, 1945 im Gefecht gegen die vorrückenden Russen bei Seelow an der Oderfront, hatte er nicht solche Angst gehabt. Angst vor einem Toten. Nun dachte er wie Dr. Weimann in Krimititeln: Tote schießen nicht, Tote morden nicht. Es war eine archaische Furcht und etwas Magisches: Wo ein Toter lag, da war der Tod erschienen und hatte zugeschlagen. Und wenn er noch nicht fortgegangen war …
Reiß dich zusammen! Bacheran war es gewohnt, Befehle zu geben und Gehorsam zu erwarten. Nur bei ihm selber klappte das nicht. Alles in ihm schrie danach, sich loszureißen und aus dem Krankenhaus zu laufen. Er selber verstand sich nicht. Fünfzig Jahre später hätte ihm ein Psychologiestudent im ersten Semester sagen können, dass er unter einem posttraumatischen Belastungssyndrom leiden würde und zum Therapeuten gehörte. Das Dauerfeuer, neben ihm die zerfetzten Leiber der Freunde … das war der Grund. Aber er wagte es nicht, Dr. Weimann zu erzählen, warum sich sein Organismus weigerte, den Leichenkeller zu betreten.
Die Sekretärin musste bemerkt haben, wie er immer blasser wurde, wahrscheinlich schon aschfahl und etwas grün, denn sie tupfte schnell ein wenig Eau de Cologne auf ihr Taschentuch und hielt es ihm hin. Er schüttelte den Kopf. Der Geruch war es nicht, der ihm zusetzen würde.
Als würden sie ihm jeden Rückzug abschneiden wollen, kamen zwei Männer hinter ihnen her und schlossen auf. Es waren Dr. Spengler, Weimanns Mitarbeiter, und Assessor Behrens, der als Amtsrichter bei dieser gerichtlichen Leichenöffnung Zeuge sein musste.
Behrens war es auch, der die anderen über das informierte, was man bislang in Erfahrung gebracht hatte. »Ein Wachtmeister vom Polizeirevier 131 in Charlottenburg hat den Rumpf gestern Abend in einer Ruine am U-Bahnhof Knie entdeckt. Ohne Zweifel männlich. Kriminalkommissar Menzel – M I/3 – hat den Fall übernommen. In der Ruine, im Keller, haben er und seine Leute nichts entdecken können: keine Kampfspuren, keine Kleidungsstücke, keine Habseligkeiten. Völlig nackt. Und kein Blut. Der Mann ist also hundertprozentig woanders umgebracht und zerstückelt worden.«
Bacheran konnte es nicht fassen: So ein Rumpf, der wog doch gut und gerne … ja, was eigentlich … mindestens 60 Kilo, wenn es der Mann insgesamt auf 80 brachte. Es musste ja fast ein Schwerathlet sein, der einen solchen … nun, Klotz … durch die Straßen schleppen und in einen Ruinenkeller werfen konnte.
Diese und ähnliche Überlegungen waren es, die ihn nun ruhiger werden ließen. Und immer wieder hämmerte er sich ein: Stell dir vor, was da vor dir liegen wird, ist ein Tierkadaver, den Onkel Waldemar ausweiden will. Der Körper eines Schweines, eines Kalbes, eines Schafes. Und denk dir, dass du alles nur träumst oder im Kino sitzt und dir einen Film ansiehst, in dem du selber eine Rolle spielst. Die des jungen Referendars Bernhard Bacheran, der dabei ist, als der berühmte Gerichtsmediziner Dr. Waldemar Weimann ein Mordopfer in Augenschein nimmt.
Als er dann am Seziertisch Nr. 6 angekommen war, hatte er sich völlig im Griff. In diesem Augenblick war er nichts weiter als eine mechanische Puppe. Alles lief so ab, wie es auch abgelaufen wäre, wenn es ihn gar nicht gegeben hätte. Die beiden Mediziner hatten sich die Gummischürzen umgebunden und waren an die beiden Längsseiten des Tisches getreten. Der war so lang, dass der Torso lächerlich wirkte, lächerlich klein. Und so komisch wie eine Schaufensterpuppe, der man Kopf und Hals sowie Arme und Beine abgeschraubt hatte. Was Dr. Weimann wie Dr. Spengler so faszinierte, war die Schulter des Toten.
»Diese glatten Schnittflächen«, sagte Dr. Spengler. »Wie die Arme mit kunstgerechten Zirkelschnitten vom Körper getrennt wurden, das ist schon höchst erstaunlich.«
»Das könnte ein Chirurg nicht besser gemacht haben«, war Dr. Weimanns erster Kommentar.
Dr. Spengler lachte. »Ein Schlächter auch nicht.«
Auch Amtsrichter Behrens gab seinem Erstaunen darüber Ausdruck, dass die Arme nicht abgehackt oder abgesägt, sondern so kunstgerecht aus den Pfannen des Schultergelenks herausgelöst worden waren. »So etwas ist mir in der Literatur noch nicht untergekommen, bei keinem unserer Massenmörder.«
Ins Bild fügte sich, dass an den Stellen, wo der Kopf vom Hals und die Beine vom Körper abgetrennt worden waren, dieselbe saubere und absolut fachkundige Schnittführung zu erkennen war.
»Irgendjemand, der etwas von Anatomie versteht«, sagte Dr. Weimann und wandte sich zu seiner Sekretärin, die mit Tisch, Stuhl und Schreibmaschine dicht an den Seziertisch gerückt war, um alles zu Protokoll zu nehmen. Mit fünf Durchschlägen. »Ein Laie hätte da ganz anders gehandelt«, erklärte er Behrens und Bacheran. »Der wäre voller Hemmungen gewesen und hätte das Werkzeug wiederholt und zögerlich angesetzt. Dabei wären dann unregelmäßige und gezackte Wundränder mit unterschiedlich tiefen Kerben entstanden, hier aber: nur wenige tiefgreifende Schnittführungen. Der Täter muss also medizinische oder anatomische Kenntnisse gehabt haben.«
»Oder aber Schlächter gewesen sein, Blockgeselle in einer Fleischerei.« Bacheran erinnerte sich an die Bemerkung, die Dr. Spengler eingangs gemacht hatte, wie auch an die Hausschlachtungen bei seinem Onkel auf dem Lande. »Aber nach dem Kriege haben sie doch in Berlin hier überall selber geschlachtet, zumindest Kaninchen.«
»Junger Mann, zwischen einem Karnickel und einem Menschen gibt es ja doch noch ein paar Unterschiede – oder?«
»Wirklich? Es ist doch sprichwörtlich, dass manche Menschen wie die Karnickel hecken.«
»Bitte, wir haben eine Dame im Raum.«
Bacheran wurde wieder sachlich. »Womit hat denn der Täter die Leiche zerstückelt?«
Dr. Weimann reagierte auf so viel Unwissenheit mit einem unfreundlichen Brummen. »Sieht man doch auf den ersten Blick: mit einem Messer natürlich.«
»Bei Säge oder Beil«, fuhr Dr. Spengler fort, »müssten wir unregelmäßige Wundränder sowie Scharten an den Knochen und an den Gelenkknorpeln sehen. Und hier …«
Dr. Weimann unterbrach ihn, indem er sich mit der flachen Hand so heftig gegen die Stirn schlug, dass es ordentlich klatschte. »Warten Sie … da fällt mir noch etwas ein. Das muss vor vier Tagen gewesen sein, drüben im Ostsektor, im Leichenschauhaus an der Hannoverschen Straße. In einer Ruine am Stettiner Bahnhof, in der Borsigstraße, hatten Kinder einen grausigen Fund gemacht: einen vollständigen Arm, einen Oberschenkel und zwei Unterschenkel. Die Ost-Berliner Mordkommission hat uns das gebracht. Und genau wie hier: die Glieder fachkundig aus den Gelenken gelöst. Keinerlei Zersetzungserscheinungen. Nach Hautfarbe und Behaarung eindeutig ein Mann. Keine Verletzungen, keine besonderen Merkmale. Abgesehen von einem frisch operierten Hühnerauge an der rechten Fußsohle mit einem Pflaster darüber.« Dr. Weimann beugte sich wieder über den Seziertisch. »Wenn ich mir die Schnittflächen hier ansehe, zweifle ich keine Sekunde daran, dass die Gliedmaßen von drüben zu diesem Rumpf hier gehören.«
»Man müsste sie einfach mal ranhalten«, sagte Bacheran.
»Die Wiedervereinigung dürfte in diesem Falle genauso schwer sein wie die der beiden deutschen Staaten«, sagte Behrens.
Auch Bacheran wusste, dass kein Kriminalbeamter aus dem Westen in den Osten gehen durfte und die Ost-Leute ebenso wenig im Westen ermitteln konnten. Man verkehrte nur noch schriftlich, per Brief oder Fernschreiber, oder telefonierte miteinander. Bei den Justizbehörden war es nicht anders. Da war Dr. Weimann ihre einzige Hoffnung, denn weil in Ost-Berlin keine erfahrenen Gerichtsmediziner mehr aufzutreiben waren, die hatten sich alle in den Westen abgesetzt, arbeitete er mit seinen Leuten in beiden Teilen Berlins, sezierte also auch drüben im Osten und war dort als Gutachter tätig. Behrens und Bacheran baten ihn also, den Kontakt nach drüben aufzunehmen.
Doch Dr. Weimann zögerte noch. »Ich rufe erst mal Menzel an.« Das war der West-Berliner Kriminalkommissar, der aufklären sollte, wer den Torso in den Keller der Ruine Schillerstraße 3 geworfen hatte. Obwohl es Sonnabend war und die Leute langsam ans Wochenende dachten, zeigte sich Menzel höchst interessiert an der Sache.
»Aber sind Sie sich auch ganz sicher, Herr Obermedizinalrat?«
Dr. Weimann zögerte nun doch ein wenig. »Dazu müsste ich die Teile von drüben haben.«
Man sah direkt, wie Menzel am anderen Ende der Leitung abwinkte. »Die drüben geben uns doch nichts raus.«
»Dann gehe ich eben rüber«, sagte Dr. Weimann.
Nun wurde Menzel sehr energisch. »Aber nicht mit unserem Torso!«
Sichtlich genervt warf Dr. Weimann den Hörer auf die Gabel. »Was bleibt mir nun anderes übrig, als den Genossen Generalstaatsanwalt anzurufen?! Der ist zwar in der SED, aber vielleicht hat die reine Logik doch noch eine Chance und siegt.«
»Besonders wenn Sie ihm klarmachen, dass der Mörder wahrscheinlich aus dem Westen kommt und damit wieder einmal die Verderbtheit des Kapitalismus sichtbar wird«, riet ihm Bacheran.
»Wir wissen doch noch gar nicht, dass es ein West-Berliner ist«, wandte Behrens ein.
»Macht doch nichts, hilfreich ist es allemal.«
Und Dr. Weimann schaffte es aufgrund seines Rufes und seiner charismatischen Kraft, das Wunder zu vollbringen.
»In einer halben Stunde sind unsere Leute drüben«, hieß es schließlich aus dem Osten.
Im Leichenkeller des Robert-Koch-Krankenhauses hatte man bis dahin noch eine Menge zu tun. Zuerst wurde der Rumpf vermessen. »92 Zentimeter«, las Dr. Spengler und erklärte den beiden Laien im Raum, dass das auf eine mittlere Statur schließen ließe. »Grob geschätzt muss der Mann so um die Vierzig gewesen sein. Genaueres kann man erst sagen, wenn man Haut und Knochen unterm Mikroskop beziehungsweise am Röntgenschirm betrachtet hat. Und noch etwas: Die Zerstückelung muss kurze Zeit nach der Tötung erfolgt sein, so dass das Blut aus dem Körper abfließen konnte. Dadurch gibt es keine oder nur sehr blasse Totenflecke – wie hier in unserem Falle.«
»Wann könnte der Mann denn ermordet worden sein?«, fragte Amtsrichter Behrens.
»Nun …« Dr. Weimann brauchte nicht lange nachzudenken. »So kühl wie es derzeit ist … sechs Tage etwa.«
Bacheran rechnete: zehn weniger sieben. Am 3. Dezember also. Doch Dr. Spengler und die Sekretärin blickten da etwas skeptisch und sagten, Dr. Weimann habe ihnen äußerste Vorsicht angeraten, wenn der Tod länger als zwei Tage zurückläge.
Dr. Weimann schmunzelte. »Ich gehe hundertprozentig davon aus, dass dieser Rumpf hier aus dem Westen zu den Gliedmaßen aus dem Osten gehört, die wir vor vier Tagen drüben in der Hannoverschen Straße untersucht haben – und da konnten wir mit Sicherheit erkennen, dass der Tod vor sechsunddreißig Stunden eingetreten war.«
Nachdem das Wann des Todes geklärt war, konnte man sich der Frage des Wo zuwenden: wo die fremde Gewalt angesetzt hatte. Quadratzentimeter für Quadratzentimeter wurde der Rumpf unter die Lupe genommen. »Keine Schlagspur, keine Schusswunde, keine Stiche. Keine Spuren von Injektionsnadeln.« Hatte er dies eher gelangweilt zu Protokoll gegeben, so zeigte sich Weimann plötzlich fast aufgeregt. »Aber hier, was ist denn das? Dicht unterhalb der Abtrennungsebene ist eine horizontale streifige Hauteintrocknung erkennbar. Auf der fahlen Haut zeichnet sich ein schmaler bräunlicher Streifen ab.«
»Das sieht ganz nach einer Strangmarke aus«, fügte Dr. Spengler hinzu.
Bacheran musste heftig schlucken und litt ein wenig unter Atemnot, denn ihm war so, als würde ihm jemand den Hals zudrücken. »Ist er also erwürgt worden?«
»Nein: erdrosselt. Mit einem dünnen Strick oder Ähnlichem, denn nirgends auf der Haut sind Kratzer oder Druckstellen zu erkennen. Aber solange wir den Hals nicht haben …«
Sie machten sich an die Obduktion, und abermals war Bernhard Bacheran nahe daran, in Ohnmacht zu fallen. Obwohl … Es ging wirklich nicht viel anders zu als beim Onkel auf dem Bauernhof. Wie ein Schlachtergeselle nahm Dr. Spengler das größte Seziermesser vom Instrumententisch und spaltete mit einem langen Schnitt die Haut und Muskelschicht des Torsos. Dann griff er sich die Knochenschere, setzte alle Kraft seiner Armmuskeln ein und öffnete den Brustkorb. Wie Vater es Weihnachten bei der gebratenen Gans machte, schoss es Bacheran durch den Kopf. Das lenkte ab, und doch wurde der Ekel so stark, dass er sein Taschentuch herausreißen musste, als die beiden Lungen offen dalagen. Bräunlich bis rot marmoriert die Oberfläche. Der Brechreiz ließ sich nicht mehr unterdrücken, Bacheran würgte grünlichen Schleim hervor.
Ungerührt, aber mit einem strafenden Blick diktierte Dr. Weimann der Lehmann weiter in die Maschine: »Mehrere inselförmige Ansammlungen dunkler Flecke auf der Oberfläche. Typische Blutungen, wie sie nur bei Erstickenden auftreten.«
Vorsichtig, Schicht für Schicht legte Dr. Weimann nun den Kehlkopf frei. »In der Haut und in der Muskulatur deutliche Quetschungen und ergossenes Blut. Eindeutig Gewalteinwirkung gegen den Hals. Der Adamsapfel selbst unverletzt, aber Verletzungen der Schildknorpelträger. Unterblutet.«
»Was heißt das?«, fragte Bacheran.
»Dass sie zu Lebzeiten entstanden sind. Blutergüsse, wie sie nur entstehen können, wenn der Blutkreislauf noch funktioniert, der Mensch also noch am Leben ist.«
Die Tür ging auf, und alle fuhren herum. Bacheran dachte: Jetzt kommt der Tote herein, wieder vollständig beisammen.
Ein Horrorbild wie im Traum, wie im Film. Es war aber lediglich Norbert Menzel, der West-Berliner Kommissar von der Mordkommission M I/3. Dr. Weimann informierte ihn so lakonisch, wie es seine Art war: »Erdrosselung, klassischer Befund.«
Bacheran, der Menzel flüchtig kannte, wagte es zu lästern.
»Was machen Sie denn nun mit ›Ihrem‹ Torso, damit er nicht in den Osten entführt wird? Nehmen Sie ihn selber mit nach Hause und packen ihn in den Eisschrank?«
»Ich dachte eher, wir deponieren ihn bei Ihnen auf dem Balkon.«
»Kinder!« Hildegard Lehmann mochte es nicht, wenn man im Beisein eines Toten solche Reden führte. »Etwas Pietät darf man angesichts eines Mordopfers wohl erwarten.«
So schwiegen sie und sahen zu, wie Dr. Spengler den Kehlkopfknorpel und die ihn umgebende Halsmuskulatur herauspräparierte, um sie ins Labor bringen zu lassen. »Bitte konservieren und mikroskopische Schnitte davon anfertigen lassen.« Kaum war der Institutsdiener wieder gegangen, gab es draußen auf dem Gang polternde Schritte. Jemand klopfte. Bacheran ging zur Tür und zog sie auf. Draußen standen drei Männer. Einer trug eine schwarze Kiste. Das war sicherlich der Leichendiener. Die anderen beiden sahen wie Vopos aus. In Zivil natürlich. Der eine stellte sich vor: »Steffen. Wir bringen Ihnen das Gewünschte, Herr Obermedizinalrat.« Der Leichendiener stellte sein Behältnis auf einen der freien Tische.
Dr. Weimann bedankte sich. Man bildete einen Halbkreis um die schwarze Kiste. Die Spannung wuchs, als sich Dr. Spengler nun daran machte, sie zu öffnen. Bacheran fühlte sich an eine Verlosung erinnert. Der Gerichtsmediziner klappte den Deckel auf, griff sozusagen blind hinein und fischte einen Arm heraus. »Bitte sehr, Herr Kollege. Frisch aus dem Kühlraum.«
Dr. Weimann nahm den Arm, betrachtete ihn kurz und ging dann zum Seziertisch Nr. 6, um ihn an den Torso aus der Schillerstraße zu halten. »Die Hautfarbe? Nicht der geringste Unterschied.« Dann hielt er den Arm an die Schulter. »Passt.« In der Tat: Die Schnittflächen fügten sich glatt aneinander. Bei den Beinen war es nicht anders.
Bacheran ahnte die politische Dimension des Ganzen: Aus dem einen Leichenfund im Osten und dem anderen im Westen war nun ein Fall geworden.
»Schon eine Ahnung, wer der Mann ist?«, fragte Dr. Weimann die beiden Polizisten aus dem Osten.
»Keinen blassen Schimmer, Herr Obermedizinalrat.« Bacheran sah ihnen aber deutlich an, dass sie logen. Sicher nicht aus freien Stücken, sondern weil ihnen Pohl, der Volkspolizeirat, oder eine andere Kaderkraft eine entsprechende Weisung erteilt hatte.
Kapitel 11
Bernhard Bacheran ließ sich treiben. Quer durch Moabit, zwischen Ringbahn und Spree, zwischen Poststadion und Beusselstraße. Irgendwo würde er schon einen S-Bahnhof finden, irgendwann, irgendwie. Nach den beiden Stunden im Leichenkeller musste er dringend an die frische Luft und sich ein wenig die Beine vertreten. Wieder zu sich kommen. Eigentlich hätte er ja noch ins Büro gemusst, denn am Sonnabend war bis mittags zu arbeiten, aber in der Staatsanwaltschaft vermisste ihn keiner, wenn er nicht mehr erschien. Wochenend und Sonnenschein … Alle freuten sich darauf, nur er nicht. Am Nachmittag Kaffeetrinken mit seiner Mutter und Tante Erna. Am Abend ins Kino mit seiner Mutter und Tante Erna. Am Sonntagvormittag Ausflug mit seiner Mutter und Tante Erna nach Treptow, Spaziergang durch den Park und an der Spree entlang, Mittagessen mit seiner Mutter und Tante Erna zu Hause in der Fuldastraße, bis zum Abend Kartenspielen mit seiner Mutter und Tante Erna. Das übliche Programm. Was sollte er machen? Seine Freunde waren alle schon in den heiligen Stand der Ehe getreten und mit sich und ihren Kindern beschäftigt. Wurde er da eingeladen, kam er sich als Fremdkörper vor. Alle hatten sie ihr »kleines Frauchen«, so seine Mutter und ihre Schwester, besagte Tante Erna, nur er nicht. Dafür gab es keinen einsehbaren Grund. Er konnte machen, was er wollte, immer ging es schief. »Mit Gewalt lässt sich kein Bulle melken«, so sein Onkel Waldemar. Der, der immer selber schlachtete. Wobei seine Gedanken wieder beim Seziertisch Nr. 6 und dem Torso angekommen waren. Es war schon hirnrissig. Im Osten wussten sie, wer der Tote war, und behielten es für sich, damit sie den Mörder fangen und sich die Federn an den Hut heften konnten. Seht her: Was sind das doch für Dummköpfe im Westen! Oder besser noch, sie unterstellten der West-Berliner Polizei und den westlichen Alliierten, dass sie den Mörder deckten, weil das in Wahrheit irgendein Geheimdienstler war, der nach Berlin gekommen war, um in der DDR Sabotageakte zu begehen. Vielleicht auch ein hohes Tier mit abartigen Neigungen. Man konnte ja nie wissen. Bei der sprichwörtlichen Verderbtheit des Kapitalismus war alles möglich.
Bacheran erschrak. Diesen Hauseingang kannte er doch. Die Wilsnacker Straße Nr. 6. Klar, das Kriminalkommissariat Tiergarten. Er beschloss hineinzugehen, sich ein wenig aufzuwärmen und zu hoffen, eine Tasse Kaffee angeboten zu bekommen. Diese Hoffnung sollte sich auch erfüllen, denn die Kolleginnen und Kollegen saßen schon zusammen und feierten den dritten Advent. Man kannte sich zumindest flüchtig, und Bacheran brauchte sich nicht lange vorzustellen. Eine der Kriminalassistentinnen bot ihm ein Hackepeterbrötchen an.
»Nein, danke. Die Lust auf rohes Fleisch ist mir für den Rest des Jahres vergangen.« Und er erzählte von seinen Erlebnissen im Leichenkeller. Alle fanden es empörend, dass der Osten derart mauerte, und schworen Rache, wenn man bei einem der zukünftigen grenzüberschreitenden Fälle mal selber alle Trümpfe in der Hand halten sollte. »Aber vielleicht kommt der Mörder auch aus Ost-Berlin«, sagte einer. »Und dann haben wir Oberwasser. Wer zuletzt lacht …«
An diesem Tage lachte man über die Witze, die der Chef zum Besten gab. »›Bei uns kommt kein Tropfen Alkohol auf den Tisch.‹ – ›Bei uns auch nicht – wenn wir vorsichtig eingießen.‹« Und auch hier im Kommissariat goss man sehr vorsichtig ein. Und dies unter einem Schild, das irgendwer bei der Reichsbahn abgeschraubt hatte: Sei nüchtern im Dienst! Bacheran, der Alkohol nicht sonderlich mochte, musste mittrinken, ob er wollte oder nicht. Sonst hatte er von vornherein schlechte Karten in der Berliner Verwaltung. Keine echte Gemeinschaft ohne ab und an mal ein kleines Besäufnis. Aber die Kollegialität war schon beeindruckend, das musste man den Leuten lassen. An der Wand hing ein Foto, auf dem sich alle am wärmenden Kanonenofen versammelt hatten. Der Amtsleiter neben dem Anwärter. Die Nachkriegswinter waren kalt, da musste man zusammenhalten. Alle hatten dieselben Sorgen. Jeder hatte etwas, und jedem fehlte etwas – der Tausch blühte. Damit waren im Alltag die Hierarchien verwischt. Andererseits waren die Vorgesetzten, fast ausschließlich Männer, noch immer halbe Götter, und auf Disziplin, Sauberkeit und Pünktlichkeit wurde größter Wert gelegt, auf die alten militärischen Tugenden. Das neue Deutschland, fand Bacheran, war auch nach der Entnazifizierung weithin das alte geblieben. Ein Anzug blieb ein Anzug, auch wenn man ihn umgefärbt hatte, von braun auf rot oder auf schwarz.
Jemand hatte italienischen Rotwein mitgebracht, und Bacheran wäre jede Wette eingegangen, dass man innerhalb der nächsten Viertelstunde die Capri-Fischer singen würde. Was man dann auch tat. Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt, zieh’n die Fischer mit ihren Booten aufs Meer hinaus, und sie legen im weiten Bogen die Netze aus. Nur die Sterne, sie zeigen ihnen am Firmament ihren Weg mit den Bildern, die jeder Fischer kennt. Und von Boot zu Boot das alte Lied erklingt, hör von fern, wie es singt: Bella, bella, bella Mari, bleib mir treu, ich komm’ zurück morgen früh! Bella, bella, bella, Mari, vergiss mich nie!
Und tapfer sang Bacheran mit: »Bella, bella, bella Mari, vergiss mich nie!”
In diesem Augenblick klopfte es, und nach dem unwirschen »Herein!« des Chefs standen zwei Menschen in der Tür, die so ernsthaft und so dienstlich wirkten, dass keiner mehr ans Singen dachte. Auch war es den meisten der Anwesenden bei ihrem Anblick richtig peinlich, dass man hier saß und feierte. Der Chef sah sich dann auch veranlasst, so etwas wie eine Entschuldigung zu murmeln: »Saure Wochen, frohe Feste … Treten Sie ruhig näher, liebe Kollegen, der Klassenfeind hat die besten gefüllten Dominosteine. Wenn Sie denn dürfen …«
»Wir sind ja nicht dienstlich hier.«
»Noch schlimmer. Aber legen Sie erst mal ab.« Er kannte die beiden Ost-Berliner Kripoleute aus früheren gemeinsamen Zeiten und stellte sie den anderen vor: »Kommissar Steffen von der Mordkommission Ost, Kriminalassistentin Leupahn …«
Als Bacheran der Leupahn die Hand gab und ihr in die Augen sah, schönstes Vergissmeinnicht, da fand er sie nicht sonderlich sympathisch. Zu herb, zu östlich. Steffen dagegen gefiel ihm auf Anhieb. Ein kantiges Gesicht, ein wenig wie Nick Knatterton aus der Quick. Man setzte sich wieder und nahm die Ost-Berliner Kollegen in die Mitte.
»Sie sind also hergekommen, um Dominosteine und Schokoladenherzen zu essen«, sagte der Chef der Tiergartener.
»Guten Appetit. Und worüber plaudern wir jetzt ganz verschwiegen im Freundeskreise?«
»Über Hermann Seidelmann.«
»Wer ist Hermann Seidelmann?«
Steffen und die Leupahn waren erstaunt. »Das wissen Sie noch nicht?«
»Nein, woher?«
Da begann Bacheran etwas zu ahnen, und er wagte sich aus der Deckung heraus. Auch um den Kripo-Leuten zu zeigen, dass die Staatsanwaltschaft ihre oberste Dienstbehörde war und folglich immer mehr zu wissen hatte. »Hermann Seidelmann wird der Eigentümer jenes Rumpfes und jener Gliedmaßen sein, die wir vorhin auf dem Seziertisch im Robert-Koch-Krankenhaus bewundern durften. Mit Ausnahme seines Kopfes und eines Armes. Stimmt es – oder habe ich recht?«
Steffen grinste. »Weiß ich nicht. Das ist ein streng gehütetes Dienstgeheimnis. Ich sage nichts. Nur so viel, dass Fräulein Leupahn Ihnen gleich einmal sagen wird, warum wir hier sind.«
»Ja, nun … Ich will einmal so anfangen …« Die Leupahn war ziemlich befangen und fahrig, und dass der Grund dafür Bernhard Bacheran hieß, ahnte niemand im Raum. »Ein gewisser Hannes Seidelmann aus der Wiclefstraße 19 in Berlin-Tiergarten … also … der ist vor drei Tagen bei uns gewesen und hat seinen Bruder infiziert …« Man lachte, was sie verständlicherweise noch nervöser werden ließ. »Wie? Infiziert, nein, natürlich: identifiziert. An einem Hühnerauge hat er seinen Bruder erkannt. Das war frisch operiert. Am linken Fuß. Seit dem 3. Dezember ist Hermann Seidelmann vermisst worden.«
»Was weiß man denn noch so?«, fragte der Chef des Tiergartener Kriminalkommissariats.
»Eine ganze Menge noch, aber …« Steffen machte eine Geste des Bedauerns. »Sie wissen doch, lieber Kollege, dass ich es für mich behalten muss.«
Der Westler grinste. »Natürlich. Aber gegen einen Tausch 1:1 wird ja keiner was haben.«
»Was für einen Tausch?«
»Kommen Sie: Sie sind doch hier, um mit Seidelmanns Bruder zu reden. Tun Sie es ohne oder gegen mich, lasse ich Sie festnehmen. Und schleichen Sie sich heimlich, still und leise zu Seidelmann, dann laufen Sie Gefahr, dass der dichtmacht und unsere Kollegen ruft. Die Stumm-Polizei.«
Steffen nickte. »Womit Sie nicht ganz unrecht haben dürften.«
»Danke. Und darum schlage ich Folgendes vor: Ihre junge Kollegin macht jetzt einmal ein kurzes Nickerchen bei uns und spricht im Schlaf, was man ja keinem verbieten kann, und Sie gehen nachher zu Hannes Seidelmann in die Wiclefstraße und reden mit ihm … begleitet von unserem Referendar hier, von Herrn Bacheran.«
Steffen nickte. »Gut. Es ist zwar empörend, wie Sie mich erpressen, aber solange der Sozialismus noch nicht überall gesiegt hat, muss man halt Kompromisse mit dem Klassenfeind machen. Dann schließen Sie mal die Augen und fangen an zu reden, Fräulein L.«
Bacheran schrieb mit, was die Leupahn nun zum Fall Seidelmann offen legte: Schausteller und ambulanter Händler aus Sachsen. Zur Beerdigung seiner alten Mutter im November nach Berlin gekommen. Unterkunft bei seinen Geschwistern. Neben Hannes gibt es noch eine Gerda Seidelmann. Hermann Seidelmann hatte 3200 Mark Ost mit nach Berlin gebracht, um sie gegen Westgeld einzutauschen, aber auch Ersatzteile zu kaufen. In der Nacht zum 3. Dezember war er nicht nach Hause gekommen. Auch am darauf folgenden Tage nicht, worauf die Geschwister dann zur Vermisstenstelle gegangen waren.
Kommissar Steffen stand nun auf. »Herzlichen Dank für die Gastfreundschaft, verehrte Kolleginnen und Kollegen. Sie wissen von nichts, ich weiß von nichts, und wenn uns Herr Bacheran nun folgt, dann einzig und allein, weil er Fräulein Leupahns Liebreiz erlegen ist – und keineswegs aus dienstlichen Gründen.«
Die Kriminalassistentin aus Ost-Berlin lief rot an, und Bacheran staunte, wie hübsch sie plötzlich war. Sie machten sich zu Fuß auf den Weg von der Wilsnacker zur Wiclefstraße. Einen Wagen hatten sie nicht, und die vielleicht vier Stationen mit der Straßenbahn zu fahren, lohnte sich nicht. Dienstfahrscheine für die Ost-Kollegen gab es nicht, und Spesen konnten sie keine geltend machen, da sie ja an sich gar nicht hier waren. Bacheran wollte sie zu einer Fahrt mit der 2 einladen, doch Fräulein Leupahn meinte, dass Laufen sehr gesund sei. Fußmärsche von zwei Kilometern waren zu dieser Zeit ein Klacks.
»Als die 86 nach dem Krieg nicht gefahren ist, bin ich jeden Morgen vier Kilometer nach Grünau zur S-Bahn gelaufen.« Bacheran schaltete schnell. »Dann wohnen Sie also in Karolinenhof?«
»Gut kombiniert.«
»Dabei bin ich nicht mal bei einem Kombinat. Und – immer am Wasser entlang?«
»Nein, quer durch den Wald.«
»Wir sind früher oft am Langen See, an der Dahme entlang spazierengegangen. Von Grünau nach Schmöckwitz.« Bacheran konnte sich gut vorstellen, dies alsbald wieder zu tun – und zwar an ihrer Seite.
»›Wir‹ … Sind Sie verheiratet?«
Bacheran lachte. »Wenn dies ein Verhör ist – ohne meinen Anwalt sage ich nichts mehr. Aber, um Sie zu beruhigen: Nein, ich bin sonntags immer mit meinem lieben Mütterlein unterwegs. Was schon schwer genug zu ertragen ist. Aber dann kommt noch Tante Erna hinzu. Da haben Sie’s sicherlich besser … mit Ihrem Mann.«
»Der muss erst noch gebacken werden.«
»Womit er dann aber zwanzig Jahre jünger wäre als Sie. Und so lange wollen Sie wirklich warten?«
Steffen unterbrach sie, indem er sich an der Kreuzung Turm- und Stromstraße zwischen sie drängte und mit Bacheran über Fußball reden wollte. Der war als Neuköllner natürlich für Tasmania 1900, während der Ost-Berliner Kommissar für Hertha schwärmte. Tennis Borussia mochten sie beide nicht. Doch das Thema Fußball war schnell vergessen, als ein Fiat Topolino an ihnen vorüberrauschte.
»16,5 PS, 90 Stundenkilometer Spitze!« Steffen geriet ins Schwärmen.
»Was ich brauche, ist ein neues Fahrrad«, sagte Bacheran. Als sie sich umdrehten, war Fräulein Leupahn nicht mehr hinter ihnen. Sie war vor einem Schaufenster stehen geblieben. Wäsche und Miederwaren. Da rekelte sich eine Blondine ziemlich lasziv auf einem Polstermöbel, und Bacheran las: Schönere Figur durch Felina. Der Büstenhalter – aus bestem Atlas, Brust Spitzeneinsatz, sehr gute Passform, Träger verstellbar – kostete DM 6,50, der dazu passende Hüftgürtel – Rückenteil Gummi – DM 13,75.
»Na, suchen Sie sich aus, was Ihnen der Weihnachtsmann alles bringen soll?«, fragte Bacheran.
»Den Weihnachtsmann möchte ich mal sehen.«
»Drehen Sie sich ruhig nach mir um.«
»Sie gehen ja ran …«
»Eine reine Verzweiflungstat. Nur um meiner Mutter und Tante Erna zu entgehen.«
Sie wandte sich zum Weitergehen. »Danke für das Kompliment.«
Bacheran zögerte, ob er weiter auf Teufel komm raus mit ihr flirten sollte. Sie kam aus dem Osten, er aus dem Westen – das gab nur Komplikationen. Und … er hatte immer von einer Frau geträumt, die weich und anschmiegsam war, so der Typ Lilian Harvey, und Fräulein Leupahn war eher die strenge Gouvernante. Allerdings … wenn sie lächelte, hatte sie eine gewisse Ähnlichkeit mit Hildegard Knef. Nun … er kannte ja nicht einmal ihren Vornamen. Wahrscheinlich hieß sie Brunhilde.
Über die Emdener Straße kamen sie zum Mietshaus Wiclefstraße Nr. 19 und stellten anhand des Stillen Portiers schnell fest, dass ein Seidelmann hier wirklich wohnte. Hinterhaus, zwei Treppen, Mitte links. Sie stiegen hinauf. Hoffentlich waren Hannes Seidelmann und seine Schwester schon zu Hause. Bacheran klingelte, und ohne langes Zögern wurde ihnen geöffnet. Offenbar waren sie schon erwartet worden. Man machte sich miteinander bekannt, dann wurden sie hereingebeten. »Nehmen Sie doch bitte Platz. Dürfen wir Ihnen etwas anbieten?«
Bacheran dankte im Namen aller. »Nein, bitte nicht …«
»Sie kennen die traurige Wahrheit ja schon … dass ihr Bruder ermordet worden ist«, begann Bacheran. »Und wir dürfen Ihnen erst einmal unser herzliches Beileid aussprechen.«
Die Geschwister bedankten sich. »Es ist ja alles so schrecklich«, fügte Hannes Seidelmann hinzu. »Da überlebt er nun den Krieg … und wird dann hier in Deutschland er … ermordet.«
Bacheran stutzte. Wenn er richtig hingehört hatte, dann hatte Seidelmann statt ermordet erst etwas anderes sagen wollen. Erdrosselt vielleicht. Was er aber noch gar nicht wissen konnte. Oder interpretierte er da etwas hinein, was gar nicht Sache war? Hm … Dass ein Bruder den anderen tötete, war ja seit Kain und Abel nichts Unvorstellbares mehr. Vielleicht hasste er seinen Bruder seit Kindheitstagen, vielleicht hatte er eine Affäre mit seiner Schwägerin, vielleicht war er auf das Geld seines Bruders scharf gewesen. Dies alles ging ihm durch den Kopf, während Hannes und Gerda Seidelmann ihnen Auskunft über ihren Bruder gaben. Während er aufmerksam zuhörte, ruhte Bacherans Blick auf einem Prospekt, der auf dem Couchtisch lag. Vorn Möbelhaus Gregor Göltzsch Uhland-, Ecke Kantstraße. Die Werbung kannte er. Möbel von GG – eine Pfundsidee. Er sah sich verstohlen um. Seidelmanns Einrichtung schien noch aus Kaisers Zeiten zu stammen, da war dringend mal was Neues nötig. Insbesondere wenn er sich eine Frau ins Nest holen wollte. Aber was das kostete!
»… und wir sind ja dann mit dem Zettel ›Schöne Frau am Zoo‹ überall herumgezogen und haben nach ihm gefragt, aber ohne Ergebnis.«
»Hat er sich für fremde Frauen interessiert?«, fragte Steffen.
»Unser Bruder hat vier Kinder und war ein guter Familienvater.«
Als ob das eine das andere ausschlösse, dachte Bacheran, und starrte dabei auf die Hände von Hannes Seidelmann. Kräftig genug waren sie ja. Schließlich war er, wie er eben gerade erzählt hatte, von Hause aus Telegraphenbauhandwerker und hatte ein halbes Leben lang Kabel verlegt. Kabel und Leitungen. Strippen, wie man umgangssprachlich sagte. Und man brauchte nicht immer einen Strick oder eine Wäscheleine, um einen Menschen zu erdrosseln, eine Telefonschnur tat es auch.
In diesem Augenblick war sich Bacheran ziemlich sicher, dass Hannes Seidelmann der Täter war.
»Sie wollten gerade los, sich neue Möbel ansehen?«, fragte er beiläufig, als Steffen und die Leupahn fertig waren.
»Nein, nein«, versicherte Seidelmann. Für Bacheran etwas zu nachdrücklich. »Den hat sich mein Bruder mitgebracht.«
Kommissar Steffen erhob sich. »Ja, Herr Seidelmann, es sieht trübe aus …«
So ist es, dachte Bernhard Bacheran. Die Stadt zerstückelt, die Leiche zerstückelt. Das Ganze ein Ost-West-Puzzle.
Fräulein Leupahn ließ sich von der allgemeinen Melancholie nicht anstecken und blieb betont sachlich. »Halten wir fest: Vom Täter fehlt noch jede Spur, und auch im Hinblick auf den Tatort tappen wir völlig im Dunkeln. Zur Ergreifung des Täters wird aber eine Belohnung ausgesetzt werden.«
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