Kitabı oku: «Mamsellenmord in der Friedrichstadt»

Yazı tipi:

Es geschah in Preußen 1846

Horst Bosetzky

Mamsellenmord

in der

Friedrichstadt

Von Gontards vierter Fall

Criminalroman

Jaron Verlag

Horst Bosetzky alias -ky lebt in Berlin und gilt als »Denkmal der deutschen Kriminalliteratur«. Mit einer mehrteiligen Familiensaga (zuletzt »Kartoffelsuppe oder Das Karussell des Lebens«, 2012), zeitgeschichtlichen Spannungsromanen und biographischen Romanen (wie »Kempinski erobert Berlin«, 2010, und »Der König vom Feuerland« über August Borsig, 2011) avancierte er zu einem der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Im Jaron Verlag veröffentlichte er daneben mehrere Titel für die überaus erfolgreiche Krimiserie »Es geschah in Berlin« (zuletzt »Unterm Fallbeil«, 2012) und den zweiten Band für die neue Krimireihe »Es geschah in Preußen« (»Tod im Thiergarten«, 2011). Seit 2011 schreibt Bosetzky zudem unter dem Motto »Wie Berlin und Brandenburg wurden, was sie sind« kurze Mittelalter-Romane.

Originalausgabe

1. Auflage 2012

© 2012 Jaron Verlag GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.

www.jaron-verlag.de

Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin

ISBN 9783955520335

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titelseite

Impressum

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Eins

E in blutdürstiger Dämon hat sich in meinem Körper ein genistet. Er kennt keine Gnade, und seine Grausamkeit ist ohne Grenzen. Er zwingt mich, das zu tun, wonach es ihn gelüstet, und sehe ich eine beleibte Mamsell in einer Küche stehen oder aus dem Hause treten, dann kann ich nicht anders, als mit meinem Messer auf sie einzustechen und sie aufzuschlitzen.

So hatte es ein Mann in seinem geheimen Tagebuch notiert, dessen Namen wir noch nicht verraten wollen. Es trieb ihn auch an diesem Tage rastlos durch die Residenz, um das zu tun, was er tun musste. Mochte sein Geist auch noch so sehr umnachtet sein, seine Intelligenz war hellwach, und so suchte er mit wissenschaftlicher Kühle nach einer Gelegenheit, wo er zustechen konnte, ohne dass es Zeugen gab und er Spuren hinterließ, die auch der dümmste Commissarius hätte deuten können. Der Wettergott war an diesem Abend ganz auf seiner Seite, denn Nebel waberte durch die Gassen, und ein eiskalter Nieselregen hielt alle, die keine dringlichen Geschäfte zu erledigen hatten, am warmen Ofen fest. Auch Ende März wollte es in Berlin nicht richtig Frühling werden, und die Schulkinder hatten ein Gedicht von Emanuel Geibel zu lernen:

Und dräut der Winter noch so sehr

Mit trotzigen Gebärden,

Und streut er Eis und Schnee umher

Es muss doch Frühling werden.

Und drängen die Nebel noch so dicht

Sich vor den Blick der Sonne,

Sie wecket doch mit ihrem Licht

Einmal die Welt zur Wonne.

Geibel, dessen patriotische und den Preußen schmeichelnde Gedichte beim König großen Anklang gefunden hatten, war von Friedrich Wilhelm IV. vor vier Jahren eine lebenslange Pension von jährlich dreihundert Talern zuerkannt worden.

Der unbekannte Mann, der später als der Mamsellenmörder in die Berliner Geschichte eingehen sollte, wusste das, so wie er vieles wusste. Zum Beispiel, wie man durch die Straßen schlendern konnte, ohne aufzufallen, und wie man sich so verkleidete, dass einen auch die engsten Freunde nicht erkannten. Allerdings, ein gewisses Risiko gab es immer, und so zuckte er zusammen, als ihm an der Ecke Friedrich- und Dorotheenstraße zwei Männer entgegenkamen, die eigentlich von Berufs wegen die Gabe haben mussten, andere zu durchschauen: der Geheime Oberrath Dr. Wilhelm Wiesenburg, führender Kopf der Politischen Polizei in Preußen, und der Criminal-Commissarius Waldemar Werpel. Sie mussten doch merken, dass er ein Ausbeinmesser aus Damaststahl unter seinem Überhang verborgen hatte! Doch beide nahmen keinerlei Notiz von ihm. Der Unbekannte konnte also aufatmen und ungestört dem Folge leisten, was der Dämon, der Gewalt über ihn hatte, ihm vehement befahl: Ziehe aus und töte eine beleibte Mamsell!

Mamsellen gab es in bürgerlichen Haushalten, wo von der Küchenmamsell die Rede war, und in Restaurationsbetrieben, wo die kalte Mamsell für kalte Speisen und Büfetts die Verantwortung trug. Allerdings gab es auch Berliner, die, ungeachtet dieser Berufsbezeichnung, alle bürgerlichen Mädchen beziehungsweise unverheirateten Frauen mit der Bezeichnung Mamsell belegten, kam es doch vom französischen Mademoiselle her.

Für den Unbekannten indes war eine Mamsell vor allem eine Köchin. Einen Plan hatte er nicht, er ließ sich treiben und wartete auf eine günstige Gelegenheit. Doch der Dämon wurde immer ungeduldiger und drohte, ihn selbst zu töten, wenn er nicht bald eine beleibte Mamsell tötete.

Er kam ans Ufer der Spree und bog rechts in den Weidendamm. Dort war an einem kleinen Graben, der immer wieder zugeschüttet werden sollte, der »Hammelkopf« gelegen, eine Restauration, in der die Leute der unteren Stände ihr weniges Geld in billigen Fusel umsetzten. Zwischen der niedrigen Längswand und dem Bollwerk verlief ein schmaler Pfad, den er nun entlangschlich, um einen Blick in die Küche zu werfen. Die Gelegenheit wäre günstig gewesen, doch die Frau, die im Hammelkopf am Herd stand, war lang und dürr und damit nichts, womit sich sein Dämon zufriedengegeben hätte. Enttäuscht wandte er sich wieder um, nicht ohne einen schnellen Blick in den Gastraum zu werfen. Gott, das war doch Louise Aston, die dort in Männerkleidern hockte, ihren Geliebten an der Seite, und ihre Cigarre rauchte! Es wurde Zeit, dass der König sie aus der Stadt entfernte.

Seine Unruhe wurde immer stärker. In den nächsten Stunden musste es geschehen, sonst verfiel er dem Wahnsinn und landete im Irrenhaus. Die Sinne schienen ihm zu schwinden, und um nicht auf das Trottoir zu stürzen, umklammerte er das Geländer, das neben dem Eingang zum Hammelkopf angebracht war. Als er sich wieder beruhigt hatte, lief er an der Spree entlang, überquerte ihre Arme und kam über die Neue Friedrichzur Spandauer Straße. An der Einmündung der Nikolaikirchgasse gab es so viele Destillen auf einem Haufen wie sonst nirgendwo in Berlin, und Adolf Glaßbrenner hatte dazu schon angemerkt: Ejal, wo der Berliner mit eenem Oooge hinkiekt - mit’s andre kiekta inne Destille. Es hatte sich in dem Unbekannten der Gedanke festgesetzt, dass sein erstes Opfer eine dicke Mamsell aus einer Kneipe oder einem Restaurant sein musste. Der Dämon wollte es so.

In seinem Kopf dröhnte und zuckte es. Der Dämon lachte höhnisch: Erst wenn sich der Stahl deines Messers in einen warmen Körper bohrt, bist du erlöst. Blut will ich fließen sehen!

Zwei

Christian Philipp von Gontard lief die Dorotheenstraße in einem Tempo hinunter, das sich für einen Major der Königlich Preußischen Artillerie nicht schickte, aber traf er zu spät im Hörsaal ein, dann bekam er wieder Ärger. Nicht zu Unrecht hieß es: Fünf Minuten vor der Zeit ist des Soldaten Pünktlichkeit. Er bog links ab und hetzte auch durch die Schadowstraße, bis er endlich Unter den Linden angekommen war und den Komplex der Vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule vor sich hatte. In der vertrat er das Fach Physik. Seine Zöglinge, alles gestandene Offiziere, erwarteten ihn mit einiger Spannung, und manche spotteten sogar, dass es ihnen so erginge wie dem Schüler in Goethes Faust : Ich bin allhier erst kurze Zeit, / Und komme voll Ergebenheit, / Einen Mann zu sprechen und zu kennen, / Den alle mir mit Ehrfurcht nennen. Seinen guten Ruf verdankte Gontard ebenso seinen profunden fachlichen Kenntnissen wie auch seinen Erfolgen bei der Aufklärung mysteriöser Verbrechen. Man klopfte geradezu enthusiastisch auf die Pulte, als er eingetreten war und seine Zuhörer begrüßt hatte. Diese Huldigung war ihm fast ein wenig peinlich, und so kam er schnell zur Tagesordnung, der gegenseitigen Vorstellung. Da hörte er manchen Namen, der ihm geläufig war und dessen Träger sich hervorgetan hatte, seit Albrecht der Bär die lange Liste der brandenburgisch-preußischen Fürsten eröffnet hatte, aber kein Stammbaum war derart verzweigt, dass er einen entfernten Verwandten vor sich hatte. »Und nun in medias res!«, konnte er endlich ausrufen und mit der Einführung in sein Fachgebiet beginnen, nachdem das Präludium eine gute halbe Stunde in Anspruch genommen hatte.

»Was uns in der Theorie primär interessiert, meine Herren, ist die Ballistik, die Lehre von den geworfenen Körpern. Sie ist ein Teilbereich der Physik und beschreibt die Vorgänge, die einen Körper betreffen, der sich durch den Raum bewegt. Als Begründer der Ballistik gilt der Italiener Nicolo Tartaglia, geboren 1499 oder 1500 in Brescia, gestorben 1557 in Venedig. Ihm verdanken wir die Entdeckung der Wurfparabel. Die Wurfparabel ist die Flugbahn, die ein Körper beim schiefen Wurf in einem homogenen Schwerefeld beschreibt, wenn man den Einfluss des Luftwiderstandes vernachlässigt. Der Scheitel der Parabel befindet sich dabei am höchsten Punkt der Flugbahn, die Parabel ist nach unten geöffnet. Die ballistische Kurve dagegen ist die von der idealen Wurfparabel abweichende Kurve unter Einfluss des Luftwiderstandes. Grund für die Parabelform ist die Tatsache, dass während des Fluges nur die Schwerkraft auf den Körper einwirkt. Zur Berechnung wird die Anfangsgeschwindigkeit in die zueinander senkrechten Komponenten x und y zerlegt, die unabhängig voneinander behandelt werden können. Die horizontale x-Komponente ist völlig unabhängig von der vertikalen y-Komponente, die nach oben gerichtet ist.« Er kam nun zu den mathematischen Formeln und registrierte ein allgemeines Aufstöhnen bei seinen Zuhörern. Sie hatten erwartet, dass es in seinem Unterricht vergnüglicher zugehen würde. Er brach ab und sah in die wenig amüsierten Gesichter. »Gibt es Fragen, meine Herren?«

Es meldete sich ein Offizier, der aus dem südlichen Brandenburg kam, sich als Georg von Glombeck vorgestellt hatte und der Schüler war, der Gontard am wenigsten gefiel. Warum das so war, hätte er nicht sagen können, aber in seinem Gesicht, das ihn an eine grinsende Bulldogge erinnerte, stand etwas zu lesen, das Gontard beunruhigend fand.

»Reden wir bei Ihnen auch über Raketen in der Artillerie?«, fragte Glombeck.

»Ja, aber erst am Ende des Semesters.«

Glombeck lachte. »Ah, Sie müssen sich erst auf dieses Thema vorbereiten.«

»Nein, ich muss nur schnell selber eine bauen, um Sie Ihnen vorzuführen.«

Damit hatte er die Lacher auf seiner Seite und konnte sich in sein Bureau zurückziehen. Für heute hatte er seine dienstlichen Pflichten erfüllt und nun endlich die Muße, sich seinen privaten Vergnügungen zu widmen - wenn es denn derzeit welche gegeben hätte. Weder zum Reiten noch zum Fechten trieb es ihn wirklich, und es gab auch kein mysteriöses Verbrechen aufzuklären. So blieb ihm nur das Flanieren und die Causerie, aber jetzt am frühen Nachmittag saß im Roten Zimmer des Café Stehely noch niemand, dessen Gesellschaft ihm zugesagt hätte. Schöngeistige Schwätzer, die es im Leben zu nichts gebracht hatten, waren ihm zuwider.

Gerade als er sein Bureau aufschließen wollte, kam ihm Werner Siemens entgegen. Der Seconde-Lieutenant der Artillerie aus Lenthe bei Hannover war am 1. Oktober 1842 zur Artilleriewerkstatt Berlin versetzt worden, nachdem man ihn begnadigt hatte. Ursprünglich war er aufgrund der Teilnahme an einem Duell zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt worden. Seit dem Tod seiner Mutter musste er als ältester Sohn gegenüber seinen Geschwistern die Vaterstelle vertreten, und das kostete so viel, dass sein staatliches Salär bei weitem nicht ausreichte. So sah er sich gezwungen, mit seinen Erfindungen einiges hinzuzuverdienen, so mit der Versilberung und Vergoldung von Metallen auf galvanischem Wege.

»Woran arbeiten Sie denn gerade?«, fragte Gontard, nachdem man sich kollegial-freundschaftlich begrüßt hatte. »Oder ist das noch ein streng gehütetes Geheimnis?«

»Nein, nein.« Siemens zögerte nicht, darüber zu reden.

»Im Augenblick versuche ich, den Zeigertelegraphen zu verbessern.«

»Was bitte?« Gontard musste da eine Bildungslücke eingestehen.

Werner Siemens holte zu einer längeren Antwort aus.

»Der Zeigertelegraph dient zur Übermittlung von Nachrichten Buchstabe für Buchstabe. Er ist ganz einfach zu bedienen. Im Geber wie im Empfänger kreist gleichlaufend ein Zeiger, der manuell eingestellt wird. Wenn der Zeiger bei dem sendenden Apparat verstellt wird, führt dies zu einer entsprechenden Verstellung des Zeigers bei dem Gerät, das die Nachrichten empfängt. So können die einzelnen Buchstaben eines Textes mühelos übermittelt werden.«

»Ah ja.« Gontard hatte verstanden. »Das ist ja viel einfacher als beim Morsetelegraphen. Man muss nicht erst das Morsealphabet lernen … zum Beispiel die Bedeutung von: dit, dit, dit - dit, dit - dit - da, da - dit - da, dit - dit, dit, dit.«

Siemens lachte und klatschte in die Hände. »Bravo – aber was wollten Sie mir damit sagen?«

»Es war Ihr Name, den ich da gemorst habe.«

»Ich will Ihnen einmal vorführen, wie so ein Zeigertelegraph funktioniert«, sagte Siemens. »Kommen Sie mit in meine Werkstatt!«

Dort angekommen, zeigte er Gontard die beiden Modelle, die er entscheidend zu verbessern suchte: den Zeigertelegraphen, den Charles Wheatstone 1839 konstruiert hatte, und das Gerät von August Ephraim Kramer aus Nordhausen.

»Mein Telegraph gebraucht nur einen Draht, kann dabei wie ein Klavier mit Tasten gespielt werden und übermittelt die Informationen mit der größten Sicherheit und mit einer solchen Schnelligkeit, dass man fast so schnell telegraphieren kann, wie die Tasten nacheinander gedrückt werden. Dabei funktioniert er lächerlich einfach und ganz unabhängig von der Stärke des Stroms«, erklärte ihm Siemens.

Gontard war beeindruckt. »Und Ihren Apparat, den werden Sie dann in einer Fabrik fertigen lassen?«

»Es gibt keine Fabrik, die dafür ausgerüstet ist«, erwiderte Siemens. »Die müsste man erst erschaffen. Und ob ich in Berlin Mechaniker dafür finden werde, ist fraglich.«

»Ich hoffe, das wird Ihnen gelingen«, sagte Gontard.

»Wenn erst alle Menschen solch einen Zeigertelegraphen bei sich zu Hause haben und jeder seine Gedanken derart rasant an alle weitergeben könnte!«

Siemens lächelte hintergründig. »Keine Angst, meine Zeigertelegraphen werden wohl nur in den Amtsstuben und bei der Königlich Preußischen Post zu finden sein.«

»Angst ist das falsche Wort«, murmelte Gontard. »Es ist wohl eher Hoffnung.«

»Unser König ist an mittelalterlichen Vorstellungen orientiert«, sagte Siemens. »Wir haben einen Romantiker auf dem Thron, aber der technische Fortschritt wird nicht aufzuhalten sein und damit …«

»… auch nicht die Revolution«, vollendete Gontard den Satz.

Damit verabschiedete er sich von Werner Siemens und machte sich auf den Weg zum Gensdarmen-Markt, wo er im Café Stehely seinen besten Freund, Dr. Friedrich Kußmaul, zu treffen hoffte.

Der Criminal-Commissarius Waldemar Werpel war schlecht gelaunt, ohne sagen zu können, weshalb. Vielleicht weil es Mai geworden war und er nur seine Minna hatte, mit der er auf die silberne Hochzeit zusteuerte. Acht Kinder hatten sie, und um das neunte zu verhindern, wagte er es schon gar nicht mehr, mit ihr das zu tun, was im Wonnemonat eigentlich nahelag.

Es wurde an die Bureautür geklopft - eigentlich mehr gebummert als geklopft –, und daran konnte Werpel erkennen, dass das nur der einfältigste unter seinen Constablern sein konnte.

»Krause, herein!«, schrie er.

Krause trat ein, knallte die Hacken zusammen und legte die Handkante an die Mütze. »Melde gehorsamst: Es ist eine furchtbare Bluttat geschehen.«

Werpel zuckte zusammen, denn das ließ Arbeit und Ärger erwarten. »Wen hat es denn getroffen?«

»Die Jolanthe aus der Brunnenstraße.«

Jetzt ließ Werpel doch das nötige Mitgefühl erkennen.

»Wie, die Mamsell vom Cigarrenhändler Krummrey?«

»Nein, die Sau vom Tillack.«

Werpel sprang auf. »Krause, wenn Sie mich veralbern wollen … Ich weiß, dass Tillack sein Schwein in dieser Woche schlachten wollte.«

»Ja, aba letzte Nacht is eena jekommen und hat et ihm abjeschlachtet.«

»Wegen des Fleisches?«, wollte Werpel wissen.

»Nee, wejen dem Blutrausch, spricht der Tillack. Sie soll’n bei ihm komm’n und sich det mal anseh’n.«

Werpel reagierte unwirsch. »Wieso denn immer ich? Das ist doch nicht unser Revier.«

»Aba se ham da nur een Commissarius, und der is krank. Und Tillack sagt, det is ’ne schwere Bluttat. Seine Sau is von Mörders Hand jemeuchelt wor’n.«

Werpel zog den Gürtel fester und nahm seinen Rock vom Kleiderhaken. »Los, marschieren wir mal hin!«

Vom Molkenmarkt bis zum Rosenthaler Thor war es ein ganzes Stück zu laufen, die Spandauer Straße entlang, über die Spandauer Brücke und den Hackeschen Markt hinweg und dann die Rosenthaler Straße hinauf.

Werpel schimpfte gewaltig. »Schon der Alte Fritz ist zwischen Rosenthaler Thor und Gesundbrunnen beinahe zu Tode gekommen.«

»Wieso?«, fragte der Constabler Krause. »Hat ihn da eine Kugel der Russen getroffen?«

»Unsinn!«, rief Werpel. »Das passierte 1758 in der Schlacht bei Zorndorf. In der Brunnenstraße ist er mit seiner Kutsche umgestürzt und hätte sich um ein Haar das Genick gebrochen.«

Als Folge des glimpflich verlaufenen Unfalls hatte der König die Straße zur 1760 eröffneten Heilquelle an der Panke, dem späteren Gesundbrunnen, erneuern lassen. Sie hatte zunächst den Namen Straße nach Rosenthal getragen, ab 1801 war sie als Brunnenstraße in den Stadtplänen verzeichnet. Zu Zeiten Friedrichs II. war außerhalb der Stadtmauer östlich vom Rosenthaler Thor Wein angebaut worden, während es westlich davon als Folge eines skrupellos abgeholzten Waldes eine ausgedehnte Sandwüste gegeben hatte. Hier war die Kolonie Neu-Voigtland entstanden. Gedacht als Siedlung für Handwerker aus dem Vogtland, war sie inzwischen zur letzten Zufluchtsstätte für Arme und Obdachlose geworden.

Theodor Tillack war ein Grundbesitzer, der aus billigstem Material eine Reihe von sogenannten Familienhäusern errichtet hatte, in denen es so kalt und feucht war, dass die Bewohner zwangsläufig krank werden mussten. Er selbst lebte auf Höhe von Wollanks Weinberg in einem kleinen Herrenhaus, an dessen Hof sich mehrere Stallungen anschlossen. Und in einem dieser Ställe war die Sau Jolanthe abgestochen worden.

»Das ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Sauerei!«, rief der dicke Tillack, als er Werpel und den Constabler Krause an den Tatort geführt hatte.

Jolanthe lag in einer Lache geronnenen Blutes, und Werpel zählte mehr als ein Dutzend Einstichlöcher.

»Das kann nur ein Irrer aus der Charité gewesen sein!«, rief er.

Der dicke Tillack sah ihn bedeutungsschwer an. »Das sieht ganz nach Rotkappe aus.«

»Wer ist Rotkappe?«, fragte Werpel.

»Rotkappe ist ein Kobold«, belehrte ihn Tillack. »Er hat Krallen und rotglühende Augen und tötet Menschen, um mit deren Blut die Farbe seiner Kappe immer wieder zu erneuern. Vertreiben kann man ihn nur mit einem Bibelzitat.«

Die Chance wollte sich der Constabler Krause nicht entgehen lassen. »In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott!«, rief er. »Der 31. Psalm.«

Werpel fasste sich an den Kopf. »Krause, Sie bringen mich noch ins Irrenhaus!«

»Da sollten Sie mal nachfragen, ob einer entwichen ist!«, sagte Tillack.

Werpel nickte, denn in der Tat sah es ganz danach aus, als hätte ein Irrer im Blutrausch auf Jolanthe eingestochen. »Vielleicht hat er sie für eine Frau gehalten.«

»Das wird es sein!«, rief Krause. »Vielleicht für die Mamsell vom Cigarrenhändler Krummrey?«

»Kann sein«, sagte Tillack, der die Dame kannte. »Die hat wirklich Ähnlichkeit mit einem rosigen Schweinchen und heißt auch Jolanthe.«

»Jetzt reicht es aber!«, rief Werpel, konnte jedoch nicht umhin sich vorzunehmen, zuerst beim Cigarrenhändler am Rosenthaler Thor und dann in der Charité gezielte Nachforschungen anzustellen.

»Was soll mit meiner Jolanthe werden?«, fragte Tillack, als sich Werpel verabschieden wollte.

»Soll ich vielleicht den Leichen-Commissarius holen lassen«, fragte Werpel, »dass sie anschließend ein Staatsbegräbnis kriegt?«

»Machen Se Wurscht aus ihr, Herr Tillack!«, sagte Krause lachend.

Tillack brummte etwas in seinen Bart, was ihm, hätte er es laut geäußert, eine Anzeige wegen Beamtenbeleidigung eingebracht hätte, und führte Werpel und seinen Constabler zur Straße zurück. »Gehen Sie mit Gott, dann gehen Sie mit keinem Spitzbuben.«

»Das wäre nur der Fall, wenn Sie mitkommen würden«, murmelte Werpel, der genau wusste, dass Tillack schon so manchen Menschen übers Ohr gehauen hatte.

Ihre erste Station war also der Tabakwarenhändler Krummrey, den sie baten, seine Hauswirtschafterin zwecks Befragung nach vorn ins Ladenlocal zu holen. Die Mamsell Jolanthe Junge erschien auch sogleich, konnte sich aber nicht erinnern, dass sie in letzter Zeit von einem Kerl lüstern angeguckt oder gar bedrängt worden wäre.

»Da war nüscht mehr, Herr Kumsargus, seit ick ma dem Bölzke ’n paar jescheuert habe.«

»Wer ist das, Bölzke?«

»Eena von die Eckensteha.«

»Nun gut.« Werpel machte sich eine Notiz und verzichtete auf irgendwelche Nachfragen. Sich in der Charité umzuhören erschien ihm erfolgversprechender.

In einem Flügel der Alten Charité, erbaut von 1785 bis 1800, war die größte Abteilung für Irre und Wahnwitzige im deutschen Raum entstanden, und Ernst Horn war als erster Professor für Psychiatrie in Deutschland berufen worden. Obwohl Horn der Ansicht gewesen war, dass Geisteskrankheiten körperliche Leiden waren, hatte er versucht, die Kranken mit Zwangsmaßnahmen wie Drehstuhl, Drehbrett und Tretmühle zu therapieren, aber auch dadurch, dass er sie für längere Zeit in einem Sack unterbrachte und damit isolierte. Seit 1828 leitete Karl Wilhelm Ideler unter weitgehender Übernahme dieser Behandlungsprinzipien die Irren-, Deliranten-, Krampfabteilung der Charité. 1834 war man in die Neue Charité umgezogen, ohne dass sich die Bedingungen verbessert hätten.

»Wer hier landet, kann jede Hoffnung fahrenlassen«, sagte Werpel, als sie das Gebäude betraten.

»Denn vadufte ick mal lieba!«, rief Krause. »Sie brauchen mir ja nich mehr.«

Werpel ließ ihn ziehen. Die Gefahr, sich mit ihm bei Professor Ideler zu blamieren, erschien ihm zu groß.

Karl Wilhelm Ideler, der aus Bentwisch bei Wittenberge stammte, war mit seinem Grundriss der Seelenheilkunde, erschienen 1835, bekannt geworden. Werpel ließ sich von einem Assistenten bei ihm melden. Nach einer Viertelstunde wurde er vorgelassen.

»Was führt Sie zu mir?«, fragte Ideler.

Werpel fühlte sich gar nicht wohl dabei, wie ihn der Irrenarzt musterte, und redete deswegen ein wenig wirr.

»Ja, wegen der Rotkappe … Die soll die Jolanthe abgestochen haben. Also die Sau vom Tillack. Das soll ein Kobold gewesen sein. Nicht der Tillack, das ist ein Grundbesitzer, sondern der Mann, der seine Sau …«

»Machen Sie sich einmal frei!«, befahl ihm der Professor.

»Ich bin kein Irrer«, rief Werpel, »ich bin Criminal-Commissarius!«

»Ja, ja, gestern war einer hier, der hat sich als Kronprinz Wilhelm ausgegeben«, sagte der Assistent.

Es dauerte Minuten, bis das Missverständnis ausgeräumt worden war und Werpel endlich fragen konnte, ob man einen Insassen vermisse, dem zuzutrauen sei, Tiere, insbesondere Schweine, abstechen zu wollen. »Vielleicht um sich in einen Blutrausch zu versetzen.«

»Nein, von unseren Kranken ist keiner entwichen«, antwortete Ideler. »Aber derjenige, von dem Sie berichten, dass er auf das Schwein eingestochen hat, wird alsbald bei uns eingeliefert werden. Denn unser Gott bestraft alle Sünden, und sei es dadurch, dass er einen Menschen irre werden lässt und damit auf die unterste Stufe des Menschseins setzt.«

Als Werpel die Charité verließ, war er noch immer etwas verstört.

Bäume gab es nur wenige auf Berlins Straßen und Plätzen, da aber, wo sie zu finden waren, Unter den Linden zum Beispiel, im Thiergarten oder an den Ufern der Spree, erfreuten sie das Auge mit ihrem frischen hellen Grün. In so manchem Hof blühten die Apfel-, Kirsch- und Birnbäume, und wenn die Fenster offen standen, um die reine Frühlingsluft in die muffigen Zimmer zu lassen, hörte Gontard die Kinder singen:

Der Mai ist gekommen

Die Bäume schlagen aus,

Da bleibe, wer Lust hat,

Mit Sorgen zu Haus!

Wie die Wolken wandern

Am himmlischen Zelt,

So steht auch mir der Sinn

In die weite, weite Welt.

Das Lied war neu, die Musik stammte von Justus Wilhelm Lyra, der Text von Emanuel Geibel, dem Liebling des Königs. Trotzdem hörte Gontard es gern, und die letzte Zeile ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Auch ihm stand der Sinn nach der weiten, weiten Welt, vor allem nach Amerika. Immer wieder trug er sich mit dem Gedanken auszuwandern, dem engstirnigen Preußen zu entfliehen, wo alles demokratische und liberale Denken, wenn es laut geäußert wurde, mit Verbannung oder Festungshaft endete. Das Verfassungsversprechen, das Friedrich Wilhelm III. im Jahre 1815 gegeben hatte, war auch dreißig Jahre später noch nicht eingelöst worden. Kein Wunder war es also, dass das Auswanderungsfieber in Preußen ebenso wie in den anderen deutschen Landen immer weiter um sich griff, hervorgerufen natürlich auch durch die elende Lage, in der sich Arbeiter und Handwerker befanden, und die Tatsache, dass immer nur der älteste Sohn einen Bauernhof erben konnte.

Gontard hatte den richtigen Animus gehabt: Kußmaul saß schon im Café Stehely, blätterte in einem Roman und wartete auf ihn. Man begrüßte sich mit gewohnter Herzlichkeit.

»Was liest du denn da?«, fragte Gontard.

Kußmaul lachte. »Das, was die bevorzugte Lektüre unseres Königs ist: August Lafontaines Klara du Plessis und Klairant. Eine Familiengeschichte französischer Emigrierter.«

Gontard verzog das Gesicht. »Lafontaine ist ein eitler und oberflächlicher Schwätzer.«

August Heinrich Julius Lafontaine, 1758 in Braunschweig geboren und 1831 in Halle an der Saale gestorben, war von Haus aus Theologe und 1792 dem preußischen Heer als Feldprediger in die Champagne gefolgt. Danach hatte er sich auf sein Landgut zurückgezogen, über sechzig triviale wie auch sentimentale Romane verfasst und es zu einem der meistgelesenen Schriftsteller in den deutschsprachigen Ländern gebracht.

Der Freund verteidigte seine Lektüre. »Ich muss mich mit den Hugenotten vertraut machen, denn Luise ist nicht wenig stolz auf ihre Herkunft.«

Diese Bemerkung bezog sich auf seine Braut Luise Kahlbaum, deren Großmutter eine Cathérine Gillieux gewesen war. Sie konnten dieses ergiebige Thema aber nicht weiter vertiefen, denn in diesem Augenblick trat Kußmauls Bruder Adolf an den Tisch. Er hatte gerade sein medicinisches Staatsexamen abgelegt und war in Heidelberg Assistent von Karl von Pfeufer geworden.

»Pfeufer ist ein interessanter Mann«, erklärte er. »Vor zwei Jahren hat er die Zeitschrift für rationelle Medicin mitbegründet. Gemeinsam haben wir uns die Aufgabe gestellt, physiologische und pathologische Tatsachen auf physikalische und chemische Prozesse zurückzuführen.«

»Und was ist mit der Seele?«, fragte Gontard.

»Haben Sie jemals eine Seele gesehen? Hat Daguerre jemals eine Seele auf seine photographischen Platten gebannt?«, kam die Gegenfrage.

So uneinig sie sich in dieser Frage waren, so einig waren sie sich in der Einschätzung der politischen Lage und in der Forderung nach einer demokratischen Verfassung.

»Aber die bekommen wir nicht unter diesem König«, sagte Adolf Kußmaul. »Bei Friedrich Wilhelm IV. kann ja die Abneigung gegen alle Reformen nur als pathologisch bezeichnet werden.«

»Pst!«, machte Gontard, denn die Politische Polizei hatte ihre Schnüffler überall sitzen.

»Hoffen können wir nur auf den Sohn unseres Königs«, erklärte Friedrich Kußmaul.

Sein Bruder staunte. »Ich denke, er ist impotent?«

»Pst!«, wiederholte Gontard und fügte in Richtung eines Mannes, den er für einen Spion Dr. Wiesenburgs hielt, laut hinzu: »Unser König hat die Kraft, das wilde Tier der Revolution zu bändigen.«

»Und zwar mit Hilfe des Herrn von Bunsen«, fügte Adolf Kußmaul hinzu.

Der König hatte den Theologen, Philosophen und Weltmann Christian Karl Josias von Bunsen 1828 auf einer Italienreise kennen und schätzen gelernt. Bunsen, damals preußischer Ministerresident beim Heiligen Stuhl, wurde verspottet, dass er - wie der König auch - unter dem Verhängnis einer vielseitigen Begabung litte, die Großes versprechen und stolze Entwürfe hervorbringen würde, ohne dass es aber je zu einem vollendeten Werk gereicht hätte.

»Alles liegt in Gottes Gnade«, sagte Friedrich Kußmaul in Anspielung darauf, dass sich Friedrich Wilhelm IV. immer wieder auf sein Gottesgnadentum berief. »Fatal ist es allerdings, wenn dieser Gott die Zeichen der Zeit partout nicht erkennen will.«

Ihr Diskurs wurde unterbrochen, als aus der Küche die Mamsell Johanna Kuschnowski herbeigeeilt kam, um sich bei Dr. Friedrich Kußmaul zu bedanken.

»Sie haben mir wirklich jeheilt, Herr Jeheimer Sanitätsrat!«, rief sie und schüttelte dem ein wenig entsetzten Arzt die Hand. »Et is würklich nüscht mehr zu sehen von allet. Mir war ja dreiste schon mein Bräutijam wegjeloofen, denn alßa mir mal anjefasst hat, da …«

»Lassen Sie’s gut sein, mein verehrtes Fräulein!« Friedrich Kußmaul war wenig erbaut davon, dass der Fall hier in aller Öffentlichkeit diskutiert werden sollte, denn die korpulente Mamsell hatte unter einem mächtigen Herpes zoster gelitten, den er mit seiner medicinischen Kunst nicht in den Griff bekommen hatte, so dass er sie in seiner Hilflosigkeit zu einer alten Frau geschickt hatte, die sich auf das Besprechen von Gürtelrosen verstand - und Erfolg gehabt hatte. Das musste sein Bruder aber nicht unbedingt wissen.

Gontard grinste und empfahl sich. »Ich muss noch zu Willibald Alexis. Er feiert mit seinen Freunden aus der Mittwochgesellschaft das Erscheinen seines neuesten Romans - Die Hosen des Herrn von Bredow.«

Willibald Alexis war am 29. Juni 1789 in Breslau auf die Welt gekommen, in der Stadt, aus der dem Volksmund zufolge jeder echte Berliner kam. 1806 war er mit seiner Mutter nach Berlin gezogen, 1815 hatte er als Freiwilliger an den Befreiungskriegen teilgenommen. Danach hatte er begonnen, Rechtswissenschaft und Geschichte zu studieren, unter anderem bei Friedrich Carl von Savigny und Friedrich von Raumer, und war 1820 Referendar am Criminalsenat des Kammergerichts geworden. Nach dem Erfolg seiner ersten Romane schied er aus der Beamtenlaufbahn aus und errang mit Cabanis, in dessen Mittelpunkt Friedrich der Große stand, mit Der Roland von Berlin und mit Der falsche Waldemar einen Erfolg nach dem anderen. Alle seine Stoffe waren der märkisch-brandenburgischen und preußischen Geschichte entnommen. Eigentlich hieß er Georg Wilhelm Heinrich Häring, aber um zu vermeiden, dass man Witze über seinen Namen machte, hatte er sich ein Pseudonym zugelegt. Seit 1836 lebte er in der Friedrichstadt, genauer in der Wilhelmstraße 97, also zwischen Leipziger und Zimmerstraße. 1838 hatte er Laetitia Perceval geheiratet, deren Vorfahren aus England stammten. Sein Haus war zu einem Treffpunkt des literarischen Berlin geworden.

Nun hatte Christian Philipp von Gontard nichts weiter geschrieben als ein kleines Gedicht zum dreißigsten Geburtstag seiner Frau, aber Henriette war über drei Ecken mit der Familie der Edlen Herren Gans zu Putlitz verwandt, und der Schriftsteller und Theatermann Gustav Gans war mit Willibald Alexis befreundet und hatte Gontard im letzten Winter zu einem Treffen mitgenommen.

Auch heute wieder hatte sich eine illustre Gesellschaft in der Wilhelmstraße versammelt, an ihrer Spitze Ludwig Tieck und Julius Eduard Hitzig, dann Konrad von Sandkirchen, ein hoher Beamter des Hofes, und Daniel Grahsen, ein Schreiber der Vossischen Zeitung.

Auf dessen Wohl hob Willibald Alexis sein Glas. »Herzlichen Dank für Ihre Wertschätzung meiner Romane und in der Hoffnung, dass auch Die Hosen des Herrn von Bredow Ihre Wertschätzung finden werden.«

Grahsen verneigte sich. »Ehre, wem Ehre gebührt.« Gontard hatte gelesen, was Grahsen geschrieben hatte:

Alle seine Romane sind von wärmsten Patriotismus durchdrun gen und bieten meisterhaft ausgeführte geschichtliche Zeit und Sittenbilder, so dass Willibald Alexis mit Recht der märkische Walter Scott genannt worden ist.

»Hoffentlich hat es der König auch gelesen«, sagte Julius Eduard Hitzig.

Das war eine Anspielung auf einen Brief, den der König Willibald Alexis geschrieben hatte, nachdem er mit seiner harten Kritik an der Zensur bei Hofe unangenehm aufgefallen war.

Es fiel noch keinem Regenten von Neapel ein, den Krater des Vesuv zu verstopfen, weil er Feuer speit - so hatte Willibald Alexis in der Vossischen Zeitung die preußische Zensur gegeißelt. Pressefreiheit liege nun einmal im Blut, in der Luft, in der Vernunft.

Der Brief des Königs war nicht weniger eindeutig gewesen: Mit Widerwillen habe ich einen Mann von Ihrer Bildung und literarischer Bekanntheit in der Klasse derer gefunden, die es sich zum Geschäft machen, die Verwaltung des Landes durch hoh le Beurteilung ihres Tuns, durch unüberlegte Verdächtigung ihres nicht von ihnen begriffenen Geistes vor der großen meist urteils losen Menge herabzusetzen und dadurch ihren schweren Beruf noch schwerer machen.

Gontard sah Konrad von Sandhausen, den Obergewandkämmerer Friedrich Wilhelms IV., an. »Was sagen Sie denn dazu, dass der Romantiker auf dem Thron einen Mann, den andere anklagen, er verherrliche die Hohenzollern und die Preußen, derart abkanzelt? Einen überzeugten Monarchisten!«

Der Hofbeamte wand sich ein wenig. »Bitte verstehen Sie, dass der König keine Verfassung zwischen sich und dem Volke dulden will. Er hat die Gnade Gottes, und der Herr weist ihm jedes Mal den rechten Weg, das Volk aber kann niemals wissen, was richtig ist.«

»Weil es seit Jahrhunderten dumm gehalten wird«, sagte Grahsen.

»Mit Verlaub, mein Herr, Preußen hat bereits 1717 die allgemeine Schulpflicht eingeführt.«

»Ohne jedoch auf dem flachen Lande ausreichend für Schulen und Lehrer zu sorgen. Abgehalfterte Feldwebel werden auf die Kinder losgelassen.« Grahsen erregte sich immer mehr.

»Denken Sie aber an die Bildungsreformen Wilhelm von Humboldts«, hielt ihm von Sandhausen entgegen, »und an unser humanistisches Gymnasium!«

Ludwig Tieck beteuerte mit schwacher Stimme, dass der König ein guter Mann sei.

»Kein Wunder«, sagte Gontard, »hat er Sie doch vor vier Jahren als König der Romantik von Dresden nach Berlin zurückgeholt.«

»Wie?« Tieck, immerhin schon 73 Jahre alt, ging es gesundheitlich sehr schlecht, und Willibald Alexis hatte viel Mühe aufwenden müssen, ihn zum Besuch in der Wilhelmstraße zu bewegen. Sein letzter großer Roman, Vittoria Accorombona, der vom Untergang einer römischen Familie handelt, war schon vor sechs Jahren erschienen, und er schien langsam zu verstummen.

Jeder bekam nun aufgetragen, auf die Stellen einzugehen, die ihm in Willibald Alexis’ neuestem Roman am besten gefallen hatten, und Gontard wurde als Erster aufgerufen. Schnell hatte er im aufgeschlagenen Buch seine Passage gefunden:

Überall war Ordnung und das wartende Auge der Hausfrau sicht bar. Jeder, Mägde, Knechte, Töchter, Verwandte und Freunde, bis auf die Hunde hinab, schien sein besonderes Geschäft zu haben. Die begossen mit Kannen, die schöpften aus dem Fließ, die trugen das Wasser. Jene nestelten an den Stricken, welche zwischen den Kieferstämmen angespannt waren; sie prüften die Klammern, sie sorgten, dass die nassen Stücke sich nicht überschlugen. Dort hingen gewaltige Kessel über ausgebrannten Feuerstellen, und daneben standen Tonnen und Fässer. Aber diese Arbeit schien vorüber; nur auf den einzelnen Waschbänken, die in das schilfige Ufer des Fließes hineingebaut waren, spülten noch die Mägde mit hochaufgeschürzten Röcken und zurückgekrempelten Ärmeln. Es war die feinere Arbeit, die man bis auf die Letzt gelassen, die jede für sich mit besonderer Emsigkeit betrieb. Da gab es mancherlei Neckereien zwischen dem Schilf. Wollte aber ein Mann in die Nähe dringen, ward er unbarmherzig bespritzt.

»Das erinnert mich sehr an Szenen aus meiner Heimat«, sagte Konrad von Sandhausen, als ein jeder um Kommentare gebeten wurde. »Bei uns wurde immer am Flusse Szeszuppe gewaschen.«

Julius Eduard Hitzig schüttelte sich. »Wenn ich einen Fluss vor Augen habe, denn sehe ich immer nur eine Wasserleiche stromabwärts treiben.«

»Das ist eben Ihre professionelle Deformation«, hielt ihm Grahsen vor.

Das bezog sich darauf, dass Julius Eduard Hitzig, 1780 in Berlin als Isaac Elias Itzig auf die Welt gekommen, vor dem Ruhestand dem Staat als Justizbeamter, Director des Inquisitoriats und Mitglied im Criminal-Rat gedient hatte und neben Zeitschriften zur Strafjustiz auch - gemeinsam mit Willibald Alexis - den Neuen Pitaval herausgab, in dem Hunderte von Criminalfällen veröffentlicht wurden.

Hitzig konnte nichts mehr erwidern, denn in diesem Augenblick brachte die Mamsell einen kleinen Imbiss ins Zimmer, und die Herren schwiegen erst einmal, denn mit vollem Munde sprach man nicht. Danach wurde munter weiterdebattiert, bis Ludwig Tieck die Augen zufielen und mit ihm auch Daniel Grahsen und Konrad von Sandhausen die gastliche Stätte verließen. Gontard, Hitzig und sieben andere Männer blieben noch. Zwei weitere Stunden vergingen, und als Letzter war Julius Eduard Hitzig an der Reihe. Er hatte sich eine recht deftige Stelle ausgesucht.

»Wer wäscht die Nebel fort am Herbstmorgen, wer das schmutzi ge Winterkleid der Erde, und der Frühling steht da vor dem Herrn in seinem reinen Blumenkleide, von würzigen Düften umsäuselt. Des Menschen Hand hat nichts dazu getan.«

»Dechant, ich meine, in jedem guten Haus ist Reinlichkeit die erste Tugend, und wer sich auf Erden nicht gewaschen hat, der kommt auch nicht rein in den Himmel. Wie’s in einem geistlichen Haus steht, das weiß ich nicht, dafür lass ich andere sorgen. Aber wenn ich zu sorgen hätte, wisst Ihr, was ich täte?«

»Nur zu, Base,«, rief der Junker, die Hände reibend, »steckt ihn in den Waschkessel!«

»Ach was, ihn allein! Das müsste ein Kessel sein wie der Müggelsee, und die ganze Klerisei hinein mit allen euren Salben und Öl, Äbte, Bischöfe, Klöster, Nonnen und Mönche. Und Lauge dazu, bitter salzige, und umrühren wollte ich.«

»Kochen, Base! Ein Feuer darunter, das der Gottseibeiuns heizen müsste, sonst werden sie nicht rein.«

»Das Wasser würde schwarz werden schon von euren kleinen Verstecksünden, von der Eitelkeit, der Hoffart, dem Fraß, der Gleisnerei und Spiel und Trunk. Aber Wasser ist genug in der Mark. Abgeschäumt, ich würfe euch in einen neuen See. Da sötte ich aus eure Fleischessünden, doch das ist noch nicht das Größte, eure Habsucht und Herrschsucht und wie ihr verredet und verlästert, und nun wieder umgerührt.«

»Da kann ich den König schon verstehen, lieber Willibald Alexis, dass er Sie nicht sonderlich schätzt«, begann Gontard die Diskussion dieser Textpassage. »Da hat er gerade für die Katholiken den Weiterbau des Kölner Doms auf den Weg gebracht und will nun uns Protestanten mit einem gewaltigen Berliner Dom beglücken - und Sie polemisieren gegen den geistlichen Stand. Da möchte man doch …«

Weiter kam er nicht, denn in diesem Augenblick kam Laetitia Perceval völlig aufgelöst ins Zimmer gestürzt und rief, ehe sie in Ohnmacht fiel: »Man hat unsere Mamsell erstochen! Im Keller! Schrecklich zugerichtet liegt sie da in ihrem Blut.«

Drei

Albert Bölzke bummelte durch die Stadt und suchte nach Cigarrenresten, die jemand weggeworfen hatte. Manchmal war es die Hälfte einer Havanna, deren Geschmack einem Banquier oder Dandy nicht zugesagt hatte, meist aber nur ein schäbiger Stummel. An manchen Tagen war das Rauchen für Bölzke Frühstück, Mittag- und Abendbrot, da der Tabak eine Zeitlang den Hunger beschwichtigte. Eigentlich war er von Beruf Herumtreiber und Tunichtgut, aber da er bei den Behörden als Dienstmann registriert war - mit der Konzessionsnummer 52, die auf einem Messingschild zu sehen war, das er um den Arm trug –, konnte ihn kein Constabler mitnehmen und ins Armenhaus sperren. Zudem war er in gewisser Weise unantastbar, seitdem Adolf Glaßbrenner mit seinem Volksstück Eckensteher Nante im Verhör, das 1832 im Königsstädtischen Theater uraufgeführt worden war, Leute wie ihn gleichsam zu Berliner Originalen gemacht hatte und manch einer zu singen pflegte:

Det beste Leben hab ick doch, ick kann mir nich beklagen,

pfeift ooch der Wind durchs Ärmelloch, det will ick schon verdragen.

Det Morgens, wenn mir hungern tut, ess ick ne Butterstulle,

dazu schmeckt mir der Kümmel jut aus meine volle Pulle.

Glaßbrenners Vorbild, den Eckensteher Nante, eigentlich Ferdinand Strumpf, geboren 1803, hatte Bölzke gut gekannt, waren sie sich doch an der Ecke Königs- und Neue Friedrichstraße oft über den Weg gelaufen und hatten sich in der nahen Destillation Eulner einen genehmigt.

In der Brüderstraße gelang es Bölzke, einem Bäckerjungen ein fast verbranntes Weißbrot abzuluchsen, das seinen gröbsten Hunger stillte, aber es gelüstete ihn auch nach etwas Fleischlichem, und so pfiff er einer dicken Mamsell hinterher, die mit einem großen Korb in der Hand dem Markt zustrebte.

Kaum hatte er seinen Pfiff ausgestoßen, da riss ein Kumpan, der dicht hinter ihm ging, heftig an seinem Ärmel. »Pass uff, Albert, dette dir nich verdächtig machst!«

»Wieso’n dit?«

»Weil se letzte Nacht ’ne Köchin umjebracht ham, abjeschlachtet wie dem Tillack sein Schwein.«

Bölzke grinste. »Ach, du meinst die Amalia Matschke bei dem Schreiberling da im Kella, dem Alexis. Det war ick doch selba, und nu versuche ick, den Criminal-Commissarius zu täuschen.«

Heinrich machte ein verdutztes Gesicht. »Vasteh ick nich.«

»Na Mensch, is doch klar wie Kloßbrühe: Der Werpel, der denkt doch nu, der Bölzke, der kann et nich jewesen sein, sonst wära nich so dämlich und pfeift die Weiba weita hintaher.«

»Ick bewundere dir, Albert! Wat du so allet an Jeist im Koppe hast! Aba wenn de eenen jesoffen hast, biste wie’n Tier.«

Bölzke hörte das gerne und setzte seine Runde fort. Er kam sich dabei vor wie ein Fuchs, denn wie der durch Wald und Feld, so streunte er durch Berlin, immer auf der Suche nach einer Beute - und sei sie noch so klein. Fernerhin genoss er das Berliner Straßenleben wie ein fortlaufendes Theaterstück.

In der Poststraße streifte ein Schornsteinfeger ein Dienstmädchen, das mit einem blau-weißen Umhang unterwegs war, und das keifte: »Ochse, mach er mich nicht weiß, er oller Müllergeselle!«

Bölzke sah auf dem Werderschen Markt Dr. Kußmaul mit dem reichen Tuchhändler Damaschke stehen.

»Wat würden Se mir raten, Herr Dokta? Ick bin 69, aber bei bester Gesundheit, habe Vermögen und will ma ’ne junge Hübsche von 19 anlachen. Glauben Se, ick könnt der so janz simpel beibringen, ick wär erst 49?«

Dr. Kußmaul lachte. »Aber nicht doch, tun Sie genau das Gegenteil! Sie wird viel eher auf Ihr Angebot eingehen, wenn Sie ihr sagen, dass Sie schon 79 sind.«

Bölzkes Stimmung wurde allmählich besser und erreichte ihren Höhepunkt, als ihm auf der Friedrichstraße das Fuhrwerk eines Speditionsgeschäftes entgegenkam und er entdeckte, dass sich sein alter Kumpan Georg oben zwischen den Colli versteckt hatte und auf jemanden wartete, dem er ein Paket in die fangbereiten Arme werfen konnte.

»Orje, hier bin ick, schmeiß wat runta!«

Und ehe der Kutscher vorn auf dem Bock reagieren konnte, hatte Georg ein Paket gegriffen und in Richtung Bölzke geworfen. Der hatte keine Mühe, es zu fangen, und beide flüchteten mit ihrer Beute die Behrenstraße hinunter, um sich im Thiergarten vor ihrem Verfolger in Sicherheit zu bringen, was ihnen auch gelang. Als sie das Paket öffneten, jubelten sie, denn es enthielt handgedrehte Cigarren aus Vierraden. Die verscherbelten sie alsdann bei verschiedenen Händlern, die nicht lange nach der Herkunft einer Ware fragten, und machten sich einen schönen Tag, indem sie erst einmal zur Fischerstraße gingen und im »Nußbaum« aßen. Es hätte auch für ein vornehmeres Gasthaus gereicht, aber sie hatten Angst, dass ihnen dort der Viertel-Commissarius auf den Zahn fühlen würde. Angetrunken, aber immer noch aufrecht liefen sie durch die Residenzstadt und suchten nach einem Plätzchen, wo sie ein wenig Ruhe finden konnten.

»Am besten, du kommst bei mir mit inne Jartenstraße«, lallte Orje.

Sie setzten sich in Bewegung, und unterwegs stieß auch noch Heinrich zu ihnen. Zu dritt zogen sie weiter, kamen aber nur bis zum Hamburger Thor, wo ihnen ein Trupp lärmender und rauchender Arbeitsmänner den Weg versperrte. Die hatten sich mit dem Wachhabenden angelegt, dem Grenadier Bienert, der vor dem Wachtgebäude stand und nach dem Rechten sah. Er nahm einen der Arbeitsmänner ins Visier.

»Sie da, det Roochen is an diese Stelle tunlichst zu unterlassen!«

Der lachte nur. »Dumme Bemerkungen sind ooch zu unterlassen.«

Daraufhin packte Bienert ihn und wollte ihn in die Wache schleppen, doch sofort löste sich ein Arbeitsmann aus der Menge, um seinem Kollegen beizuspringen. Er packte Bienert an der Brust und suchte, ihn zu Boden zu stoßen. Augenblicklich kam eine ganze Mannschaft aus dem Wachtgebäude, um die beiden Aufsässigen zu packen und in Arrest zu nehmen. Als man sie in die Wachstube gebracht hatte, forderten die Arbeitsmänner draußen deren Freilassung, und als die Sprechchöre keinen Erfolg hatten, stieß man Drohungen aus und bewarf das Wachthaus mit Steinen. Da konnten Bölzke und seine Freunde nicht anders, als mitzumachen. Fensterscheiben gingen zu Bruch. Die Wachmannschaft stürzte heraus, um die Menge zu attackieren. Gut gezielte Würfe trafen sie an Helm und Körper. Derart herausgefordert, zog einer seinen Infanteriesäbel, um sich damit Respekt zu verschaffen. Schläge mit der flachen Seite auf den Kopf waren dazu ein bewährtes Mittel. Als einen der Ersten traf es Albert Bölzke.

Heinrich sah, wie er leblos auf dem Pflaster liegen blieb, und murmelte: »Det is nu die Strafe, detta die Matschke abjestochen und uffgeschlitzt hat.«

Vier

Der Criminal-Commissarius Waldemar Werpel lebte nach der Devise »Eile mit Weile«, und so ließ er die Suche nach dem Mörder der Mamsell Amalia Matschke langsam angehen. Bevor er mit den Gästen sprach, die am Mordabend im Hause Wilhelmstraße 97 mit Willibald Alexis das Erscheinen des Romans Die Hosen des Herrn von Bredow gefeiert hatten, wollte er hören, welche Erkenntnisse der Stadtphysicus beim Betrachten der Leiche gewonnen hatte. Zu diesem Zweck hatte er sich in die Charité zu begeben.

Das erste Berliner Leichenschauhaus für die Stadtphysici, wie die Rechtsmediciner zu dieser Zeit hießen, war 1811 errichtet worden. Wegen der unzumutbaren Bedingungen dort wurden ab 1839 Räume des Leichen- und Sektionshauses der Charité für diesen Zweck genutzt. 1833 war an der Friedrich-Wilhelms-Universität die Praktische Unterrichtsanstalt für die Staatsarzneikunde gegründet worden, in der die Gerichtliche Medicin und die Medicinalpolizei zusammengefasst waren. Erster Lehrstuhlinhaber war der gerichtliche Stadtphysicus Karl Wilhelm Ulrich Wagner, der die Staatsarzneikunde auch als akademisches Fach etablierte.

Wagner war am 21. Januar 1793 in Braunschweig geboren worden. Er hatte 1813 in Göttingen die medicinische Doktorwürde erlangt und war danach in den braunschweigischen Militärdienst eingetreten, wo er 1815 nach der Schlacht bei Waterloo zum Generalstabsarzt aufgestiegen war. 1819 hatte er sich in Berlin habilitiert, um ein Jahr später außerordentlicher Professor der Staatsarzneikunde zu werden. 1826 hatte man ihn zum ordentlichen Professor ernannt, 1828 war er Criminal- und 1829 Stadtphysicus geworden.

Als Werpel ins Wagner’sche Kabinett in der Charité eingetreten war und Platz genommen hatte, war aber nicht die Mamsell Amalia Matschke das bevorzugte Thema, sondern die Schlacht bei Waterloo, an der auch er teilgenommen hatte.

»Am 28. Juni des Jahres 1815 haben wir beim Dorfe Plancenoit gestanden«, erklärte Werpel dem Stadtphysicus und legte dessen Briefbeschwerer in die Mitte der Schreibunterlage. »Das hier ist das kleine Städtchen Waterloo in der belgischen Provinz Brabant, fünfzehn Kilometer südöstlich von Brüssel. Folgt man in südlicher Richtung der Straße nach Charleroi, so trifft man wenige Kilometer von Waterloo entfernt auf zwei Höhenrücken.« Er markierte sie mit einem Brieföffner und einem Lineal.

»Hier ist es gewesen, hier hat die Schlacht getobt. Ach ja, wie der General Wellington sagte: Ich wollte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen.«

Auch Prof. Wagner konnte sich lebhaft an alles erinnern und berichtete, wie seine Braunschweiger in ihren schwarzen Uniformen die britische berittene Artillerie unter Captain Mercer für Franzosen gehalten und beschossen hätten. »Die haben nun mit ihrer Batterie das Feuer erwidert, und was meinen Sie, Werpel, was ich für Arbeit damit hatte, meine Leute wieder zusammenzuflicken!

Schließlich haben wir einen Reiter zu Mercer geschickt, und der hat dann in einer merkwürdigen Mischung aus breitem braunschweigischem Platt und ein paar Brocken der englischen Sprache die Anhöhe hinaufgerufen: ›Ah, mine Gott, mine Gott! Vot it is you doos, sare? Dat is your friends, de Proosiens; and you kill them! Ah, mine Gott, mine Gott! Vill you no stop, sare?‹«

Nachdem sie diese und andere Episoden ausführlich durchgegangen waren, kamen sie endlich auf Amalia Matschke zu sprechen.

»Ich habe zwölf Einstiche in den Rumpf gezählt«, sagte der Stadtphysicus. »Und dann ist ihr auch noch der Leib aufgeschlitzt worden.«

Werpel schüttelte sich. »Das erinnert mich an das Schwein vom Tillack.«

Wagner schloss die Augen. »Mich eher an die Schlachtfelder, auf denen ich …«

»Wer kann denn so was tun?«, fragte Werpel.

»Die Kaiser, Könige und Feldherren.«

»Nein, ich meine das Schwein vom Tillack und den Mord bei Willibald Alexis.«

Der Stadtphysicus musste nicht lange nachdenken.

»Nur einer aus dem Irrenhaus.«

»Da ist aber keiner entwichen. Danach habe ich mich bereits erkundigt«, sagte Werpel.

»Dann ist er bis jetzt noch nicht eingesperrt.«

Werpel nickte. »Genau das habe ich mir auch gedacht. Und meinen Sie, Herr Professor, dass der Mörder bei dem Schwein von Tillack nur geübt hat?«

»Das kann man zweifelsohne sagen. In so einem Kerl schießt es plötzlich hoch, und er stürzt sich auf alles, was lebendig ist und sich schlecht wehren kann.«

»Und woran kann man einen solchen Menschen erkennen?«, wollte Werpel wissen.

»Man kann ihn nur daran erkennen, dass man ihn an nichts erkennen kann. Das ist gerade das Schlimme. Es wird ein Mensch sein, der aussieht wie Sie und ich. Er ist im alltäglichen Leben durch und durch gewöhnlich, vermute ich, aber etwas zwingt ihn dazu, einen anderen zu töten, wenn sich eine günstige Gelegenheit bietet.«

»Der Tillack meint, dass es bei seiner Jolanthe eine Rotkappe gewesen ist«, sagte Werpel.

»Eine was?«, fragte der Stadtphysicus.

»Ein Wesen, das Krallen hat und rotglühende Augen und Menschen tötet, um mit deren Blut die Farbe seiner Kappe immer wieder zu erneuern. Vertreiben kann man es mit einem Bibelzitat.«

Wagner war zu sehr Naturwissenschaftler, um bei solchen Aussagen nicht die Augen zu verdrehen. »Ich meine keinen Kobold oder bösen Geist, sondern eine teuflische Kraft, die in der Psyche eines kranken Menschen steckt und ihn zu Grausamkeiten treibt.«

»Einerlei«, sagte Werpel. »Es ist jedenfalls blutdürstig.«

»Also suchen Sie mit aller Kraft den Mann, der von ihr befallen ist!«, rief der Stadtphysicus. »Damit mich der Leichen-Commissarius nicht zu weiteren aufgeschlitzten Leibern rufen muss.«

Werpel schnappte sich also den Constabler Krause, um mit ihm gemeinsam zur Wilhelmstraße 97 zu laufen.

»Warum mussten Se denn jrade mir nehm?«, fragte Krause. »Imma bin ick der Dumme.«

Werpel schmunzelte. »Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung.«

Krause strahlte. »Ach so, ick soll befördert wer’n. Na, denn isset wat anderet.«

Bei Willibald Alexis in der Wilhelmstraße 97 wollte sich Werpel noch einmal den Tatort ansehen und ließ sich und den Constabler von der Gattin des Schriftstellers zunächst in den Keller führen.

»Hier habe ich die arme Mamsell gefunden und bin schreiend nach oben gelaufen, wo mein Mann und seine Gäste plaudernd beisammensaßen«, berichtete Laetitia Perceval.

Werpel wartete auf eine Intuition. »War die Matschke schon lange bei Ihnen?«

»Nein, sie war nur an diesem Abend zur Aushilfe im Haus, weil mein Mädchen allein nicht alles schaffen konnte.«

Werpel trug diese Aussage in seine Kladde ein, weil sie ihm irgendwie bedeutsam erschien. »Es können also nicht allzu viele Menschen gewusst haben, dass sie bei Ihnen war?«

»Eigentlich nur ihre Mutter und ihre Schwester.«

»Die werden wir auch noch anhören, danke.« Werpel fiel noch etwas ein. »Ist denn die Mamsell von sich aus in den Keller gegangen, oder haben Sie sie geschickt?«

Laetitia Perceval versuchte sich zu erinnern. »Nein, ich habe sie nicht geschickt, sie ist wohl in den Keller gegangen, um neuen Wein zu holen.«

»Und wann war das ungefähr?«

»Es muss so zwischen zehn und halb elf gewesen sein.«

»Und von der Straße aus hatte jedermann Zugang zum Keller?«

»Von der Straße aus kommt man nicht in den Keller«, erklärte Laetitia Perceval, »aber vom Hof her, und auf den gelangt man unbemerkt von der Leipziger Straße.«

Werpel seufzte. »Es hätte demnach jeder in den Keller eindringen können.«

»Ick weeß nich, wat Sie ham«, sagte der Constabler Krause. »Wenn wa den Täta erst ham, dann zeicht der uns, wie et jewesen is, und allet is janz einfach.«

Werpel wurde immer mutloser, denn er ahnte schon, dass alles, was er unternahm, nichts nutzen würde. Aber seine Oberen und die Bürger erwarteten von ihm, dass er irgendwelche Maßnahmen ergriff. Er ließ sich zu Willibald Alexis führen und hoffte, dass der eine Idee haben würde.

Doch der Schriftsteller zuckte mit den Schultern.

»Nein, ich kann Ihnen nicht weiterhelfen. Aber einen Augenblick bitte, ich glaube, da draußen reißt mein Freund Hitzig am Klingelzug, und der ist schließlich einst Criminalrath gewesen und kennt mehr Criminalfälle als ich, vielleicht fällt ihm etwas ein.«

Werpel freute sich, dass ihm der Weg zu Julius Eduard Hitzig erspart blieb, und bat ihn, nachdem man sich begrüßt hatte, um seine Meinung im Fall Amalia Matschke.

»Ich frage Sie sozusagen auf dem Wege der Amtshilfe.«

»Was mich am meisten erschüttert, ist die Tatsache, dass wir hier oben im Zimmer keine Schreie gehört haben«, sagte Hitzig. »Der Mörder muss ihr also den Mund zugehalten oder sie vorher betäubt haben. Wie auch immer, die große Frage ist erst einmal, ob der Täter zufällig auf die Matschke gestoßen ist oder schon vorher in irgendeiner Beziehung zu ihr gestanden hat. Aber wenn ich an das Schwein denke, das bei Tillack abgestochen worden ist, dann ist von demselben Täter auszugehen, und wir haben es mit einem Mann zu tun, der durch die Stadt geistert und nach immer neuen Opfern sucht. Die Morde an dem Schwein und an der Mamsell können so gesehen erst der Anfang gewesen sein. Menschliche Ungeheuer hat es zu allen Zeiten gegeben.«

»Ja, sicher«, stimmte der Constabler Krause ihm zu.

»Ick denke da nur an den Tschech.« Heinrich Ludwig Tschech hatte am 26. Juli 1844 mit einer Pistole ein fehlgeschlagenes Attentat auf Friedrich Wilhelm IV. verübt, und die Berliner sangen über ihn: »Hatte je ein Mensch so’n Pech / wie der Bürgermeister Tschech, / dass er diesen dicken Mann / auf zwei Schritt’ nicht treffen kann!«

Hitzig verdrehte die Augen. »Beide Fälle sind doch nicht vergleichbar. Tschech war doch nicht von Mordgelüsten erfüllt, er war ein neuer Michael Kohlhaas, der nicht hinnehmen wollte, dass man ihn in Storkow als Bürgermeister abgesetzt hatte.«

Werpel zog seine Kladde hervor. »Wenn ich mir einmal notieren dürfte, wer hier alles zu Gast gewesen ist, als die Matschke getötet wurde …«

»Ich muss doch sehr bitten!«, rief Willibald Alexis. »Für meine Gäste lege ich meine Hand ins Feuer.«

»Keiner hat sich auch nur für länger als eine Minute aus dem Zimmer entfernt«, fügte Hitzig hinzu. »Und als die Ersten gegangen sind, hat die Mamsell noch gelebt.«

Werpel machte eine beschwichtigende Geste. »Ich will auch nur wissen, ob jemand eine Beobachtung gemacht hat, die uns auf die Spur des Täters bringen könnte.«

»Nun gut.« Alexis und Hitzig nannten ihm die Namen aller, die das Erscheinen der Hosen des Herrn von Bredow gefeiert hatten.

Der Criminal-Commissarius bedankte sich und zog gemeinsam mit dem Constabler Krause in den nächsten Stunden und noch am nachfolgenden Tag durch die Stadt, um Ludwig Tieck, Konrad von Sandkirchen, Daniel Grahsen und einige andere zu befragen, doch niemand hatte etwas beobachtet, das ihn weiterbringen konnte. Als Letzter kam Christian Philipp von Gontard an die Reihe. Zu dem hatte Werpel ein ausgesprochen zwiespältiges Verhältnis. Einerseits hatte ihm der Artillerie-Offizier schon bei der Aufklärung mancher Fälle geholfen, andererseits aber auch dafür gesorgt, dass Werpel sich nichtsnutzig und jämmerlich vorkam und Angst haben musste, von den Leuten verspottet zu werden. Er fand ihn in der Vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule.

»Sie wissen bestimmt schon, wer es war«, begann Werpel die Unterredung mit ihm.

Gontard lächelte. »Sie wohl auch, sonst hätten Sie keinen Constabler mitgebracht.«

Krause freute sich, dass er einmal beachtet wurde. »Ja, ick bin da, wenn eena festjenommen wer’n soll, aba vorher schon jeflüchtet is.«

»Was sagt Ihnen Ihr Instinkt im Fall der Amalia Matschke, Herr von Gontard?«, fragte Werpel.

Gontard musste nicht lange überlegen. »Willibald Alexis und Julius Eduard Hitzig werden dahinterstecken. Sie haben es getan, um einen spektakulären Fall für ihr Werk Der neue Pitaval zu haben - mit der Überschrift Der Mamsellenmörder.«

»Bis jetzt ist nur eine Mamsell aufgeschlitzt worden«, wandte Werpel ein.

»Zu befürchten ist, dass es nicht dabei bleiben wird«, sagte Gontard nun mit dem gebotenen Ernst. »Denn alles deutet auf einen kranken Verbrecher hin.«

Werpel nickte. »Das vermute ich ebenfalls, aus einer Irrenanstalt ist aber keiner entwichen, da habe ich schon meine Erkundigungen eingezogen.«

»Wie kann einer entweichen, der noch gar nicht eingeliefert worden ist?«, überlegte Gontard. »Der Mann wird als gewöhnlicher Bürger unter uns leben - bis ihn dann immer wieder sein Fieber packt.«

»Sie meinen, dass wir also gar nichts anderes tun können als warten, bis er wieder jemanden tötet?«

Gontard nickte. »So ist es. Besonders schmerzlich für mich ist, dass ich Ihnen nicht weiterhelfen kann, obwohl ich ganz in der Nähe war. Aber wir haben oben bei Willibald Alexis wirklich nicht einen einzigen verdächtigen Laut gehört, keinen Schrei, nichts. Auch als ich zwischendurch einmal aus dem Fenster gesehen habe, ist mir nichts Verdächtiges aufgefallen. Die entscheidende Frage ist für mich, ob die Mamsell schon seit längerem von einem Kerl verfolgt worden ist oder ob es ein Zufall war, dass es ausgerechnet sie getroffen hat. Haben Sie sich denn schon im Umkreis der Matschke umgehört?«

»Nein, so weit waren wir noch nicht. Wir gehen aber anschließend zu ihrer Familie.«

Sie fanden Marie Matschke, die Mutter, und Anna, eine jüngere Schwester der Ermordeten, in einer Kellerwohnung in der Commandantenstraße, in der sie für andere Leute Wäsche wuschen und plätteten. Ihre Tränen waren versiegt, sie fügten sich stumm in das, was das Schicksal ihnen angetan hatte.

»Ich hatte zehn Kinder«, sagte Marie Matschke. »Vier sind mir im Wochenbett gestorben, das fünfte ist nun umgebracht worden, bleibt mir immer noch die Hälfte. Na, wenn det nüscht is!«

»Ich kondoliere«, sagte Werpel und wartete, bis Marie Matschke ihr Bügeleisen beiseitegestellt hatte, um ihr die Hand zu drücken. »Wir werden auch alles tun, damit der Mörder gefasst wird. Gab es denn einen Mann, der Ihrer Tochter nachgestellt hat?«

»Die Amalia hatte keinen Bräutigam, leider.«

»Doch, Mutta, da war immer so ein Rumtreiber, der hinter ihr her war.« Ihre Tochter versuchte sich zu erinnern. »Bölzke heißt er.«

»Albert Bölzke!«, rief Werpel. »Ja, den kenne ich, der hat schon einiges auf dem Kerbholz.«

Sie zogen los, Bölzke zu suchen, fanden ihn aber erst am nächsten Morgen in der Stadtvogtei, wo er des Nachts wieder einmal als Schnapsleiche eingeliefert worden war. Mittlerweile war er schon weitgehend ausgenüchtert.

»Kennen Sie eine Amalia Matschke?«, fragte Werpel ihn.

Bölzke gähnte. »Wer soll’n das sein?«

»Na, die Mamsell, die Se uffjeschlitzt ham!«, rief Krause, woraufhin Werpel ihn mit einem Blick strafte, der seinen Ärger über die voreilige Äußerung des Constablers erkennen ließ.

Bölzke war im Nu hellwach. »Und nun wollen Sie mir det anhäng’n?«

Werpel blickte ihn eindringlich an. »Wir wissen, dass Sie der Matschke nachgestellt haben, um mit ihr in Beziehung zu treten.«

Bölzke winkte ab. »Die war mir viel zu dick!«

»Und trotzdem wollten Sie mit ihr anbändeln!« Werpel hatte die Absicht, ihn herauszufordern.

»Jeder leidet mal unter Geschmacksverirrung, Herr Commissarius.«

Werpel versuchte es nun mit dem Erlkönig : »Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.«

Bölzke grinste. »Nee, Sie, an dem Abend, wo sie die Mamsell abgestochen ham, da bin ick bestimmt nich durch Nacht und Wind jeritten.«

Jetzt hatte Werpel etwas entdeckt, das ihm fast einen Jubelschrei entlockt hätte. »Und wie kommt das Blut da auf Ihre Jacke?«

»Det is mein eijenes.«

»Wie kam es denn dazu?« Werpel zweifelte an dieser Aussage.

»Na, als wir am Hamburger Thor ’n bisschen Rabatz jemacht ham, hat mir einer von die Wachleute mit sei’m Säbel eens übern Schädel jezogen. Seh’n Se nich die Narbe hier?«

»Das war doch, nachdem Sie die Matschke abgestochen haben!«, hielt Werpel ihm entgegen.

»Hiermit sind Se festjenommen«, sagte Krause. »Ich wusste doch, det ick nich die janze Zeit über umsonst mit dem Herrn Commissarius mitjelatscht bin.«

Fünf

Gedankenverloren saß Christian Philipp von Gontard in seinem Bureau in der Vereinigten Ingenieur- und Artillerieschule. Ihm war, als würden die höheren Mächte seine Leidenschaft zur Mörderjagd missbilligen und sich über ihn lustig machen: Da hältst du dich für so unendlich klug und weise - und merkst nicht, wie ganz in deiner Nähe jemand abgestochen wird! Minuten, bevor sie ermordet worden war, hatte die Mamsell Amalia Matschke noch ins Zimmer gesehen und gefragt, ob noch Weißwein gewünscht würde, und er war es, der gerufen hatte: »Ja, ich bitte sehr darum!« Hätte er nichts mehr trinken wollen, dann wäre sie nicht in den Keller geeilt - und lebte noch. Natürlich trug er im juristischen und moralischen Sinne keine Schuld an ihrem Tod, dennoch lastete alles schwer auf ihm. Ja sicher, auch Willibald Alexis, Julius Eduard Hitzig und zwei, drei andere der Herren hatten etwas trinken wollen, aber erst, nachdem er sich gemeldet hatte. Vielleicht hätte er weniger gelitten, wenn die Matschke mit einer Pistolenkugel oder einem einzigen gutgezielten Schuss getötet und nicht so grausam zugerichtet worden wäre. Die Gedärme waren ihr aus dem Bauch gequollen! Ihm wurde noch immer übel, wenn er daran dachte. Und wieder und wieder hörte er seine innere Stimme: Du allein bist schuld, dass es so gekommen ist! Er kam von dem Bild nicht los, das sich ihnen im Keller bei Willibald Alexis geboten hatte, als sie nach dem Schrei seiner Frau nach unten gestürzt waren. Er hätte nie gedacht, dass so viel Blut im Körper eines Menschen kreisen würde. Fünf bis sechs Liter waren es, hatte er von Kußmaul erfahren. Und dann dieser massige Körper der Matschke! Der Mörder hatte ihr die Kleidung vom Leib gerissen.

Gontard schüttelte sich. Er regte sich zwar auf, wenn die Berliner in ihrer drastischen Art Vergleiche mit Tillacks Jolanthe zogen, aber auch er hatte im ersten Augenblick die Assoziation gehabt, dass hier ein Tier von einem anderen gerissen worden war. In Wutike waren einige Male Fuchs und Marder in seinen Hühnerstall eingedrungen und hatten, weit über ihren Hunger hinaus, Dutzende von Tieren getötet. Aber auch ein anderer Gedanke ging ihm durch den Kopf: dass jemand womöglich als junger Mensch in den Krieg gegen Napoleon gezogen war und es bis heute nicht verkraftet hatte, wie sein Bajonett damals, mit einer aufschießenden Blutfontäne, in den Leib der feindlichen Soldaten gefahren war. Oder dass alles einen rituellen Hintergrund hatte. Von den Hindus hörte man, dass sie bei bestimmten Festen Tausende von Tieren opferten. Sollte auch hier im nüchtern-rationalen Berlin jemand glauben, die Welt erlösen zu können, indem er ein Tier abschlachtete? Nun gut, das könnte man annehmen, wenn er sich nur Tillacks Schwein ausgesucht hätte … Warum hatte er dann aber auch die Mamsell Matschke getötet? Waren es womöglich zwei Täter? Jedenfalls hatte der Leichen-Commissarius, mit dem er schon gesprochen hatte, die Frage, ob man der Matschke Gewalt angetan hatte, verneint. Gontard überlegte, ob er mit Professor Ideler von der Charité sprechen sollte, aber er glaubte nicht, dass Ideler wirklich etwas von den Tiefen der menschlichen Seele verstand. Wo gab es schon einen Gelehrten, der Einblicke in die Abgründe der Seele hatte? Er musste mit Kußmaul darüber reden und auch überlegen, wie man verhindern konnte, dass es weitere Bluttaten gab. Werpel durfte man in dieser Sache nicht allein lassen.

In diesem Augenblick wurde an seine Bureautür geklopft. Er fuhr zusammen und brauchte Sekunden, um zu begreifen, wo er war. »Ja bitte, herein!«, rief er schließlich.

In der Tür stand Georg von Glombeck und fragte ihn, wo er denn bliebe, sein Unterricht habe schon vor zehn Minuten beginnen sollen.

»Mein Gott!« Gontard fühlte sich wie bei einer sündigen Tat ertappt und suchte, anfangs stammelnd, nach einer Rechtfertigung für seine Nachlässigkeit. »Ich … ich … bin da in eine Angelegenheit involviert … Sie kennen doch meine Leidenschaft dafür, Verbrechen aufzuklären, und da gibt es momentan diese grausamen Morde, erst das Schwein bei Tillack und dann …« Er wusste, dass er diesen Satz so nicht zu Ende bringen konnte. »Ja, es steht auch in der Vossischen, dass ich bei Willibald Alexis zu Gast war, als es geschah. Wie dem auch sei, ich komme schon! Worüber wollten wir heute sprechen?«

»Über Raketen bei der Artillerie«, antwortete von Glombeck.

»Aha, danke …« Gontard raffte seine Unterlagen zusammen und lief in Richtung Hörsaal. Zum Glück hatte er sich gut vorbereitet und konnte seinen Offizieren einiges Interessante berichten.

»Der erste überlieferte Raketenstart fand, wie sollte es anders sein, im Kaiserreich China statt, und zwar 1232, noch bevor hier in der Mark Brandenburg die Bayern herrschten und der Falsche Waldemar in Erscheinung trat. Aber zurück zu den Chinesen! Im Krieg gegen die Mongolen setzten sie bei der Schlacht von Kaifeng eine Art Rakete ein, das heißt, sie schossen eine Vielzahl simpler, von Schwarzpulver angetriebener Geschosse auf die Angreifer ab. Die Raketen sollten weniger den Gegner verletzen, als die feindlichen Pferde erschrecken. Rund drei Jahrhunderte vergingen, bis auch wir Europäer so weit waren. Hier gab es den ersten dokumentierten Start einer Rakete 1555 im siebenbürgischen Hermannstadt. Der Flugkörper verfügte über ein Drei-Stufen-Antriebssystem. Wieder sollte viel Zeit vergehen. 1804 dann stellte der Engländer William Congreve mit der von ihm entwickelten und später nach ihm benannten Raketenwaffe, einer Art Brandrakete, erste größere Versuche an. Sie wurde 1806 bei Boulogne, 1807 beim Bombardement von Kopenhagen, 1809 beim Angriff auf die französische Flotte bei Île d’Aix und bei der Beschießung von Vlissingen sowie 1813/14 vor Glückstadt eingesetzt. Während der Befreiungskriege schickten die Engländer ihren Verbündeten Raketenbatterien, die 1813 bei den Belagerungen von Wittenberg und Danzig sowie in der Völkerschlacht bei Leipzig zum Einsatz kamen. Congreves Raketen wurden ferner im Krieg von 1812 gegen die Amerikaner eingesetzt.«

Es wurde nun über die Raketenwaffe diskutiert, und die Mehrheit der Anwesenden war dafür, sie in Preußen nicht einzuführen, weil sie gegenüber den üblichen Artilleriegeschossen keine Vorteile zu bieten schien. Erst wenn es die Technik möglich machen würde, sie vom Abschusspunkt aus präzise ins Ziel zu lenken, wäre die Raketenwaffe vorzuziehen. Die meisten im Raum hielten das allerdings für völlig unmöglich. »Sie kann doch keinen kilometerlangen elektrischen Draht hinter sich herziehen!«, rief einer.

Nach seiner Unterrichtsstunde machte sich Gontard, ohne es besonders eilig zu haben, auf den Weg zum Berliner Schloß, wo er im Geheimen Kabinett für Militärangelegenheiten einen Vortrag über den Ausbildungsstand der preußischen Artillerie-Offiziere zu halten hatte. Mit einer Aktenmappe unter dem Arm schlenderte er die Linden hinunter, bis er auf der Schloßbrücke den Criminal-Commissarius Waldemar Werpel entdeckte, wie dieser, weit über das Geländer gebeugt, in die trüben Wasser der Spree hinunterstarrte.

»Na, lauern Sie auf ein Leichenteil, das in Richtung Spandau treibt?«

»Mir war übel«, erklärte ihm knapp Werpel, dessen leicht gelblich grüne Gesichtsfarbe eigentlich schon alles erklärte.

Gontard grinste. »Ihnen ist wohl der Fall der Mamsell Matschke auf den Magen geschlagen, wie?«

»Ich muss irgendetwas gegessen haben, das schon verdorben war.«

Gontard nickte und kommentierte diese Aussage mit einem leicht variierten Hamlet-Zitat. »Ja, ja, something is rotten in the state of Prussia.«

»Wer hat sich zusammengerottet?«, fragte Werpel, der, zum Glück für Gontard, kein Englisch verstand.

»Ich denke, die Arbeitsmänner am Hamburger Thor haben sich zusammengetan.«

»Genau!« Werpel kämpfte gegen einen neuen Brechreiz, konnte aber diesmal standhalten. »Dort wurde auch der Bölzke mit dem Säbel am Kopf getroffen.«

»Wer ist Bölzke?«, fragte Gontard.

Werpel erklärte es ihm. »Verdächtig ist er, weil sie mir bei den Matschkes zu Hause erzählt haben, dass er hinter der Amalia her war, und sein Hemd voller Blutspritzer war. Aber er behauptet, dass es sein eigenes Blut sei, weil ihn der Wachtmann am Hamburger Thor mit dem Säbel getroffen hat.«

»Hatte er denn eine Wunde am Kopf?«

Werpel verneinte das. »Es soll von seiner blutenden Nase gekommen sein, die er dadurch bekam, dass er zu Boden gestürzt ist.«

Gontard nickte. »Daraufhin haben Sie ihn wieder laufenlassen?«

»Ja, aber nur …«, Werpel senkte seine Stimme, »… damit er seine nächste Tat begehen kann.«

»Wie meinen Sie das?« Gontard war verwundert über Werpels Vorgehen.

»Bisher kann ich nicht beweisen, dass Bölzke der Mamsellenmörder ist. Aber wenn es dunkel wird, dann folge ich ihm unauffällig, um ihn auf frischer Tat zu ertappen.«

»Sehr gut«, lobte Gontard ihn für diese Strategie. Auch er fand, dass man etwas anderes kaum tun konnte. »Ich an Ihrer Stelle würde meine Constabler auch nach blutigen Kleidungsstücken suchen lassen. Der Täter muss sich ziemlich beschmutzt haben, und irgendwie muss er seine Kleider auch beiseiteschaffen. Dass er sie verbrennt, denke ich nicht, denn das wäre im Frühjahr zu auffällig.«

»Apropos Kleidung, der Tillack meint, dass der Mörder

’ne Rotkappe sein kann.«

Gontard lachte. »Ein Soldat mit einer roten Mütze, ein Franzose also?«

»Nein, eine Rotkappe ist ein Kobold mit Krallen und rotglühenden Augen. Der tötet Menschen, um mit deren Blut die Farbe seiner Kappe immer wieder aufzufrischen.« Gontard war nachdenklich geworden. »Dann wäre der Mörder womöglich einer aus dem Irrenhaus.«

»Ich habe schon mit Herrn Professor Ideler gesprochen«, sagte Werpel. »Aus seiner Abteilung ist aber niemand entwichen.«

Gontard zog seine goldene Uhr aus der Westentasche.

»Oh, ich glaube, ich muss mich beeilen, man erwartet mich im Schloss.«

Die Führer durch die preußische Residenz schwärmten vom Berliner Schloss, an dem seit vier Jahrhunderten gebaut wurde:

Es imponiert durch erhabene Großartigkeit und einfache Pracht. Die schöne Façade an der Wasserseite mit Erkern und Thürmen, der ältere Theil des Schlosses, erinnert an die romantische Ritter zeit. Eine andere Erinnerung, die sich an das Schloß knüpft, ist die weiße Frau, die zu Zeiten durch die Gemächer des Schlosses wandeln und den Tod eines Gliedes der königlichen Familie ver künden soll. Für den Berliner ist das Schloß der Mittelpunkt der wichtigsten historischen und politischen Erinnerungen. Hier wurden Feste und Turniere, Vermählungen, Taufen und Besuche gefeiert; hier feierte man Friedrichs des Großen Siege; hier wohn te Napoleon; hier ruhte die Leiche der Königin Luise; hier wurde dem König Friedrich Wilhelm IV. die Krone auf das edle Haupt gesetzt.

Gontard stand dem Bau eher ablehnend gegenüber, obwohl auch Verwandte von ihm an seiner Vollendung mitgewirkt hatten. Auf irgendeine Art fühlte er sich dem Berliner Unwillen von 1447/48 verbunden, dem Widerstandskampf der Berliner und Cöllner Stadtbürger gegen den Bau einer Burg auf der Spreeinsel - an jener Stelle, an der später das Schloss erbaut wurde. Für die Bürger hatte sie eine Zwingburg der Hohenzollern dargestellt, die ihre städtische Autonomie gefährdete.

Aber das Ganze hatte sich nicht aufhalten lassen, und heute freute sich das biedermeierliche Berlin darüber, dass unter der Regie von Friedrich August Stüler und Albert Dietrich Schadow eifrig am neuen Kuppelbau gewerkelt wurde. Der Entwurf stammte vom König, und Karl Friedrich Schinkel hatte ihn bearbeitet.

Das Militärkabinett war ein unmittelbares Organ der Kommandogewalt des preußischen Königs zur Bearbeitung von Personalsachen des Offizierkorps und zugleich Vermittlungsstelle für die Militärbehörden. Sein Leiter war August Wilhelm von Neumann-Cosel, ein Generallieutenant der Infanterie aus dem oberschlesischen Neiße, der sich in den Feldzügen gegen Napoleon hervorgetan hatte.

Gontard betrat den Innenhof des Schlosses und sah ein wenig hilflos zu den vielen Fenstern hinauf, als würde dort derjenige stehen, der ihn erwartete, und ihm den Weg weisen. Da dies nicht geschah, fragte er einen der vorübereilenden Lakaien. Sechshundert Zimmer hatte das Schloss, und in diesem Labyrinth konnte man sich leicht verirren.

»Entschuldigen Sie, wissen Sie, wie ich zum Militärkabinett komme?«

»Dorthin kommen Sie gar nicht. Da hätten Sie schon gegen Napoleon dabei sein müssen, aber zu der Zeit waren Sie wohl noch zu klein.« Schon war er verschwunden.

Gontard kannte seine Berliner und musste zugeben, dass der Mann so unrecht nicht hatte. Er machte sich auf den Weg zum Kastellan, um den um Auskunft zu bitten. Doch er hatte nur ein paar Schritte getan, als sich eine Hand auf seine Schulter legte.

»Darf ich Ihnen helfen, Herr von Gontard?«

Gontard erschrak und brauchte einen Augenblick, um den Mann einzuordnen. »Oh, wir kennen uns von Willibald Alexis her.« Natürlich, es war Konrad von Sandkirchen, der Obergewandkämmerer des Königshauses. »Sie wohnen und arbeiten ja hier - bestimmt können Sie mir weiterhelfen.«

»Ich vermute, Sie wollen zur Sitzung des Militärkabinetts.«

»Gut geraten!«, sagte Gontard. »Ich soll Auskunft darüber geben, welche meiner Artillerie-Zöglinge das Zeug zur Karriere haben.«

»Dann folgen Sie mir bitte, denn ich glaube, Neumann-Cosel sitzt heute mit seinem Stab im Grünen Hut, im Runden Zimmer.«

Der »Grüne Hut«, nach seinem hutförmigen Kupferdach so benannt, war ein runder, in neuerem Mauerwerk größtenteils versteckter Turm der alten befestigten Burg des Markgrafen Friedrich II. Bis zur Zeit des Großen Kurfürsten hatte er als Gefängnis gedient, und es hieß, hier habe auch die Eiserne Jungfrau, ein Folterwerkzeug, gestanden.

Sie hatten ein Stückchen zu gehen, und unweigerlich kam die Rede auf die ermordete Mamsell. Auch Konrad von Sandkirchen zeigte sich erschüttert.

»Da bringt die Mamsell eben noch den Wein - und wenig später ist sie tot und grausam zugerichtet.«

Gontard stieß einen tiefen Seufzer aus und übte sich in Selbstironie. »Ich aber habe keine Idee, wie ich ihren Mörder finden könnte - und dies, obwohl ich doch seit Jahren davon ausgehe, unübertrefflich zu sein, was das Detegere betrifft.«

»Detegere?«, fragte Konrad von Sandkirchen.

»Das ist das lateinische Verb für entdecken, aufdecken.« Der Obergewandkämmerer war erstaunt. »Ich wusste gar nicht, welchen Leidenschaften unsere Offiziere nachgehen.«

Gontard lachte. »Es ist nun einmal so, dass der Hof nicht alles weiß, was im Volke geschieht.«

Konrad von Sandkirchen nickte. »Der Hofstaat ist eben ein Staat im Staate, wie das Wort schon sagt. Das mag strittig sein, aber mit Leibniz neige ich dazu, unsere Welt als die beste aller möglichen anzusehen.«

»Da kann ich Ihnen nur zustimmen«, sagte Gontard.

»Mit der Einschränkung allerdings, dass die beste aller möglichen Welten dynamisch zu denken ist: Nicht der derzeitige Zustand der Welt ist der bestmögliche, sondern die Welt mit ihrem Entwicklungspotential ist die beste aller möglichen Welten.«

Konrad von Sandkirchen ging nicht auf den Zündstoff ein, der in dieser Bemerkung enthalten war, sondern kommentierte diese leichthin mit Heraklit: »Ich weiß, man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.«

»Was die Spree betrifft, ganz sicher nicht, denn man verschluckt sich schon beim ersten Mal an einem Stück Kot.«

»Ich bitte Sie, mein lieber Herr von Gontard - ich bin ein sehr empfindsamer Mensch.«

Sie plauderten noch ein wenig über Philosophisches wie etwa die unzureichende Entsorgung der Fäkalien in Preußens Residenz, dann waren sie am Grünen Hut angekommen. Gontard bedankte sich bei Konrad von Sandkirchen für seine Dienste als Cicerone, dann trat er ins Runde Zimmer, um von Neumann-Cosel und seine Offiziere zu begrüßen. Schnell war die heutige Sitzung eröffnet.

»Ich danke Ihnen im Namen des Königs für Ihr Kommen, meine Herren. Es geht heute um die Frage, welche unserer jungen Offiziere das Zeug zum schnellen Avancement haben. Ich habe vor mir eine Aufstellung der verschiedenen Waffengattungen liegen und werde jetzt die Namen einzeln aufrufen und um Ihre Stellungnahme bitten.«

Erst war die Infanterie an der Reihe, und Gontard hatte Zeit und Muße, das Ambiente des Runden Zimmers auf sich wirken zu lassen. Vor allem drei Gemälde weckten Gontards Interesse, und er versuchte, die Bildinschriften zu entschlüsseln. Nach gut zwanzig Minuten hatte er sie entziffert: Pesne, Bildnis der Königin von Schweden - La Fosse, Der verlorene Sohn - Wouwerman, Pferdemarkt. Am besten von den dreien kannte er Antoine Pesne, den preußischen Hofmaler, dessen hundertster Todestag in elf Jahren zu feiern war. Auch Charles La Fosse, Großonkel Pesnes und Hofmaler Ludwigs IV., war ihm einigermaßen vertraut. Nur über Philips Wouwerman, einen niederländischen Barockmaler, wusste er wenig - allenfalls, dass er noch einmal an die 150 Jahre älter sein mochte als die beiden Erstgenannten und sich offenbar auf Pferde spezialisiert hatte. Gontard sah sich durch den Grunewald reiten - und fuhr zusammen, als plötzlich sein Name fiel.

»Was können Sie uns über ihn berichten?«, fragte ihn von Neumann-Cosel.

Gontard sah den Generallieutenant mit großen Augen an. »Über Philips Wouwerman?«

»Nein, über Georg von Glombeck.«

»Georg von Glombeck«, wiederholte Gontard, um Zeit zu gewinnen. »Er ist zweifellos ein sehr alerter, einfallsreicher junger Mann - einer, der sich von den anderen abheben und nicht nur im Strom mitschwimmen will.«

Ein hoher Offizier vom 3. Preußischen Artillerieregiment in Magdeburg meldete erhebliche Bedenken gegen von Glombeck an. »Ja, klug und keck mag er sein, weit über dem Niveau seiner Kameraden, aber ich erinnere mich noch gut daran, dass ein Bombardier Klage gegen ihn eingereicht hat. Seine Frau habe ihn bekocht, und Glombeck habe sie Mal für Mal bedrängt, sich mit ihm einzulassen.«

Gontard horchte auf. Sollte Glombeck schon früh einen Hang dazu gehabt haben, füllige Mamsellen verführen zu wollen? Das war eine Spur, der nachgegangen werden sollte.

Nach drei Stunden entließ Neumann-Cosel die eingeladenen Offiziere, und Gontard machte sich auf den Heimweg. Unterwegs fiel ihm ein, dass er Henriette versprochen hatte, ihr ein Mittel gegen ihre Magenschmerzen mitzubringen. So trat er in die Polnische Apotheke in der Friedrichstraße ein, wo ihn aber nicht Dr. Julius Schacht bediente, sondern Theodor Fontane, den er kannte, seit der 1839 seine erste Novelle Geschwisterliebe veröffentlicht hatte und 1843 von Bernhard von Lepel in den literarischen Verein »Tunnel über der Spree« eingeführt worden war.

»Sie sind wieder hier?« Gontard gab seinem Erstaunen Ausdruck.

»Ja, ich war doch nur vierzehn Tage in England.«

Gontard wurde präziser. »Ich meine, Sie sind wieder hier in der Apotheke und nicht mehr in der Kaserne?« Das bezog sich darauf, dass Fontane seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger beim Kaiser-Franz-Garde-Grenadier-Regiment No. 2 abgeleistet hatte.

»Nein, meinen Dienst habe ich hinter mich gebracht. Er hat mir sehr viel Freude bereitet. Es ist ja bekannt, dass ich das Militärische mag.« Fontane nahm den Zettel entgegen, den Gontard ihm reichte. »Nach der Zeit in der Kaserne war ich dann eine Weile in der väterlichen Apotheke in Letschin.«

»Das Dorfleben an der Oder muss Ihnen gutgetan haben, Sie machen einen sehr zufriedenen Eindruck.«

»Ach, wissen Sie, wer immer unzufrieden ist, der taugt nichts und ist meist dünkelhaft und boshaft dazu. Während man sich über andere lustig macht, lässt man selber viel zu wünschen übrig.« Fontane reichte Gontard ein Tütchen mit Kräutertee über den Ladentisch. »Dies hier ist für Ihre Frau, der ich gute Besserung wünsche.«

Gontard bedankte sich, trat wieder auf die Straße hinaus und lief in Richtung Dorotheenstraße. Nach wenigen Schritten kam ihm sein Freund Friedrich Kußmaul entgegen und überredete ihn, noch für ein halbes Stündchen mit ins Lesecafé Stehely zu kommen. Dort trafen sie auf den Zeitungsschreiber Grahsen, den Gontard bei Willibald Alexis kennengelernt hatte, und den Schriftsteller, Dramatiker und Journalisten Karl Ferdinand Gutzkow. Sein 1835 erschienener Roman Wally die Zweiflerin war in Preußen verboten worden, wie bald alle seine Schriften, und 1836 war er wegen Verächtlichmachung der Religion zu einem Monat Gefängnis verurteilt worden. 1843 aber durften seine Werke wieder erscheinen.

»Dafür sind meine Schriften jetzt in Österreich verboten«, sagte Gutzkow. Man hatte sich über seine 1845 erschienenen Wiener Eindrücke an der Donau zu sehr erregt. »Und dennoch, seit ich eine Weile in Wien gelebt habe, möchte ich auf den Wiener Kaffee und auf seine vielen phantastischen Zubereitungsarten nicht mehr verzichten.« Um dies zu unterstreichen, rief er der Bedienung zu: »Bitte, einen Umgestürzten Neumann!«

»Pst!«, machte Gontard. »Wenn hier das Wort Umsturz fällt, laufen die Schnüffler sofort zu Doktor Wiesenburg, und man bringt uns in die Stadtvogtei.«

Sie kamen zu einem Thema, das weniger gefährlich war: die Ermordung der Mamsell Matschke im Hause des Willibald Alexis.

Gontard sah Friedrich Kußmaul an. »Du hast doch ein wenig Kenntnis von dem, was man neuerdings als Psychiatrie bezeichnet.«

Kußmaul gab sich bescheiden. »Darüber weiß ich kaum etwas, eigentlich nur, dass der Begriff von Johann Christian Reil aus Halle geprägt worden ist. Etymologisch ist er aus griechisch psyche, das heißt Seele, und iatrós, Arzt, zusammengesetzt und bedeutet wörtlich übersetzt etwa Seelenheilkunde, aber wir wissen über die menschliche Seele ebenso wenig wie über das Leben auf Mars und Venus, und dieser Ideler in der Charité weiß noch viel weniger.«

»Ich wüsste gern, was den Mörder der Matschke an- und umtreibt. Wer könnte mir denn dabei weiterhelfen?« Kußmaul überlegte. »Karl Georg Neumann ist ein fähiger Mann, aber der hat seinen Wirkungskreis nach Trier verlegt, und Wilhelm Griesinger, dessen Buch Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten wirklich ein Meilenstein ist, sitzt in Tübingen. Aber dass einer der beiden in der Lage ist, anhand der Tatmerkmale Rückschlüsse auf den Täter zu ziehen, halte ich für ausgeschlossen. Wäre der Mann vorher auffällig geworden, dann wäre er schon im Irrenhaus. Also vermute ich, dass er ein nach außen hin ganz unauffälliger Zeitgenosse ist. Aber wie soll man einem solchen ansehen, zu welchen Taten er fähig ist?«

Das alles machte Gontard wenig Mut. Auf dem Nachhauseweg aber hatte er eine Idee. Er sah auf einem Hinterhof an einer Wäscheleine eine Reihe von Hosen flattern und fragte sich, was wohl der Täter mit seiner Kleidung gemacht hatte. Nach dem Blutbad in Tillacks Stall wie in Willibald Alexis’ Keller hatten doch Rock und Hose voller Spritzer und Flecke sein müssen. Irgendwie musste er sich seiner verräterischen Kleidungsstücke danach entledigt haben. Hatte er sie verbrannt, hatte er sie in die Spree geworfen, hatte er sie irgendwo vergraben, lagen sie bei ihm zu Hause in einer Abstellkammer, hatte er versucht, sie zu waschen? Die Mamsell Matschke war ermordet worden, als sie über Die Hosen des Herrn von Bredow geredet hatten, und vielleicht war das ein Wink des Schicksals: Vielleicht sollte er nach blutbefleckten Hosen suchen, den Hosen des Mörders. Gontard überlegte, was er mit seinen Hosen gemacht hätte, wäre er der Täter gewesen. Er hätte sie, nachdem das Blut getrocknet war, heimlich zu den Lumpen gegeben.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
230 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783955520335
Yayıncı:
Telif hakkı:
Автор
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar